Geheimes Tagebuch
von
Johannes Falk
oder
Mein Leben vor Gott
Zweiter Teil
1821 - 1822
Herausgegeben
von
Dr. Siegmar Schultze
Privatdozent der Universität Halle-Wittenberg
Halle a. S.
Druck und Verlag von C. A. Kaemmerer & Co.
1900
Geheimes Tagebuch
auf das Jahr 1821
von
Johannes Falk
oder
Mein Leben vor Gott
Den 10. April 1821.
– – – Wir dachten entweder an den großen Kirchboden oder an die Metallfabrik, wo wir indes unsere Möbel hinstellen wollten. [Das Tagebuch weist hier eine größere Lücke auf. Es sind einige
Blätter, vielleicht wohl von Falk selbst, ausgeschnitten worden. Zum Verständnis sei folgendes bemerkt. Die alte Wohnung an der Esplanade (vergl. Teil I, S. 53) war Falk zum 1. April 1821
gekündigt worden. Das Haus war an einen Kaufmann verkauft, der es gänzlich für Niederlagen einrichten wollte. Falk wandte sich in seiner Not an den Großherzog und bat für seine halb öffentliche
Anstalt um ein Quartier in einem herrschaftlichen Hause, womöglich vor dem Frauenthore. Er schickte die gedruckten Kassentabellen mit, die den blühenden Zustand des Instituts darlegen sollten.
Der Großherzog wies nun zwar dem Institut keinen Wohnraum zu, aber er schenkie 135 Thaler als Beitrag zur Miete auf ein Jahr. Die Großherzogin Louise, Falks großherzige Beschützerin, tadelte
diese laue Unterstützung, sie äußerte zur Gräfin Beust: Je le trouve fort indigne, qu' on n'a pas donné de logis à Falk." – Die Hauptnot bestand nämlich darin, daß Falk kein passendes Lokal für
die große Anzahl seiner Kinder fand; er war, wie er selbst schreibt, genötigt, wollte er seine Kinder beieinander sehen, sie unter freiem Himmel zu versammeln. Er hatte keinen Versammlungssaal,
der so wichtig für die ganze Erziehung der Kinder war. So wurde er gezwungen im März 1821 in die Gebäude der alten halb zerfallenen orlamünder Grafenburg an der Marstallstraße zu ziehen, die er
einige Zeit später käuflich an sich brachte, um sie allmählich als Anstalt für seine Waisenkinder umzubauen und einzurichten. Die Gebäude umschließen einen großen Hof, der in das Luthergäßchen
mündet. Luther soll nämlich in diesen Behausungen gewohnt haben, wenn er nach Weimar kam und predigte. Falk nennt daher von jetzt ab seine Anstalt in den Jahresberichten den „Lutherhof". – Das
Schloß soll die Winterwohnung der alten Herren und Grafen von Orlamünde, also der vorwettinischen Herrscher von Weimar, gewesen sein. Auch fabelt der Volksmund, daß in seinen öden Räumen noch
heute die weiße Frau der Orlamünder gesehen würde. Falk selbst giebt in dem „Hausbuch" eine anschauliche Schilderung von dem Kauf und dem Zustand des alten Schlosses, wie seine Gedanken plötzlich
durch eine Begeisterung und eine höhere Offenbarung auf dieses alte Schloß gelenkt worden seien. Er schildert dann weiter: „Der erste Stock, wohin die Schulstuben kommen, steht über zwei Mann
hoch über die Erde hinaus. Keine Kanonenkugel kann die Mauern durchdringen. Ein ganzes Haus steckt unten im Grunde. Daher kommt es denn auch, daß in dem Holz sich auch kein Wurmfraß findet,
sondern alles kerngesund ist und wie eine Glocke klingt. Die Unterstuben sind deshalb äußerst gesund, im Winter warm, im Sommer angenehm kühl. Wir zahlten für dies Haus: fünftausend Thaler
Sächsisch. – Dreitausend Thaler Sächsisch konnten vor der Hand stehen bleiben, weil der Bau beträchtliche Summen fordert."] Wir entschieden uns für die letztere und zogen auf Gottes Gnade aus.
Als ich dahin kam, wo alles ein sehr verfallenes Aussehen hatte, gefiel mir nichts als ein sehr großer Hof mit einem gewaltigen Stück Klostermauer an der Seite und {2}
einem Thor, das klingelt, wenn es aufgeht, was in das Luthergäßchen führt. Ich versammelte sogleich die Kinder oder vielmehr sie versammelten sich auf die gewohnte Weise um ihren Vater auf dem
Hof und wir sangen unter freiem Himmel: »Eine feste Burg ist unser Gott«, und einige bliesen lieblich dazu.
Zu Abend erklang eine Geige, und ich hörte in der Nähe des Zimmers, wo ich saß, ein Geräusch wie von Tanzenden, die den Tritt lernen. Als ich mich näher erkundigte, so vernahm ich weiter, daß ein
israelitischer Mann, namens Levi, hier alle Sonntage seinen Tanzsaal hielte. Ich wurde ganz traurig, daß mich Gott in die Nähe der weltlichen Lust, in die eines Tanzsaales, versetzt hatte, und
daß mich selbst die abgelegene Einsamkeit des Luthergäßchens nicht davor beschützen konnte. Ich erwog das böse Beispiel, was daraus für eine reizbare Jugend entstehen müßte, die sich so leicht
von allem, was sinnlich ist, dahinreißen läßt, ebenso das Ärgerliche und Anstößige für die Welt, wenn {3}
wir auf der einen Seite Gott, Choral und Evangelien loben, während der Israelit auf der anderen Seite mit Ekossaisen und Polonaisen das Herz mit tanzlustigen Gedanken erfüllte. Schon früher hatte
es mich empört, daß auf der Wartburg zu Eisenach getanzt wurde [In früheren Zeiten galt die Wartburg als ein beliebter Vergnügungsort der Eisenacher. Erst im Jahre 1847 hatte der damalige
Erbprinz, der jetzige greise Großherzog Karl Alexander von Weimar den Entschluß gefaßt, das berühmteste Schloß seiner Vorfahren in seinem alten Glanz wiederherzustellen. Bekanntlich wurde alsdann
die Restauration vom Hofbaurat Dr. v. Ritgen aus Gießen unter Leitung des Baumeisters Dittmar mit Sorgfalt und unter Wahrung der alten Gestalt ausgeführt.], nun sollte ich sogar diesen Greuel in
meiner eigenen Nähe im Luthergäßchen erleben und befördern helfen, daß Gottes Wort und alle guten Eindrücke in Stroh und Feuer vor dem ersten lustigen Bogenstrich in Rauch aufgingen. Trübselige
Aussicht, die mich gewaltig bekümmerte. Aber Gott half! Sonntag um 4 Uhr Nachmittag, als die Kirche zu Ende war, kam der Herr, der Metallfabrikant, zu mir und sprach: Er habe das Getöse mit dem
Tanzsaal lange satt, das Haus leide darunter, er wolle daher den Israeliten ausbieten; ob ich vielleicht den Saal für mein Institut dazumieten wollte? Der israelitische Mann dauerte mich, daß ich
ihn verdrängen sollte, aber ich konnte und durfte unter diesen Umständen nicht nein sagen. Unser Kontrakt wurde sogleich geschlossen, und ich bin nun wenigstens für die erste Notdurft gedeckt,
und weiter begehrte ich vorderhand nichts, bis ich mir selbst einen Bet- und Schulsaal und Wohnung für Lehrer erbauen kann. Aber ist es nicht gekommen, wie ich sagte? Der Teufel wollte uns in den
April schicken, und siehe da, er ist unser Aprilmann geworden, wir haben ihm einen Tanzsaal aufgehoben.
Aber Gottes Gnade und Barmherzigkeit sorgte auch noch weiter und vergaß mich nicht in meiner Not, als ich zu ihm betete: »Herr, hilf mir!« Es kam ganz unvermutet ein Paket mit Geld aus Leipzig
mit 39 Thlr., und ein anderes aus Bonn mit 66 Thlr. Ich packte nun eine Summe zusammen und schickte sie dem unbarmherzigen Gläubiger, dem reichen Knecht, {4}
der mit mir rechten wollte und mir gerichtlich die 300 Thaler aufgesagt, obwohl ich ihm auf den Tag die Interessen jährlich bezahlt und das verpfändete Dokument in seinen Händen so gut war, daß
ich es nicht um 1000 Thlr. im Stich lassen würde [Falk hatte auf ein Dokument dreihundert Thaler geborgt, sollte sie plötzlich wieder bezahlen, war auch gerichtlich dazu verurteilt worden. Sein
Gläubiger war ein gewisser Rebling aus Stedten, der gegen seine Ehefrau die Scheidungsklage angestrengt hatte und wohl darum die Vermögensverhältnisse klären wollte.]. Dies geschah am 8. April,
den 9. konnte der Unbarmherzige, wenn er sonst wollte, Wechselarrest über mich verhängen. Er schickte darauf seinen Sachwalter, den 9., zu mir und erklärte, daß er mit der gänzlichen Abzahlung
bis zu Johanni in Geduld stehen wollte. Da wird ja wohl mein Herr, von dem ich noch jedes Mal, so oft die Menschen mich verließen oder zurücktraten, so große Beweise von Barmherzigkeit erhalten,
wenn ich ihn in ernstlichem Gebete anflehte, auch diesen Sturm beschwichtigen und mir und den Meinen Luft machen. — Sein Name sei gelobt und gebenedeit im Leben und im Tode von Ewigkeit zu
Ewigkeit. Amen.
April 1821
Seminaristen- und Gymnasiastenstolz
Den Bauernstolz kennt jedermann; vom Junkernstolz ist oft die Rede gewesen; der Gymnasiastenstolz oder vielmehr Gymnasiastendünkel verdient, daß wir auch ihm mit ein paar Worten sein Recht
widerfahren lassen. Eine große, hohe, steinerne Treppe mit 25 Stufen auf jeder Seite führt zum Gymnasium [Dieses alte ehemalige Gymnasium Weimars liegt am Herderplatze Nr. 7. Zur Reformationszeit
stand hier eine Pfarrerwohnung, aber schon 1561 ein Schulhaus. Herzog Wilhelm Ernst erhob 1712 die Schule zu einem Gymnasium und ließ das stattliche Schulgebäude errichten, das 1716 eingeweiht
und bis zum 23. September 1887 als Gymnasium benutzt wurde. Alsdann wurde das Gymnasium in ein größeres, neu erbautes Gebäude in der Amalienstraße verlegt, während das alte Haus der
großherzoglichen Baugewerkschule überlassen wurde.]. Man sollte glauben, daß jeder, der sie bestieg, eo ipso auf den {5}
Gipfel des Parnasses gelangte. Unten an der Schwelle nahen sich die Schüler voll Demut; aus dem Munde eines treuherzigen Lehrers, der seinen Schülern klaren Wein einschenkt, heißt es nicht
selten: »Ihr groben Bauernflegel, ihr Ochsen, ihr Esel, wie führt ihr euch auf! Ihr seid in der Schule; glaubt ihr, daß ihr etwa in den Scheunen oder hinter dem Dreschflegel seid?« —
Und sie wissen es wohl und verschlucken es ruhig. Wie sie aber oben auf der Gymnasiumstreppe den Söhnen von Honoratioren, von Apothekern, Professoren, Kaufleuten, reichen Ökonomen, Advokaten,
Predigern und Kantoren begegnen, so ändert sich plötzlich der Ton, und es thäte not, daß sie der jedesmalige Lehrer und Direktor des Gymnasiums bei allen Unarten, die sie verüben, wo ihnen der
Schuhknecht, der Bauer nicht selten so mißfallen und in den Nacken schlagen, folgendermaßen anredete: »Ihr Herren Räte, Kammerräte, Minister, Präsidenten, Superintendenten und wenn irgendein
höherer Titel vorhanden ist, habt die Gnade und seid keine Bauernflegel und Schuhknechte, oder ihr werdet es euch selbst zuzuschreiben haben, wenn man euch wie Bauern und Schuhknechte behandelt.«
— Zwei oder drei Monate, mehr nicht, gehen über diesen Zuschnitt und sodann wird das Bauernwams gar bald zum Rock, der zugespitzte Hut verwandelt sich in eine buntscheckige Mütze und der
Unterschied, der den Sohn des geheimen Rates von dem Sohn des Bauern und Handwerkers so schneidend absonderte, ist glücklich in kurzer Zeit verschwunden und wenigstens im Äußeren Null. Das
falsche Ehrgefühl entwickelt sich täglich mehr.
Der Rang, welchen der Mensch bei einer oft angeborenen Dummheit dem Schneider verdankt, ist von dem Bauernjungen glücklich entdeckt, und wie ein neuer Columbus ruht er nicht, diese neue Welt muß
nach allen Enden umsegelt werden. So steigt sein innerer Wert in demselben Maße in seinen Augen, als die Elle Tuch zu seinem Rocke drei oder vier Groschen mehr kostet und teurer wird. Er singt;
dies bietet ihm Gelegenheit zum Besuch der Konzerte dar; er steigt noch höher; er nimmt sich ein halbes Abonnement in der Komödie, wenn er nicht etwa als Statist freies Entrée hat; dann aber hat
denn auch wirklich seine {6}
Bildung den Kulminationspunkt erreicht. Er lernt als ein feiner Kopf einsehen, wie lächerlich sich Rochus Pumpernickel durch seine groben bäuerischen Sitten in der Stadt macht, und ist
entschlossen, auch den letzten Rest davon abzulegen. Er fängt an zu lispeln, nimmt hannoversche, sanfte Akzent-Betonungen in der Aussprache an; der ehemalige grobe Schlingel, wie ihn sein alter
ehrlicher Schulmeister schlechtweg in der Dorfschule nannte, ist ein feiner, geleckter städtischer »Slingel« oder, wie Lichtenberg es nannte, Zierbengel geworden, der sich wohl hüten wird, mit
Gretchen, seiner Mutter, oder Anneliese, seiner Schwester, wenn sie Sonnabend oder Mittwoch Eier, Hühner und Milch in dem Korbe zu verkaufen in die Stadt oder auf den Markt kommen, zusammen über
die Straße zu gehen. Er würde vielleicht die Stubentür in seinem Quartier zuschließen und sich aus Scham über seine bäuerische Abkunft verleugnen lassen, wenn nicht solche Artikel wie Milch, Brot
und Eier, die sie ihm wöchentlich in Körben zubrächten, ihm den Schwung seiner höheren Ausbildung erleichterten und zu seinem städtischen Aufenthalt gewissermaßen unentbehrlich wären. [Diesen
Typus des aufgeblasenen Parvenügymnasiaſten hat Falk in seiner eigenen Jugend kennen lernen müssen. Er giebt in seinem biographischen Roman „Leben, wunderbare Reisen und Irrfahrten des Johannes
von der Ostsee. Tübingen 1805", Seite 153, in dem 16. Jugendbriefe an den Vetter, eine köstliche Schilderung von einem danziger Gymnasiastenprimaner, der sich seines Vaters, eines ehrlichen
Schuhmachermeisters schämte, stolz und hoch fahrend seine Mitschüler drückte und nur mit den vornehmen Familien der Stadt, natürlich seine Herkunft verschweigend, verkehren wollte, und den
endlich der junge Falk auf eine prächtige, humoristische Weise entlarvte.]
Wer diesen Weg genau kennt, den wird das unermeßliche Heer von Brot- und Butterstudenten, wie es unser geistreicher und gelehrter Wolf [Es ist der berühmte klassische Philologe Friedrich August
Wolf gemeint, unter dem Falk 1791 - 1794 in Halle studiert hatte und mit dem er zeit seines Lebens in freundschaftlichen Beziehungen blieb.] nannte, das sich auf unseren Universitäten versammelt,
nicht weiter in Erstaunen setzen.
Edmund sagte den 10. April abends um 8 Uhr, als Fräulein von Witzleben bei uns war und Fräulein von Buttler {7}
(Er hatte nämlich Thee getrunken und wollte sich, weil ihm zu warm wurde, die Kleidungsstücke ausziehen, was ihm die Mutter untersagte): »Ei, so wollte ich lieber, ich wäre nicht geschaffen; so
dürfte ich in dieser Welt nicht sitzen und schwitzen und wäre ein Engelchen!« (Edmund wird nun bald 6 Jahre). — Ein paar Tage darauf wickelte er Garn ab und sagte: »Das Garn ist so verwirrt wie
die Menschen.«---- »»Deine Pate, Gräfin Egloffstein, will Dich abmalen««, sagte Lene zu der kleinen, vierjährigen Gabriele. »Nein« – gab sie mit verdrießlichem Gesicht zur Antwort – »nicht malen
auf mir, bin ja kein Bogen Papier!« –
Gründonnerstag 1821.
Der Glaube allein macht selig! [Falk erörtert in dem Folgenden das Thema, das gewissermaßen den Untergrund seines gesamten Lebens und Wirkens bildet: „Der Glaube allein macht nicht selig, und sei
er so vollkommen wie möglich, dagegen macht ein weniger vollkommener Glaube, der aber die werkthätige Liebe besitzt, sicherlich selig." Wir begegnen diesem Grundgedanken schon in der Jugendzeit
Falks in seiner danziger Gymnasiastenperiode, in seinen Unterredungen mit dem trefflichen Pastor von St. Petri, Samuel Majewski. Über diesen wahrhaft bedeutenden und würdigen Mann äußert Falk
gelegentlich in seinen danziger Aufzeichnungen, etwa 1805, folgendes: „Es war ein Mann, der durch seinen tiefen Sinn für praktische Lebensweisheit einen großen Einfluß auf meine ganze Bildung
gehabt hat. Er war durchaus kein Neologe, aber der bloßen Spekulation erwies er sich abhold. Alle Buchgelehrten des danziger Gymnasiums konnten gegen die vox viva, die in dieser Lebendigkeit an
mein Herz schlug, nicht aufkommen. Guter, edler, unvergeßlicher Mann, Frieden und Ruhe mit Deiner Asche und mit der Asche aller Rechtschaffenen, die wie Du durch Wort und That künftig auf meinen
Lebenspfad einwirkten."] –
Welcher Glaube? Was für ein Maß davon? Ein kleines, wie ein Senfkorn? oder ein großes, das Berge versetzen kann? Muß ich alles glauben, um selig zu werden? Gesetzt, ich bezweifelte das Wunder auf
der Hochzeit zu Kanaan? oder daß Josuah die Sonne still stehen hieß? Komm' ich deshalb in die Hölle? Oder bin ich von Gott auf ewig verstoßen, wenn ich sonst übrigens ein guter Mensch bin und die
Liebe im Herzen trage, {8}
als die da ist des ganzen Gesetzes Erfüllung? Ich meine nicht! --- Also muß der Glaube beides zugleich, eine Hülse und auch einen Kern, haben. Es fragt sich nun: worin besteht dieser Kern, der
allein selig und gerecht macht?
»Ich glaube an Jesum Christum!« Sehr wohl! Was heißt das? Ich glaube an die grundlose Liebe und Barmherzigkeit Gottes, die in der Zeit erschienen ist; ich glaube an das weinende Mutterherz
Gottes, das mich in sich aufnimmt, auch wenn sich das eigene Herz meiner Mutter wider mich zuschließt. Ich glaube sodann an die Menschwerdung Gottes in der Zeit, die zuvor allerlei Volk und Seher
und Propheten sich überall in Kraft des Heiligen Geistes verkündete, bis sie durch Jesus Christus, in Bethlehem in einem niederen Stall unter Hirten geboren, zum Mittelpunkt der ganzen neuen
Weltgeschichte ward.
Selbst aber dieser Glaube von der Menschwerdung Christi kann mir weder nützen noch frommen, sobald er nur auf meinen Lippen und nicht in meinem Herzen wohnt; d. h. Gott ist Mensch geworden, nicht
daß der Mensch ein liebloses Vieh bleibe, sondern daß der Mensch durch ihn zum Gott wird. Dieser einfältige Glaube hat die Kraft, alle Menschen ohne Unterschied selig, d. h. der ewigen Liebe und
Barmherzigkeit Jesu und Gottes teilhaftig zu machen.
Dies glaube ich und das ist wohl auch ziemlich Alles, was mir zu meiner Seele Heil und Seligkeit zu wissen von nöten ist. Von den begleitenden Nebenumständen, die der eine Evangelist erwähnt, der
andere verschweigt, mit anderen Worten, von dem historischen Nebel, der diesen Stern der ewigen Liebe, den dyo-monasmischen Christus, umhüllt, z. B. der unbefleckten Empfängnis, Gruß des Engels,
dem Herabkommen des Heiligen Geistes als Taube, kann mir der Glaube billig erlassen werden, wiewohl es auch nicht geradezu verwerflich ist, wie ich ihn habe; nur soll sich, wie mich dünkt, über
solche geheimnisvollen Punkte Niemand in Streitigkeiten einlassen oder sich gar Lieblosigkeiten und Verdammungsurteile gegen Brüder, die anders glauben, und es anstatt mit Lukas, mit Markus oder
St. Johannes halten, zu Schulden kommen lassen. {9}
Höret zu und eifert nicht! Und wenn ich allen Glauben hätte an die Verkündigung Mariä, an die unbefleckte Empfängnis, an die Taube — und hätte der Liebe nicht, so wäre es mir nichts nütze. Da ist
die leere Hülse des Christentums und des Glaubens ja wohl auf einmal zersprengt, und der Kern kommt plötzlich zum Vorschein. Ja, wahrhaftig, ein liebloser Glaube ist zugleich ein toter Glaube.
Wenn es also heißt, daß der Glaube an Jesum Christum die Sünder, d. h. die Lieblosen selig macht, so setzt ja hinzu: der Glaube an eine ewige Liebe macht selbst die Sünder selig, insofern sie
sich brünstig zur Liebe, d. h. zu einem liebethätigen, Gott wohlgefälligen Leben bekehren, sonst predigt ihr Gotteslästerung und Ablaßkrämerei und verwandelt jüdisch und verwechselt das Blut Jesu
Christi mit dem Blut eines gemeinen Opferstieres, d. h. ihr glaubt, durch Begehung eines leeren Ceremoniells, Wein, Oblate, Wasser, selig zu werden. — Hieraus ist dann gar leicht zu ersehen, was
von einem Glauben ohne Liebe zu halten ist und wie höchst notwendig liebende Werke für einen Christen, d. h. für einen solchen sind, der den Namen eines Liebenden und Barmherzigen nach dem
Beispiel seines großen Meisters und Vorgängers wahrhaft verdienen will.
In diesem Sinn ist der Spruch: »Wer da glaubet und getauft wird«, nicht also zu nehmen, als ob in demselben von Begehung eines leeren Ceremoniells die Rede sei, das ohne Weiteres wie ein
Zaubermittel jedem, dem man geweihtes Wasser auf den Kopf schüttet und der dazu nicht mit dem Herzen, sondern mit dem Mund seiner Pathen, folglich ganz mechanisch »Ich glaube an Jesum Christum«
sagt, selig macht; behüte uns Gott vor einem so schrecklichen Aberglauben, der in seiner Anwendung eine Reihe ganz unmenschlicher Grausamkeiten herbeiführen müßte, sondern: »Wer da glaubet und
getauft wird« ist nun nach ausgezogener Hülse des toten Glaubens, die oben billigermaßen von uns gerichtet ist, völlig gleichbedeutend mit den Worten: »Wer wahrhaft aufgenommen ist in den Bund
der ewigen Liebe und Barmherzigkeit, wovon die Taufe nur ein äußeres Zeichen darstellt, der wird selig.« Ist also das Verdienst Jesu Christi nichts anderes, als grundlose Liebe, Güte und
{10}
Barmherzigkeit, so kann auch mein Verdienst als Christ, als welcher ich durch den Bund der Taufe aufgenommen bin, durchaus in nichts anderem bestehen, als teil zu nehmen an dieser grundlosen
Liebe und Barmherzigkeit, ihr redlich nachzueifern und dieselbe in allem Thun und Lassen meines Lebens redlich darzustellen. Ein schrecklicher Irrglaube aber, ein förmlicher Sünden- und
Höllenspaß wäre der Ausspruch: das Verdienst Jesu Christi, d. h. der ewigen Liebe und Barmherzigkeit macht mich frei von allen Sünden, d. h. von allen mir anklebenden Lieblosigkeiten ohne alles
eigene Verdienst, d. h. ohne alle eigene Liebe und Barmherzigkeit.
Klar sieht man hieraus, daß jede Schrifterklärung, die die Liebe nicht obenan stellt, in Aberglauben, Ceremoniell, Zauberkünste und einen toten Glauben ausartet. Geht man in diese Ansichten ein,
so ist auch der Streit über den Vorzug des Glaubens oder der guten Werke bald geschlichtet, weil einmal der Glaube, ohne daß er sich durch liebende Werke beweist, tot oder verdammlich ist und auf
der anderen Seite die echten Werke der sich selbst aufopfernden Liebe den Glauben an Jesum Christ, als Vorbild, wenngleich auch mit Worten unausgesprochen, in sich schließen. Wo aber das Herz
voll ist, wie beim Samariter, der Barmherzigkeit übte, tun die Worte wenig zur Sache; es werden ja nicht die, so »Herr, Herr« sagen, d. h. leere Worte machen und die Hülse des Glaubens mit dem
Kern verwechseln, sondern die, welche den Willen thun unseres himmlischen Vaters, d. h. welche sich freudig für die Brüder dahingeben, von Christus aufgenommen werden. Nur zu solchen will er
nebst seinem Vater kommen und Wohnung bei ihnen machen.
Also ein lebendiger Pulsschlag von dem weinenden Mutterherzen Gottes, nach dem Beispiel des Wortes, das Fleisch geworden ist, auch an deinem Teile zu sein, sieh da, Christ, das ist deine Aufgabe.
Je besser du diese lösest und dich anschickst, Hohn, Verkennung, Schmach für Liebe zu ertragen, je würdiger wirst du den Gründonnerstag mit deinem Herrn und Meister begangen haben. Fang nur
frisch an, göttlich zu leben und zu lieben, was du nicht kannst, ohne dein eigenes Ich zu töten, zu {11}
begraben; so wird die Hauptlehre des Christentums, die Menschwerdung Gottes, wodurch der Mensch aus seinem jetzigen tierähnlichen Zustand zu einer Gottwerdung gelangen, d. h. aus einem trägen
Erden-Ich ein seliges Himmels-Wir aus sich entwickeln soll, für dich mit jedem Tage neue Kraft gewinnen. Du wirst in eben dem Maß an die ewige Liebe und Barmherzigkeit glauben, als du dieselbe in
dir selbst erlebst.
Charfreitag 1821
Zur Dornenkrone.
Mit vielen Katzenbuckeln hat mich der junge Advokat Emil Ackermann bei der Regierung verklagt, daß ich das Vermögen der fünf Heinemannschen Waisen an die Anstalt gebracht oder wie er es
verschönernd nennt, finanzielle Fehler in der Verwaltung begangen hätte. Diese fünf Kinder, deren Mutter zu Erfurt im Zuchthaus saß, wovon einer Straßenraub verübte und den ich aus Erbarmen noch
vom Zuchthaus frei machte, indes ein anderer [Der berüchtigte Ludwig Heinemann, siehe die übernächste Anmerkung.] aus einem Wandschrank seinem Großvater heimlich im neunten Jahre
Zwanzig-Thaler-Rollen wegnahm und sie unter die Hühnerstiege verscharrte, sind ein zu Großrudstedt auf Empfehlung des Amtes von mir ausgenommenes, höchst gefährliches Dohlennest. Da die Kinder
noch eigenes Vermögen besaßen, auch wohlhabende Verwandte zu Naumburg und Berlin, demnach auf eine bessere Verpflegung Anspruch machten, so erklärte ich dem Amt, daß ich sie ohne Zuschuß nicht
behalten könnte, und stellte es dem Amt frei, die Kinder wo anders wohlfeiler unterzubringen. Das Amt ließ mir die Kinder und lieferte abschlägliche Zahlungen auf die schuldigen Pflegegelder. Das
nennt Herr A. das Gut der Waisen an sich ziehen, wenn man sie mit Bewilligung des Amtes, der Oberbehörde, zu rechtschaffenen Menschen erzieht und verhindert, daß sie nicht einst dem Staate als
Spitzbuben, wozu ein guter Anfang gemacht war, zur Last fallen. Die Anstalt erhält kein Pflegekind dieser Art unter 50 Thaler jährlich; die Anstalt begehrte für jedes Heinemannsche {12}
Kind 25 Thaler. Allein Herrn A. ist dies nicht genug; im Namen und beauftragt von nahen Verwandten in Berlin und Neustadt, will er dem Institut die Summe vorschreiben, welche es den fünf
Heinemannschen Kindern auf Kosten armer, nackter Betteljungen, die gar nichts haben, jährlich schenken soll. Die armen Kinder des Instituts sollen ohne Hemden und ohne Hosen laufen, damit den
Heinemannschen Kindern, die aus den Kopfstücken [Kopfstück ist ein Ausdruck für gemünztes Geld] armer Landschullehrer, Pfarrer und Bauern ihre Verpflegung beziehen, ihr Erbteil zu Sametkragen,
Stöcken und Dutzenden an Hemden einst unangetastet bleibe. Diese Zumutung würde völlig ruchlos sein, wenn sie nicht durch die gänzliche Unwissenheit des jungen Mannes mit dem Institut
einigermaßen Entschuldigung verdiente. Hat er sich doch sogar gegen Herrn Kandidat Reinthaler aus Erfurt gerühmt, es hinge bloß von ihm ab, Exekution über mich zu verhängen, d. h. im Namen von
jungen Spitzbuben und Dieben, die ich erst vom Zuchthaus und Kriminal gerettet habe, mich auspfänden zu lassen; er thäte es aber nicht aus Hochachtung.
Vor Ärger sterbe ich in Weimar nicht; aber vor Ekel, wie er jemanden befällt, wenn er zwischen den Äsern von toten Hunden und Katzen wandelt, kann ich schon einmal meinen Tod finden. Es fragt
sich nun, was besser ist, wenn man auf einmal von einem Löwen herzhaft zerrissen wird oder wenn ein Heer von bissigen, kleinen Ameisen einem so lange das Herz besetzt, bis es endlich doch
zerspringt.
Ich bemerke noch zur Vollendung dieses Ameisengemäldes, daß der Schreiberbube, der Herrn Ackermann als einem jungen Sachwalter diesen schönen Prozeß zugeschanzt und ihm jetzt alle Mittel und
Klatschereien wider das Institut gefällig expediert, ebenfalls der von mir erzogene älteste August Heinemann ist, ein höchst mittelmäßiger Kopf, von heimtückischem, klatschigem Charakter, der von
jeher den Scheinheiligen spielte und all seine Geschwister in Briefen bei seinen Verwandten anschwärzte und verklatschte. Er wollte mit Teufelsgewalt studieren. Ich verhinderte dies, und
{13}
der Amtmann in Großrudstedt war gleicher Meinung mit mir, daß es unter unsern Beamten der mittelmäßigen Köpfe mehr denn genug gäbe. Hierauf verschaffte ihm seine leserliche, zierliche Hand einen
Schreiberdienst bei Herrn Ackermann, wo er den ersten Versuch seines Talents gegen seinen eigenen und den Wohltäter seiner Brüder macht.
Fünfundzwanzig Thaler sind jährlich auf jedes Kind Zuschuß gerechnet. Sie sind nicht nur zu ehrbaren Menschen erzogen worden, da sie vorher sämtlich auf dem Wege waren, Spitzbuben und Vagabunden
zu werden, sondern es ist ihnen auch noch etwas übrig geblieben, und, wie ich aus dem Munde ihrer eigenen begüterten Verwandten in Naumburg weiß, so haben sie die Anwartschaft, auch diese nach
ihrem Ableben zu beerben. O mein lieber Herr Ackermann, wie sehr irren Sie, wenn Sie glauben, daß in dieser Sache Ehre für Sie zu erwerben ist. Sie sind ein Sachwalter von fünf Waisen, ich bin
ein Sachwalter von fünfhundert nackten, unbekleideten Waisen. Sie werden für ihre menschenfreundlichen Dienste von reichen Verwandten bezahlt; ich muß, um in der Theuerung nur ein Sachwalter
meiner armen Jungen zu bleiben, die Juwelen meiner Frau, den Ring, den mir die Kaiserin geschenkt, aufs Leihhaus tragen, wo sie noch stehen; ich muß die Geschenke der Frau Großfürstin, die sie
mir und meiner Familie zudenkt, in Brot für meine armen Jungen verwandeln; ich muß Manuskripte nehmen, die mir jahrelange persönliche Anstrengung kosten und mit dem reichen Gewinn dafür von 600
Thalern aus der Hand des Herrn Buchhändlers Brockhaus die Blößen meiner armen angenommenen Jungen decken. So verschieden, mein lieber Herr A., ist unser Standpunkt! obgleich wir beide Sachwalter
von Waisen sind. Das sollten Sie freilich früher bedacht haben. Faßte Sie denn kein heimlicher Schauer vor dem Gedanken an, den Sie Herrn Reinthaler laut ausdrückten, und der freilich Ihrer
Anklage trotz der Beschönigung, daß Witwen- und Waisenrecht Ihnen als Sachwalter diese unerbittliche Pflicht auflege, insgeheim zu Grunde lag: daß Sie durch das formelle, kalte Recht eine Sache
in Gang brachten, die, wie Sie doch wünschen mußten, {14}
wenn sie Ihnen glückte, zur notwendigen Folge haben würde, daß Sie mich im Namen von jungen Dieben und Spitzbuben, die ich, wie bei Carl Heinemann sogar in den Kriminal-Akten faktisch erwiesen
ist, vom Straßenraub, Kriminal und Zuchthaus errettet habe, wollten auspfänden lassen. Wieviel Wochen glauben Sie wohl, junger Mann, daß ein Staat von seinem jüngsten Tage entfernt wäre, wo
dergleichen stattfinden konnte? [Die fünf Heinemannschen Kinder waren wohl eine der schwersten Lasten des Institutes, waren die größten Schmerzenskinder Falks. Der Vater starb wohl früh, die
Mutter saß im Zuchthaus und machte schließlich durch einen Sprung in die Unstrut ihrem elenden Leben ein Ende. Ein Sohn Carl verübte Straßenraub, saß im Zuchthaus ging dann nach Berlin und
verdarb seinen Bruder Ludwig aufs neue, als er nach Weimar zurückkehrte. Über diesen Ludwig Heinemann hat sich in Falks Nachlaß ein starkes Folio Aktenstück erhalten. Er hatte ziemlich Alles
verbrochen. Falk hatte ihn zunächst bei einem Schlossermeister Spangenberg in die Lehre gebracht. Diesem entlief er Anfang Dezember 1821, wie es im Protokoll heißt, Sonntag abends zwischen 8 - 9
Uhr mit Sack und Pack; zuvor hatte er die Beiträge vom Landesdirektor Horn und Präsidenten von Moz einkassiert und als Reisegeld mitgenommen. Er war es auch gewesen, der als achtjähriger Bube
seinem alten Großvater die Rückwand einer Kommode herausbrach und eine Geldrolle herausnahm. Die Hühner scharrten dieses Geld, wo er es vergraben hatte, in einigen Kopfstücken wieder hervor. So
kam der Diebstahl an den Tag. – Zu Ostern 1822 verbrach er einen neuen Diebstahl und zwar bei seinem Pflegevater Falk selbst. Er öffnete das Schloß einer Kommode mit einem Nagel und stahl eine
Rolle mit zwölf Thalern. Das Geld verscharrte er auf der Altenburg in die Erde. Zuerst hatte er es an der Sternbrücke vergraben. Des Morgens, anstatt sein Morgengebet zu verrichten, war er
hierhin geschlichen, hatte die Thaler wieder ausgescharrt, um sich des Anblicks seines Diebesgutes zu erfreuen. Obwohl er sich nicht gewaschen, wusch er doch mit Liebe und Sorgfalt seine harten
Thalerstücke, wobei ihm, wie er mit Bedauern hinzusetzte, ein König von Preußen in die Ilm gefallen ist. Einiges Geld verschleuderte er sofort für Kuchen und Branntwein. Er wurde hierauf acht
Tage bei Wasser und Brot ins Karcer gesteckt und in Gegenwart aller Arbeitsleute und Knaben mit Ruten gestrichen. Falk that nun den verwahrlosten Knaben, der sonst gute Anlagen hatte, seinem
Wunsche gemäß bei einem Chirurgus Weiße in Erfurt in die Lehre. Er übertrug die seelische Erziehung seinem jungen Freund Reinthaler. Faik schildert den Pflege befohlenen im Brief vom 15. August
1822: Heinemann ist alles zugleich, lecker und gefräßig, verschmitzt wie eine Dohle, leichtsinnig wie eine Elster und diebisch wie ein Rabe." Das Ende dieses Unglücklichen verrät uns ein Brief
Reinthalers aus Erfurt vom 17. Februar 1824: „Endlich ist Heinemann wieder gefunden worden, aber wo? und wie? Auf dem obersten Schnürboden des hiesigen Schauspielhauses an einem Strick erhenket!
So hoch hat er sich auf dem großen Maskenballe hinaufgetanzt. Wenn ich nur den letzten Seelenzustand des Unglücklichen kennen und wissen sollte, was ihn auf einmal zu diesem schrecklichen
Selbstmord verleitet habe? Der dünne und feste Hanfstrick hatte doch so tief in seinen Hals geschnitten, daß rund herum eine fingerstarke Riefe war. Übrigens sah sein Leichnam nach sechs Wochen
noch frisch genug aus und roch fast gar nicht, nur daß seine tückischen Augen ganz ausgetrocknet und zum Entsetzen eingesunken waren. Die gerichtliche Öffnung des Leichnams, bei der ich mit
zugegen gewesen bin, hat weiter keine Unregelmäßigkeiten aufgefunden, als in der inneren Hirnschale eine Vertiefung, wie eine Fingerspitze groß (!), und eine Verwachsung des linken
Lungenflügels!"
Es lag bei den Unglücklichen wohl eine starke erbliche Belastung vor. – Dieses eine praktische Beispiel zeigt besser als alle Erörterungen, welche Not und Mühsal die Erziehung einiger Knaben mit
sich brachte, welche Verwahrlosung und dämonische Verderbtheit zu bekämpfen waren. Es zeigt auch, mit welcher Ausdauer und unbesiegbaren Vatergüte Falk selbst dem Verkommensten immer wieder die
Hand reichte! Man verzeihe mir daher diese Ausführlichkeit.] {15}
Denkspruch
Verachte nicht den kurzen Augenblick;
Denn Augenblick' enthalten künftge Jahre
Und künftge Jahr' enthalten Ewigkeit!
Positive Religion
Es frägt sich, was ist positive Religion, da eine tausendjährige Welterfahrung gelehrt, daß kein Staat in der Welt ohne dieselbe bestehen kann. Das natürliche Licht der Vernunft kann es wohl
nicht sein; sonst müßte irgend eine Philosophie den Namen positive Religion führen. Also ist positive Religion Glaube an ein höheres Licht, Offenbarung, die meistenteils mit Heiligen, Wundern,
Sagen verbunden ist, an die dieses oder jenes Volk glaubt, während sie für ein anderes durchaus keine historische Evidenz haben. Verliert sich dieser Glaube zuletzt in ein dumpfes Meinen,
Glaubensmeinung, um derentwillen man anders Meinende mit Feuer und Schwert verfolgt, so kann dieses zu {16}
der Lehre eines allein seligmachenden Glaubens führen, worin das katholische Konzil zu Trient oder das protestantische zu Augsburg keinen großen Unterschied macht.
Standpunkt des Staates
gegen diese oder jene positive Religion
Das letzte Regulativ aller positiven Religion wie alles positiven Rechts ist die Liebe. Es gibt in den besten Staaten wunderliche, oft auf bloßes Herkommen gegründete Gesetze, die dennoch eine
positive Kraft haben. Die Aufgabe ist, solche barbarischen Gesetzgebungen durch Liebe zu reinigen und zu bessern. Eine positive Religion kann sich durch Vorliebe für diese oder jene, durch ein
ehrwürdiges Herkommen von Kindesbeinen an eingelernte Fabeln und Sagen bis zu der Grausamkeit von Menschenopfern vergessen, wie z. B. dieses noch jetzt in Indien der Fall ist. Man würde sich sehr
irren, wenn man die Priester, unter deren Augen diese durch die Jahrtausende geheiligte Barbarei stattfindet, deshalb für fühllos oder für eingefleischte Teufel halten wollte. Der Mensch besitzt
die Anlage, alles, selbst das Höchste und Beste, was er hat, einer Idee zu opfern, und viele halten für eine göttliche Idee, was nur allzuoft ein Hirngespinst ihres eigenen Kopfes ist. Indem also
der Staat die Notwendigkeit des Positiven, z. B. eines veralteten Verdienstes im Adel, in der Thronfolge, eine Gottesverehrung auf gewisse durch Jahrtausende gegründete Gebräuche, Herkommen und
heilige Sagen zuläßt, so kann er, streng genommen, die Dichtung von diesem Kreis ausschließen. Der Glaube eines Katholiken z. B. nimmt eine Menge Legenden an, der Glaube eines Protestanten ist
mit weniger zufrieden, wiewohl er seinerseits auch wieder positiv, d. h. in dem Kreis gewisser heiliger Sagen mehr oder weniger hartnäckig befangen ist. – Wie verhält sich nun hier der Staat?
zwischen allen diesen Meinungen? Antwort: Wenn er gleich seinerseits, d. h. von Natur historisch so gestellt ist, daß er entweder katholisch oder protestantisch ist, wo es also keineswegs von ihm
und seinen Edikten abhängt, was für ein Positives oder was für ein Gegebenes, d. h. was für ein Kreis von heiligen Sagen, ein katho- {17}
lischer oder ein evangelischer, unter seinen Untertanen herrschen soll, so kann und darf er es doch nie zugeben, daß im Streit von ungewissen Meinungen die Liebe verletzt wird und der Glaube an
sich nicht absoluten, sondern relativen Wert hat: d. h. der Glaube an diese oder jene noch so alte und ehrwürdige Sage hat nur insofern Wert, als er sich durch einen liebenden Einfluß gut und
wohlthätig für die Menschen erweist. Von dem Augenblick aber, wo er in Erstarrung übergeht, die Brüder quält, verfolgt, peinigt, verbrennt, kann er von Seiten des Staates selbst weiter auf keine
Schonung Anspruch haben. Und wenn ich allen Glauben hätte, den katholischen und evangelischen und den aller Sekten, der Quäker, Mennoniten und wie sie alle heißen, dazu, und hätte die Liebe
nicht, so sagt Paulus, so wäre es mir nichts nütze.
Den 29. April 1821
Versag dich, Jüngling, nicht dem Vaterland,
Versag dich, Jüngling, nicht dem Augenblick,
Bezeichn' und präg ihn aus in großen Taten.
Die That ist eine Predigt, nicht das Wort!
Des Augenblickes Flucht gebiert das Jahr,
Und künft'ger Jahre Flucht bringt Ewigkeit.
Das merk‘ und präge fest dir ins Gedächtnis:
Nicht eine tatenlose Ewigkeit,
Das Jahr, der flüchtigste Moment, die Stunde,
Worin das Ewige geschieht, allein ist ewig.
Es reiht allmählich Sandkorn sich an Sandkorn,
Bis ein Sankt Gotthard ist daraus erwachsen!
Ein Schneeball, wenn ein Engel ihn berührt,
Wächst zum Montblanc nach kleinem Menschenmaß.
Die Kräh' am Fuß, die den Montblanc ermißt,
Zeigt, wie so klein sie, nicht wie groß er ist! [Die ältere Fassung dieses Gedichtes findet sich, durchgestrichen, einige Blätter vorher. Sie lautet:
Versag Dich nicht dem künftgen Augenblick,
Bezeichn' und präg ihn aus in großen Thaten.
Des Augenblickes Flucht gebiert das Jahr,
Und künftger Jahre Flucht bringt Ewigkeit!
So reiht allmählich Sandkorn sich an Sandkorn.
Bis ein St. Gotthard ist daraus erwachsen.
Ein Schneeball, wenn ein Engel ihn berührt,
Wird zum Montblanc in eines Menschen Hand.
Die Krähe, welche den St. Gotthard mißt,
Erfährt nicht seine Größ'; eins nur erfährt sie,
Wie klein sie selber ist und weiter nichts!] {18}
Erdennacht
Narr, ist's der Staat, der dich geboren hat?
Hat dich der Staat an seine Brust gelegt?
Was zählt — Vater oder Vaterland?
Das kann polit'scher Wahnwitz nur begreifen!
Den ew'gen Brüsten der Natur entquillt
Die Muttermilch, nicht staubigen Archiven.
Was Menschen schufen, kann der Mensch zerstören!
Des frechen Vatermörders Hand zertrümmert
Dein allerhöchstes Meisterstück, Natur,
Die Milch, das Herz, die warme Mutterbrust!
Hier gilt es keine eitlen Menschenkünste!
Das Vaterhaus ist eine selge Insel,
Zum Trost im reinsten Äther aufgehangen;
Der Meineid und Verrat erreicht sie nie,
Die eure Staaten oft so wild bewegen.
Wer nimmt den Menschen dieses Hafens Zuflucht,
Versündigt sich nicht bloß an einem Staat;
Er ist Verräter an der ganzen Menschheit.
Den 2. Mai 1821
Verkennung. (Aus einem Briefe.)
Sie wollen, Sie können nicht sehen, was mich treibt oder was für ein Durst meine Seele verzehrt. Ach! wäre es der Durst nach Gold, so bliebe ich bei den Wechseltischen in meiner Vaterstadt Danzig
und triebe Kaufens und Verkaufens, wie die {19}
anderen Handelsleute auch, die meine Brüder sind [Von den Brüdern Falks waren David und August als Kaufleute in Danzig geblieben. Nach langen Jahren des Schweigens begann Falk erst 1819 wieder
einen Briefwechsel mit diesen Geschwistern und deren Kindern.], bis ich genug hätte, und meine Schiffe, mit den Reichtümern aller Himmelsstriche beladen, in alle Weltgegenden einliefen. — Oder,
wäre es der Durst nach Ruhm, so weilte ich länger am Parnaß, wo es noch Kränze zu erlangen gilt, und verließe ihn nicht in den Jahren der Kraft. Aber eine ganz andere Glut war es, die mich
verzehrte. Jene Lorbeeren sengten meine Schläfe. Ich streute die Asche von fünf zerfallenen, armen, geliebten Kinderherzen auf mein Haupt und schrie zum Herrn, er solle mir gnädig sein. Und der
Herr sprach zu mir nicht mehr im Wetter, sondern in einem stillen, sanften Säuseln: Liebe! [Es waren zwei Momente, die Falk an das Rettungswerk trieben: das Mitleid um die verwahrloste Jugend und
der Schmerz um die vier Kinder, die im zarten Alter binnen einem Monat von ansteckender Krankheit in dem Kriegsjahre 1813 dahingerafft wurden. Roderich, Cäcilie, Eugenie, Guido. Siehe Einleitung
S. XIV. Er sang ihnen seine „Klage" nach, deren Schlußstanzen denselben Gedanken wie den obigen aussprechen:
Der Erde Nacht zerfließt vor seinem (Gottes) Hauche,
Sein Liebesathem wandelt Nacht in Tag;
Der starre Fels vergeht in Glut und Rauche
Und wird ein Herz und klopft mit sanftem Schlag.
Nimm Flügel von der Morgenröt' und tauche
Dich ganz im Licht und werde Blut, o Bach!
Bis Blum' und Pflanz' und Stein in Gott erglühen
Und wir ihn all wie Seraphim umknieen. –
Als der fünfte im Todeszuge starb Eduard Falk, ein neunzehnjähriger Jüngling, siehe Teil I, 41. – Der Vater gedenkt der toten Kinder wiederholt auch in diesem Tagebuche, so in der herben Klage
vom 19. Mai 1821, als bald das sechste Kind den vorhergegangenen folgen solte.] der Apfel meines Auges heißt Liebe. Du sollst, du mußt mir deine liebsten Augäpfel dafür hingeben. Der Erdball,
wiß', ist nur ein kleines Sandkorn, das es wagt, sich zwischen mir und dir hinzustellen. In Dir wohnt mein allmächtiger Geist. – O all ihr lebenden, feurigen, gleichgesinnten Seelen, wagt es nur,
ihn hinwegzublasen! Die Hülfe {20}
des ganzen Himmels wird sogleich da sein, wenn ihr nur den ersten Versuch macht. Und ich wagte es! und die Herrlichkeit des Herrn umgab mich samt der Majestät des Schmerzes, und mein Glaube wuchs
stündlich, und wie ich liebend, wiewohl noch in großer Schwachheit forthandelte, fand ich täglich mehr, »daß die Liebe im Gericht des Herren sei«. Ja, das innere Licht kam zu mir, wie das äußere
zu meinem Auge, obwohl Sonne, Mond und die Gestirne durch einen Millionen Meilen weiten Raum von uns entfernt sind und Hand und Fuß als von Natur blind den Weg nicht wissen, den sie zu gehen
haben, um zu ihnen zu gelangen, weil kein Auge in ihnen ist; denn es kommt doch nur, wie längst ein Weiser gesagt hat, die Sonne zur Sonne, der Mond zum Mond und ein Auge zum andern Augenstern.
Und wie die Finsternis von mir entwich, gab mir der Herr feurige Worte in meinen Mund, und meine brennenden Thränen rissen den stolzen, hoffartigen Frauen ihre Perlen vom Haupte, ihre Ringe von
den Fingern herunter. Und das Wort Gottes, was ein ungeheurer Schmerz aus mir sprach, verwandelte sich wieder auf die alte, gewohnte, würdige Weise in Rock, Kleider und Schuh für das arme Volk.
Und jetzt sing‘ ich abermals mit meinen dreihundert Kindern, ohne Haus, unter freien Himmel versetzt (wo ein Hof mein Versammlungssaal, eine Kammer meine Bibliothek, eine Schulbank mein Katheder
und Kanzel ist) wie ein Bettler das Vaterunser vor allen Türen Deutschlands, von Frankfurt bis Danzig [Falk schrieb grade jetzt sein „Vaterunser der Weimarschen Sonntagsschule mit Evangelien,
Kupfern und Noten zum Besten eines von den Kindern selbst zu erbauenden Bet- und Schulhauses." Dies ist der alte handschriftliche Titel des Büchleins. Es erschein 1822, also im nächsten Jahre,
und fand in ganz Deutschland die freundlichste und bereitwilligste Aufnahme. Das Aktenstück über die Briefe, Berechnungen, Subskriptionen auf dieses Schriftchen weist namhafte Einnahmen und einen
höchst glücklichen Erfolg auf. In dem Prospekt heißt es: „Die Gespräche des Hausvaters mit den Kindern über die sieben Bitten sind wirklich erlebte Geschichten. Der Zweck des Herausgebers ist:
Dem Volk das Christentum erleben zu lassen, vierzehn Knaben haben unter Aufsicht eines alten Zimmermanns und Mauergesellen den Bau des Hauses seit Neujahr wirklich angefangen. Es geht damit
fröhlich von statten. Dieser Bau selbst kann für eine Frage an die liebende Vorsehung gelten. Sie wird sie gewiß nicht unbeant wortet lassen. Dank allen Edelen, die den Geist dieser Unternehmung
verstanden!"]. O ihr, die ihr noch ein Herz in der Brust habt, scheltet nicht hoffärtig aus {21}
euren hohen Fenstern herunter, sondern kommt auf die Straße, wo ich vorbei ziehe, seht mit eigenen Augen, hört mit eigenen Ohren und öffnet mir und meinen Thränen Herz und Thüren.
Den 1. Mai 1821
erschien mir die Frau Großherzogin Louise im Traum, weinte, nahm Abschied von mir und sagte mir, daß sie nun diese Welt verlassen müsse. [Auch dieser Traum, den Falk sorgfältig als eine Ahnung
aufgezeichnet hatte, hat getäuscht: Großherzogin Louise starb erst neun Jahre später, am 14. Februar 1830, 73 Jahre alt, seltsamer Weise an dem Todestage Falks, der grade vor vier Jahren, am 14.
Februar 1826, ihr vorausgegangen war.]
Den 2. Mai 1821
Als heute der Tag vertrieb die Nacht,
Lag ich im Bett voll Sorgen
Und sann mit ängstlichem Bedacht,
Woher die Hülfe borgen?
Da rief es aus dem Morgenstern,
Der grau am Himmel stand: »Beim Herrn!
Der hilft zu allen Zeiten!«
Ja, Herr, du hörst um Hilfe schrein
Die vielen armen Leute,
Drum schick' wie zu Elias dein
Auch mir den Raben heute,
Daß ich sie speisen, tränken kann;
So will ich dich wie jedermann
Lobpreisen, danken, singen!
Und wie der Mittag kommen war,
Bis hierher war frühmorgens geschrieben; und wie ich dem Gedanken nachhing: dies Gedicht hat doch vor, Gott würde {22}
es zu Ende bringen und fertig machen, ließ sich plötzlich die Kurrende vor meinem Hause nach dem Graben zu hören [Das alte orlamünder Ritterhaus oder der Lutherhof, wie Falk die Burg seit seinem
Einzug zu benennen pflegte, hatte den Ausgang nach einem schmalen Gäßchen, dem Luthergäßchen. Die Front des Gebäudes sah aber auf den alten Stadtgraben nieder, der schon zu Falks Zeiten
ausgefüllt war und als Straße zwischen den beiden Stadthälften Alt-Weimars diente.] und sang zwei Verse aus dem Liede: »Sei Lob und Preis dem höchsten Gut«, nach dessen Melodie die vorstehende
zwei Strophen gemacht sind.
Wie ich bis dahin kommen war,
Hört‘ ich es plötzlich singen;
Es war der frommen Schüler Schar,
Die Gott ein Loblied bringen,
Ein Morgenopfer fromm und gut.
»Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut«,
Erklang's aus ihrem Munde!
Zwei Verse, wie ich sie gemacht,
So sangen sie die Knaben
Dem Volke, das vom Schlaf erwacht,
Sein‘ Wohnung hat am Graben:
Wohlan, so mag der Schluß hier sein:
»Mein Herr und Gott! Nun bring du fein
Mir dies Gedicht zu Ende!«
Und wie der Mittag kommen war,
Wuchs das Geschrei nach Brote.
Doch sieh, da kommt schon wunderbar
Elias Rab‘ als Bote [Zugleich eine scherzhafte Anspielung auf den Raben zu Merseburg.]
Und bracht‘ uns Hülf‘ aus Merseburg.
Nun singt mit mir: »Ein feste Burg!«
Ihr frommen Christenleute!
Laut Brief vom 30. April 1821 von der trefflichen Präsidentin von Schöneberg geb. Gräfin Stolberg-Wernigerode aus {23}
Merseburg. Siehe die Akten des Vaterunsers. [Sie sendet mit diesem Briefe sechs Thaler Beitrag für das „Vaterunser" und sechs Thaler von sechs Subskribenten und schreibt dazu: „Wohl ist es ein
Tropfen gegen das Meer, aber der Herr kann und wolle auch das Wenige segnen! – Am ersten dieses habe ich Ihrer sehr viel gedacht, mit klopfendem, aber auch mit freudigem Herzen, überzeugt, daß
der Herr Sie auf irgend eine Art mit Ihren Kindlein aus der Not reißen würde. Und sollte ich mich darin getäuscht haben? Das ist kaum möglich, denn der Herr kann dieses Wort nicht brechen und Er
hat gesagt, Ps. 55, 23: „Wirf Dein Anliegen auf den Herrn, der wird Dich versorgen und wird den Gerechten nicht ewiglich in Unruhe lassen."] Dies Geld kam ganz unverhofft, es war nicht darauf
gerechnet. Es war noch denselben Abend in Weimar da, weil aber ein großer Platzregen fiel, so brachte es der Postbote erst den andern Tag zu Mittag.
Den 5. Mai 1821, Sonntag
Als meine blühende, fast sechzehnjährige Tochter Angelika von einem schleichenden Fieber befallen wurde. [Angelika, das sechste Kind, das der Tod dem tiefgebeugten Vater rauben sollte war schon
leidend in die neue Wohnung eingezogen. Man hatte sie in einer Sänfte hintragen müssen. Eine starke Erkältung hatte ihre ohnehin zarte Gesundheit ergriffen und ein schleichendes, langsam
entkräftendes Fieber zurückgelassen. Eine höchst schmerzensvolles Krankenlager ging ihrem Ende voran. Auch den Tod dieses Kindes hatte schon ein prophetisches Gesicht voraus verkündet vergl.
Tagebuch Teil I S. 31 und diesen Teil II unter dem 21. Mai 1821.]
Herr, mein Gott, wie lang, wie lange
Drückt mich diese Sorgenlast,
Die auf saurem Lebensgange
Du mir zugeordnet hast.
Endet eine Herzenspein,
Bricht der zweite Schmerz schon ein!
Jammer, Krankheit, Not und Plagen
Wie ein armes Reh mich jagen;
Sie verfolgen meine Fährte,
Ich bin wütger Hunde Raub.
Rings kein Ohr, das mich erhöret,
Erd und Himmel scheinen taub! {24}
Hast du unsern Untergang,
Herr, beschlossen, mach's nicht lang!
Fünf sind schon in deinen Händen, [Die vier Kinder, die 1813 starben, und Eduard, der 19 Jahre alt 1819 verblich.]
Laß uns alle selig enden!
Engel mit der kalten Schneide,
Mit dem furchtbarn Todesschwert,
Soll auch sie — im Sterbekleide —
Nein, nein! es ist unerhört!
Soll — ich darf's, ich will's nicht sagen,
Soll dein Blitz zum sechsten Mal
Einer Mutter Herz zerschlagen,
Noch so wund von frührer Qual?
Hundert fremde Kinder fragen
Nach der Thür von diesem Haus,
Und die eignen Kinder tragen
Wir als Leichen stets hinaus!
Aus den Bergen sind sie kommen,
Aus den Thälern nah und fern.
Kinder, habt ihr nichts vernommen,
Wo sie sind? Auf welchem Stern?
Die wir einst die unsern nannten?
Unerklärliches Geschick!
Sorgen für die Unbekannten
Bei verarmtem Vaterglück!
Nimm uns heute noch von hinnen!
Vater, ich ergebe mich,
Aber diesen dunklen Spinnen
Mit dem langsam giftgen Stich,
Die von frühsten Morgens Tagen
Bis zum spätsten Abendschein
Ihre Beute saugen, nagen,
Laß mich nicht verfallen sein!
Soll ein Löwe mich zerreißen,
Das ist eine edle Jagd! {25}
Herr, weil du es ihm geheißen,
So erduld ich's unverzagt!
Schlägt mein Schiff ein Sturm in Stücken,
Sturm und Flut erschreckt mich nicht;
Nur mit Grausamkeit ersticken
In den Sümpfen laß mich nicht!
Glaube
Was ist ein Glaube ohne Liebe? Ein liebloser Glaube! Du glaubst, daß ein Gott sei; du tust wohl daran, die Teufel glauben's auch und erzittern. Wenn der Teufel an Gott und Christus, d. h. die
ewige Liebe und Barmherzigkeit glaubt, so hilft es ihm doch nichts, und er hört darum nicht auf, der Teufel zu sein. Was ist also ein Glaube, dem die Werke fehlen? Ein teuflischer Glaube. Der
Teufel war ein Totschläger von Anfang an. Es fehlt seinem Glauben die lebendige Zuneigung der Barmherzigkeit Gottes. Was sind die Werke des Satans? Die Schrift hat sie uns deutlich genug
aufgeführt: Mord, Totschlag, Hurerei, Ehebruch u. s. w. Sollte der Glaube die Kraft haben, allein selig zu machen, so müßte der Teufel einen größeren Anspruch auf die Seligkeit haben als Marc
Anton und der fromme Sokrates. — Welch ein Wahnsinn! Geht doch zum Samariterbrunnen: »Der die Barmherzigkeit übte, ist der nächste!«
Jede positive Religion, folglich auch die christliche, ist mit Fabeln verknüpft, die denn auch die Religionsparteien häufig genug einander vorwerfen und sich deswegen verfolgen. Sie muß aber
einen Kern haben, die christliche Religion, der ihr das Wohlgefallen Gottes besonders verdient hat. Dieser ist
1. der Glaube an einen in die Zeit gekommenen, erbarmenden Gott, der uns allen ein Beispiel und Vorbild der Heiligung geworden ist; so daß die Christen nicht bloß sagen: »Wir sind durch Gott«
sondern: »Wir sind auch in Gott. In ihm leben, weben und sind wir«,
2. Die praktische Nachfolge dieses Vorbilds, das sich an seinen Freunden, ja selbst an seinen Feinden zu Tode liebte; also ernstliche Nachfolge Jesu Christi in Werken {26}
der Liebe bis zur blutigen Aufopferung. Das sind die beiden Lichtpunkte. Katholik, Lutheraner, Reformierter, Quäker oder Herrenhuter, wie er sich in seinem Formalismus unterscheidet, wenn er sich
fest an diese zwei Punkte hält, so hat er Christum erlebt und ist ein Christ.
Kindschaft in Gott
Das Kind tut alles aus Liebe; es kann, es darf nicht nach Lohn für seine Werke der Liebe fragen. In dem Augenblick, wo es seinen Vater quält, daß derselbe es in sein Testament setzt oder vor
andern Kindern begünstigt, ist das zarte Verhältnis aufgehoben oder gebrochen. Ein solches Verhältnis haben zarte Seelen des Christentums nicht nur geahnt, sondern, wie Fenelon, es auch erlebt.
Wer sich aber auf diesen höchsten Gesichtspunkt des Christentums stellt, muß auch keine knechtische Furcht des Kindes vor dem Vater einmischen. Da steckt ein großer Fehler, dessen sich diejenigen
nur allzuoft schuldig machen, die so oft von der Werktätigkeit sprechen, daß sicher dies alles, alles Gnade ist.
Wenn alles Gute, was wir thun, Gnade ohne eigenes Verdienst ist, so ist alles Böse, was wir tun, Zorn Gottes, der uns durch seine Zulassung in diesen oder jenen Verhältnissen mit diesen oder
jenen sündlichen Anlagen ins Dasein rief. —
Nun ist aber die Partie sehr ungleich. Der Vater fordert die guten Werke, und, wenn wir sie nicht üben, droht er uns mit ewiger Verdammnis, also bestraft er bloß uns, und das ist recht, wenn wir
aber Gutes thun, so thun wir bloß unsere Schuldigkeit, Gott belohnt uns aus bloßer Gnade, also belohnt er eigentlich nicht die Menschen, sondern sich selbst. Traurige Verkennung der Ideen und
Gefühle!
Die Wahrheit ist, daß auf dem Standpunkt der himmlischen Kindschaft weder von Furcht noch von Strafen noch von Belohnung die Rede sein kann, sondern daß von Seiten des Vaters und des Kindes alles
aus einer seligen Liebe und wechselseitig geschieht. — Der Vater glaubt sein Kind nicht für seine Liebe belohnt zu haben, wenn er ihm dieses oder jenes Gute zufließen {27}
läßt; das Kind glaubt nicht, einen Lohn zu verdienen, wenn es seine Geschwister liebt und sich aus Liebe für dieselben aufopfert, obwohl es weiß, daß dies Opfer in den Augen seines Vaters
gefällig ist. Dies ist der reinste, höchste himmlische Gesichtspunkt des Christentums.
Alle die aber, welche den Glauben trotz Paulus obenan stellen, ziehen dies reine kindliche Verhältnis in der Kindschaft herab.
Nach dem Altdeutschen
Die Mutter trägt das Kind im Schoß dreiviertel Jahr,
Die Mutter trägt das Kind im Arm ein ganzes Jahr,
Die Mutter trägt das Kind im Herzen alle Jahr.
Und legt der Tod das Kindlein auf die Bahr',
So trägt es — Amen, ja, das werde wahr —
Im Schoß der himmlische Vater immerdar.
Den 17. Mai 1821,
als meine sterbenskranke, liebliche, vierzehnjährige Angelika die ganze Nacht hindurch schrie und wimmerte, daß es einen Stein erbarmt hätte, und ich mich hundert Klafter tief mit meinem
Kopfkissen in die Erde hätte eingraben mögen, schrie ich laut vor Verzweiflung auf: »Großer, erbarmender, liebender Gott, und wenn ich einen Hund hätte, der Wächter hieße, und er hätte mir acht
Jahre hindurch so treu mein Haus bewacht, wie ich dir das deinige bewacht habe, so könnte ich ihn nicht so taub schreien, ächzen und winseln hören, wie du mich und mein armes Kind in diesen
einsamen Nächten schreien und ächzen hörst und uns keine Tür deiner Gnade aufthust! Wie hart, barmherziger Gott, sind deine Prüfungen! Ich soll alles für andere in Liebe erdulden und tragen, —
und mir selbst wird alles, was mich in meinem eigenen Kreise für Verkennung, Hohn, Undank trösten und durch Liebe beglücken könnte, genommen!«
Den 18. Mai 1821
Welche Nacht! Welches Lager! Welcher Jammer! Angelika hat fortwährend irre gesprochen. Ich schrie und verbarg mein {28}
armes Haupt in die Kopfkissen. Die arme Mutter ist nicht aus den Kleidern gekommen. Der kalte Todesengel mit dem sechsschneidigen Schwerte steht wieder vor unserem Lager und, nachdem er uns
bereits fünf Kinder geraubt und sein kaltes Eisen fünfmal ins arme Mutterherz gestoßen hat, ruft er rauh und unerbittlich: »Noch nicht genug!« Er schickt sich grausam an, neben den fünf Wunden,
die noch nicht vernarbt sind, eine sechste zu graben. O lieber Gott, schrie ich, wie kannst du diese Unbarmherzigkeit zulassen und auf all unser Schreien, Ächzen und Stöhnen so wenig hören, da du
doch siehst, daß ich dir als ein redlicher Knecht diene! Es heißt ja doch: »Kann auch eine Mutter ihres Kindes vergessen, daß sie sich nicht erbarmte des Sohnes ihres Leibes? — und so sie sein
vergäße, will ich doch dein nicht vergessen, spricht der Herr!« O gieb doch, gieb, lieber Gott, daß ich diesen schönen Spruch wieder freudig, gläubig und zutrauensvoll beten kann! Du hast ja so
oft auf mein stilles Angstgeschrei in diesem Büchlein gehört, wenn es anderen galt; Allbarmherziger, neige mir auch jetzt dein Ohr und stille diesen endlosen Jammer!
Heute, den 18. Mai 1821, als Hofrat Huschke am Bett der irre redenden Angelika stand, las ich am Fuß desselben von Rosaliens, ihrer Schwester, Hand folgendes geschrieben: »O mein Gott, stirbt
meine arme Schwester Angelika auch (wie der Bruder Eduard vor zwei Jahren gestorben war), so nimm nur auch mich zugleich mit der Schwester aus dieser Jammerwelt!« – – Wie brach mein Herz! O
schwerer, bitterer Kelch des Leidens, den Gott mir aufs neue einschenkt. Vater, so du willst, so gehe dieser Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!
Den 18. Mai 1821. Sonnabends abends um 10 Uhr
Da sie Angelika aus dem Bett heben wollten und das Mädchen sich beklagte, daß sie so schwer fiele, sagte sie: »Weißt du wohl, Eugenie [Eine verstorbene Schwester] war auch so schwer den Tag
zuvor, ehe sie starb!« {29}
Die Tante aus Daasdorf trat an ihr Bett. »Tante — fragte sie dieselbe — warum hast du nicht den Fritz mitgebracht?« Fritz war schon vor zwei Jahren gestorben.
Die Majestät eines unendlichen Schmerzes und die Rolle, welche derselbe in der Schöpfung spielt, und der höhere Adelsbrief des Bewußtseins, den er allein der ganzen Natur verleiht, wird von so
wenigen verstanden, kaum geahnt: — und doch sind Schmerz und Bewußtsein Geschwisterkinder. Könnte der Fels weinen wie ein Kind oder der Baum schreien, wenn die Axt ihn schmerzlich berührte, so
würden auch beide bald aufhören, taub und gefühllos zu sein; ihre Hände würden sie ausstrecken, ihr Herz würde weich klopfen. — Und wieder sagte der Geist zu mir, da ich mich so härmte: »Was
kostet es dem armen Kinde für Schmerzen, Seufzer, Tränen, Ächzen, ehe es seinem Vater, seiner Mutter um den Hals fallen kann und sprechen! Wie teuer sind die beiden kleinen, armen Worte: Lieber
Vater, liebe Mutter! erkauft!«
Und doch ist dies nur die erste Staffel des menschlichen Bewußtseins! Lieber Mensch, und wie magst du die höchste Staffel des himmlischen Bewußtseins ersteigen, wie magst du nun Gott um den Hals
fallen und »Lieber himmlischer Vater!« rufen? Wenn du diese zwei hohen Worte nicht mit Seufzern, Tränen, Angst, Kreuz, Betrübnis, Prüfung aller Art erkaufen kannst? Der Erdball, das Fleisch und
Blut, die Triebe, die derselbe dir verlieh, sind eine Mauer zwischen dir und dem ewigen Licht; diese muß erst einfallen, wenn du zu deinem Urbewußtsein gelangen und in dasselbe zurückkehren
willst.
Sonntag, den 19. Mai 1821, früh 7 Uhr
Der Frühling blüht und überschüttet alles mit seinen Blüten und nun werden wieder, wie vor zwei Jahren, meine Blüten abgeschlagen. Ach, meine arme, arme Angelika! Schon zwanzigmal habe ich dich
in diesen 14 Tagen, mein armes Kind, als tot beweint! — Warum, großer Gott, so frage ich unaufhörlich, müssen die Barmherzigen das Unbarmherzigste, die Liebendsten das Liebloseste erfahren? Die
Nacht von 10 bis 1 Uhr schlief {30}
Angelika, sodann fing sie an zu sprechen, zu ächzen bis früh um sechs Uhr. Da rief mich die Mutter und sagte: »Sie hat Krämpfe, sie kann nicht mehr sprechen!« Sie fuhr unruhig mit den Händen auf
der Bettdecke hin und her. Ich bat sie, mir die Zunge zu weisen. Sie verstand es wohl; aber brachte kaum die Spitze heraus, wie sie es versuchte. Es schien eine Lähmung der Sprechwerkzeuge zu
sein. Mir vergehen die Gedanken. Ich muß heraus, um an ihrem Bett nicht umzufallen.
Die Ausgleichungen in dieser harten Welt sind nur möglich durch die schreiendsten Gegensätze. Durch Gewitter und dumpfe Bangigkeit werden wir in ein kampffreies Dasein emporgehoben, in das
stillheitere Sonnenlicht, in die milde, bessere Witterung der Geisterwelt. Darum müssen die Liebendsten das Liebloseste, die Barmherzigen das Unbarmherzigste erfahren; das ist die grausame Welt-
und Planetenbedingung, mit welcher wir geboren sind. Gott kann sie uns nicht ersparen, verzeihlich ist drum der Seufzer des Elias: »Ich bin nicht besser wie meine Väter! Ich bin müde, am Leben zu
sein! So nimm nun, Herr, meinen Geist von mir!«
Schlaf — Leben — Kampf — Ruhe — Ungewitter — Sonnenschein, stillheitere Witterung — — das sind die physischen Beziehungen dieses unter den härtesten Bedingungen und Gegensätzen rollenden
Planeten. — —
Ich glaube, daß Gott ein großes Beispiel von stiller Ergebung in seinen heiligen Willen durch uns darstellen will; er braucht es in dieser Zeit und hat uns dazu auserwählt. Meine Angst wird bald
vorbei sein. Ich bin der arme Mann, dem sein Rosenfeld und sein Garten verhagelt sind. Aber das Ungestüm des Gewitters zieht vorbei, und die andern freuen sich der lieblichen Witterung, die durch
diese Abkühlung nach der Gewitterschwüle entstanden ist. So geh ich fort und du auch, gute Karoline; da heißt es von uns:
Da ruhen wir und sind in Frieden
Und leben ewig sorgenlos.
Ach fasset dieses Wort, ihr Müden,
Klein ist die Müh, der Lohn ist groß. {31}
Nur Flügel her! Wir müssen eilen,
Nur Trägheit läßt uns hier verweilen;
Dort wartet schon die Engelschar.
Auf, auf, mein Geist, zum ew'gen Lohne
Ertrumpfe dir die Siegerkrone;
Auf, auf, es kommt das Ruhejahr. [Die siebente und letzte Strophe des Kirchenliedes: Es ist noch eine Ruh vorhanden von Joh. Siegismund Kunth.]
So heißt es für mich und für dich bald, liebe Karoline, sehr bald! Aber wenn wir auch zur Ruhe eingehen, so bleibt das Jahr, das lange Jahr der Unruhe des Planeten bei den armen Erdbewohnern,
unseren Brüdern. Auch unser Beispiel, unsere Ergebung, unser blutiger Thränenverlust, unser Schmerz bleibt unter ihnen zum Troste wohnen und wird noch manches brechende Mutterauge trösten,
manches verzweifelte Vaterherz aufrichten und beruhigen. Du weißt es, was ein Mann Gottes ist, o wag' es, Kind, eine Gottesfrau zu sein! Dein Leiden ist groß genug dazu. [Dieser Saz ist in das
Tagebuch einige Zeit später eingefügt worden, als Falk diesen ganzen Abschnitt zum Brief an seine Frau benutzte. Er schrieb ihr unter der Adresse: „An Frau Leg.-Rätin Falk geb. Kreuzträgerin."
Sie war mit dem kleinen sechsjährigen verwachsenen Bernhard nach Würzburg gereist, um ihn in dem orthopädischen Institut des genialen Heine kurieren zu lassen.] Schützt Unschuld, Einfalt,
Reinheit des Herzens vor solch‘ ungeheurem Leiden? Schaut her auf diese arme, vom Schmerz über ihre sechs Kinder so schwer zermarterte, zerkreuzigte Mutter! Denkt ihr durch Lieb‘ und Erbarmen mit
aller Kreatur und gänzliche Hingebung zu einem Werkzeuge Gottes, durch Übernehmung von tausend Not und Sorgen vor solchen entsetzlichen Prüfungen sicher zu sein? Blickt auf mich armen, immer
wieder durch den neuen Verlust blühender Kinder so hart heimgesuchten Vater! Gott will uns damit zeigen und euch, die ihr nach uns übrig bleibt, daß der Schmerz die Grundbestimmung unseres
Planeten ausmacht — und die Majestät des Kreuzes mit der Majestät des höheren Bewußtseins in Gott auf {32}
das genaueste zusammenhängt. O könnte doch der fühllose Stein oder die Pflanze seiner teilhaftig werden!
Den 19. Mai 1921, mittags, — als Angelika
ohne Bewußtsein lag
Es gab einmal einen Roderich Falk;
— — er ist nicht mehr!
Auch gab es eine Cäcilie Falk;
— — sie ist nicht mehr!
Es gab einmal einen Guido Falk;
— — er ist nicht mehr!
Auch gab es eine Eugenie Falk;
— — sie ist nicht mehr!
Noch gab es einen Eduard Falk;
— — er ist nicht mehr!
Wohl gab's auch eine Angelika Falk;
— — sie ist — —
Wie treibt so wild mein Lebensmeer
Mit tausend Ängsten um mich her!
O Vaterherz, von Seufzern schwer,
Brich, daß erklingt die süße Mär:
Johannes Falk — er ist nicht mehr!
Den 21. Mai 1821
Die Nacht verfloß in Angst und Sorgen. Völlig bewußtlos liegt Angelika seit 24 Stunden, mit starren, leblosen Augen und erweiterten Augensternen. Ihr Gesicht ist rosenrot; man muß ihr alles
einflößen. Sie gibt keinen Laut von sich. Welch angstvolle Stunden, welch Jammerbild! Wenn man von einem Missionar unter den Malabaren oder in Afrika hörte, dessen Herz die Wilden auf einen
Hackklotz gelegt in Stücke hackten und immer wieder von neuem anfingen und meinten, daß es noch nicht genug sei, so würden, so müßten wir menschlicher Weise Blut weinen und: desine, carnifex!
ausrufen. – Und ist dies nicht buchstäblich meine und meines armen Weibes Geschichte? Die wir beide nach dem blutigen, so kurz aufeinander erfolgenden Verlust {33}
von fünf blühenden, hoffnungsvollen Kindern jetzt plötzlich am Sterbelager des sechsten knieen! O Gott, mein erbarmender Gott, wie eisern, wie zermalmend sind die Gesetze dieser irdischen
Weltordnung! Welche unbarmherzige, rauhe Welt, in deren Stürmen die Blüten über Nacht so leicht abfallen, während Stein, Holz und rauhe Rinden meist vor jedem Anfall sicher sind. Warum gilt als
Regel der Unbestand alles Schönen? Warum müssen die Barmherzigen das Unbarmherzigste, die Liebendsten das Liebloseste erfahren? Christus sagt: »In der Welt habt Ihr Angst!« Wohl jedem, der die
Welt mit ihm überwunden hat! Ich sitze nun schon den ganzen Tag meinem sterbenden Töchterchen gegenüber, und sie läßt kein Auge von mir! Das Auge meiner Angelika ist gebrochen und mein Vaterherz
auch.
Soeben heute, den 21. Mai 1821, mittags um ½2 Uhr ist meine blühende Angelika, also mein sechstes Kind in meinen Armen selig verschieden, nachdem sie gestern und heute unter den unsäglichsten
Schmerzen, die sie zuvor bestand, völlig bewußtlos dagelegen hat. Ihr letztes Wort war: »Jesus Christus!« Mit diesem Worte ist sie auf ewig verstummt! Wir knieten um die erblaßte Leiche. Angelika
blühte auf ihrem Sterbebett wie eine Rose — und nun sah sie aus wie ein verklärter Engel.
Was ich hier noch schließlich hinzusetze, kann ich vor Gott und den Menschen mit dem heiligsten Eidschwur bekräftigen. Schon vor zwei Jahren hatte ich eine bestimmte Ahnung von dem Tod meines
Eduard.
Ich schrieb es damals förmlich auf. (Siehe die beglaubigten Aktenstücke). [Vergleiche Geheimes Tagebuch Teil I, S. 31] Jetzt ist es mir auf ähnliche Weise mit Angelika ergangen. Wir waren noch im
vorigen Hause, als ich eines Abends um 7 Uhr plötzlich im Widerschein eines polierten Fortepiano eine Erscheinung vor meinen Augen sah, die mich erschreckte. Es war, wiewohl im kleinen, ein
Paradebett, in schöner Beleuchtung mit einer Reihe von Gueridons umstellt. Von unten aus war Alles aufs schönste gefaltet und gepufft, wie es bei jugendlichen Leichen zu sein pflegt. Nur den Kopf
der Leiche konnte ich nicht entdecken. »Was hat dies zu {34}
bedeuten?« fragte ich mich, denn Alles dies geschah, wiewohl bei Lichteranzünden, dennoch von meiner Seite bei völlig offenen Augen. »Es ist deine Tochter!« erhielt ich zur Antwort und
schauderte.
Die vorige Ahnung hatte ich aufgeschrieben. Ein frommer Freund, A. W. zu L., verwies mir dies nachdrücklich und meinte, der Mensch solle sich hüten, solche Eingriffe in das Geisterreich zu tun,
am wenigsten solche Ahnungen niederschreiben, weil er gerade dadurch vielleicht den unsichtbaren Mächten, welche die Welt beherrschen, im Guten wie im Bösen Raum über sich gewähren könnte.
»Leicht aufzuritzen ist das Tuch der Geister«,
sagte Schiller. Also schrieb ich's nicht auf. Aber eine dumpfe Ahnung und Erinnerung dieses Gesichtes befiel mich, als ich ins neue Quartier kam und hörte, daß die erkrankte Angelika sich hatte
müssen hineintragen lassen. Wenn ich nun die Nächte erwachte und Angelika seufzen und ächzen hörte, – stand das schreckliche Gesicht wieder vor meinen Augen, aber ich warf es weit von mir weg!
»Höllisches Blendwerk«, – rief ich, – »ich will nichts von dir wissen! Was hilft es, den Tod eines geliebten Kindes, wie du es bei Eduard getan hast, voraus zu melden, wenn du ihn nicht abwehren
willst oder wenn du nicht dem gepreßten Vaterherzen Mittel an die Hand geben kannst, wodurch ich es selbst imstande bin. Was soll mir diese leidige, verfluchte Zeichendeuterei! Geist, wer du auch
sein magst, du weißt mehr als ich, und du bist doch ohnmächtig, wenn du nicht handeln kannst! Ich will nichts von dir wissen.« – Nun betete und schrie ich im vollen Vertrauen zu Gott, – aber mein
Gebet blieb unerhört, – und wie ich jenes Gesicht, das ich den Meinigen auf das sorgfältigste verschwieg, – erblickte, genau so ist es in Erfüllung gegangen!
O meine Freunde, mit welcher schrecklich tötenden Majestät nimmt mein Leben unter dem Kreuze, das ich führe, seinen Fortgang!
O mein holder Lichtengel Angelika, süßes Kind, so bist du hinüber! Schon vor zwei Jahren stiftete dieses ebenso feurige als fromme und gute Kind, das unaufhörlich selbst trieb, mit {35}
Pauline von Spiegel, der kleinen Kaufmannstochter Grimms und anderen einen Bibel- und Katechismus-Verein. Die jungen Mädchen ihres Alters, die in einigen Jahren eingesegnet wurden, kamen
zusammen, unveranlaßt von ihren Eltern und Lehrern, um wöchentlich in festgesetzten Stunden die Bibel zu lesen und Sprüche auswendig zu lernen. Aus diesem einzigen Zuge kann man ihr frommes,
feuriges Wesen abnehmen. Sie war ebenso fromm als verständig.
Das Geschwister hatte ihr einige Tage vor ihrem Tode ein Maiblümchensträußchen gebracht; sie nahm es in die Hand und sagte ganz ruhig: »Ehe der Mai zu Ende ist, bin ich auch verblüht.«
Als unser Mädchen Helene, die seit acht Jahren in unserem Hause ist, sie hob und sie schwer fand, sagte sie: »Weißt du, Lene, die selige Eugenie war auch einen Tag vor ihrem Tode so
schwer!«
Rührt mich nicht an, ihr falschen Hiobsfreunde, Eliphas, Bildad von Suah, und wie ihr noch heißet! Ich bin verzehrendes Feuer von Kopf zu Fuß, ich bin eine schwarze, inwendig im Feuer der Trübsal
glühend gewordene Kohle, versündigt euch nicht länger an mir und den Meinigen. Vor mir geht der Todesengel mit dem sechsschneidigen Schwert, womit er mir meine blühenden sechs Kinder tötete. Hört
auf die Worte, die der Schmerz mir in den Mund legt, sie sind ein Gesicht deiner Zukunft, mein Vaterland! — Die falschen Hiobsfreunde, die in siebenzig mal vierundzwanzig Stunden Strafe und
Belohnung in diesem Leben berechnen, Hiob, ihn, den Unschuldigen, in einen so kleinen, endlichen Raum einklemmen wollen! O Bildad von Suah, du Thor, warum willst du den majestätischen Eichbaum
der Weltgeschichte in einen Blumentopf einsetzen? Wie versuchst du es, Thor!, Sonne, Mond und Sterne in einen Rahmen einzuzwängen?
Angelika schrie oft vor Schmerz in ihrem Leibe, daß man es über drei Häuser weghörte, dann sang sie liebliche Melodien, z. B. den Hirtenreigen: {36}
Was kann schöner sein,
Was kann edler sein,
Als von Hirten abzustammen! [Diese drei Zeilen bilden den Anfang des bekannten „Hirtenliedes", das Falk selbst gedichtet hat, und das bereits 1803 in sein Schatten- und Marionettenstückchen „Die
Hirten an der Krippe" eingelegt war.]
Fragt die Mutter: »Was singst du, liebes Kind?« Angelika gab zur Antwort: »Es erleichtert mich, liebe, beste Mutter! Nicht wahr, es ist doch besser, daß ich was Liebliches singe, als daß ich
schreie. Ich will auch nicht mehr schreien, ich will mich aussingen!«
Missionen — Heidenbekehrung
Wir schicken jetzt Missionare zum Kaukasus, um die Heiden von Odessa aus zu bekehren! Sehr wohl, sehr christlich! Aber wie steht es mit der Heidenbekehrung in Europa, in Deutschland, Frankreich,
Spanien, Portugal, Italien? Fürchtet ihr nicht, wenn das heidnische Leben so fortgeht und die Säulen im Fundament sacht abfaulen, daß Gott zur Vergeltung Missionare vom Kaukasus an euch
abschickt, um eure Heiden zu bekehren, und zwar mit Feuer und mit Schwert? Es gibt jetzt soviele unter euch, die zu stolz sind, vor dem Namen der ewigen Liebe ihr Knie zu beugen. Wie wenn dir,
stolzes Europa, nun der Herr nach seinem unergründlichen Ratschluß, aus den Sätteln mongolischer und tartarischer Völkerschaften eine Kniebeugung verordnete? [Dieser Ansicht begegnen wir in jener
Zeit öfter. Sie war wohl hervorgerufen durch die Überschwemmung Deutschlands mit den russischen Steppenvölkern im Kampfe gegen Napoleon 1813 und 1814. Bekanntlich hausten die Kosacken und
Tartaren, die russischen Bundesgenossen Preußens, vielfach schlimmer in unserem Lande als die Franzosen.]
Den 23. Mai 1821
Heute früh am Begräbnistag meiner geliebten Angelika, welche zwölf Schüler des Instituts heute nachmittag zur Ruhe zu tragen sich erboten haben, erwachte ich mit dem heftigsten,
herzzerreißendsten Schmerz! »O mein Gott«, schrie ich und rang die Hände, »war es denn nicht genug an den fünf zermalmenden {37}
Steinen, die bereits unser Herz belasten: mußte der sechste auch noch herunter?«
»Herab, herab den zermalmenden Stein!«
O Jesu, mein Heiland, erbarme dich mein!
Ach! und oben auf diesen sechs schweren Steinen sitzt der kalte, fühllose Todesengel mit seinem sechsschneidigen Schwert zur siebenten tödlichen Wunde bereit! In wessen Herz wird nun der Blitz
deines Schwertes zunächst einschlagen? Ach, ich habe einen Brunnen um meine Kinder geweint; wer ist der letzte von uns, der an diesem Brunnen sitzen und seinen Schmerz ausweinen wird? – –
Rosalie, die älteste Schwester, war von Natur schüchterner. Angelika mußte immer ihr die Tür aufmachen, wenn sie in irgendeine Gesellschaft trat. – So macht sie ihr auch die Tür des Himmels
auf.
O du bitterer, bitterer Wermutskelch!
Nun habe ich zwei Stunden geschrieen und geweint! Bald werden sie kommen und flehen und ächzen, daß ich ihnen den schweren Stein vom Herzen herunter nehmen soll, — und mir, und mir werden von der
kalten Hand des Todes immer neue aufgewälzt. Ach, der ungeheure Schmerz, der mein Herz zerpreßt! Ich bin ein elendes Grabesmonument geworden! Alle meine Kinder sind in mir beigesetzt! – Ein
schlichtes, grades, sanftes, feuriges Wesen, jedem Umweg, jeder Krümmung abhold, so liebte, so lebte Angelika! –
Um 11 Uhr kam der in einem Nervenfieber taub gewordene Pastor Zänker aus Einsdorf im Allstädtischen, der sich für Bock, einen armen Knaben, verwendete, dessen Vater sich aus Schwermut das Leben
genommen hat und der deshalb ins Waisenhaus nicht aufgenommen wurde. Er will gern ein Schuhmacher werden. Der Pastor verlor sein Gehör vor zwei Jahren an einem Nervenfieber. Ich nahm dieses Kind
sogleich wieder in Gottes und der ewigen Liebe Namen auf. Barmherziger, warum übst du keine Barmherzigkeit an unserem Kinde? Verzeih dem armen, in den Staub niedergedrückten Erdengeist diese
Kreuzesfrage, worauf die Antwort ausbleibt! {38}
Früher kam der Adjunctus Kugler aus Auma im Neustädtischen, auch ein fünfundsechzigjähriger Kreuzträger. Einmal brannte er zu Himmelfahrt ab, so daß die ganze Ausstattung seiner Frau darauf ging
und er weiter nichts als einen Pfennig in der Tasche übrig behielt. Ein anderes Mal starb ihm ein Kind, nach 13 Wochen seine Frau und dann wieder ein Kind. »Doch«, setzte der alte Mann hinzu,
»erlebte ich auch wieder Freuden. Vor zwei Jahren traute ich selbst zwei meiner Töchter an einem Tage, und in einem Jahr darauf kamen beide an einem Tage nieder mit gesunden Kindern, und ist ihre
Entbindung nur wenige Stunden auseinander gewesen.«
Was weinst du, unglückselige, betrübte Mutter, daß das lange Jammerregister, was sich zu den Füßen deiner Angelika ausbreiten sollte, plötzlich von dem Todesengel zerrissen ist? War es denn ein
ander Schicksal als das unsrige, was uns jetzt tausend blutige Tränen auspreßt, was dein geliebtes Kind auf diesem gebrechlichen Planeten erwartete! Willst du weinen, willst du klagen, daß sie
zur Ruhe eingegangen ist?
Kreuzesfragen
Lang ausbleibende Antwort auf Kreuzesfragen! Als die Unschuld neben den Missetätern am Kreuz hing, als die Liebe das Liebloseste, als die Güte das Grausamste, als die Barmherzigkeit das
Unbarmherzigste erfuhr, da erging die Frage aus dem sterbenden Munde: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Aber die Antwort blieb aus, die Finsternis wurde größer, und Christus
neigte sein Haupt und verschied! Wir aber nach fast zweitausend Jahren haben die Antwort auf diese bittere Kreuzesfrage erhalten; es vergeht kein Sonntag, wo sie nicht durch hunderttausend
Glocken durch ganz Europa gegeben wird.
Den 24. Mai 1821
Gestern Abend sagte der sechsjährige Edmund: »Ich wüßte ein Mittel, wie ich meine Schwester Angelika wieder zurückbekommen könnte. Ich wollte eine recht hohe Leiter machen, sie an den Himmel
setzen. Nachher müßte der Geist heruntersteigen {39}
und wieder zu dem Körper der Angelika kommen, damit er auflebte.« –
Als sich heute meine arme Leidensgefährtin, die Kreuzträgerin, mein gutes Weib, anzog, zeigte sie mir ihre Arme, die so abgefallen waren wie Pfeifenstiele, die Haut am Leibe, wo die Rippen alle
zusammen durchschienen. »Es ist kein Wunder«, – schrie ich, als ich diesen jammervollen Anblick sah, – »arme Mutter, der heißhungrige Geier des Grams hat dir all dein Fleisch vom Leibe
heruntergefressen; er nagt ja Tag und Nacht an uns!« –
Schauderlich ist das Gefühl in meinen erwachsenen und bewußten Kindern, was auch in der seligen Angelika bis zu ihrem Ende herrschend war: »Deine eigenen Kinder müssen doch alle fort, Vater,
damit die fremden Kinder desto mehr Platz im Hause haben!« – Es ist herzzerreißend, dies aus dem Munde der Kinder zu hören, und noch herzzerreißender, wenn man bedenkt, daß bereits sechs von
ihnen uns in die Ewigkeit vorangegangen sind.
Eh' Immediatkommission über die Schulen gehalten wird, halte ich immer erst zuvor mit Homer, Shakespeare, Plato, Goethe, Herder, Wieland und der ganzen Schule, worin ich gebildet bin, eine
Immediatkommission! Und wo diese »Ja« sagen, bekümmert mich das »Nein« eines ganzen Konsistoriums nichts!
Christus, Gottes Sohn!
»Ich bin der Weg und das Leben!« – Die Beweisführung, daß er Gottes Sohn sei (Siehe Johannes), geschieht weder durch Verweisung auf den Stern von Bethlehem oder die unbefleckte Empfängnis oder
auf irgendein anderes Wunder. Im Gegenteil sagt er mit einem Seitenblick auf das wundersüchtige Volk: »So ihr nicht Zeichen und Wunder sehet, so glaubet ihr nicht!« – Alle Beweisführung von außen
ist nur mechanisch; Christus will uns den Vater von innen erleben lassen. Diese Beweisführung kann nur auf dem Weg der inneren Heiligung zustande kommen. Daß er vom Vater ausging als Sohn, dafür
sind die Werke der Liebe, die er ausübt, der beste Beweis. Seine ganze Lehre ist {40}
allumfassende Liebe, Barmherzigkeit mit aller Kreatur und Natur, die ja alle nur einen Gott und einen Vater haben. Wir sollen uns an unsern Freunden zu Tode lieben, weil sie ja selbst auch noch
Gottes Kinder sind. »Niemand hat größere Liebe, als daß er sein Leben läßt für seine Freunde!« Gleichwie Christus das Leben für die Brüder gelassen hat, also sollen auch wir das Leben für die
Brüder lassen. »So ihr meine Lehre tut, sollt ihr inne werden, ob sie von Gott sei.« Was kann Gott anderes wollen als Liebe und Erbarmen mit aller Kreatur und Natur, die er geschaffen hat? Was
ist aber alle Sünde anderes als Lieblosigkeit, die ich an meinem Nächsten verübe und eben dadurch seinen oder meinen Frieden kränke? Christus lehrt uns den Weg zum Vater, zum Frieden Gottes, der
höher ist als alle Vernunft; wir sollen den Vater erleben, nicht durch Zeichen und Wunder! –
Wir können Christus, wir können auch den Teufel auf diesem Wege erleben. Beeinträchtigen wir den Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, in unserem Gewissen durch Worte des Hasses, des
Streites, der Lieblosigkeit, so sind wir dem unbewölkten Äther, worin Gott wohnt, plötzlich entrückt und erregen Stürme in unserem Busen, die fortrasen, wenn auch unser äußeres Leben nichts als
Sonnenschein darstellt. Weder der Vater noch der Sohn können alsdann zu uns kommen und Wohnung bei uns machen. — Im Gegenteil können von außen die heftigsten Stürme wüten, wenn von innen der
Sonnenschein eines reinen Bewußtseins nicht ausbleibt. Diesen reinen, unbewölkten Äther unseres Busens soll nach Christi Vorschrift kein Wölkchen trüben. Selbst den Schatten jeder Lieblosigkeit
sollen wir verbannen. »Wer ein Weib ansieht, sie zu begehren, der hat schon die Ehe mit ihr gebrochen in seinem Herzen!« – Vergifte deinen Vater! Lüge, trüge! Wie wird es um den Frieden Gottes in
deinem Innern aussehen? Du wirst den Teufel, aber nicht Gott in deinem Innern erleben.
Bist du aber in diesem reinen, unbewölkten Äther deines Busens, wo die eigentliche Wiege mit dem schönsten Stern von Bethlehem steht, zugleich mit der Menschwerdung Gottes auch der {41}
Wirkung des Gottesfriedens aus dem unmittelbaren Verkehr mit Gott gewahr geworden, so hast du Gott erlebt; der Vater ist in dir nebst dem Sohne und du in ihm, und beide werden ebenso gern zu dir
kommen und Wohnung bei dir machen, als das natürliche Licht zu deinem natürlichen Auge kommt. Es ist nämlich ein Auge Gottes in dir, das alles sieht und alles hört; denn die große Erde mit all
ihren Gütern, o Mensch, ist nur ein schmerzliches Sandkorn in diesem Auge, was sich zwischen dich und Gott stellt und dir die höchste Aussicht verdunkelt. Die Leidenschaften machen uns blind, wir
sehen Gott nicht mehr in der Nacht, die uns umgibt; die Wolken, welche die Stürme von allen Seiten erregen, entziehen uns seinen tröstenden Anblick. Dies ist die wirkliche Verfassung der Seele,
welche mit Blindheit geschlagen ist; ganz anders ist es aber mit der scheinbaren Verlassenheit der Seele im Sturm oder Gewölke, was die Welt von außen gegen die Kinder Gottes zusammentreibt, oder
auch in Trübsal oder Prüfungen, wie die des Hiob oder Abraham, wo Gott absichtlich aus unsern Augen entschwebt, um die Herrlichkeit und Treue unseres Glaubens zu bewähren. –
Das innere Auge Gottes, den Verkehr mit dem inneren oder dem höheren Licht werden wir aus dem unstillbaren Schmerz (Gewissensvorwürfen) gewahr, der uns jedes Mal befällt, wenn wir den Frieden
Gottes, d. h. die innere Sehkraft dieses Himmelsauges verletzen. Da bewölkt sich plötzlich der reine Äther, Gott ist nicht mehr in uns und wir in ihm, wir haben den heiligen Geist in uns betrübt;
wir erregen selbst Sturm, worin Gott sein Angesicht vor uns verbirgt; die Krippe und der Stern von Bethlehem sind verschwunden; die Menschwerdung Gottes in uns durch die Erfüllung seines heiligen
Willens, durch stille Ergebung in die Wege seiner heiligen Vorsehung wird nur zum Spott, und wir fühlen unsere Seele in die Nacht trostlosen Zweifels verschlagen.
Da Hofrat Völkels Logis offen geworden war und im Wochenblättchen stand, so schickte ich Glaser zu dem Gürtler, Herrn Straube hin und ließ fragen, wie viel es kostete. Die {42}
Antwort war 130 Thaler. »Aber«, – setzte der Wirt hinzu, – »es ist doch nicht etwa für den Herrn Rat? Da ist es nichts, Gott soll mich vor dem Kinderspektakel in meinem Hause bewahren!« –
Den 5. Juni 1821.
Madame Levi sagte zu dem kleinen sechsjährigen Edmund: »Was hast du doch für schöne, rote Stiefelchen, Edmund?« – »Es wäre besser«, gab das Kind zur Antwort, »ich hätte sie nicht! Sie gehörten
einst Angelika!« – »Es ist unmöglich!« – »Sie können es mir glauben, sie hatte einen so kleinen Fuß!« –
Zu Guthardt, der ihn immer etwas barsch behandelte und ihm in Ferdinands Stube sagte, daß er gehen sollte, sagte er: »Einmal ist es nicht deine Stube, und wenn du mir sagst, daß ich gehen soll,
so bleibe ich; wenn du mir aber sagst, daß ich bleiben soll, so gehe ich!« –
Den 6. Juni 1821
Totenkanzel ins siebente Jahr,
Auf den blutigen Opferaltar
Des Vaterlands leg' ich die sechste Bahr'!
Und noch werd' ich kein Ende gewahr
Von der blutgen Todesgefahr
Dieses Volks, das einst ein Zar
Und der mongolische Tartar
Heilen muß vom schwarzen Star! [Vergleiche oben Seite 36: „Missionen, Heidenbekehrung.“]
Den 8. Juni 1821
schrieb mir Herr Pastor Labes aus Ramsla, indem er sich für ein Paar arme, in der Umgebung eines liederlichen Vaters, eines Gottesverächters, zu Grunde gehende Zwillinge, Drehmann genannt,
verwendete, folgendes: »Möge der Allbarmherzige durch den Anblick der jährlich größeren Anzahl geretteter armer menschlicher Wesen, die, von Vater- und Mutterhänden {43}
verlassen, durch Sie für seinen Himmel gewonnen werden, Ihnen, verehrtester Menschenfreund, für die namenlosen Leiden eines verwundeten Vaterherzens, die Ihnen sein unerforschlicher Rat
wiederholt aufzuerlegen beschlossen hatte, eine reiche Erquickung und Trost bereiten!«
Den 7. Juni 1821
kehrte der erzwilde Junge Klopffleisch aus Jena, der ein halbes Jahr im Kriminal gesessen hatte, von seiner zweijährigen Wanderung aus Potsdam zurück; er war ordentlich und gesittet in seinem
äußeren Ansehen; mit seinem Wanderbuch bestand er ebenfalls ohne irgendeine nachteilige Anmerkung; er versicherte im herzlichsten Ton, er habe tausendmal unterwegs an Weimar gedacht und Gott für
seine wunderbare Errettung aus Ketten und Banden unter freiem Himmel und auf seiner Wanderung gedankt. – Um dies Gefühl zu verstehen, muß man wissen, daß Klopffleisch bereits als dreizehnjähriger
Knabe wegen schwerer Vergehungen, von Polizei und Gerichten verfolgt, ein halbes Jahr im Kriminalgefängnis zu Weimar saß, wo ihn Herr Konsistorialrat Horn besuchen mußte. Nach diesem taten wir
ihn in die Werkstätte des Schuhmachermeisters Straubing allhier. Er wanderte jetzt bloß seiner Militärpflichtigkeit wegen in Weimar ein, um ein neues Wanderbuch zu lösen. Sodann geht er nach
Frankfurt, Köln, den Rhein herunter. Einmal, als Klopffleisch von der Polizei in Jena verfolgt wurde, die vor dem Hause stand, warf er Stiefel und Rock vom Dache und sprang in den Graben. Sodann,
als sie ihm nachsetzten, schwamm er durch die Saale. Er erzählte auch von dem wilden Erdmann aus Jena, daß es diesem recht wohl ging und daß er zu Dresden als Bäcker arbeitete. – Der Junge
verfaulenzte seine Seele; ein Kerl, der die Werkeltage verfaulenzte und die Sonntage werkeltagte.
O der unerbittliche Tod, wenn er die Sehkraft eines geliebten Auges gleichgültig verglast und wir es als Ohnmächtige erdulden müssen. Die dreifachen Narren, die glauben, daß die Melodie dieses
Lebens in einem süßen Mollton gesetzt sei, weil es Rosenlauben, Küsse und Trauben gibt, während die Sturmwinde von Berg und Tal im rauhsten Durton umherrasen und {44}
uns mitten im Frühling unsere schönsten Blüten abschlagen und zu Füßen legen.
Politik
Als ich zum erstenmal Napoleon mit seinen blutjungen Generalen und Marschällen zu Weimar 1806 seine Pferde an die Kolonnaden des Schlosses in Weimar anbinden sah, kam mir das Ganze wie ein Auszug
junger Brauseköpfe von Studenten von der Universität Jena in das feste Lager vom Horn vor. Die Weisheit der Alten hatte zu Paris in den Nationalversammlungen Bankrott gemacht. So kamen denn
freilich überall die jungen Leute, die durch Konskription und Anstellung im Heer die größten Opfer zu bringen gezwungen waren, an die Reihe und nahmen unter dem zwanzig Jahre in Europa
fortgesetzten Kanonendonner das Wort. Es galt eine Wiedergeburt. Jünglinge ordneten das Geschick von Europa. Diese Gärung wäre vielleicht noch lange fortgegangen, hätten sich nicht von Asien aus,
als dem ältesten Weltteil, nach dem Brande von Moskau die ehrwürdigen Leute von Abraham, Isaak und Jakob in das Spiel gemischt und den jungen, feurigen Leuten in Europa durch die orientalische
Stagnation der Formen ein wenig das Handwerk gelegt und so den Süden vor einer gänzlichen Auflösung bewahrt. Unter solchen Umständen, nämlich mit Abraham, Isaak und Jakob, mußte natürlich auch
der alte Senior Blücher wieder zu Ehren kommen. [Auch hier streift Falk die Idee, daß die Wiedergeburt Europas von Osten her geschaffen wurde. Es ist mehr geistreich als historisch wahr
gesprochen. Er vergißt das wichtigste Moment im Befreiungskriege, die gewaltige Volkserhebung Preußens.]
Donnerstag, den 14. Juni, abends um 7 Uhr
Mein Todesengel
Wie heißt der freundlich holde Engel,
Der steht vor meinem Lager da?
Er führt mich aus dem Land der Mängel;
Sein Nam' ist, wißt, Angelika!
Er winkt so selig, so verkläret {45}
Dem lebensmüden Wand'rer zu;
Gewiß ward mein Gebet erhöret,
Sein Lächeln führt auch mich zur Ruh!
Bald bin ich allem Gram entnommen;
Da, Mutter, ist dein Eduard; Eugenie,
Bist du auch gekommen?
Du führst Cäcilien sanft und zart!
Wie könnt ja auch in nichts zerstäuben
Des Guido zärtliche Gestalt?
Ich soll nicht länger außen bleiben;
Ihr winkt, wohlan, ich folge bald!
Dich mußt ich früh dem Himmel senden,
Mein armer, kleiner Roderich;
Ihr führt einander an den Händen;
Angelika, komm, führe mich!
Nun sind der Wunden g'nug geschlagen,
Genug des Bluts am Sühnaltar;
Mich in des Vaters Schoß zu tragen
Erscheint die fromme Botenschar!
Sechs Engel führen unsern Reigen!
Ist dies des Todes Schreckgespenst?
Ich fürchte nicht dein ernstes Schweigen,
Wenn du Angelika dich nennst!
Komm, Kind, Dich an mein Herz zu legen!
Das ist der Schmerz, den ich empfand,
Als leis in schmerzlich süßen Schlägen
Dein Herz an meinem stille stand.
Juni 1821
Wer verwandelt die Wasser und Meere in Federn und Flocken, daß sie gefrieren und niederschneien, bis die ganze Erde ein Bett wird?
Den 13. Juli 1821
Ich bin der Johannes Falk genannt,
Von der Ostsee kam ich ins Thüringer Land. {46}
Ich bin unseres Herrgotts Fiedelbogen;
Gar straff hat er mich aufgezogen
Und spielt ein Stück mit mir aus Dur,
Daß allen durch Mark und Gebein es fuhr!
Lustig, wie sie sind, lieb- und weintoll,
Hätten sie es freilich lieber aus Moll!
Aber nur Geduld, liebe Seele, Geduld!
Du stehst ja nicht ewig am Notenpult;
Und ist das Stück zu End' erst ganz,
Dann löst sich die schneidendste Dissonanz
In die seligste Harmonie!
Das glaub' und hoff und verzage nie!
Den 29. Oktober 1821
Was schadet es, wenn sie uns mit Dreck werfen? Das Licht hat das Eigene, daß es den Dreck trocknet, auch wenn man von Kopf zu Füßen damit beworfen wird. Darum ist es gut, im Lichte zu wandeln,
weil das Licht zugleich auch die Wärme in sich schließt.
Oktober 1821
Wie ist doch Gott so nachsichtig mit aller Kreatur und Natur, indem er jedem Geschöpf seinen eigenen Gang anordnet und es auf ganz verschiedenen Wegen zu sich führt. Der Hirsch umläuft den Wald,
die Sonne umläuft den Himmel, mit der Schnecke geht es langsamer vorwärts als mit den beiden, und doch kommen alle drei zu dem ihnen von Gott vorgesteckten Ziel. — Ebenso, wie mich dünkt, ist es
auch mit dem großen Seelenreich, mit den Stufen der verschiedenen Erweckung: da gibt es ebenfalls Schnecken, denen man die Engelflügel nicht abfordern darf, ohne eine große Ungerechtigkeit
auszuüben.
Den 30. Oktober 1821
Heute abend war ich bei dem Fräulein von Baumbach, erster Hofdame von der Großherzogin Louise. Sie erzählte mir, die Großherzogin sei sehr leidend, sie stehe die Nacht auf und könne keine Luft
bekommen. Sie habe Huschke, ihren Leibmedikus, {47}
gefragt, ob sie die Brustwassersucht bekomme. Dieser gibt ihr zwar allerlei Mittel, allein die Gifte schlagen nicht an, weil sie von jeher gewohnt ist, Arznei zu nehmen und zwar täglich. Auch
versteht sie Latein, sie hat es von Herder gelernt. Sie beschäftigt sich mit Botanik und, wenn sie einen lateinischen Namen liest auf einem Rezept, was sie nicht will, so schiebt sie es zurück.
[Diese Mitteilung ist wohl in Rücksicht auf Falks Traum, den er oben (vergl. S. 21) aufgezeichnet hatte, hier wiedergegeben worden]
Den 7. November 1821
Heute erhielt ich einen Brief von Dr. de Valenti aus Stadt Sulza, worin er mich wegen seines vorjährigen Briefes, den ich unbeantwortet ließ, um Verzeihung bittet. [Vergleiche Geheimes Tagebuch
Teil I, S. 61 u. f.] Der Streit, soviel ich darin wahrnehmen kann, betrifft die Art der Predigt. Herr Dr. de Valenti meint, der Protestantismus sei untergegangen in der Welt, weil man aufgehört
habe, Christum, den Gekreuzigten, zu predigen, der für unsere Sünden am Kreuz geblutet habe. Man muß glauben, daß das bloße Moralpredigen es sei, was der Welt und den Staaten und dem
Protestantismus den Untergang bereite. Hier ist aber in das Predigen eine Wichtigkeit gesetzt, die es von Natur nicht hat und niemals haben kann. Das Wort vom Kreuz, das blutige Opfer ist in den
katholischen Kirchen genug verkündet. Steht es darum etwa besser in den katholischen Kirchen als in den unsern? Ich bemerke nichts davon. Die Lösung der ganzen Aufgabe steckt darin, daß die
Predigt, weder die vom Gekreuzigten, noch die Moralpredigt, eine That sei: im Gegenteil aber möchte wohl in jeder frommen That eine Predigt liegen. An Christum glauben, wenn dieser Glaube nicht
bloß wieder in einen Streit von auswendig gelernten Worten ausarten soll, heißt glauben, daß es ein weinendes Mutterherz Gottes, ein Erbarmen gibt mit aller Kreatur und Natur. —
Wie das Mutterherz sein Blut in Milch verwandelt, so sollen auch wir unser Blut mit Freuden hingeben und es in Nahrung für unsere Brüder verwandeln. Eine solche Predigt vom Gekreuzigten besteht
nicht in rednerischen Worten, sondern es ist dieselbe, {48}
die Kreuzigung, die Nachfolge Christi selbst! – »Liebestod!« das ist der Fluch dieser Zeit. Und wenn ich mit Menschen- und Engelzungen redete, vom Kreuz oder vom Gesetz, alles eins, und hätte der
Liebe nicht, d. h. ich handelte nicht, so wäre ich ein klingendes Erz und eine leere Schale.
Verdienst kann ein Kind innehaben in seinem Verhältnis zu einem guten, liebenden Vater. Und was ist die Liebe, die nicht handelt, sondem wo sie handeln soll, die Hände in den Schoß legend mit
süßen Worten schwätzt? Von allem, was handelt, lieber Doktor, steht ein Scheinbild in der Zeit. Mit diesem Scheinbild des Johannes Falk haben Sie vor einem Jahr ritterlich gefochten, ja, sie
glaubten sogar, sie thäten Gott einen Dienst daran. Verzeihen Sie darum, daß ich Ihnen nicht antwortete. Die Zeit hat es statt meiner gethan; denn Sie sind von selbst indes zu einer besseren
Gesinnung zurückgekehrt. Es soll Ihnen alles vergeben sein. Ich füge nur eine Lücke hinzu. Bei der Heftigkeit Ihres Charakters, wo es Ihnen schon öfter begegnet ist, frommen und edlen Menschen
weh zu tun, weil sie nicht auf einer und derselben Linie der Überzeugung mit Ihnen ständen, bedenken Sie doch dreierlei, nicht meiner, sondern Ihrer eigenen Seelenruhe wegen: 1. im Namen Gottes
des Vaters, daß eine Zeit kommen wird, wo nach dem eigenen Ausspruch Jesu Christi der Vater wird größer sein als der Sohn, 2. im Namen Gottes des Sohnes, der nie und nirgend ein allein
seligmachendes System, sondern bloß den Standpunkt der ewigen Liebe zwischen uns und dem himmlischen Vater aufstellte; lassen Sie doch ja nicht in Beurteilung anderer, die in Glaubensmeinungen
von Ihnen abweichen, den herrlichen Spruch des Meisters:
mé krinete, hina mé kritéte
aus den Augen! – 3. im Namen des heiligen Geistes, der in unserer Brust seine Wohnung hat und älter ist als alle griechischen Buchstaben, die wir durch ihn erst verstehen und denken lernen:
suchen Sie den Verfall der Kirche und des Staates nicht da, wo er nicht zu suchen ist, weder in Moralpredigten, noch in der Predigt vom Kreuz, die ja auch, wo sie in noch so gläubigen Worten
besteht wie wir in der katholischen Kirche seit Jahrhunderten häufig {49}
genug zu sehen Zeit und Gelegenheit haben, keine wahrhaft gottseligen Wirkungen hervorzubringen imstande ist. Die Predigt ist keine That, weder die vom Kreuz noch die von einem Moralkatheder,
aber die That ist eine Predigt. Bemühen wir uns von Christus zu predigen, der nie beredter war, als da er im stummen Schmerz sein Haupt neigte, seinen Feinden vergab und verschied. –
Wir haben lange genug von Pflichten geschwatzt. Lassen Sie uns nicht wieder in ebenso ekelhafter Länge vom Kreuz schwatzen. Hüten wir uns vor dem schrecklichsten Mißbrauch der Versöhnungslehre,
der eigentlichen Sünde wider den heiligen Geist, der felix culpa, der Verfolgung, dem Sektengeist. Soll das Blut Jesu Christi uns von Sünden rein waschen, so müssen wir es uns innigst zueignen,
d. h. wir müssen selbst wie ein weinendes Mutterherz unser Blut für die Brüder verwandeln, also eine Mutterbrust werden, die nicht mit ledernen Worten des Pergaments, sondern mit der lauteren
Milch des Evangeliums die Kinder nährt und tränkt. In diesem Fall aber — dem einzigen, unter dem eine Zurechnung des Verdienstes Jesu Christi, d. h. des grundlosen Erbarmens Gottes mit uns
stattfinden kann — predigen wir nicht bloß Christum, den Gekreuzigten, mit Worten, sondern wir sind die Kreuzigung selbst; denn seine Liebe in Thaten darzutun ist eine Aufgabe, die schnurstracks
wider das Fleisch ist. Die Gottwerdung des Menschen läßt uns ahnen, daß Gott Mensch werden kann: »Glaubt gern an Götter, weil er göttlich ist!«
Ich bin ein Seelenarzt. Wie der leibliche Arzt es sich gefallen lassen muß, wenn er zu einem Patienten kommt, seinen Puls fühlt und ihn bittet, die Zunge zu zeigen, und dieser ihm ins Gesicht
spuckt: wie dieser, sage ich, nicht böse, sondern ganz gelassen sein Gesicht abwischen und sagen muß: »Das habe ich erwartet«, so ist es auch mir oft genug begegnet. Nun besitze ich zwar, Gott
sei Dank, die Seelenverleugnung, die dazu gehört, um mir von Menschen, die mir die größten Wohltaten schuldig sind, die größten Schandtaten nachreden zu lassen. — Aber diese Gelassenheit ist
weder bei meiner armen Frau noch bei meinen Kindern anzutreffen, sie, welche den ganzen Umfang von {50}
Aufopferung kennen, welche ich in diesen neun Jahren redlich gebracht habe, ach! sie verzehren sich oft in Fieberhitze über die ihrem Vater widerfahrenen unverdienten Mißhandlungen, und ich kann
es nicht abändern! (Vergleiche die Aktenstücke von Katharina Roßbach, Ferdinand von Henig und die Artikel »Märtyrerkrone«). —
November 1821
Es ist ein guter und ein böser Engel im Menschen — von Natur ist der Mensch weder weiß noch schwarz, sondern weiß und schwarz zusammen, wie ein preußischer Schlagbaum.
Den 14. November 1821 (Donnerstag)
Nachts um 11 Uhr. Ich kam Montag von Erfurt zurück. Ich hatte Gabrielchen gesund am Sonnabend zu Mittag verlassen. [Gabriele war das jüngste Töchterchen Falks, das damals vier Jahre zählen
mochte.] Kirchner [Kirchner war neben Denner der tüchtigste, anhänglichste Schüler und Jünger Falks. Er war einer der Sendboten, die Johannes Falk zur Sammlung von Subskriptionen und
Pränumerationen auf das von ihm angekündigte „Vaterunser" aussendete (s. S. 20). "Fromme Liebesboten, welche den Inhalt des Büchleins in Kopf und Herz mit sich herum trugen und überall, wohin sie
kamen, durch ihre Herzenseinfalt der Anstalt und sich selbst Freunde erwarben." – Nach dem Tode seines Lehrers und Meisters ward Kirchner von Dr. Leithoff, Gründer eines orthopädischen Institutes
in Lübeck, angenommen, der ihn Botanik studieren und die Kunstgärtnerei erlernen ließ. Er hat bis zu seinem Tode mit den letzten Töchtern Falls, Rosalie und Gabriele, in freundschaftlichem
Briefwechsel gestanden und hat seine Treue gegen die Familie seines Wohlthäters nie verleugnet.] empfing mich mit einem bedenklichen Gesicht: Gabrielchen liege. Ich ging hinauf mit klopfendem
Herzen, ich trat vor ihr Bett; Lene sagte mir, es sei ein Scharlachfieber. Doktor Mirus aber, den wir mußten holen lassen, weil dem Hofrat Huschke wegen der fürstlichen Kinder zu kommen verboten
war, sprach es als eine Art Röteln an. — Montag, Dienstag war Gabrielchen sehr heiter; sie saß im Bett, sie spielte, ich schenkte ihr einen preußischen Thaler, worüber sie sich ausnehmend freute.
Mittwoch kam ein Brief von der Mutter an, den Hofrat Schwabe mitbrachte von Würzburg, nebst einer {51}
ganzen Schachtel voll Spielzeug. [Frau Falk weilte seit dem Sommer 1821 mit Rosalien und dem Kleinen sechsjährigen Bernhard in Würzburg, um dieses Kind in dem ortho pädischen Institute Heines
furicren zu lassen f. G. 31. Die beiden jüngsten Kinder, Edmund und Gabriele, waren bei dem Vater in Weimar geblieben.] Das Kind ließ sich Kerzen holen und spielte und scherzte. – Donnerstag war
sie den ganzen Tag sehr knurrig. Sie weinte oft. Selbst Lene konnte sie schwer beruhigen. Die Mandeln liefen ihr an, sie hatte keine Luft in der Nase und, was gar nicht ihre Gewohnheit ist, sie
schnarchte! Lene hielt es für die Halsbräune. Sie beschwor mich mit tausend Tränen, sogleich zu Hofrat Huschke zu laufen; der Hals wurde zusehends dicker. Zuweilen ächzte das Kind. Mein Herz
wollte brechen. Ich stürzte durch die Nacht über die Straßen zum Arzt. Die Mutter abwesend — die das schwere Opfer dem armen Bernhard bringt, sich vielleicht ein Jahr lang von den Ihrigen zu
entfernen: Gott! wenn indes die beiden jüngeren Kinder, die sie mir gelassen hat, dahinsterben! Muß denn immer eine Leiche auf der Schwelle liegen, wenn ich Weimar betrete! Ich seufzte, ich
ächzte! Mir war völlig zu Mut wie bei der Krankheit Angelikas! Ich war so ganz satt! O mein lieber Gott! Du wirst mich nicht verlassen — ich glaube, wenn ich mein armes Herz auf die kalten Steine
legte durch alle Straßen, die ich in der Novembernacht durchirre: ich müßte Erbarmen und Mitleid finden. Hofrat Huschke konnte nicht kommen wegen der fürstlichen Kinder und weil die Großfürstin
schon in einigen Tagen nach Petersburg reiste. Ich sollte zu Mirus gehen und den zu ihr schicken. Nun nahm ich Mirus mit ins Haus. Er hielt den Schlaf für gesund, beruhigte Lene und meinte, es
sei außer Gefahr, wir sollten uns ruhig zu Bett legen. »Ach!« — schrie Lene verzweifelnd — »Sie kennen diese Kinder nicht! Wenn sie sich einmal legen, so sterben sie auch!« — Es ist zwölf Uhr.
Ich bin noch wach. Ich zittere, ich bete bei jedem Atemzug des Kindes, bei jedem unruhigen Laut, den es im Schlafe von sich gibt. {52}
Freitag früh (den 15. November)
Endlich scheint mir das Licht wieder nach einer schmerzlich durchweinten und durchseufzten Nacht, wo mich jeder Laut des Kindes erschreckte und an ähnliche Schreckensnächte, die ich mit meinen
Abgeschiedenen verlebte, so angstvoll erinnerte. Meine liebe Angelika, meine liebe Eugenie! hab' ich gesagt, ich hätte sagen sollen: Meine lieben Thränen, meine lieben Seufzer, meine liebe
Herzensangst! Sogar im Schlaf fuhr ich auf und träumte von solchen Lauten, wenn das Kind still war und mich einen Augenblick die Natur übermannte. Jedes Knarren der benachbarten Wetterfahnen,
jedes Geräusch im Hofe wurde von meiner ahnenden Seele gedeutet. O! es ist schrecklich, wenn man wie ich sieben offene Wunden in seiner Seele hat; jedesmal, da eine neue aufgeht, bluten auch die
alten wieder! — O! ich meinte, als ich gestern abend in der feuchten Novembernacht die Straßen durchirrte und ärztliche Hülfe suchte, als ich um 11 Uhr noch verstört in Hofrat Völkels Stube trat,
weil ich glaubte, Huschke wohne noch dort, der nicht kommen durfte der fürstlichen Kinder wegen, weil diese die Ansteckung scheuten: ich meine, diese Steine, die mich so oft, durch Todesangst von
dem Sterbebett meiner Kinder aufgetrieben, nächtlich in ihren Straßen irren sahen, sie müßten Mitleid und Erbarmen mit mir fühlen, wenn ich mein zerbrochenes Vaterherz auf ihre kalte, feuchte
Schlafstätte niederlegte. Hat sich irgend eine Mutter durch Tränen und Blut ein Anrecht auf Liebe von ihren Kindern erworben: oh so darf ich als Vater nicht zurücktreten; auch ich habe die Meinen
mit Tränen und Blut erkauft. Ja, ihr holden abgeschiedenen Kinder, ich habe euch so gut wie eure Mutter aus einem blutig zerrissenen Herzen geboren:
Durch Schmerz und Jammer muß sich Lieb' hier ausgebären;
Und kam ein Engel gleich, euch zu verklären,
So sollt ihr mir doch ewig angehören:
Denn ich erkauft euch ja mit Blut und Zähren!
Ich bin so voll, ich meine, es müßte mir alles zerspringen. Der Doktor verschrieb mir ein Rezept: das Lächeln meines Kindes! {53}
Sonnabend früh, den 16. November 1821
Ich habe in anderthalb Tagen vor Herzensangst und gallenbitterem Geschmack im Munde keinen Bissen gegessen und getrunken. Der Doktor verschrieb mir was, irgend ein Rezept, ein Lächeln meines
Kindes! Gestern abend lächelte mein krankes Kind, meine Gabriele; da hatte ich wieder Eßlust und Schlaf. Heute morgen um 4 Uhr wurde sie wieder sehr unruhig. Sie seufzte. Der Husten setzte ihr
sehr zu. Ich mußte mich in mein Kopfkissen hüllen und beten und weinen. Der Schmerz überfiel mich aufs neue und riesenmäßig. Jammervoll war es, wenn das Kind zuweilen in der Angst ausrief: »Meine
Mutter soll kommen!« Ach! Seine Mutter war in Würzburg, und wir durften ihr an sieben Wunden blutendes Herz [Sechs Kinder waren gestorben, die siebente Herzenswunde war das unglückliche
verwachsene Kind.] diesen neuen Schmerz, der uns drückte, kaum ahnen lassen. – – – Schon so lange bedrückst du mich, grausamer Schmerz! Schon sieben [Soll wohl „sechs“ heißen.] Leichensteine hast
du mir aufs Herz gelegt, und immer ist's noch nicht genug: wann wirst du mich endlich in den Boden drücken?
Den 17. November 1821
Die Mutter an ihre Kinder [Ursprünglich hießen die Ueberschriften: „Der Vater an seine Kinder" und die Kinder an ihren Vater." In der That sind ja die Hauptgedanken der Gedichte denen, die Fallk
am fünfzehnten November auf sich bezieht, gleich. Die Gedichte sind dann unter den neuen Überschriften verbessert und erweitert wohl später an die Gattin abgesendet worden.]
Hör' ich niemals auf zu weinen?
Hör' ich niemals auf zu klagen?
»All ihr meine lieben Kinder!«
Können andere Mütter sagen.
Ich, von Jammer ganz zerschlagen,
Zwischen sieben Leichensteinen
Sitzend bei des Mondlichts Tagen,
Ach, ich kann nur zu den Meinen: {54}
»All ihr meine lieben Seufzer«,
»All ihr meine bittren Klagen«,
»All ihr meine blutgen Tränen« —
Ja — so muß ich ewig sagen!
Die Kinder an ihre Mutter
Mutter! wolle nicht verzagen,
Prüft dich Gott in Erdentagen!
Auf die dunklen Kreuzesfragen
Wird Angelika, Cäcilie,
Guido, Roderich, Eugenie
Und dein Eduard auf Schwingen
Eines Engels dir erscheinen
Und dir eine Antwort bringen,
Die dir ewig stillt das Weinen.
Weine nicht, geliebte Mutter!
Keins ist ja von uns verschwunden,
Keines ist von uns verloren;
Menschenjahre sind nur Stunden!
Alle stehn wir an den Toren
Hier des Himmels euch erwartend,
Sieben Palmen in den Händen
Dich, Rosalie, und den Vater,
Den mit solcher Treu wir liebten,
Daß wir all ihn nimmer anders
Als durch unsern Tod betrübten!
Eduard, er lebt wahrhaftig,
Vater, wie du ihn gesehen,
War sein selig Auferstehen
Kurz vor seinem Erdenscheiden,
Rosig, ganz in höherm Lichte.
Das war Abschied, kein Gesichte:
Sahest du ihn so gestaltet,
Wie die hohe Engelsbildung
Wirklich ist, die jetzt ihn zieret, {55}
Und ein gleiches Los ist allen,
Die wir dein sind, hier gefallen!
Mutter, aus der Unschuld Laufbahn,
Zu dem Paradies der Kindheit
Kam des Todes schöner Engel,
Plötzlich uns zu überkleiden:
Das ist Lohn! das sind nicht Leiden!
Oft gedenken wir der Unsern,
Die dort unten auf der Erde
Noch im Leib des Todes wallen,
Senden Gruß dem teuren Vater
In dem schauerlichen Zwielicht
Einer stillen Abendstunde,
Senden Gruß der frommen Mutter
Und der gleichgesinnten Schwester.
Lieblich strenge Gabriele,
Und du sinnig ernster Edmund,
Und Rosalie und Bernhard,
Alle seid ihr uns gegrüßet!
Ist die Wärt'rin noch im Hause,
Die durch manches Jahr erprobte,
Treu geduldige Helene?
Will der Kummer bittre Tränen
Über unsre frühe Trennung
Oft ihr aus den Augen gießen —,
Sagt ihr dies: sie soll nicht glauben,
Daß wir in des Himmels Lauben
Ihren frommen Dienst vergessen!
Grüß' auch die geliebten Kinder, [Eigenhändige Anmerkung Falks: Die Kinder des Instituts, die Eduard und Angelika zu Grabe trugen."]
Die auf ihren frommen Schultern
Uns die letzte Ehr' erwiesen,
Uns der Tränen Zoll entrichtet,
Als sie uns zu Grab getragen, {56}
Muntre Mädchen, frische Knaben,
Sollt Euch alle wohl gehaben!
Aber von dem Trauerflore
Hebt empor das Aug' zum Himmel,
Wo wir stehn im Engelchore!
Hört die himmlischen Akkorde,
Sie verkünden diese Worte:
»Vater, Mutter, weil als Kinder
Mit unnennbar großen Schmerzen
Und mit heißen blutgen Tränen
Ihr uns mußtet dort gebären,
Dafür werden, Herz an Herzen,
Zur Vergeltung wir im Himmel
Euch auf ewig angehören!« —
Den 20. November 1821. Mittwoch Abend
O Herr! gib Gedeihen zu dem von mir unternommenen Werke, was ich heute in deinem Namen begann. Eben habe ich mit Herrn Metallfabrikanten Querner den Kauf über sein im Luthergäßchen gelegenes
Wohnhaus mit fünftausend Thaler Kurant abgeschlossen. [Siehe S. 1 die Anmerkung.] Du weißt, mein Herr und mein Gott, daß es weder Stolz noch die Üppigkeit, sondern die äußerst dringendste Not
war, welches mich in dieses alte, sehr zerfallene Gebäude, das Stammhaus der Grafen von Orlamünde, trieb. Ich fühlte sogar einen tiefen Widerwillen bei dessen Eintritt und sagte zu meiner Frau:
»In diesem Hause möchte ich nicht tot sein«, und doch mußte ich hineinziehen. Der Israelit mußte seinen Tanzsaal aufgeben, nachdem ich dich zuvor mit den Kindern unter freiem Himmel gelobt hatte.
Ich dachte stolz an das gräflich Bernstorfische Haus: Du aber führtest mich zu armen Schneidern und Instrumentenmachern in das Luthergäßchen! Ja, du legtest mir sogar gleich beim Einzug die
Leiche meines geliebtesten Kindes Angelika auf die Schwelle. Ich schauderte, ich kämpfte schmerzlich, ich rang mit dem Engel des Todes in Gebet und Tränen, daß er mir mein Kind lassen {57}
soll; aber es war bei dir, Herr, streng und unabänderlich beschlossen, und ein neues Trauergeschick ging für mich und mein armes Weib in Erfüllung. O all ihr euren tiefgebeugten Eltern
voraufgegangenen sechs Engel, betet für uns vom Throne Gottes! — Ich wählte dieses Haus aus Demut und gerade deswegen, weil es dem Stolz eines natürlichen Menschen zuwider war. Verherrliche dich,
mein Gott, in deinem neuen Wohnsitz! Ja, du bist der Allmächtige! und so vermagst du denn auch gewiß mir und den Kindern aus diesen alten, verfallenen Steinen eine Stätte zu bereiten!
November 1821
Wie fordern doch die Kinder eine verschiedene Behandlung! Es gibt deren, mit welchen man gar nicht scherzen darf, ohne daß sie gemein werden und sich sogleich vergessen. Zu ihnen gehört der junge
Fernow. Andere dagegen, z. B. der Kirchner haben so etwas Zartes und Verschüchtertes, daß man ihnen den Ernst unter Einkleidung eines anmutigen Scherzes beinahe schuldig ist. Das macht, der
Kirchner hat Herz und Verstand; Fernow aber hat wie sein Bruder bloßen Witz, ohne daß derselbe in seinen Äußerungen vom Herzen bewegt wird.
Den 24. November
sah ich das »Donauweibchen« im Theater. Welche Erschlaffung der Sitten! Das heißt den Ehebruch verzuckern. Die Untreue der Männer, ihr Flattersinn, die liebenswürdige Klage darüber wird in den
Mund der kleinen Kinder gelegt. Das ist das Hauptthema, um dem Ritter Albrecht zu erlauben, daß ihm der Ehebruch alljährlich auf drei Tage erlaubt wird. Oh die Menschen und ihre Widersprüche! Zu
Wien, wo die Zensurgesetze so streng gehandhabt werden, daß nichts wider Religion, gute Sitten und den Staat in den Büchern vorkommen darf, erlaubt man den Schauspielern den Ehebruch ungestraft
vom Theater zu predigen. Das »Donauweibchen« ist als wienerisches Nationalstück ein Barometer für Sittenverderbnis dieser erzverbuhlten Zeit. {58}
Heißt das nicht, der Unschuld fünfjähriger Kinder Gewalt antun, sie in solchem verderbten Wesen handelnd auftreten zu lassen, wie dies bei dem »Töchterchen der Natur« der Fall ist? Ich erschrecke
vor dem Beifall, den man den kleinen Geschöpfen zollt! Ach, das Publikum weiß nicht, daß es Gift mischt. Die wollüstige Spatzenphilosophie dieses wienerischen Lari-Fari-Stückes erhält in dem
graubärtigen Minnesänger, der nichts weiß als zechen und lieben, einen wenngleich gänzlich vertrockneten und blätterlosen Kranz. O des gedankenlosen Volkes! Soll man sich wundem, wenn solche
Stücke die ganze Schauspieldichtung und Schauspielkunst bei wahrhaft fromm gesinnten Menschen in Verruf bringen? Es ist Zeit, daß sich die Direktionen mehr zusammennehmen und solche Stücke graden
Wegs vom Repertoire streichen!
Ein rechtes Sittengemälde der erschlafften Zeit! Alles will genießen in diesen Stücken; selbst bis auf die alten Weiber und alten Männer ist alles mannstoll und weibstoll, Jungfer Salome so gut
wie der Minnesänger! Um das alles gut zu machen und den ungeheuren Grundsatz, das Grab der Religion, des Staates und der guten Sitten, daß es nichts zu sagen habe und eine ganz gewöhnliche
Schwachheit der Männer sei, drei Tage im Jahre zu ehebrechen, künstlich zu überbrücken, wird Religion, die den Nackenden kleidet und den Hungrigen speist, wird Ritter Albrecht als braver Mann,
der diese Tugenden besitzt und übt, gefangen! Das ist eben die rechte Höhe! Dies Stück ist vor 1806 geschrieben, also lang vor dem Einfall der Franzosen, zur Widerlegung derer, die glauben, daß
alle Auflösung der Sitten in Deutschland von jener Nation und ihrem persönlichen Einfluß herrühre. Der Teufel saß lang in uns. Es waren nur die Franzosen, wodurch er uns holte [Siehe Geheimes
Tagebuch Teil I, Einleitung S. XVII.]. Don Juan, so sinnreizend der Hauptcharakter dasteht, ist doch weit weniger gefährlich als solche heimliche Giftmischerei, wie sie, sich von den Nixen ein
Gewand erborgend, in diesem Stücke herrscht. — Man sollte den Blick der Regierungen auf diesen Unfug lenken! Lächerlich {59}
rührend sind die Gründe der Nixe, womit sie ihn bewegen will, Ehebruch mit ihr zu treiben: daß sie so gut wie er ein Geschöpf Gottes sei!
Den 26. November 1821
Ich sah heute abend im Theater Houwalds »Leuchtturm«. Dies ist ein rein pathologisches Stück, was mich gerade in dieselben peinlichen (nicht ästhetischen oder tragischen) Empfindungen versetzte,
die in mir beim Besuch eines Krankenhauses rege werden, wenn ich Blinde oder Wahnsinnige sehe. Herr Leo spielte den alten, wahnwitzigen Vetter so empfindlich süßlich, so maniriert, daß dadurch
der Kotzebuesche Spuk, der in solchen Motiven ein Meister zu nennen ist, vollständig wurde. Man denke nur an die »Hussiten«. An Charakter und Zeichnung ist nicht zu denken, das sind Nebensachen!
Der »Leuchtturm«, von dessen Licht oder Finsternis das Scheitern oder die Errettung eines Schiffes in dieser wilden Sturmnacht abhängt, wird auf gut Glück einem Wahnwitzigen überlassen. Das
Mädchen und ein flinker Bursch, die beide mit Heiratsgedanken umgehen und darüber die Leuchte verlöschen lassen, sind in Verzweiflung. Anstatt aber, wenn auch nur einen Versuch zu machen, sie
wieder anzuzünden, laufen sie lieber an den Strand, um den zürnenden Vater um Verzeihung zu bitten. Das Irrereden des Wahnwitzigen wirkt nur pathologisch, weil es nicht, wie im »König Lear« von
vornherein, in leisen Übergängen motiviert ist, sondern weil man den Grund desselben erst hinterher erfährt. Das kraftvolle Seelenleben steht wie ein totes Gemälde im Hintergrund, kein einziger
kühner Pinselzug, keine einzige aus der Natur geschöpfte Zeichnung.
Den 27. November 1821
Die alte Rätin Jagemann, die ein uneheliches Kind von ihrem Sohn, dem Maler, was er mit einer hübschen Dienstmagd erzeugt, in ihr Haus genommen hat, versicherte, daß es ihrem verstorbenen Sohn in
Händen, Fingern bis auf die Nägelspitzen ähnlich sei. Sie könne sich nur bei diesem hübschen Mädchen dafür bedanken, daß sie ihrem Sohn den Gefallen gethan. Sie erkenne darin den Finger der
göttlichen Vorsehung, der ihr, der {60}
alten Mutter, zum Trost über den Verlust ihres einzigen Sohnes das liebe Kind in die Welt gesetzt und sich dieses Mädchens als eines gnadenreichen Werkzeugs dazu bedient habe. — Das sind
Grundsätze, die herrlich zur Saalnixe passen, [Jenes am 24. November 1821 im weimarschen Theater aufgeführte Donauweibchen."] wo die gute Frau neben mir saß und diese Äußerungen tat.
Den 27. November 1821
Die Freiheit
»Contrat social!« so hör' ich's auf den Dächern,
»Contrat social!« so predigt's an den Brunnen.
Was will Hispania, was Frankreich, Deutschland?
Was steckt in diesem Zauberwort »Verfassung«?
Kommt ein Vertrag des Volks mit seinem König
Aus freier Luft mit freier Luft zustande?
Wie hielt wohl ein Vertrag mit seinem Volk
Ein Fürst, der ihn zuerst mit Gott verletzt?
Und umgekehrt, wo blieb ein Volk je treu
Dem Fürsten, das die Treue Gott versagt?
Daß wechselseitig dies — da steckt der Knoten,
Der Volk und Fürst in eins zusammenhält
In unzerbrechlich demantfester Kette,
Die Gott an beiden Enden ewig faßt!
Umsonst versucht die Politik die Lösung:
Der Staaten Bund hängt außer Zeitlichkeit;
An Gottes Thron knüpft sich der Thron der Fürsten.
Wo Vaterhauses Regiment verfault,
Verfault zugleich auch Griechenland und Rom. [Siehe Geheimes Tagebuch Teil I, Einleitung S. XVII: „Verfaultes Hausregiment, verfaultes Staatsregiment."]
Aus Lug, Betrug und Meineid, Sündenwust
Erschafft selbst ein Lykurgus keinen Freistaat!
»Ama et fac, ut vis!« lehrt Augustinus.
Beherzigt dieses Wort, so seid ihr frei!
Ja, Gottesfurcht ist eins mit Staatsverfassung; {61}
Mißkennst du diesen Satz, verkehrt Europa,
So schreibst du dein Gesetz in Blut und Sand
Und mauerst einen zweiten Turm zu Babel.
O schaut, wie Gott die Sprachen schon verwirrt,
Der Werkleut' ungeschäftgen Weg zum Abgrund!
Wer kann der dunklen Worte Sinn enträtseln,
Wie sie verschmitzt der Lügengeist dem Volk
Im mannigfaltigsten Gewände vorträgt?
Was heißt in einem Wörterbuch »Verfassung«?
Soldaten gründen sie mit Blut und Raub!
Wie Glaser Fenster in den Rahmen passen,
So klar und so zerbrechlich auch wie diese
Wird eines Reichs Verfassung eingesetzt!
Des Königs Hand entwindet ihr das Scepter,
Dafür beherrscht das Volk ein Bettelstecken;
Die schmählichste Empörung hält den Thron
Mit schnaubend wilder Blutgier stets umlagert.
»Gott, Tugend, Recht, dabei ein zart Gemüt«,
Das ist das dritte Wort in euren Schriften —
Ja! wüßt ich nur, was ihr darunter meint!
Das Evangelium Johannis trügt
In seinem Buben Sand und zückt den Dolch
Auf einen Mann, der wehrlos ihn empfängt !
Doch wohnt im Sand ein zart Gemüt? Nicht wahr? [Falks Idealbild vom Staate ist eine gewissermaßen patriarchalische Gemeinschaft zwischen Fürst und Volk, von christlicher Liebe und Treue getragen.
Es ist klar, daß er von einem solchen Standpunkt aus das moderne complicierte Staatswesen nicht verstehen und noch weniger Sympathieen dem Verlangen des Volkes nach freierer Verfassung, nach
einer billigeren Verteilung der Landesregierung zwischen Fürst und Volksvertretung entgegenbringen konnte. Und so fällt er auch das höchst übereilte Urteil über einen Mann wie Sand, der nur von
edelster Begeisterung getragen war, der sich sein ganzes Leben hindurch ein reines, kindliches Gemüth bewahrt hatte, und einen Spion, Vaterlandsverräter und frivolen Schriftsteller wie Kozebue am
23. März 1819 zu Mannheim ermordet hatte.]
Oh euer Wörterbuch wäscht schwarz in weiß {62}
Und trägt die Farben nach Belieben auf!
Doch anders lautet das auf Sinai;
Mit donnernder Posaune kündet Moses
Den Bannfluch über jedes sündge Haupt,
Das Menschenblut vergießt. — Verstehst du, Deutschland,
Befällt auch dich der sündlichen Erschlaffung
Ansteckend Gift? Wie? Stockt der Odem Gottes,
Der deinen Eichwald sonst so frisch durchweht?
Bei unsrer frommen Vorfahr'n heiigem Handschlag
Beschwör' ich euch, ihr Kinder meines Volkes,
Stellt ein die Reden schwerverworrnen Sinns
Und lehrt das Volk in kindlich frommer Einfalt
So Gott als seinen Fürsten treu zu leben.
Dem doppelsinn'gen Wort erlag einst Macbeth!
Verstrickt die unbefangne Jugend nicht
In eitler Redekünste Zauberei!
Wer Meuchelmord und zart Gemüt verbindet,
Ein Schüler Loyola's, kein Deutscher ist's!
Ihr Fürsten, schaut, wie sturmbewegt der Mensch
Des dunklen Erdenlebens Lauf vollbringt;
Wie manches Menschen Schifflein schon gescheitert!
Beherzigt eures Volkes Not als Brüder;
Der Lasten größte tragt sie endlich selbst,
So schaut das Volk zu euch gestärkt empor!
Ihr aus dem Volk, durch hohen Geist geadelt,
Strebt nicht nach eitlem Glanz des Hof's, erzieht
Der Jugend Blüten aus dem alten Stamm,
Dem ihr und eure Väter angehört!
Ein Heiland eures Volks zu sein am Thron,
An Kanzel und Altar, am Sterbebett,
Im Namen Gottes stark zu seinen Werken,
Solch hoher Adel ist's, der ziemt dem Volk!
Dem Stern in eigner Brust, ihm muß der Stern,
Verliehen durch Geburt, sogleich erblassen!
Bemüht euch, daß ihr solch Verdienst erringt,
Doch hütet euch vor Stolz. Kein Übermaß! {63}
Tragt mit Geduld das heilig Hergebrachte
Und richtet menschlich so das Menschliche!
Tor, der den Himmel hier auf Erden sucht
Und durch Verfassung menschlicher Gesetze
Ihn zu erringen stürmend sich vermißt!
Die Heere Frankreichs konnten wir besiegen;
Doch wer besiegt der Übel zahllos Heer,
Das uns und unsre Kinder täglich heimsucht?
Ob die Verfassung Spaniens ein Mittel
Wohl für das gelbe Fieber bieten kann,
Das seine Ländereien jetzt verheert?
Da müssen eine Völkerhand wir suchen,
Die unsre Tränen von den Augen wischt!
Sechs Kinder mußt‘ ich tiefgebeugt begraben:
Wo ist ein Landtag, der ein Mutterherz
Von solchem zentnerschweren Gram befreit?
Von Schmerzen frei ist nur das Paradies;
Doch unser Erdball ist ein Aufenthalt
Des ewgen Schmerzes und der bittren Prüfung.
Wie? sind auch daran unsre Fürsten schuld?
Und hat der Adel nur am Paradies
Und keiner aus dem Volk vor Gott gesündigt?
Tut recht und überlaßt euch Gottes Führung!
Wie fromm ein Kind an seiner Mutter Hand
Des Jahrmarkts buntes Gaukelland besucht,
Wie's Aug und Herz mit gier'ger Schaulust stillt
Und sich ersättigt an dem tollen Anblick,
Wo Bären, Affen, Tänzer auf dem Seil
Mit andern nie gesehnen Larven wechseln,
Wie's abends dann an seiner Mutter Arm
Ermüdet in die Herberg eilt, allwo
Es mit den Gegenständen dieses Tages
Sich lange noch im süßen Schlaf beschäftigt,
Und wenn es auch zuweilen aufgeschreckt
Im Schlaf unruhig: »Mutter, Mutter!« ruft,
So schläft es augenblicks doch wieder ein, {64}
Sobald es nur der Mutter Hand empfindet,
Und atmet sanft, als war' ihm nichts geschehen;
So geht ein Mann von Gottes Hand geführt
Auch durch den bunten Jahrmarkt dieses Lebens
Mit ruh'gen Schritten unbekümmert fort,
Und keine Larven können ihn erschrecken.
Wohl ihm, der solcher Führung sich erfreut!
Wahrhaftig steht dies Wort und felsenfest,
Selbst Tod und Teufel haben dem nichts an,
Der Gott vertraut und seinen heilgen Scharen. —
Das ist der Urvertrag, der tausend Engeln
Die Wege bahnt zum menschlichen Geschlecht!
Ja, reines Herzens sein, das ist die schönste,
Noch nie erreichte menschliche Verfassung,
Die keiner andern weicht und niemals wankt!
Dezember 1821
Sie wollten die Festung nicht eher übergeben, bis der Schnurrwichs unter ihrer Nase und das Tuch in ihrer Tasche brennte.
Dezember 1821
Napoleon nach der Schlacht bei Jena.
Napoleon wollte den deutschen Eichbaum bis auf die äußersten Gipfel ersteigen und versuchte, nicht an dem Stamm und den Zweigen des Volks, sondern an den Blüten des Adels und der Fürsten sich zu
halten. – Von dem Augenblick an war sein Fall gewiß. Er behielt sie abgestreift in den Händen.
Dezember 1821
Es gibt nur zwei Hauptdinge in der Welt — das andere sind alles Unterabteilungen davon: Gott und Dreck! Man muß sich für eins von beiden entscheiden. {65}
Am 2. Weihnachtstag 1821
Johannes von der Ostsee,
Dem Sturm des Meers entronnen
Kamst du einst zu den Ufern
Des stillen Strands der Ilme;
Du glaubtest dich geborgen,
Als plötzlich in der Mitte
Des festen Lands dich Schiffbruch
Von neuer Art erreichte.
Des Krieges Sturm erwachte!
O dreimal grausenvoller
Als auf dem Meer ein Schiffbruch
Ist's, auf dem Lebensschiffe
So oft wie ich zu stranden!
Versinken sehn die Seinen,
Sechs herzgeliebte Kinder!
Und trostlos Hände ringend,
Zum Schatten ausgetrauert,
Allein auf dem Verdecke
Zur Prüfung stehen bleiben! {66}
Geheimes Tagebuch
auf das Jahr 1822
von
Johannes Falk
oder
Mein Leben vor Gott
Den 1. Januar 1822 in den Morgenstunden
An das Jahr 1821
Als Griechenland mit Blut bedeckt,
Als Spanien die Pest erschreckt, [1821 begann der Freiheitskrieg der Griechen gegen die Türken. Dem Aufstand in Morea folgte das entsetzliche Blutbad der Türken in Constantinopel, Adrianopel u.
s. w., vor allem in Chios, das sich empört hatte. In demselben Jahre hauste in Spanien die schreckliche Pest.]
Der blut'gen Opfer Teil zu haben
Mußt' ich Angelika — begraben!
So, wie wenn Hekla Feuer speit,
Unruhig oft ein Vogel schreit:
So mußt ich stets im allgemeinen
Mein eignes Herzeleid beweinen!
Nun da den Himmel Ungewitter,
Die Schrecken schwer besorgter Mütter,
Von allen Seiten schon umschwärzen,
Sag ich zu mir mit bangem Herzen:
Ein schwarz bedeckter Tag im Jahre,
Der kommt zu bleichen meine Haare,
Bringt mir gewiß auch eine Bahre! {67}
Der Himmelssaal
Ein Traum des Ariel [Ariel" nannte sich Falk in einigen Gedichten und Prosastücken, welche die Jugendzeit betreffen; „Ariele" aber die Geliebte, die junge, schöne Patriziertochter Jeanette Z.
aus, Danzig. Diese Dichtungen sind größtenteils erst zwischen 1804-1808 verfaßt, sie befinden sich im ersten Bande der ,,Auserlesenen Werke", im Liebesbüchlein" (Leipzig, Brockhaus 1819).]
Ich war gestorben und meine Seele zum Himmel entrückt. Viele Tote gingen an mir vorüber, die ich nicht unterzubringen wußte, obgleich ihre Züge mir kenntlich genug waren. Da kam ein Engel und
führte mich in ein schönes Gebäude. Auf beiden Seiten standen unzählige Bücher. Es schien der Büchersaal des Himmels oder wenigstens eine Abteilung davon zu sein. Die meisten dieser Bücher
führten den Titel »Tagebuch«. Der Engel, der mich führte, ließ mich an einen Tisch, wo eben ein aufgeschlagenes Buch offen lag, dabei niedersitzen. »Da, lies das!« waren seine Worte. Es war die
Geschichte eines armen, durch einen vornehmen Betrüger zum Laster verführten und zu Grunde gerichteten Landmädchens, die mir die bittersten Tränen auspreßte. Nach einer Weile trat der Engel
wieder zu mir und sagte: »Du hast nur über dich selbst geweint! Das bist du! Lies weiter!« – Wie ich in einem zweiten Buch blätterte, fand ich die Geschichte eines mit großem Ernst strebenden
Künstlers, der aber, von der Mitwelt verkannt, mit den Seinigen hungerte und dem die Nachwelt die ihm bei Lebzeiten entzogene Ehre in vollem Maße erzeigte und tausendfältig einbrachte. Es kamen
Auftritte in dieser Lebensgeschichte vor, die mich an so manches erinnerten und die wiederum mein Herz zur tiefsten Rührung, zum innigsten Mitgefühl hinrissen. Es war mir höchst überraschend, in
dieser fremden Lebensgeschichte Verse zu finden, von denen ich das bestimmte Gefühl, sie selber gemacht zu haben, in mir trug, z. B. jenen Ausruf:
Nein, heilges Streben will mein Herz ergreifen,
Der Menschheit Hohes auf mein Haupt zu häufen!
Das will ich mitten unter Irrlichtschimmern
Und dann zertrümmern! {68}
»Du bist zertrümmert« — sagte der Engel, der eben lächelnd hereintrat — »und dies hier« — indem er die Hand aufs Buch legte — »sind die Trümmer deines Schiffes!« »Wie kann man aber« – fuhr er
lächelnd fort – »über sein glücklich bestandenes Elend so heiße Tränen vergießen? Das ist ja wiederum nur deine eigene Geschichte, die du gelesen hast!« — »Ich merkte es wohl«, gab ich ihm zur
Antwort, »noch ehe du es mir entdeckt hattest!« Indem er sich entfernte, schlug ich ein drittes Buch zum Lesen auf, das den Lebenslauf eines wohlwollenden, tüchtigen, aber höchst unglücklichen
Königs enthielt. Er kämpfte den Kampf mit Bosheit und Unwissenheit redlich durch. Das Leben wurde ihm Schritt für Schritt recht sauer gemacht. Er verzieh seinen Feinden, er ertrug sie, und desto
ärger wurde er dafür von ihnen gehaßt. Neid, Bosheit, Verleumdung, alles Schlechte hatte sich an ihm versucht, und endlich starb er an heimlich ihm beigebrachtem Gift und ließ hinter sich ein
verwaistes Reich. So wenig verstanden war sein liebendes Herz, daß das meinige blutete, wie es sogar von seinen nächsten Umgebungen verkannt und sich täglich mißhandelt sah. Meine Tränen rollten
auf das Papier, da ich sah, wie er endete. — Eben, als der Engel hereintrat, endete auch die Lebensgeschichte des Wesens, zu dem ich mich seltsam hingezogen fühlte. »Du lächelst aufs neue? Nun
diesmal wirst du meine Tränen doch nicht eigennützig schelten. Sie galten einem von seinem eigenen Volke verkannten und mißhandelten König, der zum Märtyrer des Guten und Edlen wurde. Und dieser
König — soll ich doch nicht etwa gewesen sein?« »Nichts anders!« — »Wie ist mir denn? Wer vergegenwärtigt mir das längst Gewesene? Kehren die grauen Jahrhunderte zurück? Eröffnet die Ewigkeit
ihren verschwiegenen Schoß? Erzählen mir die Engel meine Träume?« – »Da lies im großen, himmlischen Büchersaal, und alle diese Bücher, die du siehst, enthalten deine eigene Geschichte von den
abgelaufenen ewigen Jahrtausenden, deine Rollen, deine vergessenen Tagebücher in den verdunkelten Erdherbergen. Wir haben sie dir aufs sorgsamste aufgehoben!« — »Wie, so ist es
wirklich kein Traum, jenes unschuldige, fromme Landmädchen auf der Weichsel- {69}
fähre?« – »Warst du!« – »Und jener sich durch Not und Tod mutig hindurcharbeitende Künstler?« – »Warst du abermals« – »Wie? und auch jenen Gipfel der Größe war es möglich, daß ich ihn als König
erreichte?« »Alles, alles du! Nun tritt aber auch, damit du nicht zu stolz wirst, zu jenen schwarz verhangenen Seitenwänden und lies!« – »Du erschreckst mich, war es möglich? Dieses, und diese —
und dieser? Mir brechen meine Kniee!« – Ich hielt schaudernd und beschämt die Hände vor mein Gesicht! »O Pflicht der Menschenliebe, o Pflicht der Nachsicht, o Pflicht der grundlosen
Barmherzigkeit mit unseren Mitgeschöpfen! Nur diese ausgeübt zu haben, bahnt den Seelen den Eingang zum hohen Himmelssaal, zum Anschauen Gottes im reinsten Urlicht, wovon dieses nur die 155.
Unterabteilung ist. Lies, nur schaudere und demütige dich der gewaltigen Hand Gottes!« – Ich wollte soeben den vierten Band herunterlangen und zusehen, was ich noch alles Großes, Erschreckendes
und Erfreuendes auf meiner so viel durchkreuzenden Lebensbahn verübt hatte, als ich plötzlich von meinem Traum erwachte. Tiefer zu sehen in die Geheimnisse des Himmels, ist mir dieses Mal nicht
vergönnt gewesen. [Falk bekennt sich in dieser Traumerzählung offen zu der Lehre der Seelenwanderung; er nimmt eine Jahrtausende lange Vorexistenz des menschlichen Individuums an, eine Idee, die
er wiederholt schon in früherer Zeit, so in Gesprächen mit Goethe um 1811-1813 ausgesprochen hatte.]
Januar 1822
So vertrocknetes Volk, aus welchem die Natur in ihrem mächtigen Kreislauf kaum etwas Anderes wird machen können als etwa Haare, Horn oder höchstens Gekräusel von Schafwolle, insofern sie noch zur
Verarbeitung bei lebendiger Organisation irgend bestimmt sind.
Januar 1822
Neujahr 1822 fragten mich Kiesewetter, Kirchner und Hense, [Drei Zöglinge des Instituts.] was ein Sophist wäre? »Ich will es euch durch und an euch selbst beweisen! Nehmt euch in acht, daß
ich euch nicht {70}
fange! Ich sage es euch zuvor und fange euch doch! — Nicht wahr, Hense, was du nicht verloren hast, hast du?
Hense:
Ja!
Kirchner:
Allerdings!
Kiesewetter:
Ohne Zweifel!
Ich:
Diese Wahrheit könnt ihr mit gutem Gewissen beschwören? –
Alle drei:
Ja, jeden Augenblick, wo es gefordert wird!
Ich:
Folglich bist du Hense, ein König und du, Kirchner, hast die Krätze, und du, Kiesewetter, hast Hörner oder bist, grob gesagt, ein Hornesel!
Kiesewetter:
Wie?
Ich:
Hörner hast du nicht verloren – folglich hast du Hörner, –
Kirchner:
Ja, nun verstehe ich! Die Krätze habe ich nicht verloren, folglich hab' ich die Krätze.
Ich:
Freilich!
Hense:
Was ich nicht habe, kann ich auch nicht verlieren. Ich habe nie ein Königreich gehabt, folglich kann ich es auch nicht verlieren. Somit bin ich auch kein König!
Ich:
Recht! Ihr seht also euren Fehler ein! Ihr habt im Obersatz allzuviel zugegeben und seid dadurch in die Schlingen der Sophistik gefallen. Wie müßte es heißen, oder was müßte der gesunde
Menschenverstand antworten, wenn man ihm diesen major: »Alles, was ich nicht verloren habe, dieses habe ich noch!« vorlegte?
Kirchner:
Alles, was ich hatte und nicht verloren habe, das habe ich noch.
Ich:
Ziemlich, doch noch nicht ganz! Manch lausiger Junge verliert in der Schule Läuse und hat deswegen noch immer welche auf dem Kopf. Man kann von einer Sache was verlieren und doch noch das Ganze
besitzen; man kann fast das Ganze von einem Ding einbüßen und dennoch im Besitz von einem Teil desselben sein. Wie muß also dieser major oder Obersatz durch den gesunden Menschenverstand gestellt
werden, um durch die Sophistik unangefochten zu bleiben? {71}
Hense:
Alles, was ich hatte, davon besitze ich noch so viel, als ich nicht verloren habe. –
Ich:
Merkt euch diese Dinge! Sie lauten wie Scherz, und es steckt in allem Ernst dahinter. Das sind diese zahllosen Künste der Sophistik. Es ist sehr wichtig, daß man sie kennt, weil sie dem Menschen
oft, ehe er es sich versieht, das Seil um die Hörner wirft und ihn durch Aberglauben und Dummheit, wenn man ihr nur einen einzigen Obersatz zugibt, zu einem Hornvieh macht. Daher wurde dieser
Schluß auch von den Griechen »Cornutus« oder »der Gehörnte«, eigentlich »der Horndumme« genannt. Es gibt solche Schlüsse in allen Wissenschaften, und die Menschen haben sich oft ihretwegen
totschlagen lassen.
Den 6. Januar 1822
Die Könige, die Fürsten, die Eltern, die Vorgesetzten, die ohne Gott über den Strom der Zeit hinüber wollen und doch von einem heiligen Band sprechen, das sie, ihre Völker, ihre Kinder, ihre
Untergebenen mit und untereinander verbindet, kamen mir wie die Gesellschaft jener Irländer vor, die über einen Fluß wollten, worüber keine Brücke ging. Sie beschlossen demnach, einander die Hand
zu geben und so ein künstliches Band zu bilden, das sie durch Schwenken über den Fluß führte. Es war aber die Sache so von ihnen ausgedacht. Der erste von ihnen sollte einen Baum besteigen,
dessen Gipfel mit beiden Händen umschlingen und ihn festhalten. Sodann wollten sie sich zusammen, ungefähr wie ein Stein, den man an ein Seil bindet, Hand in Hand eine schwankende Bewegung geben,
bis der letzte den Kahn erreichte, der jenseits des wilden Flusses angebunden stand. Auf diese Weise gedachten sie allerseits über den wilden Strom zu kommen. Aber was geschieht? Als die
lebendige Menschenkette bereits fertig und im vollen Gange war, rief der oberste: »Brüder, wartet doch ein wenig, die Last schneidet mir zu sehr in die Hände, ich will mir erst einen Handschuh
anziehen.« Und indem er danach in seiner Tasche suchte, ist das Ganze losgegangen, und sie sind alle zusammen ins Wasser gefallen und jämmerlich ertrunken. Ebenso müssen Könige und Reiche, Brüder
und Völker im Strom der Zeit untergehen, wenn sie das erste Band der {72}
Gesellschaft auflösen und ohne Gott, der immer das erste Glied in der Kette ist, den Staat bilden wollen.
Januar 1822
Rechten kann ich ebensowenig mit dem Löwen, der mich verschlingt, als mit dem toten Mauerstein, der von einem hohen Turm herunterfällt und mich zerschmettert. Beide treibt eine traurige eiserne
Notwendigkeit.[Der Schlußsatz von der dira necessitas klingt seltsam aus dem Munde eines Falk. Er könnte sich hier als ein Fatalist entpuppen, wenn er nicht die Gleichgültigkeit betonen wollte,
mit der ein wahrer Weiser und ein höherer Erleuchteter die Ursachen selbst des Todes beachten und verachten soll.]
Den 14. Januar 1822
Das holdselige Kind, mein fünfjähriges Gabrielchen, [Gabriele war das zehnte und letzte Kind Falks. Es ist die jetzt (1900) noch lebende einzige Tochter Fakls, Frau Baurat Sälzer, der diese
Veröffentlichung des Tagebuchs ihres Vaters gewidmet ist.] diese Blume, die auch vielleicht morgen wie die verschwisterten, ihr vorangegangenen Seelen leicht verblüht ist, sagte heute zu mir:
»Vater, warum gehst du immer weg von mir, wenn du des Morgens gefrühstückt und des Mittags gegessen hast? Ich habe dich so lieb! Bleibe doch in der Stube vorn und arbeite! Ich will dich nicht
stören! Ich will nur zuweilen hineingucken. Auch bin ich vorn so gern in der Stube, weil dort Eugenie hängt, meine liebe Schwester, die beim lieben Gott ist, und weil ich dich so gern sehe.« –
Seit einiger Zeit entwickelt sich das feine, zarte Gefühl dieses Kindes so lebhaft, daß ich für sie fürchte.
»Wann kommt Ostern?« fragte sie am Sonntag. »Warum, liebes Kind?« – »Da kommt mein Edmund und die Mutter meiner Rosalie und Rosalie!« – »Warum wünschest du, daß Edmund kommt?« – »Weil er mich
dauert, daß er so lang in Würzburg ist, und weil ich gern mit ihm spielte und weil er so gut ist und meine Rosalie und meine Mutter auch.«
Januar 1822
»Die Heimkehr« von Houwald
Ich sah dies Stück heute Abend. Es ist ein Schauspielspaß, wie meist alle übrigen Stücke des Verfassers, dem das {73}
Tragische mit Gewalt aufgenötigt ist. Das große gigantische Schicksal, welches die Menschheit zermalmt, weil es den Menschen erhebt, wie Schiller sagt, wandelt nun mal lieber zwischen zerfallenen
Völkern, Thronen, empörten Kriegslagern als zwischen Seiltänzern, Trägern, Leuchttürmen und Husarenmajors. – Ein Soldat, der zurückkommt und seine Frau, weil er auf der Totenliste stand,
verheiratet findet, ist kein tragischer Stoff. –
Den 27. Januar 1822
Ich finde es sehr recht, daß die meisten Menschen die Jahreszahl in ihren Briefen bloß mit 18-20-22 schreiben, ohne sich um das Jahrtausend, woran die 18 oder 22 hängt, zu bekümmern. Für so
vergängliche Wesen, wie der Mensch, ist die kürzeste Zeitrechnung auch immer die angemessenste.
Januar 1822
Aus einem Brief an Viktoria v. Bender [Eine helfende Freundin und Förderin vom Werke Falks.]
Wer dringt in die Werkstätte des Ewigen? Ich war ein Kind von 11 Jahren, und alles zitterte, kugelte, rollte und plautzte in mir wie Quecksilber. Ich war so lebhaft, daß, wer mich sah, meinte,
ich müßte wohl nächstens ganz auseinanderfahren. Da ließ mich Gott zweimal das Bein brechen. Ich mußte ein ganzes Jahr auf dem Schmerzenslager zubringen. Welche Fassung, welche Ruhe, welche
Sammlung kam dadurch in meine Seele! [In den Briefen und Erzählungen aus seiner Jugendzeit berichtet Falk nur einmal von einem Beinbruch. Im zweiten Jugendbrief an den sogenannten Vetter (siehe
„Leben, wunderbare Reisen und Irrfahrten des Johannes von der Ostsee, Tübingen 1804" und den Abdruck dieser Briefe im „Liebesbüchlein" Leipzig 1819 Seite 17). Dieses Unglück – der zehnjährige
Knabe fiel von einem Kutschwagen, brach sich ein Bein und mußte wohl 7 Monate zu Bette liegen – kam ihm damals sehr gelegen: „Ach! das war eine schöne Zeit! Denn damals und so lang ich in dem
Verbande zubrachte, konnte ich lesen, was und so viel ich nur immer wollte und schnitt mir kein Mensch deshalb ein schief Gesicht!" – Wie verschieden betrachtet der Mensch die verschiedenen
Ereignisse seines Lebens zu verschiedenen Zeiten! – ] Es war Gott um einen Silberblick derselben zu tun; darum warf er sie in den Ofen der Trübsal und schmelzte sie in einen {74}
Tiegel, wie man Silber schmelzt in einer Schmelze. Wie ich aber dieses Reinigungsfeuer bestehen mußte, gedachte ich, mir armem Kinde geschähe großes Herzeleid! Jetzt verstehe ich es auch anders.
Und wenn mich Gott jetzt, in anderen Verhältnissen, wieder heftig angefaßt, wenn er vor meinen Augen mir sechs geliebte Kinder im Feuer der Trübsal zu Asche werden ließ, so wird es ja auch wohl
wieder so ein Silberblick gewesen sein, um den es ihm nur in meiner und ihrer Seele zu tun gewesen ist. [Es ist hier aufs deutlichste ausgesprochen, daß der Verlust der innig geliebten Kinder die
bedeutsame Umkehr in Falks gesamten Denken und besonders die Wendung von dem Berufe eines Schriftstellers und Dichters zu dem eines Vaters der Waisen und Verlorenen vollzog.]
Vermessene Worte
» — Sie, die Freunde Napoleons in Frankreich, sind weiter nichts als Steine, welche nur unter den einherrollenden Rädern des Siegeswagens der Bourbonen kreischen und von ihm zerknirscht werden,
ohne daß sie jedoch im Stande wären, ihn einen Augenblick aufzuhalten.« [In der That, vermessene Worte! Wenn man bedenkt, daß die Bourbonen das Allerwenigste zur Besiegung Napoleons und seiner
Freunde gethan haben und ihre Befestigung am wenigsten sich, ihrer Kraft und ihrem Mute verdankten.]
Januar 1822
Ich habe als Christ die schöne Befugnis, tausendmal für die Brüder zu sterben, damit sie selig werden; aber kein Recht, auch nur einen einzigen derselben hinzuopfern, um ihn selig zu machen. Die
Christen sind nicht dadurch, daß sie Märtyrer machten, sondern dadurch, daß sie Märtyrer wurden, berühmt geworden.
Den 4. Februar 1822
sah ich »die Schachmaschine«, aber mit weit anderen Empfindungen, als ich sie sonst gesehen hätte. Die Fröhlichkeit des Karl Rufs verletzte mich nicht; sie gehört der Jugend an; die lustigen
Streiche mögen hingehen. Aber das Lächerlichmachen höherer Grundsätze, das Predigen von Libertinage aus Maxime, das Hindeuten, daß die Beschäftigung mit Gott und Unsterblichkeit und {75}
höherer Bestimmung des Menschen nur einem Narren gezieme, der hier auf echt französische Weise mit dem, was die Franzosen in veraltetem Stil un philosophe nannten, auf derselben Linie steht, da
steckt das Gift und zugleich die Hohlheit des ganzen Stücks. Der alte Libertin von Onkel ist nichts weiter als ein schamloser Prediger des verfeinerten Epikurismus, der noch dazu so unerträglich
jeder anderen Ansicht entgegentritt, daß er den Enkel enterben will, weil er von Aufopferung, von Erhebung des Menschen über das Tier spricht, und dabei in seinem langweiligen Schlafrock ungefähr
so aussieht wie der selige Arndt, als ihn, nach einem witzigen Ausdruck des Verfassers, der Teufel im wahren Christentum versuchte. Beklagenswerte Hohlheit des Zeitalters, jammervoller Versuch:
Belustigung durch Fenstereinwerfen, Bediente abprügeln als die höchsten Zwecke des Lebens darzustellen! — die Unsittlichkeit eines gemein vornehmen Weibes, das in Ohnmacht fällt, um sich dem
ersten besten, der zur Nacht auf ihr Zimmer kommt, preis zu geben, die dem elenden, reichen Grafen die Tür in das Schlafzimmer der Nichte öffnet und ihm anrät, die Tugend derselben mit einem
Brillantenschmuck zu bestechen: alles dieses erregt Ekel, wiewohl es nur eine ganz natürliche Folge der Maxime ist, worum sich dieses Stück dreht: »Genieße, solange du kannst!« – Vertausche die
Geschlechter, den Onkel Karl Rufs mit dieser verrufenen Dame, so wird er, dem Augenblick huldigend und keinem so wohlfeil erlaubten Sinnengenuß ausweichend, so gut wie sie in Ohnmacht
fallen.
Februar 1822
Kindergebet
Ich bin klein,
Mein Herz ist rein,
Soll niemand drin wohnen
Als Gott allein.
Kindergebet
Dringt durch die Wolke,
Hilft dem Volke;
Läßt nicht ab, Kindergebet,
Bis es in Feuer aufgeht,
Und ganz aufrecht vor Gott steht! {76}
Den 3. Mai 1822
Urteil über den »Freischützen«
Eine Stimme aus Weimar
Den 3. Mai 1822 ist hier in Weimar der Freischütz gegeben worden. Seit der Zauberflöte ist dem Zeitgeist keine größere Huldigung widerfahren als durch dieses Stück. Darum fehlt es auch nicht an
Zuschauern. Damals gab es Geheimniskrämerei, unsichtbare Brüder und Obere, wovon es in allen Köpfen und Büchern spukte. Jetzt ist der Teufel förmlich an der Tagesordnung. Es wird nicht lange
dauern, so wird er in allen Romanen ein so wesentliches Ingredienz sein als sonst Mondscheingräber, Leichensteine in unseren Musenalmanachen. Dabei ist ein Umstand bemerkenswert. In unseren
bisherigen Schicksalsstücken trat der Teufel doch nur verlarvt auf, der Name des Bösen war noch etwas anstößig; so höllisch und so abgeschmackt auch die Künste waren, wozu er die Menschen
verführte, so war er doch wenigstens so bescheiden, für deutscher Dichter Gemüt einen griechischen Namen anzunehmen, und ließ sich das böse Schicksal nennen. Jetzt aber tritt er mit der
Hahnenfeder auf dem Kopf auf und steht förmlich auf dem Zettel wie die anderen Schauspieler auch. Wir haben »verteufelte« Fortschritte seitdem in der Kunst gemacht. Dieses Werk ist ein
Kunstprodukt, wie man ungefähr auch ein Spinnengewebe ein Kunstprodukt nennen darf, obwohl es nicht aus dem frischen Aufquellen der Natur, aus Licht und Luft, aus Gestirnen und Regen, wie ein
Blatt oder wie ein in das Himmlische strebender Baum, sondern aus dem klebrichten Saft einer Spinne gräulich unscheinbar und farblos seinen Ursprung zieht und gewebt ist. Daher kann es auch weder
goldene Früchte tragen noch mit Morgen- und Abendröte prangen, die nie sein sind und nie sein werden. Eine Fliegenfalle der Zeit, ein den Mücken ausgespanntes Todesnetz, dafür muß ich diese
Komposition ansprechen, die nur leichte und zeitliche Geister befangen kann und wird, die dem gemeinsten Aberglauben des Volkes huldigt, erhabene Töne an gemeine Stoffe verschwendet, der Kirche
Gewalt antut und sie mit der Schenke buhlen läßt: {77}
das ist der Freischütz. Erkenne dich, geliebtes deutsches Publikum, das zu diesem Porträt gesessen hat. [Falks Befürchtungen wie Urteile über den „Freischütz" sind ein gut Teil übertrieben und
ungerechtfertigt. Er vergißt, daß der Böse bereits in der Litteratur des 18. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle gespielt hat, daß er in der des 17. und 16. Jahrhunderts ganz entsetzlich dominiert
hat. – Historisch betrachtet sind die Erörterungen Falks gradezu falsch, künstlerisch betrachtet ist ihnen ebenfalls viel entgegenzuhalten.]
Nachschrift zum Urteil über den Freischütz
Eine Regel läßt sich für Operndichter und Opernkomponisten aus dem häufigen Zuspruch, den dieses Stück überall erhält, abziehen. Das Publikum, nämlich das große, fragt den Teufel nach den
klassischen Sachen eurer Iphigenie, Achilles, Brennus, es will sich an Höllenstoffen erwärmen. Die Bären und Affen des Sarastro, die Wasser-und Feuerproben Paminos, Taminas haben die Gewalt des
Märchens über das Volk hinlänglich bewährt und durch die gluhen Hexen-und Katzenaugen, durch die wilde Jagd von Weber hat diese Maxime einen neuen Beweis erhalten. Sie ist unleugbarer, die Oper
wird immer auf diesem Feld ihr entschiedenstes Glück machen. Dagegen wär nun auch nichts einzuwenden; desto mehr aber gegen diese geistlose Behandlung des Märchens, wie es im »Freischützen«
erscheint: ohne alle Natur, Kraft und echten Aufschwung. Wenn ihr von Hexen sprechen wollt, so laßt euch doch zuvor von Goethes Faust in die Hexenküche schicken; der Bloxsberg ist freilich kein
Musenberg, da ist nicht schöpferisches Genie, aber er kann selbst dem vertrockneten Besenstiel einer Hexe noch Leben abgewinnen. — Videatur Goethe. — Da aber hat es mit unserm »Freischützen«
aufgehört oder vielmehr, es hat gar nicht angefangen, kein einziger Charakter im Fundament erfaßt und folglich das Ganze ein musizierendes Spinnengewebe einer falschen Phantasie.
Mai 1822
Timmer erzählte, es habe der Direktor Gernhardt gesagt: Christus sei ein Mensch gewesen, gleich wie wir, wiewohl die {78}
Mystiker dieser Zeit behaupteten, daß er ein Gott sei; Christus habe es doch selbst gesagt, daß er ein Mensch gewesen, gleich wie wir. — Mir fällt dabei eine Stelle aus Shakespeare ein, wo ein
armer Schelm sagt: »Ich bin auch ein Mensch«, und der andere ihm zur Antwort gibt: »Ei nun ja, wie Windhunde, Möpse, Teckel, Schäferhunde alle „Hunde“ heißen; geht es aber an ein edles Waidwerk
und Aussondern, so wird man den edlen, treuen Schäferhund und den Teckel schon zu unterscheiden wissen.« —
Gottes bewußt sind wir uns alle, und in diesem Sinne also auch Gottmenschen — aber in welchem Grad, das ist die Frage. Wohl ist es eine verwegene, anmaßende Rede, zu sagen: Christus war ein
Mensch, gleich wie wir. Uns fehlt gänzlich die Durchsicht, die ihm eigen war, die eingeborene göttliche Seherkraft. Nicht uns, ihm zu Ehren geschieht es, daß, wenn Sonntag ist, alle Glocken in
Europa läuten! [Auch Falk glaubte an die menschliche Geburt Christi, als des Sohnes Josephs und der Maria; aber er zog nicht jene Consequenzen, welche die oberflächlichen Aufklärer damals wie
heute ziehen und auch Zukunft weiterhin ziehen werden.]
Dezember 1822
»Thee« könnte man durch »Klatschwasser« übersetzen. Da würde es dann heißen: diese oder jene Dame pflegt wöchentlich zweimal gelehrtes Klatschwasser zu geben. [Ein „Gedankensplitter", der bei der
Betrachtung des schöngeistigen Weimar zur Zeit des alternden Goethe entsprang.]
Den 1. Weihnachtsfeiertag 1822
erschien bei mir Herr Hage im Namen des Erbgroßherzogs. Ich hatte mich an denselben wegen einer Bürgschaft von zweitausend Thalern bei der Sparkasse gewendet. – Weimar hat so wenig bei dieser
Gelegenheit im Vergleich mit dem Ausland getan, daß ich wohl wenigstens in diesem Punkt Gewährung hoffen durfte, zumal von dem Erbgroßherzog. – Es bedurfte bloß eines Wortes desselben, keines
Geldes, keines Vorschusses. {79}
Als Unterpfand blieb das Haus, das mit 4500 Thalern in der Brandkasse stand. Es würde dieser Schritt ein stilles Anrecht des fürstlichen Hauses auf die Anstalt begründet haben. Dennoch
abgeschlagen: »Se. Königliche Hoheit bedauerten, Sie wollten sich nicht mit dergleichen! befassen.« Es war die erste Bitte, die ich an den künftigen Thronerben stellte. Ich habe brünstig zu Gott
gebetet, daß er meine Seele vor Bitterkeit schütze; und obgleich ich sehr verstimmt war, so verhehle ich doch sehr sorgfältig diese Stimmung vor den Meinigen, indem ich sie bloß diesem Tagebuch
anvertraue, das so oft Zeuge von stillen Seufzern und Tränen gewesen ist.
Betrachtung Dezember 1822
Der Mensch, diese königliche Eiche, steht in dieser Welt wie in einem gläsernen Treibhaus. Zuweilen befallen uns die Träume unseres göttlichen Ursprungs. Wir ahnen, wo wir hingehören, nämlich in
den Himmel, unter die Sterne. Da springen plötzlich die winzigen Fenster und Wände des Treibhauses, das Dach wird weggehoben, die Gesellschaft der kleinen, bescheidenen Levkoien und Nelkenstöcke
will uns nicht weiter genügen, — die königliche Eiche findet keine Ruh, bis sie ihren Trieb zum Unendlichen, ihre Sehnsucht befriedigt und ihr Haupt wieder unter Sternen säuselt! Schade jedoch,
daß dieser schöne Traum nicht lange währt. Bald verschrumpft das königliche Gewächs wieder zum Zwerg; das Gewächshaus nimmt es aufs neue in Empfang, – und die alten Blumentöpfe und irdenen
Gefäße, die zu Dutzenden, ja zu Hunderten herumstehen, dürfen es wagen, sie »Schwester« zu heißen.
Dezember 1822
Altes Märchen [Dieses Märchen ist einem Schüler diktiert und von einem Schüler ins Tagebuch geschrieben. Es zeigt, wie der vorzügliche Kinderkenner selbst im Märchenton zu belehren und zum
Nachdenken anzuregen versteht.]
Ein alter König hatte drei Söhne. Da es zum Sterben ging, ließ er sie alle drei vor sein Bett kommen. Dem ältesten {80}
vermachte er sein Zepter, dem mittleren seine Krone, dem jüngsten aber, welchen er am liebsten hatte, weiter nichts als vier Hunde, welche die Namen »Weckauf«, »Packan«, »Haltefest«,
»Brichstahlundeisen« führten. Da verhöhnten ihn seine Brüder, daß er mit seinem Erbteil sozusagen in den Hundestall verwiesen wurde. Ihr Hohn aber dauerte nicht lange. Sieben Jahre darauf brach
ein schwerer Krieg aus. In ihm verloren die beiden ältesten Brüder Krone und Zepter und saßen gefangen von Feindeshand in einem eisernen Turm, und Wachen standen davor, und am Turm war eine
Zugbrücke ebenfalls an einer eisernen Kette aufgehangen. Da nahm der jüngste Bruder, der nun fremd und lange abwesend gewesen war, seine Kuppelhunde, brach auf und kam dahin, wo seine Brüder im
eisernen Turm saßen. Und als der Wächter, der die Wache hatte, »Wer da?« rief, rief er zur gleichen Zeit »Packan!« Und Packan faßte zugleich seinen Mann. Haltihnfest hielt ihn fest und den
Unteroffizier und die große Wache. Die eiserne Zugbrücke hing aber noch immer in Ketten und die eiserne Tür an der Burg war verschlossen. Da pfiff der Herr dem Brichstahlundeisen; dieser nagte
die Tür auf und die Zugbrücke durch, Weckauf aber vollführte ein solches Gebrüll, daß die beiden Brüder aufwachten und aus dem untersten Burgverließ wie Gespenster emporstiegen. So sind Zepter
und Krone dann wieder ihre geworden, denn Weckauf, Halteihnfest, Brichstahlundeisen nebst Packan sind unseres Herrgotts treue Hunde. Halteihnfest hält die Erde in ihrem Mittelpunkt und beißt sie
fest mit seinem eisernen Gebiß zusammen; sonst wäre sie längst in tausend Stücken mit ihren Bergen, Thälern, Meeren auseinander gefallen. Packan ist ein großer Kriegsheld und hat die größten
Kriege ausgefochten. Brichstahlundeisen hat die Erde mürbe gemacht und die Städte, die darauf erbaut sind; indes der Weckauf, weil die Bewohner der Erde gar sehr zum Schlafen geneigt sind, durch
sein Bellen und Rufen alles munter erhält.
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