Flora

Teutschlands Töchtern
geweiht
von
Freunden und Freundinnen
des schönen Geschlechts

Drittes Vierteljahr

Tübingen, 1803.
In der J. G. Cotta‘schen Buchhandlung.

{171}

Stanzen an Göthe
nach Lesung der natürlichen Tochter.

1.
Welch Paradies, in Räthseln ausgesprochen,
Mein edler Meister, strebst Du darzustellen?
Ein halb Jahrhundert drängt die Zeit in Wochen;
Verhängniß legt ein Blatt, auf Thrones Schwellen;
Der hohen Ständ' ehrgeitzig, kühnes Pochen;
Des wankelmüth'gen Volks bewegte Wellen;
Soldat und Priester will dein still Bedenken
Uns neu im Glanz der Zeitgeschichte schenken.

2.
Dieß Zeitenbild, gewirkt mit Meisterzügen,
Dem ist ein innres Leben aufgepräget;
Und sollt' im Zeitenbeyfall es erliegen:
So werd‘ ein Wort des Meisters klug erwäget: {172}

„Verziertes“, sprach er, „soll der Menge gnügen,
Der für Gestalt kein Herz im Busen schläget,
„Das einfach Schöne soll der Kenner schätzen“
Still ist der Sieg von ew'gen Kunstgesetzen.

3.
Ist Montesquieu, Machiavel erstanden?
Was bringt uns dieser Schicksalsfabel Kürze?
Gefesselt hält den Geist der Staat in Banden:
Ihm winkt der Höfe zauberische Circe:
Sie wandelt, die sich ihrem Dienst bekannten,
Berauscht zum Thier durch ihrer Schalen Würze:
Beglückt, wer eingeschifft auf diesem Meere
Das Schönste rettete, der Menschheit Ehre!

4.
Eugenien wird solch ein Sieg bereitet:
Verworren schürzt dem Auge sich ein Knoten:
Wenn ganz ein Reich in seinen Angeln gleitet,
Kömmt Rettung plötzlich – aus dem Reich der Todten:
Ein holdes Kind, wo eine Fürstin gleitet
Ein Fehltritt bringt ihm Hülf' an Liebesbothen:
Ja, zwischen Vater tritt sie einst und Sohne
Und rettet ihren König auf dem Throne.

5.
Du nimmst den Griffel, Lieblichste der Frauen,
Und strebst ein zart Empfinden zu ergießen {173}

Du willst dem Blatt die Seele anvertrauen:
Es muß ein Kinderschrank das Spiel verschließen:
Nun komm' und faß' dich kalten Schicksals Grauen,
Durch Ihn, den so du liebtest, selbst verwiesen:
Siegt Hof und Arglist, wollen Gräber schweigen:
So tritt diß Blatt hervor zum stillen Zeugen.

6.
Ja, wie ein Bliz, aus lichten Himmelshöhen
Der niederfällt und wirkt in Menschenmitte:
So plötzlich – schrecklich – groß und ungesehen
Mit stillem, unvernehmbar'n Geisterschritte,
Tritt einst Eugenie hervor: wer mag erspähen:
Woher sie kommt? wohin sie geht, errathen?
Wie einen Geist verkünden sie nur Thaten.

7.
Doch wenn zulezt der Geisternacht Gefährte,
Der kühn am Thron den Frevel niederblizte;
Des nahen Schreckenschicksals Ausbruch wehrte;
Vor eigner Blutsverwandschaft Arglist schützte;
Zur Jungfrau sich in Vaters Arm verklärte?
Dem die Entdeckung ach! nur tödlich nützte,
Nachdem er sie mit eignem Schwert erlegte:
Wo ist ein Herz, das Mitleid nicht bewegte?

8.
So ist der Gang geheimnißvoller Mächte:
Wenn ein Vasall, mit treulosfalschen Eiden, {174}

Den König, seinen Herrn, zu stürzen dächte:
Sieh, in verbotnen Fürstenbettes Freuden,
Den Rachegeist erzeugen Liebesnächte,
Und tödtlich Sohn und Vater – naht er beyden:
Vereint gestürzt den Vater mit dem Sohne,
Steht Er im Schutzgeist vor dem alten Throne.

9.
Die so bestimmt ist Göttlich's zu vollführen:
Die wird kein holdes Kind in Armen wiegen:
Die wird kein stiller Laut des Säuglings rühren,
Die kämpft mit Männern kühn in Heldenkriegen:
Kein Brautkranz wird die Heldenjungfrau zieren,
Und muß sie in dem schönen Kampf erliegen:
Statt Liebesmyrthen, schmückt das ewig Wahre,
Das ewig Schöne ihre Todtenbahre.

10.
Schön ist's, den Genius auf seinen Bahnen,
Und was ein liebend Streben kühn erflogen:
Schön ist es, einen Meister zu erahnen:
Was du geträumt von Hafen, Meer und Wogen,
Was mir erklingt, wie ein Gesang von Schwanen,
Mein holder Träumer, hab' ich treu erwogen;
Und will sich einst in Traum mein Daseyn lösen:
Ist deine Freundschaft mir kein Traum gewesen.

Falk.