Prometheus.
Ein dramatisches Gedicht
in fünf Aufzügen
von
J. D. Falk.
Mit einem Kupfer.
Tübingen,
vergelegt bey Cotta.
1803.
Personen.
Prometheus.
Corinna
Glauka
Seine Töchter.
Milon
Melant
Menalt
Lysis
Seine rechten Söhne.
Archyt
Anaximander
Clitias
Seine ihm vom Mercur untergeschobenen Söhne.
Richmont, Ein junger Englischer Seeofficier.
Jack.
Claas Vanderflieten
Matrosen aus seinem Gefolge.
Mercur.
Die Nacht.
Der Ocean, mit seinem Gefolge von Quellen und Flüssen.
Aeolus, mit seinem Gefolge von Winden und Vögeln.
Die Natur, mit ihrem Gefolge von Pflanzen, Bäumen,
Metall., Thier- und Elementar-Geistern.
Stücke aus Prometheus Werkstatt, die belebt werden.
Urania.
Cerberus, mit seinen drey Köpfen.
Die Scene spielt auf einer Insel. {V}
An die Welt.
Was ich bedarf, konnt' ich in dir nicht finden:
Mein Innres mußť ich tief in mir ergründen,
Im rohen Kampf feindseliger Gewalten
Mich selbst gestalten.
Nun, da ich tief in mir dieß Selbst gefunden:
Ist mir der Mißklang außen auch verschwunden:
Ich laß' die Narren, närrisch, wie sie's treiben,
Nun tichten, schreiben.
Du hast, o Welt, Gesang und Glanz und Spiele;
Du hast der Narren, wie der Tage, viele.
Soll ich – ein größrer Narr – solch Thun zu wenden,
Mein Seyn verschwenden?
Soll ich – wie bald – in Charons Nachen landen,
Und hätte, ewige Natur, dich nicht verstanden?
Was das Jahrhundert Großes sich erzielet,
Es nicht gefühlet? {VI}
Nein, heili’es Streben will mein Herz ergreifen,
Der Menschheit Hohes auf mein Haupt zu häufen:
Dieß will ich, mitten unter Irrlichtsschimmern:
Und dann – zertrümmern.
Zwar seh' ich Freunde, die darob mich schelten;
Wir stehn getrennt, wie auf verschiednen Welten;
Es dringt mein Ruf nicht mehr zu ihren Ohren:
Sie sind verloren!
Doch muthig in dem Kampf mit dir bestanden,
Entreiß dich, Herz, den lang gewohnten Banden:
Ihr Freunde, die nur Zank und Zwietracht weidet,
Fahrt hin und scheidet!
Weimar im Dezember
1802.
Falk.
Prometheus,
ein dramatisches Gedicht
in
fünf Aufzügen. {3}
Prolog
Mercur und die Nacht.
Mercur steht auf einer Reihe von Felsklippen, die ins offne Meer hinausläuft. Die Nacht, die von der Seeseite in ihrem Sternenwagen herauf schwebt.
Die Nacht.
Wen führt sein Weg so spät den Fels herauf?
Mercur.
Was steigt am Horizont dort dunkel auf?
Die Nacht.
Hat Antwort dir mein Schweigen nicht gebothen?
Mercur,
Kennst du nicht mehr Mercur, den Götterbothen?
Wir sahn uns doch so oft im Reich der Todten.
Doch sag' mir, liebe Nacht, warum du jetzt oft so {4}
Vermummt ausgehst, und so incognito?
Denn auf und ab die graue Nebelferne
Durchblinken heut ja weder Mond noch Sterne.
Die Nacht.
Ich thu's dem Erdenvölkchen bloß zum Tort!
Das glaubt auf seinem Maulwurfshaufen dort
Wahrhaftig, Sonne, Mond und Sterne schienen
Nur dazu, daß bey ihm Sallat und Gurken grünen.
Mercur.
Beym Styx! Das hast du recht gemacht.
Verkehrt's doch ohnedieß schon Tag in Nacht!
Horch! Würfel klappern, Billardkugeln rollen,
Wohin wir Aug' und Ohr nur wenden wollen;
In jedem Stockwerk sind noch Fenster hell;
Hier summt das Hackbret, dort's Violoncell;
Die Trommeln gehen und die Glocken schlagen;
Die Wächter schreyn: „Ihr Herren laßt euch sagen! "
Ist das die Stille, die –
Die Nacht.
O schweig Mercur!
Denn die Erinnerung betrübt mich nur:
Laß lieber deine Sendung mich erfahren!
Mercur.
Du kennst Prometheus, der, seit grauen Jahren, {5}
Im Caucasus tief angefesselt lag:
Der Adler Jupiters fraß, Tag für Tag,
Ihm hier die Leber ab, die stets bey Nacht ihm wieder
Erwuchs. Der Morgen kam. Dann senkte sein Gefieder
Der unwillkommne Gast, zu immer neuer Qual;
Denn, was bey Nacht erwuchs, war Tages drauf sein Mahl.
Die Nacht.
Oft hört' ich von dem Armen sprechen;
Doch was beging er für Verbrechen?
Mercur.
Kaum hatte durch des Chaos Dunkelheit
Zeus Sonn' und Mond, gleich Funken, ausgestreut:
Da ging's an ein Bewundern und Begaffen;
Da war kein Gott so klein, er wollte schaffen.
Was willst du sagen? fiel's sogar doch zweyn bis dreyn
Von des Olympus schönen Geistern ein,
Dem großen Demiurg, aus freyen Stücken,
Zum Zeitvertreib auch so ein Weltchen nachzuflicken!
„Gebt die Materie uns und die Bewegung nur!“
(So riefen sie mit schöpfungstrunknen Blicken)
„Das Uebrige ist leicht!“ – Die Werkstatt der Natur
Stand grade offen, und zum Unglück lag im Kehricht
Der träge Erdklump dort, den wählten sie sich töricht, {6}
Und hast du schaffen sehn, nun ging's mit rascher Hand,
Bis ungefähr ein Ding, wie eine Welt entstand.
Hilf Zeus! Wie freuten sich der Schöpfung Werkeljungen!
So auf den ersten Blick schien alles wohl gelungen:
Doch als der Demiurg, der grad, als dieß geschah,
Abwesend war, bey Licht die Herrlichkeit besah:
Hilf Himmel! wie erschrak er da!
Zu Eis gefror der Othem an den Polen,
Und bey der Linie verbrannte man die Sohlen.
Der Maulwurf schaufelte, wo Pflügers Fleiß gebaut,
Und Schierling sproßte auf bey Petersilienkraut.
Schon stand Er im Begriff, die Kugel platt zu schlagen
Auch ward sie nie in's Buch der Schöpfung eingetragen –
Doch ließ sein Ingrimm nach, je mehr er sann,
Er wies sie Wolf und Bär zum Wohnort an.
Die Nacht.
So ward der große Ameishaufen
Doch noch zu etwas gut! Zeus hatte recht.
Mercur.
Ein halb Jahrtausend war nun abgelaufen,
Da machte Freund Prometheus wieder schlecht,
Was Zeus so gut gemacht. {7}
Die Nacht.
Wie das?
Mercur.
Er wollte schaffen.
Du kennst das zwitterhafte Thiergeschlecht,
Zu dumm für Götter, und zu stolz für Affen.
Den Himmelsfunken, unter Sternen heim,
lhn stahl Prometheus, faßt‘ ihn unbekümmert
In ein Gefäß von nassem Leim,
Wo er, wie trüb' am Sumpf ein Irrwischlicht nun schimmert –
Die Nacht.
Und gleich geschwind erlischt. – Das düstre Haus
Des Tartarus empfängt an meinen stillen Thoren
Den matten Schein – dort geht er ewig aus.
Mercur.
Schon von Geburt zum Elend auserkoren
Begrüßt das Kind mit Klagen jenen Strand,
Wo der Natur stiefmütterliche Hand –
Lautweinend, nackt und bloß, im kleinen Lebensnachen,
Und mitten unter Klau’n und aufgesperrte Rachen
Es hülflos ausgesetzt. {8}
Die Nacht.
Schreibt's der Natur nicht zu!
Die Schuld ist eu'r!
Mercur.
Du irrst! – Wer trug mit diesen armen
Verstoßnen Erdgeschöpfen mehr Erbarmen,
Als Zeus? Ihr Zustand ließ ihm keine Ruh.
Zwar ganz vermocht er ihn nicht mehr zu hindern;
Doch sandť Er ihnen, etwas ihn zu lindern,
Pandora mit Geschenken zu.
Schon lernten sie sich kleiden, Eisen schmieden,
Doch alles dieß mißfiel dem Japetiden,
Prometheus fand, wie späterhin Jean Jaque,
An Kunst und Wissenschaften nicht Geschmack;
Und drob erklärt‘ Er Jupiter'n vermessen:
„Der Menschheit höchster Zweck sey – Eicheln essen.“
Die Nacht.
Und Jupiter?
Mercur.
Der kerkert', aus Verdruß
Für dieß Paradoxon, ihn in den Caucasus,
In eine von den tiefsten Spalten, {9}
Durch sechs Jahrtausende den frevelnden Entschluß,
Der Menschheit Fortschritt aufzuhalten,
Hier abzubüßen.
Die Nacht.
Nun die sind ja schon vorbey!
Mercur.
Auch hat sich Vater Zeus des Alten
Bereits erbarmt.
Die Nacht.
Was sagst du? Er ist frey?
Wo lebt er, wo?
Mercur.
In einer Felsenbay,
Nicht weit von hier. Im Nebel gegen Morgen
Liegt sie dem Aug‘ der Sterblichen verborgen.
Die Nacht.
Und was beginnt er dort?
Mercur.
Er formt zum Zeitvertreib,
Wie ehedem, sich wieder Mann und Weib,
Aus einem bildsam weichen Thone,
Damit er nicht allein auf seiner Insel wohne.
Die Nacht.
Wie? wär es möglich? Kaum noch fesselfrey,
Hebt dieß verderbliche Beginnen schon auf's Neu’ {10}
Des Japetiden Brust? Was sind es für Geschöpfe,
Die er beseelt?
Mercur.
Einfält'ge, schlichte Tröpfe.
Auch wissen wir bereits von guter Hand,
Ihr süß geträumter Unschuldstand
Macht ihm schon je und je zum Sterben Langeweile;
Und eben darum bin ich abgesandt,
Damit ich ihn von dieser Grille heile.
Die Nacht.
Ein schwerer Auftrag! Und wie fängst du's an?
Mercur.
Bald so, bald anders! Kein bestimmter Plan,
Erhabne Königin der Schatten;
Ich handle, wie die Umständ' es gestatten.
So kann's nicht bleiben, dieses fühlt Er wohl.
Zwölf Jahre baut er nun in Ruhe seinen Kohl:
Doch drückt ihn allerwärts ein heimlich Unbehagen,
Wovon die Ursach' er sich nicht gesteht zu sagen,
Bald ist es dieß, bald wieder das,
Bald eignes Ungeschick, bald Götterhaß;
Kurzum das Schlimmste wär‘ ihm selbst willkommen,
Würd’ ihm die Langeweil zu Zeiten nur entnommen,
Nun – dazu biet' ich denn ihm treulich auch die Hand,
Und in Erfindungen schlau, wie du weißt, gewandt, {11}
Benutz' ich mein Talent, den guten Alten,
Abwechselnd stets, in Laune zu erhalten. –
Absonderlich bereit' ich schon zuvor
Ihn auf der Thorheit großen Anblick vor,
Womit die Menschheit, künstlich ausgeartet,
Ihn früher oder später doch erwartet.
Zum Beispiel neulich war er just nicht heim:
In seiner Werkstatt steht ein Zuber Leim,
Frisch eingerührt, daneben angefangen
Ein paar Gestalten, fertig bis auf Kopf und Stirn.
Ich hin – und rühre, mit arglist'gem Unterfangen,
Von einer Thonart aus dem Hundsgestirn
Ihm fremden Zusatz drein. – Kaum bin ich fortgegangen:
So kömmt mein alter Tausendkünstler heim,
Und setzt sich hin, und netzt den Leim,
Und geht an seine angefang'nen Köpfe,
Und formt sie ganz von meinem Thone aus,
Und wie er glaubt, er kriegt Naturgeschöpfe,
Sieh da! so werden Philosophen draus.
Die Nacht.
Die jetzt dem jungen Volk den Kopf verdrehen?
Mercur.
Nun freylich, etwas ist's auch darauf abgesehen;
Doch lag der Saame schon zur Unzufriedenheit {12}
In ihrem Zustand selbst gar reichlich ausgestreut:
Heut aber wird ein Schwarm von Europäern,
Kaufleuten, Jahrmarktskrämern, Sternensehern,
Luftschiffern sich, mit Weib und Kind und Mann,
Ganz unvermuthet ihrem Eiland nah'n.
Die Nacht.
So halb und halb erahnd' ich deinen Plan.
Mercur.
So wünsche denn, daß es mir auch gelinge,
Wenn ich den Fortschritt seiner Abkömmlinge,
Wie ihre Fehler heut' ihm vor das Auge bringe,
Daß mild besänftigend der Segen der Cultur,
Wovon er nichts im Caucasus erfuhr,
Mit ihrem Fluch sein stolzes Herz versöhne,
Damit er länger nicht durch Lästern Zeus verhöhne,
Indem er glaubt, der Zustand der Natur
Gezieme, wie des Feldes Thieren, nur –
Dem Sterblichen. – Wie wird der Sonderling erschrecken,
Ein Schiff mit Mast und Segel zu entdecken. –
Die Nacht.
Wie? Selbst die Schiffarth ist ihm unbekannt?
Mercur.
Die – und was sonst der kluge Mensch erfand. {13}
Die Nacht.
Wo kömmt das Fahrzeug her?
Mercur.
Von Engelland!
Laß, bitt' ich, unter deinem Schutz es landen!
Ich weiß, du liebst ja diese Nation.
Die Nacht.
Ey freylich! Und ich suche lange schon
Einmal Gelegenheit, ihr öffentlich zu – danken,
Für das süperbe Werk, die Youngschen Nachtgedanken!
Mercur.
Um desto besser nur!
Die Nacht.
Ich bin bereit.
Mercur.
Allein das Eiland ist von hier noch ziemlich weit!
Weil du so gut bist, räum' auf deinem Wagen
Mir nur ein kleines Plätzchen ein!
Ich bin so müde, daß mich kaum die Füsse tragen.
Die Nacht.
Schämst du dich nicht, Mercur? Ein Gott, und müde seyn?
Mercur.
Ihr habt gut reden, ihr, ihr Andern! {14}
Ihr fahrt und reitet, und Mercurius
Laßt ihr, von Pol zu Pol, für euch zu Fuß,
Bey Nacht und Nebel, oft die Welt umwandern,
Sogar Silen, das Heidelberger Faß,
Er trabt auf seinem Es'lein baß;
Und Bromius, das volle Deckelglas,
Hat Pardel, die ihn um die Welt karjolen:
Was hab' ich?
Die Nacht.
Flügel!
Mercur.
Ja doch! An den Sohlen!
Die Nacht.
So steig herein! Hier ist die Wagenthür.
Mercur.
Erst leuchte mit dem Mond ein wenig mir!
Kaum kann ich meine Hand, geschweig den Fußtritt sehen:
Verfehl ich ihn, so ist's um meinen Hals geschehen!
(Die Göttin der Nacht läßt den Mond aufgehen. Ihr Wagen
erleuchtet sich.)
Nun spute dich! Ich höre Hecaten
Mit ihren Hunden dort im Kreuzweg gehn.
(beyde ab) {15}
Prometheus,
ein dramatisches Gedicht. {17}
Erster Aufzug
Erster Auftritt.
Eine Insel – Klippen. Das Meer im Hintergrunde. – Seitwärts eine Quelle. – Prometheus sitzt nachdenkend in der Vertiefung eines ausgebrochnen Felsstücks. Vorn herum
schlafen seine Kinder auf Binsen und unter Eichengesträuch.
Prometheus.
Noch sitz' ich ruhig auf dir, mein altes Felsenstück!
Noch schlafen sie, das ist mein glücklichster Augenblick!
Denn wird ihr Aug' erst wieder wacker:
Da geht's an ein Gegicker, an ein Gegacker,
An ein Geschnatter die Kreuz und Quer;
Ich höre mein eignes Wort nicht mehr!
Nun – warum hab' ich sie auch erschaffen?
Und büß' ich denn and’r’ als meine Schuld?
Geduld, du alter Murrkopf, Geduld!
Mußt du denn immer und ewig klaffen?
Ertrage dein Kreuz, gutherziger Narr!
(Nach einer Pause tieferen Nachdenkens) {18}
18
Beym Stix! Ein sauberes Völkchen fürwahr,
Prometheus, das du da wieder erschaffen!
Vom Morgen bis spät in die Nacht schlaraffen,
Das ist der Buben ihr Zeitvertreib;
Der Mädchen ihrer mit halbem Leib
Sich spiegelnd in jeglichem Quell begaffen;
Und meiner? – mit Mährchenerzählen, hem!
Den Alltagsgeschöpfchen die Zeit vertreiben!
Das Best' ist noch immer bey alle dem,
Bis dato, daß sie sich nicht beweiben;
Denn, obgleich für die Liebe gemacht,
Sind, als Brüder und Schwestern erzogen,
Sie einander denn auch so gewogen,
Wie ich mir gleich es im voraus gedacht:
Närren sich, zerren sich, reißen sich,
Jagen sich, schlagen sich, schmeißen sich,
Früh – bis spät in die sinkende Nacht,
Statt zu schaufeln und Erde zu karren;
– Käme zu all’ dem Lärm und Gebraus
Noch von Kleinen das Zappeln und Quarren: –
Alter Kopf, o halt aus, halt aus!
Werd' ob des Einfall's bloß nicht zum Narren!
(Im Vordergrunde fängt es an lebendig zu werden),
Prometheus.
Mich dünkt, sie regen sich, sie sind erwacht!
(geht auf sie zu) {19}
Die Mädchen, die zuerst munter werden, laufen zum Quell, spiegeln sich, pflücken Blumen am Rande. u. s. w.
Menalt.
Ich wollt, es wär' erst wieder Mitternacht!
Noch hab' ich gar nicht ausgeschlafen.
Milon. (träge)
Ein Stündchen schliefen wir wohl alle noch!
Prometheus. (für sich)
Nun! schwerer könnte wahrlich doch
Der Arm des Donn'rers mich nicht strafen.
(laut)
Macht Feuer an! Der Morgen schauert kalt.
Menalt.
Ich weiß es nicht, mir fallen vor Gewalt
Die Augen wieder zu.
(Milon und Lysis reiben trockne Hölzer so lange gegeneinander, bis die Flamme heraus schlägt.)
Melant.
(zerstreutes Reisig am Boden auflesend)
Hier habt ihr trockne Aeste!
Menalt.
Der Schlaf ist doch auf dieser Welt das Beste!
Tag's weiß eins oft nicht, was es machen soll.
Ein Weilchen nun da geht es wohl
Mit Fliegen fangen, an den Fingern saugen –
Doch lang ermüdet's, und der Spaß hört auf. {20}
'S ist immer nur der alte Schneckenlauf:
Da kömmt die Nacht; da reibt man sich die Augen;
Da schläft man ein; da steht man wieder auf;
Und brennt sich Feuer an; und muß sich Holz besorgen: –
Und alles das ist heute so wie morgen,
Und morgen wieder eben so wie heut!
Prometheus.
Die Ursach' ist, weil ihr beständig müssig seyd.
Gibt's denn nicht Wintervorrath einzutragen,
Und in den Busch zu gehn, und Holz zu schlagen,
Und Eicheln unten an dem Felsenpfad
Zu sammeln?
Alle.
Deiner Eicheln sind wir satt!
Prometheus.
So bau't das Feld! ich will's euch lehren,
Und nährt euch von der goldnen Frucht der Aehren!
Milon.
Ja wüchsen sie in einem Tage auf,
Da ging es schon: doch so in Jahres Lauf
Bringt man die Arbeit kaum zu Stande, –
Und hat man Tag und Nacht im heißen Sande
Sich nun geplagt, und glaubt zuletzt zu ruhn:
Da kommen Reb-und Haselhuhn, {21}
Nebst einem Volk geschwätz'ger Spatzen,
Den Körnervorrath wegzuschmatzen.
Prometheus.
Doch wieder eure Schuld! Ihr habt ja nichts zu thun,
Als von dem Acker sie hinweg zu scheuchen.
Melant.
Das sagt sich leicht! Erst gilt's indeß, sie zu erreichen!
Da läuft man flugs, sobald der Morgen tagt,
Die schwarzen Furchen auf und nieder,
Und kaum an einem Flecke aufgejagt,
Setzt sich der Schwarm an einen andern wieder.
Prometheus.
So seht denn träges Sinn's auch selber zu,
Was ihr beginnt: nur mich laßt künftighin in Ruh!
Ihr regt in frischer Jugendkraft die Glieder;
Kennt weder Krankheit, noch Verdruß;
Schöpft mit der hohlen Hand aus jenem Fluß
Euch euern Trank; und an der Eiche Fuß,
Die euch gesättigt, sinkt ihr sanft zum Schlafe nieder:
Was ist es denn, warum ihr murrt? Fürwahr,
Ich find', ihr seyd sehr undankbar! {22}
Corinna und Glauka.
(die zum Feuer kommen)
Corinna.
(zu Lysis und Milon)
Wir möchten gern ein wenig an die Flammen:
Ich bitt' euch, seyd so gut, und rückt zusammen!
Glauka.
Die Hände sind erstarrt uns auf der Flur: –
Und würd' uns auch ein kleines Plätzchen nur:
Wir wollten uns schon zu behelfen suchen;
Nur theilt von euerm Vorrath uns von Buchen
Und Eicheln auch was mit! –
Prometheus.
Nun hört ihr nicht?
Es ist die Schwester, welche mit euch spricht:
Und nicht geziemt es, daß sie so vergeblich bitte.
Alle.
Es ist kein Platz mehr da in unsrer Mitte.
Prometheus.
Wohlan denn Lysis, Milon, steht ihr auf!
Bringt Reisig aus dem Wald indeß zu Hauf,
Bis Glauka und Corinna sich erwärmen;
Zugleich seht nach auch, wo die andern schwärmen.
(Milon und Lysis mürrisch ab) {23}
Prometheus.
(sich wieder im Hintergrund auf die Felsklippe setzend)
Das halte noch länger aus, wer da mag!
Das Uebel wird ärger mit jedem Tag.
Und dennoch, so roh diese Eichelnfresser
Auch sind, sie gefallen mir dennoch besser,
Als jener vermaledeyte Schlag,
Das Kleeblatt philosophischer Affen,
Das ich mir neulich zum Herzleid erschaffen.
Wollen die Narren das Wie? und Warum?
Erforschen von jeglichem Erdendinge:
Warum dieß grad ist? und jenes krumm?
Und wie hoch wohl ein Floh im Dunkeln springe?
Und dabey sind sie so dumm, so dumm!!
Lange schon wurmt mir's im Kopfe herum, –
Wer mir nur über den Zuber gekommen?
Hab' ich den unrechten Leim genommen?
Geht die bildende Kraft ihm aus?
Wird er, je länger ich schaffe, je schlechter?
Und steigen mir darum jetzt ganze Geschlechter
Philosophischer Grasaffen ’raus? –
Will dem Ding suchen nachzuspüren,
Und machen's mir die Bursche zu kraus,
Sie all‘ in Brey zusammenrühren.
(steht auf und tritt zum Feuer.) {24}
Wo stecken denn die andern drey?
Man sieht euch selten bey einander.
Melant.
Meinst du Archyt, Anaximander
Und Clitias?
Prometheus.
Wo sind sie?
Melant.
Ey!
Die werden wohl auf allen Vieren
Im Eichenwald umher spatzieren.
Prometheus.
Auf allen Vieren? Nun wie das?
Melant.
Ich weiß es nicht, mir sagte Clitias:
So hab' es die Natur geboten,
Die Hände wären nichts, als Vorderpfoten.
Prometheusi
Vortrefflich! Nun und darf ich wissen, was
Denn diese Gründe wohl bey euch verfingen?
Melant.
Mir will es noch nicht ganz damit gelingen:
Sonst wäre eben mir, so wie dem Thiergeschlecht,
Das Gehen auch auf allen Vieren recht! {25}
Jetzt krieg' ich immer nur vom vielen Bücken
Beym Holzauflesen einen steifen Rücken.
Prometheus.
Was denkst denn du, Menalt, daß du so still bist?
Menalt.
Je!
Ich denke nichts! – Mir thut davon der Kopf gleich weh:
Wer so am laut’sten schreyt, dem pfleg' ich Recht zu geben.
Prometheus.
Doch sieh! Da kommen unsre Philosophen eben.
Zweyter Auftritt.
Die Vorigen. Clitias, Anaximander und Archyt auf Allen Vieren. Archyt läuft mit seinem Kopf Prometheus zwischen die Füße.
Archyt.
Welch fester Körper hemmt hier meinen Lauf?
Melant.
Willst du es wissen, thu' die Augen auf!
Archyt.
Ich kann euch seine Größe sagen, {26}
Auch ohne daß ich brauch ein Auge aufzuschlagen.
Gebt Acht! Aus diesem kleinen Zeh
Berechn' ich auf's Bestimmt'ste seine Höh
Und seine Breite –
(Indem er um Prometheus Fußballen trigonometrische Vermessungen anstellt, und, ohne aufzusehen, fortfährt:)
Nur die Meßkunst wirkt dieß Wunder;
Denn nach verjüngtem Maßstab, zieht jetzunder
Archyts Verstand den unläugbaren Schluß:
Dieß Solidum hat sechs und einen halben Fuß.
Prometheus.
Steht auf, und reitzt nicht länger meine Rache!
Prometheus, euer Schöpfer spricht!
Anaximander.
Wahnsinniger, halt ein! – Den Schöpfer kenn' ich nicht.
Prometheus.
Und wen denn sonst?
Anaximander.
Die erste Weltursache,
Bewegung! – Dieses ewige Naturgesetz
Brennt aus dem Feuer; rauscht im Bache;
Fängt sich als Flieg' im selbstgesponn'nen Netz;
Red't aus den Menschen; blöckt aus Stieren;
Und geht in uns auf allen Vieren: {27}
Nennst du dieß Schöpfer – Welt: so mag's drum seyn!
Wir wollen uns um Wörter nicht entzweyen.
Prometheus.
Elender Wurm! Du willst mein Daseyn läugnen?
Vergebens! – Dessen Allmachtsruf
Dem Erdklos Leben anerschuf,
Kann dir den Weg auch zur Vernichtung zeichnen.
Ich bin dein Schöpfer noch! – Gefäß von Leim,
Was hält mich ab, dich zu zerbrechen?
Clitias.
Wer ihr auch seyd, ihr scheint nicht recht daheim,
Sonst würdet ihr wohl so bestimmt nicht sprechen:
„Ich bin, ich bin!" Ja sagtet ihr noch: „Schein'“
Ich euch denn euer Schöpfer nicht zu seyn?
Denn unter uns gesagt: wie könnt ihr wissen,
Daß wir? und umgekerht wie wir, daß ihr nur seyd?
Das ewige Gesetz Zufälligkeit
Treibt, als Erscheinungen, Anaximander
Und euch und Clitias im Raum hier aneinander.
Was weiter? Könnt ihr sonst aus diesem Schein
Noch irgend etwas folgern? Nein!
Prometheus.
Was? hat mein Arm dich nicht dem Schoos des Nichts entrissen? {28}
Clitias.
Man kann in dieser Welt nichts mit Gewißheit wissen!
Prometheus.
So hörst du dort im Wald nicht jene Raben schreyn?
Clitias.
Das Alles bilden wir vielleicht uns nur so ein!
Prometheus.
Wie, siehst du denn ringsum nicht Gras und Bäume grünen?
Clitias.
Wer weiß, ob mir und dir dieß bloß nicht so geschienen!
Prometheus.
Ein Narr, der weder sieht noch hört,
Wie dieser, wird durch Worte nicht bekehrt!
(setzt sich zu Glauka und Corinna an's Feuer.)
Menalt und Melant haben sich während des philosophischen Gespräches fortgeschlichen. – Lysis und Milon kehren, mit großen Reisbündeln auf dem Rücken, aus dem Holze zurück. {29}
Dritter Auftritt.
Die Vorigen. Milon und Lysis.
Milon.
Da sind wir! (tritt beym Hereintreten Anaximander auf die Fersen. Dieser springt schreyend auf. Ihm folgen Archyt und Clitias. Dem Letztern quetscht Lysis den Fuß mit einem abgeworfenen
Holzbündel.)
Anaximander.
Weh mein Fuß!
Clitias. (wimmernd)
Mein Schienbein!
Prometheus. (hinzueilend)
Was ist ihnen
Begegnet? Red' Archyt!
Archyt.
Ey nun! So viel ich weiß,
Hat das Naturgesetz, mit einem Bündel Reis
Auf seinem Nacken hier, als wir uns eben drehten,
Die Weltursache da auf ihren Fuß getreten.
Clitias. (hinkend)
Weh mir! Nun bin ich lahm! {30}
Prometheus..
Vielleicht ist alles Schein!
Ey lieber, sage doch: Ich scheine lahm zu seyn.
Clitias.
Was, hat er mir das Holz nicht auf den Leib geschmissen?
Prometheus.
Man kann in dieser Welt nichts mit Gewißheit wissen!
Clitias.
Ihr hört mich aber doch vor Angst und Schmerzen schreyn?
Prometheus.
Das alles bilden wir vielleicht uns nur so ein!
Clitias.
Sieh her! Blutrünstig sind ja meine beyden Schienen.
Prometheus.
(kalt, nachdem er sie in Augenschein genommen )
Wer weiß, ob mir und dir dieß bloß nicht so geschienen! {31}
Vierter Auftritt.
Die Vorigen. Melant und Menalt athemlos vom Felsen herab.
Melant.
O Vater Prometheus; geschwind, geschwind!
Prometheus.
Was ist denn? Was gibt's?
Melant.
Dort unten da sind
Ich kann nicht – es hat mir den Othem benommen –
Menalt, erzähl es ihm, wie es gekommen!
Menalt.
Wir gingen zum Zeitvertreib, ich und Melant,
Und suchten uns Muscheln auf am Strand,
Und guckten herunter, mit langen Hälsen,
Durch's Erlengebüsch vom Sommerfelsen,
Wie du ihn genannt, in's Meer: da sahn
Wir plötzlich einen Mann sich nahn,
Prometheus. (für sich)
Wär's möglich? Eine lebendige Seele
In diesem unwirthbar'n Aufenthalt? {32}
Ich will ihn sprechen! (laut) – Ich folg' alsbald! –
Geht ihr voran in die Felsenhöhle!
(Die Andern ab, ausser Glauka und Corinna, die neugierig aufgestanden sind, und Menalt auf die Seite nehmen. )
Glauka.
O lieber Bruder Menalt erzähle
Uns doch noch etwas! Sag' ist er alt?
Corinna.
Ist er jung?
Glauka.
Ist er groß?
Corinne.
Ist er klein von Gestalt?
Menalt. (auffahrend)
Mit euerm verwünschten Gefrag' und Gequäle!
„Ist er groß? Ist er klein? Ist er jung? Ist er alt?“
Was weiß ich! Ich hab' ihn ja selbst kaum gesehen. –
Glauka.
Ey nun! Wir meinten ja nur, Menalt!
Corinna.
Es wird ja frey zu fragen stehen!
Komm Schwesterchen, laß den Griesgram gehen!
Ich weiß'n verborgnen Felsenspalt, {33}
Ganz oben, zwischen den Brombeerhöhen;
Da wollen wir lauschen: folg mir nur.
Prometheus.
Unsterbliche Götter, was seh' ich? Mercur!
(einige Schritte abwärts vom Felsen herunter, und wie ihm entgegen.)
Ende des ersten Aufzugs. {34}
Zweyter Aufzug.
Erster Auftritt.
Prometheus vor der Felshöhle. Mercur, der eben hereintritt.
Mercur.
Verzeih, Prometheus!
Prometheus.
Was?
Mercur.
Ich fand den Eingang offen.
Prometheus.
Das seh' ich! –
Mercur.
Und so komm ich denn in Eil –
Prometheus.
Wann gehst du wieder?
Mercur. (umschauend )
Bald! Du wohnst nun hier?
Prometheus.
Getroffen! {35}
Mercur.
Gesteh's, und hast zum Sterben Langeweil?
Prometheus.
Seit du mir nahtest – ja! –
Mercur.
Und keine sonst als diese?
Prometheus.
Nein! – Doch was bringt dich zu mir? kurz und gut!
Mercur.
Ein Liebesdienst, den ich dir gern erwiese!
Prometheus.
Nur zu, Mercur! – Ich bin auf meiner Hut!
Mercur.
Die Götter wollen dir vergeben,
Und laden dich zu ihrer Tafel ein.
Prometheus.
O könnt ich, wie sie mir das Leben,
Und daß ich Menschen schuf, vergeben,
Auch ihnen ihrer Schöpfung Tod verzeihn!
Mercur.
Was nennst du Tod? – Die Götter kennen keinen!
Prometheus.
So kennt ihn die Natur an ihrer Statt, {36}
Sie, die auf halb zerfallenen Gebeinen
Hier ihre Werkstatt aufgeschlagen hat.
Mercur.
Laß du Geburt dir nicht Zerstörung scheinen!
Das Thier stirbt aus, doch dauert sein Geschlecht.
Unabgenutzt, vom Menschen zum Polypen,
Stehn in der Werkstatt große Mustertypen,
Die keine Zeit verwischt, kein Abdruck schwächt,
Für jede Gattung! – Kinder oder Väter: –
Worin besteht der ganze Unterschied?
Als etwas früher oder später,
Das erste – oder millionste Glied.
In diesem Abgrund schwinden Ort und Zahlen.
Der Embryo im Anbeginn der Zeit,
Und der am Ablauf einer Ewigkeit:
Was sind sie, wenn sich beyd' in's Daseyn stahlen,
Wohl der Natur auf ihrem großen Gang?
Zwey Mücken! – Eine spielt im Sonnenuntergang,
Und eine sonnt sich in den Morgenstrahlen.
Ihr Auge sah die Eich' im Keime, sah
Den Regen, der sie netzt, den Sturm, der sie entblättert,
Den Lenz, der sie verjüngt, den Blitz, der sie zerschmettert;
Ihr ist nichts klein, nichts groß, nichts fern, nichts nah! {37}
Ob dort ein Xerxes, daß das Meer ihn trage,
Voll Zorn's ihm Ruthenschläge gibt,
Und ein Insect mit kleinem Flügelschlage
Den Tropfen hier am Wassereimer trübt:
Ihr gilt es gleich! – Ob drunten oder droben,
Was ihre Hand erschuf, in nichts zerstiebt;
Ob Monden leuchten? ob Vesuve toben?
Ein Irrwisch – oder Irrstern untergeht?
Ob Seifenblasen, oder Sonnengloben
Zerplatzen? – wenn das Ganze nur besteht!
Prometheus.
Daran erkenn' ich dich da droben!
Ich nenne dich nicht! Ich nenne dich nicht!
Du nimmer im All veraltender Alter!
Du lebensfeindlicher Lebenserhalter!
Da sitzest du einsam im Sternenlicht,
Und tausend rollende Menschenalter
Erscheinen vor deinem Angesicht,
Wie tausend flüchtige Meerestropfen
Im Ocean, der vorüberstäubt;
Die Tropfen verrinnen, der Ocean bleibt!
Da hilft kein Zagen, kein Herzensklopfen!
So geht es ewig und ewig fort!
Hoch, über des Abgrund's schwindelndem Bort,
Da steht der Alte, da hört er uns wogen, {38}
Und fluthen und wälzen, in ewiger Nacht,
Zu seinen Füßen, und lacht, und lacht! –
Denn er allein wird nicht fortgezogen,
Was kümmert, besteht das Ganze nur,
Der Wechsel einzelner Gattungsgestalten,
Der ewige Sterbezug der Natur,
Den Urheber aller Creatur?
Und dennoch – mit gļäubigem Händefalten
Ruft fromm einfältiger Kindeswahn
In ihm den Vater des Lebens an,
Weh meinem betrogenen Erdenvolke!
Da strecken sie schreyend die Händ' aus dem Staub
Zu ihm in die düstere Todeswolke
Hinauf – und ach! er ist taub! er ist taub!
Mercur.
Wann wirst die Verläumdung du endigen?
Anstatt zu vergessen, wer ich bin?
Sey lieber bedacht, den starren Sinn
Durch Gottesfurcht dir zu bändigen!
Prometheus
Ha, Götterfurcht! – Willkommenes Wort
Dem Graukopf, dem Alten, dem Götterhasser!
Hat Aberglaube nicht jeglichen Ort
Mit euch bevölkert in Luft und Wasser?
Wer sah in zerrissener Wolken Lauf {39}
Zuerst des Olympus hohe Gestalten?
Wer rief des Avernus finstre Gewalten
Zuerst aus geborstener Tiefe herauf?
Der frommen Milzsucht fiebernder Kranken,
Ihr habt ihr eure Altäre zu danken!
Als hoch im entwurzelten Tannenhain
Blitz, Donner und Windsbraut Felsstücke drehten:
Da fiel es Kindern zum ersten Mal ein,
An Euch zu glauben, und Weibern – zu beten.
Mercur.
Dein alter Trotz, uneingedenk
Der Freyheit, die dir Jupiter beschieden,
Mißbraucht zu Lästerungen sein Geschenk –
Prometheus.
Die Wahrheit sind! – So ziemt's dem Japetiden.
Du mach’ nun kurz, was draus erfolgen muß!
Hast du die Fesseln da, mich anzuschmieden?
So komm! - Hier geht der Weg zum Kaukasus!
(will fort)
Mercur.
Bleib! Und Belehrung werde dir, statt Strafe!
Wenn, was den Kopf berückt, das Herz bethört,
Kein Gott vernimmt, und keine Göttinn hört:
Wacht oft die Vorsicht, wo ihr glaubt, sie schlafe:
Ihr Aug' umfaßt, wenn ihr am Einzeln klebt, {40}
Voll Huld das Ganze. – Warum widerstrebt
Denn thöricht Menschenwille höherm Wollen?
Da steht der stolzvermeßne Erdenkloß,
Fünf Fuß hoch, auf der Hand voll Erdenschollen,
Die Morgen über ihn zusammenrollen,
Und sieht das Große klein, das Kleine groß;
Sieht im Saturn, der über'm Haupt ihm schimmert,
Statt einer Welt, nur einen Punkt, der flimmert,
Und in dem Punkt, worauf er Mittag hält,
Und seinen Dünger absetzt – eine Welt.
Prometheus.
Kein Wunder! Woher unter'm Sterngezelt
Zum Unermeßlichen den Maßstab nehmen?
Mercur.
Dazu in einem spannenbreiten Hirn:
Da müssen freylich denn wohl Sonne, Mond, Gestirn
Zu einer Einfassung in Pappe sich bequemen,
Und Platz in einem kleinen Globus nehmen.
– Nun dafür hat denn auch der menschliche Verstand
Das ganze Universum jetzt zur Hand,
So lang es währt – denn, was ist von Bestand?
Der Tor errscheint! Die Zeit ist abgeflossen,
Und das Gehirnchen, das das Weltall heut umfaßt, {41}
Bewillkommt Morgen andre Hausgenossen,
Und bittet sich den düstern Wurm zu Gast. –
So folgt in's Chaos ein Geschlecht dem andern.
Kein Gott, der sie von dem Geschick erlöst,
Gestaltlos und in Erdschwämm' aufgelöst,
Die Herberg' aller Dinge zu durchwandern.
Floßfedern, Hufe, Kehlen, Fittiche,
So viel nur ihrer durch Jahrtausende
Hier schwammen, stampften, zwitscherten und flogen:
Sie alle sind die Straß' herab gezogen,
Die Niemand wiederkehrt, dort sucht sie auf!
Schon glänzen sie vielleicht im Cirkellauf,
Als Schaum im Glanz der Meereswogen;
Als Tropfen in dem Regenbogen;
Als Flocken, wann der Winter schneyt;
Als Funken, wann der Hekla speyt.
Prometheus.
O besser, sie sind dort geborgen,
Als drückt sie Elend hier und Hungersnoth!
Mercur.
Für Alle, nicht für Einen sorgen,
Heißt der Natur ihr groß Gebot!
Der Mensch wird über Theurung jammern,
Zerschrotet ihm ein Wurm sein Korn: {42}
Sie öffnet beyden ihre Vorrathskammern;
Ihr Regen netzt den Fruchtbaum, wie den Dorn.
Die Raupe, die in Maulbeerblättern
Gewänder für den Luxus spinnt,
Und die im Eichenlaube sind
Nur beyde – Raupen vor den Göttern. –
Prometheus.
Was sagst du? Gibt es dienende,
Dem Menschen unterworfne Thiergeschlechter?
Mercur.
Frey seiner Herrschaft sind nur wenige!
Er macht aus ihnen Spinner, Jäger, Wächter.
Den größten Theil der Quadrupedenwelt
Hat er in seinem Dienste angestellt.
Der treue Hund umgeht das Haus und bellt;
Zwey muntre Rosse ziehen seinen Wagen;
Der Sperber jagt; Kamel und Esel tragen;
Gehorsam tanzt der Bär, im Nasenring;
Und kleine Vögel, die sein Sprenkel fing,
Sie singen laut, und Seidenwürmer weben,
Um Zeitvertreib und Kleidung ihm zu geben.
Noch nicht genug! – Sein bildender Verstand
Verschönert, was der Zufall bloß erfand.
Die Kunst – {43}
Prometheus. (finster)
Genug! An diese dacht ich eben!
Mercur.
Ein Wink von ihr! und athmende Gestalten heben
Aus todten Marmorbrüchen sich hervor.
Prometheus.
Nichts mehr davon! Verschlossen ist mein Ohr!
Du strebst vergebens, mich zu überführen;
Stets unerschüttert bleibt mein harter Sinn,
Mercur,
So höre doch! Ich komm' –
Prometheus.
Von Jupiter!
Mercur.
Ich bin –
Prometheus.
Sein Kuppelboth'!
Mercur.
Ich will
Prometheus.
Mein junges Volk verführen!
Und nun mach' weiter mir den Kopf nicht heiß!
Du siehst ja, daß ich deinen Auftrag weiß. {44}
Mercur.
(zu Prometheus, der ihn zum Ausgang geleitet)
Bleib! und bemühe dich nicht meinetwegen!
Prometheus.
Laß! Es geschieht nur, um ein Felsstück vorzulegen!
Mercur.
Ein Felsstück? und warum?
Prometheus.
Damit ich künftighin
Vor ähnlichem Besuch gesichert bin!
Mercur.
Erst schöpf aus unergründbar'n Wasserschlünden
Den alten Ocean dort aus,
Soll nicht die Wellenstraß' entlang ein schwimmend Haus
Noch heut den Weg zu deinem Eiland finden.
Zweyter Auftritt.
Prometheus, ihm nachstaunend.
– – –
Zu mir! – Unmöglich! Ist der Erdball doch
In zwey Halbkugeln durchgerissen!
Und eine Hälfte liegt ja immer noch
Mit allen ihren Strudeln, Meeren und Flüssen {45}
Dazwischen gewälzt. Jedoch, was steh' ich an?
Warum befrag' ich nicht den Ocean?
Er muß es wissen! (besteigt die höchste Felsklippe)
Höre mich, Vater Ocean!
Neig in deinen brausenden Hallen
Drunten im Meer Prometheus dein Ohr!
Hebe mit Binsen bekränzt und Rohr,
Mitten aus grünlichen Krystallen,
Dein ehrwürdiges Haupt hervor!
(Die Wellen theilen sich. Der Ocean in Gestalt eines majestätischen Alten erscheint auf ihrer Oberfläche.)
Dritter Auftritt.
Prometheus. Der Ocean. Nachher die Quellen und Flüsse.
Der Ocean.
Wer ruft? Wer stört mich aus meiner Ruh?
Wer naht sich meinen Korallenbänken,
Wo ich bey lieblichem Wogengeräusch
Schlummerte, und zwingt mich dazu,
Meines vergessenen Leid's zu gedenken?
Prometheus.
O Du, vor allen Unsterblichen
Mir befreundet, in deinen Krystallgrotten drunten, {46}
Sage mir, haben die Sterblichen
Den Weg durch deine Wellen gefunden?
Der Ocean.
Wohl haben sie ihn, die Verwegenen!
O ihr, deren Rücken die Undankbaren
Schnell auf furchendem Kiel durchfahren,
Ihr Kinder des alten Ocean,
Hebt leise
Die Weise,
Welche den Gram mir besänftiget, an!
Du in verborgener Felsenkrümme
Traurig flüsternde Erdenstimme,
Quelle, du Bergeinsiedlerinn,
Kleine vertrauliche Plauderinn,
Beginn, Beginn
Du den Gesang unablässiger Klage!
Daß des alten Oceanus,
Jammer ein Fluß dem andern Fluß,
Eine Quelle der andern sage,
Wenn ihr auf eurer Wanderschaft
Euch entweder im fischreichen Hage,
Wo im Bache das Reh sich begafft,
Und vom singenden Fischergelage
Netzumhangenes Ufer ertönt,
Oder da, wo vom Hammerschlage {47}
Dumpf wiederhallend das Bergwerk dröhnt,
Und nur träufelnder Tufstein regnet,
Unter Eisenstufen begegnet.
(Stimmen im Wogengeräusch)
All uns, des Occan
Zahlreiche Söhne,
Flüchtige Töchter,
Wolkenbewohner,
Felsengeschlechter:
So viel nur immer
Dem Vater, dem alten
Geliebten, entrissen
In Strömen, in Flüssen,
Hin und zurück
Wandern und irren,
Und ihn nicht finden:
All uns zusammen
Ziehen und binden
Jammer und Sehnsucht
Des gleichen Geschicks!
Doch, wie uns armen
Quellen, vor allen
Ist unerbittlicher
Keins zugefallen
Der ausgetheilten Loose des Glücks! {48}
Kleine tückische Erdengeister,
– Die oben nennen sie Brunnenmeister –
Die kommen mit Bohrern und Schaufeln zu Hauf, ·
Und lauern heimlich im Dunkeln uns auf,
Uns abzustechen,
Uns abzugraben –
Und wenn sie uns haschen,
Und wenn sie uns haben:
Dann leb wohl, Vater Ocean!
Wir sehn dich nicht wieder! Um uns ist's gethan,
Gefangen sind deine armen Kinder,
Und kommen nun nimmer und nimmer loß.
Im tiefsten, finstersten Kellergeschoß,
Da betten sie uns in Wassercylinder,
Da müssen wir dann im Gewölbe von Stein,
Zwischen den blechernen Brunnenröhren,
Mit heischerm Geräusch unser Leben verschreyn,
Wo wir nichts sehen und nichts hören,
Und nur zuweilen viergebeint
Die garstige Wassereidechs' erscheint.
Hoch über uns ziehn der Mond und die Sterne!
Stille ringsum! Kein Blumenduft!
Kein Bienchen, das summt! Kein Guguk, der ruft!
Nur deine klagende Stimm' aus der Ferne,
Vater, dringt immer und immerdar {49}
Zu uns herab in die dumpfe Cisterne.
So vergeht uns manch trauriges Jahr.
Auf einmal werden wir ihn gewahr,
Unsern alten Kerkermeister,
Ihn, und seine dienstbaren Geister.
Weh uns! Daß er nur etwa nicht gar
Uns noch größeres Unheil bereite,
Und zum geräụschvollen Markt uns leite!
Auf und ab, und quer und krumm,
Führt er im Bauch der Erd' uns herum.
Plötzlich ein Lichtstrahl aus finsterer Weite!
Und ein Gebrumm!
Ein Gesumm!
Ein verworrnes Getös von Kannen, die klappern,
Von Schwengeln, die knarren, von Mägden, die plappern!
Weh uns! Ein Röhrtrog sind wir nun!
Schon kommen in Hauferi
Die Feinde gelaufen!
O großer steinerner Vater Neptun,
Schütz' uns, schütz' uns mit deinem Harpun!
Was nur zu thun?
Wohin uns wenden?
Zurück! Zurück!
Die Eimer, die Krüge, {50}
In ihren Händen,
Verrathen zur Gnüge
Uns unser Geschick!
Haben nun nimmer
Ruh und Frieden;
Müssen immer
Kochen und sieden;
Und früh und spät
Am Schüsselbret
Kochtöpfe,
Suppennäpfe,
Messingpfannen,
Kaffeekannen,
Gläser und Flaschen
Spülen und waschen. –
Aber der allerhärteste Stand
Für uns ist der bey einem Brand,
Wo jeder Lump von Wagenknechte
Mit seiner Spritze der erste seyn möchte.
Gass' ab, Gass' auf
Schweppern die alten Sturmgefäße!
Ist das am Brunn ein Gefahr', ein Gelauf
Um so eine alte Feueresse,
Als ginge die Welt in Flammen auf!
Feuer! {51}
Feuer!
Aus jeglichem Haus
Fährt ein kalmankener Schlafrock heraus,
Und wird mit von den Patrollen
Fortgerissen, er mag wollen,
Oder nicht! Hier geht Gewalt für Recht,
Und hinter ihm steht der Feuerknecht.
So fehlt es auch nicht an Dieb'sgesellen,
Die, als wollten sie retten, sich stellen;
Aber fragt eben Niemand: wohin?
Husch mit Bett und Bettgestellen,
Und ganzen Körben voll Messing und Zinn
In ein verborgenes Quergäßchen hin!
Ding Dang! Ding Dang!
Der Thürmer zerreißt den Glockenstrang;
Dazu das Gebrumm der Lärmkanonen,
Zwischen drein das Geplärr der Matronen:
„Herr straf uns nicht in deinem Zorn!"
Und das gellende Nachtwächterhorn,
Und der Qualm, und die platzenden Fensterscheiben:
Nein! das läßt sich nicht so beschreiben.
Genug! wir sind es am End' allein,
Welche die Stadt vom Verderben befrey'n!
Doch meint ihr, es fiele dem Menschen nur ein,
Uns diesen Dienst belohnen zu wollen? {52}
Da irrt ihr! Er sperrt zum Dank in Castrollen
Uns, zwischen dem eisernen Dreyfuß, ein.
Aber wir spotten seiner Fessel!
Wir löschen zischend die Flammen aus,
Und stehlen uns leis' aus dem Kupferkessel
Zum finsterqualmenden Rauchfang hinaus. –
Und droben erwarten schon mit Frohlocken
Uns unsre Schwestern von Land und Meer:
Hoch fahren wir Flüchtlinge über den Brocken
Und über's Alpengebirge daher,
Bis, früh oder später,
Uns alle der Aether
Erbarmend vereint,
Und, Klein und Groß,
Uns all' in den Schooß
Vater Oceans niederweint.
Die Ströme und Wellen.
Vater Ocean, woll' es den Quellen,
Unsern geliebtesten Schwestern, doch sagen,
Daß sie nicht also in Jammer verzagen,
Sondern lieber, stillend ihr Klagen,
Sich in Ruhe zu uns gesellen!
Denn auch wir, deine Kinder, haben
Viel Leid's unverschuldet
Vom Menschen erduldet. {53}
Da thürmt er Quader,
Zu Pfeilerbrücken,
Auf unsern Rücken;
Zieht Dämm' und Graben;
Baut Marmorschleussen;
Und fischt, mit Reusen
Und Angelruthen,
Die Silbergeschwader
Aus unsern Fluthen.
Gar Mühlenräder
Müssen wir treiben,
Und ihm entweder
Das Korn zerreiben,
Womit die Polacken
Kommeggen und Schmacken
Im Frühling bepacken:
Oder in Säcken,
Und auf Schebecken,
Ihm Kaffee und Kocco,
Von Fetz und Marocca,
Bis zu den Batschkiren,
Landeinwärts verführen;
Wozu wir nichts sagten,
Wenn nur nicht so oft uns
Die Zollämter plagten, {54}
Und ganz unverhofft uns
Den Durchgang versagten.
Da ziehen sie mächtige Schlagbäume vor,
Und stellen, in einen blauen Rock’lor
Tief eingewickelt, denn irgend so eine
Galgenphysiognomie davor,
Um am Ufer auf und ab zu spatzieren,
Und was an Waaren passirt, zu plombiren.
Kein Koffer, in den er die Nase nicht steckt;
Keine Kiste, worauf er sein Siegel nicht kleckt!
Und jeglichem übermüthigen Tadler,
Den etwa strafbarer Fürwitz neckt,
Daß er zu vorlaut hier wird, dem reckt
Ein großer, furchtbarer Doppeladler,
Mit einem „Von Gottes Gnaden, Wir Paul
Der Erste“ – „Wir Friedrich Wilhelm der Zweyte
Et caetera, an der Thorwegseite,
Die Krallen entgegen, und stopft ihm das Maul.
Doch nach geendeter Schiffarth Tagen,
Und hat nur der Winter die Quellen mit Eis
Erst bepanzert, und gläserne Brücken geschlagen,
Daß in der Wogen flüchtigem Gleis,
Wo sonst nur ruhige Kiele gleiten,
Nun Frachtfuhren schellen und Jagdschlitten läuten; {55}
Wann spiegelnd die Rhede den Seefahrer hält
Fern von der Heimath trautem Gebiete,
Und krachender Frost die Fenster zerschellt
An der rothbemahlten Schiffercajüte:
Dann nahen sich uns, zu Rächern bestellt,
Die. Thauwinde. – Muthige Feuerwerker
Zersprengen unsern krystallnen Kerker
Mit Bomben: ha, wie er nun donnert und bellt
Der entfesselte Strom! Hoch angeschwellt
Hebt er aus seinen Pfählen das Blockwerk;
Hier trägt er Hütten mit Ufer und Strauch,
Mit blöckendem Vieh, und steigendem Rauch,
Und schreyenden Menschen im obersten Stockwerk,
In brüllender, wüster Verwirrung: und dort
Den Fährmann, zusammt seiner Fähre fort. –
Gebirge versinken in schlagenden Wellen;
Weit umher
Ein trümmerbedecktes, unendliches Meer;
Im Wipfel des Ahorns wohnen Forellen;
Mit röthelnden Augen durchblickt der Stör
Die Zweige zerstreuter Ulmen und Erlen;
Wo Hänflinge hüpften, gleiten nun Schmerlen;
Das flüchtige Reh, das dem Jagdspieß entrann,
Erklettert zackige Tannenäste,
Und gafft von oben die neuen Gäste. {56}
Des Waldes voller Verwunderung an;
Die Scemew' und der verschwindende Täucher
Durchstreichen die Luken gesunkener Speicher;
Das Wasserhuhn nistelt am Scheunenthor,
Und Tauben beherbergt des Teichschilfs Rohr.
Und dennoch darf noch die Rache nicht rasten:
Schon reißen die Anker der Rhede vom Stoß
Zusammengebirgter Schollen sich los,
Und ganze Wälder gebrochener Masten
Treiben dem offenen Meere zu.
Der Ocean,
Tag der Wiedervergeltung du,
Willkommen, willkommen vom Mittag ihr Stürme!
Ihr führt mit rothem Gesicht ihn herbey,
Den Rächer! Was will dieß so emsig um Spreu
Durch einander kribbelnde Erdgewürme,
Das jetzt in den Abgrund sich wühlt, und jetzt,
Um einiger Silberstangen willen,
Zwischen meinen Charybden und Scyllen
Und sich ein schöpfendes Bret nur setzt;
Das bald, in versinkenden Täucherglocken,
Nach Perlen meine Tiefen durchfischt;
Bald, mit der Begeisterung wildem Frohlocken,
Die Todesloose des Seegefecht's mischt,
Bis, ob der Leichen Anblick erschrocken, {57}
Ihr Ufer, das sie so lange benäßt,
Die flüchtige, klagende Welle verläßt.
Die Wellen.
Also flohen wir traurig Mycale,
Und das meerumgürtete schöne Milet!
Kaum daß noch Rohrkolb' und Muschelschale
Ihre Stäte dem Wand'rer verräth!
Wo bey geräuschvoller Waffen Signale
Manch persisches Ruderschiff unterging:
Da hüpft nun, im scheidenden Abendstrahle,
Auf blühender Distel manch lockender Fink.
Der Ocean.
Willkommen, willkommen zum zweyten Male,
Die ihr vernahmt meiner Rache Schwur,
Eilbothen der alten Mutter Natur,
Die ihr die Luft, ohne Compaß und Charte,
Mit schreyender Zugvögel Keil, durchreist,
Und die Straße verirrten Krannichen weis't,
Ihr Kinder des Aeolus, die ich erwarte,
Willkommen! Ein unsichtbarer Geist,
Der sausend das Tauwerk, wie Fäden, zerreißt,
Die Anker, wie Glas, an Klippen zerschmeißt,
Fährt daher,
Ueber Land und Meer.
Herbey, herbey nun zum Todtenmahl, {58}
Kommt allzumahl,
Grauschuppigť, amphybische Ungeheuer
Des fischreichen Abgrund's, mit Floßfedern ihr,
Und ihr mit Springbrunnen, oben zur Zier
Des Hauptes eröffnet: so viel nur euer,
Dem Harpunier
In Grönland entronnen,
An Küsten sich sonnen,
Oder im kühlenden Meergras schlummern,
Ihr Robben, ihr Krokodill' und ihr Hummern,
Du Schwertfisch, und du gefräßiger Hay,
Herbey, herbey!
Sie haben's vernommen;
Sie kommen
Geschwommen;
Sie jappen;
Sie schnappen
Nach ihnen; zerlegen
Mit Schwertern, mit Sägen
Die Hände, die Leiber,
Die Aerme der Räuber. –
Und nach geendigtem Todtenschmaus:
Da pflastr’ ich, mit ihren von Sonnscheine
Und Winde gebleichten Schädeln, mir meine
Geräumigen Vorrathskammern aus. {59}
Prometheus.
Wo ist der Unsterbliche, der sich erfrecht,
Nach allem, was von Prometheus Geschlecht
Du mit erbarmender Langmuth getragen,
Dich dennoch niedriger Rachsucht zu zeihn?
Kein Unwille konnte gerechter je seyn,
Als deiner und darum will ich es wagen,
Ein dringend Gesuch dir vorzutragen.
Der Ocean.
Sag an!
Prometheus.
Wiß, daß ich vorhin vom Mercur,
Dem listigen Götterbothen, erfuhr,
Daß ein schwimmendes Haus hier landen sollte:
Nun erst entdeck' ich die Arglist, und wollte,
Du Vater Ocean schleudertest Schiff
Und Mannschaft dort an das Felsenriff!
(für sich)
Was hast du erfleht, Prometheus? Die Armen!
Und sind sie denn deine Kinder nicht mehr,
Deine verlassenen Kinder? So leer,
So leer dein Herz an Vatererbarmen!
(laut)
Vergib mir! Und was ich auch vorhin gered't –
Vergiß es! {60}
Der Ocean.
Auch kam deine Bitte zu spät!
Schon hat der verwegene Schiffer, verdank' er
Dieß Glück Mercur und dem Beistand der Nacht,
Sein entmastetes Fahrzeug aufgebracht;
In jener Felsbucht liegt es vor Anker.
(verschwindet)
Vierter Auftritt.
Prometheus. allein.
Da steh' ich nun mitten im Labyrinth;
Dem Aug' ist jede Aussicht entschwunden:
Nie hab' ich, was ich empfind', empfunden!
Bewunderung, Haß und Mitleid entzwey'n
Mir die Brust! Ich kann, ich darf mich nicht freu'n,
Und gleichwohl – wir müssen, wir müssen uns kennen!
Ich mag ihn wohl – wie soll ich ihn nennen? –
Den guten, götterverachtenden Stolz,
In einer kleinen Barke von Holz
Die Elemente heraus zu fodern!
Schon fühl ich mein Herz mir im Busen entlodern;
Ihr seyd ja doch meiner Hände Werk,
Einst mein geliebtestes Augenmerk, {61}
Meine Kinder! Was werd' ich noch alles erfahren?
Prometheus, schon bey so grauen Haaren,
Und siehst nicht, welche Gefahren dir dräun? –
Das Schwerste dabey wird freylich wohl seyn,
Die Unschuld der Mädchen rein zu bewahren!
Doch alles vermag über Weibernatur
Ja die Furcht! Ist ihr Herz von dieser nur
Erst gegen etwas eingenommen: –
Doch still! Mir ist, ich höre sie kommen.
Fünfter Auftritt.
Corinna, Glauka, Prometheus.
Coriппа.
Nun, Vater, ist der Fremdling fort?
Glauka.
Und dürfen wir nun wiederkommen?
Prometheus.
Ihr dürft! Verlassen hat er diesen Ort.
Corinna. (neugierig vom Fels herabblickend)
Sieh, Schwesterchen, dort geht er, dort!
Jetzt birgt ihn das Gesträuch; jetzt muß er aufwärts kommen;
Nun wandert er den Steg hinab zum Meer! {62}
Prometheus.
Ich wünschte doch dich etwas weniger.
Geschäftig, Kind, dabey zu sehen!
Folg mir, und such, auf diesen Felsenhöhen,
Jedwedem Fremdling hundert Schritte weit
In Zukunft aus dem Weg zu gehen!
Corinna.
Auf hundert Schritte, und warum so weit?
Prometheus.
So will es mein' und deine Sicherheit!
Corinna.
Da kann ich ihn ja noch nicht einmal sehen!
Prometheus.
Um desto besser nur! Ich kenne diese Art:
Nichts Gutes bringt uns ihre Gegenwart!
Drum folgt mir! Hütet euch vor ihren Blicken,
Vor ihren Küssen, ihrem Händedrücken,
Ist eure Ruh' euch und die meine lieb!
Denn wißt, wofern euch je hierzu die Neugier trieb –
Corinna.
O, weiter, weiter, sprich! Du machst mich bange.
Glauka.
Verschweig uns nichts! Mir brennt vor Schreck die Wange. {63}
Prometheus.
Von euerm Lager flieht sodann die Ruh;
Stillsehnend wendet ihr dem Tag die Augen zu;
Ihr ruft umsonst den Schlaf mit lautem Weinen:
Statt seiner wird euch die Gestalt erscheinen,
Die, fremd und kalt, euch immer nah nun ist,
Und die, wenn bleich der Gram von eurer Wange fließt,
Jenseit des Meer's, bey heil’ger Sterne Schweigen,
Dem grauen Schooß der Fluth, als Traumbild, wird entsteigen,
Das euch verrätherisch hinüber lockt,
Bis jede leise Kraft des Widerstandes
Mit euerm letzten Athemzuge stockt,
Und sie vom Gipfel jenes Felsenrandes
Dorthin euch winkt, wo, brausend, dumpf und wüst,
Der Abgrund über euch und euerm Gram sich schließt. –
Doch seh' ich recht? Jenseit des Wogenstrandes
Erscheint mit Lysis wandernd Clitias:
Die sind mir heimlich aus dem Fels entwichen;
Auch Milon hat sich ihnen nachgeschlichen:
Gleich bring' ich sie zurück. – Das Beste, Kinder, was
Ihr thun könnt – bleibt in eurer Höhle! {64}
Kehr' ich vom Ufer wieder, so erzähle
Ich schon noch etwas euch von ihrer List:
Jetzt sey genug an dem euch, was ihr wißt!
(ab)
Sechster Auftritt:
Glauka, Corinna. Die Erste forteilend.
Corinna.
Nun, Schwesterchen, wohin denn so geschwinde?
Glauka.
Wie du nur fragst! Sind wir an diesem Ort
Denn sicher? Still! Mich dünkt, ich höre Jemand dort.
Corinna.
Nicht doch!
Glauka.
Gewiß!
Corinna.
Was wird es seyn? Die Winde,
Sie rauschen in dem hohen Felsengras!
Glauka.
Nein, nein! Es ist ein Fußtritt, den ich höre! Laß
Mich los! Was hältst du mich? Horch nur! Schon wieder einer! {65}
Corinna.
So bleib' doch nur! Du siehst, es kömmt ja keiner. –
Mir ist es dunkel, was der Vater sprach,
Und lange schon sinn' ich darüber nach,
Warum wir immer so allein geblieben
Auf dieser Insel? Oft konnt es mich recht betrüben!
Sieh nur! Vertraulich sitzt das Vöglein im Gesträuch;
Es nistelt Schwalb' und Schwalb' am Sommerteich,
Und Futter bringen sie einander zu und Speise;
Nie zieht der Schwan allein im Wasser seine Kreise;
Wohin du sieh'st, erblickest du, zu zweyn,
Geschöpfe, die sich ihres Lebens freun:
Nur unsre Brüder sind so ungesellig,
Zu jedem kleinen Dienst so ungefällig!
Drum wünschť ich lange schon, es kämen uns vom Meer,
Da diese so nichts taugen, andre her!
Und nun, da dieß sich fügt, will uns gebieten
Der Vater, gar zu streng, den Fels zu hüten?
Nein, wisse, daß dieß nimmermehr geschieht,
Ich werd' es dennoch sie zu sehen wagen! {66}
Siebenter Auftritt.
Clitias, Anaximander, Archyt, Lysis, Milon treten auf.
Corinna. (zu Clitias)
Ah, ah, gut daß ihr kommt! Ihr sollt uns sagen,
Was zwischen uns und euch wohl für ein Unterschied?
Clitias,
Im ganzen Umfang unsers Wissens
Lenkt freylich die Nothwendigkeit des Müssens
Auf diese Frage den Verstand zuerst;
Denn wie du auch durch Wahn dein Herz bethörst,
Wie im unendlichen Gebiet der Ewigkeiten
Dir hell erklingen hundert tausend Saiten:
Dein Ich ist dennoch nur die eine, die du hörst.
Corinna.
O Glauka, fort, fort in die Felsenhöhle,
Und weg von hier! Streng ist des Vaters Wort:
Doch wohin ging' ich nicht, damit nur dort
Der Schwätzer mir das Ohr nicht peinlich quäle!
(mit Glauka ab.) {67}
Anaximander.
Dein Ich und immer nur dein Ich, o Clitias!
Setz' endlich deinem Eigendünkel Maß!
Ist das der Born, das die lebend'ge Quelle,
Woraus Erquickung dir entgegen quillt?
Das Universum setz' an dessen Stelle:
Dann spiegle selber dich in diesem reinen Bild!
Clitias.
Nach innen nur wohnt echtes Menschenleben!
Anaximander.
Nach aussen nur wirkt ewig Schöpfungsweben!
Clitias.
Gott triffst du nirgends oder tief in dir.
Anaximander.
Ich find' ihn überall, in Pflanz' und Thier,
Wo er, im weiten Schöpfungselemente,
Jedwedem Dinge seinen Abdruck gönnte.
Sieh hier verkörpert Luft! Ein leicht Gebilde dringt
Sie in die Wolken, schwimmt in Aethers Bläue, singt: –
Wir nennen Vogel es, was farbigt, bunt beschwingt
Sich tonreich regt im Hain, und lockt am Wasserfalle:
Wie abgeschöpft dem lautersten Krystalle
Verkörpert dort das Wasser sich zum Fisch; {68}
Die Silberschuppe zeigt noch des Krystalls Gemisch;
Rein ist's der Form vergönnt sich abzuklären;
Dem Schlamme muß das Schalthier angehören;
Das Krokodill entsteigt dem Sumpfe grau,
Bis sich, zu festern Knochen, freyerm Bau,
Stets tiefer in das Land, im Pferde
Und im Kamel verhärten will die Erde.
Was staunst du solchem Spiel der Formen zu?
Wiß, Thörigter, was, ab und zu,
Im Zeitenstrome ebbt und fluthet,
Ist Gott – bist du!
Selbst wo du ihn am wenigsten vermuthet,
Ist er dir nah, du ihm! Nicht nur in Blum' und Gras,
Im Uferaas
Wird selbst sich seine Ankunft dir verkünden:
Geh nur entlang den Steg in feuchten Wiesengründen!
Dort schlägt sich eine neue Lebenswerkstatt auf;
Wie Diener laufen ihm Partikelchen vorauf,
Die, mit unzähligen Insectenwelten,
Aus Todtenräumen dir vom Weltgeist melden.
Clitias.
Halt ein! Du nimmst in deines Schwärmens Lauf
Der Bestien zu viel in deine Gottheit auf! {69}
Was willst du mit der Kröť und dem Insecte,
Und was der Sonne Strahl sonst aus dem Schlamm' erweckte,
Was aus dem Flüssigen und Festen Form gewann?
Anaximander..
So nimmst du keinen ew'gen Urstoff an,
Dem jedem Ding vergönnt ist still sich anzubilden?
Wie denn erklärst du, daß die Welt begann,
Und was sich regt, im Hain und in Gefilden?
Entkroch der Mensch dem alten Eichenstamm?
Hat groß gesäugt der wilde Wolf das Lamm?
Sind blöckend Schaf aus Hügeln aufgestiegen,
Und bildeten sich im Gewölke Ziegen?
Wand sich der Löwe loß vom Felsenblock?
Wuchs der Melone Frucht am Dornenstock?
Erzeugten Quitten sich an Ahornbüschen?
Warum die Elemente wild vermischen?
Da uns von Thieren, Vögeln, wie von Fischen,
So deutlich jedes seinen Urstoff weist.
Clitias.
Was Urstoff dir – ist mir geronn'ner Geist,
Der sich in Wasser, Erd' und Luft verklärte,
Dem Element, und alles angehörte.
Was dieser sich von innen vorgestellt,
Erscheint von aussen ihm als Sinnenwelt. {70}
Sein ist, was ist, Luft, Wasser, Erd' und Feuer!
So schafft der Wolf das Lamm; das Huhn den Geyer;
Der Mensch den Wolf; der Vogel jenen Baum,
Worauf er sitzt, und Alles ist ein Traum;
Ein wesenloses Seyn, das uns will äffen.
Daß die Erscheinungen zusammentreffen;
Daß meine Antwort drauf, was von der Welt
Ihr träumtet, kein Jahrhundert später fällt;
Daß ihr zu sprechen träumt, wie mir zu hören,
Und umgekehrt: dieß läßt sich weiter nicht erklären!
Befremdend freylich ist derselbe Zeitmoment:
Verdanken wir's dem Glück, das dieß uns so vergönnt!
Archyt.
Laßt ab, euch selbst mit solchen Grübeleyen,
Ihr Kinder des Prometheus, zu entzweyen!
Ernst steckte der Vernunft Natur die Grenzen ab,
Die freundlich hold dem Sinn allein Gewißheit gab,
Laßt uns des Lebens engen Kreis erweitern!
Das Thier beschränkt sich zwischen Gras und Kräutern,
Der Mensch strebt weiter. Kommt zu jenem Wald! {71}
Dort liegt, euch unbekannt, mein Aufenthalt,
In überwachsendem Gesträuch verborgen:
Längst schärften mir den Sinn schon Noth und Nahrungssorgen:
Auf, Brüder, bietet mir die Hand! Hört an!
Auch euer soll es seyn, was ich ersann.
Bald werden in des heilgen Haines Schweigen,
Nun Heerden vor uns weiden, Hütten steigen:
Kommt, folgt mir nach!
Clitias.
(zu Menalt, Lysis, Melant und Milon)
Geht ihr mit ihm zum Hain!
Daran erkenn' ich euch! Was wirklich und gemein,
Das fesselt euren Sinn mit schnödem Reize!
Anaximander.
Das Höchste nur ist das, wornach ich geitze!
(mit Clitias ab)
Archyt.
So eßt denn Eicheln bis an euern Tod!
Kommt, Brüder! Vor dem nächsten Morgenroth
Noch sollt von mir ihr manche Kunst erlernen,
Und daß Prometheus uns nicht wieder trifft,
Laßt uns auf diesem Nebenweg entfernen:
Fort in den freyern Wald, aus Höhl und Felsgeklüft!
(ab mit seinen Brüdern.) {72}
Dritter Aufzug.
Erster Auftritt.
Felsgegend. Wald. Eine von Zweigen geflochtene Hütte. Ein Strom, der sich in anmuthigen Krümmungen durchs Thal windet. Seitwärts eine Hürde mit weidenden Ziegenheerden, Am Eingang liegt ein Hund,
der sie bewacht.
Archyt, mit ihm Menalt, Melant, Milon, Lysis treten auf.
Archyt.
Nun, Brüder, seyd ihr es zufrieden,
Daß ich hierher euch in den Wald beschieden?
Melant.
Wie lange wohnst du nun, Archyt, schon hier?
Archyt.
Es ist nun wohl ein Jahr, Melant, und drüber.
Melant,
Wie blieb uns nur verborgen dieß Revier?
Archyt.
Der Strom in Thale ließ euch nicht hinüber;
Er theilt die Insel in zwey Theile ab: {73}
Den Steg, worauf wir kamen, trag' ich ab,
So oft ich jenseit mich zu euch begebe.
Melant.
Was ist von Bäumen das für ein Gewebe?
Archyt.
Wie Pfeiler standen vier an diesem Ort:
Zum Obdach bog ich mir die Zweige dort,
Daß, kömmt etwa ein Wetter aufgezogen,
Sie schützten mich vor finstrer Schlossen Wogen.
Menalt.
Was aber schirmt uns hier im offnen Feld,
Wenn nächtlich kalt nun Thau herunter fällt?
Archyt.
Ein wärmend Fell! Wir müssen Bären, Ziegen
Mit List, Menalt, versuchen zu besiegen.
Menalt.
Und wie? Es setzt mit scharfem Zahn der Bär,
Mit Hörnern keck der Widder sich zur Wehr.
Archyt.
Dieß krumme Holz hier nenn' ich einen Bogen;
Aus Fischbein hab' ich mir den Oberrand gebogen;
Von Gräte zugespitzt den scharfen Pfeil;
Dieß ist's, womit ich Bär und Zieg' ereil';
Auf funfzig Schritte wird ein tönend Schrecken {74}
Von diesem Werkzeug sie zu Boden strecken;
Gebt Acht!
(Spannt seinen Bogen, und drückt einen Pfeil ab, der, zwanzig Schritte davon, in einem Baum sitzen bleibt. Lautes
Freudengeschrey der Umstehenden.)
Menalt.
Nun fürcht' ich weiter mich nicht mehr,
Und kommen mag, wer will, Zieg' oder Bär!
So aus der Ferne weg, so recht von weiten,
Lieb' ich's, mit ihnen mich herum zu streiten!
Doch sprich, wodurch erreicht der Pfeil so schnell sein Ziel?
Archyt.
Vom Vogel borgť ich mir dazu den Kiel:
Derselbe Flügel, der ihn durch die Luft getragen,
Dient jetzt, ihm fernern Flug zu untersagen.
Milon.
Und der geschärfte Stein hier mit dem Stiel?
Archyt.
Ich nenn' ihn Beil, und es ist seine Schärfe,
Womit ich Bäum' im Wald zu Boden werfe,
Und Wurzeln, zu des Tischleins Fußgestell,
Mir abzuründen weiß. Sieh her, Gesell,
Zwey Sessel, die ich überflocht mit Schilfe:
Auch sie verfertigť ich mit seiner Hülfe..
(Läßt sie drauf niedersetzen) {75}
Melant.
Ist irgend hier nicht in der Näh' ein Quell,
Archyt? Mich dürstet, und der Strom dort fließt nicht hell.
Archyt.
Gut, daß du mich erinnerst! – Auf der Stell'
Bring' ich euch was zu trinken und zu essen:
Folg' mir, Melant, das hätt' ich bald vergessen!
Auf jenem Fluß erblickest du ein Boot,
Drin liegen Kürbisflasch' und Gerstenbrot,
Auch ist ein Vorrath da von trocknen Fischen;
Dort sollt ihr euch mit Speis' und Trank erfrischen!
(Führt sie zum Fluß, Menalt, Lysis, Melant bleiben schüchtern am Ufer stehen. Milon steigt mit Archyt herein. Dieser stößt den Kahn vom Ufer, doch so, daß er immer noch mit einem Ruder das Land
berührt.)
Milon.
Sprich, was erhält so schwimmend obenauf
Dieß Holz? Womit regierst du seinen Lauf?
Archyt.
Es sind des Ruders schnell gemeßne Schläge,
Womit ich hin und her den Kahn bewege.
Einst war's ein hohler Baumstumpf im Geländ,
Den hab ich mir mit Feuer ausgebrennt, {76}
Wo er einst schattete, und wuchs, und wurde größer:
Da trägt nun, auf und ab das Flußgewässer,
Vorbey die Stäte, die er nicht mehr kennt,
Mich der gehöhlte Stamm. Wo grünend er gestanden:
Da zwing' ich nun besuchend ihn zu landen,
(Sie steigen an's Ufer. Archyt reicht Melant die Kürbisflasche, der sie mit hastigen Zügen ausleert.)
Archyt.
Schmeckt dieser Trunk nicht besser dir, Melant,
Als Wasser, klar vom Quell? Wiß, Milch wird der genannt:
Fünf Ziegen sind es, welche jeden Morgen
Mit reichen Vorrath mich davon versorgen.
Oft sah' ich, wie vom Ostgebirg' in's Thal
Bey'm ersten Sonnenblick sie niederstiegen:
Zwey war der Mütter, drey der Jungen Zahl;
Die sucht ich schlau mit Arglist zu besiegen.
Ich grub ein Loch mit zugespitztem Pfahl,
Bedeckt es mit Gezweig, und stand im Hintergrunde,
Sie so erwartend, in der Morgenstunde.
Nicht lange, so erschien die Alte. Klüglich ging
Sie drüber weg; allein ein Junges fing
Zu unbehutsam sich in meiner Falle. {77}
Von seinem kläglichen Geblöck und Schalle
Herbey gelockt sprang auch die Mutter schnell zurück,
Und theilte ihres Zickleins Mißgeschick;
Ich aber zögerte nun länger nicht, mit Weiden
Die Vorderfüße fest zu binden beyden.
Es war den andern Tag um Morgendämmerung,
Als auch die andern drey, mit munterm Sprung,
Herunter kletterten die Felsenwände,
Und ebenfalls mir fielen in die Hände.
Ein Thier, dem Anschein nach von Wolfes Art,
Das heisre Lauť aus rauher Kehle bellte,
Und einst im Bergwald sich mir zugesellte,
Hat manche Müh' des Hütens mir erspart.
Früh half im Felsgesträuch er mir die Heerde leiten,
Trieb rechts und links zusammen die Zerstreuten;
Spät stand er auf der Abendwache da,
Gab, meldend Zeichen, kam ein Dieb zu nah,
Ein Trieb des Spiels ist ihm wie angeboren:
So hohlt er wieder stets, was ging verloren,
Ihn treibt ein Feu'r, das nirgend Ruh ihm läßt;
Ob Well' an Well sein zottig Vließ durchnäßt;
Ob seine Haut zerritzt das Dorngebüsche:
Doch stellt dem Vogel nach er, wie dem Fische, {78}
Und was mein Bogen und mein Pfeil erlegt,
Er nimmt es auf, indem sein Mund es trägt,
Und so mir, um die Hälfte meiner Bürde
Den Weg erleichternd, folgt er mir zur Hürde.
Dort seht ihr ihn gestreckt am Eingang ruhn:
Glaubt, Brüder, mir, es ist ein fröhlich Thun
Um Jagd und Hirtenleben! Jeden Morgen,
Mit meinem Haberrohre, frey von Sorgen,
Schweif' ich das wilde Waldgehege aus;
Der Rasen ist mein Bett; der Fels mein Haus;
Da lieg' ich aufgestützt auf meine Rechte;:
Es leiht der Pfeife Ton dem flüchtgen Berggeschlechte
Zum Klettern neue Kräfte, wie zum Sprung;
Aus krauser Strauchwand horchen Alt und Jung;
Sie rupfen bittre Gräser sich und Kräuter;
Das Echo trägt die muntern Lieder weiter;
Und zieht die Nacht mit heil’gem Schauer auf:
Dann sind die Stern uns glänzende Begleiter;
Sie führen uns, sind wir verirrt im Lauf,
Ist der gewohnte Bergpfad ausgeregnet,
Begrub den Steg zur Hürde Fluges Sand:
All' merkt' ich längst sie mir, nach Zahl und Stand.
Den einen hab' ich Morgenstern genannt;
Ihm bin ich oft im Nebelthal begegnet, {79}
Bey Frührothschein und munterm Wachtelschlag.
O seliges Vergnügen, wann der Tag
Am längsten währt, vom grauen Bergesrücken
Zur blauen Himmelsdecke aufzublicken;
Zu zählen, in entwölkten Mondes Klar,
Unzähliger Gestirne goldne Schar;
Die Deichsel und den Sternenwagen drüben,
Die stillbefreundeten und heitern Sieben,
Und jenen, der von seiner lichten Bahn
Dem müden Tage sagt die Vesper an,
Dich, holder Abendstern, dich zu begrüssen,
Wann Wellen zitternd deine Strahlen küssen;
Wann, wie aus einem Nebel, still verklärt,
Dein milder Schein aus Westen wiederkehrt,
All’ seyd ihr liebe Freund' uns und Bekannte,
Zu denen sich das Aug oft sehnend wandte;
Ja seh' ich euern wundervollen Lauf,
Geht meiner Seel' ein mächtig Ahnden auf,
Von andern Monden, einer andern Erde:
Verschwunden ist mir meine kleine Heerde;
Die Welt ein unscheinbarer Punct im Blau!
Wie Tag erglänzt der Klippen Nebelgrau.
Da ist mir, steh' ich unten an dem Meere,
Als ob ich jenseit tausend Stimmen höre;
Als rührte sich das Frühgewerbe dort, {80}
Und leuchtete die Sonne fort und fort;
Als zitterte, entlang des Meeres Wellen,
Ein andres Land der Vollmond aufzuhellen.
Auch ist, was Ahndung spricht, kein leerer Schall:
Ja, Brüder, unsichtbar trägt dieses All
Ein mächtiger Arm, und wie im stäten Fall,
Wißt, wollen alle Himmelskräfte sinkend,
Einander zugezogen, ewig blinkend,
Vereinen sich, und müssen, hier und dort,
Nach ewigem Gesetz stets wieder fort.
So treibt auch dieß Gesetz uns in die Runde.
Es mißt der Sonne Lauf uns Tag und Stunde.
Ein wandernd Licht erscheint am Horizont
Sie früh, und weicht erst spät dem Abendmond.
Auch kehrt das ganze himmlische Gewölbe
Uns jede Nacht auf's Neue, stets dasselbe;
Es löscht das heitre Reich der Farben aus;
Im Schlaf bewohnen wir ein wandernd Haus,
Und wann wir Morgens früh dem Licht begegnen,
Wann golden seine Strahlen niederreguen,
Und wirbelnd ihm die Lerch' entgegen schlägt:
Ist weit ein Weg von uns zurück gelegt.
Auf unsrer nächtlichen Planetenreise
Beleuchten drüben uns die Sternenkreise.
So gleiten wir, wo Niemand es gewährt, {81}
Herauf, herab, im Aether unsre Fahrt,
Stets wechseln Sonn' und Mond zu beyden Seiten,
Und so entspringt der Lauf der Jahreszeiten.
Bezweifelst du dieß alles noch Melant:
Was wohl versammelt dort die Vöglein an dem Strand?
Oft sahst du doch, wie über ferne Wogen
Sie jenem fremden Land sind zu gezogen:
Was ist es, wann das Laub herunterfällt,
Daß nichts zurück sie hier im Eiland hält?
Doch, wann in Blüthen sich die Zephyr wiegen:
Daß dunkel dann, wie Wolken aufgestiegen,
Sie wiederum erscheinen aus dem Meer?
Wenn jenseit keine andre Heimath wär':
Wohin enteilten sie, mit muntern Schwingen,
Des Winters trübe Tage zuzubringen?
Im Meere reift kein Saatkorn, geht kein Pflug;
Drum eine andre Heimath sucht ihr Flug,
Mit mildern Lüften, schönern Blüthen, Bäumen
Die holden Sommerstunden zu verträumen.
Milon.
Welch Mährchen sinnest du, Archyt, da aus?
Im Schlaf bewohnten wir ein wandelnd Haus?
Ein Haus das wandernd Schwalb' und Störch' umflögen, {82}
Wär' jenseit unsrer Meeresküst' gelegen?
Archyt.
So ist's und jene Männer eben sind daher.
Melant.
Du irrst, Archyt.
Menalt.
Steh' ab davon!
Lysis.
Belehr',
Statt dessen, lieber uns, was sind das dort für Striche,
So schwarz, worauf die Sonne zögernd weilt?
Archyt.
Daß mir der Tag nicht unbemerkt entschliche,
Hab' ich ihn in zwölf Theile abgetheilt:
Wie droben rückt die Sonne in der Runde,
Zeigt drunten mir der Schatten auch die Stunde.
Melant.
Und jenes schwarze Ding im Hintergrunde?
Archyt.
Der Schatten ist's von meinem treuen Hunde;
Wie er im Sonnenuntergang einst stand:
So hab' ich ihn, mit aufgehobnen Füßen,
Mit einer Kohl', im Schatten abgerissen. –
Doch stille! Jemand naht: wer ist's, Melant! {83}
Zweyter Auftritt.
Die Vorigen. Mercur tritt auf.
Ihr guten ihr, und fromm einfält'gen Seelen,
Was wollt ihr Ding' euch zu erfinden quälen,
Die lange schon vor euch erfunden sind?
Mir nach, Archyt, zum Ufer, sey kein Kind!
Dort bringen Männer, vom entfernten Strande,
Euch jede Wissenschaft, aus fremdem Lande;
Des Schmiedens Werkgeräth; des Blas’balgs Zug;
Wie Eisen härtet man, und schärft den Pflug;
Was zwingt des Kupferhammers Werk zu pochen;
Wie Mäuler bändiget man unter Jochen;
Was zähmt das Roß mit Zaum und mit Gebiß:
Deß Alles macht ihr Kunstfleiß euch gewiß:
Verseht euch nur, was ihr bisher zu achten
Noch nicht gelernt, mit Gold aus jenen Schachten!
Mich schickte des Olymp's Beherrscher, Zeus;
Auch jenes Schiff erschien auf sein Geheiß
Gerührt von euerm bangen Klagerufe,
Bestimmt er euch zu höhrer Bildung Stufe; {84}
Die Pflanze, wie das Thier, kennt eine nur;
Der Mensch allein siegt über die Natur.
Auf dann und folgt mir! Was ihr vorhabt, wird gelingen,
Nehmt ihr mit kluger Ueberlegung an,
Was Jupiter, aus weisem Rath, ersann.
Milon.
Was meinest du, Archyt? Ob wir wohl gingen?
Archyt.
Ich mein', es kömmt auf den Versuch nicht an.
Milon.
Und sind wir nicht versehn mit Pfeil und Bogen?
Melant.
Auf jeden Fall – Prometheus ist nicht weit:
Der schützt uns leicht vor jeder Fährlichkeit.
Archyt.
Auf, Milon, auf, Melant, vorangezogen!
Wir andern folgen, längs dem Bach,
Euch, auf dem Fußsteig hier, am Ufer nach.
(Alle mit Mercur ab) {85}
Dritter Auftritt.
Felshöhle des Prometheus.
Jack, ein Matrose, der, eine Flasche Rum in der Hand und ein Beil über der Schulter, auftritt und singt.
1.
Und als sie einst bauten den Thurm zu Bab'l:
Da waren wir alle noch nicht in der Welt,
Ich, der Patron und der Constabel,
Und du, kleine Hexe, die mir gefällt:
'S ist eine schöne, lange Zeit
Vom Thurmbau zu Babel bis auf heut:
Thu' mir die Thür auf, schöne Maid,
Oder ich schlag' sie in Stücken!
2.
Und als die Sündfluth trocknete ein:
Da kehrten eins, zwey, drey, viere,
Zu Abra'm die heil’gen Englein ein;
Sein Weib stand hinter der Thüre:
‘S ist eine schöne, lange Zeit
Von der Sündfluth und Abra'm bis auf heut:
Thu' mir die Thür auf, schöne Maid, {86}
Oder ich schlag' sie in Stücken!
3.
Und als mein’ Großmutter einst gefreyt,
So geschehn ist Anno Sieben:
Da sind, wie Spielmann so Hochzeitleut',
Noch alle nüchtern geblieben:
'S ist eine schöne, lange Zeit,
Seit mein' Großmutter hat gefreyt, bis auf heut:
Thu' mir die Thür auf, schöne Maid,
Oder ich schlag' sie in Stücken!
Vierter Auftritt.
Jack. Richmont, ein junger Seeoffizier.
Richmont.
Jack, was beginnst du im entfernten Theil
Des Eilands hier?
Jack.
Ich mache Holz mit meinem Beil.
Richmont.
Nichts weiter?
Jack.
Ja, und mir die Langeweil,
Und Andern auch ein wenig zu vertreiben: {87}
Will ich hier Handel mit Corallen treiben.
Richmont.
Dieselbe Absicht führt auch mich hierher.
Jack.
Um desto besser!
Richmont.
Gieb die Sachen her!
Jack.
Nicht also, Herr! Seht, meinen Vater zu erfreuen,
Brächt' ich gern selbst so einige Schnurrpfeifereyen
Ihm, bey der Rückkehr, mit.
Richmont.
Dein Vater ist ja todt!
Jack. (der sich an die Stirn schlägt)
Blitz! das ist wahr! Das hätt' ich bald vergessen! –
Nun Vater, wenn ihr todt seyd, tröst' euch Gott:
Kein ehrlicheres Blut hat je noch Schiffszwieback gegessen! –
Doch seht, Herr, seht die kleine Hexe, weiß und roth!
Richmont.
Wo?
Jack.
Dort am Fellswall. {88}
Richmont.
Still!
Jack.
Sie war schon ein Mal da;
Doch lief sie fort, so bald sie mich nur sah.
Fünfter Auftritt.
Corinna, die sich mit ihrer Schwester Glauka am Felswall zeigt.
Corinna,
(zu Glauka, die im Hintergrunde stehen bleibt)
So scheinen sie mir gut und freundlich;
Auch ihre Red' ist gar nicht feindlich:
Ich geh herunter vor die Thür:
Meinst du nicht auch?
Glauka,
Ich bitte dich, bleib hier!
Corinna.
Es ist, als wollten sie uns etwas sagen.
Glauka.
Du hörst mich nicht, und wirst gewiß es noch beklagen.
(indem Corinna geht)
Ich will mich tiefer in den Fels hinein {89}
Verbergen; denn ich mag nicht Zeuge seyn,
Wofern ein Unfall ihr begegnete. (ihr nachrufend)
Corinne!
– Nun bricht gewiß ein großes Unglück ein,
Da solch ein Vorwitz dir bethört die Sinne.
(ab in die Felshöhle)
Sechster Auftritt.
Jack. Richmont, Corinna, die schüchtern und betreten vor die Thür der Felshöhle tritt.
Richmont.
(ihr entgegen und sie bey der Hand nehmend)
Nur immer näher, schönes Kind!
Was schlägst du so verschämt die Augen nieder?
Wir kommen freundlich dir und gut gesinnt,
Und willst du nicht: – so gehn wir auf der Stelle wieder.
Corinna,
Nein, bleibt nur, bleibt nur, und verzeiht
Auch eurer Seits mir meine Schüchternheit!
(vertraulich)
Nicht wahr? Es bringt mir keine Fährlichkeit,
Wenn, in der Nähe,
Ich vor euch stehe;
Ins Aug euch sehe; {90}
Die Hand euch fasse;
Euch meine lasse?
Richmont.
Nicht im geringsten!
Corinna. gegen die Felshöhle gewendet
Nun, da siehst du nun,
Was von der Männer argem Thun
Der Vater uns heut Morgen vorerzählte,
Daß er zum Scherze nur damit uns quälte!
Richmont.
Mit wem sprichst du?
Corinna.
Mit meiner Schwester da.
Richmont,
So hast du eine Schwester noch?
Corinna.
O ja.
Richmont.
Wie heißt sie?
Corinna.
Glauka. Sie ist in dem Felsen hinne
Richmont.
Und wie heißt du?
Corinna.
Mein Name ist Corinne. {91}
Ich bin die Aelteste; sie ist die Zweyte.
Sie lief, weil sie vor euerm Anblick sehr sich scheute.
Richmont.
Hast du noch sonst Geschwister, liebes Kind?
Corinna.
Ich glaube wohl, daß ihrer sieben sind: –
(zählt heimlich)
Ganz recht, der Milon, Lysis, der Anaximander
Und Clitias (zu Richmont) doch hab' ich alle mit einander
Sie nicht so lieb, als dich! –
Jack.
(der ihr zutraulich näher tritt).
Wie? Oder mich?
Nicht wahr? du kannst mich auch ein wenig lieb gewinnen?
Corinna. (ihn eine Weile ansehend)
Dich? Nein, dich lieb' ich nicht – du gehe nur von hinnen!
(zu Richmont)
Dich aber lieb' ich – du bleib immerfort
An diesem Ort!
Wie? Oder ist es wahr,
Was von Gefahr
Mein Vater sagte, {92}
Der dich verklagte,
Daß du, mein Leben zu verkürzen,
Mich zwingen würdest, mich vom Fels zu stürzen?
Nein! Nein!
Es kann nicht seyn!
Das wirst du nicht! Was hätt' ich dir gethan?
Du drückest mir die Hand; du siehst mich an;
Du schweigst: doch weiß ich nicht, was mich im Innern schmerzet,
So freundlich gut auch deine Hand mich herzet.
Glauka. (in der Felshöhle)
Wohin ich geh',
Und wo ich steh',
Ich finde Ruhe keiner Orten:
Es ist wohl gut doch, daß ich ein Mal seh',
Was unten aus der Armen ist geworden.
Sie ist nicht mehr da, wo sie vorhin stand,
Und, seh' ich recht? – Ein fremder Mann!
Er hält sie bey der Hand. –
Corinna! – Ach! ich rufe tauben Ohren. –
Corinna! – Höre mich! – Die Aermste ist verloren,
Wenn unsers Vaters Warnung sie vergißt,
Wenn sie – wie zittern mir die Glieder – {93}
Es ist geschehn! – Schon hat er sie geküßt –
Und jetzt – jetzt küßt er sie zum zweyten Male wieder. –
– – Und schon folgt dem Vergehn die Strafe nach;
Es klingt die Einöd‘ und der Felsen wieder;
Wie unbekannte Stimmen werden wach;
Es schwebt ein Vogel weiß das Meer hernieder,
Zu rächen, was ihr Ungehorsam schwer verbrach:
Er naht, in Sturmwind's und der Woge Pfeifen;
Er naht – Corinna flieh! – dich zu ergreifen.
Unglückliche, wer wird dich retten können?
Schon windet aus der Klippen grauem Schooß
Ein zweytes Ungeheuer dort sich loß,
Halb Thier, halb Mensch! – Wie seine Augen brennen! –
Jetzt scheinen beyde Hälften sich zu trennen;
Der Abgrund wankt von seines Fußtritt's Stoß;
Der Kiesel, wo es hintritt, sprühet Funken;
Der Boden unter ihm scheint eingesunken.
Corinna.
Was ist es, sprich, was ficht die Schwester an,
Was sie mit solchem Leid erschrecken kann?
Richmont.
Ein Pferd ist's und ein abgestiegner Reiter, {94}
Und unser Boot, das naht.
Jack.
Das ist's, nichts weiter!
Richmont.
So meinest du doch auch, Jack, daß sie's sind?
Jack
Sie halten ihren Cours durch Well und Wind:
Schon lange seh' ich, von der Mittagsseite,
Den rothen Flaggenstock herüber wehn,
Und, nach der Farbe, sind es unsre Leute.
Soll ich sie rufen?
Richmont.
Thu‘s!
Jack.
(auf eine Felsenklippe tretend, und seinen Huth ins Meer schwenkend)
He da, Cap'tain!
He, Vanderflieten, He da Clas!
Hierher zu uns! Hier ist gut Hütten bauen!
(gegen Richmont)
Hört ihr die Hunde, wie sie juchzen an den Tauen?
Sie werden mich gewahr.
Richmont.
(zu Corinnen, die gehen will und die er an der Hand zurückhält.) {95}
Und warum wirst du blaß?
Corinna.
Es ist wohl besser, wenn ich euch verlasse.
Richmont.
Ich bitte dich, bleib hier!
Corinna.
Ich weiß nicht, was
Es ist – doch wie du sag'st, und was du sag'st – es flößt mir ein Vertrauen;
Und wenn ich so an deiner Seite steh':
So mein' ich, was mir auch begegnete,
Es müsse Gutes seyn.
Richmont.
Auch trifft dich hier gewiß nichts Böses.
Doch, Jack, vernimmst du wohl den Lärm des Jagdgetöses?
Jack. (von der Felsklippe herunter)
Wohl, Herr, vernehm' ich ihn. He, aufgepaßt, Patron!
Richmonit,
Was giebt's?
Jack
So eben kömmt's den Fels herauf geflohn.
Richmont,
Was? {96}
Jack.
Seht ihr nicht? Ein Heer von fremden Vögeln:
Dort wird es links das Vorgebirg umsegeln.
Richmont.
(indem er die Flinte ladet)
Erschrick nicht, liebenswürdige Corinne,
Vor dem, was ich in diesem Augenblick beginne!
Corinna,
Was hast du vor? Ich bitte dich, halt ein!
Richmont.
Hörst du denn gar nicht auf in Furcht zu seyn?
Siebenter Auftritt.
Archyt, Milon, Melant, Menalt, Lysis, die, von Mercur geführt, in dem Augenblick, wo der Schuß geschieht, auftreten.
Mercur. (seitwärts)
Nun waltet ein Geschick von günst'gen Sternen:
Ich will indeß Prometheus klug entfernen.
(ab)
Archyt.
Hört ihr den Donner?
Milon. (der einen todten Vogel aufhebt)
Saht ihr den Blitz? {97}
Melant.
Fühlt ihr wanken den Felsensitz?
Menalt.
Mein Lebetag bin ich nicht so erschrocken!
Lysis.
Mir will vor Schrecken fast der Athem stocken!
Milon.
Noch hallt der Nachhall dumpf am Horizont!
Jack.
Die, scheint es, sind des Knalls hier ungewohnt!
Milon.
Welch furchtbar Wesen lebt in dieser Röhre!
Richmont.
Tritt her zu mir, damit ich's dir erkläre!
Wie heißt ihr?
Einer.
Milon.
Der Zweyte.
Lysis.
Der Dritte.
Und Melant!
Der Vierte.
Ich bin Archyt
Der Fünfte.
Und ich Menalt genannt. {98}
Richmont.
(zu Milon, der ihm näher getreten ist, indeß die andern im Hintergrunde stehen geblieben)
Den schwarzen Körnern hier ist diese Wirkung eigen:
Salpeter, Schwefel ist's; ich will's euch nicht verschweigen,
Mit Kohlenstaub vermischt; dahier, mit Hahn und Schloß,
Dieß Rohr, das mir geschickt aus Erz ein Künstler goß –
Milon.
(der's ihm hastig aus der Hand nimmt)
Zeig's her!
Richmont,
(indem er ihm die Handgriffe des Ladens und Abdrückens zeigt. Zweyter Schuß. Neues, allgemeines Erstaunen)
Milon,
Nun hab' ich deiner Bogen, Pfeil und Gräthen,
Archyt, in Zukunft auch nicht mehr vonnöthen!
Melant.
Beglücktes Land, wo solch ein Erzgeschoß
Der Mensch zum Schutz sich gegen wilde Thiere goß – {99}
Menalt.
(der indeß das Beil, was Jack über der Schulter liegen hat, eine Weile in stille Obacht genommen, und sich mit ihm darüber in ein Gespräch eingelassen)
Beglücktes Land, dem solche Kunst beschieden,
Dem es gewährt ist, solch ein Beil zu schmieden.
Jack,
(der indeß Melant und Lysis seine Flasche präsentirt )
Und dies dahier in meiner Hand ist Rack,
Und schmackhaft Weizenbrot, und Wein und Schiffszwieback
Beyde. (davon kostend)
Beglücktes Land, wo solche Früchte sprießen,
Wo die Bewohner Wein und Brot genießen!
Richmont,
Nun wollt ihr Winzer, Schmidt und Landmann seyn:
Ich lehr euch Saamen in die Erde streu'n;
Mit Zang' und Ambos lehr' ich euch hanthieren;
Rebmesser lehr ich euch und Pflugschar führen:
So pflanzt und hämmert, oder pflügt und eggt,
Wie Jedem sein Beruf es auferlegt.
Du, rüst'ger Milon, schickst dich wohl zum Jäger;
Melant, du nimm den Pflugschar – du bist träger; {100}
Du Lysis, den ergötzt der Trauben Naß,
Besorg, als Winzer, künftighin das Faß!
Menalt will ich die Werkstatt anvertrauen,
Der schärft indeß uns Beil und Axt zum Hauen;
Doch du, Archyt?
Archyt. (der auf das Vorige kaum gehört, und indeß neugierig das Glas, woraus jene getrunken, besichtigt hat)
Was ist dieß, gleich geschmolzenem Krystall?
Wie wir's, im stillgestand'nen Wasserfall,
Oft sahn, zur Winterszeit, wenn in Krystall gebilden
Der Frost gelehrig zwingt den Strom sich auszubilden,
Der jegliche Gestalt in sich herüber nimmt,
Wo bläulich ihn ein Häutchen überschwimmt,
Das klar, bis in den Grund gediegen,
In Form erscheint von Schüsseln, Becken, Krügen,
Zu Stein erstarrt, im Hauch des Boreas?
Richmont.
Wir nennen es in uns'rer Heimath Glas.
Lysis. (indem er das Glas über den Kopf schwingt)
Ein Narr, Archyt, der deine Trinkgefäße
Nicht, über diesem lautern Trunk aus Glas, vergäße! {101}
Richmont.
(der einige Spiegel hervorzieht, und sie unter sie vertheilt)
Und noch verfertigt, aus geschmolznem Sand,
Europa eine andre Art von Waare,
Die Spiegel heißt in unserm Vaterland.
Wie abgeschieden wohnt, in lauterm Silberklare,
Hier eine zweyte ruhige Gestalt,
Gleich schön, gleich häßlich, und gleich jung, gleich alt;
Ein liebliches Phantom, das mit sich selber spielet,
Und keine Lust und keine Schmerzen fühlet;
Ein Duft, ein Rauch,
Den leis' ein Hauch
Bewegter Luft mit sich von hinnen nimmt;
Ein Silberwölkchen, das im Aether schwimmt,
Wo die Gestalt vom rohen Stoff sich trennte,
Und wie in einen Mittelpunct zusammenbrennte,
Mit rein verklärtem Himmelslicht im Bund;
Es redet nicht – und hat doch einen Mund;
Es höret nicht – und dennoch hat es Ohren;
Es siehet nicht – und hat kein Auge doch verloren;
Und so, an Augen, Ohr und Mund euch gleich,
Ist es doch blind, und stumm, und taub zugleich;
Ein zweytes Ich, das, wie ihr tobt und wüthet, {102}
Durch Beyspiel Ruh und Haltung euch gebietet,
Und wo die Leidenschaft euch laut erregt,
Stillschweigend Mäßigung euch auferlegt.
Corinna.
O sieh, Menalt, wie Berge, Wald und Hügel,
Zurückgestrahlt, erscheint aus diesem Spiegel.
Archyt.
(indem er einen Schleyer, den Richmont, zugleich mit einer
Perlenschnur, Corinnen übergehangen, in Augenschein nimmt)
Und was ist dieß hier für ein Schmuck?
Richmont.
Ein schimmernd Lein.
Wir bleichen es, im Wind und Sonnenschein;
Den Schnee beschämt die erdentsproßne Pflanze
Mit ihrer Reinheit, Weiß' und ihrem Glanze;
Noch trägt für uns, die Herren der Natur,
Das Schaf sein krausgelocktes Vließ zur Schur.
Nun rührt euch, Haspeln, Spindeln, Räder, Weifen,
Des langen Winterabends Werk zu reifen!
Es fliegt das Weberschiff; die Nadel stickt;
Indeß die Spule emsig weiter rückt;
Die Purpurschnecke bringt ihr Blut, Tapeten
Und Decken, köstlichen Gewirk's, zu röthen; {103}
Dem Menschen, der der Wildniß kaum entfloh,
Geziemt ein Thierfell: ungestalt und roh,
Noch stolz auf der Natur besiegte Schrecken,
Wird er sich im Triumph damit bedecken;
Auf höh'rer Bildung Stufe kleidet weich
Ihn ein Gespinnst von Wolle, diesem gleich.
(ihnen seine Kleider zeigend)
Milon und Lysis.
(die ihrigen abwerfend)
Nun mögen wir mit deinem Fell von Bären
Archyt, in Zukunft auch nicht mehr verkehren.
Richmont.
Verachtet nicht, was er, im engen Kreis,
Mit frommer Hand erfand, und klugem Fleiß.
Archyt, vorhin besucht ich deine Hürde:
Sieh, zu erleichtern dir des Lebens Bürde,
Bring' ich, statt deiner Ziegen, eine Kuh,
Und ein gesattelt Pferd dir künftig zu;
Ich lehre dich ein Haus auf Wellen bauen,
Und dich dem Compaß und der Fluth vertrauen;
Dein hohler Baumstamm, und vor Sonnenglut,
Im Wald, dein Obdach war bis dahin gut;
Doch bald wird nun die Axt den rohen Säulen
Den schönen Zierath Doriens ertheilen; {104}
Gen Himmel steigt des Giebels stolzer Bau;
Des Tempels Zinne sucht der Wolken Blau,
Und Kalk und Marmor, die ihr Schwergewicht verlernen,
Sie werden Nachbarinnen von den Sternen. –
Zu hemmen flücht'ger Menschenlebens Flucht,
Hast du ein Zeitenmaß auch schon versucht:
Allein, was soll am Fels dein kleiner Sonnenzeiger?
Hell klingt im Thurm der aufgehangne Seiger.
Des Schattens. Zifferblatt giebt die Natur:
Ich bring' ein beßres dir: sieh diese Uhr.
Wie droben Sonn' und Mond den Lauf vollbringen:
Muß drunten Räderwerk und Glock' erklingen;
Wie drinnen spricht die kleine Zung' aus Erz:
Läuft aller Himmelsumlauf niederwärts –
Mag es nun Mitternacht seyn, oder tagen,
Ziehst du den Ring an: wird die Glocke schlagen.
(indem er die Uhr einige Schläge thun läßt)
Archyt.
O herrliche Erfindung!
Richmont.
Der Verstand {105}
Stieg auf zu ihr, von Schatten – Wasser – Sand:
Der Schatten floh; das Wasser war verronnen;
Der Sand lief ab – so ward dieß Zeitmaß ausgesonnen.
Und noch verherrlicht eine schön’re Kunst
Das Erdendaseyn uns durch Götterkunst –
Die Kunst, die von des Schattens stiller Trauer
Auch ihren Anfang nahm, der an der Hürde Mauer
Ein gleiches Denkmal deine Hand gestiftet hat;
Sie, die verziert bey uns manch Altarblatt;
Die Kunst der Micha'l Angelo's und Raphaele,
Die zwingt die Leinwand, daß sie sich beseele;
Durch die ein Götterstrahl im Marmor tagt,
Und die zum Block: steh auf und wandle! sagt.
Die Sicyonerin erfand sie einst beym Scheiden;
Den Umriß lehrt ihr Vater sie bekleiden:
Und so erschuf, aus Marmor und aus Erz,
Sich Sehnsucht eine Sprache für das Herz.
Ob sturmbeschwingt die Seele zum Cocytus schiffte:
Vom Meißel fest gehalten und vom Stifte
Verblieb, entrissen neidischem Geschick,
Der Züge zarter Abdruck uns zurück.
Nur Schatten sollte Charons Nachen tragen; {106}
Des Schattens Trost auch wollt ein Gott uns nicht versagen. –
So lebt und athmet der geliebte Leib
Der holden Braut, von Vater, Mann und Weib: –
Seht dieses Bildniß!
Alle.
Götter!
Richmont. (in versunkener Betrachtung)
Arabele!
Wo weilst du, himmlische, verklärte Seele?
Bist du auf ewig mir nun fern?
In welchem freundlichen Abendstern,
Mit welchem neuen Morgenrothe,
Begrüß' ich dich nun wieder, meine Todte?
(es umwendend)
Und hier –
Archyt.
Dein Bildniß! –
Corinna.
Ogieb mir dieß zum Geschenk!
Richmont.
Nimm's, holdes Kind, und bleib' mein eingedenk! {107}
Archyt.
(indem er die Perlen, womit es eingefaßt ist, betrachtet)
Ein neues, ein noch nie erhörtes Wunder
Entdeckt sich mir auf jeden Blick jetzunder:
Wie nennt ihr diese Tropfen flüß'ges Silber?
Richmont.
Perlen; –
Sturm und Kriege
Ihre Wiege;
Wo das Perlthier sich versteint,
Da erscheint
Ihm ein Feind,
Draußen, die gewaltige Bohrmuschel,
Bohrt und hackt –
Aus der Schale
Silberstrahle;
Aus den Tellen
Silbern quellen,
Ihm zum Trutze,
Sich zum Schutze,
Kleine Tropfen, werden Perlen.
Auch diese kleine Korallenschnur
Schuf in der Sündfluth einst Natur. –
„Geh," sprach im Sturm
Sie einst zum Wurm, {108}
„Und bau' mir einige Inseln in der Südsee.“
Und der Wurm – er ging,
Auf Natur ihren Wink –
Baut und baute unverdrossen;
Und Aeonen sind verflossen: –
Plötzlich, des Meeres Schoße grau,
Sieh, entsteigt der Wunderbau,
Von des Himmels Silberthau
Uebergossen. –
Blumen sprossen;
Vöglein tragen ihre Speise;
Bringen Beeren auf's Gehäuse;
Wachsen Pflanzen;
Fischlein tanzen;
Winde blasen;
Heerden grasen;
Schafe blöcken; Menschen landen;
Wehen Wimpel; Schiffe stranden;
Und im stillen Ocean
Hat der Wurm sein Werk gethan;
Trägt auf seinem Rücken Thurm und Erker;
Trägt der Menschen und der Mäuler Werker.
(Von weitem erschallt plötzlich ein Geräusch von Rudern. Ein Boot, das mit Musik ans Ufer legt.) {109}
Archyt.
(wie in ein entzückendes Träumen verloren)
Was will im Nachhall für ein Laut sich regen?
Was ist dieß für ein Zauberton, wogegen,
Wie von der Felsbucht er in's Ohr mir dringt,
Mein stilles Hirtenlied so arm verklingt?
Richmont.
Musik, des Himmels erstgeborne Tochter,
Sie, die, auf leuchtendem Gefieder,
Zum armen Erdgebornen stieg hernieder:
Accente, wie sie leis' der Bach,
Das Rohr sie mit sich selbst besprach;
Wie sie in Noten setzt die Nachtigall;
Der Strom; der sturmbewegte Wasserfall;
Ein großes, tausendstinimiges Conzert von Kehlen;
Ruft drein die Amsel; klingt Rohrdommels Baß,
Aus sumpfumragter Wiesen grünem Naß;
Selbst muntern Frosches Orgel darf nicht fehlen; –
Singt, zwitschert, trillert jede Weißdornwand;
Steigt auf die Lerche – Morgenlicht's Discant; –
Und zwischen drein,
Durch Fels und Hain,
Durch Wies' und Flur,
Von Mutter Natur, {110}
Mit Blitz und Sturm,
Im Donnerwagen,
Die mächtigen Accorde angeschlagen,
Vor denen Mensch verstummt, und Thier und Wurm. –
Doch nicht im Donner, nicht in Sturm und Winden,
Wollt' ihre Herrschaft sie verkünden:
Sie kam zum Menschen, als allein,
Im stillen Hain,
Voll Sehnsucht, auf der Wehmuth Wellen,
Er dämmernd wünschte hinzuquellen:
Da reichte sie in seine Hand die Leyer;
Da hauchte sie in seine Brust ein Feuer;
Da rief sie seiner Sehnsucht zu: erwache!
Und gab dem Rohr, der Syrinx eine Sprache:
Und wie sie klang,
Und wie sie sang:
So sangen,
So klangen,
Von Nachtigallen Lied und Bach,
Ihr alle Himmelsstimmen nach;
Doch aller Saiten himmlische Gewalten
Vermochten diesen Laut nicht fest zu halten. {111}
Archyt.
Beschämt steh' ich vor solchem Fleiß,
Seh' wohl, wie wenig ich noch weiß:
O nehmt mich mit auf euer Schiff,
Und lehrt mich da den rechten Griff!
Nicht fehlt es mir an gutem Willen:
Wollt meinen brennenden Wißdurst stillen!
Richmont.
Recht gern! Ihr kommt doch alle mit? Auch du, Corinne?
Die Brüder sind dabey - was zauderst du?
Corinna.
Ich sinne.
Richmont.
Entschließe dich!
Corinna. (ihm die Hand reichend)
Ich folge dir, wohlan!
Richmont.
He, Vanderflieten, Jack! – Hierher den Kahn!
(steigen ein; der Kahn stößt vom Ufer)
Vanderflieten.
(singt)
Claas Vanderflieten bin ich genannt;
Die Gen'ralstaaten sind mein Vaterland;
Nicht wollten mir ihre Hering' behagen: {112}
Drum hab' ich zur englischen Flagg' mich geschlagen:
Lustiglich, lustiglich, immer so!
Hab' ich mich darum Altengland ergeben,
Um von Zwiebel und Stockfisch zu leben?
No, no!
Gen’ralstaaten hin, Gen'ralstaaten her!
Könnt ihr, Hochmögende, zwingen das Meer?
Könnt ihr dem Wallfischrachen gebieten?
Oder dem Hayfisch wehren sein Wüthen?
Lustiglich, lustiglich, immer so!
Hab' ich mich darum Altengland ergeben,
Um im Hayfisch zu enden mein Leben?
No, no!
(Die letzten Strophen verklingen im Geräusch der Ruder und der ans Meeresufer schlagenden Wellen.)
Achter Auftritt.
Kinder des Prometheus, die von dem Schiff, das in einiger Entfernung vor Anker liegt, auf dem Boote, zurückkehren.
Milon.
Und diesen ganzen Vorrath von Geschenken? {113}
Richmont.
Behaltet ihr von mir zum Angedenken.
Melant.
Die Erde grab' ich um mit meinem Pflug.
Richmont.
An einem, Adam ist's noch nicht genug.
Corinna.
(gegen Milon gewendet, der ihr mit einem Federbusch entgegen tritt.)
Mein Putz und Spiegel hier ist dennoch echter.
Richmont.
Verläugnet eure Abkunft Evens Töchter!
Menalt.
Mit meinem Hammer schlag' ich auf den Ambos zu.
Richmont.
Glück zu, mein wack'rer Tubal Cain du!
Lysis.
Ich drück' der Traube Saft in meinen Becher.
Richmont.
Heil dir, mein Noah, Vater aller Zecher!
Lysis.
(indem er eine Leyer rührt, die er in der Hand hält)
Und nebenbey vergnügt mich das Gepfeif hier und Geblas'. {114}
Richmont.
Ha, irr' ich nicht, zugleich ein zweyter Jubal das!
Milon.
(gelassen mit seinem Feuerrohr auf den Boden stampfend)
Zuletzt da wird doch alles meine Beute.
Richmont.
Damit nichts fehlt, kömmt Nimrod auch, der Zweyte. –
Ich seh' nun wohl, wie in der alten Welt,
So ist es in der neuen auch bestellt.
Sollt‘ in der alten Welt die Thorheit sterben:
Sogleich wird sie die neue Welt beerben.
Corinna.
Doch nun wird's Zeit, daß wir zurück, ihr Brüder,
Zur Höhle wieder geh'n: der Abend steigt hernieder.
Richmont. (sie bei der Hand fassend)
Wann seh' ich dich?
Corinna.
Wann seh'n wir uns nun wieder?
Richmont.
Wann Fels und Wald,
In blauer Ferne, {115}
Vom Abendsterne
Geruhig strahl’t:
Dann, holde Kleine,
Gieb Acht, erscheine
Ich dir alsbald.
Corinna.
Wie werd' ich dich, bis dahin, nicht vermissen!
Richmont.
Leb wohl, bis dahin, unter tausend Küssen!
(Corinna ab. Die Brüder, die am Ufer, mit ihren Geschenken beschäftigt, zurückbleiben – )
Richmont,
(auf Archyt, der über eine Pendul und einen kleinen Globus, die er in der Hand hält, vertieft dasteht, zutretend)
Dich reizt kein Puppenwerk, kein leerer Tand;
Was dich vergnügt, ist der Gestirne Stand;
Von and'rer Welten Umlauf willst du wissen;
Warum im Umschwung nichts wird fortgerissen?
Der Schlag hier von der kleinen Penduluhr
Erklärt dir manch' Geheimniß der Natur.
Du irrst dich nicht, ein Umlauf ist vorhanden:
Ob still am Himmel Sommerwölkchen standen,
Die du erblicktest, wenn du stundenlang
Die Heerde hütetest am Felsenhang: –
Doch läuft der Erdball, und der Luftkreis heiter {116}
Ist bey des Erdball's Umlauf sein Begleiter.
Wie wenn die Welle schaukelnd trägt den Kahn,
Der licht ein Blumenufer schwankt hinan,
Die Ufer scheinbar fliehen den Gedanken:
So seh'n wir, Blumen gleich, auch die Gestirne wanken;
Doch ewig unverrückt, in Lichtes Meer,
Steht der Orion fest und strahlt der Bär;
Im Fahrzeug ist, worauf wir uns befanden,
Die Sternbewegung abwärts nur vorhanden.
Wie guten Tag, wenn neu die Sonne tagt,
Der Erdbewohner Volk einander sagt;
Doch für die Sonne, stets von Licht umschwommen,
Ist nie ein Tag, nie eine Nacht gekommen.
Was Tag uns heißt, ist nur des Himmels Nacht,
Wo einer Sonne Licht, statt tausend, lacht:
Indeß zur Nacht, am Himmel aufgegangen,
Statt einer Sonne, Millionen prangen.
Wie abgestiegen, tief in Brunnens Grund,
Bescheint der Mond das alte Erdenrund,
Erklingt vom Sternenpol der Stunden Zwölfte:
Im Vollicht prangt indeß die and're Hälfte.
Steht die Natur bey euch hier im Verfall,
Blüht üppig anderwärts der Erdenball. {117}
So, wechseln Sonn' und Mond auf beiden Seiten,
Daß, wenn hier Blüthen, jenseit Flocken schneyten:
So Tag und Nacht, daß, geht die Sonn' hier auf,
So nimmt sie dort im Mittag ihren Lauf.
Wie eine Luftsäul', aus durchsicht'gem Glase,
So denk' dir, ob kein rauher Nordwind blase,
Steh', was der Morgen perlt, der Abend thaut,
Crystallen gleich, gewölbt, heraufgebaut.
Will am Aequator Luft den Lauf verkürzen:
Ist sie gezwungen, Meilen nachzustürzen;
Denn eh' du deine Hand erhebst zum Gruß,
Den Mund zum Sprechen, und zum Geh'n den Fuß,
Bist du mit Meer, und Fluß, und Bergeshaufen,
Dir unbewußt, fünf Meilen schon gelaufen.
Und wie erst würdest du erstaunen: säh'st
Du selbst, wie du dich mit dem Erdball drehst;
Erblicktest, in den Luftkreis du erhoben,
Tief unter dir den Ablauf deines Globen;
Das bunte, tausendfältige Gewühl,
Des Lebensmarktes Noth und Klang und Spiel; –
Und hörtest hier du eine Betglock' schlagen,
Und säh’st ein Kindlein dort zum Taufstein tragen; {118}
Erschien ein Trinkhaus hier, wo auf dem Kopf man steht,
Und dort ein Sterb'haus dir, wo man zu Grabe geht;
Erblicktest hier eilftausend Narr’n, auf Flächen,
Eilftausend andern Narr'n die Hälse brechen
Um ein paar Hände voll Gewürz und Gold,
Und dort zum Ocean ein Schiff herabgerollt;
Säh'st hier ein Eichhornpaar sich um zwey Nüß' auf Zanken,
Und dort ein Königspaar sich um zwey Kronen zanken;
Denn, wo du steh'st, in lichter Himmelsburg:
Früh oder spät muß jeder Welttheil durch –
Und Jud' und Muselmann, Armenier und Basse,
Moschee und Synagog', und Tempel, und Terrasse,
Und Jammerlonk, und Filzhut, und Turban
Schwankt täglich diese Himmelsstraß' hinan;
Wie mit zwey Fingern, die mit fünfen segnen,
Der Christ und Derwisch muß sich hier begegnen.
Und immer weiter von dem Erdenball,
Da würde dir zuletzt, als Mondenball,
Dein altes Erdenrund, mit seinen Thalen,
In friedlich stillem Glanz entgegen strahlen. {119}
Archyt.
Entzückend Wunder! Doch du nennst den Erdball rund:
Welch Zeichen that dir dieß Geheimniß kund?
Richmont.
Es gibt der Zeichen viel, um dieß zu wissen:
Zuerst bemerkt ich stets stets, bey Mondesfinsternissen,
Wie sich des Erdballs Schatten, rund und scharf,
Rein abgezogen, in den Mondkreis warf;
Nun schwimmt im Mondball so des Erdball's Ründung:
Beweis't dieß klar ja seine eigne Ründung. –
So ferner auch erblickt der Schiffersmann
Den Mast zuerst von Schiffen, welche nahn;
Doch will der Horizont sich mehr erhellen,
Sieht er den Wind des Schiffes Segel schwellen,
Und nah't er einer Insel oder Stadt,
Von wo er einen Thurm gesehen hat:
Verliert, wohin er seinen Cours auch richte,
Er diesen stets zuletzt aus dem Gesichte.
Archyt.
Ha, nun begreif ich – weißt du wohl, Melant?
Wie gestern gingen wir am Meeresstrand, {120}
Und etwas Weißes kam heraufgeschwommen:
Wir hatten beyd' es plötzlich wahrgenommen:
Im Meergrund glitt daher es vogelschnell,
Drey Spitzen unterschied das Aug' erst hell,
Bis immer deutlicher, am Horizonte,
Ein unbekanntes Ding man sehen konnte,
Das, wie von weißen Flügeln aufgeschwellt,
Von hinnen trieb die untre Menschenwelt,
Beschäftiget mit Mast und Strick und Stangen
Den Wind, den Hauch des Himmels, aufzufangen,
Wie wir es heute bey der Landung sah’n;
Nun ging' im Meere nicht die Fahrt bergan:
Sprich, warum ward das Schiff, anstatt von oben;
Auf einmal nicht, und ganz, vor unserm Aug’ erehoben? –
Doch, wenn der Erdball stets so Umlauf hält:
Wie kömmt es, daß im Umlauf nichts verfällt?
Richmont.
Zwey ungeheure, wirksam rege Kräfte,
Sie theilen sich in's große Weltgeschäfte,
Wie Tag und Nacht: Bewegung ist ihr Ziel.
Sieh, unsichtbar, an eines Fadens Spiel,
Gleich Vöglein, hält uns eine Kraft am Boden; {121}
Des Sturmwind's Lauf, den Regen, Zephyrs Oden,
Den Schnee, der Quellen Fluß, den Ocean,
Zieht sie, nach ewigen Gesetzen, an;
Doch wären wir ihr gänzlich unterthan:
Dann stockte plötzlich jegliche Bewegung:
In Wasser, Erd' und Lüften keine Regung;
Kein Vogel mehr, der hüpfte im Gesträuch;
Kein Fisch mehr, welcher plätscherte im Teich';
Auch kein Planetenumlauf wär' vorhanden;
Die Menschen eingewurzelt, wo sie standen,
Und Sonn' und Mond, wie in ein Buch gerollt,
Zusammt dem Erdball, dem sie Licht gezollt,:
Bis jenseit des Orions Sternenstraße,
In einer großen Gluth- und Feuermasse;
Doch weise bog Natur dem Unfall vor:
Eröffnet, weit ist der Bewegung Thor,
Und von des goldnen Sonnenlichtes Wogen
Wird jeder Körper hoch emporgezogen. –
Sieh klaftertief, gestaltlos brütend, liegt
Der Schwere Reich zum Mittelpunkt hinunter:
Doch, von des Lichtes Einfluß still besiegt,
Erhebt ihr Haupt die Pflanze, grünend munter;
Und tritt im Lenz die Sonne neu hervor:
Da flüstern Rohr und Kalmus laut empor;
Und jedes Kind des Sumpf's, daß es erwarme, {122}
Streckt brünstig aus zu ihr die grünen Arme: –
So wird entschleunigt eines Apfels Fall,
Ein Mondsumlauf, entfernt vom Erdenball.
Sieh, der Aequator muß der Pendul Schlag verkürzen:
Dort droh't das Meer sich in den Mond zu stürzen;
Denn unter zwey Gestirnen geht sein Weg,
Die ziehen es vom alten Erdball weg:
Doch wo der Tag sich am Polarkreis will verengern:
Da muß sich auch der Pendul Schlag verlängern;
Denn nah' des Erdball's Mittelpunct nimmt Ruh,
Nimmt Eis am Pol, nimmt Nacht, nimmt Schwerkraft zu. –
Hier schwärmt kein farbiges Gefieder in Gehölzen;
Kein Blau, kein Abendgold darf hier die Blumen schmelzen;
Und kein verdichtet Morgenroth umlacht
Die Eistlur Grönlands, in der langen Nacht:
Verärmter ist ihr Farbentopf geworden,
Je weiter sich Natur entfernt nach Norden;
Ihr Gold, ihr Hellblau, von Aequators Höh',
Erlosch in Grün, erstarb zuletzt in Schnee, {123}
Den, seit der Sündfluth, keine Strahlen schmelzen,
Worunter Wallfischheer', im Dunkel nur sich wälzen – –
Und doch sieht anderer Gestirne Stand
Auch hier vielleicht noch einst ein urbar Land.
Wir wandeln, auf des Oceanes Brache,
Mit dreyfach abgetheiltem Vorgemache:
Luft, Erd' und Wasser sind vor der Natur
Ein Haus, mit unterschied'nem Stockwerk nur;
Denn tauften Fische diesen Erdenhaufen:
Sie würden alsobald ihn Wasser taufen;
Weil jedes Thier von seinem Element
Ein Recht erhält, wornach es ihn benennt.
Der Mensch, im ersten Stock, nennt sein den Erdengürtel;
Der Fisch im Wasser spricht: mein ist das größte Viertel!
Indeß, im dritten Stock, der muntre Vogel: „Luft,
Nicht Erd' und Wasser, ist des Erdball's Name,“ ruft.
Wie, glaubst du, weil du Bäum' fällst in's Gevierte,
Und deine Hand geschickt den Mörtel rührte: {124}
Du hättest der Natur zum Eigenthum
Nur einer Spanne abgewonn’nen Ruhm?
Du irrist, o Mensch! denn sieh, kaum ist dein Bau entstanden:
So schickt sie ihre alten Abgesandten:
Des Grases Keimen, das im Hof wird wach;
Den Storch, der nimmt Besitz von deinem Dach;
Der Schwalben muntres Volk, die laut am Giebel schwärmen,
Und die, der Mutter Recht zurückzufordern, lärmen. –
Ernst steh't der Mensch vor seines Wohnorts Thor;
Es bricht Verwüstung überall hervor,
Kömmt Sündfluth an das alte Haus zu pochen;
Der Ocean tritt aus – von Türkis, Mammuthsknochen,
Von See- und Landthier ist der Grund gedüngt,
So weit umher des Gräbers Karst erklingt;
Der Elephant kömmt aus Südindiens Zonen,
Im Nordland, in Sibirien zu wohnen;
Das Crocodil verläßt des Nilstrom's Schlamm,
Und nimmt Besitz von Mastrichts altem Damm;
Und immer tiefer schlafen, immer tiefer,
Der Vorwelt Generationen in dem Schiefer; {125}
Medaillen auf die Sündfluth einst geprägt,
Wie in ihr Cabinet zurückgelegt,
Von eignen Händen der Natur geschlagen:
So schlafen sie, in Kies- und Muschellagen. –
Korallen, Zoophyten - Steingeflecht,
Und sonst manch wunderbar Naturgeschlecht
Erzählt, bey schauerlichem Grubenlichte,
Der grauen Wundervorwelt Urgeschichte.
Und so wie in der Erde Tiefen – reißt
Zur Sternenhöh' auch Wißgier unsern Geist;
Denn schön bevölkerten der Dichter Träume
Millionen weit von uns entfernte Räume,
Durch Herschels Fernrohr glücklich aufgelöst,
Bis wo der Nebelstraße Lichtstrom bläst.
Vielleicht noch unterwegs, aus jener Ferne,
Ist hier ein Lichtstrahl längst erschaffner Sterne,
Der, wenn er angelangt, doch im Ruin
Das unt’re Erdenstockwerk nur beschien,
Was für Bewohner, selige Naturen,
Auf Jupiters, auf des Orions Fluren?
Und was für ein Geschlecht im Hesperus,
So wie auf Venus Ebnen setzt den Fuß?
Was Mond und was Saturn für Menschen paarte?
Was der für Junge? dieser für Bejahrte? {126}
Dort, wo kein Thau, kein Regentropfen fließt,
Kein Donner hallt, und keine Blume sprießt;
Wo nichts ist, als ein wüster Craterhaufen,
Und eine alte Weltuhr, abgelaufen;
Hier, wo ein Jahr im Umlauf dreyßig zählt,
Und wo man hundert alt sich erst vermählt;
Was sich für ungeheure Länderstrecken
Im Jupiter uns überschwemmt entdecken?
Dort, wo sein vierfach Spiel der Abendmond
Beginnt, mit jedem Tag, am Horizont;
Wo bald vereint vier Monden friedlich prangen,
Bald wieder zwey und zwey sind aufgegangen?
Wie hoch der Berge Höh' im Sonnenrund,
Wo wiegt ein Kind vom Erdball hundert Pfund?
In heitrer Lebensluft, was dort für Pflanzen,
Und was für Riesenvögel sie umtanzen?
Was in Cometenlichtes Nebel schwimmt,
Und ab und auf den Himmelsumlauf nimmt?
Das bald Jahrhundert lang kein Tagslicht sahe;
Bald wiederum dem Sonnenlauf so nahe
Sich wagt, daß eine Gluth es unterjocht,
Wobey das Eisen schmilzt und Wasser kocht?
Zuletzt, an unsers Universums Grenzen,
Sieh’st du den Stern des Uranus noch glänzen:
Hier sucht vielleicht, seit grauer Zeiten Lauf, {127}
Auch uns ein wißbegierig Fernrohr auf;
Und wird, nach Ablauf von sechstausend Jahren,
Sich unser Erdball einst ihm offenbaren:
Da wird er denn, mit allen seinen Czaaren
Und Kaisern, Königen, und was hier lebt,
Auf einen Pappenglobus aufgeklebt.
Sieh dort auch die Geburts- und Sternenwiege,
Des Weltalls Nebelstraße, Gottes Stiege,
Wo, wenn er auftritt, nah dem Mittelpunct,
Ein Centrum auslischt und ein andres funkt;
Wo sie, getrennt vom Mittelpuncte, prangen:
Da hat ein Schöpfungstag erst angefangen;
Doch wo gedrängt ist der gestirnte Hauf:
Hört eben jetzt vielleicht ein Weltall auf:
Sie hält in seiner Hand der Stern- und Welterhalter,
Der zählt der Blumen Zahl, wie der Gestirne Alter;
Vor ihm, wie Rosen, neu um Morgendämmerung,
Die welk am Abend sind, in steter Wandelung,
Erlischt hier ein Gestirn, und wird ein and'res jung. –
Das Licht am Schlangenträger ist verdunkelt;
Cassiopeias Schein hat ausgefunkelt: {128}
So kehrt gealtert unser Erdenball
Auch einst zurück zu seinem Sonnenball,
Von dem er einst ein Dunst ist ausgegangen:
Der muß ihn auch zurück in seinen Schooß empfangen;
Und selbst der Sonnenball stürzt, ohne Ruh,
Der Flammenstraße des Orions zu:
So muß in Gluth einst jedes Weltall schmelzen,
In neu verjüngtem Kreislauf sich zu wälzen.
Oft hellt dem Wanderer den Abendlauf
Ein stiller Schein am Horizont noch auf,
Der ahndet nicht, was ihm den Weg verklärte,
Daß es mit Gluth ein Nachbarhaus zerstörte:
So glänzen auch, im stillen Fernrohrs Lauf,
Uns nächtlich Feuer oft am Himmel auf;
Und wir – wir ahnden nicht, was uns den Weg beschimmert,
Daß eine Nachbarwelt derselbe Schein zertrümmert. {129}
Neunter Auftritt.
Prometheus, der heftig vorschreitend, mit Mercur in einem Wortwechsel begriffen, auftritt.
Prometheus.
Wer setzte dich zu dieses Eiland's Hüter,
Mercur, noch einmal?
Mercur.
Mein und dein Gebieter,
Prometheus.
Wer?
Mercur.
Jupiter. Erzürn' ihn nicht auf's neu'!
Prometheus.
Gebiet er seinen Sclaven! Ich bin frey!
Mercur..
Bis er dem Fels dich wieder überläßt!
Prometheus.
Die Freyheit schmiedet Er in meiner Brust nicht fest.
Mercur.
Hörst du im Aetna die Cyklopen hammern? {130}
Leer stehn im Tartarus noch gleiche Kammern.
Prometheus,
Wohl! Weil Gewalt nun ein Mal geht vor Recht,
Und Feigheit eingekehrt bey dem Geschlecht
Der Götter selber ist; mit argem Thun
Die Hinterlist gebeut: so ist auch nun
Olymp und Tartarus nur eine Stelle:
Mit Sclaven, oder nirgend wohnt die Hölle!
Ob im Olymp – sie wohnt mit euch;
Ja, treffe mich dein Blitzstrahl, Zeus, und gleich!
Ihr kniet vor ihm – sein Donner macht ihn größer –
Je mehr von ihm – von euch entfernt, je besser! –
Bis ich des Himmels Blau nicht mehr erkenn',
Daß ihr umwohnt, ihr, die ich Sclaven nenn';
Jetzt Sclaven – Götter sonst! Was ist es denn,
Daß nimmer und nimmer diese Spinnen
Von meinen Blumen entfernen ich kann?
Wohl hast du Recht, Vater Ocean!
Doch schützten euch Götter und Göttinnen,
Und ständ' ich wieder, mit einem Fuß,
Wie ehedem in dem Caucasus;
Und hört’ ich wieder die Fesseln klirren,
Den Adler kreischen, und drohen Mercur: {131}
131
Nichts soll mich in meinem Vorsatz irren!
Und diese Freystatt der Natur,
Ihr sollt sie mir nicht wieder entweihen!
Ich kenn die Segnungen eurer Cultur,
Die ihr kommt, uns zu verleihen:
Jede Blum', auf Haid' und Flur,
Erstickt, auf mütterlichem Boden,
Vor euerm verzehrenden Flammenoden:
Drum geh't; noch ein Mal, gehet nur!
Richmont.
Du bist Prometheus! Eher schmolz
Das Eis des Caucasus, als Stolz
Aus diesem Busen, würd' entweichen:
Nur Göttern bist du zu vergleichen.
Prometheus.
Genug! – Was führt euch durch die Meeresfluth?
Richmont.
Ein alter, von Titanen angestammter Muth.
Prometheus.
Titanenwange darf nicht Todesfurcht entfärben:
Sagt, scheitert euer Schiff': was könnt ihr?
Richmont.
Sterben … {132}
Prometheus.
So rechnet ihr denn stets euch noch zu dem Geschlecht!
Richmont.
Uns blieb, mit seinem Trotz, auch seines Namens Recht.
Prometheus.
Mit Worten seyd ihr kurz und scharf berathen. –
Richmont.
Versuch auf Besser's uns!
Prometheus.
Was habt ihr Bessers?
Richmont.
Thaten!
Prometheus.
Wohlan!
Richmont.
Ein zweyter Japetide stahl,
Wie du, dem Donnerer des Himmels Strahl,
Und baut aus Drath dem Blitze eine Leiter.
Prometheus.
Das hör' ich gern: erzähle weiter, weiter!
Richmont.
Er zündete, mit dem von seiner Bahn
Entlockten Diebstahl, einen Wachsstock an; {133}
Röhrwasser gleich: so wies er ihm die Wege:
Der Donner that fortan nur kalte Schläge.
Prometheus.
So recht, so recht!
Erkennst du hier mein trotziges Geschlecht?
Im letzten Mann noch wird dies Feuer lodern,
Die Elemente, dich, den Blitz herauszufodern;
Steht fest der Erdball, oder wankt: verschafft
Sein Erbtheil jeder sich, mit Manneskraft.
Richmont,
Wir sehn sechstausend Jahr ihn uns zu Füßen wanken:
Der stille Schriftzug hier lieh Flügel den Gedanken.
Und dienstbar, über Länder, Meer und Ort,
Trug jeden Laut und Ton er mit sich fort.
Nun trotzt die Unschuld dem Tyrannengrimme:
Ob Riegel siebenfach er vor den Kerker schiebt.
Die Wände reden, und die Mauer gibt
Dem kommenden Jahrhundert eine Stimme: –
So wird ein Flachsfeld erst in Tücher
Verwandelt, und nachher – in Bücher,
Und Bettlersrock und Bettlerskleid
Ein Staatsrock der Unsterblichkeit.
Und noch theilen sich drey Kasten {134}
In der Erde Müh'n und Lasten:
Erste lebt vom Tödten, Jagen,
Läßt erschlagend sich erschlagen;
Zweyte nährt die Ackerleute,
Grabend morgen, grabend heute;
Was erjagt, und was ergraben:
Kömmt die Dritte, will es haben;
Kaufmann hat zum Handel Herz;
Meister schafft in Gold und Erz;
Jeder hier von deinen Söhnen
Wird einst solchen Stand verschönen.
Prometheus.
Verhüt es Jupiter!
Richmont.
Wie ungerecht,
Prometheus, bist du doch dem eigenen Geschlecht.
Gesteh' es: Manches hat Natur der Kunst zu danken:
Betracht sie außerhalb ein Mal von ihren Schranken,
Wo eine Mauer sie von Strauchwerk überzieht:
Die Blum' erstickt; kein Ton, kein Vogellied;
Die Schatten fallen ungemessen;
Das Echo hat den Ruf vergessen; {135}
Der Strom, der Fluß verliert den Lauf,
Und hört in Sumpf und Morast auf:
Da kömmt der Mensch: die Wälder tagen;
Die Quellen plaudern; Vöglein schlagen;
Die Axt erklingt; der Baum steht auf;
Fahrwasser nimmt den stillen Lauf;
Da hört man fallen Hammers Schläge;
Da wird geschärft der Zahn der Säge;
Da holt die Arbeit ihr Geräth;
Da wird aus Hanf ein Seil gedreht;
Des Kiesels Adern Feu'r entschlagen;
Der Kiel bewimpelt sich mit Flaggen;
Wo müssig Rohr im Schilfe staken,
Blinkt nun ein Fisch am Widerhaken;
Hoch schwankt im Sturm die Fischerbarke;
Und muthig sucht im Kampf der Starke,
Im unerschrocknen Heldenlauf,
Die Bärin und den Löwen auf: – –
Und immer kühner strebt er, kühner:
Der Wald wird licht; die Hütung grüner;
Der Zelte Rauch steigt himmelan;
Der Saaten Gold umnickt den Plan;
Des Feldes Thiere sind verschwunden;
Nun frisch die Segel aufgewunden;
Eröffnet jedem Wind die Bahn! – {136}
Nicht mehr mit Fischerboot und Kahn;
Mit Waldes Fracht, mit Steinbruch's Lasten,
Mit hundert Flaggen, tausend Masten,
Wirft sich der Fluß zum Ocean.
Wo Sumpf und Kalmus sonst geschlafen,
Lebt neu empor ein fröl'cher Hafen;
Gleiten Lootsen ab und auf;
Stehen Schiffe auf dem Stapel,
Andre, von Livorno, Napel,
Nehmen abwärts ihren Lauf;
Bringen Waaren zum Verkauf;
Was für Stimmen! welch Gewühl!
Alles rührt sich auf dem Werfte:
Oben einer Bolzen schärfte;
Bootsmann meißelt unter'm Kiel;
Schiffsjung' steht, und will ein Seil
Knarrend um die Schiffswind' koppeln,
Und im Speicherecho doppeln
Schläge sich von Axt und Beil;
Hoch bis in die Wolkenspitzen
Dringt ihr „Hurrah," klingt die See,
Wenn das Krummholz in die Höh
Sie empor zum Dreymast tritzen.
Auch nicht fey'rt indeß der Krahn:
Windet Waarenballen hinan; {137}
Roth bezeichnet Kaufmannsstücke;
Schönes Schiffsgut von der Brücke. –
Aufgezogen
Steht sie da, in halbem Bogen,
Hemmend einen Strom von Leuten,
Sammelnd sich zu beiden Seiten;
Kleine Fahrzeug aller Arten,
Die am Brückenaufzug warten,
Bis das Kauffartheyschiff mitten,
Stolz bewimpelt, durchgeglitten: –
Und so lärmt es auf der Docke,
Bis erklingt die Mittagsglocke
In der alten Glockenburg,
Bis am Werfte zwölf ist durch,
Und der Franzmann und der Pohle,
Bast, statt Schuh', an seiner Sohle,
Feurung in dem kleinen Kahn
Sich zum Ufer schifft hinan. –
Aufgehangen
Sieht man nun die Kessel prangen;
Längs des krummen Flusses Lauf
Qualmen düster Feuer auf. –
Selbst zur Nacht, wenn alles schweiget,
Knarrt und geiget
Noch der muntre Hafen fort; {138}
Bellen hier und bellen dort
Hunde auf den Schiff'sverdecken,
Wachen Lauts, den Dieb zu schrecken. –
Sieh im Licht ein klein Legan, [So nennt man, auf größern schiffbaren Flüssen, kleine längs dem Ufer gelegene Schifferherbergen.]
Wo der muntre Schiffersmann,
Mitten im Geräusch der Wogen,
Stampft zu muth'gem Fiedelbogen
Contertanzes Noten aus,
Bis „zu Schiff“ erschallt es draus':
Aus einander nun die Hände:
Hui nach Bristol, nach Ostende!
Rothes Schnupftuch in die See
Weht ihm nach, Ade, Ade! – –
Und schon wartet in der Fremde.
Sein ein andres Haus am Ufer,
Sein und seiner schönen Waaren.
Will ein Wind sich offenbaren:
Einen Tubus in der Rechten,
Spricht der Wirth zu seinen Knechten:
„Dieser Wind bedeutet Fremde:
Laßt ein Essen uns bereiten!
Kömmt Besuch von Schifferleuten!
Dieser Wind, in einer Stunde, {139}
Bringt ein Schiff vom schönen Sunde.“
– Also spricht zu seiner Frau
Klug der Hausherr, und genau
Läuft sie ab und auf die Stiegen,
Sieht, ob Segel unten liegen;
Kömmt das schöne Schiff herauf:
Trägt sie schon das Essen auf.
Prometheus.
Lustig ist das Seegewerbe;
Doch mit fremden Gut's Erwerbe,
Fremder Tenne Zoll und Gift,
Ist auch Tod euch nachgeschifft.
Richmont.
Vater, im Gewühl der Schlachten,
Frage, was den Tod wir achten,
Wenn, bey furchtbar'n Blitzes Spiel,
Donner kürzt das Lebensziel;
Wenn zur Rechten, wenn zur Linken
Hundert fallen, tausend sinken,
Sonn' und Mond in blauer Luft:
Selig, die der Tod so ruft;
Die, Gebrechlichkeit zum Erben,
Nicht auf schnödem Siechbett sterben;
Die ein unsichtbarer Geist
Schnell im Blitz von hinnen reißt: {140}
Selig, die, von Ruhme trunken,
So in Lethens Fluth gesunken,
Und in deren Ohr nicht Klagen
Von betrübten Weibern schlagen:
Fortzudauern im Geschlecht,
Dieß nur ist Titanenrecht!
Prometheus. (düster)
Welch eine Ahndung fliegt mir durch das Herz?
O haltet fest, ihr meine Nerven nun, aus Erz
Für eine Ewigkeit geschmiedet,
Damit ihr plötzlich nicht gealtert schiedet!
– – Es kann – es darf – es soll nicht seyn:
Ich will es nicht – wer sagt hier Nein? –
Doch wenn es ist – wenn diesem grauen Haupte,
Das Kühnheit nur, nie Frevel sich erlaubte,
Noch unerbittlich, rauh und hart,
Auch dieser blutige Spott bereitet ward;
Wenn spät des Feuerdiebstahls Rechte
Der Blitzstrahl so an meiner Nachwelt rächte;
Das Donn’rgeschoß, ein grausam tödlich Spiel,
In unbesonn'ne Knabenhände fiel? –
O Jupiter, und ihr Olympier Alle:
Kein beßres Schicksal dann dem Erdenballe,
Als daß Erdbeben ihn und Schutt verschütten,
Und eine Rauchsäul schwarz aufsteigend mitten {141}
Für künfti’ge Himmelswandrer rufe aus:
Hier war des Weltalls großes Narrenhaus.
(Prometheus versinkt in ein düstres Nachdenken. Von der Schiffsseite geschehen plötzlich einige Schüsse.)
Prometheus.
Ist dieß der neu erfundne Donnerstrahl?
Richmont.
Was du vernimmst, ist ein Signal
Für unser Schiff zum Vespermahl.
(Einige aus der Schiffsequipage, die mit Kessel und Stangen auftreten.)
Prometheus.
(hastig sich ihnen nähernd)
Und diese Männer, zwischen Stangen,
Was bringen sie für Speisen aufgehangen?
Das ist nicht Pflanzenkost was ist's? sag an!
Jack.
(zu dem hinter ihm tretenden Schiffsvolk)
Ein Cargo Vögel seilt noch achter an!
Prometheus.
So ist denn wahr auch, die vom Erdenrunde
Längst in mein Ohr drang diese blut’ge Kunde?
Ja, ihr befleckt Luft, Wasser, Erd' und Meer;
Und Glieder, die, den Augenblick vorher, {142}
Noch gingen, blöckten, Hürd und Feld umlagen,
Wagt ihr mit Blum' und Früchten aufzutragen?
Den Stier, der nur noch gestern seinen Hals
So sanft geduldig euerm Joch entgegenstreckte;
Das Lamm, das euch die Hand im Blumenfutter leckte,
Zwingt, mit der Schärfe des geschliffnen Stahls,
Ihr unerbittlich grausam zu verbluten;
Kocht Fisch', in eigenen Krystalles Fluthen;
Und bringt, ein neues Opfer eures Mahls,
Den Vogel, von dem Baum, worauf ihr Obst gebrochen,
Auf einen Tisch, mit Trauben, Blut und Knochen:
Ha, ihr Prometheus Kinder nicht:
Nein, Stimm' und menschliches Gesicht
Gab euch ein Gott zu diesen Felsenherzen:
Ihr kennt sie nicht die Regung süßer Schmerzen! –
Kommt, meine Kinder, folgt mir, – fort! –
Noch seyd ihr gut und unverdorben,
Prometheus Kinder noch; in jenen dort
Ist längst die Menschheit ausgestorben.
(mit den Seinigen ab) {143}
Richmont.
(ihm nachrufend)
Und borgtest du vom Vogel das Gefieder:
Prometheus, dennoch sehen wir uns wieder.
(zur Schiffsequipage)
Ihr ruft, auf abgegang'ner Feuerstäte,
Indeß mir dort das Schiffsvolk zum Gebete!
Ende des dritten Aufzugs. {144}
Vierter Aufzug.
Erster Auftritt.
Innerstes der Felshöhle. Von der einen Seite eine freye Aussicht in's Meer. Die Kinder des Prometheus, mit ihren Geschenken, Corinna, vor ihrem Spiegel, mit Schleyer und Perlenschnur beschäftigt.
Lysis leyert. Menalt hämmert. Melant liegt in dem Winkel und schläft. Neben ihm steht eine Flasche. Archyt, mit der Penduluhr. – Um ihn herum Clitias und Anaximander, in aufmerksamer Betrachtung.
Milon und Prometheus abwesend.
Archyt (sich unwillig umwendend)
Ey, Lysis, such von deinem Leyern
Den Preis ein wenig zu vertheuern:
Warum beginnst du stets auf's Neu?
Du leyerst mir den Kopf entzwey.
Ich will hier wiegen, Rechnung führen:
Still drum mit deinem Musiciren!
(zu Menalt, der schmiedet)
Du, Tubal Cain, auch halt an,
Damit ich ruhig denken kann!
Menalt (forthämmernd)
Ey, was braucht's Verständigkeiten? {145}
Laßt den Hammer euch bedeuten!
Ist das Eisen recht erhitzt,
Schlägt man, bis der Funken sprützt.
Archyt.
Ambos, Hammer, Zang' und Pflug
Macht den Kopf allein nicht klug.
Menalt. (seinen Hammer aufhebend)
He da, Meister Siebenklug,
Mir ist meiner klug genug.
Corinna. (zu Glauka)
Stich den Schmuck mir, wo ich stehe;
Stich den Schlepp mir, wo ich gehe;
Sieh stets, was herunter fällt,
Das dein Aug’ in Ordnung hält.
Glauka. (ihr den Schleyer stechend)
Hätte selbst gern eine Schnur:
Sind wir gleich doch von Natur;
Wäre gern, wie sie erschienen;
Will nur herrschen: ich muß dienen.
Archyt.
(zu Melant, der im Winkel schläft, hintretend)
Nun, Vater Noah, hast bald ausgeschlafen?
So treffen wohlverdienten Vorwitz seine Strafen!
Wie er dort im Winkel schnarcht!
Freylich hat er nicht gekargt; {146}
Hat, bis auf den letzten Funken,
Flüß'ges Feuer ausgetrunken:
Nein, da lob' ich mir den lautern Trunk,
Frische Milch, worin kein Feuer funkt.
Aber sieh, mit fremden Flossen kömmt ein Fisch;
Zieht ein fremder Vogel durch's Gebüsch:
Und nach seinen Flossen, seinen Schwingen,
Hat er nichts Gemeines vorzubringen,
Milon
(der sehr gebieterisch mit einem Federbusch auf dem Kopf und einem Schießrohr in der Hand auftritt)
Versteht mich!
Archyt.
Sprich nur erst!
Milon.
Was ich gewollt,
Müßt ihr errathen, eh' ich sprech': ihr sollt
Den edlen Milo vom Stein mich nennen:
Sonst will ich vor den Kopf euch brennen.
(steht im Anschlag)
Die Weiber.
O edles Bruderherz, halt ein!
Archyt.
Sey, edler Milon, nur nicht gar von Stein! {147}
Menalt.
Was ist dein eigentlich Begehren?
Wir können's ja im Guten hören.
Milon.
Aufgeschnürt ein jedes Pack!
Her die Spiegel! her den Rack!
Her die Flasche! her die Leyer!
Liefert aus, sonst geb' ich Feuer.
Alle.
Aber sprich, mit welchem Rechte?
Milon.
Ich bin Herr, und ihr seyd Knechte.
Archyt.
Ey, bedenk!
Die Mädchen.
Uns so zu kränken!
Milon.
Ich will herrschen, und nicht denken.
Die Mädchen.
Die verwünschten, bösen Sachen
Werden den Garaus uns machen:.
Liefert ihm nur alles aus!
Milon.
(der sie zusammen auf einen Haufen packt)
So nun bin ich Herr vom Haus: {148}
Nun vernehmt, und Jedes merke
Seine künft'gen Tagewerke:
Hört ihr Männer, hört ihr Frauen,
Ihr sollt Korn und Most mir bauen;
Ihr sollt Hanf und Flachs gewinnen;
Ihr sollt haspeln; ihr sollt spinnen –
Alle.
Schön! Und du?
Milon.
Ich will genießen;
Ich will jagen; ich will schießen;
Ich will trinken; lustig seyn:
Dafür bin ich Herr vom Stein.
Alle.
Du? Ein Dieb bist du, ein Räuber!
Milon. erhebt drohend die Flinte.
Clitias.
Still ihr Männer, still ihr Weiber!
Kann er euch die Herrschaft rauben:
Müßt ihr an sein Recht auch glauben.
Milon (der sich besänftigt zu ihm umwendet)
Du bist ein vernünftiger Mann:
Da, nimm dieß Geschenk hier an.
(reicht ihm eine Flasche) {149}
Anaximander.
Gott gab ihm des Blitzes Strahl.
Milon.
Da, da, trink du auch ein Mal!
Beide
Ehrt ihn drum an Gottes Statt!
Milon.
Fahrt nur fort, ich mach' euch satt!
Mercur. (zeigt sich im Hintergrund der Felshöhle)
Geweiht begehrt die Plünd'rung der Soldat;
Der Priester schließt ein Bündniß mit dem Staat;
Kriegt Halbpart; und thut ihm ein Feind etwas zu Leide:
Zieht er den Gott – wie einen Degen aus der Scheide.
Doch still! Prometheus kömmt herauf den Felsenpfad.
(entfernt sich)
Die Kinder.
Vater kömmt: vom Regimente
Geht die Herrlichkeit zu Ende. {150}
Zweyter Auftritt.
Die Vorigen. Prometheus.
Sagt, was habt ihr vorgenommen?
(auf Milon deutend)
Was ist diesem angekommen?
Die Kinder.
Der da will der Herr vom Stein
Archyt.
Will Regent, will Fürste seyn.
Prometheus.
Was im Winkel, hingesunken,
Fehlt Melant?
Archyt.
Der ist betrunken.
Prometheus.
Seht ihr nun, wie die Bekanntschaft
Dieser Männer Blutsverwandtschaft,
Freundschaftsbande selbst entzweyt:
Gut, daß ihr gegangen seyd!
Folgt nun, Kinder, meinem Rath:
Diese Waffen, diesen Staat,
Und was ihnen sonst gehört,
Laßt, um selbst uns nicht das Schwerdt {151}
Eignen Untergang's zu schärfen,
Alles schnell in's Meer uns werfen.
Archyt. (seitwärts)
Bis auf meine Penduluhr,
Die unschädlich von Natur.
(die Kinder schaffen die Sachen bei Seite)
Dritter Auftritt.
Corinna, Glauka mit den Uebrigen zurückkehrend.
(zum Vater)
So wie du gesagt, gethan:
Alles liegt im Ocean.
Prometheus.
Fromm einfältig gute Seelen:
Und nun laßt euch auch erzählen,
Jene Männer, wie zum Morden
Allgemach verführt sie worden!
(Die Kinder setzen sich um ihn herum auf die Felsstücke, Prometheus erzählt.)
Aeonen waren reg‘ im Seyn verflossen,
Nachdem der große Schöpfungstag begann:
Nur Wallfischbrut und die von Meeresrossen
Durchtaumelte den wüsten Ocean;
Noch sah das Auge keine Blumen sprossen; {152}
Noch klang kein Vogellied im Wiesenplan;
Die Erde stand, von Nebeln schwarz umzogen,
Ein Urfels da, in finstern Wasserwogen.
–––
Und wie ein Lichtstrom durch die Räume zittert:
Zerbröckelt Stein in Erd'; es regnet drauf;
Der tausendjährige Granit verwittert,
Und dürrer Mooswuchs sprießt vom Felsen auf;
Sogar der Austern hartes Haus zersplittert;
Aus Oel und Salz treibt üppiger Pflanzung Lauf;
Die Sonne scheint und wärmt die Lüfte heiter,
Und riesenhaft entspringen Farrenkräuter.
–––
Und nun erst schlägt der Schöpfung ernste Stunde
Dem sanften, kräuterfressenden Geschlecht;
Nun erst bereitet still des Schafes Munde
Sein Blumenfutter die Natur zurecht;
Nun erst erhebt sich kühn vom Erdenrunde
Der Elephant und übt des Rüssels Recht;
Das Nasehorn im Schilf steht aufgerichtet,
Wo sich zum Dach ein Cedernwald verdichtet. –
–––
Wie harmlos, in des heitern Himmels Bläue,
Der Thiere Schwarm zu seinen Füssen spielt;
Wie sinnig dort der Biber sein Gebäude {153}
Vollendet, wo den Damm der Strom umspült;
Wie tausendstimmiges Geblöck, Geschreye
In Lüften, wie in Wellen, wogt und wühlt:
Auf einmal, aus anmuth'gen Thales Krümme,
Tönt: Laßt uns Menschen schaffen! eine Stimme.
–––
Und Mutter Erd' erfassen sanfte Wehen;
Und leis' erschüttert bebt ringsum das Land;
Zum zweiten Male wähnt sie zu vergehen,
Und Meer zu seyn, wie das, was vorhin stand,
Bis wied'rum eine Stimm' ihr ungesehen
Zuredend naht, aus grüner Felsenwand,
Die zu dem Thone sagt: daß er gelinde
Zu menschlichen Gestalten los sich winde. –
–––
Und es vernimmt des Gottes Wunsch die Erde;
Noch ein Mal regt sie auf die Schöpfungskraft,
Womit sie Elephanten, Schafe, Pferde,
Das sanfte, kräuterfressende Geschlecht erschafft;
Kaum tönt zum dritten Mal der Allmacht Werde;
Durchrinnt auf's Neu die Glieder Lebenssaft,
Und viele Kinder liegen, nackt und bloße,
Ihr weinend da, auf mütterlichem Schooße.
–––
Sie trägt sie sanft in ihren grünen Armen; {154}
Erwärmt sie still, und drückt sie an ihr Herz;
Sie stillt mit Mutterbuld ihr kindisch Harmen;
Und da sie Hunger quält und Durstes Schmerz:
Da will das Herz ihr brechen vor Erbarmen:
Da wendet sie die Augen himmelwärts,
Und läßt alsbald, der Kindlein Durst zu stillen,
Zwey Ströme Milch aus ihren Brüsten quillen.
–––
So schliefen, wohlgetränkt und wohlgenähret,
Die Kleinen auf dem grünen Rasen ein:
Kein Raubinsect hat sie im Schlaf gestöret;
Denn diese Brut schloß träg' der Schlamm noch ein;
Von Vöglein, welche Trauben abgebeeret,
Nur träumten sie, im muntern Sonnenschein,
Und fern vernahmen sie, durch Thales Stille,
Der Rinder sanft verhallendes Gebrülle.
–––
Doch mußt ein andres Leid sie bald erwarten;
Denn als so sanft sie schliefen, zog herauf
Ein muntrer Schwarm von Vögeln aller Arten;
Auch kam die Sonn', ermüdet von dem Lauf,
Um diesen schönen, großen Gottesgarten,
Und trank von Milch die Ströme, durstig auf: {155}
So daß, als Abendwind die Kindlein weckte,
Ihr Auge nur die leere Stät‘ entdeckte.
–––
Da blickten sie mit kläglicher Gebehrde
Hinauf zum blauen Himmel: und so fort
Verklagten sie die Sonne bei der Erde:
So daß sie diese schalt: da floh sie fort,
Entrüstet ob der kindischen Beschwerde,
Und ging, zu leuchten einem andern Ort;
Und wie sie hinter Hügel sich versteckte:
Geschah's, daß dunkle Nacht die Erde deckte.
–––
Und da die Sonne nicht mehr wollte scheinen:
Da furchten sich die Kindlein alsobald:
Sie fingen laut und bitter an zu weinen,
Und ihnen graute vor dem Aufenthalt;
Denn finstre Schatten schritten aus den Hainen,
Und dunkle Schreckgestalten warf der Wald,
Bis Mutter Erde, die ihr Leid bedrängte,
Still eine Nachtleucht' an den Himmel hängte.
–––
Es brach hervor der Mond von seinem Hügel,
Erhellend Wald und Feld mit mildem Schein;
Sanft überhing dem grünen Fluthenspiegel
Sein Bild, und zitterte das Laub hinein; {156}
Muthwillig schwangen Zephir' ihre Flügel
Und Grillen zirpten Schlafes Melodeyn;
Früh Morgens aber trug, um sie zu nähren,
Der Erde Schooß die Frucht von süßen Beeren.
–––
Sie streckten aus die Hände zu den Sträuchen;
Sie pflückten ab die süße Erdbeerfrucht;
Noch konnten sie den Kirschbaum nicht erreichen;
Noch ward ihr Auge bloß davon versucht;
Nachts schliefen sie, im Schatten hoher Eichen;
Tag's spielten sie, in stiller Meeresbucht,
Mit Vöglein, bringend ihnen kein Gefährde,
Umhüpfend sie, auf grün besproßter Erde.
–––
So gingen sieben Sommer auf und unter,
Und zwölf Mal sieben war des Mondes Lauf:
Ein Trunk vom Quell erhielt die Kindlein munter;
Oft lasen sie Johannisbeeren auf;
Die Vöglein warfen ihnen Frucht hinunter;
So wuchsen sie in stiller Eintracht auf;
Allmählich lernten sie, mit vollen Zweigen,
Den Birnbaum schütteln und ihn niederbeugen.
––– {157}
So wär' ihr Leben harmlos hingeflossen:
Noch hatte das Geschlecht sich nicht entzweyt;
Wie Blumen wuchsen sie, im Lenz entsprossen,
Wo morgen eine blüht, die and're heut;
In einer Knospe Mann und Weib verschlossen,
Verhüllt in holder, süßer Dunkelheit,
Gleich Rosen, die von einem Stocke stammen:
So wohnten sie in einem Leib beysammen.
–––
Da trieb sie böser Vorwitz, sich zu trennen;
Ein neu Geschlecht erwuchs nun, Mann und Weib;
Ich darf das Unaussprechliche nicht nennen;
Zwey Hälften wurden nun aus einem Leib;
Ein ewig Sehnen muß sie beid' entbrennen;
Voll Sehnsucht fühlt zu einem fremden Leib
Sich der getrennte ewig hingezogen,
Und wird doch stets vom Schattenwunsch betrogen.
–––
Mit Blumen schuf das Weib Natur im Bunde:
Drum blüht ihr Leib, wie Blumen, weiß und roth,
Und fühlt, verletzt von zarter Dornenwunde,
Im Kuß des Mannes, süßen, fühlbar'n Tod; {158}
Drum zieht die Jungfrau oft zur Abendstunde
Zum Garten sehnsuchtsvoll Naturgebot:
Sie steht, der Schwestern Schicksal zu bedenken,
Sie still zu pflegen, und sie still zu tränken.
–––
Weit anders zu des Mannes Lebenstheile
Hat gütig strenge das Geschick gewählt;
Es ist des Sturmwind's Hast, des Adlers Eile,
Es ist des Lichtes Blitz, der ihn beseelt:
Drum stürmt er rastlos fort zu Speer und Pfeile,
Und billig wird er Thieren beygezählt,
Erheitert ihm das süße Licht der Liebe
Nicht finstrer Ahnherrn angestammte Triebe.
–––
Drum naht auch hier sich kaum die Kraft den Händen,
Als schon ergriff der Muthwill' ihr Geschlecht:
Nicht mehr genießen wollten sie – verschwenden;
Der Rosenstock empfand der Stärkern Recht;
Sie pflückten grün die Frucht von Brombeerwänden;
Zerrupften wild das Hagebuttgeflecht; {159}
Und was sie in der Blüthe nicht zerstörten,
Zertraten sie, wenn sie's herunter beerten.
–––
Da ruften laut die Vöglein von der Erde;
Da klagten Rosenstock, Johann’sbeerstrauch:
Wie daß der Mensch zu mächtig ihnen werde,
„Und sey'n sie doch der Erde Kinder auch;“
Und da das ihre fromme Mutter hörte,
Die alle Kindlein liebt, nach gleichem Brauch:
Sprach sie: „Johannisstrauch, dich zu beschützen,
Dich Rosenstock, geb' ich euch Dornenspitzen.“
–––
Drob kehrte sich der Kindlein böse Tücke,
Von Pflanz' und Baum, zu Vogel und zu Thier;
Sie stellten listig nach der Grasemücke,
Dem Hänfling, in dem grünen Waldrevier;
Sie rissen wild manch Vogelnest in Stücke;
Das Lamm entging nicht ihrer Blutbegier:
Und so betleckten sie die Mutter Erde,
Die sie bisher mit Milch und Früchten nährte.
–––
Zuletzt, ob solchem schnöden Uebermuthe,
Ward kalt der Mutter Herz und liebeleer:
Sie sendete, aus der Erschlag'nen Blute,
Ein unzählbares, wildes Plagenheer: {160}
Wo wiederkäuend sanft die Heerde ruhte:
Da brüllten Tieger nun und Löw' und Bär,
Und üppiges Geflecht, anstatt der Rose,
Entwucherte dem grünen Mutterschooße.
–––
Auch forderten zurück die Elemente
Ihr Antheil jegliches vom Erdenkind';
Das Feuer, das, als Leucht', im Haupt ihm brennte,
Und klar in beiden Augen angezünd't;
Die Pflanze, die ihr Salz und Oel ihm gönnte;
Das Wasser, welches sich zu Blut verdünnt;
Selbst Schalthier' kamen, und bestanden leise
Auf ihr zu Bein gewordnes Kalkgehäuse.
–––
So mußte wiederum der Leib zerfallen,
Der kaum in etwas Staub gekleidet war;
Auch fiel ein gleich getheilt Geschick nun allen
Geschöpfen, die die Erd' aus Thon gebar;
Wann Luft und Feuer auf und nieder wallen;
Wann steigt und fällt das Wasser, trüb und klar:
Muß, was von Erd' ist, an der Erde bleiben,
Und aller Pflanzen Schicksal heißt zerstäuben.
–––
Drum zieht das Raubthier auch ein ewig Sehnen
Zu seiner Heerde hin, zum alten Stamm; {161}
Indem mit ihm sich zu vereinen wähnen:
Zerreißen Wolf und Tieger Schaf und Lamm;
Drum schwuren ew'gen Krieg uns die Hyänen;
Drum sind dem Menschen Löw und Tieger gram;
Aus Blut, das sie verschütteten, entsprossen,
Entspinnt der alte Zwist sich unverdrossen.
–––
Auf dieser Insel walten sanft're Rechte;
Denn meinen Stamm ernährt nur Pflanzenkost;
Ihr brecht euch Hagebutten vom Geflechte;
Die Traube reicht euch ihren süßen Most;
Prometheus unverdorbenem Geschlechte
Blieb unbekannt des alten Eisens Rost,
Und schädliche Metalle zu erhalten,
Noch lerntet ihr der Erde Schools nicht spalten.
–––
Wohlan, bewahrt euch diese reine Sitte;
Erfüllt in Unschuld der Natur Geheiß;
Zwingt nie zu scheiden mich aus eurer Mitte,
Sonst geb' ich All' euch schnödem Schicksal Preis.
Jetzt ruft mich ein Geschäft zu Aeol's Hütte:
Ihr unterdeß zerstreut euch hier im Kreis;
Vor einem Ueberfall seyd ohne Sorgen:
Der Weg hieher blieb jedem Aug' verborgen.
(ab) {162}
Corinna.
Der Abendstern
Ist nicht mehr fern;
Ich will hinaus und Ihn am Fels erwarten.
Glauka.
Ich geh' und pfleg' der Blumen still im Garten.
(Beide ab)
Milon. (zu seinen Brüdern)
Seht ihr? dort flattert ein Stück Segeltuch!
Kommt! Machen wir zu rufen den Versuch!
Melant.
Der Felsen liegt beynah in Himmels Schooß;
Der Adler ist von hier kaum Käfers groß;
Dort trägt er eine Schildkröt im Gehäuse,
Und sitzt in niedern Wolkenbettes Kreise;
Hinangeklettert sieht der Schiffersmann
Von hier so groß kaum wie sein Hut sich an;
Man hört nur ganz entfernt noch das Getöse
Der Welle, die den Kiesel murmelnd wäscht;
Und ob das Schiff die Anker lichtend löse:
Wir sehen's nicht: der Abendstrahl erlöscht
Im Meer; und wie von einer Nuß zwey Schalen:
So schwimmen Boot und Schiff, in Mondesstrahlen,
Milon.
Ey nun, es gilt ja den Versuch, nichts mehr: {163}
Vielleicht verschaffen wir uns doch Gehör.
(mit den Brüdern ab)
Archyt.
Indeß erzähl ich von der Sterne Bahnen,
Wie von der Dinge Ursprung euch mein Ahnen.
(mit Anaximander und Clitias ebenfalls ab)
Vierter Auftritt.
Platz vor der Werkstatt des Prometheus. Der Mond scheint herüber. Archyt, eine Pendel in der Hand. Um ihn herum Anaximander und Clitias. Alle drey sitzen unter einem grünen Eschbaum am
Felsufer.
Archyt.
So seht ihr, wie den Ursprung aller Ding'
Natur in Schwerkraft und in Licht empfing.
Doch warum weil ich noch in niedern Zonen?
Hinauf, mein Geist, zu höhern Regionen!
Was ist ein Punkt? was dieses Erdballs Lauf?
Hinauf, zu jenem Sternpol dort, hinauf!
Verweil', o holder Mond, verweil und höre,
Bis ich das ewige Gesetz erkläre,
Das still die Welt mit deinem Lichte tränkt,
Und unter dir des Meeres Fluthen lenkt;
Steht still, in euern goldnen Himmelssälen, {164}
Ihr Wanderer, steht still: ich will erzählen,
Auf wessen Wink das Chaos euch gebar:
Erhellt mein Lied, mit euerm milden Klar!
Nimm ab, nimm ab, o Nacht, die Schattenhülle
Und komm, mit deiner Schwester, heilger Stille,
Durchwaltend mein Gemüth mit sanfter Ruh;
Ich weiß, einst hört mein Leib euch beyden zu;
Doch dieser Geist, er spottet eurer Schranken:
Hinauf denn, schwingt hinauf zu ihm euch, ihr Gedanken!
Anaximander.
Vernimm, Archyt, wie, ohne Pendelschlag,
Geworden ist im Chaos Licht und Tag:
Natur stand auf des alten Unding's Zinne,
Und rief dem finstern Chaos zu: beginne!
Sie sprach: wo bist du Nacht? Die sagte: hie:
Da wandte sich Natur, und sagte: flieh!
Sie floh: mit Leben regte sich die Erde;
Zum todten Erdkloß drang der Allmacht Werde;
Der Hügel und das Vorgebirg' erstand,
Und Leviathan ward und Elephant;
Wie eine Insel liegt er da im Meere,
Und macht die Tiefe seicht, durch seine Schwere;
Unwillig rüttelt, aus der Erde Schooß,
Der stolze Leu den Schweif, die Mähne los; {165}
Sieh, flüchtiger Hindinnen Heerden streiften,
Und schüttelten den Staub von ihren Läuften;
Auf Seen und auf Flüssen trieb der Schwan,
Mit rothen Füßen, nur sein Fahrzeug an:
Drauf lehrt Sie Jedes seines Fang's Gesetze;
Dieß fischt, und dieß verstrickt die Beut' in Netze;
Ein andres harrt am Felsen angeschwemmt,
Bis ihm sein Raub aus Meerestiefe kömmt:
Mit Horn und Panzer, mit geschärfter Scheere,
Greift dieses an, setzt jenes sich zur Wehre;
Das eine lockt die Sonn' aus seinem Haus;
Das andre nur, der stille Mond heraus:
Im Menschen, dem Versuche der Versuche,
Verläßt der Bär den Wald, das Schwein die Buche,
Die Luft der Vogel, und den Fluß der Fisch,
Und alle setzen sich an einen Tisch;
Denn Waldes Schnäbel, wie des Feldes Rüssel,
Bringt friedlich hier Natur um eine Schüssel:
Sogar der Einfluß bleibt vom Blumenreich;
Es wächst sein Haar, ein grünendes Gesträuch;
Treibt Wurzeln; sprießt aufs Neue, abgeschnitten;
Vorn gab Natur zwey Füß’ ihm, zu zwey Tritten; {166}
Zwey Arm', an die sich manch Gelenke schließt,
So wie am Baume Zweig aus Zweig ersprießt;
Und wie sein Haupthaar: so das Horn an Händen
Beweist: Natur ihr Werk kann niemals enden:
Dieß ist die ewig rege Schöpfungs-Lust:
Dieß ist der Gott, den du verehren mußt.
Clitias.
Ihr Narr'n, und könnt ihr euch denn nie entbrechen,
Von Gott und von Natur und mir zu sprechen:
Vernehmt: ich bin das menschliche Geschlecht;
Ich bin das Weib, der Mann, der Herr, der Knecht;
Ich bin die Welt und Gott; ja, nöth’gen Falles,
Das menschliche Geschlecht, wie das Geschlecht des Stalles;
In jeglicher Minute tausend Mal
Erleid' ich, wie Geburt, so Todesfall;
Die Spinn' ist meine Muhm und Petz, der Bär, mein Vetter;
Herr Reinicke mein Ohm: – kurz, wir sind alle Götter;
Fuchs, Panther, Bär und Löw und Crocodill,
So anders Gott, das heißt, so ich es will.
Doch seht; dort ist Prometheus Werkstatt offen: {167}
Diels läßt vielleicht uns neuen Aufschluß hoffen:
Kommt, folgt mir nach! Eröffnet ist die Thür,
(treten herein)
Du staunst, Archyt?
Archyt.
Noch niemals war ich hier.
(Das Innere der Werkstatt. Man sieht im Hintergrunde Myrthenhöhen, zwischen denen sich ein ruhiges Gewässer hindurchschlängelt. Eine mit Rosen umhangene Wein- und Ephenlaube, davor die Statue der
Venus Urania, schließt die Aussicht.)
Archyt.
(sich voll Bewunderung umblickend)
Leben klopfend, athmend glühen
Rings am Piedestal Statüen,
Harrend auf die letzte Hand.
Clitias.
Nur die Fackel frisch entbrannt!
(tritt zu einem kleinen Herde, vor dem eine Fackel liegt, und auf dem, in den wunderlichsten Gestaltungen ein farbichtes Feuer brennt. Allerley Figuren von Pflanzen, Thieren, Steinen, Metallen u.
s. w. die sich in der auf- und niedersteigenden Flamme abbilden und wieder verschwinden, Clitias faßt die Fackel.)
Erklingen von Tönen, Stimmen.
Rühre nicht in diesem Feuer: {168}
Diebstahl kam Prometheus theuer;
Stahl das Himmelselement:
Rühre nicht; o Bock, es brennt!
Clitias. (zu Archyt)
Siehst du dort den Höllenhund?
Dreyfach ist beredt sein Mund:
Komm, am dreyfach offnen Rachen,
Laß uns den Versuch erst machen!
Stimmen.
Dringt, mit sinnverworrnen Worten,
Dringt nicht zu des Himmels Pforten:
Horcht den ew'gen Weltaccorden;
Aber flieht den Trug von Worten!
Clitias. (der auf den Cerberus zutritt)
Und ich will es doch vollführen;
Muthig mein Gelust regieren;
Ja ich will die Geister zwingen,
Mir ein Parzenlied zu singen.
(nimmt die Fackel und berührt ihn)
Wohl gelungen, wohl gerathen:
Seht, das Glück lacht kühnen Thaten:
Von des Himmels Licht bezwungen,
Von des Himmels Gluth durchdrungen,
Regt des Pluto Hund die Tatzen:
Seht, er gähnt – bald wird er Schwatzen. {169}
Fünfter Auftritt.
Die Vorigen. Cerberus, der mit drey Köpfen vom Piedestal niedersteigt. Nachher Mercur.
Cerberus. Erster Kopf, Dogmatismus.
Ich bin der Dogmatismus genannt,
Gar gräulich befeindet vom alten Kant;
Es möchte kein Hund so länger leben:
Drum bin ich dem Scepticismus ergeben,
Ob mir vielleicht, durch seinen Mund;
Kein neu Geheimniß würde kund;
Allein es geht mir nur toller von Hume,
Und immer toller im Kopf herum;
Denn wer die Ding' an sich nicht erkennt:
Der Kopf ob jedem Vorfall brennt:
Da sitzt wohl Einer und speist jetzunder,
Und meint, er verzehre Fleisch und Gemüs'
Vom selbst bezahlten Silberservize;
Doch schluckt er eigne Ideen herunter:
Ihm ist, wenn Gockelhähne singen,
Als hört er eine Glock’ erklingen;
Und wenn er ein Stück Zwiebel aß,
Als läs' er in Klopstocks Messias was; {170}
Der Oberon schmeckt ihm wie Koriander:
So geh'n die Ding' ihm untereinander;
Es sind ihm alle fünf Sinne verdächtig:
Ob weiß die Kerz' ihm brennt? ob nächtig?
Ob schwarz das Eisen? ob grün der Klee?
Ob flüssig das Wasser? ob weiß der Schnee?
Er könnt und könnt es nicht ergründen,
Und wollt er tausend Kerzen anzünden.
Und wie auch soll es anders seyn,
Da kein Stück Glocke, kein Stück Schein
Von außen kömmt in ihn hinein?
Da alles Idee nur ist im Kopf,
Rein abgezogen vom Kirchthurmknopf,
Rein abgezogen an sich vom Dinge,
Was draußen erschein auch, oder erklinge.
O goldne Popularphilosophie,
Dein's Gleichen sah ich auf Erden nie!
O edler Consensus Gentium,
Wo bist du hingewandert, durch Hume?
War kein Stück Fleisch doch, kein Stück Brot,
Woraus man sonst nicht schmeckte Gott;
Kein Trank, woraus man früh und spät
Erweisen des Höchsten Ehr nicht thät:
Gelärmt, getobt, gezankt und geraset:
Was hilft's? Excessit, erumpit, evasit, {171}
Was lehrten Katheder, mit großem Fleiß,
Der physicotheolog'sche Beweis!
Wenn A nicht wär', und wenn B nicht wär':
Wär C und wär' E auch nimmermehr:
Dergleichen Beweis' und gelehrte Brocken
Sind gut nun, den Hund vom Ofen zu locken!
O gebt an den Erkenntnißplatz
Mir einen tücht'gen Erfahrungssatz:
Mit Gold bezahlt' ich euch so ein Dictum,
Wie zum Beispiel: „Cacatum non est pictum;“
Wodurch man „quod duo eadem
Non dantur“ im Kopf hat, ohne System. –
Weiß jedes Weib, das wäscht am Faß,
Doch, „wasch mir den Pelz, und mach ihnnicht naß!"
So kennt's, und schiert sich wenig drum,
's Principium Indiscernibilium.
„Wo kein Geld, keine Musikanten,“
Das wissen, wie Strumpfwirker, so Fabrikanten,
Und tragen in ihrem Kopf so gratis
's ganze Principium causalitatis.
Mir – setzt sich eine Flieg' auf die Nas',
Und frag' ich wißbegierig: was
Von ihrem Setzen die Ursach sey?
Erwiedern sogleich sie, mit großem Geschrey: {172}
So wie der Kopf die Nas' gesetzt:
So setz' die Nas' die Fliege jetzt;
Sey jedes ein Individuum;
So setz' der Bär der Biene Gesumm;
Der Wolf das Lamm; der Jäger die Sau;
Das Weib das Kind und der Mann die Frau:
So läugnen sie mir den Sensus communis:
Da schlage drein doch der Dey zu Tunis!
Oft kömmt's, zu Tripeln und zu Quadrupeln,
Mir aufgestiegen im Kopf von Scrupeln:
Da ist mir die Henn ein Gerstenkorn;
Weiß weder, was hinten ist, noch, was vorn;
Kann weder von Kopf, noch Schwanz, noch beiden
Dupliken-Köpfen mich hier unterscheiden! –
Zuweilen wohl bringt es mir Behagen,
Mich zum Eklekticismus zu schlagen:
Ich nehm' zwey Köpf – drey Ohren an –
Eine Schnauze – was man glauben kann: –
So was nur gehn mag, und bestehen,
Und was auch Weltleut' eingesehen;
Z. B. Marcus Cicero:
Allein da nennen sie mich einen Badaud;
Das wurmt mir denn gewaltig im Kopf:
Ich krieg mich selber ergrimmt bey'm Schopf: {173}
Was, du 'n Badaud? du 'n Maulaff' nur?
So ein Pipi, pour faire l'amour?
So'ne „Petite Menotte, sautez encor!“
Zur Mess' und vor'm Jahrmarktsthor?
So wollt ich, es schlüge mir Einer jetzunder
Die andern beiden Köpf' herunter,
Glatt weg vom Rumpf: so kriegt ich mit dem
Doch Einheit in meinem Denksystem!
Denn mit drey Köpfen ich sagen kann,
Wie schwer Ein'm kömmt das Denken an.
(heult)
2 Kopf, Spinozismus.
Was heulst du, Memme, Ahi! Ahi!
Nun trifft dich, was du verwirkt am Genie!
In deiner höllischen Camera
Obscura da unten, wo niemand dich sah;
In Plutos altem Hundehaus',
Wo Flöh' du brütest zu Tausenden aus:
Da war'st doch niemals zu bellen müssig;
War keiner von uns, wie du, so bissig;
Verführtest ein so verwünscht Gebell,
Daß es herauf vom Cocytus hell
Erscholl, bis zum Ufer der Spree und der Oder:
Willt'n Rachen halten, Canaill'? oder
Ich schlag' dir die Zähn' ein – kusch! {174}
3 Kopf, Idealismus.
(der den 2ten vertraulich auf die Seite nimmt)
Jacob!
2 Kopf, Spinozismus.
Was beliebt?
3 Kopf, Idealismus.
Mach's auch nicht allzugrob!
Denn ist's der Philosophen auch Keiner:
Ist's stets ein Hund doch, wie Unsereiner.
(laut)
Ich, Dogmatismus, an deinem Platz,
Erwählte mir einen Glaubenssatz:
Mit einem tüchtigen Postulat
Ein Fundament das Wissen hat.
1. Kopf, Dogmatismus.
Da liegt ja eben der Has' im Pfeffer:
Hol' euch der Henker, ihr Aeffer und Kläffer!
Vermaledeyt, ihr kritischen Hunde!
Legt da mir Postulate zum Grunde!
Schneid' einer aus solchem Rohr mir Pfeifen!
Ich will ja nicht glauben: ich will begreifen.
Z. B. sag' mir einer ein Mal:
Ist Eins eine Zahl, und Drey eine Zahl:
Wie meine drey Köpf' hier eins seyn können?
Das will ich nicht glauben; das will ich erkennen. {175}
2. Kopf, Spinozismus.
Wie ist es möglich, armer Tropf,
So wenig wurmt dir schon im Kopf?
Daß Eins zugleich auch Drey seyn kann,
Das Bischen Glauben ficht dich an?
Im Gegentheil, was mich verwundert,
Ist, daß es nicht Tausend ist, und nicht Hundert!
Du bist, vom Kopfe bis zur Pfot',
Bey Licht besehn, ja nichts als Gott:
So wirkt des mächt'gen Donners Knall
Im Baß, Discant und im Conzertsaal,
Gleich wie in deines Leib's Canal;
Ein Theil derselben Weltsubstanz
Webt Mücken- und Planetentanz;
Doch du, Modification,
Erkennst gar wenig nur davon:
Bist zum Krystall jetzt angeschossen;
Mußt jetzt, als Stier, mit Hörnern stoßen;
Und bellst ein ander Mal, am Kahn
Von Charon, unten die Seelen an:
So wirkst, dir selber unbewußt,
Zu Freud' und Leid du was du mußt:
Was heut' an's schwarze Bret schlägt Thesen:
Frißt morgen Menschen im Irokesen; {176}
Was singt Bardalen im Klopstock kühn:
Schreibt morgen: „Er und über Ihn.“
Du meinst, das, was du thust, bist du?
Narr, du stehst hinten nur, und siehst zu:
Ein andrer schrieb die Messiade;
Und commentirt im Professor Schade:
Was hinter'm Stuhl das Zusehn hat,
Ist, was ihr Klopstock nennt und Schad'.
3. Kopf, Idealismus.
Du wirst so hohe Siebensachen
Noch lang' ihm nicht begreiflich machen:
Specifisches Gewicht und Last
Ist, was ein Kopf, wie der, nur faßt;
Es muß ihm alles seyn gar klar,
Verwandelt in klingende Münze gar:
Deß will ich nächstens ihn überführen,
Ihn aus sich selbst ihm construiren,
Damit er aus seinem Ich ermißt,
Was für ein armer Tropf er ist.
2 Kopf, Spinozismus.
Thu' das! Verdienst'n Gotteslohn!
Nun weiter in unserer Conclusion!
1. Kopf, Dogmatismus.
Mit euern verwünschten Raisonnement!
Sagt mir nur, währt das Ding noch lang‘? {177}
3. Kopf, Idealismus.
Und immer gründlich, und immer schön,
Und niemals wird's zu Ende gehn!
1. Kopf, Dogmatismus.
O weh mir, wie meine drey Köpf' mir schwindeln,
Wie's drinn mir 'rumgeht, wie hundert Spindeln!
2. Kopf, Spinozismus.
Da ist kein Rath, als mußt dich ganz
Vergessen in ew'ger Weltsubstanz;
Dein armes Ich, wie die Person,
In Gott – die Modification.
3. Kopf, Idealismus.
Halt ein! Was räthst du ihm vermessen,
Sein Ich im Nicht-Ich zu vergessen?
Nein! halten muß er jenes fest;
Dann aus sich selbst erschaffen den Rest:
Denn so hab' ich es angefangen,
Um zum Bewußtseyn zu gelangen.
2. Kopf, Spinozismus.
Hast so der Dinge Lauf verkehrt?
3. Kopf, Idealismus.
Nicht im geringsten, Brüder, hört!
Sechs Tausend Jahre sind's, daß ich, mit Mensch und Affen, {178}
Mit Thier und Pflanzen, diese Welt erschaffen,
Wenn ich die Wahrheit rein gestehen soll,
Besinn' ich deß mich zwar nicht allzuwohl;
Doch hat es damit seine Richtigkeit,
Und der Beweis ist eben, daß ihr seyd: –
Wer sonst, als Ich auch, hätt' euch setzen können?
Ich nur ist Ich, und schaffen heißt erkennen! –
So hab' ich unten, in der alten Nacht,
Aeonen nun bereits gedacht – gedacht!
Was hab' ich nicht gemacht? was werd' ich nicht noch machen? –
Der Höllenfluß – Mercur – die Todten – Charons Nachen –
Auch die zwey Köpfe da auf euerm Rumpf
Sind gleichfalls meines Denksystems Triumph;
Denn dieß, nur ist die Mutter aller Dinge:
Ich war's, der dem Saturn einst seine Ringe,
Der zu dem Monde seine Strahlen wog;
Und was am Acheron vorüberzog,
Der Schatten Ciceros – und Alexander,
Und Scipio: ich schuf sie alle mit einander;
Nur sann ich mir ein schlechtes Schicksal aus:
Denn ich erwählte mir des Pluto Hunde Haus. {179}
2. Kopf, Spinozismus.
Das war nicht wohlgethan, wie ich bemerke,
Vom Herrn und Meister der sechs Tagewerke;
Der's „werde Licht!“ am ersten Tage sprach:
Kriecht ein am sechsten unter's Hundedach!
Pfui! Cerberus, das war brutal gehandelt!
3. Kopf, Idealismus.
Was hilft's? Die Laun' ist mir nun ein Mal angewandelt:
So ist's, mein Freund, das Nicht-Ich ist bedingt:
Im Ich nur rein die Schöpfungskraft erklingt.
2. Kopf, Spinozismus.
Dir scheint, wie Schaffen, Denken eins zu seyn,
Und doch ist jen's nur Wahrheit; dieses Schein:
Ein Spiel mit Formen, die kein Seyn erreichten,
Sonst nichts ist des Gedankens Wetterleuchten.
3. Kopf, Idealismus.
Du irrst. Es deckt, ein Blitz, der Schöpfung Abgrund auf:
Materie ist nichts, als Schutt und Hauf',
Umnebelnd Licht und ewige Himmelsgluth:
Gesättigt' kehrt nur, wer in Gott geruht.
2. Kopf, Spinozismus.
So wagst du's, die Natur mir abzuläugnen? {180}
3. Kopf, Idealismus.
Und du, mein eignes Ich dir anzueignen?
2. Kopf, Spinozismus.
Rein, im Bewußtseyn, ewig ungetrennt,
Ist, wie des Ichs, des Nicht-Ichs Element.
3. Kopf, Idealismus.
(trotzig)
Ich trenn's!
2. Kopf, Spinozismus.
Wie wirst du dieß bewirken können?
3. Kopf, Idealismus.
Ich setz' es.
2. Kopf, Spinozismus.
Gut! das heißt: du willst es trennen:
Dieselbe Freyheit wirst du mir vergönnen!
So setz' ich auch, und setze die Natur.
3. Kopf, Idealismus.
Der Mißverstand liegt hier in Worten nur:
Zum Beispiel, siehst du jenen Floh?
1. Kopf, Dogmatismus.
(hitzig)
Ein Floh? wo ist die Bestie? Sagt mir! Wo!
Nur gleich gegriffen, gleich gefaßt!
Denn ich crepir vor Flöhen fast. {181}
2. Kopf, Spinozismus.
So geschwinde kömmst du nicht davon:
Hör aus erst die Demonstration!
Der Flohstich verursacht dir ein Jücken,
Und ein Gelusten dem Nagel zum Knicken:
Nun ist die Frag' hier die: gebt Acht!
Ob der Nagel den Floh, oder der Floh den Nagel macht?
3. Kopf. Idealismus.
Ich sag', es macht den Nagel der Floh.
2. Kopf, Spinozismus.
Ich aber läugne, daß diesem so;
Denn da der Nagel den Floh zerknickt:
So wär' ihm sein Machwerk schlecht geglückt.
3. Kopf, Idealismus.
Das thut im Grunde hier nichts zur Sache;
Gesetzt, daß der Floh den Nagel auch mache:
Ist immer doch es nur ein Gott,
Im Floh, so wie in der Hundepfot:
Bey dir erschlägt den Vater der Sohn:
Bey mir den Sohn der Vater im Floh'n.
2. Kopf, Spinozismu's.
Hast Recht!' s ist eitel Modification,
Von Floh’n zu Gott, und von Gott zu'n Floh'n. {182}
1. Kopf, Dogmatismus.
Ich will des Henkers seyn, wenn ich's verständ':
Macht's mit dem Raisonniren ein End',
Und gebt mir den Floh, sonst schrey' ich Zeter:
Der Fleck vom Flohstich wird stets röther,
Indeß ihr demonstrirt ihn zum Gott:
Schlagt ihn todt, schlagt ihn todt, schlagt ihn todt!
3. Kopf, Idealismus.
Seh eins den ungeschlachten Gesellen,
Wie ungebehrdig er sich mag stellen!
O du brutalster Cerberus!
Da hat er ihn richtig erwischt bey'm Fuß,
Und jetzo ist es ihm damit geglückt,
Daß er mit dem Nagel zu todt ihn geknickt.
1. Kopf, Dogmatismus.
Nun grübelt nur fort! Er hat den Rest,
Und das ist bey der Sache das Best'.
3. Kopf, Idealismus.
Wie schwer die Schöpfung war einst zu vollbringen,
Wie mit Materie sie zwang den Geist zu ringen:
Das stellt sich dir nun, hell und klar,
An diesem neuen Beyspiel dar,
Geliebtester, zweyköpfiger Gefährte; {183}
Von Jenem thu' ich nicht, ob er zu uns gehörte,
Und wird er weiter nicht von uns gesetzt:
So hört sein Daseyn auf wohl gar zuletzt.
2. Kopf, Spinozismus.
So wohl gegrübelt, wohlgespeculirt,
Hat uns der Zweifel eines Weg's geführt.
3. Kopf, Idealismus.
So wohlgethan, so oft und viel bedacht,
Hab' ich die Welt, wie dich die Welt gemacht;
Wie du verkörpert Geist zum Material:
Hat Stoff verklärt zu Geist mein Ideal;.
Wie du Product dir bist, mit Mond und Sonnen:
Sind aus Ideen sie bey mir geronnen;
Dir, Freund, ist jede Schildkröt Gott,
Ein Stück Materie, wie die zehn Gebot',
Und die Gedanken weiß tingirt und roth:
Eins ist dir Schiffspatron und Takelage,
Koch, Suppenlöffel, Gastwirth und Potage;
Idee, was Tischtuch und was Teller mir vertritt;
Idee, worauf, statt Pferd, der Reiter ritt;
Idee, statt Haber; frißts im Stall mir profitabel;
Idee, woraus erbaut einst ward der Thurm zu Babel;
Idee, was führt Aegyptens Volk heraus;
Idee, die Zaubrer Pharos und – die Laus; {184}
Idee, was Nicht-Ich setzt und Weltsubstanz:
Wie du ein Theil von Gott, bin ich es ganz:
So laß' ich kühn den Sturm der Schöpfung toben,
Und schwebe mit lebendgen Winden droben;
Und wenn das Lebensschifflein mürb' zerfällt,
Bau' ich aus Geist mir eine neue Welt.
2. Kopf, Spinozismus.
Ich denke, wir sind ziemlich einig.
3. Kopf, Idealismus.
So gehen wir zusammen, mein' ich.
2. Kopf, Spinozismus.
Hier ist ein Scheideweg an Sphinx.
1. Kopf, Dogmatismus.
Ich gehe rechts.
3. Kopf, Idealismus.
Und ich geh' links.
1. Kopf, Dogmatismus.
So werden wir uns wohl müssen trennen!
Eu'r Diener! Will alles Gut's euch gönnen:
Lebt wohl, ihr Herren!
2. Kopf, Spinozismus.
(kalt)
Servitör! {185}
1. Kopf, Dogmatismus.
(wehmüthig)
Wir sehn uns schwerlich auf Erden mehr.
2. Kopf, Spinozismus.
Ey nun, wer weiß auch, wie's noch kömmt!
1. Kopf, Dogmatismus.
Weiß nicht, was mir das Herz so beklemmt:
Geh', lieber Spinozismus, mit mir.
2. Kopf, Spinozismus.
Mag gar nichts weiter verkehren mit dir:
Hast deinen Vater im Floh'n erschlagen:
Dein Umgang bringt mir wenig Behagen.
1. Kopf, Dogmatismus.
So komm du mit, lieber Idealism!
3. Kopf, Idealismus.
Nein, allererbärmlichster Dogmatism!
Mit diesem in Zukunft zusammen hier treibt
Mich Einheit im Denksystem!
1. Kopf, Dogmatismus.
Was bleibt
Mir mit meinem Kopf denn übrig, ihr Denker?
3. Kopf, Idealismus.
Der Zweifel! {186}
1. Kopf, Dogmatismus.
So geht denn, und hol' euch der Henker!
(will fort, kann aber nicht)
Was hältst du, spinozistisches Thier,
Mir meine Vorderfüße hier?
Und du, muß dich der Henker plagen,
Mir rein den Vortritt zu versagen?
Du, Idealismus, geh' doch gerad!
Und du, Spinozismus, halt dich sedat!
Was zerrt ihr, als ob ein Krebs ich wär',
Mich lang und breit und kreuz und quer?
3. Kopf, Idealismus.
Wir gehen Beid', um Glauben zu finden:
Willst du nicht mit, so bleib dahinten!
1. hopf, Dogmatismus.
Hört, sag' ich, auf mit solchen Practiken!
Clitias.
Die reißen ihm noch das Gad in Stücken.
Anaximander.
Sie zerren ihn nolens volens mit.
Clitias.
Komm, folgen wir ihm, mit bedächt'gem Schritt. {187}
Sechster Auftritt.
Mercur. (indern er ihnen nachsieht )
Seht euer leibhaft Ebenbild!
Das ist die Weisheit, welche gilt,.
Die auf den Märkten wird erhoben,
Und welche alle Meister loben:
So naseführ‘ ich immerdar
Sie nun schon die sechstausend Jahr,
Und so auch will ich, nach Gebühren,
Sie noch sechstausend naseführen;
Ja trennt nur, was Natur nie trennt,
Gott, Seel und Leib, Geist, Elemennt:
Im abgezogensten Gedanken
Sucht Gott – und findet nichts, als Schranken!
Archyt.
Wo aber find' ich sonst den Gott?
Mercur.
Wo Lieb' enthüllt ihr Abendroth;
Wo um den alten Erdball läuft die Kette;
Wo Jung' umscherzen zücht'ger Mutter Bette;
Wo Blumen sprossen aus demselben Leib;
Wo Eins aus Zwey erschafft Natur, in Mann und Weib; {188}
Ein Eins, das sehnend fest im Arm sich hält,
Bis es auf's Neu in reger Zahl zerfällt:
Hier, wie in Sonnenlicht's gebrochnen Strahlen,
Erblick den Gott, in Weib, Natur und Zahlen.
(entfernt sich)
Siebenter Auftritt.
Archyt.
(der in tiefsinniger Betrachtung auf und niedergegangen, und endlich vor der Statue einer Urania stehen bleibt)
Was hilft mir all mein Wissenskramen?
Was aller Stern und Pflanzen Namen?
Meines Herzens Angst, meines Herzens Pein
Kann keiner Weisheit Lindrung seyn!
Nur Deinesgleichen, himmlisch Bild,
Ist, was meine tiefe Sehnsucht stillt;
In deinem holden Angesicht
Ist, was meines Herzens Gram mir bricht;
In deinen holden Aeuglein klar
Ist, was mich tröstet ganz und gar;
An deinen Lippen, an deinem Mund,
Ich fühl’ es, würd’ ich wohl gesund!
(schlingt seinen Arm um sie)
O könnt ich, Arm in Arm dir hängend, {189}
Meine Seel' in dein' hinüber drängend,
Deiner Tön' und Reden Zauberfluß
Vernehmen und trinken deinen Kuß!
Was seh' ich, Götter? – Süßer Schmerz!
Es blickt ihr Aug', es pocht ihr Herz,
Und hebt, in sichtbar warmen Schlägen,
Dem meinen athmend sich entgegen:
Und wie von süßer Erdbeerfrucht:
So wird mein Mund von Durst versucht;
Ich muß, und kostet's mir das Leben,
Ihr Küsse nehmen und ihr Küsse geben! –
– – – Verwegner, was hast du gethan?:
Daß du, in liebetrunknem Wahn,
Umschlingest einen Götterleib?
Ist dieß für irdische Begier ein Weib? – –
Fort, fort, daß dir von ihrer Stirne
Kein Götterstrahl Verderben zürne!
Und du, Hespers goldne Fackel,
Stiller Abendglanz entglimme;
Schwimme nieder, Luna, schwimme!
All‘ ihr himmlischen Gestirne
Leuchtet, mit vereinter Stärke,
Meinem schönsten Abendwerke,
Das ich zitternd unternahm;
Und du, holde Ros' und Traube, {190}
Ihr verbergt, in stiller Laube,
Meine Blödigkeit und Scham!
Achter Auftritt.
Urania. (indem sie die Augen aufschlägt)
Wo bin ich? – Wo war ich vorhin? – Diese Stimme,
Die ich hier vernahm:
Wo ist sie? Wer sagt mir, woher sie kam?
Nicht immer sah ich diesen Tag;
Nicht immer fühlt' ich dieses Herzens Schlag,
Und lebt und athmete, in Licht und Dufte:
– War hier nicht Jemand, der mich rufte?
Wo ist er, wo,
Durch dessen Rufen ich dem Nichts entfloh?
(inden sie den Mond, der; ihr zu Haupten aufgegangen, plötzlich seine Strahlen, auf sie herab wirft, gewahr wird)
Bist du es, mit deinem stillen Schein,
Da droben, der, zum freundlichen Seyn,
Mich von dem tiefen Schlaf erweckte,
Der so lang' mein Auge bedeckte?
Wie nenn' ich dich? – Mond! –
Und ihr zur Seit ihm, in jener Ferne:
Wie nenn' ich euch andre? – Holde Sterne! – {191}
Holde Sterne, holder Mond,
Und du Baum, und du, o Fluß,
Rauschend unter meinem Fuß:
Wunder, die mein Auge nie entdeckte:
War es euer Rauschen, das mich weckte? – –
– Wie? Oder ist Alles um mich –
Unter mir – über mich –
Alles nur – Ich?
Und euer Glanz,
Bin ich es ganz?
(sich aufrichtend)
Ha, wie groß, wie groß bin Ich!
(sie berührt eine ihr zu Haupten herabhangende Myrthendecke; ihre Augen schließen sich unwillkührlich)
Doch warum verlaßt ihr plötzlich mich?
Wehe, wehe!
Ich vergehe!
Kaum geboren,
Wieder verloren,
Hüllt von Neu'n
Die Nacht mich ein.
(noch immer mit geschlossenen Augen, aber beruhigter)
Nein, nein! –
Mir nah, ganz nah
Sind die Sterne, die vorhin ich sah; {192}
Ein neuer Mond,
Der in mir wohnt!
(indem sie die Augen wechselsweise schließt und sie wieder eröffnet)
Süße Lust,
In tiefster Brust,
Der Sterne Schwinden,
Den Mond zu finden,
So oft ich will:
Still, still!
(indem sie die Augen aufschlägt, und ihn hinter einem Gewölk auf's Neue gewahr wird)
Da bist du wieder – ich kenne dich,
Stiller, holder, freundlicher Schein: –
Ja, du bist mein!
(sie streckt ihre Arme aus. Ihre Füße gleiten vom Piedestal. Sie thut erschrocken einige Schritte vorwärts)
Wie ist mir? – Ich fliehe –
Mir zittern die Kniee –
Es weichen – es wanken –
Es zittern – es schwanken,
Vor meinem Blick,
Der Fluß, der Baum und die Sterne zurück! – –
(in einiger Entfernung still stehend, und sich nach den verlassenen Gegenständen umblickend)
So seyd ihr nicht mein? {193}
So bin ich mein Seyn,
Vom euern entsprungen,
Zu trennen gezwungen?
(Mondwärts)
Jene sind fort;
Doch du bist dort,
Und ich bin hier:
Zu dir, zu dir,
Bergab, bergauf!
(ersteigt einen Hügel am Fluß)
(traurig) Ich kann nicht herauf,
Du kannst nicht herab;
Ich kann dich nicht fassen:
So bin ich verlassen:
So bin ich allein!
(eine Nachtigall schlägt im Myrthengebüsche)
Urania.
Endlich, endlich eine Stimme,
Die erklingt, in Baumes Gipfel:
Singe, Singe
Wieder sie mir wach die süße Pein! –
– – Nein, nein,
Schweige, schweige,
Wecke mir sie nicht von deinem Zweige!
(Die Nachtigall schlägt wieder.) {194}
Urania.
Süß Erinnern,
In meinem Innern
Tief aufgeregt:
Wie mein armes Herz mir schlägt!
Stimme, süße Stimm', aus jener Hecke,
Sag, wo bist du? daß ich dich entdecke.
(indem sie ihr eigenes Bild unten im Fluß gewahr wird)
Ha, bist du es, holde Lichtgestalt,
Die im Fluß hier unten wallt?
Nimmt hier ein zweyter Himmel mich auf?
Halten ihren ruhigen Lauf,
Wie dort oben in der Ferne,
So hier unten neue Sterne?
Zitternd Bild, von Wellen getragen,
Nickst mir traulich; scheinst zu sagen:
Schwester, warum kommst du nicht?
Unten wohnend hier mit mir im Licht?
Holde Schwester, ich komm, ich komm!
(will sich, mit ausgebreiteten Armen, in den Fluß stürzen)
Stimme vom Felsen,
Entflieh, entflieh von diesem Gestade:
Dich warnet des Felsens, des Quelles Najade.
Urania. (erschrocken)
Weh mir! – Im Bach {195}
Geht eine fremde Gestalt mir nach;
Eine andre, drohend feindlich,
Steiget schwarz vom Felsen auf,
Nimmt vor mir in's Feld den Lauf,
Folgt mir nach, auf Tritt und Schritte:
Da ist sie wieder!
Mir zittern die Glieder
Wie heißt du?
Stimme.
Schatten!
Neunter Auftritt.
Stimme (seitwärts her von der Laube)
Mußt dich vor dem bösen Schatten flüchten:
Komm zur Laube hier mit Sommerfrüchten;
Rufen, Schwester, Blume dir und Traube:
Flüchte dich zur stillen Sommerlaube:
Lagʻre dich in unserm Blumenschooße!
Urania.
(in stiller Betrachtung vor der Laube)
Blume, süße Blum', wie heißt du?
Blume.
Rose. {196}
Urania. (berührt sie)
Laß mich trinken deinen Wohlgeruch!
Rose.
Pflück' mich, hättest nimmer sonst genug!
Traube.
Pflück auch mich, die zweyte Schwester, Traube:
Reift mein Nektar an der Sonn', im Laube.
Urania.
Ja, mir will das Aug' ermattend sinken;
Muß auch deinen Nektar in mich trinken.
Traube.
Mußt den Wohlgeruch der Rose pflücken;
Doch der Traube Nektar in dich drücken.
Urania.
Welch ein Zittern, das ich in mir spüre,
Holde Traube, wenn ich dich berühre?
Traube.
Komm, mich in dein Inner's zu ergießen,
Ueberströmend ganz dich zu durchfließen.
Urania.
Brennend heiße Sehnsucht will mich fassen:
(indem sie die Traube an ihren Mund bringt)
So durchrinn' mein Inner's, süß zerlassen!
Quille, quille;
Ström' erquickend süße Fülle; {197}
Meine brennend heiße Sehnsucht stille!
Was mein Inner's mir mit Durst verzehrt;
Wird ihm endlich Labung hier gewährt? -
Aber wer, durch Nacht und Ruh,
Kommt mit neuem Fußtritt auf mich zu?
Stimmen.
Blume, Blume, süße Schwester!
Von der Traub' und von der Rose,
Süß vernimm von deinem Loose!
Ros' und Traube: laß von beiden
Dir dein Lieb’sgeschick bedeuten!
Blume, Blume, süße Schwester!
Mußt nun auch, aus deinem Schooße,
Wie die Traub' und wie die Rose,
Süßverborgenes enthüllen,
Thun nach heilgen Schicksals Willen!
Blühtest, so wie wir, auf Erden:
Mußt wie wir gepflückt auch werden!
(indem sie Archyt, der, von dem Monde angestrahlt, plötzlich aus der Laube hervortritt, gewahr wird)
Wer bist du?
Bist du Urania
Von deinem Hügel niedergekommen?
Hast deinen Strahlenkranz abgenommen,
Welchen glänzend deine Scheitel trug? {198}
Du siehest mich an – du sprichst kein Wort –
Du fassest mich an – du ziehst mich fort. –
Mir strömt in die Adern, aus deinen Händen,
Aus deinem Druck,
Ein plötzliches Feuer: wohin mich wenden?
Genug, genug!
(öffnet die Arme; Archyt sinkt in die ihrigen)
Zehnter Auftritt.
Tiefer Abend. Corinna sitzt am Felsufer.
Corinna,
Holder, freundlicher Abendstern,
In der blauen Himmelsfern',
Alles, alles bringest du:
Bringest uns das Gold der Bäche;
Bringst uns liebetrauliche Gespräche;
Bringst der Nachtigall ein Liedchen zu:
Bring', o bring' auch meinem Herzen Ruh!
–––
Als ich vorhin, im finstern Fichtenkranze,
Am Felsenufer einsam saß allein,
Wo wölbend sich, im regen Wogentanze,
Die Bucht des Meeres enger schließet ein: {199}
Da glänzt es plötzlich, wie vom Abendglanze;
Da naht es mir, im stillen Sternenschein:
Von Wolkenlicht erschien es, wie getragen,
Und plötzlich mußt‘ ein Tag am Felsen tagen. –
–––
Doch bald auch sah ich's wiederum verschwinden:
Ich hörte deiner Stimme Klang nicht mehr,
Und dunkel lief, in Thalen und in Gründen,
Der Nacht ihr schwarzer Schatten hinterher;
Ich mußte mich am Fels verlassen finden,
Und mich umfing ein endlos brausend Meer,
Das meine Klage nun, die nimmer endet,
Von einem Ufer dumpf zum andern sendet.
–––
Es bricht im Windstoß sich des Ufers Welle;
Der Sturmwind ruft; der Gießstrom stürzt und Bach;
In meine Trauer klingt die Felsenstelle;
Die Welle seufzt; der Wiederhall wird wach:
O Wind und Welle, bringt, mit Blitzes Schnelle,
Ihm meine Seufzer, meine Thränen nach! –
Sie hören nicht auf meines Herzens Schläge:
Sie rinnen und sie rauschen ihre Wege.
––– {200}
Dort unten seh' ich Meer und Land verkehren,
Vertraulich, wie in Sternen-Gegenwart;
Dort fallen Schiff aus Wolken; wie in Meeren,
So halten sie im Aether ihre Fahrt;
Mich dünkt die Stimmen Schiffender zu hören,
Und wie ihr Ankerseil im Winde knarrt;
Wohnst du vielleicht in diesem Abendrothe:
So schiff, o schiff zurück mit deinem Boote!
–––
Was seh' ich? Plötzlich zeigt dem Auge wieder
Ein Licht sich an dem Felsen, wie vorhin:
Du bist es' – ja du steigst aus Wolken nieder,
Du bists's, mein Richmont, täuscht mich nicht mein Sinn.
O Hesper, bringst mir den Geliebten wieder:
Kaum hält mich Freude aufrecht auf den Knien;
Kömmst, holden Abendwunsch mir zu vollbringen:
Schon hör ich des Geliebten Stimm' erklingen.
(Der Acrostat zeigt sich in den Wolken.)
Corinna.
(Unruhig ab und auf am Ufer)
Verwegene, und fürchtet ihr nicht
Oben Selenens leuchtendes Licht,
Unten das dunkel fluthende Meer? {201}
Stimmen der Aeronauten in Wolken.
Ohne Steuer und Compaß daher,
Ohne Wagen und ohne Rad,
Durchgleiten wir ftüssiger Lüfte Pfad:
Stiller wird es um uns herum,
In unermeßlicher Aetherwüste;
Fern im Nebel, verdämmert und stumm,
Liegt die verlorene Menschenküste;
Still der farbigen Flagge Geräusch;
Knarrt das Tauwerk nur von Weiten,
Und der Aar, mit hellem Gekreisch,
Kommt, uns auf unsrer Fahrt zu begleiten: –
Schwer arbeitenden Flügelschlag's
Schwingt er, bey eisigem Sturm und Regen,
So wie wir, dem Gotte des Tag's,
Sich im Wolkengebiet entgegen.
(Der Aerostat senkt sich.)
Eilfter Auftritt.
Corinna (die mit freudigem Erstaunen auf Richmont zueilt)
Ist's Täuschung, Schein?
Richmont (der sie in seine Arme schließt)
Nein, nein! {202}
Ich komm', um nie mich mehr von dir zu trennen.
Corinna.
O fühle, fühl', wie meine Wangen brennen!
(indem sie sich von ihm losreißt)
Wo seyd ihr, Brüder – Schwester – Clitias –
Anaximander – Lysis? – Laß mich, laß,
O mein Geliebter, mich zu ihnen eilen,
Die freud'ge Nachricht allen mitzutheilen!
(indem sie ihn mit sich fortzieht)
Zwölfter Auftritt.
Werkstatt des! Prometheus. Seitwärts Myrthen- und Rosenlaube; darin Archyt, der Urania auf seinem Schooße hält.
Archyt.
Dieser Zustand, der dich traf,
Holdes Kind, es ist der Schlaf:
Mit dem Traum hält er fünf Stunden
Oft des Menschen Sinn gebunden:
Schlaf, des sanften Todes Bruder,
Gibt uns in die Hand ein Ruder;
Läßt uns schiffen; läßt uns bauen;
Uns dem Weltmeer anvertrauen: {203}
Morgenlichtes Strahl im Blau
Aber stürzt den luft'gen Bau
Beym Erwachen: doch erzähle
Deinen Traum mir, holde Seele!
Urania.
Als ich vorhin, dir im Schoolse
Saß, Geliebter, in der Laube,
Und die Rose und die Traube,
Die im Mondlicht mich umhingen,
Sanft verdämmert, wie vergingen:
Fühlť ich andre Wesen nahen,
Die aus Wolken zu mir kamen,
Und die bey der Hand mich nahmen;
Und du warest mit darunter:
Doch dein Auge, wie jetzunder,
Blickte nicht so freundlich munter;
Gingest ernst und stolzen Schrittes;
Und ein unbekanntes Drittes
Drang sich durch den Schwarm der Leute;
Hing sich hold an uns're Seite;
Und sein erster Blick entbrannte
Mir das Herz; denn ich erkannte,
Wie zum lieblichsten Betruge,
Still dein Bild in jedem Zuge:
Und ich nahm es auf die Arme; {204}
Bat darauf, mit stiller Bitte,
Dich, zu kürzen deine Schritte,
Daß, mit meiner holden Bürde,
Mir der Weg zu schwer nicht würde;
Doch vergebens flehť ich Arme:
Wandtest dich von unserm Kusse;
Wie dein Schatten – ging im Flusse
Kalt dein Bild an uns vorüber;
War der Männer Thun dir lieber,
Die mit Waffen wild entbrannten;
Heftig an einander rannten;
Durfte dir mich nicht mehr nahen:
Da dieß meine Augen sahen,
Und ich mich verlassen glaubte:
Hub, mit aufgestütztem Haupte,
Ich im Schlafe; mit dem Kleinen,
Laut und bitter an zu weinen:
Bis du freundlich mich erwecktest,
Und mir den Betrug entdecktest,
In des holden Schlafes Land,
Welcher meine Sinne band: –
– Doch wer naht? –
Archyt.
Es sind die Brüder;
Führt Mercur, der Gott, sie nieder, {205}
Der dich schenkte meinem Kuß;
Günst’ges bringt des Schicksals Schluß.
Dreyzehnter Auftritt.
Mercur, der mit Richmont, Corinnen, Lysis, Milon und den Uebrigen, ohne Anaximander und Clitias, auftritt.
Mercur. (zu Archyt)
Ja, Archyt, dir bringt die Stunde
Neues Glück zum Liebesbunde:
Auf verborgnem Felsenpfad,
Komm mit mir zu Aeols Stadt,
Wo den Vater, grambezwungen,
Parzenlied zur Ruh' gesungen.
(mit Archyt, Urania und den Uebrigen, durch eine verborgene Felsöffnung, ab)
Ende des vierten Aufzugs. {206}
Fünfter Aufzug
Erster Auftritt.
Eine ungeheure, wild verwachsene Felsgegend; dazwischen, romantisch gelegen, die Wohnung des Aeolus.
Prometheus.
(der auf einem zwischen Gebüsch und Klippen gewundenen Fußpfad herauftritt )
„Und borgtest du vom Vogel das Gefieder:
Prometheus, dennoch sähen wir Uns wieder!“
Noch immer dringt zu meinem Ohr
Die alte Drohung wieder vor;
Doch leicht soll's ihnen nicht gelingen,
Zu meinem Aufenthalt zu dringen.
Hier ist die Wohnung des Aeolus:
Des alten Hauses gewohnter Gruß
Kömmt mir, mit Sturmgeräusch und Regen,
Gleich an der Thürschwell' hier entgegen:
In diesem unwirthbaren Felsenwall
Sind wir geschirmt vor jedem Ueberfall:
Das Licht hält eine längre Tagereise {207}
Um diese ew'gen Schneegeleise,
Und Phöbus Strahl, der längst im Meere ruht,
Tuscht noch die Wipfel hier mit Rosengluth: –
Der Schall, an des Bergstrom's donnernder Schleuse,
Von Fels und Baumstamm überbrückt,
Kehrt um; und ob heruntergebückt
Ein Mann von Morgen bis Abend hier riefe:
Kein sterbliches Ohr vernähm's in der Tiefe: –
Ich klopf: – ist Vater Acolus zu Haus?
Echo,
Aus!
Prometheus.
Wo bist du Stimme, daß ich dir mich nah'?
Echo.
Nah!
Prometheus.
Wo find' ich Vater Aeolus, für mein Gesuch?
Echo.
Such!
Prometheus.
Wer bist du, schön geschwätzige Nymphe,
Die, wie ein Laut,
Aus Luft gebaut;
Die, wie ein Lied,
Im Sommer, an mir vorüberzieht? {208}
Aeolus (der hervortritt)
Die Echo ist's, die ich, zu Ernst und Schimpfe,
Mit einer Felsentochter einst gezeugt;
Das bös‘ geschwätz’ge Ding, das niemals schweigt:
Ihr ist die, vor allen Ohren,
Erzuntugend angebohren:
Schwatzt und plaudert den ganzen Tag,
Was der Sturmwind sprach;
Was der Wasserfall klingt;
Was der Vogel singt;
Sey es Nachtigall oder Specht,
Alles ist ihr zum Sprechen gerecht;
Selbst der Kohlmeis' ihr Gezänk
Ist sie, nachzurufen, eingedenk;
Ruft dem Hirten; ruft der Kuh;
Ruft dem Hund, der bellt, im Thale zu;
Und im Donner selbst mit Zeus, dem Alten,
Muß dieß Weib das letzte Wort behalten.
Prometheus.
Und was hör ich dort für Töne?
Hier, und dort, und überall
Singt und klingt der Felsenwall.
Aeolus.
's sind die Winde, meine Söhne. {209}
Westwinde.
(verklingend und im Vorüberziehn )
Sommergäste:
Süß zu schaukeln Blüthenäste,
Das vergnügt die sanften Weste.
Aeolus. (zu den Andern)
Hier und dort:
Stürmt nur fort!
Schöne Kuppeln, von den Thürmen,
Und das Schiff im schönen Hafen,
Frisch gefaßt:
Bricht der Mast;
Klingt zum Ufer Trauerpost:
Das vergnügt den rauhen Ost!
Prometheus.
So seyd ihr denn, wie Vater Ocean,
Auch schimpflich und in Knechtschaft unterthan?
Westwinde.
Welch ein hartes, unfreundliches Wort,
Greis, ist deinen Lippen entflogen?
Knechtschaft nennst du, von Wahne betrogen,
Des beweglichsten, lustigsten Spiel's
Heitres, freyes, ergötzlichstes Leben,
Das uns Winden die Götter gegeben?
Bald, auf Wogen des schäumenden Kiel's, {210}
Weißes Segeltuch schwellend zu heben,
Wo, statt Ruders, der Wind sich bemüht;
Bald, wo Funken der Ambos sprüht,
Sinkenden Blas'balgs Lohe zu fachen;
Jetzt mit Knaben ein Spiel uns zu machen,
Wenn den leicht geflügelten Drachen
Zephyrs Hauch in die Lüfte treibt,
Bis ein Stück der flatternden Leine
Oben am Kirchdach hängen bleibt;
Jetzt im Baumgarten, der der Gemeine
Angehört, Schildwache zu stehn;
Kleine Windmühlen umzudrehen;
Oder Glöckchen zu läuten, wo Steine
Klingend Klöppels Nothdurft versehen;
Dirnen zu wecken, die Mittags geruht,
Und auf froh geflochtnen Hut
Ihnen bläulich Pflaumen zu tropfen;
Abend's an Fensterläden zu klopfen;
Spinnerinnen, beym Niklasgehn,
Ihr Laternchen auszuwehn,
Und wenn sie im Dunkeln tappen,
Aus der Nachbarmühle Knappen,
Zwischen Angel, zwischen Thüren,
Ihnen in den Arm zu führen,
Alter Mutter unbewußt, {211}
Bringt Verliebten und Winden Lust.
Andre.
Tagelang, halbe Nächte lang,
Geht darum auch ihr Gesang,
Vor jeder Thür und auf jeglicher Bank,
Früh, von Sonnenaufgang
Bis sie Abend's Kerzen anzünden:
„Gebt den Harm und Grillenfang,
Gebet ihn den Winden!“
Die Ersten.
Wo die Feuersbrunst entbrennt;
Wo erklingt ein Instrument;
Wo die Orgel's Herz durchdringt;
Wo die Christ'ngemeinde singt,
Fromm wie Kindlein, klug wie Tauben:
„Wir glauben, wir glauben, wir glauben:“
Hell im Glocken-Kirchgeläut:
Da sind wir gewiß nicht weit;
Wind der Orgel ist vonnöthen:
Junge muß den Blas'balg treten!
Die Andern.
Menschenred' und Menschensprache,
Elementes Geisterwache,
Muthig angeschrieen zwingt.
Windes Hauch erklingt und singt. {212}
Die Ersten.
Savoyarden, bringt Laternen!
Wollen muntre Liedchen lernen;
Will der Mond die Nacht verklären:
Sollt die ganze Nacht uns hören:
Orgelum Orgeley!
„Komm' Sie All'herbey,
Lieb' gut‘ Leut';
Hat noch Niemand gereut!
Schau' Sie dort die schöne Paradeis,
Mit die Hauptström' alle vier;
Treten Sie Gott der Herr in der Thür;
Rufen Sie: Adam, laß dich erschaffen;
Nehmen ein Erdkloß drauf und blas'
Ein lebendig Othem ihm in sein Nas':
O du groß Barmherzigkeit:
Lieben Leut,
Also seyen der Mensch erschaffen!
Brechen darauf die Sündfluth ein:
Wie sie gottserbärmlik schreyn!
Ah, ah, schau Sie Gott Vater, wie Sie,
Mit die rothe Paraplui
Auf und ab in die Sündfluth spatzieren,
Dort an die hohe Firmament,
Sehen, was drunten ariviren: – {213}
Folgen darauf die neu Testament,
Mit die Hochzeit zu Kanaan:
Schau' Sie die Braut und die Bräutigam,
Mit die andern Hochzeitparten,
Wie sie magken sich lustig beid;
Auch die heilig' Dreyfaltigkeit
Ziehen die Hut ab, lieben Leut
Sitzen im Winkel und spielen Karten;
Aber St. Petrus stehen in Ruh',
Zählen die Beet' und sehen zu;
O du heilig Dreyfaltigkeit,
Ora pro nobis alle Zeit!
Orgelum, orgeley!“
Prometheus
Hast ein lustig Hausgesinde,
Aeolus;
Aber was am Felsenfuß
Zieht und schwärmt herauf, ihr Winde?
Welch ein zahllos, fremd Gevögel,
Ausgespannt im Wind die Segel,
Zum entfernten Ocean
Schiffend, tritt die Wallfahrt an?
Schnäbel, Flügel, kaum zu zählen:
Wo sie ziehn, der Tag will fehlen;
Welch ein Fliegen, Flattern, Scharren, {214}
Piepen, Pfeifen, Krachsen, Schnarren;
Alle Zweige, alle Aeste
Nöthigen die fremden Gäste,
Ihren Vorrath aufzuthun;
Heiser, stößt das Wasserhuhn,
Durch die grünen Schattensäle,
Gurgelnd Laute von der Kehle:
Pilgrim', von des Oceans Fläche,
Die ihr Ströme, die ihr Bäche,
Die ihr Flüsse, die ihr Teiche,
Die ihr Wälder, die ihr Sträuche,
Die ihr Meer und Land umwohnt:
Wohin führt am Horizont,
Kundig Euch des Wolkensteg's,
Die Begier entfernten Weg's?
Vögel.
Weit hinaus,
Bey Aeolus Haus,
Zum Südpol 'naus!
Winde.
Sie mit laulicht warmem Süd
Zu geleiten 'n’s Geröhrigt,
Wo das Ufer, roth und beericht,
Hagebutt und Kirsch' umglüht;
Wo erklingt des Frühlings Ruf: {215}
Ist uns Freud', ist uns Beruf!
Aeolus.
Schuldlos ist des Vögleins Leben;
Fröhlich in der Luft zu schweben:
Wie auf einer Insel klar,
Lebt im Aether 's ganze Jahr:
Nur zuweilen eine Beere,
Daß es naschend sie verzehre,
Holt es von dem Erdball ab;
Kehrt zum Menschenvolk herab;
Wolle gibt ihm fromm das Lamm;
Nest ein alter Weidenstamm;
Würmchen jedes Baumes Rinde;
Seine Führer sind die Winde;
Flattert, mit dem Sonnenschein,
Hierhin, dorthin 's Vögelein;.
Steht auf seiner Morgenwarte;
Trägt im Kopf des Welttheils Charte;
Kennt, bis in Cairos Straßen,
Klug das Nest, das es verlassen;
Wo das träge Saumthier läut't,
Weiß das Vögelein Bescheid;
Storch und Kraniche befahren
Rings die Küsten der Barbaren;
Wachtel wohnt, in goldnen Saaten, {216}
Tief im Land der Asiaten;
Bey Hesperiens goldner Frucht
Guckuck früh dem Winzer ruft; –
Und wann Regen, und wann Tropfen
Lauter an ihr Nest nun klopfen,
Später blinkt der Abendstern:
Dann versammeln, nah und fern,
Sich des Waldes Völkerschaften:
Von entfernten Wanderschaften
Hört man die geschwätz’gen Kehlen
Froh einander nun erzählen;
Von dem Euphrat, von dem Nil
Schwatzen sie im Laube viel;
Von Insektennationen,
Die am schönen Ganges wohnen,
Gehet nun, von Mund zu Munde,
Die Erzählung in die Runde –
Bis die Sehnsucht All’ ergreift,
Wo kein rauher Nordwind pfeift,
Keine Winterschornstein' qualmen,
Hinzuziehn in's Land der Palmen: -
Ach, verstürmt im Ocean,
Trifft sie oft der Schiffer an:
Müd und matt, vom langen Fasten,
Hängen sie um Räh und Masten {217}
Und um Schiff und Boot sich an,
Flehen um ein Obdach an
Den erweichten Schiffersmann,
Der sie aufnimmt und bereit
Ihnen goldne Körner streut;
Aber will der Morgen grauen:
Dann erheben, von den Tauen,
Jung und Alt sich mit Geschrey,
Und der Zug beginnt auf's Neu!
Prometheus.
Und was bringt vom Erdenrunde,
Was vom Menschen mir für Kunde?
Vögel.
Böse Gesellen
Vogelstellen;
Schlingen legen,
Auf Steg und Wegen.
Die Alten.
Lieben Kindlein, laßt euch warnen,
Menschenlist euch nicht umgarnen!
Flieht das rothe Entenhaus;
Flieht die Lockent‘, und am Ufer
Flieht, o flieht den bösen Vogler!
Wo ihr Schlaf und Nachtruh hofft,
Trifft der Tod euch unverhofft! {218}
Flußvögel.
Frühe rührt sich dann das Haus;
Rüstet groß ein Marktschiff aus;
Zieht euch Federn durch die Nasen;
Knarren Seile; Winde blasen;
Und der Kiel nimmt seinen Lauf
Nach der Stadt, zum Marktverkauf. –
Und schon steht ihr an der Brücke;
Angebunden sind die Stricke;
Feilschen Käufer; Münzen klingen;
Mägde plappern; Köche dingen;
Tausend Stimmen, hell und klar,
Rufen: „Schiffer, wie theuer das Paar?"
– Kriegt nun jeder volle Körbe –
Volle Hände:
Und so nimmt der Markt ein Ende: –
– Und schon feyert das Gewerbe;
Und es steht, mit weißer Schürze,
Da der Meister: „her die Würze,
Von dem Schragen!
Mittagsglocke hat geschlagen:
Laßt die Vöglein uns bereiten!“
Stiller wird es nun von Leuten,
Auf den Straßen: Frauen fragen:
Wo der Mann so lange bleibt? {219}
Junggesellen, unbeweibt,
Eilen zu den Speis'gelagen: –
Aufgetragen, aufgetragen!
Herr und Knecht, und Frau und Magd,
Allen ist es angesagt:
Alle haben es vernommen:
Sind zum Mittag niederkommen.
Die Alten.
Uns, das älteste Geschlecht:
Ist wohl die Behandlung recht?
Als noch alles wüst' und leer,
Schwebten wir schon über'm Meer:
Heilge Bücher dieß besagen:
Sollten wir uns nicht beklagen!
Die Jüngern.
Nein, wir dulden es nicht länger:
Die verwünschten Vogelfänger!
Uns zu braten, uns zu spießen:
Sollte dieß uns nicht verdrießen?
Pickt und krallet,
Ueberfallet
Ihre Augen: ausgerissen,
Schlenkert die geliebten Bissen;
Schlenkert sie um Krall' und Brust,
Und ersättig't Rachelust! {220}
Die Alten,
„Zum Pelikan,
Zum schwårzen Adler, hier speiset man:“
Mit dem König von Portugall
Seyd ihr zwar im gleichen Fall;
Doch der wird nicht aufgetragen:
Mehr sind drum wir zu beklagen!
Nachtvogel,
Einst verehrt von blinden Heiden
Muß ich arge Schmach nun leiden,
Ich, Minervens schöner Vogel:
Wer es nicht gesehen, glaubt
Solches nimmer: auf dem Haupt
Ward ich einst von ihr getragen;
Anders ist's in diesen Tagen:
Diesem Christenvolk ist fast
Jede Gravität verhaßt:
Selbst mein hoher Ernst im Denken
Gibt nur Anlaß zu Gezänken;
Meine Lucubration,
Da versteht kein Mensch davon;
Meine Physiognomie
Ist ein Schimpf und Spott für sie:
Närren, zerren böse Buben
Oben mich auf Glockenstuben, {221}
Unten auf des Hauses Diele;
Rupfen, zupfen meine Kiele;
Schelten graulich mein Gefieder;
Rufen: „Eule, sing doch Lieder!"
Eule kann nicht Lieder singen;
Stellen, mit verstutzten Schwingen,
Gar mich auf die Mäusewache:
Herren, schreyt das nicht um Rache?
Adler.
Eule, schweigt von euern Klagen:
Hat sich Schlimm'res zugetragen:
Ist doch auch der Königsvogel
Diesen unverschämten Dieben
Selber nicht verschont geblieben! –
Johannistag,
Klingt ein muntern Schützenmarsch;
Rührt die Pauke muntrer Schlag;
Zieht hinaus die Schützengilde,
Die den Adler führt im Bilde:
Der wird, was mich oft verdrossen,
Stumpf mit Bolzen 'rab geschossen.
Die Vögel.
Nein, wir dulden es nicht länger:
Die verhaßten Vogelfänger!
Selber Adler, unsern König, {222}
Achtet dieß Geschlecht so wenig:
Pickt und krallet,
Ueberfallet
Ihre Augen: ausgerissen,
Schlenkert die geliebten Bissen;
Schlenkert sie um Krall‘ und Brust,
Und ersättigt Rachelust!
Prometheus.
Und so ist denn aufgestanden
Wider Menschen, die Tyrannen,
Und die List, die sie ersannen,
Ganz hier die Natur vorhanden:
Misch' drum meinen Fluch zum euern:
Vögel, Fluch den Ungeheuern!
Aeolus.
Still, ihr Kindlein, jetzt mit Klagen:
Will ein Licht am Felsen tagen:
Kömmt Natur, mit Blumenwaaren,
Lichten Blumenkranz in 'n Haaren,
Kömmt und singt den Wald herunter:
Und die Vöglein werden munter;
Und die Flüsse von den Bergen;
Und die Quellen aus der Eb'ne
Halten, hemmen ihren Schritt,
Rufen: Mutter nimm uns mit! {223}
Zweyter Auftritt.
Aeolus. Die Winde. Prometheus. Natur, die in Blumen- und Vögelgefolge auftritt.
Aeolus. (ihr entgegen)
Mutter, was bringt deinen Fuß
Her in's Haus des Aeolus?
Natur.
Hätte gern 'n Paar Centner voll
Von euch vertrag'ne Distelwoll'.
Aeolus (zu seinen Kindern)
Merk's dir!
Das ist so ein Auftrag für dich, Zephyr!
Natur.
Und daß ihr euch sucht einzurichten,
Bald meinen Pflanzen Hochzeit auszurichten.
West.
Längst geht darauf mein Tichten und mein Trachten.
Aeolus.
Thut, was sie will: wornach ihr euch zu achten! {224}
Prometheus.
(auf sie zutretend)
Und ewig frisch und ewig jung
Erblick' ich dich, gütige, liebreiche Mutter,
Umhüpft, umkrochen – von Alt und Jung:
So reichst du allen Wesen ihr Futter.
Natur.
Auf meiner Schulter, auf meinem Schooß,
Da zappelt das, da wird es groß!
Prometheus.
Und wer sind jene, die dir dienten?
Natur.
's sind meine vier alten Lohnbedienten,
Feuer, Wasser, Erd' und Luft,
Kommen, wie mein Mund sie ruft.
Prometheus.
Auch das vierfüßige Geleite
Ist, wie ich sehe, stets dir noch zur Seite?
Natur.
Macht mir mitunter viele Plag':
Doch auch zuweilen 'n guten Tag! –
(sich umwendend)
Liegst zu meinen Füßen Bär;
Weiß es wohl, du wärst gern mehr:
Aber kann dich nur beklagen: {225}
Mußt geduldig dein Loos ertragen.
Bär.
Bien' umsummt Ein'n;
Waldknecht brummt drein;
Süß schmeckt Honigseim;
Nichts weiter weiß ich:
Mutter, sag, wie heiß' ich?
Natur.
Lieber Bär, bis guter Ding':
Trag geduldig den Nasenring!
Alter Hamster (zum Jungen)
Trag in's Magazin ein;
Bricht hint Regen ein;
Tochter, flick's Dächlein!
Nichts weiter weiß ich:
Mutter, sag, wie heiß' ich?
Natur
Hamster, thu', was d' mußt:.
Benutz' den Sommer und n' August!
Insektenmütter,
Lieb' Licht, Sonn'schein;
Hüll' unser Kind ein;
Ade, Tagsschein!
Nichts weiter weiß ich:
Mutter, sag, wie heiß' ich? {226}
Natur.
Dürft nicht bang seyn:
Weckt all' eure Kindlein
Holden Licht's Tagsgruß;
Jegliches heraus muß,
Wo sie nur sitzen,
In Mau'r und Baumritzen.
(zu Prometheus )
Das sind Eltern,
In Wies' und Feldern,
Die ihre Kindlein nie sahen.
Sommervög'l sie fahen.
Was willst, wüste Sau?
Sau.
Bitt', sagt mir meinen Namen, Frau!
Erde.
Ihr dumm einfältig Thier,
Stillt eure Neugier;
Wird nichts verschlagen;
Wird's euch nicht sagen!
Prometheus.
Erfüll der Sau ihr billig Bitten:
So ist sie doch bey Niemand gern gelitten!
Natur.
Red'st, wie du's verstehst: {227}
Jedes ist sich selbst zunächst;
Thät ich, wie sie begehren:
Wären's nicht mehr Schwein' und Bären! – –
Sput' dich, Wind!
Gäste hier zu bedienen sind!
Feuer! – kömmt es weiter auf den Tag:
Koche du für sie ein Mittag!
(zur Erde)
Und du halt, wie sich’s gehörte,
Mir parat die tausend Stück Couverte!
(Diener, mit dem vierfüßigen Geleit ab)
Natur.
Wie ein Uhrwerk schnurrt das, fort;
Sagt beständig, nur ein Wort;
Doch tragen allzumahl
In sich den Götterstrahl;
Regt sich im Mückenfuß,
So wie im Hesperus;
Nur grob im Stoff verklärt;
Verholzt, verpelzt, verbärt;
Vom niedern Atmosphären Dunst, wie trunken.
Prometheus.
O Mutter, sag mir an:
Warum du dieß gethan:
Warum verholzt, versteint, {228}
Verkohlt, verpelzt erscheint
Der Götterfunken!
Natur.
Woll‘ unbekümmert seyn:
Ich will sie schon befrey'n,
In lichter Himmelskraft,
Von solcher Wanderschaft:
Spielt jedes seine Roll,
Bis ich ihm liebevoll
Sein's Schicksals Buch entroll‘,
Wo aufgeschrieben steht,
Was es beginnen thät: –
Auf meiner Werkstatt Tisch
Liegt Vogel – Thier – und Fisch;
Ein Wink von mir – ein Ruf:
So wird die Hand ein – Huf;
All' sieben Künst – in Horn:
Ein Druck – sie sind verlor'n:
Palet und Leyern
Kann ich vermäuern: – –
Regt sich die Pflanze warm;
Streckt brünstig aus den Arm;
Doch bindet immerfort
Ein und derselbe Ort
Sie an die Schlafstell' an, {229}
Wo sie nicht weiter kann: –
– Das aufgestandne Thier
Umschweift das Erdrevier;
Irrt ohne Rast und Ruh,
Doch beide Augen zu,
Mondwandelnd auf dem Dach;
Ruft ihr: so wird es wach: – – –
In Blum', ist Gottes Will',
Schläft alles tief und still;
Ihr Haupt der Wurzel zu,
Träumt fort in süßer Ruh:
Aus tiefer Lebenspein
Vernimmst du Thieres Schreyn;.
Zum Rasen vorwärts streckt,
Was Kopf und Rüssel reckt: -
Der Mensch nur, aufgericht't,
Trinkt herrlich Himmelslicht;
Dem Weltgeist eng vermählt,
Mißt er und wiegt und zählt: –
Thier-, Pflanz- und Menschenstimm'
Erkling' und du vernimm;
Und du Metall sprich auch,
Im finstern Erdenbauch:
Erzählt, in Himmelskraft,
Von eurer Wanderschaft! {230}
Erster Traum.
Stimme.
Mir träumt’: ich sey ein Stück Metall,
Und wuchs im Schooß vom Erdenball;
Klang die Zitter Bergmannslieder;
Eine Leier stieg hernieder:
Und so ward ich ein Stück Silber,
Ausgemünzt und ausgeschmolzen,
Und cursirt', auf Straß' und Märkten;
Fiel am Ende
Einem Geizhals in die Hände:
Der verschloß mich in den Kasten;
Mußte manches Jahr nun rasten,
Bis daß, lüstern einst auf Beute,
Kam ein Dieb, der mich befreyte:
– Zu den Fenstern eingestiegen,
Als im Schlaf die Diener liegen
Oeffnet leis' Er Schloß und Riegel;
Stahl zuerst des Hauses Spiegel,
Und zuletzt auch die Chatulle:
„Ohne Geld ist eine Nulle
Doch der Mensch“: – so sprach er leise –
„Steigt mit Geld der Gott im Preise:
Kommt, ihr lieben, harten Thaler,
Ich will besser euch gebrauchen, {231}
Als hier der verwünschte Geizhals,
Welcher euern Werth verkennte;
Der euch nie das Tagslicht gönnte:
Schlafe, du verwünschter Geizhals:
Möchtest nimmer du erwachen!“ –
– Und wir Brüder mußten lachen –
Denn es waren uns'rer Viele –
Folgten willig diesem Manne;
Der erwies uns manche Liebe;
Schenkt uns wieder Licht und Freyheit;
Nahm uns mit sich auf die Märkte;
Nahm uns mit sich auf die Straßen: –
Ich, ein schöner, harter Thaler,
Wohl gelitten, wohlgeachtet,
Oft verwechselt, oft betrachtet,
Stieg zu Schiffe, ging zu Pferde;
Jenem, diesem angehörte;
Kaufte jene Waar' und diese;
Obst und Fleisch, und Brot, Gemüse;
Bald der Dirn' ein schönes Kopftuch;
Bald der Mutter ein Gesangbuch;
Doch Großvater eine Bibel:
Und so ging's mir wohl und übel,
Bis ein kluger Goldschmidt heute,
In dem Tiegel, mich befreyte. – {232}
Zweyter Traum.
Stimme.
Mir träumt': ich sey ein grüner Baum,
Und stand im lichten Himmelsraum;
In meinen Zweigen hatt' ich manch Geschlecht erzielt,
Das gegen Licht und Sonn' ich wärmend hielt:
So stand ich, für Insekten eine Wiege;
Es brüteten auf mir der Vöglein Züge;
An meinen Wurzeln spielte still ein Fluß;
Es netzte mich des heil'gen Regens Guß;
Der Wand'rer, bey der Mittagshitz' Ermatten,
Er kam, und ruhte aus, in meinem Schatten;
Vom Wind geschüttelt fiel des Gipfels Frucht,
Und ward vom Thier des Feldes aufgesucht;.
Auch kam des Mondes Licht, der Sternlein Scheinen,
Und dämmerte herein zu meinen Hainen: –
So stand ich da wohl tausend Jahr,
Und wurde grau vor Alter gar:
– Doch einen Tag,
Da hörť ich so im grünen Walde
Den Oberförster sprechen: „balde
Geht nun auf ein neuer Schlag:
Heute schieß mir, Bursch, den Sechszehnender: {233}
Morgen steht Holzfällen im Calender:“
Und des Morgens kam die rohe Schaar:
That, wie ihr befohlen war;
Rupfte aus mein grünes Haar:
Und die Axt erklang so fröblich munter;
Und ihr Lied erscholl den Wald herunter;
Meine grünen Aeste, Zephyrs Spiele,
Wurden Tische nun und Bänk' und Stühle.
Dritter Traum.
Stimme.
Blumen, die im Feld gestanden,
Blumen sind nicht mehr vorhanden;
Müssen Säcke nun zur Mühle tragen;
Und nicht will uns solch ein Stand behagen:
Klingt die Peitsche; ruft der Treiber;
Harren Männer; harren Weiber;
An den Straßen, an den Ecken;
Mehl im Beutel; Korn in Säcken;
Bösen Mühlentreibers Joch:
Wär' ich doch die alte Blume noch!
Vierter Traum.
Stimme.
Mir träumt': ich sey ein Himmelsfunken,
Wie in ein unbekanntes Land gesunken:
Erst aus der lichten Heimath meiner Väter {234}
Durchschwamm ich, wie ein Meer von blauem Aether: –
Dann kam ich tief auf eines Brunnens Grund:
Hier lebt gemeinschaftlich ein Thier im Bund,
Erwärmend sich an eines Herdes Feuern:
Hier sah ich eine Schaar von Ungeheuern,
Mit Hörnern – Hufen – Bären – Elephanten: –
Zuletzt auch Eins, was Mensch die Andern nannten: –
Es trinkt die Luft, die um den Erdball fleußt,
Die Luft Ihm, doch uns andern Wasser heißt;
Darüber hängt herab des Himmels Veste;
Doch irdisch nur begeht es Erdenfeste:
Sein Leib, den Trank und Speise grob ernährt,
Und der Allmosen stets vom Tod begehrt,
Er wird des Tag's ermattet sieben Stunden,
Vom starken Arm des mächt'gen Schlaf's gebunden:
Erwacht – beginnt sein Tageswerk auf's Neu:
Es leuchtet ihm der Sonne Licht dabey;
Von ihr beschienen, irrt durch Gras und Büsche
Die seltsam neue Art der Wunderfische,
Und gräbt sich Pflanzen oder Wurzeln aus,
Und klebt, wie Schwalben, an den Fels ihr Haus: {235}
Betrübt und mit bekümmerter Gebehrde
Hängt vorwärts, wie dem Thier, ihr Kopf zur Erde. –
Angelangt, auf feuchtem Erdendamm,
Als ich wieder zum Bewußtseyn kam:
Da umstanden, mit Geschrey,
Weiber, Kinder, Eins, Zwey, Drey,
Hundert, Tausend meine Schritte;
Nahmen mich in ihre Mitte;
So erging ihr Machtgebot:
„Hier ist Korn: – verschaff uns Brot!
Hier sind Stiere: – schlag sie todt!
Hier ist Leder: – mach uns Schuh!
Narr, was gaff'st dem Himmel zu?
Schuh mit Stich, und Kleid mit Nähten,
Armen Erdenvolk' vonnöthen,
So vor Frost als Sommersgluth,
Hier vor allem Andern thut:
Mußt es machen, wie wir Alle:
Sorgen für die Pfleg' im Stalle;
Sorgen für den Pflug und Stier:" –
– So erklang ihr Zuruf mir;
Denn vertieft in grobe Nahrungssorgen
Hat der himmlisch schöne Morgen,
Der für mich schon auf den Bergen lag, {236}
Sie bekümmert keinen Tag: –
Da ergriff mich banges Sehnen,
Und ich weint', in stillen Thränen,
Auf dem dunkeln Erdenplan,
Heil'gen Sternenlichtes Tag heran.
Endlich hast du nun geendet;
Wieder meinen Lauf gewendet
Zu der schönen Sternenflur:
Habe Dank, o meine Mutter du, Natur!
Natur.
Hörst du Stimmen, wie sie klagen?
Hörst du Stimmen, was sie sagen?.
Niemand, weder Thier noch Stein,
Läßt sein Loos zufrieden seyn!
Prometheus.
Und wer leitet, Alt und Jung,
Dieser Züge Wanderung?
Natur.
Hör' und staun', und frage nicht:
Es ist das Licht;
Und diese glänzende Unbekannte,
Die Es, als seine Gattin, führt im Bande.
Prometheus (zu Ihm)
Birg dein Antlitz wiedrum in den Schleyer; {237}
Strahlt von deinem Aug' ein tödtlich Feuer.
(zu Ihr)
Doch du leuchtest, friedlich wie der Mond,
Mild am Sommerabendhorizont.
Licht.
Ueberall,
All überall
Durchschlüpf' ich den alten Erdenball:
Angeschwommen,
Bis die Funken sind entglommen,
„Wach auf!" so ruft, im feuchten Wasserthal,
Der Pflanz' erwärmend zu mein Strahl:
Und sie erwacht,
Ein Kind der Nacht,
Auf mein Gebot,
Und färbt sich weiß, und färbt sich roth:
So zieh' ich, in schön allmächtigen Banden,
Unzählige Kinder, in allen Landen;
Selbst vom Stein, uneingedenk der alten Ruh,
Streben mir aufdünstend Theilchen zu!
Sie.
Abends, mit dem tiefgesunknen Mond,
Leg' ich nieder mich am Horizont:
Sein geschmolznes Silber füllt den Plan;
Füllt die Flüss' und Quellen lichtend an; {238}
Stäubt und funkt und regnet ringsum nieder,
Wo entschlafnes Waldgefieder,
In dem grünen Heimathnest,
Lauer Abendhauch umbläst:
Vöglein zu dem Walde sind entwichen;
Thau ergießt ein Meer von Wohlgerüchen;
Kömmt ein ferngewandert Himmelslicht,
Das sich reg' durch hundert Zweige bricht;
Kömmt, und spinnt, um duftende Reseden,
Wie in leis' umwundnen Silberfäden;
Spinnt sich um den Kelch der Primel an;
Wogt und wallt, entlang dem Wiesenplan;
Hüpft und flicht, in still entglomm’nen Flammen,
Erd' und Meer, und Berg' und Fluß zusammen:
Dörfer – Städte,
Friedlich späte,
Mild verstrickt in goldnen Lichtes Netz:
All gehorchen sanfter Ruh' Gesetz.
Natur.
Sieh den Mann hier und das Weib der Schöpfung:
Wie der Elemente Streit
Früh' in ihnen sich entzweyt: –
In der Ruhe will von Meeren {239}
Und im Wasser Sie gebähren;
In der Gärten Lustbezirken
Pflanzen, Blumen, Rosen wirken;
Wo die muntern Vöglein singen,
Still ihr Frauenwerk vollbringen:
Aber kühn, mit Götterstärke,
Zu vernichten ihre Werke,
Zwischen Garten, Feld und Haide:
Solches ist des Gatten Freude.
Schaafe, sanfte Elephanten,
Sagt man, sind durch Sie entstanden;
Löwen wanden aus dem Schooß
Sich des rauhen Mannes los;
Lockt Sie Blumen aus der Erde:
Er bedroht als Wolf die Heerde;
Schmückt ihr zarter Sinn die Tauben:
Kömmt Er sie als Weih' zu rauben;
Wird ein Baum ihr Sommersitz:
Er vernichtet ihn als Blitz.
Endlich nahm Er alle Flammen,
Tieger, Bär und Wolf zusammen,
Und gesellte sie auf's Neu
Seinem Ebenbilde bey,
Das in Licht und Gluth entbrannte;
Das nach sich Er Mann benannte: – {240}
Aber Sie, im Stillen thätig,
Und im Glanz der Morgenröthe,
Ging an ihre Blumenbeete,
Als die Nachtigallen ruften:
Was die Blumen lieblich duften;
Rosen- und Narcissengaben
Mußten ihr Geschöpf begaben;
Bat sich Blumenzierath aus,
Zu der Schöpfung schönsten Strauß,
In Aurorens Morgenstunden,
Fern vom finstern Mann, gewunden:
Sieh, der Lilie Unschuldweiße
Und die lieberothe Rose
Bückten sich auf ihr Geheiße;
Primeln gaben ihr zwey Perlen;
Rosen ihr zwey volle Knospen:
Und die köstlichsten Geschenke
Faßt in ein Geschöpf zusammen
Die Natur und aller Mutter,
Und gab ihm des Weibes Namen: –
– Als der Mann nun, wild und roh,
Seinem Aufenthalt entfloh,
Und das holde Bild erblickte,
Das sich still am Flusse bückte:
Da ergriff ihn bang ein Sehnen, {241}
Und er weinte Wehmuthsthränen:
Bat sie dringend still zu stehen:
Aber sie vernahm kein Flehen,
Sondern fürchtend sein Beginnen,
Floh verschüchtert sie von hinnen:
Und er folgt ihr, durch die Wälder,
Und er folgt ihr, durch die Thäler,
Rufte, folgend ihrem Pfad,
Sie bey Namen früh und spat. –
– Endlich ließ sie sich erweichen;
Sah im Mann nur Ihres gleichen;
Floh, mit immer kleinerm Schritte;
Hört auf seine stille Bitte:
Und in einer Mondnacht fühlten,
Wo im Myrthen Zephyr wühlten,
Sie einander in den Armen,
Klopfend Herz an Herz erwarmen;
Als er ihr umfaßt den Leib:
Sprach er leise: „Bist mein Weib!“
Blumenschwestern, die dieß hörten;
Gern ihm süßen Wunsch gewährten;
Red'ten drein mit süßen Worten:
„Holde Schwester, von den Unsern,
Ja du bist sein Weib geworden:
Hör' nun auch von deinem Loose: {242}
Wie die lieberothe Rose
Muß auf deinen Wangen tagen:
Wird dein Schooß auch Blumen tragen;
Und wie Blüthen Frücht' entfallen:
Wird auch deine Blüth' entfallen.“
So erklang die Blumensprache,
In dem stillen Brautgemache,
Bey der Würze süßen Duften,
Als die Nachtigallen ruften,
Und des Hespers Hochzeitkerze
Leuchtete zu Amors Scherze;
Erd' und Himmel stand in Flammen;
Heftig drückt er sie zusammen;
Schmolz in einen beider Leib,
Und sie lispelte: „dein Weib.“
Eh' neun Monden sind verflossen:
Ward ein neuer Bund geschlossen,
Zwischem Allem, was hier lebte,
Und beseelt am Erdball strebte:
Also sprach der Mann der Schöpfung
Zu dem Weib, der hohen Gattin:
Gönne mir in Kraft von oben
Zu vernichten und zu toben!
In den Bergen, in den Hainen,
Will ich dir als Leu erscheinen; {243}
Laß mein Auge dort im Dunkeln
Tod dir und Verderben funkeln;
Laß' mich, Daseyns Lust zu kürzen,
Auf die Beut' als Adler stürzen;
Laß mich, mit des Gießbachs Tosen,
Dir vernichten deine Rosen!
Du, von sanfterem Geschlechte,
Ueb' indessen Frauenrechte:
Hörst du mich als Sturmwind toben:
Komm als Vollmond sanft erhoben;
Komm, mit Blumen, komm, mit Bächen,
Mir ein Wort an's Herz zu sprechen!
Komm, als Löwin, in Gehölzen,
Meinen finstern Grimm zu schmelzen!
Trage süße Leibesbürde;
Tritt, als Hirtin, vor die Hürde;
Will ich deine Blumen, Tauben
Dir vernichten oder rauben,
Die mit stillem Liebeswarten,
Du erzogst in deinem Garten:
Komm, als schöne Gärtnerin,
Zu besänft'gen meinen Sinn,
Welcher rauh von Anbeginn! – –
Ich dagegen will gestatten
Alle Kindlein, die wir hatten, {244}
Einst nach kurzem Erdenwandeln,
Dir, in Blumen zu verwandeln:
Hat der Löwe ausgetobet;
Hat der Adler ausgeflogen:
Mutter, sammle Klein und Groß,
Wieder sie in deinen Schooß! –
–––
Dieß das ewige Geheimniß,
Meiner Söhn’ und meiner Töchter,
Von dem Ursprung der Geschlechter,
Dir, Prometheus, offenbart:
Hast du heilig es bewahrt;
Ist dafür dein Auge offen:
Wird ein kindlich Lieben, Hoffen:
Nie auf mich dein Herz verlassen;
Nie ein tödtlich, feindlich Hassen
Auf die Götter mehr dich fassen: –
Krieg und Frieden – Leben – Tod –
Kommen – Gehen – Abendroth
Die Erscheinung von zwey Stunden –
–––
(die Natur verschwindet mit ihrem Gefolge)
Prometheus.
Himmelstöne, schön erklungen;
Wie ein Parzenlied gesungen! – {245}
– – Wo bist du, Aeolus? – Ich sehe dich nicht mehr;
Auch Jupiter, mein Todfeind, ist verschwunden;
Statt Eurer brausen, aus dem Meer,
Nur ewige Naturkräft um mich her:
Was für ein Zauber hielt mein Aug' gebunden?
Des alten, mir gesung’nen Schicksalspruch’s gedenkt
Mein Herz, daß alles einst sich hier zum Wohllaut lenkt:
Ich hör auf's Neu' ein freudiges Geblöck von Lämmern;
Ich hör auf's Neu' am Erdball unten hämmern:
Ja dieß ist der Titanen ihr Geschlecht,
Und muthig strebt es fort mit Trutz und Recht.
Letzter Auftritt.
Mercur, der mit den Kindern des Prometheus auftritt. Milon, mit seinen Begleitern, stellen sich, mit den Geräthen des Krieges und der Jagd, dem Vater auf die eine, Menalt und die Seinigen, mit
den Geräthen des Wein- und des Feldbau's, auf die andere Seite. Mittendrin stehen die Frauen, die Lysis, mit der Leyer, und Archyt, mit dem Winkelmaaß, in ihre Mitte nehmen.
Prometheus. (ihnen entgegen)
Kommt ihr wieder, meine Kinder? {246}
Kommt an meine Brust! – Gelinder
Klopft mein Herz und fließt mein Blut:
Geht und übt Titanenmuth!
(zu den Frauen)
Ihr, im Blumenheiligthume,
Still erblüht zum Frauenruhme,
Geht, verbreitet, meine Töchter,
Euch in kommende Geschlechter:
Gattin und der Mutter Sorgen: –
Eurer harrt ein heilig Morgen:
Blumen gleich, sollt ihr gebären:
Darum wird das Volk euch ehren:
Frauen Lieb' und Ruhm zum Lohne,
Steigt, ihr Könige, vom Throne,
Leget nieder eure Krone:
Ehrt, ihr Völker jeder Zone,
Ehrt die Mutter in dem Sohne!
–––
(zu den Männern )
Ihr, dem Spieß und Speer ergeben,
Muntre Knaben, spielt um's Leben:
Wenn am Berg der Morgen tagt,
Klingt das Hifthorn – ruft die Jagd,
Bellt der Schwarm der muntern Hunde:
Krieg und Jagdlust übt im Bunde!
––– {247}
Frommer Landmann, was dein Fleiß
Dir erringt, der Erde Preis,
Wie die Fluth der goldnen Saaten,
So das Blut von Traubenbergen:
Dieser Arm beschützt, mit Ruhm,
Dir dein schönes Eigenthum. –
–––
Sanfte Künstler, eure Straßen,
Von dem wilden Krieg verlassen,
Führen an der Dorfschallmey
Und am Erndtekranz vorbey;
Pflegt die heiligen Geburten,
Welche anvertraut euch wurden:
Wo das Weib in Ruh' gebärt:
Da nur seyd auch ihr geehrt:
Schmuck und Schönheit sind euch eigen:
Laßt die Säulenordnung steigen;
In die Wolken spring' das Dach;
Marmor werd' im Steinbruch wach;
Leben, aufgeprägt dem Stein,
Glänz' in Gold und Helfenbein;
Singt der Liebe goldne Zeiten;
Spielt die Flöte; rührt die Saiten;
Doch bey wildem Schwerterklang
Stimmt ihn an den Schlachtgesang: {248}
Droht ein Feind die zarten Leiber
Eurer Töchter, eurer Weiber
Mit Entehrung, oder Schmach:
Laßt der Werkstatt friedlich Dach;
Laßt, anstatt den Ton von Leyern,
Euch Trommetenruf befeuern;
Winkt der Ruhm euch in die Bahn:
Weich' dem Künstler froh der Mann:
Jeder soll ein Held erscheinen;
Das Geschlecht in sich vereinen;
Kühn umgürtet mit dem Schwert:
Söhne, so seyd meiner werth!
Mercur, (der bisher im Hintergrunde gestanden, und nun plötzlich hervortritt )
Mir hebt ein wechselndes Gefühl die Brust:
Ich höre dich, mit Grauen und mit Lust,
Und komm', ein Abgesandter der Natur.
Prometheus.
Als solcher sey willkommen mir, Mercur!
Mercur.
Bedenkst du auch, Prometheus, was du wagest?
Du nimmst nun Abschied vom Olymp – entsagest
Der hohen Göttertafel Ueberfluß? {249}
Prometheus.
Mir bleibt mein Gastfreund hier, Oceanus:
Hier, an des Weltmeers Ufern will ich hausen,
Wo ew'gen Schicksals Melodieen mich umbrausen:
Fest steht mein Erdball – fester steht mein Fuß: –
Und kömmt ein Schiff denn von entfernten Meeren:
So will ich gern von meinen Kindern hören. –
Mercur.
Du und dein Gastfreund hier Oceanus:
Und wißt ihr, ob Euch Jupiter nie trennte?
Prometheus.
Er trenn' uns, – wenn es seine Herrin im vergönnte!
Mercur.
Wen nennst du so?
Prometheus.
Der Parze strengen Schluß,
Der Jupiter, wie ich gehorchen muß:
Ihr bau' in Zukunft ich am Meere,
Und in der Berge grauem Morgenduft, Altäre.
Mercure
Und nach der Parze? – {250}
Prometheus.
Ehr' ich die Natur.
Mercur.
So hegst du keinen Zorn mehr auf Mercur?
Prometheus.
Worüber?
Mercur.
Daß ich einst, dich anzuschmieden,
Mich höherm Rathschluß hergab?
Prometheus.
Zieh' in Frieden!
Mercur.
So scheiden wir, Prometheus?
Prometheus.
Ohne Groll.
Mercur.
Und keinen Gruß an Jupiter?
Prometheus.
(der ihm die Hand reicht).
Lebt wohl!
Ende des fünften und letzten Aufzugs. {251}
Anmerkungen
zum Prometheus. {253}
Zweyter Aufzug.
Erster Auftritt.
„Das Thier stirbt aus, doch dauert sein Geschlecht!
Unabgenutzt, vom Menschen zum Polypen,
Stehn in der Werkstatt große Mustertypen,
Die keine Zeit verwischt, kein Abdruck schwächt,
Für jede Gattung!"
Auf der obersten Stufe der Wesenleiter stellt von allem, was die Natur erschuf, so zu sagen, ein großes Exemplar. – Ewig und unzerstörbar, trotzt es dem Zahne der Zeit. – Was wir sehen, sind
schwache, oft halb verwischte Abdrücke davon. – Alles läuft dabey auf die erste – oder millionste Kopie; auf einen früher oder später zerrissenen Taufschein hinaus: aber im großen Buch der Natur
gibt es keine Geburts- und keine Sterbelisten! – Mensch, Thier, Vogel, Fisch, Pflanzen, Insecten und wie die großen Geschlechtsbilder weiter heißen mögen, aus denen sich die Ordnung der
Dinge
aufhebt und wieder zusammen setzt, kennen weder Zahl noch Zeit. – Diese sind ein bloßer Behelf für Individuen, und hören mit der Geschlechtsfolge auf. – Ein Moment im kommenden Jahrhundert, oder
einer in den Jahren vor der Sündfluth gelebt, macht keinen Unterschied, sobald der Mensch sein wahres Seyn von dem Schatten je- {254}
ner Erscheinung, die sich in der Sinnenwelt zu ihm gesellt, zu sondern weiß. Abgeschieden von allem, was zufällig ist, betrachtet er sich, als ein hohes, ewig dauerndes Naturwesen, in seiner
Gattung. Ueber die Schranken des Grabes, und aus einem Jahrtausend in das andere reicht er sich mit seinen entferntesten Nachkommen dann noch die Hand, wann das Individuum längst den Elementen
seine Schuld bezahlt. So leben Plato, Homer, Solon, Sokrates in ihren spätesten Nachkommen fort, indeß eine zerstörende Gewalt ihren Körper allen Winden überläßt. –
„Die Leiter bleibt, vom Menschen zum Polypen“ –
Dieses Thier macht gleichsam den Uebergang von der Thier- zur Pflanzenwelt; denn es lebt wie ein Thier, und vermehrt sich wie eine Pflanze. – Jede Glocke eines Polypen treibt, wie ein kleines
Mühlenwerk, um sich herum, und zieht eine Menge Insekten in ihre Wirbel hinein. Besonders erregt die Struktur des Armpolypen die höchste Bewunderung. Dieß Thier sieht aus wie der Finger von einem
Handschuh, wenn man ihn umkehrt, so daß er unten zu und oben offen ist. Das geschlossene Ende vertritt ihm zugleich die Stelle des Schwanzes, womit es sich fest klammert. Einen Anus hat er nicht,
und alle Speisen, wenn sie verdauet sind, gehn wieder durch den Mund fort. Rund um die obere Oeffnung ziehen sich neun bis zehn dünne Kanäle, wie Fäden. Sie heißen die Arme des Polypen, und er
bedient sich ihrer just wie ein Fischer der Angelruthe. Er wirft sie aus, und sobald was anbeißt, zieht er sie hurtig ein. – Hat er die Beute {255}
verzehrt: so kommt auch die Angelruthe, die er allemal mit niederschluckt, wieder zum Vorschein; aber immerfort mit einer Tinktur, die die Farbe des verschlungenen Insektes durchscheinen läßt. –
Man kehre das Thier um, so daß sein Inwendiges nach außen kömmt; seine physischen Verrichtungen gehen fort! – Man zerhacke es in Stücken: es spottet jeder Verstümmelung! Die Hand, die zu
vernichten glaubt, schafft: die Lanzette wird zum Pfropfmesser; jedes abgeschnittene Stück – ein neuer Ableger! Hier stehen alle Erfahrungen still: – Alle bisher bekannten Naturgesetze leiden bey
einem Thiere keine Anwendung, das ganz und gar eine Art lebendigen Bandgedärms zu seyn scheint. Der Polype steht, wie gesagt, als Grenzscheid einer neuen Welt; weiter hinaus ist die Terra
incognita, und harrt ihres Kolumbus. –
Ebd.
– – – – „Kinder oder Väter: –
Worin besteht der ganze Unterschied?
Als etwas früher – oder später,
Das erste – oder millionste Glied. –
In diesem Abgrund schwinden Ort und Zahlen.
Der Embryo im Anbeginn der Zeit,
Und der am Ablauf einer Ewigkeit:
Was sind sie, wenn sich beyd' in's Daseyn stahlen,
Wohl der Natur auf ihrem großen Gang?
Zwey Mücken! – Eine spielt im Sonnenuntergang,
Und eine sonnt sich in den Morgenstrahlen."
Wie am Sonnenweiser der Schatten des Stiftes sich {256}
zur Sonne: so ungefähr verhält, in der großen Weltuhr, sich, nach Plato, die Zeit zur Ewigkeit. Man sehe die schöne Stelle im Timäus, Edit. Bipont. pag. 317., die ich hier, in der Uebersetzung,
beyfüge: „Diese Eigenschaft (das Ewige nemlich) ließ sich auf das Erschaffene in ihrem ganzen Umfange durchaus nicht übertragen; deßhalb fiel er darauf, ein bewegliches Bild der Ewigkeit
auszusinnen, und indem er zugleich den Himmel ausschmückte, die in Einheit verharrende Unendlichkeit, an einem gleich unendlichen und in Zahlen kreisenden Bilde, welches wir die Zeit nennen,
auszudrücken: Tage und Nächte, Monate und Jahre waren, bevor der Himmel entstand, noch nicht geworden: darum hieß er sie jetzo zugleich mit jener Entstehung künstlich hervorgehen. Doch sind sie
insgesammt nur Dimensionen der Zeit, und es ist daher unschicklich, solche Eintheilungen des Entstandenen, als: „er war,“ oder: „er wird seyn“ unvermerkt auf den Ewigen zu übertragen. Zwar reden
wir von ihm, wie von Einem, der war, ist, und der seyn wird, wiewohl, vernünftig gesprochen, ihm nur das „ist“ allein zukömmt; denn das „war“ oder das „seyn werden,“ diesen gedoppelten Antrieb,
legt man besser jenen sich in der Zeit bewegenden Geburten bey: dem ewig Unbeweglichen steht es nicht an, irgend einmal jünger oder älter, entweder zu werden, oder bereits geworden oder noch
zukünftig zu seyn u. s. w.“ {257}
Zweyter Aufzug. Dritter Auftritt.
„Gar Mühlenräder
Müssen wir treiben,
Und ihm entweder
Das Korn zerreiben,
Womit die Polacken
Kommeggen und Schmacken
Im Frühling bepacken:“ u.s. w.
Kommeggen sind eine Art platter Halbgefäße in Pohlen, womit die Bewohner die Weichsel herunter kommen. Es ist ein wahres Nomadenleben, das diese Leute hier führen. Ein in die Erde gegrabenes Loch
ist ihr Feuerheerd, und ein zwischen zwey Stangen aufgehangener Kessel vertritt zugleich Tisch und Schüssel. – Morgens und Abends setzen sie sich um das Feuer herum, und warten bis das
Erbsengericht (Groch) fertig ist. Einige bereiten auch wohl Fleisch in Pfannen zum Nachtische. Andere schüren das Feuer, dahlen mit den Marusken, (Frauen), necken vorübergehende Juden, oder
benutzen klug den Augenblick, wo der Edelmann den Rücken kehrte, um mit dem Eingebornen eine Art von Tauschhandel zu treiben, indem sie große Stangen Holz gegen Messingknöpfe umsetzen. – Mit
Armen sind sie sehr mitleidig, und laden sie nicht selten zum Mittagsessen ein. Ist die Ladung abgesetzt: so läßt der Edelmann die Kom- {258}
meggen, die gleich so gebaut sind, daß sie nicht viel mehr, als eine Reise aushalten, voneinanderschlagen, das Holz verkaufen, seine Leute aber zu Fuß nach Hause gegen. – In den Sommermonaten,
Junius, Julius, August, trifft man, längs den Ufern der Weichsel, ganze Karavanen von diesen glücklichen Halbwilden, die sonst, auf ihrem Rückzuge, eine gute Beute für preußische Werber waren.
Das Lieblingsinstrument des Pohlen, eine schnarrende Sackpfeife oder eine muthige Fiedel gehen dem Zuge voran. Hintennach folgt ein Trupp Männer, Weiber und Kinder, in fröhlicher Vermischung;
Mützen, Strohhüte, Bastschuhe, Leinwandkittel, alles bunt durch einander! – Die Art, sich unterwegs durchzuhelfen, ist, wo nicht geistreich, doch oft originell! Unter andern habe ich gesehen, daß
man, in Ermangelung eines wirklichen Bären, einen jungen Polacken in ein Bärenfell nähte, und ihn, in den Ortschaften, die man durchreiste, für Geld und zum Dudelsacke tanzen ließ.
Ebd.
„Das, in durchsichtigen Täucherglocken,
Nach Perlen meine Tiefen durchfischt;
Und, mit der Begeisterung wildem Frohlocken,
Die Todesloose des Seegefecht's mischt,
Daß, ob der Leichen Anblick erschrocken,
Ihr Ufer, das sie so lange benäßt,
Die flüchtige, klagende Welle verläßt.“
Die Neger von Terra firma fischen die Perlen ohne alle Glocke. Sie wohnen zerstreut auf kleinen Inseln. {259}
Hier haben sie ihre Hütten und die zur Fischerey bestimmten Lanchen. Jede Lanche faßt acht, zehn, bis zwanzig Neger. Bey gutem Wetter stechen sie, von einem Aufseher begleitet, in See. Wo sie
Perlen vermuthen, halten sie das Fahrzeug an: doch darf der Grund, wo sie ankern, nicht über zehn bis zwölf Claftern tief seyn. – Mit einem um den Leib befestigten Seile läßt sich der Täucher in
die Tiefe, und nicht lange darauf erscheint er wieder auf der Oberfläche, um Othem zu ziehen, zwey bis drey Muscheln in der Hand; aber nicht immer geht es so glücklich! – Die Hayen, die
Dintenfische, die Mantas wachen, wie der Hesperische Drache, über diese unterirdischen Schätze. Eifersüchtig, so bald sich jemand Fremdes ihrem Elemente naht, rauschen sie hervor, und es beginnt
der furchtbarste Kampf. – Beynahe scheint es, als wären die Taburonen mit von der Natur auf die Leiber der Perlenfischer angewiesen: so oft werden diese ihre Beute. – Ein eben so gefährlicher
Feind dieser Unglücklichen ist der sogenannte Mantelfisch, der davon seinen Namen hat, daß er sich dem, den er anfällt, wie ein Mantel um den Leib wickelt, und nicht eher damit abläßt, als bis er
ihn erstickt hat. – Zwar warnt der Aufseher, der in der Lanche zurückbleibt, so bald er von weitem einen Hayfisch oder Manta gewahr wird, durch einen Ruck am Seile, den unten befindlichen Neger;
zwar zieht dieser sein langes Messer hervor, und wehrt sich so gut er kann: aber das hindert nicht, daß nicht jährlich sehr viele in den Mägen dieser Thiere ihr {260}
Grab finden, oder Arme, Beine und andere Gliedmaßen im Stiche lassen. So viel kostet oft eine Perlenschnur!
Was die Täucherglocke betrifft, so ist man schon frühe darauf gekommen, das Athemholen im Grunde des Meeres durch allerley Vorkehrungen zu erleichtern. – Wie bekannt, läßt ein umgekehrtes Glas,
das man mit seinem ganzen Rande zugleich ins Wasser steckt, keinen Tropfen ein: dieß brachte zuerst auf den Gedanken, durch eine ähnliche Einrichtung, auf dem Boden des Meeres, sich gegen den
Andrang des Wassers zu schützen. Eine Glocke von Metall, die dem Täucher bis an das Knie gienge, mit einem befestigten Sessel in der Mitte, schien das dienlichste Mittel dazu. – William Philips,
der Sohn eines Grobschmidts, aus Nordamerika, der in Boston die Schiffbaukunst erlernt hatte, machte schon im vorletzten Jahrhundert den ersten Versuch, ein reiches, an der Küste von Hispaniola
versunkenes spanisches Schiff auszuleeren, der aber fehlschlug. 1687 ging dieser Mann zum zweyten Male, mit einem Schiff von zweyhundert Tonnen, unter Segel, und war so glücklich, nicht nur den
Platz zu finden, sondern auch Schätze von 200,000 Pfund an Werth heraufzubringen. Dieß machte großes Aufsehen in England, und reizte zu mancher ähnlichen Unternehmung. – 1688 haben sich die
Täucher bey der Insel Mull, unter Anführung eines Grafen Argyll, auf sechzig Fuß tief ins Wasser gewagt, und, nachdem sie eine Stunde und länger darunter geblieben, Ketten, Spangen, Ringe und
andere Kostbarkeiten heraufgebracht. Niemand hat aber diese Er- {261}
findung so vervollkommnet, als Edmund Halley, Sekretair der Londner Gesellschaft. – Der Inhalt der von ihm erfundenen Glocke beträgt 63 englische Kubikfuß. Oben hat sie Fenster, wodurch das Licht
hineinfällt, und da die Luft darin leicht durch's Athemholen verdirbt: so hat er ihr, durch künstlich angebrachte Lederschläuche und einen Hahn, der sich schrauben läßt, sowohl einen Zufluß, als
einen Abfluß zu verschaffen gewußt. Von zwölf Schuh zu zwölf Schuh ließ er sie beym Niederlassen still halten, um durch frisch zugekommene Luft das Wasser zurück zu treiben. Durch dieses Mittel
gelang es ihm, den Grund des Meeres, innerhalb des Glockenrandes, dermaßen auszutrocknen, daß er nicht bis über die Schuhe in Schlamm und Sand trat. Einmal befand er sich, nebst vier andern
Personen, anderthalb Stunden unter Wasser. Ging die See nicht hoch oder unruhig: so konnte er bey dem Lichte, welches das obere Fenster einließ, ganz deutlich Geschriebenes lesen. Bey trüber
Witterung aber, und wo es auch in der Tiefe stockfinster war, schlug er sich Licht an. Wollte er mit seiner Glocke von einem Orte zum andern versetzt seyn: so hatte er zu diesem Zwecke eine
bleyerne Platte, worauf er mit einem eisernen Griffel die nöthigen Verhaltungsbefehle schrieb, und sie dem Schiffsvolke sodann, zugleich mit den ausgeleerten Luftschläuchen, zusandte. Um auch
einen Bothen bey der Hand zu haben, den er unten im Wasser, wenn ihm etwas vorfiele, verschicken könnte, erfand Halley eine bleyerne Täucherkappe, mit angesetzten Augengläsern, vorn übers Gesicht
{262}
zu nehmen. An diese Kappe war eine lange Röhre befestigt, die dem, der sie vorhatte, theils zum Einathmen der Luft, theils zum Leitfaden diente, um sich wieder zur großen Glocke zurück zu finden.
Noch weiß man von einem andern Engländer, der in einem bleyernen Anzuge, der ungefähr ein halbes Oxthoft Luft faßte, nicht allein im Meere, sondern auch in den Zimmern versunkener Schiffe
herumging, und allerhand Waaretn und verlorne Güter daraus nach Gefallen heraufbrachte.
Ebd.
„Also flohen wir traurig Mycale,
Und das meerumgürtete, schöne Milet:
Kaum daß noch Rohrkolb' und Muschelschale
Ihre Stäte dem Wandrer verräth!
Wo, bey geräuſchvoller Waffen Signale,
Manch persisches Ruderschiff unterging:
Da hüpft nun, im scheidenden Abendstrahle,
Auf blühender Distel, manch lockender Fink.“ –
Milet in Ionien lag ehedem am Meere, und hatte vier Seehäfen. Einer davon war so geräumig, daß er große Kriegsflotten fassen konnte. – In Palutscha, einer von den Küsten entfernt gelegenen
Gegend, sieht man noch heut zu Tage die Trümmer: die alles zerstörende Zeit hat aus der Seekarte eine Landkarte gemacht. Man muß daher die Oerter der beyden Seeschlachten, welche die Perser den
Griechen, und die Griechen den Persern, vor Christi Geburt, bey der Insel Lade und dem Vorgebirge Mycale lieferten, wovon die eine die Ionier den Persern {263}
unterwarf, und die andere sie, auf eine Zeitlang, von ihrem Joche befreite, gegenwärtig mitten im festen Lande suchen.
Ebd.
„Eilbothen der alten Mutter Natur,
Die ihr die Luft, ohne Kompaß und Karte,
Mit schreyender Zugvögel Keil, durchreist,
Und die Straße verirrten Krannichen weis't,
Ihr Kinder des Aeolus, die ich erwarte,
Willkommen!“ –
Die Winde bringen nicht allein die Meteore herauf, und versorgen die trockenen Himmelsstriche mit den feuchten Ausdünstungen der Marschländer, sondern sie sind auch zugleich die unsichtbaren
Wegweiser der Zugvögel, von einem Pole zu dem andern. So kommen z. B. in Malta die Brachvögel mit Süd-, die Wachteln aber mit Nordwestwinden. – Um die nehmliche Zeit verdüstern große Züge von
Falken die Luft. Diese sind jedoch nur auf der Durchreise begriffen. Eine andere Bestimmung scheint ihrer zu warten. Sie halten sich nicht auf, sondern kehren erst Mitte Octobers nach Malta
zurück, um sich daselbst häuslich niederzulassen. Später im Herbste regnet auch der Nord- und Nordostwind ganze Schaaren von Schnepfen an die Küsten; wie denn alle diese Erscheinungen ein
fleißiger Beobachter der Natur an Ort und Stelle aufgezeichnet hat. {264}
Dritter Aufzug.
Siebenter Auftritt.
Erfindung des Glases.
„Was ist dieß, gleich geschmolzener Krystall,
Wie wir's, im still gestand'nen Wasserfall,
Oft sahn, zur Winterszeit, wenn, in Krystallgebilden,
Der Frost gelehrig zwingt den Strom sich auszubilden,
Der jegliche Gestalt in sich herüber nimmt,
Wo bläulich ihn ein Häutchen überschwimmt,
Das klar, bis in den Grund gediegen,
In Form erscheint, von Schüsseln, Becken, Krügen,
Zu Stein erstarrt, im Hauch des Boreas?
– Wir nennen es in unsrer Heimath Glas: –
– Und noch verfertigt, aus geschmolznem Sand,
Europa eine andre Art von Waare“ u.s. w.
Das Glas ist eine alte Erfindung, welche man den Phöniciern zuschreibt. Plinius erzählt, daß es durch folgenden Zufall entstanden sey. Phönicische Kaufleute, welche Salpeter auf ihren Schiffen
führten, landeten nicht weit von Sidon, an dem einen Ufer des Flusses Belus. Hier wollten Sie sich ihr Essen bereiten, und da es ihnen an großen Steinen fehlte, um die Kessel höher zu setzen: so
nahmen sie, statt derselben, von ihrer Schiffsladung große Stücke Salpeter, welche sie auf den Sand legten, {265}
und ihre Kessel in diese Vorrichtung brachten. Der Salpeter gerieth darauf in Brand, das Feuer vermischte denselben mit dem feinen Sande, und als die Flamme verlosch, zeigte sich eine
durchsichtige Materie, welche die Grundlage des Glases wurde. – Der vornehmste Stoff des Glases ist Kiesel, welcher deßhalb auch glasartige Erde genennt wird. Könnte man ihn ohne weitern Zusatz
bequem schmelzen: so würde, zur Verfertigung des Glases, auch nichts weiter nöthig seyn; denn die Natur selbst stellt es, aus dieser Erdart, unter der Gestalt des Bergkrystalls, am
allervollkommensten dar. Da aber Kieselerde für sich selbst nicht so leicht in Fluß zu bringen ist: so setzt man Salze hinzu, welche ihren Schmelz befördern.
Ebd.
Erfindung der Mahlerey.
Und noch verherrlicht eine schön’re Kunst
Das Erdendaseyn uns durch Göttergunst
Die Kunst der Micha'l Angelo's und Raphaele,
Die zwingt die Leinwand, daß sie sich beseele;
Durch die ein Götterstrahl im Marmor tagt,
Und die zum Block: steh' auf und wandle! sagt:
Die Sicyonerin erfand sie einst beym Scheiden;
Den Umriß lehrt‘ ihr Vater sie bekleiden,
Und so erschuf, aus Marmor und aus Erz,
Sich Sehnsucht eine Sprache für das Herz.
Ob sturmbeschwingt die Seele zum Cocytus schiffte:
Vom Meißel festgehalten und vom Stifte – {266}
Verblieb, entrissen neidischem Geschick,
Der Züge zarter Abdruck uns zurück,
Nur Schatten sollte Charons Nachen tragen;
Des Schattens Trost auch wollt ein Gott uns nicht versagen:
So lebt und athmet der geliebte Leib
Der holden Braut, und Vater, Mann und Weib.“ –
Ein junges Mädchen, welches ihr Liebhaber auf einige Zeit verlassen mußte, suchte sich, über den Schmerz der Trennung, zu trösten. Sie wird den Schatten ihres Geliebten auf der Wand gewahr,
welchen das Licht einer Lampe dort hinzeichnete. Die Liebe gab ihr den Gedanken ein, sich dieses holde Bild zu verschaffen, indem sie an der Wand eine Linie zog, die diesem Umriß genau folgte.
Die Geschichte fügt hinzu, daß der Vater dieses Mädchens, von dem die Griechen ihre Zeichenkunst datirten, ein Töpfer in Sicyon gewesen und Dibutates geheißen. Dieser habe die Zeichnung seiner
Tochter betrachtet, und sey auf den Einfall gekommen, Thon auf diese Züge zu bringen. Durch dieß Mittel machte er ein Profil von Ton, das er in einem Ofen brannte, So erzählten sich die Griechen
den Ursprung der erhabensten Bilder: wenigstens ist es einer der gefälligsten Kunstmythen.
Ebd.
Entstehung der Perlen.
„Wie nennt ihr diese Tropfen flüß'ges Silber?
– Perlen;
Sturm und Kriege {267}
Ihre Wiege;
Wo das Perlthier sich versteint:
Da erscheint
Ihm ein Feind
Draussen, die gewaltige Bohrmuschel;
Bohrt und hackt: –
Aus der Schale
Silberstrahle;
Aus den Tellen
Silbern quellen,
Ihm zum Trutze,
Sich zum Schutze,
Kleine Tropfen – werden Perlen."
Die Perle ist kein nothwendiger Theil des Thieres, sondern, nach höchst wahrscheinlicher Vermuthung, nur ein Auswuchs. Immer nimmt man wenigstens an den Muscheln, welche Perlen in sich
verschlossen, eine Art Verletzung wahr. Sie besteht in kleinen runden Löchern, (Tellen), die von gewissen Bohrmuscheln in die Schalen der Perlthiere gebohrt werden, um diese auszusaugen. Das
Thier, welches die Gefahr, in die es geräth, inne wird, conterminirt entgegen, und bildet sich, vor jenen, in der Perl, eine zweyte Art von Schutzwehr. Noch gibt es auch andre Ursachen ihrer
Entstehung. Die Muschel öffnet sich oft im Sonnenschein und bey sommrichter Witterung. Wie leicht kann da ein Steinchen, oder andrer spitziger Körper in ihr Haus kommen, der dem zartan Thierchen,
das ohne andere Bedeckung, als die seiner {268}
Schale lebt, äusserst beschwerlich wird. Da ihm noch überdem, es heraus zu schaffen, alle Gliedmaßen fehlen: bleibt ihm beynah nichts übrig, als es nach Art der Bienen, wie die mit Wachs, so mit
Perl- und Muschelkalk, was ihm einen unangenehmen Anstoß gibt, zu überziehen.
Von den Perlenfischern in Indien ist es bekannt, daß sie die Perlmuscheln, durch Verletzung, durch Hereinwerfen von Steinchen und spitzigen Körpern, zur Erzeugung von Perlen zu zwingen pflegen.
Linné, dieser berühmte Naturforscher, besaß ein Geheimniß, womit er sehr zurück hielt, und was er hernach einem schwedischen Kaufmann um eine beträchtliche Summe verhandelte, was auch darin
bestand, sich einen ergiebigen Perlenfang zu verschaffen, und vermuthlich hat eben dieser, oder ein ähnlicher Kunstgriff dabey zu Grunde gelegen.
Ebd.
Entstehung der Korallen.
„Auch diese kleine Korallenschnur
Schuf in der Sündfluch einst Natur. –
Geh', sprach, im Sturm,
Sie einst zum Wurm,
Und bau' mir einige Inseln in der Südsee.“
„Und der Wurm – er ging,
Auf Natur ihren Wink –
Baut‘ und baute unverdrossen,
Und Aeonen sind verflossen:
Plötzlich des Meeres Schooße grau, {269}
Sieh, entsteigt der Wunderbau,
Von des Himmels Silberthau
Uebergossen. –
Blumen sprossen;
Vöglein tragen ihre Speise,
Bringen Beeren auf's Gehäuse;
Wachsen Pflanzen;
Fischlein tanzen;
Winde blasen;
Heerden grasen;
Schafe blöcken; Menschen landen;
Wehen Wimpel; Schiffe stranden;
Und im stillen Ocean
Hat der Wurm sein Werk gethan;
Trägt auf seinem Rücken Thurm und Erker;
Trägt der Menschen und der Mäuler Werker.“
Die Koralle gehört zu den Zoophyten, oder Pflanzenthieren, die, ihrer äußerlichen Gestalt nach, Wuchs und Bau mit den Pflanzen gemein haben, und doch dabey, durch willkührliche Bewegung und
Empfindung, sich zu thierähnlichen Geschöpfen erheben. Einige sehen wie Pflanzen; noch andere wie Stauden; und wieder andere wie Moose und Blumen aus. Von der thierischen Natur dieser Seeprodukte
kann man sich nicht nur durch Vergrößerungsgläser, sondern auch, wenn man sie faulen läßt, oder verbrennt, durch den Geruch überzeugen. Gehen sie nehmlich in Fäulniß über: so geben sie einen
fischigten; verbrennt man sie aber: so geben sie einen {270}
hornartigen Geruch von sich. Wie die Pflanzen: so sieht man auch die Korallen sich um fremde Körper anschlingen, und sie gleichsam umspinnen und überwachsen. Die abgeschnittenen Zweige gewisser
Stauden- und Hornkorallen treiben auch, nach dem Abschnitt, pflanzenmäßig fort. Der Sinn des Gefühl's indeß scheint bey ihnen den Sinn aller übrigen zu vertreten. Um Otaheite und an den
Südseeinseln erblickt man ganze Wände, Riffen und Mauern von Korallen, die Cooks Schiff mehr Mal in Gefahr setzten, daran zu scheitern. Sie ragen vom Meergrunde bis zur Oberfläche desselben
hervor, und hemmen die Schifffarth oft so, daß man zu den von ihnen eingefaßten Inseln nicht würde kommen können, wenn nicht hier und da eine Oeffnung den freyen Durchgang eines Seegels
verstattete. Man vermuthet, nicht ohne Wahrscheinlichkeit, daß mehrere Inseln der Südsee aus diesen Korallenprodukten selbst ihren Ursprung genommen. Reichten nehmlich die Gehäuse erst bis an die
Oberfläche: so konnte leicht vom Meer allerley angeschwemmt werden, das sie allmählig bedüngte, und, unter dem Einflusse der Sonne und des Wassers, zu einer fruchtbaren Land- und Gartenerde
bereitete. Vom Wind verstreute, oder auch von Vögeln hingebrachte Samenkörner beförderten nach und nach den Bau einer mit Pflanzen, Blumen und Früchten besetzten Insel, die, ihrer Natur nach,
fester Boden zu seyn scheint, in der That aber durch die Korallen, diese ersten Werkmeister der Natur, entstanden ist. In den Urzeiten einer gänzlichen {271}
Ueberschwemmung des Erdbodens – als ein Denkmal ihres Fleißes steht der ungeheure, mächtige Korallenfelsen, mitten im Harz – spielten gewiß diese Würmer, Jahrtausende hindurch, eine Hauptrolle.
Das Verfahren, das sie in ihrer Bauart beobachten, ist folgendes: Eine einzige Polype, die sich einer Klippe, einem Stein, einer Schnecke, oder einem andern im Meer schwimmenden Körper ansetzt,
nährt und bildet sich sodann, durch den allen Schalthieren, auch den Schnecken, gewöhnlichen Fortschritt, aus dem Flüssigen in’s Veste, eine Zelle aus erhärtendem Steinsaft. Diese Zelle bezieht
Anfangs ein Eremite; doch um ihn sammelt sich bald eine ganze Familie, bis, Stockwerk über Stockwerk aufgesetzt, der unermeßliche Meerfels, ein Bollwerk aller Gescheiterten, und ein Schrecken
aller Schifffahrer, dasteht, vom Ankergrunde des Oceans bis zur Oberfläche desselben, in drohenden Zacken, erhoben.
Dritter Aufzug. Achter Auftritt.
Umlauf der Erde.
„Will am Aequaror Luft den Lauf verkürzen:
Ist sie gezwungen, Meilen nachzustürzen;
Und eh' du deine Hand erhebst zum Gruß,
Den Mund zum Sprechen und zum Gehn den Fuß:
Bist du, mit Meer und Fluß und Bergeshaufen,
Dir unbewußt, vier Meilen schon gelaufen.“ {272}
Es ist buchstäblich wahr, wenn es gleich zu hören lustig genug klingt, daß, bey dem schnellen Umlauf unsrer Erde, wenn uns Jemand begegnet, der uns grüßt, eh' er Zeit hat, den Hut wieder
aufzusetzen, er bereits vier Meilen im bloßen Kopfe gelaufen ist. Bey der heißen Zone, oder zwischen den Wendezirkeln, will man einen beständig wehenden Ostwind bemerken, der von dem Umdrehen der
Erdkugel, von Westen nach Osten zu, herrühren soll: der Umschwung ist nehmlich dort so stark, daß die Luft der Erdkugel nicht nach kann. Vier deutsche Meilen werden überhaupt von der Erde in
jeglicher Secunde zurückgelegt.
Ebd.
Ursprung der Mathematik, Geometrie und Astronomie.
„ – Doch du nennst den Erdball rund:
Welch Zeichen that dir dieß Geheimniß kund?
R.
– Es giebt der Zeichen viel, um dieß zu wissen:
Zuerst bemerkt' ich stets, bey Mondesfinsternissen,
Daß sich des Erdball's Schatten, rund und scharf,
Rein abgezogen, in den Mondkreis warf;
Nun schwimmt im Mondball so des Erdball's Ründung:
Beweist dieß klar ja seine eigne Ründung. –
So ferner auch erblickt der Schiffersmann
Den Mast zuerst von Schiffen, welche nahn;
Doch will der Horizont sich mehr erhellen; {273}
Sieht er den Wind des Schiffes Segel schwellen;
Und naht er einer Insel, oder Stadt,
Von wo er einen Thurm gesehen hat:
Verliert, wohin er seinen Curs auch richte,
Er diesen stets zuletzt aus dem Gesichte.“
Der Ursprung der Astronomie und Geometrie, in der ersten Kindheit des Menschenalters, hat was ungemein Rührendes. „Der Geist, sagt ein berühmter Schriftsteller, er hebt sich, mit seiner
Geometrie, von der Erde, wo er die Spanne Land maß, das seine thierischen Bedürfnisse hervorbrachte, zu dem Himmel, wo er Weltsysteme mißt, und von der kümmerlichen Maschine seiner beschränkten
Kunst zu der unermeßliclien Weltmaschine, die das Werk der höchsten Vernunft und der unerforschlichsten göttlichen Weisheit ist.“ Frühe leitete das Reisen auf unserm Erdball, zu See und zu Land,
auf Betrachtungen über ihn, seine Natur und Beschaffenheit. Sobald man nehmlich anfing weite Pilgerschaften vorzunehmen, bemerkte man in der Ferne, wie sich, selbst auf scheinbaren Flächen,
zuerst die Spitze der Anhöhen, denen man sich näherte, dann die Mitte und zuletzt der Fuß zeigte: Wenn man z. B. auf dem Meer fuhr: so ward man immer erst wehende Wimpel und Flaggen, ein
schwellendes Segel, alsdann das Schiff selber gewahr. So erschien es dem Aug' am Horizont, wie als ob es unten herum von einem Berg heraufkäme. Bey der Abfahrt von einer Stadt, oder einem Hafen,
schwinden auch immer vorher die Häuser, die Ufer mit Bäumen, und erst später die Ma- {274}
sten, und Stadtthürme aus dem Gesichte. Aus allen diesen Kennzeichen schloß man mit Zuverlässigkeit, daß die Erde keine vollkommene Fläche seyn könne, und gar bald erhielt auch diese Vermuthung,
in den Mondfinsternissen, ihre volle Bestätigung. Hier zeigte sich nemlich, bey der Betrachtung, daß unser Erdball in die Mondscheibe keinen flachen, sondern einen länglicht runden Schatten warf;
Beweis genug, daß er, seiner Gestalt nach, einer Kugelform am nächsten komme. Ueberhaupt ist er, wie Kästner bemerkt, zu einem Observatorium vortrefflich gelegen. Unser Planet, sagt er, hat,
unter allen, gerade die bequemste Lage, die Ordnung des Weltgebäudes und die Ordnung der Planetenbahnen zu bestimmen. Das ab- und zunehmende Licht der Venus und des Mercur überführt uns, daß es
Planeten gibt, die sich um die Sonne drehen. Mercur kann keinen Schluß dieser Art machen, wofern er keinen Weltkörper unter sich sieht. Mercur und Mars haben keine solchen Begleiter, so viel uns
bewußt ist, aus deren periodischem ab- und zunehmenden Lichte, Verfinsterungen und Flecken, sie auf die Natur der andern Himmelskörper schließen könnten. Dem Jupiter und Saturn verschwinden,
allem Ansehn nach, die kleinen Kugeln, die der Sonne näher sind. Nur wir erkennen es, daß wir uns, in einer Gesellschaft von achtzehn Monden und sechs Planeten (diese Zahl hat seit dem einen
beträchtlichen Zuwachs erhalten), um die Sonne drehen. Wenige von ihnen mögen etwas von einem Punct wissen, von dem oft ein Theilchen, unter viele Völker, mit Feuer und Schwert {275}
getheilt wird. Nur wir können von den Bewegungen und Eigenschaften der Weltkörper Wahrheit festsetzen. Der Schöpfer hat uns ein bequemes Observatorium gegeben.“ –
Wie übrigens die Nothdurft und der Zufall den größten Erfindungen den Weg bahnte, ist schon oben berührt worden. Astronomie, wie die Poesie, ist ein Kind des Müssigganges, und mitten in der
Natur, unter glücklichen Hirten, geboren. Es dauerte indessen lange genug, eh’ man die Sterne, deren Schimmer das kindliche Auge anzog und ergötzte, anders, als wie an das Firmament geheftete,
goldne Nägel zu betrachten anfing. Chaldäa – die große Ebene Sinear, der Fluß Euphrat sind von Einigen mit Recht die Geburtswiege der Astronomie genannt worden. – Ein fast nie durch Wolken
verhüllter, ausgestirnter, heitrer Himmel schien die Hirten zu freywilligen Betrachtungen seiner Schönheiten einzuladen:
„O seliges Vergnügen, wann der Tag
Am längsten währt, vom grauen Bergesrücken
Zur blauen Himmelsdecke aufzublicken;
Zu zählen, in entwölkten Mondes Klar,
Unzähliger Gestirne goldne Schaar;
Die Deichsel und den Sternenwagen drüben;
Die stillbefreundeten und heitern Sieben,
Und jenen, der, von seiner lichten Bahn,
Dem müden Tage sagt die Vesper an;
Dich, holder Abendstern, dich zu begrüssen,
Wann Wellen zitternd deine Strahlen küssen;
Wann, wie aus einem Nebel, still verklärt, {276}
Dein milder Schein aus Westen wiederkehrt:
All' seyd ihr liebe Freund' uns und Bekannte,
Zu denen sich das Aug' oft sehnend wandte;
Ja seh' ich euern wundervollen Lauf,
Geht meiner Seel' ein mächtig Ahnden auf,
Von andern Monden, einer andern Erde:
Verschwunden ist mir meine kleine Heerde;
Die Welt ein unscheinbarer Punct im Blau!
Wie Tag erglänzt der Klippen Nebelgrau!
Da ist mir, steh' ich unten an dem Meere,
Als ob ich jenseit tausend Stimmen höre,
Als rührte sich das Frühgewerbe dort,
Und leuchtete die Sonne fort und fort;
Als zitterte, entlang des Meeres Wellen,
Ein andres Land der Vollmond aufzuhellen –“ u. s. w.
–––
Die große Hitze, die den Wanderer, in den dortigen Himmelsstrichen, nöthiget, seine Reisen, mit Pferden und Kamelen, bey Nacht vorzunehmen, führte ebenfalls darauf, sich, in diesen Excursionen,
nach dem Stand der Gestirne zu richten. Auch da, wo Wirbelwinde den Fußsteig verwehten, fand man an den Sternen sichere Wegweiser. Nicht minder kam ihr periodischer Wechsel dem Landmann zu gut,
der, vor der Tagesgluth zu ihnen geflüchtet, seine Feldarheiten in den still heitern Nächten beendigte, und Saat, wie Bestellzeit, nach dem Eintritt dieser himmlischen Lichter abmaß. Anderswo
trieb die Noth zu andern Maaßregeln: Der Nil überschwemmte das Land – {277}
verrückte die Grenzen: die Markungen zu bestimmen, wurde das Feld gemessen: und so entstand die Geometrie, die, in allmähliger Entwickelung, von der Pflugschar zu den erhabensten Instrumenten der
Stern- und Himmelskunst überging. Auf diese Art entschleyerte sich die Natur ihren Söhnen, die sie auch in der ersten Erscheinung nicht verachteten, zuletzt in der verklärtesten und würdigsten
Vertraulichkeit.
Gesetz der Schwere – Penduluhr – Newtons Apfel. –
„Zwey ungeheure, wirksam rege Kräfte:
Sie theilen sich in's große Weltgeschäfte,
Wie Licht und Nacht: Bewegung ist ihr Ziel:
Sieh, unsichtbar, an eines Fadens Spiel,
Gleich Vöglein, hält uns eine Kraft am Boden:
Des Sturmwind's Lauf, den Regen, Zephyrs Oden,
Den Schnee, der Quellen Fluß, den Ocean
Zieht sie, nach ewigen Gesetzen, an:
Doch wären wir ihr gänzlich unterthan:
Dann stockte plötzlich jegliche Bewegung:
In Wasser, Erd' und Lüften keine Regung;
Kein Vogel mehr, der hüpfte im Gesträuch;
Kein Fisch mehr, welcher plätscherte im Teich:
Auch kein Planeten-Umlauf wär' vorhanden:
Die Menschen eingewurzelt, wo sie standen,
Und Sonn' und Mond, wie in ein Buch gerollt,
Zusammt dem Erdball, dem sie Licht gezollt,
Bis jenseit des Orions Sternenstraße, {278}
In einer großen Gluth- und Feuermasse:
Doch weise bog Natur dem Unfall vor:
Eröffnet weit ist der Bewegung Thor,
Und von des goldnen Sonnenlichtes Wogen
Wird jeder Körper hoch empor gezogen: –
Sieh, klaftertief, gestaltlos brütend liegt
Der Schwere Reich zum Mittelpunct herunter:
Doch, von des Lichtes Einfluß schnell besiegt,
Erlebt ihr Haupt die Pflanze fröhlich munter;
Und tritt im Lenz die Sonn' auf's Neu hervor:
Da flüstern Rohr und Kalmus laut empor;
Und jedes Kind des Sumpf's, daß es erwarme,
Streckt brünstig aus zu ihr die grünen Arme.
Der Stoff gehorcht der Pendel schwerem Schlag:
Das Licht verkündiget den heitern Tag,
Und zwingt den Stoff, im dunkeln Reich der Schwere,
Daß er in Ton und Farben sich verkläre:
So wird entschleunigt eines Apfels Fall
Ein Mondumlauf, entfernt vom Erdenball.“
Der große Dualismus, in Ruhe und Bewegung, wie er sich in Licht und in Schwere äußert, ist höchst merkwürdig. Wenn das eine dieser Grundprincipien an die gebährende Materie: so erinnert das
zweyte an den Geist, das Licht und den zeugenden Gedanken. – Da eine Schöpfung aus Nichts überhaupt zu den ungereimtesten Vorstellungen gehört, die in eines Menschen Hirn gekommen sind: so dürfte
es vor der Hand mit diesem ewigen Gegensatz, gleichsam {279}
wie mit Mann und Weib, dem ewig Ursprünglichen und Bedingenden der Natur, sein Bewenden haben. Wie das Eine ohne das Andre geistlos: so würde das Andre, für sich allein, formlos erscheinen; ihre
Vereinigung, in einer und derselben Gestalt, ist eben der Triumph des bildenden Geistes, der durch das ganze Universum geht, und sein Siegel Allem, was da ist, aufdrückt. – Die Geschichte von
Newtons Apfel ist bekannt. – Madam Conduit, Newtons Nichte, pflegte diesen Vorfall auf folgende Art zu erzählen.
Im Jahr 1666 hatte sich Newton auf das Land begeben, und lag daselbst unter einem Apfelbaum. Indem er eine Frucht aus dem Gipfel desselben herunter fallen sah: stellte Er darüber zufällige
Betrachtungen an. Er verlängerte nemlich im Geist die Linie des Fall's von dem Apfel, und zog sie bis in den Mittelpunct des Erdballes. Er fragte sich selbst: was ist dieß für eine Kraft, der
alle willkührlich ersonnenen Wirbel des Cartesius unmöglich zu einer Basis oder Ursache dienen können. Sie hat Einwirkung auf alle Körper, und zwar nach Maßgabe ihrer Massen, nicht ihrer Flächen;
auch auf diesen Apfel würde sie fortfahren einzuwirken, wenn er auch dreytausend, wenn er auch zehntausend Klaftern erhoben wäre. Ist dem so: so muß eine Linie, von Einwirkung des Fall's der
Körper, von der Mondkugel bis in den Mittelpunct des Erdballs sich ziehen lassen. Am Ende, ist wohl gar das, was die Monde des Jupiters um den Jupiter, und was die Erde um die Sonne treibt, eine
und {280}
dieselbe Kraft mit der, die auch diesen Apfel fallen macht. Der Apfel also, an Mondes Statt gedacht und befestigt, bahnte den Weg zu den erhabensten Vernunftschlüssen, auf welche gestützt, Newton
dergestalt fortschloß: „Da der Mond etwa 60 Mal weiter, als die Körper bei uns, vom Mittelpunct der Erde entfernt ist: so muß er 60 Mal 60 Mal, oder 3600 Mal leichter, als dieselben seyn;
folglich, in einer Secunde, den 36hundertsten Theil von 15 ½ Fuß, [Durch richtig schlagende Pendeluhren hatte man schon längst gefunden, daß ein Körper, zunächst an der Erdoberfläche, in der
ersten Secunde seines Falls 15 ½ Fuß fällt; und da die Bewegung fallender Körper durch die Schwere gleichförmig beschleunigt wird; so müssen, wie Galiläi zuerst bewiesen, die durchgefallenen
Räume mit dem Quadrate der Zeit in Verhältniß stehen, oder, nach 2 Secunden muß der Körper 4 Mal so weit, als in der ersten, nach 3 Secunden 9 Mal so weit,als in der ersten, herunter gefallen
seyn.] nemlich 1/239 stel Fuß gegen die Erde fallen. Hieraus läßt sich berechnen, daß der Mond 27 Tage 8 Stunden zu seinem Umlauf braucht; woraus deutlich erhellt, daß die Schwere, oder
anziehende Kraft der Erde, den Mond in seiner Bahn erhält.“ – – –
Der Einfluß der Pendeluhr, für Bestimmung der Form unsers Erdball's, ist nicht weniger merkwürdig. Man hatte bis dahin den Erdball völlig rund, und wie eine Kugel, geglaubt: Erfahrungen, die auf
Schlüsse leiteten, zeigten es anders. Im Jahr 1672 machte Richer, ein Franzos, auf Veranlassung Ludwig des 14. und unter {281}
Colberts Auspicien, eine Reise nach dem seit jener Zeit auf andere Art berühmt gewordenen Cayenne, nahe bei der Linie. Unter vielen Beobachtungen, die er dort anstellte, fand er auch, daß seine
Penduluhr nicht mehr so häufig vibrirte, als unter der Pariser Breite. Er sah sich sogar genöthigt, damit sie nur ihre gewöhnlichen Schläge fortthäte, sie, um eine und eine Viertellinie, zu
verkürzen. Man forschte nach Ursach und Grund dieser sonderbaren Abweichung, und kein Mensch ahndete Anfangs, daß sich, aus diesem so geringfügigen Umstand, das wichtigste Resultat für Figur und
richtige Bestimmung der Form unsers Erdball's ergeben würde; dennoch geschah es so. Der Vorwitz einiger Stubengelehrten meinte zwar, daß die Hitze der Linie (denn Cayenne liegt nur fünf Grad
nördlich vom Aequator) und ihr Einfluß auf die Metallruthe die Verringerung des Pendulschlag's bewirke; aber diese Vermuthung hielt nicht Stich. Nicht lange darauf nemlich (unter Ludwig dem 15.)
reisten auch ein Paar Akademiker jenseit des Polarcirkels. Diese fanden zu Pello, daß man, um die gewöhnlichen Schläge der Penduluhr, dort, wie zu Paris, zu erhalten, sie um ein beträchtliches
verlängern mußte, welches denn natürlich, zu folgendem Schluß leitete: Da der Schlag der Pendul überhaupt ein Resultat der Schwere ist, die, mit der größeren oder geringeren Entfernung vom
Mittelpunct des Erdball's, ab- und zunimmt: so beweist der Umstand, daß die Pendul, unter dem Aequator, schwächer schlägt, als an den Polen, daß die Pole dem Mittelpunct der Erde {282}
näher seyn müssen, als der Aequator. Folglich kann der Erdball auch nicht vollkommen rund, sondern muß ein an den Polen eingedrücktes und abgeplattetes Sphäroid seyn: und so fand es sich, nach
den sorgfältigst angestellten Vermessungen, denn auch wirklich.
Ebbe und Fluth.
„Sieh, der Aequator muß der Pendul Schlag verkürzen:
Dort droht, das Meer sich in den Mond zu stürzen;
Denn unter zwey Gestirnen geht sein Weg:
Die ziehen es vom alten Erdball weg; –“
Die Erde dreht sich um ihre Achse; die Wasser die sie umgeben, drehen sich gleichfalls mit ihr herum. In jedem Sphäroid, das sich um eine Achse bewegt, hat der größte Cirkel immer die heftigste
Bewegung. Die Gewässer des Meeres erheben sich also in der Gegend des Aequators, schon bloß vermöge der Fliehkraft; und nicht nur das Wasser, sondern auch sogar das ganze feste Land, die gesammte
Erdmasse, man möchte beynah sagen, die Thiere ebenfalls, steigen in sichtlichen und nothwendigen Erhöhungen. Die größten Berge sind dort anzutreffen. Alle diese Erd- und Wassertheile nun wurde
die Fliehkraft mit sich davon führen, wenn nicht die dem Erdball inwohnende Ziehkraft ihr gleichsam das Gegengewicht hielte. Durch diese ist Alles, was da ist, an den Erdboden gefesselt, und, wie
mit ehernen Ketten, angelegt. Die Nähe der Sonne und des Mondes, in deren Nachbarschaft der Acquator liegt, vermehrt natürlich noch die schon durch die bloße Fliehkraft bewirkte Anschwel-
{283}
lung der Gewässer, [Weil, in Rücksicht auf die Sonne, der Erdball wieder nur dieselbigen Gesetze, die ein Staubkorn, im Fall gegen seinen eigenen Mittelpunct, befolgt.] und es müssen eben darum
hier die stärksten Ebben und Fluthen seyn. Angenommen nun, daß der Sonn' und dem Monde auf Ebb’ und Fluth ein Einfluß zugestanden wird, und zugestanden werden muß: so wird dieser Einfluß sich am
stärksten äußern, wenn beyde Himmelskörper in vereinter, und am geringsten, wenn sie in getrennter Wirkung gegen den Erdball verfahren. — Und so bestätigt es auch die Erfahrung. – Die stärksten
Ebben und Fluthen ergießen sich im Neumond des Aequinoctiums, wo der Mond sich mit der Sonne vis-à-vis gegen die Erde befindet; die schwächsten aber, in den Vierteln des Aequinoctiums, wo die
Sonne sich noch ungefähr über dem Aequator verweilt, der Mond aber seitab und weit davon ist. Dem Weltmeer begegnet sodann, was einer Last begegnet, die, in verschiedener Richtung, von zwey
Pferden gezogen wird, und die nicht von der Stelle kömmt; eben weil eine Wirkung die andere aufhebt.
Wettstreit unter den Bewohnern des Erdballs.
„Wir wandeln auf des Oceanes Brache,
Mit dreyfach abgetheiltem Vorgemache:
Luft, Erd' und Wasser sind, vor der Natur,
Ein Haus, mit unterschiednem Stockwerk, nur; {284}
Denn tauften Fische diesen Erdenhaufen:
Sie würden alsobald ihn Wasser taufen,
Weil jedes Thier, von seinem Element,
Ein Recht erhält, wornach es ihn benennt, –
Der Mensch, im ersten Stock, heißt sein den Erdengürtel;
Der Fisch, im Wasser, spricht: „Mein ist das größte Viertel!"
Indeß, im dritten Stock, der mun’tre Vogel: „Luft,
Nicht Erd' und Wasser ist des Erdballs Name!“ ruft. –
Wie? glaubst du, weil du Bäum' fällst in's Gevierte,
Und deine Hand geschickt den Mörtel rührte:
Du hättest der Natur, zum Eigenthum,
Nur eine Spanne abgewonn'nen Ruhm?
Du irrst, o Mensch; denn sieh, kaum ist dein Bau entstanden:
So schickt Sie ihre alten Abgesandten;
Des Grases Keimen, das im Hof wird wach;
Den Storch, der nimmt Besitz von deinem Dach;
Der Schwalben mụntres Volk, die laut am Gibel schwärmen,
Und die, der Mutter Recht zurück zu fordern, lärmen.“
Es mag schwer seyn, in diesem Rangstreit der Vögel, der Fisch' und der Menschen gehörig zu entscheiden. So auf den ersten Blick indeß möchte wohl der Fisch das mehrste Recht auf seiner Seite
haben; denn da die Meere, auf unserer Erdfläche, 6 1/2 Million Meilen in's Gevierte; die {285}
festen Länder aber noch nicht 2 1/2 Million ausmachen: so scheint ein besonderes Prärogativ der Natur, zu Gunsten der Fische, vorzuwalten. Ein neues Argument könnten jedoch die Vögel von dem
Luftschiffer Garnerin hernehmen. Dieser fand nemlich, in der obersten Luftschichte, worin ein Mensch nur Momente lang im niedrigsten Stand des Quecksilbers aushalten kann, daß sich alle Symptome
eines nahen und schreckbaren Todes bey ihm einstellten. Die Luft, aus einem elastischen Fluidum, ein flüssiges verdünntes Feuer geworden, erlaubte nur noch einzelne und tief geholte Athemzüge: –
aus den Oeffnungen des Mundes, der Nase und der Ohren traten Blutstropfen: – zwey Personen, die neben einander saßen, hatten Mühe, sich in dieser Region, wo der Klang aufhört, verständlich zu
machen: alle Ausgänge im Ballon mußten der brennbaren Luft geöffnet werden, welche mit Geräusch herausfuhr: ohne diese Vorsicht würde die Maschine geplatzt seyn. Einen Schritt weiter, in dieser
unermeßlichen Höhe, und der Vorwitzige, der es wagen wollte, diese von der Natur gezogene Grenzlinie zu überschreiten, würde vielleicht seinen Vorwitz mit dem Tode bezahlen. Man hat, in dieser
critischen Situazion, bloß Zeit, die verdünnte Luft zu ein Paar Athemzügen zu sammeln, und dann einige flüchtige Beobachtungen über den Stand des Thermometers und Barometers anzustellen. Für den
Naturforscher übrigens ist hier der Ort zu einigen Experimenten, die er sonst nur unter dem leeren Raum und dem Recipienten der Luftpumpe zu sehen gewohnt ist. {286}
Wechsel der Farben, nach Wechsel der Zonen.
„Doch wo der Tag sich am Polarkreis will verengern:
Da muß sich auch der Pendul Schlag verlängern;
Denn nah’ des Erdball's Mittelpunkt nimmt Ruh',.
Nimmt Eis am Pol', nimmt Nacht, nimmt Schwerkraft zu.
Hier schwärmt kein farbiges Gefieder in Gehölzen;
Kein Blau, kein Abendgold darf hier die Blumen schmelzen,
Und kein verdichtet Morgenroth umlacht
Die Eisflur Grönlands, in der langen Nacht;
Verärmter ist ihr Farbentopf geworden,
Je weiter sich Natur entfernt nach Norden;
Ihr Gold, ihr Hellblau, von Aequators Höh',
Erlosch in Grün, erstarb zuletzt in Schnee."
Die stärkste Wärme, verbunden mit dem lebhaftesten Einflusse des Licht's, unter dem Aequator und unter den Wendezirkeln, erzeugt die drey lebendigsten Farben Roth, Gelb und Blau. Mit dem
allmähligem Abnehmen des Sonnenlicht's und der Wärme nehmen auch diese drey Farben, an Feinheit und Lebendigkeit, ab, und es erscheinen, je mehr man sich von den heißen Zonen den Polen nähert,
schwächere und gebrochene Farben. Auf die reinen Tinten Orange, Grün und Violett, womit die Pflanzen, unter dem 30 - 50 Grad der Breite, größtentheils prangen, folgen gemischte und gebrochene
Farben, an den Blumen und Gewächsen. Verläßt man die {287}
gemäßigten Zonen, und nähert sich den Polen: so nehmen immer mehr blaßrothe, blaßblaue, hellgelbe und hellviolette Blumen zu, die sich zuletzt, wie die Alpenblumen, in die weiße Schneefarbe
verlieren.
Revolutionen unsers Erdballs.
„Ernst steht der Mensch vor seines Wohnorts Thor:
Es bricht Verwüstung überall hervor,
Kömmt Sündfluth an sein altes Haus zu pochen:
Der Ocean tritt aus – von Türkis, Mammuthsknochen,
Von See- und Landthier ist der Grund gedüngt,
So weit umher des Gräbers Karst erklingt:
Der Elephant kömmt, aus Südindiens Zonen,
Im Nordland, in Sibirien zu wohnen;
Das Crocodil verläßt des Nilstrom's Schlamm,
Und nimmt Besitz von Mastrichts altem Damm;
Und immer tiefer schlafen, immer tiefer,
Der Vorwelt Generationen in dem Schiefer,
Medaillen, auf die Sündfluth einst geprägt,
Wie in ihr Cabinet zurückgelegt,
Von eignen Händen der Natur geschlagen:
So schlafen sie, in Kies- und Muschellagen,
Korallen, Zoophyten- Steingeflecht,
Und sonst manch wunderbar Naturgeschlecht
Erzählt, bey schauerlichem Grubenlichte,
Der grauen Wundervorwelt Urgeschichte.“
Selbst in Thüringen sind die Elephantengerippe nichts Seltenes. Bey Gotha ist noch kürzlich wieder Eins gefunden worden. (Siehe die Ephem. des Herrn v. Zach.) {288}
Es war 1695, als man das erste, bey Burgtonna, unter einem Sandhügel, ausgrub. Beide befanden sich in einer Tiefe von 50 Fuß, wo sich der Mergel schon wieder dem dichten Tuffstein zu nähern
anfängt. Wahrscheinlich war das große Gewicht dieser Thiere die Ursache ihres so tiefen Versinkens. Herr v. Zach vermuthet, daß diese Geschöpfe, bey einer der jüngsten Revolutionen unsers
Erdbodens, durch Landgewässer fortgeschwemmt, und, bey eintretender Ruhe, vom Niederschlag des Wassers bedeckt worden sind. –
So ist auch im Bade Liebenstein zu Meinungen eine Felskammer, mit ungeheuern, jetzt völlig unbekannten Thierknochen angefüllt, die Prof. Blumenbach für Höhlenbären zugehörig erklärte. Die Knochen
des Vorderfußes haben die Stärke von Ochsenknochen.
Der Türkis wird, mit vieler Wahrscheinlichkeit, für den Zahn eines verloren gegangenen Fisches gehalten, den vitriolisches Kupferwasser mineralisirt hat. Er ist von blaugrüner Farbe und nimmt
eine schöne Politur an. Scharf mit Lauge gebeizt, läßt er das Gewebe des Zahn's das er ehedem bezeichnete, deutlich hervortreten. Die Türken schätzen ihn ausserordentlich hoch, und pflegen ihre
Säbelgefäße damit einzulegen. – –
„Noch finden sich fast in allen Ländern der Erde Versteinerungen. Deutschland besonders ist reich daran. Das Hannöverische, Hessische, Mansfeldische, Thüringen u.s. w. enthält davon einen großen
Vorrath. – So sieht man auch in den festen Steinlagen der Flötzgebirge, {289}
im leichten Kalkstein, Schieferthon u. s. w. Seegeschöpfe der Vorwelt, zu denen man sich jetzt vergebens nach den Originalen umsieht. Manche Kalkgebirge, die dermalen festes Land sind, und einst
Meeresboden waren, beherbergen eine auffallende Menge solcher, seit der Sündefluth verloren gegangener, Exemplare. Von der unendlichen Zahl von Conchylien, die sich auf diese Art versteinert
vorfinden, ist selten ihre eigentliche Schale erhalten, Bey den meisten zeigt sich bloß der innere Abdruck des Thieres, so wie sich der Schlamm, oder Steinsaft, der Schale anlegte, sie zerstörte,
und das Innere der Form gleichsam, wie in einem Modell, abnahm. – –
Dieß ist z. B. auch der Fall mit den meisten Ammoniten, oder ehedem sogenannten Ammonshörnern, die ebenfalls in die Classe der Schalthiere gehören, und die man von der Größe eines Sandkorns, und
kleiner, bis zum Umfang eines Wagenrad's, vorfinden kann. – Die Mammuthsknochen. Am Ohio in America gräbt man die Gebeine eines kolossalischen Landthier's aus, das gemeiniglich also genannt wird.
Kein ihm ähnelndes Geschöpf wandelt jetzt in den Reihen der Lebendigen. Die Backenzähne des Mammuths sind von schreckbarer Größe, und scheinen in einer ganz abweichenden Form von allen
vorhandenen Landgeschöpfen ausgeprägt. So wurde auch im Jahr 1777 bey Rom ein Ochsenkopf gefunden, der zwischen beyden Hörnern zwey Fuß und zwey Zoll Abstandsbreite hatte, und wovon die Länge
eines Horn's, nach der Krümmung, vier Fuß betrug; {290}
ein Verhältniß, das auf die unerhörteste Riesengröße des übrigen Körpers hindeutet.
Die Höhle zu Mastricht ist wegen der dort gefundenen versteinerten Crocodilreste ebenfalls sehr berühmt. Die colossalische Größe des Mastrichter Crocodilkopfs, den Camper eben deßhalb für den
eines Wallfisches ausgab, verschmäht jedes dieser Gattung bis jetzt zukommende Maß. Uebrigens ist wegen dieses Crocodils zwischen D. Hofmann, einem verstorbenen Naturforscher in Mastricht, und
einem gewissen Canonicus daselbst ein lächerlicher Streit entstanden. Hofmann hatte nemlich den Kopf, auf seine Kosten, mit sammt dem Block, worin er sich verhaftet befand, von den Bergarbeitern
aus der Höhle herausschaffen lassen. Der Canonicus, der gerade über der Steingrube, wo der Kopf gefunden war, ein Stück Feld besaß, machte, aus diesem Grunde, auf den Fund Anspruch, und er wurde
ihm auch wirklich, von Gerichtswegen, zugesprochen. Als indeß im Jahr 1795 die französischen Truppen Meister des Petersberges wurden, an dessen Fuß der Canonicus ein Landhaus besaß – er pflegte
den in einem saubern Glasschrank daselbst aufbewahrten Crocodilkopf durchreisenden, neugierigen Fremden vorzuzeigen – erinnerte sich der commandirende General, da das Fort St. Peter eben
bombardirt werden sollte, dieser Naturseltenheit und befahl das Landhaus zu schonen. Der Canonicus aber, der dem Frieden oder vielmelır dem Kriege nicht traute, schickte seinen Crocodilkopf
verstohlner Weise {291}
und zur Nachtzeit nach Mastricht. Kaum hatten indeß die Franzosen diese Festung erobert: So wurde auch das Crocodil in Requisizion gesetzt. Sechshundert Bouteillen des besten Weins wurden
demjenigen versprochen, der es unversehrt zur Stelle schaffen würde. Auf dieses Versprechen strömten die Soldaten in alle Stadtviertel: und es dauerte nur bis zum folgenden Morgen, so brachten
schon zwölf Grenadiere dem französischen Requisizionscommissarius den erwünschten Fund vor die Thür, und erhielten die angemessene Belohnung. Gegenwärtig befindet sich dieser Schatz der
Unterwelt, der, mitsammt dem Steinblocke, beynahe 600 Pfund betrug, im Nationalmusäum zu Paris. – Zum Schluß noch ein Paar Worte im Allgemeinen über alle diese Erscheinungen. Die Wanderungen der
verschiedenen See- und Landthiere aus einer Zone in die andere deuten offenbar auf eine allgemeine Ueberschwemmung unsers Erdbodens. Es gab Zeiten, wo das Meer bey Leipzig stand, und es wird sie
vielleicht einst wieder geben: das neptunische System, gehörig verstanden, ist das einzige, woraus sich alle diese seltsamen Naturereignisse, ohne sich in Ungereimtheiten zu verwickeln,
befriedigend erklären lassen; denn in der That klingt es gar zu lustig, wenn einige zu natürliche Naturforscher uns glauben machen wollen, daß die vielen Elephantengerippe in Rußland, Sibirien u.
s. w. anstatt von Katastrophen der Sündfluth, von großen, zwischen den Landeinwohnern und asiatischen Tataren gelieferten Schlachten herrühren. Oder sind denn etwa {292}
auch die Tatarn bey Gotha, Burgtonna und anderwärte in Thüringen gewesen? Und was für Truppen waren es – etwa Mammelucken? – die den Hayfisch und das Crocodil von Mastricht in ihrem Gefolg
führten? Folgende Ansicht eines schätzbaren Deutschen Naturforschers, den ich schon oft in diesem Werk zu benutzen Gelegenheit gehabt, scheint mir einen weit bessern und passenderen Schlüssel für
alle diese Naturgeheimnisse zu enthalten. Außer dem Verdienst, daß er mit Leichtigkeit schließt, besitzt er auch noch das, daß er zugleich der älteste und der ist, dessen bereits die heiligen
Bücher erwähnen: „Wie groß müssen nicht die ehemaligen Katastrophen unsers Erdball's gewesen seyn, da manche Versteinerungen in einer so beträchtlichen Höhe über der jetzigen Meeresfläche; andre
dagegen in einer nicht minder beträchtlichen Tiefe, unter derselben, gefunden werden? Auf den Savoy’schen Alpen fand Herr de Luc, in einer Höhe von 7844 Fuß über der Fläche des Mittelländischen
Meeres, versteinerte Seegeschöpfe, und in Whitehaven, in Cumberland, gräbt man hingegen, mehr als 2000 Fuß tief, unter der Meeresfläche, Abdrücke von Waldgewächsen aus. – Die Versteinerungen sind
offenbar keinen andern Ursachen, als großen Revolutionen des Erdball's, oder doch seiner Oberfläche zuzuschreiben. Ungeheure Einfälle, Versenkungen ganzer Gegenden, Umstürze von Bergen und
Thälern, mit den Bewohnern derselben, gewaltige Ueberschwemmungen, Zurücktritt des Meeres u.s. w. müssen es nothwendig {293}
bewirkt haben, daß organisirte Wesen sich; unter der Erde befinden, deren Aufenthalt sonst die Oberfläche derselben, oder das Wasser ist. Aus dergleichen Revolutionen läßt sich auch die
unermeßliche Menge von theils versteinerten, theils bituminösen Hölzern erklären, die hin und wieder in der Erde gefunden werden. Aus dem Zurücktreten des Meeres begreift sich am natürlichsten,
wie die versteinerten Seegeschöpfe auf hohe Berge gekommen sind. Unläugbar waren sonst viele? (alle) von den jetzt bewohnten Ländern, mit ihren Bergen und Anhöhen, nichts anders als Meeresgrund.
Auch Erderschütterungen, durch unterirdische Feuer, können Versteinerungen veranlassen. Die Art und Weise, wie jene unter der Erde vergrabenen Körper in diesen Zustand übergingen, läßt sich wohl
begreifen. Ihre Lagerstätte muß nothwendig eine Feuchtigkeit enthalten haben, welche in die kleinen Zwischenräume der Körper allmählig eindrang, und die mineralischen Theile, die sie bey sich
führte, darinn absetzte, ohne jedoch die Form des Körpers selbst zu zerstören.“ (Sehen wir doch täglich in den Bergwerken, wie das Cimentwasser in Eisen eindringt, seine Kupfertheile absetzt, und
das Eisen völlig in Kupfer verwandelt.)
Unser Erdball, als Mondkugel.
„Und immer weiter von dem Erdenball,
Da würde dir zuletzt, als Mondenball,
Dein altes Erdenrund mit seinen Thalen,
In friedlich stillem Glanz entgegen strahlen.“ {294}
Da rauhe Oberflächen das Licht nach allen Theilen zurückwerfen: so muß auch unsre Erde, in der Ferne, leuchten, so gut wie die Mondkugel. Auch sieht man, wenn sich der Mond am Abend- oder
Morgenhimmel sichelähnlich erleuchtet zeigt, sehr deutlich, an dem blassen weißlichten Schein, der den dunkeln Theil desselben sichtbar macht, wie unsre Erde die Nächte dieses Weltkörpers
erhellt. Im Neumond nemlich steht der Mond zwischen Erd‘ und Sonne, und wendet uns völlig seine verdunkelte Hälfte zu. Die Nachtseite des Mondes wird aber alsdann von der im vollen Licht
stehenden Erde beschienen. Gewiß geschehen, wenn es dort anders Bewohner gibt, um diese Zeit, zu unsrer Erde im Volllicht häufig Wallfahrten; um so mehr, da die eine Hälfte des Mondes beständig
von uns abgekehrt ist, und uns daher nie zu Gesichte kriegt.
Was dieß Schauspiel noch anziehender machen muß, ist, daß unsere Erdkugel sich den Augen der Mondbewohner im Flächenraum 14 Mal größer darstellt, als die Mondkugel den unsrigen. Ein vierzehn Mal
größerer Mondball aber ist in der That keine gewöhnliche Erscheinung. Doch wird die Beleuchtung nicht immer gleich seyn, sondern nach dem Schnee der Pole, der Lage und dem Stand der Erdkugel, der
Menge der Wälder u. s. w. wechseln. Das Atlantische oder stille Weltmeer z. B., welches das Licht absorbirt, wird machen, daß wir weniger leuchten, als wenn das feste Land, von Africa, Europa,
ganz Asien und America, mit seinen spitzen {295}
Bergketten, die treffliche Reflectoren abgeben, das Licht zurückstrahlt. – Nach Schröters Beobachtungen werden unsere Erdberge von einigen Venusgebirgen drey bis vier Mal an senkrechter Höhe
übertroffen. Schon Lambert fand, daß Venus, in ihrem größten Glanze, nur 3000 Mal schwächer scheine, als der Mond, und daß ihr Schein dem einer angezündeten, etwa 250 Fuß entfernten, Wachskerze
gleiche. Bey hinlänglicher Dunkelheit werfen die Körper der Erdkugel in ihrem Glanze, schon einen Schatten. Alexander Humboldt schrieb nur erst kürzlich noch aus Cumana, in Südamerica: „Der
Himmel ist hier so rein und schön, daß man bey'm Schein der Venus den Vernier mit der Loupe ablesen kann. Ueberhaupt spielt hier Venus die Rolle des Mondes. Sie hat große und bedeutende Höfe, von
zwey Grad im Durchmesser, welche die schönsten Regenbogenfarben spielen." – –
Alles dieß beweist für die eben aufgestellte Behauptung, daß das, durch die hohen Felsen und Erdgebirge verursachte, Volllicht im Monde beträchtlich seyn, und seinen Nächten den heitersten Tag
ertheilen müsse.
Mond - Mondsteine.
Schröters Beobachtungen.
„Dort, wo kein Thau, kein Regentropfen fließt;
Kein Donner hallt und keine Blume sprießt;
Wo nichts ist, als ein wüster Craterhaufen,
Und eine alte Weltuhr, abgelaufen.“
Feuer und Wasser, scheint es, haben im Mondo wech- {296}
selseitig um die Oberherrschaft gekämpft, und das Feuer hat den Sieg behalten. So auf den ersten Blick indeß hält man den Mond für nichts weiter, als für eine ausgebrannte Weltschlacke:
übereinander gestürzte Ringgebirge, Craterhaufen, Felsblöcke u. s. w. scheinen ihn zum Wohnort für lebendige Geschöpfe ganz untauglich zu machen. Daß eine, wiewohl nur kärgliche, und den Felsen
wie abgezwungene Vegetation dort keime, haben Mehrere angenommen; Andere, unter diesen der, um den Mond so verdiente, Oberamtmann Schröter in Lilienthal, finden ihn, mit allen seinen
Unbequemlichkeiten, dennoch zum Wohnort für lebende Wesen nicht so ganz ungeschickt. Wenn man übrigens diese bald flach, bald steil ablaufenden Berg- und Felsrücken, diese durch und unter
einander gestürzten Crater Höhlen, Becken und Vertiefungen in sein Fernrohr aufnimmt: so kann man sich des Gedankens nicht erwehren, daß die bildende Naturkraft hier, im Verhältniß zu der
Kleinheit des Planeten, auf das ungeheuerste aus den Eingeweiden hinaus gewirkt hat; wodurch es auch kommt, daß die Mondberge die der Erde fünf Mal an Größe übertreffen. [Die Gebirge der Erde
steigen, von 100 Fuß zu 3 Meilen, und wohl etwas drüber empor; aber dagegen beträgt auch der Erdhalbmesser 860 Meilen, der Mondhalbmesser nur 230. Nach dem Verhältniß beider Weltkörper sind also
die höchsten Mondgebirge fünf Mal größer.] Auf jeden Fall fehlen diesem trocknen Kreidekörper, von dem die Sonnengluth unbeweglich zurück- {297}
prallt, alle Veranlassungen zu solchen starken atmosphärischen Decken, wie sie sich um unsre Erdkugel vorfinden. Dieß sieht man auch. Sein Dunstkreis ist durchaus von einer andern Beschaffenheit,
d. h. feiner, ätherischer, als der unsrige. Die Erdatmosphäre ist, für sich genommen, nur ein gefärbtes Glas, eine optische Brille, die uns die Natur auf die Nase setzt, und wodurch wir die
Körper, mit ihrem Lichtüberzug, so oder so zu sehen gewohnt sind: andre Brechungen der Lichtstrahlen werden dort auch ein andres Spiel von Farben, an Thieren, Pflanzen, Vögeln und Menschen, wenn
welche da sind, verursachen. Regenbogen, wie Paraplui, dürfte man im Monde kaum von Hörensagen kennen. Ganze Gewerbe, wie z. B. Fischerey und Schiffsbaukunst, müssen völlig eingehen. Leichtigkeit
in der Bewegung indeß, da die Gravitation der Körper, auf des Mondes Oberfläche, nur ⅕ so groß ist, als auf der Oberfläche der Erdkugel, macht auch alle Ortsveränderungen besser von statten
gehen. So muß, nach diesen Gesetzen, da sich die Füße, weniger schwerfältig, fünf Mal leichter im Mond heben lassen, als auf der Erde, auch das Ersteigen der höchsten Mondgebirge um fünf Mal
leichter seyn, als das der höchsten Erdgebirge. Wie er ist, scheint der Mond ein echtes und rechtes Vogelland zu seyn: und warum sollte es nicht auch eben so gut Fisch- und Vogelplaneten geben,
wie es Menschenplaneten gibt? – künftige Landungsplätze der Natur, die zur Zeit nur noch für ein, oder ein Paar Gattungen von Wesen be- {298}
wohnbar sind, und im Universum mit Luft, Licht, oder Wasser, in einem Embryon- und Nebelartigen Zustand herum schwimmen? – Unser wackrer Lilienthaler läßt schon von den Cometen, deren Bewohner in
einem Lichtnebel zu schwimmen scheinen, etwas Aehnliches vermuthen. Und wie? wenn selbst die neu entdeckten Planeten, Pallas und Ceres, nur so ein Paar eben erst neugeborne Weltembryonen wären?
Die Nähe eines ungeheuern Hauptplaneten, wie Jupiter, und die cometenähnliche Bahn, die diese Sterne beschreiten, läßt allerdings so etwas vermuthen. Das Kühnste aber in der Vermuthung ist in den
Werken der Natur oft das getroffenste, Hat doch Doct. Olbers in Bremen, der Entdecker der Pallas, etwas nicht weniger Kühnes dadurch geäußert, daß er beide Planeten für auseinander geschlagene
Stücken eines und desselben Hauptplaneten erklärt. Daß ihre Bahnen sich schneiden, ist ebenfalls eine höchst sonderbare Erscheinung – wenn es zur Vereinigung kömmt, wird es freylich ohne Anstoß
von beiden Seiten nicht abgehen und es steht dabey, wer Recht behält, ob Ceres bey der Pallas, oder Pallas bey der Ceres bleibt. Auf jeden Fall werden sie, auch vereint, für einen Planeten nicht
zu groß seyn. Nach Herschels Berechnungen ist der Durchmesser der Ceres nur 36, der der Pallas gar nur 15 geographische Meilen groß. Beide sind demnach nichts anders, als eine Art von
Taschenplaneten. Das Territorium von Ceres bestimmt Herschel nicht völlig so groß, als das der Preußischen Staaten, {299}
vor den neuen Acquisitionen, und das der Pallas gar nur so groß als Chursachsen. Dieß ist freylich eine wahre Bagatelle, wo von einem Maß, welches man an Himmelskörper anlegt, die Rede ist:
Schröter hat sich ihrer dagegen in etwas angenommen, und beider Territorium um ein beträchtliches erweitert. Wir sehen nähern Nachrichten von dorther, über diese neue Grenzbestimmung, mit
Vergnügen entgegen. Unterdeß spielen die Mondesteine ihre Rolle, und schon haben einige auch diese für kleine Planeten ausgegeben. La Place behauptet, ein Stein aus dem Monde geschleudert bedürfe
nicht mehr, als die fünffache Geschwindigkeit einer 24 pfündigen Kanonenkugel, um zu einer Distanz zu gelangen, wo die anziehende Kraft des Mondes nicht mehr auf ihn wirken könnte: dann gerathe
der Stein sogleich in den Bezirk der Aktivität unsers Globus und müsse auf ihn herabfallen. Da nun der Mond wahrscheinlich große Vulcane habe, seine dünne und wenig ausgebreitete Atmosphäre
hingegen nur schwachen Widerstand leiste: so möchte es wohl zuweilen kommen, daß unser Satellit sich einfallen ließe, mit Steinen nach uns, seinem Hauptplaneten, zu werfen. „In Verona sind im 17
Jahrhundert Steine von 2 bis 300 Pfund, bey heiterm Wetter, aus der Luft gefallen. Sie machten im Fliegen einen schrecklichen Lärm, und schlugen eine mehr Fuß tiefe Grube, in der sie nach dem
Fall erloschen. Die Steine waren gelblicht, leicht zerreibbar und hatten einen Schwefelgeruch." Häufig wird auch sonst noch von den Chro- {300}
niken der aus der Luft gefallenen Steine erwähnt, wovon einige wenigstens ein Geschenk der benachbarten Mondvulcane seyn können. Gegen diese Muthmaßung indeß äußert, wo ich nicht irre, La Place
selbst einige Zweifel. – Er sagt: „Feuerspeyende Berge haben diese Steine ausgeworfen; aber wir besitzen kein einziges ihnen gleiches vulcanisches Product. Sie fallen aus dem Monde: – aber die
Gesetze der Schwere, die dieser arme kleine Planet eben so gut, wie die Erde befolgt, vernichten dieß System. Seine eigene Vermuthung demnach ist, daß diese Massen selbst kleine, winzige
Planeten, Weltembryonen, von circa 2 bis 300 Pfund im Umfange, sind, die im Weltgebäude herum rollen, die Newtonischen Gesetze so lange befolgend, bis ihre Geringfügigkeit sie zu Opfern der
anziehenden Kraft eines andern Planeten macht. Die Mondsteine sind also nun aus gemeinen Steinen zu Planetenkernen, wobey sie an Ehre nichts verlieren werden, förmlich promovirt worden. Was in
dieser Vermuthung unwahrscheinliches ist, dürfte an Wahrscheinlichkeit gewinnen, bey Bekanntschaft mit der Zahl und dem ungeheuern Zeitmaß, das die Natur braucht, um einen solchen Planetenkern,
bis zur Epoche seiner Bewohnbarkeit, durchzuführen: wie viel Perioden und Aeonen mögen wohl verflossen seyn, daß, selbst auf unserm Erdball, nichts als Korallen- und Schalthiergeschlechter ihre
Wohnungen aufschlugen? (Man sehe, was ich oben hierüber vom Harzfelsen gesagt.) Daß wir uns doch, bey unsern Be- {301}
trachtungen über die Schöpfung, nicht von unsrer kleinlichen Zeitrechnung, die wir in die Natur hinüber tragen, entwöhnen können! Ruhig sitzt der heiter bildende Geist des Lichts, Aeonen
hindurch, an den Küsten des Lebens und bildet, fröhlich und freundlich gegen Süden gewendet, Früchte, Vögel und Thiere. Frühe kömmt, er in seine Werkstatt, und erst spät mit dem Abend gehet er
wieder von hinnen. Ihm ist ein Tag, wie tausend Jahr, und tausend Jahr, wie ein Tag: wir aber, mit unsern gemeinen Bestrebungen, gleichen einem rohen Corsarenhaufen:
„Der in sein dumpfes Räuberschiff gepreßt,
In stiller Bucht, die Diebeslandung wagt.“
Was wir von Früchten, Vögeln und Thieren habhaft werden können, stopfen wir begierig in unser Raubschiff: das übrige treten wir gleichgültig und nicht achtend in den Staub:
„Angelangt, auf feuchtem Erdendamm,
Als ich wieder zum Bewußtseyn kam:
Da umstanden, mit Geschrey,
Weiber, Kinder, Eins; Zwey, Drey,
Hundert, Tausend, meine Schritte:
Nahmen mich in ihre Mitte:
So erging ihr Machtgeboth:
Hier ist Korn: – verschaff uns Brot;,
Hier sind Stiere: – schlag' sie todt;
Hier ist Leder: – mach' uns Schuh'!
Narr, was gaffst dem Himmel zu? {302}
Schuh mit Stich, und Kleid mit Nähten,
Armen Erdenvolk vonnöthen,
So vor Frost als Sommersgluth,
Hier vor allem Andern thut:
Mußt es machen, wie wir Alle:
Sorgen für die Pfleg' im Stalle;
Sorgen für den Pflug und Stier:“ –
„So erklang, ihr Zuruf mir,
Denn vertieft in grobe Nahrungssorgen,
Hat der himmlisch schöne Morgen,
Der für mich schon auf den Bergen lag,
Sie bekümmert keinen Tag: –
Da ergriff mich banges Sehnen,
Und ich weint', in stillen Thränen,
Auf dem dunkeln Erdenplan,
Heil'gen Sternlichts Tag heran. –
Endlich hast du nun geendet;
Wieder meinen Lauf gewendet
Zu der schönen Sternenflur:
Habe Dank, o meine Mutter du, Natur!
–––
Was bey uns auf dem Erdball Luft heißt, fließt vielleicht im Mond, wo Alles verdünnter ist, als Wasser, durch die Berge. Wenigstens glaubte Herr Schröter etwas Flußähnliches in den eingetieften
Rillen, Kanälen und Gräben des Mare vaporum (bey Plato) zu entdecken, was sich, in dem Längsten derselben, sogar bis auf 70 geographische Meilen fortzog. So lange Thäler sind auf unsrer
{303}
Erde ohne Beyspiel. „Am sonderbarsten ist, daß diese Rillen oder Kanäle durch Klüfte von Bergen und Cratern hindurch laufen, so daß die Ringgebirge dieser Crater, durch die Rille zertrümmert,
oder auch absichtlich, der Rille wegen, zesprengt scheinen; selbst unter den Bergen ziehen sich diese Einschnitte fort. Sind, wie ein einsichtsvoller Beurtheiler dieser Schröterschen Ansichten
fragend hinzusetzt, dieß Producte der Natur, oder der freyen Thätigkeit lebendiger Wesen? Des Verfassers Beobachtungen setzen allerdings es ausser Zweifel, daß der Mond keine so dichte flüssige
Masse, wie unser Erdwasser hat, und eben so wenig beträchtliche Flüsse, Bergadern und Bergketten, die zu Flußableitern dienen; aber daraus folgt noch nicht, daß der Mond ein ganz trockner
Kreidekörper seyn müsse. Könnten nicht jene langen Kanäle ein Surrogat für unser Wasser enthalten, das zur feinen Mondatmosphäre, in Absicht auf Dichtigkeit, ungefähr in einem ähnlichen
Verhältniß steht, wie unser Erdwasser zur Erdluft? So hätte denn auch der Mond, in einer gewissen Bedeutung, seine Plata- und Amazonenflüsse. –
Selbst durch die Mondalpen, eine eben so zusammenhängende, erhabene Gebirgfläche, wie es unsre Helvetischen Alpen sind, streicht eine solche Rille oder keilförmiges Thal, als eine wahre, zwischen
den Gebirgen befindliche Kluft durch, gleich als ob eine gewaltsame Naturkraft diese Gebirge in gerader Linie durchbrochen hätte.“
Ueber die Beschaffenheit der Luft im Monde finden sich ebenfalls bey Herrn Schröter interessante Bemerkungen. {304}
Eine Dämmerung ist durch ihn so gut, als erwiesen: er hat sogar ihre Ausdehnung gemessen, und daraus die Höhe und Breite der Luftschichten im Monde sinnreich gefolgert. Schröter sah, aus der
Nachtseite des Mondes, mit mattem graulichten Licht, während noch unsere Erddämmerung fortdauerte, eine Stelle nach der andern deutlich hervortreten. – Man übersicht ferner mit einem Blick, daß,
nach Schröters Tafeln, Crater und Randausschnitte zum Theil beträchtlich tiefer sind, als die Atmosphäre hoch ist, und daß demnach in ihnen die Mondluft am dichtesten seyn muß; ferner, daß
zufällige atmosphärische Veränderungen nur in der unteren Bergregion des Mondes, nicht aber an den Gipfeln hoher Randgebirge statt finden können, da letztere weit über die dichtere Luftschicht
erhaben sind.
Auch hat wirklich der Verfasser zufällige Veränderungen, nur in den niedrigen Gegenden, z. B. des Mare Crisium, im Cleomedes, im Posidonius, Gassendus u.s. w. beobachtet. Bey dieser
Beschaffenheit einer so wenig dichten Atmosphäre ist es kein Wunder, wenn es im Monde, so viel Gährungsstoff sich immer aus seinem Innern entwickelt, keine solchen atmosphärischen Producte, wie
unsre Wolken, keine so regulären Ost- und Westwinde gibt, wie bey uns, auf der Venus und dem Mars, und wahrscheinlich auch auf dem Saturn. Ueberhaupt scheint zu eigentlichen Winden der Dunstkreis
des Mondes zu fein. (Ein tropfbarer Thau könnte sich doch wohl aus den Dämpfen der Crater, und – aus diesem wieder Gewächse und {305}
Pflanzen entwickeln; vielleicht könnte, er auch den Seleniten zum Getränk dienen.) Leichtere atmosphärische Dämpfe decken immer nur einzelne, sich nicht weit erstreckende und niedriger liegende
Flächentheile des Mondes, vornehmlich die sanfteren, ebenen Mondgefilde; vielleicht mag einiges von dieser Erscheinung, neben dem, daß es Naturwirkung ist, auch in der Cultur und Geschäftigkeit
der Mondbewohner seinen Grund haben. Die untere Luftregion im Monde ist 28 Mal weniger dicht als bey uns, und die Schwere der Körper auf dem Monde, wie schon bemerkt worden, 5 Mal geringer als
auf der Oberfläche der Erde. Alle körperliche Bewegungen müssen aus diesem Grunde sehr gut, z. B. eine Mondalpenreise eben so leicht, als bey uns eine kleine Fußreiße im Thal vonstatten gehen.
Herr Schröter ist daher auch sehr geneigt, den Mond zu einem Wohnplatz lebendiger und selbst vernünftiger Wesen zu bestimmen; ja er warnt sogar die Sternkundigen hier und da, in seinem
vortrefflichen Werke, mehrmahls, nicht die Wirkungen selenitischer Industrie etwa für Berge und Hügel anzusehen. Zur Erläuterung der verschiedenen Gestalten, in welchen Dinge im Monde, wegen
eines zufälligen Wechsels in seiner Atmosphäre, erscheinen können, denkt sich der Verfasser, die Lilienthaler Landschaft, aus dem Monde betrachtet, zu der Zeit, wo die Bewohner im Monat Junius,
zum Behuf der Cultur, die Mohrfläche abbrennen, und über den ganzen Bezirk sich ein starker Heerrauch verbreitet; müßte da nicht auch einem Beobachter im Monde eine graue Decke über diesem Teile
{306}
des nördlichen Deutschlands zu liegen scheinen, die er zu andern Zeiten nicht wahrnehmen könnte? So können Geschäfte und Umtriebe lebendiger Bewohner große Veränderungen in der uns zugekehrten
Mondfläche bewirken. Am 2. April 1794, Abends gegen 8 Uhr, zeichnete sich, dicht an der westlichen Gränze des Mare vaporum, gegen das mittlere Licht der übrigen Punkte, ein sehr heller, aber
feiner Lichtpunkt aus, der einem glimmenden Fixsternchen glich, und vom Verfasser noch nie an dieser Stelle gesehen worden war. Schon der erste Anblick verrieth, daß dieß kein reflektirtes
Erdlicht seyn konnte, und wirklich war, nach einer guten Viertel- oder halben Stunde der glänzende Punkt auch so ganz verschwunden, daß überall nichts mehr von ihm zu erkennen war, – und daß der
Verfasser nur manchmal vermuthete, nicht in der vorigen Stelle, sondern weiter nach Westen, einen ähnlichen Lichtpunkt zu sehen. Diese Art von Meteor, die gleichsam unter des Verfassers Augen
verschwand, ist ein Gegenstück zu einer ältern parallelen Erscheinung, bey Plato, an den Mondalpen, wo der Verfasser am 26. Sept. 1798 ebenfalls die Lage eines solchen Lichtpunkts kaum bestimmt
hatte, als dieser anfing sich unkenntlich zu machen, und endlich verschwand, auch nachher in zwölf Jahren nie wieder von ihm entdeckt wurde. Wenn dieß frühere Phänomen an den Mondalpen vielleicht
Wirkung der dort immer sehr geschäftigen Natur war: so möchte das neuere, in den milden (und eben daher bewohnbaren) Gegenden des Mare Duporum die Folge willkührlicher oder unwillkührlicher Hand-
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lungen der Mondbewohner seyn: eine Illumination von London, eine brennende Stadt, das Feuerwerk bey einer belagerten Festung, mit Lilienthalischen Reflectoren, aus dem Monde gesehen, würden wohl
einen ähnlichen Anblick geben, wie solche vorübergehende Lichterscheinungen im Monde, von der Erde aus beobachtet.
Die kleinen hügelartigen Gegenstände, die kommen und verschwinden, sind also wohl nicht alle Mondberge oder Mondhügel. Eine Stadt oder Waldung unsrer Erdfläche bey auf- oder untergehender Sonne,
durch eine eben so feine und heitere Atmosphäre, wie die des Mondes ist mit den langen, von Häusern, Bäumen und Thürmen geworfenen Schatten, gesehen, würde der Beobachter aus einem entfernten
Standpunkt ein ähnliches Miniaturgemählde geben, und könnte sich wohl auch als Hügel projiciren. Und eben so veränderlich, wie jene kleinen Hügel im Monde, müßte eine solche Projection
menschlicher Wohnplätze erscheinen, wenn man sie zu dieser oder jener Jahrs- oder Tageszeit, bey dieser oder jener Witterung beobachten wollte. So gab dem Verfasser das 31/2 Meile von ihm
entfernte Hamburg, zu der Tageszeit, wo die Theekessel kochten, und die Wohnungen geheitzt wurden, durchs Fernrohr eine völlig ähnliche Projection; wie ein wirklicher Berg, das Harzgebirge, wenn
es zu rauchen oder zu brauen scheint,
Von der Höhe und Tiefe der Mondgebirge kann man sich ungefähr einen Begriff machen, wenn man hört, daß die Einsenkung des Randgebirges Rook, Christlob Milius {308}
genannt, wenigstens 15 bis 16000 Fuß senkrechter Tiefe in sich begreift. Unser Chimborasso könnte ganz bequem in diesen Kessel hineingesetzt werden.
Merkwürdig ist dabey, daß die höchsten Höhen (von 25000 Fuß.) und die tiefsten Einsenkungen (von wenigstens 3/4 geographische Meile) alle in der südlichen Hälfte des Mondes anzutreffen sind; so
daß also, nach sichern Beobachtungen, auf dem Monde, eben so wie auf der Erde, der Venus und dem Merkur, die südliche Halbkugel die größten Ausbildungen erhalten hat. Bey uns sind Erdbeben
seltene Ereignisse, und noch seltener haben sie einen vollkommenen Ausbruch, eine neue Insel, einen neuen Berg zur Folge; die dichte Erdmasse leistet zu starken Widerstand. Anders Verhält es sich
im Monde, wo die Schwere fünf Mal geringer ist, und gewaltsamen Naturerscheinungen ein weit geringerer Widerstand entgegengesetzt wird. Daher ist auch die ganze Mondfläche beynah immer in einem
ewigen Revolutionszustande; Explosionen und Versenkungen folgen sich Schlag auf Schlag; neue Gegenstände entstehen und schwinden, gleichsam unter den Augen des Beobachters; daher jene unzählige
Menge von Cratern im Monde, von denen ein zweyter in den erstern, ein dritter in den zweyten eingreift, und so, durch eine neue Eruption, die zweyte noch nicht vollendete, wieder zerstört.
Im Jahr 1783 entdeckte Herschel einen hellen Punkt im dunkeln Theil des Mondes, und zwey Berge, die sich vom 4. bis 13ten May bildeten. {309}
Im Jahr 1797 nahm Schröter mit dem 13 füßigen Reflector ganz unvermuthet und mit der größten Deutlichkeit einen neuen Crater im Monde wahr, von dem er bey seinen neunjährigen Beobachtungen, mit
den besten Instrumenten, nie eine Spur gefunden hatte. – Dieser entstand sehr wahrscheinlich zwischen dem 12. Octob. 1796 und dem 6. Febr. 1797. Von dem letztern Zeitpunkt an war er gewöhnlich
immer, und zwar unter ganz verschiedenen, auch ungünstigen Erleuchtungswinkeln, sichtbar; indessen zeigten andere veränderliche Erscheinungen, besonders am 4. Julius, 1797, daß eben dieser neue
Crater, in atmosphärischer Gährung, und vielleicht in neuen Eruptionen begriffen war.
Einen der angenehmsten Anblicke durch das Fernrohr verschafft uns das Aufgehen der Sonne in unbeleuchteten Mondgegenden, wo sie das Haupt der Gebirge bestrahlt, noch ehe sie den Fuß derselben
berührt. Die erhellten Goldpunkte scheinen als einzelne, von dem Dunkeln losgerissene, lichte Flecke hervorzutreten, mit denen das sich verbreitende Licht, wie die Morgenröthe im Monde zunimmt,
immer weiter und weiter läuft. Der Wechsel der Jahrszeiten im Monde dürfte nur unbeträchtlich seyn. Jede Region sieht ohngefähr, im Gleichmaß ihres vierzehntägigen Tages, die Sonne glühend über
ihrem Scheitelpunkt hängen; und eben so lange nimmt sie auch die Nacht in ihren Schatten. Was bey dieser Kürze der Mondjahre, da die Sonne jeden Monat vierzehn Tage, hindurch nur wenig vom
Aequator nach Norden und Süden rückt, von {310}
Früchten und Blumen gedeihen kann, ist schwer zu errathen; eine zeitigere Reifung wenigstens, wie die des Mond's, wenn eine da ist, gibt es gewiß auf dem Erdball nirgends.
Saturn.
„Hier, wo ein Jahr im Umlauf dreißig zählt,
Und wo man, hundert alt, sich erst vermählt.“
Saturn hat sieben Monde zu seiner Begleitung, und das mit großem Rechte, da er erst in 30 Jahren seinen Umlauf um die Sonne vollendet, und es also Länder gibt, wo die Nacht 15 Jahr dauert, eben
so, wie unter den Polen der Erde, die in einem Jahr um die Sonne läuft, es eine sechsmonatliche Nacht gibt. Saturn ist übrigens tausend und dreißig Mal größer als unsre Erdkugel. Sein Ring
vertritt ihm überdem, in seiner Breite, die Stelle einer um den ganzen Himmel zusammenhängenden Mondsichel. Ob aber auch so, mit diesem Ring und mit sieben Monden, die Bewohner der dortigen
Polgegenden Licht genug erhalten werden, ist eine andere Frage. Was die Sonne betrifft: so erscheint diese den Saturniern tausend Mal kleiner, als uns; sie ist also, für ihren Gesichtskreis, nur
ein kleiner, weißer Stern, der mehr schimmert, als wärmt. Wie der Mond ein Vogelland: so scheint dieses hier ein kaltes Fischland zu seyn. Ein Schriftsteller, dem oft amüsante Ansichten über
diese entfernten Weltkörper eigen sind, sagt daher unter anderen: „Versetzen wir die Saturnusbewohner in unsre kältesten Länder nach Grön- oder Lappland: wir würden sie große Schweißtropfen
schwi- {311}
tzen oder vor Hitze umkommen sehen. Hätten sie Wasser auf ihrem Planeten: so wär' es für sie nicht Wasser, sondern polirter Stein, und der bey uns nie gefrierende Weingeist würde bey ihnen so
hart seyn, wie unsere Diamanten."
Jupiter.
„Was sich für ungeheure Länderstrecken,
Im Jupiter, uns überschwemmt entdecken?
Dort, wo sein vierfach Spiel der Abendmond
Beginnt, mit jedem Tag, am Horizont;
Wo bald vereint vier Monden friedlich prangen,
Bald wieder, zwey und zwey, sind aufgehangen.“
Auf der Oberfläche des Jupiters zeigen sich Streifen, womit er gleichsam umwickelt ist. Bald werden diese Streifen schmähler, bald breiter, kurz, diese Abwechslungen, die sich durch ein Fernrohr
beobachten lassen, sind an sich weit wichtiger, (da Jupiter die Erdkugel 3478 Mal an Größe übertrifft,) als wenn bey uns der Ocean das ganze feste Land überschwemmte. Wofern die Bewohner des
Jupiters also nicht Fische und Vögel zugleich sind, d. h. auf dem festen Lande so gut, wie im Wasser leben können; so weiß man nicht, was aus ihnen werden soll. Noch mehr: oft scheinen im Jupiter
sogar große Strecken Länder in Feuer aufzugehen. –
Cassini und Schröter haben diese lichten Flecken beobachtet – dergleichen Katastrophen aber auszudauern, würde nichts Geringeres, als ein Salamander erforderlich seyn. – „Was soll man mit alle
dem von einem Planeten {312}
denken, wo Ueberschwemmungen und Feuersbrünste gewissermaßen zur Tagesordnung gehören?“ Auf jeden Fall müssen die, denen ein solcher Wohnort angewiesen ist, leichter und ätherischer Natur seyn.
Jupiters schneller Umlauf, da er sich, ungeachtet seiner ungeheuern Größe, dennoch in 9 Stunden 56 Minuten um seine Achse wälzt, und seine Nächte ungefähr nur 5stündig, folglich sehr kurz sind,
läßt auch schon so etwas vermuthen, und macht ihn zu einem Aufenthalt lucubrirender Wesen recht wie geschickt und ausersehen. – Die Abwechselung der Jahreszeiten ist auf dem Jupiter auch
unmerklich, weil seine Achse mehrentheils auf der Ebene seiner Laufbahn steht. – Seine 4 Monde verschaffen ihm übrigens das angenehmste Schauspiel. Bald gehen sie alle 4 zugleich auf, und trennen
sich nachher zusehens von einander; bald erscheinen sie alle im Mittagskreise, einer unter dem andern; bald sieht man sie am Himmel alle 4 in gleicher Weite voneinander; bald gehen 2 unter, wenn
2 andere aufgehen – und so fort. Jupiter selbst aber muß den Bewohnern seiner Monde viel Furcht einflößen; denn im 1sten Mond erscheint er über 1000 Mal größer, als bey uns der Mond, und nimmt
über 13 Grad am Himmel ein. Schröter hat besonders beym 4ten Jupitersmond die Zu- und Abnahme des Licht's und des Lichtwechsels augenfällig gefunden. Auch der 2te Jupitersmond war ihm einmal ganz
unsichtbar, und sank bis zu einem bloßen Gedanken herab.
Ueber die Naturanlage der Jupitersmonde hat dieser vortreffliche Beobachter ebenfalls Manches, was von den bis- {313}
herigen Meinungen abweicht. Die oft in solcher Menge, daß der Trabant beynah ganz verfinstert wird, eben so schnell entstandenen, als wieder verschwundenen Flecken zeugen, nach ihm, von einer
Atmosphäre dieser Nebenplaneten, die sehr vielen abwechselnden Modificationen unterworfen, und der phöbischen Beschaffenheit der Atmosphäre ihres Hauptplaneten sehr ähnlich ist. Die
Veränderlichkeit der Streifen im Jupiter scheint also mit dem Veränderlichen der Flecken, auf seinen Trabanten, viele Analogie zu haben, und daß in beiderley Weltkörpern diese Veränderungen nicht
ihre feste Oberfläche, sondern bloß ihren flüssigen Dunstkreis betreffen, scheint eben aus der Schnelligkeit zu folgen, mit der ganze Zonen auf dem Jupiter und seinen Trabanten (wie ob der Wind
die Wolken jagte) in wenigen Tagen nacheinander bedeckt werden, oder sich wieder aufheitern.
Kometen.
„Was in Kometenlichtes Nebel schwimmt,
Und ab und auf den Himmelsumlauf nimmt;
Das bald Jahrhundert lang kein Tag'slicht sahe;
Bald wiederum dem Sonnenlauf so nahe
Sich wagt, daß eine Gluth es unterjocht,
Wovon das Eisen schmilzt und Wasser kocht.“
Die Kometen sind, nach der Belehrung uns'rer Astronomen, gleichfalls zu unserm Sonnengebiet gehörige planetarische Körper, wovon viele die Erde an Größe übertreffen. Sie laufen nicht, wie die
Planeten, in beynah {314}
Zirkellinien, sondern in sehr ovalen. Bahnen, wiewohl nach eben den Gesetzen, um die Sonne. Bald lassen sie sich tief zur Sonne herab, bald aber entfernen sie sich jenseit aller Planetensphären.
Die Zeitdauer ihres Umlaufs geht bey vielen auf Jahrhunderte. Lambert bringt, mäßig gerechnet, 4000 Kometen in unserm Sonnensystem heraus. Nur von ungefähr 90 hat man erst die Bahn auf eine Art
Calcül gebracht. Oft dringen sie, durch alle Planetenbahnen hindurch, bis in das Innerste unsers Sonnensystems; einige laufen zunächst um die Sonne, innerhalb der Merkurbahn. Ihre Nebel und
Schweife, die sich, bey Annäherung an die Sonne, vermehren, zeigen von großer Veränderung auf ihrer Oberfläche. Einige halten diese Kometenschweife für aufsteigende Rauchsäulen; andere für
aufgelöste, wäßrichte Dünste. Der Komet von 1680 kam der Sonne außerordentlich nah, und in seiner Sonnennähe 166 Mal näher, als der Erde. Dieß ist derselbige, der, wenn ein Mal etwas von Kometen
zu besorgen stünde, der Erde am nächsten kommen könnte: inzwischen haben Halley und Newton seine Wiederkunft erst auf 2254 angesetzt. Alsdann aber kann er sich unserm Erdball allerdings bis auf
den doppelten Abstand des Mondes nähern. Da sein Umlauf um die Sonne 574 Jahr erfordert: so fragt, sich, was seine Bewohner in dieser Sonnentfernung anfangen? Eben so problematisch ist es: was
sie wohl, in ihrer so großen Sonnennähe, beginnen mögen? Wenn schon im Merkur die Sonne (nach den gewöhnlichen Vorstellungen ) nicht nur 6. Mal stärker {315}
schiene, sondern auch 6 Mal stärker wärmte: so müßten alle Körper sich dort in einem Zustande von Gährung auf der Oberfläche befinden; eine Hitze, die auf unserm Erdball, in einem Augenblick,
alle Pflanzen in Staub verwandeln, alle Thiere tödten, und alle Gewässer aus trocknen würde. Wenn man die glühendste Sommerhitze auf unserm Erdball 7 Mal vervielfachte: so müßte alles Wasser
daselbst in großen Blasen aufkochen. Sind diese Berechnungen richtig: so fragt sich; was soll aus den Kometen werden, die der Sonne, in ihrer Bahn, noch näher, als, Merkur, kommen? Der z. B. von
1680 empfand in seiner Sonnennähe den Einfluß ihrer Gluth 28000 Mal stärker, als die Erde, d. h. die Erhitzung seiner Kugel war so groß, daß sie die eines glühenden Eisens 2009 Mal übertraf. Gibt
es irgend Organisazionen im Universum, die der gleichen Grad von Hitze leiden können? oder sind Kometen, Wohnplätze verklärter Geister, denen weder Frost noch Hitze etwas anhaben kann? Neuere
Vorstellungen vom Licht und der Sonne haben, indeß, auch in diesen ehedem von den Kometen gangbaren Begriffen Manches berichtigt. Schröter z. B. glaubt, daß die Bewohner derselben beständig in
einer Art Lichtnebel schwimmen, so wie wir auf der Erdoberfläche leben. So fein ätherische Naturen dürften denn freylich in ihrem oft 574 Jahr langen Umlauf, oder Kometenjahr, weder die Nähe des
Sonnenlichts beschwerlich finden, noch sie, in ihrer Abwesenheit, vermissen.
Aus eben diesem Grunde vermuthet Schröter: Her- {316}
schel habe, nicht durch den Kern eines Kometen, sondern durch einen solchen Lichtnebel jene seitdem so berühmt gewordenen Sterne vom 9ten Nov. 1795 gesehen. Jeder Fixstern hat seine eigene ihm
zuströmende Lichtsphäre, oder einen Lichtnebel um sich her; (daher das Zodiakallicht der Sonne, dessen veränderliche Stärke, nach Herschel und Lichtenberg, Einfluß auf die Witterung unsrer Erde
haben könnte – ) der Kern vom Kometen, auch die, wo gar nichts vom Kern sichtbar ist, könnte auch nur in dem, bald mehr, bald weniger dichten Lichtnebel stark verhüllt seyn. Etwas Kernartiges
scheinen doch die meisten Kometen zu haben, und keine bloßen schwimmenden Lichthaufen und Lichtnebel zu seyn. Mögen einige derselben auch eine noch so sehr elastische und flüssige Natur im Ganzen
haben, so daß ihre Bewohner (wie schon oben bemerkt worden) im Lichtnebel schwimmen, so wie wir Erdbewohner auf der Erdoberfläche leben: so hören sie deswegen doch nicht auf, perennirende
Weltkörper zu seyn.
Erdball, unter den Telescopen des Jupiters und Sirius
„Zuletzt, an unsers Universums Gränzen,
Siehst du den Stern des Uranus noch glänzen:
Hier sucht vielleicht, seit grauer Zeiten Lauf,
Auch uns ein wißbegierig Fernrohr auf;
Und wird, nach Ablauf von sechs tausend Jahren,
Sich unser Erdball, einst ihm offenbaren: {317}
Da wird er denn, mit allen seinen Czaaren,"
Und Kaisern, Königen und was hier lebt,
Auf einen Pappenglobus aufgeklebt."
Schon im Jupiter sind wir Erdbewohner nur, kurz nach Sonnenuntergang oder, kurz vor Sonnenaufgang, in den Trabanten desselben, mit dem Fernrohr aufzusuchen, wenn nicht auch alsdann noch die
Abend- und Morgendämmerung für den kleinen Stern Hindernisse in den Weg legt, und ihn den Augen der Jupitersbewohner entrückt. Es gibt vielleicht im Jupiter Sternseher, die, nachdem sie, mit
vieler Mühe, treffliche Ferngläser verfertigt, und sich die heitersten Nächte zum Observiren gewählt haben, so glücklich sind, am Himmel einen kleinen, glänzenden Punkt zu entdecken, den sie am
Ende als unsern Planeten erkennen. Man steckt die Köpfe am Fernrohr zusammen; man fragt sich neugierig: Was ist das für eine Welt? Was für Geschöpfe, müssen darauf wohnen? „Es scheint ein
Aufenthalt für Gemsen und Fische zu seyn“, erwiedert der Eine. „Seht ihr die vielen dunkeln, abgeschnittenen Schattenflecke? Welche Menge von Wasser! Und wie ungeschickt, wie linkisch sich das
Ding um seine Achse dreht!“ – – – Auf dem Sirius vollends befestigt man uns're Sonne, mit allen ihren Monden und Planeten, an das große Himmelsgewölbe, und sie machen dort vielleicht, in einem
mehr oder weniger ansehnlichen Sternbild, einer Collection von Sonnen, die der Wagen, oder das Siebengestirn, oder der Bär heißt, nur einen glänzenden Punkt aus. – Was unsern Plane- {318}
ten, die Erde, betrifft, nimmt man sich nicht ein Mal die Mühe, an sie zu denken, weil man sie gar nicht sehen kann. Weiter hin, im Universum, wird man einen Dollond nöthig haben, um die Sonne
aufzusuchen.
Schnelligkeit in den Himmelsbewegungen.
„Vielleicht noch unterwegs aus jener Ferne
Ist hier ein Lichtstrahl längst erschaff'ner Sterne,
Der, wenn er angelangt, doch im Ruin
Den alten Erdball unten nur beschien.“
Eine Kanonenkugel fliegt, in jeder Sekunde, nur 600 Fuß: đer Erdball fliegt dagegen, in jeglicher Sekunde, 41/10 Meilen – Und nun vollend's das Licht. Es bedarf, bey der mittleren Entfernung der
Erde von der Sonne, oder für einen Abstand von beynah 21 Millionen deutschen Meilen, nur 8 Minuten, um diesen Raum zu durchmessen, d. h. es werden in jeder Minute 2 1/2 Million Meilen von ihm
zurückgelegt. Bis zum Uranus bringt es 156 Minuten zu, und vom Sirius bis zur Erde macht ein Lichtstrahl einen Weg von 6 Jahren, 72 Tagen und 16 Stunden. Nun von da noch bis jenseit der 2500
Nebenflecke, und weiter, wo unsre Gläser zurückbleiben!
Sonne – Ueber Natur und Beschaffenheit dieses Weltkörpers –
Cartesius – Buffon – Hahn – Herschel – Schröter.
„Wie hoch der Berge Höh‘ im Sonnenrund?
Wo wiegt ein Kind vom Erdball hundert Pfund; {319}
In heit'rer Lebensluft – was dort für Pflanzen,
Und was für Riesenvögel sie umtanzen?“
Schon auf dem Monde ist die Schwere der Körper 5 Mal geringer, als auf dem Erdball; auf der Sonne wird dieß noch viel auffallender seyn: Wir würden sonst alle, wenn sie so schwer, als groß wäre,
in ihren flammenden Crater herein fallen, und von diesem leuchtenden Mittelpunkt begraben werden. Ich spreche hier im Sinn der alten Cartesischen Vorstellungen, die die Sonne für ein
perennirendes Licht und ein fortbrennendes Feuer erklärten. Oft zeigen sich auf der Sonne flecken, die von Umfang so groß, und größer sind, als unsre Erdkugel. Von diesen nimmt Cartesius an, daß
sie beym Verbrennen erzeugten Rauch oder Schaum enthalten, und ist nicht in Abrede: daß die Sonne sich ein Mal ganz mit einer solchen Cruste überlegen, und alsdann aufhören könne zu brennen;
folglich auch zu leuchten. Ein Jahr nach Cäsars Tode, sagt man, waren wir wirklich in diesser Gefahr: die Sonne schien so blaß, daß man ein allgemeines Verlöschen des Tages befürchten mußte;
glücklicher Weise hat ein Zufall diese Cruste wieder zersprengt. Nach der nemlichen Vorstellung kommen die Kometen, als ungeheure Erscheinungen, als Pilger aus angrenzenden Weltgebieten, und
werfen sich, wie eine Art Brennmaterial, in diesen immer offen stehenden Crater. Man sieht, wie sie sich, gleich Stücken Gold im Schmelztiegel, umwenden, die Sonne schwärzen und sie mit Rauch
überziehn. Ewig kann dieß natürlich nicht währen, und {320}
der Schluß ist ganz in der Regel, daß, was brennt, auch einmal ausbrennen muß.
Im Jahr 535 nach Christi Geburt, zeigte die Sonne 14 Monathe hindurch eine merkliche Lichtschwäche; im Jahr 626 soll die Hälfte der Sonnenscheibe, vom October bis zum Junius, verdunkelt gewesen
seyn. –
Selbst auf unserm Erdball ist Alles, was wir sehen, entweder schon verbrennt, z. B. Erden, Glas u. s. w., oder wird noch verbrennen, z. B. Pflanzen – die ganze Vegetazion im thierischen Proceß
der Verdauung – oder verharrt auch zuletzt wirklich in einem permanenten Zustande des Verbrennens, z. B. die Thiere, die nichts weiter, als angezündete Lichter, von circa 2 bis 800 Pfund sind,
die, von einer Stunde, bis 100 - 200 - ja 300 Jahre – fortbrennen, und sich meistens unterdeß von Pflanzen, andern Thieren u. s. w. als ihrem Brennmaterial, ernähren. Was sie von sich geben, ihre
Exkremente, sind Kohlen, d. h. Erden, die sodann wieder den Pflanzen zur Befruchtung dienen.
„So kehrt gealtert unser Erdenball
Auch einst zurück zu seinem Sonnenball;
Von dem er einst ein Dunst ist ausgegangen:
Der muß ihn auch zurück in seinen Schooß empfangen.“
Buffon erklärt die Entstehung unsers Erdball's, durch den Anstoß eines Kometen aus der Sonne. Man mag ihm in dieser kühnen Hypothese nicht Alles, aber Einiges muß man ihm gewiß zugeben. Seine
Epochen der Natur {321}
enthalten, was man auch sagen mag, wunderbar tiefe Blicke in ein ewig ungeschriebenes Kapitel der Natur. Nach ihm war die ganze Erde einst in einem flüssigen Zustand. Darüber haben Manche
gelacht; aber in der That, wenn man auf der einen Seite sieht, wie wenig es der Natur kostet, durch ein Paar Tropfen flüssiger Säuren, die festesten Körper, selbst Gold und Metalle, in Dunst und
Rauch aufgehen zu lassen; und wieder, wenn man auf der andern Seite bemerkt, mit welcher Leichtigkeit, mit wie wenig Aufwand sie in den Kernen der Früchte, in den Knochen der Thiere u. s. w. aus
dem Flüssigen ins Feste schreitet: so hat die Meinung, daß auch die festesten und ältesten Felsmassen einst sich in einem zerlassenen und geschmolznen Zustand befanden, gewiß nichts Ungereimtes.
Zugegeben, daß auch Buffon dieß sinnreiche Spiel mit der allmähligen Erkältung des Glases, Eisens und Kalkes, auf seinen Planeten, und den Grad ihrer Bewohnbarkeit, den er hieraus schloß, zu weit
trieb: [Buffon behauptet, daß unsre Erde, in der Reihe bewohnbarer Weltkörper, der Stufenfolge nach, der siebente bewohnte gewesen, und daß die lebende Natur, nach erfolgter Erkältung, erst im
Jahr 34771 angefangen habe, sich dort zu etabliren, um bis zum Jahr 168123 fortzudauern. Die Hitze von rothem Eisen, und wie man sie im Fluß von weiß geschmolzenem Glase antrifft, ist 24 Mal
stärker, als die Sommerhitze auf unsern Erdball. Daraus folgert Buffon, daß unsre Erde, zur Zeit des Glühens, 25 Mal heißer war, als jetzt. Er behauptet ferner, daß die Abnahme des Centralfeuers
sich täglich mehr äußere, und eben so merklich sey, als die Abnahme der Zeit. Die ganze flüssig gewordene Masse von Glas-, Stein - und Eisensubstanzen brauchte demnach, bis sie zum Centrum
herunter gediegen war, 2905 Jahr; 33911 andere Jahre vergingen, eh' es einem lebenden Wesen vergönnt seyn konnte, die Oberfläche zu berühren; und von dieser Epoche einer ersten Berührung, bis zu
ihrer jetzigen völligen Temperatur und Abkühlung, werden wohl wieder 74047 Jahre nöthig seyn. Ueberhaupt ist Buffon dafür, daß die Sonnenhitze der, zu allen Zeiten, aus der Erdkugel strömenden
Wärme keinesweges gleich kömmt: daher er auch die erste 50 Mal geringer, als die zweyte annimmt. Der seit dem ersten Erglühen des Erdball's abgelaufene Zeitraum beläuft sich auf 74332 Jahre; der
Moment, wo die Sonnenhitze und die Gluth des Centralfeuers sich das Gleichgewicht halten werden, kann erst im Jahr 154018 eintreten. Jupiter, wegen seiner ungeheuern und eben deßhalb heftiger
erglühten Masse, ist der Planet in unserm Sonnensystem, wo sich die lebende Natur zuletzt etabliren wird. Noch bis jetzt ist daran nicht zu denken. Zwar giebt es Organisazionen, z. B. Fische, die
in warmen Bädern, und selbst noch unter einer Hitze von 45 bis 60 Grad fortkommen können, es lassen sich also der Natur auch von dieser Seite keine Gesetze vorschreiben; aber, auf der andern
Seite, giebt es doch auch wieder einen Grad von Wärme, der alle Organisazionen aufhebt; eben dieser herrscht, nach Buffon, bis dato auf dem Jupiter. – So viel erhellet aus Allem: die Neger sind
das urälteste Menschengeschlecht; und die Frage: ob Adam weiß oder schwarz gewesen? ist hier mit einmal entschieden. – Ohne Scherz: Mond und Erdball haben ihre stärksten Ausbildungen nach Süden
erhalten: dies fällt in die Augen. In Süden hat eine Schöpfung aus Feuer: in Norden eine aus Wasser statt gefunden. Nur durch die südliche, d. h. die Feuerschöpfung, sind die großen, elektrischen
Schläge der Natur erfolgt, die Pflanzen, Menschen und Thiere hervorbrachten. Von den Dämpfen, die, bei Gelegenheit der Abkühlung, aufsteigen, läßt Buffon einen Theil, als flüssige Salze, Schwefel
u. s. w. senkrecht in die Adern und Eingeweide der Erde rinnen, um dort die Metalle zu erzeugen; andere läßt er, als Wasser, niederschlagen; noch andere braucht er als Erde; aus den feinern
Theilen des verdünsteten Wassers macht er Luft; – und somit ist er, mit seiner Welt, zu Stande.] – – so läßt sich doch wohl nicht läugnen, {322}
daß ein chemisches Zusammenballen von ungeheuern Massen im Uranfang der Schöpfung statt gefunden ha- {323}
ben müsse, bis das Eintreten von sanfteren, neptunischen Gesetzen das Werden von Organisazionen, in einer allmähligen Stufenfolge, vom Wurm, von Korallen, von Pflanzen, bis zum Baum, Fisch,
Vogel, Thier, und zuletzt zum Menschen herauf, erleichterte.
Daß in der uns umgebenden flüssigen Atmosphäre, in dem ewig strömenden Aether die ganze Schöpfung; die, ein Paar Stockwerk tiefer, in Pflanzen, Vögeln, Thieren und Menschen zum Vorschein kömmt,
schon skizzirt und vorbereitet liege: dieser Satz wird stehen bleiben, wenn auch die Cartesischen und Buffonschen Behauptungen von einem brennenden Mittelpunct durch Herschels, Schröters und
Hahns vortreffliche Beobachtungen dieses Weltkörpers völlig zu Grunde gehen sollten. –
Die ungeheure Größe der Sonne kann man daraus {324}
abnehmen, daß, wenn man auch die Erde ganz in sie hineinsetzte, und den Mond dazu, der Mond dennoch in eben dem Abstand, wie er sich jetzt am Himmel von der Erde bewegt, seinen Umlauf forthalten
könnte, ohne auch nur an den Rand der Sonnenkugel anzustoßen. Flecken der Größe unsers Erdballs sind überhaupt, wie schon bemerkt worden, in der Sonne eine Kleinigkeit. Herschel hält sie für das
eigentliche Sonnenland; und Hahn entdeckt an den Sonnenrändern mahlerisch schön projectirte Landschaften. Sie ist also ein fester und bewohnbarer Körper so gut, wie unser Erdball; nur in einem
beständigen Zustand von Lichtentwickelung. Wird diese Lichtdecke z. B. durch das Anstossen an die ungeheuern Bergspitzen zuweilen durchbrochen: so giebt dieser Durchbruch einen Prospekt in die
Wälder, Meere und Gegenden des tiefer liegenden Sonnenland's, das wahrscheinlich eine heiter strömende Lebensluft umfließt; selbst einigen Wärmestoff könnte sie uns, nach Herschel, zusenden. –
Als besondere Merkwürdigkeit fiel Schrötern, am 30. Novbr. 1795, gegen Mittag, südöstlich, nah‘ am Sonnenrande, ein erhabenes Ringgebirge, mit eingeschlossenem vertieften Thale, auf. Der ganze
Gegenstand hielt 36 Sekunden im Durchmesser, und glich, an scheinbarer Größe, völlig gewissen, im Monde, unter der nemlichen Projectionsgröße erscheinenden Ringgebirgen und den dazu gehörigen
Vertiefungen; daraus, und aus der proportionirten Vergleichung der Durchmesser und Entfernungen von Mond und Sonne, {325}
schloß der Verfasser, mit einem gewissen Grade von Wahrscheinlichkeit, daß die senkrechte Höhe jenes Sonnengebirg's ungefähr 87, und die senkrechte Vertiefung 130, mithin die Höhe von der
untersten Tiefe an bis zur obersten Gebirgsspitze 217 geographische Meilen betrage. – (Eine Reise von Weimar nach Petersburg wäre also gegen die Ersteigung eines solchen Sonnengebirges nur eine
Kleinigkeit. – ). Obige Höhe beträgt indeß bloß den 226sten Theil des Sonnendurchmessers, da es im Mond Gebirge gibt, deren Höhe dem 405. Theil des Monddurchmessers gleich kömmt. –
„Und selbst der Sonnenball stürzt ohne Ruh '
Der Flammenstraße des Orion zu:
So muß in Gluth einst jedes Weltall schmelzen,
Im neu verjüngten Kreislauf sich zu wälzen.“
„Schon Lambert fand unsre Sonne und Sonnensystem der Milchstraße angehörig, doch näher der Außenseite, als dem Mittelpuncte zuliegend. – Herschels Reflector hat dieß auf's Schönste bestätigt. Im
Orion hat er Lichtquellen, die der bescheidne Lambert kaum ahnden durfte, geöffnet. Unsre Sonne wandert, mit ihrem ganzen Gefolg, nach dem Gestirn des Herkules hin, eine Genossin der Lichtstraße,
außer ihrem Rande. Adrastea 3. B. 2. St.“
Verlöschen von Sternen.
„Das Licht am Schlangenträger ist verdunkelt;
Kassiopeias Schein hat ausgefunkelt!“ {326}
In der Kassiopeia wurde im Jahr 1571 bekanntlich ein Stern von Tycho beobachtet, der auf einmal so hell leuchtete, daß er die Venus an Glanze überstrahlte, und alsdann plötzlich im Jahr 1574
wieder in Dunkelheit schwand. – Kepler entdeckte 1604 einen neuen Stern am Fuße des Ophiuchus, der ebenfalls im folgenden Jahr sich wieder unsichtbar machte. So bemerkten auch Kepler, Cassini und
Hevel zugleich zwey Sterne im Schwan, die nun wieder gänzlich erloschen sind. Wir trauen, und trauen nicht dieser ewig geschäftigen Himmelsbewegung; denn alle tragen wir in unsrer Brust das
geheime Vorgefühl: früh oder spät muß sich hier was Ungeheures eräugnen, und daher, wenn sich nur das Geringste rührt, sind wir in Besorgniß.
Herschel – Nebelstraßen.
„Sieh dort auch die Geburts und Sternenwiege,
Des Weltall's Nebelstraße, Gottes Stiege,
Wo, wenn Er auftritt, nah' dem Mittelpunkt,
Ein Centrum auslischt und ein andres funkt:
Wo sie, getrennt vom Mittelpunkte, prangen:
Da hat ein Schöpfungstag erst angefangen;
Doch wo gedrängt ist der gestirnte Hauf:
Hört eben jetzt vielleicht ein Weltall auf:
Sie hält in seiner Hand der Stern- und Welterhalter,
Der zählt der Blumen Zahl, wie der Gestirne Alter;
Vor ihm, wie Rosen, neu um Morgendämmerung,
Die welk am Abend sind, in steter Wandelung,
Erlischt hier ein Gestirn und wird ein and'res jung.“ – {327}
Unsre Welt ist eben erst entstanden. Unsere Newtone, Linné, Herschel beobachten erst seit gestern. Mit allen unsern gemachten Erfahrungen stehen wir demnach nur auf der ersten Blattseite im
großen Buche der Natur. Das Teleskop schloß uns eine neue Welt zu unserm Haupte, das Mikroskop, eine andere zu unsern Füßen auf. So wie durch Hülfe des letztern Schimmel und Flecken, auf
Marmorsteinen, Gläsern und andern polirten Körpern, sich plötzlich in kleine Gehege, mit Blumen, Wiesen und Wäldern, verwandelten: so lösten durch Hülfe des erstern die grauen, und dem bloßen
Auge kaum sichtbaren Nebelflecke, am äußersten Horizonte, sich in glänzende Haufen von Sonnen, Monden und Sterenen auf. – Noch zeigen sich weiter im Hintergrunde andre Nebelflecken, d. h., der
Analogie nach, andre Sternsysteme, wo aber selbst die Herschelschen Entdeckungsgläser noch zurückbleiben. Nach einer ungemein sinnreichen Vermuthung dieses seltnen Naturforschers gibt es für die
großen Weltkörper vier Epochen. – Erstlich die Epoche der Kindheit. Hier finden sich überall gleichförmig vertheilte Sternbilder. Man sieht, so zu sagen, die Welten in ihrem Entstehen. Auf diese
folgt die Jugendperiode. Hier herrscht die sphärische Gestalt; eine Epoche, in welcher sich dermalen unser eignes Sonnensystem befindet. Dann kömmt das männliche Alter. Die Sterne stehen nun alle
dichter nach dem Mittelpunkt zusammengedrängt. Millionen von Menschenaltern würden kaum hinreichen, eine solche Periode aus- {328}
zumessen. – Den Beschluß macht das Greisenalter. Hier erblicken wir jene planetarischen Nebelflecken, wie sie Herschel nennt – Ihr einförmiges, abgeschnittenes, und dennoch den Fixsternen
gleichendes Licht läßt ihn vermuthen, daß sie Weltkörper verbergen, die eben ihrer Metamorphose entgegen gehen; denn die Centralkräfte haben in dem Herschelschen Systeme das Eigne, daß sie nicht
allein erhalten, sondern auch umschaffen. – Keine allgemeine Zerstörung ist auch nur denkbar! So ein großer in seiner Umwandlung begriffener Sternklumpen ist weiter nichts, als ein großes
Laboratorium der Natur, wo sie, nach ihrer Weise, Zerstörung des Einzelnen zur Erneurung des Ganzen verarbeitet, und aus dem Schutt des Verlorenen im Wiedergefundenen Ersatz gibt, d. h. alte
Weltkörper zu neuen umschafft. –
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