Literarisches
Conversations-Blatt
für
das Jahr
1822

Erster Band
Januar - Juni

Leipzig:
F. A. Brockhaus.
1822.

No. 91.

19. April 1822

{363}

Hans Schön.
Weimar im December 1822

War Mal ein Färber, der hieß Hans Schön;
Thät fleißig nach seinem Kessel sehn;
Er färbte Woll und Seid‘ und Tuch,
Und hatt‘ auch immer zu färben genug;
Und wie er beschickt die Schönfärberei,
So lobt er Gott mit Gesang dabei,
Wie's gethan seine fromme Vorfahren,
Seit vielen hundert, ja tausend Jahren.
Im Schmuck von seinen grauen Haaren
Nahm er sich ehrwürdig aus:
Da kommt zu Meister Schön in's Haus
Auf einem Tag, ein junger Fent,
Der war gelehrt! Potz Element!
Wußt Alles g'nau und auf ein Haar,
Wer Benjamin und wer Isaschar,
Wer Nepomuck und St. Christoph war,
Und zählte doch kaum zwanzig Jahr!
Man sollt‘ es glauben nimmermehr,
Er war gereist die Kreuz und Quer,
Und doch nicht aus der Stube gekommen;
Hat Alles nur so aus Büchern genommen:
Auch das von der edlen Schönfärberei;
Was man nur wollt’, er war dabei.
Für diesmal ward des Wissens Frucht,
An einem armen Färber versucht!
Hans Schön nimm deines Zeichens wahr!
Begleitet von einer bunten Schaar,
Mit Augengläsern versehne Damen,
Wovon ich leider vergaß die Namen,
War der edle Herr, so gelehrt und jung,
In des Meisters Haus mit einem Sprung,
Und wie er gekommen in das Haus:
So kramt er sogleich sein Wissen aus;
Es war aus dem Conversationslexicon,
Aus der sechsten oder siebenten Edition,
Das Pagina weiß ich nicht mehr davon:
Genug er schwatzte von Oken und Kant,
Und hielt ein Ding in seiner Hand,
Was Farbenprisma glaub‘ ich genannt;
Damit bemalt er die weiße Wand,
Mit sieben Farben vom Regenbogen;
Sind's mehr als sieben – so hab ich gelogen!
Es waren rothe und blaue dabei;
Die nahmen sich herrlich aus mein Treu!
Nur daß sie im Augenblick wieder erstarben
Sonst waren's wunderliebliche Farben!
Das möchte nun auch gegangen seyn,
Aber da fällt's dem jungen Professor ein
Weil seine Farben so lieblich und rein,
Erglänzen thäten im Sonnenschein:
So müßt er auch ein Färber wohl seyn;
Stellte sich mit in dieselbe Reihe,
Und sprach zu Schön: „Wir sind unsrer Zweie!“
Der alte und ehrenfeste Mann,
Hört gelassen das Ding mit an,
Und guckt, indeß die Farbengespenster
Die Damen vergnügten, hinaus zum Fenster,
Was es haußen für Wetter wär? –
Der Wind ging eben von Ungefähr;
Allein das hielt in seinem Lauf,
Unsern gelehrten Freund nicht auf;
Der demonstrirt in einem fort,
Und segelte g'rades Wegs zum Port;
Die Farben wurden sämmtlich verglichen;
Das Abenbroth sehr heraus gestrichen;
Der Färber trug einen blauen Schurz;
Der kam, gegen den blauen Himmel, zu kurz. {364}

Und auf dem Kopf seine rothe Mütze,
Die war vollends den Teufel nichts nütze,
Sondern erblich in Morgenroth,
Mit Ehren zu melden – fast zu Koth.
So ging es ungehindert fort
Wie Schneeflocken stöberte Wort auf Wort,
Aus dem gelehrten und theu'rem Mund;
Wie ein Augenblick verrennte die Stund,
Und die Herren und Damen insgesammt
Von so hoher Weisheit entflammt,
Besonders die vom schönen Geschlecht
Gaben dem jungen Professor Recht,
In diesen, so wie in allen Stücken,
Und was sie vom Woll' und Zeugen erblicken,
Das wird auf’s Urlicht zurückgeführt,
Und über die Maßen kritisirt!
Kurz jedem Kind, das sieben Jahr,
Oder einen Monet drüber war,
Dem ward das Ding nun sonnenklar,
Daß Meister Schön mit seiner Waar',
Ein ganz gemeiner Färber war,
Der nie bocirt um ein Honorar.
Da riß doch endlich die Geduld,
Dem guten Alten – und wer war Schuld
Als Ehren-Sausewind-Naseweis,
Der so in Harnisch gebracht den Greis.
Er nahm das Wort, und sprach „Mit Gunst
Vergönnt dem Meister der Färbekunst
Ihr Herrn und Damen insgemein,
Doch auch ein Wort zu reden drein!
Daß der Himmel blau ist, das mag wohl seyn;
Am Abenbroth auch und seinen Strahlen,
Ergötzt ich mich schon zu tausend Malen,
Nur bitt ich Bescheid auf meine Frage;
Merkt wohl, was ich als Färber sage,
Die Frag' ist nicht, wie ihr alle wißt,
Ob der Himmel blau oder roth ist,
Das weiß ja ein jeder guter Christ!
Sondern, wie man es eben vollführt,
Das man das Abendroth destilliert
Oder was nie ein Färber vermocht,
Wie man den blauen Himmel wohl kocht
Und ihn in einen Kessel bringt,
Jedoch dabei sich ausbedingt,
Daß ja von schmier'cher Woll' und Seide
Sein Glanz auch im Geringsten nichts leide.
Wenn das der junge Herr vermag,
So schenk‘ ihm Gott ein fröhlichen Tag.
Wo nicht, hab' heute noch viel zu färben
Was wollen wir unsre Zeit verberben?"
– Dies Wort gesagt, kehrt er in Ruh,
Dem Herrn und Frauen den Rücken zu;
Der junge Gelehrte, dem dies verdroß,
Kam plötzlich außer sich, wie Voß,
Wenn Stolberg katholisch wird, und schoß,
Als stünd' er auf einem Kathedersitze,
Aus seinen Augen flammende Blitze
Auf seinen Gegner alle Wege;
Allein es waren nur kalte Schläge;
Sie zündeten nicht! Und nicht allein Er,
Auch sein ganzes gläubiges Schülerheer
Das blitzt und donnerte, kreuz und quer,
Von gänzlichem Mangel an Genie
Und gedankenlos blinder Empirie
Auf unsern armen Färber los,
Weil er dem Prisma versetzt einen Stoß,
Und wie sie gekommen so geschwind!
So fuhren sie, wie der Wirbelwind,
Auch wieder heraus zu des Färbers Thüren
Um anderwärts zu kritisiren,
Mit überschwänglichem Künstlerwitze. –
Bedächtig aber schob sich die Mütze,
Wie er allein war, recht und schlecht,
Hans Schön, auf beide Ohren zurecht,
Und sprach: „Mit Gunst zu seinem Knaben,
Solch naseweisen Besuch zu haben,
Verschmäht mein silbergrauer Scheitel:
Bursch, klopft je wieder so ein Beutel,
Der angefüllt mit nichts, als Wind,
Vor unsrer Thür, so verschließ sieh geschwind!
Ich kenn das leid'ge Geschlecht der Zeit;
Das wird nicht klüger in Ewigkeit;
Es dünkt sich weiser, wie Salomo,
Und wiegt doch kaum ein Pfund Indigo;
Denn damit kann man doch was verstreichen
Allein, was thut man mit Ihres gleichen?
Ja stößt man die Narren im Mörser klein,
So werden's doch immer Narren seyn!''

Johannes Falk