Johannes Falk's
Kriegsbüchlein.

No. I.
Darstellung der Kriegsdrangsale
Weimar‘s
in dem Zeitraum von 1806 bis 1813,
nach den
Schlachten von Jena, Lützen und Leipzig.

Aus Actenstücken und Originalbriefen einiger deutschen Männer an ihre Freunde in England gesammelt.

Weimar,
in der Hoffmannischen Hof-Buchhandlung.
1815.

Volkslied.

Weimar den 30. januar 1815.

Den Herzog segne Gott,
Ihn uns erhalte Gott,
Erhalt‘ ihn Gott!
Lang soll sein Reich bestehn;
In Glück und Wohlergehn,
Soll's noch der Enkel sehn,
Erhalt‘ es Gott!

Haus Weimar immerdar,
Du edler Kunstaltar,
Erhalt‘ dich Gott!
Im treuen Sachsenland,
Wo Glaubenslicht entbrannt,
Sey ewiglich genannt,
Erhalt‘ dich Gott! {II}

Der edlen Herzogin
Erhabnen Muttersinn,
Ihn segne Gott!
Die, wenn Gefahr uns droht,
Die uns, in Noth und Tod,
Noch nie verlassen hat,
Sie segne Gott.

Des Glaubens Wunderkraft,
Die hohe Wissenschaft
Erhalt‘ uns Gott!
Wir sind nur ein Geschlecht;
Wer liebt, was gut und recht,
Der Vater, ist dein Knecht,
Erhalt thn Gott! {III}

Inhaltsverzeichniß.

Volkslied, als Vorrede.

Erster Brief an einen Freund in England. Enthält einen allgemeinen Ueberblick der Kriegsdrangsale Weimars, im Jahr 1814
S. 1
Zweiter Brief an einen Freund in England, über die zum Besten der verwilderten Jugend zu Weimar errichteten Sonntagsschule, nebst einer historischen Auseinandersekung der dabei befolgten Grundsätze.
S. 49
Dritter Brief an einen Freund in England. Enthält weitere Nachrichten von der Sonntagsschule.
S. 133
Brief eine Reisenden, über die Ruinen von Tröbsdorf, einem Weimar benachbarten Dorfe.
S. 79
Tagebuch von Weimar, in den Tagen des 21., 22. und 23. Oktobers, nach der Schlacht von Leipzig 1813.
S. 92
Johann Gottlieb Zobers, Kantors in Nermsdorf, kurze, aber wahrhaftige Schilderung seiner nach der Schlacht von Leipzig 1813. ausgestandenen Drangsale.
S, 120
Mein zweitägiger Aufenthalt, in den Bivouacs des Herzog's von Ragusa, im Weimarischen Lande, in der Gegend von Schwabsdorf, oder treue, mit Akten belegte Er- {IV}

zählung dessen, was sich vor der Schlacht bei Lützen in der Nacht vom 28. bis 29. April 1813. daselbst begeben hat. Vom Herausgeber.
S. 114
Anhang.
I. Weimar in der ersten Woche nach der Schlacht bei Lützen.
S. 193
II. Enthält ein Aktenstück, aus der Gemeinde von Wiegendorf.
S. 202
III. Aktenstück, aus der Gemeinde von Osmanstedt.
S. 206
IV. Mündliche Aussage des Adam Zimmer, aus Rohrbach, von dem, was er in der Schlacht bei Lützen mit eignen Augen gesehen hat.
S. 207
V. Seherblicke in Deutschlands Zukunft, aus dem zu Weimar, vor der Schlacht bei Jena, herausgekommenen Journal Elysium und Tartarus buchstäblich abgedruckt.
S. 124
VI. Ein Wort an meine nordisch-deutschen Mitbürger. Bei Gelegenheit von Palms Hinrichtung.
S. 219
VII. Von deutscher Landmiliz, oder über ein's, was uns Noth thut.
S. 221
VIII. Der nordische Bund. An Friedrid Wilhelm den III.
S. 227
IX Gespräch im Reich der Todten, zwischen Keith, Schwerin, Winterfeld, Ziethen und Friedrich dem Großen.
S. 232 {3}

Erster Brief.

Weimar.
Allgemeiner Ueberblick im Jahr 1814.

Dieser Aufsatz, den ich hier dem Publikum zum ersten Mal im Original vorlege, erschien, unter meinem Namen, im Repertory of Arts, Manufacture London 1814 im Octoberstück. Sodann kam er, durch eine im Ganzen wohlgerathne Uebersetzung der deutschen Blätter auch bei uns in's größere Publikum.

Der frühern Heimsuchungen gar nicht, oder doch nur flüchtig an diesem Ort zu gedenken: so leidet unser kleines Ländchen, seit October des vergangenen Jahres 1813. nach der Schlacht von Leipzig, auf's Neue über alle Maßen. Wer kennt nicht Weimar, diesen Kunst- und Musensitz von Deutschland, das, in seiner schönsten Pe- {4}

riode, mit einem anhaltenden Ernst, für Kunst und Wissenschaft, in Verbindung mit dem ihm benachbarten Jena, größere Dinge gethan, als das weitläuftige, heilige, römische Reich, dessen Kaiser und Könige dem Herzoge und Gebieter dieses kleinen, aber gebildeten Erdstriches, mit seinen hunderttausend Einwohnern, die unsterblichen Namen Göthe, Herder, Schiller, Wieland, nebst vielen andern ausgezeichneten Köpfen, gleichsam zum Eigenthum und Erbtheile verschreiben wollten. Sie, meine Herren, als stolze Bewohner Altenglands, dieser Perle des Oceans, sind längst daran gewohnt, Menschen und Menschenwerth, nicht nach dem bloßen Flächeninhalt von Quadratmeilen, anzuschlagen, den dieselben etwa auf einer Landcharte einnehmen. Wollten Sie jemals solchen alltäglichen Berechnungen Gehör geben: so würden Sie selbst am meisten dabei zu kurz kommen. Ein künstlich aufgetriebener, oder schwammigter Staatskörper, wie es deren genug in Europa giebt, würde sodann, in die Wagschale der Welt gelegt, Florenz, die Heimath der Künste und das ewig glorreiche Haus {5}

der Medicis aufwiegen. Als Engländer, müssen Sie daher auch für Weimar einen andern Maßstab besitzen. Lassen Sie sich jetzt, mit wenigen wahrhaften und ungekünstelten Worten, die Leiden schildern, die, so völlig unverschuldet, über unser armes, kleines Musenland, im Sturm des Schicksal’s, in einer Periode von noch nicht acht Jahren, ergangen sind. Erst kam die Schlacht bei Jena, mit Brand, Plünderung des ganzen Landes und einer halben Million Contribution an den Feind verknüpft. Dann flog einer der schönsten Theile von dem uns angehörigen Eisenach, durch Vernachlässigung einiger französischen Pulverwagen, in die Luft, wobei ganze Straßen, gewaltsam aus ihren Fundamenten bewegt, nebst ihren Bewohnern, zu Grunde gingen; so daß die Menschen zu Hunderten verschüttet, zerquetscht, verstümmelt, oder, mit verbrannten Gliedmaßen, in den stundenweit umhergesprengten Trümmern begraben wurden. Von einzelnen Theilen der aufgefundenen Körper hat man nie, wem sie angehörten, enträthseln können. Der Knall im Augenblicke des Auffliegens war so heftig, daß man ihn viele {6}

Meilen im Umfang vernehmen konnte. An der alten, durch Luthers Andenken geheiligten Wartburg, zersprangen die Fenster. So viel hiervon! Bald darauf mußten wir unsere Kinder, Brüder und Gefreundten nach Tyrol schicken, um sie daselbst von einer umbarmherzigen Politik steinigen zu lassen. Als diese bittere Prüfung vorbei war, wurde uns neues Herzblut von Frankreich abgefordert, um dasselbe ungestraft, in den spanischen Wüsten und Gebirgen, für den nämlichen Zweck, zu verschütten. Niemand sammelte die siedenden Thränen der trostlosen Mütter, und sie versteinerten in ihren Augen zu Eis, als die noch übrigen Kinder des Vaterlandes, von der Kälte zu Marmorbildern ausgezogen, mit Augen ohne Sehkraft, an Bäume gelehnt, eine leichte Abendbeute der rauhen lithauischen Bären und der hungrigen uralischen Wölfe, nach dem Brande von Moskau, in den Schneegefilden von Willna und an den Ufern der Beresina, zurückblieben. Und auch so war der Kelch unsers Jammers noch kaum zur Hälfte geleert. Den ersten Osterfeiertag 1813 eröffnete sich der neue Feldzug zwischen der Rei- {7}

terei des jungen heldenmüthigen Blücher und dem Vortrabe des Marschall Ney, der aus Badnern und Pariser Husaren bestand, durch ein blutiges Scharmützel in unsern Mauern. Blücher mußte weichen, und das den Preußen, durch seine Anzahl, aber keinesweges durch seine Tapferkeit, weit überlegene französische Fußvolk rückte in die Stadt. Dessen Befehlshaber Soult versuchte nun, acht Tage hintereinander, das Kriegsglück, mit abwechselndem Erfolg und fast schien es, nach dem häufigen Generalmarschschlagen und den Vorpostengefechten bei Umpferstedt, wir wären zum Mittelpunct einer Schlacht erkoren. So von einer belästigenden Gegenwart gequält (denn alle Häuser waren von unten bis oben mit diesen ungebetenen Gästen angefüllt), mußten wir einer noch unangenehmeren Zukunft entgegen sehn. Dabei fühlten wir uns auf's Neue, der Willkühr eines mißtrauisch gewordenen Feindes, preis gegeben. Heimliche Verhaftnehmungen von Menschen, die, auf einen ungegründeten Verdacht hin, zu Nacht aus ihren Betten geholt, oder in ihren Häusern überfallen und nach Erfurt abgeführt wurden, {8}

kamen nicht selten vor. Was allen diesen Bedrückungen aber die Krone aufsetzte, war das traurige französische Aussaugungssystem, diese methodische Plünderung ganzer Länderstriche, was so gut, wie das Nervenfieber, als eine Geißel der Menschheit betrachtet werden kann, und wovon höchlich zu bedauern ist, daß es auch von den übrigen Mächten Europa's, zum größten Nachtheil der einst so hoch gestiegenen Bildung dieses alten, und, wegen seiner Verfeinerung in Sitten und Gebräuchen, mit Recht gepriesenen Welttheils, zugleich mit der neuern und schnelleren Art, ohne Anlegung weitläuftiger Magazine, Krieg zu führen, von den Franzosen übernommen worden; ferner das unaufhörliche Schanzen und Graben am Petersberge zu Erfurt von Vornehmen und Geringen, von Weib und Kindern, bei Tag und bei Nacht fortgesetzt: Alles dieß erinnerte, selbst wider Willen, an das greuelhafte Gemälde von Zwing-Uri, und die grausame Zeit der Bedrückungen alter Landvögte in der Schweiz. Halbverhungerte, aus Altenburg mit ihren Schanzwerkzeugen nach Erfurt beschiedene Landleute, saßen oft noch um Mit- {9}

ternacht, von Hunger und Müdigkeit erschöpft, an der Landstraße, und stießen Verwünschungen über ihren Treiber und die neue ägyptische Dienstbarkeit aus, die er auf diesem ihm und den Seinen so fremden Boden einführte. Alle Bande der Gesellschaft schienen in diesen Augenblicken völlig aufgelöst. Kein Tag verging ohne blutigen Mord. Das Webigt, die Landstraße, die Stadt selbst war nicht sicher vor räuberischem Ueberfall. Hatte das ewige Gastereigeben an die Nationen aller vier Welttheile die Geduld der gutmüthigen Deutschen endlich ermüdet; wollte das Spazierenfahren aller Soldaten des festen Landes, bald nach Spanien, bald nach Rußland, das sieben Jahre hindurch, wo zwei Militärstraßen durch unser Land gingen, durch Vorspann alle Cassen erschöpfte, Bürger und Bauern, Menschen und Vieh zur Verzweiflung brachte, noch immer kein Ende nehmen: welch ein Zustand mußte vollends eintreten, als, vor der Schlacht bei Lützen, die Corps des Herzogs von Ragusa, der mit seinen mordbrennerischen Banden frisch aus Spanien eintraf, 20,000 Mann stark, so wie die Corps {10}

des Generals Bertram, von gleicher Anzahl, ihre Vorabende und fürchterlichen Bivouacs, auf gut Tamerlansch, in den Dörfern Schwabsdorf, Wiegendorf, Umpferstedt, Isserstedt u. s. w. in der Nähe von Weimar und Jena begingen. Wo die Flammen eines solchen Bivouacs den Horizont röthen, da wärmt man sich an den Dörfern, an den Mühlen, Scheunen, Häusern, Dächern, Treppen, wie wenn es gewöhnliche Brennmaterialien wären. In vier und zwanzig Stunden sind, wo ein solches Lager steht, die Felder kahl, die Wohnungen öde, die Einwohner ohne Brod und ohne Obdach. Achtzig Ochsen zum Frühstück und Nachtessen, gegen Eintauschung eines Stücks Papier von einem kaiserlichen Commissarius: – so geht der ganze Viehstand einer Gegend über Nacht und ohne Spur dahin. Das Lager will Hütten und Obdach, vor Nässe, bei eintretendem Regen und schlechter Witterung; also Feuer, Kochholz. Hierzu sind Baumschulen, Fruchtbäume, Stühle, Tische, Treppen, Windmühlenflügel, Wände, wie gesagt, Alles was Holz heißt, diesen neuen Nomaden willkommen. Kleines Vieh, Schweine, {11}

Ziegen, alles das wird gleich auf dem Mist erstochen. Hühner, Geflügel, Gänse, Tauben sind zum ersten Anbiß, und eh man sich umsieht, verspeist. Ich sah einen Soldaten, der ein lebendiges, schreiendes Schwein auf dem Puckel ins Lager trug, wovon ein andrer Kammerad mit seinem blanken Pallasch im Gehen den Hinterfuß nebst dem Schinken herunterhieb, die Borsten am Feuer absengte, und sodann auf der Stelle diesen Antheil seiner Beute, in der allgemeinen Soldatenküche des Bivouacs, briet, zurichtete, und mit großem Wohlgeschmack verzehrte. Ich hörte diese Mordbrenner zur Nachtzeit auf's Neue ihr gräßliches Lied anstimmen, was mich am 14. Oct. 1806 bei der Plünderung von Weimar, als die Schlacht bei Jena Abends in unsern Straßen endete, bis zu Nervenzufällen erschüttert hat und was ungefähr also lautet:

Buvons
Brulons,
Fo - t - ns!
Mettons le feu à toutes maisons!
Venons à cinquant, cinq cents! {12}

Chiens, Brigands, Paysans,
Ouvrez donc la Porte! Panc!

zu Deutsch:
Laßt uns essen,
Laßt uns trinken!
Laßt uns...n, laßt uns plündern!
Brecht dem Bürger, brecht dem Bauer,
Brecht den Schelmen in die Häuser!
Mordet, brennet, sengt und schändet! Pank!

Dabei wurde mit Kolbenstößen vor die verschlossenen Thüren geschlagen, und wo man nicht öffnete, gefeuert, bis sie aufsprangen. Ich sah einen solchen Unhold, in dem Orte Wiegendorf, der eine Wittwe zu Nacht durch die Gassen des Dorfes schleppte an einem Strick, und sie nicht los ließ, bis eine Schildwache so viel Ehrgefühl hatte, daß sie, auf das Schreien der Wittwe, Feuer auf dieses verworfne Ungeheuer gab. Ich sah ferner an diesen Bivouacs den Herzog von Ragusa (Marmont), der, in einer der vorjährigen Schlachten Spaniens verwundet, seinen Arm noch, zum Wahrzeichen der englischen Tapfer- {13}

keit, im frischen Verbande trug, und der sein Zelt in der Wintersaat, am äußersten Ende von Schwabsdorf, wo das Auge ein weites Blachfeld übersieht, aufgeschlagen hatte. Die Rotten eingeborner, verwilderter Spanier, die er in seinem Gefolge in Menge mit sich führte, schienen ein kernhafter, fester, zu allen Unternehmungen aufgelegter Menschenschlag zu seyn. Klein von Wuchs; sonnenverbrannte Gesichter; im Ganzen was Zigeunerartiges. „Ils se font hacher sur les Canons“ „Sie lassen sich an den Kanonen in Stücken hacken“ pflegten die Franzosen, wenn sie ihrer Bravheit gedachten, zu sagen, aber zugleich galten sie auch für Erz-Plünderer (fameux Pillards), die nur Gold, Silber, Uhren, Trauringe suchten, wenn die andern, besonders die Deutschen und Flamänder, die ebenfalls zu diesem Corps gehörten, allenfalls mit Eßwaaren fürlieb nahmen. Hier sah ich auch förmlich von den Soldaten eine Schafschur halten. Sie hatten nämlich einem Pachter über Blankenhain, der nicht spannen wollte oder konnte, sein Eigenthum, eine ganze Heerde spanisches Wollenvieh, mitgenom- {14}

men. An dieser verrichteten nun Spanier, Brabanter, Franzosen und Deutsche abwechselnd die Schafschur. Sie saßen dabei an den Wachtfeuern und verkauften das Pfund Wolle zu 18 Pfennigen. Ihr tamerlanischer Gewerbfleiß ging noch weiter. Sie mochten unterwegs einen Leipziger,
oder Frankfurter Fuhrmann, mit Waarenballen, in denen Zucker oder Kaffee enthalten war, getroffen und aufgefangen haben. Sogleich benutzte man dessen Pferde, die an ihren gewöhnlichen Klingeln und Halsschellen kenntlich waren, für die Kanonen; die Packen Kaffee und Zucker aber hatte man für die Bivouacs aufgehoben. So eröffnete sich dann im Bauergarten des Nachbar Ewald zu Schwabsdorf ein ganz neuer Auftritt. Da dessen Zäune niedergerissen waren: so geschah hierdurch, daß die Communication mit der Natur, dem freien Felde und den unzähligen französischen, flamändischen, spanischen, holländischen Wachtfeuern, die hinter dem Garten von allen Seiten an dem gerötheten Horizont aufgingen, ganz offen stand; ein seltsam großer Anblick, der an schauerlicher Wirkung Alles übertraf, was ich bisher in dieser {15}

Art gesehen hatte. Soldaten spazierten zu Hunderten, im wunderlichen Zwielicht dieser Beleuchtung, mit geköpften Weiden, Linden, Eschen, Pappeln, der Hoffnung vieljähriger Anpflanzungen des Landmanns, womit seine Wiesen eingefaßt waren, auf der Schulter, und stellten sie vor ihre Zelte im Lager auf; gleichsam als ob sie Jahrelang daselbst ihren Wohnsitz aufschlagen und alle Dörfer in der umliegenden Gegend verspeisen wollten. Andere brachten Schütten unausgetretenes Stroh, zur gemeinschaftlichen Streue, dessen Körner sie oft stundenlang verzettelten und eine Bahn davon durch Scheunen und Gärten machten; Bänke, Tische, Stühle, Kessel, Eimer, Töpfe, mit einem Wort das sämmtliche Hausgeräthe der Dorfschaften war ausgewandert. Die Soldaten brachten es in Händen und auf den Schultern getragen, so daß sie dem armen Landmann zuletzt nichts, als die leeren Wände überließen, wenn diese nämlich nicht von Holz waren; denn in einem solchen Fall galt auch für diese kein Privilegium. Selbst die Treppen wurden eingerissen und mitgenommen, wo es sich dann oft traf, daß Bauermädchen und {16}

Kinder oben in einer Kammer oder Scheune des Hauses, wenn der Morgen kam, laut jammerten, klagten, und die Vorübergehenden um Hülfe und Beistand anriefen, weil, nach abgetragner und verbrannter Stiege, sie kein Mittel wußten, aus den obern Stockwerken wieder herunter zu kommen. Kurz wer dieses wilde Hausen, diese Barbarei der Bivouacs, zu deren endlichen Abstellung sich alle gebildete Nationen Europa's, nach dem Beispiel des edlen und auch von dieser Seite einzig großen Wellington, vereinigen sollten, nicht mit eignen Augen gesehen hat, kann sich davon schwerlich einen Begriff machen. Eine lustige, buntgeschmüdte Stadt für Marketenderinnen und Soldaten, steigt in wenig Stunden, wie durch einen Zauberschlag, aus dem Erdboden, vor den Augen des erstaunten Zuschauers empor; die Zuthaten sind eine wahre Kleinigkeit, bloß ein sieben bis acht in der Runde liegende, völlig zu Grunde gerichtete, eingeäscherte Dörfer. Ich trug in diesen Schreckensnächten einen weiten Ueberrock, der die Zuflucht aller armen Bauern und Bäuerinnen, zur Unterbringung ihrer Kleinodien, d. h. ihrer Geldbeutel, {17}

Uhren und Trauringe wurde, die sie mir mit tausend Thränen anvertraueten, und die ich ihnen auch wirklich rettete, wiewohl meine Schatzkammer mir zuletzt so schwer wurde, daß sie mir vor beide Füße herunterhing, und ich kaum davor gehen konnte. Die Spanier, wie schon oben bemerkt, bezeigten sich ganz unermüdlich, in Nachsuchung dieser Gegenstände, und vor ihnen hatte man sich daher am meisten in Acht zu nehmen. In Wiegendorf und Osmanstedt gelang es mir, halb durch Güte, halb durch Gewalt, den armen, geplagten Bauern ihr Vieh wieder zu verschaffen, oder doch zu verhindern, daß es nicht völlig weggetrieben wurde, indem der französische General Cochorn, der, nebst dem Marschall Marmont, das Hauptcommando führte, da ich zu ihm ritt, auf meine dringend ernsthafte und männliche Vorstellung: „daß, wenn man so zu hausen fortfahren wollte, die Landesregierung, auch beim besten Willen, nicht in der Verfassung seyn würde, einen Aufstand der Bauern, im Rücken der großen Armee, zu verhindern. Das Beispiel von Spanien  war noch in zu frischem Andenken, als daß eine solche {18}

Sprache bei einem verständigen Mann, wie General Coehorn in der That ist, nicht hätte Eingang finden sollen. So erhielt ich von ihm folgende eigenhändige geschriebene Order:

„Il est ordonné au Commandant du 4 Bat-on du 36 Regiment de l'Infanterie legere, de mettre à la disposition de Mr. Jean Falk, Conseiller de Légation Ducale Weimarienne, une Compagnie, commandée par un Capitain, qui sera chargé de seconder de touts les moyens possibles, Mr. le Conseiller de Légation, pour retablir le bon ordre et la sécurité, dans les villages de Viegendorf, Suabsdorf etc. Il fera aller des patrouilles partout, ou il en sera requis, par le dit Conseiller, pour obtenir le même resultat, dans les environs. La compagnie des Voltigeurs I restera pour le même but à Swabsdorf.
Rödigsdorf, 29 Avril 1813.
Le Général Commandant de la
3me Brigade
Baron de Coehorn. {19}

zu deutsch.
Der Commandant des 4ten Bataillons, des 36sten Regiments, von der leichten Infanterie, erhält hiermit den Befehl, zur Disposition des Herrn Johannes Falk, Herzogl. S. Weimarischen Legationsraths, eine durch einen Capitain befehligte Compagnie zu stellen. Diesem Capitain soll aufgetragen seyn, besagtem Herrn Legationsrath, mit allen nur möglichen Mitteln an die Hand zu gehen, um die Sicherheit und gute Ordnung, in den Dörfern Wiegendorf, Schwabsdorf u.s. w. wieder herzustellen. Er soll, zu dem Ende, überall Patrouillen schicken, wo und wohin ihn besagter Legationstath auffodert, zur Herbeiführung des nämlichen Resultats, in den umliegenden Gegenden. Die erste Voltigeur-Compagnie soll zu dem gleichen Zweck zu Schwabsdorf liegen bleiben.
Rödigsdorf, den 29. April 1813.
Der General - Commandant der 3ten
Brigade
Baron von Coehorn. {20}

Mit dieser Vollmacht, die mir 2 Compagnien zur unumschränkten Disposition gab, wovon besonders die nach Wiegendorf verlegte, den besten Willen zeigte, gelang es mir, vielen Freveln in dieser Nacht vorzubeugen; um so mehr, da ich, obwohl ein einzelner Mann und Familienlienvater, den Tod, wenn ich auf guten Wegen bin, nie zu fürchten pflege, ja, so zu sagen, keinen Begriff von Gefahr habe. Denn nicht
selten sind Schüsse auf Einwohner und Bauern in meiner Nähe gefallen; besonders wenn ich den Plünderbanden im Tumult ihre Bündel von den Bajonnetten heruntergerissen, um sie den Eigenthümern zurückzugeben. Der Aufgang der Morgensonne, über dieses große Feldlager, versetzte mich gleichsam weit von Weimar hinweg, in eine andre Weltgegend, und machte mich so zu sagen, mit meiner eignen Heimath unbekannt. Die Zelte standen in unzähliger Menge da; die grünen Hütten nahmen sich recht munter aus; die Feuer brannten lustig; die Soldaten saßen davor; einige kochten; andre spielten; wieder andre wuschen. Achtzig Ochsen zum Frühstück waren angekommen, und wurden so eben geschlach- {21}

tet und vertheilt; der Talg, die abgezogenen und zu einem Berg aufgeschichteten Häute bildeten einen eignen Handelsartikel; weiterhin schmetterte die Drommete, und es übte sich, bei ihrem kriegerischen Klang, eine Abtheilung französischer Reiterei. Im Hintergrunde sollte ein Verkauf von Beutepferden gehalten werden; es fanden sich aber, trotz der äußerst billigen Preise, das Pferd zu 2 Thalern, wenig Käufer; weil die Bauern keine Lust bezeigten, Pferde zu kaufen, die man ihnen morgen wieder abnehmen konnte. Marmont wollte den Pfarrer aus Schwabsdorf, einen ältlichen Mann, mit Gewalt in sein Zelt führen lassen, und da dieser sich mit seinem kränklichen Zustand entschuldigte, traf das nämliche Loos einen jüngern Mann aus dem Pfarrhause, der, über die Wege nach Eckartsberge, nach Lützen, Leipzig, förmlich zu Protokoll befragt, vernommen, und sodann in Gnaden, wiewohl etwas erschreckt, von dem Herrn Marschall wieder entlassen wurde. Freilich hätte der Herzog von Ragusa die Einweihung in die Staatsgeheimnisse, die ihm in dieser Unterredung zu Theil wurden, wenn er an- {22}

ders gewollt, sich aus jeder guten Postcharte verschaffen können. Uebrigens wurde das Lager gegen Morgen noch bei weiten unruhiger. Das große, bereits oben erwähnte Caffee-Bivouac, wozu die Fuhrleute von Leipzig, oder Frankfurt, Caffee und Zucker geliefert hatten, in Ewalds, des Anspänners Garten, war auch noch immer im vollen Gange. Mühlen und Caffeetrommeln wurden aus allen Pfarrhäusern und Schulwohnungen, fünf Meilen in der Runde, zusammengebracht. Die armen Bauern – denn die Weiber waren meistens, aus Furcht noch ärgerer Behandlung, davon gelaufen, – saßen in der Geduld da und schwitzten an ihren Mühlen und Trommeln: sie mußten die ganze Nacht hindurch Caffee mahlen und brennen. Ich gestehe, daß es ein ganz besonderes Schauspiel war, und daß es einen Eindruck auf mich machte, daß mir die hellen Thränen in die Augen traten, als der Morgen aufging, und ich die armen, kleinen, rothen, in der verdämmelten Wintersaat zusammengetriebenen, thüringischen Kühe, die bald geschlachtet werden sollten, so kläglich nach ihrem Stall, in der Mitte dieser wilden {23}

Soldaten, brüllen hörte, und zugleich die spanischen, flamändischen und französischen Marketenderinnen, kurz alle das gemeine Raubgesindel sah, die, um die armen hungrigen Thiere zu melken, so eben die Hand anlegten; so, daß also Frankfurt und Leipzig den Caffee und die Bauern aus Thüringen die Milch dazu hergeben mußten. Um bei solchen Auftritten unbewegt zu bleiben, müßte der Mensch, statt des Herzens, einen Stein im Busen haben. Ich will Sie nicht weiter, meine edlen Freunde, mit diesen Schilderungen des Jammers ermüden, die so in's Ungeheure und Große gehen, wie die Zeitgeschichte selbst, daher auch nur ein großes Land, wie Oestreich, oder Frankreich, durch allgemeine Uebertragung und Vergütung, des dadurch im Einzelnen entstandenen Schadens, ihnen gewachsen ist. Aber ein kleines, den Musen geheiligtes Ländchen, das, auf seinem klassischen Boden, unter der Regierung eines vortrefflichen, humanen und erleuchteten Fürsten, sich einst so glücklich fühlte, und das jetzt, unter die Hufe der Barbaren und ihrer Rosse zertreten, dem Auge auf jeden Schritt Bilder des Greuels und der innerlichen Verwü- {24}

stung und Zerrüttungen darbietet, ist ein Gegenstand, der zu allerlei ernsthaften Betrachtungen, über das künftige Schicksal von Europa, Anlaß geben kann. Wie? wenn der Untergang des ganzen gebildeten Abendlandes, dessen Fall ihr großer Burke schon im Fall des ersten Ziegels von der Bastille zu hören glaubte, unwiderruflich von der obwaltenden Vorsehung beschlossen wäre? Doch weg, weg mit diesen trüben Vorstellungen! Ich eile, den Faden meiner hiedurch unterbrochenen vorigen Geschichtserzählung wieder aufzunehmen. Da der Rückzug der Franzosen, nach der Schlacht bei Leipzig, auf's Neue durch unser Land ging, und dabei das unbarmherzige Plündern vom Feind – und warum
muß ich es hinzusetzen? leider auch von Freunden – in den hiesigen Dörfern kein Ende nehmen wollte; so grenzte unsre Lage allerdings an Verzweiflung. Dabei ging freilich alles natürlich zu! Denn das ist noch das grausamste, bei der jetzt allgemein herrschenden, erst von den Franzosen und nun auch von uns beliebten Art Krieg zu führen, daß der ohne alle Magazine in die Quartiere oder Wachtfeuer ein- {25}

gerückte Soldat, in die Scheuern einfallen, rauben und plündern muß, er mag wollen oder nicht. Was dabei, selbst unter den Augen des besten, wohlwollendsten Anführers, ja in der Nähe der Hauptquartiere selbst, für scheußliche und empörende Auftritte vorfallen, davon haben die meisten Dörfer, im Umfang des hiesigen vorjährigen Kriegstheaters, z. B. Ballstedt, Rermsdorf, Niederreißen, Tröbsdorf, solche Erfahrungen gemacht, die sie in vielen Jahren nicht verschmerzen, und deren Andenken sie auf Kindeskinder vererben werden. Wo eine Stadt, wie z. B. Weimar, von förmlicher Plünderung und Einäscherung auch verschont blieb: so richtet doch die methodische Aussaugung, und die so weit alles Maaß und Ziel übersteigende Einquartierung den Staat gleichsam in seiner Wurzel zu Grunde. Um Ihnen dieses, meine Herrn, zu beglaubigen, wird eine bloße officielle Angabe der Zahlen unserer dieß-, und vorjährigen Leidensgeschichte hinreichen. Dieses ewige Gastereigeben gegen Papiere, wenn es auch ein großer Staat, durch Uebertragung seines einzelnen Verlustes im Ganzen, verschmerzen und auf die Länge durchsetzen {26}

könnte: so muß es doch jede kleinere Staatswirthschaft in Europa einem unvermeidlichen Verderben entgegenführen. Zum Hervorbringen eines allgemeinen militärischen Despotismus konnte daher nichts Zweckmäßigeres in der Hölle selbst ausgesonnen und erdacht werden. Wie nach der Schlacht bei Aspern, besinnt sich auch, nach der Schlacht bei Leipzig, der Geist der Weltgeschichte, gleichsam liebend und wohlwollend noch einmal, ob er das Heft der Regierung, wie er gern möchte, den sittlich gebildeten Völkerstämmen der Allemannen, wie bisher überlassen, oder es an die Fremden abgeben soll? Engländer, Deutsche! Ach daß nur nicht, da wir alle Brüder und einer Abkunft sind, unsre Laster ihm dabei, wie feurige Engel, in die Wagschale greifen! Wird dieser Moment zur Abstellung so vieler Unbilden verfehlt; so werden, so müssen wir alle in der Folge unwiderruflich verloren seyn! Denn wofern wir fortfahren, allen bisher anerkannten Begriffen von Recht und Eigenthum Hohn zu sprechen: den Raub in der Diplomatik mit höflichen Namen zu taufen und zu beschönigen: so werden wir bald – {27}

zweifelt nicht daran! – so gut wie die in Frankreich, ein heillos Stück Arbeit zu Stande bringen. Denn wofern wir uns selbst zu Barbaren machen, was verdienen wir besser, als eine Beute der Barbaren zu seyn? Verzeihen Sie mir diese Abschweifung! Ich spreche von Weimar und nicht von der Welt. Aber wenn sich die Welt über Weimar hinwegwälzt: so ist es auch wohl verzeihlich, Weimar über die Welt zu vergessen! So zählten wir, auf unser kleines Land, seit Oct. 1813. bis zum Juli 1814. neunmalhunderttausend Mann Einquartierung, worunter sich 45792 Officiere und 500000 Pferde befanden [Hierbei sind die russischen und preußischen Rückmärsche nicht mitgerechnet.]. Die Verpflegung dieser Massen verursachte dem Land einen Kostenaufwand an wenigstens einer Million neumalhunderttausend siebenhundert und sechs und dreißig Reichsthalern. Hier sind die Schäden von Privateigenthümern, die durch den Verlust ihres ganzen Viehinventariums, sich oft auf einem einzelnen Pachthof bis zur Summe von 8 bis 9000 Thalern belaufen, so wie überhaupt von Brand, {28}

Plünderung, Niederreißung von Dörfern, zur Verbrauchung als Material bei den Bivouacs, u.s. w. keineswegs mitgerechnet. An baarem Gelde nahmen uns die Franzosen nach der Schlacht bei Jena, unter dem ungefälligen Namen: „Contribution“ eine halbe Million Thaler ab, die von uns erborgt, aber noch nicht ganz wieder bezahlt ist. Nach der Schlacht bei Leipzig, forderten die Verbündeten, unter dem gefälligern Namen: „Kriegsbeiträge“ von unserm armen völlig erschöpften Lande, eine halbe Million. Im Jul. sollten bereits 24000 Thaler auf Abschlag abgeführt, und so mit den weiter bestimmten Zahlungsterminen fortgefahren werden [Späterhin hat man sich die Aufrechnung unsrer gegenseitigen, aus bisherigen Durchmärschen entstandenen Forderungen gefallen lassen. Gewonnen wird zwar dadurch nichts, für das, durch die ungeheure Last der Einquartierung, völlig außer allem Verhältniß zu dem breiten Deutschland, dessen Sache hier doch eigentlich geführt wird, in Anspruch genommene und daniedergedrückte Ländchen; aber mindstens weniger verloren. – ]. Unterdeß – welch ein Contrast – veranstalten wir Sammlungen, um dem völlig ausgeplünderten Landmann wenigstens zu etwas Saatkorn zu verhel- {29}

fen. Aber diese, so wie andre Gesinnungen der Edelsten unsrer Mitbürger, können das Hauptübel in seinem verderblichen Laufe nicht aufhalten. Großer, erbarmender Gott! Der Hauptinhalt unsers gemeinnützigen Wochenblatts besteht, seit einem Jahr, größtentheils aus Steuerpatenten und öffentlich zum Verkauf angeschlagenen Grundstücken. Und wenn es mit der Verarmung so fortgeht, werden diese bald zu einer ansehnlichen Sammlung, in mehreren Quartbänden, anwachsen! An diese erste Rubrik schließt sich die zweite, die der Todtenlisten. Es ist keine pestartige, verheerende Seuche, die uns die Durchzüge freundlicher und feindlicher Heere nicht voriges Jahr in unser Land gebracht! Ja zu Weimar und Jena war vergangenen Winter, nach der Angabe und Berechnung geschickter Aerzte, die Sterblichkeit größer, als sie selbst damals war, als die Universität Jena, der Pest wegen, tiefer ins Land verlegt werden mußte. In manchem Hause, wie z. B. gleich eins in meiner Nachbarschaft liegt, worin ein Schlösser wohnte, ist auch nicht eine Seele davon gekommen, sondern alles ausgestorben. In einigen {30}

Dörfern, wenn sich nicht Leute aus der Nachbarschaft erbarmt, die das Vieh gefüttert, hätte selbst dieses verhungern müssen. Zu Osmannsstedt, anderthalb Stunden von Weimar, lag eine Frau, genannt Sander, eine Wittwe, mit 5 unerwachsenen Kindern, um die Zeit von Fastnachten herum, an dieser tödtlichen Seuche bettlägrig. Fünf Wochen verblieb sie, ohne Holz, ohne Licht. Die Kinder leckten in der Fieberhitze an den Eiszapfen, die über das Todtenlager der irreredenden Mutter herabhingen. Ein großes, schwarzes Gerstenbrod, das halb verschimmelt in einem Winkel der Stube lag, und wovon sich die Kinder, die zuweilen taumelnd hinkrochen, einige Stücke abbrachen, rettete sie vom Hungertod. Bei der Genesung schlug die Mutter Nägel in die Wand, um sich so kümmerlich, weil sie nicht stehen konnte, von einem Ende der Stube bis zum andern, fortzuhelfen. In einem Anfall des heftigsten Paroxismus, wo sie von ihrer einzigen Kuh phantasirte, sprang sie auf und lief, durch Schnee und Eis, barfuß nach dem Stall. Kein Mensch traute sich in die Wohnung. – Die von der Seuche Ergriffenen wurden {31}

oft kohlschwarz, bekamen förmliche Peteschen, oder gar Pestbeulen. Der Tod innerhalb 2 bis 3 Tagen war bei diesen unvermeidlich! Der Schrecken, die Angst vor Ansteckung bemächtigte sich so der menschlichen Gemüther, daß eine allgemeine Niedergeschlagenheit herrschend wurde. Täglich ging eine Räucherung von weißem Pech, früh Morgens und Abends spät durch die Stadt; aber der Todtenkorb und der Leichenwagen ließen sich, in ihrem traurigen Geschäft, durch keinen Rauch irre machen. Viele, sehr viele gingen unter, weil eine drückende Nahrungssorge ihnen nicht länger zu leben gestattete. Alles dieß geschah zu Weimar, mitten in der Christenheit, im Jahr 1814. Ein so scheußliches, menschenquälendes Ungeheuer ist der Krieg. Mangel an ärztlicher Pflege, weil die meisten Aerzte selbst, durch die vielen Hospitäle in der Stadt angesteckt, entweder tödtlich daniederlagen, oder gar ein Opfer ihres Berufs wurden: Schreck, während der zweistündigen Kanonaden und Reitergefechte, in den Straßen der Stadt, als die Franzosen durch das Wasserthor herein kamen; Angst und Bekümmerniß heimsuchten unzählige {32}

Familien. Fast kein Haus ohne Trauerrock! Soll der Verfasser dieses Aufsatzes, bei der Schilderung des allgemeinen Menschenelendes und Weltjammers auch des seinigen ausführlicher gedenken? Die Grenzenlosigkeit desselben läßt sich mit wenig Worten ausdrücken. In Zeit von einem Monat, hat er, in dieser wilden Schreckensperiode, vier blühende Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter, an der nämlichen mörderischen Seuche, in welche nun auch sogar die gewöhnlichen Kinderkrankheiten, als Maasern und Scharlachfieber ausarteten, verloren, und mit ihnen den besten Theil seiner selbst begraben. Als zuletzt meine eigne stärkere Natur, von so vielen plötzlichen Leiden erschüttert, mit dem Stoff der Ansteckung in Streit gerathen mußte: so wünschte ich sehnlich die Auflösung. Da sie aber dennoch, nach einem schweren Kampf, nicht erfolgte, und ich wieder zum Bewustseyn kam; so sagte ich zu mir selbst: Gott schenkt dir das Leben, weil er weiß, daß du ein Herz voll Mitempfindung und Liebe {33}

für deine Nebenmenschen hast; das sollst du nun den Kindern zuwenden, die jetzt ihre Eltern verloren haben, und Waisen geworden sind. Die Menge derselben ist groß, so, daß die gewöhnlichen Anstalten des völlig erschöpften Staates, unter diesen Umständen, keineswegs hinreichend sind. Die Verwilderung der Jugend, in diesen Tagen des Schreckens, nimmt selbst unter den Augen und der gewissenhaften Aufsicht ihrer Angehörigen mit jedem Tage immer mehr überhand. Denn Kinder verarmter Eltern aber, die ihnen gar keine Erziehung geben können, sind noch beklagenswerther und wohl mit Recht, als künstliche Waisen zu betrachten. Und wie groß ist deren Zahl nicht? Was soll aus ihnen werden, wenn der Staat seine Hand von ihnen abzieht, wie er ja muß, da er, aus Mangel an Mitteln, nicht einmal die gesetzmäßigen Waisen in seinen milden Anstalten unterbringen und versorgen kann? Soll das alte, durch eine höhere Bildung verdrängte Vagabundenleben, das, mit der Geißel eines schrecklichen Feudalsystems, Deutschland und England, in längst, abgeschiedenen Jahrhunderten, so schwer heimsuchte, in {34}

Europa, durch unsre Schuld, aus seinen Schlupfwinkeln, wieder hervorbrechen? Wohlan, ihr Edlen aller Nationen, jedes Alters und jedes Standes, vereinigt euch, diesem so furchtbar und fast unvermeidlich herannahenden Schiffbruch vorzubeugen und dem Sturm, der die Meere von Europa bewegt, Grenzen zu setzen!
So schmerzlich die Opfer sind, die ihr der Zeit dargebracht, wollet im Guten nicht müde werden! Habt ihr, wie ich selber – Kinder verloren – bedenkt: jedes so gerettete fremde Kind ist eine unverwelkliche Himmelsblume, auf das Grab eurer abgeschiednen Lieblinge gepflanzt, ist das gottgefälligste Todtenopfer, das ihr ihnen darbringen könnt! Laßt uns diesen verwaisten Kindern in dieser Welt das seyn, was ihre zu früh verstorbenen Eltern, oder Verwandte, vielleicht den Unsern in einer andern Weltordnung sind. An den irdischen Gespielen unsrer ehemaligen Söhne und Töchter, die jetzt Gespielen der Engel sind, wollen wir treulich die Schuld einer glühend herzlichen Liebe und Zuneigung abtragen, die wir den unsern selbst, in dieser Welt ja nicht mehr erzeigen können! So dachte und fühlte ich, und {35}

siehe da, Gott gab Glück und Segen zu meinem Vorhaben. Ich verband mich mit dem hiesigen Stadtprediger zu St. Peter und Paul, Hr. Horn, einem allgemein, wegen seiner Rechtschaffenheit, liebreichen Denkart und schönen Kanzelgaben, geschätzten Geistlichen. Wir stifteten, unter dem Namen: „die Gesellschaft der Freunde in der Noth“ ohne irgend einige Verwaltungskosten, einen unentgeltlichen Verein, der Beifall, Aufmunterung bei Verständigen fand, und dem bald die Unterstützung edler Menschen, von Hohen und von Niedrigen, nachfolgte. Wir liehen Geld aus, ohne Zinsen; wir kauften den Armen Saatkorn; wir bezahlten das Schulgeld für verwilderte Knaben, brachten sie bei Handwerkern unter. Aber mit alle dem ist die Noth zu schreiend, im Vergleich mit den beschränkten Mitteln, und indem wir uns fest überzeugt haben, daß vieles, ohne Rettung, ja unwiederbringlich verloren ist: so richten wir unser Augenmerk, obwohl uns das Herz Tag und Nacht blutet, doch bei weitem mehr auf die armen, verwahrlosten Kinder, in deren Seelen die Wildniß dieser {36}

unbarmherzigen Zeit bereits Wurzel geschlagen, als auf die Eltern selbst!
Wir wünschen die Zuchthäuser und Galgen um recht viele ihrer Candidaten zu bringen – ein lobenswerther und Gott wohlgefälliger Betrug! An euch, ihr edlen Engländer, ergeht demnach unsre dringende Bitte, wofern euch unser Vorhaben einleuchtet, uns dabei eine hülfreiche und wohlwollende Hand zu reichen. Unser neu gestifteter Verein ist frei, uneigennützig, durch Noth und Tod unsrer Nebenmenschen veranlaßt, aus heißgesinnter brüderlich-christlicher Liebe hervorgegangen: wie könntet ihr ihm euern Beistand versagen? Denn das ist euer Nationalcharakter, daß nichts Edles jetzt und künftig in Europa hervorgehen und werden soll, woran nicht irgend ein Engländer thätigen Antheil genommen. Ja, du bist unsres Blutes, edelmüthiges, hochherziges Volk, so wie wir des deinen. Ich wende mich an euch, aus keinem fremden Lande, sondern aus einem, das mit Recht das deutsche Athen genannt wird, wo die Namen Shakspeare, Milton, Pope, Thomson auf allen Lippen schweben, und wo es längst zum Haupt- {37}

stück einer guten Erziehung gehört, dem jugendlichen Gemüth eine ungeheuchelte Ehrfurcht und Liebe, für diese nie wiederkehrenden Erscheinungen eurer Literatur einzuflößen. Verbunden mit euch, durch diese geistig unsichtbaren Lande, unter deren stillem, die entferntesten Zeiten verbindenden Einfluß, die Werke eines Schiller, Göthe und Klopstock, in glücklicher Nacheifrung eures Shakspeare, in Deutschland gereift und geworden sind, wird uns vergeblich eine feindselige Politik zu trennen suchen. Ja, wir hangen mit euch, wie die Zweige eines und desselben Baum's, gleichsam durch die Wurzeln zusammen, und sind eins, ob auch die neidischen Meereswellen uns ewig auseinander halten. Wollte ich demnach alles Vorhergehende in wenig Worte zusammenfassen: so wäre es genug zu sagen: seit länger, als 7 Jahren, haben den Sitz der Musen wilde Soldaten bestürmt, und das Brod von dem Altar der Grazien hinweggenommen. Selbst einer Fassungskraft, wie sie unter Kindern, die mit ihrer Rechentafel zur Schule gehn, gäng und gebe ist, muß es einleuchten, daß über- {38}

all, wo 4 bis 600,000 Menschen, jeder einen Schilling, oder eine Guinee, an einer Staatsschuld zu bezahlen haben, diese Abgabe am Ende, wenn gleich mit Widerwillen, dennoch getragen und geleistet werden kann: sollen aber 4 oder 6 Personen allein, für ein ungeheuer angewachsenes Ganzes, haften, so ist der Untergang derer, die es betrifft, so gut als gewiß. Nun sind ja aber alle kleinere Staaten Deutschlands, in ihrem Verhältniß zum Reich, nichts anders, als solche Privatpersonen: wie kann man ihnen denn, ohne Begehung der schreiendsten Ungerechtigkeit, den schmählichen, Jahre lang fortdauernden Aufwand einer großen Militärstraße, für das Wohl und Weh, das heißt doch wohl für die Freiheit des ganzen übrigen Europa, zumuthen? Sind in die Länge und Breite ja doch Länder genug verschont, wenigstens methodisch unausgeplündert geblieben: wie kommt denn ein kleines Land, mit einer Bevölkerung von 100,000 Bewohnern dazu, sich mit 3 bis 4 Hauptquartieren, und den Soldaten und eingewanderten Krankheiten eines halben Welttheils, herumzuschlagen und zu plagen! {39}

Es ist doppelt empörend, wenn solche unbedachte Maaßregeln ein Land, wie Weimar, zu Grunde richten, das den anerkannten und wohlerworbenen Ruhm besitzt, seit einer Reihe von Jahren, mit einer, zu seinen natürlichen Kräften keinesweges im Verhältniß stehenden Großmuth, Freistätten für Musen und Künste zu eröffnen, deren sich das übrige Deutschland in einem solchen Umfange wenigstens nicht rühmen kann, obwohl unser Nationalstolz es nicht müde wird, in jedem Vergleich mit dem Auslande, den Werth jener großen Geister als sein baares rechtmäßiges Eigenthum anzuschlagen. Weimar so betrachten, und es nebenbei ganz entgegengesetzt behandeln, heißt eine große Unempfindlichkeit gegen das Verdienst seiner eignen Nation zeigen; heißt, wenn es von Deutschen geschieht, dem Andenken eines Herder, eines Schiller, eines Wieland geradezu Hohn sprechen und Dornen auf ihre Gräber pflanzen. Wohl lassen sich auf den Trümmern so mancher Weimarischen Dörfer, z. B. Tröbsdorfs, wenn man bedenkt, daß es Deutsche, daß es Brüder sind, die dieses an uns gethan, viel und mancherlei schwermüthige Betrachtungen {40}

anstellen! – – Wollen wir's vergessen, wie kurz nach Alexanders, des großen Welteroberers Untergang, die Barbaren Griechenland nach allen Richtungen durchschwärmten, daß wir uns so geflissentlich selbst zu Barbaren machen? Denn die Freude an der Barbarei ist es zuerst, die den Barbaren in der Welt Thür und Thor öffnet. Gelingt es uns daher nicht, in dem jetzigen entscheidenden Augenblick, dem Vagabundenleben, das, mit jedem vorübergegangenen Jahrzehend, bis dahin noch immer größere Ausdehnung in Europa gewann, die Axt an die Wurzel zu legen: so ist der Fall des Abendlandes näher, als wir glauben, und selbst der augenblickliche Glanz, von dem wir uns überredeten, daß mit ihm ein neues Zeitalter anfangen sollte, wird nur das letzte Aufleuchten seiner Sterbefackeln gewesen seyn! Zwar noch sind die Kennzeichen vom Gebildeten zum Ungebildeten zu merklich; noch sind die Ueberbleibsel eines vormaligen, sittlichgroßen politischen Zustandes zu sehr in die Augen fallend, als daß wir nicht wissen sollten, wodurch Europa Europa geworden ist, d. h. wodurch unsre Städte und Häuser, von den Höhlen Novazem- {41}

blascher Bären und den leicht beweglichen Filzgezelten tatarischer Stämme und Horden, unterschieden sind: aber, was nicht ist, kann werden, wenn wir in unsrer Verblendung so fortfahren! Auf dich, Alt-England, das von jeher die Wiege aller ächten Freiheit, Kunst und Wissenschaft, so wie alles veredelten Gewerbfleißes in Europa war, richtet sich jetzt unser besonderes Augenmerk! Du wirst, du kannst das erste deutsche Land, in Rücksicht auf Manufakturen, Handel und Wissenschaft, nicht sich selbst, als Spiel und Fangball des ersten des besten politischen Zufalls, überlassen. Du wirst das arme, bedrängte Sachsen nicht vergessen, wo das Licht der Reformation einst aufging, an dessen himmlischen Strahlen auch du so lange Theil genommen, und dich erwärmt hast; am wenigsten kannst du dieß in der jetzigen verhängnißvollen Crisis, wo Rath, Trost und Unterstützung, die Sachsen zu Theil wird, zugleich, durch unzuberechnende Folgen, Rath, Trost und Unterstützung für Europa ist. Denn ach! nicht genug, daß die Geißel unerhörter Kriegsdrangsale uns bisher so hart und so un- {42}

erbittlich heimgesucht: so gibt es auch noch außerdem viele andre Dinge, die in diesem Augenblicke Unruh und Bekümmerniß, in den Gemüthern aller Wohlgesinnten dieses Landes, erwecken; Bekümmernisse, von denen schwer zu reden, und eben so schwer zu schweigen ist, wiewohl, die höhern Beschlüsse der Vorsehung, mit Geduld abzuwarten, eine der ersten Pflichten ist, die dem gottergebenen Menschen zukommt! Sollten jedoch die Zeiten, in ihrem wilden und ungezügelten Laufe, denselben gewaltsamen Charakter, wie bisher, beibehalten; so daß immer dieselben Handlungen, nur mit andern Namen und beschönigenden Worten, wiederkehrten; o dann, ihr Engländer, entfernt von euch jede selbstgefällige Täuschung, und bedenkt, daß Europa alt, sehr alt und Amerika sehr jung ist: sonst werdet auch ihr nicht im Stande seyn, dem unvermeidlichen Schicksal aller Dinge, vermöge dessen das Aeltere beständig dem Jüngeren an diesem Erdball weichen muß, aus dem Wege zu gehen; sondern derselbe eherne Arm eines ernst gerichthaltenden Weltverhängnisses wird zuvor uns, und sodann, was Gott {43}

verhüten wolle, auch euch zermalmen. Unglückselige Verblendung derjenigen Politiker daher! die, mit gutmüthiger Hingebung an den Tag, vermeinen, Europa sey jetzt nur von einer Seite mit Gefahr und Vernichtung bedroht; die wesentliche Gefahr unsers Welttheils ist in den verderblichen Grundsätzen, in den Beschönigungen einer falschen Politik, die wir von unsern Feinden anzunehmen kein Bedenken tragen, nicht aber in diesem oder jenem einzelnen Menschen und Staat zu suchen. Soll denn dieses so schmerzlich das deutsche Herz verwundende System von Plünderung, List und Gewaltthaten nie ein Ende nehmen? soll der Zug abgesetzter Fürsten und Könige bis zum Weltgerichte fortdauern? Sind wir denn, durch das viele und so unnützer Weise in Spanien und Tyrol vergoßne Menschenblut, auch noch nicht einmal in dem einz’gen Stücke gewitzigt, daß wir wissen, daß Menschen kein Viehinventarium eines Pachthofes sind, d. h. daß sie sich nicht eben so, wie Schafe und Pferde abtreten und verschenken lassen, sondern gefragt seyn wollen? Wehe den Pharisäern und Schriftgelehrten, {44}

die durch solche eitle Redekünste das Vaterland untergraben, sie mögen unter dem Volk, oder um den Thron und dessen Umgebungen, ihre Rollen spielen! Von ihrem Gesicht, ohne Erbarmen, die heuchlerische Larve zu reißen, unter welcher sie so süße und einschmeichelnde Worte gebrauchen, wie die Engel des Licht’s, um zuletzt, wie die der Finsterniß, Brüder gegen Brüder zu bewaffnen und Deutschland zu einem Tummelplatz wilder und zügelloser Leidenschaften zu machen, ist jetzt die Pflicht jedes Ehrenmannes, und jedes Christen insbesondre. Denn da sey doch Gott vor, daß, nachdem wir den Eroberer auf die Insel Elba verbannt, wir selbst darauf verfallen sollten, Eroberungen zu machen, nicht in Frankreich, sondern Einer von dem Andern, von unsern armen hartbedrückten und leidenden Brüdern in Deutschland! Wir würden dadurch deutlich an den Tag legen, daß, ob wir gleich das heil'ge Kreuz an unsern Mützen getragen, doch Lieb' und Mitgefühl unserm Herzen ewig fremde gewesen. Man zerbricht sich in diesem Augenblick den Kopf, um Deutschland zum Bollwerk Euro- {45}

pa's zu machen. Allerdings sind die Mittel dazu in unsern Händen, aber dem Herzen und nicht dem Kopf muß man ihre Anwendung anvertrauen! Wie? oder war es etwa nicht die Verbindung des deutschen Herzens, die Einigkeit der verschiedensten in eins zusammengeschmolzenen Stämme unsers Volks, was uns den vorletzten Winter die Kraft und Ausdauer verlieh, mit so glücklichem Erfolg, gegen die welterobernden Pläne des Ersten aller europäischen Feldherrn, aufzutreten? Und dieses heilig glühende Herz wollt ihr verletzen? verwunden? zertreten? und dadurch, daß ihr auf's Neue Mißtrauen und Eifersucht, zwischen allen großen und kleineren Staaten Deutschlands erweckt, ihm gleichsam eine seiner Hauptsennen abschneiden? Sehet zu, daß ihr euch bei diesem Vorhaben selber nicht den größten Schaden zufügt! Oder nehmt ihr denn nicht wahr, wie schon, auf die bloße Verbreitung solcher unbestimmter Gerüchte, die edelsten Herzen von euch abfallen, oder lau werden? Aber des Reiches Glück und Wohlfahrt, die ihr einzig dadurch zu verwalten und zu handhaben vorgebt? Großer Gott! War- {46}

um wollen wir uns denn mit Gewalt, durch dieß kindische Spiel hergebrachter Vorstellungen einschläfern, daß wir anmaßend glauben, Deutschland und Europa wären gesichert genug, wenn wir nur zwischen Basel und dem Rhein, da wo die Länder offen sind, noch eine Reihe tüchtiger Grenzfestungen anlegten? Als ob die Weltgeschichte nicht eben jetzt, mit der Posaune des Weltgerichts, es allen Völkern des Erdbodens zugerufen hätte: Vertrauet keinen andern Festungen und Bollwerkern, ihr Könige und Völkergebieter, außer denen, die ihr euch, durch Lieb' und Eintracht, in dem Busen treuer Unterthanen zu errichten im Stande seyd. Dieß ist und bleibt, wie ihr in Tyrol und andern Ländern genugsam zu bemerken Gelegenheit hattet, die einzige feste Burg, aus welcher euch Niemand vertreiben kann. Wer Länder theilt, wer Völker bedrückt, macht seine Feinde stark, und schreibt Manifeste für sie, gegen sich selbst. Sind denn sogar keine Augenzeugen der Vergangenheit mehr vorhanden, die euch erzählen könnten, wie, innerhalb eines kurzen Jahres, europäische Heere in {47}

Moscau, und asiatische Heere in Paris Gesetze gaben? So meldet es der geflügelte Gang der neuern Weltgeschichte, und was halfen dabei jenem gefürchteten Dictator von Europa seine kunstgerechten Steinhaufen? seine Festungen? seine Citadellen? seine Brückenköpfe, an der Weichsel, Elbe und Oder? Welchen Nutzen brachte ihm Danzig, Magdeburg und Glogau, ungeachtet ihrer hartnäckigen Vertheidigung, die selbst da noch fortwährte, als das Kaiserreich an der Seine bereits in Trümmern gefallen war? Wohl wären ein Paar tausend, in Noth und Tod geprüfter, ihrem Kaiser treu ergebner Herzen, in diesen Zeiten der Anfechtung, ihrem Herrn nützlicher als alle jene todten Steine gewesen! Aber dieß war eben sein Unglück, daß er rechnete und rechnete, daß er Alles dem Kopf und Nichts, sogar nichts dem Herzen vertraute. Und so hat er denn zuletzt, wie Wallenstein, sein und Frankreichs Geschick mit hereingerechnet! Und diese verderbliche Rechenkunst wollten wir nachahmen? Doch wo bin ich hingerathen? Für die armen verwaisten, hülflosen Kinder meines zu Grunde gerichteten ar- {48}

men Weimars wollte ich meine Stimme erheben, und ein bittendes Fürwort bei euch einlegen: und siehe da! mein leidendes deutsches Vaterland verschließt mir den Mund, und bedroht mich mit ewigem Stillschweigen und Verachtung, wenn ich der Kinder gedächte, ohne nicht auch zugleich seine Sache zu führen. So habe ich denn meine Empfindungen über beide Gegenstände männlich an den Tag gelegt, und möchte Gott diesen Worten Schwingen verleihen, damit sie die See überfliegen, und den Weg zu Herzen finden, die geneigt, sich beider zur rechten Zeit anzunehmen, so vergangenes Unglück zu mildern, als zukünftiges Elend abzuwenden wüßten! {49}

Auszug eines Briefes
an einen Freund in England,
über die in Weimar neu errichtete
Sonntagsschule.

Weimar, den 1. August 1814.
Daß Sie, mein ehrwürdiger Freund, was sich auch, in einem Ihrer zuletzt nach Deutschland geschriebenen, uns zu Gesicht gekommenen Briefe, so herrlich und so bescheidentlich ausspricht, Gott allein von allem Guten, was er in diesen betrübten Zeitläuften, durch Sie gethan, die Ehre geben, begreifen wir um so eher, ich sowohl, als mein treuer Mitarbeiter, in dem mit Gott hier in Weimar ganz im Stillen angefangenen guten Werk, zur Unterstützung armer, durch den Krieg verwilderter Kinder, und ihrer Unterbringung, bei nützlichen Handwerken, Künsten und Gewerben, wovon die beigelegte Denkschrift das Nähere besagt; indem wir beide ebenfalls oft in der Gelegenheit sind, Gott im Stillen zu bitten und anzurufen, daß er uns doch vor allem {50}

Stolz und eiteln Anmaßungen, die den Menschen so gern, bei dem etwanigen Gelingen seiner Unternehmungen, zu begleiten pflegen, nach seiner grundlosen Liebe und Barmherzigkeit, bewahren möchte. Wir wollen ja nichts als die Liebe, und daß geschehe, von uns und andern, von Hohen und Niedren, gleichviel durch Wen, wozu uns der Geist in ihr antreibt. Hat das Christenthum und die demselben gleichsam zärtlich eingeborne Pflicht und Bekümmerniß, für das Wohl unzähliger Brüder, Missionarien in die entferntesten Welttheile ausgesandt; wie denn, sollen wir laß die Hände in den Schooß legen, wenn wir hören, daß die Wilden jetzt unter uns sind; daß die künftigen Eskimos und Irokesen in jeder Kinderstube der verarmten, ausgeplünderten, verbrannten Dörfer, in völlig unverschuldeter Armuth und Verzweiflung, heranwachsen? oder sollte nicht vielmehr unsre erste Sorgfalt, selbst mit Vernachlässigung der leiblichen Wohlfahrt ihrer Eltern, da, wo diese vom Strudel des Verderbens ergriffen, leider nicht mehr zu retten sind, jenen zarten Seelen angehören? So übergeb' ich, ehrwürdiger Herr, diese Denkschrift {51}

mit vollem, unbeschränkten Vertrauen, ihren, das heißt den Händen des gottseligsten Menschenfreundes. Verfahren Sie damit, ganz nach eignem Gutdünken! Theilen Sie sie den Ihrigen in Auszügen mit, oder lassen Sie sie ganz drucken; ich hafte, mit Namen und Unterschrift, vor Gott, vor Ihnen und der Nachwelt, für die Wahrheit eines jeden darin enthaltenen Wort's, nach bestem Wissen und Gewissen. Die Zahl unsrer kleinen, geretteten Zöglinge beläuft sich gegenwärtig auf 22. (Sie hat sich seitdem bis auf 30 vermehrt). Sie stehen nun bei hiesigen, tüchtigen Meistern in Lehre und Kost, oder besuchen die öffentlichen Schulen. Viele, die noch, vor einem Jahre, Gefahr liefen, durch Ausgelassenheit und Verwildrung, den öffentlichen Strafanstalten in die Hände zu fallen; die, durch Hunger und Noth, zu allerlei bedenklichen, ungesetzmäßigen Ausschweifungen verleitet wurden: denken Sie sich unsre Freude! stehen, sitzen jetzt, mit Pfriemen und Hobel, hinter dem Werktisch; sind tüchtige, fleißige Bursche, und haben bereits das erste ihrer Lehrjahre, bei ihren Meistern, mit Nutzen und Vortheil, zurückgelegt. Noch {52}

gibt es eine Menge armer und bedürftiger Schüler, die sich auf künftige Kantor- und Predigerstellen hier in Weimar vorbereiten, und wovon viele auch nicht einmal die Woche warm zu essen im Stande sind, sondern, sich Sonnabends ihr Brod, für die ganze Woche, von den Dörfern holen, und einen Trunk Wasser dazu aus dem zunächst fließenden Brunnen! Wir haben auch auf diese, dem Staat so nützliche Jugend, ein sorgfältig liebendes Augenmerk gerichtet, und wollen damit, nach unsern besten Kräften, fortfahren. Eine Sonntagsschule ist angelegt, die jedesmal, nach geendigtem öffentlichen Gottesdienst, ihren Anfang nimmt, und 4 Stunden dauert. Lesen, Schreiben, Kopfrechnen, vaterländische, d. h. deutsche Geschichte, Naturkenntniß, practische Geometrie, sofern sie der Mäurer, der Zimmermann, der Tischler, der Drechsler, ja ich möchte wohl sagen, der Mensch selbst keinen Augenblick entbehren kann, wofern er nicht in die gröbsten Verstöße und Irrthümer, bei Anordnung menschlicher Dinge verfallen will: das sind die Hauptgegenstände, dieses völlig unentgeltlich ertheilten sonntäglichen Unterrichts. Unser würdi- {53}

ger Baumeister Steinert leitet ihn, mit Freude und angeborner Tüchtigkeit. Zwei junge, hoffnungsvolle Männer aus dem hiesigen Seminarium, Hr. Born und Hr. Hofmann, schließen sich an ihn, und daß ich und mein würdiger Mitarbeiter Horn
dabei nicht fehlen, versteht sich von selbst. Wie weit wir jetzo, in unserer kleinen Heidenbekehrung vorgerückt sind, davon kann Ihnen die beifolgende Tabelle unsrer Sonntagsschule eine klare Uebersicht verschaffen. Auch wollen wir fortfahren, ehrwürdiger Herr, wenn es Ihnen anders so genehm ist, Ihnen von Zeit zu Zeit, ähnliche christliche Missionsberichte einzuschicken. Genehmigen Sie u. s. w.

Gespräch mit einem sechzehnjährigen Knaben, aus Umpferstedt,
gehalten um Fastnacht 1814.

I. Wie heißt du Knabe?
K. Johann Friedrich Heerdegen.
I. Wer sind deine Eltern?
K. Ich habe keine.
I. Nun du mußt doch einen Vater haben?
K. Der ist entsprungen. {54}

I. Entsprungen?
K. Ja, aus dem Zuchthause zu Weimar.
I. Und wo ist er jetzt?
K. Er steckt da hinten in den Wäldern, Gott weiß wo!
I. Und deine Mutter?
K. Die hab' ich rein glatt nicht gekannt.
I. Was machst du da?
K. Ich schöpfe das Wasser aus meinem Bett aus.
I. Was nennst du dein Bett?
K. Sieht er denn hier das Stroh nicht?
I. Wo ist das Dach des Hauses?
K. Die Kosacken haben es verfüttert.
I. Verfüttert?
K. Ja, oder verbrannt, was weiß ich?
I. Wohnt denn Niemand sonst in dieser SpeIunke?
K. Meine Stiefmutter, wenn sie daheim ist.
I. Wo hält die sich jetzt auf?
K. Sie ist gegangen, Brod bei ihren Verwandten in Osmanstedt zu suchen.
I. Lebt sie von ihrer Hände Arbeit?
K. Ja, wenn sie Hände hätte! Sie ist gichtlahm. {55}

I. Aber spinnen kann sie doch?
K. Das kann sie; aber dabei müssen auch die Füße das beste thun!
I. Du sitzest hier, wie ich sehe, in keinem Rosengarten. Hättest du nicht Lust, dich aus diesem verzweifelten Zustande herauszureißen?
K. Ich möchte für mein Leben gern ein Tischler werden; die Bauern im Ort aber sagten vor meiner Mutter: „ich taugte nicht dazu."
I. Weßhalb nicht?
K. Weil ich dem Gänsehirten fortgelaufen bin.
I. Daraus läßt sich nichts folgern.
K. So denk' ich auch! Und wenn ich nur erst einen Meister hätte; ich wollte das ganze Dorf Lügen strafen.
I. Das ist ein vortrefflicher Gedanke von dir, Heerdegen, bleibe deinem Vorsatz getreu; ich will sehen, ob ich dir nicht einen Meister verschaffen kann.
Somit ritt ich geradeswegs in den Pfarrhof, und erkundigte mich in dieser Sache des Nähern bei dem Herrn Pfarrer Bogenhard, wo ich denn auch Manches in Erfahrung brachte, was mir {56}

bald darauf zu einem zweiten und noch lebhafteren Gespräche mit Heerdegen Anlaß gab. Der Tag neigte sich bereits, als er unten aus dem Dorf, da, wo rechts von dem neuen Gasthof an die Straße herauf läuft, mir in den Weg kam. Ich erkannte ihn nicht sobald, als ich ihn auch schon folgendermaßen anredete.
I. Was hältst du da in der Hand, Heerdegen?
K. Ich trage die Nachtwache im Dorfe herum.
I. Kannst du singen?
K. Wenn ich wollte, oder müßte, so könnt ich wohl das halbe Gesangbuch auswendig hersagen.
I. Was verdienst du mit der Nachtwache?
K. Je nun, wenn mich hungert, so steh' ich nur vor der Thür irgend eines Hauses still, wo ich weiß, daß gottselige Leute darin wohnen, und singe ein paar geistliche Lieder ab. Und wenn es noch so spät in der Nacht ist, und Jung und Alt längst in ihren Betten liegen: mein Singen läst keinen Ruhe; die Weiber sind besonders mitleidig; wenn sie den Laden eröffnen, {57}

so sagen sie: Heerdegen, da hast du ein Stück Brot, ich höre es gern, sing' auch ein andermal wieder vor meiner Thür!
I. Singst du denn wirklich so schön?
K. Ich sollte mich nicht selbst rühmen, aber wenn es nach dem Herrn Kantor gegangen wäre, so sollt' und mußt' ich der Schule folgen. Alle hohe Fest- und Feiertage nahm er mich, des Vorsingens wegen, mit auf seine Bank, und vergangenes Jahr, hätte der Herr Pfarrer mich nicht gehabt, wer weiß, ob ganz und gar eine Confiramation zu Stande gekommen wäre!
I. Wie das?
K. Ja, weil bei'm Konfirmiren doch immer Einer, wo es mit den Andern nicht so recht fort will, vor den Riß treten muß!
I. Und dieser Vordermann in der Kirche warst du?
K. Freilich, wer sonst!
I. Das freut mich deinetwegen. Indessen möcht' ich doch auch wissen, wie du zu dieser Ehre gekommen bist.
K. Wie anders, als weil ich so gut merke, und {58}

wo nicht alle, doch die meisten Sprüche der Bibel auswendig weiß.
I. Aber hältst du sie auch? Gesteh nur, das ist eine andre Frage.
K. Ich weiß wohl, aber –
I. Du stockerst und mockerst? Siehst du Heerdegen, das macht das böse Gewissen. Ich weiß alles. Was hast du vergangnen Weihnachts-Heiligen-Abend gethan?
K. Da bin ich, indeß die Leute in der Kirche waren, bei einem reichen Nachbar zum Fenster eingestiegen.
I. Und was wolltest du da?
K. Ich wußte, sie hatten Kuchen gebacken, und sie gäben mir doch so nichts.
I. So! Also, weil sie dir nichts geben: so meinst du, kannst du dir selber etwas holen? Sage mir doch, in welchem Spruch der Bibel dieses geschrieben steht.
K. Ich wollte nicht stehlen!
I. Und bist doch zum Fenster eingestiegen?
K. Ich wollte mir Kuchen langen; aber ich bekam keinen. Sie bekamen mich und prügelten mich durch. {59}

I. Da geschah dir ganz recht! Denn indem du erkennst, daß du Unrecht thust, und es doch nicht unterlässest, bist du doppelt strafbar.
K. Hätte ich Eltern gehabt und meine Ordnung, wie die andern Jungen, so wäre es wohl nie soweit mit mir gekommen! So stoße ich mich im Dorfe unter den Bauern herum; heute haben sie etwas für mich zu arbeiten; morgen wieder nichts; so geht's auch mit dem Essen! Lange ich denn zu, und hohle mir etwa eine Frucht vom Baum, oder eine Kartoffel aus dem Felde: so belegen sie mich gleich mit spottschlechten Namen; heißen mich einen Dieb über den andern, und bedrohen mich wohl gar mit dem Amt. Da fährt mir denn auch die Hitze vor den Kopf, und ich denke: was drückst du dich hier herum? Wenn du lieber bei deinem Vater in den Wäldern wärst!
I. Pfui, schäme dich, Heerdegen! Welch ein Wunsch ist das! Bedenke was du sprichst! Noch stehst du am Scheidewege! Zweimal bist du bereits bei dem Amte eingegeben! Geh' in dich! Der Engel Gottes klopft an deine Thür. Wir wollen, was geschehen ist, gern den Verlegenheiten {60}

des Hungers, der Unbesonnenheit deiner Jugend zuschreiben, aber du mußt umkehren, und durchaus ein andrer Mensch werden! Dein Lebenswandel ist so unordentlich, wie deine Kleidung! Du mußt beide ablegen! Komm, mein Sohn, folge mir; ziehe einen neuen Menschen an! Dort unten in der Stadt haben sich, unter Hohen und Niedern, gottselige, fromme und mitleidige Herzen gefunden, die sich deiner und deines gleichen annehmen wollen. Meister Besler, der Tischler, braucht gerade einen Lehrburschen. Du bezeigtest einmal im Gespräch mit mir Lust zu diesem Handwerk: wenn dieser Trieb indessen nicht erkaltet ist: so steht dir der Weg zu deinem Glück offen, und du sollst Morgen bei ihm als Lehrling auf die Probe kommen, und im Kurzen, wenn du gut thust, auch bei'm Handwerk aufgedungen werden. Der Knabe sprang vor Freude, über dieß unerwartete Anbieten, und bedachte sich keinen Augenblick, dasselbe anzunehmen. Gleich in der ersten Zeit von Heerdegens Antritt, traf ich einmal seinen Lehrherrn auf der Straße, den ich befragte: „wie es mit unserm neuen Lehrling ginge?“ worauf mir Mstr. Besler erwiederte: {61}

der Bursche ist freilich wild, sehr wild! Im Grund ist es nicht anders, wie, wenn ich eine große Eiche bis zum Zahnstocher herunterabeiten müßte!“ Den 20. Nov. 1814. hat eben dieser Heerdegen, durch Hrn. Stiftsprediger Horn und mich, als einer der eifrigsten Besucher unsrer Sonntagsschule, wegen seines Fleißes und seiner guten Sitten, eine öffentliche Prämie erhalten. Gott bestätige diese arme verirrte Seele auf dem Wege des Guten; und laß unser aller freudige Hoffnungen an ihm bestätigt werden! Solcher, über Feld, mit verlornen Knaben gepflogener Gespräche könnten wir in Menge mittheilen, wenn nicht schon dieß eine mehr als hinreichend wäre, um den Jammer der Zeit und die von allen Seiten einbrechende Verwilderung zu schildern. Die 30 Knaben unsrer Sonntagsschule sind nicht bloß eine Weimarische, sondern sogar eine Europäische Chronik. Sie erzählen uns, auf eine eben so lebendige, als rührend einfältige Weise, was irgend Schauderhaftes, Großes und Entsetzliches in unserm Welttheile vorgegangen ist, und bringen es uns, gleichsam als Augenzeugen, Jeder wenigstens ein {62}

Stück davon, in Erinnerung. Einige, wie Andreas Philipp König, aus Hottelstedt, fanden wir, die Erde und den Himmel anweinend, in den Schafhürden im kläglichsten Aufzug, und so, daß die Kleider, von Kopf zu Fuß, verbrannt werden mußten. – Die Mutter todt; der Vater entlaufen – so haben wir dieß arme, verlorne Kind gekleidet, gepflegt, aufgerichtet und einem nützlichen Gewerbe entgegengeführt. Andere, wie Carl Haueisen, aus dem Dorfe Niederreißen, erholen sich nur nach und nach, in der stillen Werkstatt ihres Meisters, von dem lauten Schrecken der Zeit, von Krieg, von Brand, von Plünderung ihres völlig, durch unbarmherzige Soldaten, eingeäscherten Vaterhauses. Wieder Andere begrüßen, nach langem und unstätem Umherirren, auf fremden und entfernten Landstraßen, die heilige, deutsche Vatererde, mit ungewissem und verschüchtertem Tritt. So der sechszehnjährige Knabe, Joh. Brückner, aus Magdala, der in die franz. Lager gerathen, bis funfzig Stunden hinter Paris, als Reitbube eines Garde-Offiziers mitgelaufen; als Solcher den Rückzug mitmachte und den Schlachten von Hanau und Leipzig beiwohnte; sodann {63}

den heldenmüthigen Entschluß faßte, auf gut Glück nach Magdala wieder, von dort zu Fuß zurück zu kehren. Ueber diese Familie scheint besonders ein unseliges Gestirn gewaltet zu haben. Während die Mutter zur Arbeit in einem öffentlichen Strafgefängniß verdammt, zu Weimar da saß, ist Einer ihrer ältern Söhne, der mit den Unsern in den russischen Feldzug ausrückte, wo nicht in den Hospitälern zu Willna, so an der Landstraße, im Winter 1813. irgendwo verfault, oder erfroren. Zwei jüngere, noch unerwachsene Kinder, von acht bis neun Jahren, ein Mädchen und ein Knabe, traf ein noch beklagenswertheres Loos. Sie entsprangen ihren Pflegeeltern in Magdala. Dreizehn Wochen hindurch, bis sie die Polizei fand, führten sie ein unstätes heimathloses Leben, hinter Büschen und Zäunen, und besorgten daselbst ihre Bettelküche, auf eigene Hand. Gräben, halbverfallene Windmühlen, Heuschober und Wildkrippen haben ihnen, in dieser Zeit des öffentlichen Herumirrens, oft eine schaurige und mitleidige Schlafstätte dargeboten. Zuletzt, nachdem sie bei dieser wüsten Lebensart ihre Gesundheit eingebüßt und vor den Thüren {64}

vieler Menschen vergeblich angeklopft, hat der Tod sie beide kurz darauf, als man sie nach Magdala wieder zurückgeführt, in seine ewig ruhigen Schlafkammern aufgenommen. Das letzte Glied, dieser, durch das seltsamste Mißgeschick zu Grunde gegangenen Familie, Johann Brückner, sitzt nun, nach so vielen selbsterduldeten Leiden und Kriegsdrangsalen, ganz ruhig in der Werkstatt eines ehrbaren Leinwebers hierselbst, wo er geduldig sein Webeschiff fliegen läßt, und, so Gott will, ein tüchtiger Arbeiter werden soll. Auch Heinrich König, der schon mit der Landwehr ausgezogen, nun aber zu friedlichen Beschäftigungen zurückgekehrt, das Tüncherhandwerk bei Meister Mey erlernen will, kann, in künftigen Winterabenden, von dem stürmischen Gang der Europäischen Angelegenheiten den Seinigen etwas vorerzählen. Noch will ich, zur Vervollständigung meiner kleinen Weimarischen Chronik, zweier, das höchste Mitleid verdienender Knaben gedenken. Der Erste, fünfjährig, Namens Johann Christian Gemeinhardt, zwischen Memel und Königsberg geboren, der Vater ein Preuße, der als Unteroffizier hiesige Dienste ge- {65}

nommen, sodann in den spanischen Feldzuge, auf dem Krankenwagen sitzend, in der Gegend von Medina, in die Hände der sogenannten Schnapphähne gefallen und von ihnen lebendig verbrannt worden ist: der Andere, noch nicht zweijährig, auch der kleine Georg, oder der Leipziger genannt, weil ihn, unmittelbar nach der Schlacht von Leipzig, etwa um Weihnachten 1813, wo auch unser Banner, dem Rufe der Ehre folgend, in's Feld rückte, sein Vater, der, als schwarzer Husar, in der Legion der Rache diente, hier in Weimar zurückließ. Denn, als er kaum im Hospital, wo ihn seine Frau, wegen besserer Abwartung und Pflege, mit diesem Kinde besuchte, von seinen Wunden etwas genesen war, ließ es ihm keine Ruhe, sondern er zog auf's Neue, mit den muntern Schaaren seiner Waffenbrüder, die mit Hörnern und Lanzen nun, wie Schwärme, klingend und singend, von allen Seiten und auf allen Straßen, herbeieilten, nach Frankreich aus. Das Einzige, was ihn dabei beunruhigte, war das Schicksal des kleinen George. Gern hätten ihn die Eltern mitgenommen (denn auch die Frau folgte {66}

dem Wirbel des Kriegslebens, und wollte von keiner neuen Trennung von ihrem Mann weiter etwas wissen): aber das eine bereits in den Feldlägern vom Frost angegangene Händchen des noch nicht zweijährigen Knaben, erweckte in beider Seelen die gerechte Besorgniß, daß das zarte Kind, unter diesen Umständen, und noch dazu mitten in der rauhen und strengen Jahreszeit des Winter, mit in's Feld nehmen, im Grunde nichts anders hieße, als es dem gewissen und kläglichen Tode des Erfrierens muthwillig aussetzen. Ob beide Eltern, von denen wir seitdem mit keinem Worte weiter vernommen, mit so vielen andern Braven, ihren Untergang, in Frankreich gefunden, weiß ich nicht zu sagen: das Kind aber lebt frisch, blühend und gesund, zu Weimar, im Hause der Jungfer Werthheim auf dem Eichsfelde, wo es, durch Unterstützung einiger edeldenkender, zu diesem Zweck eigens zusammengetretener Familien dieser Stadt, ebenfalls unter unserer näheren Aufsicht, mit größter Liebe und Sorgfalt, erzogen wird. Doch wo sollten wir aufhören, wenn wir alle, die von Gott uns anvertrauten Lebensgeschicke so vieler unmündigen {67}

Kinder an diesem Ort, auch nur flüchtig durchgehen und berühren wollten?
Eine Bemerkung indeß können wir uns zum Schluß hier nicht versagen. Auch dringt sie sich jedem hellsehenden Auge gleichsam von selbst auf. Das Wort Vaterland ist ein schönes und herzerhebendes Wort, aber auch zugleich ein völlig leerer und sinnloser Schall, so bald wir Hausväter nicht anfangen, seine hohe Bedeutung im Fundament zu fühlen, das heißt, alle Kinder des Vaterlandes zugleich, als die unsern zu betrachten. Mit diesen wenigen und einfachen Worten, ist die ganze, dem bloßen Schulwitz so verwickelt erscheinende Aufgabe der Staatskunst nicht nur angegeben, sondern auch zugleich gründlich gelöst. Hausregiment und Staatsregiment hängt weit näher zusammen, wie man glaubt. Ein guter Hausvater vereinigt alle Ministerien in einer Person. Er schlichtet böse Händel und beugt ihnen vor. Er berechnet seine Einnahmen und Ausgaben auf's genaueste. Er befestigt sein Haus, durch Kalk und Ziegel; aber noch mehr, durch Frieden und innerliche Einigkeit. Er ist also zugleich Justiz- {68}

minister, Finanzminister, Kriegsminister, Minister vom Baudepartement und eben so auch Minister von der geheimen Polizei. Denn auch dieser kann ein gut eingerichtetes Vaterhaus nicht wohl entbehren, wofern nicht zwischen Küche, Speisekammern und Holzställen, mancher Unfug, zum größten Schaden und Nachtheil des Ganzen, vorfallen soll. Daher wissen manche Cantone in der Schweiz recht gut, was sie wollen, indem sie, mit unumstößlicher Satzung, verordnet und festgesetzt: daß der Staat nicht aus dem Buch, sondern aus der lebendigen Erfahrung, d. h. nicht bloß vor schulgerechten Rathsherrn, sondern von Hausvätern regiert werden müsse; also auch, daß Keiner, er sey denn verheirathet und Familienvater, dort an der Berathschlagung öffentlicher Angelegenheiten Theil nehmen kann. Denn wie soll Einer, so dachten die Stifter dieses weisen Vernunftgesetzes, dem Staat, d. h. der Verwaltung fremder Häuser gut und tüchtig mit Rath und That vorstehn, so er nicht zuvor, durch gut Hausregiment, irgend eine befriedigende Probe seiner eigenen Regierungskunst, abgelegt? {69}

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Und so wird, so muß es überall seyn, wo noch irgend eine Spur patriarchalischer Sitten und Urverfassungen, in nachgebliebenen ständischen Einrichtungen, sich unter dem Volk erhalten hat. Denn was sind Stände anders, als das den Hausvätern eines Landes, als liebreichen Mitverwaltern, von dem ersten und vornehmsten Hausvater, dem Fürsten, eingeräumte Stimmenrecht, durch freimüthig ausgedrückte Willensmeinung, überall, wo es die Berathschlagung des öffentlichen Wohls und das Heil des Staates betrifft? ihre gesetzmäßige Mitherrschaft kund zu thun? Hierbei findet aber die nachfolgende und in der Sache selbst begründete Ordnung statt. Der Landesvater bestätigt, als solcher, die übrigen Hausväter in ihrem guten Hausregiment; ihn selbst aber bestätigt Gott, als unser Aller Vater; daher auch Unterthanen und Fürsten gemeinschaftlich in der Kirche, mit entblößtem Haupte: „Vater unser, der du bist im Himmel" zu beten pflegen, und die großen Herrn, in ihren Canzlei-Verordnungen und andern fürstlichen Diplomen, sich nicht „Wir von {70}

Hans-, oder Kunzens," sondern „Wir von Gottes Gnaden“ zu unterschreiben die Gewohnheit haben. Seitdem aber die neuere Staatskunst, mit ihren eingebildeten Ansprüchen auf die höchste Verfeinerung, eine eben so spitzfindige Kunst, wie die Kochkunst geworden ist, die, unter dem einschmeichelnden Vorwand, dem menschlichen Körper eine gesunde Nahrung zuzuführen, die ausgesucht künstlichsten Gifte aufzutischen pflegt, ist auch das Hausregiment immer mehr und mehr unter uns abgekommen. Dagegen hören wir nun, in den Cirkeln unserer gebildeten Staatsmänner, fast von nichts, als von angebeteten Souverains, von innern Organisationen, von dem vortrefflichen Gang der neueren Staatsmaschine, von dem zweckmäßigen Ineinandergreifen ihrer Räder, völlig so sprechen, als ob der Staat aus weiter nichts, als aus lauter Spinnrädern, Windmühlen, oder aus ähnlichem todten und seelenlosen Kram bestände, dem wir diese Vergleichungen, zur bessern Versinnlichung unsrer mechanischen Regierungskunst, abborgen müßten: da er doch ganz im Gegentheil, wie wir oben gesehen, keineswegs eine tod- {71}

te, sondern eine recht lebendige, seelenvolle Maschine ist, die, indem sie der Liebe und dem wechselseitigen Zutrauen ihrer Mitbürger ihren Ursprung verdankt, auch nur auf diesem Wege der öffentlichen Meinung, erhalten und befestigt werden kann. Was? Nicht ein zwei Stunden weit von uns entlegnes Dorf können wir regieren, wofern wir uns nicht mit dessen Hausvätern als Schöppen und Gemeindeältesten, in eine innige Verbindung setzen: und wir wollten Provinzen, ohne Stände in Ordnung erhalten? Bei dieser Beschaffenheit der Dinge, besondere nach Ausbrechung der allgemeinen Europäischen Sündfluth, sonst auch Französische Revolution genannt, wo man mit einem Bogen Stempelpapier die Vaterherzen hat ersetzen wollen, haben wir uns noch über die Maßen Glück zu wünschen, daß wenigstens einige Wörter und Ausdrücke, als da sind, Väter des Vaterlandes, Bruder, Landeskind, Herbergsvater, und dergleichen, sich als eben so viele dunkle und heilige Sagen, aus einem verlornen, gesetzmäßigeren Zustand, zu uns herüber gerettet! Vielleicht auch darüber, daß jenes hohle {72}

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Maschinensystem, das auch in der Kriegskunst, wie ein gefährlicher Krebsschaden, um sich gefressen hatte, den 14. Oktober 1806. in den Bergen und Thälern von Jena, einen so plötzlichen Todesstoß erhielt, daß es sich seitdem nie wieder recht erhohlen konnte. In der That fängt man, seit diesem Zeitpunkt hier und da auch wirklich an, zu den Grundsätzen jener lautern und alten Staatskunst, die ich oben, im Gegensatz mit einer eitlen Kopfweisheit und jenen falschen politischen Rechnungsexempeln, in ihrer Reinheit darzustellen versucht habe, wieder zurückzukehren. Daher die Einrichtung des Landsturm's, der neuern Stadtordnungen und so weiter. Die Hausväter gelten nicht nur für die ersten Stützen, für die besten Vertheidiger des Staat’s, sondern werden auch häufiger, als bisher geschah, von dessen Stellvertretern zu Rathe gezogen. Fährt man auf diesem Wege fort: so wird das erstorbene Vaterherz, aus allen Zweigen der Staatsverwaltung, wie ein Phönix aus seiner Asche, auf das herrlichste wieder hervorlodern. Wie sollten, z. B. um nur einen der nächsten Fälle anzuführen, Haus- {73}

väter, die von dem Gefühl ihres Beruf's, von den ehrwürdigen Pflichten ihres Standes lebhaft durchdrungen sind, müssig da stehn und die Hände in den Schooß legen, wenn sie sehen, daß der Staat, mit dem besten Aufwand seiner Kräfte, der Verpflegung seiner zahlreichen Wittwen und Waisen, nicht gewachsen ist? Sollten ihm nicht vielmehr die Last seiner Sorgen freiwillige, unaufgeforderte, liebreiche Hände, durch eine im Stillen geschlossene Verbindung zu erleichtern suchen? Allerdings! so bald es mit den oben aufgestellten Grundsätzen eines guten Hausregiment's seine Richtigkeit hat; so bald der Zusammenhang desselben, mit der Majestät eines guten Staatsregiment's nicht geläugnet werden kann! Denn ist dem in der That so, daß die Kinder aller unsrer Mitbürger, d. h. aller übrigen Hausväter, die mit uns einen und denselben Landesstrich bewohnen, anbauen und vertheidigen, so gut, wie unsre Kinder zu betrachten sind: was für ein Vorrecht, auf unsre Liebe und zärtliche Vorsorge, steht erst den Kindern derjenigen Hausväter zu, die sich entweder in großen der allgemeinen Wohlfahrt dargebrachten Aufopfe- {74}

rungen, vom Staate selbst dazu aufgefordert, erschöpften, oder sonst im unverschuldeten Elend dieser Zeiten untergingen? Was z. B. wollten wir den abgeschiedenen Eltern antworten, wenn sie, auf die Brandstätte ihrer Dörfer, auf ihre abgetragenen Wohnungen hindeutend, uns mit zärtlicher Angst und Bekümmerniß fragten: was nun weiter, aus ihren armen unerzogenen Kindern werden sollte? Etwa? Sie möchten nur gutes Muthes seyn; der Staat sorge schon hinlänglich für die ihrigen; im Fall sie der peinigende Hunger verfolgte und sie etwa Felddiebstähle verübten – durch – Halseisen; würden sie so nicht gewitzigt – durch Stockschläge oder Straßenarbeiten; sollte indeß auch dieser, freilich etwas gewagte Versuch, zu Wiederherstellung ihrer bürgerlichen Ehre, fehlschlagen: so bliebe dem Staat nichts weiter übrig, als die Angeklagten, nach zwei- oder dreijährigem Gefängniß, wieder auf freien Fuß zu setzen, und sie sodann ihrem guten, oder bösen Schicksal an der Landstraße, so lange zu überlassen, bis sie zu einer gründlichen, gerichtlichen Untersuchung völlig gereift, mit Sonn' und Mond in einen unmittelbaren Verkehr treten, {75}

und so wenigstens nach ihrem Tod, dem Ganzen, als öffentliche Redner, auf eigens dazu errichteten Schandbühnen, durch Aufstellung eines warnenden Memento! nützlich werden könnten. – Das wäre also die Sprache, die Mitglieder des Staates gegen Ihresgleichen, d. h. Hausväter gegen Hausväter, zu führen berechtigt wären? Dieß die Unterpfänder einer heilig entglühten Vaterlandsliebe, die sie einander, zum Beispiel für Welt und Nachwelt, darbringen sollten? Das verhüte Gott, daß je das Unkraut einer so lieblosen Denkart, unter einem Volk, wie das deutsche, um sich griffe und wucherte! Indem, ihr edlen und erhabenen Freunde in der Noth, unter deren Mitgliedern nicht nur die höchsten Zierden unsers Fürstenhauses, sondern auch unsers Adels und unsers Bürgerstandes, zu zählen, meinem ewig dankbaren Herzen zum schönsten Bewußtseyn gereicht, im völlig entgegengesetzten Sinn, auf meine, und meines ehrwürdigen Freundes Horn dringende Vorstellung, euch der verwilderten Jugend des hiesigen Landes, so liebreich väterlich, so {76}

christlich, mild und nachdrucksvoll, obwohl geräuschlos angenommen: ist ein Gebäude der Liebe emporgestiegen, in dessen Wohnungen schon jetzt, den 12. Nov. 1814. wo ich dieses schreibe, an 30 erwachsene und unerwachsene Kinder ihr Unterkommen finden, und dessen Gipfel, zweifelt nicht daran, wenn sie gleich hier auf der Erde nur ein niedriges und stillbescheidenes Plätzchen einnehmen, dennoch zuletzt, eben weil sie der andachtsvollen Liebe und der Frömmigkeit glühender Herzen ihren Ursprung verdanken, mit beflügelten frommen Dankgebeten, den Himmel erreichen werden. Wie sollt' ich euch, edle Mitbürger und Mitbürgerinnen, die ihr, durch stille Verbindungen aller Art des anmuthigsten und sinnvollsten Kunstfleißes, wie des entschlossensten männlichen Wirkens, für solche himmlische Zwecke thätig gewesen, von dem Verdienst, das ihr euch durch solche Unternehmungen vor Gott erworben, hier am Markt, mit erröthenden Lobsprüchen, unterhalten? Das sey ferne von mir! Was bedürft ihr auch einer öffentlichen Urkunde? Denkt euch, ihr edlen Männer und Frauen, das von euch {77}

selbst so heiter entworfne Bild, und führt es täglich euerm begeisterten Gemüth vor: wie diese muntern, der ungezügeltsten Verwilderung, einst preis gegebenen Knaben, jetzt, für Zucht, Sitte und bürgerliche Ordnung wieder gewonnen, in einem belebten Vorgrund, als Schreiner, Zimmerleute, Mäurer, Schmiede, Leineweber, Schuhmacher, Drechsler, Tüncher, mit Hobel, Säge, Kelle, Zirkel, Winkelmaß, Hammer, Ambos, Schnitzeisen; Pfriem und Weberschiffen, bei nützlichen Gewerben angestellt, fleißig und freudig geschäftig sind! Sodann denkt euch auf der andern Seite, im düstern Hintergrunde, der Abwechslung und des Gegensatzes wegen, ein zweites, und völlig von diesem verschiedenes Gemälde; wie nämlich der böse Feind mit seinen Helfershelfern, Schergen und Schließern, nachdem ihr ihm durch eure gluthvolle Menschenliebe sein künstlich angelegtes Spiel auf lange Zeiten verdorben habt, nach völlig vereiteltem Plan, mit dem Schlüsselbund von zwanzig vergeblich erbauten Gefängnissen rasselnd, finster und verdrüßlich davon eilt, um für sich und die unsaubern Geister seines Gefolges eine {78}

andere Stätte aufzusuchen, wo er die Fäden seiner verderblichen Netze einschlagen und ruhig weiter spinnen kann, und ich bin gewiß ihr werdet, in der weitern Ausführung dieses einzigen Gedankens, eure schönste und angemessenste Belohnung finden. {79}

Brief eines Reisenden
über die Ruinen von Tröbsdorf.

Tröbsdorf, drei Viertelstunden von
Weimar, den 15. Aug, 1814.

Ich war zu Pferde und stieg in dem hiesigen kleinen Gasthof ab. Der Wirth heißt Pohle und stammt aus Schlesien. Seine Frau, eine Sächsin, kann sich über den Verlust ihrer schönen Wirthschaftssachen, welche sie, durch die östreichische Plünderung, verlor, noch immer nicht zufrieden geben. Beides sind brave, herzensgute Leute. Die Oestreicher und Russen haben hier wild gehaust, so wild, daß man es von den abgesagtesten Feinden nicht toller hätte erwarten können. Die Heerführer, weil hier ein Lager vor einigen Tagen lag, sind leider, die zügellosen Schaaren zu bändigen, nicht im Stande gewesen. Freitag war in Weimar eine zweistündigde Kanonade. Die Kosaken und Franzosen {80}

fochten in der Stadt auf den Straßen. Die Franzosen drängten durch das Wasserthor herein. Platow trieb sie mit seinen Kosaken zurück. Sonntag Nachmittag sah man nichts, als Himmel und Oestreicher, in Tröbsdorf. Man konnte die Straße weder durchsehen, noch durchgehen. Bis Dienstag Nachmittag hielten sie hier Haus, oder besser gesagt, haben sie die Häuser eingerissen. Das Dorf sieht völlig so aus, als hätte ein Erdbeben die Häuser, Scheunen und Ställe alle unter und durch einander geworfen. Von einigen sind bloß die Kochstätten übrig geblieben. Von andern hängt eine armselig zusammengeflickte, mit Stroh bedeckte Stube, gleichsam wie ein Vogelbauer, in der Luft. Von dem durch die Soldaten verzettelten Korn sind hin und wieder in den Scheunen, wo man sonst die Erndten einbrachte, neue Saatfelder emporgewachsen. So schießen auch auf den Trümmern der stehen gebliebenen Mauern, wie von den Händen der gütigen Natur gepflanzt, überall wieder Aehren und Kornblumen empor. In den staubigen, aufgedielten Stuben, auf die nun der Regen des Himmels, ohne weitere Vorrichtung, {81}

herunterfällt, nachdem das Dach, die Bekleidung der Fenster und die Thürpfosten, an den unbarmherzigen dreitägigen Nachtfeuern, auf gut tamerlanisch, von den Soldaten verbrannt worden sind, hatten einige dieser beklagenswerthen
Landbewohner wieder Gurken gepflanzt, in der Nähe von eingefallenen Oefen und zerschnittenen Federbetten, oder zerstückten Schlafpfühlen, und die Natur ließ sie wachsen, wie wenn es ein ordentliches Grabeland wäre. Dazwischen spielten die nackenden Kinder, deren Eltern gestorben sind; ein kläglicher und wahrhaft erbarmungswürdiger Anblick! Von einer einzigen Familie, genannt Pickert, sind allein 9 unerzogene Kinder übrig geblieben, die nun, bis auf ein Paar, die das Waisenhaus an sich genommen, in dem armseligen Dorfe, das selbst nichts hat, zur Auferziehung vertheilt worden. Ihr neuerbautes Haus ist von dem Kriegssturm, wie spurlos, hinweggeblasen; die beiden Eltern sind vor Gram darüber gestorben, und die Kinder? Sie haben ihrer an 700 in Weimar, die auf baldige Aufnahme in das Waisenhaus, einen gesetzmäßigen Anspruch machen. Nach den größten und ge- {82}

wissenhaftesten Anstrengungen der Vorsteher, reichen die Fonds noch nicht zur Aufnahme von hundert hin; und fast zwei hundert, bloß vater- und mutterlose Waisen, zum Theil aus zahlreichen Familien, die eben deßhalb mit Recht den Vorrang haben, klopfen vor der Thür dieser Anstalt. Wo soll da in einem so kleinen, durch Kriege erschöpften Ländchen Rath werden? Zehen Männer, in der Blüthe ihrer Jahre dahingerafft, haben allein in Tröbsdorf zwei und dreißig Kinder zurückgelassen. Denn auch hier, wie überall, brach im Gefolge jener durch den Krieg veranlaßten Unruhen, Schrecken, Plünderungen, Gefechte, die verheerende Seuche eines bösartigen Faul- und Nervenfiebers aus, und raffte, verderblicher wie eine Feuersbrunst, die Leute jähling dahin. Eine junge, wohlgesittete Frau, mit Namen Röder, die mich auf diesen Stäten der Verwüstung umher führte, und die, wie sie mir weinend erzählte, das Unglück betraf, daß sie, in jenen Tagen der Angst ihre Niederkunft halten mußte, lag mit vielen andern, durch die Soldaten ausgetriebenen Fa- {83}

milien, auf dem Tanzboden des Wirthshauses, bei der Frau Pohlin. Wenn der Morgen kam, und die Sonne hinein schien, in die Wirthsstube, schrien die erwachten Kinder nach Brod, und die Eltern verzweifelten, wo sie welches herbekommen sollten. Vor einem Jahre verheirathet, und von ihrer Mutter, als eins der wohlhabendsten Mädchen im Ort, mit allem Nöthigen reich ausgestattet, war ihr jetzt, nachdem sie von den Soldaten rein ausgeplündert worden, nichts als eine noch dazu geschenkte blaue Schürze übrig geblieben, um ihr neugebohrnes Kind darein zu wickeln. Nach drei Wochen, wie sich dieses aus dem Zustand der Mutter bei ihrer Entbindung, wohl denken und erklären läßt, gab das arme Kind, in einem Anfall von Zuckungen, seinen Geist wieder auf. Noch hatten die zurückgebliebenen Eltern einen Sack mit Korn in einem Winkel stehen, den die Soldaten nicht gefunden hatten; aber die Bestellzeit war lange schon vorbei. Da sagte der junge Mann, der selbst Soldat, und in Tyrol, wo er verwundet wurde, auf mehr als einem gefährlichen Posten, mitgewesen, im Unmuth zu seiner jungen Frau: „Es {84}

wird uns doch nur von den Soldaten genommen; ich will das Korn lieber in die Erde werfen, mögen's die Raben aushacken!“ Aber siehe da, Gott gab Glück und Gedeihen zum Werte, und ob es wohl über 3 Wochen in der Erde lag, eh es aufging, steht es doch nunmehr in der schönsten und hoffnungsvollsten Erndte da. Wie die junge Frau noch so erzählte, standen wir vor einem völlig über und unter einander geworfenen Schutthaufen, der ein Haus vorstellte. „Hier haben auch einst gute Leute gewohnt (sagte sie) da hüben, wo die Kochstätten noch zu sehen sind. Im October vergangenen Jahres aber, nach der Schlacht bei Leipzig, sind sie durch die Soldaten bis auf die Erde fertig geworden. Sie nannten sich Beckers: zuletzt brauchten sie weiter nichts, wie Erde, und die hat ihnen der liebe Gott nun gegeben. Jenes andere Nachbarhäuschen, was Sie weiter unten im Schutt liegen sehen, haben die Leute verlassen, und weil sie zu arm sind, es wieder aufzubauen, sind sie nach Oberweimar zu ihren Anverwandten gezogen. Der Mann arbeitet im wälschen Garten. Sein Name ist Bayer. In dem geflickten Stübchen aber, mit {85}

Stroh bedeckt, was wie ein Vogelbauer aussieht, und nur noch nothdürftig zusammenhängt, dort hinten nach dem Garten zu, da hat mein alter Schwiegervater am Nervenfieber krank gelegen. Zu heizen war es nicht. Sie werden weiter unten im Dorf noch ähnliche Gelegenheiten finden, die sich die Bewohner, aus den Ueberbleibseln ihrer abgetragenen Häuser, künstlich zusammengeflickt. Als freilich die Platzregen im Frühling und Sommer zu heftig wurden, mußten die armen Leute, weil das Stroh durchweichte, und die Feuchtigkeit nicht mehr abhalten wollte, sich in den Baumgarten flüchten, wo sie sich, zum Schutz gegen die Witterung, Löcher in die Erde gruben. Wir Haben viel ausgestanden!" – „Es ist wahr, sagte die Wirthin Pohlin, die sich hier zu uns gesellte, Niemand glaubt es, wer es nicht gesehen hat, wie wild man mit uns umgegangen ist! Lieber wollt ich mich ins Wasser stürzen, als diesen Zustand noch einmal über mich ergehen lassen! Mich dauert nur mein Mann, der eine solche Freude an seinem Vieh hat. Die rohen Kerle hieben, mit Aexten und Palaschen, seine schönen Schweine vor seinen {86}

Augen lebendig auseinander und zerrten die Ziegen, bei den Beinen gefaßt, auf das grausamste in Stücken." — „Auch ich," sagte Hartung, ein andrer Bewohner von Tröbsdorf (der wie Röder Soldat gewesen ist, und dessen Häuschen nun ebenfalls gänzlich danieder lag), „wenn Sie es nicht übel nehmen, daß ich hier mit meinem Gespräche dazwischen falle, habe Begebenheiten und Dinge erlebt, die ich all mein Lebtag nicht wieder vergessen werde. Da sehen Sie die Ueberbleibsel von dem Häuschen? Es gehört der nunmehrigen Wittwe Rheinbothin. Als ihr Mann sah, daß das Seinige Alles durch die Soldaten so unerbittlich zu Grunde ging, nahm er sich die Sache zu Gemüth, saß immer still und tiefsinnig da und blickte vor sich hin; zuletzt bekam er gar, vor Ekel und Ueberdruß (denn was für Verunreinigungen des Dorfes in Häusern, Ställen, Gärten, Scheunen und Treppen, statt gefunden, läßt sich nicht gut nacherzählen) das bösartige Nervenfieber. Frau und Kinder, von der nämlichen Seuche angesteckt, lagen gleichfalls auf Stroh (denn alle Betten waren von den Soldaten geraubt). Als ich vor {87}

sein Lager trat, sagte er zu mir: „Weißt du was Hartung? Ich sterbe. Die Meinigen liegen, wie du siehst, auch hin, und wissen nichts mehr von sich selbst. Liebreich habe ich vor einem Jahre deiner Mutter die Augen zugedrückt, als sie vor Gram darauf ging, daß du, als ihr einziger Sohn, mit den Soldaten in's Feld ziehen mußtest! Erzeige mir nun dagegen wieder einen christlichen Liebesdienst, drücke mir die Augen zu und begrabe mich hinten in meinem Garten, wenn ich todt bin! Einen Sarg hab' ich nicht, daß ich ihn bezahlen kann. Es muß ja nicht gerade auf dem Kirchhof seyn; Gott wird meine arme Seele, denk' ich, auch so zu Gnaden annehmen!“ Als er dieses gesagt hatte, wendete er sich mit dem Gesicht nach der Wand und verschied. Ich aber ging mit noch einem andern Mann im Dorf; wir nahmen Breter und schlugen eine Kiste zusammen, legten den Todten hinein und begruben ihn; aber
nicht im Garten, wie er es verlangte, sondern auf den Kirchhof. Zu einem ordentlichen christlichen Begräbniß wäre ja so in dem Tumult von Menschen und Pferden, der noch stets in {88}

Tröbsdorf fortdauerte, weder Zeit noch Gelegenheit gewesen. Unsere Bahre wurde gleich zu Anfang verbrannt. Nicht einmal die Kreuze des Kirchhofes waren sicher, so wenig wie das Leichentuch. Wie unbarmherzig diese Leute, die doch auch Deutsche seyn wollten, mit unsern Todten – denn ein großer Theil von Denen, die ihre Mißhandlungen erlitten, ist nicht mehr am Leben – umgingen, davon will ich Ihnen noch ein Beispiel erzählen. Ihr gewöhnliches Fluchwort war: „Ihr sächsischen Hunde, verdient es nicht besser, als daß man euch die Herzen aus dem Leibe brennt!“ Ein alter Obristlieutenant, der im Orte lag und an den wir uns wendeten, um seinen Schutz nachzusuchen, sagte mehr Mal mit Thränen im Auge: „Ihr armen Leute, ihr und eure Kinder seyd alle verloren! Die Menge ist zu groß, wir können ihrer nicht Herr werden; sie zu bezwingen, sind der Offiziere zu wenig!“ wobei er einen solchen Schwarm von unlieblichen Verwünschungen und Flüchen gegen die Seinigen ausstieß, daß, wenn auch nur die Hälfte derselben in Erfüllung gegangen ist, wir schwerlich Einen von un- {89}

sern Quälgeistern jemals wieder erblicken werden. Wenn sie sich über ein Haus hermachten, um es niederzureißen: so kletterten und hüpften sie, wie die Vögel, auf den Balken herum. Auch führten sie Zimmerleute mit sich, die über jeden Nagel Bescheid wußten. Aus Raubgier wurden sogar die Abtritte, von oberst zu unterst, umgekehrt, und die Brunnen bei der Frau Pohlin rein ausgeschöpft, um zu sehen, ob die armen Leute nichts darin verborgen hatten. „So du mir zwei Gülden gibst, so will ich das Haus stehen lassen,“ das war die ganze kaltblütige Antwort, die ich, Hartung, von einem rohen Korporal, auf meine Vorstellung erhielt, daß er doch das Haus einer Wittwe, das er sich so eben, mit seiner wild jauchzenden Soldatenbande niederzureißen, anschickte, möchte stehen lassen. Denn sie lärmten und jubelten, gleich als hätten sie was recht Großes vollbracht, wenn die Giebel der Häuser krachend zusammenstürzten, und der Staub davon in Wirbeln zum Himmel empor stieg. – Und da ich eben nicht im Besitz dieser zwei Gülden war: so mußte ich es gelassen mit ansehn, daß das wohlerhaltene Haus {90}

von diesen wilden Unmenschen eingerissen, und in's Lager, um sich Baracken davon zu erbauen, fortgetragen wurde. Es standen zwar Bäume genug, um das Dorf herum, so wie auf den Wiesen da: aber daß Grün nicht brennt; oder wenn es auch brennt, doch einen garstigen Qualm gibt, so klug sind die Soldaten auch. Seit demnach der heidnische Tamerlan die Kunst erfunden, sich an den Dörfern zu wärmen, findet es auch der christliche Krieger bequemer, auf Kosten seiner armen, verzweifelten Landsleute, denen nichts, als die Augen ihren Verlust zu beweinen übrig gelassen werden, in die Fußtapfen solcher erhabenen Vorgänger zu treten. Gegen eine Feuersbrunst kann man sich mit Wasser vertheidigen, oder zum Einhalt derselben Spritzen anfahren lassen: was aber schützt uns gegen Unsersgleichen? gegen Menschen, die mit der Unvernünftigkeit des Elements daher rasen, und alle ihre Rasereien mit dem einzigen Ausdruck, „daß die neue Kriegskunst dieses so mit sich bringe,“ entschuldigen und bemänteln wollen. Wie, wenn man nun alle die empfindsamen Anschläge und Thorzettel der neuern Euro- {91}

päischen Menschheit seit zwanzig Jahren gesammelt und gelesen hat: muß man nicht, bei Betrachtung eines ihrer Kriegsschauplätze, alsbald mit Widerwilen ausrufen: Wir Europäer spielen zwar – die Menschen; aber eigentlich gehören wir in's Geschlecht der reißenden Thiere und sind Bären und Füchse, so gut wie die Uerbrigen! {92}

Tagebuch von Weimar
in den Tagen des 21., 22. und 23. Octobers,
nach der Schlacht von Leipzig 1813.

Die verschiedensten Auftritte, das bunte Menschengewühl der letztvergangenen Tage, nach der siegreichen Schlacht von Leipzig, wollen wir doch suchen, so viel, wie möglich, in einem frischen Andenken zu erhalten. Mit der Schnelligkeit eines Pfeiles, mit der Andacht eines Psalters, war Preußen vorwärts geflogen, und hatte die Franzosen tödtlich in's Herz getroffen. Auf dem einmal gebahnten Wege, sah man bald Oestreich und Baiern, in beflügelter Eile, nachstürzen. Ein Anfangs unbestimmtes Gerücht, daß eine dreitägige, große Schlacht für Napoleon verloren gegangen sey, kam bald genug zu uns. Mittwoch wollten einige, den ganzen Tag {93}

hindurch, entfernten Kanonendonner hören. Die Nachrichten durchkreuzten sich mehr, als je. Donnerstag früh und später zu Mittag wurde die Lage der Sache für uns immer bedenklicher. Wer auf dem Fürstenplatz, vor der Bibliothek, am alten Schloß, im Park oder am römischen Hause, einen Augenblick still stand und aufmerksam zuhorchte, konnte die einzelnen Kanonenschläge so gut und so deutlich unterscheiden, daß Niemanden unter uns auch nur der aller geringste Zweifel übrig blieb, die einander bekämpfenden Heere müßten irgend, zwischen den Pässen von Kösen, in der Gegend von Freyburg, wo nicht näher, einen gefährlichen Strauß miteinander haben. Die besser unterrichtet seyn wollten, behaupteten zwar zu unserm Trost: die ganze französische Armee sey vernichtet und gleichsam von der Erde hinweggeblasen. An einen förmlichen Rückzug, durch unser Land, sey deßhalb gar nicht zu denken; was wir hörten, besteh' in weiter nichts, als in verzweifelten Versuchen einzelner abgeschnittner Korps, die sich von allen Seiten von dem Sieger, wie grimmige Bären, umstellt, noch hier {94}

und da durchzuschlagen versuchten. Jedoch – als der Donner des Geschůtzes so lange und so anhaltend fortwährte, sank auch dem Entschlossensten der Muth. Einer wurde zuletzt so kleinmüthig, wie der Andre, und der Gedanke, daß sich vielleicht im Kurzen ungeheure Massen, über unser kleines Ländchen hinwegwälzen würden, gewann mit jedem Augenblick an größerer Wahrscheinlichkeit. Unser bevorstehendes Schicksal, im Fall eines solchen Rückzuges, suchte sich nun die Einbildungskraft, mit den grellsten und schwärzesten Farben, auszumalen. Anfangs lauteten, die von Buttelstedt eingelaufenen Nachrichten, bloß auf französisches Fußvolk, das den 21. October daselbst einrückte. Den 22. in der Frühe aber begegnete Hr. Conta, der jüngere, in der Gegend von Umpferstedt und Schwabsdorf, reitenden franzöfischen Husaren, die ihm den wohlgemeinten Rath ertheilten: er solle machen, daß er, je eher je lieber, nach Weimar wieder zurückkomme, weil der Kaiser in der Nähe sey. Sie setzten hinzu: Napoleon habe sich an die Spitze der gesammten Cavallerie gestellt, und versuche so eben sich durchzuschlagen. Nun {95}

wußten wir freilich, woran wir waren. Die Stille eines schwülen Sommertages, vor dem nahen Ausbruch eines Gewitters, kann ein passendes Bild, von dem Zustande Weimars und der erwartungsvollen Todtenstille seines Marktes und seiner Straßen, in diesen entscheidenden Augenblicken, abgeben. Was weiter hierauf erfolgte, will ich an diesem Ort mehr in flüchtigen Umrissen andeuten, als zu einem weitläuftigen Gemälde ausführen. – Das plötzliche Eindringen von 100 französischen Pferden und Reitern, durch das Wasserthor in die Stadt; die überall dadurch unterbrochenen und gestörten Mittagsstunden der ruhigen Bewohner; hartnäckige und blutige Gefechte in den Straßen; schweres Geschůtz, das von der Seite der Altenburg, so wie gegenüber am Ettersberg aufgepflanzt, mehrere Stunden, durch und über die Häuser hinwegspielte; durchlöcherte Mauern, Thüren, Fenster, einstürzende Schornsteine; weinende Kinder; mit diesen und ihren Habseligkeiten, in Bündeln und Körben, flüchtende Weiber, besonders in der Gegend des Jacobsthores; dazwischen wachsender Kriegstumult, Drommetenstöße, Trom- {96}

meln, Hurrahrufen; verwegner Buben jauchzendes Freudengeschrei am Sperlingsberg, die mitten im Pulverdampf und Kugelregen, Gewehr und Helme auflesen; Kosaken, im wildphantastischen und echt orientalischen Aufputz, mit verbrämten Mützen und Pelzröcken, auf thurmhohen Sätteln, mit eingelegten Lanzen und aufgefangenen Beutepferden an der Hand, durch die Esplanade, über den Markt, alle Straßen des deutschen Athens auf und absprengend; im Gegensatz mit ihrer unruhigen und fast quecksilbernen Beweglichkeit, ungarische Husaren, mit der kaltblütigsten Fassung in der Gegend des Schlachthauses vor der Regelbrücke, plötzlich Halt machend, sich eine Pfeife stopfend, und sodann, wie wenn es einen Spazierritt, oder ein andres gewöhnliches Tagewerk gälte, mit dem Säbel in der Hand, dem in Schlachtordnung vor den Thoren aufgestellten Feind entgegenrückend; ihn anfallend; zurücktreibend; immer gerechter werdende Besorgnisse, nach erhaltner Verstärkung desselben; unentschiedener, schrecklicher Augenblick, ob sich Napoleon nicht, mit großer Uebermacht, in die Stadt werfen, und sie, aus {97}

Rachsucht, den Flammen preis geben würde; allgemeines Zittern und Zagen vor einer ähnlichen gewaltsamen Katastrophe, wie die des 14. Octobers 1806; Furcht vor Einäscherung und Feuersbrunst; doppelt in all den beklagenswerthen Häusern und Wohnungen fühlbar, wo blühende Männer, kraftvolle, zur freudigen Stütze ihrer Eltern herangereifte Mädchen und Jünglinge, gleich abgelebten Greisen, von der herrschenden Seuche auf ein Schmerzenslager hingestreckt, ein und dasselbe Schicksal der allgemeinen Ansteckung erfahren mußten; oder wo besorgte, zärtliche Mütter, um das Krankenbett ihrer vom ungezügelt wüthenden Scharlach ergriffenen Kinder, bebend da saßen; als denen der geringste Schreck, die kleinste Verkältung, durch Zurücktretung, tödtlich werden konnte – und tödtlich wurde, wie die langen, nicht aufhörenden Reihen von kleinen Kindergräbern, auf St. Jacob, jedem mitweinenden, elterlichen Auge beweisen können; zuletzt Annäherung der Nacht, mit ihr freieres Aufathmen, erlangt durch tapfrer uralischer und donischer Kosaken Gegenwehr, so wie gänzliche Zurückdrängung des Feindes {98}

nach Zimmern infra Ballstedt und jenseit des Ettersberges; hierauf, um die Stadt und vor derselben, von allen Seiten auflodernde Wachfeuer; keine Stund', ohne Posthorn und blasende Eilbothen, selbst bei nächtlicher Frist; unfehlbare Zeichen und Verkündiger der, im Gefolge ihres glorreich errungenen Sieges, mit beflügelten Eilmärschen, herannahenden großen russischen, preußischen und österreichischen Hauptquartiere. Welche Tage des Tumult's, des Jammers, des Glanzes und des zu ganzen Bergen von Schmutz angewachsenen Straßenverkehrs! Wenn man des Abends ausging, konnte man sich in allen Europäischen Sprachen anrufen hören! „Stopoi! Qui vit? Wer da?!“ wechselten so schnell miteinander ab, wie die bunten Kriegsereignisse selbst. Wer von uns möchte, allzu kleinmüthig, diese Tage lieber nicht erlebt haben? wer allzu übermüthig, sie auf's Neue zurück wünschen? Ist Asien wirklich ausgewandert? oder ist alles dieses nur ein flüchtig vorübergehender Traum gewesen? Noch immer seh' ich im Geist, in den Monaten Januar und Februar, von Schneeflocken umrieselt, jenen unendlichen {99}

Zug von kleinen russischen Kibitken auf- und abschwärmen und unsern Markt und unsre Straßen anfüllen. Beständig erscheinen mir noch, so oft mich mein Weg an dem Rathhause von Weimar vorüberführt, jene Baschkiren, wie ich sie hier zum erstenmal, mit verwunderten Augen sah, mit ihren breitgedrückten, aber dabei grundehrlichen, mongolischen Gesichtern, wie sie, Pfeil und Bogen über ihre Schultern gehängt, träumerisch, auf ihren kleinen, aber auf die Dauer gebauten, halbwilden Steppenpferden, da sitzen mit kegelförmig zugespigten, inwendig roth aufgeschlagenen Hüten und, als die erste Frucht ihres glücklich in Deutschland genommenen Sprachunterrichts, im lachenden Muth: „Mutter, koch Hirsenbrei!“ vom Sattel, in die neugierig, von Frauen und Mädchen eröffneten Fenster und Hausthüren, hereinrufen. Zwei ganzer Jahre sind diese fröhlichen und harmlosen Kinder der Natur, von den Grenzen von China unterwegs gewesen, um zulegt in Paris einzutreffen, und indem ich dieses schreibe, werden sie wohl noch reiten, um wieder in ihre alte Heimath zurückzukehren. Seit dem haben sie {100}

länger in Weimar gelegen, und ich kann versichern, daß sie, durch jede näher mit ihnen errichtete Bekanntschaft, nicht verloren, sondern im Gegentheil gewonnen haben. Für europäische Sitten zeigen sie eine besondre und lobenswerthe Empfänglichkeit. So haben sie z. E. sich nicht nur nach allem bei uns erkundigt, sondern auch sogar kleine Modelle von Ackergeräth, z. B. von Pfügen, Dreschflegeln, Wägen und dergleichen, in ihr Vaterland mitgenommen. Anfangs saßen die Mützen, die sie zu tragen gewohnt sind, fest auf ihrem Kopf, wie bei allen Muhamedanern, denen sie, wenigstens von Seiten ihrer Religionsbräuche, angehören: in der Folge aber, besonders wo ihnen ein schönes Kind in den Weg kam, verneigten sie sich völlig, auf europäische Art, und nahmen zugleich höflich ihre Mützen, und das nicht selten zu wiederhohlten Malen, mit beiden Händen vom Kopf herunter. Auf der Kegelbahn des Armbruftschießhauses stehen sie bei männiglich in gutem Andenken. Die Gäste verständigten sich mit ihnen, so gut sie konnten, und beim Kegelschieben führten sie nicht selten zu ihrer eignen {101}

größten Freude, die Rechnung, was auch recht gut anging, indem sie die arabischen Ziffern mit uns Europäern gemeinschaftlich besitzen. Ihre Art zu trinken ist originell, und eben darum hier zu Lande Manchem aufgefallen. Waren sie z. B. durstig: so wurden ein 5 oder 6 Bouteillen Bier gefordert. Bei der Ausleerung beobachteten sie sodann folgende Gewohnheit. Erst schenkte sich der vornehmste von ihnen, etwa ihr Oberst, ein Glas ein; sodann folgten die andern seinem Beispiel. Hierauf ging es, wie nach der Schnur. Einschenken und Austrinken war eins, bis die Bouteillen völlig leer waren. Das Bier ist ihnen schwerlich lange bekannt; dessen Stelle vertritt in ihrem Lande Pferdemilch; doch fanden sie Geschmack daran; ihr Vorgesetzter, der so große, wo nicht größere Besitzungen, unter den Seinigen, wie unser Herzog haben soll, kann sich, durch Einführung desselben, ein wesentliches Verdienst erwerben. Das Kegelschieben war ihnen nicht minder fremd; da sie aber, des Treffens, mit Pfeil und Bogen, nach einem bestimmten Ziele, so gewohnt sind: so sind sie, wenigstens bei Ausspielung eines Kegels, {102}

auch in dieser Kunst, wo doch am Ende alles nur auf ein gutes und richtiges Augenmaß hinausläuft, bald Meister geworden. Für die Musik sind sie nicht ohne Anlage; jedoch bringen sie, wie die ihnen hierin verwandten slavischen Nationen, die weichen Moltöne, in ihren Nationalgesängen etwas zu häufig an. Was innig Betrübtes, was klagend Zärtliches ist überall in ihren Weisen das Vorherrschende. Hiermit verbinden sie, wie die Russen, kriegerische Lieder, die, wie Choräle lauten, die sie, selbst zu Pferde sitzend, unter einfallender Begleitung von Pfeifen und Becken, absingen, und die, in Strophen und Antistrophen, miteinander abwechseln. Herr Instrumentmacher Schenk, der am Jacobsthore, dem Bären gegenüber wohnt, wo sie mit ihren Pferden gewöhnlich ihren Einstand hatten, belobte sie ebenfalls, ihres Singens wegen, mit dem Zusatz, daß er nicht selten, durch ihre angestimmten Weisen, des Abends und des Morgens, bis zu Thränen ergriffen und gerührt worden sey. Auch erzählte mir derselbe weiter: wie er, über die freundliche Gemeinschaft, in welcher Thier und Mensch bei {103}

diesen unverdorbenen Hirtenvölkern zusammen leben, oft im Stillen seine Betrachtung angestellt. Besonders, nachdem es den ersten Schnee gelegt, regte sich in beiden, in Menschen und Thieren, der größte und ausgelassenste Muthwille. Es muß dieses, wie wir es auch bei unsern Kindern zu bemerken Gelegenheit haben, wohl ein angebornes Naturgefühl seyn. Des Morgens nämlich, bei eröffneten Ställen, sprangen die Thiere, so bald sie den Schnee erblickten, wie toll und närrisch. Ihre Reiter deßgleichen. Sie klopften ihre Pferde, sie umhalsten dieselben auf's Freundlichste; ja oft traf es, daß, nachdem sie sich so eine Zeit lang wechselseitig unterhalten, und beide Theile Sprünge in die Luft gemacht, wenn Herr Schenk wieder hinsah, daß die Pferde auf der einen und die Reiter auf der andern Seite, in die weiße Decke des Schnee's bis über die Ohren eingegraben, dalagen. Einer von den jungen Baschkiren ist auch in Weimar, während der Muße ihrer Winterquartiere, zur Schule angehalten worden, und dieses Kind, voll natürlicher Anlagen, brachte es bald in unsrer Sprache zu bedeutenden Fort- {104}

schritten; so auch, daß es im Kurzen, zur größten Freude der Seinigen, auf der Kegelbahn des Armbrustschießhauses, wo sein Vater den Rechenmeister machte, einen Dollmetscher abgeben konnte. Nächst den Baschkiren haben die donischen Kosaken, besonders wegen ihrer schönen Gestalt, ihres edeln Anstandes und ihrer lebhaften Pantomimen, vor den übrigen Truppen des russischen Heeres, die wir zu Gesichte bekommen, den ausgezeichnetsten allgemeinsten Beifall erhalten. Man fühlt sehr bald, wenn man diese männlich schönen, regelmäßigen Körper, die, von dem allgemeinen Ebenmaß der menschlischen Gestalt noch wenig, oder gar nicht ausgeartet sind, auch nur flüchtig betrachtet, daß man es hier mit einem der ältesten, kaukasischen Stämme unsers Geschlecht's, mit einer sogenannten Urnation, zu thun hat. Ein solcher ehrwürdiger Alter vom Don, wo die wilden Gänse, wie bei uns Deutschen, die zahmen Tauben, in den Häusern aus und einfliegen, mit einem ellenlangen, ihm bis auf den Gürtel herunterhangenden Silberbart, schwebt mir noch immer vor Augen. Ich seh' ihn noch auf meiner Hausflur stehen, wie er von den russischen {105}

Fuhrwerken, wovon in dieser Nacht, wegen Anwesenheit des Kaiserlichen Hauptquartieres in der Stadt, die ganze Esplanade voll war, von dem Glanz des wirthbaren Feuers, das auf unserm Heerde loderte, durch die offenstehende Hausthür angezogen, mit einem Tiegel in der Hand, ehrerbietig gegangen kam; wie er sodann sich unserm Dreifuß näherte; wie er seine Küche selbst beschickte; wie er sein Gericht, bestehend in Schwarzbrot, in Wasser eingebrockt, mit Kümmel, Salz und Zwiebeln vermengt, als ein glücklicher Koch, zu Stande brachte; wie sodann der fromme Alte, der beinah einem Magus glich, jeden Trunk bekreuzte, und für jede kleine, ihm liebreich dargebotene Hülfleistung, nach morgenländischer Weise, mit einem Fußfall dankte: gewiß ich kann, bei dem schönen poetischen Eindruck, den dieses alles auf mich gemacht, es der guten ehrlichen donischen Seele nicht übel nehmen, daß sie, im Tumult des Lagers, und bei der Unvollkommenheit, sich in fremden Sprachen auszudrůcken, geschenkt und geliehen miteinander verwechselt und es daher vergessen hat, mir {106}

eine große zinnerne Schüssel, die sie beim Anrichten mitgenommen, nebst ein paar silbernen Eßlöffeln, wieder zurück zu bringen.

Bei dem schon oben erwähnten, nachmittägigen Vordringen der Franzosen in die Stadt, durch das Wasserthor, erlebte ich einen andern Auftritt vor meiner Thüre, der possierlich genug war. Noch während des Gefecht's nämlich, eröffneten die Kosaken in der Esplanade, wo sie, ihre Pistolen ladend, auf- und absprengten, ein förmliches Handelsverkehr, mit Beutepferden. Die Fußgänger Weimars konnten hier, sofern sie es wollten, oder wagten, sich in kurzer Zeit und zu sehr billigen Preisen, beritten machen. Erst wurden die franz. Mantelsäcke, in schönster Ordnung durchgesucht, und sodann das Beste von ihrem Inhalt – man weiß, wie unendlich viele Kissen und Päcke, auf einem solchen hohen Kosakensattel in die Länge und Breite, Platz haben – zur Rechten, wie zur Linken, untergestopft. Kein Stückchen Leinwand – und wenn's nur eine Elle lang gewesen wäre – wurde weggeworfen, sondern gar bedächtig, um den Arm, den Fuß, {107}

oder den Leib gewickelt. Nur mit der feinern Wäsche, z. B. mit den sogenannten Chemischen, oder den spitzenbesetzten Krägelchen und Vorhemden, wußten sie, wenig oder gar nichts, anzufangen. Erst breiteten sie die Siebensachen auseinander; sodann verschenkten sie dieselben, vermuthlich in der Meinung, daß es Kinderhemdchen wären, an die zwischen ihren Pferden umherstehenden Kinder, die nicht müde wurden, sie und ihre langen Bärte neugierig anzugaffen. Eben so wurden auch sämmtliche Papiere und Handschriften der französischen Mantelsäcke – es mochten nun Liebesbriefe, Gedichte, oder Cassenbillets seyn, weg und auf die Straße geworfen. Indem die Sieger noch mit diesen und ähnlichen Anordnungen beschäftigt waren, kommt der hiesige Schreibemeister, Herr Koldiz, mit zwei ganz erschrecklich verhungerten kleinen Franzosen, um die Ecke herum und die Esplanade heraufgegangen. Ein Kosak erblickt sie, sprengt im Hui auf sie zu und erklärt beide für seine Gefangenen. Sie mußten sogleich, obwohl des Reitens ungewohnt, weil sie zum Fußvolk gehörten, auf seine hohen Beutepferde steigen, wo sie förmlich, {108}

wie auf Kameelen da saßen. Er stopfte sie hier mit Aepfeln und bediente sie reichlich mit Branntwein; wollten sie nicht zulangen: so bedrohte er sie mit seinem Säbel. Durch einen fremden Kaufmann aus Breslau, der sich um diese Zeit in Weimar aufhielt, und der zugleich fertig russisch und deutsch verstand, ließ er sie jedoch bald darauf wieder seiner Gnade versichern, und daß sie es gut bei ihm haben sollten. Ueber dieses Gespräch, war die achte Flasche mit Schnaps, von einem muntern Knaben herbeigeholt, so eben angekommen. Zum Zeichen, daß diese seine Versicherung keinesweges leere Worte gewesen, wurde ein bis oben aus derselben gefülltes Glas den beiden Franzosen dargebracht. Die guten Leute, die ihr Probestück, jeder bereits fünfmal auf diese Weise abgelegt, und die, auch ohne getrunken zu haben, sich nur mit Hülfe des Sattelknopfs, auf ihren hohen Pferden behaupten konnten, suchten diesen und einigen andern Artigkeiten, so gut es nur immer gehen wollte, auszuweichen. „Ah, Monseigneur Cosac! au nom de Dieu, je vous pries, mon beau, mon très-beau Monsieur Het- {109}

man, c'en est trop! Miséricorde de Dieu, la tête nous tourne déjà! „Barmherzigkeit Gottes, gnädigster Herr Kosak! Es wird uns wahrhaftig zuviel! Schönster, allerschönster Herr Hetmann, der Kopf ist uns schon ganz wirbligt!“ Weiter hörte man nichts aus ihrem Munde. Zugleich küßten sie ihm einmal um das andere die Hand, welches auch der Kosak, als ein Zeichen ihrer ungeheuchelten Ehrerbietung, ganz gut aufzunehmen schien. Für Herrn Koldiz aber hätte dieser Vorfall höchst unangenehme und betrübte Folgen haben können. Sie wollten nämlich durchaus, daß jener Breslauische Kaufmann, dessen Wohnung in dem Hause des Hrn. Elkan war, als Dolmetscher, von uns in Erfahrung bringen sollte: wo und in welcher Straße sich jener Mann aufhalte, der vorhin die beiden Franzosen daher gebracht. Sie behaupteten steif und fest: es müßten noch mehr, als hundert solcher Schelme in der Stadt verborgen seyn. Sie wollten sie alle gefangen nehmen und ihren Kaiser darzu, und wer sie, daran zu verhindern, nur die geringste Miene machte, dem wollten sie sogleich das Haus überm Kopf {110}

anzünden. Zum Glück hatten sich in der Hitze dieses Gespräches, einige seiner Kameraden zu ihm gesellt, wo es sodann neue Gegenstände der Unterhaltung gab. Zwischendrein kam er indessen immer wieder auf das alte Kapitel zurück, daß gewiß noch Franzosen genug in der Stadt lägen, welche die Einwohner nicht ausliefern wollten; obgleich wir unsrerseits alles Mögliche versuchten, ihm diese völlig grundlose Meinung durch unsern Dolmetscher, aus dem Kopf zu bringen. Uebrigens hab' ich diesen donischen Sieger noch des folgenden Tages, mit seinen beiden verhungerten Franzosen, auf dem Rücken ihrer Kameele dasitzend, die Straßen ab- und aufreiten sehen. Da ich der Kosaken einmal erwähnt: so will ich denn auch, von ihrer verzweifelten Art zu reiten, hier noch Einiges zur Probe anführen. Zu Herrn Koch, dem jüngeren, in Schöndorf, sagte Jemand, ich glaube von dem Gut, was unter dem Ettersberge liegt, daß die Kosaken die Hasen zu Tode ritten, und sie sodann, nicht selten lebendig, oder mit den Händen, zu ergreifen pflegten. Als ein erfahrner Jägersmann wollte Herr Koch dieses nicht so recht {111}

Wort haben, bis um Fastnacht herum, wo es einen großen Schnee legte und er selbst Augenzeuge davon werden mußte. Um diese Zeit begegnete er nämlich in der Frühe drei oder vier Kosaken zu Pferde, die vom Ettersberg herunter nach Tiefurt, einige Hasen in's Treiben gebracht. Sie ritten immer sporenstreichs und gerade zu, wie die Hasen liefen, ohne sich durch irgend etwas, sey es auch, was es wolle – ein Zaun, eine Hecke, eine Furche, ein Busch, ein Graben – in ihrer Jagd aufhalten zu lassen. Wo der Hase hinüber setzte, setzten sie mit ihren Pferden auch hinüber. Sie flogen mit dem stöbernden Schnee um die Wette. Herr Koch stand lange still und sah diesem Spiel mit der größten Verwunderung zu. Endlich kamen sie in die Gegend von Tiefurt, wo der Schnee, zu einer großen Windwehe, mannshoch zusammengetrieben, da lag. Indem Herr Koch noch bei sich bedachte, ob ihre tollkühne Verwegenheit sie auch wohl da hindurch führen würde: sah er es plötzlich rauchen, und die vier Kosaken waren, samt ihren Pferden, im wirbelnden Schnee auf einmal verschwunden, während die leichten {112}

Hasen, in dem aufgelockerten Schnee, eine kaum bemerkbare Fährte zurücklassend, jenseit des Grabens lustig davon hüpften. Aber diese Freude dauerte nicht lange. Erst rappelte sich ein Pferd – sodann das zweite, dritte, vierte, aus der Windwehe hervor. Wenige Augenblicke darauf hörte man die Hasen quicken. Denn nachdem sie zuletzt vor Müdigkeit im Schnee stecken geblieben, wurden sie umzingelt, und, unter einem lauten Hurah, von unsern vier bärtigen, uralischen Nimrods, mit ihren Lanzert, zusammengestochen. So siegt die Natur, wie wir auch auf dem Rückzug von Moskau gesehen, zuletzt über Kunst und Schießpulver. Der donische Pfeil- und Bogenschütze, der blitzchnell mit seinem Pferd, angeflogen kommt und durch Flüsse und Gräben schwimmt, versetzt, indem er Proviant und Munition im Rücken der feindlichen Armee abschneidet, dieselbe in einen so hülflosen Zustand, als ob diese Dinge noch gar nicht erfunden wären. Da ihnen die Ladung fehlt, werden die größern und kleinern metallnen Röhren dem Soldaten im Transport nur beschwerlich; er muß die Kanonen stehen lassen, und die Flin- {113}

te, woran ihm die Finger im Froste kleben bleiben, wegwerfen. Gegen den Scythen, der ihn mit Pfeil und Bogen bedroht, thut ihm ein Stock nun bessere Dienste. Zwei Jahrhunderte, voll der schönsten Europäischen Erfindungen, sind so gut, wie gar nicht abgelaufen. Was hilft uns das Schießpulver? was die Druckerei? da, wo das Volk nicht lesen und nicht schreiben kann? Indem wir, als verweichlichte Europäer diesen kräftigen Söhnen der Natur allzu unbesonnen den Krieg erklärt, haben wir das Loos über uns selbst geworfen und uns gleichsam in einen rohen Naturstand zurückgesetzt; wir sind mit den Barbaren wieder Barbaren geworden. Von der Furcht, die diese tapfern Reiter den Franzoren eingeflößt, sind hier zu Weimar merkwürdige Beispiele bekannt. Einmal, um Aegidi herum, wo eine französische Vorpost das um diese Zeit sehr gewöhnliche Schreien der Hirsche, mit dem Hurah der Kosaken verwechselte, ist ein solcher blinder Lärm entstanden, daß wirklich die Hirsche die größte Ehre davon getragen, und ihrentwegen von der großen Armee Generalmarsch geschlagen worden ist. Herr Liebeskind, {114}

der Schulze von Umpferstedt, hat, in den Zwischenzeiten der Schlacht von Lützen und Leipzig, einen, ähnlichen gleichlustigen Vorfall erlebt. Derselbe besitzt nämlich einen Knecht, mit etwas eingedrückter Nase, die allenfalls ein Baschkier für die seinige konnte gelten lassen. Nun bekommt dieser brave Mann eines Abends französische Einquartierung, und kaum eröffnet der Knecht die Thür und geht ein Paarmal über den Hof: so setzt seine Nase und sein mongolisches Gesicht die besagte Einquartierung in den allergrößten Alarm, indem man ihn für nichts mehr und nichts weniger, als für einen verkleideten Kosaken hält. Man schreit Kosak! Kosak! Man springt in die Ställe; man sucht sein Pferd, das man irgend an einem russischen oder polnischen eingebrannten Gestüthzeichen erkennen will; man umzingelt ihn selbst; man hält ihm Säbel und Pistolen auf die Brust; kurz, man ist blind; man ist toll; man ist rasend; man ist besessen; alles wegen einer grundehrlichen, aber zum Unglück etwas eingedrückten Nase. Der Schulz Liebeskind weiß sich Anfangs weder zu rathen noch zu helfen. Endlich schickt er in voller Verzweiflung Jemand in die Stadt. {115}

Indeß machen die Franzosen aus seinem Hof eine förmliche Wagenburg; sie verschanzen sich; sie führen schweres Geschütz auf. Die ganze Nacht kommt kein Schlaf in ihre Augen. Der angebliche Kosak wird auf's strengste bewacht, die Patrollen verstärkt, bis den folgenden Morgen, nach Zurückkunft eines Bothen aus Weimar, die Sache eine andere Wendung nimmt. Ein eigenhändig, von Prinz Bernhardt, als damaligem Stadtcommandanten, ausgestelltes Attestat beruhigte die Gemeinen und die Offiziere. Sie wußten nun, sie hatten es sogar schwarz auf weiß, daß besagte, der großen Nation so verdächtig gewordene Nase durchaus, weder einem Kosaken, noch Tatarn, weder einem Tongusen, noch Baskieren, sondern einem so ehrlichen deutschen Muttersohn, als je einer in Umpferstedt geboren und erzogen ist, gehörte. Mit dieser Entdeckung nahm die Geschichte ein heitres Ende und die Herren fingen selbst an, sich über ihre eingebildete Furcht lustig zu machen. Sehr originell müßten auch die Beschreibungen der in unsern Landen, nach der Schlacht bei Leipzig, besonders Freitag, Sonnabend und Sonntag, statt gefun- {116}

denen großen Kosakenküche ausfallen. Zu Nermsdorf, z. B. bei Buttelstedt, war ein französischer Generals- oder Marschallswagen, mit zerbrochener Achse, bey’m Rückzug, vor dem Gasthof stehen geblieben. Der Eigenthümer hatte denselben einem dortigen Bauer geschenkt, dem er seinen Leiterwagen dafür mitgenommen. Anfangs glaubte dieser, Wunder was, bei dem Tausche gewonnen zu haben: als aber bald darauf die Kosaken kamen, um den schönen Wagen ein Feuer anmachten, ihn selbst in Brand steckten, und dabei Kartoffeln kochten, ließ der Bauer sich seinen verlornen Leiterwagen von Herzen leid seyn. So befaß auch die Frau Müllerin zu Wallendorf eine bequem und artig eingerichtete Kutsche. Die Kosaken verschnitten das Leder derselben zu Sohlen, und haben sich ihre Stiefeln damit geflickt. In der im Grund von Buttelstedt liegenden Oelmühle ging es an ein Treiben, wodurch sich der Müller ebenfalls um wenig gebessert sah. Die junge, hochschwangere Oelmüllerin fand sich genöthigt, in diesem Zustand, mit ihren zarten und unerzogenen Kindern an der Hand, durch die Schrecknisse einer {117}

wilden Nacht, in jenem Graben eine Zuflucht zu suchen, der von dem Osterbächlein seinen Namen hat. Das Werk, so wie das Haus, mußte man allein stehen lassen. Hier lag sie und ihre ganze Familie, auf Stroh hingestreckt, das ihnen vor der Feuchtigkeit des Erdreichs und dessen thauigtem Duft, in dieser vorgerückten, spät herbstlichen Jahreszeit, nur einen nothdürftigen Schutz gewährte. Wie sie so da lagen, erblickten sie, weit und breit, den von unzähligen Wachfeuern und angezündeten Dörfern blutig gerötheten Horizont. Besonders von der Seite von Nermsdorf und Niederreißen, war der Schein so stark, daß, wenn man unten an der Mühle stand, man ganz bequem einen Brief bei dessen Scheine lesen konnte. Obgedachte Mühle hat die Bestimmung, daß in Friedenszeiten, Oel aus Buchnüssen in ihr geschlagen wird, und besaß auch jetzt noch einen beträchtlichen Vorrath davon. Die Kosaken merkten dieß nicht so bald, als sie denselben auf eine oder die andere Weise in Anspruch nahmen. Einige rührten Mehl ein, und buken sich Plätzchen daraus; noch andere trunken es in so durstigen Zügen ein, wie wenn es {118}

Bier, Brandwein, Meth oder ein anderes, ihnen gewöhnliches Getränk wäre; wieder andere füllten das Oel, wie es ihnen vorkam, in Schüssel, Töpfe, Becher, deren sie sich sodann, als Lampen von ihrer eigenen Erfindung, bedienten. Sie nahmen es sich auch nicht übel, Stücke von ihren langen Jupanen, oder Ueberrocken herunter zu reißen, und dieselben, in Ermangelung der Baumwolle, woran es ihnen fehlte, als Tochte zu verbrauchen. Während dieses alles vorging, stand der geflüchtete, tödtlich erschrockene Müller, in tausend Aengsten und Sorgen, daß das Feuer in seiner Mühle etwa verwahrlost werden möchte, in der Entfernung da; rang die Hände, oder lief, wo er es nur einen Augenblick sicher glaubte, alsbald hinzu, um das von allen Seiten zwischen den Werken der Mühle verschůttete, angebrannte Oel, auf das sorgfältigste, mit eignen Händen auszulöschen, mit eigenen Füßen auszutreten. So erleuchtete die Oelmühle, im Grunde von Buttelstedt, die ganze dortige Gegend, und hunderte, ja tausende, von den in ihr aufgegangenen Lichtern, besuchten die Scheunen und Bö- {119}

den von Tastorf, so wie anderer nahe liegender Dörfer.
Das wär' ohngefähr das, was ich, von den Kosakenküchen in den hiesigen Landen, wo man Pachthöfe, Bauergüter und Pfarrhäuser, ohne Unterschied, auf das unbarmherzigste, in ihrem Widerschein, ausplünderte, nach der großen Schlacht bei Leipzig 1813. aus eigener und fremder Beobachtung anzumerken und aufzuzeichnen für gut befunden. Mit so flüchtiger Hand auch dieses Gemälde von mir entworfen ist: so sieht man in demselben doch drei Hauptpunkte. Den ersten, wo diese unverzagten Kriegsmänner bei Niederreißen, den Wagen eines französischen Generals, oder Marschalls, anzünden; und sich dabei Kartoffeln kochen. Den zweiten, in der Mühle zu Wallendorf, wo sie, aus der Kutsche der Frau Müllerin das Leder zu Sohlen ausschneiden und sich damit die Stiefeln flicken. Den dritten in der Buttelstedter Oelmühle, wo sie, mit der größten Selbstverläugnung, in Ermanglung der Baumwolle, ihre eigenen Kapotröcke, als Lampendochte verbrauchen. {120}

Johann Gottlieb Zobers,
Kantors in Nermsdorf,
kurze, aber wahrhaftige Schilderung seiner, nach der Schlacht von Leipzig 1813. ausgestandenen Drangsale.

Den 21. Oct. anni currentis, früh Morgens um 9 Uhr, hörten wir den Donner der Kanonen ganz deutlich von Freiburg her. Gegen 12 Uhr Mittags ward es indessen wieder ruhig. Ich
ging um diese Zeit, mit meinem damaligen Herrn Pastor Münzel zusammen nach Buttelstedt. Als wir uns, etwa auf einen Büchsenschuß, der Stadt näherten, kamen ohngefähr 40 Mann Kosaken, von Großbrembach herüber gesprengt. Sie verlangten, jedoch mit guter Manier, Lebensmittel für sich und ihre Pferde. Sie lagerten sich sodann, bis Essen und Trinken herbei, {121}

geschafft wurde, auf dem Markte zu Buttelstedt, und stellten überall Feldposten aus. Es dauerte aber nicht lange, so sah' ich eine, von diesen ausgestellten Feldposten, mit dem Ausruf, „Franziskoi! Franziskoi!“ eiligst wieder zurück kommen. Sogleich gerieth der ganze Markt in Bewegung. Alles warf sich auf die Pferde; alles sprengte zum Thor hinaus; alles sammelte sich. Auch war es kein blindes Gerücht. Auf der Höhe von Nermsdorf, wo wir her gekommen, zeigten sich plötzlich einige Franzosen und Baiern. Die Kosaken machten es uns bei dieser Gelegenheit nicht völlig zu Dank. Wir rechneten schon darauf, von irgend einem hitzigen Reitergefecht Augenzeugen zu werden: nun aber sahen wir nichts, weil sie – wenigstens unsrer Meinung nach – über Hals, über Kopf, die Flucht ergriffen. Indessen verhielt
es sich nicht so. Ihr Plan war dieser. Nach einer im Hui vorgenommenen Schwenkung, umritten sie die Buttelstädter Flur, auf der Seite, wo sich dieselbe nach Großbrembach hinwendet, und kamen sodann auf dem Raine, der das Buttelstedter Feld, von dem Nermsdörfer {122}

scheidet, plötzlich wieder zum Vorschein. Durch diese klug ausgesonnene Kriegslist, schnitten sie die Franzosen und Baiern, die sich zu weit vorwärts gewagt, von der Hauptarmee ab, die ihnen dicht auf dem Fuße nachfolgte. Ihr Centrum hatte, gleich hinter unserm Orte, Halt gemacht. Indeß wurde jener kleine Vortrab von den Kosaken immer weiter nach Buttelstedt gedrückt. Jetzt erst wurden wir gewahr, was um und neben uns vorging. Das Gemälde entwickelte sich, so zu sagen, mit jeder Minute deutlicher vor unsern Augen. Eine unermeßliche Menge Volk's, in der grenzenlosesten Verwirrung, worunter Bewaffnete, Unbewaffnete, Verwundete, Kranke, Reiter, Fußgänger, Alles unter und durcheinander, kam schreiend, fluchend, singend, pfeifend, einer den andern tragend, führend, fahrend, an Stecken, mit Prügeln und Schießgewehren, die Straße von Nermsdorf herauf gezogen. Sie sollten vermuthlich, als der schwächste Theil der ihm übrig gebliebenen Streitmassen, nach dem Plan des franz. Kaisers, der Sicherheit wegen, in die Thäler von Buttelstedt hineingeschoben werden, um sie so, durch Wald, {123}

Busch und Anhöhen, vor dem feindlichen Geschütz und dessen verheerenden Wirkungen zu decken. Auch nahmen sie daselbst, wie die Folge zeigte, wirklich ihr Nachtquartier, und zogen sich hierauf im Schutz der Wälder, vom Ettersberg entlang, über Ballstedt, nach Erfurt. Ich befragte mich bei einem der Vornehmsten aus ihrer Mitte, der ein Mann von gutem und feinem Ansehn war, und eben so fertig französisch, als deutsch verstand: warum alles so unter und durch einander ginge? und ob dieß etwa ein Rückzug sey? Worauf er mir lachend zur Antwort gab: „Du mußt nicht sagen: Retraite! (Rückzug) C'est deroute complette! Das ist vollständig‘ Niederlag'!" Indem erschienen auch acht bis neun Generale, worunter sich, nach Aussage der Umstehenden, auch der Fürst Neuschatel, oder Berthier befand. Sie hielten stattlich auf ihren Pferden, und suchten von uns auszuforschen, ob und wie viel verbündete Truppen wohl in Weimar eingerückt wären? Von diesen brachten wir zugleich in Erfahrung: „daß die große französische Armee ihren Rückzug leider, durch {124}

unser Land anträte; daß der Kaiser mit dem Kern seiner Truppen über Weimar kommen und Morgen eintreffen werde; nur einzelne Abtheilungen des Heers sollten Buttelstedt berühren.“ Indem zeigte sich auch etwas Reiterei. Der Anblick und die Beschaffenheit derselben konnte uns über das Schicksal dessen, was unsern Dörfern bevorstand, die vollständigste Belehrung, den gründlichsten Aufschluß geben. Sie hatten nicht nur Schafe und Federvieh, sondern auch Lebensmittel und Kleidungsstücke, vorn und hinten auf ihre Pferde gebunden; es war ein förmlicher Karavanenzug. Nicht, ohne bange Ahndung und Vorgefühle, begaben wir uns nach Nermsdorf. Die Nacht war eingebrochen, die Lagerfeuer wurden angezündet. Alsbald nahmen auch all und jede Greuel der Verwüstung, mit Schlachten des Viehes, Rauben, Plündern und muthwilliger Vernichtung des Eigenthums, ihren Anfang. Wo ein Lager ersteht, sollen dieß die gewöhnlichen Beschäftigungen der Soldaten seyn – und doch gibt es Menschen, die den Krieg wünschen! Als ich zum Glück neun Offiziere – ein Glück, das mir wohl Niemand be- {125}

neiden wird – ins Quartier bekam, ward die Ruhe in meiner Wohnung wieder ein wenig hergestellt. Auf diese Windstille folgte indessen nur zu bald der schrecklichste Sturm. Den 22. Oct. früh um 9 Uhr, wurde ich, nebst meiner Frau, da wir beide den häufigen Anforderungen, die an uns ergingen, nicht länger Genüge leisten konnten, mit Schlägen unbarmherzig aus unserm eigenen Hause, der Schulwohnung, gewiesen, die kurz nachher ein Raub der Flammen geworden ist. Ausgestoßen, vor und hinter mir Krieg, irrte ich nun, mit Weib und Kind auf freiem Felde umher, ohne zu wissen, wohin ich mich wenden sollte. Wir geriethen zuletzt auf den Weg nach Weiden. Daselbst eingetroffen, verhielten wir uns einige Stunden ziemlich ruhig; kaum aber daß sich der Tag neigte, so mußten wir, durch die Soldaten verfolgt, auch von da wieder entweichen und die Flucht nehmen. Auf dem Kirchberge in Weiden begegneten uns neue Plünderbanden. Hier wurde mir das dritte Paar Stiefeln, welches ich, durch das Mitleid eines französischen Soldaten, erhalten hatte, von den Füßen herunter gezogen. Diese Un- {126}

menschen gingen so weit, da der eine von diesen Stiefeln zu klein und das Leder, von der Nässe verquollen war, daß sie Miene machten, mir den Fuß abzuhauen. Indem sie fluchend mit ihren Pallaschen in die Luft hieben, stand Herr Pastor Münzel oben am Berge und sah zu – seine Frau und die meinige, nebst den Kindern um ihn herum; jenen die Halstücher heruntergerissen, er selbst der Schuhe beraubt und in bloßen Strümpfen. Sie jammerten sämmtlich, wehklagten und streckten die Hände zum Himmel, weil sie nicht anders glaubten, es werde mir das Leben oder den Fuß kosten. Da verfügte Gott, daß einige polnische Ulanen daher gesprengt kamen. Diese wurden meine Schutzengel, denn sie sahen nicht sobald was vorging, als sie den Franzosen auf deutsch mit lauter Stimme zuriefen: „Ihr wollt kaiserliche Garde seyn? Straßenräuber seyd ihr, aber keine Soldaten!“ Mit diesen Worten gingen sie beherzt auf die Soldaten los, und zwangen dieselben, mich aus ihren Klauen los zu lassen. Alles dieses, nachdem die Mordbrenner mich bereits, an dem Stiefel, der nicht ausgehen wollte, den Berg hinunter, ohn- {127}

gefähr 20 Schritte in's Feld geschleppt hatten. Dieß geschah Freitags Nachmittags gegen 4 Uhr, in der ersten Woche, nach der Schlacht von Leipzig, auf dem großen französischen Rückzug über Buttelstedt; fast in demselben Moment, wo die alles verwüstenden Feldläger der Soldaten aller Nationen Europa's, in unserm kleinen, ehemals so glücklichen Lande, ihren Anfang nahmen. Aus den Händen dieser kaiserlichen Räuber am Kirchberge zu Weiden entkommen, begleiteten uns die beiden gutmüthigen Ulanen bis gen Leutenthal. Hier hielten wir uns 2 Tage auf, wovon der erste übel und der zweite nicht gut war. Der Heuschreckenzug des großen geflüchteten französischen Heeres und der sie gleich auf den Fuß verfolgenden Russen hatten auch hier so ziemlich allen Vorrath aufgezehrt. Der Mangel an Brot und gutem Trinkwasser, für Menschen und Pferde, wurde mit jedem Augenblick fühlbarer. Wir begnügten uns mit Kartoffeln, die ohne erst lange gewaschen zu werden, im Kessel gekocht wurden. Sie schmeckten vortrefflich. Auf die Länge gingen auch diese aus. Da wollt es uns auch in Leutenthal nicht länger gefallen. {128}

Wir sehnten uns nach Nermsdorf zurück. Unsre Sehnsucht wurde zwar gestillt; aber ach! was für Anblick war es, der uns dort, in unserer ehemaligen Heimath, erwartete. Ein furchtbares östreichisches Lager sahen wir um Nermsdorf aufgeschlagen; die Schulwohnung stand in Flammen. Wir mußten daher, wie aus dem Brand von Troja flüchtend, unser unstetes und flüchtiges Leben noch weiter im freien Felde fortsetzen. In Guthmannshausen schenkte uns der Herr Gerichtsdirector einen Korb mit Kartoffeln; des Wassers aber, um dieselben zu waschen, konnten wir in diesem Dorfe nicht habhaft werden. Dagegen übertraf die leutselige Aufnahme in Mannstedt all‘ unsere Erwartung. Einige 60 Personen wurden hier untergebracht, gespeiset, getränkt, gewärmet und getrocknet: aber auch diese Glückseligkeit sollte nicht von langer Dauer seyn. Einige hundert russische, zum Troß gehörige Soldaten oder Stückknechte, kamen, aus dem großen Rastenberger Lager, nach Mannstedt, und fingen, unter dem Vorwand, daß sie ihre Pferde abfüttern wollten, allerlei schreckli- {129}

che Unordnungen im Dorfe an. Das sahen einige wackere preußische Husaren und munterten die dasigen Einwohner auf, drein zu schlagen und diese elenden Troßbuben mit Gewalt aus dem Dorfe zu werfen. Diese waren denn auch ihrerseits nicht träge, einem solchen guten Rath folge zu leisten. Der Angriff geschah und gelang über alle Erwartung. Wie das Glück aber noch Niemanden bis an sein Ende treu gewesen: so ging es auch hier. Die russischen Troßbuben erhielten ansehnliche Verstärkung und der Spieß drehte sich, aber keinesweges zu unserm Vortheil. Die Manstädter zogen den Kürzern und Alles flüchtete sich nun nach Buttstedt, wo ich, mit Frau und Kindern, beim Herrn Superintendenten Wokenius, auf die liebreichste Weise, Quartier, Pflege und Bekleidung fand. Ich kann es nicht genug mit Worten ausdrücken, wie sehr mir und meiner Familie diese gastfreundliche Aufnahme damals zum Trost und zur Beruhigung gereichte. Den Glauben an schöne Menschheit haben diese edelmüthigen Leute zuerst in unseren verzagten Seelen, nach seinem ganzen Umfange, wieder hergestellt und aufgerichtet. Endlich war es beschlossen, {130}

da das Schulgebäude zu Nermsdorf in Asche lag, daß wir uns nach Niederreissen, zu Georg Kähler, meinem Schwiegervater, begeben sollten, um daselbst, wo möglich, nach so vielen Irrfahrten, eine bleibende Stäte zu finden. Die fanden wir zwar, aber außerdem auch wenig genug; denn dieses Dorf litt selbst von den traurigen Umständen. Alle Scheunen ausgeleert, kein Vieh in den Ställen, keine Gans im Stall, keine Taube auf dem Schlage. Vier Familien aus dem Orte hatten sich bereits, wegen der Kriegsunruhen, in's Engere zusammengezogen: wir machten die Fünfte aus. Unsere Lebensweise blieb auch hier sehr einfach. Kartoffelsuppe, ungeschmelzt und ohne Salz. Davon mußten täglich 23 Personen ihr Leben fristen. Wir aßen aus Gelten und mit 3 Löffeln, und diese 3 Löffel wurden noch anderweitig im Dorfe benutzt; so daß es sich denn oft traf, wenn wir noch zu Tische saßen, daß die Leute aus jenen Häusern kamen, an die Fenster klopften und sich, mit allem Ungestüm des Hungers, noch ehe wir fertig abgespeist, die 3 Löffel ausbaten. Man denke sich 3 Löffel, unter 23 Personen eines und desselben Tisches ver- {131}

theilt, so daß jeder nur immer etwas aus der Schüssel schöpfte, und sodann, aus Artigkeit, seinem Nachbar den Löffel reichte; im Hintergrunde noch drei Häuser auf die nämlichen Löffel laurend, die nicht nur die Runde um den Tisch, sondern auch die Runde im Dorfe machen mußten: so erhält man ungefähr ein Bild unsers Zustandes. Uebrigens hab' ich, mit Frau und Kindern, vom Anfang Novembers, bis Ende Mais, des laufenden Jahres, ungeachtet aller dieser Noth, gesunde und recht frohe Stunden in Niederreissen verlebt.

Was die Schule betrifft, so wurde diese, nach abgebranntem Schulgebäude, wegen Mangel an Gelaß, im Gasthof zu Nermsdorf gehalten. Das Nervenfieber bewirkte grausame Verwüstungen in unserm Wohnort, der ohnedieß nur mittelmäßig bevölkert ist. Von 200 und einigen Seelen, die ehedem in 60 Häusern zusammen lebten, sind 56 gestorben. In diesem menschenleeren, verwüsteten Kriegsschauplatz ist mir und den Meinigen fast nichts geblieben, als ein glückliches Andenken dessen, was wir noch vor Kurzem {132}

besaßen. Zwei Kühe, 14 Hämmel, 3 Schweine, alles Getraide, Mobilien, Federbetten, Bücher und Musikalien, Gegenstände, die wenigstens 1051 Reichsthaler an Werth betragen, wenn ich sie nur auf den geringsten Preis ansetze, sind mir persönlich in dieser unruhigen Zeit zu Grunde gegangen, und ich muß sie wohl für unwiederbringlich verloren achten. {133}

Weimar den 13. November 1814.
Aus einem zweiten Brief
an einen Freund in England.

Wohlerwürdiger Herr!
Sie haben unserm Herzen, durch Ihren letzten Brief, eine seltene und wahrhafte Freude gemacht. Wir danken Ihnen auf das innigste für die fromme Mühe, die Sie sich, durch Uebersetzung unseres Schreiben's ins Englische, so wie durch ihre persönliche, edle Verwendung, bei den Londoner Hülfsvereinen, unterzogen haben. Wir ersehen aus öffentlichen deutschen Blättern, daß es auch im Repertory of Arts im Octoberstück 1814, das bei unserm unvergleichlichen Landsmann, Herrn Ackermann in London herauskömmt, abgedruckt ist. Möchten Sie uns vielleicht ein Exemplar davon zukommen lassen? Von unserer Anstalt für Scheintodte, oder ver- {134}

wilderte, durch die grausamen Kriegszustände halb im Untergang begriffene Kinder, kann ich Ihnen melden, daß Sie sich seitdem, unter der Aufsicht christlichgesinnter Menschenfreunde, bis auf die Zahl 32 vermehrt hat. Alles ist aber bis jetzt dabei aus deutschen, folglich aus sehr beschränkten und erschöpften Mitteln bestritten worden. Ist uns dessen ungeachtet Manches geglückt: so rührt dieses lediglich daher, daß wir uns eine klare Ansicht in den dermaligen verzweifelten Zustand der Weltdinge zu verschaffen wußten! Die Gesellschaft der Freunde in der Noth hat längst Verzicht darauf gethan, Allen zu helfen. Sie sucht lieber eine gründliche und wahrhafte Hülfe einiger Mitglieder der menschlichen Gesellschaft, besonders in dem jungen Anwuchs zu bewerkstelligen, als, durch gutgemeinte Zersplitterung, einer kleinen ihr bewilligten Summe, in hunderttausend Theile, Niemanden zu helfen. Erziehung, Unterbringung verwahrloster Kinder von physisch, oder moralisch todten Eltern, die es durch die jetzigen grausamen Kriegszustände geworden sind, deren Anstellung bei nützlichen Gewerben, das ist unser bestimmter und klar {135}

ausgesprochener Zweck. Für diesen haben wir die großmüthige Beihülfe Altenglands angefleht. Möchte sie von einem gesegneten Erfolg seyn. Wir verlassen uns nicht auf fremde Berichte, auf die Empfehlungen und Gevatterschaften von Amtleuten, Gerichtschöppen, Dorfältesten u. s. w. Wir halten uns eigene mühsam verschaffte Conduitenlisten. So sehen wir mit eigenen Augen; so hören wir mit eigenen Ohren; es ist keine Hütte so klein, wo wir nicht eingehen und selbst untersuchen, was zu thun ist. Wir lassen uns von keinem Bogen Papier, und wenn auch ein Doppelter Stempel darauf stünde, etwas weiß machen. Auch klopft das grenzenlose menschliche Elend dieser Zeiten, unter allen Gestalten täglich, stündlich, unaufgesucht vor unsrer Thür, wo kein rauhes Wort die Armuth empfängt, wo kein roher unbarmherziger Gerichtsfrohn sie mit Schlägen oder Scheltworten zurückweist. Es vergeht keine Woche, kein Tag, wo wir nicht Gelegenheit haben, die Geschichte, das heißt den Jammer von Europa, während der letzt vergangenen 20 bittern Kriegsjahre, in unbestochenen, Himmel und Er- {136}

de anweinenden Zeugnissen aus dem Munde von verlassenen Wittwen und Waisen, oder von völlig in’s Elend hinausgestoßenen Kindern, zwischen unsern 4 Wänden, selbst mit anzuhören. Wir denken in unserm Herzen so, verehrungswürdigster Freund – und warum sollten wir nicht hierbei unserm Glauben an eine höhere Menschennatur, der sich so schön durch ihr und anderer edlen Personen nachahmungswerthes Beispiel in diesen verhängnißvollen Zeiten bewährt hat, ein unbedingtes Gehör geben? Du hast kein Recht in deinem weichen Bett zu liegen und zu schlafen, so lang du noch irgend weißt, daß Kinder, wenn der Morgen anbricht, in dieser rauhen Jahreszeit, oft im Fieberanfall, hinter Zäunen und Hecken, da sitzen, und dem Hungertod entgegen weinen und entgegen frieren. Du hast kein Recht, dich an den Tisch zu setzen, deinen Gaumen zu laben und dein Herz mit fröhlichem Gespräch zu erheitern, so lang der Thränenerguß und das rothgeweinte Auge so vieler Wittwen und Waisen im Lande nicht gestillt ist. „Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich nicht gespeiset; ich bin durstig gewesen, und ihr {137}

habt mich nicht getränket; ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich nicht beherberget.“ Also sagt die Schrift. Was wollen, was kõnnen wir nun dem Herrn, auf diese nur allzu gerechte Anklage erwiedern? Etwa? „Dein ist die Schuld, warum hast du uns nicht gesagt, daß du Gottes Sohn bist? Wir wären sonst daran gewesen, und hätten dir ein Röcklein von feinster vigogner Wolle, von Monsieur La Fleur gekauft; wir hätten dich mit 6 der schönsten Pferde aus dem Marstall holen lassen! Herz, was begehrst du? hätten wir zu dir gesagt, und dabei deine Tische mit den herrlichsten und köstlichsten Speisen beladen; dir Ananas und Weintrauben vorgesetzt!“ Was glaubt ihr wohl, daß uns der Herr auf diese eitlen Anerbietungen antworten wird? "Eure Wolle von Vigogne acht' ich nicht! Denn ich der Herr, euer Gott, habe sie aus Staub, auf dem Schafe, das sich vom Halm des Grases ernährt, werden und wachsen lassen. Nach euren Wagen mit Sechsen trachť ich nicht! Denn ich der Herr, euer Gott, bin es, der den Staub, den ihr Pferd nennt, der so stolz wiehert, und womit ihr so {138}

hochmüthig einher fahret, den lebendigen Odem in seine Nase geblasen. Nach euren Ananassen und Weintrauben schmacht' ich nicht! denn eins ist vor mir, dem Herrn, euerm Gott, der Staub des gläsernen Treibhauses, und der des kümmerlichen Ackers, den ihr umpflügt, um euer tägliches Brod zu erwerben. Eins aber acht' ich; nach diesem trachť ich, und darnach schmacht‘ ich! Das ist das ewige Reich der Liebe und meiner, d. h. der göttlichen und grundlosen Barmherzigkeit. Könnt ihr wohl, mit allen euren Purpurröcklein, und wenn ihr zwei Kaiserkronen statt einer, auf euer Haupt setzt, nur eins eurer armen Mitgeschöpfe, von deren Stirn der göttliche Gedanke euch entgegen leuchtet, die ich, der Herr, euer Gott, nach meinem Ebenbilde habe werden lassen; könnt ihr den letzten Knecht am Heerde, das vergessenste; hülfloseste Kind hinter dem Zaun, wenn es durch eure lieblos und heidnisch verschuldete Unbarmherzigkeit, so weit mit ihm gekommen ist, daß es in gleichgültigen Staub zerlegt, vor euren Augen da liegt, könnt ihr es sodann wieder beleben? Seyd ihr armen Erdwürmer {139}

die Leute darzu, dem, wie eine Uhr abgelaufenen Erdkloß, einen lebendigen Odem in die Nase zu blasen, oder ihm, wie ich der Herr euer Gott, ein allmächtiges: Stehe auf, und wandle! zuzurufen? Und könnt ihr das nicht, müßt ihr eure Ohnmacht so bitterlich anklagen: warum übt ihr nicht Mitleid, so lang' es noch Tag ist? Warum zeigt ihr kein Erbarmen, als gemeinschaftliche Staubbewohner, wo ich der Herr, im Gewand eurer Brüder euch erscheine; euch aus einem Paar menschlichen Augen anweine? euch, mit menschlicher Stimme, um Beistand, um Hülfe anrufe? Wahrlich, ich sage euch, was ihr gethan habt, einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir gethan!“

Ach, mein verehrungswürdigster Freund, mit diesen wenigen Worten, hab' ich Ihnen ja meine Grundsätze, hab' ich Ihnen gleichsam meine innerste Seele niedergeschrieben und ausgeweint. Und das ist die Gnade Gottes an mir und meinen hiesigen Mitgehülfen und Freundinnen, daß uns Gott in Demuth, dieses Fundament un- {140}

sers beseligten Erdendaseyns, frühzeitig hat erkennen lassen; denn ohne dieses ist jede, vom Baum des Erkenntnisses, mit vorwitziger Hand, lüstern abgepflückte Frucht nur allzu oft, ein inwendig mit Asche angefüllter Sodomsapfel! {141}

Mein zweitägiger Aufenthalt
in den
Bivouacs des Herzogs von Ragusa,
im
Weimarischen Lande, in der Gegend von Schwabsdorf, oder treue, mit Akten belegte Erzählung dessen, was sich vor der Schlacht bei Lützen in der Nacht vom 28. bis 29. April 1813. daselbst begeben hat.
Vom Herausgeber.

Erstes Kapitel.
Blüchers Vorpostengefecht in den Straßen von Weimar, vor der Schlacht bei Lützen. – Napoleons Ankunft; dessen Benehmen geschildert.

Mittwoch den 28. April 1813. war der Kaiser Napoleon von hier weggeritten, nachdem er zuvor die merkwürdigen Worte gesagt: „Dans deux, ou trois jours, je donnerai une bataille à mes ennemis. Dans le cas, que je serais battu, j'ai encore une autre reserve de 500,000 Français.“ {142}

In 2 oder 3 Tagen werde ich meinen Feinden eine Schlacht liefern. Auf den Fall, daß ich geschlagen werden sollte, habe ich noch andre 500,000 Franzosen im Hintertreffen. Auch setzte er hinzu: „Je pourrais encore faire ma reconciliation avec la Prusse.“ Meine Aussöhnung mit Preußen könnte noch wohl zu Stande kommen. Ganz anders lautete dagegen die übermüthige Sprache einiger franz. Generäle und Marschälle, die ganz dreist und öffentlich sagten: der Kaiser habe erklärt: „le premier Maréchal, qui viendra à Berlin, sera Roi de la Prusse.“ Der erste Marschall, der nach Berlin käme, solle König von Preußen seyn. Im Ganzen bezeigte sich Napoleon artiger, wie je; und diesesmal sogar, ohne daß man, vor seiner Ankunft, deshalb irgend eine günstige Erwartung gehegt, indem allerdings Vorfälle eingetreten waren, die unsre Gesinnung, für die große Europäische Angelegenheit, wie er seine Sache nannte, etwas lau darstellen, ja verdächtig machen mußten. Dafür nahm Souham, der die Avantgarde vom Marschall Ney herbeiführte, ein so gebieterisches Betragen, in Worten und Handlungen, an, daß {143}

jedermann das Unangenehmste und Aeußerste, für sich und die Seinen, davon erwarten konnte. Dieser General, der, mit 20,000 Mann, nach einem hitzigen Vorpostengefecht, am ersten Osterfeiertage, in den Straßen von Weimar, in unsre Stadt einrückte, wo ihm der junge, feurige Blücher, mit einer Hand voll Preußen, einen mehr als heldenmüthigen, und von allen Einwohnern bewunderten Widerstand leistete; zuletzt aber doch, von der Mehrzahl überwältigt, weichen mußte, führte, nach erfolgter Besetzung, eine Sprache, die weniger unsre eigne Schuld, als seine Verlegenheit, sich mit einer so kleinen Menge, und noch dazu völlig ungeübter Truppen, im Angesicht und in der Nähe eines zum Streit gerüsteten, weit mächtigern Feindes zu behaupten, an den Tag legte. Eines Mittag's, als bei Gelegenheit eines Scharmützels vor Umpferstedt, Generalmarsch geschlagen wurde, sahe ich mehrere dieser jungen Leute, in meinem Hause, mit Zittern ihr Gewehr ergreifen, und hörte sie, die bittersten Thränen vergießend, einmal über das andre: „O mon dieu, mon dieu!" rufen. Was hätte Souham mit diesen hülflosen {144}

Kindern, von denen, die wenigsten kaum ein Alter von 18 oder 19 Jahren erreicht haben mochten, wohl anfangen sollen, wäre er, in dieser seiner sechstägigen, höchst bedenklichen Lage von einigen russischen oder preußischen Regimentern alter und gedienter Kerntruppen, angegriffen worden? Was sonst? als sich und die Seinen durch die Stadt decken? Weimar allen Schrecken einer Belagerung, allen Verheerungen des feindlichen Geschützes, wenn auch nur auf einen Augenblick aussetzen; es sodann, sey es durch Zufall, oder aus Willkür, anzünden, und, hinter Brand und Flucht, einen beschleunigten Rückzug nach Erfurt nehmen, woher man so eben gekommen war. Er selbst erwartete sich nichts Besseres. Daher sagte er triumphirend, als er von der Ankunft des Kaisers in Erfurt hörte: „Ah ils ont bien manqué leur coup!" – Ah! sie haben die schönste Gelegenheit verfehlt. Damit meinte er, sie hätten ihn aufwickeln und von seiner gefährlichen Lage Nutzen ziehen sollen. In der Zwischenzeit, wo man dieses versäumte, ging es uns freilich elend genug. Wie kann es auch anders seyn, wenn man zwischen den Vor- {145}

posten zweier feindlichgesinnter Heere, so zu sagen mitten inne steckt, wo die kleinste Unbehutsamkeit, die sich ein Anführer zu Schulden kommen läßt, das ihm anvertraute Heer oft den betrübtesten Folgen überantwortet? Durch das von Souham in Weimar eingeführte Schreckensregiment, wollte derselbe auf der einen Seite ersetzen, was seinen Truppen auf der andern, an Zahl und Menge, abging. Daher nicht nur Drohungen, sondern auch wirklich erfolgte Verhaftnehmungen, auf grundlose Gerüchte und erzwungene Auslegungen aufgefangener Briefe; Maßregeln, die Trauer und Schreck in den ersten Familien der Stadt verbreiteten. Die Vornehmen wurden, dem Schooß der Ihrigen entrissen, zu Wagen; die Geringern zu Fuß, oft mit Ketten beladen, zwischen den Pferden französischer Wegereiter, gleich gemeinen Verbrechern, bei hellem Tage, auf offner Straße, nach Erfurt abgeführt. Dort nahm sie der Petersberg mit Verhören, Standgericht und Allem, was nur immer den Menschen mit Besorgnissen einer traurigen Zukunft schrecken und ängsten kann, in Empfang; während die trostlosen {146}

Ihrigen, unten in der Stadt, wie vor einem Käfig des Löwen, da saßen, und, mit jedem Anbruch eines neuen Morgens, irgend einer gewaltsamen Todesnachricht entgegen zitterten. Souham ist einer der ersten und furchtlosesten Diener der franz. Revolution, abgehärtet im Krieg und Bürgerelend, und, wie es scheint, eben deßhalb gewaltsamen Maßregeln von Natur nicht abgeneigt. Eine sehr lange, etwas hagre und übergebückte Figur, mit durchdringendem Blick und funkelnden schwarzen Augen gelber italiänischer Gesichtsfarbe, und stotternder Zunge. „J'ai l'ordre, le plus precis, dans le cas de moindre mouvement, de faire transporter tout au quartier général.“ Er gab vor, als hätt er die bestimmtesten Befehle, im Fall die geringsten Unruhen zu Weimar ausbrechen sollten, Alles ins Hauptquartier zu schicken. Und dieses Alles, wenn man anders seinen eignen Worten glauben wollte, erstreckte sich weiter, als es mir geziemen will, nachzusagen. Mit der Ankunft des Kaisers änderte sich indeß auch dieser Ton. Denn während die französischen Generäle und Marschälle uns sämmtlich, als Verschworne, be- {147}

handelten, benahm sich Napoleon, bei seinem Aufenthalt, mit großer Unbefangenheit, ja wenn man so will, sogar mit erkünstelter Artigkeit. Den an der Ruhl stattgefundenen Uebergang von einem Theil unsrer Truppen zu den Verbündeten, nannte er scherzhaft (la petite Yorkiade), die kleine Yorkiade. Auch wurden die Staatsgefangenen, die zu Erfurt auf der Citadelle saßen, sogleich wieder auf freien Fuß gestellt. Bei Hofe bat er sich, unter den ihm angetragenen Erfrischungen, bloß ein Glas Malaga von der regierenden Frau Herzogin aus, der er, bei jeder Gelegenheit, Beweise einer gerechten und auf persönliche Eigenschaften gegründeten Hochachtung zu geben, nicht müde wurde. „Ich fange an alt zu werden!“ (je me fais vieux), sagte er dabei. Wollte der feine Italiäner vielleicht dadurch andeuten, daß er, ungeachtet alles Vorgefallenen, keine Vergiftung aus solchen Händen befürchtete? Ich vermuthe es fast. Ungefähr um 12 Uhr Mittags stieg Napoleon, der in einem Wagen von Erfurt gekommen war, wieder zu Pferde. Ich sah ihn hinten am eisernen Gatterthor des Schlosses, in Begleitung des Herzogs und des {148}

Prinzen Bernhard von Sachsen Weimar, wegreiten. Sein Ansehn war heiter; nur fand ich ihn viel völliger, als das letztemal, wo ich ihn in der Nähe bei der großen Zusammenkunft der Kaiser in Erfurt, gesehen hatte. Unterwegs – der Ritt ging nämlich nach dem Eckartsberge, und von dort grade auf Lützen und Leipzig zu – forderte der Kaiser ein Glas Wasser. Sogleich sprengte Einer von seinen Mamelucken heran, die, zu diesem Behufe, eigene Eß- und Trinkkapseln an den Sätteln ihrer Pferde befestigt, mit sich führten, und zog einen silbernen Becher hervor, um damit in einem ungefähr dreißig Schritte von dem Wege abwärts fließenden Brunnen, einen frischen Trunk für den Kaiser aufzufassen. Da dieser indeß so lange hielt: so hatte der Mameluck Eile, und ritt, mit dem angefüllten Becher, in solcher Hast, daß er alles Wasser wieder herausschüttete. Als der Kaiser ihm nun das Gefäß abnahm und trinken wollte, zugleich aber, was der Uebringer vor lauter Ehrerbietung und Diensteifer nicht bemerkt hatte, inne wurde, daß kein Tropfen Wasser in demselben zurückgeblieben war, gab er ihm den Becher lächelnd mit den {149}

Worten: „Bète, que vous êtes!" „Was ihr für ein einfältiger Tropf seyd!“ wieder zurück, und ritt sodann weiter fort, ohne seinen Durst für dießmal gestillt zu haben.

Zweites Kapitel.
Ankunft des Marschalls Marmont, Herzogs von Ragusa, auf dem weimarischen Gebiet, mit einem Korps von 20,000 Mann. Absendung des Verfassers in die Bivouacs desselben bei Schwabsdorf, Wiegendorf und Umpferstedt.

Mittwoch, den 28. April 1813, Nachmittags drauf, als der Kaiser Napoleon von Weimar weggeritten war, kam unvermuthet die Nachricht auf das in's hiesige Stadthaus verlegte herzogl. Polizeicollegium: „daß 20,000 Soldaten, unter dem Oberbefehl des Herzogs von Ragusa, in der Nähe, von Schwabsdorf, Wiegendorf bivouaquiren, d. h. ein Lager mit Wachfeuern beziehen sollten.“ General Bertram rückte zu gleicher Zeit, mit einer eben so zahlreichen Truppenabtheilung, in Isserstedt ein. Zwanzig Ochsen wurden noch denselben Abend, bloß zum {150}

Unterhalt der Marmontschen Soldaten, in das plötzlich entstandene Feldlager, auf Begehren, herausgeschafft. Hierdurch zu gerechten Besorgnissen veranlaßt, ward beschlossen, daß sich Jemand noch in derselben Nacht, mit einem gehörigen Paß, in das Lager begeben sollte, um etwannigen Unfällen der Landleute, die in der Nähe einer so außerordentlichen, in freien Feldern hausenden Truppenversammlung, unvermeidlich zu seyn pflegen, wo nicht gänzlich vorzubeugen, doch nach Möglichkeit, für den Augenblick zu begegnen. Es mochte etwa zwei Uhr nach Mitternacht seyn, als ich in Schwabsdorf ankam, und obgleich der Himmel weit und breit umzogen und dunkel war: so leuchteten doch die von allen Seiten angezündeten Wachfeuer so hell auf den Weg, daß es keiner Laternen bedurfte und man eine Stecknadel, die auf dem Boden lag, erkennen konnte. Es gingen ihrer unzählige von allen Seiten auf. Nur die Feldposten standen im Dunkel, und fast jeden Augenblick wurde ich von einer derselben mit „Qui vit?" angerufen: so daß mir zuletzt keine Wahl blieb, als in einem fort: „bon ami“ zu antwor- {151}

ten. Ein paar Mal begrüßten mich zu beiden Seiten meines Wagens, vorgehaltene Bajonnette und Pistolen; jedennoch bewirkte die Vorzeigung meines Passes wenigstens das Gute, daß ich den Augenblick wieder entlassen wurde. Auch hier erneute sich mir zu verschiedenen Malen dasselbe Schauspiel, dessen ich schon einige Tage früher am Eingange des Webigts, auf dem Wege nach Tiefurt, Augenzeuge gewesen war. Soldaten, die im Bivouac lagen, hatten nämlich, ich weiß nicht, ob ihres Vergnügens, oder ihrer Nothdurft wegen, einen mannstarken Baum, unten am Stamme angezündet, und nachdem er sattsam fortgeglimmt und verkohlt war, zogen sie so lange mit den an Krone und Zweige desselben befestigten Seilen, bis das Feuer die Axt unnöthig machte, und der Baum mit lautem Prasseln und unter unmäßigem Freudengeschrei der Umstehenden, die mit ihren, von dem nächtlichen Feuer angeschienenen Gesichtern, den Wilden nicht unähnlich sahn, jähling zusammenstürzte. Zu Schwabsdorf ging es noch leidlich genug her. Die Scheunen waren zwar auch erbrochen, das Stroh und die Schütten in das Lager getragen und verzet- {152}

telt; zu einer förmlichen Plünderung kam es indessen nicht; doch fürchtete man den kommenden Morgen, und das, wie die Folge zeigen wird, mit einigem Recht. Da die Schafheerden und das kleine Vieh immer die Gegenstände sind, denen der in Lagern stehende Soldat im Bivouac am geflissentlichsten nachstellt: so suchte ich diejenigen Dörfer, wo diese Maßregel der Vorsicht nicht bereits genommen war, durch Ueberredung, auf's Schleunigste dahin zu bringen, daß sie ihre Schafheerden an die sächsische Grenze, oder noch tiefer in's Land, bei Nacht und Nebel entfernen mußten. So haben denn nach und nach in dem Graben von Kapellendorf sechs Schafheerden zusammengelegen, die auch sämmtlich den Verheerungen des räuberischen Mars, für dieß Mal wenigstens, entgangen sind. Wo ich in den Ställen nur irgend etwas blöcken oder brüllen hörte, habe ich nie vergessen, den Schulzen diese Maßregel wiederhohlt einzuschärfen, ja für die Unterlassung derselben sie persönlich verantwortlich gemacht.
Der Zustand in Wiegendorf, wohin sich die Lager besonders gezogen hatten, übertraf bei {153}

weiten Alles Vorhergehende. Die Soldaten liefen zu Tausenden, mit den brennenden Strohwischen, durch die eröffneten Scheunen des Dorfs. Die Thorwege standen überall auf. Die Wege bis in's Lager und zu den brennenden Bivouacs, über Wiesen und Wintersaat stundenlang hinweg, gaben für die Füße bey'm Auftritt dasselbe Gefühl, wie wenn man in aufgelockertem, oder recht weich gepanztem Scheunenstroh geht. Gleich am Eingange dieses Dorfes wohnt ein alter und frommer Leineweber, mit seiner Baucis, Knauer genannt, dessen einziger und größter Reichthum, nach seinem eigenen Geständniß, in drei wohlgerathenen, guten und arbeitsamen Kindern besteht. Sie sind nur wenige Jahre auseinander, ein Bursche und zwei Mädchen; kerngesund, und schon ihr äußeres Ansehn ist das von hübschen Bauersleuten. Das entschlossene ältere Mädchen hatte gleich, wie der Kriegslärm nach Wiegendorf kam, sich mit den Kühen, der Bursch mit dem Pferd, und dem einjährigen, selbstgezognen Füllen, davon gemacht. Als sie sich nach diesem wieder im Hause einstellten, sagte ein vornehmer französischer Offi- {154}

cier, der, wenn er alle seine Worte zusammensuchte, auch wohl etwas Deutsches zuwege brachte, zu dem Mädchen: mein Kind, du dauerst mich; die Soldat viel schlimm; du hübsch, du nicht gut zu Haus; du fort, du hinlauf, wo dich Niemand find't.“ Das Mädchen antwortete hierauf schlicht und gerade: „Lieber Herr, wo meine Eltern sterben; will ich auch sterben!“ Der durch diese Reden besorgt gemachte Vater indeß, verschloß die beiden Töchter, als das Plündern losging, und ein Soldat der Jüngeren, seinem Augapfel, auf der Treppenstiege trotzig ein Maul abforderte, so daß diese sich leichenblaß verfärbte, und geradesweges umfiel, auf dem Scheunboden, und zog hinter ihnen den Schlüssel ab. Als nun späterhin das Geschrei und das Plündern im Dorf im Gang war, und dabei die Wachfeuer von allen Seiten aufgingen, so weit der Himmel reichte und alles mit ihrem rothen Widerschein erfüllten; auch die Soldaten mit den angebrannten Strohwischen, blind und toll, durch Häuser, Dorf und Stuben, Küch und Keller. liefen; so daß es überall einen brandigen, unangenehmen {155}

Geruch gab: dachten die Mädchen oben in ihrer Einsamkeit nicht anders, als sie müßten nun Beide in ihren Sünden verbrennen. Sie sagten daher zu einander: „Unsre Eltern sind vielleicht schon todt. So ist der Boden auch zu! Keine Leiter ist da! Wenn nun das Haus angeht, werden auch wir im Feuer elend umkommen! Laß uns daher in Gottes Namen herunterspringen! Und sie sprangen, und siehe, der Sprung gelang, und leben Gottlob noch beide frisch und gesund, zum Trost ihrer Eltern! In freudigem Gefühl, diese zu aller Gottesfurcht und Ehrbarkeit erzogenen Kinder zu besitzen, sagte ihr alter und betagter Vater nur noch erst kürzlich zu mir: „Wie schwer mich auch Gott geheimsucht, wenn ich an den 14. Oct. 1806. gedenke, und was ich seitdem Alles verloren habe, so hat mir doch Gott alles dieses wieder tausendfältig durch meine guten Kinder ersetzt.“ Ich habe den Vater nie so oder anders, zum Lobe der Seinigen, sprechen hören, daß nicht zugleich ihm, seiner Frau und seinen drei Kindern die hellen Thränen in die Augen drangen. Mit einem Wort: diese ganze Familie zeigt eine große Freudigkeit und ein {156}

unumschränktes, auch bei den Landleuten immer seltner werdendes kindliches Vertrauen auf Gott und die unerforschlichen Wege seiner Vorsehung. Beim Plündern ihrer Fruchtböden dauerte die alte Mutter nichts so sehr, als daß ihr nicht einmal die Saatkartoffeln für's künftige Jahr gelassen wurden. Kein Officier, kein Soldat, den sie deßwegen nicht
auf das flehendlichste angesprochen hätte; so billig indeß ihr Gesuch auch war: so fand sie dennoch bei Niemanden Gehör. Da kamen wir auf einen andern Einfall. Wir mischten uns selbst mitten unter die Haufen des plündernden Marketendergesindels, von denen das Haus und die Scheune, angefüllt war. Wir nahmen Säcke auf die Schulter, und wie jene die ihrigen füllten, füllten wir ebenfalls die unsrigen. Ich half der Knauerin treulich aufladen, und auf diese Art sind der guten alten Mutter Ameise einige Säcke mit Saatkartoffeln erhalten worden, wofür sie mir noch immer, so oft sie mich sieht, und bis auf den heutigen Tag, den empfindlichsten Dank weiß. Noch glücklich genug, wenn es bloß bei dem Plündern der {157}

Kornböden und Keller, der Speise- und Rauchkammern, dem Wegnehmen der Schinken, Würste, Brote, Mehlvorräthe, dem Erstechen der Schweine auf dem Mist, dem Hinwegtragen der Kofen, Ställe, in Ermangelung des Brennholzes, und dem Abdecken der Schindeln von den Dächern geblieben wäre; allein alle Anstalten und Drohungen der Soldaten ließen vermuthen, daß sie nicht übel Lust hatten, bei dem geringsten Widerstand, die Häuser und Hütten der unglücklichen Einwohner der Erde gleich zu machen und, sich so zu sagen, an den Dörfern selbst zu wärmen. Tausende von bedeckten, und inwendig mit Matten von Stroh ausgelegte Baraken, stiegen an den Wachtfeuern in einem Augenblick hervor. Nachgeschürt wurde das Feuer mit Thüren, Thoren, Treppen, Hühnerstiegen u. s. w. Tische, Stühle, Betten, Kessel, Gläser, und was irgend sonst nur, unter dem Namen Hausgeräthe, das Leben bequem und angenehm macht, verließen ihre alten Eigenthümer und nahmen Platz im wilden Lager, unter den fremden Soldaten. Ich bin überzeugt, hätte dieser Zustand nur noch einen, oder {158}

zwei Tage fortgedauert, so wäre in der ganzen umliegenden Gegend kein Nagel in der Wand geblieben. Die Dörfer Wiegendorf, Schwabsidorf, Umpferstedt wären vielleicht ohne Spur verschwunden. Die Einleitung zur Plünderung geschah meistens, ohne daß die Leute selbst irgend einen Arg dabei hatten, und, so zu sagen, in aller Unschuld. Es kamen allererst Soldaten in's Dorf, die etwa nach Wasser fragten. Wenn man nun geneigt war, ihnen die Brunnen zu zeigen: so schöpften sie, für sich und ihre Pferde, fragten aber zugleich: ob man nicht irgend etwas von Brot, oder Kartoffeln vorräthig habe? weil sie draußen im Lager ganz gewaltig von Hunger litten. So bald sich nun einige mitleidige Personen, besonders vom weiblichen Geschlecht, auf ein solches Ansuchen allzu gutmüthig einließen: so war das Unglück da. Gab man Einem: so sammelten sich vor dem Schrank, Haus, Keller, oder wo sonst die Austheilung erfolgte, sofort Hunderte, ja Tausende. Die Vordersten baten noch; die Hintersten forderten ungestüm; die zuletzt kamen, fluchten und fielen, ohne alle weitere Umstände, über die vorhandenen Vorräthe {159}

her und plünderten sie rein aus. Die so mit gefüllten Händen und Hüten in das Lager zurückkehrten, lockten, durch die mitgebrachten Schätze, wieder Andere herbei; kurz das Drängen und Lärmen, um die Eingänge des Dorfs, glich völlig dem Gesumm von Raubbienen, worin das Ohr kaum etwas anders, als „Pommes de terre! Pommes de terre!“ Erdäpfel! Erdäpfel! unterscheiden konnte.
An eine Behauptung des Hausrechtes war von nun an nicht weiter zu gedenken; jeder suchte nur noch, wie er das, was ihm etwa besonders erhaltungswerth schien, in Sicherheit brächte. Zwei Tage hindurch, wie ich auch schon oben erzählt, habe ich mich, in den großen Seitentaschen meines Mantels, mit Uhren, Trauringen, Schaustücken, Geldbeutelchen, silbernen Löffeln herumgeschleppt, welche die geängsteten Menschen besser bei mir, als in ihren eigenen Häusern, geborgen glaubten. Der Anblick des Lagers selbst in der frühe, als die Sonne aufging, hatte etwas kriegerisch Angenehmes und dabei zugleich seltsam Ueberraschendes. Die fremden Gesichter der spanischen, flamän- {160}

dischen und französischen emsig um Küche und Feuer beschäftigten Marketenderinnen waren Schuld, daß man sich hundert Meilen weit von Weimar, in die Sierra Morena, oder zwischen die Windmühlen Hollands, versetzt glaubte. Das Singen der Vögel, das Rühren der Trommeln, das Schmettern der Trompeten; dazwischen das Aufmarschieren und Exerzieren einzelner Abtheilungen von Truppen; das Brennen und muntre Emporlodern so unzähliger Wachfeuer, wobei man Frühstück kochte, sprach die Sinne mit einem so lustig wilden Ausdruck von Lebensfülle an, daß man, wenigstens für den Augenblick, die ausgeplünderten Dörfer im Hintergrund, rein darüber vergaß. Einigen genügten die Strohhütten nicht mehr; sie fingen sogar an, dieselben mit grünen Zweigen auszuschmücken. Von allen Seiten erging ein Hämmern und Klopfen; die Funken sprühten und die Blasbälge der Feldschmieden setzten sich in eine gleichsam nach dem Takt angeordnete, wetteifernde Bewegung. Je fünf bis sechs Soldaten trugen gefällte grüne Bäume, die sie, zu Hunderten, von den benachbarten Wiesen und {161}

Feldern herbeigeholt.: Die schönsten Pappeln und Weiden, woran die Gemeinden ein halbes Menschenalter mit Liebe und Sorgfalt gepflegt und gepflanzt, wurden auf diese Weise ein Opfer der unbedachtsamsten Zerstörungswuth. Von Ungefähr geschah es, daß vier bis fünf Hasen, aus ihren Lagern aufgeschreckt, innerhalb der Grenzen dieser Soldatenstadt, plötzlich zum Vorschein kamen. Als die lustigen Zeltkameraden ihrer ansichtig wurden, erschallte sogleich von allen Seiten, wie verabredet, das Feldgeschrei: „Serrez! Serrez!“ schließt sie ein, schließt sie ein! Es glückte auch wirklich einer Abtheilung von Truppen diese beabsichtigte Einschließung, durch eine, auf die gejagten Hasen, in immer verengerten Kreisen zurückende Bewegung, zu bewerkstelltigen. So bald die armen geängsteten Thiere nämlich keinen weitern Ausgang vor sich sahn, liefen sie links und rechts, wie in der Irre; und so wurden sie zuletzt von den ihnen überall begegnenden Bajonettenden aufgespießt und, wie eine Siegsbeute, unter allgemeinem Zujauchzen des Heeres, in die allzeitfertige Feldküche der Marketenderinnen getragen. Dieser Jagdscherz {162}

dauerte fast so lange, bis Marschall Marmont und ihm zur Seite der General Cöhorn erschien. Die Truppen mußten nun sämmtlich in Linien ausrücken und die gewohnten kriegerischen Uebungen vornehmen. Nach beendigtem Exerzitium wurde auch die Vertheilung der getödteten zwanzig Ochsen vollzogen. Die Häute erhielten einige Dorffleischer, die sich in das Lager hinausgewagt, um ein Spottgeld. Den Talg, der zu ganzen Bergen umher lag, konnte man um 3 Pfennige das Pfund feilschen. Von der an den Wachfeuern gehaltenen Schafschur, wo das Pfund spanische Wolle, zu zwei Groschen, verkauft wurde, so wie auch von dem großen Caffeebivouac im Ewaldschen Garten zu Schwabsdorf, zu dem alle umliegenden Gegenden Caffeemühlen und Caffeetrommeln liefern mußten, ist ebenfalls oben ausführlicher gesprochen worden. Den bunten Tumult noch vollständiger zu machen, melkten spanische und holländische Marketenderinnen gestohlne thüringische Kühe in der Wintersaat; einzelne Abtheilungen von Reiterei setzten sich, bei der Losung von Trompeten in Bewegung, und verschwanden wieder eben so plötzlich; wei- {163}

terhin wurde sogar auf dem rings mit Kriegsgezelten eingefaßten Wiesengrund ein Verkauf von Beutepferden gehalten. Während der Soldat sich so im Lager und auf den freien Feldern erlustigte, genoß auch der Bauer in den Dörfern, durch seine Abwesenheit, einiger Ruhe. Diese sollte indeß nur so lange seine Unterbrechung erleiden, als jenen die Pflicht des Militärdienstes anderswo gebunden und beschäftiget hielt. Denn kaum war dieser genug gethan, so sah man die ungebetenen Gäste auf's Neue, in den Ställen, Gärten und Scheunen der Dörfer, sich zu Hunderten, ja zu Tausenden wieder einstellen, um die nämlichen Unarten des vergangenen Tages zu wiederholen. Von allen Seiten wurde ich von den geängsteten Einwohnern zu Hülfe gerufen. Was das Unglück ungemein vergrößerter war, daß die Soldaten nicht im geringsten mehr auf das Befehlwort ihrer Offiziere achteten. Ueberall fehlte es an den ersten und nothwendigsten Lebensmitteln; kein Stroh, kein Speck, kein Mehl, kein Brot, keine Feder, keine Klaue! Einige hatten ihre Hühner in Läden, Andere ihre Gänse in Säcken verborgen und sie auf den Boden, oder {164}

in irgend einen andern Winkel des Hauses getragen, wo sie dieselben sicher glaubten. Wie man aber seinem bestimmten Geschick selten, oder nie entgehen kann: so hatte sich ein auf diese Weise in einer Kiste versteckter Hahn selbst durch Krähen verrathen. Das Plündern der Kleidungsstücke, die Hinwegnahme des Geldes, stand, nach Ausleerung der Ställe und Böden, nun auf dem nächsten Wurf, und jeder mußte sein Verhängniß, von der nächsten Stunde, mit Geduld abwarten. Indessen versuchte ich, was nur irgend in meinem Vermögen stand, um wenigstens diesen letzten Stoß des Unglücks von den geplagten Dörfern abzuwenden. Ich schalt, ich bat, ich fluchte, wie es mir eben aus dem Munde ging; ja ich weiß, daß ich einigen selbst die bereits an die Bajonette aufgesteckten Zigeunerbündel, mit Wäsche, Tischzeug, Bettüberzügen und dergleichen angefüllt, entrissen und sie ihren rechtmäßigen Eigenthümern wieder zugestellt habe; wobei ich zur Steuer der Wahrheit bekennen muß, daß kein Haufe so wild und zügellos war, daß ich nicht ehrliebende Menschen dabei gefunden hatte, die, meine gute {165}

Absicht zu unterstützen, geneigt gewesen wären. So hieb z. B. ein französischer Offizier einen Gemeinen, der mit seiner Flinte auf einen Bauern anlegte, so scharf mit der Klinge, daß das Blut auf die Umstehenden und auf meinen Mantel umher sprützte. Der Schuß ging zwischen mir und dem Bauern durch, ohne daß jedoch irgend jemand von uns dadurch verletzt wurde. Der Bauer hatte es nämlich nicht leiden wollen, daß man ihn seiner letzten Habseligkeiten beraubte, und weil er sich den Soldaten muthig widersetzte: so erfolgte dieser blutige Auftritt.

Es war desselben Nachmittags, etwa um die vierte Stunde, also Freitags den 30. April 1813, als der Nachbar Adam Schiller aus Wiegendorf [Man vergleiche das erste Aktenstück.] in größter Bestürzung zu mir kam und mir meldete: daß ein vornehmer französischer Offizier ihm so eben die Order bekannt gemacht: daß das Lager für diese Nacht zwar aufbreche, daß die Soldaten desselben aber, weil es nächstens zur Schlacht ginge und alle Dörfer, dieß-
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und jenseit Lützens, von Lebensmitteln völlig entblößt und ausgeplündert wären, nach der so eben von ihren Vorgesetzten erhaltnen Weisung, in den hiesigen Gegenden, auf vier Tage Proviant, d. h. Fleisch und Brot, fassen müßten. Zu diesem Behuf hätte Wiegendorf allein acht Stück Ochsen; die benachbarten größeren Dörfer aber, je funfzehn und funfzehn Kühe, bis Morgen früh um acht Uhr, wo der Abmarsch erfolgte, herbeizuschaffen. Im Fall diese Lieferung außen bliebe: so müßten die kaiserlichen Proviantmeister sie selbst, durch die Soldaten aus den Ställen abhohlen lassen, ohne daß sie, für die dabei vorfallenden Unordnungen, zur Verantwortung stünden. Da nun das Bedürfniß des Wachfeuers bei Wiegendorf und Schwabsdorf, auf einen Tag, allein zwanzig Ochsen überstieg: so betrug dieß für die sämmtlichen Dörfer, im Umfang des ersten Lagers – das zweite eben so starke Lager bei Isserstedt gar noch nicht einmal in Anschlag gebracht – nicht weniger, als achtzig Stück Hornvieh. Bestand das Isserstädter Lager, als woran nicht im geringsten zu zweifeln war, auf einer gleich übertriebenen Forderung: so ergab sich {167}

daraus eine so ungeheure Summe, daß dadurch der gänzliche Viehstand dieser ohnedieß genug bedrängten Gemeinden unsers kleinen Staat’s die größte und augenscheinlichste Gefahr lief. In dieser höchst bedenklichen Lage, ließ ich mir unverzüglich von der Gemeinde zu Wiegendorf ein Pferd satteln, und faßte den Beschluß, es koste auch, was es wolle, den jetzigen General, Cöhorn, der das Oberkommande führte, aufzusuchen; denn der Marschall Marmont war mit seinem Gefolge bereits aufgebrochen und weiter vorwärts, nach Auerstädt und Lützen gerückt; den Bauern aber befahl ich an, bis zu meiner Rückkehr, gutes Muth's zu seyn und sich ruhig in ihren Häusern zu verhalten. So ritt ich, von tausend Glückwünschen begleitet, die Straße nach Osmanstädt, mitten durch die mit Soldaten und Trompetenklang erfüllten Felder. Hier, wie in allen andern Dörfern, wodurch mich mein Weg führte, fand ich die Bauern, wie Sonntags, Jung und Alt, Weiber, Greise und Kinder, in ihren besten Kleidern, mit gefalteten Händen vor den Thüren stehn; denn nach dem was die vorhergehende Nacht in Wiegendorf ge- {168}

schehen war, erfüllte sie die kommende mit gerechter Furcht, Angst und Besorgniß. Manche von ihnen hatten, um wenigstens etwas zu retten, drei bis vier Hemden übereinandergezogen. Ich tröstete die armen Leute, so gut ich, unter diesen traurigen Umständen konnte, und machte sie zugleich mit meinem Entschluß bekannt, daß ich ja dem General Cöhorn reiten und dessen Schutz gegen fernere Gewaltthätigkeiten des im offenen Lager stehenden Soldaten, aufrufen wollte. Hier erfuhr ich zugleich, daß die angedrohten Lieferungen bereits ihren Anfang genommen, und daß die beiden Dörfer Ulrichshalm und Osmanstedt, jenes sechs und dieses zwölf Kühe, hatten stellen müssen. „Und wie können wir wissen, oder wer bürgt uns dafür!“ setzten die Einwohner, indem sie dieses erzählten traurig hinzu, „ob wir, mit anbrechendem Morgen, auch nur ein einzig Stück Rindvieh in unsern Ställen übrig behalten?“ Leider konnte ich ihnen diese, nach dem damaligen Stand der Dinge, nur allzu gegründete Besorgniß, nicht gänzlich aus dem Sinne reden; gelobte ihnen jedoch, mit Hand und Mund, sie auch in dieser {169}

bevorstehenden Nacht des Schreckens nicht zu verlassen, sondern eben so wie die vergangene, in ihrer Nähe zu bleiben, und es komme, was da wolle, mit ihnen zu theilen. Den General Cöhorn fand ich, nach langem Umherschweifen, Fragen und Suchen, endlich in Rödigsdorf, wo er, in der neuerbauten Schenke, sein Absteige-Quartier genommen und eine so eben empfangene kaiserl. Tagsorder eröffnet hatte. Kein Mensch durfte unangemeldet in das Haus herein. Zwei Schildwachen hatten rechts und links vor demselben Posto gefaßt; den etwannigen Gästen, so wie denen mit Musik nach Eckartsberge vorbeiziehenden Soldaten, wovon die ganze Straße wimmelte und erfüllt war, wurden ihre Bedürfrisse von den Wirthsleuten durch die Schiebeferster gereicht, und diejenigen, so mit Gewalt in die Schenke hineindringen wollten, liefen Gefahr, gleich an der Thür mit Kolbenstößen zurückgewiesen zu werden. Wenn man in das Haus trat, gleich in der Stube rechts, arbeiteten die Sekretäre; sie schienen in voller Geschäftigkeit. Auf die von denselben an mich ergangene Frage, was ich wünschte erhub sich der General, der oberwärts, {170}

dem Fenster zu, an einem kleinen Tischchen saß. Ich stellte ihm die traurige Lage, in welche unsere Landleute, durch die Wachfeuer der vergangenen Nacht gerathen waren, mit den treusten und lebhaftesten Farben vor. Ich setzte hinzu, daß ein solches Betragen, in dem Lande eines befreundeten Staates, dessen Bürger in Reih' und Glied mit Frankreich’s Soldaten ständen, und, von ihnen selbst Verbündete genannt, ihr Blut für eine gemeinschaftliche Sache versprützen sollten, zu auffallend wäre, als daß es je vor dem Volk gerechtfertigt werden könnte; ja daß die unglückseligen Folgen so völlig ungeordneter Schritte, im Fall die Gährung bedenklicher wurde und zunähme; sich nicht berechnen ließen. Sie seyen indeß nicht auf die Rechnung der Obrigkeit zu setzen, sondern würden lediglich auf das Haupt derer, die sie veranlaßt hätten, zurückfallen. Der General Cöhorn ist ein schlanker, wohlgebauter Mann, mit funkelnden Augen, von wildem und echt kriegerischem Ansehn. Er trägt eine breite Narbe, queer über ein sonnenverbranntes, männliches braunes Gesicht. Seine Haltung ist edel, und seiner Frische nach zu urtheilen, mag {171}

er ungefähr ein Vierziger seyn. Er hörte mich mit großer Gelassenheit an und verfügte darauf, was ich oben im ersten Aufsatz bereits mitgetheilt habe. Die von diesem General eigenhändig geschriebene und, besiegelte Hauptordre hatte ich unverzüglich an den Kommandanten des 4ten Bataillons, vom 36. Regiment, das eben zu Schwabsdorf mit klingendem Spiel einrücken sollte, einzuhändigen; die von dem Officier d'ordonnance, M. Couvrier, beglaubigte Abschrift aber blieb in meinen Händen zurück. Bey'm Abschied bedauerte General Cöhorn nochmals die an den nächtlichen Wachfeuern in unsern Landen vorgefallenen Unordnungen, wobei er mir zugleich die trostreiche Versicherung ertheilte, daß die Truppen, wenigstens zum Theil, noch diese Nacht weiter nach Lützen und Eckartsberge, aufbrechen würden. Der angenehme Eindruck, den dieser Umstand auf mich machte, wurde indeß gewissermaßen, und das auf der Stelle, durch die halb offiziell hinzugefügte Trauerpost verbittert: daß man sich vermuthlich genöthigt sehen würde, unsre benachbarten Dörfer doppelt, dreifach, ja vierfach mit Einquartierung zu belegen. Ich {172}

fragte den Herrn General: ob er vielleicht das Weimarische Polizeikollegium über diese Maßregel in Kenntniß gesetzt? Er antwortete mir rund heraus: „Nein, denn erst eine Viertelstunde zuvor habe er selbst die kaiserliche Order erhalten; mit Anfragen bei den Behörden in der Stadt, weil der Abend so eben einbreche, sey durchaus keine Zeit zu verlieren.“ Ich bat ihn sonach, mir wenigstens die Quartierlisten, oder was die Franzosen eine Situation nennen, vorzulegen, damit man wüßte, wie viel Truppen je in einem Orte zu liegen kämen, weil, ohne diese Kenntniß, man ihre Verpflegung ja ohnedieß nicht gehörig besorgen könnte. Aber auch über diesen Punkt konnte ich in der Unterhandlung zu keinem befriedigenden Resultat gelangen. Der Schluß lautete jedesmal: „Non que je me méfie de vous Monsieur; mais cela ne se fait pas à la veille d'une bataille! Peutêtre que ce serait une reconnoissance pour l'ennemi!“ Nicht daß ich irgend ein Mißtrauen in Sie setze, mein Herr, aber den Tag vor einer Schlacht ist dergleichen nicht thunlich; denn vielleicht würde dieß eine zu Gunsten des Feindes {173}

vorgenommene Recognoscirung reyn! Das Höchste, was ich unter diesen Umständen über ihn vermochte, war, daß er mir angelobte, auf die dem Lager zunächst gelegenen und eben deßhalb rein ausgeplünderten Dörfer eine schonende Rücksicht zu nehmen. Namentlich sollten in Schwabsdorf und Wiegendorf nicht mehr, als die beiden mir anvertrauten Compagnien zu liegen kommen. Der General setzte hinzu: „er wolle mir die Verpflegung dieser Truppen um so angelegentlicher empfohlen haben, da sie zur Aufrechthaltung der guten Ordnung in der ganzen Gegend, unter meiner besondern Leitung, von ihm bestimmt wären. Mit dieser Bedingung, wenn ich sie gewissenhaft erfüllen wollte, war freilich für mich eine neue und höchst lästige Aufgabe eingetreten; denn ich wußte ja nicht, wo ich in diesen beiden, durch den Krieg verwüsteten Ortschaften, auch nur ein Ei oder ein Pfund Fleisch auftreiben sollte. Indeß schlug sich ein für mich günstiger Zufall in's Mittel. Indem ich nämlich im Finstern, zwischen Rödigsdorf und Wiegendorf, mit jener zweiten Compagnie, die ich in das letzte Dorf verlegen wollte, die {174}

Straße herunter kam, hörte ich im Wege einen Wagen rollen, und erkannte, als ich näher ging, an der Begleitung des Polizeidieners Trautmüller, sogleich, daß dieses ein aus Weimar abgeschickter Transport war. Derselbe hatte einige hundert Pfund Brot, ungefähr eben soviel Fleisch, verschiedene Säcke Kartoffeln, nebst einem großen kupfernen Kessel und einer Kastrole geladen. Auf die an den Fuhrmann und Trautmüller von mir gerichtete Frage: wo sie mit diesen Victualien noch so spät hinwollten? erhielt ich zur Antwort: ihr Weg ginge in's Lager; das ganze Gepäck, das sie mit sich führten, habe die Bestimmung, sich an's Gefolge des Herzogs von Ragusa, oder des Marschall Marmont anzuschließen, dessen Adjudant es eigends von Weimar aus bestellt habe: Da das Lager indeß aufgehoben war: so bedachte ich mich nicht lange, sondern nahm vorläufig die ganze Mundprovision, mit Fleisch, Kessel und Brot, Erdäpfeln und Kastrollen, für meine zwei Compagnien, in Beschlag. Den Polizeidiener Trautmüller aber ersuchte ich, diese Nacht bei mir zu bleiben, wozu er sich auch bereit finden ließ. Es macht mir um so größe- {175}

res Vergnügen, ihm dieses Verdienst nachzurühmen, da der seitdem verewigte Mann allem Lob und Tadel dieser Welt entrückt ist, und dergleichen verlorne Posten, aus guten Gründen, dazumal eben nicht die gesuchtesten waren.

Zu Wiegendorf ließ ich sogleich, nach Einrücken der Soldaten und Ankunft des Proviantwagens, Brot und Fleisch an die mit Einquartierung belegten Häuser austheilen, wodurch ich nicht nur die Bewohner zufrieden stellte, sondern auch die mir anvertrauten Leute, im Fall ich ihrer bedurfte, bei guter Laune zu erhalten gewiß war. Gleich bei'm Einfahren des Transports, begrüßten sie ihn mit freundlich aus allen Fenstern hervorgesteckten Köpfen. Nun traf ich auch mit dem Hauptmann die nöthigen Verabredungen. Dessen Erbieten, so bald ich es irgend begehrte, mir Wachen vor alle Ställe verabfolgen zu lassen; gereichte mir zu einer nicht geringen Beruhigung. Auf diese Weise gedachten wir die Drohungen jener vornehmen französischen Offiziere zu vereiteln, die durch ihre Forderung von dreitägigem {176}

Proviant, besonders durch die von achtzig Ochsen, die sie selber aus den Ställen abhohlen wollten, die ganze Gegend in Furcht und Alarm setzten. Leider war man in Ulrichshalm und Osmanstedt, wie die Folge zeigen wird, nicht bloß bei der Drohung stehen geblieben. Zwar Wiegendorfs geängstete Bauern schöpften nach meiner Zurückkunft, aus meiner persönlichen Gegenwart, auch wieder einigen Muth; was mich selbst betrifft, so kann ich nicht läugnen, daß mir der Ausgang des Ganzen noch immer insgeheim gar große Besorgniß erregte. Weil es indessen immer besser ist, so bald man keine andere Wahl hat, die Gefahr aufzusuchen, als sie in seinem eigenen Hause abzuwarten; so verfügte ich mich, in eigner Person, zu dem Herrn Kommandanten in Osmanstedt, von dem ich wußte, daß alle diese Anordnungen ausgingen. Unterwegs begegnete ich einem französischen Kommando, auf dem halben Wege nach Wiegendorf. Mir ahndete gleich nichts Gutes, da ich im Finstern brüllen hörte, und wie ich näher darauf zukam, Leuten begegnete, die Ochsen vor sich hertrieben. Auf die Frage, wohin es so spät mit ihnen ginge, {177}

erhielt ich zur Antwort: „Nous allons chercher des boeufs dans les villages tout près." Wir sind ausgegangen, um Ochsen in den benachbarten Dörfern zu hohlen. So bald ich dieses gehört, bat ich den, der das Hauptkommando führte, daß sie mir doch ihre Order nicht vorenthalten möchten, weil ich ein vom Lande mit diesen Sachen Beauftragter sey. Er zeigte mir, auf dieses mein Ansuchen, ohne weiter Umstände zu machen, ein Papier, was ich aber, weil es zu finster wurde, nicht gut lesen konnte. Zugleich versicherte er mich, daß sein Colonel, oder Oberster, der sich zu Osmanstedt aufhalte, dasselbe unterzeichnet hätte. Indem ich dieser Versicherung allen Glauben beimaß, bat ich ihn jedoch mich zu diesem Manne zurückzuführen; besonders auch aus dem Grund, weil ich im Besitz einer völlig entgegengesetzten Order sey. Par l'ordre supérieur du général Coehorn, vermöge höhern Befehl's des General Cöhorn nämlich, seyen alle Ställe in den benachbarten Dörfern bereits mit Truppen besetzt; so daß ihm, als Abgesandten seines Obersten, die weitere Verfolgung seines Weges, wenn er auch {178}

in Ort und Stelle einträfe, zu nichts helfen würde. Für die raubsüchtigen Commissarien, die schon alle Ochsen des Landes in ihrem Garn zu haben glaubten, war dieß freilich ein Donnerschlag. Sie zauderten eine Weile und waren unschlüssig, ob sie mir folgen sollten; dann aber, und auf meine wiederhohlte Versicherung, daß ich ihnen die eigenhändig vom General Cöhorn unterzeichnete Order, sobald wir Licht bekämen, vorzeigen wollte, gaben sie nach, und der Führer der Caravane gab Befehl, vor der Hand mit dem Commando wieder zurückzukehren; die Ochsen aber, die, wie ich nachher erfahren, sechs an der Zahl und von dem armen Ulrichshalm gewesen sind, konnten ihrem bösen Schicksal nicht entgehen; denn der gewitzigte Commissarius, dem alle Sättel gerecht seyn mochten, ließ sie, nach seiner hinterlistigen Diebesweise, was ich freilich nicht verhindern konnte, vorwärts und nach Eckartsberge zu treiben. Dieses, zur Brandschatzung der ganzen Gegend bestimmte Commando, hatte nämlich, wie es sich in der Folge aufklärte, den Anfang seiner Raubzüge in Osmanstedt und Ulrichshalm gemacht; {179}

der erste Ort mußte demselben zwölf; der letzte sechs Ochsen liefern: und so wollten sie in ihrem guten Vorhaben fortfahren, bis alle achtzig Ochsen, aus den umliegenden Dörfern, herbeigetrieben würden; nur daß obbemeldter Gegenbefehl des General Cöhorn in dieser ihrer Rechnung ihnen einen kleinen Queerstrich machte. Von diesem Augenblick an ging alles anders, wie sie vermutheten, und sie hatten von nun an keine andere Wahl, als entweder ganz im Stillen, mit eingezogenen Pfeifen, abzuziehn; oder die Lärmtrommel zu rühren, und die Schildwachen ihres eigenen Kaisers mit Bajonetten, von den Ställen, die sie besetzten, hinwegzustoßen. Niemand, der die innere Einrichtung der französischen Heere und ihren von dieser Seite höchst lobenswerthen, ja unvergleichlichen Mechanismus, die ungeheuersten Massen, durch ein kleines Stück Papier zusammenzuhalten, aus eigner Erfahrung kennen zu lernen, Gelegenheit gehabt, wird auch nur einen Augenblick, wenn er bis hieher gelesen hat, die glückliche Ausführung meines Vorhabens bezweifeln können. Gesprochen wurde unterwegs nicht besonders viel, und wir moch- {180}

ten etwa noch einen guten Büchsenschuß von Ulrichshalm entfernt seyn, als Jemand zu Pferd, mit einer leuchtenden Laterne, den Hohlweg herauf geritten kam. Derselbe wurde von den Unsern mit „Qui vit? " angerufen, und da er alsbald „La France“ antwortete, erkannte der Führer des Commandos sofort die Stimme und sagte hastig zu mir: „Tant mieux, je crois que c'est notre Chef. “ Desto besser! Ich glaube, dort kömmt unser Oberster selbst! Er war es auch in der That.

Der Führer des Commandos eröffnete ihm nun, ohne Verzug, Alles, was zwischen uns geschehen und verhandelt war; ich zeigte ihm bei'm Laternenlicht meine geschriebene Order vor, und setzte mit Festigkeit hinzu: Da ich mich einmal der Pflicht unterzogen hätte, für die öffentliche Ruhe in diesem Bezirk Sorge zu tragen, so sollte mich auch nichts von diesem guten Vorhaben abbringen. Daß man alles vorhandene lebendige Vieh aus diesen Gegenden forttriebe, konnte ich um so weniger zugeben, da, bei den häufig aufeinander folgenden Durchmärschen die- {181}

ses nichts anders hieße, als die nachkommenden Truppen des Kaisers selbst der Gefahr des Verhungerns aussetzen. Auf die Einwendung des Hrn. Obersten, „daß er ebenfalls im Besitz einer ihm schriftlich mitgetheilten Order sey, die dahin laute, auf vier Tage Proviant für die Truppen zu fassen, erwiederte ich, längst bekannt mit den französischen Formen, und nicht ohne einiges Geschick in ihrer Anwendung: davon wüßte ich nichts; welche Ausdehnung er diesem seinen Befehl geben wolle, das sey seine Sache; die meinige wäre, die Ställe mit Wachen zu besetzen und kein Stück Hornvieh verabfolgen zu lassen. Glaubte er indessen seinerseits ein Recht zu haben, die Wachen seines eignen Kaisers mit Gewalt von den Ställen hinwegzutreiben: so geschehe das auf seine Gefahr, nicht auf die meinige; sonach würde er selbst auch lediglich für alle daraus erfolgenden unangenehmen Auftritte verantwortlich seyn. Mit diesen Worten gab ich ihm einen guten Abend und ritt meines Weges. Ich entfernte mich aber nicht allzu weit: so hörte ich schon einige Schritte hinter mir sehr vernehmlich: „Monsieur, Monsieur, {182}

attendez un peu!“ Mein Herr, haltet noch ein wenig! rufen. Es war derselbe Mann, den ich vorhin gesprochen hatte, und der mich aufforderte, ihm den schriftlichen Inhalt meiner Order vor Augen zu legen: „wäre es so, wie ich sagte, fuhr er fort: so möchte der Teufel seinetwegen die Ochsen hohlen; er wolle sich um nichts weiter bekümmern.“ Ich erklärte mich mit dem größten Vergnügen bereit dazu; nur bat ich ihn, irgend Jemand mitzuschicken, der mich bis in das nächste Dorf begleitete. Denn Alles dieses war auf freiem Felde und bei der Laterne verhandelt worden. Der Anführer erklärte sich meinem Begehren gemäß, und so schieden wir friedlich auseinander; er – nicht ohne einige Flüche in den Bart zu murmeln; ich von ganzer Seele vergnügt, daß die Sache unvermuthet einen so glimpflichen Ausgang gewann. Indessen, wie man in einem Sprüchwort zu sagen pflegt, daß guter Rath über Nacht komme: so ging es auch mir, als ich, nach diesem glücklich beseitigten ersten Anstoß, wieder nach Wiegendorf zurück kam. Ich kann nicht sagen, wie sehr es mir dazumal {183}

im Kopfe herumging, daß die armen Leute von Ulrichshalm und Osmanstedt, ihr Hornvieh so unverantwortlich und hinterlistig einbüßen sollten. Ich machte mir selbst die bittersten Vorwürfe darüber, diese Gewaltthätigkeit der französischen Raubvögel (Commissäre genannt), nicht, auf eine noch nachdrucksvollere Weise verhindert zu haben; das Bild jener armen, geplagten Landleute, wie sie sich heute bei Tage, als ich durch ihre Dörfer ritt, Jung und Alt, zu Hunderten um mich versammelten und Rath, Trost, Hülfe und Beistand in ihrer Noth bei mir nachsuchten, schwebte diesen Abend auf das lebhafteste vor meinen Augen.
Da mein Pferd vom langen Umherreiten ermüdet, und übrigens kein bedeckter Wagen bei der Hand war: so nahm ich den kleinen offenen Einspänner des Fuhrman's Scheitz aus Weimar, womit unlängst erst, wie ich oben erzählt, das Fleisch und Brot aus der Stadt herbeigekommen war. Ich ließ mir mit einigen Schütten Stroh ein Paar Sitze darauf einrichten, und fuhr so, in Gesellschaft des Polizeidieners Trautmüller, und einiger uns als Patrolle begleitenden herzhaften {184}

Soldaten, durch alle umliegenden Dörfer, deren rings erleuchtete Fenster von den so eben erhaltenen starken Truppeneinquartierungen kein allzugünstiges Zeugniß ablegten. Ich war fest entschlossen, wo etwa Lärm, Plünderung, oder Hinwegführung des Viehes aus den Ställen, die man, wie ich wohl wußte, beabsichtigte, gegewaltsamer Weise eintreten sollte, sogleich persönlich bei der Hand zu seyn, und wo dieser erste Versuch, zur Zügelung einer empörten Menge fehlschlüge, in Gottes Namen das Aeußerste wagen, d. h. durch Absendung des besagten Trautmüllers, die ganze Compagnie von Wiegendorf und Schwabsdorf, auf den bedrohten Ort nachrücken zu lassen.
Die Nacht gehörte keinesweges zu den angenehmsten, indem ein feuchter Nebel, verbunden mit einem schneidenden Wind und einem empfindlichen Sprühregen niederging, der, mit erkältenden Schlägen uns, in's Gesicht und auf die Haut drang und so das Sitzen in einem offnen Wagen höchst beschwerlich machte.
Es mochte etwa um vier Uhr des Morgens seyn, als ich auf dieser Fahrt von dem Herrn {185}

Cantor in Osmanstedt, dessen Eifer und verständige Willfährigkeit ich, bei allen diesen Vorfällen, nicht genug Lob zu ertheilen im Stande bin, in Erfahrung brachte, daß von den Kühen, die Osmanstedt geliefert, sich noch eine gute Anzahl, etwa sechs, oder sieben, worunter eine trächtige des dortigen Pfarrers sey, auf dem Edelhofe verhielten. Sie seyen von Spaniern bewacht, und der französische Commandant habe den gemessensten Befehl ertheilt, sie Morgen, mit dem Frühesten, nach Eckartsberge abzuführen. Ich ließ mir dieses nicht zweimal gesagt seyn, sondern ging sofort zu dem Herrn Commandanten, der auf dem Schlosse wohnte. Ich fand denselben noch im Bette. – Der Seiger schlug so eben Fünf. Ich legte ihm die schriftliche, oben im Original mitgetheilte Order des General Cöhorn vor, und machte dieselbe zugleich mit dem nämlichen Nachdruck geltend, wie ich es zuvor mit dem Commando bei Ulrichshalm gethan. Auch hier erfolgte der nämliche Widerspruch. Man berief sich auf die Verordnungen des Hauptquartiers, die vom Kaiser selbst herrühren sollten und die {186}

sämmtliche Heerführer verpflichteten, auf vier Tage Proviant zu fassen. So wie ich indeß auf die buchstäbliche Auslegung der meinigen bestand, und zugleich die feste Versicherung hingufügte: daß ich alle Mittel, die nur immer in meinen Händen lägen, aufbieten würde, um der Ausführung einer so willkührlich angeordneten und so drückenden Maßregel, die den Dienst des Kaisers selbst nicht wenig für die Zukunft gefährdete, auf das entschiedenste in den Weg zu treten: wurde auch der Herr Commandant von Osmanstedt, von Augenblick zu Augenblick in seinem Entschluß schwankender; so daß er mich zuletzt ersuchte, ihm wenigstens nur einige Kühe, nebst etwas Brot und Mehl, zur Deckung des nöthigen Mundbedürfnisses der ihm zunächst untergebnen Truppen, auf die laufenden Tage zurückzulassen; ein Vorschlag, zu dem ich mich um so williger verstand, da ich selbst, noch ungefähr 150 Pfund Brot und eben so viel Pfund Fleisch, die Ueberbleibsel jenes aufgefangenen weimarischen Transports mit mir herum führte, die mir denn auch bei dieser Gelegenheit trefflich zu statten kamen. Sie wurden von mir {187}

sogleich an die Osmanstedter Gemeinde, gegen Einhändigung eines Scheins abgetreten. Die vier befreieten Kühe aber ließ ich unverzüglich aus den Ställen heraustreiben und ihren erfreuten Eigenthümern wieder zustellen. Es war ordentlich, als ob diese armen Thiere es selbst fühlten; mit einem so frohen Gebrüll erfüllten sie das Dorf.

Nach allen diesen unruhigen Auftritten, ergab sich, wenige Stunden zuvor, ehe der Ausmarsch der Truppen, nach dem Schlachtfeld von Lützen erfolgte, welches den 30sten in der Frühe geschah, noch ein neuer Stein des Anstoßes. Die Spanier besonders, nebst ihrem Befehlshaber, wollten von der Maßregel, wenigstens auf vier Tage Brot zu fassen, schlechterdings nicht abweichen. Alle Schränke wurden aufgebrochen, die vorräthigen Brote weggenommen, die Mehlsäcke auf die Wägen gepackt, Haussuchungen veranstaltet, Männer und Frauen auf das schimpflichste gemißhandelt. So suchten die Soldaten ihren verhaltnen Ingrimm darüber, daß man ihnen die erbeuteten Kühe wieder aus dem Garn gejagt hatte {188}

von allen Seiten Luft zu machen. Dabei stießen sie Drohungen aus, die deutlich genug anzeigten, daß es dabei nicht verbleiben, sondern daß noch zuletzt eine förmliche Plünderung diese unruhigen Auftritte endigen würde. In der Gemeinde Osmanstedt wurde ich, in dem nämlichen Augenblick, zur Wiederherstellung der Ordnung, von den bedrängten Landleuten herbeigerufen, als ein armer Tagelöhner, im Angesichte seiner Frau und Kinder, von einem Spanier blutig geschlagen war. Die Händel rührten davon her, daß der Mann, der seine Brote willig hergegeben, sich thätlich widersetzte, als man ihm nun auch mit Gewalt seinen letzten Vorrath von Mehl aus dem Kasten leeren wollte. Es war die kläglichste Prozession, die ich mein Lebetag gesehen habe. Ein, in der Mitte der Seinigen, blutig geschlagener Familienvater, an der Spitze seiner Kinder, welche Soldaten, mit blankem Gewehr vor sich daher trieben, und die selbst die ihnen von Barbaren geraubten Brote, in aller Geduld tragen mußten; die verzweifelnde Mutter weinend dahinter. Selbst der Offizier fühlte das Empörende dieses Auftritt's, und gestand, daß es {189}

eine harte Maßregel sey. Da entschlüpfte mir, als er dieses sagte, der Ausdruck: „Dans ce cas, vous me faites pitié!“ In diesem Fall verdienen Sie mein Erbarmen, welches er aber über die Maßen übel nahm. Ein Wort gab dadurch das andere, und wir geriethen zuletzt in einen äußerst heftigen Wortwechsel. Er wollte nämlich diese Ausdrücke mit aller Gewalt ehrenrührig finden, und da sein Befehl: „Mesurez vos termes! “ meine Ausdrücke zu mäßigen, mich nicht vermochte, sie wieder zurückzunehmen, so tobte er, immer ausgelassener; so daß ich mich zuletzt genöthigt sah, ihm kurz und rund zu erklären: wenn er sich an seiner Ehre durch diese Worte verletzt fühlte: so möchte er nun selbst bestimmen, in welcher Art ich ihm Genugthuung verschaffen sollte; ich würde sie ihm gewiß nicht schuldig bleiben. Indem dieses zwischen uns verhandelt wurde, fiel ein neuer zündender Funke in's Pulverfaß. Der von dem Spanier gemißhandelte Bauer nämlich, der sich noch immer nicht beruhigen konnte, hatte sich, während unsers Wortwechsels, mit der Verwünschung: „Nun sehen Sie selbst, ob man nicht gegen solche Hunde sein Hausrecht brauchen und {190}

ihnen auf der Stelle die Gurgel zuschnüren soll!“ an mich gewendet. Andre umstehende Bauern von Osmanftedt, ebenfalls brave Leute, stimmten zähnknirschend in denselben Ton ein, und fragten mich, mit drohenden Gebehrden: „ob sie losschlagen sollten?“ Es hätte dazumal nur eines einzigen unbedachtsamen Wortes von meiner Seite bedurft, um das größte Unglück über dieß Dorf zu bringen. Ich faßte mich indeß augenblicklich und machte den Einwohnern bemerklich, daß wir doch nichts vermöchten, gegen die übergroße und bewaffnete Menge auszurichten. Da schrie ein verwegner Mann aus dem Haufen: „Führen Sie uns nur! Wir wollen läuten! Die andern Ortschaften werden schon zu Hülfe kommen.“ Ich sagte: Still! Das versteht ihr nicht! Habt Geduld! Die Truppen sind in Abmarsch! Was seyd ihr gebessert, wenn sie euch die Häuser über den Kopf anzünden? Ich weiß nicht, ob der Kommandant der Spanier diese Worte, oder die drohenden Mienen der Bauern und ihre funkelnden Augen verstanden hatte, genug, er befragte mich: „ob ich wohl wußte, was es heiße, die Bauern im Rücken einer franzöfischen {191}

Armee in Aufstand und Bewegung zu setzen?“ worauf ich ihm aber mit großer Kaltblütigkeit erwiederte: „Nicht ich, mein Herr, Sie sind es selbst, die Sie, durch ihre harten und grausamen Maßregeln, die Bauern dieser Gegend in Aufruhr bringen, und kaum verdienen Sie es, daß ich mir so angelegentliche Mühe gebe, das empörte Volk zu beruhigen.“ Zum Glück war unter der Umgebungen des Kommandanten Einer, der etwas Deutsch verstand und der diese meine Aussage von Wort zu Wort bestätigte. Von Stund' an zeigte man sich etwas nachgiebiger, und alle weitere Haussuchung wurde, auf hohen Befehl, eingestellt. Ein eigner, von der Gemeinde Osmanstedt abgefaßter Bericht, über diesen Vorfall, muß noch auf der hiesigen, herzogl. Polizei liegen. Alles dieses geschah Freitag früh, ungefähr um 8 Uhr. Die von Osmanstedt und andern Dörfern mitgenommenen Wagen haben die Soldaten bis auf das Schlachtfeld von Lützen begleiten müssen. Einem von diesen armen Bauern, die bei dem Geschirr waren, sind beim Aufladen der Verwundeten und Todten, wozu man sie gebrauchte, beide Beine weggeschossen {192}

worden. Andere sind, beim Auffliegen von Pulverwagen, zwar unbeschädigt davon gelaufen, haben aber ihre Pferde oder Kühe in Stich gelassen. Väter sind ausgegangen, ihre Söhne zu suchen, und erst nach vierzehn Tagen, ja drei Wochen, wieder zurückgekommen. Der Kommandant von Osmanstedt, mit den Seinigen, wird von ihnen erzählt, sey gleich Einer der ersten gewesen, der von Anfang der Schlacht und Sonntags früh in ein mörderisches Feuer gekommen sey. Auch soll er geblieben seyn und die Spanier, unter seinem Befehl, hätten sich ebenfalls an den Kanonen in Stücken hacken lassen. Wie ich, aus diesem wilden Lager, nach Haus und wieder nach Weimar zurück kam, habe ich mein erstes geliebtes Kind sterbend gefunden. {193}

Anhang

I.
Weimar, in der Woche, nach der Schlacht von Lützen.

Montag, um eilf Uhr, sind zu Mittage zu Weimar die ersten verwundeten Franzosen, aus der Schlacht bei Lützen, eingetroffen. Die Meisten von ihnen trugen, wegen ihrer erhaltenen Schußwunden, Arme und Hände im Verbande. Die mit schweren Kopfwunden Behafteten mußten, indeß in Ermangelung des Transports, auf dem großen Schauplatz des Jammers, zwischen Lützen, Naumburg und Leipzig, zurückbleiben. Von diesen Unglücklichen erhielten wir die ersten Schilderungen, der mit fast unglaublichen Umständen, bei einem gänzlichen Mangel von Reiterei, in einer unermeßlichen Ebene, von den Franzosen gewonnenen Schlacht. Sie gehörte sämmtlich zum Ney- {194}

schen Corps, das den Vortrab des Kaisers ausmachte, und bei diesem Anlaß unsäglich gelitten hatte. Souhams Heeresmacht, die sich gegen eine überlegene Reiterei und Kanonenzahl der Verbündeten, obwohl auf Anhöhen gestellt, gleich bei'm ersten Anstürzen des Feindes, nur kurze Zeit behaupten konnte, war so gut wie aufgerieben, und was von ihr versprengt in die Stadt flüchtete, erklärte sich selbst einstimmig für besiegt. Und dennoch sollte die Schlacht gewonnen seyn. Einige Mal wurde der Andrang der Verwundeten so heftig, daß man aus Vorsicht, ein Stadtthor schließen mußte, bis vorläufige Anstalten, zu ihrer weiteren Unterbringung getroffen waren. Wie es später auf den Tag kam, wollte der Trauerzug von Verstümmelten, zu Pferd und zu Wagen, vollends kein Ende nehmen. Sie lagen überall auf den Straßen umher, lehnten an die Hausthüren, besonders auf dem Markt, in der Gegend des Stadthauses und vor dem Hoffmannschen Buchladen, und aus ihren leichenblassen Gesichtern ergingen an die Vorüberwandelnden stilberedte Bittgesuche. Wer bei dieser Ge- {195}

legenheit ein echt menschliches Herz zeigte, war unser edler und muthiger Prinz Bernhard. Ich selbst habe mit ihm zusammen Hand angelegt, und Halbtodte und Sterbende von den Wägen abladen und erquicken helfen. Denn auch hier fehlte es, wie überall, nicht an müssigen Gaffern, wohl aber an barmherzigen; hülfreichen Samaritern. Wie grenzenlos das Elend von allen Seiten eindrang, kann man allein daraus abnehmen, daß die Franzosen zu einem Lazareth in Weimar nicht die geringste Anstalt gemacht. So sind denn freilich noch den dritten Tag, nachdem die Schlacht von Lützen geliefert worden, Menschen zu Weimar eingetroffen, deren offene Wunden des lindernden Verbandes entbehrten. Im Ollershausischen Gebäude, vor dem Frauenthor, wurden die zerschossenen Finger gleichsam scheffelweise abgeschnitten. Von Morgen bis zum Abend war eine ordentliche Fabrik von Feldscheerern, welcher der seelige, brave Herrgt vorstand, an diesem Ort dazu im Gange. Er und der verdienftvolle Bergrath Wahl, der mehr, als einen Orden, um die leidende Menschheit in diesen drangsalvollen Zeiten {196}

verdient hat, sind dabei besonders thätig gewesen. In den Stuben, wo diese schmerzhafte Operation um einen Tisch vorgenommen wurde, war ein Gedränge, ein Treiben, ein Stoßen und Schelten, nicht anders, als ob es irgend eine öffentliche Austheilung galt. Jeder wollte der Erste seyn, der zu dem besondern Glücke gelangte, daß ihm ein Finger abgelöst wurde, und beneidete daher jeden Andern, der ihm dabei den Vorsprung abgewann. So hatten sie zuletzt den alten braven Herrgt in eine Ecke des Zimmers zurückgedrängt, so daß ihm fast nichts, als ein kleiner beängstender Raum, worin er seine Arme nur mit Noth bewegen konnte, übrig blieb. Dieser mußte, wie ein Argus mit hundert Augen über seinen Tisch wachen, damit sie ihm nicht die Bandagen stahlen, welches sie gar zu gern thaten, damit sie sich unterwegs verbinden konnten. Ich habe gesehen, wie der selige Mann, kreuzbrav, aber von Natur etwas poltrig und jähjornig, durch diese Ungezogenheiten, die sich Einige erlaubten, aufgebracht, Schläge unter sie vertheilte, auf den Kopf, auf die Arme, wo er nur hin konnte, {197}

die sie auch ganz gelassen und mit lachendem Muthe hinnahmen, wenn sie nur im Besitze der Bandagen blieben, woran ihnen ein Großes gelegen schien.

Kläglich, selbst in der Erinnerung, ist wohl mit Recht eine Zeit zu nennen, wo das Jahr und der Tag seine Stunden nur deßhalb abzurollen schien, damit schnell eine Jammerpost die andere verdrängte. Den braven, jungen Flötenspieler Hacke, dessen einzige Lust und Treiben Musik war, und der mir selbst so manche laue Sommernachte, mit seinem angenehmen Guitarrenspiel, unter Absingen muntrer Lieder, verkürzte, traf zum größten Schmerz seiner Anverwandten und Freunde, das traurige Loos, daß er in dem Weimar ganz nahe gelegenen Lustwäldchen, das Webicht genannt, einem wilden, rauhen, starren Kerl begegnete, der ihn, auf sein gewohntes Bauerfranzösisch, anredete. Da Hacke, so wie sein Begleiter, der junge, talentvolle, hiesige Künstler Müller, dessen nicht mächtig war; also sich nicht mit ihm verständigen und seine Fragen beantworten konnte: so legte der Kerl dieß ver- {198}

muthlich für Verachtung aus. Die beiden Deutschen sprangen hinter einen Baum; der Franzose zielte; der Schuß ging los, zerschmetterte dem armen Hacke die Kniescheibe und seinem erschrockenen Gesellschafter das Fußgelenk. Man brachte den Verwundeten auf einer Bahre in's hiesige Stadthaus getragen, wo er sich fast verblutete und ohnmächtig wurde. Wenig Tage darauf ist, nachdem der kalte Brand zugeschlagen, Hacke an seiner Wunde gestorben. Sein Mörder wurde zwar zu gerichtlicher Haft gebracht und nach Erfurt abgeführt; was aber dort aus ihm geworden ist, habe ich nicht weiter erfahren können. Kurz darauf wurde einem Franzosen, an einem Sonntage, in demselben Hölzchen, eine Kugel in's Knie geschossen. Der Schuß war so gefährlich, daß der Verwundete ebenfalls, nach Weimar gebracht, wenige Stunden darauf, seinen Geist aufgab. Was man von ihm, in einzelnen, abgebrochenen Worten erfahren konnte, war, daß sein Mörder einen langen, bis auf die Knie heruntergehenden Bart gehabt. Da nun um diese Zeit noch weit und breit keine Russen in unserer Gegend zu sehen {199}

oder zu hören waren: so kam diese Erzählung einigen fabelhaft vor; Andere legten sie als ein Spiel der erhitzten kranten Einbildung des sterbenden Franzosen aus.

Möge es indessen damit, wie es nur immer wolle, sein Bewenden haben, genug, der Vorfall ist sonderbar genug. Sollte es Blutrache seyn? Diese liegt nicht im Charakter des Deutschen. So ist es denn ein Gottesgericht, und, als solches, noch merkwürdiger. Auch wurde ein junger Sergeant um diese Zeit von einem ungeübten Rekruten, vor dem Erfurter Thor, bei einer gehaltenen Waffenübung, aus Versehn vor der Fronte niedergeschossen. Das Unglück vollständig zu machen, mußten beide Landsleute, aus einem und demselben Ort, ja engverbundene Herzensfreunde seyn. Der Thäter hat im eigentlichen Verstand lauter, als das Blut des Ermordeten, den Himmel angeschrien. Er wälzte sich neben dem Entseelten, auf der blutbefleckten Erde, und bat seine Kameraden, um Gottes Willen, seinem elenden, unglücklichen Daseyn, durch einen Flintenschuß ein wohlthätiges Ende zu machen. Am mei- {200}

sten Grausen erregend aber ist die an dem alten Kirchner, zwischen der Schnecke und Isserstädt verübte, höchst grausame Mordthat. Ein Mann, den siebenzigen nah, mit silberweißem Kopf, mit zwanzig Pallaschhieben, nicht verwundet, nein, zerhauen, zermalmt, gerviertelt, wie wenn man Fleisch zur Bank hackt: so ist sein Anblick gewesen; so fand ich ihn wenige Tage darauf, als ich ihn besuchen wollte, zu Isserstädt, ausgestreckt auf einem Bret traurig daliegend; die Unvernunft aller wilden und reißenden Thiere schien auf ewig gerechtfertigt, wenn man diesen, mit zwanzig Wunden so blutig und so grausam zerstückten Leichnam des Greises ansah, dem selbst die verruchteste aller Mörderhände die Ehrwürdigkeit seiner frommen Mienen nicht völlig hatte rauben können. Gewiß, in dem Ring von entdeckten und unentdeckten Missethaten, die bald, nach der Schlacht von Lützen, den armen Bewohnern Weimar’s, das Blut in allen Adern erstarren machten, nahm die Ermordung, oder vielmehr die Niedermetzelung des armen Kirchner, billig den ersten Rang ein. Dem Thäter ist man nie auf {201}

die Spur gerathen. Freitag noch, wenige Tage zuvor, war der alte Mann zu Fuß nach Weimar gekommen und in meinem Hause gewesen. Er kam, um bei den Freunden in der Noth, ein gutes Wort für seine bedrängte Dorfgemeinde einzulegen, der es an Aussaat und Allem mangelte. Dabei erzählte er mir so manches Schaudervolle, aus den Jahrbüchern des siebenjährigen Krieges, was bei ihm noch im frischen Andenken war. Unter andern auch dieses: wie
dazumal sein Schwiegervater, durch die rohe Wuth eines österreichischen Uhlanen, in böse Händel gekommen. Dieser habe ihm nämlich seinen Degenknopf dergestalt vor den Leib gerennt, daß ein tief eingedrückter, metallner großer Knopf, wie noch jetzt die Altenburger dergleichen an dem untern Theil ihrer Bekleidungen tragen, durch sein Eindringen, ihm die edlen Eingeweide verletzt und so Schuld an seinem Tode geworden sey. Zuvor habe er indeß, als ein Mann, der von Natur eine fast riesenmäßige Stärke besessen, noch einmal, gleichsam im Abscheiden, seine Kräfte gesammelt; seinen Gegner, den Soldaten, mit ge- {202}

waltigem Arm, ergriffen, ihn zum Fenster hinaus auf den Mist geworfen, und ihn dort mit beiden Füßen zusammengetreten; sodann, nachdem er dessen Pferd aus dem Stalle gerissen, sey er davon geritten, über Berg und Thal, und so lange, bis er selbst ohnmächtig herunter gefallen, und so in einer, durch jenen tückischen Stoß bewirkten Verblutung, sein plötzliches Ende gefunden habe. Alles dieses erzählte der ehrliche Alte, neben mir sitzend und ahndete nicht, daß auch ihn, ehe die Nacht zweimal die schwarzen Tannengipfel von Isserstedt mit ihrem Schatten würde bedeckt haben, bei nächtlicher Heimkehr, auf freiem Felde, von tückischer Mörderhand, ein gleiches Greuelgeschick erwartete. Sonntag wollte ich ihn, nach genommener Abrede, besuchen, und in seinem Baumgarten einen Kaffee einnehmen, und wie ich in's Dorf komme und nach ihm frage, führt man mich zu seiner von hülflos hinterlaßnen Kindern umweinten Bahre. {203}

II.
Wiegendorf den 29. April 1813.
Aktenstück aus der dasigen Gemeinde.

Nachdem bei dem großen Bivouac, das sich, über Wiegendorf, Schwabsdorf, bis in die Umpferstedter Flur erstreckte, die Soldaten zu Wiegendorf in die Häuser gedrungen, Schweine, Federvieh, Ziegen getödtet, alles Stroh in den Scheunen verwüstet, und die Schütten in's Lager zu Hütten herausgetragen; nachdem ferner, unter dem Vorwand, Brot und Erdäpfel herbei zu hohlen, kein Schrank, keine Thür mehr sicher war; man das Holz weg trug, die Scheunen, Schafställe abdeckte, die Schweinskoven in Stücken schlug und so die Plünderung der Fruchtböden förmlich ihren Anfang nahm; also auch, daß mancher Einwohner nicht eine Schütte Stroh, nicht das Saatkorn übrig behielt, war es allein noch der Viehstand, welcher verschont blieb, indem man uns wenigstens die Kühe und Pferde gelassen hatte. Drittehalbhundert Schafe, den Zuwachs der Lämmer mit begriffen, waren von dem Hutmann dem Graben von Kapellendorf zuge- {204}

trieben worden. Hier haben nach und nach sechs dergleichen Heerden zusammen gehütet und gelegen. Unter diesen traurigen Umständen kündigte mir, dem Nachbar Adam Schiller, ein vornehmer franz. Offizier, der den Orden trug und bei mir zu Nacht geschlafen und gespeist hatte, die Schreckenspost an, daß wir nun auch das große Vieh liefern müßten. Morgen früh acht Uhr sollten und müßten wir aus unserer Gemeinde 8 Stück Ochsen herbeischaffen. Ich sagte ihm darauf, daß wir keine Ochsen hätten, und daß wir nur etwas Kühe besäßen, bat ihn zugleich nochmals, von dieser harten Forderung abzusehen. Als er aber durchaus nicht abging: so sagte ich vor ihm: wir wollten uns darnach umthun, daß sein Wille geschähe. Er sprach nun auch von allen benachbarten Dörfern je von 15 Kühen und 15 Kühen, worunter 4 Ochsen begriffen, die, bis morgen früh um acht Uhr, zur Stelle gebracht werden müßten; wir hätten uns mit den andern Gemeinden darüber zu verständigen. Dieses alles sagte er französisch zu mir; ich aber übernahm es aus dem Munde des dabei stehenden Bedienten, der den Dollmetscher machte. In {205}

solcher großen Noth und Bedrängniß ging ich, Johann Adam Schiller, zu dem Legationsrath Falk, der in dieser schrecklichen Nacht, wo das Plündern und Mißhandeln der Menschen alles in die größte Trostlosigkeit versetzte, nicht von unserer Seite gekommen und unser Schutz und Beistand gewesen war: worauf dieser sogleich von der Gemeinde ein Pferd forderte, aufsaß und sich zu dem Herrn Divisionsgeneral begab, der in Rödigsdorf lag, und bei dem er es denn auch zum größten Glück für unsere ohnedieß zu Grund gerichtete Gemeinde, dahin brachte, daß der vornehme französische Offizier von seiner Forderung völlig abstehen mußte; indem der Hr. Legationsrath eine versiegelte Order auswirkte, die zwei Compagnien zu seiner Disposition setzte; so daß er sie überall, als Patrollen, ausschicken und vor die Ställe und Häuser, wo geplündert wurde, als Schildwachen, hinstellen konnte; so wie auch im nämlichen Fall, wenn diese unglückliche Lage bei einem andern Dorfe einträte, die Compagnien, ganz, oder in einzelnen Abtheilungen laut Order, dahin auszurücken, bereit seyn sollten. Von diesem Augenblick an, hat die {206}

Plünderung in unsrem Dorfe aufgehört, und die Ruhe, wofür wir Gott aus betrübten, aber dennoch ergebenen Herzen zu danken haben, ist glücklich wieder hergestellt worden. Welches alles hiermit von mir der Wahrheit gemäß ausgesagt und an Eidesstatt bekräftigt wird.
Joh. Adam Schiller,
Gerichtsschöppe.

Von mir, aus dem Munde Adam Schillers, zu Protocoll aufgenommen.
Friedrich Gotthilf Theodor Taubeneck,
Cantor.

Daß dieses Protocoll mit der mündlichen Aussage Adams Schillers, des Gerichtsschöppen, die er in unser aller Gegenwart abgelegt, auf das genaueste übereintrifft: solches bezeugen der Wahrheit gemäß und an Eidesstatt
Joh. Jacob Bernhard Sulze,
Amtsschultheiß.
Joh. Caspar Henne.
Joh. Christoph Kötschau.
Joh. Friedrich Romstedt,
Sob. Ernst Töpper. {207}

III.
Oßmanstedt den 30. April, Freytag frühe um 5 Uhr.
Aktenstück, aus der dortigen Gemeinde.

Zwei hundert und zwei und funfzig Pfund Brot, ferner ein Viertel von einer Kuh, sind von mir, zur Losbringung von vier Kühen, worunter eine hochträchtige war, die bereits seit gestern sämmtlich in franzosischen Besitz gerathen waren und von den Soldaten bewacht wurden, zum Besten der Gemeinde Osmanstedt, verwendet worden.

Den richtigen Empfang und die durch den Herrn Legationsrath Falk bei den französischen Autoritäten bewirkte Auslieferung der vier gelieferten Kühe, bezeuget hiermit auf sein Gewissen
J. C. Marschall,
Cantor und Gem. Schreiber, in
Abwesenheit des Richters.
Johann Christoph Ködütz. {208}

IV.
Mündliche Aussage des Adam Zimmer, aus Rohrbach, von dem, was er in der Schlacht bei Lützen mit eignen Augen gesehen hat.

Mich Adam Zimmer, aus Rohrbach, der ich zu Weimar im Hause des Herrn Kaufmann Schulze bin, und daselbst mit dem Geschirr und den Pferden umgehe, haben die Franzosen, bis über Leipzig und Dresden mitgenommen. Ich bin vier ganzer Wochen abwesend gewesent, und Alles zu Hause hat die Pferde und mich bereits für verloren geachtet; ich bin aber, durch Gottes Hülfe und meine Standhaftigkeit, endlich doch wieder gekommen, und nun will ich treulich erzählen, was sich, besonders in der Schlacht bei Lützen, unter meinen Augen zugetragen hat. Die eigentliche Schlacht nahm erst des Morgens um zehn Uhr ihren Anfang; das Scharmuzieren, von beiden Seiten ging etwas früher an. Der Reiterei der Preußen stand gar sehr im Wege, daß auf der Ebene von Lützen sich so viele Zäune {209}

befinden. Sie wurde dadurch in ihrem Lauf verhindert, und konnte sich wenigstens nicht überall nach Gefallen entwickeln [Der schmückende Sinn des Sachsen, der diese von so vielen, jetzt absichtlich verkannte eben so kunstreiche, als geistvolle herrliche Nation, als eine ihrer ersten Eigenthümlichkeiten bezeichnet, liebt es unter andern auch ganz besonders, seine Feldstücke gartenmaßig einzufassen, Fruchtbäume in der Mitte von Kornfeldern zu pflanzen, und überall, wo es nur irgend angeht, lebendige Hecken und Befriedigungen anzubringen. Jedem Fremden, der durch Sachsen reist, pflegt dieß gewiß auf das Angenehmste aufzufallen, weil eben dadurch dieß Land, an unzähligen Orten, völlig einem Garten gleicht.]. Die Pferde stürzten häufig, wenn sie im vollen Gallop daher sprengten, indeß den französischen Plänklern gerade umgekehrt dieser Umstand ausnehmend zu gut kam, weil sie jede bepflanzte Anhöhe, jeden Zaun für einen Wall nahmen und sich, mit großem Geschick, dahinter aufstellten. Bald gingen mehrere Dörfer in Flammen auf; der Rauch umzog den Himmel; der Qualm von Pulver machte aus Tag Nacht; nichts sah prächtiger aus, als die langen Dornenhecken, die von {210}

den Haubitzen angesteckt, prasselnd herunterbrannten. Man mußte stundenlang reiten, um einen Brunnen zu finden, der nicht schmutzig und leimig war, um daraus zu kochen, oder die Pferde zu tränken. Die Bäche flossen, vom Blute gefärbt, oder, lagen voll Todten. Um diese Zeit drückte mir der General, den ich mit meinen Pferden führte, einen Laubthaler in die Hand, mit dem Auftrag: ich sollte ihm dafür nur ein kleines Stücklein Brot schaffen, und wenn es nur handgroß wäre, aber alle meine angewandte Mühe, meinem damaligen Herrn in diesem Stück zu willfahren, ist vergeblich gewesen: denn Schmahlhans war überall Küchenmeister. Zu Anfange befanden wir uns bei den Todtenkarren des Regiment's, oder der sogenannten Ambulance. Jezuweilen hieß es „zurück!“ und so oft dieser Befehl kam, war die Verwirrung ungemein groß. Da hatte man seine Beine genug in Acht zu nehmen, damit sie Einem dieselben nicht abquetschten, weil immer ein Wagen den andern vorbeifahren und sich retten wollte. Die Militärs gebehrdeten sich das bei nicht anders, als ob sie besessen wären, {211}

wenn es irgendwo im Zuge stockte. Man sah sie mit den blank gezogenen Säbeln auf die Pferde zuschlagen. Niemanden von ihnen ging es schnell genug rückwärts. Die Kugeln pfiffen uns bald um die Köpfe, bald wieder hinter uns im Rücken. Zuweilen, wenn die Retirade unter Bäumen hinweg ging, wurden die Wägen, über und über, mit heruntergefallenen, abgeschossenen Zweigen bedeckt. Mitten in diesem schrecklichen Kriegstumult änderte sich zuweilen das Glück; alsbald hieß es, „wir sollten Halt machen.“ Einige gehorchten und standen; Andere trauten wieder dem Landfrieden nicht, und machten in einem Striche vorwärts. Wenn die Kugeln so um mich herum pfiffen, war es mir freilich in meinem Innern nicht allzuwohl zu Muthe. Ich dachte beständig: nun mußt du deine arme Seele Gott befehlen, das ist dein Letztes! aber am Ende kam es doch anders, wie ich mir vorgestellt. Die Wagen, die Proviant für die Armee führten, mußten ihn jetzt, über Hals über Kopf, ausladen, wobei sodann eine Feldwache zurückblieb; sie selbst erhielten die Bestimmung, die Halbtodten, oder Verwundeten {212}

vom Schlachtfeld hinter die Fronte zu fahren. Auf den Ebenen von Lützen saßen die Preußen in großem und namhaften Vortheil; General Souham mußte ihnen gleich zum Frühstück ein schweres Fersegeld bezahlen; aber gegen Leipzig zu wurde die Schlacht anders entschieden. Die weit vorgerückten preußischen Corps mußten nun wieder zurück; die Nacht, wo sie aufbrachen, zogen sie noch zuvor ihre eigenen Todten aus; auch nahmen sie ihre Verwundeten in Wägen mit sich fort; beides in der größten und musterhaftesten Ordnung. Den folgenden Tag sollte ich mit meinem Herrn über das Schlachtfeld fahren; die Pferde brausten auf jeden Schritt vor den Todten; an manchen Flecken lag es berghoch da; die Militärs aber, die in den Wagen saßen, wußten sich auch hier wieder zu helfen; sie zogen die Scheiden von ihren Degenklingen herunter, und schlugen so lange und so tapfer auf die armen Thiere zu, bis ihr Brausen sich legte und sie vorwärts gingen. Unser Wagen holperte rechts und links, über die Leichname daher, nicht anders, als wären es Steinhaufen, oder wie wenn eins über einen alten Knüppel- {213}

damm hinwegfahren müßte. Weil die Troßbuben im Ausziehen sich so besonders geschäftig erzeigten: so lag der größte Theil von beiderseitigen Todten schon völlig entkleidet da. Man konnte rechts und links fahren, wohin man wollte, und gewiß seyn, daß man deren überall welche antraf. Zugleich hatte man die Bauern, aus der ganzen Gegend von Lützen beordert, um tiefe Erdlöcher zu graben. Die Gemeinen wurden sämmtlich mit der Uniform in dieselben hineingeworfen; meistentheils erschienen ihre Kleidungsstücke auch dermaßen von Blute durchnäßt, daß kein großer Gewinn von deren Zurückbehaltung zu hoffen war; mit den Offizieren machte man etwas mehr Umstände. Mich fror es jedesmal an allen Haaren, auf meinem Kopf, wenn ich neben einen solchen aufgelockerten Begräbnißplatz hinwegfahren musste, weil nicht selten die zu leicht eingescharrten Hände und Füße der Todten wieder heraussprangen, welches besonders im Zwielicht, oder in der Dämmerung, recht schauerlich war. Das ist eine treue Erzählung dessen, was ich, Adam Zimmer aus Rohrbach, mit eignen Augen, auf dem Schlachtfeld zu Lützen, gesehen und gehört {214}

habe, und so will ich denn derselben hiermit für dießmal ein Ende machen.

V.
Seherblicke in Deutschlands Zukunft, aus dem zu Weimar, vor der Schlacht bei Jena, herausgekommenen Journal Elysium und Tartarus buchstäblich abgedruckt.

Luther, Mittwoch den 27. August im Jahr 1806.

Es ist immer ein gutes Zeichen der alten, tapfern, nordisch-deutschen Vorzeit, daß dieselbe noch einmal, ehe sie völlig zusammenfällt, sich an einer so kolossalen Figur, wie Luther, aufzurichten versucht, sollte auch unser Aller Schwachheit – wovor Gott sey – nach dieser letzten Anstrengung, durch einen plötzlichen Rückfall, zu einer liebenswürdigen Nichtswürdigkeit, dieser eigentlichen Muse und Schutzgöttin des 18. Jahrhunderts, nur um so doppelter zum {215}

Vorschein kommen. Die alten Burgen der Herren und Ritter sind leider eingefallen; nur ihre Geister stehen noch finster und zürnend auf den Zinnen, und schauen mit drohenden Augen auf uns, ihre entarteten Enkel im Thal, die wir ruhig da sitzen, uns Gespensterhistörchen von ihnen erzählen, Ritterromane von ihren Thaten dichten, und es gleichgültig mit ansehn, oder vielmehr, nach völlig verrosteter Kraft, ansehen müssen, daß die neuen Ritter aus Süden, wie Bienenschwärme, hervorbrechen, im Sturm das Land durchfahren, und Trophäen über Trophäen, auf deutschem Boden vor unsern Augen errichten. Zwar jetzt eben sind wir ein wenig aufgewacht, und besinnen uns auf Eins und das Andere, und wie man uns immer und fast seit einem halben Jahrhundert gesagt, daß die neuere Aufklärung nichts tauge und kein gutes Ende nehmen würde. Und so haben wir denn, im Gefühl dessen, was uns Noth thut, neulich mit Doctor Luther, in der Angst unsers Herzens, ein lautes:
„Eine feste Burg ist unser Gott“
sogar auf dem Theater anstimmt. Lieben Freun- {216}

de, was lächelt Ihr? Hier giebt es in der Welt nichts weder zu lächeln noch zu lachen, und die Sache wird sich wohl ernsthafter, als so untersuchen lassen. –
Art und Größe der neueren Zeit, wie ihre Tyrannei und Schmach, zeigt sich besonders in zwei Formen, wovon Pfaff‘ und Ritter die beiden Wendepunkte sind. Pfaff‘ und Ritter haben Europa wechselseitig seufzen und jauchzen gemacht. Lessing sagt daher, in seinem Nathan dem Weisen, ganz recht:

„Wer weiß es nicht, daß Ritter
Und Pfaff des Teufels beide Krallen sind:
Er wirft uns bald aus einer in die andere.“

In der Reformation nun ging der Pfaff in Norden unter, und der Süden, Spanien, Frankreich u. s. w. stand dagegen, aber vergeblich, in Opposition auf. Jetzt, in der französischen Revolution, geht der Ritter in Süden unter, und der Norden, Preußen, Rußland, England, Schweden, das einst, unter Gustav Adolph, auf deutschem Grund und Boden, für eine neue Form focht, steht ebenfalls dagegen, und auch vergeblich in Opposition auf. Was soll uns nun {217}

Martin Luther, in einem so ungleichen Streit? Wie die Sachen beschaffen sind, gibt es nur ein Mittel, von dessen schleunigster Anwendung Deutschland Heil und Rettung erwarten darf: dieß ist: mit Aufgebung des bisherigen Schlendrians, der neuen Zeit, und den neuern Formen selbst, herzhaft einen Schritt entgegen zu treten: so z. B. nur für's erste, in unsern Armeen jenen höchstschädlichen Wald von ritterlichen Stamm-Bäumen, diesen wahrhaften Nachtschatten des bürgerlichen Verdienstes, ein wenig zu lichten; nicht aber, wie bisher, sein einziges Augenmerk darauf zu richten, aus allen vertrockneten Aesten alter Familien, Stöcke für Rücken von bürgerlicher Abkunft zu verfertigen. Dies ist und bleibt eine ewig empörende Maßregel, die, wenn wir noch länger darauf verharren, uns Allen den Untergang bringen wird [Anmerk. 1813. erst wurden diese Worte, nach ihrem ganzen Umfang, von den Nationen verstanden.] {218}

Sollte Martin Luther wieder kommen, glaubt nur, er würde der Erste seyn, uns über diesen Punkt die Augen zu öffnen; Er, dem Pfaffendruck und Ritterdruck für Eins und Dasselbe galt. Hat der Luther des Herrn Werner und Klingemann, mit eigentlicher und klarer Durchschauung der Zeitgebrechen dieß wirklich gethan: so wollen wir diesen Autoren für ihre patriotischen Bemühungen Dank wissen. Ist aber das Ganze, nun mit Lessings Nathan fortzureden, weiter nichts:

„Als eine theatral'sche Schnurre bloß, womit man uns zum Besten haben will: so möchť ich wohl die Herrn damit, von dem Theater weg, in's Buch verwiesen haben, wo dergleichen Pro und Contra sich weit schicklicher behandeln lassen.“ {219}

VI.
Ein Wort an meine nordisch-deutschen Mitbürger.
Bei Gelegenheit von Palms Hinrichtung.

Elysium und Tartarus.
Weimar. Sonntag den 14. September 1806, vier Wochen vor der Schlacht bei Jena.

Ein Wort, und vielleicht eins der letzten Worte, meine lieben deutschen Mitbürger. Denn leider erleben wir jetzt Zeiten in Europa, wo das Wort für ein Schwert gilt, und die Wahrheit des Sprüchworts: „Wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen.“ Ja es scheint beinah, als ob diejenigen, welche jetzt so rasch und blutig mit dem Schwert gegen das Wort aus der Scheide sind: so etwas zu befürchten haben. Wenn ich hier vom Wort spreche: so verstehe ich darunter nicht das Wort des ersten besten Schwätzers vom Kaffeehause, wie es z. B. in manchen Flugblättern gegen Bonaparte jetzt an der Tagesordnung ist, sondern das ernste, bedachte, heilige, zweck- und gluth- {220}

volle Wort des deutschen Patrioten, das aus der innigsten, tiefen, glaubensfestesten Ueberzeugung einer bewegten Seele stammt und hervorquilt, mit einem Wort, Luthers Wort, Gottes Wort. O ihr edlen deutschen wenigen Männer, die ihr noch sprechen könnt, und sprechen wollt, wo es frommt, wo ein Gott es gebietet vor den Thronen und im Volke, solltet ihr feige werden und erbleichen vor Furcht, und schweigen und sagen, wie Weiber, jetzt, da Gefahren, Tod und Gefängniß Euch im Rücken und Antlitz bedrohen? Nein, im Heil und Glück eurer braven, edlen und großherzigen Nation, deren Wohlfahrt und Bildung jetzt, mehr als je, für Jahrhunderte, ja für Jahrtausende auf dem Spiele steht, müßt ihr die elenden Rücksichten eines kleinen selbstigen, bürgerlichen Ich's vergessen Iernen: so nur werden eure Worte, eure Thaten, eure Thränen, eure Kinder, eure Enkel, wie jene der Edeln Sem- {221}

pachs, ein heiliges und großes Vermächtniß für die späteste Nachwelt seyn.

Dich schließt der Feind von allen Seiten ein,
Es blinken Schwerter; Freunde höhern Muth;
Im Rücken habt ihr Eltern, Weiber, Kinder,
Und diese treibt ein hohles Wort des Herrschers,
Nicht ihr Gemüth; so schützt denn eure Güter,
Und euer Liebstes zu erretten, fallt –
Fallt freudig, wie ich Euch ein Beispiel gebe!“

VII.
Von deutscher Landmiliz, oder über ein's, was uns Noth thut.

Elysium und Tartarus.
Weimar den 14. Sept. 1806.

In einem Kriege, von Nation zu Nation, ist eine Landmiliz (Landsturm), das rechte Rüsthaus, woraus man dem Feinde große, ja unerschöpfliche Streitkräfte entgegenstellen kann. Es ist Thorheit, wo nicht Raserei, einem Feind, {222}

der als Nation ficht, d. h. fünf bis sechs Linien hintereinander in seinem Rücken, zum freiwilligen Aufgebote, stehen hat, die eine, sey es auch noch so tapfere, doch endlich überwindliche Linie von stehenden Truppen, entgegen zu stellen? Denn was heißt das anders, als sein ganzes Vermögen auf eine Karte setzen? Man sollte doch endlich, so wie Oesterreich jetzt, aber freilich zu spät, hinter die Maßregel kommen, wodurch unsere Feinde so stark sind, wodurch Frankreich in den letzten Jahren so groß und Deutschland dagegen so klein wurde, und wenigstens im Norden jetzt noch mit Vernunft ihre Anwendung versuchen. Soll nämlich Krieg von Nation zu Nation mit Nachdruck geführt werden, so muß die ganze Nation daran Theil nehmen können und wollen: können, durch Einrichtung einer freien Landmiliz (Landsturm's); wollen durch freie Eröffnung der Bahn des Ruhms und der Ehre, oder durch Einführung eines freien und allgemeinen Beförderungssystems. Wo Na- {223}

tionen unter den Waffen stehen, pflegt der Feind sich immer mit besonderer Hochachtung den Grenzen zu nahn: sehet auf Hessen, England, Schweden: alle Nationen, alle Könige und Potentaten von Europa, die nicht aufhören wollen, sich, anstatt von Gottes Gnaden, in Zukunft von Napoleon's und Frankreichs Gnaden zu schreiben, müssen dieß Beispiel nachahmen; ist es aber verloren an ihnen: so werden auch sie verloren seyn; denn die eiserne Zeit ist da, wo Europa Alles von seinen Bürgern und dem guten Eisen, das sie führen, und nichts, gar nichts von Traktaten und dem Schneckengang und Pfiffen diplomatischer Verhandlungen erwarten muß [So bestimmt, so klar und gediegen sprach sich die öffentliche Meinung, durch ihre Wortführer, noch einen Monat vor der Schlacht zu Jena aus. Die sogenannte praktische Weisheit der Kabinette verhörte diese Stimme, sprach voll mitleidigem Achselzucken von Stubengelehrten u. s. w. Möchten wir jetzt wenigstens klüger geworden seyn, und von allen fernern Versuchen gegen die gesunde Vernunft des Volk's, d. h. gegen die öffentliche Meinung zu sündigen, ablassen!]. {224}

Landmiliz: kein Korps von Alten – um Gotteswillen auch kein Aufschub denn wir haben es mit einem neuen Alexander, mit einem feurigen und kühnen Jüngling zu thun, bei dem Beschluß und Ausführung eins ist: gleiches Feuer und gleiche Kühnheit muß gegen ihn in die Schranken treten, oder wir sind vernichtet, noch ehe einmal der Kampf anfängt. Kurz Deutschlands Bürger müssen aufhören Spießbürger zu seyn, d. h. den Spieß wirklich führen lernen, und selbst den Philistern unter ihnen, die noch immer zu einer solchen Maßregel den Kopf schütteln, muß man gelegentlich bekannt machen, daß es auf der Welt kein anderes Mittel gibt, die Füchse mit brennenden Schwänzen, die Frankreichs Simson in ihr Korn schickt, von ihren Markungen entfernt zu halten. Zum Kampf selbst sind sie lange nicht mehr tüchtig genug. Dazu steckt ihr Kopf viel zu sehr voll alter und verrosteter Vorurtheile; ja man mag es wohl {225}

sagen, nach dem Willen Gottes, und nach dem Gang des Ganzen, soll die jetzige Weltverjüngung von Europa, von der muthigen und freudigen jungen Mannschaft des Bürgerstandes anfangen, und wie in Frankreich, so überall, ein Werk der Jünglinge reyn. Alles steht auf dem Spiele, noch einmal schleunige Errichtung einer kernhaften jungen Landmiliz und freie Beförderung in den Armeen! Wenn irgend noch eine Rettung Deutschlands, und mit ihm von ganz Europa, möglich ist, so wird, so muß sie, zwischen diese zwei Polen, mächtig und göttliches Glanzes, hervorgehn. Die Nationalkraft ist wach, der Nationalgeist, durch so viele schuldlos erlittene Demüthigungen, bis zur höchsten Begeisterung, aufgeregt; übe man nun auch, von Seiten der Regierungen – denn der Moment ist da – und das schnell die Kunst, eine Ehrfurcht gebietende Stellung der Nationen hervorzubringen, ein Schöpferwort zu sprechen, das die ganze Nation zu ihrem allgemeinen Besten auslegen darf. Muthige Sprecher im Volk werden sodann, zu Hunderten, ja zu Tausenden, auf den Märkten, Kanzeln und in öffentlichen Volksversammlungen, {226}

ihre unerkauften Stimmen für eine Sache erheben, die nur, aus einer bloßen Sache der Fürsten, eine heilige und große Nationalangelegenheit geworden ist. Plötzlich wird die bisherige Kirchhofsstille Deutschlands aufhören; selbst todte Herzen werden wieder schlagen und aus ihrer Asche auferstehn, und die schöne Flamme des Patriotismus überall auf das herrlichste emporlodern. Nur dieß System, ihr Deutschen, nicht aber das bisher angenommene unbeholfner Bündnisse, ist die Maßregel, die euch, selbst jetzt noch von euerm Untergange retten kann. Denn was ihr auch dafür und dawider sagen möget, so ist und bleibt es doch ein höchst unnatürlicher Zustand, daß eine große und kräftig gebildete Nation sich ihre Vertheidiger vom Don und den Uralischen Gebirgen kommen läßt, während die eignen Männer, aus ihrer Mitte, ruhig da sitzen, die Hände in den Schooß legen, oder höchstens Anstalt machen, die Thaten aufzuzeichnen, die Bürger andrer und entfernter Himmelsstriche für sie ausüben sollen.

„Wer nicht für Freiheit sterben kann,
Der ist der Peitsche werth; {227}

Ihn peitsche Pfaff und Edelmann
An seinem eignen Heerd.“
Bürger.

VIII.
Der nordische Bund.
An Friedrich Wilhelm den III.

Mittwoch den 17. Sept. 1806.

So händigt denn zu allen seinen Thoren
Die Schlüssel das besiegte Deutschland ein?
Soll aufgelöst das Reich? Soll Regensburg verloren?
Soll Deutschlands Oberhaupt ein fremder Kaiser seyn?
Nein! nein! Und ob ihm zitternd All' erbleichen,
Wir wollen nicht! In Norden wohnt ein frei Geschlecht,
Wie Eisen fest, und stark, wie seine alten Eichen,
Wir wollen nicht, sucht euch in Süden euern Knecht, {228}

Ihr stolzen Feinde, die ihr spielend unsre Vesten
Vielleicht, ein zweites Ulm, auch zu erobern denkt,
Kommt, kommt und schaut, wie sich aus Hütten und Pallästen,
Ein zahllos Volk beherzt auf Wall und Brustwehr drängt!
Heil uns! Noch schläft er nicht der alte Geist der Brennen,
Noch sind wir unsrer Väter werth!
Für jeden, der es wagt, uns zu verkennen,
Liegt noch die Antwort hier, im blankgezückten Schwert.

Dem reichsten Gutsherrn, den geringsten Pfännern
Empört die Seele noch Gedank' an fremdes Joch,
Beherrscher einer Nation von Männern,
Sieh, alle stehn wir hier für Einen noch!
Und zög' ein Kriegsheer noch so auserlesen,
Im Waffenklang daher, mit Reisigen und Mann:
Es rückt heran – und ist gewesen –
Ja eh'r entlockt den Mond ihr seiner Bahn, {229}

Als einen Fußbreit mehr dem vaterländ'schen Boden
Der theu'r erkauftes Blutes Spur enthält;
Noch einmal weht dann der Begeisterung Oden
Und jeglicher Gemeine wird ein Held.

Ja, sing' es laut, begeisternder Gedanke,
Du darfst es froh der Nachwelt prophezeihn,
Mit Friedrich Wilhelm stürzt des Vorurtheiles Schranke
Die echte Edelthat wird Adel auch verleihn.
Wo frey eröffnet Bahn dem Heldengeiste,
Wo hemmt kein Pergament den Thatenlauf,
Da nur, da singen Gleime, fechten Kleiste,
Und Seidlitze und Ziethen steigen auf. –

Auch zieht voran dem festgeschloßnen Heldenheere
Ein finstrer Geist, doch nur den Feinden fürchterlich; {230}

Im nächtlich steigenden Gemurmel, höre
Ich laut, und immer lauter „Friederich!“

Ha Schreckenslosung, hoher Name treffe
Den stolzen Feind, sey unser Feldpanier,
Und du des Hohen, Großen, edler Neffe,
Führ Uns, wohin du willst, wir folgen Dir!

So viel nur Söhn' uralten Heldenruhmes,
Fritz, dein Befehl aus unsrer Mitt‘ erkohr,
Wir stehn, die Stützen deines Königthumes,
Wir halten dich, wir heben dich empor!

Es eilt herbei der löwenherz'ge Märker,
Der alte Preuß, im Kampf so felsenfest,
Der Pommer, welcher stark und immer stärker,
Dich, seinen Vater, nur im Tod verläßt.

Ihm folgt das tapfre Heer der Bundsgenossen
Der Heß, der feige nie durch Flucht dem Feind entrann;
Der Sachs, dem Glauben treu, für den sein Blut geflossen,
Von Luthers Kraft beseelt, ein kühner deutscher Mann. {231}

Auch weckt wohl der Begeist'rung heilig Feuer
In mir Euch einen neuen Grenadier,
Ich fechte muthvoll dir zur Seite, dein Getreuer,
Und theile Tod, Gefahr und Schlacht mit dir!

Und sollte so, wie Gustav einst bei Lützen
Ein schöner Heldentod auch dir beschieden seyn;
Dann wil ich sinkend deine Leiche stützen,
Dir weinend setzen einen heil'gen Stein.

Und fort mich reißen, wild in's Schlachtgetümmel – theilen
Die Feindeshaufen, wo's kein Schwert versucht,
Und kämpfen, sinken, fallen und ereilen
Dich, schöne Heldenseele, auf der Flucht. {232}

IX.
Gespräch, im Reich der Todten, zwischen Keith, Schwerin, Winterfeld, Ziethen und Friedrich dem Großen.

Mittwoch den 21. Sept. 1806.

Neulich begegneten Keith, Schwerin, Winterfeld, Ziethen und Friedrich der Große einander, auf einer Allee in Elysium.

„Friedrich, was würdest du wohl thun? hub der alte Ziethen an, wenn du jetzt wieder auf die Oberwelt zurückkehren solltest?“ „Vor allen Dingen, mein lieber Ziethen, gab ihm der König zur Antwort, würde ich Frankreich mit seinen eigenen Waffen zu bekriegen suchen.“ „Die Dinge haben sich freilich, in den 10 bis 15 Jahren, daß die Franzosen oben waren, verzweifelt geändert“ – nahm hier der Alte und bedächtige Schwerin das Wort. So sind g. B. aus Frankreichs Königen – Kaiser, aus seinen Gemeinen – Offiziere, aus seinen Offizieren – Generäle, und aus seinen Generälen – Herzöge, Fürsten und Marschälle geworden.“ {233}

Friedrich.
Folglich muß man mit dem Zeitalter Schritt halten! –

Ziethen.
– Marsch! Vorwärts!

Winterfeld.
Sollte das nur in Deutschland praktikabel seyn?

Friedrich.
Pah, Pah! Alles ist dort praktikabel, wenn man es nur recht anfängt.

Schwerin.
Für meine Pommern sag' ich gut!

Friedrich.
Zuvörderst also, und da wir auf dem Punkt sind, mit den stehenden Armeen, gegen eine ganze Nation, nichts Entscheidendes mehr ausrichten zu können: so müßten wir den Versuch machen, zur Anfeuerung des Patriotismus, bei dem Landmann und Bürger, durch Aufhebung gehässiger Privilegien, Vorrechte, Begünstigungen des Adels u. s. w. die ganze Nation auf unsere Seite zu ziehn.

Winterfeld.
Aber die Folgen, die Folgen!

Friedrich.
Daran sind wir. Also die erste Folge. Ich würde die Franzosen, mit einer kräftigen, aus dem Kern deutscher Bürgerschaft und Landleute kernhaft zusammengesetzten, und nun, da es ihr eignes Heil gilt, auch patrio- {234}

tisch entflammten Armee angreifen, sie in einer tüchtigen Bataille zu schlagen, und von dem deutschen Boden, worauf sie nichts zu schaffen haben, zu vertreiben suchen.

Ziethen.
Wo? Wie? Wann? Fritz? Befiehl! Soll ich meine Husaren reiten lassen?

Friedrich.
Zweite Folge. Man würde mich, und zwar mit einigem Recht, sodann den Befreier von ganz Deutschland nennen.

Winterfeld.
Die dritte Folge seh' ich schon von weiten.

Friedrich.
Auch würde ich sie selbst herbei führen! Ich würde mich nämlich – und das ohne Umstände – noch auf dem Champ de Bataille zum Kaiser von Deutschland erklären und mir selbst die Krone auf mein Haupt setzen.

Ziethen.
Bravo, bravissimo, Ihro Kaiserliche Majestät! Und wenn's so kömmt – oder Gott vergib mir die Sünde – man müßte ein Schuft seyn, sonst könnte in der Welt Niemand etwas dawider einzuwenden haben!

Friedrich.
Die letzte Folge brächte es denn so mit sich, daß ich auch an Belohnungen für meine brave Armee denken müßte. Nun käme {235}

es also darauf an, zu versuchen, ob meine Gemeinen, vom Feldwebel abwärts, es sich auch etwa wollten gefallen lassen, so wie in Frankreich, aus Gemeinen – Offiziere, aus Offizieren – Generäle, und aus Generälen – Fürsten, Herzöge, Großherzoge, oder sonst etwas Gutes, zu werden? Ich würde deßhalb bei meinem lieben Keith, bei meinem braven Schwerin, bei meimem tapfern Winterfeld zuerst anfragen. Auf den Fall der Genehmigung, habe ich denn die Ehre, auch ihm, mein lieber Ziethen, als Großherzog, hiermit förmlich mein Kompliment abzustatten. Hier lachte der König ein wenig und rückte dazu, wie er pflegte, an seinem Hut.
„Danke, danke, Ihro Kaiserliche Majestät" rief Ziethen, dem die Freude aus den Augen funkelte, und strich dabei, einmal über das andere, seinen Knebelbart. Major v. Kleist, der nicht weit davon stand, lachte ebenfalls. Der König aber, der es gewahr wurde, fuhr hastig fort: „Auch ihn, mein lieber Kleist, den ich in meinem Leben so oft vergessen habe, werde ich dießmal wahrhaftig nicht vergessen. Er soll mir allerwenigstens General, und das mit 7 bis 8000 {236}

Thalern Tafelgeldern werden – damit er allen armen Teufeln von deutschen Poeten, denen auch, bei meinen Lebzeiten, so wenig von meiner Gunst zufloß, täglich an seinem Tische etwas Angenehmes erzeigen kann.“ Kleist verneigte sich mit einem tiefen und bescheidenen Bückling und sagte: „Ew. Majestät sehen selbst im Scherz weiter als Andere jetzo im Ernst. Allerdings ist der Weg, den Sie gezeichnet, der Weg des echten Genies, und der sicherste, wo nicht der einzige, dem Deutschland, in seiner jetzigen Krisis seine Rettung verdanken kann; aber wer wird ihn einschlagen?