1806 No. 13.
Elysium.
Zeitung für Poesie, Kunst und neuere Zeitgeschichte
Mittwoch, den 12. Februar.
Zeitgeschichte
oder
kleine Europäische Gazette
The Times. Pitts Tod und Charakter.
Der Hintritt dieses großen und durch seine Talente einzig seltenen Staatsmannes, erfolgte in der Nacht vom 23. Januar, Morgens früh um halb 4 Uhr. Die Aerzte, weil ihnen und der Familie dieses so
nöthig schien, hatten ihm seinen Tod 24 Stunden voraus gesagt; eine Nachricht, die, obgleich sie ihm völlig unerwartet kam, er dennoch mit aller der Gelassenheit und Charakterstärke ertrug, die
man von ihm in seinem ganzen Leben gewohnt war. Vorher hatte er noch eine lange Unterredung mit dem Bischof v. Lincoln, seinem ehemaligen Lehrer und Freund, bei der aber kein Mensch zugegen war,
und den er, wie Einige wollen, zum Depositor seines letzten Willens für seine Familie, nach Andern, für ganz Europa machte. Pitts Testament, in der Krisis, wo jetzt so viele Staaten Europa sind,
wo Neapel, selbst noch in diesem Augenblick die Sterbeglocke läuten hört, wer sollte nicht auf dessen weitern Inhalt höchst neugierig seyn!
Wenn übrigens The Times hinzusetzt: „für den englischen Nationalruhm sey es zu wünschen gewesen, daß diese Sonne eben so breit und leuchtend bei ihrem Untergang, als wie bei ihrem Aufgang
geschienen hätte:" so gestehen wir gern, daß dieser Zusatz für uns Deutsche rein keinen Sinn hat. – Es ist wahr: Europa litt vielfältig, unter den Plänen dieses Riesengeistes: als Mensch wurde er
daher oft bitter getadelt: aber als Engländer wird und muß ihm die Nachwelt die höchste Bewunderung zollen. Daß Nelson eine Seeschlacht bei Trafalgar erfocht, daß die Herren von der Opposition
bequem auf ihren Wollsäcken dasitzen und gegen ihn opponiren können; ja vielleicht selbst, daß noch ein Platz in England da ist, wo das Parlament zusammen kömmt, und seine Berathschlagungen hält
– ist sein Werk. Man wird dieß zugeben, sobald man an die stürmischen Zeiten gedenkt, zwischen denen, wie auf einem Meer umher getrieben, dieser Pilot das Steuerruder seines Staats; mit
energischer Hand ergriff, und mitten durch Klippen und Strudel hindurch lenkte. Geboren zu unruhigen Zeiten, mit großen Zwecken, vor einem kleinen Geschlecht, daß sie ausführen sollte, Alles
bestechend, selbst unbestochen, ein Mann von strengen Maximen, der keinen höhern Genuß kannte, als sie zu behaupten und für sie zu sterben: so erscheint uns Pitt, und dafür wird ihn die Nachwelt
erkennen. Sein Karthago mag in dem Kampf, mit einem neuen und größeren Hannibal, fallen oder siegen: fest wie der Fels von Albion, steht sein Ruhm: – der Sieger und Retter desselben, wo nicht –
der letzte Engländer gewesen zu seyn. {50}
Weimar, im Industrie: Comptoir 1805. Leben und Kunst in Paris, seit Napoleon dem Ersten. Von Gelmina von Hastfer, geb. v. Klenk.
Erster Theil.
Niemand wird diese interessanten Schilderungen aus der jetzigen Pariser Welt, seit Napoleons Geist dort eine neue Ordnung der Dinge schuf, ohne Vergnügen lesen. Die Theilnahme, womit die
geistreiche, zartempfindende Verfasserin alles umfaßt, was Gefühl und Kunst anspricht, theilt sich bald auch dem Leser mit, und ihre anmuthige, beseelte Darstellungsgabe weiß auch solchen
Gegenständen, die der gewöhnlichen Beschreibung widerstreben, wie schöne Naturgegenden und Gemälde, einen Grad lebendiger Anschaulichkeit zu geben, der die Phantasie des Lesers angenehm
beschäftigt. Und wenn man denn auch findet, daß das wohlwollende, harmonischgestimmte Gemüth der Vfn. die Gegenstände verschönert zurückstralt, und ihren Gemälden einen magischen Reiz gibt, der
der Wirklichkeit mangelt, wer wollte sich nicht gern mit ihr der frohen Hoffnung überlassen, daß die neue Sonne, welche nach einer verheerenden Schreckensnacht über dem Horizonte jenes Landes
aufgegangen ist, und das Chaos neu gestaltet hat, auch für die beiden Leuchten der Menschheit, für Wissenschaft und Kunst, ein neues besseres Leben heraufführen werde. In der That ist dort, bei
manchem, was diesen Erwartungen zu widersprechen scheint, doch auch schon vieles geschehen, was zu solchen Hoffnungen berechtigt; und man wird dafür auch in diesem Buche nicht unbedeutende Belege
finden. Die Verfasserin kam gerade nach Paris, als die neue Ordnung der Dinge daselbst begonnen hatte, und war seitdem fortdauernd Augenzeugin von allem, was dort indessen Großes und Merkwürdiges
geschah. Sie hat sich darüber in der lesenswerthen Einleitung erklärt, und wenn man diese gelesen hat, wird man auch die günstige Stimmung der Vfn. für den Schöpfer dieser neuen Ordnung und alles
des Guten, was daraus bereits für die Gesellschaft erfolgt ist, um so weniger mißbilligen, je schwerer es ist, in der Nähe großer Menschen gegen die Wirkungen ihrer Größe gleichgültig zu bleiben,
da schon der bloße Glanz des Thrones und der Hoheit, auch ohne jene fähig ist, den lebhaftesten Enthusiasmus zu erregen.
Die Beschreibungen der kaiserlichen Schlösser Malmaison, Villiers, klein Trianon und St. Cloud, so wie die Schilderungen zweier interessanter Frauen, der Madd. Recamier und Fr. Beauharnois, der
Tante der Kaiserin, sind sehr anziehend, und wir gestehen, daß wir hier zum erstenmal das Porträt der schon so oft dem Publikum zur Schau aufgestellten Mad. Recamier, von dem zarten weiblichen
Pinsel der Vfn. mit Vergnügen gesehen haben. In den Sommerabenden auf dem Lande überläßt sich Fr. v. Hastfer ihrem Hange zur sentimentalen Idyllenmalerei, die ihr auch recht wohl gelang; doch
haben diese Scenen eine zu subjektive Beziehung, als daß sie der Bestimmung, die der Titel dieses Buches angibt, angemessen wären. Noch mehr gilt dieses von den Klagen der Maria Stuart, den
eingeschalteten Gedichten und Sonetten, und von dem Abschnitte über die Mythologie der Indianer; alle diese Aufsätze sind an sich artig und interessant, besonders wird niemand das Lied der Maria
und die Stelle aus dem Brantome, über diese unglückliche Königin, ohne Rührung lesen; aber zur Schilderung des Lebens und der Kunst in Paris gehören sie nicht. Zweckmäßiger dagegen sind die
Nachrichten von der Kunstausstellung des Jahres 1804, wo die Vfn. Gelegenheit hat ihre Gabe anschaulicher Schilderung, und ihr Kunstgefühl auf eine vortheilhafte Art zu äußern; ferner die
Nachrichten von der Imperial- (warum nicht kaiserlichen?) Bibliothek, und besonders von der Bibliothek der Handschriften, die sich zu Anfange der Revolution bereits auf 35,000 Bände belief, und
seitdem durch die Siege der Franzosen aus Belgien und Italien noch durch 16,000 ist vermehrt worden. Von den Orientalischen Manuscripten sind die merkwürdigsten angezeigt; die Gallischen, vom
6ten bis zum 16. Jahrhundert, enthalten einen Schatz von vortrefflichen Miniaturmalereien, die für die Anfänge und früheren Fortschritte der neueren Kunst interessant sind. In einer Geschichte
der Könige von Frankreich, bis zu Franz I. aus dem 16. Jahrhundert, zeigt der Vf., daß die Franzosen von den Deutschen abstammen, und sagt: „der Tugend gebührt die Ehre, und es sind die
Deutschen von Anfang an berühmt, wegen der Reinheit und Vortrefflichkeit ihrer Sitten sowohl, als wegen ihrer Tapferkeit und herrlichen Siege, vor allen andern Nationen, und es würde dem noch
also seyn, wenn sie vereinigt, und unter sich eins wären, so daß den Franzosen eine größere Ehre geschieht, von denen, die ihren Ursprung von diesem großen Volke herleiten, als von den andern,
die da sagen, sie stammen von den Trojanern her" u. s. w. – Besonders interessant sind auch die Nachrichten von den Kunstkabinetten in Privathäusern, nämlich des Luzian Bonaparte, des Baron von
Horn, des Herrn Collot und des Herrn Sommariva, die in dem folgenden Theile noch fortgesetzt werden sollen; auch gibt die Vfn. eine Beschreibung von des Rubens Galerie im Palast Luxemburg,
desgleichen von den Gemälden {51}
des Lesueur und Vernet, die dort aufbewahrt werden. Der letzte Aufsatz handelt über das Museum Napoleon und die vorzüglichsten Gemälde in demselben, besonders von den Werken des Gerhard Dow, des
Ostade, Rembrand, Rubens, van Dyk, den Brunghels und andern. Von unserm Dürer besitzt das Museum wenig und kein vorzügliches Werk, dagegen mehrere vortreffliche Porträts von Holbein. Von N.
Poussin sind 21 Gemälde dort. Die Vfn. theilt ganz die große Achtung, welche Poussin jetzt bei seinen Landsleuten genießt; so sehr wir aber gleichfalls den Poussin und Lesueur schätzen, so
möchten wir doch mit der Vfn. nicht zu behaupten wagen, daß diese beiden Künstler allein der französischen Schule einen Rang neben der italienischen (der rafaelischen) verschaffen könnten. Noch
weniger sind wir der Meinung eines Kunstrichters, welcher seine Anzeige von diesem Werke der Fr. v. H. mit folgender Phrase beginnt: „Seitdem Paris das ehemalige Griechenland und Italien in
Hinsicht auf Kunst geworden ist" u. s. w. – Wohl aber können wir allen gebildeten und geistvollen Lesern, so wie denen, welche vor dem Neuen graut, dieß Werk zur angenehmen und lehrreichen
Unterhaltung empfehlen.
Probe der auf dem Weimarischen Theater aufgeführten Bearbeitung des Othello, von Shakespear
Akt IV. Scene 3.
Emilie.
Wie gehts nun? er scheint milder als zuvor.
Desdemona.
Er sagt, er kehr‘ im Augenblick zurück,
Und gab mir den Befehl, zu Bett' zu gehn.
Und hieß mich, dich entlassen.
Emilie.
Mich entlassen!
Desdem.
So sagt‘ er mir; drum meine gute Emilie,
Gib mir mein Nachtgewand, und lebe wohl:
Wir müssen jetzt ihn nicht erzürnen.
Emilie.
Ich wollt‘ ihr hättet nimmer ihn gesehn!
Desdem.
So wollt' ich nicht, ich lieb' ihn so von Herzen,
Daß selbst sein Trotz, sein Zorn, sein Stirnerunzeln –
Ich bitt dich, steck mich los – anmuthig scheinen
Emilie.
Ich hab die Tücher auf das Bett gelegt,
Die Ihr befohlen.
Desdem.
Es ist alles eins. –
Du guter Himmel, wie man albern ist!
Sterb' ich vor dir, ich bitt dich, hülle mich
In eins von diesen Tüchern.
Emilie.
Kommt, ihr schwazt.
Desdem.
Meine Mutter hatt' ne Magd – hieß Barbara;
Sie liebte; und ihr Liebster wurde närrisch,
Und ging davon. Sie hatt' ein Lied von Weide,
Ein altes Ding, doch ganz für ihren Zustand;
Sie sang's, und starb damit, das Lied will mir
Heut Nacht nicht aus dem Sinn: ich hab' zu thun,
Daß ich nicht auch den Kopf so häng' und singe,
Wie's arme Bärbchen. Bitt' dich, mach geschwind.
Emilie.
Soll ich Eu'r Nachtkleid holen?
Desdem.
Nein, steck' mich hier nur los. –
Der Lodovika ist ein art'ger Mann..
Emilie.
Ein hübscher Mann.
Desdem.
Er weiß zu sprechen..
Emilie.
Ich kenn' eine Dame in Venedig, die barfuß nach dem gelobten Lande gewandert wäre, bloß um einen Druck von seiner Unterlippe
Desdemona singt:
Arm Mägdlein saß singend am Feigenbaum früh,
Singt alle grüne Weide;
Die Hand auf dem Busch, das Haupt auf dem Knie,
Singt Weide, Weide, Weide.
Frisch rauschte das Bächlein, und murmelt ihr Ach
Singt alle grüne Weide;
Heiß stürzte die Thräne, die Felsen wohl brach,
Singt Weide, Weide, Weide.
Ich bitt' dich, mach' schnell, er kommt sogleich. –
Singt all, ein grün' Weide mein Kränzlein soll seyn.
O tadel' ihn keiner, er ist mir so recht – Nein, das folgt noch nicht – Horch! wer klopfte da!
Emilie.
Es ist der Wind.
Desdemona singt:
Ich sagte, du Falscher; was sagt er da mir.
Singt Weide, grüne Weide,
Mir gefallen die Mägdlein, die Bübelein dir.
So nun geh fort: gut' Nacht, Meine Augen jücken. Bedeutet das Weinen?
Akt V. Scene 2.
Schlafzimmer. Desdemona schläft, ein Licht brennt neben ihr
Othello kömmt.
Die That gebeut, die That gebeut, mein Herz; –
Laßt mich sie euch nicht nennen, keusche Sterne! – {52}
Die That gebeut. – Doch nicht ihr Blut mag ich vergießen, Noch ritzen ihre Haut, so weiß als Schnee,
Und sanft, wie eines Denkmals Alabaster.
(Er legt sein Schwerdt weg.)
Doch sterben muß sie, sonst verräth sie andre.
Thu aus das Licht! – und dann? – thu aus das Licht.
Lösch ich dich aus, du flammenheller Diener,
So kann ich dir dein erstes Licht ersetzen,
Sollt ichs bereu'n: – doch dein Licht ausgethan,
Du schönstes Bild der Meisterin Natur,
Wo wäre wohl Prometheus Glut, die dir's
Von Neuem weckte? – Pflück ich deine Rose,
Ich kann ihr nie den Lebenswuchs erneun,
Sie muß, muß welken. – Ich will vom Stamm sie kosten. –
(Er küßt sie.)
O süßer Duft, der die Gerechtigkeit
Fast zwingt, ihr Schwerdt zu brechen! – Jetzt noch einmal. –
Sei, wenn du todt bist, so, dann tödt' ich dich,
Und liebe dich nachher. – Noch einmal und zum letzten!
So süß war nie so traurig. Ich muß weinen,
Doch sinds grausame Thränen. Dieser Schmerz
Ist Himmelszorn; er züchtigt, wo er liebt. –
Sie wacht. –
––––––––
Miscellen.
Lebensträume. – An Schelling.
Der Menschheit Gepräg und Siegel und Schrift,
Erleuchtet dem Thier nicht die Stirne:
Papyrus die Muschel, sie segelt und schifft;
Doch vollbringt sie es, sonder Gehirne.
Wer träumt die Seelen verhärtendem Stein,
Wer träumt sie der Blum' und dem Baume,
Wer träumt sie der Luft und dem Vögelein ein,
In dem lebenbevölkerten Raume?
Wer druckt in den hüpfenden Punkt von dem Ey
Sein ewig beherrschendes Siegel?
Wer baut, mit der schnatternden Kehle Geschrey,
Dem Kraniche Ruder und Flügel?
Ein Gott, was im Weltenlauf wogt und was kreist,
Und grunzt doch verdrüßlich in Schweinen?
O herrlich, o bildend, o ewiger Geist,
Geleite die Reinen zum Reinen!
––––––––
Runen. – Altdeutsch.
Um Eine,
Da sitzt's am Leichensteine:
Um Zweie,
Da sind's schon ihrer Dreie:
Um Viere,
Da tritt's aus der Kirchenthüre:
Um Fünfe,
Da trägt's schon Schuh und Strümpfe
Um Sechse,
Behüth dich Gott, schön Gewächse!
Um Sieben,
Da fischt's gern im Trüben:
Um Achte,
Da kuppelt's schon mit Bedachte:
Um Neune,
Da füttert's eben die Schweine:
Um Zehne,
Da verliert's Haar und Zähne:
Um Elfe,
Da hört's schreyen Locks Wölfe:
Um Zwölfe,
Da kriecht's wieder in's alte Gewölbe
Und ruft: vor mir Tag und hinter mir Nacht!
Und das alte Runenwerk ist vollbracht.
Note. Lock der Böse. Der große Wolf, den er füttert, verschlingt, vom Untergang der Welt noch nicht gesättigt, auch zuletzt den strahlenden Mond. (Siehe die Voluspa oder die nordische Sybille.)
Runen. Todtensprüche, Zauberlieder, auf deren Machtruf die Geister aus dem leicht aufgeritzten Boden hervorstürmen. (Siehe das 3 St. d. alten Edda.)
––––––––
Die lustige Nonne aus Preßburg. Unter diesem Titel rouliert im südlichen Deutschland ein Volkslied, dessen lustigen Geist zu bezeichnen, bloß einige Strophen werden hinlänglich seyn:
„Hinter'm Baun, im grünen Gras,
Sing‘ I mein Gratias:
Hinter'm Zaun im Grünen hier
Beth' I mein Klosterbrevier.
"Nannerl, was hast gethan?
Hast ein klein Kind und kein Mann!" –
Ei, was frag' I darnach,
Sing I die ganze Nacht,
Heiderbubheiderl, mein Bue,
Es gibt mir kein Mensch was dazu;
Heiderbubheiderl, mein Kind,
Zieh I, durch Regen und Wind,
Mit dir zum Prior nach Spaa,
Und komm' I zurück – hab I zwo."
––––––––
Notiz. In der Allgem. Jen. Literaturzeitung steht eine vortreffliche Anzeige, von A. v. Arnims Knaben Wunderhorn. Ein stiller und bedachtsamer Ton, ein Wesen, ein Geist, der die verschiedenen
Stimmungen dieser Lieder liebend in sich aufnimmt, gleichsam an sich selbst durch versucht, und sodann in ein Paar freundlichen Akkorden wieder anklingen läßt.
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