Der Neue
Teutsche Merkur
von Jahre 1795

Herausgegeben
von
C. M. Wieland

Dritter Band

Weimar 1795

{205}

VIII.
Die Wissenschaften
Ein Probestück aus einem größeren Gedichte,
betitelt:
Die heiligen Gräber [Dieses Gedicht erscheint instehende Michaelismesse in der Sommerschen Buchhandlung. Ein zweytes Bruchstück unter dem Titel der Hahn, findet sich in des Herrn Rektor Fischers Teutscher Monatsschrift im September dieses Jahres.]

1.
Sagt mir doch, was eure Wissenschaften
Je der Menschheit frommten? Was verschafften
Sie Euch selbst für bleibenden Gewinn?

2.
Ihr nennt jede Stadt nach Läng' und Breite. –
Gut! Wem frommts, ihr hochgelehrten Leute?
Setzt, ein Regen macht die Wege schlimm!
Und der Postknecht setzt an eine Pfütze
Just mich ab: was Guguck ist's mir nütze,
Im wie vielsten Grad der Breit' ich schwimm‘?

3.
Wenn im Arme von Cirkasserinnen
Wir in sanfter Wollust Gluth zerrinnen,
Sagt, was kümmert uns das Alterthum? {206}

Laßt uns diese sanftgeblähten Sfären!
Ihr – ihr könnt nach Marmorbusen stören
In dem Schutt von Herkulaneum.

4.
Ist euch an Heraldik was gelegen?
O die lernt ihr – an den Kutschenschlägen,
Bey dem Eingang in das Opernhaus.
Von Fysik begreift in wenig Grunden
Ihr das Nöthige von euren H … n
Oder Kammerzofen, so für‘s Haus.

5.
Sich mit Theorie den Kopf zerbrechen,
Wozu das? Von Wind und Regen sprechen
Hört am Kaffeetisch ihr g‘nug und satt.
Wie bequem! Ihr faßt in Einer Stunde
Diese Theorie. Von Kräuterkunde
Wißt ihr g‘nug – geräth euch der Salat.

6.
Doch die Sternenkunde, sollt ich meinen –
Ey! was Sterne, Herr! Die Sterne scheinen
In der Nacht bloß, und dann schlafen wir.
Was schiert mich die Welt, sammt ihren Polen!
Sollt' ich mir Katarrh und Schnupfen hohlen
An dem Fernrohr? — danke schön dafür!

7.
Und zum Haarabschneiden, Aderlassen
Die Gelegenheit nicht zu verpassen,
Dafür giebt's ja einen Almanach!
Irgendwo, entfernt vom Erdenvolke,
Sieht ein Weiser Wind und Regenwolke
Schon ein Jahr von seinem Dach. {207}

8.
Will ich die zwölf Himmelszeichen wissen,
Sammt den Mond- und Sonnenfinsternissen,
Nun, so schlag' ich den Kalender auf.
Da steht alles — ja, und was das Beste,
Man erhält noch die Geburtstagsfeste
Aller Prinzen gratis in den Kauf.

9.
Sucht von Metaphysik das zu fassen,
Was die Gottheit den Pythagorassen,
Platon offenbart und Epiktet;
Was durch Abstrakzion in allen Landen
Große Köpfe wussten und verstanden:
„Dass der Mensch nichts weiss und nichts versteht.“

10.
Linien, Tangenten, Rhombus, Sinus,
Algebra, und all‘ ihr Plus und Minus!
Schafft kein Brod zu Tische, habt ihr keins.
Laßt die Quadraturen und Quadranten!
Legt sonach euch auf die angewandten
Theile bloß, id est – aufs Ein mal Eins.

11.
Persische Geschichte braucht ihr wenig. —
Daß Histaspis einst zum Perserkönig
Durch sein Pferd ward, gilt uns einerley.
Dankt er’s einer Stute? einem Hengste?
Was schiert‘s uns? und welche Hand die längste
Vom Longimanus gewesen sey. {208}

12.
Gleichfalls zwecklos sind beym Unterrichte
Politik und neue Reichsgeschichte.
Denn auch hier hilft Klugheit wieder aus.
Diese lernt ein Jüngling von Talenten
Leicht aus Ispahans Korrespondenten,
Und die Politik im Kaffeehaus.

13.
Wie die Nase Cäsar sich zu schneutzen,
Pflegte, mag die Wissbegierde reitzen,
Ob es links, wie, oder rechts geschah?
Aber Jahr und Monat, Stund und Datum,
Wann's geschah, ob ante Christum natum,
Oder post? Das sind Allotria.

14.
Was schiert‘s uns, sind dort in jener Pläne
Die gefundenen Knochen Backenzähne
Die ein Engel auf der Wahlstatt ließ,
Oder nicht? und wie viel Thurmgeländer
Fertig standen, als in alle Länder
Gott die babylon‘schen Maurer stieß?

15.
Lernt man Sprachen nur, um sie zu sprechen,
Wozu todte Sprachen? Was zerbrechen
Wir den Kopf mit Griechisch und Latein?
Wie viel Sprachen, glaubt ihr, sprach wohl Abel?
Die Filologie entstand in Babel;
Kann sie Allah wohlgefällig seyn? {209}

16.
Von den schönen Künsten muss vor allen
Dir das erste Loos, о Kochkunst, fallen;
Du bleibst aller Künste Königin!
Wollen unsre Damen, wie sie pflegen,
Nebenher auf Mahlerkunst sich legen,
In den Morgenstunden — immerhin!

17.
Fugen? — Possen! — Walzer und Angläsen,
Gelt, ihr Herrn, das ist ein ander Wesen!
Hohl der Guckuk Crübram’s [Einer der größten Theoretiker der Musik in seinem Jahrhundert. – Er starb, und kein Journal, keine gelehrte Zeitung gedachte des Verlustes, den die schönen Künste in diesem Mann erlitten, auch nur mit Einer Sylbe.] Grübeleyn!
All sein re, mi, fa, sol, und la, si!
Nein, da lob' ich mir den Walzer! Quasi
Fährt euch da der Takt in beyde Bein'.

18.
Und Gedichte vollends und Poeten,
Was sind die der Republik vonnöthen!
Sklaverey ist jedes Sylbenmaß.
Ein Gedicht dient bloß auf Brautgelagen,
Um Bonbon und Naschwerk drein zu schlagen,
Und nachher — ihr wisst wohl selbst zu was.

19.
Policey und Policeyanstalten,
Freye Perser, damit laßt's beym Alten, {210}
 
Was Verläumdung und der Neid auch schrey'n!
Steckt Laternen an, wann Sterne funkeln;
Löscht sie aus, und brecht den Hals im Dunkeln,
Steht nur im Kalender Mondenschein.

20.
Liebe Herren, wollt ihr ja was bessern;
Sucht die Narrenhäuser zu vergrössern!
Diese sind in Persien zu klein.
Dafür sind beynah in allen Staaten
Tempel und Moscheen zu groß gerathen,
Kommen gleich die Todten mit hinein.

21.
Tretet einen Meulud, zum Exempel,
Oder andern Festtag in den Tempel –
Alles leer; ihr seht die Beter kaum.
Aber in den Stuben, auf den Gassen
Wißt ihr euch vor Narren nicht zu lassen.
Woher kommt's? Den Narren fehlts an Raum.

22.
Von der Pfleg' in euern Narrenhäusern [Die Morgenländer betrachten Wahnsinnige als geheiligte Personen.]
Sag ich nichts. Bey Fürsten und bey Kaisern
Seyd ihr drob berühmt in aller Welt.
Brüderlich versorgt ihr jeden Thoren;
Wer in Persien den Verstand verloren,
Fährt weit besser, als der ihn – behält. {211}

23.
Dieß ist auch in andern Ländern Mode,
Wie man sagt. Kann seyn! — Wird die Synode
Der Tollhäusler gar zu gross für euch:
Laßt sie loß, und macht's, wie jener Kaiser,
Sperrt die Klugen bloß in Narrenhäuser!
Doch wir kommen ab. — Wo blieb ich gleich?

24.
Von dег Sünd' empfangen und gebohren
Sind die Medizin und die Doktoren,
Sammt und sonders, so viel Pillen drehn;
Diese Herrn, die freyer Athem ziehen,
Weil uns — Luft fehlt, und von Kapwein glühen,
Weil uns — Durst und Appetit vergehn.

25.
Hilft uns die Natur, und wir genesen, –
Wer ist's sonst als wie der Arzt gewesen?
Sterben wir — stumm ist der Erebus.
Kaum und kaum nur machen die Imane
So viel Bastard', als die Scharlatane
Jährlich Waisen. — Jetzt ein Wort vom Ius!

26.
Stiehlt ein Dieb, was brauchts da eine Fuhre
Von Pandekten erst, ob ihr ihn jure,
Aufgehängt? wozu Glossen und Latein?
Die Gerechtigkeit, in Stein gehauen,
Ist bloß vor dem Rathhaus noch zu schauen!
An der Thür, und darf nur selten ‘nein. {212}

27.
Nach dem ewigen Naturgesetze
Hascht die Schwalb‘ im fliegenvollen Netze
Spinnen – selbst bedroht vom Feuerrohr.
Dieser Pelz, der jetzt den Fürsten wärmet,
Wärmte einst Bären, und ihr, ihr lärmet,
Zieht der Bär das Fell euch über's Ohr.

28.
„Ja, meint ihr, und schüttelt eure Köpfe:
Wir sind doch unsterbliche Geschöpfe,
Und bestehn aus Seel' und Leib."— Ihr Herrn,
Dieser Vorzug bleibt Euch unverwehret;
Denn ist euer Leib nur wohlgenähret,
O er läßt die Seel' euch herzlich gern.

29.
Sagt, was giebt's da viel zu processiren?
Statt auf Zweyen, geht der Bär auf Vieren;
Statt Vernunft, gab ihm Natur Instinkt;
Seinen Pelz verdankt ihr der Diane;
Euer Fleisch verdankt Er seinem Zahne
Und unläugbar jure, wie mich dünkt.

30.
Kurz, Gewalt, das ist die große Feder .
In der Weltuhr! Der Gewalt folgt jeder.
Je nachdem mit Kraft man angethan,
Schießt man selber – oder wird geschossen;
Sitzt im Wagen – oder zieht Karossen;
Heißt ein Bettler – oder Tartar-Kan.

J. D. Falk