Dr. Martin Luther
und
die Reformation
in Volksliedern
von
Johannes Falk.
Zum Besten der eignen Waisen des seligen
Vaters armer Kinder.
Im Luthershofe zu Weimar, im Martinsstifte zu Erfurt
und bei K. H. Reclam in Leipzig.
1830.
Gedruckt bey Meyer und Böhm.
Vorwort.
Endlich erscheinen diese, am großen Reformations-Feste 1817 gesungenen, Volkslieder sehr gemehret und verbessert, noch vor dem dritten Jubeltage des Glaubens-Bekenntnisses zu Augsburg: aber nicht
mehr zur Fortführung der Anstalt, für welche der begeisterte Sänger des Evangeliums alles dahin gab; sondern zur Erziehung seiner drey eignen Waisen, welchen ebendarum der selige Pater von so
vielen andern Kindern nur wenig hinterlassen hat. Jene ist jetzt zu einer öffentlichen Anstalt umgewandelt, und auch aus dem, von ihr selbst erbaueten, Hause weg in einen andern Boden verpflanzet
worden; diese sind wohl in dem leeren Luthershofe geblieben, aber ohne weitere Unterstützung gelassen. – Mögen daher alle die verwandten Seelen, an welche der scheidende Vater seine letzte Bitte
gerichtet hat, nun dessen eignen Waisen ihre Liebe mit zuwenden, und schon aus diesem besondern Grunde die Verbreitung der Lutherslieder angelegentlichst betreiben!.
Aber auch ihr allgemeiner Zweck, den er selbst in jener Bitte aus dem Grabe empfohlen hat, finde überall den verdienten Beyfall, zum eignen Segen derer, die ihn schenken! Auch der gemeinste Mann
im Volke und jedes kleine Kind {IV[
auf dem Dorfe müsse reden und singen lernen von dem Schweiße und Blute seiner Helden Gottes, Luther und Melanchthon, Gustav Adolph und Bernhard; und ein allgemeiner Jubel und eine heilige
Begeisterung über die erkämpften Güter des Himmels und der Erde müsse flammen wieder und schallen von Berg und Thal, und die zwey- und dreyhundertjährigen Siegestage von Augsburg und Lützen
feyern und heiligen! Auf den Flügeln dieser Hoffnung hat sich der Geist des seligen Sängers erhoben über alle Schmerzen, von welchen die Kraft seines Leibes verzehret wurde, und in den letzten
Tagen seines irdischen Kampfes noch die Lieder von der unüberwindlichen Flotte zu seiner eignen Stärkung gedichtet.
Den Weltenhymnus, das schönste Bekenntniss seines eignen, in Liebe thätigen, Glaubens, hatte er schon 1820 dem Herausgeber zur heiligen Weihnachtsfreude mitgebracht, als er mit ihm das erste
Jahresfest der, nach dem Vorbilde in Weimar hier errichteten, Anstalt für die arme Jugend feyerte. In dieser Anstalt, welche gleich nachher, im Jubeljahre von Luthers Glaubenssiege zu Worms,
neben dessen Zelle in das ehemalige Augustiner-Kloster aufgenommen, und nach ihm und seinem Vorstreiter, dem Bischof von Tours, das Martinstift genannt ist, steht nun die gehoffte Wirkung einer
poetischen Volksgeschichte schon zehen Jahre lang lebendig da; durch solche Lieder lernen die Kinder in den alten Mauern auch die alte Zeit anschauen, und den alten Glau- {V}
ben ergreifen, der alle Herzen und alle Seiten neu macht, und ewig sie jung erhält.
Um so mehr fühlt sich der Herausgeber gedrungen, im Jubeljahre des Glaubens-Bekenntnisses von Augsburg alles dafür zu thun, daß der große Segen einer lebendigen Erkenntniss dieses
welthistorischen Kampfes recht weit in der deutsch-evangelischen Christenheit verbreitet werde. Er hat daher von den Volksliedern zehen tausend Abdrücke in drey verschiedenen Ausgaben machen
lassen, und den Preis von jeder so gestellt, daß ihr Ankauf von Reichen und Armen geschehen, und doch aus dem um so größeren Absatze auch den Waisen im Luthershofe noch ein baarer Gewinn kommen
kann. Die Singweisen sind alle in zweyfacher Aussetzung angehängt, daß sie überall leicht und gut können gesungen werden; von Luthers Handschrift und Siegel sind treue Gleichnisse nachgemacht,
und zu den, von einem Zöglinge gezeichneten, Abbildungen noch andere Erinnerungen an ihn gewählet, und in einem besondern Anhange beschrieben, welche auch dem Büchlein manchen Liebhaber zuführen
mögen.
Es kostet:
A. Auf Velinpapiere, 8 ¼ Bogen Tert u. 1 ½ Bogen Noten mit 7 Abbildungen und 1 Handschrift in einen farbigen Umschlag geheftet, 20 Sgr.
B. Auf weißem Drucpapiere ebenso 15 Sgr.
C. Auf gewöhnlichem Druckpapiere nur 6 5/2 Bogen Text, ohne Noten, Abbildungen, Handschrift und Umschlag 5 Sgr. {VI}
Da die wohlfeilste Ausgabe für gewöhnliche Volksschulen hinreicht, wenn nur der Lehrer wenigstens einen Abdruck mit Abbildungen und Noten besitzt: so soll ein solcher B zu 18 Abdrücken C frey
beygelegt werden. Sonst erhalten gefällige Sammler von jeder Ausgabe den zehnten Abdruck in allen Buchhandlungen frey, und bey größern Bestellungen, die aber unmittelbar in Weimar, Erfurt oder
Leipzig gemacht werden müssen, noch einen besondern Nachlass, da auch die Güte des Herrn Buchhändler Reclam keinen eignen Gewinn von der Versendung haben, sondern nur das Beste der ihm theuern
Waisen befördern will. Aus den Königlich Preußischen Landen können alle Briefe in besondern Umschlägen eingesandt werden, unter der postfreyen Aufschrift:
An das Martinsstift zu Erfurt.
Er aber, von dessen Namen die Evangelischen das gute Bekenntniss zu Augsburg abgeleget haben, der helfe auch durch das Reden und Singen dieser Lieder, daß bis zu dem Siegestage von Lützen der
Glaube, welcher die Welt überwunden hat, neu schon erweckt werde in allen Schulen, und die wahre Kraft des Volkes verjünge zum ewigen Leben! Ihm, dem Sohne Gottes, sey Ehre von nun an bis in
Ewigkeit! Amen.
Erfurt, den 25. Ostermond 1830.
Karl Reinthaler,
Vorsteher des Martinsstiftes. {VII}
Letzte Bitte des Johannes Falk
an seine Freunde
um Verbreitung des Volksbüchleins
Dr. Martin Luther
und
die Reformation.
Zwey Tage vor seinem seligen Ende geschrieben.
Als ich noch zu Weimar da unten im Luthersgässchen lebte, und die Nebel des alten Ettersberges oft sauer genug an mir vorüberzogen, hat es meine Freude eben nicht besonders vermehrt, sondern mich
sehr schmerzlich berührt, wenn ich sah, daß so viele meiner evangelischen Glaubensgenossen, Künstler, Philosophen, Dichter, Geschichtschreiber, heimlich oder öffentlich, in den {VIII}
Schooß der katholischen Mutterkirche wieder zurückkehrten. Es wurde zuletzt Mode, und stand zu befürchten, daß das gedankenlose Volk massenweise solchem Beyspiel nachfolgen, und die Religion der
Väter, wie einen alten abgetragenen Rock, für Kerzen, Bilderchen, Lichter und solche Spielereyen hinwerfen würde, da sogar die Nachkommen uralter Fürstenfamilien, wie Gotha heimlich, und
Anhalt-Köthen öffentlich, ihre Denkart über einen so wichtigen Punkt an den Tag zu legen, kein Bedenken trugen. Christus sagt: „So aber das Salz dumm wird, womit soll man salzen?“ Darauf war es
denn auch eigentlich abgesehen, als man von Rom aus sich solcher gelehrten Vorfechter, wie Stollberg, Genz, Adam Müller, Schlegel, Haller, Novalis, nach einem feinen und wohlangelegten Plane, zu
bemächtigen wusste. Welche Geringschätzung, welche tiefe Herabwürdigung jener blutigen Aufopferung, welche die frommen Vorfahren dreyßig Jahre hinter einander dem Reformationswerke darbrachten,
setzt ein so leichtsinniger Schritt bei jenen Männern voraus?
Ein edler, hochherziger, gebildeter Mensch {IX}
gehört nicht bloß sich, er gehört auch dem Volke, aus dem er hervorsteigt, und das seit Jahrhunderten auf ihn und auf die Edlen seines Stammes, sey er Gelehrter, Adlicher oder Weltweiser, so wie
auf das höhere Beyspiel, das ihnen von dorther gegeben wird, mit großer Aufmerksamkeit die Augen gerichtet hat – und nun ein so plötzliches in den Staub treten eines so köstlichen Kleinods, das
mit Blut, Thränen und Seufzern erkauft wurde, und das man Jahrhunderte lang nicht sorgsam genug gegen die Angriffe von List und Gewalt zu bewahren glaubte! — Ich muß hier schweigen; aber ihr
einfachen Steine am Grabe des frommen Gustav Adolph zu Lützen, redet ihr statt meiner fort!
Dieß, brachte mich auf den Einfall, dem Volke diese Empfindung, die in mir so heilig glühte, einzusingen und einzubeten, damit sie ein Stück seiner Seele würden, und von der Glut, die aus solchen
echt praktischen Anschauungen leise herausströmt, das ganze todte historische Fachwerk der Schulen, womit man beym Volke keinen Hund unter dem Ofen hervorlockt, verbrannt und zu Asche würde.
{X}
Gott gebe daß recht viele feurige, junge Seelen auf diesem von mir eingeschlagenen Wege fortfahren! Denn ein Volk mit einer großen Geschichte, das sich derselben nur im Schlafe bewusst ist, und
wie ein Kind Maul und Nase aufsperrt, wenn man ihm die Großthaten seiner Vorfahren erzählt, von denen es bloß Namen, Schlachten und Jahrzahlen im Kopfe hat, ist kein Volk, sondern ein todtes
Gespenst und eine ausgetrocknete Mumie.
Ich hoffe und bete zu Gott, daß auch diese Idee nach meinem Tode nicht aussterben, sondern in den Bergen und Thälern meines Vaterlandes fortbrennen und leuchten soll!
Und somit, Ihr edlen Freunde, gehabt Euch wohl, und nehmt einen leisen Zuruf aus der andern Welt von
Johannes Falk.
Weimar, den 12. Hornung 1826.
I. Dr. Martin Luthers Geburt, Taufe und Erziehung.
Nach: O sanctissima.,,
O du fröhliche,
O du selige,
Gnadenbringende Martinszeit!
Bahn war verloren;
Licht ist geboren:
Freue, freue dich Christenheit!
1. Lied.
Wie Luther zu Eisleben das Licht der Welt erblickt, und vom heiligen Martinus seinen Namen erhalten hat.
Tausend vier hundert drei und achtzig Jahr,
Als unser Heiland geboren war,
Da in der Christenheit man zählt,
Kam Doctor Martin auf die Welt;
Herr Martin Luther, hochgelahrt,
Dessgleichen nie erfunden ward!
Zu Eisleben, wo Bergleut‘ schön
In tiefen Schacht hinunter gehn,
Und fördern edles Erz zu Tag,
Mit ihrem fleiß'gen Hammerschlag, {2}
Hat Gott es weislich so geschickt,
Daß er das Licht der Welt erblickt.
Zur Mutter hat ihm Gott beschert
Frau Margarethen, ehrenwerth;
Zum Vater aber Herrn Johann,
Ein ehrlich, alt und frommb Bergmann,
Der ihn gar streng, nach Brauch der Alten,
Zu Kirch' und Schulen angehalten.
Den Namen Martin, den er trägt,
Hat ihm ein Heil'ger beygelegt,
Weil grad' auf den St. Martinstag
Das Kindlein in dem Taufstein lag.
Nun fragt ihr: wer St. Martin war?
Die Mäyr ist alt und wunderbar:
Ein fromm und ehrbar Rittersmann,
Dazu ein Bischof; höret an!
Als Julian im Abendland
Dem Reich des Herrn noch widerstand,
Einem Reiter aus Pannonia,
Mit Namen Martin, dieß geschah.
Er kam, in Sturm und Schnee einst mitten,
Zu einem Ort hineingeritten:
Da flehť alsbald ein armer Mann
Um eine kleine Gab' ihn an.
Der Mann war elend, nackt und bloß,
Der Wind ging auf die Haut ihm los:
Herr Martin hätt‘ ihm für sein Leben
Gern Koller, Rock und Wamms gegeben.
Allein ihr wisst wohl, ein Soldat
Sehr wenig zu verschenken hat. {3}
Doch hielt er an auf hohem Ross,
Worauf der Regen niederfloss,
Und sprach: „der Mann ist nackt und bloß;
Es muß ja grad' auch Geld nicht sein;
Ich wil ihm dennoch was verleihn.“
Sein Schwert drauf mit der Faust gefasst,
Haut er von seinem Mantel fast
Des einen Zipfels Hälft‘ herab,
Die er dem armen Manne gab.
Der Arme nimmt das Stück sogleich,
Und wünscht dafür das Himmelreich
Dem guten, frommen Reitersmann,
Der sich nicht lange drauf besann.
Wie der gesagt sein gratias,
So reitet dieser auch fürbass,
Zu einer armen Wittwe Thür,
Und legt daselbst sich ins Quartier,
Nimmt Speis‘ und Trank ein wenig ein;
Es wird nicht viel gewesen seyn.
Nachdem er also trunken, gessen,
Und das Gebet auch nicht vergessen,
Legt er sich nieder auf die Streu.
Obs eins gewesen, oder zwey,
Das hat die Chronik nicht gemeld't;
Drum lass‘ ichs auch dahin gestellt.
Alsbald begiebt sich's in der Nacht,
Daß er von einem Glanz erwacht,
Der zwingt das Aug' ihn aufzuschließen.
Da steht ein Mann zu seinen Füßen; {4}
Sein Haupt trägt eine Dornenkron':
Er ist's, Er ist's, des Menschen Sohn!
Mit tausend Engeln, die ihm dienen,
Ist plötzlich unser Herr erschienen,
In aller seiner Herrlichkeit;
Und mit dem Mantel, welchen heut
Der Martin aus Pannonia,
Der dessen gar sich nicht versah,
Geschenkt dem armen Bettelmann,
Ist unser Heiland angethan.
Und so der Herr zu Petrus spricht:
„Siehst du den neuen Mantel nicht,
Denn ich hier auf den Schultern trage?"
Auf des Apostels weitre Frage:
Wer ihm den Mantel denn geschenkt?
Das Aug' auf Martin hingesenkt,
Mit einem sanften Himmelston,
Fährt also fort des Menschen Sohn:
„Der Martin hier, der ist es eben,
Der diesen Mantel mir gegeben.
Ermunt're dich, steh auf, mein Knecht,
Den ich erwählt, du bist gerecht!
Du warst bisher ein blinder Heide;
Das Schwert, das steck nur in die Scheide!
Ein Streiter Gottes soll auf Erden
Mein frommer Bischof Martin werden,“
Als dieses Wort der Herr gesagt,
So kräht der Hahn; der Morgen tagt;
Ein Engel küsst des Mantels Saum,
Und Martin ist erwacht vom Traum; {5}
Denkt nach, klopft an ein Kloster an,
Und ist, getreu nach Christi Worten,
Aus einem wilden Reitersmann
Ein großer frommer Bischof worden.
O du fröhliche,
O du selige,
Gnadenbringende Martinszeit!
Kleide die Armen;
Christ lohnt Erbarmen:
Freue, freue dich Christenheit!
Nun, da ich dieses Euch vermeld’t,
Was für ein frommer Liebes-Held
Der Taufe Luthern musst entheben,
Und ihm den Namen Martin geben:
So nimmt Euch, hoffe ich, auch jetzunder,
Des Doctor Martins Thun nicht Wunder,
Der beides lernte, muthig reiten,
Und für die Kirche tapfer streiten,
Von jenem heil’gen Rittersmann,
Der's in der Tauf ihm angethan
Zugleich mit seinem frommen Namen,
Daß er in Liebe musst entflammen:
So, daß der Luther, gut und groß,
Ein Stück von seinem Rock nicht bloß
Und seines Regenmantels Schooß;
Nein, auch mit Freuden, Leib und Leben
Für seine Brüder hinzugeben
Zu jeder Stunde war bereit;
Wie solcher edlen Freudigkeit {6}
Stadt Worms ein ew'ger Zeug' uns ist.
Gelobt dafür sei Jesus Christ!
O du fröhliche,
O du selige,
Gnadenbringende Martinszeit!
Hölle mag wüthen;
Christ wird uns hüten:
Freue, freue dich Christenheit!
2. Lied.
Wie Luther zu Eisenach vor den Thüren sang, und von der Frau Cotta in ihr Haus aufgenommen wurde.
So wuchs in Gottes Furcht zum Mann
Der fromme Knab' einfältig an;
Doch weil der Kindlein viel im Haus,
Musst unser Luther fleißig aus,
Sein Brot an Thüren zu ersingen,
Wie’s fromme Schüler noch volbringen
Zu Magdeburg, zu Eisenach,
zu Erfurt bis auf diesen Tag. –
Als nun der Knabe vierzehn Jahr,.
In solchem Lauf, geworden war,
Hat ihm, nach Eisenach geführt,
Eine fromme Frau einst zugehört,
Der Gott alsbald das Herz gerührt,
Von wegen seiner Stimme Klang,
Die tief ihr in die Seele drang. {7}
Frau Cotta, so ist sie genannt.
Und frommen Christen wohlbekannt,
Dieweil sie ihn ins Haus genommen,.
Von dem uns Allen Heil ist kommen;
Den Morgenstern von Wittenberg,
Dess Ruhm erschallt nach Genf und Zürch,
Das Rüstzeug Gottes auserwählt,
Den ewig theuern Glaubensheld,
Herrn Martin Luther für und für:
Frau Cotta, Gott vergelt es Dir!
Ihr Andern aber merket dran,
Wie schön es ist und wohlgethan,
Wenn Kirch' und Schulen ihr bedenkt!
Denn, wem Gott seine Gaben schenkt,
Dem schenkt er sie aus Gnadenwahl.
Wer frommer Diener Gottes Zahl
Vermehren hilft auf seinem Platz,
Der sammelt einen Himmelsschatz,
Den weder Rost, noch Motten fressen.
Gott wird's Frau Cotta nicht vergessen!
Nach: Heil dir im Siegerkranz.
Was zieht für ein Gesang
So fromm die Straß' entlang,
Von Thür zu Thür?
Hell singt im Knabenchor
Ein Kind, das Gott erkor;
Sein Engel neigt das Obr:
Heil Luther dir! {8}
II. Dr.Martin Luther im Kloster und auf dem Lehrstuhle.
Willkommen, schöner Tag!
Wer dich nicht singen mag,
Entweiche schnell!
Der ist kein freyer Mann,
Der heut nicht singen kann,
Der stimmt ein Lied nicht an
Dem Sachsen-Tell!
Eisleben, Wittenberg,
Rührt euch, ihr alten Särg',
Eröffnet euch!
Nun sind's drey hundert Jahr,
Daß Luther unser war:
Heran zum Bund'saltar,
Du Luthers-Reich!
3. Lied.
Wie Alexius vom Blitz erschlagen, und Luther dadurch ins Kloster gejagt wurde.
Herr Martin, als er eines Tag's,
Mit einem Gesellen seines Schlag's,
Recht lustig, froh und guter Ding',
In freiem Felde sich erging,
In dem schönen Thüringer-Land –
Alexius ist der Gesell genannt,
Und Erfurt die uralte Stadt,
Allwo sich dieß begeben hat – {9}
Spricht so vor Luther sein Gesell:
„Es kömmt ein Wetter, gehn wir schnell!
Lass sehn, ob wir in jenen Gründen
Nicht etwa Unterkommens finden!“
Wie er das Wort gesagt – und jetzt
Den Fuß zum Schreiten vorwärts setzt,
So mächtig einer schreiten mag,
Bedeckt sie beide Blitz und Schlag;
Ein ungeheures Flammenmeer,
Und ach! Alexius ist nicht mehr! –
An seines Freundes Seit‘ erschlagen,
Muss dieser ihn von hinnen tragen.
Von jenem ernsten Augenblick,
Wo des Apostel Sauls Geschick
Den Luther zum Apostelamt
Mit heil’gem Himmelsblitz entflammt,
Erschienen alle Erdending'
Ihm gar verächtlich und gering.
Er will von dieser Welt nichts wissen,
Er legt sein Elend Gott zu Füßen,
Er zieht in Klostereinsamkeit,
Wo er den Leib zu streng kastei't,
Daß ein und einen halben Tag
Er einst in seiner Zelle lag,
Das Blut den Wangen schon entwichen,
Das Angesicht zu Schnee verblichen,
Von vielem Beten, Fasten, Singen;
Man konnt ihn kaum in's Leben bringen,
Weil er versunken ganz und gar
In himmlische Gesichte war; {10}
Bis frommer Mönche Chorgesang,
Der durch das Kreuzgewölb' erklang,
Mit seinen leisen Himmelsklagen
Ihn zwang, die Augen aufzuschlagen.
Drum blieb auch Luther immerdar,
Bis in sein letztes Lebensjahr,
Wo seinem Volk ihn Gott entzogen,
Der edlen Musica gewogen,
Weil sie von Todten ihn erweckt. –
Auch hatt‘ ihm schon der Geist entdeckt,
Wozu er gern erwählt ihn hätte.
Ein alter Mönch trat vor sein Bette,
Der plötzlich so zu ihm begann:
„Mein frommer Bruder, höret an:
Ihr sterbt noch nicht an diesem Ort;
Also geschieht des Herren Wort
Durch mich zu Euch: Ihr sollt auf Erden
Noch einst ein frommer Bischof werden,
Ein Licht zu leuchten fern und nah!"
Die Prophezeihung ihm geschah,
Als seines Alters noch nicht gar
Herr Luther ein und zwanzig Jahr
Zu Thüringen in Erfurt war,
Wo er im Augustiner-Orden
Gar bald darauf ein Mönch geworden.
O du fröhliche,
O du selige,
Gnadenbringende Martinszeit!
Christ, unser Meister,
Heiligt die Geister:
Freue, freue dich Christenheit! {11}
4. Lied.
Wie Luther gegen Tetzel die Buße predigte.
Zu Erfurt Luther bass studiert,
Allwo er bald Magister wird;
Gesellt zu frommen Klosterleuten,
Sich muss zu niederm Dienst bereiten;
Muss Kirche fegen, Glocken läuten,
Und, propter panem, an den Thüren
Mit einem Brotsack kalendieren;
Was alles er besorgt auf's Best.
Und als das Kloster ihn entlässt,
Schickt ihn sein Augustiner-Orden
Gen Wittenberg, mit guten Worten,
Woselbst er ist ein Doctor worden.
Da Menschensatzung immerfort
Ihn ängstigt, sucht er Gottes Wort;
Und wie er lernt die Bibel kennen,
Fühlt er in sich ein Licht entbrennen: –
Das ist das Licht in dunkler Nacht,
Wodurch alle Dinge sind gemacht,
Das, unserm Herzen eingeschrieben,
Befiehlt: du sollst die Brüder lieben!
Und kannst du diesen Spruch nicht beten,
So schwebst du, Mensch, in großen Nöthen;
Denn wer dem Bruder Hass erweis’t,
Betrübt in sich den heil'gen Geist,
Der uns in Allem unterweist.
Mit diesem theuern Himmelsbrot
Schlägt Luther Eck und Tetzel todt, {12}
Die allzu listig disputieren,
Und weltlich böse Händel führen;
Die meinen, mit dem Ablasskasten,
Mit leiblichem Kastey'n und Fasten
Die Bruderliebe zu versöhnen,
Und Gott mit ihrem Wandel höhnen;
Die so verblend't in ihrem Sinn –
Dess trägt der böse Feind Gewinn! –
Daß Mord und Todtschlag, Schwelgen, Prassen,
Bis in den Tod die Brüder hassen,
Und solchem frevelnden Beginnen
Sie noch Entschuldigung ersinnen;
Wie Tetzel lehrt mit Übermuth
Durch seinen Ablasszettel gut:
„Sobald das Geld im Kasten klingt,
Die Seel‘ auch aus dem Fegfeuer springt.“
So spielten sie mit falschen Eiden
Und lebten als die blinden Heiden.
Wie mochte das wohl Luther leiden? –
Zerfall‘ im Vaterland,,
Du dunkle Scheidewand,
Die Herzen trennt!.
Erglüh' am Bund'saltar,
Du fromme Christenschaar,
Wie Sternlein hell und klar
Am Firmament!
Als bald darauf es nun geschah,
Gen Jüterbock, von fern und nah,
Viel Volks zum Ablasskrämer kam. {13}
Drob Zorn den Luther übernahm;
Der predigt Buß', sagt frank und frey,
Daß nur bei Gott Vergebung sey;
Drum, wer den Weg zu Gott will finden,
Der wasche sich zuvor von Sünden!
Denn sünd'gen heißt, die Brüder töden,
Die Christ zu lieben uns geboten.
Gott ist die Liebe, lehrt Johann;
Drum nimmt er keinen Sünder an,
Der nicht, versöhnt in Jesu Christ,
Ein Werkzeug seiner Gnaden ist:
So lehrt der fromm' Evangelist.
Die Brüder mit Practiken, Ränken,
Daß sie ihr Gut an uns verschenken,
Arglistig locken in's Verderben,
Das heißt nicht, für die Brüder sterben.
Und brennten an dem Hochaltar,
Allwo du knietest, hell und klar
Zwölf tausend Stück geweihter Kerzen, –
Erst bann' die Nacht aus deinem Herzen,
Sonst bist vor Gott du offenbar
Kein Kind des Lichts! – Und vollend's gar,
Wie einst manch sünd'ger Papst zu Rom
Auf breitem Weltverderbens Strom
Blutschänderischen Wandel führen,
Durch Buben Land und Leut‘ regieren,
Vergifter, Meuchelmörder dingen,
Und hinterdrein die Messe singen;
Statthalter Gottes hieß' das? – Nein,
Das heißt des Teufels Anwalt sein. {14}
Wer glaubet, hofft und liebt,
Der hat genug geübt,
In dieser Welt.
Doch wenn, von Sünden rein,
Wir werden Engel sein:
So herrscht die Lieb' allein,
Am Himmelszelt.
So lauter, licht, so männlich klar
Gepredigt das Wort Gottes wahr,
Stürzt bald der Menschenbau zusammen;
Des Tetzels Ablassbrief muss flammen;
Ja, die zu Constanz einst den Huss
Verbrannt, die böse Arglist muss,
Worms, Kaiser, Papst und Reich dessgleichen,
Dem Stern von Wittenberg erbleichen.
Drum singen wir ein Lied,
Von frohem Dank durchglüht,
Dem frommen Paar,
Das dieser Erd' entfloh'n,
Nun manch Jahrhundert schon
Vermehrt an Christi Thron
Der Engel Schaar. {15}
III. Die Beschützer und Vertheidiger des evangelischen Glaubens.
Heil Kurfürst Friederich,
Dess Haupt mit Ruhm erblich,
Heil dir, Johann!
Fahr' hin, du Erdenthron!
Johann ein' Himmelskron’
Als schönsten Engellohn
Dafür gewann.
5. Lied..
Wie Kurfürst Friedrich der Weise, Johann der Beständige und Johann der Großmüthige, so auch die edlen Herren und Ritter Hutten und Sickingen, zu Schutz und Trutz die neue Glaubenslehre aufrecht
erhielten.
An Kurfürst Friederich zu Hand,
Und seinem Bruder, Herrn Johann,
Auch der Beständige genannt,
Herr Martin edle Stützen fand
Der lautern Lehr' in jenen Zeiten;
So konnt er muthig sie verbreiten.
Franz Sickingen aus Frankenland,
Ein tapf’rer Ritter wohlbekannt,
Ulrich von Hutten auch zugleich
Ihn schirmten wider Papst und Reich.
Und als ihn traf von Worms der Bann,
So nahmen sie sich seiner an, {16}
Und haben unserm Gottesmann
Getrost ihr Burgthor aufgethan,
Zu Schutz und Trutz, recht männiglich,
Recht ehrenfest, recht ritterlich,
Recht freudig, deutsch und gottgetreu.
Ein ew'ger Freudenhimmel sey
Dafür an Christi Gnadenthron
Der frommen Herr'n und Ritter Lohn!
Geister in Rittertracht
Schreiten durch Nebelnacht
Herrlich einher.
Ihr‘ Arbeit unverlor'n!
Was klingt der Bernhardssporn?
Was singt das Schwedenhorn?
Wie rauscht das Meer?
Steh‘ auf, Franz Sickingen!
Auch du sollst auferstehn,
Herr Huttens Geist!
Was Reich, was Bull‘ und Bann!
Die Burg ihm aufgethan!
Es klopft ein Gottesmann,
Der Luther heißt.
6. Lied.
Wie Calvin, Zwingli, Gustav Adolph und der Sachsen-Bernhard so muthig den neuen Glauben verfochten haben.
Wie drauf entflammt die alte Schweiz,
Calvin und Zwingli ihrerseits {17}
Der reinen evangel'schen Lehr'
Erstanden sind zu Schutz und Wehr;
Und was im Krieg, der dreyßig Jahr
Den Vätern Noth und Tod gebar,
Uns König Gustav Adolph war;
Wie dieser tapfre Glaubensheld
Mit Schweden überschifft den Belt;
Wie, unser Sachsen zu beschützen,
Normänner in der Schlacht bei Lützen
Ihr Heldenblut so kühn verspritzen;
Wie in den alten Niederlanden,
Allwo die Alba's aufgestanden
Mit ihren span'schen Henkerbanden,
Das grausam kalte Mordedict,
Das Egmont zum Schaffotte schickt,
Doch bei Oranien nichts erreichte;
Wie England keinem Blitz erbleichte,
Dieß England, das zu unsrer Zeit
Die Welt zum zweyten Mal befreit,
Das Bollwerk der Religion,
Und aller Bürger-Tugend Thron;
Wie dazumal es herrlich stand,
Als tausend Henker Schwert und Hand
Ins Blut von seinen Edlen tauchten,
Und überall Schaffotte rauchten;
Wie aus dem theuern Sachsenvolke,
Gleich einer finstern Donnerwolke,
Der Herzog Bernhard freudig brach;
Wie ungestüm er, Schlag auf Schlag,
Den Partisanen seine Brust {18}
Entgegenwarf mit Heldenlust;
Wie Wallenstein ihm zittern musst‘,
Als er im Schlachtgetümmel focht: –
Ha, wem vor Dank das Herz nicht pocht,
Wenn solcher Heldenthaten Kunde
Ihm kommt aus frommer Enkel Munde,
Entweich' aus unserm Sachsenland!
Ihm sind die Väter unbekannt;
Sein' Hüft‘ umgürte nie ein Schwert,
Er ist des alten Stamm's nicht werth!
Steh' auf, du alte Schweiz,
Zürch, Basel, allerseits
Nehmt freudig Theil!
Du tapfrer Normannsthron,
Schweden und Albion,
Singt unserm Bergmannssohn,
Singt Luthern Heil!
Sieh' Kaiser, Papst und Reich,
Das ihn mit blut’gem Streich,
Wie Huss, bedroht!
Rom, Worms und Regensburg!
Er schreitet muthig durch,
Er singt: Ein' feste Burg
Ist unser Gott!
Wir, Luther! singen's auch:
Rings steht der Harz im Rauch,
Von Nebeln roth. {19}
Dein' Arbeit unverlor'n!
Noch klingt der Bernhardssporn,.
Noch singt das Schwedenhorn:
Mit uns ist Gott!
IV. Dr. Martin Luthers gute Ritterschaft.
Ein' feste Burg ist unser Gott,
Ein' gute Wehr und Waffen;
Er hilft uns frey aus aller Noth,
Die uns jetzt hat betroffen.
Der alte böse Feind,
Mit Ernst er’s jetzt meint;
Groß Macht und viel List
Sein grausam' Rüstung ist, –
Auf Erd ist nicht sein's Gleichen:
7. Lied.
Wie unser Mann Gottes auf der Wartburg saß, und wie er von dort, ohn' all' einigen fürstlichen Urlaub, die Sacramentirer zu dämpfen, plötzlich gen Wittenberg zog.
Als Luther auf der Wartburg saß,
Wo er die Bibel fleißig las,
Hat er daselbst uns Gotteswort
Getreu verdolmetscht immerfort;
Daher denn diesen Zufluchtsort {20}
Auch Doctor Luther, nach der Hand,
Sein liebes Pathmos oft genannt,
Wohin, durch eine Reiterschaar,
Daß er entging des Bann's Gefahr,
Ihn Kurfürst Friederich gebracht,
Als Junker Görg’, in Reiter-Tracht.
Drum, wer die Wartburg je erblickt,
Der soll zu Gott, von Dank‘ entzückt,
Sein Herz erheben und Gedanken,
Weil wir die Bibel ihr verdanken.
Obwohl er fast ein ganzes Jahr
An diesem Ort gefangen war:
So konnt‘ er, frey und offenbar,
Mit einem Knecht an seiner Seiten,
Wohin er wollt‘, ins Land doch reiten.
Oft hat ihn dieser fromme Knecht
Also verwarnet, schlecht und recht:
„Herr Doctor, nehmt Euch wohl in Acht,
Sind wir zur Herberg' wo bey Nacht,
Daß Ihr nicht stets nach Büchern sucht!
Viel lieber, daß Ihr schwört und flucht,
Als daß Ihr stets nach Büchern fragt;
Ich hab' es Euch so oft gesagt,
Ihr werdet Euch dadurch verrathen:
Wisst Ihr, was zukömmt dem Soldaten?
Trunk, Fluch und Schwur dem Reitersmann
Steht bass, denn hundert Bücher an!"
Wie unser Doctor dieses Wort
Vernimmt, so fährt er lächelnd fort:
„Der Zeitung bin ich wahrlich froh! {21}
Ja freylich, freylich, ist dem so!
So müssen wir darnach uns halten:
Fluch‘ du, ich bete; – dergestalten
Behält denn jeder von uns Recht,
Sowohl der Doctor, als sein Knecht!"
Zuweilen ging auch, eh' es tagt,
Mit diesem Knecht er auf die Jagd;
So haben sie auch Erdbeerfrucht
Gar oft zusammen sich gesucht,
Am Schlossberg, in dem grünen Wald,
Frau Katharinens Aufenthalt;
Bis Karlstadt böse Händel macht,
Und Wittenberg in Furcht gebracht,
Mit seiner Bilderstürmer Schaar,
Die Kirchen plündert und Altar;
Wovon auf Luther fällt die Schuld,
Der bald verlor nun die Geduld. –
Es jammert ihn der Sacristey'n
Und ihrer schönen Schilderey'n;
Er lässt die Wartburg Wartburg seyn,
Und zog, als Reiter unbekannt,
Gen Wittenberg in Sachsenland.
Und wenn die Welt voll Zeufel wär‘,
Und wollt‘ uns gar verschlingen:
So fürchten wir uns nicht so sehr;
Es soll uns doch gelingen!
Der Fürste dieser Welt,
Wie sauer er sich stellt,
Thut er uns doch nicht; {22}
Das macht, er ist gericht't:
Ein Wörtlein kann ihn fällen.
8. Lied.
Wie Luther, auf seiner Rückkehr von der Wartburg, als Reiter verkleidet, unerkannt zu Jena im Bären mit zwey jungen Schweizern zu Tische saß, und wie er mit ihnen allerley aufgeweckte Gespräche
pflog.
Es war gerad' um Fastnachtszeit,
Als, aus St. Gallen in der Schweiz,
Zwey junge Gesellen insgemein –
Das Wetter konnť nicht wüster seyn –
Zu Jenas Thor sind eingezogen.
Die waren Herrn Luther sehr gewogen;
Bloß seinet und Melanchthons wegen –
Denn an dem war ihnen auch gelegen –
Hatten sie beyde mit Bedacht
Sich auf den weiten Weg gemacht.
Wie sie zu Jena zogen ein,
So mocht‘ es spät geworden seyn,
Und wie sie nach Quartier gefragt,
Hat's ihnen jeder Wirth versagt,
Bis auf den Wirth zum schwarzen Bären –
Gott halt ihn billig drob in Ehren! –
Der nahm die beyden Schweizer ein;
Das soll ihm unvergessen seyn!
Nun hört, was weiter drauf geschah!
Im Haus ist nur ein Zimmer da; {23}
Und wie der Wirth sie führt herein,
So sehen sle, bey Lampenschein,
Wie vor dem Tisch ein Reiter sitzt,
Dem Männerernst im Auge blitzt;
Mit einem Arm so aufgestützt,
Als ob er etwas ernst erwägt;
Die zweyte Hand an’s Heft gelegt
Von seinem Schwerte, was er führt;
Sein Haupt, nach Landsgebrauch, verziert
Mit einer rothen Reitermützen;
Die thät ihm recht verwegen sitzen:
Kurzum ein Mann, so von Gestalt,
Wie man den Petrus sieht gemahlt,
Ein gutes Schwert an seiner Seit'.
Woher so spät um Abendzeit?
Befrägt er unsre Pilgersleuť,
Mit angeborner Freundlichkeit.
Wie sie ihm drauf Bescheid gesagt,
So hat er weiter sie befragt:
Von wannen seyd ihr? „Aus St. Gallen!"
Ich hab' an Schweizern Wohlgefallen!
Denkt ihr gen Wittenberg so fort,
So findet ihr gut' Landsleut' dort;
Herrn Schürpfen, gebt auf den mir Acht!
Zugleich vermeldet mir, was macht
Der weis‘ Erasmus Noterodamus
Zu Basel? Habt ihr einen Gruß
Von ihm gen Wittenberg, so sagt!
„Mein Herr, weil ihr nach diesem fragt,
So melden wir euch mit Gebühr: {24}
Erasmus, der Gelehrten Zier,
Er lebt sehr eingezogen hier;
Nicht so, daß er die Menschen flieht,
Doch so, daß er nur wenig sieht.“
Nun gebt mir weiter auch Bericht,
Was man bei euch von Luther spricht!
„Mein Herr, wie überall, entzweyen
Sich ob dem Luther zwey Partheyen
Dermalen auch im Schweizerland;
Beliebt in Schriften und bekannt,
Wie von der einen er gelitten,
Hat ihn die andre scharf bestritten!" –
Das acht' ich, kann nicht anders seyn,
(Fiel hier alsbald der Reiter ein)
Das werden wohl die Pfaffen seyn!
Gott ordnet alles dieß auf's Beste!
Nun, liebe Herrn, seyd meine Gäste!
Herr Wirth, bringt Bier – doch nein, bringt Wein!
Des Landes können, wie sie sagen,
Sie nimmer, unser Bier vertragen.
Klingt an! Das edle Schweizerland! –
Was kann schöner seyn,
Was kann edler seyn,
Als von Schweizern abzustammen!
Da, zu alter Zeit,
Tapfre Heldenleut
Aus dem Hirtenvolke kamen;
War ja Tell ein Hirt mit Freuden,
Zwingli musst, auf grünen Heiden, {25}
Für des Glaubens Recht,
In der kühnen Schlacht,
Muthig bittern Tod erleiden!
Indem erblickt ein Buch zur Hand,
Das neben unserm Reiter lag,
Der älteste Gesell und sprach:
„Mein Herr, was ist das für ein Buch?
Ich bitt' euch, macht mich dessen klug: –“
Ein Psalter, auf Hebrä'sch verfasst,
Antwortet ihm der Reiter, – fast
Möchť ich auch euch, zum Heil der Seelen,
Das Kleinod dieser Sprach' empfehlen!
Ich bin so eifrig drauf gestellt,
Daß keine Schätz' in dieser Welt
Ich nehmen wollt‘ auf den Beding,
Daß ich sie achtete gering!
Habt ihr zu Wittenberg gut Glück:
So hoff' ich, daß in diesem Stück,
Melanchthon gute Dienst‘ euch leiste;
Wiewohl in Sprachen kömmt das Meiste
Zuletzt doch nur vom heilgen Geiste! –
So ging mit freundlichem Gespräch
Der beste Theil des Tags hinweg.
Es mocht‘ um Neun geworden seyn;
Zwey Kaufleut‘ treten noch herein,
Die fodern was zu essen – trinken;
Deren Einer läss’t sich bass bedünken,
Lies't auch ein Buch; der Reiter spricht:
Herr, gebt mir dieses Buch’s Bericht! {26}
Der Kaufmann: „Kennt ihr das noch nicht?
Es ist das Neuste, was uns jetzt
Herr Martin Luther übersetzt;
Das sollt' euch ja bekannt wohl seyn!"
Antwortet ihm der Reiter: Nein!
Und fuhr, mit lächelnden Geberden,
Dann fort: Es soll mir nächstens werden!
Die beyden Schweizer sah'n sich an,
Weil jeder diesen Reitersmann
Von Grund aus gern errathen möchte,
Und keiner doch erräth das Rechte;
Sie sinnen hin, sie sinnen her,
Wer wohl der fremde Reiter wär'?.
Indem so tritt von Ungefähr
Der Wirth herein; verlangt Gehör:
Mein Gasthof heißt der schwarze Bär
So spricht er — schon von Alters her;
Doch ist ihm wohl, seit hundert Jahren,
Nicht so viel Ehre widerfahren,
Als dadurch jetzt ihm widerfährt,
Daß Luther hier ist eingekehrt!
„Wie? wo? wann? hab' ich recht gefasst?
Er selbst, der Luther, euer Gast?
Herr Wirth, das glaub' ich nimmermehr!“ –
Und wenn ich es euch nun beschwör'?
Noch nicht zwey Tage sind es, wisst,
Daß er dahier gewesen ist;
Am selben Tisch, wo ihr gegessen,
Da hat Herr Luther auch gesessen! –
Als von dem Wirth zum schwarzen Bären {27}
Ein solches Wort die Schweizer hören:
Da schalten sie, aus einem Munde,
Den wüsten bösen Weg zur Stunde,
Der sie verspätet wider Hoffen,
Daß sie Herrn Luthern nicht getroffen.
„Ja, rief der eine ganz entbrannt,
Den Finger meiner rechten Hand,
Herr Wirth, ich wollt ihn drum entbehren,
Sollt ich hier je, im schwarzen Bären,
So helf mir Gott, bei Brot und Wein
Ein Gast mit Doctor Luther seyn!"
Der Wirth, des Dinges kundig g’nug,
Erfüllt auf's Neu' mit Wein den Krug,
Indem er lächelnd seitwärts steht,
Und spricht: wer weiß, was noch geschieht!
So spricht der Wirth; der Reiter lacht.
Vereint im Jubelschall,
Werd' ihm auf Berg und Thal
Ein Lob gezollt!
Ihm, der aus dunkler Nacht,
Ihm, der aus Mansfelds Schacht
So treu an's Licht gebracht
Des Glaubens Gold!
Drauf wünscht der Reiter gute Nacht.
Des Morgens, wie zu Pferd er steigt,
Und sich zum Abschied noch verneigt,
Entlässt er sie, mit diesem Wort:
Sobald ihr kommt an Stell’ und Ort,
Daß ihr mir ja Melanchthon grüßt, {28}
Und auch Herrn Jonas nicht vergesst!
„Ja, hub der Eine an, sehr wohl!
Sagt nur, von wem ich grüßen soll?'“ –
Sagt nur von dem, der kommen soll! –
So wisst ihr g'nug, ihr Herrn; lebt wohl!
So zog der Reiter seine Straß';
Die Schweizer wandeln auch fürbass.
Zwey Tage drauf in Sachsenlanden
Sie ihn bey Herrn Melanchthon fanden.
Herr Amsdorf saß zu seiner Rechten,
Herr Doctor Jonas gleich zur Linken;
Wo er, zum ersten Osterfest,
Von Karlstadt sich erzählen lässt,
Und seiner wilden Schwärmerschaar.
Erst däucht die Sache ganz und gar
Den beyden Schweizern wunderbar;
Nachdem verstanden sie erst klar,
Wer dieser fromme Ritter war,
Der, so verständig aller Sach',
Von Gott und weltlich Dingen sprach.
Dess waren beyde hocherfreut.
Philipp Melanchthon seinerseits
Lud sie ein zur Mahlzeit.
So konnten sie zu gleicher Zeit
Den Finger ihrer Hand behalten,
Und doch mit Luthern Mittag halten;
Was ihnen bass am Herzen lag. –
Je einen oder zween Tag
Nur hielt der Doctor inne sich;
Dann predigt‘ er gewaltiglich, {29}
Und schickt mit seinem Donnerwort
Aus Wittenberg die Schwärmer fort;
Und rastet nicht, bis, Schlag auf Schlag,
Des Karlstadt Anhang ihm erlag.
Das Wort sie sollen lassen stahn,
Und kein'n Dank dazu haben.
Er ist bey uns wohl auf dem Plan
Mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie uns den Leib,
Gut, Ehr’, Kind und Weib:
Lass fahren dahin;
Sie haben's kein'n Gewinn:
Das Reich muss uns doch bleiben,
V. Dr. Martin Luther in Freud' und Leid seines Hauses.
O du fröhliche,
O du selige,
Vielwillkommene, edle Magd!.
Luthern zur Seite,
Sey dir auch heute,
Bora, freundlich ein Gruß gesagt! {30}
9. Lied.
Von Luthers Eheweib, Katharina von Bora, und wie unser Mann Gottes dieselbe vor allen so lieb und werth gehalten.
Nun werd’ auch von der edlen Magd,
Frau Katharinen, was gesagt,
Die, eh' ihr Luther gab die Hand,
Als Nonne lebt im Klosterstand.
Die, so dem Himmel zugewandt,
Ein solcher Wechsel wollte kränken,
Die sollen billig dieß bedenken,
Daß auf verschiednem Weg zugleich
Der Mensch gelangt in's Himmelreich.
Die still ihr Frauenwerk vollbringen,
Und die im Kloster „Ave“ singen,
„Ave Maria“ gottverborgen;
Und die, mit zarten Muttersorgen,
Ihr Lämpchen in der Nacht beschicken,
Daß sie mit Speis‘ ihr Kind erquicken,
Auf daß es nicht vergeblich weine;
Die so, mit frommem Heil'gen-Scheine,
An ihre Brust den Säugling legen:
Sind sie nicht auch auf Gottes Wegen?
So gut wie die, so an Altären
Den Tocht geweihter Kerzen nähren?
Gewiss, an Christi Gnaden-Throne
Gilt eine, wie die andre Krone:
So hat die Frau und Jungfrau Recht,
Und nur die Heucheley is schlecht! {31}
Da Bora fühlte den Beruf,
Wozu die Jungfrau Gott erschuf:
So hat sie ihm nicht widerstanden
Und sich befreyt von Klosterbanden.
So lebte sie geraume Zeit
Zu Wittenberg, in Einsamkeit,
Wo guter Sitť und Züchtigkeit
Sie gänzlich sich beflissen hat,
Dess ihr ein Zeugniss giebt die Stadt;
Bis Martin Luther in sie drang,
Daß, ganz befreyt von Klosterzwang,
Sie einen Mann erwählen sollte,
Und das, aus welchem Stand sie wollte.
Doch immer sagte Bora: „Nein,
Ich habe noch nicht Lust zu frey'n!"
Einstmals, als Luther drob sie schalt,
Antwortet sie ihm dergestalt:
„Herr Doctor, tragt es mit Geduld,
Seyd ihr ja meiner Weig'rung Schuld;
Ihr habt in keinem Stück zu klagen;
Ihr kommt nur stets, für andre fragen;
Ihr solltet es nur einmal wagen,
Die Hand mir selber anzutragen:
Da, mein' ich, sollt‘ ich ja wohl sagen!"
Und als Herr Luther sie befragt,
Hat sie auch wirklich Ja gesagt. –
Die einst vermehrt der Nonnen Zahl,
Ist nun ein frommes Ehgemahl,
In jenem ältesten der Orden,
Den Gott einst stiftete, geworden. {32}
Was Treu’ und Ehren ihm darauf,
In ihrem ganzen Lebenslauf,
Frau Käthe dankbarlich erwiesen,
Das hat Herr Luther hoch gepriesen,
In jener Schrift, die er zuletzt
Als Leibgeding ihr aufgesetzt. –
Auch hat in dieser Zeitlichkeit
Sie ihn mit Kindlein fromm erfreut,
Von deren einigen ihm Freud'
Erwachsen ist, von andern Leid.
Kaum ihres Alters dreyzehn Jahr,
Lag Magdalenchen auf der Bahr:
Das brachte Luthern große Schmerzen
Und ging Frau Käthen sehr zu Herzen!
Doch tröstet sich aus Gottes Wort
Der fromme Doctor immerfort,
Bis er zu jenem Ziele kam,
Wo ihn sein Heiland zu sich nahm.
Was drauf, nach ihres Ehherrn Tod,
Frau Käthe litt, was sie für Noth,
Was für Anfechtung ausgestanden,
Als in den theuern Sachsenlanden
Die Kaiserlichen sengten und brannten;
Wie sie, von Wittenberg verbannt,
Nun irren muss von Land zu Land,
Mit ihren Kindern ausgestoßen,
Verachtet oft von Klein' und Großen;
Wollt‘ ich Euch alles dieß erzählen,
Ihr guten, frommen Christenseelen:
So würden bald vor Traurigkeit, {33}
Wie dem Erzähler Raum und Zeit,
So euren Augen Thränen fehlen.
Drum hemm' ich meinen Zährenguss,
Und sag nur dieß noch zum Beschluss:
Nach vieler Prüfung, groß und klein,
Ging sie zur Himmelspforten ein;
Als ihres Alters noch nicht gar
Frau Käthe drey und funfzig Jahr
Zu Torgau an der Elbe war,
Wo friedlich sie in Gott verschied.
So endiget mein neuntes Lied.
O du fröhliche,
O du selige,
Hingeschiedene, edle Magd!
Bora, auf Erden
Litt'st du Beschwerden,
Jenseits hast du nun ausgeklagt.
10. Lied.
Wie Mykonius, ein frommer Pfarrherr zu Gotha, durch Lutheri inbrünstig Gebet und Fürbitte gar wunderbarlich vom Tode errettet worden.
Was Fürbitt‘ und Gebet vermag,
Legt dieses Lied gar schön zu Tag.
Einem frommen Pfarrherrn zu Gotha,
Herrn Mykonius, dieß geschah:
Als er schon auf dem Todbett lag,
Und alle Stunden zählt‘ und Tag, {34}
Daß ein Gesicht ihn heftig trieb,
Daß er gen Wittenberg noch schrieb.
Gesegnet da, nach frommem Brauch,
Herrn Luther und die Andern auch,
Als liebe Freund' im Sachsenland,
Die Christum treu, wie er, bekannt,
Und mit ihm zogen eine Straß.
Als Luther dieses Schreiben las,
Ergrimmt in seinem Geist er bass
Und schreibt Mykonius dergestalt:
„Arm, reich, gesund, jung oder alt,
Daß er durchaus nicht sterben sollt,
Weil Luther es nicht haben wollt.
Denn weil die Kirch' in großen Nöthen,
So hab’ er sich von Gott erbeten,
Mykonius, der treue Knecht,
Daß er ihn überleben möcht.
Und sey ihm dieses auch gewährt;
Er wiss‘ es, daß ihn Gott erhört.
Woll' ihm desshalben kürzlich schreiben,
Es habe dabei sein Verbleiben,
Was Luther bat in Christi Namen:
Mykonius soll leben, Amen!"
Und also ist es auch geschehn,
Daß Gott Lutheri gläub'gem Flehn
In diesen Stücken gnug gethan.
Mykonius, der kranke Mann,
Alsbald darauf nicht nur genas,
So daß er wieder schrieb und las;
Auch Luther noch drei volle Jahr, {35}
Nachdem ihm dieß begegnet war,
Mit seiner theuern Gegenwart
Die Welt und Wittenberg erfreut.
Und siebenmal sieben Tage ward
Nach Luther aus der Zeitlichkeit
Erst Herr Mykonius befreit.
Einzelne:
Kommt, ihr Brüder, lasst uns einem Todten
Die traurige Pflicht nun erstatten,
Dem die Sonne erlosch,
Dem Mond und Gestirne
Nimmer scheint die Straße, wo er wandelt,
Da, wo Niemand wiedergekehrt!
Unerbittliches Geschick,
Das König, Bettler, Greis und Kind betrifft!
Alle:
Heiland dieser Welt, o Jesus Christus!
Sey du ihr Licht in der Nacht des Grabes!
Amen; Amen; Amen.
Einzelne:
Was ist Menschenleben? — Rauch ist's, Blume;
Ein Morgens gefallener Thau ist's;
Ein verwelkendes Gras:
Du suchst vergeblich
Seine Stätt‘ im Sommer, kömmt der Abend.
Wo ist nun der rosichte Mund?
Wo der Stimme Zauberklang?
Wo sind nun Gefreundte, wo Bekannte? {36}
Alle:
Heiland dieser Welt, o Jesus Christus!
Sey du ihr Licht in der Nacht des Grabes!
Amen; Amen; Amen.
11. Lied.
Von Magdalenchen, Luthers Töchterlein, und deren seligem Hinscheiden.
Magdalenchen, Luthers Töchterlein,
Die mochte dreyzehn Jahr erst seyn,
Da hat sie — selig sind die Frommen! –
Den Ältern wieder Gott genommen.
Herr Luther, der den ganzen Tag
Verführt groß Herzeleid und Klag,
An ihrem Bette weinend sprach:
„Ach liebes Herzenstöchterlein,
Du trautes Magdalenchen mein,
Bliebst gern wohl bei den Ältern dein,
Wo dir noch nie ein Leid geschah;
Wiewohl dein Geist auch guter Ding
Gern zu dem himmlischen Vater ging!"
Das Kind sprach: „Herzensvater, ja,
Wie Gott will!" Aber dennoch sah
Man wohl, das Scheiden ging ihr nah.
Die Mutter, die um diese Zeit,
Doch mehr entfernt und auf der Seit,
Auch in der Kammer weint und schreit,
Vermehrt durch dieß ihr Herzeleid {37}
Nicht wenig Luthers Traurigkeit,
So daß aus tiefster Vaterbrust
Herr Luther so erseufzen musst:
„Schafft Fleisch und Blut so starke Pein,
Was muss der Geist erst mächtig seyn!
Das Fleisch will nicht daran, was sein,
So plötzlich wieder zu verlassen;
Es williget nur langsam drein.
Und eben das krepieret Ein'n
Beym Abschied über alle Maaßen!
Magdalenchen, Wunderding
Zu wissen, daß all' Erdending
So gar verächtlich und gering,
Und dennoch blöd‘ und traurig sey'n,
Geht eins von uns zum Himmel ein –
Das macht des Fleisches blinder Trieb.
Wie hab' ich dich so herzlich lieb!
So schluchzt er, unter Händefalten:
Könnt ich dich doch bey mir behalten,
O Magdalenchen, Herzenskind,
So engelgut, so fromm gesinnt!
Ich oder Du, wer von uns beyden
Muß in den bittern Tod jetzt scheiden?“
Und hatt' er so, sich ausgeklagt,
So sprach er wieder unverzagt:
„Seit Bischöf‘ in der Kirch mir haben,
Hat Gott kaum Einem solche Gaben,
Als deren man sich rühmen mag,
Wie mir geschenkt, bis diesen Tag,
Und zählt zurück man hundert Jahr. {38}
Nun das ist je gewisslich wahr,
Daß ich dafür ihm sollte danken,
Und kann nicht, weil ich in Gedanken
Von übergroßer Traurigkeit
So eingenommen bin zur Zeit;
Wiewohl manchmal ich guter Ding
Unserm Herrn Gott ein Liedlein sing‘.“
Und als das Kind verschieden war,
Und Magdalenchen auf der Bahr,
Geziert mit Blumen schön ihr Haar,
An dem Begräbnisstage lag,
Wo viel des Volks erhub die Klag',
Wie stets sie die Gewohnheit haben,
Wenn Ältern wo ein Kind begraben,
So daß sie mit verzagtem Muth
Vermeinten, ja, Geduld sey gut,
Doch lieb' ein Jeder stets die Seinen: –
War unser Doctor ganz gefasst
Und solches Reden ihm verhasst.
Desshalb im Volk, das zu ihm kam,
An diesem Tag das Wort er nahm,
Und schalt und sprach: „Ihr sollt nicht weinen;
Denn so viel unser, fromm gesinnt,
Versöhnt mit Gott durch Christum sind,
Wir haben keinen Grund des Leides.
Mein Magdalenchen ist nun beydes,
An Leib und Seele wohl beschickt,
Als die auf uns vom Himmel blickt.
Wer, von Begierden ungekränkt,
Der Dinge rechten Grund bedenkt, {39}
Dem offenbar' ich diese Kunde:
Einen Engel hab' ich Gott geschenkt;
Ja ledig aller Erdenmängel,
Einen rechten eingebornen Engel.
Und wollte Gott aus Erdennoth
Auch mir verleihen solchen Tod,
Ich nähm’ ihn an auf diese Stunde!“
Einzelne:
Nicht vom Tod Erettung bringt der Mutter
Die zärtliche Stimm' ihres Säuglings;
Noch dem blühenden Sohn
Die Klage des Vaters:
Taub ist unserm Fleh'n das Ohr des Todes.
Jenes grau bemooste Gestein,
Und dies eingefall’ne Kreuz,
Sie lehren uns, daß Asch und Staub wir sind.
Alle:
Heiland dieser Welt, o Jesus Christus!
Sey du ihr Licht in der Nacht des Grabes!
Amen; Amen; Amen.
Einzelne:
Wo ist Ruhm? Wo Purpur? Oder Schönheit,
Die ihrem Besitzer ins Grab folgt?
Wo ist Davids Gesang?
Wo Salomo's Weisheit? –
Unter dem vergessensten Gestein
Schlummert das gefürstete Haupt, {40}
Bis es einst Posaunenschall
Erweckt vom langen, ew'gen Todesschlaf.
Alle:
Heiland dieser Welt, o Jesus Christus!
Sey du ihr Licht in der Nacht des Grabes!
Amen; Amen; Amen.
VI. Luthers und Melanchthons seliges Glaubensende.
Alle:
Unter allen Wipfeln ist Ruh;
In allen Zweigen hörest du
Keinen Laut.
Die Vöglein schlafen im Walde:
Warte nur, balde, balde
Schläfst auch du.
Einzelne:
Unter allen Monden ist Plag,
Und alle Jahr, und alle Tag,
Jammerlaut.
Das Laub verwelkt in dem Walde:
Warte nur, balde, balde
Welkst auch du. {41}
Alle:
Unter allen Sternen ist Ruh;
In allen Himmeln hörest du
Harfenlaut.
Die Englein spielen: das schallte!
Warte nur, balde, balde
Spielst auch du.
12. Lied.
Wie Herr Dr. Martin Luther, in seinem drey und sechzigsten Lebensjahre, zu Eisleben, allwo er geboren war, sanft und selig in Gott verschieden ist.
Nun sollt ihr auch mit Ruhm und Ehren
Von Doctor Martins Tode hören,
Wie unser theure Gottesmann
So sanft und selig schied von dann.
Als seines Alters noch nicht gar
Er zählte vier und sechzig Jahr,
Begab sich, daß von Ungefähr
Gen Eisleben man sein begehrt,
Wo seine Mutter ihn gebar,
Und wo gewohnt sein Älternpaar.
Der beyden Grafen Mansfeld wegen,
Streithändel friedlich beyzulegen,
Zu sonderlichem Nutz und Frommen,
Hat diese Reis‘ er unternommen.
Und da er kam zu jener Stadt,
Wo ihren Lauf die Saale hat, {42}
Allwo die Kothen Rauch verbreiten,
Und sie das edle Salz bereiten:
Da traf von Wasser groß Gefahr
Herr Luther, und der mit ihm war,
Sein Freund, Herr Doctor Jonas, an;
So daß in einem kleinen Kahn
Die Fahrt sie mussten weiter wagen,
Von wilden Wellen rings umschlagen.
Als in dem Kahn Herr Luther saß,
Sprach er alsbald zu Doctor Jonas:
„Seht zu! Das Wasser streicht nicht klein;
Ich acht‘, es sollt‘ ja insgemein
Dem Teufel groß Gefalle seyn,
Wofern er brächt uns hier zu Schaden!"
Indes geschah durch Gottes Gnaden
Der Dinge keins, wovor ihm bangt.
Nach dem Sturme fahren wir
Sicher durch die Wellen;
Lassen, großer Schöpfer, dir
Unser Lob erschallen.
Lobt ihn mit Herz und Mund!
Lobt ihn zu jeder Stund!
Christ, Kyrie!
Komm zu uns auf dem See!
Einst, in meiner letzen Noth,
Lass mich nicht versinken!
Sollt‘ ich von dem bittern Tod
Well‘ auf Welle trinken;
Reich mir dann, Iiebentbrannt, {43}
Herr, deine Glaubenshand!
Christ, Kyrie!
Komm zu uns auf dem See!
Zu Eisleben drauf angelangt,
Ganz unversehrt, frisch und gesund,
Der Doctor prediget zur Stund'. —
So gings, bis auf den zweyten Tag,
Wo Luther plötzlich sich beklagt,
Und so vor Doctor Jonas sagt:
„Herzliebster Doctor Jona mein,
Besorg’, es möchť mein Letztes seyn!
Ich fühle mich nicht allzuwohl;
Mich dünkt, mich dünkt, ich werde wohl,
Weil sie mit vieler Arbeit, Schreiben
Mich alten Mann so übertreiben,
Nun hier zu Eisleben verbleiben!"
Sprach Jonas: „Da sey Gott dafür!"
Da trat der Doctor aus der Thür
Der großen Stub’ in's Kämmerlein,
Allwo sein Bett auch stand, herein;
Wo etwas Hirschhorn unter Wein
Wir flößten ihm, aus Vorsicht, ein;
Und wie er diesen Trunk genommen,
Und näher auf uns zugekommen,
So hörten wir aus seinem Mund
Noch dieses Warnungswort zur Stund';
So lautete sein letzt Gebot:
„Betet! Betet für unsern Herr Gott!
Ja, betet, Freunde, was ihr könnt! {44}
Denn im Concilio zu Trient,.
Die haben's gut mit ihm nicht vor!“
Bey diesem letzten Wort verlor
Sein Othem sich, und wurde schwach.
Doch eh' er kam in's Schlafgemach,
Trat er an's Fenster noch. – Hier thät
Der fromme Doctor sein Gebet,
Wie er gewohnt es war zu halten.
Knaben:
Nun bitten wir den heiligen Geist
Um den rechten Glauben allermeist,
Daß er uns behüte an unserm Ende,
Wenn wir heimfahr'n aus diesem Elende.
Kyrie, eleison!
Mädchen:
Du süße Lieb', schenk uns deine Gunst!
Lass uns empfinden der Liebe Brunst!
Daß wir uns von Herzen einander lieben,
Und im Friede auf Einem Sinn‘ bleiben.
Kyrie, eleison!
Nachdem er so sich allenthalben
Zum Tode wohl bereitet hat,
Bestieg er seine Lagerstatt;
Und wie er eine Weil‘ hier lag,
Erließ an Selb'gen, diese Frag',
Ich Michael Cälius: –
Noch standen an des Bettleins Fuß
Der edle Herr Aurifaber, {45}
Aus Wittenberg, der seufzte sehr;
Und als ihn Jonas sah erblassen,
So weint‘ er über alle Maaßen.
Die Grafen Mansfeld standen daneben,
Und wollten sich nicht zufrieden geben; –
Ich Michael Cälius,
Verging in einem Thränenguss,
Und sprach zu ihm, an's Bett gesetzt:
„Mi reverende pater, jetzt,
Wie mich bedünkt, habt ihr wohl Hitz'?
Das ist ein gottgefällig Zeichen!
Das kann Euch noch zum Heil gereichen!"
Doch mit gebrochner Stimm' und leis,
Antwortet er mit großem Fleiß,
Doch ganz veränderter Geberde:
„Ach nein! ich hab' einen kalten Schweiß –
Ich werde sterben! nun ich werde
Dahin fahr'n, an den Ort, woher
Dem Menschen keine Wiederkehr –
Wärmt Tücher! Leget sie auf mich!
So seufzt er drauf herzinniglich,..
Im Ausdruck allerherbsten Somerzens;
Doch schont zur Zeit mir noch des Herzens!“
Bald legt er auf die and're Seit,
Entfernt der Lamp', in Dunkelheit,
Als wollt‘ er schlummern, sein Gesicht.
Und da dem Schlaf wir trauten nicht,
Und kräftig ihm, mit Aquavit
Und Rosenessig Augenlied, {46}
Wie Schläf‘, in einem fort bestrichen,
So war sein Puls schon halb entwichen;
Die Lebensgeister matt und kalt.
Wie es nun ging zum Scheiden bald,
Hab' ich ihn nochmals laut befragt:
„Herr Doctor Martin Luther, sagt,
Wollt‘ auf die evangelische Lehr',
So ihr bekannt zu Christi Ehr',
Ihr sterben auch in seinem Namen?
Da seufzť' er leis und gläubig: Amen. —
Er schwieg; – der Seiger ging auf zwey;
Alsbald entschlummert’ er auf's Neu'.
Wie drauf der Seiger noch nicht gar,
Auf drey gestellt, drey Viertel war,
Und ich mit meinem Lämplein klar
Ihm unter beyde Augen leuchte:
Nahm ich der Todesfarbe wahr,
Womit sein Angesicht erbleichte,
Und daß sein Othem stille stand. –
Ich schrie – und rief sogleich zur Hand,
Herrn Jonas und die edlen Grafen; –
Doch war er selig schon entschlafen.
Mädchen!
Du werthes Licht, gieb uns deinen Schein!
Lehr‘ uns Jesum Christ kennen allein,
Daß wir an ihm bleiben, dem treuen Heiland,
Der uns bracht hat zum rechten Vaterland.
Kyrie, eleison! {47}
Knaben:
Du höchster Tröster in aller Noth,
Hilf, daß wir nicht fürchten Schand noch Tod,
Daß in uns die Sinne nicht verzagen,
Wenn der Feind wird das Leben verklagen.
Kyrie, eleison!
13. Lied.
Von Herrn Philipp Melanchthon, Luthers Freund, und wie derselbe, nach des Mannes Gottes Tod, an Niemand einen Dank verdienen mochte, und wie er darob in groß Bekümmernis und Anfechtung verfiel,
so daß er auch zuletzt seinen Geist aufgab.
O stürmisch trauervolle Zeit,
Wo Moritz Kaiser Karl bedräut!
Wo Luthers sanft gesinnter Freund,
Verkannt zugleich von Freund und Feind,
So rührend und so innig klagt:
„Hab' ich gefehlt, daß ich's gewagt?
In Liebe wollt‘ ich sie vereinen.
O, meine Augen könnten weinen,
Bis ich die Elbe ganz erfüllt;
Doch wär' mein Gram noch nicht gestillt!
Kaum gönnen sie mir eine Stätte
In meinem Alter, wo ich bete! –
Die Schwerter sind nun aus der Scheide;
Gott ist mein Zeuge, was ich leide!
Denn die mit mir zu Tische saßen,
Und die von meinem Brot einst aßen, {48}
Die ich erzog nach Christi Worten,
Sind meine größten Feinde worden!
Was hab' ich Schweres denn begangen?
Wie heißt mein kühnes Unterfangen,
Was sie so unerbittlich ahnen? —
Zum Frieden wollt‘ ich sie ermahnen;
Sie aber wollten Blutvergiessen:.
Das ist es, dafür muss ich büßen!
Wo find' ich einen Zufluchtsort?
O, lasst aus diesem Land mich fort!
Ich will gen Asien entfliehen;
Ich will in eine Wildnis ziehen,
Und dort will ich so brünstig knien,
Am Grab' des Hieronymus;
Ich will mit so aufricht'ger Buß‘
Mein Herz auf einen Stein dort legen,
Bis Gott, erweicht von seinen Schlägen:
„Geh' in die Scheide!“ spricht zum Schwert;.
Bis er mein Angstgebet erhört,
Und Deutschland, das sein Zorn verzehrt,
Sein Antlitz wieder zugekehrt.
Und ob es dabey bleiben sollte,
Daß deutsche Erde mich nicht wollte:
So werd‘ ich endlich, frey, von Sünden,
Ein Plätzchen doch im Himmel finden.
Bey ihm ist Gnad‘! ich weiß es, ach –
Was ich als Mensch, so arm und schwach,
Gefehlt in dieser Gottessach',
Daß jeden Fehl, den ich verübt, {49}
Mir mein getreuer Gott vergiebt,
Den ich so brünstig stets geliebt!“
Du ringst, o Mensch, vergebens,
Und schaffst dir Sorg und Müh'!
Die Ruhe dieses Lebens
Erringest du doch nie.
Den Bettler, wie den König
Ereilt der bange Schmerz:
Drum hoffe nur ein wenig,
Und duld', o armes Herz!
Was sehnst du dich mit Weinen
Aus dieser Welt hinweg?
Flammt Gottes Herz in Steinen
Nicht wie im Wolkensteg?
Was birgt im Meeresgrunde
Des Kiesels Flammenkleid?
Gott ist in dieser Stunde;
Gott in der Ewigkeit.
Und wollt‘ ich Flügel borgen
Vom ros’gen Sternenheer;
Gen Abend oder Morgen,
Und flög' ich über's Meer,
Wo Sonn‘ und Mond erblassen
Mit nicht'gem Purpurroth:
Doch würde dort mich fassen
Dein Arm, allmächt’ger Gott!
Lass Ruh' in dir mich finden,
Du Urquell ew'ges Licht's! {50}
Des Erdengeist's Erblinden
Zerstieb' ins alte Nichts!
Dein ist das Reich der Treue.
Was Mensch am Menschen übt,
Schafft nichts, als Scham und Reue:
Beglückt, wer Gott geliebt!
So musst‘ in jenen Trauertagen
Der edle Herr Melanchthon klagen,
Den, mit dem Schwert schon in der Hand,
Die blinde Zeit nicht mehr verstand,
Die in den Krieg sich stürzen wollte,
Der dreyßig Jahre dauern sollte.
Sie überhört im wilden Grimme
Die warnend sanfte Freundes-Stimme,
Die ihr erklang in seinem Wort.
Melanchthon aber klagte fort,
Bis ihn, gestillt sein Erdenklagen,
Gefreundter, heil'ger Engel-Schaar,
Ihn, der ja selbst ein Engel war,
Zu Gottes Schoos empor getragen. –
Ihr alle, die ihr ihn verkannt,
Hört, hört, wie an des Grabes Rand,
Als seines Lebens Pulse stocken,
Mit selig gläubigem Frohlocken,
Den Engeln Gottes durch die Luft
Sein sanfter Geist entgegen ruft:
„Nach vielen ausgestandnen Leiden,
Mein Seel'chen, sollst du endlich scheiden!
Entrückt dem Todeshass der Feinde, {51}
Und den Verfolgungen der Freunde;
Aus unversöhnter Priesterwuth,
Nimmst du, versöhnt durch Christi Blut,
Zu Gott empor nun deinen Lauf.
Was zagst du? Schwing dich fröhlich auf!"
Nach: Heil’ge Liebe, Himmelsglaube ic.
Alle:
Wie ein Vöglein, das verschlagen
Weint im stillen Ocean,
Komm, zur Heimath mich zu tragen,
Liebe, dir gehör' ich an!
Einzelne:
Vor mir fliegt die weiße Taube,
Die vor keinem Sturm erbleicht:
Weil ich an die Heimath glaube,
Hab' ich sie auch schon erreicht.
Alle:
Hab' ich deinen Wink verstanden,
Ist mein Hafen auch nicht weit
Unten seh' ich Schiffe stranden;
Mich empfängt die Ewigkeit.
So hast du endlich ausgeweint,
Melanchthon, Luthers edler Freund!
Ja, dein Verdienst ist nun erkannt!
Dein ewig theures Sachsenland,.
Nie kann es dir genug verdanken, {52}
Was du, mit göttlichen Gedanken,
Gestiftet hast, und frommen Fleiß.
Komm, sel'ger Geist, in unsern Kreis ,
Woll' uns an diesem Tag erscheinen!
Verschmäh' uns nicht, wir sind die Deinen!
Laß reiner, evangel'scher Lehr',
Erwachsen uns zu Schutz und Ehr',
Daß wir, geprüft wie du auf Erden,
Im Glauben treu erfunden werden!
Es flammt und leuchtet ja dein Wort
Noch stets in unsern Schulen fort;
Wir freu'n uns sämmtlich deiner Gaben.
So sollst du denn ein Denkmahl haben ,
So anspruchslos, und so bescheiden,
Wie du gewesen bist in Leiden,
Wie du gewesen bist in Freuden:
So soll auch dieses Denkmal seyn!
Kein Erz, kein Gold, kein Marmorstein;
Nein – frommer Kinderherzen Schaar ,
Sie sey, für jetzt und immerdar,
Melanchthons stiller Dankaltar!
Gloria!
Dir Dreyeinigkeit
In Ewigkeit!
Gloria!
Du bist und warst vor Abrams Zeit,
Und bleibest bist in Ewigkeit:
Gloria!
Leydens Belagerung
durch
die Spanier.
Einleitung.
Hierauf begab es sich, daß das Licht, was Luther in Sachsenland angezündet hatte, sich auch nach den Niederlanden und Holland verbreitete, und daß die neue Lehre daselbst viele eifrige Anhänger
fand. Die Niederlande standen aber dazumal unter der Herrschaft König Philipps II. von Spanien, der ein sehr abergläubischer Herr war, dem die Ausrottung der Ketzer als ein gottgefälliges Werk
erschien, wodurch er sich den Himmel schon auf Erden verdienen wollte. Er schickte dem zufolge einen seiner Generale mit Namen Alba nach den Niederlanden, und gab demselben eine große Heeresmacht
zur Seite. Dieser Alba verübte solche Grausamkeiten und Greuel, wohin er kam; er ließ so viel unschuldige Menschen das Schaffot besteigen, daß sein Name mit Recht ein Spott- und Schandlied für
alle Zeiten, in evangelischen {54}
Landen geworben ist. Die beyden Niederländischen Fürsten, Prinz Egmont und Prinz Oranien, lud der grausame Mann listig auf sein Schloss ein. Prinz Oranien merkte die Falle, und ging nicht; warnte
auch seinen Freund Egmont, daß er nicht gehen sollte. Egmont aber, von Natur offen, und wenig zum Argwohn geneigt, folgte der Einladung. Kaum aber daß er in Albas Gewalt war, so ließ ihn der
spanische Befehlshaber, als einen Rebellen und Ketzer, öffentlich hinrichten. Also stand es damals in den Niederlanden und in Holland, und die Gemüther waren durch den allgemeinen Schreck über
die Hinrichtung Egmonts so niedergeschlagen und eingeschüchtert, daß eine Stadt nach der andern in die Hände der Spanier überging, die sich bey diesen Eroberungen mit Mordsucht und Plünderung zu
beflecken, um so weniger Bedenken trugen, da ihnen sowohl, als ihrem König Philipp II., die Ausrottung der Ketzer, wie schon gesagt, als ein gottgefälliges Werk erschien, und der damalige Papst
und die Geistlichkeit sie auch in diesem schrecklichen, die Menschheit entehrenden, Aberglauben von allen Seiten bestätigten. Es steht aber geschrieben, wenn die Noth am größten ist, soll auch
die Hülfe am nächsten seyn. Das ist denn auch hier eingetroffen, und das Übel führte seine eigne Heilung herbey, Die Kinder, die Brüder, die Anverwandten der von dem grausamen Alba hingerichteten
Schlachtopfer, und was sonst seinem Mordschwert und sei- {55}
ner wilden Verfolgungssucht entgangen war, flüchteten sich auf kleine Schiffe, und schwammen so ohne Haus und Hof, zwischen Erd und Himmel, auf Gottes Barmherzigkeit umher. Sie wurden verächtlich
nur die Meergeusen genannt. Aber der im Himmel wohnt, hatte ihnen eine höhere Bestimmung zugedacht, und eben diese Meerbettler sollten trotz ihrem Spottnamen zu Hollands Flor und seiner künftigen
Seemacht den ersten Grund legen. Es geschah nämlich, daß diese Meergeusen ober Seebettler oft an der Küste von England frisches Trinkwasser einnahmen. Das hatten die Spanier gehört, und gingen
die Königin Elisabeth an, daß sie jenen doch diese Landung verwehren möchte. Die Königin Elisabeth, die damals mit Philipp II. in einem guten Vernehmen stand, erließ auch wirklich einen solchen
Befehl. Aber eben dieser Befehl, schlug zum größten Nachtheil der Spanier aus; denn da die Meergeusen des Trinkwassers nicht entbehren konnten, so suchten sie sich einiger kleinen Inseln an den
Küsten von Seeland und Holland zu bemächtigen, und verjagten daselbst die spanische Besatzung. So fassten sie nach und nach wieder Fuß auf Holländischem Grund und Boden, und wie sie sich zuerst
in Besitz der kleinen Inseln gesetzt: so fochten sie auch zuletzt die größeren Inseln den Spaniern ab, zu nicht geringem Verdruss dieses stolzen Volkes, das es aber nicht zu verhindern im Stande
war. Um diese Zeit geschah es auch, daß die Seebettler, die immer mäch- {56}
tiger wurden, den Held Oranien zu ihrem Oberhaupt erwählten, und dieß fiel gerade in den Zeitpunkt, wo die berühmte Stadt Leyden von der Landseite her durch die Spanier scharf und hitzig berennt
und beschossen wurde, also daß männiglich an ihrem Entsatz verzweifelte. Wenigstens waren alle Versuche die Belagerung aufzuheben, bis dahin an der spanischen Tapferkeit gescheitert. Die
Hungersnoth in der Stadt wuchs mit jedem Tage, man konnte der Uebergabe so zu sagen täglich und stündlich entgegen sehen. Da stieg in der Seele Oraniens der ungeheure Gedanke auf, alle Dämme zehn
Meilen im Umfang von Leyden zu durchstechen, und sodann mit seiner durch Meergeusen bemannten Flotte den Spanier zugleich mit der Meeresflut in seinen Belagerungsarbeiten plötzlich zu überfallen.
Viele schüttelten über diesen Plan den Kopf; die nachfolgenden Lieder aber, die nun Jedermann nach dieser Einleitung verständlich sind, werden zeigen: daß der große Mann weiter sah, als seine
Umgebung, die kleinmüthig verzagte, und zu einem solchen Heldenversuch wenig Aufopferung der Seele besaß. Die Meergeusen aber wurden durch das Feuer Oraniens hingerissen, und haben, wie wir bald
sehen werden, großes Verberben unter den Spaniern angerichtet. {57}
1. Leydens Belagerung durch die Spanier.
Nach: Heil dir im Siegerkranz etc.
Was braust an Hollands Strand?
Was treibt das Meer an's Land
So wild empor?
Dorthin, wo Zelt an Belt,
Zu Raub und Mord gesellt,
Der Spanier Wache hält
Vor Leydens Thor?
Das Holland haltet mir in Ehren!
Ihr sollt nun gleich von Leyden hören,
Der uralt' würd'gen Handelsstadt,
Wie christlich sie gestritten hat
Für Gott und Evangelium,
Zu ihres Namens ew'gen Ruhm,
In jener dunkeln Glaubenszeit,
Bis sie Oranien befreyt.
Als eingeschlossen Zelt an Zelt,
Der Spanier sie belagert hält:
Wohl bebte Jung und Alt zurück
Vor Naardens grausem Missgeschick,
Das kurz zuvor erst wenig Jahr
Alt-span'scher Mordsucht Beute war.
Zu Naarden aber dieß geschah:
Es waren span'sche Söldner da,
Die dieses Städtchen eingenommen.
Sobald sie es im Sturm bekommen,
Erlässt der Feldherr durch die Stadt {58}
Ein spanisch königlich Mandat
Des Inhalts: „König Philipp wolle
Entsagen dem gerechten Grolle,
Und den Bewohnern gern verzeih'n,
Sobald die Huld’gung sie erneun!"
Zu besserm Glaubensunterpfand
Wird gleich auch eine Kirch' genannt,
In ihr zu huldigen sofort.
Die Hospitalskirch' ist der Ort.
Das Volk mit gläub'ger Herzenstreu
Strömt, wie es dieß vernimmt, herbey.
Doch kaum daß sie mit Weib und Kind
Einmüthig dort versammelt sind,
So tritt ein Pater in's Gedränge,
Und kündet der erschrock'nen Menge:
Die Gnadenthür sey nicht mehr offen,
Es steh auf Erden nichts zu hoffen,
Es soll’, indess die Glocken läuten,
Zum Tod ein Jeder sich bereiten,
Daß er im Kirchenschooß auf's Neue,
Des ew'gen Lebens dort sich freue,
Da wegen schnöder Ketzerey,
Das Leben hier verfallen sey!
So predigte der fromme Sohn
Hochheil'ger Inquisition.
Zugleich besetzte der Wallon
Und Spanier die Kirchthür schon. –
Nachdem sie ernst und mit Bedacht
Das gottgefällige Werk vollbracht –
Sie sahn es für ein solches an. {59}
In ihrem dunklen Glaubenswahn –
Da stürmten diese Henkerschaaren,
Die des Herodes würdig waren,
Die abergläub'schen Philippsknechte,
Kreuz und Mordschwert in der Rechte,
Von allen Seiten wild herbey.
Um Kirchhof, Kanzel Sakristey,
Begann die blut'ge Metzeley;
Am heilig unverletzbar'n Ort,
Wo ward gepredigt Gottes Wort,
Wo Psalm und Lieder sonst erklingen,
Da sieht man jetzt nur Händeringen;
Selbst von dem Tisch des Herren dringen,
Von jeder Altarschwell' im Chor
Nur Todesseufzer ring's in's Ohr.
Es kann kein Mitleid sie erweichen;
Es häufen Leichen sich auf Leichen
Von ihren mörderischen Streichen;
Vierhundert Seelen an der Zahl
Verschieden unter ihrem Stahl.
O du, der ewig „Weinet nicht!"
Zu allen Töchtern Zions spricht,
Die zärtlich um dich Leid getragen,
Wie war in solchen Jammertagen,
Und bey so frevelndem Beginnen,
Mein holdes Christkind, dir zu Sinnen?
O! brach nicht in Marieus Schooß
Dein Herz vor lauter Jammer los? –
Nein, tadelt nicht, wenn man von Steinen
Erzählt, die blut'ge Thränen weinen! {60}
Hier war ein Augenblick dazu!
O steinern Menschenherz! Kannst du
Im Namen der Dreyeinigkeit
Mit Fahnen, die der Papst geweiht,
So blutig wilden Frevel üben?
Vergessen so das ew'ge Lieben,
Was Gott in's Menschenherz geschrieben?
Des Gottversöhners hohe Sendung?
O kläglich traurige Verblendung!
Gemissbraucht so zu Tempelschändung
Das Heiligste, was hier und dort.
Die Menschheit ziert, zum Meuchelmord:
Kein Wunder, daß ein jedes Wort,
Ein jeder Laut zum schärfsten Schwerte,
Wo man von solchem Frevel hörte,
Im Niederland geworden ist!
Hier lebt ein Volk ohn' arge List
An seinem friedsam stillen Heerde,
Das Gott und seinen König ehrte,
Sich mit Gewerben fleißig nährte,
Bis dieser Alba es verzehrte,
Der Wütherig, der nicht geruht,
Bis schnöd' ersäuft in Menschenblut,
Dieß fromme Lamm in span’schen Horden
Zum wilden Tiger ist geworden.
Jetzt rückt ein starkes span'sches Corps.
Vor Leyden auch; es wird zuvor
Die Stadt mit Schonung aufgefordert,
Doch aller Bürger Herz durchlodert
Ein Feuer, heller als im Sturm {61}
Des Meer's das Licht von Harlem's Thurm.
Drum wo man sich einander sah,
Da heißt's: Der span'sche Fuchs ist da,
Et dulce canit fistula!
Das ist die Antwort, die erlässt
Man auf das spanische Manifest.
Zugleich verbinden sich mit Eiden
Die Bürger in'sgesammt von Leyden:
„Viel lieber, daß mit Weib und Kind
Wir unter Schutt begraben sind,
Als daß wir dessen Gnade leben,
Der seiner hohen Huld so eben
Auf’s Neu' ein Beyspiel hat gegeben,
Da er zu Harlem eingezogen."
Zum Wall ein Drängen nun, ein Wogen:
Die Weiber hacken, schanzen, graben;
Man sieht die Mägdelein, die Knaben
Den Spaniern, welche stürmen wollen,
Feldstein' auf ihre Köpfe rollen,
Und siedend Wasser aus Casserollen
Vom Wall auf sie herunter schütten. –
Indessen wächst, wie in den Hütten,
So im Pallast die Hungersnoth,
Und den Bewohnern fehlt's an Brot.
Die wen'gen Rinder sind verzehrt,
Die durch Erfahrung klug gelehrt,
Im Schutz der alten Festung grasen,
Und, wenn die Kriegstrompeten blasen,
Zurück sich ziehen in die Stadt,
Wo kein Gewalt der Spanier hat. {62}
Die Bürger wanken auf den Straßen
Und auf den Märkten so verlassen,
So einsam, so Gespenstern gleich
Vor Hunger – doch vor Furcht nicht bleich.
Oft hat man sie sogar vom Wall
Bey muthigen Trommetenschall
Den Spaniern verkünden hören:
„Viel lieber woll'n wir Gott zu Ehren
Hier unsern rechten Arm verzehren,
Und zum Gefecht den linken nehmen,
Als je uns span'schen Joch bequemen,
Wärt ihr zehntausend an der Zahl!"
So traurig stand es dazumal
Um Leidens hochberühmte Stadt,
Die später Gott begnadet hat,
Daß sie mit Werken und mit Worten
Ein schöner Leuchtthurm ist geworden
Im Reich des Wissens für und für.
Gott schütze dieses Kleinod ihr,
Das sie im bösen Sturm der Zeit
Durch Kriegesnoth und Tapferkeit
So fromm und männlich sich errungen!
Drum sey ihr auch dieß Lied gesungen. {63}
II. Leydens Entsatz durch die Meergeusen..
Ha stolzer Spanier du!
Nun schwimme muthig zu,
Verlass dein Zelt.
Du schwammst ja sonst so gut
In Naardens Bürgerblut!
Nun sich, ob diese Fluth
Dir auch gefällt.
Als jeder Stern am Himmel schwand,
Da streckt Bataviens Volk vom Strand
Die Händ' empor zum wilden Meer
Und ruft verzweiflungsvoll: Erhör
Uns, wildes ungestümes Meer!
Vergiss, daß unser Küstenland
Durch Schleus' und Damm dich einst verbannt:
Schütz und beschirme dein Holland! –
Und sieh – das alte graue Meer,
Giebt seiner Kinder Wunsch Gehör,
Und lässt zu Plünderung und Raub,
Für Mitleid und Erbarmen taub
Ein kühn Geschlecht aus seinem Schooß,
Die unerbittlichen Geusen los,
Meerbettler wurden sie genannt;
Kein Spanier fällt in ihre Hand
Er bettle noch so sehr um's Leben,
Es wird ihm kein Pardon gegeben.
Ihr Anblick selbst, macht Furcht und Graun,
Sie sind fast wie das Meer zu schaun. {64}
Wie ein im Sturm zerschlag'nes Wrack;
Sie trinken Menschenblut wie Rack,
Sie nennen Türken ihre Hunde
Und füttern sie zur bösen Stunde
Mit span’scheu Fleisch. Zu Kohl‘ geschwärzt,
Hat alle sie der Tod geherzt.
Dem fehlt ein Arm, dem fehlt ein Fuß,
Dem nahm sein Aug' hinweg ein Schuss. –
Sie achten's nicht, sie fechten fort,
An ihrer Raubschiff engem Bord:
Sie wissen nichts als Spanier jagen,
Und Leib und Leben dran zu wagen.
An ihrem spitz'gen Filzhut tragen,
Weil Türk‘ und Geuse Niemand schont,
Sie einen türk'schen halben Mond
Und eine Messinginschrift dran:
„Weit lieber Türk'sch als Päpstlich Mann!"
So würfeln sie ihr Leben aus
Auf offner See, ohn' Hof und Haus;
So rauh ist diese Männerschaar,
Wie's Clement, das sie gebar:
Kein Mitleid findet je Gehör;
Es sind die Spanier auf dem Meer.
Als nun die Trauerpost erscholl
Gen Delft, gen Rotterdam und Zwoll,
Von Leydens großer Kriegesnoth,
Wie wild der Spanier es bedroht,
Da fand den Weg durch Schilf und Rohr
Die Kund' auch zu der Geusen Ohr,
Die Held Oranien kurz zuvor {65}
Erwählt zu ihrem Oberhaupt.
Als aller Hoffnung nun beraubt,
Fast Niemand an Entsatz mehr glaubt,
Da fasst Oranien, kühn und groß,
Als stieg er aus des Meeres Schooß,
Den Leviathan von Gedanken,
Dem Holland muss die Rettung danken.
Zehn Meilen weit, will's Gott der Herr,
Mit seinem Geusenvolk will er
Die alten Dämme rings durchbrechen;
Und wenn aus Teichen, Strömen, Bächen,
Aus Schiffen, Kähnen, Nachen, Grahmen,
Die aus dem alten Seeland kamen,
Nun links und rechts, und kreuz und quer
Geworden ist ein neues Meer,
Ein' neue Flott: gedenket er
Mit dieser Sündfluth fort zu stürmen,
Bis, angelangt zu Leydens Thürmen,
Die Fluthen an den Pallisaden
Der span'schen Knechtschaft sich entladen.
So spricht zu seiner Geusenschaar,
Die um ihn her versammelt war,
Oranien feurig, wild und klar
„Nicht dazu haben Damm und Graben
Kühn unsre Vorfahr'n sich gegraben,
Daß hier ein Spanier herrschen soll,
Dem Ihr in Demuth bringt der Zoll
Ich meinerseits gedenke wohl:
Wenn wir ihm auf dem Nacken sitzen,
Soll Leydens Holm ihm wenig nützen; {66}
Das Seiderwoud mit allen Blitzen,
Die es geschleudert rings umher,
Ersäufen wir zuletzt im Meer!“
So sprach Oranien groß gesinnt
Und um ihn schrien Weib und Kind:
„Oranje boven! da myn Heer!
Führ' uns, wir sind das wilde Meer!“
Gar bald erwuchs, nun, Riesen gleich,
Sturm, Sündfluth, Meer und Schiff zugleich
Zum ew'gen Ruhm dem Meeresgotte,
Dir aber Spanier zum Spotte!
Die Geusen schritten rasch zu Werke
Vollenden's kühn mit Männerstärke.
Schon sieht vereinigt man die Seen
In Thal und Berg zusammen geh'n;
Die Häuser und die Mühlen, schwinden,
Die Kirchen sind nicht mehr zu finden
Allein so lang' kein Wind regiert,
Der ihre Schiff‘ Land-einwärts führt
Ist noch an Landung nicht zu denken.
Schon zagten sie. Seit Menschen denken
War keine größ're That gewagt.
Doch plötzlich heißt's: „Batavia flaggt!“
Ein günst’ger, Wind ist aufgestiegen;
Die Losung hören mit Vergnügen
Die Schiffe, die vor Anker liegen,
Und aller Geusen Segel fliegen –
Am Himmel hängt gestirnt die Nacht;
Der Spanier steht auf seiner Wacht,
Und meldet seinen Kriegsgesellen: {67}
Des Wassers Stand beginn zu schwellen;
Es hebe sich der Teich und Fluss
Unmerklich unter seinem Fuß.
Erst kam es langsam nur geflossen;
Doch plötzlich kommt's im Sturm geschossen,
Und sie versinken bis an's Knie.
Ha! Wer entfliehen kann, entflieh!
Das Meer entreißt sich den Gestaden;
Schon heben sich die Pallisaden
Von seinen Wellen, Stoß auf Stoß
Aus ihrem alten Bollwerk los;
Die Pfähl' in den Gezelten weichen;
Man sieht die Tapfersten erbleichen.
Ein allgemeines Angstgeschrey!
Den Wall, die Dämme, die Bastey
Erklettert man, um sich zu retten.
„Sie kommen, uns in's Meer zu betten!
Die Geusen kommen, sie sind da
Erscholl ein Angstruf fern und nah.
Und wie dieß Wort noch kaum geschah,
So waren auch die wilden Geusen
Schon bey der Hand mit Fischerreusen,
Mit Haken und Harpunenspitzen,
Und andern scharfen Mordgeschützen;
Die warfen sie nach allen Seiten;
Es war ein Angeln, nicht ein Streiten:
Verloren gingen Ross und Mann,
Und trieben wild zum Ocean.
So hat der Fischer alt Gesetz
Den Spanier im Todesnetz {68}
An seinen Küsten einst gefangen;
Das Eisen ist zu Grund gegangen:
Mit ihm des Fremdlings Sclaverey,
Und Holland ist nun wieder frey!
Wir Geusen insgesammt,
Von Heldenmuth entflammt,
Wir sind's, die nahn!
Hier ist das alte Meer,
Hier Seeland's grimm'ger Bär!
Mit Kindern nun nicht mehr
Mit uns bind' an!
Wir Geusen fischen nun
Mit Haken und Harpun
Im span'schen Teich.
Hört ihr die Mägdlein schrey'n?
Soll Holland wüste seyn:
So mag's verfallen seyn -
Dem Meer, nicht Euch! {69}
Die Armada
oder
Spaniens unüberwindliche Flotte.
I. Spaniens Rüstung gegen England.
Ein' feste Burg ist unser Gott,
Ein' gute Wehr und Waffen;
Er hilft uns frey aus aller Noth,
Die uns jetzt hat betroffen.
Der alte böse Feind,
Mit Ernst er's jetzt meynt;
Groß Macht und viel List
Sein grausam' Rüstung ist, –
Auf Erd' ist nicht sein's Gleichen!
Fünfzehn hundert im drey und achtzigsten Jahr,
Als Philipp König in Spanien war,
Wie in der Chronik geschrieben steht,
Und Königin Elisabeth
In England klug das Scepter führte,
Und stolz ein Männervolk regierte:
Geschah's, daß auf Hispaniens Thron
Der Philipp, Karl des Fünften Sohn –
Nachdem er alles schon versucht, {70}
Das Volk in jener Meeresbucht
Zu christlich röm'schen Glaubenslehren
Durch Schwert und Feuer zu bekehren,
Und alles wenig nur gefrucht't –
Arglistig den Gedanken fasste,
Die Ketzer, die er tödlich hasste,
Durch einen Machtstreich auszurotten.
Er wollte zu dem Ende Flotten,
Wie sie kein Auge je thät schauen
In seinen Häfen sich erbauen;
An Umfang und Geschützesstärke
Und Größe – wahre Riesenwerke.
Fünf Jahre trug er mit Bedacht
Dieß Unternehmen Tag und Nacht
In so geheimnissvoller Brust,
Daß Niemand in Europa, wusst
Wem diese seltne Rüstung wohl
In span’schen Häfen gelten soll. –
Recht wie ein Tiger Tage lang
Im Busche, lau'rt auf seinen Fang,
Bis Zeit zum Sprung ist – wo mit Hast
Sodann er seine Beute fasst:
So lauert auch im Escurial
Der Philipp froh auf Englands Fall,
Nach dem er schon die Zunge leckt;
Wiewohl er, spanisch tief versteckt
Mit niederländ’schem Blut befleckt,
Den Tigersprung, den er aufs Neu
Zu wagen denkt, voll Heucheley
Noch vor den Augen aller Welt {71}
In Dunkelheit verborgen hält.
Doch Englands Volk ergreift ein Ahnden:
Der König, tief im Herzen Groll
Und düstern Aberglaubens voll,
Er möcht' an seinen Küsten landen.
Und diese Ahndung, wie man sah,
Kam ihrem Ziel auch ziemlich nah. –
Nun zittre, kleines Häuflein du
Des neuen Glaubens Volk! wo du
Seit Zwingli's und Lutheri Tagen
Den Wohnsitz irgend aufgeschlagen,
In Schwaben oder Sachsenland:
Trifft erst der Blitz Alt-Engelland,
So wird er auch mit seinem Brand
Und seinen grausen Feuerzeichen
Dich, wo du bist, gar bald erreichen.
Was evangelisch drum gesinnt,
Das bete fromm mit Weib und Kind:
Daß Gottes Güt‘ und Vatertreu
Von span'scher Glaubenstyranney
Das neue Israel befrey‘!
Indessen ging im span’schen Port
Die Rüstung unablässig fort;
An Tau und Eisen aller Art,
Wie an Geschütz, wird nichts gespart.
Viel kunstverständ'ge Zimmerleut,
Die herbeschieden weit und breit,
Hört man zum fröhlichen Gelingen
Äxte auf den Werften schwingen,
Daß Schlag auf Schlag die Lüft‘ erklingen {72}
Von Potosi und Mexiko
Das Gold verschwendet Philipp froh,
Mit abergläubisch frommen Händen,
Die Ketzerey an allen Enden
In ihrem Mittelpunkt zu enden.
So fehlt's auch nicht an Volk. Man sieht
Wie in der Königsstadt Madrid
Des span'schen Adels erste Blüth',
Umringt von zwanzig tausend Mannen,
Die Flotte schneller zu bemannen,
Dem König ihren Dienst empfahl. –
Doch diese kleine Menschenzahl
Genügt dem stolzen Philipp nicht,
Der herrisch dieß Befehlswort spricht:
Prinz Parma, seines Meisters werth,
Des Alba, der die Welt verheert,
Er soll, wie Philipp es begehrt,
Mit andern dreysig tausend Mann
Dünkirchens Hafen plötzlich nah'n,
Am Bord der Flotte zu befehlen!
So daß nur wenig schien zu fehlen,
Daß aus der schönen Themse Strand
Nicht wird ein zweytes Niederland –
Allein nicht bloß an Munition,
Soldaten, Pulver und Kanon,
Und Gegenständen diesen gleich,
Ist Spaniens Wunderflotte reich.
Die heil'ge Inquisition
Die ihre Marterwerkzeug‘ schon
Im Bund mit Alba's rohen Banden {73}
Erprobte in den Niederlanden,
Sie hat dieselben mit Bedacht
An Bord der hohen Schiff‘ gebracht,
Um nach erfolgter Landung auch
Den fromm' gottseligen Gebrauch,
Durch Feuer Ketzer zu bekehren,
In England öffentlich zu lehren.
Unzähl’ge Mönch' und Kapuziner,
Der Kirche gläubig fromme Diener,
Jesuiten eine ganze Schaar,
Und viele schon mit grauem Haar,
Sie achten nicht des Meers Gefahr;
Sie eilten an der Schiffe Bord,
Um Gottes und der Kirche Wort,
Dem ganz sie ihre Dienste weihten,
In England auch von allen Seiten
Durch Schwert und Feuer zu verbreiten.
So weit der Messner in der Welt
Sein „Deus sit vobiscum“ schellt,
An allen röm'schen Bet-Altären
Sind Mess auf Messen nun zu hören:
Daß Gott der Mutterkirch auf's Neue
Durch König Philipp Sieg verleihe!
Auch war man dessen so gewiss,
Daß, eh' die Flott' ihr Werft verließ,
So ward sie an Hispaniens Strand,
Unüberwindlich schon genannt.
Wie sollt‘ auch Gott, was am Alter
So heiß erfleht von Gläub’gen war,
So viel Gebeten ohne Zahl {74}
Und Rosenkränzen, hundert mal
Des Tags gerollt in frommen Händen,
So vielen theuern Opferspenden,
Sein Ohr verschließen ganz und gar?
Und bey so dringender Gefahr
Vor aller Welt, und offenbar
Den Racheblitz in seinen Händen
Sich auf der Ketzer Seite wenden? –
Und doch geschah es so. – Schon rollt
Sein Donner fern, und Philipps Gold,
Es dient zu nichts, als Spaniens Stolz,
Der Eisen, Segeltuch und Holz
Unüberwindlich wagt zu heißen,
Wie Glas an Felsen zu zerschmeißen.
Den großen spanischen Coloss,
Der rings bedeckt des Meeres Schooß
Mit seiner Segeln, seinen Masten,
Die manche Stund‘ im Umfang fassten,
Hält im verweg'nen Siegeslauf
Die kleine Flott' Alt-Englands auf. –
Dieselbe Flotte war nun zwar
Von außen klein und unscheinbar,
Allein sie trug in ihrem Kern
Gar manchen ritterlichen Herrn;
Worunter, Lorbeern in dem Haar,
Der Weltumsegler Drak‘ auch war,
Der kurz zuvor an Spaniens Strand
Dem König hundert Schiff‘ verbrannt.
Held Seymour auch, ein edler Lord,
Er focht an dieser Schiffe Bord; {75}
Karl Howard, Martin Frobischer,
Sie standen Mauern gleich im Meer;
Sie wichen und sie wankten nicht
Von ihrer edeln Seemannspflicht,
Bis Spaniens Flotte ganz und gar
Zerstreut an allen Küsten war,
Und in dem ungestümen Meer
Wie Spreu im Winde trieb umher.
Dess danken wir zu jeder Zeit,
Wir evangel'schen Christenleut,
Dir Vater der Barmherzigkeit!
Drum stimmt ihn an, den Jubelsang,
Die Nord- und Ostseeküst‘ entlang!
Ihr Enkel jener grauen Zeit,
Die ihr noch nicht geboren seyd,
Kömmt aus der Väter frommen Munde
Zu euch in Zukunft diese Kunde
Von Elbe, Neckar, Rhein and Mayn,
So stimmt im muthigen Verein
In dieses Heldenlied mit ein:
Und wenn die Welt voll Teufel wär’,
Und wollt' uns gar verschlingen:
So fürchten wir uns nicht so sehr
Es soll uns doch gelingen!
Der Fürste dieser Welt,
Wie sauer er sich stellt,
Thut er uns doch nicht;
Das macht, er ist gericht't:
Ein Wörtlein kann ihn fällen. {76}
II. Englands Sieg über Spanien.
Noch liegt die Flott‘ in Spaniens Hafen,
Und Gottes Racheblitze schlafen,
Die Philipps Thron nun bald erreichen;
Doch fehlt es nicht an Himmelszeichen,
Die warnend klopfen bey ihm an,
Damit er seinem stolzen Plan
Entsagen soll. Allein sein Wahn
Hat ihn mit Hochmuth so bethört,
Daß er auf keine Warnung hört. –
Das erste Zeichen, das geschah,
Und Schrecken brachte fern und nah,
War, als des König Philipps Wahl
Zum ersten Flotten-Admiral
Den edlen Santa Croce wählte,
Daß gleich ihn drauf der Tod entseelte.
Der Santa Croce war im Land
Als tapfrer Seeheld wohl bekannt,
Der glorreich auf dem Ocean
Lepanto's Seeschlacht einst gewann.
Doch Philipp bleibt gefasst. Er hält
Dieß bloß für Zufall, und es fällt
Sein Aug’ auf einen andern Held
Den tapfern Degen Pallano,
Der dem Geschick auch nicht entfloh,
Das Todesnetze weit und breit
Für alle Spanier hält bereit,
Die dem Tyrannen sich bequemen,
Und Theil an seinem Frevel nehmen. {77}
Auch dieser zweyte Admiral
Eh er der Flotte das Signal
Zur Landung in Brittanien gab,
Legt sich zu Santa Croc' – in's Grab.
Dem Herzog von Sidonia
Befehl vom König nun geschah:
Daß er den Platz, der durch die Bahr
Nun zwey mal schon erledigt war,
Besetzen soll durch seinen Rang
Und seines hohen Namens Klang,
Wiewohl der Herzog ganz und gar
Kein Kriegsmann und kein Seeheld war;
Ein Umstand, welcher offenbar
Sein Leben schirmte vor Gefahr,
Ja, sich vielleicht als Grund erwies,
Daß ihn mit seinem goldnen Vließ
Der Himmel gnädig leben ließ. –
Die Flotte war nun segelfertig,
Und ihrer weitern Fahrt gewärtig;
Es fehlt nur bloß an günst'gem Wind.
Auch dieser stellt sich ein. Schon sind
Die stolzen Segel aufgezogen,
Der Kiel durchschneidet frisch die Wogen.
Sieh, da erhält der Admiral,
Zuletzt aus dem Escurial
Noch eine Order, welche er,
Gemäß des Königes Begehr,
Erst öffnen soll auf hohem Meer!
Sie ist nach alter span’scher Art
Mit Siegeln fest und wohl verwahrt. {78}
Doch in demselben Augenblick
Wird von dem ernsten Weltgeschick
An Philipp auch ein Brief entsiegelt:
Ein Sturmwind rasch und wild beflügelt
Jagt seine Linienschiff im Meer
In Blitz und Donner so umher,
Daß Viele keine Rettung fanden,
Und an den eignen Küsten stranden.
Das war den span’schen Königreichen
Das dritt' und letzte Warnungszeichen
Von Gottes Händen offenbar
Mit Blitz geschrieben hell und klar
Am Pol, den Donnerwolken schwärzen.
Doch Pharao's verstocktem Herzen,
Dem Philipp, der von Wahn bethört
Mehr auf den Papst, und was er lehrt,
Als auf den Himmel selber hört,
Blieb auch dieß Zeichen unverständlich;
Bis Gottes Strafgericht ihn endlich
Zu immer höherm Zorn entbrannt,
Zerschmetterte an fremdem Strand.
Verblendet trieb er's mehr als je
Daß seine große Flott’ in See
Mit nächstem günst’gen Winde steche,
Und ihn an Englands Hochmuth räche.
Doch um den Feind in Sicherheit
Zu wiegen ob der Landungszeit,
Geschah es, daß nach Ost und West,
Er das Gericht verbreiten lässt:
Daß in zwey Monden oder drey {79}
An Landung nicht zu denken sey,
Da von erlittner Haverey
Die Flotte sehr beschädigt sey.
Das England, sonst im Krieg so klug,
Misst diesem spanischen Betrug
Für diesmal wirklich Glauben bey,
Führt sein Geschwader in die Bay,
Als ob nichts mehr zu fürchten sey,
Nach allem, was sich schon begab,
Und takelt seine Schiffe ab.
So stellt's dem Überfall sich bloß;
Allein, wie unbeschreiblich groß
War die Bestürzung, das Geschrey,
Als Ende July in die Bay
Ein wilder schottischer Corsar
Der Schreckenspost Verkünder, war:
Die span'sche Flotte sey in See,
Und segle schon auf Englands Höh!
Doch allzu lang verweilt der Schreck
Auf keinem englischen Verdeck;
Er bricht, wo er nur immer kann,
Bald wieder freyem Muth die Bahn.
So wie es denn auch hier geschah:
Ein tausendstimmiges Hurrah.
Erschallte von der Flotte Bord,
Die still bis dahin lag im Port.
Zum Schiff wird jeder Fischerkahn,
Und jeder Knabe wird zum Mann,
In diesem ernsten Augenblick,
Wo England naht ein groß Geschick; {80}
Im Huj sind in den wilden Wogen
Bramstäng' und Segel aufgezogen.
Schon ist der Feind im Angesicht
Von Englands Küsten; aber nicht
Auf diese, sondern den Kanal
Entlang, hält Spaniens Admiral,
Wie Philipps Order ihm befahl,
Dünkirchen zu, der Schiffe Lauf,
Daß er den Parma nähme auf.
Die Flott Alt-Englands folgt gemach
Dem Spanischen Geschwader nach,
Und schießt die Segel ihm entzwey,
Und macht ihm arge Haverey,
Weil sie im wilden Ocean
Sich zehn mal eher wenden kann,
Als diese ungeheuern Massen,
Die auf Gefecht sich einzulassen
Im Nachtheil sind, weil ihr Geschütz –
Was, wie es schien, des Spaniers Witz
Als ein zufällig Nebending
Beym Bau der großen Schiff’ entging –
So hoch auf den Lavetten steht;
Daß über'n Feind hinweg es geht
Indess vom Feind ein jeder Schuss
Nur um so sichrer treffen muss,
Da Segel und Verdeck und Kiel
Demselben beut ein doppelt Ziel.
Der Weltumsegler Drak‘ bemerkt
Dieß allererst, und schnell verstärkt
Er seinen Cours im Ocean; {81}
Und greift nach wohl durchdachtem Plan
Ein Kriegsschiff aus Sevilla an,
Das Pedro Valdez commandirte,
Und das den Schatz am Borde führte.
Erst schießt er ihm den Mast Meer,
Und dann die Segel hinterher
Entzwey; und wie in Stücke diese,
Nimmt er das Schiff als gute Prise.
Der span'sche Flotten-Commandant,
So sehr er den Verlust empfand,
Da er ihn nicht verhindern konnte,
So richtet er am Horizonte
Die Segel all', die vor dem Wind
Vom Feind noch nicht durchlöchert sind,
Im schnellen Cours zum Niederland,
Und macht dem Parma gleich bekannt:
„Daß er an seiner Schiffe Bord
Mit zwanzig tausend Mann sofort
Ihn aufzunehmen sey bereit!"
Worauf ihm Parma dieß entbeut:
„Er sollte in der Meeresbucht
Das Geusenvolk erst in die Flucht
Mit seinen Räuberschiffen schlagen,
Die quer vor Dunkirchs Hafen lagen;
So wie die Sache jetzo steh,
Hieß es, die spanische Armee
Aus ihren sichern Standquartieren
Bei Dünkirch' und Ostend', zur See
Gewissem Tod entgegenführen."
Auf diesen deutlichen Rapport {82}
Ruckt Spaniens Admiral sofort
Dünkirchens Hafen etwas näher.
Wie dieß bemerken Englands Späher,
So nahmen sie, der Schwenkung froh,
Im Meer gleich ihre Stellung so,
Daß Spaniens Flott' an Dünkirchs Strand
Der Flotte aus dem Niederland
Und ihrer gegenüber stand;
So daß sie gleichsam ungeahnd't,
Weil sie die Falle nicht vermied,
Sich zwischen zweyen Feuern sieht.
Indess entstieg des Meeres Schooß
Die dunkle Nacht, als der Matros‘
Alt-Englands, der verweg'ne Britte,
Recht in der spanischen Flotte Mitte,
Acht alte Segelschiff entsandte,
In welchen Pech und Schwefel brannte:
Ein Anblick wild und schrecklich schön,
Dessgleichen man noch nie gesehn.
Am Horizonte kreuz und quer
Erglühten Himmel, Schiff und Meer
Im rothen Wiederschein umher,
„Antwerpens Feuer!" riefen gleich
Die spanischen Soldaten bleich,
Die Alten, die vor wenig Jahren
Die schreckenbringenden Gefahren
Von solchen Brandern schon erfahren.
Kein Schiff hört auf den Admiral,
Und was er im Tumult befahl;
Ein jedes ist in dunkler Nacht {83}
Auf eigne Rettung nur bedacht.
Man kappt die Anker, und versucht
Sein Heil in allgemeiner Flucht.
Der Sturmwind ras't – die Wellen tosen;
Und wie sie auf einander stoßen
Bey sternenlosem Horizonte,
Beschäd'gen sie auf offner See
Sich heft'ger, als ein Feind wohl je
Bey Tagslicht sie beschäd’gen konnte.
Indess im Meere dieß geschah',
Liegt Englands' Flott', und ihr ganz nah'
Die Niederländ'sche Flotte da,
Wo man die größte Ordnung sah.
Das seeerfahrne Schiffsvolk hält
Mit jenem Muth', der in der Welt
Kein Ding dem Zufall überlässt,
Auf seiner Seite ankerfest
In Blitz und Sturmwind sich beysammen;
Man sieht die Schiffslaternen flammen,
Und es erschallt die Küst‘ entlang,
Gar mancher fromme Schiffersang,
Wie ihn die Schiffer Gott zu Ehren
Bey Sturm und Schiffbruch lassen hören.
Weise: Nach dem Sturme fahren wir etc.
Wie mit grimm'gem Unverstand
Wellen sich bewegen!
Nirgends Rettung, nirgends Land
Vor des Sturmwinds Schlägen!
Einer ist's, der in der Nacht, {84}
Einer ist's, der uns bewacht!
Christ, Kyrie!
Du schlummerst auf dem See!
Wie vor unserm Angesicht
Mond und Sterne schwinden!
Wenn des Schiffleins Ruder bricht,
Wo nun Rettung finden?
Wo sonst, als bei dem Herrn?
Seht ihr den Abendstern? –
Christ, Kyrie!
Erschein‘ uns auf dem See!
Einst, in meiner letzten Noth,
Lass mich nicht versinken!
Sollt' ich von dem bittern Tod
Well' auf Welle trinken:
Reich mir dann liebentbrannt,
Herr, deine Glaubenshand!
Christ, Kyrie!
Komm zu uns auf dem See!
Der Spanier ruft im Ocean
Indess die Mutter Gottes an.
Die Mönche singen ihr Latein,
Die Heil'ge möcht' ihr Beystand seyn,
Um mit dem Christkind im Verein
All', die zu ihr um Hülfe schreyn,
Vom nahen Schiffbruch zu befreyn. {85}
Nach: O du fröhliche etc.
O sanctissima!
O piissima!
Dulcis virgo Maria!
Mater amata,
Intemerata,
Ora, ora pro nobis!
Wie früh sein Lied der Hahn gekräht,
Und bey aufgeh'nder Morgenröth
Die Englisch' Admiralität
Der span'schen Flotte Zustand sah,
Und was zu Nacht mit ihr geschah:
So wird von allen unverdrossen
Ein Angriff gleich auf sie beschlossen.
Von vier Uhr früh begann die Schlacht,
Und währte spät bis in die Nacht.
Die Spanier fochten Löwen gleich;
Der Muth war, doch das Glück nicht gleich:
Das stand an diesem Tag in Streite
Dem Brittenvolke stets zur Seite.
Zwey kleine englische Pinassen,
Sie wagen es beherzt und fassen
Ein Linienschiff wohl ausstaffirt,
Das tausend Mann Besatzung führt,
Sogleich von hinten und von vorn,
Und bald darauf ist's auch verlor'n.
Der Commandant des Schiffs erhält
Eine Kugel durch den Kopf und – fällt.
Dem Schiffsvolk auch, so groß die Zahl, {86}
Bleibt in der Noth kein andre Wahl,
Als blutig über Englands Klingen,
Wo nicht in's offne Meer zu springen.
Crosse, dieser tapfre Capitain,
Hat sich ein Kriegsschiff auch ersehn,
Ein prächtiger Biscajer war's,
Bemannt vom stolzen Kriegsgott Mars
Mit tausend Mann Besatzung auch;
Das bohrt in Pulverdampf und Rauch
Der tapfre Capitain zur Stund
Durch sein Geschütz in Meeresgrund.
Noch waren ein Paar Schiffe da,
Sanct Philipp aus Hispania
Und Sanct Matthäus zubenannt,
Auf diese stürmte muthentbrannt
Der englisch Admiral nun los,
Und ruht nicht, bis er steuerlos
Im Meer sie ganz und gar zerschoss,
Und die Besatzung auf den Strand
Gejagt vom schönen Niederland,
Wo, was nicht sank durch Feindes Hände,
Sich auf die Dünen von Ostende
Noch rettete zum guten Glück.
So ungleich fiel des Tags Geschick
Dem tapfern Spanier zum Loos,
Der langsam sich und mit Bedacht,
Nach heldenmüth'ger, bis zur Nacht
Durchfochtner, kühner Männerschlacht,
Zu einem Rückzug erst entschloss.
Dieß aber war der neue Plan, {87}
Der für die Flott' im Ocean,
Sobald sie tritt den Rückzug an,
Die Admiralität ersann.
Es setzt der span’sche Admiral
Mit zwanzig Schiffen an der Zahl
Auf nächstem Wege zu der Bay
Biscajas alle Segel bey;
Indessen er der Flotte Rest
Um Irlands Küsten segeln lässt,
Trinkwasser, welches fehlt am Bord,
Wo möglich einzunehmen dort.
Allein des Schicksals schwere Hand
Ergreift noch ein Mal an dem Strand
Von Irland, nah bey den Orkaden,
Die span'sche Flott', und es entladen
Die Himmel so gewitterschwer
Mit ihren Wolken sich in's Meer,
Daß wiederum bey tausend Mann
Ihr Grab im wilden Ocean
Und seinen dunkeln Wellen fanden;
Und alle andern, die beym Stranden
In den verborg'nen Meeresbuchten
Ans Land zu retten sich versuchten,
Schlägt grimm'ger, als des Schiffbruchs Noth,
Das rauhe Volk von Irland todt.
Selbst angelangt in span'scher Bay,
Im Hafen, noch ergrimmt auf's Neu
Der dunkeln Rache Geist, und zwey
Der größten Schiffe, die es gab,
Sie brennen bis auf's Wasser ab, {88}
Als wären sie von selbst entzündet.
Kein Grand in Spanien sich findet,
Der ob dem großen Landesleid
Nicht irgend trägt ein Trauerkleid
Für einen Neffen oder Sohn,
Der sich geopfert Philipps Thron.
Doch Philipp kürzt die Trauerzeit
Durch ein Mandat, das streng gebeut:
„Das Missgeschick von jenen Tagen
So feige nicht zur Schau zu tragen,
Weil es den span'schen Stolz verletzt!"
Das war das Ende denn zuletzt
Vor jener span'schen Wunderflotte,
Die ganz Europa nun zum Spotte
Auf allen Klippen rings im Meer
Zerschlagen, stückweis hing umher.
So gingen in dem Ocean
Dem Philipp zwanzig tausend Mann,
Nebst siebzig Schiffen auserkoren,
In Einer wilden Nacht verloren.
Das that der Herr von seinem Sitz,
Dem Hagel, Donner, Sturm und Blitz
Sein' Engel hehr und wunderbar,
Die ihm nun schon manch tausend Jahr,
Von keinem Menschenaug' ersehen,
So oft er winkt, zu Diensten stehen.
Ihm singt ein Lied mit Jubelschall,
Ihr Erdenvölker allzumal!
Der Herr dort im Escurial {89}
Mit seinen Dienern ohne Zahl,
Er ist kein Herr der Elemente,
Der ihrem Grimm gebieten könnte ;
Und Feuer, Wasser, Wind und Luft,
Sie kommen nicht, wenn Philipp ruft.
Was hilft dir, wenn der Donner rollt,
Du armer Philipp, all' dein Gold? –
Was, frommt dir, zürnt der Ocean,
Dein blinder wüth’ger Glaubenswahn? –
Dein Stolz, dein Pabst, dein Vatikan?
Dein Inquisitor – Großvikar?
Und deine Kapuzinerschaar?
Dein' Jesuiten an der Zahl
Sechs hundert sechzig allzumal,
Die mit zu Schiffe gingen all'? –
Sie können ja des Sturmwinds Wüthen
Im wilden Meere nicht gebieten!
Sie können nicht den Blitz beschwören,
Und deiner Flotte Schiffbruch wehren!
Der Herr ist Gott! der Herr ist Gott!
Er macht der Stolzen Muth zu Spott;
Beschirmt die Fürsten fromm und gut.
Doch wenn im stolzen Übermuth
Sie Götter sich bedünken schon,
Zerbricht er plötzlich ihren Thron,
Und straft, weil Tugend sie und Recht
Mit Füßen traten, ihr Geschlecht,
Das oft geherrscht Jahrhundert‘ lang,
Durch einen schnellen Untergang. {90}
Mit unsrer Macht ist nichts gethan;
Wir sind gar bald verloren:
Es streit't für uns der rechte Main,
Den Gott hat selbst erkoren.
Und fragst du, wer der ist?
Er heißt: Jesus Christ,
Der Herre Zebaoth;
Und ist kein andrer Gott:
Das Feld muss er behalten. {91}
Christus.
Ein Welten-Hymnus.
Gesang.
Alle.
Heil'ge Liebe, Himmels-Glaube,
Reinen Seelen nur bewusst;
Abendstern aus Edens Laube,
Komm, erleucht' uns Herz und Brust.
Einzelne.
Liebe, die im Chor der Engel
Vor dem Thron des Ew’gen steht;
Aber auch dieß Land der Mängel
Zu besuchen nicht verschmäht.
Liebe, die du selig spieltest
Im gestirnten Aufenthalt,
Und den Abriss schon enthieltest
Aller künftigen Gestalt.
Alle.
Ja, bevor die Sonne kreiste;
Und dem Mond ihr Licht entbot:
Da erglänzt‘ im ew'gen Geiste,
Liebe, schon dein Morgenroth. {92}
Einzelne.
Edens Blumen, Edens Bäume
Sahn zuerst dein Angesicht;
Rauschten durch die Himmelsräume
Dir ein Lied – und wussten's nicht.
Alles, Alles ist geworden,
Heilig unerschaffnes Wort,
An den seligen Accorden
Deines Othems, hier und dort.
Alle.
Ja, dein Othem ist das Kosen,
Das des Frühlings Knospen schwellt,
Das entlockt dem Erdball Rosen –
Cherubim dem Sternenzelt.
Rede.
Pharaonis Burgen trauern,
Öd' und wüst‘ ist Tyrus Strand,
Und es brennen Sidons Mauern,
Weil die Herzen erst verbrannt.
Wo die Macht, die deiner gleiche? –
Vor dir wandeln auf und ab
Die Gestirn', und Königreiche
Pflückest du wie Rosen ab.
Oder wär's nicht deine Stimme,
Die erklang mit süßem Ruf,
Die gebot des Wolfes Grimme,
Als uns Rom Verderben schuf? {93}
Da, in Selbstsucht ganz verloren,
Rom des Wolfes Beute war:
Da, da wurdest du geboren,
Lamm auf Gottes Sühnaltar.
Millionen müssen bluten,
Daß das ew'ge Rom besteht,
Und der Nil, des Euphrats Fluthen
Huld'gen seiner Majestät.
Einer starb für Millionen,
Starb, durchs Kreuz zum Gott verklärt;
Gnad', Erbarmen und Verschonen
Hat sein Beyspiel uns gelehrt.
Und die röm'sche Kriegsdrommete,
Die der Burgen viel bezwang,
Wich dem Schall der Hirtenflöte,
Die zu Bethlehem erklang.
Und der Goth' und der Vandale
Stürmen laut zum Tiberstrom:
Da begräbt im deutschen Thale
Seine sieben Hügel Rom.
Sterne werden wohl erbleichen;
Aber nie der Liebe Macht,
Die den Völkern, die den Reichen
Solchen Untergang gebracht.
Zwey Mal ist der Wolf gestorben
Von des tapfern Deutschen Hand,
Der sich ew'gen Ruhm erworben,
Daß sein Stahl ihn überwand. {94}
Frevelnd büßt' er sein Beginnen,
Da er Hermanns Schlacht versucht';
Vou der heil'gen Wartburg Zinnen
Schlug ihn Luther in die Flucht:
Als das Lamm er spielen wollte
An der Petri-Kirch' Altar,
Wo, statt Christi Blut, mit Golde
Abgekauft die Liebe war.
Stern von Bethlehem, so zündet
Blut'gen Hass dein Feuer an? –
Ja, wo Lieb' in Nacht erblindet,
Siegt ein dunkler Kirchenwahn.
Alles Schöne, Gut' und Große
Würgt der Wolf erbarmungslos,
Und die Höll' aus ihrem Schooße
Läss’t die Torquemata's [Der erste Spanische Großinquisitor.] los.
Gesang.
Einzelne.
Nachsicht, Langmuth, stilles Dulden,
Lehr' uns Jesus ähnlich seyn:
Daß dem Bruder seine Schulden
Wir von Herzen gern verzeih'n.
Alle.
Güte, Wohlthun, Herzensmilde,
Mitleid, das sich gern erbarmt,
Decke sanft mit deinem Schilde
Den, der auch den Feind umarmt. {95}
Rede.
Urquell ew'ger Himmelsfreuden,
Jesus, dem mein Herz entbrennt,
Dich zu speisen, dich zu kleiden,
Ist, mein Heiland, mir vergönnt.
Lasst in Noth und Tod uns schwören,
Jesus Christ, mit dir vereint,
Abzutrocknen Menschenzähren,
Wo ein Bruderauge weint.
Die ihr Brot dem Armen brechen,
Ihm eröffnen Herz und Thür,
Ja, zu ihnen wirst du sprechen:
„Seyd gesegnet, kommt zu mir!"
Heil'ges Herz, an dem ich hange,
Still beredter Liebeszug,
Stern im Welten-Untergange,
Licht im dunkeln Aschenkrug!
Wer dir folgt den Weg der Wahrheit,
Hier zum Vorbild aufgestellt,
Ihn verklärst du mit der Klarheit,
Die du hattest vor der Welt.
Wie dein Leben du gelassen
Für die Brüder: sollen wir
Sie mit gleicher Glut umfassen,
Jesus Christus, Eins mit Dir!
Bis die Sterne nicht mehr scheinen,
Ruft das Kind im Vaterhaus: {96}
„Millionen nicht für Einen;
Einer für Millionen!" aus.
Herr, so nimm denn diese Lieder;
Nimm geheiligt Herz und Sinn;
Nimm mein Blut für meine Brüder;
Nimm auch meine Seele hin!
Gesang.
Alle.
Wie ein Vöglein, das verschlagen
Weint im stillen Ocean,
Komm, zur Heimath mich zu tragen,
Liebe – dir gehör' ich an.
Einzelne.
Vor mir fliegt die weiße Taube,
Die vor keinem Sturm erbleicht;
Weil ich an die Heimath glaube,
Hab' ich sie auch schon erreicht.
Hab' ich deinen Wink verstanden,
Ist mein Hafen auch nicht weit:
Unten seh' ich Schiffe stranden;
Mich empfängt die Ewigkeit. –
Alle.
Halleluja vor dem Throne,
Wo das Lamm kein Wolf zerreißt;
Lob dem Vater, Preis dem Sohne,
Lob und Preis dem heilgen Geist! {97}
Gedächtnisstätten
und
Denkmahle Luthers.
I. Das Luthershaus zu Eisleben.
Luthers Geburtsstätte ist in Eisleben ein besonderes Zeichen der Gnade Gottes geworden; wie geschrieben stehet: Aus sechs Trübsalen wird er dich erretten, und in der siebenten wird dich kein
Uebel treffen; du wirst erfahren, daß deine Hütte Frieden hat, und daß deines Samens wird viel werden, wie das Gras auf Erden. Der alte Schöpfer in seinem unverbrannten Luther, Thl. 1. S. 100,
zählt sieben große Feuersbrünste auf, mit denen seine gute Stadt im siebzehnten Jahrhundert ist heimgesucht worden. Sechs Mahl blieb das Luthershaus ganz unversehrt stehen, obgleich die Macht der
Flammen so groß und so nahe war, daß in demselben das Fensterbley zerschmolz, und rund herum mehre hundert Gebäude in Asche gelegt wurden; aber, als ein noch größerer Theil der Stadt in Rauch
aufging, wurde doch das untere Stock, in dessen Stube eben Luther geboren ist, gerettet, sammt dessen hölzernem Bildnisse über der Hausthür, welches nun als in dem Saale aufgestellt ist. Der
Stadtrath ließ sogleich von auswärtigen Beyträgen, die er durch besondere Boten in allen evangelischen Ländern sammelte, dem verarmten Besitzer das gerettete abkaufen, die hergestellte Luthersche
Ehrensäule, wie er es nannte, den 31sten Siegesmond 1693 zu einem Almosenhause, auch Schreib- und Rechenschule feyerlichst einweihen. Die Mittel dazu waren freylich nur gering; {98}
bis zum Jahre 1817 musste sogar die Besoldung des Lehrers von den milden Gaben bestritten werden, welche dankbare Besucher hinterließen: und doch war des Samens schon viel geworden, wie das Gras
auf Erden; mehre tausend arme Bergkinder waren reich von dem Schatze geworden, welchen der hier Geborene wieder an's Licht gebracht hat. Noch weit mehr ist aber des Samens geworden, seit dem
dritten Jubeljahre der Reformation. Der deutsche Schutzherr der evangelischen Kirche hat die Geburtsstätte ihres Stifters unter seinen Königlichen Schutz genommen; das alte Vorderhaus wieder in
guten Stand setzen, ein neues Hinterhaus anbauen, und in beyden die Schule so sehr erweitern lassen, daß, seit dem 31sten Siegesmond 1819, 170 Knaben und Mädchen von zwey Lehrern, einer Lehrerin
und vier Gehülfen, die alle festen Gehalt haben, in drey Lehrzimmern unterrichtet werden. Ueber der alten Stube, in welchen jetzt den Kleinen das Lob des Herrn gelehret wird, steht darum auch der
bleibende Segen des Hauses also ausgesprochen:
„Die Stätte, wo ein großer Mann die Welt betrat,
Bleibt eingeweiht für jetzt und immerdar."
Ein steter Zuschuss kömmt besonders von den vielen andern Gaben der Dankbarkeit, welche das Königliche Beyspiel und die allgemeine Jubelfreude dem Hause noch zugewandt haben. Es sind Gemählde,
Kupferstiche, Bruststücke, Münzen, Handschriften, Urkunden und andere Denkzeichen Luthers, welche über der Stube seiner Geburt in dem schönen Saale zur Schau stehen, und viele Fremde dahin
ziehen. Der um die seltene Sammlung, wie um die ganze Anstalt sehr verdiente Oberpfarrer Berger hat eine genaue Beschreibung und gründliche Beurtheilung dieser und der andern Merkwürdigkeiten in
Eisleben herausgegeben, welche in der Luthersschule zu deren Besten verkauft wird. Hier kann und braucht also nur das Merkwürdigste, welches auch noch einige Beziehung auf diese Volkslieder hat,
genannt zu werden.
1) Luthers Schreibepult, von einem Schwane getragen, den er sich zum Zeichen erwählet hatte, daß an die Weissagung des böhmischen Blutzeugen erfüllet sey, wie Johannes Mathesius, der dank-
{99}
bare Schüler, in seinen Historien von dem theuren Manne Gottes sie anführet: Jetzt bratet ihr ein Gans (denn Huß heist auf Behemisch ein Gans, so den welschen Bischof, wie die alte Capitolinisch
gense, angeschrien). Aber über hundert Jar wird ein Labod, oder Schwan kommen, des Gesang werden sie hören müssen, und jn ungebraten lassen.
2) Ein Heft von 41 Blättern, mit der Aufschrift: Herr Doctor Martini Lutheri b. M. Verehelichung und dessen Beylager betreffend, 1630. Aus diesen, von dem Consistorio in Eisleben und der
Universität zu Wittenberg aufgesezten, Nachrichten erhellet, daß den 13ten Brachmond 1525 an Einem Tage die Verlobung und die Trauung gewesen; hierauf den 14ten das gewöhnliche Verlöbnissmahl,
und den 27sten erst das feyerliche Hochzeitfest gehalten ist. Die Trauung wurde so schnell und nur vor dreyen Zeugen, in der Wohnung der Braut beym Stadtschreiber Reichenbach vollzogen, daß sich
darüber, wie Luther selbst an Amsdorf schrieb, die Leute nicht erst die Mäuler zerreißen sollten; zum Hochzeitmahle aber waren seine Aeltern und viele Freunde, sogar auswärtige eingeladen.
3) Der unverbrannte Luther, das aus den Flammen gerettete Bild des Helden Gottes, welcher dem ehrenfesten Franz von Sickingen, der ihn auf seiner Ebernburg vor dem Banme schützen wollte, die
sieghafte Antwort gab: „Und wenn sie ein Feuer machten, das zwischen Wittenberg und Worms bis an den Himmel reichte, so will ich doch, weil ich vorgefordert worden, im Namen des Herrn erscheinen,
Christum bekennen, und ihn walten lassen." Dieser, sein einiger Heiland, steht ihm auch auf dem Bilde zur Rechten; sein Wappen auf der Linken. Die sinnvolle Bedeutung des letztern, von welchem
darum auch ein Gleichniss mit auf die nachgebildete Handschrift gedruckt ist, hat Luther gerade in diesem Jubeljahre, aus der Wüste Koburg dem Syndicus der Stadt Nürnberg, Lazarus Spengler, also
erkläret:
„Gnade und Friede in Christo, Erbarer, Günstiger lieber Herr und Freund, Weil ihr begehret zu wissen, ob mein Petschafft recht getroffen sey, will ich euch meine erste Gedanken anzeigen zu guter
Gesellschafft, die ich auf mein Petschafft wolte fassen, als in ein Merkzeichen meiner Theologie. Das erste solte ein {100}
Creutz seyn, schwarz im Herzen, das seine natürliche Farbe hätte, damit ich mir selbst Erinnerung gebe, daß der Glaube an den Gekreuzigten uns selig machet. Denn so man von Herzen gläubet, wird
man gerecht. Obs nun wohl ein schwarz Creutz ist, mortificirt, und soll auch wehe thun, noch läst es das Herz in seiner Farbe, verderbet die Natur nicht, das ist, es tödtet nicht, sondern behält
lebendig. Justus enim fide vivet, fed fide crucifixi. Solch Hertz, aber soll mitten in einer weissen Rosen stehen, anzuzeigen, daß der Glaube Freude, Trost und Friede giebt, und kurz in eine
weisse fröliche Rose setzt, nicht wie die Welt Friede und Freude giebt, darum soll die Rose weiß und nicht roth sein. Denn weisse Farbe ist der Geister und aller Engel Farbe. Solche Rose stehet
im Himmelfarbenen Felde, daß solche Freude im Geist und Glauben ein Anfang ist der himmlischen Freude zukünfftig; jetzt wohl schon drinnen begriffen, und durch Hoffnung gefasset; aber noch nicht
offenbar. Und um solch Feld einen güldenen Ring, daß solche Seligkeit im Himmel ewig währet, und kein Ende hat, und auch köstlich über alle Freude und Güter, wie das Gold das höheste, edelste,
köstlichste Ertz ist. Christus unser lieber Herr sey mit eurem Geist biß in jenes Leben, Amen. Ex Eremo Grubok. VIII Julii 1530,
Auf Münzen sieht man gewöhnlich die Umschrift:
Der Christen herz aVf rosen geht,
Wenn's Mitten VaterM CReVze steht.
Wenn Luther auch diese Erklärung seines Wappens selbst gemacht hat, so hat er in der darin verborgenen Jubelzahl 2717 seinen Glauben an die Unvergänglichkeit des von ihm gepredigten Wortes eben
so geoffenbart, als in der prophetischen Grabschrift:
Pestis erom vivens; moriens ero mors tua, Papa.
Pest war lebend ich dir; im Tode bring' ich dir Tod, Papst!
Aus dieser sind hernach die Zeilen unter dem unverbrannten Luther entstanden:
Hostis eram Papae, sociorum pesti et hujus:
Vox mea cum scriptis nil nisi Christus erat. {101}
Ich war des Papstes Feind, die Pest von seiner Rott':
Mein Wort mit sammt der Schrift war Christus, wahrer Gott.
Die Ueberschrift giebt an:
Anne 1483 ist D. Martinus Luther in diesem Hause geboren und zu St. Peter getauft.
An der Stelle dieses auf Holz gemahlten steht über der äußern Thür des Hauses jetzt ein, aus Stein gehauenes, Brustbild Luthers, mit seinem Wappen über dem Haupte, und der ewig wahren
Umschrift:
Gottes Wort ist Luthers Lehr:
Drum vergeht sie nimmermehr.
–––––––
II. Das Martinsstift zu Erfurt.
Seit dem Anfange des Jahres 1820 hat der Herausgeber nach dem Vorbilde des Sängers dieser Lutherslieder eine Anstalt errichtet, durch welche die verwahrlosete Jugend werklich gebessert, und das
arme Volk christlich erzogen werden soll. Sie sucht diejenigen, welche dem Gesetze schon verfallen sind, aus den Gefängnissen zu befreyen, und von den Landstraßen aufzulesen; will aber auch die
noch retten, welche in der eben so großen Gefahr böser Beyspiele umkommen, und sie alle in eine gute Hauszucht versetzen, mit Arbeit beschäftigen, und durch Gebet, Lehre und Ermahnung zu frommen
ehrlichen und fleißigen Kindern der Erde und des Himmels umbilden. Ohne baares Vermögen ist sie allein auf den Felsen gegründet, der das Volk in der Wüste labet. Aus diesem unversiegtichen Quell
haben auch hier bis zum Ende des Jahres 1829 schon ein tausend Dürftige Hülfe gefunden, und 22,699 Thaler zu ihrer leiblichen Versorgung empfangen. 633 waren wirklich in Erziehung genommen, 251
nur mit einzelnen Wohlthaten unterstützt, und 70 drey Winter lang mit warmer Mittagskost zur Schule gelockt worden. Von den eigentlichen Zöglingen stehen bereits 17 in öffentlichen Schulämtern,
50 Mädchen sind in {102}
häusliche Dienste getreten, und 800 Gesellen in die Fremde gewandert; im Durchschnitt verbleiben jährlich 150 Zöglinge.
Da sie alle zu einzelnen Pflegeältern, Lehrmeistern, und Hausfrauen vertheilet werden, um also einen jeden nach seinen besondern Eigenthümlichkeiten besser behandeln zu können, so war die Anstalt
fast zwey Jahre lang sogar ohne eine eigne Behausung als eine bloße Gesellschaft der Freunde in der Noth bestanden; die sonntäglichen Versammlungen um ihren Vorsteher wurden in einem Saale des
evangelischen Waisenhauses unter Luthers Zelle gehalten. Im dritten Jubeljahre aber, da dieser zu Worms sein Heldenlied sang, wurde die Anstalt auch im Aeußern fester gestellt, dadurch, daß ihr
ein eigner freyer Sitz in der anderen Hälfte des ehemaligen Augustinerklosters von Einem Hochedeln Stadtrathe eingeräumt wurde. Zum dankbaren Gedächtnisse des kühnen Bergmannssohnes, welcher hier
zuerst das vor dem Kaiser und Reiche bekannte Wort wieder aufgegraben hat, und zu nicht minderer Ehre jenes eben so glaubensstarken Heidenbekehrers, der diesem den Namen eines Streiters, [Auch
muthig reiten hatte der zweyte Martin von seinem Vorstreiter gelernt. Nur durch eine schnelle Flucht zu Pferde entrann er von Augsburg der heimlichen Gewalt des Cardinal Cajetan. Den ersten Tag
war er ohne Hosen. Stiefeln und Sporren acht Meilen weit so scharf geritten, daß er in der Herberge stracks auf die Streu nieder fiel. Dem ritterlichen Kaiser Maximilian gefiel dieser Muth ganz
besonders. „Es ist Schade, rief er aus, um den Luther, daß er ein Mönch geworden ist; lieber säh‘ ich ihn bey meinem Heere!"] und der ganzen Christenheit das nachahmungswürdigste Beyspiel von
Barmherzigkeit gegeben hat, ist darum der Anstalt bey ihrem Einzuge, gerade am Feste des Martin und am Tauftage Doctor Luthers, der so bedeutungsvolle Name das Martinsstift gegeben. Noch mehr
geschieht von der vereinigten Sorgfalt der Königlichen und der Städtischen Verwaltung für die Erweiterung der Anstalt, indem sie in demselben Hause und unter derselben Leitung, aber auf jährlich
1245 Thaler angeschlagene, Kosten auch eine Erwerbschule halten lassen, in welcher jetzt außer den Zöglingen noch über hundert Kinder von dem Vorsteher, einer Lehrerin und vier Hülfslehrern
unterrichtet werden. {103}
So buchstäblich geht auch hier der tausendjährige Segen des Herrn wieder in Erfüllung, mit welchem die neue Schule den 13ten Siegesmond 1824 eingeweihet ist: „Ich sage dir zu: Wie will ich dir so
viele Kinder geben, und das liebe Land, das schöne Erbe, nämlich das Heer der Heiden! Und ich sage dir zu: Du wirst alsdann mich nennen: Lieber Vater, und nicht von mir weichen."
Aus herzlicher Freude über den frischen Wachsthum der Anstalt, und zur schönsten Feyer des nachfolgenden Jubeljahres von Luthers Verehelichung, hat sich 1825 ein Frauen und Jungfrauen-Verein an
das Martinsstift angeschlossen, der seine Liebe den armen Kindern durch jährliche Verloosungen der geschmackvollsten Handarbeiten beweiset. Den höchsten Schutz und die weiteste Unterstützung
empfängt aber die Anstalt vom Staate und seinem geheiligten Haupte. Durch die Räthe des Landes ist sie mit den nähern, und durch die Freyheit der Post mit den fernsten Theilen des ganzen Reiches
verbunden; der Vater auf dem Throne giebt ihr noch jährliche Beweise Seiner Allerhöchsten Gnade, und die erhabenen Erben der Königlichen Macht und Liebe zahlen sogar monatliche Gaben.
Eine solche Vereinigung so vieler Begünstigungen und merkwürdiger Begebenheiten hilft denn auch die Erneuerung und Verschönerung der alten Luthersmauern noch ausführen. Ein Geschenk ihres ersten
Beschützers, des Geheimen Staatsministers von Motz, das eiserne Bruststück Martin Luthers, war die ungesuchte Veranlassung, daß neben dem Schöpfer auch die beyden Erneuerer der deutschen
evangelischen Volkserziehung, August Hermann Franke und Johannes Falk, welche eben so geschichtlich die Stätte des Martinsstiftes mit verherrlichen, zu einem gemeinsamen Denkmahle im
Andachtssaale aufgestellt sind. Die Bruststücke, welche von den Meister-Händen Schadow's und Rauch's, und von dem Bildhauer Hettler gefertigt sind, sollen künftig von einem Schwane, einem Adler
und einem Pelikan, die Rauch noch machen lässt, getragen werden. Was die drey Vögel bezeichnen, das ist auch auf eben so vielen halb erhabenen Sinnbildern von Hettler schon dargestellt. Unter
Martin Luther, der dritthalb Jahre in dem Kloster gewohnt, und die heilige Schrift hier ken- {104}
nen gelernt hat, nimmt eine Hand den Vorhang der Geistes- und Herzensverfinsterung weg vor dem, im Sonnenlichte und Sternenglanz aufgeschlagenen, Worte des Lebens: Gott ist die Liebe, und wer in
der Liebe bleibet, der bleibet in Gott, und Gott in ihm. 1 Joh. 4, 16. Dadurch wird das erste Gezeil des Stiftungsliedes versinnlicht:
Zerfall in Vaterland,
Du dunkle Scheidewand,
Die Herzen trennt!
Erglüh‘ am Bund'saltar,
Du fromme Christenschaar,
Wie Sternlein, hell und klar,
Am Firmament!
Das Ganze wird, wie es auf den Umschlag dieser Lieder gezeichnet ist, von einem Eichenkranze des festen Glaubens und der Umschrift aus dem Martinsliede eingeschlossen:
Bahn war verloren;
Licht ist geboren.
Unter August Hermann Franke, der anderthalb Jahre Diakonus an Luthers ehemaliger Klosterkirche gewesen, und seiner lebendigen Frömmigkeit. wegen von Erfurt nach Halle vertrieben worden ist, sitzt
er selbst, der glaubensstarke Baumeister, als ein Engel, auf der hohen Treppe seines Waisenhauses, mit Hammer und Meißel in den, zum Himmel erhobenen Händen, und nachsehend dem Adler, der seine
fröhliche Hoffnung zu der ewigen Verheißung empor trägt, welche er auch an die Zinne seines vollendeten Baues geschrieben hat: „Die auf den Herren harren, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren
mit Flügeln, wie Adler." Das Ganze, auch an den Kernspruch Luthers erinnernd: „Fleißig Gebet halbe Arbeit,“ wird mit einem Aehrenkranze der segnenden Hoffnung und der Umschrift aus dem
Martinsliede eingeschlossen:
Hölle mag wüthen;
Christ wird uns hüten.
Unter Johannes Falk, der sowohl das lebendige Vorbild, als auch die öffentliche Einweihung dem Martinsstifte gegeben hat, sitzt eben so ein Engel auf einem von Wellen umstürmten Felsen; er
selbst, der, {105}
an der Ostsee geboren, aus den Wogen dieses Lebens sich und so viele andere durch seinen ausharrenden Glauben und seine thätige Liebe gerettet hat, wie er die Weltlarve des Spottes unter seinen
Fuß tritt, und durch die sechs über ihn leuchtenden Sterne, seine eignen, so bedeutungsvoll vorangegangenen Kinder, zur Erziehung der verlornen Jugend begeistert wird, auf seiner Himmelslaute
also spielend das zweyte Gezeil des, von ihm auch selbst gedichteten, Stiftungs liedes:
Wer glaubet, hofft und liebt,
Der hat genug geübt
In dieser Welt.
Doch wenn von Sünden rein,
Wir werden Engel seyn:
So herrscht die Lieb' allein
Am Himmelszelt.
Das Ganze ist wieder nach Luthers Wahlspruche:
„Der Christenherz auf Rosen geht,
Wenn's mitten unterm Kreuze steht"
von einem Rosenkranze der beseligenden Liebe und der Umschrift aus dem Martinsliede eingeschlossen:
Christ, unser Meister
Heiligt die Geister.
Also wird auf den beyden Seitenbildern der Hauptgrundsatz aller christlich-werklichen Volkserziehung: Bete und arbeite, und auf allen dreyen, wie durch das ganze Denkmahl, der evangelische Geist
des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe geschichtlich und volksfasslich dargestellt. So lange die Anstalt auf diesem Grunde gebaut, und von diesem Geist beseelt ist, wird sie eben so vollkommen
und dauerhaft werden, als ihr eisernes Vorbild, welches in den beyden Todesjahren von Falk und Franke so weit hergestellt ist, und noch in diesem Jubeljahre Luthers mit vollendet werden wird. Die
alten Mauern des Martinsstiftes, deren große Baufälligkeit die Vollendung des Kunstwerkes gestöret hat, sollen nämlich auch durch die Allerhöchste Gnade seiner Königlichen Beschützer von den
Händen der geretteten Zöglinge neu ausgebaut, und also über dem ehernen von dem lebendigen selbst das steinerne Denkmal zur merkwürdigsten Feyer des Glaubensbekenntnisses in Augsburg vollführet
werden. Was für ein {106}
seliges Glaubensfest wird dann der zehnte Stiftungstag werden!
Von den frühesten Zeiten her ist der Martinsabend das fröhlichste Volksfest in ganz Thüringen, und besonders in dessen alter Hauptstadt Erfurt gewesen. Zur Ehre des Landesheiligen, dessen Demuth
sich seiner Erhebung zum Bischof von Tours 375 hatte entziehen wollen, der aber noch am späten Abend hinter einem Gänsestalle soll gefunden und in die Kirche geführet worden seyn, ziehen die
Kinder mit Lichtern singend in den Straßen umher, und in den Häusern werden Gänse gebraten; und während vom Dom die große Glocke den Todestag des ersten Martin verkündigt, wird das Geburtsfest
des zweyten vor der katholischen Hauptkirche von den evangelischen Chorschülern bey Fackelscheine besungen. An diese alte hat sich die neue, eben so merkwürdige Feyer des Doppelfestes im
Martinsstifte an geschlossen; da singen und reden auch Kinder aus beyden Kirchen einmüthig das Lob des frommen Paares, wie es in diesen Volksliedern von S. 1. bis S. 14. geschrieben steht, und
empfangen Martinsbrezeln, welche von einem Zöglinge selbst gebacken sind. Wie wird aber dieses Jahr die Macht erschallen, welche sich der Herr aus dem Munde der Unmündigen zugerichtet, und durch
welche er auch die Gegner [Einige Bischöfe, und namentlich ein gewisser Defensor, hatten sich der Wahl des Martin widersetzen wollen, weil seine Gestalt und Kleidung gar zu unansehnlich und
verächtlich wäre; aber Einer aus dem Volke schlug das Psalmbuch auf, und las laut die Loosung vor: „aus dem Munde der Kinder und Säuglinge hast du Lob zugerichtet, um deiner Feinde Willen, daß du
vertilgest den Feind und den Rachgierigen, ut destruas inimicum et defensorem, wie das treffende Wort in der damaligen Übersetzung lautete, welches sogleich für Gottes Stimme erkannt wurde.] des
heiligen Martin zum Schweigen gebracht hat!
Dann wird auch dessen Bild, das jetzt mit der Anstalt im evangelischen Waisenhause untergebracht ist, dem eisernen Denkmahle wieder gegenüber hangen. Der Meister dieses schönen Stückes, der treue
Mahler seiner lieben Vaterstadt Erfurt, hat den achtzehnjährigen Ritter von dem Thore des heutigen Amiens auf den Hof des Martinsstiftes versetzt, wie er da vor den Augen des Herrn, der über den
nahen Thürmen des ehemaligen Peterklosters mit dessen Schutzheiligen sichtbar ist, seinen Mantel einem nackten Kinde theilt. Auf dem {107}
Bilde, welches nach diesem sinnigen Gemählde ein Anfänger der Steinschreibekunst gezeichnet hat, stehen dem Martin zur Rechten zwey Gebäude, von denen das vordere, jetzt ein wüster Holzstall,
auch von den Mönchen nur zu ihrer Wirthschaft gebraucht worden seyn soll; das hintere aber, das schönste und festeste Gebäude des ganzen Klosters, mag sonst zu den allgemeinen Ordensversammlungen
gedient, und auch wohl die Bibliothek enthalten haben, in welcher Luther die heilige Schrift studieret hat. Jetzt verwahret der obere Saal noch den Bücherschatz des evangelischen Ministeriums mit
drey Handschriften Luthers, und der untere, von den hier aufgestellt gewesenen Sammlungen der kaiserlichen Akademie der Naturforscher noch das Museum genannt, ist ohne feste Bestimmung dem
Martinsstifte mit überlassen. Zwischen beyden haben die Zöglings desselben ein drittes Gebäude abgetragen, und einen Garten mit einer Wasserkunst angelegt, welche von einem Druckbrunnen zwanzig
Fuß hoch, und mit einem Schlangenschlauche sogar auf alle Gebäude der Anstalt getrieben wird. Das hintere Thürmchen mit den acht gothischen Spitzen steht auf der nun evangelischen Augustiner
Pfarrkirche. Luther hat in derselben 1507, am Sonntage Cantate die Priesterweihe über dem Grabe der Hussensgeißel [Der Siegesnamen Hussomastix und die geweihete goldene Rose hatte sich der
hiesige Augustiner und Professor, Dr. Johannes Zacharia, welcher unter den Stufen des Altars mit diesem begraben liegt, als Gesandter der Universität 1415 zu Konstanz erworben, indem er sehr
arglistig aus Hussens eigner Bibel bewies, daß den Pabst Niemand strafen solle, noch könne. Er hatte nämlich in derselben bey einem frühern Besuche bemerkt, daß die Stelle Ezechiel 31, 10.
„Siehe, ich selbst will an die Hirten“ noch den Zusatz habe: „und nicht das Volk;" und Hussens Gegenrede, daß diese Verfälschung in keiner andern Bibel zu finden sey, wurde natürlich unbeachtet
gelassen, wie Luther in seiner Folgrede zu Hussens 1537 herausgegebenen Briefen den Handel erzählet.] empfangen, und 1521 am Sonntage Quasimodogeniti die herzhafte Predigt: Habt Friede! auf
seiner Durchreise nach Worms gehalten. Von jener Weihe schreibt er nachher in seiner Vermahnung an die ganze auf den Tag zu Augsburg versammelte, Geistlichkeit: „Mein Weihbischof, da er mich zum
Pfaffen machte, und mir den Kelch in die Hand gab, sprach zu mir: Nimm hin die Macht zu opfern für die Lebendigen und die Todten: Daß {108}
uns die Erde nicht beyde verschlang, das war unrecht, und allzu große Gottesgeduld." In dieser Predigt wäre er fast durch den drohenden Einsturz einer überfüllten Emporkirche unterbrochen worden;
aber der furchtlose Streiter rief laut: „Du machst nichts, du machst nichts damit; deine List kenne ich schon, arger Feind!" und beruhigte die erschrockene Menge: „Sehet es ist nichts! Es ist
keine Gefahr da! Der Teufel treibt nur sein Spiel.“ Damals war Luther den 6ten Ostermond feyerlicht von der Universität drey Stunden weit eingeholt, und bis zu seiner am 8ten eben so festlichen
Abfahrt bey seinem geliebten Johannes Lange beherberget worden. Dieser letzte Prior des Klosters, den Luther selbst auf seiner Visitationsreise 1516 eingesetzt hatte, ist das Haupt der hiesigen
Kirchenverbesserung und der erste Senior des Evangelischen Ministeriums geworden, welches noch jetzt in dem unteren Stocke des Priorats, neben der Arbeitsstube der Erwerbschule, seine Sitzungen
hält. Auf das obere Stock dieses kleinen, erst 1474 angebauten, Vorderhauses ist dermalen der Vorsteher des Martinsstiftes mit seiner Familie ganz allein beschränkt. Das lange Hauptgebäude, der
westliche und älteste Flügel des Klosters, das mit dem Vorderhause zusammen von 1561 bis 1820 dem Rathsgymnasium zur Wohnung gedienet hat, steht nun ein Jahr lang wüste, und, so weit es auf dem
Bilde sichtbar ist, ohne Dachung da. Sogar aus dem unteren, in zwey Lehrzimmer theilbaren, Andachtssaale, an dessen südlicher Stirnwand das eiserne Denkmahl aufgestellt ist, hat die Anstalt mit
der Orgel und ihrem andern Geräthe vor dem durchströmenden Regen weichen, und den 13ten Siegesmond 1829, gerade am sechsten Siftungstage der Erwerbschule, in den östlichen und festeren Flügel des
Waisenhauses ziehen müssen.
Die leidigen Widerwärtigkeiten, welche den Neubau so lange aufgehalten haben, verdienen keiner Erwähnung. Unvergesslich aber bleibe, wie es gewiss erfüllet wird, das Lob des Herrn, das er sich
auch hier aus dem Munde der jungen Kinder bereitet! Am 25. Wonnemond 1829 hatten erst achtzig Kinder, von eben so vielen theilnehmenden Freunden unterstützt, ein großes Oratorium mit vollem
Orchester, den heimgesuchten Brüdern an der Weichsel zur möglichsten Beyhülfe, aufgeführet. Als nun am folgenden Tage die schadhafte Hälfte der Dachung auf {109}
Befehl der Obrigkeit musste abgenommen werden: da stimmten auf ein Mahl die kleinen Gehülfen auf den hohen Sparren das große Halleluja aus Händels Messias wieder an, und ließen über den heiligen
Mauern die Macht des Herrn erschallen, der, ein Gott der Götter und Herr aller Herren, allmächtig regieret von nun an auf ewig! Wie darum Luther sich in der Wüste zu Coburg mit dieser Macht des
Herrn aus seinem Confitemini, dem 118ten Psalm, getröstet [Siehe den 5ten Theil der Altenb. Agb. S. 168-196.] hat, so hofft auch das Martinsstift am Jubeltage von Augsburg noch seinen eignen
Glaubenssieg zu feyern.
Wer nun in der Nähe oder aus der Ferne dazu mit helfen kann, daß also ein dreyfaches Denkmal Luthers hier vollendet werde, der sey um des Bekenntnisses willen unseres Herrn brüderlichst gebeten,
daß er seine Liebe dem Martinsstifte beweise.
Auch durch Beyträge anderer Art könnte dies geschehen; durch Bücher, Handschriften, Bilder, Münzen und dergleichen Seltenheiten der Natur, der Kunst und der Geschichte. Das Martinsstift besitzt
schon einige biblische Gemählde und drey merkwürdige Handschriften von Luther, Franke und Falk, welche den erbaulichen Schmuck des Andachtssaales sehr verschönern und hat auch eine Büchersammlung
angefangen, welche bis jetzt zur bloßen Bildung seiner Zöglinge hat dienen sollen. Wie leicht könnte aber die Sammlung noch mannichfaltiger gemehret und mit Merkwürdigkeiten bereichert werden,
welche auch die Schaulust der Fremden zum Besten der Anstalt befriedigen könnte! Wären es besonders Werke der Kunst und des Alterthums, welche Luther und seine Zeit vergegenwärtigen: so könnte
wohl unter der Ministerial-Bibliothek ein Reformations-Museum zusammen gebracht werden, das ein eben so schönes Zeugniss unsrer Zeit und ihrer Jubelfreude seyn würde. Möge also auch diese letzte
Bitte allgemeinen Beyfall finden! Alle Beyträge können auf der Königlichen Preußischen Post unfrankirt „An das Martinsstift" eingesendet werden. {110}
III. Die Lutherszelle zu Erfurt.
In seinem achtzehnten Jahre 1501 hatte Luther die uralte Hochschule Erfurt, welche diesen Ehrennamen von ihrer frühen Stiftung 1392 her führete, bezogen, und es nach einem zweyjährigen Fleiße
schon so weit gebracht, daß er selbst Vorlesungen über die Weltweisheit halten konnte. Aber weder in dieser Wissenschaft, noch in der Rechtsgelahrtheit konnte er die Wahrheit und den Frieden
finden, welchen er suchte. Das Verlangen seiner Seele nach Erleuchtung und Gnade von oben war immer größer geworden, seit er auf der Universitäts-Bibliothek das göttliche Wort selbst kennen
gelernt, und in einer gefährlichen Krankheit den prophetischen Trost eines alten Priesters erfahren hatte. So traf ihn der plötzliche Tod seines Freundes; und das erschreckliche Wetter, von
welchen er, eine Stunde vor der Stadt, am rothen Berge überfallen wurde, trieb ihn ins Kloster.
Am Tage Alexii, den 17ten Heumond 1505, erfüllte er, nach einem fröhlichen Abschiede von seinen anderen Gesellen, das gedrungene Gelübde. Der Vater aber ließ die Bewegungsgründe des Sohnes so
wenig gelten, daß er lieber den Strahl vom Himmel für einen teuflischen Betrug halten wollte, und den Bruder Augustinus auch nicht mehr Ihr, sondern nun Du nannte. Dieser väterliche Unwille
betrübte die geängstigte Seele noch mehr, und sie konnte nun auch in der Ruhe des Klosters den Frieden mit Gott nicht gewinnen, so eifrig sie auch darnach rang. „Wahr ist es, sagt Luther selbst
von sich, ein frommer Mönch bin ich gewesen, und so gestrenge meinen Oberen gehalten, daß ich's sagen darf: Ist je ein Mönch in den Himmel gekommen durch Möncherey, so wollte ich auch hinein
kommen seyn. Das werden mir zeugen alle meine Klostergesellen, die mich gekannt haben; denn ich hätte mich, wenns länger gewährt hätte, zu Tode gemartert mit Wachen, Beten, Lesen und anderer
Arbeit." Die niedrigsten und beschwerlichsten Hausdienste, welche er anfangs auch hatte leisten müssen, waren ihm zwar, auf Fürbitte der Universität, bald erlassen worden; das einzige Mittel aber
seiner Heilung durfte er nicht frey gebrauchen; nur heimlich konnte er aus der, an eine Kette geschlossenen, Vulgata seinen Durst zuweilen stil- {111}
len; sonst musste er sich abmühen in den sandigen Wüsten der Scholastiker. Diese äußere Anstrengung, und noch mehr die innere Seelenqual stürzten ihn wieder in eine schwere Krankheit und so tiefe
Schwermuth, daß er sich fest einschloß, und seine Zelle mit Gewalt musste erbrochen werden. Der rührende Gesang seines Freundes, Lukas Edenberger, mit einigen Knaben, und die gläubige Zusprache
eines alten Klosterbruders rettete ihn auch dieses Mahl wieder vom Tode; und Luther lernte nun nach und nach selbst glauben an den, der allein vom Tode erlösen kann. Doch wurde er später noch von
ähnlichen Schrecken befallen, so oft er den Gerichten Gottes mit Ernst nachdachte; Melanchthon hat ihn einmahl gesehen, wie er vor Angst fast erstorben war, und auf dem Bette immer den Spruch
wiederholte: „Er hat's Alles beschlossen unter die Sünde, auf daß er sich Aller erbarme."
Der alte Beichtvater tröstete ihn fort und fort mit der gnädigen Vergebung der Sünden nach dem apostolischen Glaubensbekenntnisse, und zeigte ihm aus einer Predigt des heiligen Bernhard, „wie er
eben für sich selbst auch glauben müsse, daß ihm der barmherzige Gott und Vater, durch das einige Opfer und Blut seines gehorsamen Sohnes Vergebung aller Günden erworben habe, und durch den
heiligen Geist in der apostolischen Kirche durchs Wort der Absolution verkündigen lasse." Viel trug dazu mit bey die Versöhnung mit seinem Vater, welcher zur Priesterweihe des Sohnes, den 2ten
Wonnemond 1507, mit zwanzig Pferden ins Kloster kam, und ihm zwanzig Gulden schenkte. Am weitesten auf der neuen Bahn half ihm aber der Rath und Beystand des edlen Johann von Staupitz, des
Generalvikars der Augustiner in Deutschland. „Für rechte Sünde, sagte ihm dieser, hat Jesus Vergebung erworben; Du aber machst dir aus jedem Humpelwerk Sünde. Gott hat dich zu etwas Großem
ersehen; aus Weisheit und Liebe richtet er dir diesen Kampf an, damit du frühe geübt werdest." Darum gab ihm auch derselbe völlige Freyheit zur Lesung der Bibel, empfahl ihm noch besonders die
Schriften des Heiligen Augustinus, und versetzte ihn endlich als Lehrer der Gottesgelahrtheit auf die neue Universität Wittenberg.
Am Ende des Jahres 1507 hatte Luther noch zu Erfurt die Kraft des Glaubens empfunden, und mit er- {112}
wecktem Herzen aus einem Weihnachtsliede die Worte gesungen: O beata culpa, quae talem meruisti redemtorem! (d. i. O selige Schuld, die du einen solchen Erlöser verdienet hast!) Und als er zwey
Monate später nach Wittenberg abging, hätte er schon den Denkspruch hinterlassen können, welcher jetzt in seiner Zelle mit noch fünf andern Handschriften von Melanchthon, Bugenhagen, Creuziger,
Jonas, und Agathon. vorgezeiget wird.
1 Cor. XV. (55.)
Absorpta est mors in Victoriam.
Iesaiae XXV. (8.)
בְּלַע הַמָּוֶת לָנֶצַח
Praecipitavit mortem in eternum.
Weil Adam lebt (das ist, sündiget) verschlinget der Tod das Leben. Wenn aber Christus stirbt (das ist, gerecht wird) verschlinget das Leben den Tod. Des sey Gott gelobt, das Christus stirbt und
recht behelt.
Martinus Luther, D.
1543,
Denn es ist das wahrhaftigste Zeugniss von dem, was unser deutscher Paulus durch dritthalbjährigen Kampf hier gewonnen, und womit er bis zum Ende seines Glaubens die Welt überwunden hat.
Eben so treffend haben seine Mitstreiter sich selbst und ihre Zeit in den andern Sprüchen gezeichnet, welche sie nach damaliger Weise, einem Freunde in dessen Bibel zur Erinnerung geschrieben
hatten. Sie sind jetzt unter Glas und Rahmen auf beyden Seiten des Fensters, dessen Aussicht in das Geviert des Kreuzganges geht, aufgehangen, und in eben so getreuen Nachbildungen, als die hier
beygegebene, käuflich am Orte zu haben. Das alte Testament in Folio von 1541, aus welchem sie herausgenommen sind, liegt mit einem neuen Testamente in Duodez von 1530 und der schönen Stoffelschen
Bibel auf der Tafel zur Linken. Andreas Stoffel. von Mümpelgard, der in einem Garten zu Erfurt ganz einsam lebte, hat diese, zu Lüneburg 1672 durch die Sterne mit großen Kupfern gedruckte,
Folioausgabe so prächtig ausgemahlet und eingebunden, daß sie als ein Meisterstück des Fleißes die Bewunderung aller Fremden auf sich zieht. Weit merkwürdiger ist das offene Kästchen auf dem
runden Tische zur Rechten, Luthers eignes Schreibzeug, welches er auf allen Reisen mit sich führete, und auf der letzten in Halle gelassen hatte. Denn in dieses {113}
geringe Gefäß tauchte er die lange und harte Feder der hundertjährigen Gans, welche dem Löwen zu Rom beyde Ohren durchstach, und die dreyfache Krone zum Wanken anstieß. Stärken sollte das einen
Jeden, der aus demselben seinen Namen in das vorliegende Fremdenbuch einschreibt, daß er von derselben Macht beseelet würde, die unter Luthers Bildnisse also beschrieben steht:
Cur mundus toties afflixit dogma Lutheri
Verborum stimulis, funibus, igne, rota?
Nititur in verbo Christi, quod tempore quovis
Per mundum Sathan fic agitare solet.
Ast cur non tanta periit vi dogma Lutheri?
Vis verbum Christi tollere nulla potest.
Das Gemählde selbst ist zwar kein Original, giebt aber doch ein treues Bild von dem Manne Gottes, wie er nach Wort und That auch in kurzen Sätzen und biblischen Sprüchen auf getäfelten Wänden
beschrieben ist. Und wer auch das alles nur flüchtig betrachten kann, der muss doch in dem engen, kaum einhundert Geviertfuß fassenden, Kämmerlein ausrufen und sagen:
O! du kleine Luthers-Zelle
An der stillen, dunkeln Stelle,
Scheinst zu eng' für jenen Gast,
Den du einst verborgen hast.
Doch der Mann, der Fürsten-Ehre
Und der Hoheit Glanz und Zier
Wahrlich werth gewesen wäre,
Hatte gern genug an dir.
Diese sinnige Uebersetzung hangt innen, und der lateinische Gruß außen über der niedrigen Thür;
Cellula Divino magnoque habitata Luthero,
Salve, vix tanto Cellula digna Viro!
Dignus erat Regum qui splendida tecta subiret;
Te dedignatus non tamen ille fuit.
So geehrt und gezieret ist aber die kleine Zelle des großen Mannes nicht immer gewesen. Als der hundertjährige Jubeltag von Augsburg das erste Mahl begangen wurde, stand der ganze östliche Flügel
des Klosters noch eben so wüste und ohne Dachung da, als jetzt bey der dritten Feyer dieses Festes der westliche; vor der Zelle lag sogar von den eingestürzten Dek- {114}
ken und Wänden ein hoher Schutthaufen, und ihre Thür war die einzige, welche noch ein Schloss hatte. Da fühlten sich endlich acht christliche Menschenfreunde bewogen, sammt dem verfallenen
Heiligthum auch die Jugend der Stadt zu retten. Der Hochweise Rath übergab ihnen 1669 die erbetenen Mauern zu einem Waisen- Lern- und Arbeitshause sogleich auf ewige Zeiten: und ein solches
Vertrauen hat der Herr auch gesegnet durch den Dank aller, die auf seine, durch Luther gepredigte, Gnade hofften. Von den weitesten Enden und höchsten Häuptern der evangelischen Christenheit, aus
Norwegen und England, von den Königen in Schweden und Dänemark, von den Kurfürsten und Herzögen zu Sachsen und Brandenburg, besonders von dem frommen Ernst auf dem nachbarlichen Friedenstein, und
sogar von dem ersten katholischen Landesherrn, dem Kurfürsten Johann Philipp von Mainz, wurden durch den ausharrenden Eifer des eigentlichen Gründers der Anstalt, David Brand, so reichliche
Unterstützungen und Beyträge gesammelt, daß nicht nur der Ausbau des Hauses bald vollendet, sondern auch ein ständiges, durch spätere Vermächtnisse noch gemehrtes, Vermögen angelegt werden
konnte, von welchen nun in 160 Jahren 2100 Waisen erzogen worden sind. Gewöhnlich sind 40 bis 50 Kinder bey einem Aelternpaare und einem Lehrer im Hause, der unter einer besondern Aufsicht von
einem Vorsteher verwaltet wird.
Der nun gemehrte Besuch der Lutherszelle ist ein täglicher Zusfluss zur Einnahme geworden, und Beydes durch die seit 1735 gesammelten Kunstkammern und den Todtentanz noch angenehmer und
nützlicher gemacht. In jenen werden seltene Naturalien, alte und fremde Waffen und Kleidungen, mechanische und optische Kunstwerke, über 9000 Münzen, und allerley andere Sehenswürdigkeiten
gezeigt; dieser stellt auf 56 großen Oelgemählden den letzten Feind dar, wie er in den mannichfaltigsten Gestalten die Erdensöhne überrascht, und sie ohne Achtung des Standes und Alters alle
Einen Weg führet. Die Gemählde hangen mit 12 Brustbildern [Nämlich Karl V. 1521, Rudolph II. 1580, Matthias 1618, Ferdinand III. und es dessen Gemahlin Maria Anna 1648, Leopold I. 1664, Gustav
Adolph 1632, Christina 1654, Bernhard 1639, Ernst Rüdiger, Graf von Starhemberg 1683, und zwey Unbekannte.] in zwey langen Reihen, und sind die sinnvollste {115}
Zierde des ernsten Ganges vor die dunkle Stelle, wo der Streiter des Herrn vom Tode zum Leben hindurch gedrungen ist. Daß wir alle ihm nachkämpfen, und denselben Preis erlangen sollen, daran
erinnert uns noch die, von dem hohen Fenster erleuchtete, Inschrift:
Wohl dem, der sich des Dürftigen annimmt!
Den wird der Herr erretten zur bösen Zeit.
Denn dieser und die folgende Versen des 41ten Psalms haben nicht allein in dem ganzen Leben Luthers, sondern auch in den, sich fast gleichen, Geschichten beyden, an seiner Zelle wohnenden,
Schwesteranstalten die denkwürdigste Bestätigung gefunden. Vergleiche die Entstehung des evangelischen Waisenhauses zu Erfurt von dessen Vorsteher J. D. Pohle mit dem 9ten und 10ten Jahrberichte
des Martinsstiftes.
–––––––
IV. Luthers Capelle auf der Wartburg.
Das Wort, welches Luther auf seinem Heldenzuge nach Worms vom heiligen Geiste empfangen hatte, das Siegeslied der evangelischen Kirche, ist an ihm selbst zuerst erfüllet worden: der rechte Mann,
der für uns streitet, half ihm frey aus aller Noth, und erhöhete über den alten bösen Feind sein Haupt auf die feste Burg, wo er warten musste des Herrn, und hoffen auf das bleibende Reich unsers
Gottes. – „Wart Berg, du sollst mir eine Burg werden!" rief Ludwig, der Springer, als er einem flüchtigen Wilde bis auf diese schöne Höhe nachgejagt hatte, und erbaute 1067 den
dreyhundertjährigen Wohnsitz der Landgrafen von Thüringen. Noch berühmter ist die Burg geworden durch den Krieg auf Tod und Leben, den sechs deutsche Minnesänger 1207 hier gespielt haben, und
durch die gottselige Liebe, welche die heilige Elisabeth von 1211 bis 1227 hier geübt hat.
Luther wurde auf Befehl seines weisen Kurfürsten den 4ten Wonnemond 1521 hierher verborgen. Er schreibt davon selbst: „Ich habe der gemeinen Sache gewichen, aus guter Freunde Rath, wiewohl
ungern, und ohne zu wissen ob ich Gott damit Recht {116}
thäte. Vor mich dachte ich, man sollte seinen Hals hingeben in den gemeinen Grimm. Sie haben aber nicht gewollt, sondern Reuter bestellt, und mich durch verstellten Auffang unter Wegens
weggenommen, und mich an einen sichern Ort, wo man mir aufs beste begegnet, gebracht." Er musste Waffen anlegen, Haar und Bart wachsen lassen, und als Junker Görge das Leben eines Ritters führen.
„Ich bin," schrieb er einst an Spalatinus, „zwey Tage auf der Jagd gewesen, und habe die süßlich bittere Lust der großen Helden auch kosten wollen. Wir haben zwey Hasen und ein Paar arme
Rebhünergen gefangen. Ein Geschäfte, das sich wohl für müßige Leute schicket! Denn ich habe auch unter Netzen, und Hunden theologische Gedanken gehabt. Aber so viel Lust mir die Gestalt und das
Ansehen solcher Sachen selbst gemacht; so sehr hat mich das darunter versteckte Geheimniss und Bild gedauert. Denn was bedeutet dieses Bild, als daß der Teufel durch seine gottlosen Meister und
Hunde, nämlich die Bischöfe und Theologen, die unschuldigen Thierlein heimlich jage und fange? Ach! die einfältigen und gläubigen Seelen fielen mir dabey gar zu sehr in die Augen. Es ist noch ein
schrecklicher Geheimniss dazu kommen. Da wir ein arm Häschen auf mein Bemühen lebendig behalten, und ich es in den Ermel meines Rock's gesteckt, und ein wenig davon gegangen, haben unterdessen
die Hunde den armen Hasen gefunden, und ihm durch den Rock das rechte Hinterbein zerbissen, und die Kehle zerwürget, daß wir ihn tod gefunden. So wütet auch der Pabst und Satan, daß er auch die
geretteten Seelen verderbet, und sich wenig um meine Mühe kümmert." Desto eifriger wande Luther seine Freyheit auf der Burg dazu an, das zweyschneidige Schwert des Geistes zu schärfen; er gab dem
Volke das neue Testament deutsch in die Hände. Und neben einem solchen Werke besorgte er eben so treu noch eine Menge anderer Geschäfte. „Ich muß täglich zwier predigen, bringe die Psalmen
zusammen, richte die Postille zu, antworte meinem Widersacher, und verlege beide zu Latein und Deutsch die Bulla, und schütze mich. Will schweigen der Briefe, guten Freunden zu schreiben, und
andere Hinderniss – die sich täglich zutragen, jetzt mit denen, die um mich sind, jetzt mit fremden Leuten zu reden, handeln, Rath geben." {117}
Seine liebsten Erhohlungen waren einsame Spaziergänge nach dem ansehnlichen Katharinen-Kloster hin, und besonders dem anmuthigen Helgenthale, das er Paradies nannte. Dessen ungeachtet wurde ihm
die Abgeschiedenheit auf Pathmos bald unerträglich. Er sahe sich in die engen Mauern verfolgt von dem Fürsten dieser Welt, und mochte ihn wieder auf offenem Plan mit dem Worte fällen. „Ich
wollte, sagte er, lieber für die Ehre des göttlichen Wortes, und zu meiner und anderer Seelen Befestigung auf glühenden Kohlen brennen, als hier nur halb leben." Er wagte daher in seiner
Rittertracht weitere Ausflüchte nach Gotha, Jena, und so gar bis Wittenberg, um selbst die Kirchenverbesserung in einem guten Gange zu halten. An seinem feurigen Eifer wäre er zu Erfurt in der
hohen Lilie beinahe erkannt worden. Da er aber durch die kurzen und heimlichen Besuche das Einstürmen der verlogenen Geister und falschen Propheten nicht abwehren konnte, so verließ er endlich
den 4ten Lenz 1522 die Wartburg ganz, und trat wieder öffentlich in Wittenberg auf. An den Kurfürsten schrieb er unterwegs zu seiner Entschuldigung:
„Ich habe Ew. Churfürstl. Gnaden gnug gethan, daß ich diß Jahr gewichen bin, Ew. Churfürstl. Gnaden zu Dienst; denn der Teufel weiß fast wohl, daß ichs aus keinem Zag gethan habe. Er sahe mein
Herz wol, da ich zu Worms einkam, daß, wenn ich hätte gewußt, daß so viel Teufel auf mich gehalten hätten, als Ziegel auf den Dächern, wäre ich dennoch mitten unter sie gesprungen mit Freuden . .
. .
Solches sey Ew. Churfürstl. Gnaden geschrieben, der Meinung, daß Ew. Churfürstl. Gnaden wisse, Ich komme gen Wittenberg in gar viel einem höhern Schutz, denn des Churfürsten, Ich habs auch nicht
im Sinn, von Ew. Churfürstl. Gnaden Schutz begehren. Ja ich halt, ich wolle Ew. Churfürstl. Gnaden mehr schützen, denn sie mich schützen könnte, dazu, wenn ich wüste, daß mich Ew. Churfürstl.
Gnaden könnte und wolt schützen, so wollt ich nicht kommen. Dieser Sachen soll noch kann kein Schwerd rathen oder helfen, Gott muß hie allein schaffen, ohn alles Menschlich sorgen und zuthun,
darum wer am meisten gläubt, der wird hie am meisten schützen
. . . Glaubt Ew. Churfürstl. Gnaden diß, so wird sie sicher seyn und Friede haben; gläubt sie nicht, {118}
so glaube doch ich, und muß Ew. Churfürstl. Gnaden Unglauben lassen seine Qual und Sorgen, wie sichs gebühret allen Ungläubigen zu leiden."
Die Stube, in der Luther zehen volle Monate so viel in dem Herrn gearbeitet hat, ist in dem alten Ritterhause auf der Nordseite der Wartburg, und die Capelle, in welcher er täglich den Glauben
gepredigt hat, auf der südöstlichen Ecke im hohen Hause. In jener findet man noch den berühmten Dintenflecken an der Wand, der leichter konnte erhalten, oder erneuert werden, als der
Studiertisch, von welchem so viele Denkzeichen abgeschnitten worden sind, daß nur der Kreuzfuß übrig geblieben ist. Der größere Familientisch ist aus Luthers Stammhause zu Möra, und sein Kopfbild
und Bruststück nach Cranach und Schadow erst später hierher verehret. In der Capelle, die auf dem Bilde nach ihrer, 1628 etwas geänderten, Einrichtung dargestellt ist, hangt an der linken Seite
ein altes Gemählde, auf welchem in den Händen der heiligen Elisabeth, die über den stillen Werken ihrer Liebe von ihrem Gemahle überrascht ist, das Brot in Blumen verwandelt wird; und unter
demselben bey einer Armenbüchse die sinnige Deutung und Mahnung:
O Ihr Edlen! denket bey dem Bilde
Jener Menschenfreundin, die voll Milde,
An den Armen, dessen Dank Euch lohnt.
Und es blüh‘ auf Euren Wegen.
Euch die süße Freud' entgegen,
Die allein in guten Herzen wohnt!
Hier wurde auch 1655 die theure Leiche des Herzoges Bernhard, welche schon 1639 zu Breysach war beygesetzt worden, auf ihrer Heimfahrt in das Erbbegräbnis nach Weimar bewahret. Von ihm und vielen
älteren Helden seines Geschlechtes [Die merkwürdigsten sind: Ludwig der Springer 1070, Ludwig der Eiserne 1160, Friedrich der Gebissene 1270, Ernst und Albrecht die Geraubten 1455; der Ritter
Kunz von Kaufungen 1455, der Schenke Walther von Vargula 1220, der Schlosshauptmann von Berlepsch 1521; auch der Papst Julius II. 1510, und der König Heinrich II. von Frankreich 1566.] sind die
Rüstungen in dem anstoßenden Speisesaale und Wohnzimmer der Landgrafen aufgestellt, und über denselben in dem großen Rittersaale die Bildnisse der sämmtlichen Fürsten, welche auf der Wartburg
geherrscht haben. {119}
So rings umgeben von den Riesengestalten, welche Gut und Blut für das Höchste freudig dahin gaben, müssen nur wir Enkel auch angewehet werden von ihrem Geist, und auf der Luthersburg singen
lernen:
Geister in Rittertracht
Schreiten durch Nebelnacht
Herrlich einher.
Ihr Arbeit unverlor'n!
Noch klingt der Bernhards-Sporn;
Noch singt das Schwedenhorn:
Mit uns ist Gott!
V. Luthers Wohnstube zu Wittenberg.
Johann der Beständige hatte 1526 das von den Mönchen verlassene Augustinerkloster Luthern zum Eigenthume geschenkt, und Kurfürst August ließ es den Erben 1564 für die Universität wieder abkaufen.
Das vordere Gebäude wurde nun zu Freywohnungen für 150 arme Studenten von Grund auf neu gebaut, und nach dem Stifter Augusteum genannt. Seit 1817 befindet sich in demselben das
Prediger-Seminarium, welches unser fromme König zu Ehren Luthers an die Stelle der nach Halle verlegten Universität gestiftet hat. Das hintere Gebäude hat aber den Namen Kloster und fast ganz
seine alte Einrichtung behalten. In dem ersten Stockwerke, auf welches eine thurmartige Wendeltreppe führet, ist besonders Luthers Stube zwischen einem Vorsaale und einer Kammer gerade so noch
erhalten, als er sle bewohnet hat.
In dem einen Fenster stand er am frühen Morgen und späten Abend, und redete zuerst und zuletzt mit dem Herrn; wie ein Mann mit seinem Freunde; in dem andern saß er auf den beyden hölzernen
Armstühlen bey seiner lieben Käthe, und scherzte mit ihr; oder er spielte ein Lied auf der Flöte, und auf ihrem Schooße guckte ein Kind durch die kleinen runden Scheiben hinaus auf den Hof und in
den Garten. An dem festgezimmerten Tische hat er seine zahlreichen und inhaltsschweren Werke geschrieben. Er konnte ihn leicht abräumen, und die Bücher, deren er bey keiner Arbeit viele bedurfte,
in die zwey Fächer unter den Stühlen legen, wenn der Tisch, von dessen {120}
Kasten er sonst das schwere Blatt erst aufheben musste, zum Essen gedeckt werden sollte. Der Platz an demselben war geräumig; auch Freunde waren stets willkommene Gäste. Mit ihnen besprach er
sich dann in aufgeweckten Reden über allerley göttliche und menschliche Dinge; er stimmte seine Laute zu ihren geistlichen und weltlichen Liedern; der Weinkrug ging die frohliche Runde, und jedes
Fest des Hauses wurde den Herrn hier geheiligt.
Sieh, so reich Segen hangt dem an,
Wo in Gottesfurcht lebt ein Mann.
Von ihm lässt der alt Fluch und Zorn,
Den Menschenkindern angeborn.
Dein Weib wird in deim Hause seyn,
Wie ein Reben voll Trauben fein,
Und dein Kinder um deinen Tisch,
Wie Oelpflanzen gesund und frisch.
Und was Luther hier selbst erlebte und besang, seinen Himmel, auf Erden, das hatte er auch um sich herum in lieblichen Bildern darstellen lassen. Auf die Wände waren Weinreben und Oehlzweige
gemahlet, und von der Decke schauten aus bunten Kränzen freundliche Engelsköpfe herab: Selbst der hohe Ofen sollte ihm noch ein sinniges Zeichen seyn, daß von der himmlischen Brunst die irdische
Weisheit und Kunst müsse durchdrungen seyn. Ueber den heiligen Evangelisten waren auch die Geometrie mit dem Zirkel und die Musica mit der Laute in die Tafeln gebrannt
Von den vielen Tausenden, in welchen diese denkwürdige Stube schon ähnliche Betrachtungen mag geweckt haben, ist wohl der merkwürdigste der kaiserliche Schiffszimmermann, dessen Namen Peter, über
die Kammerthür mit Kreide geschrieben, von 1698 an unter Glas noch erhalten ist.
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VI. Luthers Standbild zu Wittenberg.
Im Mittel der Stadt am weißen Berge, von welcher, wie zu ihr geredet war, [Von den weißen Sandhügeln am Ufer der Elbe hat die Stadt ihren Namen, und von diesem den Segen empfangen, mit welchem
1502 die Universität eingeweihet wurde.] die verborgene Weisheit, wieder ausgegangen ist in alle Welt, steht {121}
auf offenem Markte die hohe Gestalt deutschen Propheten im faltenreichen Priesterrocke da, wie er mit freudigem Ernste den heimlichen Schatz vorzeigt, und allem Volke predigt:
Glaubet an das Evangelium!
Wie dieses Wort, mit goldenen Buchstaben auf die Vorderseite des Fußgestelles geschrieben, das ganze Werk seines Amtes und den Anfang vor der Schlosskirche zu Wittenberg bezeichnet, so erinnern
die Inschriften auf den Nebenseiten an seinen freudigen Heldenlauf nach Worms, und an seinen herrlichen Sieg über den Fürsten dieser Welt. Rechts steht:
Ein feste Burg ist unser Gott;
links:
Ists Gottes Werk, so wirds bestehn,
Ists Menschen Werk, wirds untergehn.
Ueber dem 9 Fuß hohen Stuhle aus röthlichem, spiegelglatten Granit tragen vier achtkantige Säulen ein 19 Fuß hohes Schirmdach mit acht gothischen Spitzen. Der steinerne Stuhl wiegt 1200 Zentner,
der eiserne Schirm 90 Zentner, und das eherne Bild 75 Zentner; das ganze, 28 Fuß hohe, Denkmahl also 1365 Zentner. So wie die Macht dieser Zahlen und Stoffe den Eindruck der Gestalt noch mehret,
daß der Mann auf dem Felsen mit der ehernen Stimme und der eisernen Feder in seiner vollen Kraft erscheinet: so giebt auch die Geschichte von der Entstehung und Vollendung des Denkmahles ein sehr
ähnliches Bild von dem Anfange und Fortgange der Glaubensreinigung, zu deren dreyhundertjähriger Feyer es errichtet ist. Sie ist von dem Meister desselben, von Schadow selbst, in dessen
Wittenbergs Denkmählern der Bildnerey, Baukunst und Mahlerey ausführlich erzählet, und kurz auf der Rückseite des Fußgestelles also bezeichnet:
Von dem Mansfeldischen Vereine für Luthers Denkmahl durch gesammelte Beyträge begründet, und durch König Friedrich Wilhelm III, errichtet.
Von einem Landprediger, dem ehrwürdigen Schnee, und seinen Freunden in der Grafschaft Mansfeld, die er zu wissenschaftlichen Bestrebungen vereinigt hatte, ist der erste Gedanke zu einem Denkmahle
ihres Landsmannes ausgegangen. Er fand aber nicht bloß in der Nähe, sondern auch in der Ferne bey allen Gliedern der evangelischen Kirche gleich so lebhaften Beyfall, daß die erstaunte
Gesellschaft bald 23,452 Thaler zusam- {122}
men hatte. Da drohte auf ein Mahl die siebenjährige Gewalt des übermüthigen Herrschers, der nicht unsers Stammes und Glaubens war, das Vorhaben zu vernichten; doch weise Sorgfalt rettete den
gesammelten Schatz, und mehrte ihn sogar durch Zinsen bis auf 33,450 Thaler. Nachdem nun endlich die leibliche Freyheit wieder erkämpft war, konnte auch das Denkmahl der geistlichen mit um so
größerer Kraft vollführet werden. Unser gerechtester Beschützer dieser beyden Güter des Lebens, der schon vorher mit Seiner Königlichen Freygebigkeit den Plan begünstigt hatte, ließ sich
erbitten, die Ausführung nach Seiner Allerhöchsten Entscheidung machen zu lassen. Er selbst, der fromme Einiger der evangelischen Kirche, legte den Grundstein am zweyten Tage des großen
Reformationsfestes; und an demselben Feste im Jubeljahre von Worms wurde vor seinem Gesandten, dem geheimen Staatsminister von Motz, das vollendete Denkmahl feyerlichst eingeweiht. Als der
Vorhang um demselben fiel, in dem Augenblicke thaten sich auch die Wolken des Himmels von einander, und ein Strahl der Sonne erleuchtete wundersam das Bild des Mannes Gottes, von welchem unserer
Zeit das wahrhaftige Licht geboren ist.
Möge es immer heller scheinen in die Herzen aller Christen, und niemahls die Bahn wiederum verloren gehen, welche die Wahrheit und das Leben ist! Dahin mögen insonderheit eingehen alle, welche
dieses Denkmahl des Glaubens anschauen, oder einen der Orte und Tage besuchen und feyern, an welchen der Herr ein Gedächtniss seiner Gnaden gestiftet hat. Und auch im Martinsstifte werde der
diesjährige Jubeltag ein allgemeines Glaubensfest zur ewigen Seligkeit! Amen.
Mit diesem Einen bittet um Alles
Karl Reinthaler.
Zur Feyer des Festes ist auch Der allgemeine christliche Glaube, wie solcher im Luthershofe zu Weimar mit den Zöglingen der Freunde in der Noth gesungen und volksmäßig durchsprochen wird, 84
Seiten Text und 16 Seiten Noten in kl. 8. mit 4 Kupfern, auf 10 Sgl. herabgesent, und dafür überall zu haben.
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