Der Zaubersee
oder
der weiße Hirsch
tragisch-komische Zauberoper in zwey Abteilungen
nach Gozzi frey bearbeitet von
Johannes Falk
in Musik gesetzt von
J. C. Remde {2}
Personen.
Diavanna, eine junge Fee.
Amandad, ein indischer Fürst, ihr Geliebter.
Amande, seine Schwester.
Zadig und Rezia, Kinder der Diavanna.
Der Oberbramine, ein hundertjähriger Greis.
Ein junger Bramin.
Hofschatzmeister.
Benhadad, Staatsminister,
Hofdoktor
Küchenmeister
Der Geist des verstorbenen Königs, Amandads Vater.
Silvana, Mondana, Sylphen, junge Feen, Gespielinnen der Diavanna
Braminen, Feen, Soldaten und Volk.
Der Schauplah ist theils in einer unbekannten Einöde, theils in und außer der Stadt Tiflis, und in der Nähe der Riesenburg des Morgonides. {3}
Erste Abtheilung
Szene 1.
Ein Dattel- und Myrthen-Wäldchen.
Der Oberbramine und ein junger Bramine treten unter entfernten Donner, Blitz und Sturmwind auf.
Junger Bramine. (im Aufstehen.)
Ehrwürdiger Vater, was bedeutet diese unruhige Bewegung der Natur? Was diese Schreckenstöne, die von allen Seiten die Luft zerreißen.
Oberbramine.
Sie sind, wie einer, mein Sohn, Vorboten von großen Begebenheiten im Geisterreich, die uns nahe sind.
Bramine.
O laß mich das Nähere davon durch deinen Mund erfahren.
Oberbramine.
Du kennst Diavanna?
Bramine.
Die reizende junge Fee? welcher die Aufsicht über die Rosen vertraut ist, und welche an der Hand des lauen Westwindes, {4}
die Gärten und Fluren durchstreicht, und junge Lilien entfaltet?
Oberbramine.
Dieselbe.
Bramine.
Was ist mit Ihr? Rede, sprich mein Vater!
Oberbramine.
Sie hat ihren höheren Zustand vergessen, und sich in eine strafbare Verbindung mit einem Sterblichen eingelassen, mit einem der schönsten und edelsten Prinzen Indiens. Sein Name ist
Amandad.
Bramine.
Ich habe oft seine Tapferkeit rühmen gehört.
Oberbramine.
Sein Herz und seine Liebe allein zu besitzen, verwandelte sich die junge Fee in einen weißen Hirsch, und verlockte ihn in die Tiefe jenes geheimnisvollen Zaubersees, woraus die Götter
Vergessenheit trinken.
Bramine.
Wie? Sie könnte Ihren eignen hohen Ursprung also verläugnen, und zu diesem armen vergänglichen Geschlecht, heruntersteigen? Indeß wir, als treue Diener Bramatmas, durch tausend strenge Büßungen
im Ganges, zu ihm die Rückkehr suchen, wollte Diavanna {5}
Und was bestimmen die heiligen Gesetze des Sanscrit, in diesem Fall der Verirrten für eine Strafe?
Oberbramine.
Die Sterblichkeit. Das ist die Rückkehr zum Licht, ihr wieder eröffnet, so bald ein Sterblicher stark genug ist, die bittern Prüfungen zu bestehen, welche das Schicksal bestimmt hat. Aber
freilich sind diese Prüfungen so grauenvoll, daß, unter Millionen Seelen, sich kaum eine findet, die den Muth hat, einen solchen Versuch zu wagen, wozu Amandad von den Sternen berufen ist.
Bramine.
O heiliger Vater, so laß uns den beyden Liebenden, in ihrem so schweren Kampfe, mit unserm Beystand zur Seite stehn.
Oberbramine.
Erfordert das nicht auch schon die Pflicht unseres heiligen Berufs? Dazu kömmt der Nothstand des Königreiches, das er beherrscht, und diesen Schutzgeistern wir so nahe befreundet sind. Amandads
Vater todt – der wilde Sarazeun Morgonides, aus seiner Riesenburg hervor gestürmt – die Hauptstadt von allen Seiten belagert und eingeschlossen – . Und Du wirst Amandad noch mehr bedauern, wenn
du erfährst, daß einer der härtesten seiner Prüfungen, darin besteht, die entsetzliche Schlange Lamabadona zu umarmen. {6}
Bramine.
Entsetzlich.
Oberbramine.
Behält seine Treue die Oberhand; verflucht er seine Geliebte nicht, so sehr auch der Anschein wieder sie ist, und in welcher widrigen Gestalt sie ihm auch immer erscheinen mag: so begnadigt
Bramatma seine Seele; er läßt ihrem Ringen nach dem ewigen Lichte Gerechtigkeit wiederfahren, und schenkt ihr die leidvolle Prüfung kürzer Erdentagen.
Bramine.
Ich verstehe dich. Er wird sodann zum Range höherer Geister wieder emporgrückt – doch was wird aus Diavanna, wenn er sie verflucht?
Oberbramine.
Sie ringelt sich als buntgefleckte Schlange, im Dunkeln Schoos der Erde, und dieser Zustand währet 2000 Jahr.
Bramine.
200 Jahr, welch‘ ein unermeßlicher Zeitraum!
Oberbramine.
Und doch nur eine Spanne Zeit für eine Fee, wie unsere Diavanna, die bereits 32,000 Jahr gelebt, und noch 2,32000 Jahre zu leben hat. – Doch, ich höre so eben Tritte, die aus jenem Dattelwäldchen
uns entgegen schallen. Ich erkenne die Schwestern Diavannas. Sie sind beseelt von Rache, gegen den Prinzen Amandad hierher geeilt, {7}
weil man ihnen ihre Gespielin raubte. Sie werden aus Rachsucht, Alles aufbieten: damit er seiner Prüfung unterliegt, und seine Geliebte mit einem Fluch belegt. Laßt uns ihren Plänen mit Weisheit
entgegen wirken!
Bramine.
Rechne ganz auf meinem Diensteifer, heiliger Vater!
(gehen Beyde ab.)
Scene 2.
Silvana, eine junge Fee, tritt auf, und zieht geheimnisvoll magische Kreise; Nachher Mondana, die aus der Erde empor steigt, und die übrigen Feen.
Das entfernte Gewitter kömmt näher.
No. 1. Chor der Feen.
Silvana.
Donner rollet, Sturmwind brüllet,
Zauberspruch ist nun erfüllet,
Komm Mondana! komm Mondana!
Ein rother Wetterschein umgiebt den Himmel.
Mondana. (die aus der Erde empor steigt.)
Der Regen, er regnet, es donnert die Luft
Ha! wer ruft, wer ruft, wer ruft?
Chor der Feen. (die von beyden Seiten erscheinend, im Kreise hinzutreten.) {8}
Wetter wild, wild Wetter schön!
Schließt den Zauberkreis ihr Feen!
Silvana.
Soll das Ewige verderben?
Soll der Feen Schönste sterben?
Chor der Feen.
Oben unten, unten oben;
Donner rollen, Stürme toben,
Nebel brauen, Meere kochen,
Tausend Jahr; wie tausend Wochen;
Drum geschwind, geschwind, geschwind!
Eh das Blatt verweht der Wind.
– „Menschenleben ist ein Blatt!“ –
Zauberschwestern halten Rath! –
Komm Mondana! komm Silvana!
Mondana.
Wo ein düstrer Wetterschlag
Soll ein Männerherz versuchen!
Chor der Feen.
Hoffet, er wird sie verfluchen!
(die Feen verschwinden.) {9}
Scene 3.
Eine wilde Einöde mit einem Gezelt; Felsen im Grund und Stüke davon, die zum Sitzen dienen können, umhergestreut.
Küchenmeister und Hofdoctor (die von entgegengesetzten Seiten sich begegnen.)
Küchenmeister.
Was seh‘ ich? Allerliebster Doktor! Ei sagt, wo in aller Welt ihr hierher kommt.
Hofdoctor.
Dieselbe Frag‘ ergeht an Euch, Herr Küchenmeister! Ihr hier, und wo ist der Prinz?
Küchenmeister.
Kaum einen Büchsenschuß weit!
Hofdoctor.
Und wo hat Seiner Hoheit die letzten Acht Jahrn, seit sie aus ihres Königreiches Mitt‘ verschwand, zugebracht?
Küchenmeister.
Bey den Fischen!
Hofdoctor.
Ihr scherzt.
Küchenmeister.
Wie ich euch sage, bey den Fischen. Aber Gottlob nun sind wir {10}
wieder aufs Trockne.
Hofdoctor.
Was werd‘ ich hören!
Küchenmeister.
Vergönnt mir etwas weiter auszuholen:
So geb‘ ich Antwort euch auf eurer Fragn.
Acht Jahre sind‘s nun, künft‘gen Wonnemonat,
Als unser Prinz in dem Gehölze jagte,
Das dicht an eines Vaters Jagdhaus stößt.
Mich nahm er damals zur Begleitung mit
Beliebt auf jeder Jagd sind Küchenmeister.
In jener Einöd‘ ist uns nun begegnet,
Was zu erzählen, kaum mein Mund vermag.
Es ruft die Jagd, und in des Waldes Dickigt:
Da stieß uns eine weiße Hirschkuh auf,
Schön zart gebaut, mit Spiegelteleskopen Augen,
Der Prinz, gar sehr auf ihren Fang erpicht,
Setzt dieser Hirschkuh nach, durch Berg und Thal,
Bis ihren Lauf ein Wild Gewässer hemte,
Das sich in einen breiten See ergoß.
An dessen Ufern die Gejagte still stand,
Sie blickt aus ihren perlenvollen Augen,
Den Prinzen an, mit einem solchen Blick, 11}
Als ob sie deutlich zu ihm sagen wollte:
„Grausamer Prinz, warum verfolgst du mich?
Kaum daß ihr solches Aug‘ ihm dieß gesagt:
Als sie, mit unerhört verwegenem Sprung,
Die klare Flut des Spiegelsees zerschnitt,
Und unser aller Blicken sich entzog.
Hofdoctor.
Und unser Herr?
Küchenmeister.
Wir sollten ihm die Hirschkuh wieder schaffen!
Um jeden Preis!
Hofdoctor.
Ein fürstliches Verlangen.
Küchenmeister.
Wir machten den Versuch!
Hofdoctor.
Auf welche Weise?
Küchenmeister.
Wir holten Fischer her, mit Netz und Reusen,
Die mußten fischen, angeln nach dem Wild;
Doch keine weiße Hirschkuh zeigte sich! –
Schon war die Nacht, in immer weitern Kreisen, {12}
Mit tausend Sternen vorgerückt zum Pol,
Und alle Winde wehten schauerlich,
Und alle Büsche flüsterten so einsam,
Ein Schlaflied, zu den Vögeln auf den Zweigen,
Und alle Rohr‘ im Teiche wurden Stimmen:
Als plötzlich, aus des Sees milchweißem Mondlicht,
Sich eine Stimm‘ ergoß, die seufzte zärtlich:
Prinz, liebst du mich, so komm zu mir herunter!
Hofdoctor.
Und Amandad – ich will nicht hoffen daß
Verwegen diesem Zauberruf er folgte?
Küchenmeister.
Er folgt‘ ihm! und mit keckem Sprung wäre er gleich mitten in der Fluth –
Hofdoctor.
Der Prinz allein?
Küchenmeister.
Wo denkt ihr hin? Man läßt ihm nicht im Stich!
Hofdoctor.
Ihr sprangt ihm nach in den See?
Küchenmeister.
Allerdings. {13}
Hofdoctor.
Und fandet ihr dort die weiße Hirschkuh?
Küchenmeister.
Mit dieser war es nichts, als ein eitles Blendwerk.
Hofdoctor.
Ich erstaune!
Küchenmeister.
Eine junge wunderschöne Fee erschien, die die nassen Gäste bewillkommnete.
Hofdoctor.
Ich bin begierig! Der Prinz heiratete nachher wahrscheinlich die Fee?
Küchenmeister.
Vollzogen wurde prächtig die Vermählung
Von unsern Herrn mit seinem Meerfräulein.
Acht Jahre flossen ruhig, ungestört
Dahin, in unsern Wellenaufenthalt.
Es war ein Götterleben! Fisch‘ in Menge!
Forellen, Karpfen allerliebste Schleihen!
Wir konnten uns zu unserm Liebes-Fieber,
Ein kaltes Fieber, wenn wir wollten, essen!
Bald mehrten auch die Lust , zwey art‘ge Kinder, {14}
Ganz von Gestalt, den holden Eltern gleich,
Die in der Tauf‘ – es fehlt uns nicht an Wasser –
Die Namen Zadig, Rezia erhielten.
Sie brachten viel Bewegung in das Ganze
Und ihr Geschrey selbst war mir Unterhaltung,
Weil ich auf meinem Arm sie tragen müßte.
Hofdoctor.
Und wodurch zerschlug sich denn dieß Alles, so daß ihr wieder aus dem Wasser, auf die Erde zurück kamt?
Küchenmeister.
Blos durch die Neugierde unsres Herrn. Er wollte gerne wissen, wie alt die schöne Fee wäre. Einmal in ihrer Abwesenheit, erbrach er ihr Schreibpult, vermutlich nach ihren Taufschein zu suchen
–
Hofdoctor.
Ich kann es ihr nicht verdenken, daß sie ein solches Betragen übel nahm –
Küchenmeister.
Ich eben so wenig, wie wohl die Folgen ihres Zorns sehr traurig für meinen Herrn und für mich waren –
Die Fee erscheint in feurigen Geande, {15}
Stampft mit dem Fuß den Boden: was geschieht:
Der Zaubersee vertrocknet, mir nichts, die nichts.
Und was erscheint? – Ein wild Gebirg,
Armandad ringt die Hände,
Ruft Diavanna! Hundert – tausendstimmig
Antworten aber und Thal ihm: Diavanna!
Doch dabey bleibt es denn auch vor der Hand,
Sie selbst ist nicht zu sprechen, nur das Echo,
Selbst noch im Augenblick, wo ich erzähle;
Durchirrt der Prinz die Einöd, und erfüllet
So laut, die Luft mit seinen Liebesklagen
Daß alle Steine sich erbarmen möchten.
Das ist in der Kürze zusammen gezogen, unsere Geschichte, Herr Doktor! Nun da ihr wißt, wie es uns im Wasser ergangen ist: so stillt nun auch ein wenig meine Neugierde, und berichtet mir, was
indessen auf der Erde passierte?
Hofdoctor.
Ich stehe sogleich zu Dienst. Als unser Prinz
Von jenem Jagdhaus plötzlich uns verschwand,
Allwo die weiße Hirschkuh er gejagt,
Versetzte dieß, wie leicht zu denken ist,
Sein ganzes Volk in tiefe Landestrauer. {16}
Sein Vater starb gar bald vor Schmerz und Gram;
Im Reiche selbst, ging Alles drunter, und drüber:
Indeß Morgonides, der Sarazene,
Von seiner Riesenburg in unser Land fiel,
Und unsre Königstochter Hand begehrte,
Wollt‘ eine andre wüthige Parthei,
In eine Republik‘ das Land verwandeln.
In dieser Noth ging ich zum Oberpriester, und erkundigte mich bey ihm nach Amandads Aufenthalt. Er entdeckte mir denselben. Ich nahm sogleich unsere Staatsminister mit, und wir zogen über Berg
und Thal, um unseren geliebten Thronfolger aufzusuchen. Es war ein ganz verzweifelt Stück Arbeit, ehe wir zu Euch gelangten.
Erst stiegen wir herab, auf einer Stiege,
Die zwölf Millionen, zwey hundert tausend
Drey hundert sieben und neunzig Stufen zählte,
Wie wohl, ich glaub‘ – ich hab‘ ein paar vergessen.
Und was das Allerschlimmste, Herzens Freund,
Bey einem Appetit, wie Gemsenjäger
Gab’s nirgend was zu beißen und zu brocken!
Esel von Baumeister, der solche Truppen
So unklug angelegt, er sollte gleich
Kopf oben und Kopf unten, ging’s nach mir,
Die zwölf Millionen lange Stiege messen!
Verflucht solch hungerleiderische Passage! {17}
Ich will mein Lebtag daran gedenken!
Küchenmeister.
Und wem verdankt Ihr, daß ihr unterwegs
Vor Hunger und Mattigkeit nicht ins Gras beißt?
Hofdoctor.
Wem sonst, als den Braminen Oberhaupt,
Dem Kräuterkund‘gen, hundertjär‘gen Priester:
Aus Schnee und Mondlicht kocht er Uns ein Pflaster;
Das mußten quer wir auf den Magen legen;
Schmacht-Riemen, sag‘ ich Euch, sind kaum so gut;
So schnell verging dadurch Uns alle Eßlust!
Küchenmeister.
Ein Wunder ist’s, daß, bey so magrer Kost,
Der Mond nicht längst durch eure Rippen schien!
No. 2. Recitat.
Vermaledeite, tausendjährige Hexe,
Du Haurath, aus der grauen Noahs Arche!
Hast meinen armen Herrn, mit eitlem Blendwerk,
Sein Prinzenköpfchen ganz und gar verschoben!
Steh‘ fest mein Magen, armer Küchenmeister! {18}
Aria.
Verliebte brauchen wenig Speise;
An Seufzern haben sie genug;
Doch mir, auf Küchenmeister-Weise:
Genügt ein voller Nektarkrug!
Ich kann nicht tausend Jahre fasten,
Wie du, verwünschte, böse Fee;
Fort, fort mit dir zu Noahs Kasten,
Schon spür' ich scharfes Magenweh!
Hofdoctor.
Herr Küchenmeister, in diesem Stück muß ich euch völlig Recht geben. Schnee und Mondlicht ist höchstens nur eine Kost für Verliebte! –
Küchenmeister.
Darum kommt geschwind, wir wollen Uns nach einer solidern Speise umsehen.
Hofdoctor.
Ich bin dabey, um so mehr, da ich spüre, daß die Kraft meines Magenpflasters in Eurer Gegenwart abnimmt, was ich auch, da ihr mein Küchenmeister seyd, sehr natürlich finde.
(Beym Abgehen begegnen Sie Benhadad und dem Schatzmeister. Der Hofdoctor entfernt sich, und der Küchenmeister kehrt mit {19}
den Kommenden wieder zurück.)
Scene 4.
Der Küchenmeister, Benhadad und der Schatzmeister.
Schatzmeister.
Was seh ich? Unser tapferer Küchenmeister. Nun wo der ist, wird vermutlich auch Amandad nicht weit seyn.
No. 3. Terzetto.
Benhadad.
O Himmel! Amandad gefunden?
Schatzmeister.
Sein Küchenmeister ist da!
Küchenmeister.
Wie habt ihr die Wege gefunden?
Wir wohnen dem Himmel hier nah!
Benhadad.
Kaum Vögel erschwingen die Steige,
Wir haben sie dennoch erreicht!
Amandad, wo bist du? Nun zeige
Dich unseren Augen geneigt.
Schatzmeister.
Lobsinget der Zeit Zoroaster,
Der herrliche Wunder vollführt! {20}
Benhadad.
Vom Oberbraminen ein Pflaster!
Schatmeister und Benhadad.
Das hat uns vom Hunger kurirt!
Benhadad.
Wir gingen durch Wüsten und Höhen
Sogleich war der Tisch uns bestellt.
(Klopft auf den Magen.)
Schameister.
Wir ließen die Herberge stehen,
Wir reisten, und sparten das Geld!
Küchenmeister.
Vortreffliche Götter-Erfindung!
Nein, sagt mir nur: ist es kein Schwank?
Schatzmeister und Benhadad.
Wir bringen mit heißer Empfindung,
Dem Oberbraminen, hier Dank!
Küchenmeister. (bey Seite)
Sie bringen mit heißer Empfindung,
Daß brav sie gehungert, noch Dank!
Schatzmeister.
In der That, das Magenpflaster ist eine herrliche Erfindung, besonders in Kriegszeiten. Mir kommt ein Einfall! – Ich muß selber noch einmal mit dem Oberbraminen sprechen, eh und bevor der Krieg,
der jetzt unser {21}
Vaterland bedroht, völlig losbricht. Wir werden genöthigt seyn, im Kurzem ein Aufgebot von wenigstens drey mal fünf hundert tausend Mann zu machen. Wenn man nun den rasenden Aufwand für Monturen,
Schnapssäcke und Proviant bedenkt, der damit verknüpft ist: so möchte wohl einen armen Schatzmeister, besonders wen kein Geld im Schatz ist, der Verstand dabey stille stehen! So aber, mit dieser
neuen Erfindung geht Alles auf das Unvergleichlichste von statten. Man streich die Kerls dreymal hundert tausend Pflaster, und legt sie ihnen quer auf ihrn hungrigen Magen, so hat aller Streit
mit der Einquartierung auf einmal ein Ende! Ich will mir das Ding doch ein wenig in meine Schreibtafel aufzeichnen. (Sieht seine Schreibtafel hervor und schreibt.)
Küchenmeister.
Jezt, meine Herrn, wenn ich bitten darf, zu Tisch. Wer will, geht mit mir: wer aber keinen Appetit hat, kann auch hier bleiben. (Alle bis auf Benhadad ab)
Scene 5.
Amandad und Benhadad.
Benhadad (sieht sich um)
Der Prinz! Ich seh‘ ihn dort kommen. Wie verstört und bleich sein Angesicht ist! Ich will mich hier in den Hintergrund stellen, und ihn erwarten! (tritt zurück) {22}
No. 4. Recitat.
Amandad. (sehr bewegt)
Ach Diavanna!
Verlorne, theuerſte Gattin!
Nur einen einz’ger, letzten Augenblick,
Laß mich Dich wiedersehen, Diavanna!
Laß unsre Kinder mich noch einmal küssen,
Die heil‘gen Unterpfändern deiner Liebe!
Sodann, entrinn mit Deinem letzten Kuß
Zugleich ein Daseyn, das mir ganz zur Last ist.
Aria.
Diavanna! Diavanna!
Einen einz’ger Augenblick,
Dich wieder zu sehen!
Klimmt ich über Berg und Höhen,
Trotzt‘ ich jedem Erdgeschick;
Wollt‘ ich ohne zu verzagen,
Selbst den Kampf mit Riesen wagen;
Wind und Meer und Sturm und Welle;
Himmel, Erde, Tod und Hölle;
Alles wollt ich kühn besiegen,
Um in deine Arm‘ zu fliegen. {23}
Scene 6.
Benhadad und Amandad. Nach diesen der Geist des Königs.
Benhadad (der bey den letzten Worten hervor tritt.)
O mein Prinz!
Amandad. (ihn in seine Arme schließend.)
Edler Benhadad, Stütze meines Reiches, Du hier? Wie geht es meinem königlichen Vater?
Benhadad.
O Prinz –
Amandad.
Du schweigst?
Benhadad.
Armer Amandad! –
Amandad.
Wär‘s möglich? Mein Vater krank, oder vielleicht gar todt? Irgend eine Schreckens Nachricht ist es, die ich in deinen Mienen lese! – Ich bitte dich Benhadad, verhehle sie mir nicht! Ich kann
nicht elender werden, als ich bereits bin!
(Der Geist des verstorbenen Königs schreitet über die Bühne.)
O Himmel! Was seh ich! Ist das nicht die ehrwürdige Gestalt meines Vaters? {24}
Benhadad.
Ja, es ist sein Geist, der seine körperliche Hülle längst hinter sich gelassen hat. Seine Erscheinung, Prinz! entbindet mich des Auftrags, Euch seinen Tod zu melden, den ihm Kummer und Gram, über
eure unvorsichtige Abwesenheit zu zogen.
No. 5. Recitat.
Wozu bedarf es hier der Redekünste?
Vernehmlich, wie die Wahrheit selber spricht;
Wird sie den Weg zu deinem Herzen finden,
Mein Prinz, wofern es gänzlich nicht verderbt ist!
Dein Vater todt! – Dein Reich in Rauch und Flammen,
Worinn Morgonides, der Wüthrich haust.
Rings überschwemmt von Reisigen und Rossen
Sinkt jede Brustwehr: Du indessen schläfst
Den süßen Zauberschlaf, hier unerwecklich
Den einer bösen Fee, verwegne Kunst,
Auf dein verblendet Aug' herab gezaubert.
Aria.
Träumender Ritter, erwache!
Zittre, die göttliche Rache,
Nahet dem heimischen Heerd! {25}
Blut’ge Bäche, – sie trauern:
Hörst du die stürzenden Mauern?
Ritter, sie rufen:
Ergreife das Schwerdt!
Seelen, die wissen das Leben zu wagen,
Leben noch einmal in künftigen Tagen;
Aber, es netzt der Vergessenheit Fluß
Jedes Feigen sterblichen Fuß.
(Der Geist zeigt sich aufs Neue.)
Amandad. (erschrocken)
Was seh ich? Noch einmal zeigt sich meinen Augen die ehrwürdige Gestalt meines Vaters, mit Scepter und Krone! Die Augen starr auf mich geheftet, schüttelt er die grauen Locken seines Hauptes, mit
zürnendem Anstand und winkt mir daß ich ihm folgen soll! (wie aus einem tiefen Traum erwachend.) Ja es ist beschlossen! – Ich folge dir! Führe mich wohin du willst, Benhadad.
No. 6. Duettino.
Amandad.
Früh morgens, wenn der Hahn erwacht,
Und sagt dem Schatten gute Nacht:
Benhadad.
Da nimmst du Panzer und Visier
Und folgst mir Prinz! {26}
Amandad.
Ich folge dir!
Benhadad.
Tod oder Sieg! (reichen sich beyde die Hände.
Amandad.
Sieg oder Tod!
Beyde.
Auf Wiedersehn im Morgenroth! (Benhadad geht ins Zelt.)
Scene 7.
Amandad. Nach diesem ein Chor aus der Entfernung.
Amandad.
Kaum ist er fort, fällt der Gedanke, daß ich Diavanna und meine beyden Kinder verlassen soll, mit Riesenschmerz meine Seele an.
No. 7. Chor aus weiter Entfernung.
„Amandad! Amandad! Amandad!“
Amandad.
Was hör ich? Welche wohlbekannte, theure Stimme!
(In einiger Entfernung ertönt eine sanfte Musik.)
Diese Töne suchen allgefällig mein Ohr, und wollen mich in einen sanften Schlummer wiegen! O daß ich meinen Gram verschlafen könnte!
(setzt sich, um zu schlafen.) Träume ich, oder wache ich? Was für Gesichte gehen plötzlich an mir vorüber?
Was? Wollen diese Felsen sich beseelen?
Sind diese Bäume Harfenkehlen worden? {27}
Wie einen Kahn in sanfter Mondluftshelle,
So lind umgaukelt mich des Wohllauts-Welle!
Scene 8.
Die Einöde mit dem Gezelte, verwandelt sich in einem Myrthon-Garten. Im Hintergrunde sieht man einen prächtigen Pallast. Amandad schläft. Chor der Frauen Diavannas.
No. 8. Chor der Frauen. (verschleiert. Amandad mit Rosen bestreuend.)
Erwach, erwach, erwache!
Wir wecken dich mit Rosen!
Weil Dornen, im Erwachen
Dein zartes Herz betrüben;
So streuen hier im Schlafe
Dir Rosen deine Lieben,
Erwach, erwach, erwache!
Amandad. (redet im Schlafe.)
Wo bin ich? Welche süße Harmonie! (erwacht, sieht den Pallast.)
O mein seeliger, schon ganz verloren geglaubter Aufenthalt! Seh‘ ich dich noch ein Mal wieder? Halt ihn fest meine Seele! Und ists ein Traum, so laß mich nie wieder von demselben erwachen!
Scene 9.
Die Vorigen, und Diavanna, die so eben aus dem Pallast hervortritt. {28}
Amandad. (Diavanna erblickend.)
Wie? ist das nicht meine Diavanna, die so eben dort aus dem Pallast hervor tritt? Ich will ihr entgegen! (mit einer Bewegung auf sie zu.)
Diavanna. (verschleiert.)
Grausamer! Du wagst es, die treulosen Arme gegen mich auszustrecken, die im Begriff sind, sich auf ewig von mir los zu reißen?
Amandad.
Ach Diavanna! Mein Vater – mein Vaterland –
Diavanna.
Können dich nie zwingen, die heiligen Pflichten, gegen dein Weib und deine Kinder, aus den Augen zu setzen.
Amandad.
Was soll ich antworten?
Diavanna.
Daß du mich nie geliebt hast!
Amandad.
Nicht geliebt? Und wagte doch Deinetwegen den Sprung in den schrecklichen Zaubersee?
Diavanna.
Eben dieser Sprung war es, der die Flamme deiner Liebe auf ewig abkühlte!
Amandad.
Wie schonungslos behandelst du mein Herz!
Diavanna.
Dir ziemt es auch von Schonung zu sprechen! Sprich! Kannst du, {29}
was geschehen ist, je wieder ungeschehen machen? Sieh diesen himmlischen Garten! Sag mir doch, wessen verderbliche Neugier war es, die uns um dieses Paradies betrog, und dasselbe in eine
grauenvolle Einöde verwandelte?
Amandad.
Mein ist die Schuld, Diavanna! Ich weiß es! Aber will ich denn nicht Alles wieder gut machen.
Diavanna.
Fromme Vorsätze!
Amandad.
Die That werden sollen!
Diavanna.
Soll ich dich auf eine Probe stellen?
Amandad.
Auf welche du willst!
Diavanna.
Wirst du mich nie verfluchen?
Amandad.
Nie! Nie!
Diavanna.
So verkehrt, so wiedersinnig und so grausam Dir auch mein Betragen gegen Dich und die Deinigen vorkommen möchte?
Amandad.
Ich schwöre es Dir!
Diavanna.
Schwöre nicht! Ich befürchte einen Meineid!
Amandad.
O daß es je dahin mit Uns kommen mußte, meine ewig geliebte theure {30}
Gattin! Warum betrübst Du mich so geflissentlich?
Diavanna.
Und warum nennst du mich deine Theure! deine ewig Geliebte!
No. 9. Recitat.
Sage der unglücklichen Gattin, Amandad!
Die deine grenzenlos verwegne Neugier,
Bis in den Tod betrübt – zermalmt – vernichtet!
Warum mein ur- uralt Geschlecht erforschen? –
Du warst so selig, wohntest unter Göttern:
Da nahst du dich dem schauervollen Vorhang,
Den zwischen uns das ew’ge Schicksal zog.
Halt ein! halt ein, mit der verwegnen Hand!
Es ist geschehen! Ich bin entdeckt – ich sterbe!
Nicht fluch ich dir, Amandad, den ich liebe,
Nur diesen Wunsch befriedge, wenn du kannst!
Aria.
Wenn deinem Aug'
Ein Bild erscheint,
Was dich verstein't:
So höre, höre, höre!
Wie es dich als Mensch empöre,
Kind, von einem Weib geboren:
Wolle nie, in Gram verloren,
Linderung in Worten suchen, {31}
Und im Kummer mich verfluchen?
Hör' auf meine leise Bitte;
O bewache deine Schritte!
Fluche der Geliebten nicht!
Wenn ein falsches Traumgesicht
Dich mit Gaukelei umflicht,
Fluche der Geliebten nicht!
Kannst du den Tod und die Hölle besiegen,
Werd' ich zuletzt in die Arme dir fliegen!
Weichst du, ein Sterblicher, sterblichem Wahn,
Dürfen wir nimmer den Himmlischen nahn!
Amandad.
Laß sie kommen diese Stunde der Prüfung, wovon du sprichst Diavanna! Wenn ich nur Dich – wenn ich nur deine Kinder –
Diavanna.
Warum nennst du sie gerade in diesem Augenblick?
Amandad.
Soll ich sie nicht noch ein Mal wiedersehen?
Diavanna.
Heute nicht!
Amandad.
Also morgen?
Diavanna.
O besser wär es, du sähest sie nie wieder!
Amandad.
Welch gräßliches Geheimnis verdenken mir diese deine Worte? {32}
Diavanna.
Forsche nicht weiter! Bewaffne dich mit Geduld!
Scene 10.
Die Vorigen, und die Braminen. Nachher kriegerisches Gefolge von Amandad!
No. 10. Finale.
Duetto.
Diavanna.
Sey standhaft!
Amandad.
Ich schwöre!
Diavanna.
Verschwiegen!
Amandad.
Ich schwöre!
Diavanna.
Schwöre nicht! Schon diese Zähren
Nimmt mein Herz für einen Schwur.
Amandad.
Billst du mich, Geliebte, hören!
Diavanna.
Liebe du mich ewig nur!
Bedenke!
Amandad.
Wenn ich dich kränke,
Wenn ich dir fluche! {33}
Möge mein Leben den Mächten verfallen,
Welche tief unten in Finsterniß wallen.
Chor.
Hore! höre! höre!
Amandad.
Ich schwöre!
Chor.
Sey standhaft!
Amandad.
Ich schwöre!
Chor.
Kannst du den Tod und die Hölle besiegen
Wird sie zuleht in die Arme dir fliegen.
Weichst du, ein Sterblicher, sterblichem Wahn
Dürfet ihr nimmer den Himmlischen nah’n.
Amandad.
Werth ist Diavannas Leben
Tausend dafür hinzugeben!
Diavanna.
Herz, so heiß und liebevoll,
Mein Amandad, lebe wohl!
Amandad.
Diavanna, lebe wohl! {34}
(Kriegerisches Gefolge von Amandad tritt auf.)
Chor von Allen.
Hörst du diese Hörner?
Vom Gestad' herein,
Zu des Thrones Stufen,
Laden sie dich ein.
Muth'ge Herzen schlagen,
Und am Vater Heerd
Schwingt der tapfre Krieger
Heut sein gutes Schwerdt.
Horch, wir rufen Alle:
Komm, Amandad, komm.
Mit der Hörner Schalle
Lockt der Nachruhm, komm!
Willst du ewig zaudern?
Und im Rosenlicht
Hier die Nacht verplaudern
Wie ein Traumgesicht? {35}
Folg' dem Ruf der Ehre!
Horch, wir rufen All!
Himmel, Land und Meere
Sind ein einz'ger Schall!
Selbst die Donner jauchzen,
Fröhlich, fern und nah,
Und die Felsen rauchen
Bald Victoria!
Amandad und Diavanna.
Lebe wohl!
(Gehen sämmtlich ab.)
Ende der ersten Abteilung. {36}
Zweite Abtheilung
Das Theater stellt die vorige Einöde vor.
Scene 1.
Der Schatzmeister und der Hofdokter.
Schatzmeister.
Herr Dokter! Was haltet ihr von unserer Zauber-Mahlzeit?
Hofdokter.
Alles vortreflich, bis auf den verdächtigen Beygeschmack des Weines!
Schatzmeister.
Wie so?
Hofdokter.
Er schmeckt mir so ein wenig nach Wasser! Man konnte es deutlich merken, daß man bey einer Nix zu Gaste war.
Schatzmeister.
Possen!
Hofdokter.
Nein! Nein! Was ich Euch sage, ich traue der Hölle und ihren Künsten nicht!
Schatzmeister.
Wofür fürchtet ihr Euch denn? {37}
Hofdokter.
Ey wovor sonst, als daß sie uns mitten unter Wein und Deserten, etwas Himliches bey gebracht! Ich hätte den Teufel davon, mich in eine Fischotter, Auster, oder in irgend so eine andere milch
lebrichte, kaltblütige Creatur verwandelt zu sehen! Schon von dem bloßen Gedanken, wird mir die Haut schuppigt.
No. 11. Recitat.
Schatzmeister.
Doctor! weg, weg mit deiner Furcht!
Wer wird von solchen Dingen sprechen!
Allhier, wo fließt der Wein in Bächen.
Aria.
Goldfisch, Auster und Sardelle,
Haben wenig von der Hölle;
In den schönen klaren Weinen,
Die wie Mond im Glas erscheinen.
O du alberner Geselle!
Fällt mir nicht die Furcht der Hölle,
Nein, mir fällt der Himmel ein!
Eins nur mag ich nicht verhehlen,
Eins will noch zum Himmel fehlen! {38}
Ja, ein Kind mit Engelmiene,
Eine liebliche Delphine
Wünscht ich im Verborgnen mir,
Gern eröffnet ich die Thür.
Stern an Sternen sollten strahlen!
Unter perlenden Pokalen,
Küsse, die nicht zu bezahlen:
Selbst den Neid der Himmelsgäste,
Weckten solche Götterfeste!
Sturm und Erdbeben.
Hofdokter (erschrickt.)
Was ist das? Ich verspüre Erdstöße unter meinen Füßen!
Schatzmeister.
Wahrscheinlich hat die mächtige Fee eure Bemerkung, über das Essen übel genommen!
Hofdokter.
Sollte sie so empfindlich seyn?
Es donnert.
Schatzmeister.
Hört ihr den Donner?
Hofdokter.
Ich wollte, wir wären hundert Meilen weit weg von dieser Zauber- {39}
insel! Wo Teufel mag nur der Prinz stecken? Warum trifft er keine Anstalt zu unserer Abreise?
Schatzmeister. (sieht sich um.)
Dort kommt er so eben im heftigsten Gewitter! Der Staatsminister ist an seiner Seite. Sie sind beyde in einem tiefen Gespräch begriffen! (Treten beyde auf die Seite.)
Scene 2.
Die Vorigen. Amandad und Benhadad. Nachher die beyden Kinder.
Amandad (zu Benhadad)
Quält mich nicht! Ich bitt‘ euch drum. Ich werde euch folgen; aber jetzt nicht - späterhin, sobald ich meine Kinder gesehen habe!
Es donnert aufs Neue.
Hört ihr diesen Donner? Es ist die Stimme meiner Geliebten, daß ich meine Kinder noch vor meiner Abreise sehen soll, wie sie mir versprochen hat.
Hofdokter (zum Schatzmeister seitwärts.)
Eine sehr nachdrückliche, eine äußerst sonore Stimme.
Es donnert wieder.
Schatzmeister.
Gnade unseren Ohren, wenn alle Damen, die über die Untreue ihrer Männer aufgebracht sind, sich eines ähnlichen Vortrags befleißigen sollten.
Benhadad.
O mein Prinz, ihr vergesset, daß die Gefahr mit jedem Augenblick wächst! {40}
Amandad.
Die meinige vielleicht!
Indem er die Kinder erblickt.
O meine Kinder! Hieher in meine Arme! In die Arme eures liebenden Vaters! –
Scene 3.
Die beyden Kinder Zadig, Rezia, und die Vorigen.
(Die Kinder eilen Amandad zu, der sie mit Hastigkeit umarmt.)
Rezia.
O lieber Vater, rett‘ uns, rett uns von der Grausamkeit unserer Mutter!
Amandad.
Was sagt ihr?
Zadig.
Sie wird in diesem Augenblick erscheinen. Nach den Drohungen, welche sie ausgestoßen, müssen wir Alles von Ihr befürchten, wenn du uns nicht beschützest!
Amandad.
Ihr macht, daß mir alles Blut in meinen Adern erstarrt. Kommt ihr Kinder! Fort, fort!
(Indem sich der Schatzmeister und der Dokter der Kinder bemächtigen hört man ein Erdbeben, und Diavanna erscheint in vollen königlichen Glanze, und von ihrem Gefolge begleitet.) {41}
Scene 4.
Diavanna. Ihr Gefolge. Die Vorigen.
No. 12.
Chor von Diavannas Gefolge.
Heil Diavanna!
Jubelt ihr Brüder,
Singet ihr Lieder!
Knieend gehorcht ihr, die Herzen entbrennt,
All‘ ihr Bewohner im Orient!
Fallt vor ihr nieder,
Singet ihr Lieder!
Flammender Stern, am Firmament,
Welchen Bramatma zu ehren vergönnt,
Allen Bewohnern von Orient,
Heil! Heil!
Heil unsrer Königin, Heil!
Benhadad. (bey Seite.)
Wie schön sie ist! Gewiß Amandad verdient, wegen der Leidenschaft, die er zu ihr gefaßt, volle Entschuldigung!
Amandad.
Wär‘s möglich Diavanna? Sollte die grausame Anklage, die ich aus {42}
dem Munde der Unschuld selbst vernommen haben, gegründet seyn? Du schweigst? – Du würdigst mich keiner Antwort auf meine Frage? O so ist mein Elend gewiß, und entschieden.
No. 13. Recitat:
Diavanna. (die zu den Kindern tritt, und sie an der Hand nimmt.)
Unseeliges Geschick, was mich verfolgt!
O warum kann mein heißer Thränenfluß,
Die Flammen nicht, in jenem Abgrund löschen,
Der, bald eröffnet, euch verschlingen soll,
Ihr Seelen meiner Seele, theuerste Kinder!
Was ich nicht will, das muß ich leiden wollen;
Und was ich will, versagt mir unerbittlich
Ein grausam mich verfolgendes Geschick.
(Die Kinder wechselseitig umarmend.)
O weh! um Dich! – und Dich – und Diavanna!
Ich wein um Mich – um Euch, und euren Vater!
Aria.
Nun ermanne dich, Amandad!
Bleib mir eingedenk des Schwures,
Daß du niemals mich verfluchest
Nie im Zorne mich verwünschest!
Götter walten! – Schau nach oben, {43}
Weil die grausamste der Proben
Dich Amandad, nun erwartet!
Alles mußt du dich entschließen,
Alles, alles einzubüßen,
Was dem Herzen werth und theuer! (sieht sich um.)
Man erblickt im Hintergrunde des Theaters einen Abgrund, aus dem eine fürchterliche Flamme aufsteigt.
Schon entbrennt des Abgrunds Feuer:
Nun verstumm', erduld' und leide!
Ach! unglücklich sind wir Beyde!
Schürt nur schürt, ihr Höllengeister,
Schürt das Feuer wild zusammen. (Zu ihren Soldaten.)
Und ihr, eisernen Geschickes,
Blinde, willenlose Diener,
Werft die Kinder in die Flammen!
(Ein Schrey des Entsetzens von allen Umstehenden.)
Ihr Götter!
(Diavanna bedeckt sich das Gesicht, um das Schauspiel nicht mit anzusehen. –
Zwey Soldaten wollen sich der Kinder bemächtigen.) {44}
Rezia.
Hülfe! Vater! Vater!
Zadig. (mit ausgestreckten Armen.)
O Mutter, Mutter, kannst du Uns, deine Kinder, so Preis geben?
(Die beyden Kinder fliehen. Zwey Soldaten verfolgen sie.)
Amandad.
Die fühllosen Steine würden auf diese Klage der Unschuld hören; aber ihr Herz ist verschlossen und taub.
Benhadad.
Bin ich ein Mann? Hab‘ ich ein Schwert an meiner Seite? Wie? Sollte ich es dulden, daß eine so unerhörte Grausamkeit, ungestraft in meiner Nähe begangen würde.
(Zieht und bleibt verzaubert stehen.)
Amandad. (zu den Soldaten.)
Zittert vor meiner Rache!
(Zieht und bleibt ebenfalls leblos, und versteinert auf der Stelle.)
(Die zwey Soldaten kommen zurück, mit zwey den Kindern ähnlich sehenden Puppen, und werfen sie ins Feuer.)
Zadig und Rezia. (ungesehen in der Nähe der Flammen.)
Ach! – Meine Mutter! – Mein Vater! –
(Der Abgrund schliest sich.)
Benhadad. (zu den Seinigen.)
Eilt ihnen nach! Rettet sie, wofern irgend noch Rettung möglich ist! {45}
Amandad.
Umsonst! Es ist alles verloren! O ver –
Diavanna. (rasch einfallend.)
Amandad! Denk an deinen Schwur!
Amandad. (verhüllt mit beyden Händen das Gesicht.)
Ich möchte dich verfluchen! Aber wie ich in den Himmel Deines Auges blicke: so erstreben alle Verwünschungen auf meinen Lippen! O Diavanna! Grausame, mit so tödlichen Reizen ausgestattete Mutter,
o daß ich Dich je gesehen habe!
Diavanna.
Bleib standhaft! Wo nicht, so werde ich Dir die längste Zeit in dieser Gestalt erschienen seyn! O mein Geliebter, wenn Du wüßtest, was deiner Diavanna bevor stünde, welche Zukunft sie erwartet,
wenn du sie verfluchest! Ein Schrecken, ein Abscheu, ein Schauder, ein Fluch der ganzen Schöpfung zu seyn: Das ist sodann ihr Loos! Leb wohl Amandad und vergiß diese Worte nicht!
(Diavanna verschwindet, nebst ihrem Gefolge unter Donner und Blitz.)
Amandad.
O meine Gattin! O meine Kinder! Mein Herz ist zerrissen, von den wiedersprechensten Gefühlen! Wohin hast du mich gebracht, unglückselige Leidenschaft! Diavanna ist lasterhaft, ja verrucht! So
bezeichnen sie ihre Handlungen! Und dennoch kann ich mich nicht von ihr losreißen! O laß mich meine Scham in die Erde verbergen, ihr Götter, oder wohin sie entflohen ist, ihr Nachfolgen!
{46}
Benhadad.(ihn an der Hand fassend.)
Nicht in die Erde blickt ein tapferer Mann,
So lang noch auf der Erd‘ ein Tagwerk ist,
Das die Beendigung von ihm erwartet.
Fort, Prinz! Die Stunde großer Thaten schlägt,
Und Tiflis wartet längst, mit Ungeduld,
Auf unser beseitigen Erscheinen!
Scene 5.
Das Theater verwandelt sich in einem Saal des königlichen Pallaſtes zu Tiflis.
Die Prinzessin Amanda, als Amazone gekleidet und bewaffnet, und der Oberbramine; nach diesem ein junger Bramine.
Amanda.
Dank der guten Zeitung, die ihr mir bringt, ehrwürdiger Vater! Mein Bruder also –
Oberbramine.
Lebt!
Amanda.
Und mein Bräutigam, der edle Benhadad?
Oberbramine.
Erfüllte ganz den hohen Zweck seiner Sendung!
Amanda.
Wie? So vermochte er wirklich Amandad aus den gefährlichen Netzen dieser Fee loszureißen, und bewerkstelligte seine Rückkehr?
Oberbramine.
Ich sage dir, daß beyde, zum Beystand ihres bedrängten Vaterlandes, so eben in Anzuge sind! {47}
Amanda.
O Himmel! Mein Bruder! Mein edler Benhadad! Wie schlägt mein Herz! Wie freut sich meine Seele darauf, Euch, nach einer so langen und peinlichen Trennung wieder zu sehen! Nun ist mir das Leben,
das ich vorhin im Kampfe mit dem wilden Riesen Morgonides so wunderbar davon trug, noch einmal so lieb geworden.
No. 14. Aria.
Habet Dank, ihr güt'gen Götter!
Ihr wollt die Unschuld retten;
Ja, ihr waret mir zur Seite!
Unter kriegerischen Streichen,
Zwischen Donner, Sturm und Blitzen,
Gabet ihr mir das Geleite;
Führtet euer Kind, Amande,
Sicher wieder, zu dem Strande,
Ueber Berg und grüne Höh'n:
Und hier werd' ich die Geliebten sehn!
Habet Dank, ihr güt’gen Götter!
Oberbramine.
Mäßige deine Freude, geliebteste Tochter! Noch eine Reihe von gar harten und bittern Prüfungen ist es, die dich und die deinigen erwartet.
Amanda.
Unter dem heiligen Beystande deines Gebetes, ehrwürdiger Vater, wollen wir sie muthig zu überwinden suchen!
No. 15. Marcia.
In weiter Entfernung ertönt ein Marsch, und nähert sich nach und nach dem königlichen Pallast. {48}
Junger Bramine. (der Eintritt, zu den Oberbraminen, beyseite.)
Sie kommen, sie sind ganz in der Nähe! Die erste Versuchungs Probe hat er glücklich überstanden, wie wohl Alles, was menschlich in mir ist, erzitterte, heiliger Vater, da ich die Kinder im Feuer
sah, und ihr Geschrey nach Hülfe, mitten aus den Flammen in mein Ohr drang.
Oberbramine.
Heil Ihm! Möge ihm nun Bramatma seinen schweren Kampf auch in Zukunft erleichtern! Jetzo folge mir in den Tempel! Die Stunde des heiligen Gebetes hat so eben geschlagen!
(Die beyden Braminen gehen mit Amanda ab.)
Scene 6.
Nach Beendigung des obigen Marsches, tritt das kriegerische Gefolge von Amandad ein. Mit seinem Eintritt wird der vorige Marsch, durch das Orchester verstärkt wiederholt, den die Krieger, durch
militärische Schwenkungen, ausfüllen. Am Schluß desselben erscheint Amandad, mit Amanden, so wie Benhadad, nebst den sämtlichen Gefolge. Das Volk schließt sich an diese an, und füllt den
Hintergrund des Saales. Beym Eintritt Amandads ertönt folgender Chor:
No. 16.
Chor von Volk und Kriegern.
Bester, aller Fürsten Söhne!
Dir erklingen diese Töne:
Schlagt die Trommeln, blast den Reigen,
Flöt‘ und Pauke, laßt nicht schweigen!
Sarazenen, wilde Bassen –
Halber Mond, du mußt erblassen!
Zittert, zittert Ceutas Mohren, {49}
Weil die Schlacht euch geht verloren!
Held Amandad ist erschienen,
Kommt, als Sklaven ihm zu dienen!
Ewig sind wir ja die Seinen,
Ein Panier soll uns vereinen!
Fall‘ ihm dankend, Volk, zu Füßen!
Kommt, ihn jubelnd zu begrüßen!
Rufet: Heil dir! Heil Amandad!
Heil dir! Heil!
Amandad. (zu dem Volk sich wendend.)
Habt Dank, meine Freunde! für euer mir so hertzlich geschenktes Zutrauen! Ich will es endlich zu verdienen suchen!
Amanda.
Mein edler Bruder!
Amandad.
Meine theure Schwester!
Benhadad.
Amanda!
Amanda. (weint.)
Benhadad.
Du weinst?
Amandad.
O Geliebte Schwester. Nicht diese stillschweigende Vorwürfe! Ich will ja Alles wieder gut machen! (zu seiner Umgebung:) Nur einen Augenblick laßt uns allein! Das Heer kann indeß sogleich
aufbrechen! Ich und Benhadad {50}
Folgen nach.
Volk und Krieger wiederholen die zweite Hälfte des vorigen Chors.
Zittert, zittert Ceutas Mohren,
Weil die Schlacht euch geht verloren,
Held Amandad ist erschienen!
Kommt, als Sklaven ihm zu dienen!
Ewig sind wir ja die Seinen,
Ein Panier soll uns vereinen!
Fall‘ ihm dankend, Volk, zu Füßen!
Kommt, ihn jubelnd zu begrüßen!
Rufet: Heil dir! Heil Amandad!
Heil dir! Heil!
Noch eh das Chor endet, entfernen sich die Krieger und das Volk, so daß der Gesang nach und nach schwächer wird, und sich zuletzt ganz verliert.
Scene 7.
Amandad, Amanda und Benhadad.
Amandad.
Nun sind wir allein, geliebte Schwester! Erzähle mir wie steht es mit Morgonides unserem Todfeinde?
Amanda.
Ach! liebster Bruder! Mag Dir die brennende Burg von Tiflis, statt meiner die Antwort geben!
Amandad.
Könnt ich doch dieß Feuer mit meinen Thränen auslöschen. {51}
Benhadad.
Der wilde Sarazene Morgonides bewarb sich, wie du weißt um die Hand unseres fürstlichen Fräuleins!
Amanda.
Mit Feuer und Schwert, wie es einem rechten Sarazenen geziemt! Habt ihr auch davon Kunde erhalten, sehr edler Benhadad?
Benhadad.
Die ausführlichste! Er wagte sogar einen Sturm? –
Amanda.
Wir schlugen ihn aber glücklich ab.
Amandad.
Wir?
Amanda.
Ich – und mein tapferes Kriegsvolk!
Amandad.
Du?
Amanda.
Ich selbst! Und mußt ich nicht? Da ihr mein edler Bruder, und dieser gleich edle Kriegsheld (auf Benhadad zeigend) nicht zugegen wart. Ihr seht, noch trag‘ ich die Rüstung, die ich gegen
Morgonides anlegte!
Amandad.
Tapfere Schwester!
Benhadad.
Heldenmütige Braut! {52}
Amandad.
Ich sah vorhin, als ich kam, auch den Oberbraminen von euch gehen; gewiß bespracht ihr mit ihm die Wohlfahrt unseres Reiches?
Benhadad.
Was gab er Euch für Hoffnung?
Amanda.
Er sprach von großen Prüfungen, die uns noch Allen in Zukunft bevorstünden.
Amandad (tief aufseufzend.)
Von noch größern?
Amanda.
O sey ruhig mein geliebter Bruder, und fasse Vertrauen. Es sind ja die Götter, die unsere Geschicke ordnen!
No. 17. Terzetto.
Amandad, Amanda und Benhadad.
Dunkel sind des Schicksals Mächte,
Und der Ausweg ist so fern;
Aber plötzlich durch die Nächte,
Glänzt der Hoffnung goldner Stern.
Holdes Licht, in dunkeln Tagen,
Hoffnung, o verlaß uns nicht!
Komm, zum Himmel uns zu tragen!
Wandle treu zu unsern Füßen {53}
Wenn der alte Erdball bricht!
O dann steig' aus seinen Trümmern,
Du, der Hoffnung goldner Stern!
Wo die ew'gen Sterne schimmern
Führ‘ uns in die Heimath fern!
Amanda.
Ja hoffe nur mein geliebtester Bruder, und sey standhaft! Verlaß dich nur erst selbst nicht: so wirst du auch von den Göttern nicht verlassen seyn. Es ist dieses eine Zeit der Prüfung, worin wir
uns befinden. Sie dauert nicht ewig, die Stunden derselben lassen sich zählen.
No. 18. Marcia.
Ein Trauermarsch läst sich von Weiten hören.
Amandad.
Horcht! – Was für Trauergesänge, erfüllen plötzlich die Hallen dieses Pallastes? Geh, edler Benhadad, und frag, was es damit für eine Bewandniß hat!
(Benhadad ab.)
Amanda. (nähert sich dem Fenster.)
Irre ich nicht, so sind es Bramas heilige Väter, welche die Weihe irgend eines frommen Festes, in der Nähe unseres Pallastes zu begehen, sich anschicken! Unser ehrwürdige Oberbramine ist, wie ich
sehe, selbst an ihrer Spitze!
Die Trauermusik kömmt näher.
Benhadad. (der zurück kehrt.)
O Herr!
Amandad.
Heda, was gibt es? {54}
Benhadad.
Die heilige Zeremonie, die so eben begangen wird – gilt Dir! Die frommen Hände der Braminen, haben die Asche deiner Kinder Heute früh aus dem Feuer, in eine Urne gesammlet, und wollen dieselbe
nun, in eine von den uralten fürstlichen Begräbnißstäten dieses Pallastes feyerlich beysetzen.
Amandad.
Die Asche meiner Kinder, – sagst du? Mich schauert! Folgen wir diesem Zug!
(gehen ab.)
Scene 8.
Ein Säulengang im Freien, im Hintergrund des Theaters, ein Garten, der zum Theil mit Volk und Krieger gefüllt ist.
Die Vorigen. Zug der Braminen, die zwey Urnen tragen, der Oberbramine an ihrer Spitze.
No. 19. Chor der Braminen.
Klage nicht, Zadig!
Weine nicht, Rezia!
Weil ihr so frühe
Geendigt das Leben,
Welches nur Qual ist
Dem ewigen Geiste.
Nichtig ist Freude!
Seelig die Weinenden!
Auf, ihr Betrübten, {55}
Erhebet die Häupter!
Laßt dieser Urnen
Vergängliche Zierde!
Kinder des Staubes,
All ihr Versammelten,
Wisset, die Seelen
Von Rezia, Zadig,
Eilen beflügelt
Hinan zu Bramatma!
(der Zug der Braminen entfernt sich langsam.)
Amandad.
O jammervoller Anblick! O Rezia! Zadig!
Benhadad.
Faßt euch, edler Amandad!
Amandad.
Soll sich der Mensch, wenn ihm sein Liebstes geraubt wird, von einem Thiere des Feldes in seinen schönsten Gefühlen beschämen lassen?
Amanda.
Theuerster Bruderr!
Der Chor von Volk und Kriegern tritt näher vor.
No. 20. Recitat.
Amandad.
Zu spät eröffne ich meine Augen!
Ihr Götter! {56}
Wohin, wohin bin ich gerathen?
Verstürmmt! verschlagen! ausgestoßen –
An welches Abgrunds schwindelndem Bord:
Rettet, ihr Götter!
Rettet den Versinkenden!
Mein Volk, mein Königreich und meine Kinder,
Dies Alles, was mir einst so theuer war –
Und ach! für wen hab' ich sie aufgeopfert?
Die holden Unterpfänder meiner Liebe!
Mich faßt die Schaam! Barmherzig‘ ew'ge Götter!
Zu spät! Mein Himmel ist verloren –
Und hier in meinem Busen stürmmt die Hölle!
Aria.
Stürmmt nur, stürmmt, ihr Höllenqualen!
Wie ich zittre, wie ich bebe!
Ha, in jedem meiner Pulse
Klopft die ganze Glut der Hölle!
Fort, verrätherische Schlange,
Lockst mich, mit dem Zauberklange!
Ganz in Liebe hingesunken
Lag ich einst zu deinen Füßen,
Und dein Lispeln klang so lieblich;
Bat den Zorn mich zu beschwören,
Bat mich, nimmer dir zu fluchen!
Und ich zaudre noch, ein Opfer {57}
Dieser listigen Bethörung
Und ich schaudre noch vor Worten
Da du mich verräthst in Thaten,
Lasse mich von dir bethören!
Chor von Volk und Kriegern.
Heil dem Helden, der erwacht!
Der aus falschen Zauberbanden
Plötzlich wieder aufgestanden,
Heil dem Helden, der erwacht!
Amandad.
Nein, ich zaudre nun nicht länger!
Chor.
Heil dem Helden, der erwacht!
Amandad.
Buntgefleckte, list'ge Schlange,
Ha! nun kenn' ich deine Tücke!
Chor.
Fluch der Falschen! Reiß dich los von ihr!
Amandad.
Fluch dir, falsche Diavanna!
Ja, ich reiß mich los von Dir!
(das Chor entfernt sich.) {58}
Scene 9.
Die Vorigen. Diavanna, die unter Blitz und Donner herauf steigt. Nach diesem die Kinder verklärt in den Wolken.
Diavanna.
Grausamer! Was hast du gethan? Hast dein Gelübde gebrochen? Hast deine dich zärtlich-liebende Diavanna verflucht! Ich bin verloren!
Amanda.
Wer ist dies überirdische reizende Geschöpf? (zu Amandad gewendet) Bruder! ist das deine Diavanna, welche du vorhin so schwerer Vergehungen beschuldigest?
Amandad.
Ja, geliebte Schwester: dies ist das weibliche Ungeheuer, das seine eigenen Kinder vor meinen Augen verbrannte.
Amanda.
Nein, nein sag‘ ich dir, mein Bruder, Du irrst! Das zarte Gewand der Unschuld, worin dieser Luhtgeist so anmutig gekleidet ist, verschmäht gewiß eine so rohe Befleckung der Sinnenwelt.
Diavanna.
Edles, zartes Wesen, obwohl aus irdischen Stoffen gebildet, wie innig erfreut mich deine Theilnahme. So höre denn das Geheimnis der Geisterwelt, geliebte Schwester Amandads! In einer unbewachten
Stunde erblickte ich deinen Bruder. Ich gestehe {59}
dir meine Schwachheit. Nie hätte ein vergängliches Kind des Augenblicks einen solchen Eindruck auf mein Herz machen sollen. Es war geschehen und die Gesetze des Himmels forderten nun strenge
Genugthuung. Mit grünlichen Schuppen bekleidet, in eine ungeheure Riesenschlange verwandelt, muß ich mein Vergehen abbüßen, so lange bis die Liebe meines Amandads sich stark genug fühlt, mir
selbst in Tod und Hölle getreu zu bleiben, und mich als Schlange ohne Furcht zu umarmen. Du siehst, daß er einen Strahl von Hoffnung in die dunkeln Abgründe, wohin ich nun scheide, mir zur
Begleitung mit gab; aber geliebteste Schwester, du siehst auch ebenfalls, daß unter diesen Umständen, Hofnung wohl nichts heißt: als das Schicksal herausfordern, daß es plötzlich Menschen in
Götter verwandeln sollte. So bleibt mir denn nichts übrig, als Ergebung in den unerforschlichen Rathschluß der Götter!
Amandad.
Grausame, es ist genug! Ich kenne dich besser, wie du selbst glaubst! Den Himmel trägst du auf deinen Lippen; aber in deinen Herzen wohnt die Hölle! Wie? oder wäre es der Himmel, und nicht viel
mehr die Hölle gewesen, welche dich vorhin antrieb, deine unschuldigen Kinder, vor den Augen ihres Vaters, auf das Erbarmungswüdigste hinzuopfern? {60}
Diavanna.
Kurzsicht‘ger Sterblicher. Nur zu bald wirst du, die Ueberzeugung davon tragen, daß du einer Scheinwelt angehörst, die dir kein Recht einräumt, über Wesen höherer Art ein Urtheil zu fällen! So
wisse denn Amandad: daß jene Flamme, bloß die irdische Hülle deiner Kinder verzehrte, und daß sie, weit davon entfernt, sie zu tödten, sie vielmehr in ein Paar reine, lichtgeborene Engel
verwandelte, die du hier aufs Neue vor deinen Augen siehst!
Die beyden Kinder erscheinen verklärt in den Wolken.
Amandad.
O Diavanna! O meine geliebtesten Kinder! Ich Unglücklicher!
Diavanna.
Laß deine Klagen Amandad! Sie kommen zu spät! Nun gilt es, in das Unvermeidliche sich männlich fassen! Die Stunde meiner Verwandlung ist nahe! Ich habe Dir Alles verziehen! Umarmt mich noch
einmal! Vater – Gatte – Schwester –! Und somit – lebt wohl! Ob auf ewig – darüber wird deine Standhaftigkeit entscheiden, Amandad!
No. 21. Monolog mit musikalischer Begleitung.
Wie ist mir Götter!
Eiskalter Schauer
Erfaßt meine Glieder,
Durchrieselt das Mark!
Ja, dieß Erbeben, {61}
Es kündet mir die Schrecken nahender Verwandlung!
Amandad, höre mich!
Ist taub dein Ohr,
Der Klage deiner Gattin?
So muß ich denn auf ewig dich verlassen!
Du könntest mich allein vom Tode retten;
Doch meine Hoffnung ist dahin.
Es übersteigt ein solches Riesenwagniß
Das schwache Maas der menschlichen Natur.
Du bleibst, ich scheid' in einen dunkeln Kreis,
Doch bin ich auch von Licht und dir getrennt,
Von deiner Liebe kann mich Niemand trennen.
So faß ich denn, was mir an Wunderkraft
Noch übrig ist, in einem Blitz zusammen,
Und rufe Glück auf Dein geliebtes Haupt.
Lebt wohl, Amandad, Amande, Zadig, Rezia!
Entfernt euch schnell, und wendet eure Augen!
Flieht, daß ihr in den grenzenlosen Elend
Von eurer Mutter nicht zugleich das eure schaut.
Mich quält die Schaam, von euch gesehen zu werden,
In dieser höchst unwürdigen Gestalt!
Die Kinder verschwinden.
Ihr bleibt? um Zeugen meiner Schmach zu seyn?
Der Augenblick ist da, das Schicksal siegt! {62}
O Gott! verloren bin ich, ohne Rettung!
Schaut! Diavanna ist, was sich hier ringelt.
Sie verwandelt sich plötzlich, von Oben herunter, in eine lange grünliche Schlange. Indem diese auf die Erde fällt, entschlüpft sie durch eine unterirdische Vorrichtung.
No. 22. Terzetto.
Amandad, Amanda, und Benhadad.
Ach! wir erzittern!
Schrecken erfaßt uns!
Unsern Wange
Bleichet zu Schnee!
Wehe! Weh!
Die einst erkoren,
Um als Königin
Himmel zu zieren,
Sinkest herab,
Nach zerbrochnen Scepterstab,
Schwindelnd, aus der sonnigsten Höh‘,
Zu den grausenvoll verschlungnen
Grün geschuppten Kreis der Schlange
Unsre Herzen
Athmen tiefer;
Unsre Wange
Bleicht zu Schnee
Wehe! Weh! {63}
Amandad.
Nun ist das Leben gänzlich mir zur Last!
Da Diavanna nicht mehr unser ist:
Laßt uns den Tod, als eine Braut umarmen!
No. 23. Chor von Kriegern und Volk, wie aus Entfernung, im Anzuge.
Amandad.
Blast, blast ihr Hörner! Reißt mich in die Schlacht!
Da, wo ein Wald von Speeren, mich empfängt
Und feindliche Gezelte sich erheben:
Dort stürz‘ ich mich in die gedrängten Reih‘n,
Und such‘ den Tod und find ihn, unter Bergen
Von Sarazenen, die mein Schwert getödtet!
Das Chor tritt hervor.
Muth! Muth! Muth!
Ha! es kostet Ströme Blut;
Aber diese wilden Mohren
Sind zum Untergang erkoren,
Führst du Uns, sind sie verloren!
Amandad.
Ja, ich komm, ich will euch führen!
Laßt die Trommel muthig rühren! {64}
Chor.
Unter tapfern Heldenstreichen!
Sehen wir sie schon erbleichen;
Ja, die Sarazenen müssen weichen!
Komm, Amandad, unser König!
Hört, ihr abgeschiednen Geister,
Unsrer tapfern Vorfahr‘n hört:
Ja, wir sind des Schlachtfelds-Meister:
Ja, wir sind Amandads werth!
Hall‘ es wieder in den Bergen,
Tausendfällt‘ger Schlachtendonner,
In der engen Felsenkluft,
Daß der Feind, auf seiner Flucht,
Wieder es und wieder hört:
Ja, wir sind Amandads werth!
Schwingt die Damaszenerklingen
Schlagt die Becken! Rührt die Trommel!
Daß der Mond davon erklinge!
Muth! Muth! Muth!
Bis die rothe Abendgluth,
Untergeht im Mohrenblut!
Noch ehe der Chor ganz endigt, hört man entferntes Waffengeklirr der nahenden Schlacht. Amandad eilt mit den Uebrigen ab. {65}
Scene 10.
Einsame Waldgegend.
Silvana und ihr Gefolge von Feen tritt eilig auf.
Silvana. (zu ihrem Gefolge.)
Er ficht mit dem Muth eines Rasenden! Alle Versuche ihm Widerstand zu leisten, sind vergeblich. Morgonides selbst an der Spitze seines Heeres wankt; es läßt sich der Augenblick voraus setzen, wo
er sich in seine Riesenburg zurück ziehen wird. Den Stolz des jungen Helden zu dämpfen, müssen wir auf andern Mittel bedacht seyn. Unbesonner Amandad triumphiere nicht zu früh; die Schranken
einer verlornen Schlacht sind Nichts gegen das Entsetzen, was dich an der Riesenburg erwartet. Kommt ihr Schwestern! Laßt uns Alles zu diesen sinnverwirrenden Schauspiel vorbereiten.
Scene 11.
Küchenmeister. (sich furchtsam nach allen Seiten umsehend, tritt auf.)
Nun das verwünsche Schießen, Spießen und Kanoniern etwas aufgehört hat, hab‘ ich mich ebenfalls aus dem Hinterhalt eines solchen Baumes wieder hervor gemacht! Wie ich höre, so haben wir die
Schlacht gewonnen, was mich wundern könnte, weil ich nicht dabey war: indeß, weil es einmal geschehen ist, so ist es mir auch recht! Denn vermuthlich wird nun Victoria geschossen, und brav
gastiert, und pokuliert werden, da bin ich dann, als Küchenmeister wieder an meiner Stelle. {66}
No. 24. Aria.
Mit der Linken, mit der Rechten,
Soll ich tödten, soll ich fechten;
Mit der Lanze; mit dem Degen
Hauen, stechen und erlegen?
Nein, ich danke schön dafür!
Ha, verdammte Pulvermühle!
Diene, wem du willst zum Spiele!
Sprecht mir nichts, von spitz'gen Lanzen!
Mag, wer will, sie lassen tanzen!
Ich, ich lobe mir den Rasen,
Wo ich tanze vor der Mühle,
Mit der schönen Müllerin!
Ganz bedeckt von weißem Mehle,
Nicht von schwarzem Pulverstaube,
Kömmt sie lächelnd mir entgegen,
Und empfängt mich vor der Thür,
Und da fingen fröhlich wir
In bekannter Melodey:
Wir Mäher, dalderaldei!
Wir mähen Blumen und Heu!
Ha, ha, ha, dalderaldei!
(singend und tanzend ab.)
Geht zum Teufel, Lanz und Degen!
Geht zum Teufel! geht zum Teufel!
Ihr Verdammten, {67}
Aus der Hölle selbst entstammten
Garst’gen Vier und zwanzig Pfünder!
Wenn Soldaten, in Gebirgen,
Pfeifen, trommeln, fechten, rasen,
Schleich‘ ich zu den grünen Rasen,
Zu der schönen Müllerin,
Lächelnd tritt sie mir entgegen;
Und empfängt mich vor der Thür,
Um zu singen für und für,
In bekannter Melodey:
Wir Mäher, dalderaldei!
Wir mähen Blumen und Heu,
Ha, ha, ha, dalderaldei!
(singt und tanzt.)
Scene 12.
Eine kühne Waldgegend, mit über einander gestürzten Felsen. Im Hintergrund, zwischen Berg und Grab, auf der einen Seite eine Säule, an der eine Pauke nebst einem Paukenschlägel hängt. Der Mond
scheint zwischen den alten Gemäuer einer Burg.
Silvana und Chor der Feen. Nachher Amandad und die Stimme des Oberbraminen.
Silvana. (zu den Feen.)
Folgt mir nach Schwestern! Diese wilde Heide ist es, die ich mir erkoren habe, {68}
um in einsamer Mitternachtsstunde den Bannfluch über das Haupt des Verräters aus zu sprechen, der durch eine betörende Liebe unsere zu weiche Diavanna, ihres hohen Götterranges vergessen lehrte.
Laßt uns mit allen Schranken der Natur bewafnet, auf ihn losstürmen!
No. 25.
Silvana und Chor der Feen.
Schrecken, das den Wandrer kalt
Packt, im einsam dunkeln Wald,
Hört entfernt er und im Stillen,
Nach dem Raube, Löwen brüllen;
Grausam, das an Felsengründen
Erdenkinder bang empfinden,
Wenn sich schnell das Maulthier bückt,
Und die Ros‘ am Abgrund pflückt;
Schwindel, Angst, Verwirrung, Pein,
Welche macht das Blut zu Stein,
Von dem Fischer, dem im Bad
Krokodill und Hayfisch naht;
Kommt, verdoppelt tausendmal,
Kälte, schneidender, als Stahl,
Komm, mit tödlichen Erblassen
Held Amandad zu erfassen!
Komm, zerschneid‘ ihm alle Sehnen, {69}
Mit dem Zahne, von Hyånen,
Wenn er bang und sinnverrückt
Jene Riesenschlang' erblickt,
Die den Mund zum Kuß ihm beut,
Und ihn zu verschlingen dräut!
Tiger, Krokodill und Leu,
Und du, Haifisch, schnell herbey,
Pack‘ and schüttl' ihm Nier‘ und Glieder,
Sinnlos ächzend, stürz' er nieder!
(Bey Amandads Eintritt entfernt sich der Feenchor, in langsamem Zuge.)
Amandad.
Was seh ich? Wer sind diese Gestalten, die langsam im Mondlicht dahin schwinden? Wie aus einer andern Welt, erschallt ihr Gesang in mein Ohr!
Scene 13.
Amandad, Silvana, Stimme von Diavanna und vom Oberbraminen. Zuletzt der Oberbramine selbst, mit den übrigen Braminen und Feen.
Die Stimme des Oberbraminen.
Bis du zur ersten Prüfung nun entschlossen: {70}
So tritt beherzt, mit wohl bedächt‘gen Schritt,
An dieses Grabes schauervollen Rand
Und leg‘ die Händ‘ darauf, und schwör, indeß
Geheimnisvoll die Pauke Du gerührt,
Die dunkle Geister aus dem Abgrund weckt,
Zu umarmen, was sein finstrer Schlund entläßt,
Wär‘s auch die gräßlich-scheußlichste Gestalt,
Die je aus ihrem Schooß die Hölle spie:
Gelob ihr zärtliche Umarmung;
Im Namen Diavannas, schwör‘ es Prinz!
Amandad. (der bisher, in tiefem Nachdenken da gestanden, indem er plötzlich die Hand aufs Grab legt, und ausruft:)
Hier leg‘ ich meine Hand auf dieses Grab,
Das tief, in seinem unerforschten Schooß,
Ein feyerlich Geheimnis in sich schließt,
Und schwör‘, im Namen meiner Diavanna,
„Zu umarmen, was sein grauser Schlund entläßt,
Wär‘s auch die gräßlich-scheußlichste Gestalt,
Die je, aus ihrem Schooß die Hölle spie! {71}
(Schlägt dreymal auf die Pauke.)
Erschein! Erschein! Erschein! Amandad ruft!
Silvana. (bey Seite.)
Entsetzen pak‘ ihn! Schüttle seine Glieder,
Und jag‘ ihm plötzlich in die Flucht, sobald
Sein lieblich Aug‘ die Schreckgestalt erblickt,
Die diese dunkle Gruft dahier beherbergt!
O scheitre nicht, du meine letzte Hofnung!
Das Grab öffnet sich unter Donner und Blitz. – Eine Riesenschlange erscheint aus derselben, und wird bis zur Hälfte sichtbar.
Amandad.
Ha! welch ein tödlich schauervoller Anblick!
Alle meine Sennen schneidet Furcht entzwei;
Die Höll‘ ist los! Dich soll ich küssen, dich,
Verworfenste von allen Erdgestalten,
Damit dein giftvoll angeschwollener Stachel
Mir listig langsam dieß mein Herz durchbohrte? {72}
Geh nur zurück, in deine Modergruft!
Dich küß‘ ich nicht! Dein Anblick schon ist Tod!
Die Schlange zieht sich wieder zurück. Es lassen sich Trauertöne aus der Gruft hören.
Die Stimme des Oberbraminen.
Meineiden Amandad, hälst du so,
Was mir dein Eidschwur heilig angelobt?
Silvana. (bey Seite.)
Es singt die Furcht der blöden Kreatur;
Die Stimme des Oberbraminen.
Morgonides, den Riesen, schlug dein Schwert:
Nun wirst du selbst zum Zwerg vor einer Schlange!
Amandad.
So recht! Ermuntert meinen feigen Vorsatz,
Ihr Unsichtbaren, die ihr mich umschwebt!
(tritt näher zum Grane.)
Noch einmal, Pauke, tummle dich!
(schlägt aufs Neue dreymal auf die Pauke.)
Die Schlange erscheint.
Amandad.(zurück bebend.)
Entsetzlich! {73}
Kein Kuß! Kein Kuß! Viel eher Tod! Ich will
Dieß Zauberwerk von einer Schlang‘, auf einen Streich,
Mit meinen guten Schwert sogleich vernichten,
Laß sehen, was dahinter steckt. (Geht mit dem Schwert auf sie zu.)
Die Schlange zieht sich zum Mal unter traurigen Getön, ins Grab zurück.
Die Stimme des Oberbraminen.
Halt ein!
Unsinniger, du mordest Diavanna!
Amandad.
Wär‘s möglich, meine Diavanna hier,
In dieser tief erniedrigten Gestalt?
Und ich, durch dessen Schuld, sie Elend wurde,
Ich könnte sie, durch einen Kuß erretten?
Wie? und ich steh‘ noch an? Ich zaudre an Abgrund?
Hindurch und ging‘ es durch die Höll‘, Amanda!
Zu theuer erkaufst du Diavanna nie!
Von ihr getrennt zu seyn, ist mehr als Hölle!
Berührt aufs Neue, zu drey verschiedenen Malen die Pauke, und ruft: {74}
Erschein! Erschein! Erschein, Geliebter Geist,
Den ich im Leben einst so schwer verletzt!
Mich schreckt die Larve nicht, die dich verbirgt!
Ich komm! Empfang mich, Engel oder Teufel!
Die Schlange erscheint aus dem Grabe.
Amandad. (erschrocken.)
Ha, sie ist da! Schützt meine Seele ihr Götter!
Mich schaudert! Ewigkeit bringt dieser Kuß! (entschlossen.)
Empfang von meinen glühenden Lippen ihn!
Fahr hin, du sinnentrügerisches Nichts,
Du thötigte Gestalt des Augenblicks!
Entlast‘ den ew‘gen Geist aus deinen Banden,
Den dein Gespenst mir widerrechtlich stahl!
Mit diesem Kuß, zerküst ich dich, o Schlange!
(Amandad eilt mit ausgebreiteten Armen, die Schlange zu umarmen.)
Das Grab und die Schlange verschwindet, die Burg fällt plötzlich zusammen, und verwandelt sich in einen prachtvollen Tempel, in dem sich Diavanna, Amandad, und die zwey Kinder, in einer magisch
beleuchten Gruppe, darstellen. {75}
No. 26. Diavanna.
(Mit musikalischer Begleitung.)
Habe Dank! Erlöst! Auf ewig nun die Deine!
Der Oberbramin, und der Chor der Braminen treten auf.
Triumph! Triumph! Amandad ist nun unser!
Chor der Feen. (treten auf.)
Weh uns!
Silvana. Recitat:
Klagt, klagt um die verlorne Diavanna!
Ihr Schwestern meidet diesen Schreckensort!
(Silvana eilt mit den Feen ab.)
Scene 14.
Amanda und Benhadad, Amandad, Diavanna, und die beyden Kinder, der Oberbramine, die Braminen, das Gefolge von Amandad, Krieger und Volk.
No. 27.
Schluß-Chor von Allen.
Heil dir Amandad!
Heil Diavanna! {76}
Weil ihr die irdische
Prüfung bestanden,
Steigt ihr zum Range
Der Götter empor!
Flammen und Gräber,
Riesen und Schlangen
Sind ja ein Spiel nur
Dem ewigen Geist.
Heil Diavanna!
Heil dir Amandad!
Der Vorhang fällt.
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