1806  No. 21.

Elysium.

Zeitung für Poesie, Kunst und neuere Zeitgeschichte

Mittwoch, den 12. März.

Zeitgeschichte.

Einige Worte über den Adel, oder über die ewige Würde eines Landgüterbesitzers.
Hier nun einige Worte im Elysium, für den Adel, aus der Feder eines unsrer loyalesten und geistreichsten Schriftsteller, Hrn. A. W. Rehbergs: nächstens soll, dem Geist liberaler und ruhiger Debatten gemäß, den wir in unsrer Zeitschrift angestimmt, Eins und das Andere, was sich wider gewisse, für unsere Zeit gar nicht mehr passende Einrichtungen desselben, sagen läßt, im Tartarus nachfolgen. D. Red.

Der Der Mensch kann der Bäume nicht entbehren, und in einem Menschenleben wächst kein Wald. Landgüter gehören daher nicht dem lebenden Geschlechte allein, sie gehören der unsterblichen Nation an: und deßwegen hat die Familie, die sich in dem Besitze eines Antheils am Boden zu erhalten weiß, auf dem die vorübergehenden Geschlechter geboren werden und sterben, einen unzerstörbaren Vorzug vor denen, die kein solches Eigenthum besitzen. Wenn die Gutsleute von ihren Großvätern vernommen haben; jene Eichbäume, die unsern Enkeln nützlich zu werden versprechen, hat der Urgroßvater unsers jetzigen Gutsherrn gepflanzt: der Ahnherr unsers Gutsherrn war es, von dem jene alte nützliche Einrichtung, jene wohlthätige Stiftung herrührt: muß dieß nicht eine Ergebenheit und Anhänglichkeit erzeugen, dergleichen (z. B. ein Kaufmann), und wäre er auch Erwerber eines unsichtbaren Vermögens von Millionen, entbehrt? Und wenn dieser auch Denkmäler der wohlthätigsten Gesinnungen, der edelsten Aufopferungen für das gemeine Wesen hinterläßt; wenn am Eingange des von ihm gestifteten Waisenhauses eine Bildsäule des großmüthigen Patrioten die Nachkommen an den Namen dessen erinnert, dem das Vaterland ewig verpflichtet bleibt, so entstehen hieraus doch keine Verhältnisse, wodurch die folgenden Generationen an seine Abkömmlinge gebunden werden. Aber die Kultur eines Landgutes, welche das Interesse vieler kleinen Familien an einen Stamm knüpfet, der dem schwachen Haufen zur Stütze, zum Schutze dient, begründet ein daurendes Ansehn des Geschlechts, das sich Herr von diesem Orte nennt. So sind wenigstens die Verhältnisse in den Zeiten gewesen, in welchen die Geschlechter gegründet sind, auf denen, seit Jahrhunderten, in Geschichtbüchern und Urkunden, in dem Gespräche des Landvolks, bekannten und berühmten Namen, die heutigen Enkel so stolz sind, – und Ursache haben es zu seyn, so lange sie sich ihrer nicht unwürdig zeigen. Wenn gleich die Anhänglichkeit an den angestammten Gutsherrn wohl selten so weit gegangen ist, als vormals in Schottland, wo der ganze Clan dem {82}

angebornen Laird fast göttliche Ehre erwies, so wird man doch allenthalben Spuren davon finden, außer in den unglücklichen Ländern, wo Landgüter eben so wie bewegliches Eigenthum, als Gegenstand von Handelsspekulationen, täglich aus einer Pächterhand in die andre gehen; wo die Gutsleute ihre Herrschaft kaum dem Namen nach kennen; ja wo diese Väter des Landes ihre Kinder in die Lotterie und auf Pharaokarten setzen. Da, wo solche Sitten einreißen, da muß wohl ein unwürdiger Adel das Ansehn verlieren, das auf Gründen beruhet, die er nicht mehr für sich anführen darf. Da kann dem beklagenswerthen großen Haufen und dem verdorbnen höhern Stande selbst durch nichts mehr geholfen werden, als durch einen Fürsten, der Verstand und Einsicht besitzt, um neue in den Staat eingreifende Gesetze zu erdenken, wie sie die veränderten Umstände und der Drang der Zeit ihm abfordern.

Fortsetzung der Kunstnachrichten aus Rom, aus einem Briefe vom 1. Febr.
In der Malerei erregte Schick aus Stuttgard, und späterhin Wagner, aus Würzburg, große Erwartungen, Schick malte ein kleines Bild, den David vorstellend, der vor Saul die Harfe rührt. Die Anordnung war einfach, das Kolorit gefällig und warm, der Ausdruck besonders charakteristisch, und in ein paar Köpfen vortrefflich. Dieses Bild, und einige gut gelungene Portraits, zogen die Aufmerksamkeit der Kenner auf sich. Nach diesem malte er ein großes Bild, 18. Palmen breit und 10. hoch, das Opfer Noah's vorstellend, worin er die großen Schwierigkeiten der Aufgabe dieses Gegenstandes, wo göttliche und menschliche Figuren, Thiere aller Art, eine ausgedehnte Landschaft, ein Regenbogen, und eine äußerst schwierige Beleuchtung darzustellen waren, im Ganzen glücklich gelöst hat. Das Kolorit dieses Gemäldes ist weniger gefällig und kräftig gerundet, sondern hat einen matteren, freskoähnlichen Ton, ist mehr ernst als brillant und nähert sich dem Charakter der alten florentinischen Schule und es scheint, als wenn die ganze Darstellung dadurch eine dem Inhalt angemessene Würde und Feierlichkeit erhalte, die den Eindruck erhöhet und verstärkt. Die Glorie von Engeln, von welcher umgeben Gott Vater einherschwebt, ist schön, die ausgebreitete Landschaft mit malerischer Phantasie erfunden. Die Arche, welche auf dem Gebirge Ararat steht, macht eine das Gefühl des Wunderbaren anregende Wirkung und die daraus hervorgehenden Thiere beleben den Mittelgrund. Im Vorgrunde opfert und betet des Noah Familie, in der man wiederum schöne charaktervolle Köpfe findet, und die Gewänder sind mit Geschmack behandelt.
In einem dritten Gemälde hat Schick sich selbst übertroffen, und wenn er mit solchen Schritten in dem Felde der Kunst, fortwandelt, so wird er bald seine berühmten Vorgänger einhohlen. Es ist ein Portrait der ältesten Tochter des preußischen Ministers v. Humboldt, in Lebensgröße und ganzer Figur, wo der Künstler in der That in allen Theilen, in der Wahl der Stellung, im Kolorit, in der schönen lebendigen Aehnlichkeit, in der Anordnung der Nebensachen, wie in der Behandlung, ein Meisterstück geliefert hat; besonders ist das Kolorit bei dem zartesten Teint einer Blondine und der sanftesten Verschmelzung der Tinten, doch von einer bewundernswürdigen Ründung und Kraft, und von einer so glänzenden Frische, daß es den Sinn des Kenners nicht weniger, als das Auge des Liebhabers entzückt. Da der Künstler zugleich fleißig ist, so dürfen wir bald mehrere vortreffliche Arbeiten von ihm erwarten. Auch in der Landschaftmalerei hat sich derselbe mit Glück versucht, und auch hier seinen Sinn für eine zarte Harmonie der Farben gezeigt. Die Komposition der ersten, bereits vollendeten ist im großen, Poussinischen Stil und Geist, der Hintergrund von außerordentlicher Schönheit; und die freie, bestimmte Behandlung des Baumschlages beweist, daß Schick auch in diesem Fache etwas Vorzügliches leisten würde. Die zweite erst entworfene stellt eine Ueberschwemmung dar, wozu dem Künstler die Scenen der Ueberschwemmung des Tiberthales, im vorigen Winter, zum Studium dienten, und läßt ein eben so interessantes Gemälde erwarten.
Wagner aus Würzburg, der seit einigen Jahren in Rom lebt, vereinigt, mit einer glücklichen Erfindungsgabe, einen sehr reinen Geschmack, eine richtige Zeichnung und Sinn für Größe und Idealität der Formen. Sein Gemälde einer heil. Familie, das er in Paris gemalt hat, wo es den Preis erhielt, und nachher auch von dem Künstler selbst radiert worden ist, zeigt, daß er den besten Weg eingeschlagen hat. Die Einfachheit der Idee, die Anordnung und Ausführung haben etwas Raphaelisches. Er hat bisher in Rom, außer einigen vortrefflichen, vollendeten Zeichnungen, ein Paar Skizzen gemalt, die Helden vor Troja, welche, im Kreise gelagert, die Zurückkunft des Ulysses und Diomedes, die man in der Entfernung sich nähern sieht, erwarten; und die Vergötterung Hyazinths und seiner Schwester, nach der Idee, welche Pausanias davon gibt. Zu ersterem, welches der Künstler im Großen auszuführen gedenkt, macht der Künstler jetzt die Studien, und hat bereits den Carton entworfen. Nächstens Mehreres.

An Vinius Asella.
Horaz Epist. 1, 13.
Vinchen Iselin, oder Eselein, eine ehrliche Haut, ein treuherziger Schlag von Sabiner, jetzt in Diensten des Horaz, wahrscheinlich sein Bothe, Briefträger, Laufjung, wenn er etwas in der Stadt zu beschicken hatte, muß dermalen als Envoye‘ für ihn an Hof, mit einem Buch, das der Dichter seinem erlauchten Gönner, dem August, schickt, und erhält dazu von seinem Herrn die nöthigen Instruktionen. Diese befassen sich mit nichts mehr und nichts weniger, als wie Vinchen Iselin gehn, wie er stehn, wie er das Buch halten, was er antworten und was er nicht antworten soll. Bei einiger Kenntniß des alten Theaterwesens sieht man leicht, daß dieß eine von den plaisanten Figuren {83}

ist, von denen die Schriften des Horaz so voll sind, und wozu der Schwätzer auch gehört, die der, nicht nur in seinem Sentenzenreichthum und philosophischen Anstrich, sondern auch in seinen Charakterschilderungen, so häufig menandriserende Dichter, dem Stil des Lustspiels der neueren, atheniensischen Schule verdankt, mit dem er, während seines Aufenthalts zu Athen, in seiner Jugend, wo die Stücke des Menander eben fleißig gespielt wurden, wie es scheint, vertraut worden war. Die Richtung in's Individuum, ist zwar bei beiden unverkennbar, zeigt sich aber besonders beim Horaz recht auffallend: und Vinchen Iselin, Eselein, oder wie man sonst will, ist offenbar nichts anders, als der Rüpel, Bauertölpel, der auch beim Plautus eine so große Rolle spielt, und noch jetzt auf den Wiener und Pariser Theatern, als Jodelet, Jocrisse, Kasperl, Jackerl aus Schwaben u. s. w. so häufig Lachen erregt. Von den Instruktionen selbst bemerkt unser Wieland, in seinen bis jetzt unübertroffenen, geistreichen Anmerkungen, zum Horaz, eben so wahr, als treffend: „sie seyen gerade so verfaßt, wie Horaz sie hätte machen müssen, wenn er einen wirklichen Esel, der vor seinen Mitbrüdern nur die Gabe der Sprache, und zwei Arme, statt der Vorderbeine, voraus gehabt hätte, nach Rom hätte abordnen wollen." Noch können wir dem Publikum die angenehme Versicherung ertheilen, daß die Uebersetzung des ganzen Horaz von Voß, bis auf zwei Epoden, nächstens bei Mohr und Zimmer in Heidelberg erscheint: der erste Band, der die lyrischen Gedichte umfaßt, zur Ostermesse; der zweite, mit den Satyeren und Episteln, bald nach der Messe. Uebrigens verräth die weise Mäßigung, wie der kluge Gebrauch gewichtvoll prächtiger Spondäen, deren Anwendung die Tuba des Homer, der Kothurnus des Aeschylus eben so unbedingt fordert, als die leicht hinschwebende Grazie des Soccus sich dieselben verbitten muß, in Voß abermal den echt besonnenen, großen denkenden Künstler, und wird jedem Leser, auch ohne unsere Erinnerung, einleuchtend werden.
D. Red.

An Vinius Asella.
Wie dich Scheidenden schon ich oft und lange belehret,
Vinius, gib dem August das versiegelte Päckchen mit Büchern,
Wenn er gesund, wenn heiter er ist, wenn endlich er fodert; Daß du aus Eifer für uns nicht fehlst, und allzu betriebsam
Haß dem Büchelchen bringst, als ungestümer Geschäftsmann.
Wenn dich etwa zu schwer das Gepäck brennt meines Papieres,
Wirf vielmehr es hinweg, eh dort, wohin du bestellt bist,
Du wie ein Saumthier plump anprallst, und den Namen des Vaters
Eselhaft in Gelächter verkehrst, und werdest ein Mährlein. Brauche die Kraft vollständig: durch Anhöhen, Flüsse, Moräste,
Jetzo der That Ausführer, nachdem du gelangetest dorthin, Halt also, wie sie lieget, die Last; daß unter dem Arm nicht
Du dein Büchergebund schautragst, wie der Bauer ein Milchlamm;
Wie mit gestohlener Wolle die trunkene Pyrrhia schreitet,
Oder mit Kapp‘ und Pantoffeln ein ländlicher Gast zu dem Zunftmahl
Auch nicht melde dem Volk, wie du ganz voll Schweißes dahertrugst,
Verselchen, die wohl Reize dem Aug' und dem Ohre gewähren
Cäsars! nein, ob sie bitten und anflehn, schiebe dich vorwärts.
Geh, fahr wohl! nicht strauchle dein Fuß, noch zerbrich mir den Auftrag!
Heidelberg. J. H. Voß.

Versuch einer neuen Erklärung des Heldengedichts und des Trauerspiels, auf der Basis Homers, und nach Anschauungen des klassischen Alterthums.
Das Heldengedicht dient, wie uns dünkt, auf seinem höchsten Punkt, bloß zur Verherrligung der Kraft des Mannes, nach seinen beiden Haupteigenschaften, des Muths und der Klugheit. So vollbringt Homer, in seiner Iliade, offenbar im Kampf der Natur, mit einem Realen, das uns, als Menschen sämmtlich, mehr oder minder zu schaffen macht, seine Apotheose des Achills, der alle diese Knoten, zur höchsten Bewunderung, mit seinem Muth, d. h. mit seinem Schwert löst. Weder Feuer noch Fluth – (man sehe z. B. den herrlichen Kampf Achills mit den Flußgöttern in der Iliade, Voss. Uebers. 21. Buch – S. 233.) weder der Tänarus noch der Olymp, und alle Götter, die aus jenem herauf und aus diesem herunter steigen, konnten die Apotheose des Helden verhindern, und daß er sich nicht zuletzt, als eine große, göttliche und glänzende Erscheinung, von seinem Scheiterhaufen aufwärts, den Augen der Sterblichen entzog.

„Und wie die Gluth, mit tausend Gipfeln, sich
Zum Himmel hob, und zwischen Dampf und Wolken,
Des Adlers Fittig deutend sich bewegte:
Da trocknete die Thräne, freier Blick
Der Hinterlaßnen stieg dem neuen Gott
In des Olymps verklärte Räume nach.“

Natürl. Tochter von Göthe S.123.

Aber nicht alle Knoten in dieser Welt können mit dem Schwert gelöst werden: und daher entsteht die zweite Aufgabe der Dichtkunst: eine Apotheose des Helden, von Seiten der Klugheit. Die alte Kunst versuchte diese im Charakter des Odysseus, durchzuführen. Dieser ist gleichsam ein Vorbild und Muster, an dessen Nachahmung wir lernen sollen, wie man mit einem behenden, klugen Benehmen, durch alle Scyllen und Charybden dieser Welt, muthig hindurch schiffen kann. Wie Achill als Soldat und Krieger: so glänzt Odysseus, als Weltmann und ein bewundernswerthes Talent, im Umgang mit Menschen. Wir ahnden schon, sobald wir eine Seite seines sinnreichen Buchs gelesen haben, daß weder die gewaltsamen, blinden Naturkräfte eines Cyklopen, noch die listige Circe, oder die singenden Sirenen, dem Verstand, wie der Gewandheit eines solchen Helden irgend etwas anzuhaben, oder seine Apotheose zu verhindern, werden im Stande seyn. {84}

So erst, und nachdem wir den Sinn des alten Epos nach Würden aufgefaßt, können wir zu einer Erklärung der Tragödie, mit einigem Erfolg, vorschreiten. Wie jenes eine Apotheose des Mannes, nach seinen beiden Haupteigenschaften, des Muths und der Klugheit: so möchte diese eine Apotheose des Weibes, nach seinen beiden Haupteigenschaften, der Sitten und der Anmuth – zwischen beiden die Liebe – zu nennen seyn. Das Epos beflügelt den Muth des Menschen und macht ihn zu einem Gott: die Tragödie dagegen zügelt seinen Uebermuth, und sucht die Furcht vor den Göttern in sein frommes Gemüth zu prägen.

„Denn mit Göttern
Soll sich nicht messen
Irgend ein Mensch;
Hebt er sich aufwärts,
Und berührt
Mit dem Scheitel die Sterne:
Nirgends haften dann
Die unsichern Sohlen,
Und mit ihm spielen
Wolken und Winde."
Göthe.

Auf dieser schönen Grenze von Religion, Weiblichkeit und reiner Gottesverehrung, begegnen wir im Stil der alten Tragödie, auf der einen Seite, dem Oedipp, Orest, im Gefolge der Erinnyen, die sich schreckend an ihre Fersen heften: auf der andern Seite, jene herrlich erquickenden Erscheinungen einer Antigone, Elektra und Iphigenie, die das Kleinod heiliger Ruhe sicher in ihrem frommen, jungfräulichen Busen aufbewahrten, und indem sie mit tröstender Gegenwart sich an jenen Unglücklichen vorüber bewegten, zugleich den Zuschauern die warnende Lehre: „Lernet fürchten die Götter" in's Gedächtniß riefen. Besonders glänzt dieser Spruch, in den sinnigen Schicksalsfabeln der Griechen, wo der Dichter, durch Vorhaltung jener dunkel verflochtenen Räthsel, auf den Gesetztafeln der Götter, gleichsam die Rolle eines Interpreten der ewigen Geheimnisse der Weltordnung übernimmt, und allem menschlichen Stolz, wie aller unberufenen irdischen Hoheit, durch dieses Geschäft, ein gänzliches Stillschweigen auferlegt. Erst mit ihnen, kann man sagen, habe die Kunst ihren erhabnen Cyklus geschlossen, und eine Apotheose des ganzen Menschengeschlechts, nach den verschiedensten Richtungen, unter göttlicher Einwirkung des Gemüth's, der Tapferkeit und des Verstandes, glücklich zur Ausführung gebracht. Der Altar der Muse ist fortan ein wirklicher Altar und ein Sophokles erscheint uns, unter diesem Gesichtspunkt, als der erhabenste Priester, der an seinen Stufen kniet.
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Miscellen.

Auszug eines Schreibens aus Breslau vom 15. Februar.
Seit einigen Monaten bin ich nun hier in Breslau, und der Ort gefällt mir recht wohl. Daß das russische Hauptquartier auch eine zeitlang hier war, wissen Sie vielleicht aus den Zeitungen. Täglich und so lang dieß währte, sahen wir von der Grenze aus Mähren, besonders nach der Schlacht von Austerlitz, kleine Korps versprengter Russen, von 8 bis 12 Mann hier ankommen. Alles gewann ein kriegerisches Ansehen. Die Stadt selbst wurde mit Pallisaden befestigt. Die Theurung war enorm, und stieg zuletzt so, daß die Metze Kartoffeln 4 Böhm, der Scheffel Korn 6 bis 7 Thaler galt. Täglich arbeiteten 11000 Bauern an den Werken, die Morgens und Abends, mit munterm Lärm, zum Theil singend und schreyend, unter meinen Fenstern vorüberzogen. Ueberhaupt gehört Breslau zu den lebhaftesten Städten, die ich in meinem Leben gesehen habe. Die russischen Obristen und Offiziere sind meistens artige Leute. Sie besuchen fleißig das Theater und eben so fleißig Geiselbrechts Marionetten, jetzigen Bürgers in Bunzlau; denn um das Privilegium auf ganz Schlesien zu erhalten, hat er sich dort angekauft. Ich bin einigemal da gewesen: seine Mechanik ist sehr brav, seine Verwandlungen gehen vortrefflich von statten; nur sollten einige seiner Aktöre besser seyn. Die Prinzeß mit dem Schweinerüssel ist von ihm auf Verlangen bereits zum achtenmal gegeben worden. Auch wird sie sehr gut exekutiert. Den hiesigen Schauspielern muß man nachrühmen, daß sie bei dem beliebten Schauspielerkorps immer die ersten gewesen sind, die mit gelacht und applaudiert haben. Auf alle Weise ist das die beste Parthie, die man nehmen kann. – Unter der Direktion des Herrn Rhode hat das hiesige Theater sehr gewonnen. Die Gesellschaft spielt das ganze Jahr, keinen Tag ausgenommen. Auch gibt es hier jetzt einen Aktör, der groß Aufsehn macht. Er heißt Reinhardt, und kommt aus Hamburg. Neulich wurde das alte Trauerspiel Emilie Galotti gegeben. Herr Reinhardt machte den Marinelli. Das steht denn allemal mit groß gedruckten Schriften auf dem Zettel. Auch führen sie Nathan den Weisen auf, so gut, wie man überhaupt ein solches Stück aufführen kann. Ich wenigstens werde mich nie überreden lassen, daß eine Reihe geistreicher Dialogen, ohne Handlung, einen wahrhaft dramatischen Effekt machen kann. Mich dünkt, wenn man es mit der Form so leicht nimmt, könnte man am Ende auch wohl dahin kommen, daß man Engels Philosophen für die Welt auf's Theater brächte. Die gefährliche Nachbarschaft von Kotzebue geben sie hier ein paarmal die Woche, wo nicht mehr. Das Stück gefällt außerordentlich. Solche karikierte und manierierte Schneider und Putzmacherinnen sind eben überall zu Hause. Breslau macht keine Ausnahme und auch zu Paris wird ja dieß Stück – denn es ist französischen Ursprungs – in den Caveaus und überall gegeben, wo eine Bande joyeuse zusammen kömmt. Man bezahlt sodann bloß die Mahlzeit, so daß man dort wenigstens immer etwas zu essen, wenn auch nicht immer etwas zu lachen hat.
Nun genug für dießmal! Wenn Ihnen meine Schreiberei gefällt, sollen Sie bald wieder von mir hören.