Das Gedicht
oder
die junge Schweizerinn.

Ein
Luftspiel in zwey Aufzügen.

Von
J. D. Falk.

für das kaiserl. Königl. Hoftheater.

Wien,
auf Kosten und im Verlag bey J. B.
Wallishausser.
1800

Personen.
Major von Veltheim.
Gräfinn Zamori, Wittwe.
Jenny, ihre Nichte.
Graf Hartcourt. Freund vom Hause.
Signor Mirmillo.
Advokat Alberti.
Wachtel, Doktor und Stadtphyfikus.
Ehrenfried, Haushofmeister des Major Veltheim.
Herren und Damen.
Ein kleines Kammermädchen. {3}

Erster Aufzug.
Erster Auftritt.
(Zimmer im Hause der Gräfinn.)

Gräfinn. Major.

Gräfinn (ist vor einem Putztische beschäftgt.)

Major (tritt berein.)
Guten Morgen, Schwester!

Gräfinn.
Guten Morgen, Bruder!

Major.
Eilf Uhr vorbey, und ich finde dich noch am Putztische?

Gräfinn.
Wie du siehst.

Major.
Was ist denn das für eine Menge Zeugs, das da wieder um dich herum liegt!

Gräfinn.
Es sind die neuesten Pariser Modeartikel.

Major.
Hm!

Gräfinn.
Kennst du die Eternels?

Major.
Nein!

Gräfinn.
So siehst du hier Eine.

Major (indem er es aufhebt.)
Das Spinngewebe? Nun, bey Gott! da merkt man doch {4}

gleich, daß ein Weib es war, was ihm diesen Namen gab.

Gräfinn.
Wie das?

Major.
Weil bey euch eine Ewigkeit auch immer nicht länger währt als drey Tage.

Gräfinn.
Spötter!

Major.
Und das hier?

Gräfinn.
Sind Ridicules im allerneuesten Geschmacke.

Major.
Nun von denen ist mir zu Gnüge bekannt. Aber sage mir, warum ihr die Waare jetzt aus Frankreich kommen laßt, ich dächte doch, wir hatten davon im Lande vollauf.

Gräfinn.
Wie ich sehe, Bruder! bist du heute bey gutem Humor.

Major (mit Herzlichkeit.)
Liebe gute Schwester, sieh, wir leben nun 48 Jahre beysammen. Du bist brav, kreuzbrav, bis auf das Kapitel von den Ridicules. Weißt du was, anstatt dir neue anzuhängen, mache dich lieber von den alten los! Bey Gott! es kann mir nicht gleichgültig seyn, daß ein übrigens gutes deutsches Weib wegen einigen Modethorheiten der Gegenstand des Spottes von Narren und Thoren wird.

Gräfinn.
Das ist nun einmal deine alte Leyer.

Major.
Nenn' es, wie du willst, aber sieh, es bricht mir das Herz, wenn ich daran denke, wie mancher ehrliche Kerl, dem ein Heurathsantrag schon auf der Zunge schwebte, bloß dadurch das Brimborium um euch von seinem guten Entschlusse abgehalten worden ist. {5}

Gräfinn.
Du erzählst doch wohl nicht etwa deine eigne Geschichte?

Major.
Und wenn es so wäre? – Ja – warum soll ich es läugnen? Auch weißt du es selbst am besten. Dieß Herz war für die Liebe gemacht. – ich hatte – o ich mag nicht daran denken.

Gräfinn.
Nur, damit ist es ja noch nicht zu spät! Du bist ein Mann von Ehre, du hast Verdienste, Verstand! Mit diesen Vorzügen kann es dir bey unserm Geschlechte nicht fehlen.

Major.
Meinst du? – Nein liebe Schwester, das sind Kapitel, aus denen sich heut zu Tage kein Mädchen verliebt, und ich will dir auch sagen: warum? Ein Mann vom Verstande würde ihnen die Lücken des eignen zu fühlbar machen: ein Mann von Ehre bey dem Verluste der ihrigen nicht gleichgültig seyn – und ernsthaft gesprochen, wen glaubst du, daß ich heurathen sollte? – Eine Alte? – Um mein ganzes Leben damit zuzubringen, Liquor anodynus auf Zucker zu tröpfeln, und Nachts die Apotheker aus dem Schlafe zu klopfen.

Gräfinn.
Nun, so nimm dir eine Junge.

Major.
Um wie eine zahme Wachtel ihr auf der Hand herum zu hüpfen, mich nach ihrem Fächer ausser Athem zu laufen, wenn die Sonne auf – und mit ihrem Schawl zu warten, wenn sie unterginge: dazu bin ich zu alt, und grad herausgesagt, auch ein wenig zu unbeholfen.

Gräfinn.
Also? {6}

Major.
ist es ein verspielter Handel, und es bleibt mir nichts übrig, als andre zu halten und zu warnen.

Gräfinn.
Nun das thust du treulich und redlich.

Major.
Nach Pflicht und Gewissen! wenn es nur immer was hälfe. Bey dir zum Beyspiel sind alle meine Reden bisher vergeblich gewesen, und ungeachtet deiner acht und vierzig Jahre, bist du noch eben so leichtsinnig und eitel, wie ein junges Mädchen von sechzehn.

Gräfinn.
Je nun, lieber Bruder, wenn das Mädchen von sechzehn es nicht verhindern kann, daß man sie, troz diesem Vorzug, hinten an setzt: so –

Major.
Gut daß du darauf kömmst! Eben diese Geschichte führt mich zu dir ins Haus. Ich will wissen woran ich bin! – Noch heute soll sich der Graf für eine von euch beyden entscheiden. Eben hab ich deßhalb ein Billet an ihn geschrieben, und sehe nun mit jedem Augenblicke einer Erklärung von seiner Seite entgegen.

Gräfinn.
Glaubst du denn in der That, Bruder! daß es derselben bedarf? Sage mir, wie kann es dir nur einfallen, daß das kleine alberne Schweitzermädchen einem Mann, von Hartcourts Geschmacke und Bildung je gefährlich werden könnte?

Major.
Ey nun, man kann nicht wissen! Du nennst sie albern: aber bey Gott! es ist oft mehr Verstand und gediegner Sinn in einem ihrer Worte, als in dem wochenlangen Geschwäz von fünf und zwanzig eurer Kaffeegesellschaften. {7}

Gräfinn.
Wer dich so sprechen hörte, sollte glauben, du warst selbst in die Nichte verliebt!

Major.
Das bin ich auch! – Das gute herrliche Kind! Wie dank ich es meinem Bruder in der Schweitz, daß er nach seinem Tode mir dieses Kleinod hinterließ! Gute Jenny! du hast mich wieder in die Welt der Einfalt und Unschuld eingeführt, die mir unter diesen Menschen so fremd geworden war. – In einem stillen Hirtenthale am Fuße des St. Gotthard mitten unter den Umgebungen einer großen Natur aufgewachsen, hat sich dein Herz rein erhalten von Trug und Verstellung.

Gräfinn.
Aber woher weißt du denn, daß Graf Hartcourt sie liebt?

Major.
Und wodurch bist du denn, wenn ich fragen darf, seiner Neigung gewiß? – denn, daß er ein paarmal in Gesellschaften hinter deiner Stuhllehne gestanden, den dritten Mann zu einer Parthie Triset abgegeben, dir Artigkeiten bey einer Spazierfahrt in die Ohren geflüstert hat: alles das konnte auch eben sowohl der alten Tante einer jungen und reitzenden Nichte gelten, besonders, wenn man sah, daß der Eitelkeit mit dergleichen gedient war.

Gräfinn.
Es ist nicht das Bruder! Es giebt eine Art sich zu erklären, die deutlicher spricht, als alle Worte!

Major.
Da bast du recht, und eben darauf gründe ich meinen Glauben. Noch hat er sich nicht erklärt, aber bemerkt muß er es haben, wie lieb er der guten Seele von Tag zu Tage geworden {8}

ist, und mit der Seeligkeit eines so guten und harmlosen Geschöpfes zu spielen, das thut kein Hartcourt.

Gräfinn.
Aber gesteh es nur, Bruder, daß es sehr unbesonnen von dir war, als das Mädchhen vor sieben Monden in die Stadt kam, und der Graf sich freyerdings dazu erbot, ihr einige Stunden des Tages Unterricht zu ertheilen, daß du diesen Vorschlag annahmst. Freylich war das arme Mädchen in allen nur Möglichen zurück, aber dieß mußte dich doch nicht bewegen, sie einer so augenscheinlichen Gefahr auszusetzen.

Major.
Was für einer Gefahr?

Gräfinn.
Oder glaubst du, daß es keine war, wenn sich Jenny mehrere Stunden des Tages mit einem so jungen und schönen Manne beysammen befand!

Major.
Ich meine nicht – ich kannte sein Herz, ihr Herz. Ich war der erste, der ihre aufkeimende Neigung entdeckte. So hofft' ich alles, und fürchtete nichts. Nun ist gekommen, was ich lange schon erwartete. Mag es doch! ich sage in Gottes Namen! – Aber – hätt' ich mich in ihm geirrt, wär es möglich, Schwester, daß der Graf, von deinem Range und deinem Vermögen geblendet, die arme Jenny aufopferte! dann –

Zweyter Auftritt.
Ein Kammermädchen. Vorige.

Kammerm.
Ein Bedienter vom Grafen von {9}

Hartcourt bringt dieses Billet. Er hat Euer Gnaden zu Hause gesucht, und man hat ihn hieher gewiesen. (ab)

Dritter Auftritt.
Gräfinn, Major.

Gräfinn.
Ich sterbe vor Neugierde.

Major. (Liest.)
„Edelmüthiger Mann! Sie kamen durch Ihre gütigen Gesinnungen meinen heißesten Wünschen zuvor. Nur meine Delikatesse hat mich bis jezt abgehalten, dem geliebten Gegenstand meines Herzens einen Antrag zu thun. Sagen Sie selbst, was konnte ich bey meinen eingeschränkten Vermögensumständen anders von ihrer Seite erwarten, als eine abschlägige Antwort?“ – – Pfui, Herr Graf, weil Sie arm sind, glaubten Sie, ich würde Ihnen das Mädchen verweigern? das war schlecht.

Gräfinn.
Nicht doch, Bruder! Vielmehr befürchtet er eine abschlägige Antwort von meiner Seite, weil ich reich bin! dies scheint mir der wahre Sinn dieser Worte, und kein andrer!

Major.
Wir wollen sehen! (Liest.) „Zudem stand mir auch dieß noch im Wege, daß eine zweyte Person aus ihrer achtungswürdigen Familie, ohne mein besonderes Zuthun, eine heftige Zuneigung auf mich geworfen hatte. Ich besorgte nicht ohne Grund, dieser durch ein solches Geständniß mißfällig zu werden. Indeß da früher oder später dieß doch einmal erfolgen muß, {10}

und wir überdem an Alter, Neigungen, und Grundsätzen viel zu sehr verschieden sind. – “  Da haben wirs! was sagst du nun Schwester? das ist ja ein Korb in optima Forma.

Gräfinn. (Die während der Vorlesung bald einen flüchtigen Blick in den Brief wirft, bald unruhig einige Schritte vor und zurück geht, mit schneller Fassung)
Wie du es nimst! ich finde darin bloß die Bestätigung dessen, was ich vorhin sagte, Hartcourt und Jenny sind an Bildung, Jahren und Geschmack so sehr von einander verschieden. –

Major.
An Jahren?

Gräfinn.
Nun ja! Der Graf ist über dreyßig, und das Mädchen kaum sechzehn.

Major. (Schüttelt den Kopf.)
Ich traue nicht, ich traue nicht.

Gräfinn.
Nur weiter, weiter!

Major. (Liest.)
„So bin ich fest entschlossen, diesen Schritt zu thun. Noch heute will ich der, die ich liebe, mein Herz eröffnen, und findet meine Bitte, wie ich mir schmeichle, Gewährung, so erlauben Sie mir sogleich noch den Wunsch hinzuzufügen, heute abend meine Verlobung feyern zu dürfen!“ – Von Herzen gern du bist es doch auch zufrieden Schwester?

Gräfinn.
Ich habe nichts dawider.

Major.
So will ich gleich gehen, und einige Freunde auf den Abend zu mir bitten.

Gräfinn.
Wie wär es Bruder! ihr kämt zu mir? ich habe ohnedieß eine kleine Gesellschaft.

Major.
Auch das!

Gräfinn.
Aber der Graf?

Major.
Dessen Einladung will ich selbst über- {11}

nehmen! Er kommt ja gewöhnlich in mein Haus. Um zwölf Uhr hat er Stunde mit Jenny.
(Will gehn.)

Gräfinn. (Betroffen.)
Höre doch Bruder! – Mir fällt ein, es würde denn doch wohl schicklicher seyn, wenn – du versteht mich! – weißt du was, sobald ich hier mit meiner Toilette zu Stande bin, komm ich selbst auf einige Augenblicke hinüber.

Major.
Desto besser! Da kannst du deinen Auftrag selbst und mündlich ausrichten. Auf baldiges Wiedersehn also. (ab.)

Gräfinn (begleitet ihn.)

Vierter Auftritt.
(Haus des Majors Veltheim. Jennys Zimmer.)
Ehrenfried. Jenny.

Jenny. (Sitzt mit dem alten Haushofmeister vor einem Schreibtische.)

Ehrenf. (die Rechentafel in der Hand.)
Und stammen solche Zeichen und Ziffern ursprünglich von denen Arabis –

Jenny.
Die Rechenkunst ist also recht alt?

Ehrenf.
Das will ich glauben. Die Historie meldet uns, und die Geschichte bestätigt es, wie daß die von Attica schon mit Stieren gerechnet, ehbevor noch das Geldmünzen von denen
Ethnicis erfunden worden. {12}

Jenny.
Was sagen Sie? Man hätte vor Zeiten mit Stieren gerechnet?

Ehrenf.
Nichts anders, so wie auch mit Schaafen, Ziegen und dergleichen.

Jenny.
Und es gab gar kein Geld?

Ehrenf.
Mit nichten!

Jenny.
Ich wollte, das wäre noch so.

Ehrenf.
Ey! wie meinen Sie?

Jenny.
Daß man sich im öffentlichen Verkehre der Ziegen und Schaafe, statt des Geldes bediente.

Ehrenf.
Würde doch beschwerlich seyn!

Jenny.
Denken Sie, wenn es denn so eine Spielparthie bey der Gräfinn Tante gåbe, und unsre schönen Herren und Damen alle ihren Einsaß bey den Hörnern herbeybrächten.

Ehrenf.
Lieblich und schnurrig zugleich, aber nicht thunlich!

Jenny.
Und warum nicht?

Ehrenf. (das Lachen verbeissend.)
Ey, wo denken Sie hin, gnädiges Fräulein? da würde ja eine Farobank zu Aachen und Pirmont pur nicht anders aussehen, als ein Querfurter Viehamarkt, und die hohen Badegäste ihre Nott haben sich unter dem lieben Hornvich von allen Seiten Platz zu verschaffen.

Jenny.
Das wäre luftig.

Ehrenf.
Aber jetzt vergönnen Sie mir, gnädiges Fräulein auch eine Frage! wie kommt es, das Dieselben bey einem so herrlichen Ingenio und den seltensten Gemüthsgaben dennoch so weit
in der edlen Rechenkunst zurückgeblieben? {13}

Jenny.
Ich konnte die Zahlen nie gut behalten, und wie ich sehe, geht es den Mädchen in der Stadt ebenso, denn keine weiß, wie alt sie ist.

Ehrenf.
Und doch tragen die meisten von ihnen ihren Geburtsschein im Gesichte.

Jenny.
Überdem wollte es das Unglück so, daß sich mein Vater die meiste Zeit abwesend mit seinem Regimente zu Paris befand. Er konnte sich also nur wenig um unsre Erziehung bekümmern,
und der alte Haushofmeister, dem er die Sorge dafür übertrug, war ein verdrüßlicher, wunderlicher Kauz, der nichts im Kopfe hatte, als geheimnißreiche Chiffern und Zahlen. So erklärte er uns oft ziemlich weitläufig, wie es zuginge, daß wir gerade fünf Finger an jeder Hand, und fünf Directoren zu Paris hätten. Ich schlief allemal richtig über diese Erklärungen ein, und das Ende davon war, daß wir uns die Blumen,
die Quellen, die Vögel um uns herum angelegener seyn ließen, als das Lernen.

Ehrenf.
Was mich nur freut, ist, daß es noch nicht zu spät ist, solche Versäumniß nachzuholen.

Jenny.
Sagen Sie mir, lieber Herr Ehrenfried, wäre der Schade denn wirklich so groß gewesen?

Ehrenf.
Gewiß! Denn in den Zahlen und Ciffern, daß ich es kurz fasse, ist die ganze Geschichte der Cultur, sowohl bey einzelnen Menschen, als bey ganzen Völkerschaften, enthalten. {14}

Es gibt Völker, welche nur bis fünf zählen, und das ist allemal ein böses Zeichen.

Jenny (Lächelnd.)
Nun, so schlimm ist es denn doch nicht völlig mit mir, ich zähle wenigstens bis zehn! wenn Sie nicht glauben wollen, da sehen Sie selbst. (Zeigt ihm die Tafel.)

Ehrenf. (Der sie ihr aus der Hand nimmt.)
Erlauben Sie!

Jenny.
Als Sie vorhin nicht gleich kamen, hatte ich etwas Langeweile. Zum Zeitvertreib sezt ich mich hin, und nahm meine Rechentafel in die Hand. Mir fielen die Namen vieler guten Menschen ein, von denen ich weiß, daß sie meine Freunde sind. Ich schrieb sie auf – Sie stehen auch mit darunter.

Ehrenf.
In der That –

Jenny.
Nachher hab ich sie überzählt, und es kamen gerade zehn heraus.

Ehrenf. (bedeutend.)
Einen Namen vermiß ich nur.

Jenny. (Hastig.)
Welchen den?

Ehrenf.
Graf Hartcourt! Nicht wahr, gnädiges Fräulein, ich denke, der gehört denn doch auch so zu Ihren Freunden?

Jenny. (mit sichbarer Unruhe.)
O ja! – Sehen Sie lieber Herr Ehrenfried, ich will es
Ihnen nur gestehen, der Onkel neckt mich immer
damit, daß ich so oft von ihm spreche; darum hab ich ihn wieder ausgelöscht.

Ehrenf.
War also doch schon hingeschrieben?

Jenny.
Freylich! Er stand oben an.

Ehrenf.
Das laß ich gelten! Doch da kömmt {15}

er eben selbst! Nicht wahr gnädiges Fräulein; nun kann er ihn mit eignen Händen hinschreiben?
(ab.)

Fünfter Auftritt.

Graf Hartcourt. Jenny.

Jenny.
Thun Sie das, lieber Graf!

Graf.
Was? gute Jenny!

Jenny (reicht ihm die Tafel.)
Da!

Graf.
Ein Namenverzeichniß von Ihren Freunden und Freundinnen? Aber mein Name, wie ich sehe, fehlt.

Jenny (freundlich.)
Haben Sie denn nicht gehört? Den sollen Sie selbst hinzu schreiben.

Graf (schreibt.)
Herzlich gern!

Jenny (die nachsieht.)
Aber nun müssen Sie auch die Zahl unten am Rande abändern, ich bin ja nun um einen Freund reicher!

Graf (mit dem Bleystift.)
So!

Jenny.
Was haben Sie da gemacht? – Sie haben ja die Null vor die Zehn gesetzt, das bedeutet ja nichts, wie der alte Ehrenfried sagt; also wollten Sie mein Freund nicht seyn?

Graf.
Nicht so, liebe Jenny, Sie verstehen mich unrecht! ich wollte blos anzeigen, daß Sie durch diesen Zuwachs eines neuen Freundes weder reicher noch ärmer geworden sind, als vorhin.

Jenny.
Wissen Sie, das mich das betrübt, {16}

und daß ich Ihnen gram bin, recht gram! (eine Weile nachsinnend und dann plötzlich in der fröhlichsten Laune) Nein, nein! So nicht! ich weiß es wohl besser, viel besser! – So! – da hab ich die Null hinter die Zehn gesetzt, und da ist
es ganz anders, und bedeutet Hundert, und daß die arme Jenny, nun Sie Ihr Freund geworden sind, hundertmal reicher ist, als vorhin.

Graf.
Sie sind sehr gütig.

Jenny.
Es scheint mir recht lange, daß ich Sie nicht gesehen habe, lieber Graf, wie lange ist es wohl schon?

Graf.
Zwey Tage.

Jenny.
Erst? ich weiß nicht, mir ist es viel, viel länger vorgekommen! – So geht es immer, wenn ich Sie nicht sehe, und darum ist es recht gut, daß Sie wieder da sind!

Graf.
Wie steht es mit unsrer Zeichnung?

Jenny.
Ich denke nicht zum Beften, ich bin wenig dazu gekommen.

Graf.
So lassen Sie es uns in dieser Stunde nachholen!

Jenny (holt das Zeichenbuch)

Graf. (der neben ihr stehen bleibt.)
Gewöhnen Sie sich daran, diese Umrisse etwas fester zu
ziehen.

Jenny.
Meine Hand zittert mir so.

Graf.
Wollen Sie erlauben, daß ich sie Ihnen ein wenig führe?

Jenny.
Recht gern!

Graf (setzt sich zu ihr.)
Den Crayon etwas höher! (Rückt ihn.) {17}

Jenny.
Ich weiß nicht, was es ist, aber nun Ihre Hand die meinige berührt, zittert sie mir noch weit mehr.

Graf.
Vielleicht, daß ich sie gedrückt habe, liebe Jenny?

Jenny.
Ach nein! das ist es nicht! Mir ist es nur so warm dabey! Fühlen Sie nur einmal, wie mir das Gesicht brennt!

Graf.
Das kömmt daher, weil Sie sich zu tief gebückt!

Jenny.
Gebückt? – ich hab Ihnen ja die ganze Zeit über ins Gesicht gesehen.

Graf.
Diese Linie ist etwas schief.

Jenny.
Ueberhaupt, lieber Graf, will es mit dem Zeichnen gar nicht recht fort, wenn Sie da sind. Mir wird immer ganz wunderlich zu Muthe!

Graf.
Die da ist schon besser!

Jenny.
Wenn Sie nicht da sind, ist es ganz anders.

Graf
Wir sprechen zu viel.

Jenny.
Zeichnen mag eine ganz hübsche Kunst seyn.

Graf.
Gewiß!

Jenny.
Wenn ich es kann, lieber Hartcourt, da will ich Sie zeichnen.

Graf. Liebe Jenny!

Jenny
Das höre ich recht gern! Sehen Sie, sind Sie denn einmal nicht da, so kann ich mich doch in der Abwesenheit mit Ihrem Bilde unterhalten. {18}

Graf.
Ich weiß nicht, mir wird auch heute kein Strich recht!

Jenny.
Legen wir lieber die Zeichnung beyseite! (Indem sie das Buch zuschlägt, fällt ein Blatt heraus. Sie Iiest die Ueberschrift:) Love!

Graf.
And Friendship.

Jenny.
Was heißt das?

Graf.
Es ist Englisch, und bedeutet Freundschaft und Liebe.

Jenny.
Mir gefällt das Blatt.

Graf.
Und doch haben Sie wohl noch nie geliebt?

Jenny.
Geliebt? – ich will mich besinnen.

Graf.
Gute Jenny, wenn Sie sich erst besinnen, da haben Sie auch schon geantwortet.

Jenny.
Sagen Sie, woran erkennt man, wenn man Jemand liebt?

Graf.
Ja, mein Fräulein, das läßt sich sehr schwer auf Worte bringen. Zuerst –

Jenny.
Nun zuerst?

Graf.
Man thut alles, um dem geliebten Gegenstande zu gefallen. Zum Beyspiel: man wird aufmerksam auf seine Person, man verwendet mehr Sorgfalt auf seinen Anzug –

Jenny.
Nun da muß die Gräfinn Tante entsetzlich verliebt seyn, denn die kommt den ganzen Tag nicht vom Spiegel.

Graf.
Ferner verspürt man in sich eine gewisse Unruhe.

Jenny.
Unruhe?

Graf.
Ja! – Man wird bald roth und bald blaß. {19}

Jenny.
Nein! da ist sie doch nicht verliebt; denn wenn sie einmahl mit ihrem Gesichte fertig ist, so bleibt es den ganzen Tag, wie es war.

Graf.
Zuweilen spürt man Herzklopfen.

Jenny.
Herzklopfen? Hören Sie, lieber Graf, ich glaube wahrhaftig, ich liebe, denn mein Herz klopft mir in einem weg.

Graf.
Armes Kind!

Jenny.
Aber ich glaube gar, Ihr Herz klopft Ihnen auch?

Graf.
Mir?

Jenny.
Sie wollen es nicht Wort haben, aber Sie werden roth dazu, und das ist ein untrügliches Kennzeichen, das haben Sie vorhin selber gesagt.

Graf (küßt sie auf die Stirne.)
Liebe, gute theuerste Jenny!

Jenny.
Nun klopft es noch dreymahl ärger.

Graf.
Du liebst mich?

Jenny.
Recht sehr!

Graf.
Wie glücklich machst du mich durch dieses Geständniß! dein Onkel willigt in unsre Verbindung. Er hat selber deßhalb heute ein Billet an mich geschrieben.

Jenny.
Ist es möglich?

Graf.
Ja, ja! Und noch heute Abend feyern wir unsre Verlobung.

Jenny.
Das ist schön! Aber was wird die Tante dazu sagen? weißt du wohl, daß sie sich, nur noch gestern gegen den Onkel gerühmt hat, du würdest sie und keine andre heurathen? {20}

Graf.
Schon längst hätt‘ ich sie aus diesem Irthume gerissen: aber, ohne eine offenbare Erklärung von ihrer Seite, wäre dieß unschicklich gewesen! Zudem – Sie ist deine Tante! Als
solche mußte ich sie schonen, obgleich mir diese
Schonung zuweilen schwer angekommen. Einmal war ich wirklich nahe daran, ihr ein kleines Gedicht in die Hände zu spielen, das –

Jenny (lachend.)
Ein Gedicht?

Graf.
Ja, ja! Lache nur, liebe Jenny! der Unmuth, daß eine Frau von übrigens schätzbaren Eigenschaften, noch bey ihrem Alter in die Eitelkeit verfallen konnte, zu glauben, ein junger Mann, dessen Mutter sie seyn könnte, werde sich in sie verlieben, hat mich zum erstenmal in meinem Leben zum Dichter gemacht.

Jenny.
O geschwinde! wo ist dieß Gedicht? Ich muß es hören.

Graf.
Ich will zusehen! wo ich nicht irre, trag ich es noch in meiner Brieftasche mit mir herum. Richtig! da ist es. (Liest.)
„An die Gräfinn Z.
Ich liebe lange schon – die holde Jenny nur,
Ihr freundliches Gesicht – voll Wahrheit und Natur.“

Jenny.
Hast du mich zum Besten? da steht ja kein Wort von der Tante.

Graf.
Nur Geduld, es kommt noch und zwar so arg, daß ich befürchten müßte, ihre Gunst zu verlieren, wenn sie je diese Verse zu {21}

Gesicht kriegte; denn du kennst ihre Reitzbarkeit, wenn es auf den Punkt des Alters kommt.

Jenny.
Hast du ihr denn ihr Alter darin vorgeworfen? das ist nicht hübsch.

Graf.
Nicht eben unmittelbar und geradezu, aber –

Jenny.
Nun so lies nur weiter!

Graf.
„Ich liebe lange schon – die holde Jenny nur,
Ihr freundliches Gesicht – voll Wahrheit und Natur;
Und ihrer Stimme Ton – Sie Gräfinn könnt' ich lieben,
Bezweifeln Sie es nicht – doch nur mit Kindestrieben –
Hier lieg ich auf dem Knie“ –
Stille! ich höre Jemand auf der Treppe.

Jenny.
Ums Himmelswillen, es ist die Tante! ich hör' es an der Stimme! Geschwinde gieb mir das Gedicht. Ich will es einstecken, (Sie will es ihm aus der Hand reißen. Das Gedicht
zerreißt in zwey Hälften. Das eine Stück behält der
Graf in der Hand, das zweyte fällt auf die Erde. Darüber tritt die Tance herein. Nach ihr der Onkel.)

Sechster Auftritt.

Gräfinn. Major. Vorige.

Gräfinn.
Ich bitte, bleiben Sie sitzen.

Major (der das zerissene Blatt auf der Erde er- {22}

blickt.)
Nun laßt ihr eure Zeichnungen so auf der Erde herum liegen?

Graf (der es ihm aus der Hand nehmen will.)
Es ist nichts von Bedeutung.

Major.
Erlauben Sie! – was Teufel! von was für einer Gräfinn ist denn da die Rede? doch nicht von meiner Schwester? (Giebt es ihr.) Da lies einmal! „An die GrafinZ." Richtig! du bist es, du bist es.

Graf.
Das ist eine schöne Geschichte.

Jenny.
O weh! da bleib ich nicht hier! Am Ende müßten wir es alle entgelten! (ab.)

Siebenter Auftritt.

Vorige ohne Jenny.

Gräfinn (die unterdessen an eine Seiten Coulisse zurückgetreten, und mit Lesen beschäftigt ist.) Charmant! da entdeck ich ja ein ganz neues Talent an Ihnen lieber Graf.

Graf (in äußerster Verlegenheit.)
Dieser Spott, meine gnädige –

Gräfinn.
Nicht doch! So ist es nicht gemeint! ich muß Ihnen sogar sagen lieber Hartcourt, daß ich recht sehr wünsche, dieß interessante Bruchstück von der nemlichen Hand ergänzt zu sehen, verstehen Sie mich? recht sehr!

Graf (seitwärts.)
Bin ich bey Sinnen?

Gräfinn.
Sie wissen ja, ein wenig Eitelkeit und Neugierde sieht man unserm Geschlechte schon nach. – Doch was ich sagen wollte und {23}

warum ich eigentlich hierher gekommen. Wenn sie auf diesen Abend nicht engagirt sind, so bitt ' ich mir die Ehre aus, sie in meinem Hause zu sehen! aber daß sie mir ja nicht die zweyte Hälfte des Gedichtes mitzubringen vergessen, hören Sie? unter keiner andern Bedingung werden Sie vorgelassen.

Graf.
In der That, gnädige Frau, es thut mir sehr leid, daß diese Art von Erklärung –

Gräfinn.
O ich finde sie eben so originell als geistreich.

Graf.
Wenn Sie müßten, wie lange –

Gräfinn.
Ich weiß es, lieber Graf, ich weiß es.

Graf.
Ein unbesonnener Augenblick –

Gräfinn.
Warum eben unbesonnen?

Graf.
Die Verschiedenheit der Jahre –

Gräfinn.
Als ob die Liebe sie zählte.

Graf.
Der Brief an den Herrn Major.

Gräfinn.
Ich hab ihn gelesen.

Graf.
Und?

Gräfinn.
Seyn Sie versichert, daß ich ihre Delikatesse zu ehren weiß.

Major.
Aber sagen Sie mir, Graf, um Gotteswillen, spielen Sie mit meiner Schwester Komödie?

Graf.
Herr Major, ihre Gegenwart – Sie sehen – meine Verwirrung und meine Beschämung nehmen mit jedem Augenblicke zu. – Es wird daher am besten seyn, wenn ich gehe, und eine gelegnere Zeit zu einer mündlichen Erklärung abwarte! (ab.) {24}

Achter Auftritt.

Major. Gräfinn.

Major
Nun, das muß wahr feyn, das nenn ich mir einen respektuösen Liebhaber

Gräfinn
Aber bemerktest du denn nicht Bruder, daß er einige Augenblicke mit mir allein zu seyn wünschte, und daß sich das, was er von gelegnerer Zeit, von deiner Gegenwart, und von einer mündlichen Erklärung sagte, darauf bezog? Ich dachte immer, du würdest gehen!

Major.
Höre Sdwester, sey so gut, und mach mich erst einmal aus dem ganzen Handel klug!

Gräfinn.
Lies!

Major (nimmt das Papler.)
„Ich liebe lange schon –
Ihr freundliches Gesicht –
Und ihrer Stimme Ton
Bezweifeln Sie es nicht
Hier lieg ich  auf dem Knie
O Gräfin, schenken Sie,
Nun, was sollst du ihm denn schenken? denn das Gedicht kann doch nicht aus feyn, das klappte gar zu schnell ab!

Gräfinn.
Vermuthlich meine Liebe! doch weiß ich es nicht gewiß, denn die zweyte Hälfte fehlt, und drum bat ich ihn eben, sie heute Abend mitzubringen.

Major.
Hier lieg ich  auf dem Knie –
O Gräfin, schenken Sie – {25}

Guter Gott! war es möglich? Jenny, arme Jenny! doch nein, nein! Das Mädchen war ja vorhin so ruhig, so gutes Muths, und das ist man bey einer solchen Nachricht nicht! ich fürchte Schwester, ich fürchte, deine Eitelkeit spielt dir da einen neuen Streich.

Gräfinn
Diese Deutung befremdet mich nicht! sie ist ganz in deiner Manier.

Major.
Aber zum Teufel auch, sage mir, welcher gescheute Kerl liest einem Frauenzimmer Verse vor, die er zum Lobe eines andern gemacht hat?

Gräfinn.
Woher weißt du denn gewiß, daß er sie nicht vorhin mit andern Papieren aus der Tasche gezogen, oder daß Jenny sie nicht aus Äerger zerrissen hat?

Major. Oder, oder! Bin ich nicht ein Narr, daß ich mich da erst lange darüber mit dir den Kopf zerbreche, da es doch Jenny allein ist, die mir die beste Auskunft geben kann. Gehen wir zu ihr!

Gräfinn
Du wirst verzeihen! – Ich habe noch nothwendig zu Hause einige Vorkehrungen auf heute Abend zu treffen! (Beyde ab.)

Der Vorhang fällt. {26}

Zweyter Aufzug.

Erster Auftritt.
(Strasse.)

Jenny mit dem Major im Hingehen zu ihrer Tante begriffen. In der Folge Spazierende.

Major.
Hier also meinte der Graf, daß wir ein wenig auf und nieder gehen sollten, bis er selbst käme?

Jenny.
Ja! und er kann unmöglich lange mehr ausbleiben!

Major.
Ich muß ihn durchaus sprechen, ehe wir zusammen zur Tante hingehn. Das Ding vorhin mit dem Gedichte wurmt mir noch immer im Kopfe, und obgleich mich deine Erklärung einigermaßen beruhiget hat: so hört‘ ich doch am liebsten seine eigne.
(Personen, die auf und ab geben. Stumme Höflichkeitsbezeigungen von beiden Seiten.)

Jenny.
Was Sie dode so glücklich sind, liebster Onkel! jedermann, der Ihnen begegnet, {27}

zieht den Hut vor Ihnen, nennt sich ihren ergebensten Freund, und bietet Ihnen seine Dienste an.

Major. (lachenb.)
Stadtfreunde, mein liebes Kind, Stadtdienste!

Jenny.
Ist denn das ein Unterschied?
Major. Gib Acht! da kommt wieder fo ein Pflastertreter! Das ist der Doctor und Stadtphyfikus dahier; der erdrückt euch alle Welt mit seinen Umarmungen, aber könnte er nur, wie er
wollte, er secirte uns alle wie Frösche, oder brächte uns, wie Mäuse unter den Recipienten seiner Luftpumpe. Sein ganzes Leben ist ein großes Experiment, und seine physikalischen Kabinette sind unsre Beinhäuser.

Zweyter Auftritt.

Doctor Wachtel. Vorige.

Doctor. (Indem er den Major umarmt.)
Ah! Sieh da, mein würdiger alter Freund! wie befinden sich der Herr Major? Immer noch so gesund, so wohlauf? das freut mich, das freut mich.

Major.
Doctor! Doctor! nehmen Sie sich in Acht!

Doctor.
Wovor.

Major.
Das es die Fakultät nicht erfährt, daß Sie sich über die Gesundheit eines Menschen freuen. {28}

Doctor.
Pfui, Herr Major! wofür halten Sie mich?

Major.
Für einen practicirenden Arzt.

Doctor (mit angenommenem Feuer.)
Und ist denn ein solcher ohne Gefühl? Bey Gott ich treibe meine Kunst nicht aus Eigenutz, und wär' es nicht die festeste, heiligste Ueberzeugung, in diesem Stande mehr als in irgend einem andern der leidenden Menschheit nützlich zu seyn: noch heute hing ich meinen Doctorhut an den Nagel.

Major.
Das heiß ich, wie ein ehrlicher Mann gesprochen! Nun, um so weniger darf ich befürchten, eine Fehlbitte zu thun. – Eben
wollt ich zu Ihnen! – Ein Unglücksfall, der –

Doctor.
Ein Unglücksfall? wo? Mein Gott, Sie erschrecken mich! ums Himmelswillen, was ist vorgefallen? Sollte Dero Familie, sollte vielleicht der gnädigen Gräfinn selbst irgend etwas zugestoßen seyn? Reden Sie! sprechen Sie! ich bin bereit, Ihnen auf dem Fuße zu folgen.

Major.
Meine Schwester ist ganz wohl.

Doctor.
Dem Himmel sey Dank! aber was ist es denn sonst?

Major.
Sehen Sie, das ist die Frau des Invaliden Schnorr vor dem Steinthor, sie bedarf schleunig Ihrer Hülfe. Sie ist von fünf Kinder Mutter! Eilen Sie, mein Herr, und erhalten Sie diesen ihre Stütze!

Doctor (mit seiner Halskrause beschäftigt.)
Die Frau des Invaliden –

Major.
Ja! {29}

Doctor:
Schnorr sagen Sie?

Major.
Ja!

Doctor.
Draußen vor dem Steinthor?

Major.
Fragen Sie nicht so viel! Am geringften Verzug hängt vielleicht ihr Leben! Gehen Sie! Eilen Sie!

Doctor.
Ich will es mir sogleich in meiner Brieftasche notiren. Jetzt hab' ich erst nothwendig eine Stunde im Clinico zu lesen. Meine Herren Auditoren werden auf mich warten, denn ein Viertel ist schon durch! Nachher will ich einen von ihnen zu dem – Schnorr hinausschicken, um mir über den status morbi des Weibes Bericht abzustatten.

Major.
Wär es aber nicht besser, mein Herr Doctor, wenn Sie selben –

Doctor.
Sie haben Recht! Die Recepte will ich selber verschreiben, und die Cur soll mein Fiskal übernehmen. (ab.)

Major.
O du menschenfreundlichster Doctor!
(Unter dieser Rede läßt sich Mirmillo sehen.) Da geht
er hin, ladt die Pistolen, und schickt denn irgend einen armen Sünder vors Steinthor, der in seinem Namen sie losdrückt.

Dritter Auftritt.

Signor Mirmillo. Vorige.

Mirmillo (nach Klopfechter oder Renomisten Art gekleidet, mit einem schwarzen Federbut, Steiffstifeln, langen Degen und Stulphandschuhen. Nachdem er eine {30}

Zeit über an der Ecke gestanden, und nach Jenny lorgnirt hat, tritt er plötzlich hervor.)
Ey, ey, so lebhaft, Herr Major?

Major.
Ihr Diener!

Mirm.
Einen kleinen Verdruß gehabt? Darf ich fragen, was? –

Major.
Nichts, auf der Welt nichts.
Mirm.
O ich will nicht zudringlich seyn, obgleich meine vieljährige Freundschaft schon etwas mehr Offenherzigkeit von Ihrer Seite verdiente.

Major.
Mirmillo!

Mirm.
Herr Major!

Major.
Sind Sie mein Freund?

Mirm.
In Leben und Tod!

Major.
Und haben gehört, was ich vorhin sprach?

Mirm.
Ja! So etwas – von Pistolen.

Major.
Nun dann – so wissen Sie alles! ich bin gefordert.

Mirm.
Sie erschrecken mich.

Major.
Und brauche einen Secundanten.

Mirm. (läßt vor Schrecken seine Lorgnette fallen.)

Major (schlägt ihn auf die Schulter.)
Seyn Sie's!

Mirm.
Ich?

Major.
Ja! Eigentlich zwar hatte Obrist Donner es mir bereits versprochen.

Mirm.
Und hält nicht Wort? fi donc! Das ist schlecht mein Herr Obrist.

Major.
Braver junger Mann! Ihr Eifer gefällt mir! ich habe mich nicht in Ihnen geirrt.

Mirm.
Sehr verbunden aber – {31}

Major.
Eben, als Sie kamen, erhielt ich das Billet, worinn er seine Zusage zurücknimmt: darum war ich so aufgebracht.

Mirm.
Was schützt er denn vor, warum er nicht kommen kann.

Major.
Hm! Eine Unpäßlichkeit! Aber die wahre Ursache weiß ich besser.

Mirm.
So?

Major.
Kennen Sie Twardolovsky?

Mirm.
Den alten Capitain Haudegen, der auseinander fiele, wenn ihn seine Heftpflaster nicht zusammen hielten?

Major.
Es ist der Secundant meines Gegners. Nun wissen Sie, wo der dabey ist, müssen gewöhnlich die Secuadanten auch einen Gang mit einander machen. – Vermuthlich haben der Herr Obrist Wind davon bekommen, und bleiben darum weg.

Mirm.
Wo ist das Duell?

Major.
Vor dem Jacobsthor, bey der neuen Redoute, Numero Zehn.

Mirm.
Wann?

Major.
Schlag fünf Uhr! Ein Viertel ist schon vorbey! – ich gehe nur, und bringe hier meine Nichte erst nach Hause: dann machen
wir uns sogleich auf den Weg!

Mirm.
Teufel! Wann – sagten Sie, ist das Duell?

Major.
Schlag fünf Uhr.

Mirm.
Ich möchte rasend werden! So eine schöne Gelegenheit, einem Freunde zu dienen!

Maior.
Nun? {32}

Mirm.
Und die ich nun ungenuzt vorber lassen muß.

Major.
Wie dann das?

Mirm.
Aber das kommt dabey heraus, wenn man seinen Freunden ein Geheimniß unterschlägt! Hätt' ich es nur eine Stunde, nur noch fünf Minuten früher gewußt! So hab' ich mich unglücklicher Weise, zwischen fünf und sechs, im Casio mit dem Principe Capitolino auf eine Parthie Billiard engagirt, und
da werden Sie selbst einsehen mein bester Herr Major.

Major.
Daß die Ehre eines Freundes einer Parthie Billiard mit einem Prinzipe nachstehen muß? – Ey freylich!

Mirm.
Aber wissen Sie was? Mein Weg führt mich ohnediß bey dem Herrn Obrist vorbey. Ich will zu ihm.

Major.
Geben Sie sich keine Mühe.

Mirm.
Was Mühe! ich will ihm vorstellen, was das heißt, einem Mann von Ehre, wie Sie, mein Herr Major, sein gegebenes Wort zu brechen, ihn so schändlich im Stiche zu lassen.

Major. (Lachend.)
Thun Sie das!

Mirm.
Und besteht er auf seiner Weigerung, so fordre ich Satisfaction von ihm, Satisfacstion im Namen des Freundes und in dem meinigen! Mit seinem Blute soll er mir – verzeihen Sie, mein bester Herr Major, ich habe eher keine Ruhe, als bis –

Major.
Sie ihre Gebeine in Sicherheit gebracht? {33}

Mirm.
Bewahre! ich wollte sagen, bis ich mich dieser Freundschaftspflicht gegen Sie entledigt habe. (ab.)

Vierter Auftritt.

Alberti. Major. Jenny.

Alberti (der lächelnd während der vorher gehenden
Scene in seinem Fenster gelegen und gehorcht hat, öffnet nun die Hausthüre, und geht auf den Major zu.)
Aber, mein werthgeschätztester Herr Major, warum wollen Sie nicht lieber anstatt ihr eigner Richter zu seyn, und Dero kostbares Leben in Gefahr zu setzen, mit ihrem Gegner den Weg Rechtens einschlagen?

Major.
Was Teufel, Herr, ich glaube gar, Sie haben gehorcht?

Alberti.
Bitt um Verzeihung, mein Fenster geht nach der Straße, und wenn unten stark gesprochen wird, kann ich oben jede Sylbe verstehen.

Major.
So mags gelten! Aber kurz, was führt Sie hierher?

Alberti.
Als ein alter treuer Freund von Dero Hause –

Major.
Ohne Einleitung!

Alberti.
Und der Denselben in manchen langwierigen Prozessen zur Seite gestanden –

Major.
Das weiß Gott!

Alberti.
Geb ich zu bedenken, ob es nicht {34}

besser gethan sey, Ihren Gegner Injuriarum zu belangen?

Major.
Das wär ein Gedanke!

Alberti.
Ihm einen Prozeß an den Hals zu werfen!

Major.
Und Sie zu meinem Sachwalter zu machen?

Alberti.
Das ist die Meinung.

Major.
Aufrichtig gesagt, mein lieber Alberti! war dieß mein erstes Vorhaben.

Alberti.
So führen Sie es doch aus.

Major.
Ich scheue die Gerichtskosten.

Alberti.
Bin ich denn so unbillig?

Major.
So wissen Sie denn, die ganze Sache betrifft eigentlich nicht mich, sondern meine Nichte.

Alberti.
Demoiselle?

Major.
Ja! Ein Schurke von einem Vormunde hat ihr ganzes mütterliches Erbtheil untergeschlagen.

Alberti.
Er soll es schon wieder Herausgeben.

Major.
Eben der ist es, mit dem ich mich auf Pistolen gefordert!

Alberti.
Besser ist besser! So geht die Sache hübsch den Weg Rechtens.

Major.
Nur ein Umstand ist uns dabey im Wege.

Alberti.
Und welcher?

Major.
Meine Nichte ist arm! Mich selbst hat die letzte Campagne herunter gebracht! Prozesse kosten Geld: woher dieß nehmen. {35}

Alberti.
Sollte nicht Dero Gräfinn Schwefter –

Major.
Auf die rechnen Sie nicht! Die will von dem ganzen Handel nichts wissen.

Alberti.
Und sind auch keine sonstigen Fonds zu Hypotheken, liegenden Gründen und dergleichen vorhanden?

Major.
Keine!

Alberti (zieht ein bedenkliches Gesicht.)
Das ist freylich schlimm.

Major.
Noch laß ich den Muth nicht sinken! wissen Sie was, seyn Sie unser Fürsprach! Als ein alter und treuer Freund unsers Hauses –

Alberti.
Das bin ich aber –

Major.
Kurz und gut! Übernehmen Sie den Prozeß in forma Pauperis!

Alberti (dem das Wort auf der Zunge stockt.)
In forma –

Major.
In forma Pauperis!

Alberti (der in die Straße winkt.)
Verzeihen Sie Herr Major, dort unten an der Ecke seh‘  ich so eben meiner Schreiber mit einem Bündel Acten unterm Arm. Er wird mich suchen. Den ganzen Tag bin ich dem Menschen nachgelaufen. Pst! Pst! Pst! Er hört mich nicht! Ich muß ihm nach! – Wir werden schon noch Zeit finden, hoff' ich über die bewußte Sache ausführlicher mit einander zu sprechen! Pst! Pst! Habe die Ehre mich dem Herrn Major zu Gnaden zu
empfehlen. (Ab.)

Major.
Geh hin, du feiler Handlanger der Gerechtigkeit! Verbind ihr die Augen! Spiele {36}

Versteckens mit ihr in deiner Gerichtsstube, oder rück an der Binde deiner Göttinn, damit sie das rechte Gewicht finde, wenn du dich ihrer Schalen statt einer Goldwage bedienst! – Nun, liebe Jenny, was sagst dir zu unsern allzeit dienstfertigen Stadtfreunden, die vor Jedermann, dem sie begegnen, den Hut ziehen, und ihr Herz wie ihre Dose aus bieten: gefallen sie dir noch?

Jenny.
O weh, o weh!

Fünfter Auftritt.

Graf. Vorige.

Graf.
Ey da sind Sie ja noch! Das ist ja vortrefflich!

Jenny.
Sie haben auch recht lange auf sich warten lassen, lieber Graf –

Graf.
Verzeihen Sie liebe Jenny, das Umziehen hat mich etwas aufgehalten!

Major.
Vor allen Dingen haben Sie das Gedicht?

Graf.
Nein, Herr Major!

Major.
Nicht? Und wissen doch, was meine Schwester gesagt hat? und daß Sie ohne dasselbe –

Graf
Es steckt in meiner Brieftasche, und die ist im andern Rocke –

Major.
So mögen Sie es holen, ich bestehe darauf.

Graf
Herr Major, bedenken Sie –

Major.
Was gibts da zu bedenfea? {37}

Graf.
Wie? ist die erste Beleidigung nicht schon groß genug? soll ich denn auch noch eine hinzufügen?

Major.
Von was für einer Beleidigung ist denn hier die Rede? ich sage Ihnen, meine Schwester weiß von keiner Beleidigung.

Graf.
Sie setzen mich in Erstaunen.

Major.
Im Gegentheil, sie scheint mehr als jemals entschlossen zu seyn, Sie zu heurathen.

Graf.
Ich bin außer mir!

Major.
Ich nicht! Sie haben ihr ja eine solche Menge Artigkeiten in Ihrem Gedichte gesagt, daß es kein Wunder ist, wenn –

Graf.
Artigkeiten? ich, ihr?

Major.
Nun ja! Es ist darin die Rede von ihrem freundlichen Gesicht, von ihrer schönen Stimme. von Hinknieen, von – was weiß
ich! – Weib ist Weib! ich kann es ihr nicht verdenken.

Graf.
Und was sagen Sie dazu liebe Jenny?

Jenny.
Ich habe Sie vertheidigt, so gut ich konnte.

Major.
Freylich hat sie das: aber eben deßhalb werde ich aus dem ganzen Handel nicht klug! Das befte bey der Sache wird also seyn, Sie gehen sogleich nach Hause, und holen uns die zweyte Hälfte des Gedichts.

Graf.
Wohlan es sey! doch nur unter der ausdrücklichen Bedingung, daß Sie mir versprechen, die unangenehmen Folgen, die daraus entftehen können, ganz über sich zu nehmen: wollen Sie das Herr Major? {38}

Major.
Hier haben Sie meine Hand darauf.

Graf.
In einigen Minuten bin ich wieder bey Ihnen. (ab.)

Major.
Komm Jenny, wir gehen voraus! Ich denke, der Graf wird schon nachkommen. (ab.)

Sechter Auftritt.

(Zimmer der Gräfinn.)

Abendgesellschaft. Gräfinn. Mirmillo.
Wachtel. Alberti. Herrn und Damen.

Mirmillo. Wie gesagt meine Gnädige, die Ursache weiß ich nicht genau: aber Schlag fünf Uhr geht das Duell vor sich.

Doctor.
Ich vermuthe nach Allem, daß es schon vorbey ist. Der Gegenpart des Herrn Majors ist tödtlich blessirt, und liegt draußen vor dem Steinthore bey dem Invaliden Schnorr. – Lassen gnädige Gräfinn nur nachfragen.

Mirmillo. Bewahre Gott, mein Herr Doktor! wie käme denn der Blessirte vors Steinthor?

Doctor.
Das weiß ich nicht aber es ist noch keine Viertelstunde, daß der Herr Major mich dorthin beschieden, und daraus schließ ich –

Mirmillo.
Sie irren sich! – ich sag ihnen, das Duel findet in diesem Augenblick statt, und zwar vor dem Jakobsthore, bey der neuen Redoute, Numero Zehn.

Alberti.
Weder vor dem Jakobsthore, mei- {39}

ne Herren, noch vor dem Steinthore! Der Rath eines alten Freundes hat über den Herrn Major anders vermocht. – Er schlägt sich nun nicht, sondern wird mit seinem Gegner auf dem Wege Rechtens verfahren.

Gräfinn.
Offenbar liegt hier ein Irrthum zum Grunde, denn mein Bruder hat versprochen, diesen Augenblick hier zu seyn. (Seitwärts zu Alberti.) Sie haben doch den Kontrakt?

Alberti.
Kontrakt und Verschreibung, beydes nach Ihro Gnaden Befehl.

Gräfinn.
Und es weiß Niemand?

Alberti.
Niemand! Selbst der Herr Major nicht, dem ich vorhin auf der Strasse begegnet bin.

Siebenter Auftritt.

Major. Jenny. Vorige

Gräfinn.
Ah! da sind Sie ja!

Major (zum Doktor.)
Sieh da, Herr Doktor. Haben Sie Ihre clinischen Vorlesungen auf heute ausgelegt? Was werden Ihre Zuhörer sagen?

Jenny (zu Alberti,) Haben Sie Ihren Schreiber noch eingeholt?

Major (zu Mirmillo.)
Und Sie, Signor Mirmillo, hat der Principe Capitolino Sie von
der Parthie Billiard dispensiert?

Mirmillo (seitwärts)
In der That, mein bester Major, ich weiß nicht, was ich sagen soll! {40}

Major.
Das glaub ich Ihnen, Schatz, an Ihrer Stelle ging es mir eben so.

Mirmillo (laut.)
Meine erste Sorge, als ich Sie verließ, war die, dem Herrn Doktor nachzulaufen, der mir über das Duell nähere Auskunft geben sollte. Glücklicherweise war er noch nicht weit, und wir wurden auf der Stelle einig, zur gnädigen Gräfinn zu gehen, und ihr diesen Vorfall mitzutheilen.

Major.
Hat dir denn der Signor Mirmillo auch mitgetheilt, Schwester, daß –

Mirmillo (seitwärts.)
Ich bitte Sie um alles in der Welt, mein bester! theuerster Major, bedenken Sie, wo wir sind. (Laut.) Die Sorge für Ihr kostbares Daseyn, das geschärfte Duellmandat; die Furcht vor der Ungnade ihres Königs, der es mir nie verziehen haben würde, wenn mit meinem Mitwissen ein so wackrer Offizier, dessen Patriotismus –

Major.
Alles in der Welt Signor Mirmillo, nur bitt ich, bleiben Sie mir mit dem fatalen Wort vom Halse! ich kann es für mein Leben nicht ausstehen.

Mirmillo.
Aber mein Gott! warum denn denn das nicht?

Major.
Weil ich in diesen letzten Jahren gefunden habe, daß jeder arme Schlucker in Deutsland, der einen Gruß an die Schatullen zu bestellen hat, den Patriotismus als Bothen schickt.

Gräfinn (stellt die Jenny vor.)
Meide Herrn und Damen, die Tochter meines Bruders aus
der Schweitz! {41}

Mirmillo.
Es freut mich unendlich! ich habe schon vorhin, und wenn ich nicht irre, auch gestern Abend im Schauspiel das Vergnügen gehabt.

Gräfinn.
Wie, Bruder, war Jenny im Schauspiel?

Major.
Zum erstenmahle.

Gräfinn.
Nun? und wie hat es dir gefalIen? rede Kind!

Jenny.
Erst, und so lange die Gardine auf war, recht wohl! Da haben die Leute um mich herum geweint, und ich habe mit geweint. Nachher aber, und als die Gardine wieder herunter ging, und wie ich das Musiciren hörte, und sah, daß die Leute so fröhlich und gutes Muths Punsch tranken, oder Gefrornes aßen, da kam es mir unnatürlich vor, und wollte mir nicht
mehr gefallen.

Mirmillo.
Ich hab es wohl bemerkt.

Major.
Ich denke, Sie sehen schlecht?

Mirmillo.
Das wohl! aber vermittelst meiner Lorgnette hier, weiß ich alles, was im ganzen Hause passirt! In der That, lieber Major, Sie sollten sich eine Lorgnette anschaffen; in einem schlechten Stück kenn ich keine bessere Ressource.

Jenny (die die Lorgnette besieht.)
Machen Sie mich doch auch ein wenig mit ihrem Gebrauche bekannt.

Mirmillo.
Sehen Sie, mein schönes Fräulein, ich setze den Fall, ich befinde mich nicht weit vom Orchester. Neben mir steht ein Freund. {42}

Das Stud ist fchlechat. Wir ennuyren uns beyde; Mirmillo! – was gibts? – „Siehst du dort das artige Gesicht auf der zweyten Bank, im Parterre?" – Ja! – „Und den Maulaffen auch, der ihr zur Seite steht? Wer er nur seyn mag?“ Das ist der junge Graf von J. der kürzlich erst von Akademien wieder gekommen. –  „Und die kleine, artige, allerliebste Blondine
im ersten Range, in der Seitenloge? – ich sehe sie heut zum erstenmal!" – die kenn ich! Es ist die Nichte des Majors von Veltheim. Es ist noch nicht lange, daß sie aus der Schweitz gekommen.

Major (zu Jenny.)
Verneig dich Kind! Signor Mirmillo macht dir ein Kompliment.

Mirmillo.
Aber nicht wahr gnädiges Fräulein, man sieht etwas schlecht in der Seitenloge?

Jenny.
Mit dem Sehen ging es noch, wenn sie nur nicht alle so unter dem Barte brummten. Der vorn da, der aus der Oeffnung des Bodens von Zeit zu Zeit einen langen Hals macht, der, find ich, spricht noch am lautesten! aber das muß auch wohl so der Hauptakteur seyn, denn der weiß alles was die andern nicht wissen, und sagt es schon immer einige Minuten voraus.

Mirmillo.
Einer Oper haben Sie wohl noch niemals beygewohnt?

Gräfinn.
Wie sollte sie?. Es werden ja hier keine Opern gegeben.

Mirmillo.
Das ist doch Schade.

Jenny.
Was ist eine Oper?

Mirmillo.
Sehen Sie mein gnädiges {43}

Fräulein, eine Oper ist gleichfalls eine Komödie nur mit dem Unterschiede, das alle Personen darin singen, anstatt zu sprechen.

Jenny.
Ist das wahr liebe Tante?

Gräfinn.
Ja, ja, mein Kind!

Jenny.
Es giebt ja aber doch so viele höchst gemeine Dinge in der Welt, da begreif ich nicht, wie man diese singen kann.

Mirmillo.
Eben die Musik ist es, die diese Dinge veredelt. So zum Beyspiel kann etwas gemeiner reyn, als wenn Jemand in Ihr
Zimmer tritt und sagt; Bon soir! Hier ist so eben ein Postpaket gekommen, mit einem Brief, hier ist er! – So lautet die Addresse: an Demoiselle Jenny im Haus Major von Veltheim am Marfte abzugeben, in Numero 20. Franco. – Nicht wahr, das klingt nach nichts? –  Nun lassen Sie aber einen Mann von Genie, einen Dittersdorf, einen Mozart darüber kommen, so wird es bald anders lauten. Haben Sie nur die Gefälligkeit ein wenig aufzumerken. (Singt nach der Minuet im Don Juan.)
Bon soir! Hier ist so eben
Ein Postpaket gekommen,
Mit einem Brief, hier ist er. –
So lautet die Addresse:
An Demoiselle Jenny
Im Haus Majors von Veltheim,
Am Markte abzugeben
Zu Numero 20. Franco.
Vorhin da gähnte das ganze Parterre: jetzt aber haben die Geigen und Contrebässe kaum den er- {44}

sten Strich gethan, so ruft alles einstimmig: Superbe Musik!

Gräfinn. (Zum Major.)
Der Graf kömmt doch?

Major.
Ich denke wenigstens.

Gräfinn.
Und bringt das Gedicht?

Major.
Versteht sich! (Laut.) Aber wissen Sie denn wohl, meine Herren und Damen, daß Sie eigentlich heute hier zu einer Verlobung eingeladen sind?

Mirm.
Ich erstaune.

Doctor.
Nicht möglich! So kämen wir ja zufällig –

Major.
Wie gesagt!

Alberti.
Ja, ja! die gnädige Gräfinn feyern heute ihre Verlobung, ich habe die Ehepacten in der Tasche.

Eine Dame.
Erlauben Sie mir, wertheste Freundinn, Ihnen zu dieser Verbindung meinen aufrichtigsten Glückwunsch abzustatten!

Major.
Wenn ich bitten darf, meine Damen, schieben Sie Ihre Gratulationen noch ein wenig auf, denn vorher ist hier noch ein kleiner Zweifel zu Iösen.

Alle.
Ein Zweifel?

Major.
Ja, und zwar, welche vor beyden die Braut ist, die Tante oder die Nichte?

Eine Dame.
Das find ich sonderbar! darf ich fragen, wer ist denn der Bräutigam?

Major.
Das wird sich finden! (Zum Grafen der eben ins Zimmer tritt.) Sie kommer doch nicht mit leeren Händen? {45}

Achter Auftritt

Graf. Vorige

Graf.
Nein! Aber noch einmal, Herr Major, sag ich mich feyerlich von jeglicher Folge los.

Major.
Was brauchts der vielen Umstände? Machen wir doch die Damen selbst zu Schiedsrichterinnen in der Sache! Bist du es zufrieden, Jenny, daß das Gedicht öffentlich verlesen wird?

Jenny.
Ich habe nichts dawider.

Major.
Und du Schwester?

Gräfinn.
Ich bin eben der Meinung.

Major.
Noch nicht genug! Ihr müßt mir auch versprechen, daß der zurückgesezte Theil gegen den andern, keinen Groll in seinem Herzen hegen will?

Gräfinn.
Ich verspreche es dir.

Major.
Für Jenny sag ich gut! (Zu Alberti.) Wo haben Sie den Ehekontract?

Alberti.
Hier! und dieß ist zugleich die Verschreibung, wodurch die gnädige Gräfinn bey iherem Ableben, dem Herrn Grafen die größere Hälfte ihres Vermögen übermacht.

Graf.
Gnädige Gräfinn, diese unverdiente Güte –

Gräfinn.
Still davon, lieber Graf –

Graf.
Sie ist es, die mich bestimmt; denn trüg ich länger Bedenken, so würde Einer oder der Andere hier vielleicht glauben, als hielt ich aus Eigennutz zurück, was ich doch nur aus Anstand verweigerte. {46}

Mirm. Wollen Sie nicht die Gefälligkeit haben, uns vorher zu belehren, wie die ganze Sache mit dem Gedichte zusammen hängt!

Major. Hören Sie lieber das Gedicht selbst. Wo ist es Schwester?

Gräfinn.
Hier!

Major (liest.)
„An die Gräfinn Z.
Ich liebe lange schon –
Ihr freundliches Gesicht –
Und ihrer Stimme Ton –
Bezweifeln Sie es nicht –
Hier lieg ich auf dem Knie –
O Gräfin, schenken Sie“ –
Bis dahin gehts nur, das übrige ist weggerissen.

Eine Dame.
Nun ich dächte, auch so, wie es ist, war es verständlich genug.

Major.
Doch wohl nicht ganz! sonst würd’ es nicht jede von diesen beyden Damen auf sich beziehn.

Mirm.
Aber die Überschrift?

Major.
Freylich! Da liegt der Knoten. – Eben darum, lieber Graf, theilen Sie uns geschwinde die zweyte Hälfte mit.

Graf. (Gibt sie ihm)
Hier, Herr Major, lesen Sie selbst!

Major (liest.)
„Ich liebe lange schon – die holde Jenny nur,
Ihr freundliches Gesicht – voll Wahrheit und Natur,
Und ihrer Stimme Ton – Sie Gräfinn könnt' ich lieben,
Bezweifeln Sie es nicht – doch nur mit Kindes Trieben – {47}


Hier lieg ich auf dem Knie – kann nichts ihr Herz bewegen?
O Gräfinn, schenken Sie – mir ihren Muttersegen!

Graf.
Und erlauben Sie mir hinzu, zufügen, Ihre Verzeichung. (Knieet nieder.)

Major.
Denke Schwester, was du versprochen hast!

Gräfinn. (etwas bewegt.)
Stehen Sie auf, Herr Graf! und damit Sie sehen, wie weit ich
davon entfernt bin, irgend einen Groll gegen Sie in meinem Herzen zu hegen: so nehmen Sie hier diese Verschreibung! Sie bleibt noch wie vor in Ihren Händen. (ab.)

Graf.
Gnädige Frau!

Jenny.
Beste, theuerste Tante!

Major.
Gute liebe Schwester! – Kommt Kinder, laßt uns ihr nachgehen! Sie meine Damen, werden nun wohl vor der Hand nichts Angelegneres zu thun haben, als die Schwachheit meiner Schwester durch die ganze Stadt zu verkündigen: ich wünsche Ihnen Glück dazu! Aber bey Gott! die erste Hälfte von dem, was dieses gute Weib gethan hat, thäten Sie vielleicht alle; die zweyte nicht eine. Komm Jenny, kommen Sie Graf!

Ende