Johannes Falk‘s
auserlesene Werke.
(alt und neu.)
In drey Theilen.
Zweiter Theil,
oder
Osterbüchlein
Leipzig:
F. A. Brockhaus.
1819
Inhalt.
Die heiligen Gräber, oder das Weltverhängniß. In drey Gesängen. - 1
Die Reise des alten Braminen von Balsora zum schwarzen Berg und dem gläsernen Thurm. - 83
Uranus und Uranide, oder das erste Hochzeitlied der Schöpfung. - 141
Die ersten Kinder im Paradiese - 151
Die Erzählung des ersten Menschen von seiner Schöpfung. - 163
Die Geschichte von der drey Herren Raben in Schwabenland. 1811. - 178
Schlüssel zu dem Platonischen Mährchenbüchlein. - 253
Die Wiederbringung aller Dinge in Gott. - 307
Höllenstrafen. - 311
Auf den Anhöhen von Berka und Kranichfeld. - 313 {VI}
Die Wallfahrtskerze. - 316
Empfindungen auf einem Ritt nach Leipzig. - 319
Der Herr ist wahrhaftig auferstanden oder: das Evangelium und der Staat. - 322
Abendritt durch den Harz . Die Wölfe. - 336
Der Thurm auf dem Lützner Schlachtfelde. - 338
Der Tiger. - 339
Auf den Anhöhen von Kösen. Die tausendjährige Weltkrähe. - 340
Platonismus des heiligen Augustin. - 341
Platonismus der heil. Katharina von Siena. - 343
Platonismus von Klopstock. - 345
I.
Die
Heiligen Gräber
oder
das Weltverhängnis
In drey Gesängen. {3}
Erster Gesang.
1.
Zu der Zeit, als durch Eroberungen
Nadir sich zum Schach empor geschwungen,
Sprach der alte Mirza: „Ismael,
Heut ist der Prophet der Welt erschienen,
Laß hinab uns gehen zu Koms Ruinen,
Und uns waschen im geweihten Quell!
2.
Hosiannah! scholl's in allen Landen,
Särge borsten, Heilige erstanden,
Als der göttliche Gesandte kam.
Zürnend stieß ins Meer Jehovah’s Rechte
Lucifern, der vierzig Tag' und Nächte
Nach dem Berggeklüfte Cabbes schwamm.“
3.
Und sie kamen an die heil'ge Stäte,
Und verharrten brünstig im Gebete,
Bis der Tag zu neigen sich begann.
Als die Sonne über Koms Ruinen
Unterging, und Mond und Sterne schienen,
Zogen beyde heim gen Serigan. {4}
4.
Stille wandelten sie durch die Triften,
Süß umströmt von Pomeranzendüften,
Eingewiegt von Nachtigallensang:
Endlich unterbrach der Greis das Schweigen:
„Laß uns unter jenes Palmbaum’s Zweigen,
Sohn, uns lagern dort am Felsenhang!
5.
Sprich, was hast du heute vom Propheten,
Ismael, zu deinem Heil erbeten?"
Sprach der fromme Greis von Serigan:
Wie verloren in Begeisterungen,
Stottert' Ismael Entschuldigungen.
Mirza schalt — und Ismael hub an:
6.
„Als ich jüngst, nach Sonnenuntergange
Dort im duftenden Orangengange
Träumend mich an Thirza’s Arm verlor:
Ward ich plötzlich durch ein dumpf Gezische
Aufgeschreckt, und sieh‘! aus dem Gebüsche
Ringelte sich eine Schlang' empor.
7.
Nur vor Thirza’s Leben war mir bange;
Denn wo ist der Held, der einer Schlange
Waffenlos den Kampf entbieten darf!
Ach! schon zischte sie an Thirza’s Locken,
Als ein edler Fremdling unerschrocken
Zwischen uns sich und den Unhold warf. {5}
8.
„Fliehet!“ rief des Himmelsboten Stimme
Sprach‘s und bot dann selbst des Unthiers Grimme
Wehrlos seine Brust — und ich entfloh;
Sah ihn, durch des Dickichts Dämmerungen
Von der Schlang' in Knoten rund umschlungen,
Ach! mein Vater — und entfloh, entfloh!
9.
„Frage nicht, o Mirza, welche Nächte
Diesem Tage folgten! Furchtbar rächte
Mein Gewissen diesen Hochverrath,
Ach! es wies mir, unter Schlangenbissen,
Meinen Retter blutend, und zerrissen,
Wie im Staub‘ er ächzend früh und spat.
10.
„Berg und Thal durchstrich ich, forschte lange;
Keiner kannt' ihn; Niemand sah die Schlange;
Oft besucht' ich den Orangenbusch,
Wo ich, der Verzweifelung zum Raube,
Hingebückt, am blutbefleckten Staube,
Jede Spur mit heissen Thränen wusch.
11.
„Einstmahls fand ein Kind, aus unserm Viertel,
Tief im Dickicht einen blauen Gürtel,
Wie der Kaftan, den der Fremdling trug;
Drinnen stand, nach persischem Gebrauche,
Eingewirkt das Wappen — ach! am Strauche
Halb zerrissen, sammt dem Namenszug. {6}
12.
„Auch kein Schriftzug lesbar! Alle waren
Halb nur; aber dennoch aufbewahren
Will ich heilig dieses Pfand von ihm.
Lauter fühl‘ ich meines Herzens Klopfen
Drück’ ich’s an mein Antlitz: hellen Tropfen
Drängen sich hervor mit Ungestüm.
13.
„Lebt er noch, der edle Unbekannte?
War's ein Engel, den uns Hali sandte?
Oder so wie wir, des Staubes Kind?
Ließ er Weib und Kind auf dieser Erde?
Zeigt sie mir, daß ich ihr Führer werde
Durch des Lebenspfades Labirinth!
14.
„Endlich fand mein heißes Flehen Gnade;
Als ich heut, zu Koms geweihten Bade,
Durch die schwarzen Marmorhallen ging,
Sah ich, in dem Hintergrund der Gräber
In Cypressenschatten einen Gueber,
Dessen Bart bis auf den Gürtel hing.
15.
„In dem unbewölkten Antlitz hohe
Himmelsandacht, schürt' er ernst die Lohe
Auf dem gottgeweihten Feuerheerd:
Murmelt' unter'm Bart' erst unverständlich:
Plötzlich rief er voll Begeist'rung: „Endlich,
Ismael, ist dein Gebet erhört!“ {7}
16.
„Als er dieses Wort gesprochen, faßt' er
Liebreich meine Hand: — „Beym Zoroaster,
Schwör' ich's dir, und bey dem Buche Zend!
Eher sollst du deinen Retter sehen,
Als die heil'gen Feuer untergehen,
Die dort leuchten, hoch am Firmament."
17.
„Wunderbar! Dasselbe Abentheuer
Sah auch Mirza, mit dem heil'gen Feuer
Und dem Gueber, kurz zuvor in Kom.
Leis' erfleh‘ ich, kniend am Altare,
Nadirs Tod von Hali: da gewahre
Ich dieß majestätische Phantom.
18.
„Nadir, ruft es, muß sein Haus bestellen!
Eh' der Abendstern in Indus Wellen
Untertaucht, verschlingt den Schach das Grab.
Perser, die vor seinem Wink erschraken,
Schütteln unmuthsvoll vom Löwennacken
Das verhaßte Joch der Knechtschaft ab"
19.
„Freund, sprich leisern Laautes! Ich beschwöre
Dich bey Hali, daß uns Niemand höre!
Schau den Volks- und Derwischhaufen dort!"
Und es lächelte: „Sey ohne Sorgen!
Wiß, des Pöbels Sinnen flammt verborgen
Diese Lohe und verhallt mein Wort. {8}
20.
„Mirza, was auch immer dir begegnet,
Heilig ist das Kleinod, gottgesegnet,
Das du deinem Vaterland errangst.
Aber stähle deine Brust zum Leide;
Wiß, der Taumel allgemeiner Freude
Ueberhorcht des Vaters Herzensangst!"
21.
Kaum daß Mirza noch dies Wort geendet:
Horch! da raschelt was, und umgewendet,
Sehen sie im Therebinthenfeld
Kraus gelockt ein löwenartig Döckchen,
Dem ein hell Geläut von Silberglöckchen
An dem weißen Zottelhalse schellt.
22.
Kaum ersah es sie, als, statt zu fliehen,
Es herbeisprang, und an ihren Knien
Pfötelte mit freudigem Gebell.
„Hast du dich verirrt im Volksgedränge?
Folg' uns, armes Ding! denn hier verschlänge
Leicht ein Raubthier dich." sprach Ismael.
23.
Und so ward das Hündlein ihr Begleiter,
Und sie zogen ihre Straße weiter
Bis zum Quell, der heißt der heil'ge Born;
Als sie sich von hier gen Abend wandten,
Sahen sie Schach Nadirs Elephanten,
Staub der Reisigen erhub sich vorn. {9}
24.
Näher zog der Troß aus Koms Ruinen;
Höher schlug das Herz und höher ihnen:
Denn sie furchten fast Schach Nadirs Stolz.
Und sie bückten, daß ihr Herr nicht zürne,
Tief zur Erd‘ – und in den Staub die Stirne;
Endlich kam der Thurm von Ebenholz.
25.
Jetzo stand er ihnen gegenüber.
Sieh! da lief das Hündlein quer hinüber,
Und erhub am Thurm ein laut Gebell;
Ismael verfolgt es, strauchelt — sinket.
Der Verschnittne hält; Schach Nadir winket,
Und zerquetscht im Staub liegt Ismael
26.
„Ach! Mein Sohn!“ rief Mirza, sank erschrocken
An ihn hin, und riß die grauen Locken
Nadirn fluchend, seinem Scheitel aus.
Nadir hieß den Elefanten halten,
Stieg herab, und rief dann: „Jenem Alten,
Sophis, stecht sogleich die Augen aus!“
27.
Sieh! Schon griff ein Sophi nach dem Greise:
Da erschien ein Fremdling in dem Kreise,
Dessen Antlitz edlen Trotz verrieth.
„Sohn der Sonne,“ sprach er, „großer König,
Gilt ein Mensch in deiner Hand so wenig,
Als der Staub dem Fuß am Bache Krit? {10}
28.
„Schau den Jüngling dort im Blute röchelnd
Und verzeih!“ — „Wohlan,“ rief bitter lächelnd
Nadir aus: „Gewährt sey dein Gesuch!
Laßt ihn, Sophis! Zeuch in Frieden, Alter!
Aber hier dem edlen Sachverwalter
Reiß die Zung‘ aus – und sogleich, Eunuch!“
29.
Grimmvoll biß der Jüngling in die Lippen,
Griff zum Gürtel dann, und in die Rippen
Nadirs drang sein Damascenerdolch.
Kaum ist diese That vollbracht, da brechen
Tausend Säbel, Nadirs Tod zu rächen,
Hoch gezückt hervor aus dem Gefolg.
30.
Noch ein Augenblick — er war umrungen
Und verloren: – plötzlich kömmt gesprungen
Aus dem Busch hervor der Löwenhund. –
Sichtbar wuchs das Thier mit jedem Schritte.
Bis es furchtbar in der Perser Mitte
Da, mit aufgesperrtem Rachen stund.
31.
Schnaubend blekt es seine Löwenzähne,
Schüttelt seine gelbgelockte Mähne,
Und sein rothes Auge funkelt Tod:
Sein Gebrüll hallt aus den Felsenöden
Todweissagend; es zermalmet Jeden,
Dessen Dolch des Fremdlings Brust bedroht. {11}
32.
Als das Volk nun, das von fern und nahe
Sich in Kom versammelt hatte, sahe
Dieß und Alles, was sich sonst begab,
Sprach es: „Wahrlich! Männer lieben Brüder,
Der Prophet ist mit ihm, wer mag wider
Diesen seyn? so laßt denn von ihm ab!'“
33.
Und es kam des Volkes viel hinüber;
Und sie neigten sich und sprachen: „Lieber,
Geh‘ mit deinem Volk nicht in's Gericht!
Wir, so viel wir sind, sind deine Knechte!"
Da erhob der Fremdling seine Rechte,
Rufend: „Nein, das wolle Hali nicht!
34.
Hab' ich aber Gnade vor euch funden,
So verbindet dieses Jünglings Wunden,
Auf der Straße hier, und pfleget sein!"
Und die Männer thaten unverdrossen
Alles, was er sagte, und sie gossen
In des Jünglings Wunden Oel und Wein.
35.
Und der Todte fing sich an zu regen;
Und er bat sie, höher ihn zu legen,
Daß er sähe, was mit ihm geschah;
Und es lief viel Blut‘s ihm aus der Seite:
Da begab sich‘s, daß er im Geleite
Nadirs plözlich auch den Fremdling sah. – {12}
36.
Alsobald verstellt' er die Geberde
Und verbarg sein Angesicht zur Erde
In den Staub, als ob sein Geist entflöh';
Dann erhob er sich vom Boden wieder,
Rufend: „O ihr Männer lieben Brüder,
Bittet ihn, daß er von dannen geh'!“
37.
Ismael und dieser Fremdling waren
In den Tod entzweyt. – Vor sieben Jahren,
Als sich zwischen ihnen Zwist entspann,
Liebten beyde eines Derbeniden
Tochter – Thirza hieß sie – gegen Süden,
Tief im Lande, bey der Anfurt Dan.
38.
Und sie zogen oft gen Dan hinüber,
Und die Mägdlein hatte jenen lieber;
Das ward Ismael alsbald gewahr.
Und er sprach zum Greise: „Sieh, ich habe
Dreyzehn Heerden, dazu viele Habe;
Nichts hat jener, als ein Dromedar!“
39.
Weiter sprach er: „Bey dem heil'gen Grabe
Des Propheten, heisch' zur Morgengabe,
Was dein Herz gelüstet, für die Braut!"
Und der Vater heischte zehn Kamele;
Aber Thirza war in ihrer Seele
Tief betrübt, und klagt‘ und weinte laut. {13}
40.
Als ihm dies ward angesagt, so kehrte
Ibrahim gen Dan, und fern schon hörte
Er die Pfeifer und der Pauken Schlag.
Frug er Einen von den Hochzeitsleuten:
„Lieber, sprich! Was soll dieß Fest bedeuten?“
Sprach der Mann: „Es ist ein Hochzeitstag!“
41.
Wiederum kam Einer, und er fragte:
„Nimmt ihn Thirza gern?“ und dieser sagte:
„Nein, sie weinet laut im Kämmerlein.“
Da erhub der Fremdling seine Stimme,
Schwörend Ismael den Tod im Grimme,
Weil er ihm geraubt das Mägdelein.
42.
Aber Ismael, als in der Thüre
Er vernahm von Ibrahim die Schwüre,
Da entsatzt' er sich und wurde blaß;
Denn im Zorne hört’ er Jenen sagen:
„Find' ich ihn, so will ich ihn erschlagen,
Oder Hali thu' mir dies und das!“
43.
Und der Greis sprach: „Gürte deine Lenden,
Ismael, gen Abend dich zu wenden,
Zeuch, sammt deinem Weib gen Serigan!“ –
Als sie drauf in seine Heimath kamen,
Wohnten sie daselbst, und sie vernahmen
Weiter nichts von diesem fremden Mann. {14}
44.
Da nun Ismael ihn heut so nahe
Unter allem Volk versammelt sahe,
So bewegte sich sein Herz in ihm;
Und er ließ ihm sagen: „Sieh, mein Ende
Naht heran. So sind wir Feinde! Wende
Ab von mir dein Antlitz, Ibrahim!“
45.
„Nein! Nicht also!“ rief der Fremdling: „Höre
Meine Rede, Lieber! Ich beschwöre
Bey dem Gott dich, der die Herzen schaut.
Willt du mir Versöhnung angeloben?"
Als er dies gesprochen, da erhoben
Ihre Stimme beyd’ und weinten laut.
46.
„Wenig, Ibrahim, sind meiner Jahre,“
Klagte leis’ der Kranke: „sieh ich fahre
In die Grube, und du liebst mein Weib.
Nun wohlan, so schwöre mir und halte
Deinen Schwur, mein Ibrahim! Enthalte,
Wie ein Bruder, dich von Thirza’s Leib!
47.
Aber vor dem ganzen Volke lasse
Kund es werden: daß ich dem sie lasse,
Dessen Gürtel Thirza aufbewahrt;
Bis zwölf Monden und ein Tag verstreichen;
Kömmt er dann nicht – so sey dieß ein Zeichen,
Daß sie dir zum Weib beschieden ward." {15}
48.
Als nun Ibrahim die Hand ihm reichte.
Und ihm alles angelobet, neigte
Ismael sein Antlitz und verschied.
Und so weint‘ auch alles Volk mit ihnen,
Das zugegen war, aus Koms Ruinen,
Aus der Wüsten, und vom Bache Krit.
49.
Plötzlich aber scholl vor aller Ohren
Eine Stimme, wie vom Himmel: „Thoren,
Weint ihr, wenn euch der Prophet erhört?“
Als sich Mirza wandte, stand der Gueber,
Der am Fuße der Prophetengräber
Ihm erschien, und blies die Loh' am Heerd.
50.
Und dег Rauch, ein Wunder allem Volke,
Schwebt als ein Gewölk, und aus der Wolke
Steigt ein Wagen, roth und silberhell:
Und der Löwe leckt dem Götterbothen
Zahm die Hand. Er aber tritt zum Todten,
Und ruft laut: „Erwache, Ismael!“
51.
Er erwacht. Es sinkt der Wolkenwagen;
Ismael, von Winden sanft getragen,
Schwebt empor, verklärt zur Lichtgestalt!
Und nun gleiten sie von Stern zu Sterne,
Bis die Erd' aus blau azurner Ferne,
Wie ein Nebelstreif, vorüberwallt. {16}
52.
Endlich schwand sie ganz. – Die Rosse schnoben
Feuriger, als sich, auf einem Globen
Bey'm Saturn, das Ziel der Reise wies.
Wie in Aether aufgelöst, zerflossen,
Wagen, Deichsel, Lenkseil, nebst den Rossen,
Als der Gueber hier sich niederließ.
53.
Ein Gemisch von Gletschern, Bergen, Thälern,
Cederwäldern, Urnen, Todtenmählern
Schien dieß Land, öd' und unbewohnt.
Riesenhafte, gaukelnde Gestalten,
Die grotesk im Mondschein sich entfalten,
Huschen auf und ab am Horizont.
54.
Aus den Wäldern tönt ein dumpf Gestöne,
Und das Käutzlein sendet Klagetöne
Durch die Oed‘ aus längst verfallnem Thurm;
Auf den Leichen, halb im Sand vergraben,
Sammelt sich ein Volk geschwätz'ger Raben;
Geisterstimmen wandeln durch den Sturm.
55.
Und ein Schauer faßt des Jünglings Locken –
Und er sieht im Staube – bleich – erschrocken,
Seinen eignen Leichnam blutbefleckt;
Sieht, wie Mirza trostlos klagt und jammert,
Wie die Todtenhüll‘ er fest umklammert –
Und mit tausend Küssen überdeckt. {17}
56.
Auch den Fremdling, unter Natterzungen,
Sieht er durch Cypressendämmerungen,
Sieht ihn, wie er schon im Blute raucht;
Wie er sich im Staube wälzt, und bange
Noch um Rettung ächzt, und wie die Schlange,
Jetzt den Stachel in das Herz ihm taucht.
57.
Er will weinen – aber keine Thräne!
Er will schreyn – hier schallen keine Töne!
Er will hin – zurück flieht das Phantom!
Da ergriff ihn liebreich sein Begleiter
Bey der Hand und sprach; „Komm etwas weiter,
Ismael, zu jenem Silberstrom!"
58.
Aufgethürmt erhoben sich die blassen
Schimmerlicht gezackte Felsenmassen
An dem Ufer der Vergessenheit;
Aschenkrüg‘, und Särg’, und Leichensteine
Schwammen auf dem Strom, im Wiederscheine,
Längs dem Felsgestade hingereiht.
59.
Aber angestrahlt von Mondeshelle,
Floß in einer Felsbucht, Well' an Welle,
Lethens Strom, sanft murmelnd, silberhell;
Drüber hingen trauernde Cypressen.
Trinke hier ein liebliches Vergessen,
Deiner Sorgen, trink‘, o Ismael! {18}
60.
Tief in die Gesichte noch versunken,
Trank der Jüngling, aber wonnetrunken
Rafft' er sich empor bey'm zweyten Zug.
„Ha! Wo bin ich? Und wo ist der Gueber?“
Alles war verschwunden! Felsen, Gräber,
Schlang' und Leiche, Sarg und Aschenkrug.
61.
Still umdämmert, gleitet auf den Wogen,
In Vergessenheit hinabgezogen,
Alles, was sein armes Herz erschreckt.
Statt der Klage von den Todtenhügeln,
Zwitschern unter eines Hänflings Flügeln
Nestlinge, im Pappellaub versteckt.
62.
Wo sich schäumend sonst ein Strom am Gletscher
Donnernd brach, da floß jetzt mit Geplätscher
Ueber Blumenschmelz, ein Silberquell.
Lange stand, in diesen Traum verloren,
Ismael; da schlug an seine Ohren
Durch die Stille plötzlich ein Gebell.
63.
Als der Jüngling in's Gesträuch sich wandte,
Das den Ton noch wiederhallt‘, erkannte
Er den kleinen Löwenhund von Kom.
Und das Hündlein wedelte vor Freude,
Sprang und zupfte Ismael am Kleide,
Gleich als wollt‘ es zu ihm sagen: „Komm!“ {19}
64.
Unter düstern Myrtenlabyrinthen,
Wo sich über Ros' und Hyacinthen
Quellen schlängeln, ging des Jünglings Pfad;
Tausendstimmige Päanen hallten
Aus dem Heiligthum, wohin sie wallten,
Wie Getös von einem Seegestad.
65.
Wie ein Nachtgewölk zerfloß von oben
In die Luft der Palast, sanft erhoben
Ueber Säulenreihn von Diamant;
An dem Thor aus hell geschliffnem Stahle
Hing ein Jaspis über dem Portale,
Wo die Inschrift: „Dem Verhängniß“ stand.
66.
Dunkel war der Vorhof. An dem Söller
Des Palastes ward es plötzlich heller;
Hier verschwand das Thier vor Ismael.
An dem zweyten Eingang stand der Gueber,
Aber nicht wie jüngst am Fuß der Gräber,
Sondern als der Seraph Gabriel.
67.
Dieser bot dem Jüngling beyde Hände,
Und im Hintergrund der Spiegelwände
Sprang ein Pförtchen auf, das sie empfing.
Weihrauchwolken dampften die Altäre,
Wo die Inschrift: „Heiligthum der Ehre“
Wie in Flammenzügen brennend hing. {20}
68.
Und in Marmor standen Alexander,
Tamerlan und Cäsar bey einander,
Angestrahlt von überird'schem Glanz:
Hart an dieser Grupp‘ aus Marmor hingen
Diademe, blutgefärbte Klingen,
Brutus Dolch — und Cäsars Lorbeerkranz.
69.
Sieh hier jene wilden Welttyrannen,
Sprach der Seraph, die auf Mord nur sannen,
Deren Hand zum blut'gen Lorbeer griff.
Ach! verborgen war es diesen Thoren,
Daß das Schicksal, ehe sie geboren,
Eh ihr Lorbeer wuchs, schon Dolche schliff."
70.
In der Ferne zeigten sich den Blicken
Jünglinge, verstümmelt und auf Krücken;
Greise, mit verbund’ner, blut'ger Stirn;
Rosse, die des Landmanns Fleiß zerstampfen;
Und vom leichenvollen Schlachtfeld dampfen
Eingeweid' und fließendes Gehirn.
71.
Von der Tempel und Paläste Zinnen
Weht die Flamme; die Gebährerinnen
Raufen trostlos an der Wieg' ihr Haar;
Hundert Städt‘, und tausend Dörfer glimmen
In der Asche; halberstickte Stimmen
Rufen: „Fluch dir, Henker! Fluch, Barbar! {21}
72.
Gieb, Barbar, gieb unserm Arm die Brüder,
Gieb die Söhn’ uns und die Väter wieder!
Schaff' uns Hütt' und Brot aus Schutt und Graus!“
Aber kalt, indeß die Donner krachen,
Stehn sie auf dem Piedestal und lachen
In den Aufruhr der Natur hinaus.
73.
Unweit diesen Weltverwüstern standen
Ihre Brüder, die einst Räuberbanden
Angeführt, und auch gesengt, gebrennt.
Statt der Epopö'n von Dichterlingen
Krächzt' ein Rabenschwarm mit schweren Schwingen,
Rund um ihres Nachruhms Monument.
74.
Tief erschüttert durch die Jammertöne
Und den Anblick dieser Greuelscene,
Fliehet Ismael, und flucht dem Ruhm:
Sieh, ein neuer Saal auf Marmorbogen!
An den Pforten steht in Gold verzogen:
„Bacchus und Cytherens Heiligthum.“
75.
Alles athmete Genuß und Wonne;
Krausgelockte Faunen, vor der Tonne,
Jauchzten, hingestreckt auf weiches Moos;
In der Dämmerung von Rosenlauben
Schnäbelten sich girrend Turteltauben,
Und die Wollust winkte gürtellos. {22}
76.
Im Tumult, von Zeit zu Zeit, erschienen
Magier, mit sinnend ernsten Mienen,
Den bekränzten Becher in der Hand.
Diese schüttelten ihr Haupt und schalten,
Bis auch sie der lieblichen Gestalten
Eine hascht' und schlangengleich umwand.
77.
Ueberrascht vom jungen Faun im Bade,
Schmiegte sich die nackende Mänade
Süß erröthend an sein Angesicht:
Aber mit dem Tod in ew'gem Bunde,
Lauschten in der Wollust Hintergrunde,
Seitenstiche, Schwindel, Kopfweh, Gicht.
78.
Achtlos schied von diesem Bacchanale
Ismael; und von dem dritten Saale
Rauschten auf die Pforten von Saphir.
Unsre Welt mit Seen, Bergen, Hügeln,
Zeigte sich, zurückgestrahlt von Spiegeln,
Ismaels erstaunten Augen hier.
79.
Dampfend stieg wie eine Weihrauchwolke
Angezündet von dem Erdenvolke,
Aus den Synagogen und Moscheen;
Aber Ismael bestraft die Thoren:
„Was belästigt ihr der Götter Ohren?
Wißt, sie horchen nicht auf euer Flehn!“ {23}
80.
„Gestern, als ich an den Altarstufen
Koms die ew’ge Vorsicht angerufen:
Als ich flehte: zeig mir meinen Freund!
Warf mich unter Nadirs Elephanten
Das Verhängniß, und zum Troste sandten
Die Unsterblichen mir — meinen Feind.
81.
„Jüngling, schweig!" so rief der Seraph, „lade
Götterzorn nicht auf dich! Alla's Pfade
Sind dem Sterblichen ein Labyrinth.
Eine Kette, Glied in Glied verschlungen,
Ist die Schöpfung; wiß‘, daß Lästerungen
Deinem eignen Wunsch entgegen sind!
82.
„Laß uns dort vor jene Spiegel treten!
Drey der Erdbewohner, die hier beten,
Leih' ich zu erhören dir die Kraft.
Wenig Zeit, nach des Gebets Erhörung,
Laß erkunden uns, was durch Gewährung
Für ein Gut dem Beter du verschafft."
83.
Aus des ersten Spiegels Silberglätte
Dämmert' Euphrosibens Krankenbette,
Ueber das sich sanft ein Jüngling bog.
Sein Gesicht, voll Liebreiz, schwamm in Zähren;
Er ergriff, ihr Treue zuzuschwören,
Ihre Hand, die Scharlach überzog. {24}
84.
„Lindor hat umsonst, in heißer Liebe,“
Sprach der Seraph, „dort für Euphrosibe
Abgehärmt sich, bis auf diesen Tag.
Lindors heißes Flehen war vergebens,
Bis das Mädchen mit Gefahr des Lebens,
An den Blattern plötzlich niederlag.
85.
Einsam schmachtet sie in ihrem Jammer,
Alles flieht; da tritt er in die Kammer,
Faßt die Hand, die sorgsam sie verdeckt:
Euphrosibe will sie ihm entziehen:
„Fleuch! Ein augenblickliches Verziehen,
Und vom Gift bist du auch angesteckt!"
86.
„Fliehen? Dich verlassen, Euphrosibe?
Nimmermehr!" – „So willst du sterben?" – „Liebe,
Ja , mit dir vereint, dünkt Tod mich Scherz!"
Wie er dies gesagt, mit Thränengüssen
Ueberdecket sie, mit glüh'nden Küssen,
Lindors Hand und preßt sie an ihr Herz.
87.
Ganz entfernt, im Hintergrunde zeiget
Sich des Mädchens Mutter. Tief gebeuget
Kniet sie an des Bettes Fußgestell:
„Oh ihr Götter, ruft sie, laßt der armen
Engelskindes Schönheit euch erbarmen!
Willst du sie erhören, Ismael?“ {25}
88.
Lieblich labt der aufgeblühten Jugend
Ew’ger Götterreitz, wo Witz und Tugend
Sie beseelt; ich neig‘ ihr gern mein Ohr.
Euphrosibe, will ich, soll genesen,
Schöner, reitzender, als sie gewesen
In der ersten Jugendblüte Flor!
89.
„Nun wohlan! Dein Wille soll geschehen!
Sprach der Seraph, lass uns weiter gehen!
Welch Geschrey durchdrang die Wolken dort?"
Als sie vor dem zweyten Spiegel standen,
Sahen ein Korsarenschiff sie stranden,
An den Klippen von Livorno's Port.
90.
Sieh schon borst der Schiffsbauch; Wogen tosen
Ueber das Verdeck, und die Matrosen
Brüllen halbversunken: Allah, hilf!
Dieser hält das Bogspriet fest umklammert;
Jener packt den Rah; ein dritter jammert
Halb am Felsriff schwebend, aus dem Schilf.
91.
„Ungesäumt bin ich zu Hülf‘ erbötig.
Was zu dieses Schiffvolks Rettung nöthig,
Gabriel, schaff alsobald herbey!"
„Gut!“ sprach Gabriel. Indem sie sprachen,
Trug die Scheiternden ein Fischernachen
Unversehrt in eine kleine Bay. {26}
92.
Eine Werkstatt schloss im dritten Spiegel
Sich dem Auge auf. Mit Kamm und Flügel,
Spreitzt' ein Hahn sich, hier aus Porcellan:
Angefacht vom Blasbalg sprühten Funken,
Und der Künstler, tief in sich versunken,
Ueberschwärzt von Ruß, saß da, und sann.
93.
„Otschakey (sprach Gabriel) erfahren,
Jeder Kunst; er wiederhohlt seit Jahren
Mit dem Hahn Versuch hier auf Versuch:
Wiß‘, gelingt es ihm mit seinem Plane,
So bezwingt er einst, mit diesem Hahne,
An dem sünd'gen Erdball Lug und Trug.
94.
„Wie beseelt von feinen Räderwerken,
Soll auf jeden Laut dieß Kunstwerk merken,
Lug und Wahrheit scheiden sonder Fehl.
Das verschloß’ne Innre auszuspähen,
Deutet Lug sein Flügelschlag und Krähen,
Sein Verstummen Wahrheit ohne Hehl.
95.
„Grenzenlos ist diese Wahrheitsliebe
Otschakey’s! Beseele das Getriebe
Seines Automates, Gabriel!"
Eben lispelt Otschakey: „Ich bete,
Unerhört von Mahomed;“ da krähte
Laut der Hahn auf seinem Fußgestell. {27}
96.
„Sieh, wie hoch der Künstler sich erfreuet,
Daß sein Hahn der ersten Lüg' ihn zeihet
Ismael — doch laß mich jetzt allein!
Geh', in jenen seligen Gefilden
Deinen Geist durch Weisheit auszubilden;
Nach zwey Monden stell dich wieder ein!"
97.
Sie verflossen. Da erschien er wieder.
Ihn empfing mit leuchtendem Gefieder,
Im geweihten Vorhof, Gabriel.
„Siehst du,“ sprach er, „jene himmelhohen
Eisgebirge, die den Einsturz drohen;
Drunten ein gewaltiges Kastell?
98.
„Jener Geizhals dort mit Argusblicken,
Ueber einen Berg vоп Silberstücken
Gierig hingebeugt, heißt Hasdrubal.
Eben hat die Vesperuhr geschlagen,
Sieh! da tritt, das Nachtbrod aufzutragen,
Ehrfurchtsvoll sein Schloßvogt in den Saal.
99.
„Diesen Mann bekümmern Vatersorgen.
Ihm verschwand ein Sohn. An einem Morgen
Stand er auf, und fand den Jüngling nicht.
Täglich faltet nun der Greis die Hände,
Täglich fleht er: Laß vor meinem Ende,
Hali, laß mich schau'n sein Angesicht! {28}
100.
„Endlich will sich Hali sein erbarmen.
Ismael, siehst du in seinen Armen
Jenen Oelkrug, den er kaum umspannt?"
Plötzlich stieß der Greis an zwey Pagoden
Eines Mamortisches, sank zu Boden,
Samt dem Oelkrug. — Alsobald entbrannt,
101.
Aus dem goldnen Träumen aufgefahren,
Zerrt der Geitzhals bey den grauen Haaren
Ihn des Schlosses Wendeltrepp' herab.
„Ha! heilloser Graukopf, pack dein Bündel
Unverzüglich! brüllt er, solch Gesindel
Brächte Hasdrubal zum Bettelstab."
102.
An des Schlosses Fenster stöbern Flocken:
Schloßen rasseln, durch des Greises Locken
Saust der Schnee; er stönt in Sturm und Nacht.
Wohin soll sich nun der Alte wenden?
Winselt er mit aufgehobnen Händen.
Hasdrubal verschleußt das Thor und lacht.
103.
„Gabriel, und du verzeuchst zu strafen?
Hali lebt? Und seine Donner schlafen?“
Rief der Perser-Jüngling, tief empört:
„Hast du auf der großen Wesenleiter
Die Verkettung ausgeforscht?“ sprach heiter
Gabriel, „sein Flehen ward erhört.“ {29}
104.
Und er schlug mit einem weißen Stabe
An ein Gitter, rief dann: „Rabe! Rabe!“
Und es flog ein Rabe durch den Saal.
„Diener Hali’s, Rächer, Wunderrabe,
Sprach der Seraph, krächze mir zu Grabe
Dort am Gletscher jenen Hasdrubal!"
105.
Dreymal flog der Vogel in die Runde;
Dann ließ auf die Kuppel der Rotunde
Er sich nieder. Harrend saß er dort.
„Jüngling, laß den Raben jetzt, und wende
Dein Gesicht nach jener heilgen Blende!
Siehst du Mirza?“ fuhr der Seraph fort.
106.
„Horch! er betet:“ „Größter der Propheten,
Du, zu dem wir einst in Trübsal flehten,
Huldvoll hast du uns vom Joch befreyt.
О verbann' auch jetzt aus unsrer Mitte
Groll und Haß; es herrsch', in Schloß und Hütte,
Liebe, Tugend, Eintracht, Menschlichkeit!"
107.
„Die Gefäß‘ hier von Azur verschließen
Regenwolken. Laß sie sich ergießen,
Ismael, heb' ihre Deckel ab!
Hali will des Greises Wunsch erfüllen". —
Zitternd hob der Jüngling — und mit Brüllen
Taumelte ein Wolkenbruch hinab. {30}
108.
Und er sah mit wehmuthsvollen Blicken,
Wie die angeschwollne Flut die Brücken
Rings zerbrach, die Pfeiler niederschlug;
Und auf himmelan gethürmten Wellen
Tauben, Hühner, Rind und Schaf in Ställen,
Mann und Weib und Kind in Häusern trug
109.
„Unbedingt soll Mirza’s frommes Flehen,
Jüngling, in Erfüllung übergehen.
Wende dein Gesicht zum schwarzen Meer!
Ismael, was siehst du?" „Ach ich sehe
Staub von Reisigen und Rossen, wehe!
Welch unzähliges Osmanenheer!“
110.
„Armes Vaterland! Zahllose Horden,
Speyt der Süd aus, der beeiste Norden.
Ach! umsonst zerbrachst du Nadirs Joch."
„Jüngling, fürchte nichts von diesem Trosse!
Fiel der Seraph ein, der Bundsgenosse
Persiens ist dreymal stärker noch.“
111.
Sprach's und ließ ein Silberglöcklein klingen:
Sieh! da summt mit Gold- und Purpurschwingen,
Eine Flieg' hervor, indem er schellt.
„Bothin Halis, ruft er, Wunderfliege,
Endige die blut'gen Perserkriege!
Fleuch in Abulfidens Kriegsgezelt!" {31}
112.
Dreymal flog sie, dreymal in die Runde;
Dann ließ auf die Kuppel der Rotunde
Sie sich nieder. Harrend saß sie dort.
„Rosig schimmert schon die Morgenstunde
In das Harem. Laß zum Erdenrunde
Jetzt uns steigen!" fuhr der Seraph fort.
113.
Und noch sprach er; siehe, da erschienen,
Auch die Rosse schon aus Koms Ruinen,
Und der Wagen, der empor sie trug:
Wie auf Fittigen des Sturms getragen
Flattern Rab' und Flieg' am Wolkenwagen,
Der sich erdwärts senkt, mit gleichem Flug. {32}
Zweyter Gesang.
1.
Als der Wolkenwagen niedergleitet,
Liegt vor ihren Augen ausgebreitet,
Stolz umthürmt das prächtige Byzanz.
Wie aus Morgenroth gewoben, blitzen
Der Moscheen goldne Frontispitzen,
In des jungen Frühroths Purpurglanz.
2.
Kaum noch sind sie durch Byzanzens Thore
Eingezogen, als zu ihrem Ohre
Klaggetön aus einer Hütt' erscholl.
Durch die angelehnte Gitterpforte
Hörten sie vernehmlich diese Worte:
„Der verdammte Hahn! ich dacht' es wohl!“
3.
Ismael, erröthend und betreten,
Sprach zum Seraph: „Laß uns näher treten!“
Und sie stiegen eine Trepp' hinan:
Ganz dieselbe Eß' und Arbeitsstätte
Wie im Spiegel! Otschakey im Bette
Kläglich ächzend: „der verdammte Hahn!“ {33}
4.
Als der Jüngling näher trat zu fragen,
Was ihm Leid’s geschah, daß solche Klagen
Er verzweiflungsvoll sich überließ:
Rief er seufzend: „hast du's nicht erfahren,
Du allein nicht, daß durch Janitscharen
Mich der Großsultan verstümmeln ließ?
5.
„Wiß! ich hatt' ein Kunstwerk ausgesonnen.
Jede Lüge, noch so fein gesponnen,
Förderte zu Tag' ein Hahnenschrey:
Dieß erscholl bis an des Thrones Stufen;
Gestern ließ mich Sultan Achmet rufen,
„Laß den Hahn mir, sprach er, Otschakey!“
6.
„Als ich sann, verzog er seine Mienen:
„Zahlt ihm eine Million Zechinen!“
Rief er aus, „mir schafft den Hahn herbey!
Und, kein ähnlich Kunstwerk zu vollenden,
So verstümmelt mir an beyden Händen,
Janitscharen, diesen Otschakey!“
7.
Und nun lag er da, mit blut’gem Stümmel.
„Ach! warum beschied zum Fluch der Himmel
Mir Erhörung?“ rief er weinend aus.
Ismael schoß warm das Blut zum Herzen;
Er empfand der Wunde Höllenschmerzen,
Und beklemmt verließ er Bett' und Haus. {34}
8.
„Jetzo komm zu Achmets Schlafgemache,“
Sprach der Seraph, „wiß‘, durch Thor und Wache,
Bricht ein kleiner Talisman uns Bahn.“
Donnernd senken sich des Schloßthors Brücken;
Und im Pallast angelangt, erblicken
Sie im Nachtgewand den Großsultan.
9.
Achmet trinkt auf seiner Ottomanne
Thee! da tritt mit einem Muselmanne
Mufti Retz hinein, voll wilder Hast:
„Herr der Gläubigen, in deine Hände
Uebergeb' ich hier den Danischmende,
Der das Schmähgedicht auf dich verfaßt.“
10.
„Dieser Hahn, ruft Achmet, sey dein Richter!
Er verräth bey Philosoph und Dichter,
Was die schlauste Gleißnerey verkappt.
Lies! – Und viertelt ihn in so viel Stücke –
Fährt er fort, mit abgewandtem Blicke –
Als der Hahn auf Lügen ihn ertappt!
11.
„Herr,“ so fällt der Mufti ein: „gewähre
Eine Bitte deinem Knecht, und höre
Huldreich erst dieß Lobgedicht mit an!
Ganz Byzanz zollt diesem Meisterstücke
Unbedingtes Lob." Zwey Augenblicke
Stutzte Mufti Retz — laut kräht der Hahn. {35}
12.
„Lauschet Völker, lauschet meinem Sange,
Von dem Aufgang bis zum Niedergange!
Wer ist Achmet gleich an Majestät!
Unsers Sultans Fußstaub aufzuküssen,
Kämen Könige: allein sie wissen,
Daß sein Fuß auf Teppichen nur geht.
13.
„Trotzt nicht, ihr gewaltigen Vezire!
Seht ihr die verhängnissvollen Schnüre,
In des Weltgebieters Achmet Hand?
Nur ein Wink von Achmet, und man führet
Hundert Bassenhäupter emballiret
Nach Byzanz, zu Wasser und zu Land.
14.
„Ihm gelang's, was nie ein Aug' gesehen,
Eine schwarze Ameis' auszuspähen,
In der schwärz'sten Nacht, am schwärz'sten Stein!
Er ist schön, wie Rahel und Rebecca;
Seine Nase gleicht dem Thurm auf Mekka,
Seine Stirn ist weiß wie Elfenbein!
15.
„Seine Red' ist, wie in Blüthenzweigen
Frühlingslispel. Alle Völker neigen
Seinem Namen sich von Kom bis Fetz.
Nennt die Sonne selbst nicht Achmet Vetter,
Und der Bär Geschwisterkind?“ — — „Zum Wetter!
Mufti, sprich, wenn endet das Geschwätz? {36}
16.
„Hum! auch vor dem Hahn nicht zu erröthen!"
„Sultan, in dergleichen Epitheten
Herrscht licentia poëtica:
Gält‘ auch hier die Logik strenger Denker,
Wie in Prosa; ey da schrieb der Henker
Für gekrönte Häupter Carmina.
17.
„Wiß‘, dies ist von Fetz bis Kagliari
Einmal Stili!“ — „Ey was! Lari, Fari!
Kagliari, Fetz? was schiert uns das?
Wahrheit will ich, merkt's ihr Herrn Vezire!
Danischmende, lies nun die Satyre!
Wollen sehen!“ — Danischmende las!
18.
„Schwächling du, an Leib und Geist verstümmelt,
Achmet, wann die Brut, die dich umwimmelt,
Gott dich heißt, o trau' ihr nicht! sie leugt!
Horch! ein Geisterchor erwürgter Bürger
Ruft, gleich Donnern: Achmet ist ein Würger!"
Achmet blickt voll Grimm zum Hahn: – er schweigt.
19.
„Armer Gott! von jedem gift'gen Molche
Hängt dein Daseyn ab, von jedem Dolche,
Von der kleinsten Hand voll Schierlingskraut;
Der erlauchte Sohn des großen Bären,
Sucht umsonst dem Zipperlein zu wehren.“
Achmet blickt voll Grimm zum Hahn: — kein Laut! {37}
20.
„Jenes Monument von Siegesrossen,
Die der Sultan lenkt, aus Erz gegossen:
Hat vergebens sich sein Stolz erbaut.
Stirbt er einst, dann drehen wir Osmannen
Aus dem Sultan Schüsseln, Krüg' und Pfannen.“
Achmet blickt voll Grimm zum Hahn: — kein Laut.
21.
„Birgt ein Silbersarg gleich deine Knochen:
Dennoch sind sie vom Gewürm durchkrochen,
Gleich des Volks vergessenstem Gebein.
Einst vielleicht, in Flüssen und in Meeren,
Wird der Wurm des Sultanbauches Stören
An der Angelruth' ein Köder seyn.“
22.
„Bettler, feilscht den Gott! In einer Pfanne
Triffst du dann mit dem Triumpfgespanne
Dich, als Stör vielleicht, о Großsultan!
Und dein Geist – verlör' er, Herr der Pforte,
Etwa noch, durch Allas Allmachtsworte,
Drey Ideen – wär' ein Pavian."
23.
Also schloß das Werk von Danischmenden —
Achmet patschte sich mit beyden Händen
Hoch erstaunt vor seinen breiten Bauch:
„All' das giftige Geschwätz von Großsultanen,
Stören, Meeren, Pfannen, Pavianen,
Wäre Wahrheit? oder lügst du auch? {38}
24.
Krähst du Hahn? So hat er nicht gelogen?
Mufti, sind der Wahrheit nicht gewogen,
Fert'ge gleich ein Reichskonklusum aus!
lch verbann' aus meinen Kaiserlanden
Alle Wahrheit — hast du mich verstanden? —
Alle Wahrheit gleich von Hof und Haus!
25.
Und wenn sie sich je auf unsern Grenzen —
Ey ja! – Solcherley Impertinenzen
Mir? dem Sultan? Kam mir je eins so?
Will doch seh’n, ob ich denn hier befehle
Oder sie! Zerschrey er sich die Kehle!
Sieh nur eins! Ein saub’res qui pro quo!
26.
Hat man's je erhört! Welch Unterfangen!
Störe sich mit meinem Bauch zu fangen!
Wart! Euch soll der Appetit vergehn!
Bey des göttlichen Propheten Taube
Und der Sendung Mahomeds! – Ich glaube
Du bezweifelst sie? – Wohlan, laß sehn! –
27.
Stand der Seher einst nicht wenig Ellen,
Von dem Thron Jehovas, an den Schwellen,
Und empfieng daselbst den Alkoran?
Lag dies Buch, von Gott uns offenbaret,
Nicht in saubrer Abschrift aufbewahret,
Hier von Ewigkeit? — du lästerst, Hahn! {39}
28.
„Das sind Fabeln, Herr, rief Danischmende;
Wie du siehst, so kräht der Hahn ohn' Ende.
Dichter haben kindlich sie erdacht;
Aber laß den frommen Kinderglauben
Niemals deines Volkes Herzen rauben;
Sterne dämmern hinter dieser Nacht!
29.
Zwar der Sterbliche, von Wahn betrogen,
Baut Moscheen sich und Synagogen;
Doch vor Alla gilt kein Unterschied.
Zürnend haßt er jeden Uebelthäter;
Liebreich schaut sein Aug' auf jeden Beter,
Trag' er Kutte oder Derwischkleid. [Unter allerley Volk, wer Gott fürchtet, ist ihm angenehm. Bibel. D. H.]
30.
Ob du dir ein Chorhemd überziehest,
Ob du, fromm die Hände faltend, knieest,
Oder stehest: Alla gilt es gleich!
Glaubst du Thor, er sey ein Gott, gleich Bassen?
Und durch Knieverbeugung, Niederlassen
Komm' ein Sünder in das Himmelreich? {40}
31.
Ob an deinem Altar Lampen qualmen,
Ob du auf Lateinisch deine Psalmen
Oder Griechisch plärrst, gilt Alla gleich!
Glaubst du Heuchler, mit verstocktem Herzen,
Durch Latein und Griechisch, Wachs und Kerzen,
Komm‘ ein Sünder in das Himmelreich?
32.
Ob bey bilderlosen Tempelwänden,
Oder unter bunten Heil'genblenden
Sich dein Herz erhebt, gilt Alla gleich!
Er durchwaltet Wasser, Luft und Haine!
Glaubst du Thor, durch Farben, Kalk und Steine
Komm' ein Sünder in das Himmelreich?
33.
„Alla hilf!" ruft ihr am schwarzen Meere;
An dem Tago: „Jesu miserere!"
„Brama steh uns bey!" in Indostan;
„Laoths rett' uns!" beten die Sinesen:
Glaubt ihr etwa, das erhab’ne Wesen
Wähle zwischen Titeln, wie ein Chan?
34.
Alle hieß’t ihr ja Osmannen, Thoren,
Wäret ihr am schwarzen Meer geboren:
Zufall gab euch Tempel und Altar.
Wie? Ich fände nicht vor Alla Gnade,
Weil mich an des schwarzen Meer’s Gestade
Mein Geschick, und nicht am Rhein, gebar? {41}
35.
Was? Nach Meilenzeiger, Pol und Grade –
So vertheilt ihr des Erbarmers Gnade,
Höll' und Himmelreich, nach Ost und West!
Wie ein Kind der Lehrer auf der Karte,
Den Armenier mit langem Barte,
Und den Neger unterscheiden läßt.
36.
So verfahrt ihr mit einander, Thoren?
Euch allein ward der Prophet geboren!
Ja, ihr seyd ein ausgewählt Geschlecht!
Wundern – die Bestätigung zu geben,
Nehmt ihr Wunder an. Nun frägt sich eben,
Wer bestätiget das Erste? – Sprecht!
37.
Sahet ihr die heil'gen Wunderthäter?
Wir? „Nein! – Unsre Ur-Ur-Aelterväter."
Warum die? Wer bürgt denn uns dafür?
„Lies! Hier steht’s! Kannst du Arabisch lesen?
Dieses Buch ist göttlich!" — Großes Wesen!
Ewig Bücher zwischen mir und dir?
38.
Dunkel sind mir diese Charaktere. —
„So tritt her, daß ich sie dir erkläre!"
Und wer bist denn du? „Ein Mensch gleich dir."
Irrst du nicht? „Mit mir hat's Li gelesen!
Und ist Li kein Mensch?“ — Erhabnes Wesen!
Immer Menschen zwischen mir und dir? {42}
39.
Danischmende, geh hinaus zum Meere,
Wann sich Wog' auf Woge thürmt, und höre!
Laut ruft Sturm und Wog': es ist ein Gott!
Was? du willst daß ich Arabisch lerne?
Rufen mir nicht Sonne, Mond und Sterne,
Und die Erde zu: es ist ein Gott?
40.
Seht, hier kommt ein frommer Mönch gegangen:
„Sterblicher, nimm den Verstand gefangen!“
Wie? gab mir nicht Alla den Verstand?
Setzt, ein Mann verfertigte zwey Bände,
Und im zweyten suchte Danischmende
Auch Belehrung, wie im ersten Band:
41.
Und nun fänd' er nichts als Widersprüche,
Nichts, was jenem ersten Bande gliche;
Alles umgekehrt für den Verstand:
Zieh' er nicht, voll Unmuth, dieser Schwäche
Den Verfasser? „Alla, widersprede
Dir nicht selber so in zweyten Band!"
42.
„Dein nur ist des Widerspruchs Verblendung.
Haben Wunder des Propheten Sendung
Nicht verherrlichet vor aller Welt?"
Freund, wer sagt uns, daß die Wunderzeichen,
Aus der Vorzeit, nicht den Wundern gleichen,
Die uns täglich Schwärmer aufgestellt? {43}
43.
Hier erscheint an seiner Krück' ein Lahmer,
Hundert sechzig Parasangen kam er
Weit daher, und fühlt sich nicht mehr krank.
„Hosianna!“ ruft er, neu verjünget;
Wirft den Stab hinweg – und wie er springet
Fällt auf sein Gesicht er längelang.
44.
Wunder woll't ihr? Laßt dem Herrn der Welten
Doch sein erstes, größtes Wunder gelten,
Diesen unerforschten Bau der Welt!
Ja, noch wandelt er, zu dieser Stunde,
Ueber, unter, auf des Meeres Grunde,
Wie an jenem goldnen Himmelszelt.
45.
Ist's kein Wunder, wenn er mit dem Hauche
Duft’gen Frühlings dort am Rosenstrauche
Schmelzt die schwarze Erd' in Morgenroth,
Daß sie wächst mit ewig jungen Trieben?
Gelten Wunder nur, die ihr geschrieben,
Aber nicht – erzählt und schreibt sie Gott?
46.
Als der Dichter noch so sprach, entrunzelt
Sich die Stirn des Großsultans; er schmunzelt:
„Mahomed, dein Wundertraum zerfloß!" –
„Nicht so ganz – ! Wofern ihr nicht erkennet,
Was im Busch zu Horeb ewig brennet,
Kommt ihr auch von Moses Schuhn nicht los!“ {44}
47.
„Die er stehen ließ!" sprach Danischmende;
Ja der Commentar' ist hier kein Ende;
Nur, wer eingeht, ist derselben quitt!"
Wie verstehst du das? He, Mufti, führe
Mir 'mal Emirn, Paschen und Veziere
All' herein! hörst du? die Weiber mit!"
48.
Sie erschienen – „Reitzende Selinde,
Die mit jedem Tag ich schöner finde,“
Hub im bunten Kreis der Sultan an,
„Blume meines Harems, offenbare
Deinem Achmet, wie viel hast du Jahre?"
„Achtzehn, Sultan!" Plötzlich kräht der Hahn.
49.
„Ringle deine seidnen Locken nieder,
Auf den Liliennacken! — Krähst du wieder?
Was so wär' es nicht Selindens Haar?
Diese Rosen sind erborgt und Schminke?
Wie? Statt Wollust aufzusaugen, trinke
Ich nur Gift? Er schweigt. So ist es wahr?
50.
„Alles, was du dein nennst, wie ich finde,
Dankst du andern. Glaub' ich doch, Selinde,
Was mir angehört, ist dein allein.
Selim, den dein Schooß vor einem Jahre
Mir gebar — doch nein! — Mund, Augen, Haare!
Selim ist mein Sohn! – Du krähest? Nein? {45}
51.
„На! du Schlange, zittre vor der Rache
Achmets! He da! Wache! Wache!
Gleich erdrosselt sie samt ihrem Sohn!
Abkömmling von Kaisern, soll ich sehen,
Daß mein Bett ein —- Hahn, was soll dies Krähen?
Saß mein Vater nicht auf diesem Thron?
52.
„Nicht? was hör' ich? He da! Wache! Wache!
Laßt sie! Man verschiebe meine Rache!
Wie? Kein Sultan hätte mich gezeugt?
Was? Auch meine Mutter Adelinde
— Mahomed verzeihe mir die Sünde! –
Wär’ es möglich! – Ach, er schweigt, er schweigt!
53.
„Achmet, Sohn der Sonne, du des Bären
Schwesterkind, was wirst du all‘ noch hören?
Laß denn sehn, wen sie sich auserkor!
Pergamo? Nein! Angor? Abbelionte?
Keinen Bassa? Etwa gar Pervonte?
Ihn, den garst‘gen, den zwerggestalt’en Mohr!
54.
Achmet – du – zum Herrschen nur geboren –
O wie schimpflich! – einem trägen Mohren
Zugesippt? Nein sag' ich, nimmermehr!
Diese Hoheit, die ich in mir spüre,
Erbt man nur, so sagen die Vezire,
Durch Geburt — O krähe nicht so sehr! {46}
55.
Wie? das Kind auf goldgestickten Leinen
Glich den armen und geringen Kleinen,
Das auf Stroh die Dörfnerin gesäugt?
Ist Genie vertheilt durch alle Stände?
Achmet, und du wär’st vielleicht am Ende
Kein Genie? So ist’s! er schweigt!
56.
Ja, wer nur Veziren glauben könnte!
Da besäß’ ich glänzende Talente!
Wie gefiel mein Flötenspiel nicht einst!
Dieser Lauf verräth den Meister! — Wehe!
Keinen Ton vernehm' ich im Gekrähe.
Hahn, so bin ich Stümper, wie du meinst?
57.
Wenn ich oft so einsam saß und dachte —
Nun was krähst du? – Freylich selten machte
Ich mir diesen ernsten Zeitvertreib –
Bin ich da erstaunt, wie zum Regenten,
Mit so mannichfaltigen Talenten,
Alla mich begabt an Seel‘ und Leib!
58.
Achmet, sagten meine Sultaninnen,
Gleicht dem — Ja, da gilt's sich zu besinnen –
Gleicht dem Musengott im Vatican.
Scheint mir das auch etwas mehr als Fabel –
Denn mein Spiegel — Oeffnest du den Schnabel
Noch einmal, vermaledeyter Hahn? {47}
59.
Und der Witz, womit ich meine Paschen
Pflegte bеу der Cour zu überraschen –
Ich ersann ihn immer Tag's zuvor —
Nun, um den, da wär' es Jammerschade!
Krähst du? Wie? So war mein Witz wohl fade?
Kühl mein Scherz? geschmacklos mein Humor?
60.
Seh' ich recht, so liegt dort auf dem Boden,
Wie zum Glück, just eine meiner Oden.
Horch! wie bilderreich! und welch ein Fluß!
Hm! du krähst? Hm! Hm! hör, Hahn, ich spüre,
Dein Geschmack ist unrein! — disputire
Zwar mit Niemand gern de gustibus; —
61.
Doch zu derley Sachen, Hahn, verzeihe,
Braucht's ein Kennerohr! – Und dein Geschreye,
Deine Uebergäng' aus Moll in Dur! —
Punktum! Hier ist meine Reichsgeschichte!
Zu prosaisch waren die Gedichte,
Diese, fürcht' ich, ist zu dicht'risch nur.
62.
„Leben, Thaten, von dem großen Kaiser
Achmet." – Dürft’ ich bitten, etwas leiser!
Etwas leiser und mir Zeit gegönnt!
„Leben, Thaten von dem kleinen Kaiser
Achmet“ – Nun, nun, krähe dich nicht heiser!
Uf! das heiß‘ ich mir impertinent! {48}
63.
„Leben, Thaten" — Was? Schon wieder kurrig?
Lebt‘ ich nicht? Mein Six! das Ding ist schnurrig.
Eß' ich, trink' ich nicht des Tag’s viermahl?
Nun was heißt bey ehrenwerthen Leuten
Leben sonst, als Essen, Schlafen, Reiten?
Nicht? das hör' ich heut zum ersten Mal.
64.
„Hahn, wenn ich dir rathen soll, so bleibe
Mit Subtilitäten mir vom Leibe!
Seh‘ nur eins in aller Welt die List!
Nein! Nein! unser eins ist auch kein Gimpel!
Und ich denke doch, der Schluss ist simpel:
Wer fünfmahl des Tages ißt, der ist!
65.
Alle Welt spricht „Sultan Achmets Thaten“ —
Freylich haben Feldherrn und Soldaten
Auch das Ihrige dabey gethan!
Setzt, mein Kriegsheer lief‘ — In diesem Falle —
Nein, ich liefe nicht, und liefen alle. —
Ventre gris! schon wieder krähst du, Hahn?
66.
Nun! nun! sollst bald schweigen! Weiß ein Mittel.
Danischmende, lies mir dies Kapitel,
Pagina zweyhundert zwanzig vor!
„Niemahls sah man selbst im Griechenlande
Wissenschaft in reitzenderm Gewande,
Und die schönen Künst‘ in größerm Flor." {49}
67.
Danischmende Horch! Es ist Chicane
Offenbar im Spiel mit diesem Hahne.
Kräht er nicht schon wieder lang und breit?
Woran fehlt's uns denn? so lass doch hören!
„Herr, an Theokriten und Homeren!"
Hm! nichts mehr! — Da weiß ich schon Bescheid!
68.
Mufti schreibe: „Wir von Alla’s Gnaden,
Anbefehlen Euch zwey Iliaden,
Ihr Poeten unsers Reichs, sofort;
Item einen Quartband voll Idyllen:
So geschiehet unserm höchsten Willen“ — —
Läßt mich der verwünschte Hahn zum Wort?
69.
Auch mit Pensionen, dächt' ich, könnten —
„Deutschland, Herr, ist reich an Kunsttalenten;
Dennoch geht die Kunst daselbst nach Brod;!"
Hungern? Hilft das? Gut! da gibt's zu sparen!
Mufti, treib die Dichter all zu Paaren!
Bring sie insgesammt in Sorg‘ und Noth!
70.
Und dann laß sie Iliaden singen,
Wie in Deutschland! – Jetzt zu andern Dingen! –
Hab' ich einen Freund? Wo ist er? Wo?
Dieser? Jener? Keiner von den Allen?
Jener Affe? Wie so tief gefallen! –
Sieh mein Defterdar, Herr Salomo! {50}
71.
Nun, wie steht‘s, mein fleißiger Geselle?
Handhabst du mit Billigkeit die Zölle?
„Herr, du kennst mein neu Finanzprojekt!
Vormahls gab das Volk dir nur den Zwölften;
Jetzt zerfällt sein Geld in gleiche Hälften,
Deren ein‘" — in deiner Tasche steckt,
72.
Und die zweyte fließt in meine Kasse!
Gleich bereite dich zum Tode, Basse!
Siehst du deinen Richter dort? Er schweigt.
Still! Wer klopft vor meiner Kammerthüre?
Ist's nicht Kasanut? Verschnitt’ner, führe
Ihn herein! Wir sind ihm längst geneigt!"
73.
„Lang beherrsch' o Achmet, deine Knechte!
Bis kein Mond erleuchtet unsre Nächte,
Bis die Sonn' erlischt am Firmament!" –
Kasanut, laß gut seyn! Wenn ich sterbe,
Und du Recht behältst: so führt mein Erbe
Bey Laternen ja sein Regiment!
74.
Kommst du aus dem Lager? „Ja." Nun weiter!
Steht es wohl um Fußvolk und um Reiter?
„Wohl! denn eine Schlacht gewannen wir.
Perser blieben tausend, unsrer hundert."
Plötzlich stockt der Bothe, wie verwundert;
Denn es überkräht der Hahn ihn schier. {51}
75.
„Kaum, so fuhr er fort, war sie gewonnen,
Diese Schlacht, da nahmen wir besonnen
Etwas rückwärts die Position;
Panisch sich verbreitend herrscht das Schrecken
Bey dem Perserheer; denn wir entdecken –
Wohl auf funfzehn Meilen nichts davon.
76.
Jetzt, jetzt darf die Taktik offenbaren,
Welch ein Vorzug kriegsgeübten Scharen
Vor Gesindel in der Schlacht gebührt.
Achtlos auf des Feldherrn Wink vom Hügel,
Hat von selbst der ganze linke Flügel –
Meisterhaft den Rückzug ausgeführt.
77.
Was man etwa noch vermissen könnte
– Zwölf Kanonen, nebst dem Regimente –
Hält uns, denk‘ ich, wohl den Rückzug frey.
All sein Kriegsgepäck und funfzig Mörser
Ließ uns der total geschlagne Perser.
Jeglicher von uns schlug ihrer drey." —
78.
Kasanut, lass dich nicht unterbrechen!
„Der Soldat brennt Nadirs Tod zu rächen,
Seinen" — Nun schon wieder hältst du an?
„Willst du, Herr, daß ich den Hahn entferne?"
Lass nur, Kasanut, ich hör ihn gerne. —
„Seinen Schutzgott nennt dich Ispahan." {52}
79.
Kasanut, verworfne Sklavenseele,
Fort von hier! In hundert Prügeln zähle,
Defterdar, dem Lügner die Gebühr!
Ha! Was Neues? Azolan, lass hören!
„Herr, ein Weib von Kandabar in Zähren,
Und der Sklavenhändler von Algier."
80.
Laßt sie vor! – Schon rauschen auf die Flügel,
Sieh derselbe Seemann, dem im Spiegel
Ismael einst half, auf leckem Schiff.
Hinter ihm in Thränen Euphrosibe, [Siehe Ges. 1.]
Roth noch von den Blattern. Wer beschriebe
Das Gefühl, das Ismael ergriff!
81.
„Götter!“ seufzt mit halbgebrochner Stimme
Euphrosibe: „Ach ihr gabt im Grimme
Meiner Mutter Herzensflehn Gehör!
Raubtet ihr die Schönheit Euphrosiben,
Ach so wär' ich ruhig heim geblieben,
Mich entführte kein Korsar hierher."
82.
Der Korsar, die Schöne vorzustellen,
Naht sich demuthsvoll des Thrones Schwellen
Aber streift zu nah dem Hahn vorbey. {53}
Bassen, Mufti und Vezier entfärben
Sich vor Todesschreck; in tausend Scherben
Schnell zerspringt der Hahn des Otschakey.
83.
Achmet sinnlos, wie im Zaubergrunde
Angewurzelt, keinen Laut im Munde,
Starrte vor sich hin, bald roth, bald blaß.
Endlich brach die Wuth sich; „Janitscharen!
Schrie er laut, ergreift mir den Korsaren!
Pfählt mir im Schloßhof ihn sogleich!"
84.
Der Korsar, gewaltsam fortgezogen,
Rief: „Ach, warum fand ich in den Wogen
Meinen Tod nicht an Livorno's Port!
Götter, um mich in Byzanz zu pfählen,
Sandtet ihr den Nachen?" – Ismaelen
Fuhr ein Schwert durch's Herz mit diesem Wort. {54}
Dritter Gesang.
1.
Als die Pilger drauf von dannen gingen;
Sieh! Da stieß mit Gold- und Purpurschwingen
Auch die Fliege summend vom Portal,
Und der Rab' erhub sich. — „Laß uns eilen,“
Sprach der Seraph, „über achtzig Meilen
Trennen uns vom Schloß des Hasdrubal.
2.
Angesteckt von Euphrosiben, wimmert
Lindor auf dem Lager, unbekümmert
Ueber seine Braut besinnungslos. —
Also lag's im Plan der Weltregierung;
Denn, erfuhr er früher die Entführung,
War ein Selbstmord sein gewisses Loos.
3.
Komm!“ — Die Sonne sank; schon ward es düster,
Immer düstrer; lauter das Geflüster
Kühler Abendwinde durch's Gebüsch;
Sieh, ein Fichtenwald! Den Mond verdunkelt
Ein Gewölk der Nacht; verloren funkelt
Hier und da ein Stern einsiedlerisch. {55}
4.
Und der Fichtenwald ward tiefer, immer
Tiefer, immer stiller; Irwischschimmer
Führten rechts und links die Pilgrim‘ irr;
Links und rechts durch Distel, Dorn und Nessel;
Plötzlich aus dem schauervollsten Kessel,
Horch! erscholl von Schwertern ein Geklirr.
5.
Rund von Raubgesindel eingeenget,
Focht ein Jüngling, halb zurückgedränget
In des Dickichts nachbarlichen Sumpf.
Klüglich scholl sein Angstgeschrey um Hülfe;
Sieh! da sprang ein Alter aus dem Schilfe;
Hui! entflog ein Räuberkopf vom Rumpf.
6.
Schreck ergriff die Andern; sie zerstoben;
Eben stieg, vom Vollmond sanft gehoben,
Aus der Dämmerung der Fichtenwald.
„О mein Vater! rief der Jüngling, Götter!"
Rief's und schloss verstummend seinen Retter
An sein Herz, das dankbar überwallt.
7.
„Sohn,“ begann der fromme Greis voll Rührung,
„Hehr und wunderbar ist Gottes Führung!
Ach! wie ahndete mein Blödsinn dieß!
Als in Sturmwind, Mitternacht und Schlossen,
Flatternd meine Locken sich ergossen,
Und mich Hasdrubal vom Schloß verstieß? — {56}
8.
О der Thorheit! Fand mein Flehn Erbarmen:
Nimmer schloß ich dich mit Vaterarmen
An mein Herz; vom Mordstahl troff dein Blut.
Hochgelobet sey des Herren Name!
Er verlieh mir Trost in meinem Grame;
Heilig ist der Herr, und was er thut!"
9.
„Waltend flocht die Hand der Unsichtbaren
Längst die Frevelthaten der Barbaren
Unauflöslich in des Schicksals Ring.
Alles griff so kunstvoll durch Verkettung
In einander, daß des Sohn's Errettung,
Ismael, an einem Oelkrug hing.
10.
„Siehst du dort sich das Kastell erheben,
Hoch in Wolken?“ — Hasdrubal stand eben
Auf dem Wartthurm. Gabriel begann:
„Wüst ist dies Gebirg, o hab‘ Erbarmen,
Lieber Herr, und bricht dein Brod den Armen!“
Aber unsanft ließ sie jener an.
16.
„Ha! ihr seyd zur Arbeit wohl verdrossen!
Fort! sont hetz' ich beyd' euch mit Molossen
Von dem Schlosshof, packt ihr euch nicht gleich.
Ging's nach mir, euch Schelmen gäbe keiner
Nachtquartier." — Am Schlosshof lag ein kleiner
Meyerhof, versteckt im Nussgesträuch. {57}
12.
Leichtgeschürzt spann eine schöne Dirne
Vor der Thür. Der jugendlichen Stirne
Ach! entschwebt ein stiller Trauerzug.
Etwas mehr zurück, den Blick bethränet,
Saß ein Greis, am Steintisch aufgelehnet;
Vor ihm stand gefüllt ein Wasserkrug.
13.
Als er Gabriels Gesuch vernommen,
Hob er, unter herzlichem Willkommen,
Sich empor, und bot ihm Händeschlag:
Hieß dem Mägdlein dann, von Fleisch und Fischen,
Вrod und Milch, ein Nachtmahl aufzutischen,
Wie's die kleine Meyerey vermag,
14.
Und sie säumte nicht, des Amts zu walten.
Jene sprachen mit dem biedern Alten,
Aber traurig blieb sein Angesicht.
Da begann der Seraph: „Deine Seele,
Guter Alter, ist betrübt, verhehle
Uns den Gram nicht, der das Herz dir bricht!"
15.
„Lieben Herrn und Freunde, sprach der Alte,
Wißt, der Meyerhof, den ich verwalte,
Zins't dem unbarmherz'gen Hasdrubal.
Nun zerschlugen meine Erndte Schloßen,
Und er droht, mich gänzlich zu verstoßen,
Wenn ich ihm den Meyerzins nicht zahl'. {58}
16.
Zwar will er denselben mir erlassen,
Wenn mein Kind – soll ich's in Worte fassen?
O unseliger, verruchter Preis!
Zwey Termine sind verstrichen – morgen
Fällt der dritte, den mit Vatersorgen
Ich nicht länger zu entfernen weiß!
17.
Hülflos soll ich nun am Wanderstabe
Noch die Welt durchziehn." – Er schwieg. – Der Rabe
Schwang indeß sich plötzlich auf das Schloß.
Einsam saß er da, in einer Ecke,
Daß er Hasdrubal vom Schlaf erwecke,
Dunklen Schicksals nächtlicher Genoß.
18.
Wie der Stunden zwölfte nun geschlagen,
Hört man Gabriel die Worte sagen:
Ismael, steh' auf! Nun ist es Zeit!
Unserm edeln Gastfreund hier zu dienen.
Ist der rechte Augenblick erschienen;
Jüngling auf, und mache dich bereit!
19.
Frommer Unschuld warten Himmelskronen,
Ja, wir müssen sein Verdienst ihm lohnen.
Säume länger nicht! Erblickst du dort
Angeschürt das halb verglimmte Feuer,
Auf dem Heerde? Wirf es in die Scheuer
Unsers Gastfreunds! Folge meinem Wort!" {59}
20.
Es geschah! – Und blutroth fuhr zum Dache
Bald die Flamm' hinaus; und Trommel, Wache,
Kündete den allgemeinen Graus.
„Gott hat es gegeben, Gott genommen!"
Rief der Greis, gefaltet seine frommen
Gläub’gen Händ – und ließ sein brennend Haus.
21.
Hasdrubal erstieg, vom Schlaf noch trunken,
Seinen Thurm; denn häufig flogen Funken
Quer herüber schon nach seinem Stall;
Unterdessen seine Hausgenossen
Ihren Eimer frisch in's Feuer gossen,
Blieb er heim, aus Furcht vor Ueberfall.
22.
Von den Felsen, die sein Haus umfahen,
Soll ihm gräßlich ein Verhängniß nahen,
Wie der Engel Gabriel befahl:
„Diener Alla’s, Rächer, Wunderrabe,
Fleuch empor, und krächze mir zu Grabe,
Dort am Gletscher, jenen Hasdrubal!“
23.
Ließ entlang, die ewig unwirthbaren
Felsenstufen, wo, von Alpenaaren
Hell umkreischt, gezackt und blendend weiß,
Locker aufgethürmt die Massen hingen,
Sich der Rabe mit gesenkten Schwingen,
Leis‘ herab auf Gabriels Geheiß. {60}
24.
Pickte dort im Schnee, der manch Jahrtausend
Alternd am Granitfels hing, bis brausend
Sich die schneyende Lavin' erhub.
Horch! gestürzte Felsentrümmer schollen.
Gletscher borsten, bis sie, angeschwollen,
Donnernd Hasdrubals Kastell begrub. —
25.
„Nicht nur Hasdrubal, nein auch die Seinen
Lägen jetzt verschüttet, unter Steinen,
Sprach der Seraph, brennte nicht das Haus!"
So vergiß mir auch nicht, unserm Alten,
Fromm mit der Belohnung Wort zu halten!
Er verdient es, rief der Jüngling aus.
26.
Gabriel erwiedert: „Ohne Sorgen!
Dieser findet in dem Schutte Morgen
Einen Schatz! – Nicht nur, was er verlor:
Doppelt, dreyfach, all's was er besessen,
Wird durch Götterhuld ihm zugemessen.
Siehst du nun, was du begonnen, Thor?
27.
„Du ein Nichts – ein Maulwurf, seinen Hügeln
Kaum entrückt, gedenkest auszuklügeln
Alla’s unerforschten Weltenplan?
Ha! wer bist denn du, Geschöpf von gestern,
Ihn, den Unerschaffnen, so zu lästern?
Schweig', und folge mir gen Serigan!" {61}
28.
Schon von weitem sahn sie an den Grenzen
Reihenweis', im Frühroth, Spieße glänzen.
Kriegsgezelte prangten überall,
Rosse wieherten; zu Streit und Hader
Rief die unerschrocknen Kriegsgeschwader
Der begeisternde Drommetenhall.
29.
Kopf und Arm mit Tüchern rund umwunden,
Saß ein Perser, überdeckt mit Wunden,
Sinnig da an einem Grottenquell.
Und Sie gingen querfeldein hinüber,
Wo er saß und trank. „Wie steht es, Lieber,
Mit dem Perserheer?" sprach Ismael
30.
Wehmuthsvoll erwiederte dег Krieger:
„Wir verloren eine Schlacht; der Sieger
Abulside zeucht gen Ispahan;
Ach! die armen Perser!" — Er verstummte –
Und mit Gold- und Purpurschwingen summte
Alla’s Fliege. — Gabriel hub an:
31.
„Dienerin des Schicksals, kleine Fliege,
Endige die blut'gen Perserkriege!
Fleuch in Abulsidens Kriegszelt jetzt!"
Kaum gewann er Zeit dies Wort zu enden:
Sieh! da fühlten, wie von Geisterhänden,
Auch die beyden Pilger sich versetzt. {62}
32.
Von romantisch wilden Epheuranken
Grün bedacht, erhub des blatterkranken
Lindors Hütte sich in Kandabar.
Hier erst senkte sich der Fliege Fittig.
Euphrosibe saß am Bette sittig;
Sorgsam nahm sie des Geliebten wahr.
33.
Durch die angelehnten Fensterladen
Flog die Flieg' herein, und giftbeladen
Summte sie nach Abulsidens Zelt.
Ueber eine Karte, die im Risse
Persiens Kanäle, Päss' und Flüsse
All begriff, saß hingebückt der Held.
34.
Und die Goldflieg‘ läßt ihr bunt Gefieder
Auf die Stirne Abulsiden nieder,
Der umsonst sie mit der Hand verjägt.
„Staunst du? sprach der Seraph, Jüngling, wisse!
Daß sie, an den Fäserchen der Füße,
Pockengift zu Abulsiden trägt.
35.
Wär' ein Plan, den zu Eroberungen
Abulside heut entwarf, gelungen,
Wiß‘, daß Persien verloren ging.
Lindors Blattern tödten Abulsiden;
So gebot's der Herr, daß Krieg und Frieden
An dem kleinen Fliegenfuße hing. {63}
36.
Jetzo komm zu Ibrahim und Mirza!
Laß erkunden uns nach deiner Thirza!" —
Und sie zogen weiter alsobald. –
Mirza war nicht heim. — Ein Derbenide,
Der die Gäst’ empfing, sprach: „Alla’s Friede
Sey mit euch, so edel an Gestalt!“
37.
Und nachdem sie mit dem Derbeniden
Des Gespräches über Krieg und Frieden,
Viel gepflogen, hub der Jüngling an:
„Als der Tod des großen Schachs erschollen,
О erzähl' uns doch vom grausenvollen
Bürgerkrieg, und wie er sich entspann."
38.
„Kaum durchlief die Mähr von Nadirs Tode
Persien, so sang man an Od' auf Ode
An die Freyheit hier in Serigan.
So viel Volk am Marktplatz, auf der Börse,
So viel Feuerwerk — und schlechte Verse
Sah man nie, von Bersaba bis Dan.
39.
Ueberall, gepeitscht vom Freyheitsschwindel,
Lief und schrie halbnackendes Gesindel:
Jo! Freyheit! Gleichheit! Brüderschaft!
Bald erschien ein Schwarm von Afterweisen;
Diese sprachen nur von Вrot und Eisen,
Und verwarfen Kunst und Wissenschaft. {64}
40.
„Weise?“ — Schon der Titel reizt die Galle.
Glaubt ihr, Herrn, wir andern, wären alle
Nichts als Narren, per antithesin?
Sagt uns doch, was eure Wissenschaften
Je der Menschheit frommten? was verschafften
Sie euch selbst für bleibenden Gewinn?
41.
„Nun – die Sternenkunde, sollt‘ ich meinen!“
„Pah! was Sterne, Herr? Die Sterne scheinen
In der Nacht bloß, und dann schlafen wir.
Schwatzt von Tubus, was ihr wollt, und Polen!
Sollt' ich mir Katarrh und Schnupfen holen
An dem Fernrohr? — O ich dank‘ dafür.
42.
Denn zum Haarabschneiden, Aderlassen,
Die Gelegenheit nicht zu verpassen,
Dafür giebt's ja einen Almanach.
Irgendwo, entfernt vom Erdenvolke,
Sieht ein Weiser Regen, Wind und Wolke
Schon ein Jahr vorher von seinem Dach.
43.
Will ich etwas von dem Thierkreis wissen,
Von den Mond- und Sonnenfinsternissen,
Nun, so schlag' ich im Kalender auf.
Alles steht da! — Ja, und was das Beste,
Man erhält noch die Geburtstagsfeste
Aller Prinzen gratis in den Kauf. {65}
44.
Aeltere Geschichte braucht ihr wenig. —
Etwa daß Hystaspis Perserkönig
Durch sein Pferd geworden — nebenbey
Ob er einer Stute – einem Hengste
Dies verdank‘ — und welche Hand die längste
Von Longimanus gewesen sey?
45.
Ist euch an Heraldik was gelegen?
Hum! die lernt ihr an den Kutschenschlägen,
Bey dem Ausgang aus dem Opernhaus.
Wollt ihr euch naturgeschichtlich bilden,
So studiert sie an den Aushängschilden
Ueber jedem Wirths- und Kaffeehaus!
46.
Sie versehn dieß Fach mit Supplementen.
Hier erblickt ihr goldne Löwen, Enten,
Und was die Natur oft selbst nicht hat,
Gar ein Einhorn, oder blaue Engel.
Von Botanik, Gras, und Kraut, und Stengel
Wißt ihr g'nug, geräth euch der Salat.
47.
Sucht von Metaphysik das zu fassen,
Was die Vorsicht den Pythagorassen,
Platon offenbart und Epictet,
Was durch Abstraction in allen Landen
Große Köpfe wußten und verstanden:
Daß der Mensch nichts weiß und nichts versteht. {66}
48.
Statt des Feindes Einfall abzuwenden,
Zeigt ihr uns, in zehn gedruckten Bänden,
Wodurch Cäsar einst erfocht den Sieg.
Dennoch sahen wir in unsern Tagen,
Daß uns häuf'ger nie der Feind geschlagen,
Als seitdem so hoch die Taktik stieg.
49.
Fragt nicht, ob Chronologie viel tauge,
Heißt gleich der Geschichte zweytes Auge
Sie im Zeitungslexicon Li-Tschun!
Ach! wer merkt die vielen Zahlen alle?
Unsre Erd' ist alt! — In diesem Falle,
Ist’s erlaubt, ein Auge zuzuthun.
50.
Sey es, daß die Wißbegier es reizte,
Wie die Nas‘ ein Alexander schneutzte,
Oder Hektor – oder gar Achill: –
Aber Jahr und Monat, Stund‘ und Datum,
Wann's geschah, ob ante Christum natum,
Oder post: enträthsle das, wer will!
51.
Polizey und Polizeyanstalten —
Freye Perser – laßt es da bey'm Alten,
Was Verläumdung und der Neid auch schrey'n!
Steckt Laternen an, wann Sterne funkeln!
Löscht sie aus, und brecht den Hals im Dunkeln!
Steht nur — im Kalender Mondenschein! {67}
52.
Wollt ihr ja in diesem Fach was bessern;
Sucht die Narrenhäuser zu vergrößern!
Diese sind in Persien zu klein.
Dafür sind beynah' in allen Staaten
Unsre Kirchen viel zu groß gerathen,
– Kommen gleich die Todten mit hinein.
53.
Lernt man Sprachen nur, um sie zu sprechen,
Wozu todte Sprachen? Was zerbrechen
Wir uns da den Kopf erst mit Latein?
Wie viel Sprachen, glaubt ihr, sprach wohl Abel?
Die Philologie entstand in Babel;
Kann sie Alla wohlgefällig seyn?
54.
Von den schönen Künsten muß vor Allen
Dir das erste Loos, о Kochkunst, fallen;
Du bleibst aller Künste Königin!
Wollen unsre Frauen, wie sie pflegen,
Auf die Mahlerkunst beyher sich legen,
In den Morgenstunden — immerhin!
55.
In der Tonkunst lernt ihr auf Guitarren
Ja zur Nothdurft auch ein Liedchen schnarren,
Da dergleichen jetzt sich nöthig macht.
Auch die Heiserkeit ist anzurathen;
Sie verräth, wie fleißig Serenaden
Euern Schönen ihr zu Nacht gebracht. {68}
56.
Warum wollt ihr euch, ihr guten Seelen,
Mit Chorälen oder Fugen quälen?
Laßt die Orgel ja nur Orgel seyn!
Statt des Ut, Re, Mi, Fa, Sol, und La, Si!
Lob' ich lieber mir den Walzer! — Quasi
Fährt euch da der Takt in beyde Bein'.
57.
Und Gedichte vollends und Poeten,
Was sind die der Republik vonnöthen?
Sklaverey ist jedes Sylbenmaß.
Verse dienen bloß auf Brautgelagen,
Um Bonbons und Naschwerk drein zu schlagen,
Und nachher — ihr wißt wohl selbst zu was.
58.
Von dег Sünd' empfangen und gebohren
Sind die Aesculap’, und die Doctoren,
Apotheker, und was Pillen dreht.
Diese Herrn, die freyer Athem ziehen,
Weil uns — Luft fehlt; die von Kapwein glühen,
Weil uns — Durst und Appetit vergeht!
59.
Hilft uns die Natur, und wir genesen:
Ey, wer ist es anders sonst gewesen,
Als die edle Apothekerkunft?
Denn das ist der Vorzug, den sie haben:
Ihre Fehler werden mit begraben,
Und dem Grab entsteigt – ein blauer Dunst. {69}
60.
Nun auf die Juristen auch zu kommen,
Als von denen wir so viel vernommen
In dem Schiffbruch dieser letzten Zeit! –
Die, mit einem Babel von Gesetzen,
Wollten auf den Königsthron sich setzen,
Bis der Herr die Sprachen auch zerstreut.
61.
Stiehlt ein Dieb, was braucht's da eine Fuhre
Von Pandekten erst? Wer hängt, hängt jure!
Ja Natur ist Recht – und Recht Natur!
Allenfalls – so laßt in Stein gehauen,
Die Gerechtigkeit am Rathhaus schauen;
Aber – draußen vor der Thüre nur!
62.
Die Prozesse laßt uns selber führen!
So erspart man die Gerichtsgebühren.
Schwatzt mir ja von Eigenthum nichts vor!
Dieser Pelz, der Fürst und Fürstin wärmet,
Wärmte Bären einst – und ihr – ihr lärmet,
Zieht der Bär – das Fell euch über's Ohr?
63.
Sagt, was giebt's da viel zu prozessiren?
Statt auf Zweyen, geht der Bär auf Vieren;
Statt Vernunft, gab ihm Natur Instinct.
Seinen Pelz verdankt ihr der Diane,
Euer Fleisch verdankt er seinem Zahne
Und unläugbar jure, wie mich dünkt. {70}
64.
Warum schüttelt ihr darob die Köpfe?
„Ja, wir sind unsterbliche Geschöpfe,
Und bestehn aus Seel' und Leib."— Ihr Herrn,
Dieser Vorzug bleibt Euch unverwehret;
Und ist euer Leib nur wohl genähret,
Ueberläßt ja Petz die Seel' euch gern.
65.
Kurz Gewalt, Gewalt, das ist die Feder ,
So die Welt regiert! Drum denk' ein Jeder
Nur an sich und stelle sich nicht bloß! –
Plötzlich unterbrach den Sykophanten
Eine Gährung hier; denn wüthend rannten
Mann und Weib und Kind zum nächsten Schloß.
66.
Manuscript‘ aus ur-alten Zeiten
Lagen hier, nebst andern Kostbarkeiten,
Aufbewahrt, die schleppt das Volk herbery,
Häuft auf einem Holzstoß sie zusammen,
Steckt in Brand ihn, und umtanzt die Flammen ,
Unter Freyheitshymnen und Geschrey.
67.
Meister Scheer, uneingedenk der Nadel,
Fertigt in der Schenke gegen Adel
Und den Klerus jetzt ein schwer Edikt.
Kaum geriethen ehmahls seine Näthe
Ihm so fix, als jetzo die Dekrete
Für den Staat, den er beym Bierkrug — flickt. {71}
68.
Statt zu rufen: „Kaufet Kannen! Kannen!"
Ist kein Töpfer, welcher nicht Tyrannen
Jetzo zu zerschmeißen sich vermißt.
„Freyheit! Gleichheit!" rufen Abrams Söhne,
Statt: „Was gibt's zu schachern?" oder: „Schöne Leinewand und Scheeren und Batist!“
69.
Damals lebt‘ ein Perser, Tsink mit Nahmen,
Derwische, Soldaten, Dichter, Damen,
Alles schloß im Glück an Tsink sich an.
Da er öfters Feuerwerk abbrannte,
Auch tagtäglich Essen gab, so nannte
Ispahan ihn einen großen Mann.
70.
Stand sein Namenstag roth im Kalender,
Alla hilf! was gab's da Ringe, Bänder,
Sträuße, Kuchen, ja Gedichte gar!
So erhielt er blos am Hochzeitstage
Hundert persische Sonette – sage
Hundert! – wovon keins erträglich war.
71.
Nadir fiel. Noch sah man alle Tage
Gasterey'n bey Tsink und Trinkgelage,
Trotz dem Mangel in ganz Ispahan.
Dieß verdroß das Volk. Mit Lanz' und Säbel
Brach es in sein Schloß. Kaum daß dem Pöbel
Tsink noch selbst in dem Tumult entrann. – {72}
72.
Gänzlich ausgezogen und verlassen
Ging er nun zu Fuße durch die Straßen,
Die er sonst mit seinem Pomp erfüllt,
Nackt, ein Hohngelächter seiner Feinde.
Der Gedank‘ allein an seine Freunde
Machte seinen Kummer wieder mild.
73.
Kaum begann die Dämmerung zu tagen;
Sieh! da kam in einem goldnen Wagen
Stolz einhergerollt der Derwisch Li.
Li verdankt Tsinks fette Schmausereyen
Größtenteils sein leibliches Gedeihen.
Dieser trat ihn an, und weint' und schrie.
74.
Huldreich bot ihm Li die Hand zum Kusse:
„Dank es Alla, der vom Ueberflusse
Dich befreyt, mein Sohn! Du warst zu reich.
Eh’r, so steht‘s geschrieben, gehn Kamele
Durch ein Nadelöhr, als daß die Seele
Eines Reichen kommt in's Himmelreich."
75.
„Die du Alles mir verdankst, о Fatme!
Du, für die allein ich jetzt noch athme,
Ew'ge Liebe schwurst du deinem Tsink.
Jetzt bewähr‘, o Kind mir deine Schwüre!"
Sprach's, und angelangt vor Fatme’s Thüre,
Zog er los' und leis' am Pfortenring. {73}
76.
Doch kein Mensch erschien. Nach langem Warten
Schritt er durch den Schlosshof in den Garten.
Als er hier in's Dickigt sich verlor,
Horch! da drang aus einer nächtlich düstern
Rosenlaub' ein süß beredtes Flüstern
Und melodisches Gegirr hervor.
77.
Usong, Oberster der Leibtrabanten,
Lag auf Lilien und Amaranthen
Hingestreckt, mit Fatme Hand in Hand.
Tsink erschien. — Sie sank in Usongs Arme.
Als er weinte, rief sie: ach, der Arme!
Seht, sein Unstern raubt ihm den Verstand.
78.
„Hum! Ein schmucker Bursch! 's ist Jammerschade!
Hast du Herz? was heulst du? Steh gerade!“
Rief der Schnurrbart, „Memme, weißt du was?
Hier giebt's Rath! — Bey meiner Seele!
Grad fünf Zoll, wofern ich richtig zähle!
Herzensjunge, siehst du — hast das Maß!
79.
Mußt nur wissen, wer das Maß, fünf Zolle
Auf der Welt hat, geh's so bunt es wolle,
Ist gedeckt! Probir' mahl diesen Hut!
So! — Nun trink' eins auf mein Wohlergehen!
Bravo, Kammerad, wirst mich verstehen!
Rechtsum kehrt euch! Vorwärts! Marsch Rekrut." {74}
80.
Kaum behing mit Dolmann sich und Säbel;
Tsink, da wandte sich das Glück. — Der Nebel
War zerstreut, womit es ihn umgab.
Tsink ward Flügelmann am linken Flügel,
Und erhielt des Tag's bloß – zwanzig Prügel, –
Kein Rekrut kam unter funfzig ab.
81.
Längst gewohnt, um jeden Preis zu morden,
Bilden jetzt zu großen Räuberhorden
Alle Leibtrabanten Nadirs sich.
Keinen Heerweg gab’s im Perserlande,
Kein Gebirge, das nicht eine Bande
Dieser Schaaren Тag und Nacht durchstrich!
82.
Bis zuletzt sie in sich selbst zerfallen. –
Bey der Beutetheilung schien es Allen
Unerlaubt, wenn Einer was erschlich.
Ja, sie konnten Unrecht nicht vertragen,
Und was sie der Menschheit frech versagen,
Fodern sie besonders streng – für sich.
83.
Zur Bestätigung, ihr ew'gen Sonnen,
Namen, die der Mensch nicht blos ersonnen,
Tugend, heilige Gerechtigkeit,
Daß vom Himmel selber ihr entstammet,
Weil ihr, unbefleckten Lichts noch flammet
In der Räuberhöhle Dunkelheit! {75}
84.
Eben schwieg der edle Derbenide,
Als mit lautem Jubel: „Friede! Friede!
In die Hüttenthür der Alte brach.
Kaum gewahrte Mirza Ismaelen,
Der im Pilgerrock mit Gabrielen
Sich geheim im Hintergrund besprach.
85.
„Dank sey Alla! rief der Derbenide,
Aber wie so plötzlich?" — „Abulside
Starb am Pockengift, fuhr Mirza fort.
Muthlos flüchten seine Janitscharen.
O nun laß mein Haupt zur Grube fahren!
Denn erfüllt ist Alla’s Gnadenwort!
86.
Preis ihm für den Kriegszug der Osmannen!
Preis ihm für die Mordthat des Tyrannen!
Preis für Ismaelens Märtertod
Dein Erbarmen Herr, uns zu belehren,
Was wir sonder Lieb' und Eintracht wären,
Sendt‘ uns dieser Prüfung bitter Noth.
87.
Du zerstörtest Isphahans Gesetze. —
Daß es einst der Freyheit Kleinod schätze,
Alla, floß ein Strom von Menschenblut.
So errungen, füllt sie, auf die Dauer
Grauer Zukunft, jede Brust mit Schauer,
Und erweckt im Enkel Heldenmuth. {76}
88.
Ibrahim, dich nennt in lauter Feyer,
Einst die Nachwelt Persiens Befreyer!" —
„О erzähl' uns doch von Ibrahim!
Jung und Alt in Persien erwähnen
Dieses Namens, unter Freudenthränen;
Sprich, entrann er der Partheyen-Grimm?"
89.
„Wohl entrann er ihm!“ rief froh der Alte,
Schutzgeist meines Vaterland's, umwalte
Ihn mit deiner Obhut spät und früh!
Manchen Edeln sah ich auf der Erde;
Aber solchen sah ich nie, und werde
Seinesgleichen wiedersehen nie!
90.
Tief gebeugt, daß Einigkeit und Frieden
Von uns wichen, traurig, abgeschieden
Von der Welt, beweint er unser Loos.
Einst — ich saß mit ihm beym Morgenbrote
Vor der Hüttenthür; da kam ein Bote
Auf uns zu, bestäubt und athemlos.
91.
„Herr,“ begann er, „wiß, die Olapiden
Haben deine Heerden fortgetrieben."
„„Auch die schwarze Kuh mit weissem Stern?"“
„Ja auch die!" — Hier flossen seine Thränen.
„„Ach! ich hatte, Persien auszusöhnen,
Sie bestimmt zum Opfer für den Herrn."" {77}
92.
Feind von Ismaelen, selbst von Mirza
Hoch begünstigt, und geliebt von Thirza,
Brach er dennoch nie den ersten Schwur.
Bald erscholl es rings im Perserlande:
„Nur der Eigner von dem Gürtelbande,
Niemand sonst erhalte Mirza's Schnur.
93.
Aber nach des zwölften Monds Verstreichen,
Sey es anders; dieses gelt‘ als Zeichen,
Daß sich Ibrahim bewerben sollt‘.“
Und wir saßen da mit Herzenspochen.
Sieh! da kam ein Mann vor wenig Wochen,
Fordernd den verdienten Liebessold.
94.
In der Hand den Gürtel, blau gesticket,
Tief in's Auge den Turban gerücket,
Trat er ernst in unsre Hüttenthür.
Mirza sank entseelt zu seinen Füßen:
„Bist du‘s, der mich einst dem Tod entrissen,
So errett‘ auch heute mich von dir!"
95.
Auf dem Tische lag der halbe Gürtel,
Den im Wald' ein Kind aus Mirza's Viertel
Einst gefunden, mit dem Namenszug.
Dorthin schritt er, und im Augenblicke:
Fügten sich zusammen auch die Stücke
Von dem Gürtel. — Rings kein Odemzug. {78}
96.
Mirza, wie von Grabesnacht umdunkelt,
Wankt hinan. Sie liest. Ihr Auge funkelt, —
Ihre Wang‘ erglüht. — „Ihr Seraphim!
Ha! was seh' ich? ruft sie wonnetrunken,
Träum' ich? bin ich aus der Welt gesunken?"
Thirza lag im Arm von Ibrahim.
97.
Als er Ismael, vor Aller Ohren,
Wegen Thirza einst den Tod geschworen,
Zogen sie nach Serigan herauf.
Hier, im duftenden Orangengange,
Lauerte, nach Sonnenuntergange,
Ibrahim vermummt dem Todfeind‘ auf.
98.
Aber kaum erschien er im Gebüsche,
Als auf ihn mit plötzlichem Gezische,
Eine Schlang‘ aus offnem Dickicht fuhr.
Ibrahim, im vollen Ueberwallen
Seines Herzens, ließ den Dolch entfallen,
Und vergaß der Todesrache Schwur.
99.
Sieh! da zischte sie an Thirza's Locken;
Aber Ibrahim – warf unerschrocken
Seine Brust entgegen ihrem Grimm.
„Laß uns sterben für die Undankbaren!
Mögen sie's nach meinem Tod erfahren,
Wie Du dich gerochen, Ibrahim.“ {79}
100.
Alla, der im heilgen Dunkel wohnet,
Und den Edelmuth oft hier schon lohnet,
Nahte sich dem Retter liebevoll.
Denn zum Glück war's keine gift‘ge Schlange,
Die ihn stach, so daß dem Untergange
Er entging, nur daß sein Arm ihm schwoll.
101.
Also büßte Nadir sein Vergehen.
Ismael hat seinen Freund gesehen,
Eh das heil'ge Feuer unterging;
Ja, er schied versöhnt vom Erdenrunde,
Und verstieß in seiner Todesstunde
Nicht den Freund, der ihn im Feind umfing."
102.
Mirza schwieg, und Ismael erschüttert
Barg die Thräne, die im Aug' ihm zittert.
Endlich rief der Seraph: „Es ist Zeit.
Persien, wie tief bist du gefallen!
Laß gen Galgad in’s Gebirg' uns wallen!
Vater Mirza, gieb uns das Geleit!“
103.
„Alla! so bedroht uns selbst im Frieden
Noch Gefahr? – O, ruft den Derbeniden!
Ruft mir Ibrahim! hub Mirza an.
Eilet, neuem Irrsal vorzubeugen!“
Ibrahim erschien. — Mit ernstem Schweigen
Wandelten sie das Gebirg' hinan. {80}
104.
Reißend wälzt ein Waldstrom Felsenstücke. —
Gleich Pul Serro schmahl, führt' eine Brücke
Drüber in ein felsumragtes Thal.
Sprach der Seraph zu dem Derbeniden:
„Welch ein Gut erkies’test du hienieden,
Ibrahim, ließ‘ Alla dir die Wahl?“
105.
„So erfleht' ich von dem Weltgebieter
Freyheit meines Volk's, der Erdengüter
Größtes, und verschläng' auch mich das Grab."
Ruh' und Majestät im ernsten Augenblicke
Stieß ihn in demselben Augenblicke,
Vom Geländer Gabriel hinab.
106.
Ibrahim taucht einige Secunden
Auf den Wellen noch empor; — verschwunden.
Ist er dann auf ewig in dem Strom.
Mirza, ingrimmsvoll, ergriff den Säbel. —
Er zersplittert‘ – und aus Nacht und Nebel
Lispelte das leuchtende Phantom:
107.
„Ziehe heim zu deiner Hütte, Mirza!
Bet‘ und hoff‘ und tröste Thirza!
Ibrahim starb für sein Vaterland.
Wann du dich nach Serigan begeben,
So verkünde dies dem Volk! — So eben
Hat es Ibrahim zum Schach ernannt." {81}
108.
„„Aber Thirza,““ schrie der Greis im Staube,
„„Bleibt sie der Verzweiflung stets zum Raube?""
„Wiß‘, auch Thirza’s Thränen sind gezählt!
Kann der Vater jener tausend Welten
Ihr in einer nicht das Leid vergelten,
Das am Staub' ihr armes Herz gequält?
109.
Wird es, nach der langen Nacht auf Erden,
Nimmer Tag, jenseit der Gräber, werden?
Thor, ist dieser kleine Punkt die Welt?“
„„Doch warum? –““ — — „An jenem großen Tage
Lös’t sich jeder Mißklang. — Duld’ und trage!"
Rief der Seraph, schon am Sterngezelt. {83}
II.
Die
Reise des alten Braminen
von Balsora zum schwarzen Berg und dem gläsernen Thurm. {85}
In den Gebirgen von Südindien lebte einmal ein frommer Bramin in einer ganz einsamen, aber anmuthigen Waldgegend. Er hatte sich daselbst eine Hütte aus Palmenzweigen geflochten, sein Trunk war
Quellenwasser, und seine Nahrung bestand viele Jahre hindurch aus nichts, als Datteln, Wurzeln und Baumrinden. Seine liebste Beschäftigung fand er in seiner Unterhaltung mit Gott, den die Indier
auch Bramatma nennen. Er pflegte vor demselben, wenn die Sonne des Morgens wie eine Braut aus ihrer Kammer ging, auf sein Angesicht niederzufallen; und wenn sie des Abends im Meer, dem seine
Palmenhütte nah lag, mit röthlichen Strahlen unterging, so betete er den Herrn der Natur von Neuem an. In der Zwischenzeit aber war sein Thun und Trachten auf nichts, als auf Liebe und
Freundlichkeit gerichtet, und wenn ihn ein frommer Pilger, was oft geschah, in seiner Einsamkeit besuchte, so versicherte er denselben, das reinste von allen seinen Vergnügen sey das, was er aus
seinem Umgange mit Gott schöpfe. Er {86}
wußte viel davon zu sagen, wie ihm Bramatma zuweilen auf den Bergen begegne. So that er auch Meldung von den nähern Umständen, unter welchen ihm derselbe erschienen sey: bald als Perle am
rauschenden Strande des Meeres, bald als Glühwurm in der Finsterniß der Nacht und des Waldes, und rühmt' es zugleich mit Danken, daß er durch alle diese Gestalten stille himmlische Betrachtungen
in ihm erweckt habe. Von daher schrieb sich auch seine wiederhergestellte Verwandtschaft, wie er es nannte, mit aller Natur und Kreatur. Blumen, Pflanzen und Bäume betrachtete er nicht anders,
denn als seine Kinder, und pflegte ihrer mit wahrhafter Bruder- und Schwesterliebe. Er gab ihnen frisch Wasser aus dem Quell, so oft sie dessen bedurften, Morgens und Abends, und beschützte sie,
durch Anbindung, gegen den Sturm. Unter den Vögeln nahm er sich der kleinern gegen die großem, so oft die letztern jenen etwas anhaben wollten, an. Alle wilde Thiere hielt er durch Verzäunungen
ab, daß sie nicht in sein Gehege eindringen konnten. Daher waren denn auch alle Kreaturen so gut und zutraulich zu ihm geworden, daß die weißen Gazellen gezähmt um ihn herumliefen, und ihm
manchmal das Futter aus der Hand aßen, die Vögelchen aber, wenn er ausging, hüpften dem Freund ihres Geschlechts auf die Schulter, und sangen ihm jedes sein Loblied zu, so unge- {87}
künstelt, wie es ihnen der Schöpfer gelehrt hatte. Außerhalb des heiligen Waldes erstreckten sich ganze Ebenen voll Städte und Dörfer, wo ein jagdliebender Fürst herrschte. Wenn dieser nun
zuweilen Treiben hielt, so flüchteten sich die armen Thiere zu dem Braminen, und alle fanden in seiner stillen Gottesklause eine Freystätte vor ihrem Verfolger. Oft waren es ihrer Hunderte, die
sich um ihn versammelten, und ihr Zug glich völlig dem Zug der Thiere in die Arche Noah, besonders wenn der fromme Einsiedler in ihrer Mitte stand. Eines Tages nun ging derselbe nach derjenigen
Seite des Waldes, der sich in die unwegsamsten Felsen und Gebirge verlor. Er kam auf diese Weise ganz nach Norden, und verirrte sich so tief in die Wüste, daß er den Weg, der ihn zurückführte,
endlich selbst nicht wieder auffinden konnte. Zuletzt, da es schon finster zu werden begann, setzte er sich ganz ermüdet unter einen Cypressenbaum. Wie er unter demselben seinen Gedanken
nachhing, kam eine schöne weiße Gazelle, die ihn wie mit Menschenaugen anblickte, auf ihn zugelaufen. Sie blieb so verständig vor ihm stehen, sie neigte den Kopf so unverwandt nach seiner Seite,
als wenn sie sagen wollte: Komm und setze dich auf meinen Rücken! Der Einsiedler folgte wirklich auch dieser freundlichen Einladung, und vertraute sich der Führung dieses frommen Thieres. Kaum
aber saß {88}
er darauf, als es, anstatt den Weg wieder rückwärts zu nehmen, seine Füße immer weiter vorwärts richtete, und mit flüchtigen Läuften durch das Labyrinth des grünen Waldes sprang, so auch, daß es
zuletzt, und immer weiter in die jenseitige Gegend eindringend, den guten Alten durch die unwegsamsten Pfade und abgelegensten Fußsteige unaufhaltsam fortriß. Endlich hielt es stille, und wie der
alte Bramine sich umblickte, stand ein prächtiger Palast vor seinen Augen da, der aber nicht das Ansehn hatte, als ob er Menschenhänden seinen Ursprung verdankte, sondern vielmehr aussah, als
hätten ihn Engel aus Perlen, Krystallen und Morgenröthe zusammengebaut. Die Säulen schienen nämlich von unabsehlicher Höhe und aus dem Ganzen gearbeitet, eben so Kuppel und Thore des Palastes;
während die Decke im tiefsten und angenehmsten Lazurblau erglänzte und gleichsam in den Himmel verschwamm. Sie bewegte sich zugleich, wie in lebendigen Angeln, und war wie mit lauter Steinen
eingelegt.
Eine Weile stand der gute Eremit mit ehrerbietigem Stillschweigen an dem Eingang dieser himmelhohen Pforte; dann faßte er sich ein Herz, und ging durch die Vorhallen hinein in den Tempel, wo eine
neue Welt sich seinen erstaunten Augen eröffnete. Hier kam er nämlich zuerst in ein großes, aus grünen Laby- {89}
rinthen entstandenes Gewölbe, mit den verschiedensten Irrgängen, die aus Blumen, Pflanzen und Bäumen, als aus so vielen lebendigen grünen Schlangen zusammengeflochten waren. Die Decke bildeten
auch hier Sterne, die aber dabey das Eigene hatten, daß sie zuweilen mit hellerm Licht auffunkelten, dann plötzlich herunterfielen, und, in den Schoos der Erde Wurzeln schlagend, sogleich als
Blumen und Pflanzen geruhig fortwuchsen. Lange Reihen von brünstig verschränkten Palmbäumen, die, zauberisch vom Monde beleuchtet, einzelne Gruppen darstellten, zogen sich an einem langsam
schleichenden Fluß hinunter, und da schon die gewöhnliche Bildung dieser Baumart eine auffallende Ähnlichkeit mit menschlichen Gliedmaßen besitzt, so gemahnten ihn vollends die Gelenke dieser
Palme überall wie lebendig emporgewachsene Menschenhände. So jung und zugleich so alt, begrüßte er in jeder dieser Pflanzen ein eingeschlafenes Kind, das seine Hände im Schlaf zum Himmel
emporstreckt, und wenn sich ihre Blätter im Mondschein regten und zitterten, so glaubte er, daß sie nächstens auch, wie Kinder, weinende Laute von sich geben, reden und athmen müßten. Die
Vermuthung, daß dieses ein Zauberwald sey, worin er sich verirrt hatte, bestätigte sich immer mehr und mehr, als er an der entgegenstehenden Seite des Flusses ganz andere Bäume gewahr wurde, die,
auf die geringste Berührung, {90}
gleichsam als ob sie eine Verletzung in ihrem Innern erlitten hätten, sich in sich selbst zurückzogen, ja sogar mit ihren empfindlichen Blättern und Laubwerk gleichsam, wie eine kolossale
Sinnpflanze, eine Art von zauberhaften Fallen und Klappen bildeten, wo man sich ausnehmend in Acht zu nehmen hatte, daß etwa die Hand nicht von ohngefähr in diese geheimen Gänge kam, weil
dieselbe sofort magisch angezogen und festgehalten wurde. Auch sah er eine Menge riesenförmig gebildeter, baumartiger, grüner Wesen, die völlig Arme hatten, und mit denselben in dem Flusse
fischten, und die Nahrung, die sie fingen, einer Oeffnung, die wie ein Mund gestaltet war, zuführten. Zuletzt, als er seine Gazelle an einen von diesen Bäumen anbinden wollte, drang sogar ein
tiefer Klagelaut aus der Wurzel desselben hervor, gleichsam als ob ihm ein Leid geschähe, oder eine Verletzung widerführe, so oft der mit einem Seile befestigte Zaum einen Ruck that; ein Umstand,
den der heilige Mann kaum mit Schaudern bemerkte, als er auch sofort seine Gazelle losband, und sie mit dem Baume zugleich in Freyheit setzte. Da der Pfad nun ohnedieß immer wilder und
verwachsener wurde, so daß nicht mehr als eine Person auf demselben gehen konnte, so faßte er den Entschluß, sie von nun an frey und ungehindert hinter sich herlaufen zu lassen. Seine fromme
Gefährtin fand sich auch sehr {91}
bald in diese Gewohnheit, und so schritten sie mehrere Stunden hinter einander fort. Endlich eröffnete sich der Pfad aufs Neue, und wie in einem Waldrevier, wo das Wild gehegt wird, und die
Wildbahnen aus den verschiedensten Enden zusammenlaufen, bis zuletzt für das Auge in der Mitte eine schönere und freyere Aussicht gewonnen ist, so geschah es auch hier den überraschten Blicken
des Einsiedlers, als sich derselbe aus dieser wildphantastischen Wald- und Blumenkammer plötzlich in eine andere und mildere Region versetzt sah, und auf einen Platz gelangte, wo lauter so eben
im schönsten Aufblühn begriffene Rosenbüsche ihm von allen Seiten entgegen dufteten. Er bewunderte noch die Pracht ihrer Farben, so wie die Herrlichkeit ihrer Wohlgerüche, als auf einmal einige
dieser Blüthen sich von der Umgebung ihres Stockes ablösten, Vögel wurden, und in hellen Haufen davon flogen. Diese Rosenvögel sangen recht anmuthige himmlische Lieder, und was unsern frommen
Braminen fast noch wunderbarer als diese Verwandelung bedünkte, unter dem mächtigen Rosenbusch, wo alles dieses vorging, lag ein schlafender Jüngling von reizendem Ansehn, der diesen
Himmelsliedern aufmerksam zuhörte, ohne daß er jedoch davon zu erwachen schien. Desselben Haare liefen sämmtlich in grüne Ringeln aus, und waren tief in die Erde eingewachsen, ja man glaubte zu
bemerken, {92}
daß sie Wurzeln schlügen, während daß die Sterne gar nicht ermüdeten, auf ihn im Schlafe zu fallen, ihn zu bedecken, und aus ihrem Funkenregen um und neben ihm neue Blumen zu entzünden. An den
grünen Ringeln, worein die Haare des Jünglings ausliefen, waren auch Weintrauben gewachsen. Der Bramine versuchte es, einige derselben abzupflücken; aber kaum, daß er die Hand darnach
ausgestreckt, so fühlte er in demselben Augenblick einen lebendigen Widerstand, der an ihn, als ein fremdes Wesen, von unerbetener Nähe erging, und ein gleichsam tropfbares Blut, das sich aus den
angerührten Trauben ergoß, und die krystallnen Gewässer des unten fließenden Baches roth färbte, mahnte ihn dringend und wehmüthig von allen fernern Versuchen abzustehn. Die Reben der Weinberge
streckten zu gleicher Zeit all' ihre Ranken so inbrünstig nach ihm aus, als ob sie ihn auf ewig umarmen und festhalten wollten; einen Augenblick kam es ihm wirklich vor, als sey es ihnen damit
gelungen, und als wär' er schon ein Theil ihres Wesens geworden und mit den andern Reben in eins gewachsen. Erschrocken wich er zwar einige Schritte zurück, aber ganz bemeistern konnte er doch
nicht das unwiderstehliche Gefühl, das ihn immer auf's Neue zu dem schlafenden Jünglinge unter den Rosengebüschen hinzog. Der Mond schien mit mildem Licht in die sanfte Dämmerung, wo er schlum-
{93}
merte, und rings um ihn war es so stille in der abendlichen Natur, daß man die Baumuhr schlagen, die Spinnen weben, und die Rosen wachsen hörte. Der Zustand des schönen Schläfers, und daß er so
allein in dieser obwohl anmuthigen, schönen, dennoch so wilden Einöde dalag, erregte das innerste Bedauern des Braminen. Er versuchte es, ihn auf alle Weise zu ermuntern und aufzurütteln, aber
vergebens, sein Schlaf schien unerwecklich zu seyn.
Als er sah, daß er ihm doch nicht helfen konnte, begab er sich bedachtsam in ein zweytes Zimmer, desselben Wegs, wohin ihm die Rosenvögel voranflogen. Er folgte den schwärmenden auf dem Fuße
nach, aber auf einmal verlor er sie aus dem Gesichte, und zugleich stand er auf einem fast unabsehlich hohen Berge, der über und über wie mit schwarzen Steinen besät war. An demselben sah er eine
Tafel angeschlagen, auf welcher zu lesen stand: „Wer diesen Berg ersteigen will, der sehe sich nicht um, weder rechts noch links, sonst wird er in einen Stein verwandelt.“ So heftig er auch über
diese Drohung anfangs erschrak, so faßte er dennoch sogleich den Entschluß, dieses Wagestück zu bestehn, und den Berg, der unzählige Stiegen hatte, muthig hinauf zu schreiten. Freylich setzte er
sich dabey fest in seinen Gedanken vor, auf dieser seiner Wallfahrt weder rückwärts, {94}
noch seitwärts zu blicken. Zwar, was ihn rückwärts erwartete, wußte er so genau nicht; aber seitwärts brauste ein unermeßliches Meer, und wusch die Kiesel mit einem so heisern und schauerlichem
Geräusch, daß dadurch das tiefe Stillschweigen dieser Wüsten und Einöden, wie durch hundertfältige Echos unterbrochen und verdoppelt, nur noch schrecklicher wurde. Weiter unten erhub sich aus den
Vertiefungen schwarzer Klippen ein so steiler und unzulänglicher Bord, daß das Auge, so oft es davon abglitt, mit dem gefährlichsten Schwindel befallen wurde. Er hatte noch kaum ein Paar Stufen
von dieser unsichtbaren Himmelstreppe zurückgelegt, so erklang hinter ihm her eine Menge von rufenden Stimmen; sie waren immer dicht in seinem Rücken; sie verfolgten ihn gleichsam auf den Fersen.
Er konnt' es freylich nicht vermeiden, daß sie ihm allerley gute und böse Dinge in's Ohr sagten. Einige schalten, andere droheten, noch andere ermunterten; die Zahl der letzten aber schien die
bey weitem geringere zu seyn. „Was willst du hier? Was hast du bey uns zu suchen?" so ging es unaufhörlich, und gleichsam in einem hitzigen Wechselgespräche fort. — „Wie darfst du, als ein
schwacher Sterblicher, dich auf den Gipfel dieses alten Zauberberges wagen? Wir werden dich unterwegs zerschellen! Wir werden dich auf die spitzigen Klippen des Meeres herabschleudern! {95}
Wir werden dich spießen! Wage es nicht, einen Schritt weiter zu gehn! Wisse, daß man eine Flaumfeder, oder ein Spinnengewebe seyn muß, um aus diesen unermeßlichen Höhen, die keines Menschen Aug'
ermißt, mit unzerschellten Beinen und Gliedmaßen herunter zu kommen!" Dabey knisterte es einmal um's andere in sein Ohr, wie wenn eine Flamme, die ihm bereits die Haare versengte und deren heißer
Widerschein ihm Wangen und Gesicht röthete, plötzlich in seine Nähe käme. Ein andermal brauste es so natürlich hinter ihm, wie ein mit unruhigen Wellen anwechselndes Meer. Anscheinend gutherzige
Stimmen ließen sich auch wohl zwischendrein vernehmen und riefen ihm zu, ob er sich denn nicht retten, ob er denn die Augen nicht eröffnen und sehen wollte, daß das Wasser ihm bereits bis an die
Hüften ginge? das Feuer ihm bereits die Haare von seinem Wirbel ergriffen und mit feurigem Brand verzehren wolle? Schon stand der erschrockene Einsiedler, da er dieß hörte, im Begriff, seine
Blicke rückwärts zu wenden, als ihm noch gerade zur rechten Zelt sein am Fuß des Berge abgelegtes Gelübde wieder in den Sinn kam. Er ließ sich dem zu Folge weder durch die scheltenden noch
warnenden Geister irre machen, sondern setzte seinen Weg getrost durch sie hindurch, bis zum Gipfel des Bergs, von Stufe zu Stufe weiter fort. So befand er sich zuletzt {96}
mit seiner Gazelle vor einer steilen Felswand, wo der Weg so schmal auslief, daß kein Fuß, geschweige denn ein Mensch neben dem andern genugsam Platz hatte. Von ungefähr nickte auf der einen
Seite des Gesteins aus den weitgähnenden Spalten desselben ein wildes Rosengebüsch hervor. Schon war das muntre Thier unsers Eremiten an der gefährlichsten Stelle glücklich vorbeygelangt, als es
noch einmal, sey es aus Lüsternheit, oder von Hunger getrieben, seinen schönen Hals umwandte, um ein liebliches Röschen, das allzulöckend seinen Appetit versuchte, abzupflücken. In demselben
Augenblick hörte der alte Einsiedler etwas hinter sich fallen; er wollte dem Grund dieses Geräusches so eben nachspüren, als ein schwarzer Stein zwischen seinen Füßen rollte. Leider war es die
arme Gazelle, die sich umgesehn, und alsbald zur Strafe für ihre Neugier in einen schwarzen Stein verwandelt worden war. Dem Einsiedler traten bey diesem herben Schicksale seines armen Thieres,
mit welchem ihn eine süße und fromme Gewohnheit verband, die hellen Thränen in die Augen. Er bückte sich ein klein wenig, hub den Stein treuherzig auf, und verwahrte ihn in seiner Reisetasche.
Nach und nach aber und je höher er auf den Zauberberg kam, wurde ihm derselbe so schwer, daß er ihn kaum ertragen konnte. Die Gegend artete hier, je länger, je mehr, in eine furchtbar grausende
{97}
Thierwildniß aus. Er vernahm hinter sich das verödende Heulen ungastfreundlicher Wölfe und Hyänen, beydes im ungestimmtesten Waldchor, das donnernde Selbstgespräch des Löwen, vermischt mit dem
Trompeten des Elephanten und der mürrischen Ansprache des Bären, dieses einsamen Waldklausners. Wohl wäre es unter diesen Umständen eine verzeihliche Neugierde gewesen, sich nach diesen mit so
großen Schrecken auf ihn eindringenden Gegenständen umzusehn; aber der fromme Mann besiegte sich doch, und wußte bey jedem schreckbaren Eindruck Herr seiner selbst zu bleiben. So gelangte er
endlich auf den Gipfel des Zauberberges, in einer von matten Zwielichtern erhellten Grotte an, wo das erste, was sein Auge gewahr wurde, wieder derselbe schlafende Jüngling war, den er schon
unten in der Pflanzen- und Blumenkammer zwischen den Rosenvögeln beklagt, bewundert und betrauert hatte, und den er, trotz aller angewandten Mühe, von seinem Schlaf nicht hatte wecken können. Es
waren völlig die nämlichen sanften, einnehmenden Züge, dasselbe herzgewinnende Lächeln, was seine Lippen umschwebte; nur mit dem Unterschied, daß seine Haare diesmal nicht in Ringel von Pflanzen
und Blumen, sondern in lauter zackichte Aeste von Korallen und Seetang ausliefen, die sich in die unergründlich brausende Meerestiefe vertieften, und in dessen schäumendem Abgrund {98}
eine bleibende Stäte suchten. Er sah ferner ganz deutlich, wie die Seegewächse sich an den schönen Schläfer heranschlängelten und heranrankten; so auch, wie die Steinigel und andere Schaalthiere
des Meergrundes zwischen dem Korallengeflechte seiner Haare hin und her schlüpften und der schlafende Jüngling so wenig davon erwachte, wie etwa ein entschlafener Hirt, oder Landmann zur
Sommerszeit auf dem Feld erwacht, wenn ihm ein harmloses, grünes, kaum sichtbares Würmchen von irgend einem Grashalm oder Heuschober im Schlaf angeflogen ist. Im Gegentheil träumt derselbe auf
das angenehmste fort, und erlaubt der kleinen artigen Creatur gern die muthwilligen Spiele, die sie auf seiner Stirn und auf seinem von der Sonne gebräunten Gesicht mit unschuldiger Verwegenheit
vornimmt. Hier ist der Ort, auch eines Abenteuers zu gedenken, das dem guten Braminen gleich am Eingange dieser Wundergrotte begegnete, und das durch seine Folgen die Reisetasche, die er auf
seinen Schultern trug, und worin sich schon die versteinerte Gazelle befand, noch um ein Paar Steine schwerer machte. Einige von den schwärmenden Rosenvögeln nämlich, die mit ihm gezogen, und bis
dahin auch, glücklich genug, ihm zur Seite geblieben waren, ließen sich, schon ganz zuoberst mit ihm angelangt, von dem verführerischen Gesang einiger vermeinten Rosenvögel des Zauberberges,
{99}
die aber nichts, als schwarze Steine waren, thöricht verlocken, ihr Köpfchen nach der Gegend, wo dieser Lockgesang herkam, umzudrehn, und siehe da! auch sie betraf in dem nämlichen Augenblick das
traurige Geschick, daß sie, in eine Art von rosenrothen Steinen verwandelt, dem guten Braminen vor die Füße sanken. So sehr auch dieser unerwartete Zufall ihn von Neuem rührte, so behielt er
dennoch Fassung genug, auch diese Steine aufzuheben, sie in seine Reisetasche zu stecken, und so seine Wallfahrt ungestört weiter fortzusetzen. Nach Erreichung des höchsten Gipfels vom
Zauberberge war dem frommen Greis nun auch eine freyere Aussicht auf dessen gänzliche Umgebungen vergönnt. Er bedachte sich nicht lange, von dieser schönen Freyheit Gebrauch zu machen. Das erste,
was sich hier seinen Augen darbot, war eine unzähliche Menge von Menschen, Thieren, Vögeln, Pflanzen, die alle gleichsam auf derselben Wanderung, wie von einem unerklärlichen Zauber gebunden,
begriffen waren; aber die wenigsten erreichten das ihnen vorgesteckte Ziel, sondern, indem sie, von einer verderblichen Neugierde befallen, wie die Rosenvögel, oder wie die Gazelle, sich gleich
im Anfang, oder aus der Hälfte des Weges, umblickten, wurden sie plötzlich verwandelt; einige in Steine, andere in Conchylien, wieder andere in Wasserpflanzen, Seetang, Corallen und noch wüstere
Gewächse. Eini- {100}
gen derselben gelang es zwar, sich in so weit loszumachen, daß sie nicht wie die Bäume an dem Boden des alten Zauberberges verhaftet blieben, sondern als Fisch und Schaalthiere mit etwas freyerer
Bewegung in den Fluthen umherschweifen und athmen konnten. Alle jedoch, ohne Ausnahme, hatten, gleichsam zum Angedenken ihres vorigen Zustandes, und daß sie am alten Zauberberge gewesen waren,
eine gewisse steinigte und pflanzenartige Beschaffenheit beybehalten; wie denn dieses besonders die Schaalen der Austern, die Steine der Baumfrüchte, ja selbst die Haare und Knochen der Thiere
auf das deutlichste an den Tag legten. Denn die Natur pflegt bey allen ihren Hervorbringungen stets nach einer gemeinschaftlichen Regel und Richtschnur zu Werke zu gehen. Als der fromme Mann sich
genug an diesem Spiel der wechselseitigen Erscheinungen und Verwandlungen ergetzt hatte, setzte er seinen Weg in der wundervollen Steingrotte, wo der schlafende Jüngling lag, in immer tiefern
Abstufungen fort. Zuvörderst kam er nun in einen krystallnen Gang, der ihn unter das Meer führte, und worin er sich so sicher, wie ein Taucher in seiner Glocke, nach allen Selten umsehen konnte.
Was er hier gewahr wurde, will ich euch treulich berichten, gleichwie er es mir, dem Abulfed, dem Sohn Abenadads, berichtet hat. {101}
Das Wasser des Meeres stand in zwey Bergen erhöht, in der Mitte des großen krystallenen Ganges, über und neben einander; welches jedoch keineswegs verhinderte, daß er nicht selbst unversehrt und
trocknen Fußes hätte hindurch gehen können. Wie er diesen Weg verfolgte, kam er in eine große schöne geräumige Corallenstadt, an welcher eine Menge ämsiger Werkmeister seit der Sündfluth
geschäftig fortbaueten. In der Nachbarschaft derselben nöthigte der sinnvolle Bau von grauen Steinkorallen, die ihre eignen Maurer geworden waren, und ihre Säulen und Stäbe recht kunstgemäß
aufführten, seinen Augen eine neue Bewunderung ab. Die Vorfahren derselben hatten sich zwar seit Jahrhunderten schlafen gelegt, aber die spätesten Nachkommen waren ihren ersten Anordnungen im
Bau, und das im schönsten Ebenmaaß, getreu geblieben. Eine neue Insel stieg soeben aus diesen unterirdischen Werkstätten hervor; an der alten strandeten längst Schiffe, Schornsteine rauchten;
Menschen und Thiere bewohnten ihre Oberfläche, und keins derselben ahndete die Spuren ihres ersten mühsamen Ursprungs. Die Steinigel von allerley Farbe und Größe, eigentlich nichts anders, als
belebte Steine, bedienten sich ihrer Stachel statt der Füße zum Gehen, und spazierten so ruhig auf dem Grund des Meeres herum, als ob es ein festes Land wäre. Dazwischen regte ein ungeheu-
{102}
res Medusenhaupt, oder ein sogenannter Seestern, der wohl funfzig Ellen in die Länge und eben so viel in die Breite fassen konnte, seine hundertarmigen Gliedmaßen. Er streckte seine eßbegierigen
Fänge nicht anders nach unserm Pilger aus, als gedächte er ihn mit eben so leichter Mühe hinwegzufischen, wie wir sehen, daß oftmals ein Polyp, der in einem Graben auf einer Wasserbinse sitzt,
ein kleines, ihm im Abendstrahl zufliegendes Sommerwürmchen hinwegschnappt, das sich allzuunvorsichtig seinem Kreise genähert hat. Aber alle diese, wie noch andere, zum Theil sehr heißhungrige
Scheusale des Meeres konnten ihm so wenig auf seiner erleuchteten krystallnen Treppe, auf seinem verborgenen lichthellen Gange etwas anhaben, als sie dem schlafenden Jünglinge Herzleid zufügten,
dessen Bild sich noch immer in hundert, ja tausendfältigen Abdrücken gleichsam durch alle Abgründe der unermeßlichen Wasserkammer widerspiegelte, und in den angenehmsten Erscheinungen recht
phantastisch hin- und herschwankte. Endlich neigte sich der krystallene Wundergang zu Ende; aber neue Zauberlabyrinthe, unter dem Meere und im tiefsten Schooß der Erde, wo das Auge nie hoffen
durfte, wenn es sich einmal mit ihnen befreundete, das Licht des Tages wieder zu erblicken, nahmen die Wißbegierde unsers frommen Pilgers auf's Neue in Empfang. In diesen, vielleicht seit der
{103}
Schöpfung unaufgedeckten Tiefen bemerkte das Auge künstlich angelegte Gänge, unterirdische Kammern, Gewölbe, und säulenförmige Decken, und aus denselben die schönsten künstlichsten Gewächse und
Blumen, aber alles aus Stein, oder Krystallen, hervorgewachsen; ganze Bogengänge, wie Gärten mit den lieblichsten Früchten von Rubin und Smaragden behangen, erhoben sich aus diesen freyen Anlagen
der Natur, und verbreiteten einen so milden Schimmer um sich her, daß sich das Auge desselben gar nicht ersättigen konnte. Aber diese freudige Bewunderung unsers Braminen machte bald einer höhern
und schönern Empfindung Raum. Es versank derselbe mit seinen Betrachtungen in eine stille Anbetung der Natur, die, viele tausend Klafter unter der Erde, hier gleichsam in tiefer und ungestörter
Einsamkeit, wo kein menschliches Auge hinkömmt, das sie bewundert und belauscht, so lieblich und so bezaubernd zugleich mit sich selbst spielt, und nicht müde wird, solchen himmlischen Schmuck zu
ihrer eignen Freude mit vollen Händen recht verschwenderisch auszustreun. Am Ende dieses Zauberpalastes leuchtete etwas, das in der Entfernung wie eine schöne, von dem reinsten und gediegensten
Golde verfertigte Lampe aussah, das er aber, wie er näher darauf zukam, alsbald für einen goldnen Schlüssel erkannte. Ueber demselben hing eine Tafel. {104}
An dieser las man die Worte: „Dieser Schlüssel schließt alle Thüren." Alle? sagte der Bramine, wohlan, so will ich dich von der Wand herunterlangen, und einen Versuch mit dir machen! Und wie er
dieses that, ließ sich auch alsbald aus der Wand, wo er hing, ein sanftes und liebliches Getön vernehmen. Der Bramine ergetzte sich ein wenig an diesen Silberlauten und ging darauf mit seinem
goldnen Schlüssel weiter fort; denn er gedachte also bey sich: Wer weiß, ob es nicht vielleicht hier unter dem Meere auch einen Ausgang aus dem alten Zauberberge gibt! Und da ich nicht Kräfte
genug besitze, denselben Pfad, den ich gekommen bin, zum zweytenmale wieder zurückzulegen, auch keine Gazelle, die mich tragen kann, in der Nähe ist, so werd' ich denn in diesen
Zauberlabyrinthen, die so weit von dem Bereich der Menschenstimme, und ihren Wohnungen entfernt sind, um nicht vergeblich nach Hülfe zu rufen und zuletzt umzukommen, mich wohl nach einem andern
Ausweg umsehen müssen. Er hatte diesen Gedanken noch kaum gedacht, als ihm auch schon eine kleine Thür in die Augen fiel, mit einem Schloß, von der Größe, daß es ihn alsbald versuchte, dasselbe
mit seinem Schlüssel aufzuschließen. Und siehe da! seine Hoffnungen fanden sich auf das schönste belohnt; der Schlüssel paßte wirklich, die Thür ging auf, und mit wenigen Schritten stand unser
Pilger plötzlich, {105}
dem Reich der Unterwelt und der Schatten entrückt, im Freyen da, und genoß des herrlichen Anblicks der grünen Berge und der Gestirne wieder, dessen er so lange hatte entbehren müssen.
Wie aber Niemanden ein völlig ungestörter Genuß seines ihm zugetheilten Glückes beschieden ist, so erging es auch diesmal dem frommen Braminen. Denn indem er sich noch mit voller und trunkener
Seele an dem goldnen Anblick der ihm nun wiedergeschenkten Himmelsschätze berauschend labte und an dem Orte, wo er sich befand, mit Vergnügen dieselbe schöne Wildniß in sein Gedächtniß wieder
zurückrief, von welcher seine Wanderung ausgegangen war, und wo die Manglibäume eine so kühne verwachsene Brücke über den Fluß geschlagen hatten, spielte ihm ein Zugwind einen unvermuthet bösen
Streich, und warf die unterirdische Thür so schnell in ihr Schloß, daß er selbst des goldnen Schlüssels, den er aus Unbedachtsamkeit hatte stecken lassen, dadurch verlustig wurde. Anfangs
bekümmerte ihn dieser Zufall über die Maßen, aber, längst daran gewohnt, allen Schickungen eine leidliche Seite abzugewinnen, faßte er auch hier alsobald den männlichen Vorsatz, noch tiefer in
jene Wildniß einzudringen, und über die himmelhohe Brücke aus Manglibäumen, die mit den stolzesten Bogen den Fluß überbauete, sich in's jenseitige Zauberland einen Weg zu bahnen. Hier {106}
war er aber noch keine Stunde gegangen, als plötzlich eine große schwarze Tafel sein Auge durch eine sinnige Inschrift in Anspruch nahm, in welcher unter andern die merkwürdigen Worte enthalten
waren: „Diesen Weg wandelt nur die Liebe." Und welchen Weg meint der Inhalt dieser Worte? sagte der fromme Pilger zu sich selbst. Als Antwort auf diese Frage zeigte ihn eine daselbst erhöhte Hand
auf einen schmalen Steig, der von beyden Seiten mit Wäldern eingefaßt, einen hohen Berg heranlief, auf dessen höchstem Gipfel sich ein noch höherer gläserner Thurm erhub, dessen Glanz, da ihn
eben die Sonne beschien, dem Auge eine unleidliche, ja fast schmerzliche Blendung verursachte. Quer über den Fußpfad, der zu ihm führte, schritten drohende Larven von Panthern, Leoparden, Löwen
mit todfunkelnden Augen und majestätischen Mähnen hin und her. Ganze Haufen von bunt gefleckten Schlangen, einen gold geschuppten Schlangenkönig mit einem Purpurkamme in ihrer Mitte, alle von
ungeheurer Größe, lagen in der Sonne und schlängelten sich in gefährlichen Ringeln. Als der Bramin bey diesem schrecklichen Schauspiel die Tafel noch einmal überlas, und sodann prüfend in seinem
Herzen bedachte, ob er denn auch immer wahrhaft geliebt habe, fiel ihm Manches ein, das ihn beruhigen konnte. Er gedachte zuerst, wie so sorgsam er immer der Blumen {107}
um seine Hütte gewartet und gepflegt, wie liebreich er alle verfolgten Thiere gegen die unbändige Jagdwuth jenes indianischen Fürsten geschützt und geschirmt hätte, und je nachdem diese
Erinnerungen lebhafter in ihm wurden, war auch sein Entschluß gefaßt, nämlich den furchtbaren Glasthurm, trotz seiner Belagerung von Schlangen und Ungeheuern, in Bramatma's Namen anzutreten.
Zuvor konnte er aber freylich sich nicht enthalten, als er die mühsam steile Anhöhe in Erwägung zog, die ihn erwartete, an seine liebe kleine weiße Gazelle zurückzudenken, die ihm allerdings auf
dieser beschwerlichen Wanderung die erfreulichsten Dienste geleistet haben würde. Zugleich trieb ihn ein unwillkürliches Gefühl, den schwarzen Stein, in welchen sie verwandelt worden war, aus
seiner Reisetasche hervorzulangen und ihn mit heißen Thränen zu benetzen. Dadurch wurde derselbe nun bald so heiß, daß er sich bald siedend anfühlte, und daß ihn der gute Bramine plötzlich aus
seinen Händen mußte fallen lassen. Zur nämlichen Stunde zog sich unter seinen Füßen ein weißes Wölkchen empor und ballte sich künstlich zusammen; darauf und wie sein Auge ihn deutlicher in dem
Nebel, der ihn gestaltend umgab, unterscheiden lehrte, sah und erkannte er die zierlichen Gliedmaßen seiner lieben Gazelle wieder, die vor ihm stand, und die ihn mit ihren freundlichen,
sonnenhellen Augen nicht nur auf die ge- {108}
wohnte Weise anlächelte, sondern ihm auch auf’s Neue einen Sitz auf ihrem Rücken zusicherte. Der Bramin, wie man leicht denken kann, ermüdet wie er war, bedachte sich auch nicht lange, von diesem
gefälligen Anerbieten Gebrauch zu machen, und kaum daß er auf ihr saß, so trabte die Gazelle so flüchtig mit ihm fort, als ob sie Flügel des Windes an ihren Füßen hätte. Vom Instinkt geleitet,
nahm sie einen kleinen Umweg, gleichsam jenen drohenden Raubthieren, welche die Heerstraße von allen Seiten belagerten, auszuweichen. Bald mußte sie jedoch unverrichteter Sache zu dem alten Orte
wieder zurückkehren; denn schroffe Felsenwände hemmten überall den Ausgang, und es zeigte sich nun, daß nur Ein Weg zu dem hohen Glasthurm sey, derselbe, dessen Zugang, mit den
augenscheinlichsten Gefahren verknüpft, von jedem Wanderer errungen werden mußte. Wie aber die Herzensgüte einen Hauptzug in dem Charakter des guten Braminen ausmachte, so gedachte er so bey sich
selbst: „Wenn ich auch ein Opfer jener grausamen Schlangen, Leoparden und Tiger werden sollte, so will ich wenigstens zuvor meine liebe kleine Gazelle vor ihrer blutdürstigen Wuth in Sicherheit
bringen." Somit führte er sie weit zurück in ein lachendes Thal, wo muntere Lämmer grasten und Friede und Sicherheit wohnten. Daselbst ließ er sie laufen, und ging allein durch die {109}
Wildniß auf die Panther, Tiger und Leoparden los. Wie groß war aber nicht seine Verwunderung, als die Löwen, die ihm zuerst begegneten, anstatt ihn zu zerreißen, freundlich ihre Mähnen
schüttelten, und wie alte Bekannte auf ihn zukamen, ja sogar sich ihm zu Füßen legten. Die Zahmheit dieser von Natur so blutdürstigen und wilden Creaturen setzte den Braminen in kein geringes
Erstaunen; und dieß erhielt noch einen neuen Zuwachs durch den Umstand, daß er in einem dieser Löwen gerade den nämlichen wieder erkannte, den jener grausame, jagdliebende Fürst, in dessen
Nachbarschaft seine Palmhütte lag, in einem Behälter gefangen führte. Der Grund, warum er diese edle Creatur einem schmachvollen Zustand unterwarf, mochte wohl dieser seyn. Er wollte ihn mit
Gewalt dazu abrichten, daß er, von Hunger angetrieben, lebendige Thiere anfallen und vor seinen Augen zerreißen mußte. Aber der fromme Bramin, dem dieses fühllose Verfahren ein Gräuel und Anstoß
war, schlich sich heimlich in der Frühe zu dem Käfig des Löwen und brachte ihm jedesmal heimlich sein Futter. Als der grausame Fürst dieses in Erfahrung gebracht, gerieth er in eine solche Wuth
auf den guten Alten, daß er ihn dem Löwen, nachdem dieser drey Tage gehungert hatte, zur Speise vorwerfen ließ. Aber was geschah! Dieser erkannte in ihm alsbald seinen Wohlthäter, und anstatt
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ihn zu verschlingen, erzeigte er ihm alle nur mögliche Freundlichkeit. Er legte sogar seinen Kopf in den Schooß des Braminen und entschlief so sanft und unbesorgt, wie ein Löwenhündchen, das den
Kopf in den Schooß seiner Gebieterin legt. Da der indianische Fürst von dieser Freundlichkeit der Löwen gegen den guten Braminen vernahm, erschrak er gar heftig, und befahl den Wärtern der Löwen,
daß sie den Käfig aufschließen, und den frommen Mann sogleich herauslassen sollten, was auch geschah. So schenkte er zu gleicher Zeit dem Braminen den ganzen schönen Wald zum unbeschränkten
Besitz und Eigenthum, wo er seinem Triebe zu göttlichen Betrachtungen in ungestörter Ruhe nachhängen konnte, und, was noch mehr war, er gelobte ihm auf das Unverleuglichste, nie dieses Gebiet mit
dem wilden Lärm der Jagd zu betreten und dessen heilige Sabbathstille zu unterbrechen. Darum ließ er es auch sofort mit einem schirmenden Gehege einfassen, das ihn selbst, wenn er in jenen
Gegenden der Jagdlust pflegte, an die Umkehr erinnerte. In der Folge mußte auch jener Löwe ein Mittel gefunden haben, um aus seinem Kerker zu entkommen, und wie ihn der fromme Bramine auf dem
Wege zum Glasthurm antraf, so erkannte er ihn alsbald wieder, und erntete so die Früchte seines Mitleids. Voll Vertrauen auf den Schutz des mächtigen Waldkönigs, dem {111}
alle Thiere des Feldes zu huldigen gewohnt sind, trat er nun aufs Neue seine Wanderung zu dem Glasthurm auf der von den gefährlichsten Feinden umlagerten Straße an, und nahm dahin auch seine
kleine Gazelle mit. Das gute und harmlose Geschöpf war anfangs über den ungewohnten Anblick dieser vermeinten wilden Raubthiere, ihre funkelnden Augen und ihre gelben Mähnen, nicht wenig
verschüchtert; aber nach und nach verlernte der mächtige Instinkt seine warnende Einwirkung. Tiger, Leoparden und die andern Bewohner der Wüste, wichen voll Ehrfurcht zurück, sobald sich der
Bramine, die Gazelle und die Löwen ihren Augen in einiger Entfernung zeigten. Nur der Schlangenkönig streckte aus seinem bunten Schlangenhaufen zischend seinen Purpurkamm hervor, und bedrohete
den frommen Eremiten, wie er auf seiner Gazelle saß, mit seinem zweygespitzten, giftigen, gabelförmigen Stachel. Aber die Gazelle floh so schnell sie konnte, noch ehe dem frommen Braminen eine
Verletzung an seinem Körper durch diese blindgebornen Würmer widerfahren konnte. Zu gleicher Zelt schlug sich der Löwe ins Mittel, und bestand muthig einen Kampf mit dem ganzen in Aufruhr
gerathenen Schlangengezücht. Diese augenblickliche Abwesenheit seines Freundes und Beschützers mochte ein tückischer Tiger bemerkt haben; denn er sprang sogleich mit funkelnden Augen aus dem
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Hinterhalt eines Busches auf ihn zu, und gedachte ihn so mit der Gazelle zugleich zu verschlingen, eh es irgend jemand gewahr wurde. Aber die Gazelle mit ihren flüchtigen Läuften setzte auch
diesmal im gewagtesten Sprunge über Hecken und Gräben, durch Sümpfe und Flüsse, ohne daß sie der blutdürstige Tiger einhohlen konnte. Endlich aber erlag ihre Kraft dem Verfolger und schon hörte
das erschrockene Ohr des frommen Braminen ganz nahe das Wuthgeschrey des blutdürstigen Tigers, als er noch zur rechten Zeit, gleich zur Linken einer unermeßlichen Sandwüste, einen schönen,
himmelhohen, grünenden Baum sah, auf den er nun geradewegs seinen Lauf zuhielt, und ihn auch glücklich genug erreichte. Am Fuß desselben sprang er ab, und erstieg seine Zweige und Krone so
behend, als wäre die ganze Munterkeit der Jugend in seine Gliedmaßen zurückgekehrt. Als der Tiger so inne wurde, daß er seine Beute verfehlt hatte, stand er sogleich von der Verfolgung des
Braminen ab, und auch die Gazelle, die ebenfalls durch das Abspringen ihres Herrn erleichtert, freyeres Feld gewann, kam ihm darüber glücklich aus den Augen. Indeß der Bramine oben im Gipfel des
Baums über seine wunderbare Rettung nachdachte, und sein Herz dabey voll inniger und dankbarer Rührung gegen die Vorsehung erfüllte, wurde derselbe gewahr, daß sein Blick außer diesem einzigen
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grünenden Baume weit und breit kein Gesträuch in der ganzen brennenden Wüste entdecken konnte. Die Hitze in diesem neuen Sahara war um so größer, da durch das Zurückprallen des Sonnenlichts von
dem Glasthurm die sandige Gegend jeden Augenblick nur noch mehr ausdorrte, und daher ein völlig versengtes Ansehn erhielt. Desto angenehmer überraschte ihn eine liebliche Stimme, die plötzlich
aus dem Baume drang und sagte: „Ehrwürdiger Vater! Ich bin dein Kind! Wie? erkennst du es nicht mehr? Hast du vergessen, daß du es bist, dessen liebreiche Hand mich einst von einem
unvermeidlichen Untergange gerettet hat? Wie werden mich meine tausend und tausend Schwestern beneiden, denen du ähnliche Wohlthaten erwiesen hast, wenn die Kunde zu ihnen kommt, daß mir es
allein vergönnt war, dir solche unserm Geschlechte erzeigte Dienste vergelten zu können!" Indem kamen kühlende Winde, ganz mit Wohlgeruch durchwürzt, und bestrichen das Gesicht des frommen
Braminen, das von der Sonnenglut und dem langen Weg in der Wüste ganz erhitzt war, auf das Lieblichste. Zwischen ihrem Gesäusel erklangen andere Stimmen, die sagten: „Nein, Schwester, wir
beneiden dich nicht. Auch unsere Geschlechter, die seine liebende Sorgfalt gepflegt, blühen an entfernten Quellen und einsamen Bergen. Wir haben die Fittige des Windes in Anspruch genommen,
{114}
und da wir hören, daß unser Wohlthäter in der brennenden Wüste verweilet, so sind wir gekommen, um ihm Kühlung zuzufächeln, und ihn mit unsern Wohlgerüchen zu laben." So sprachen die säuselnden
Winde, und umathmeten den frommen Braminen lieblich in der Krone des säuselnden Baumes, wo er saß, und sich vor der Verfolgung des blutdürstigen Tigers geflüchtet hatte. Anfangs kam ihm alles,
besonders aber die Stimme, die aus dem Baume an ihn erging, wie ein Traum vor; nach diesem aber besann er sich, und tiefer in sich gekehrt erkannte sein Auge genau nicht nur die Wüste, die
Gegend, sondern auch den Baum, auf dem er sich befand, und den er zwar nicht gepflanzt, aber doch einst vom Untergange gerettet hatte. Wie dieses zugegangen, sollt ihr alsbald erfahren. Als
nämlich unser Bramin etwa vor hundert Jahren in der Blüthe seiner Jugend die Welt durchstrich, und große Wanderungen vornahm, war er auf einer derselben auch durch diese Wüste gekommen. Hier
hatte er nun von ungefähr ein junges Bäumchen gesehn, das, weil in vierzehn Tagen kein Regen des Himmels sich drauf ergossen hatte, von der Hitze gar sehr gedrückt wurde, und dem Verwelken ganz
nahe schien. Den guten Braminen dauerte dieser Zustand des armen Baumes, und da kein Wasser in der Nähe war, so ließ er sich des Weges nicht verdrießen, son- {115}
dern ging wohl über eine Stunde weit in der brennendsten Mittagshitze bis zu dem Brunnen Ismaels zurück. Aus demselben schöpfte er kühles Wasser in ein Gefäß, trug dieses mühsam auf seinem Kopfe
bis dahin, wo der Baum stund, und begoß denselben so lange, bis erquickende Erfrischung sich durch alle Canäle desselben ergoß und ihn gleichsam vom Gipfel bis zur Krone durchdrang und wieder
verjüngte. Schon hatte der fromme Bramine dieser guten Handlung längst vergessen; aber den Baum, der indeß in der langen Reihe von hundert Jahren ein gar stattlicher Himmelsbürger geworden war,
ihn bedünkt es eine Geschichte von gestern zu seyn. Er behielt sie nicht nur in frischem Andenken, sondern pries sich auch glückselig vor seinen übrigen Gespielen, daß er jetzt dem frommen
Braminen einen so wesentlichen Dienst erweisen und ihn vor der Verfolgung des blutdürstigen Tigers retten konnte. Indeß war auch das Löwenpaar, nach glücklicher Bekämpfung der Schlangen,
zurückgekehrt. Ganz blutig hingen den beyden heldenmüthigen Kämpfern die Zotteln der Mähnen von ihrer Brust herunter. Auch die Gazelle kam wieder aus dem Hinterhalt hervor, wohin sie sich vor dem
tückischen Tiger, der ihr nachstellte, geflüchtet hatte. Der Tiger selbst aber stand, sobald ihm die gewohnte furchtbare Bedeckung des Braminen wieder entgegen trat, von der Verfolgung des-
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selben ab, und zog sich brüllend in den uralten Wald zurück. Wie her Bramine nun bemerkte, daß seine Begleiter wieder beysammen waren, verabschiedete er sich mit dem herzlichsten Dankgefühl von
seinem gastfreundlichen Palmbaum. Alle wilden Thiere fuhren fort, ihnen auszuweichen und je näher unsre Wandrer dem Glasthurm kamen, desto leichter wurde dem guten Einsiedler das Herz. Nur daß
die Tagshitze noch immer sehr groß und drückend war. Darum zog er, gleichsam durch Instinkt geleitet, die in Stein verwandelten Rosenvögel aus seiner Reisetasche hervor, und wollte dieselben in
seiner Hand halten. Er mochte bis auf ungefähr zwanzig Klaftern von dem Glasthurm auf diese Weise gekommen seyn, als es um ihn und neben ihm dermaßen schwarze Steine regnete, daß Niemand sich
ohne die größte Gefahr, von denselben zerschmettert zu werden, heran wagen durfte. Diese schwarzen Steine hatten übrigens ganz die Farbe, das Ansehn und die Gestalt, wie die andern Steine von dem
alten Zauberberge. Nur zeigte sich dabey das Besondere, daß als einer derselben von einer entgegenstehenden Felswand abprallte, und dem Einsiedler von ungefähr auf den Fuß gefallen war, dieser
weiter keine Verletzung davon spürte, außer daß ihm der Fuß an der getroffenen Stelle völlig durchnäßt dünkte. Er wiederholte diesen Versuch, und da auch zum zweyten und dritten {117}
Mal die nämliche Wirkung nicht ausblieb, schloß er daraus, daß es mit dem Fallen der Steine aus dem Glasthurm, wiewohl sie ein scheinbar schreckliches Gepolter machten, so viel nicht zu sagen
hätte und ging sammt seiner Gazelle und seinen Löwen mitten durch diesen überschwenglichen Steinregen immerfort auf den Glasthurm zu. Mitunter wurden sie denn freylich alle Vier von ungeheuer
großen Quaderstücken, die der Glasthurm auf sie herunterhagelte, so zu sagen zugedeckt. Bey der Berührung aber lösten sie sich sogleich in Tropfen Nebel und Staubwasser auf, so daß die ganze
Wirkung davon in einer kleinen Abkühlung endigte, die, bey der übergroßen Tageshitze, eher willkommen als schädlich war, und die Stelle eines Bades vertrat. Endlich war das Ziel ihrer Reise
erreicht und sie standen glücklich alle Vier vor dem Glasthurm, der einen einzigen Zugang hatte; aber hier war es auch, wo sie auf eine fast unübersteigliche Schwierigkeit trafen. Zu diesem
Zugange fehlte ihnen nämlich der Schlüssel, und der Bramin erinnerte sich nun mit doppeltem Schmerz daran, daß er den goldnen Schlüssel, der alle Thüren schließt, in dem Pförtlein des alten
Zauberberges aus Unbesonnenheit hatte stecken lassen. Indem er, noch von diesen drückenden Gefühlen geplagt, einigemal um den Glasthurm herumgegangen war, und keinen weitern Eingang gefunden
hatte, faßte er {118}
schon halb und halb den Entschluß, den ganzen weiten Weg durch den Wald bis zu der himmelhohen Brücke wieder zurückzumessen, als er ein plötzliches Klopfen und Pochen in der Gegend seines Herzens
verspürte, auf der nämlichen Stelle, wo zufällig seine Hand mit den in Steine verwandelten Rosenvögeln ruhte. Er suchte dieser Erscheinung sogleich auf den Grund zu kommen. Und sieh da! Indem er
die Steine näher betrachtete, gaben dieselben einen rosigen Glanz von sich, der fast dem einer hervorbrechenden lachenden Morgenröthe glich; ja es dauerte nicht lange, so sproßten sogar Federn
aus dem erwärmten steinigen Leib, der sichtbar und von Stufe zu Stufe gesteigert, Leben, Daseyn und Empfindung gewann, ja wie elastisch dem leisesten Drucke der Hand wich. Auf die nämliche Weise,
wie einst die zauberisch in ihrem Urwesen erfaßten Theile der Rose vor seinen Augen einen schönen reizenden Vogel gebildet hatten, eben so verwandelten sich die rosigen Steine plötzlich in ein
Paar munterer Vögel, die zuvor ihre Fittige singend um sein Haupt schwangen, und sodann in der Richtung des alten Zauberberges davonflogen. Sogleich stieg eine Ahnung in der Seele des guten
Braminen auf, daß diesen Rosenvögeln vielleicht die Bestimmung eingebohren sey, ihm den verlornen Schlüssel des alten Zauberberges, der alle Thüren schließt, wieder zurückzubringen, {119}
und er beschloß wenigstens ihre Rückkehr in Geduld abzuwarten. Schon war der Abend herbeygekommen; die Gazelle und das Löwenpaar, alle dreye von den Anstrengungen des heutigen Tages ermüdet,
lagen zu seinen Füßen eingeschlafen, ja seine eignen Augen nickten süßen Schlummer, als er plötzlich wie Fittige über sich säuseln hörte, und zugleich, als er sich aufrichtete, die beyden
Rosenvögel zu seinen Haupten erblickte, deren einer den goldnen Schlüssel, der alle Thüren schließt, in seinem Schnabel getragen brachte, so daß ihm der Glanz dieses Kleinods schon von weitem
durch die Finsterniß entgegen strahlte. Anfangs hielt er diese Erscheinung für einen Traum; nach Maßgabe aber, daß sich die Wahrheit desselben seinen Augen bestätigte, nahm er auch sogleich den
beyden Vögeln den Schlüssel ab und weckte freudig seine Begleiter, die Löwen und die Gazelle. Wie der Bramin die Thür aufgeschlossen, begaben sich alle drey ohne weitern Verzug durch eine hohe,
völlig durchsichtige, krystallene Treppe in das Innere des Glasthurms. Die Stiegen derselben waren, wie gesagt, lauter Krystalle, aber wieder so schmal und so schlüpfrig in die ebenfalls
durchsichtigen Mauern hineingebaut, daß der Einsiedler seine Gazelle und sein treues Löwenpaar, Schritt vor Schritt auf der Ferse sich mußte nachtreten lassen. Ja, als er sich eine Weile darauf
nach {120}
ihnen umblickte, waren sie völlig verschwunden, und so ängstlich sein Auge sie auch suchte, so konnte er doch nichts weiter von ihnen bemerken, als ein paar nebelhafte Schatten zu seiner Seite,
die ein sehr schönes, menschenähnliches, fast ätherisches Ansehn hatten, aber sonst in allen Stücken das Bild seiner ehemaligen Gefährten ausdrückten.
Anfangs fühlte er sich wohl versucht, sie mit den Händen zu streicheln, wie es ihm fast zu einer freundlichen Gewohnheit geworden war; aber sie vergingen alsbald auf seine Berührung wie ein
unwesenhaftes Spiel des Lichtes und zerflossen in die Luft, so daß er sich wohl überzeugen mußte, daß alles Körperliche von ihnen völlig ausgeschieden und gänzlich dahin geschwunden war. Eine
Betrachtung, die ihn indeß nicht wie ehemals, bey ihrer ersten Verwandlung, mit Bekümmerniß oder Unmuth, sondern vielmehr mit dem innigsten Vergnügen erfüllte, wenn er bedachte, daß sie gleichsam
vor ihm in den Hafen angelangt, in ihrem jetzigen schmerzlosen Zustande allen stürmischen Zufällen dieses irdischen Lebens auf einmal glücklich entrückt und entnommen wären. Was ihn selbst
betraf, so bemeisterte sich der Wunsch nach einer gleichen Vollendung seiner Seele immer unwiderstehlicher; zugleich drängte sich unserm frommen Pilger die unwillkührliche Bemerkung auf, daß ihm
das Gehen weit leichter {121}
würde, und daß er von diesem unabsehlich hohen Glasthurm bereits eine große Menge Stufen zurückgelegt hätte, ohne daß er nur die geringste Beschwerde des Alters davon in seinen Füßen und übrigen
Gliedmaßen verspürte. Endlich kam er an ein Fenster, wo eine freyere Aussicht auf das Ganze seinen Augen ein neues Ergetzen darbot. Von dort übersah er denn den ganzen alten Zauberberg;
ingleichen auch den Zauberwald mit seiner unendlich prächtigen Blumenkammer, wo der entschlafene Jüngling unter den Blumen lag; nicht minder die dem wilden Meer unterwölbten Zaubergrotten mit
all' ihren krystallnen Wundergebäuden, Labyrinthen, so wie mit den aus dem versteinerten Haupthaar des Jünglings lebendig hervorgewachsenen Stauden- und Coralleninseln, worunter der Schläfer des
Meeres, von Muscheln und Conchylien bekränzt, sich ebenfalls einem süßen und unerwecklichen Schlummer ergab. Zuletzt sah er auch den Weg, der zu dem Glasthurm führte, und wo es Steine regnete,
die aber nichts, als lichtblitzende, größere oder kleinere, gestirnte Krystallentropfen waren, zwischen denen die wilden Thiere mit drohenden Gebehrden auf- und abgingen. Sie wurden, eh sie sich
dessen versahen, von denselben eingefangen und als er diesen Anblick noch näher untersuchte, nahm er wahr, daß auch unter diesen wilden, reißenden Thieren eben- {122}
falls ein schöner, schlafender Jüngling lag, dessen Haar zu beyden Seiten, wie den Mähnen eines Löwen zu vergleichen, gelockt herunterhing. Die Nägel an seinen beyden Händen waren ihm im Schlafe
zu Adlerklauen erwachsen. Ein langer Bart verstellte die ursprünglich holden Züge seines Angesichts. Zuweilen rührte sich derselbe wohl wie im Traum und gab einige unverständliche Laute von sich,
die denen der Menschenrede und Menschensprache nicht unähnlich wären; aber nur zu bald erstickte wieder ein thierisches, unarticulirtes Geschrey diese Regungen einer höhern Vernunft. Ja, als der
fromme Bramine diesen in eine so wilde Einöde verschlagenen, ausgesetzten, armen, verlassenen Jüngling noch näher betrachtete, entdeckte er an Gestalt und Zügen, und das nicht, ohne daß ihm ein
tödtlicher Schreck hierüber alle Nerven durchblitzte, daß er selbst dieser in den Aufenthalt der Thiere verbannte schlafende Jüngling sey, und daß er nur sein eignes Angesicht vor seiner Ankunft
in dem Glasthurm und der dadurch glücklich bewirkten Erleuchtung nicht gehörig erkannt habe. Wie gern wär' er nun wieder in den Zauberwald zurückgekehrt! Aber dieser Wunsch war vergeblich; denn,
einmal in dem Glasthurm angelangt, ist den Pilgern jede Rückkehr dorthin, in das Land der Schatten und der Finsterniß, auf das Unerbittlichste verwehrt. Ein anderer Wunsch {123}
ging unserm Braminen glücklicher aus. Es betraf derselbe das Fallen der Steine aus dem Glasthurm und ihre plötzliche Verwandlung. Er wünschte auf das sehnlichste über diesen Punkt einige
Belehrung, die Ihm denn auch in den nämlichen Augenblicken zu Theil werden sollte. Denn kaum, daß er noch einige hundert Schritte höher in den Glasthurm gewandelt war, so erblickte er einen
majestätischen Alten mit einem schneeweißen Bart, der ihm bis auf den Gürtel herunterhing. Dieser stand in seiner von dem mildesten Sternenlicht umflossenen Werkstatt ruhig vor einem Tische,
dessen Oberfläche mit unzähligen kleinern und größern krystallenen Halbkugeln und andern mathematischen Figuren besetzt war. Der Bramine konnte deutlich bemerken, daß er je zwey und zwey von
diesen Halbkugeln nahm, und aus einer etwas in die andere füllte. Bey ihrer wechselseitigen Durchdringung gaben sodann die Krystalle jedesmal einen wunderlieblichen Klang von sich, den aber kein
sterbliches Ohr zu vernehmen im Stande war, es sey denn, daß man es zuvor wie das Auge, wenn man es zur Betrachtung der Sternenwelt geschickt machen will, dreißigtausendmal verstärkt hatte: eine
Kunst, deren Geheimniß bis jetzt wenigstens von den Menschen noch nicht erfunden worden ist! Auch gingen plötzliche Leuchtungen innerhalb dieser Krystalle vor, und je nachdem {124}
die angeschlagenen Accorde derselben gleich Harmonikatönen immer heller und heller lauteten, erschienen die schönsten und regelmäßigsten Gestalten, verschwanden aber sogleich wieder, ohne daß das
Auge über ihre Umrisse das Genauere und Vollständigere erfahren konnte. Jener Magier selbst, der alle diese Wunder hervorrief, behauptete ganz das Ansehn eines alten hundertjährigen Greises, nur
daß alle seine Züge regelmäßiger und einnehmender waren, und die ganze Frische einer eben erst aufgeblüheten, anmuthigen Jugend, zugleich mit der Majestät des Alters, aus ihnen in milder
Vereinigung hervorstrahlte. Als unser Bramine sich ihm näherte, war er eben damit beschäftigt, einige Worte zu murmeln, und eine zarte, geistige Flüssigkeit aus einer seiner Phiolen oder
krystallnen Halbkugeln in die andere herüberzuflößen. Aus allzugroßer Wißbegierde mochte unser Pilger dem Werktische des Magus näher getreten seyn, als unter diesen Umständen räthlich schien.
Genug, je länger er sein Verfahren beobachtete; je weniger konnte er sich an demselben satt sehen, wobey er aber die Unvorsichtigkeit beging, daß er den Meister von ungefähr an den Arm stieß, so
daß dieser einige Tropfen von seinem kostbaren Krystallgemisch verschüttete, das er künstlich in einer geheimnißvollen Phiole zubereitend so eben unter den Händen hatte. Die unmittelbare Folge
davon war, daß das Gefäß zersprang {125}
und eine Menge Tropfen, die den Inhalt desselben ausmachten, in der Werkstatt umherflogen. Der Bramine erschrack, und seine Verlegenheit wuchs noch um einige Grade, als der alte Magus sich mit
funkelndem Angesicht gegen ihn wandte und folgende strafende Worte an ihn ergehen ließ: „Weißt du auch, Unbesonnener, daß du mich durch deinen Vorwitz in einem sehr wichtigen Entwurfe gestört
hast? Eben war ich mit Erschaffung einer Erde beschäftigt, und du ahnest wohl nicht — — hier zeigte er mit seinem Finger auf einen Tropfen, der ihm auf seinem Mantel saß — — daß es
der Chimborasso ist, woran du gestoßen hast? Aus diesem Tropfen hätten die Flüsse eines ganzen Welttheils in den verschiedensten Richtungen ihren Ursprung erhalten. Das alles ist nun vorbey!"
Zugleich machte er mit seiner linken Hand eine Bewegung nach seiner rechten, und fügte hinzu: „Jetzt habe ich ein atlantisches Meer von meinem Ermel hinweggewischt!" — Er meinte nämlich mit
dieser Rede nichts anders, als einen zweyten Tropfen, der, als der Krystall sprang, auf dem linken Arm seines Mantels hängen geblieben war, und den er in dem nämlichen Augenblick wieder
hinwegzubringen versuchte. „Das Schlimmste aber von Allem, was du angerichtet — so nahm der alte Magus nach einer Pause sein Gespräch wieder von Neuem auf — „ist, daß ich dir {126}
allein die Schuld geben muß, wenn dieser angefangene Mond nicht zu Stande kommt, und die Bewohner dieser neuen Erde dadurch genöthigt sind, ihre Nächte künftig in Finsterniß zuzubringen. Indem er
diese Dinge dem Braminen noch auseinandersetzte, bückte er sich zugleich mit der größten Behutsamkeit, und gab sich alle nur ersinnliche Mühe, einen kleinen glänzenden Punkt, der in Gestalt eines
dritten Tropfens sich auf der linken Spitze seiner Fußzehe verhalten hatte, von einem andern benachbarten abzusondern, von dessen Schwungkraft er so unwiderstehlich angezogen wurde, daß sie sich
auf der einen Seite beynahe mit ihren Oberflächen berührten; so daß es dem Magier nicht wenig Versuche kostete, dieselben wegen ihrer wechselseitigen Anneigungen streng aus einander zu halten.
Zugleich versicherte er den Braminen, daß, wenn diese zwey Tropfen je in einander fließen sollten, es sodann um den Mond der neuen Erde unausbleiblich geschehen sey. — Dieser seinerseits konnte
sich gar nicht zufrieden geben, so oft er genau in Erwägung zog, mit welchen wichtigen Folgen für das ganze Universum eine kleine ungeschickte Bewegung seines Fußes verknüpft gewesen sey. Er nahm
es sich nicht wenig zu Herzen, daß das mächtige Gebirge Chimborasso, mit allen Flüssen und Quellen, die es enthielt, nicht zu Stande gekommen sey; nicht minder beunruhigte ihn {127}
die Vorstellung, daß das atlantische Meer auf dem Ermel des Magiers sitzen geblieben war und vertrocknen mußte, und was ihn ganz zur Verzweiflung brachte, schien der Gedanke zu seyn, daß die
Bewohner der neuen Erde lediglich durch seine Schuld, des freundlichen Mondlichts entbehren sollten. Indeß richtete ihn der Magier sogleich durch die trostreiche Versicherung in etwas auf: „Er
möchte es für diesmal mit seiner Unruhe nur gut seyn lassen; auch solche Zufälle könnten ihn in der Geschäftigkeit seiner Werkstatt nicht irr oder verlegen machen. Im Grunde sey in derselben auf
Alles gerechnet, und das größte Arkan seiner Kunst bestehe eben darin, keine Kunst zu haben, keiner Besondernheit, sie habe Namen, wie sie wolle, den Vorzug zu geben, sondern Alles zum
Allgemeinen zu verarbeiten." Sie standen, indem der Magier diese eben so erhabenen als inhaltreichen Worte sprach, auf einer Seitenstiege des Glasthurms, und alle beide mit dem Gesicht gegen
Osten gewendet. Der Steinregen ging auf dieser Seite sehr heftig, und der Bramin konnte sich bey diesem ungesuchten Anlaß der neugierigen Frage an den Magier kaum erwehren: was es denn eigentlich
mit dieser wunderbaren Naturerscheinung, dem Regnen der Steine, so wie mit deren Verwandlung in lebendige Creaturen für eine Bewandniß habe; eine Anfrage, worüber ihn der alte Ma- {128}
gier folgendermaßen beschied: „Auch über diesen Punkt sollst du zu einer beruhigenden Ansicht gelangen, aber nicht früher, als bis wir noch ein paar hundert Stufen höher in den Glasthurm
gestiegen sind." Auf dieses ermahnende Wort faßte der Bramine Alles zusammen, was er noch an Kräften besaß, und bald darauf genoß er den Lohn dieser Anstrengung; denn er befand sich mit seinem
Begleiter in der ersten Kuppel des Glasthurms. Vor ihnen lag in weiter Aussicht, auf smaragdnen Ebenen erbaut, eine unvergleichlich schöne Himmelsstadt, zu der ein goldnes Thor führte, leider
aber, zum größten Leidwesen des Braminen, mit verschlossenen Zugängen. Zwar besann er sich sogleich auf seinen goldnen Schlüssel, der alle Pforten eröffnete, fand ihn aber nicht, so sorgfältig er
ihn auch suchte. Als er hierüber mißmuthig wurde, tröstete ihn der Magier über diesen Verlust, und befragte ihn gleichsam gelegentlich: wenn und wo er denn diesen Schlüssel zuletzt in den Händen
gehabt. Der Bramine antwortete und sagte: „Es mag etwa gestern gewesen seyn, als ich mir die Zugänge des Glasthurms mit demselben eröffnete." Da lächelte der Magier und sagte: „Du irrst! Hundert
Jahre sind nun bereits verflossen, seitdem du deine Palmhütte verlassen und deine Wallfahrt hier nach unserm Zauberberg angetreten hast. — Noch andere hundert Jahre sind mit der {129}
der Weltuhr abgelaufen, seitdem du dich zum erstenmale in die Geheimnisse des Glasthurms wagtest, dessen Inneres kein sterbliches Auge vor dir erkundete! Und wieder andere hundert Jahre zählen
die Seelen, so sich in der Zelt bewegen, seit deinem ersten Besuche in meiner Werkstatt, wo du mir meine Wundergläser verschüttet hast!" „Wie?" fiel ihm hier der erstaunte Bramine ins Wort, „so
bin ich todt?" Das warst du von dem Augenblick an, wo du in den Glasthurm eingingest. „Wie? meine liebe Gazelle und mein treues Löwenpaar, so hätt' ich euch in zwey langen Jahrhunderten nicht
wiedergesehn?" „So ist es, mein würdiger Freund," gab ihm der Magier zur Antwort, „die Zeit ist nicht mehr für uns, wir sind ihr entrückt und außer aller Zeit! Noch viele Jahrtausende wirst du
fortsteigen in den Abstufungen dieses Glasthurms, die aus Licht und himmlischem Aether zusammengeathmet sind, und dennoch nie das Ende desselben erreichen. Deshalb sey aber nicht traurig oder
mißmüthig! — Denn das ist unser aller Geschick, die wir aus Gott unsern Ursprung genommen, wenn unser Geist sich ernst und heilig angelegen seyn läßt, uns zu demselben zurückzuführen. Was aber
deinen verlornen Schlüssel betrifft, so sollst du wissen: daß du in dem jetzigen Zustande deines Körpers alle Pforten und Thüren auch ohne Schlüssel eröffnen kannst." Als {130}
der Magus diese Rede vollendet hatte, nahm er den Braminen bey der Hand, und sie schritten durch die Pforten der Himmelsstadt hindurch, deren Angel wie Wolken und Sommerluft auseinanderwichen,
und eben so leicht sich wieder hinter ihnen zuthaten. So kamen sie glücklich in die zweyte Kuppel herauf. Erkenntlicher und von allen Nebeln abgesondert, sah hier das erstaunte Auge des Braminen,
wie, über dem Glasthurm schwebend, in lichten Höhen sich ein schöner Himmelsgarten eröffnete, der aufs Anmuthigste mit Blumen, Vögeln, Bäumen, Pflanzen und Thieren aller Art angefüllt und
bevölkert war. Zwischen den krystallhellen, silbernen Bächen desselben lustwandelten himmlische Jünglinge, nicht unähnlich denjenigen, die er in der Blumenkammer und in der Korallengrotte des
Meeres so unerwecklich schlafend gefunden hatte. Alle aber waren sie von so ätherischem und zauberhaftem Ansehen, daß sein Auge ihren himmlischen Glanz nur einen Augenblick aushalten und sich
sodann sogleich wieder von ihnen abwenden mußte. Der Magier indeß war im Besitz des Geheimnisses, nicht nur, durch seine Spiegel, Gleichnisse von diesen Himmelsblumen, Himmelsvögeln und
Himmelsjünglingen abzunehmen, sondern sie auch in ihren krystallenen Kerkern festzuhalten. Doch konnte das Auge des Braminen erst nach einer langen und anhaltenden Uebung dieß innere {131}
Leben und Triebwerk von jenen weltlichen Außendingen gewahr werden. Denn sobald der hohe Magier diese seine Wunderkrystalle auf die Erde außerhalb des Glasthurms fallen ließ, so erdunkelten sie
anfangs, ja sie schienen in der Folge bloße Kerne und schwarze Steine darzustellen; aber es dauerte nicht lange, so wurde die ihnen sämmtlich eingeborne Kraft himmlischer Abkunft und
Engelstugenden wieder rege und zeigte sich auch in leiblicher Beschaffenheit. Sie verklärten demnach allmählig ihre schwarzen Schattenkörper und stellten das ihnen angeschaffne Himmelsbild
wenigstens theilwelse und nach seinen vornehmsten Grundzügen wiederum her. In dieser geistigen Entwickelungsperiode, die sie, gleichsam durch einen höhern, himmlischen Beystand geleitet,
selbstständig eingingen, schienen diese Spiegel eben so viele lebendige Himmelsbrunnen von dem lautersten Krystall zu seyn, aus welchen Blumen, Vögel und Pflanzen in großer Menge
hervorsprudelten. Aber auch diese Entwicklung, oder Verklärung fand ihre Begränzung in der Zeit. Wann dieselbe erfüllt war, stockten diese Himmelsquellen aufs Neue und mußten wieder zurück, woher
sie gekommen waren. So forderte es der Kreislauf aller Dinge und unter den vielen Wundern, die derselbe bewirkte, war dieses das gewöhnlichste, daß prächtig und mächtig emporgestiegene Bäume,
Menschen und {132}
Thiere von so zu sagen unermeßlicher Größe wieder in das unermeßlich Kleine zurückmußten, so daß sie dem Schooß ihrer einst verlassenen Mutter, die sie aus Urkeimen hervorbrachte, einverleibt,
weiter nichts, als ein Stück schwarzer Erde wurden. Sie lagen sodann wie zerlegt in gleichgültige Atome, ohn' irgend ein Zeichen ihres vorigen Zustandes von sich zu geben, verzaubert oder
seelenlos da, bis auch sie wieder die Hand irgend eines Himmlischen ergriff, sie aufs Neue erweckte und in Krystalle verwandelt, Gegenden zuführte, wo ein Kreislauf neuer Umbildungen sie mit
stufenweisen Fortschritten erwartete. Anfangs erregten diese Verzauberungen bey dem Braminen ein geheimes Grauen; in der Folge aber vergnügte dies muntre augenblickliche Spiel der Schöpfungen,
das sich über das ganze Reich der Gestalten in Wasser, Erd' und Luft verbreitete, ihn über die Maaßen. Die nähere Betrachtung der Zauberformen, das Aus- und Einwandern der Seelen, die bald als
Blumen, bald als Vögel und bald als Thiere wieder zum Vorschein kamen, nahm seine Aufmerksamkeit so gefangen, daß er sogar den alten Magus auf das dringendste ersuchte, ihm irgend eine Theilnahme
an dieser himmlischen Wirksamkeit zu gestatten, und ihn so in ewig frommer Gemeinschaft mit dieser Gottesstadt verbleiben zu lassen. Der alte Magus vernahm diesen Wunsch unsers Pil- {133}
gers mit gewohnter Heiterkeit und meinte, was die Erfüllung desselben betraf, daß dies schuldlose Bittgesuch dem Menschen ja bereits vom Anfang aller Zeiten gewährt sey. Zugleich nahm er ihn bey
der Hand, und führte ihn in den Schatten eines wunderprächtigen, weit verbreiteten Palmbaums. An dem Fuße desselben entsprang ein silberheller Himmelsfluß, in dessen Wellen sich die Krone des
Palmbaumes mit allen ihren Blüthen und Früchten abspiegelte. Alles indeß war sehr klein und wie in verjüngtem Maaßstabe. Unser Bramin verweilte noch sinnend bey demselben und sah den hin- und
herhüpfenden Lichtern und dem Spiel, das sie unten in dem Fluß trieben, mit steigender, immer angenehmerer Ueberraschung zu, als ihn sein Begleiter folgendermaßen davor warnte: „so lieblich auch
diese Erscheinungen auf dich einwirken, so nimm dich doch vor ihnen in Acht, du möchtest sonst in die Schlingen des Geistes verfallen, der in diesem Palmbaum seinen Sitz aufgeschlagen hat und von
seinen Lichtern eingefangen, den Gesetzen einer neuen Nothwendigkeit unterworfen werden." Der Bramine versicherte, er wolle es nun einmal darauf wagen. Und wie er darauf kaum den ersten Schritt
in die Schatten des Palmbaums gesetzt, befiel ihn ein so leises, magisches Umströmen, ein so unnennbares Entzücken, daß ihm darüber die Besinnung gänzlich verging. Es war {134}
ihm nämlich nicht anders zu Muthe, als ob er bey einem Anschlagen von so wohllautenden Accenten, wie er sie niemals mit sterblichen Ohren gehört, zu einem fremden Centrum hingezogen und gleichsam
in einen Spiegel des alten Magus einginge, ja sich leibhaft in das Abbild desselben verwandelte. Ihm träumte nämlich, und wie er so träumte, wußte er auch zugleich, daß dieser Traum ein Theil
seiner Seele sey, daß er plötzlich unter einem Palmbaum läge, und, von leisen Sommerlüften umathmet, schlummerte. Ferner kam es ihm vor, als ermunterten ihn in seinem Schlaf die Vögel des
Himmels, die in seinen, des Palmbaums Gipfeln, auf das Anmuthigste fortsangen; auch das Fallen der Regentropfen drang durch die grünenden Zweige des zierlich erhabenen Himmelsgewächses mit
vernehmlichen Schlägen in seine grüne Behausung und alle diese Eindrücke erweckten in ihm eine so zufriedene und in sich genügsame Stimmung, daß er sich lange nicht entschließen konnte, sein Herz
von diesen angenehmen Träumereyen wieder loszureißen. Endlich aber erwacht er dennoch; und als ihn darauf bey seinem Erwachen der alte Magus befragte, wie lange er wohl glaubte, mit seinen
Wünschen und Hoffnungen in der Seelenherberge dieses Palmbaums zugebracht und gedämmert zu haben, gab er ihm zur Antwort: „Lang, sehr lang, wenigstens ein Paar Stunden!" „Ein paar {135}
Stunden?" versetzte sein Begleiter mit Lächeln, „du irrst dich! Du hast das ganze Leben dieses Palmbaums durchmessen! Es sind indeß zwey Jahrhunderte abgelaufen, daß du unter ihm gelegen und
geschlafen hast, und daß die Vögel des Himmels in deinem Gipfel gesungen haben! Du siehst nun wohl, und dieser neue Anlaß muß dir ebenfalls zu einer Bestätigung dessen dienen, was ich dir schon
gesagt habe, daß du in deinem jetzigen Zustande kein Maaß für die Zeit hast. Zugleich vernimm, daß alles Leben, Weben, Sternen- Sonnen- und Erdendaseyn dieß- und jenseits des Monds, aus solchen
und ähnlichen Träumen der Himmlischen, wie dieser, den du unter ihrem Einfluß soeben geträumt hast, seinen Ursprung nimmt. Denn das Gestirn, das euch trägt, ist ein verschlafener Planet!" Indem
er dies sagte, gesellte sich zu ihnen aus den Schaaren der Seligen ein Paar der schönsten himmlischen Jünglinge. Die Schläfe des einen waren mit Rosen geziert und die des andern umhing ein Kranz
von Schilf und Korallen. Eine süße Ahndung, die bey ihrem ersten Anblick in ihm aufdämmerte, bestätigte sich ihm bald zur fröhlichsten Gewißheit. Denn so viel er aus ihren Zügen auf den ersten
flüchtigen Anblick abnehmen konnte, so mußt' er in ihnen dieselben schlafenden Jünglinge des Zauberberges und der Blumenkammer, die ihm so vielen Kummer gemacht, an- {136}
sprechen. Muntere Rosenvogel umflatterten das Haupt des einen; zu den Füßen des andern, der eben in dem Krystall eines Himmelsbaches seine Glieder gebadet hatte, so daß sie frischer, als
gefallener Schnee, dem Auge entgegen glänzten, spielten Schwärme von muntern Fischen und ein Paar der schönsten Delphinen zogen, vor ihm dahin gleitend, Furchen durch die bewegte Fluth. Beyde
reichten unserm frommen Braminen freundlich die Hand, und zogen ihn neben sich in eine, aus himmlischen, fast unabsehllchen Säulen- und Bogengängen aufgewölbte Rosenlaube, in deren lieblicher
Umschattung, während ein rinnender Krystall zuweilen einige Worte dazwischen plauderte, ihnen der Bramine erzählen mußte, was er von ihrem schlafendem Bild in den dunkeln Labyrinthen und Grotten
jenes Lebens, wo er es in der Blumenkammer und im Meer wie von einem unerwecklichen Schlafe gebunden fand, gedacht und was er darüber für heiße, ja unstillbare Thränen vergossen habe. Und wie ihn
die Erinnerung allzulebhaft bewegte, so trösteten ihn die himmlischen Jünglinge mit dem anmuthigen Lächeln ihrer Augen, und nannten diesen Eindruck eine zeitliche Trauer, deren Gedächtniß sie in
dem Genuß himmlischer Freuden nicht stören und beunruhigen sollte. Zugleich aber brachten sie vor seine Augen ein Gedenkbuch, worin aller Zeichen und {137}
Unterpfänder der Liebe, die sie und die ihrigen in den durchgangenen, mannichfaltigen Verkleidungen ihrer Seele als Vögel oder Blumen von seiner Hand auf ihrer irdischen Wallfahrt und Pilgerreise
empfangen hatten, auf das dankbarste Erwähnung geschah. Bey jedem erneuten Beweis seiner Freundschaft küßten sie ihn aufs zärtlichste und nannten ihn ihren Seelenliebling, ihren liebsten und
ältesten Bruder. Und also erklang der himmlische Reigen, den sie ihm zu Ehren anstimmten, während in goldnem Zirkeltanz die abendlichen Sterne kreisend über ihrem Haupt dahingingen. Höret zu, ihr
Himmel! Merke auf, o Erde! Dies ist das Lobgedicht zu Ehren des frommen Braminen von Balsora, dessen Andenken noch in Segen unter den Bewohnern des Erdballs fortlebt und sich wie ein süßer Balsam
durch alle Jahrhunderte verbreiten wird. Alle Kinder der Natur, auf den Bergen und in der Ebene, die Winde des Aufgangs und des Unterganges versammeln sich wetteifernd um ihn. Sie melden und
erzählen sein Lob mit diesen Worten: Wer ist, der da wandelt in den Gärten von Balsora und pflegt der Blumen des Euphrats? Wer ist, der die Fittige der Winde von süßen Wohlgerüchen träufen macht?
Alle Lüfte sind trunken geworden von den Würzen der Stauden, die seine Hand gepflanzet hat! Die reisenden Vögel sind gekommen durch alle Welt- {138}
theile; denn sie alle vermissen ihren Wohlthäter, wie der Schwan seinen See vermißt, wo er mit rudernden Füßen im Nest hing, wenn das Wasser desselben von allzugroßer Sommerhitze ausgetrocknet
ist, und er im tönenden Aufflug, mit schmerzlicher Klage die Gegenden verläßt, wo er die Seinigen zu finden gewohnt war. Alle Brunnen im Lande und auf den Bergen fragen nach ihm. Wo ist der
fromme Einsiedler, Iispeln die Quellen, der uns den Weg zeigte auf der Ebene, wenn wir uns im Sand verirrten? und dessen hülfreiche Hand uns dem Kies entnahm, und unser Wasser auf die Blumen
leitete, die wir so gern haben, wie sie uns, wenn wir, in schlängelnder Krümmung, um sie mit unserm Krystall zu erfrischen, ihnen zu nahen bemüht sind. Die Wolken des Himmels stehen still und
verweilen in sonnenhafter Betrachtung auf den Bergen, da wo das Gezelt seiner Hütte stand, und wo der Abend und der Morgen nie seine Rosen herabschüttete, ohne daß er von den frommen Gebeten des
Braminen begrüßt wurde. Denn es ist auch den Wolken nicht erwünscht, ihren himmlischen Zug unbegrüßt von den Gebeten der Sterblichen fortzusetzen. Auch die Schiffer von Balsora, wenn sie mit
schäumendem Kiel die Wellen durchschneiden, fragen einander: wer ist es, der den stürmischen Nächten die Leuchte gab? wessen Wohlthätigkelt hat die Lichter auf dem {138}
Thurm von Balsora angezündet, daß die Pfade im Meere nun sicher sind, und die Klippen dem Schiffer, wenn er seinen Lauf zur Heimath richtet, nicht schaden können? Und jedesmal ist die Antwort,
die der Fragende erhält, diese: Das ist der abgeschiedene Geist des frommen Braminen von Balsora. Hochgelobet sey sein Name! Liebe ist’s, die ihn, weil er auf Erden ging, zu einer Leuchte für die
Lebenden gemacht; nun ist er nach seinem Tode eine Leuchte geworden für die Verirrten im Schiffbruch. Denn weil er die Blumen liebte um seine Palmenhütte und ihrer pflegte mit zärtlicher
Sorgfalt, vergalten ihm die Bienen des Himmels die auf ihre Schwestern verwendete Zeit und Mühe. Sie trugen nämlich des Honigs viel in ihre Behausung, und waren emsig in der Jahreszeit, wo sie
ihre wächsernen Zellen baueten, neuen Vorrath einzusammeln. Und weil er auf diese Weise nicht nur des Honigs, sondern auch des Wachses einen großen Vorrath besaß, so nahm er davon, und gab ihn
den Schiffern von Balsora und denen, so am Strande wohnen, wo die gefährlichen Klippen aus dem Meer emporsteigen. Und diese verfertigten eine Leuchte daraus. Und das ist alles das Licht auf dem
Thurm von Balsora, das, von dem frommen Fleiße eines Braminen angezündet, nun schon drey Jahrhunderte {140}
fortleuchtet, und ein Stern der Rettung für so viele Bedrängte geworden ist! – – Ja dreymal selig ist das Andenken aller Guten und Redlichen im Menschengeschlecht, und dreymal selig die
Gottliebenden, die in ihre Fußtapfen treten! {141}
III.
Uranus und Uranide,
oder
das erste Hochzeitlied der Schöpfung. {143}
Uranide
(indem sie die Augen aufschlägt.)
Wo bin ich? Wo war ich vorhin? — diese Stimme,
Die ich hier vernahm,
Wo ist sie? — Wer sagt mir, woher sie kam?
Nicht immer sah ich diesen Tag;
Nicht immer fühlt' ich dieses Herzens Schlag,
Und lebt und athmete in Licht und Dufte.
War hier nicht Jemand, der mich rufte?
Wo ist er, wo?
Durch dessen Allmacht ich dem Nichts entfloh?
(Indem sie den Mond, der, ihr zu Häupten aufgegangen, plötzlich seine Strahlen auf sie herabwirft, gewahr wird.) Bist du es, mit deinem stillen Schein,
Da droben, der zum freundlichen Seyn
Mich von dem dunkeln Schlaf erweckte,
Der so lange mein Auge bedeckte?
Wie nenn' ich dich? — Mond —
Und ihr zur Seit' ihm, in jener Ferne,
Wie nenn' ich euch andre? — Freundliche Sterne!
Holde Sterne, leuchtender Mond,
Und du Baum, und du, o Fluß,
Rauschend unter meinem Fuß!
Wunder, die mein Aug' entdeckte,
War es euer Rauschen, das mich weckte?
Wie – oder ist Alles um mich — {144}
Neben mir —
Unter mir —
Ueber mir —
Alles nur – Ich?
Und euer Glanz —
Bin ich es ganz?
(sich aufrichtend.)
Ha, wie groß, wie groß bin ich!
Lieber Mond, nun fass‘ ich dich!
(Sie berührt eine ihr zu Häupten herabhängende Myrtendecke, ihre Augen schließen sich unwillkürlich.)
Doch warum verlaßt ihr plötzlich mich,
Ihr Berge und ihr Bäume,
Ihr Flüsse und ihr Sterne,
So nah und so ferne,
Ihr Thäler, ihr Höhen?
So wollt ihr vergehen?
Und kaum noch geboren,
Hüllt wieder verloren
Die Nacht mich schon ein?
So soll ich nicht seyn?
(noch immer mit geschlossenen Augen, aber beruhigter.) Nein, nein!
Mir nah, ganz nah
Sind die Sterne, die vorhin ich sah;
Ein neuer Mond,
Der in mir wohnt!
(indem sie die Augen wechselsweise schließt und öffnet.)
Süße Lust, {145}
In tiefster Brust
Der Sterne Schwinden,
Den Mond zu finden,
So oft ich will:
Still, still!
(indem sie die Augen aufschlägt, und ihn hinter einem blauen Gewölk aufs neue gewahr wird.)
Da bist du wieder — ich kenne dich
Stiller, holder, freundlicher Schein, —
Ja, du bist mein!
(Sie streckt ihre Arme aus. Ihre Füße gleiten von einer Anhöhe herunter: sie thut erschrocken einige Schritte vorwärts.)
Wie ist Mir? — Ich fliehe —
Mir zittern die Kniee —
Es weichen — es wanken —
Es zittern — es schwanken
Mir Sinn und Gedanken,
Vor meinem Blick
Der Fluß, der Baum und die Sterne zurück.
(in einiger Entfernung stillstehend, und sich nach den verlornen Gegenständen umblickend.)
So seyd ihr nicht mein?
So bin ich mein Seyn,
Von euch entsprungen,
Zu trennen gezwungen!
(Mondwärts.)
Jene sind fort; {146}
Doch du bist dort,
Und ich bin hier,
Zu dir, zu dir,
Berg ab, Berg auf!
(ersteigt einen Hügel am Fluß, traurig)
Ich kann nicht herauf,
Du kannst nicht herab.
Ich kann dich nicht fassen;
So bin ich verlassen,
So bin ich allein!
(eine Nachtigall schlägt im Myrtengebüsch.)
Endlich, endlich eine Stimme,
Die erklingt in Baumes Gipfel!
Süßer Himmelsvogel, singe
Wieder sie mir wach, die süße Pein!
Aber nein! nein!
Schweige, schweige!
Wecke sie mir nicht von deinem Zweige!
Süß Erinnern,
In meinem Innern,
Tief aufgeregt!
Wie mein armes Herz mir schlägt!
Süße Stimm', aus jener Myrtenhecke,
Sag, wo bist du, daß ich dich entdecke?
(indem sie ihr eignes Bild unten im Flusse gewahr wird)
Ha, du bist es, holde Lichtgestalt,
Die im Fluß hier unten wallt?
Nimmt hier ein zweyter Himmel mich auf? {147}
Halten ihren ew'gen Lauf,
Wie dort oben in der Ferne,
So hier unten seel’ge Sterne?
Zitternd Bild, von Wellen getragen,
Nickst mir freundlich, scheinst zu sagen:
„Schwester, warum kommst du nicht?
Wohnst mit mir im Himmelslicht?"
Holde Schwester, ich komm', ich komm‘!
(Indem sie Wellen mit ihren Fuße berührt, zerfließt das Bild. Sie bebt schaudernd zurück.)
Weh mir! – Im Bach
Schleicht eine fremde Gestalt mir nach;
Eine andre, drohend feindlich,
Quillt so schwarz vom Felsen auf,
Nimmt vor mir in’s Feld den Lauf,
Folget mir auf Tritt und Schritte!
Da ist sie wieder!
Wie zittern die Glieder —
Wie heißt du?
Stimme.
Schatten!
Stimme
(seitwärts von der Laube.)
Mußt dich vor dem bösen Schatten flüchten!
Komm zur Laube hier, mit Sommerfrüchten!
Rufen Schwester Blume dir und Traube:
Flüchte dich zur schönen Sommerlaube,
Lagre dich in unserm Blumenschooße! {148}
Urania
(in stiller Betrachtung vor der Laube)
Blume, süße Blum', wie heißt du?
Blume.
Rose.
Urania
(beriechet sie).
Laß mich trinken deinen Wohlgeruch!
Rose.
Trink mich, hättest nimmer sonst genug!
Traube.
Such' auch mich die zweyte Schwester — Traube,
Deren Nektar reift im Sonnenlaube.
Urania.
Ja, mir will das Aug' ermattend sinken,
Muß auch deinen Nektar in mich trinken.
Traube.
Mußt den Wohlgeruch der Rose pflücken,
Doch der Traube Nektar in dich drücken.
Urania.
Welch ein Zittern, das ich in mir spüre,
Holde Traube, wenn ich dich berühre?
Traube.
Ueberströmend ganz dich zu durchfließen,
Will ich in dein Inn'res mich ergießen!
Urania.
Brennend heiße Sehnsucht will mich fassen.
(indem sie die Traube an den Mund bringt.) {149}
Tröpfelnde Krystallen, süß zerlassen!
Quillet, quillet,
Bis aus euch mein Innres angefüllet,
Sich die brennend heiße Sehnsucht stillet!
Unnennbarer Durst, der mich verzehrt,
Wird dir endlich Labsal hier gewährt!
Aber durch die Myrtennächte
Hör' ich plötzlich wieder Stimmen,
Hör' ich plötzlich leise Tritte wallen —
Schützet mich, ihr himmlischen Mächte!
Blumenhymnus
(aus dem Innern der Laube).
Blume, Blume, süße Schwester,
Süß vernimm von deinem Loose!
Höre nun von Traub' und Rose,
Was uns Blumen ist begegnet.
Gleicher Lust und gleicher Leiden
Schmerzlich liebliche Bestimmung
Will euch die Natur bescheiden!
Mußt nun auch aus deinem Schooße,
Wie die Traub' und wie die Rose,
Süß Verborgenes enthüllen,
Thun nach heil'gen Schicksals Willen.
Blühtest, so wie wir auf Erden;
Mußt, wie wir, auch Frucht entwickeln!
Menschenblüthenstaub und Samen,
Und die rollenden Gestirne,
Stets in wogender Verwandlung; — {150}
Will Naturgeist, Erd' und Himmel,
Luft und Wasser, Blum' und Vogel,
Aus Krystallen still entwirken.
Stimmt ihn an den Sternenreigen,
Stimmt ihn an, ihr seel'gen Schwestern,
Durch der Myrtennächte Schweigen!
Und ihr wandelnden Gestirne,
Uranus und Uranide,
Wo sich göttlich zur Besinnung
Aufgeregt, ein Paar begegnet,
Feyert ihn im Hochzeitliede,
Mit der Schöpfung Kuß im Bunde
Feyert ihn von Mund zu Munde!
Uranus
(tritt plötzlich aus einer Mondscheinbeleuchtung hinter der Laube hervor).
Urania
(die süß erschrocken vor ihm zurückbebt).
Wer bist du?
Bist du der Mond?
Bist du von deinem Himmel niedergekommen?
Hast deinen Strahlenglanz ab du genommen,
Den so glänzend dein Scheitel trug? —
Du siehst mich an — du sprichst kein Wort —
Du fassest mich an — du ziehst mich fort —
Mir strömt in die Adern, aus deinen Händen,
Aus deinem Druck
Ein plötzlich Feuer; wohin mich wenden?
Genug, genug:
(Uranus öffnet die Arme, Uranide sinkt in die seinigen.) {151}
IV.
Die
ersten Kinder im Paradiese. {153}
Aeonen waren reg' im Seyn verflossen,
Nachdem der große Schöpfungstag begann,
Nur Brut von Wallfisch und von Meeresrossen
Durchtaumelte den wüsten Ocean;
Noch sah das Auge keine Blumen sprossen;
Kein Vogellied klang noch im Wiesenplan;
Die Erde ragte, nebelschwarz umzogen,
Ein starrer Urfels aus den finstern Wogen.
Und wie ein Lichtstrom durch die Räume zittert,
Zerbröckelt Stein in Erd'; es regnet drauf;
Der tausendjährige Granit verwittert,
Und dürrer Mooswuchs sproßt vom Felsen auf.
Sogar der Austern hartes Haus zersplittert;
Aus Oel und Salz treibt üpp'ger Pflanzung Lauf
Die Sonne scheint und wärmt die Lüfte heiter,
Und riesenhaft entspringen Farrenkräuter. {154}
Und nun erst schlägt der Schöpfung ernste Stunde
Dem sanften, kräuterfressenden Geschlecht;
Nun erst bereitet still des Schafes Munde
Sein Blumenfutter die Natur zurecht;
Nun erst erhebt sich kühn vom Erdenrunde
Der Elephant und übt des Rüssels Recht;
Nashorn im Schilfe steht emporgerichtet,
Wo sich zum Dach ein Cedernwald verdichtet. —
Indeß nun harmlos, in des Himmels Bläue,
Der Thiere Schwarm zu seinen Füßen spielt;
Der Biber dort kunstsinnig sein Gebäue
Vollendet, wo den Damm der Strom umspült.
Und tausendstimmiges Geblök, Geschreye
In Lüften und in Wellen wogt und wühlt,
Tönt plötzlich aus anmuthgen Thales Krümme:
Auf! Laßt uns Menschen schaffen! eine Stimme.
Und Mutter Erd' erfassen sanfte Wehen;
Und leis‘ erschüttert bebet rings das Land;
Zum zweitenmale wähnt sie zu vergehen,
Und Meer zu seyn, wie das, was vorhin stand,
Bis wieder eine Stimm' ihr ungesehen
Zuredend naht aus grüner Felsenwand,
Die zu dem Thone sagt, daß er gelinde
Zu menschlichen Gestalten los sich winde. — {155}
Und es vernimmt des Gottes Wunsch die Erde;
Noch einmal regt sie auf die Schöpfungskraft,
Womit sie Elephanten, Schafe, Pferde,
Das sanfte, kräuterfressende Geschlecht erschafft; Kaum tönt zum drittenmal der Allmacht Werde, Durchrinnt auf's Neu die Glieder Lebenssaft,
Und viele Kinder liegen nackt und bloß,
Und weinend auf dem mütterlichen Schooß.
Die trägt sie sanft in ihren grünen Armen;
Erwärmt sie schweigsam, drückt sie an ihr Herz,
Stillt mutterhuldreich allen Gram der Armen,
Und, als sie Hunger quält und Durstes Schmerz,
Da will das Herz ihr brechen vor Erbarmen,
Da wendet sie die Augen himmelwärts,
Und läßt der Kindlein Durst sogleich zu stillen,
Zwey Ströme Milch aus ihren Brüsten quillen.
So schliefen, wohlgetränkt und wohlgenähret,
Die Kleinen auf dem grünen Rasen ein,
Von keinem Raubinsekt im Schlaf gestöret —
Denn diese Brut schloß träg der Schlamm noch ein
Von Vöglein, welche Trauben abgebeeret,
Nur träumten sie bey munterm Sonnenschein,
Und fern vernahmen sie durch Thales Stille
Der Rinder sanft verhallendes Gebrülle. {156}
Dich andres Leides mußten sie gewarten;
Denn, als so sanft sie schliefen, zog herauf
Ein muntrer Schwarm von Vögeln aller Arten;
Auch kam die Sonn', ermüdet von dem Lauf
Um diesen schönen großen Gottesgarten,
Und trank von Milch die Ströme durstig auf;
So daß, als Abendwind die Kindlein weckte,
Ihr Auge nur die leere Stätt' entdeckte.
Da blickten sie mit kläglicher Gebehrde
Hinauf zum blauen Himmel, und sofort
Verklagten sie die Sonne bey der Erde,
So daß sie diese schalt. Da floh sie fort,
Entrüstet ob der kindischen Beschwerde,
Und ging zu leuchten einem andern Ort;
Und, wie sie hinter Hügel sich versteckte,
Geschah's, daß dunkle Nacht die Erde deckte.
Und da die Sonne nicht mehr wollte scheinen,
Ergriff die Kindlein bange Furcht alsbald,
Sie fingen laut und bitter an zu weinen,
Und ihnen graute vor dem Aufenthalt;
Denn finstre Schatten schritten aus den Hainen,
Und dunkle Schreckgestalten warf der Wald,
Bis Mutter Erde, die von Leid gebeugte,
Aufhenkt' am mächt'gen Himmel Mondesleuchte. {157}
Selene ging entlang die grünen Hügel,
Erhellend Wald und Feld mit mildem Schein; Obschwebte sanft dem grünen Fluthenspiegel
Ihr Bild, und zitternd malt das Laub sich drein,
Muthwillig gaukelnd schwang der West die Flügel
Und Grillen zirpten Schlafesmelodeyn;
Früh Morgens aber trug, um sie zu nähren,
Der Erde Schooß die Frucht von süßen Beeren.
Da streckten sie die Hände nach den Sträuchen
Und pflückten ab der süßen Erdbeer Frucht;
Hinauf zum Kirschbaum konnten sie nicht reichen,
Noch ward ihr Auge blos davon versucht.
Nachts schliefen überschattet sie von Eichen,
Am Tage lockt sie stille Meeresbucht,
Mit Vögelein auf grün besproßter Erde
Arglos zu spielen, furchtlos vor Gefährde.
So gingen sieben Sommer auf und unter,
Und zwölfmal sieben war des Mondes Lauf;
Ein Trunk vom Quell erhielt die Kindlein munter;
Bald lasen sie Johannisbeeren auf,
Bald warfen Vöglein ihnen Frucht hinunter;
In stiller Eintracht wuchsen so sie auf;
Allmählich lernten sie des Birnbaums Zweigen
Die Frucht entschütteln oder ihn besteigen. {158}
So wär' ihr Leben harmlos hingeflossen;
Noch hatte das Geschlecht sich nicht entzweyt;
Sie wuchsen Blumen gleich im Lenz entsprossen,
Wo morgen eine blüht, die andre heut,
In einer Knospe Mann und Weib verschlossen,
Verhüllt in holder, süßer Dunkelheit,
Wie Rosen, die von einem Stocke stammen,
So wohnten sie in einem Leib beysammen.
Da trieb sie böser Vorwitz sich zu trennen,
Ein neu Geschlecht erwuchs nun, Mann und Weib.
Ich darf das Unaussprechliche nicht nennen:
Zwey Hälften wurden nun aus einem Leib.
In ew'ger Sehnsucht müssen beyd' entbrennen; Unwiderstehlich fühlt zu fremden Leib
Sich ewig der getrennte hingezogen,
Und wird vom Schattenwunsch doch stets betrogen.
Mit Blumen schuf das Weib Natur im Bunde;
Drum blüht ihr Leib, wie Blumen, weiß und roth,
Fühlt, wie verletzt von zarter Dornenwunde,
Im Kuß des Mannes schmerzlich süßen Tod.
Drum zieht die Jungfrau oft zur Abendstunde
Zum Garten sehnsuchtsvoll Naturgebot,
Der Blumenschwestern Schicksal zu bedenken,
Sie still zu pflegen, schweigend sie zu tränken. {159}
Weit andres hat dem Mann zum Lebenstheile
Das gütig strenge Schicksal ausgewählt;
Es ist des Sturmwinds Hast, des Adlers Eile,
Es ist des Lichtes Blitz, der ihn beseelt.
Drum stürmt er rastlos fort zu Speer und Pfeile,
Und billig Thieren wird er beygezählt,
Erheitert ihm das süße Licht der Liebe
Nicht finstrer Ahnherrn angestammte Triebe.
Drum regte kaum die Kraft sich in den Händen
Als auch der Muthwill faßte das Geschlecht;
Nicht mehr genießen wollten sie — verschwenden:
Der Rosenstock empfand der Stärkern Recht.
Sie pflückten grün die Frucht von Brombeerwänden,
Zerrupften wild das Hagebuttgeflecht;
Was in der Blütezeit sie nicht verheerten,
Zertraten sie, wenn sie's herunterbeerten.
Da ruften laut die Vöglein von der Erde,
Da klagten Rosenstock, Johann'sbeerstrauch,
Wie daß der Mensch zu mächtig ihnen werde,
Und sey'n sie doch der Erde Kinder auch. —
Und als das ihre fromme Mutter hörte,
Die alle Kindlein liebt nach gleichem Brauch,
Sprach sie: Johannisstrauch, dich zu beschützen,
Dich Rosenstock, geb' ich euch Dornenspitzen. {160}
Drob kehrte sich der Kindlein böse Tücke
Von Pflanz' und Baum zu Vogel und zu Thier;
Sie stellten listig nach der Grasemücke,
Dem Hänfling in dem grünen Waldrevier;
Sie rissen wild manch Vogelnest in Stücke,
Das Lamm entging nicht ihrer Blutbegier;
Und so befleckten sie die Mutter Erde,
Die sie bisher mit Milch und Früchten nährte.
Abhold zuletzt so schnödem Uebermuthe,
Ward kalt der Mutter Herz und liebeleer:
Sie wecket auf aus der Erschlagnen Blute
Ein unzählbares, wildes Plagenheer.
Wo wiederkäuend sanft die Heerde ruhte,
Da brüllen Tiger nun und Löw' und Bär,
Und üppiges Geschlecht, anstatt der Rose,
Entwuchert wild dem grünen Mutterschooße.
Auch fordern insgesammt die Elemente
Zurück ihr Antheil von der Erdenbrut,
Das Feuer, das als Leucht' im Haupt ihr brennte,
Klar stralend aus der Augen lichter Gluth,
Die Pflanze, die sonst Oel und Salz ihr gönnte,
Das Wasser, das gezähmet fließt als Blut;
Schalthiere kamen selbst und drangen leise
Auf ihr zu Bein gewordnes Kalkgehäuse. {161}
So mußte wiederum der Leib zerfallen,
Der kaum in etwas Staub gekleidet war;
Auch fiel ein gleiches Loos von nun an allen
Geschöpfen, so die Erd' aus Thon gebar.
Wann Luft und Feuer auf und nieder wallen,
Wann Wasser fällt und steiget, trüb und klar,
Muß, was von Erd' ist, an der Erde bleiben,
Und aller Pflanzen Schicksal heißt Zerstäuben. —-
Drum zieht das Raubthier auch ein ewig Sehnen
Zu seiner Heerde hin, zum alten Stamm;
Indem sie sich mit ihm zu einen wähnen,
Zerreißen Wolf und Tieger Schaaf und Lamm.
Drum schwuren ew'gen Krieg uns die Hyänen;
Drum sind dem Menschen Löw' und Tieger gram;
Aus Blut, das sie verschütteten, entsprossen,
Entspinnt der alte Zwist sich unverdrossen. {163}
V.
Die
Erzählung des ersten Menschen
von seiner Schöpfung. {165}
Noch lebt in mir, wiewohl mit einer Zumischung von Freud' und Furcht, die Erinnerung jenes Augenblickes fort, wo ich unter den Erdendingen, die mich umgaben, zum erstenmal mein nach und nach, in
plötzlicher Absonderung aus dem Allgemeinen, hervortretendes Daseyn fühlte. Es dauerte lange, bis ich inne wurde, woher ich kam, wohin ich ging, oder wo ich mich befand. Noch besaß ich nur das
Gefühl meines Ichs. Ich eroffnete meine Augen. Welch ein Zuwachs neuer Empfindungen! Das Licht der Sonne, das Gewölbe des Himmels, das Grün der Erde, der Krystall der Gewässer, die ganze
Beseelung der Natur schien die meinige zu seyn, und regte mich so mächtig mit Eindrücken an, daß die Empfindung, die sie mir übrig ließ, kaum einen Laut der Bewunderung fand. In diesem Augenblick
fühlte ich mich weit weniger wie in jedem andern geschickt, mein aus der Natur abgesondertes Daseyn aufzufassen, sondern glaubte vielmehr fest, daß alles zu mir gehörte, was auf meine Sinne
zudrang, für die ich übrigens bis jetzt noch keine {166}
Namen hatte, so wenig wie ich wußte, wo, wie, und auf welche Art diese Thorwege des Universums, wodurch Erd' und Himmel gleichsam in mich ihren Einzug hielten, an meinem Körper eröffnet und
angebracht wären. Eine natürliche Folge dieser Unwissenheit war, daß alles, was mich umgab, meinem Auge weiter nichts, als eine durch Erd und Himmel hinreichende ungeheure große Erweiterung
meines eignen Ichs zu seyn schien. Während dieser mit immer neuem Erstaunen über die Größe meines eignen Ichs mich überraschenden Vorstellungen, hielt ich mich auch dadurch in dem schönen Glauben
an die Gewißheit derselben bestärkt, daß, als ich nun bald daraus meine Augen gegen das Gestirn des Tages richtete, ich dieselben, wie durch einen leichten Schmerz, durch den Glanz, den das Licht
von dort ausströmte, verletzt fühlte, — so daß ich die Augenlieder unwillkürlich zuschließen mußte. Worauf es denn geschah, daß, als ich nun die Sonne nicht weiter gewahr wurde, mein ganzes Wesen
in jene unersichtliche Nacht und Dunkelheit zurückfiel, aus welcher ich so eben freudig hervorgegangen war und durch deren plötzliche Rückkehr ich mein Daseyn schon wieder aufs Neue für verloren
achtete.
Noch erfüllte der Wechsel dieses unerwarteten Ereignisses mich mit einem traurigen Erstaunen, als auf einmal, ich wußte nicht woher, Töne zu meinem Ich {167}
gelangten. Der Gesang der Vögel, verbunden mit dem Gesumme der Lüfte und den frohen Gesprächen, welche die Gewässer unter einander hielten, bildeten ein Concert, das wie ein süßes Schlaflied
meine Seele auf seinen Wogen schaukelte, und mich zu den mannigfaltigsten Empfindungen aufregte. Auch von diesem neu erfahrenen Eindruck konnte ich mich nicht überreden, daß er außer mir
vorhanden sey; denn auch die Wirkung des Ohrs, als Sinnenwerkzeug, war mir bis dahin völlig unbekannt. Je länger ich daher seiner Ansprache zuhorchte, jemehr wuchs in mir die Ueberzeugung, daß
auch diese Harmonie dem Ich, was ich besaß, keineswegs fremd sey, sondern ihm allein ihre Entstehung verdankte. Mit der völlig verlornen Dahingebung an diese entzückungsvollen Wunder des Schalls,
an diese neue Art meines Daseyns, lagen jene Wunder des Lichts, die mich zuerst in die Welt gezogen, gleichsam schon hinter mir. Ich vergaß meine Augen und war völlig Ohr, bis ein plötzliches
Ungefähr es bewirkte, daß ich auch meine Augen wieder eröffnen mußte. Welch ein Himmel von Glanz, der nun von Neuem auf mich zuströmte! Im wiedererlangten zweyten Besitz aller verloren geglaubten
ehemaligen Gegenstände konnte ich nun gar nicht müde werden, mich an ihrem Anblick und ihrem Glanze zu ersättigen. Die Krystalle der Lüfte horten auf, mich {168}
mit Schlafliedern einzuwiegen, ich vergaß die Töne in meinem Innern fortfließen zu lassen. Meine Blicke schweiften statt dessen im Rausche des Lichts und des Aethers auf tausend
verschiedenartigen Gegenständen, auf Seen, Bergen, Thälern, Bäumen, Flüssen, Wäldern herum, die ich nach einer schönen, neuen, anmuthigen Entdeckung meines Wesens mit freyer Willkür, wie ich mein
Auge entweder öffnete, oder zuschloß, in mein Ich aufnehmen, verwandeln, vereinzeln oder vervielfältigen konnte. Und ungeachtet der muntern Spiele, die das Licht mit diesem abgesonderten schönen
Theile meines Daseyns forttrieb, da die Ueppigkeit der Farben und Beleuchtungen ihre Zahl gleichsam bis ins Unendliche vermehrte; so glaubte ich doch nichts desto weniger mitten in diesen
Wechseln eine wesentliche Verknüpfung meines Ichs mit den Erscheinungen der Natur, auch in ihrem flüchtigsten Vorüberzuge gewahr zu werden, und so in der Absonderung zugleich die Nähe, in der
Nähe aber zugleich die seligste Entfernung meines Ichs zu finden. Ich mußte suchen, dieser schönen Ahnung noch besser auf die Spur zu kommen. Bis jetzt war Aug' und Ohr — wenigstens der Standort,
den sie an meinem Körper einnahmen, mir, wie gesagt, völlig unentdeckt geblieben — wiewohl ich, was ihre Wirkungen betraf, mit diesen nicht unbekannt war — und nun, ohne daß ich noch über ihre
Ge- {169}
heimnisse zuvor einen befriedigenden Aufschluß erhielt, sollte ich auch über ein neues Wunder meines Körpers zu einer unmittelbaren Anschauung gelangen. Ich hatte nämlich bis jetzt, in meine
Gedanken vertieft, an einer Stelle stille gestanden. Plötzlich auf mich eindringende Wohlgerüche aber setzten mich gleichsam in eine unwillkührliche Bewegung; meine Glieder verließen ihren
bisherigen Platz; alles, was sich irgend von Umgebungen vor mir, hinter mir oder zu meinen Seiten befand, entwich nun gleichfalls. Berge, Seen, Flüsse, Bäume liefen abwechselnd an meinen Augen
vorüber, und zwischen ihnen hindurch fühlte ich mein Ich gleichsam durch eine unbekannte Doppelgewalt von zwey Händen, womit ich meine Füße verwechselte, emporgehoben und in alle Lüfte davon
geführt. Erst nach einer ziemlich lange fortgesetzten Bewegung empfing mich ein Ruhepunkt. Das bis dahin abhängige Erdreich ebnete sich allmählig und hier versuchte ich es, meinem entflohenen
Daseyn zugleich mit meinen Füßen einen Stillstand aufzulegen. Alles um mich herum schien mir nämlich in ein unendliches Schwanken und in die größte Unordnung gerathen zu seyn. Die
Wiederbefestigung hielt anfangs schwer; doch gelang es mir endlich. — Ich stand fest auf meinen Füßen und bemerkte zugleich, daß ich die Kraft besaß, wie die Bewegung meiner Augenlieder und
170}
Hände, so auch die meiner Füße, nach eigenem Wohlgefallen anzuhalten und wieder loszulassen. Mitten in dieser ergötzlichen Beschäftigung geschahe es, daß ich von ungefähr mit meinen flach
gehaltenen Händen auch meinen Kopf berührte. Von dem Augenblicke an schien mir über Erde und Himmel eine schwarze, völlig undurchsichtige Decke gelegt. Berge, Bäume und Flüsse verschwanden hinter
derselben, und kamen wieder zum Vorschein, je nachdem ich meine Hand entweder vors Auge hielt, oder von dem Gesicht damit hinwegfuhr. Was konnte ich nun anders vermuthen, als daß dieser
Gegenstand, der mir die Erscheinung aller übrigen zudeckte, auch größer, wie alle übrigen, seyn müßte? Meine Hand schien mir demnach ein Körper von ganz unermeßlicher Größe zu seyn: ja eine Zeit
lang stand ich sogar in der irrigen Meinung, daß alle diese Berge, Bäume und Flüsse in meiner Hand befindlich wären, daß ich sie mit derselben umspannen, und mir so durch ihre bald entzogene,
bald wieder vergönnte Gegenwart dieß abwechselnd anmuthige Schauspiel verschaffen konnte. Bald darauf machte ich noch einen andern eben so lehrreichen Versuch. Ich wagte nämlich, wiewohl im
Anfange etwas behutsam, die Berührung meines eignen Körpers mit der Hand. Je mehr ich damit fortfuhr und die Augen auf ihn und seine Größe richtete, je unermeßlicher schien mir sein {171}
Umfang und alles andere im Vergleich mit ihm nur eine Versammlung von glänzenden kleinen Lichtpunkten zu seyn. Was mir aber ein noch viel größeres Vergnügen, als diese Berührung der Hand,
verschaffte, war die Entdeckung jener ersten Lebensspur, wozu ich dadurch gelangte, und die sich mir besonders in der Auffindung von jenem warmen, elastischen Gegendruck des Fleisches verrieth,
das als ein ursprünglich Verwandtes, überall, wo ich mit meiner Hand an seine Oberfläche hinfaßte, für jeden Druck mir einen Gegendruck zurückgab; eine süße Vergewisserung meiner eigenen
Existenz, die weder Sonne noch Mond in ihrer bisherigen kalten Anschauung mich hatten empfinden lassen! Ich fing nun an zu glauben, daß in den Wahrnehmungen des Gefühls einige Sicherheit
vorhanden sey; der Sitz des Auges, der Sitz des Ohres konnte mir ebenfalls nun nicht länger verborgen bleiben. Eine dunkle Ahnung stieg in mir auf, daß die Natur doch wohl nicht ganz in mir zu
finden seyn möchte; daß ein Theil derselben vielleicht auch außerhalb meines Ichs anzutreffen wäre; und daß mir selbst nur vermittelst gewisser Bedingungen der Zugang zu ihren Offenbarungen frey
stände. Meine Hände über den Kopf in einandergefügt, meine beyden Füße fest zusammengeschlossen, hatte ich gleichsam die Begränzung meines Wesens nach seinem ganzen Umfange erkannt. {172}
Schon schöpfte ich einiges Mißtrauen gegen alles, was nicht unmittelbar zu meinem Ich gehörte. Eine kleine Verletzung, die ich mir von ungefähr im Gehen durch Anstoßen meines Kopfs an einen
Palmbaum zugefügt, erhöhte meine Vorsicht noch um Vieles. Ich streckte die Hand nach diesem Gegenstande aus, ich vermißte sogleich die ursprüngliche Weichheit meines Fleisches; auch vermißte ich
die Empfindung des Gegendrucks, er schien mir völlig rauh, hart und unempfänglich zu seyn, ich wandte mich schaudernd von ihm hinweg, und beschloß in Zukunft, vor allen fremden Gegenständen, die
nicht zu meinem Ich gehörten, und mich etwa verletzen könnten, mich auf das sorgfältigste in Acht zu nehmen. Hatten die vorigen Entdeckungen mich mit Vergnügen erfüllt, so hatten mir diese
dagegen einen Eindruck von Furcht und Schauer gegeben. Kaum wagte ich es, bey der Unkenntniß aller Gegenstände, die mich umringten, mich irgend einer Annäherung ohne Besorgniß zu überlassen.
Wenigstens wollte ich kein Gefühl von einem Ding haben, bevor ich es nicht mit der Hand angefaßt und mich so vergewissert hätte, daß es mir kein Leid zufügen konnte. Dieß ging so weit, daß ich
die Hände sogar nach dem Monde ausstreckte, und eine Begier empfand, die Sonne, dieß schöne Gestirn, in meine Arme zu schließen. Beydes vergeblich! Alle Gegenstände schienen nämlich mei-
{173}
nen Augen gleich nahe zu seyn, und noch verstand ich die Kunst nicht, einem Sinn durch den andern Prüfungen aufzulegen, sie selbst in ihren verschiedensten Aussagen zu berichtigen, mit einem
Wort, jene feinern und sicherern Unterscheidungen zu treffen, die man allererst trifft, wenn man durch eine Menge von Erfahrungen gewitzigt, sich seiner Hand und seines Auges als eines
untrüglichen Maßstabes zu bedienen weiß.
Im Ganzen genommen, hielt ich die Bewegung für etwas Mißliches; wenigstens schien sie mir unter meinen Umständen, in der Mitte aller dieser fremden Umgebungen, mit großen Gefahren verknüpft zu
seyn; und darum beschloß ich lieber, sie vor der Hand ganz einzustellen. Statt dessen folgte ich den Einladungen jenes Palmbaums, dessen erquickendes Grün mich in der Nähe eines blauumdufteten
Traubengeländers mit seinem säuselnden Obdach zur Ruhe einlud. Kaum aber hatte ich hier die ermüdeten Glieder unter die durch den Abend verlängerten Schatten ein wenig ausgestreckt, als ich eine
röthliche Frucht gewahr wurde, die vom Traubengeländer seitwärts lieblich einladend vor meinen Augen herunterhing. Ich streckte alsobald meine Hand darnach aus und schon auf die erste Berührung
fühlte ich, daß sich die reife Frucht weich und nachgiebig von ihrem Stiel ablöste und mir gleichsam von selbst in die Hände fiel. Dieser Zufall gab mir ein schmei- {174}
chelhaftes Gefühl. Er erweckte in mir die ersten Gedanken eines Besitzes. Ich glaubte Wunder was für eine ausgezeichnet große Eroberung in diesem Augenblicke gemacht zu haben. Ich versicherte
mich dieses fremden, schönen Körpers von allen Seiten. Beym Abpflücken hatte ich geglaubt, einen lebendigen Widerstand in ihm zu bemerken, den zu besiegen mir zum größten Vergnügen gereichte.
Endlich, nach vielen vergeblichen und fehlgeschlagenen Versuchen und Anstrengungen, war es mir doch gelungen, zu einer Art von angenehmem Besitzthum zu gelangen, und ich fing schon an, recht
stolz darauf zu werden, wo nicht den Mond, doch diese lachende Frucht so in meiner Gewalt zu haben und sie so fest zu umschließen, daß sie sich auf keine Weise wieder von mir losmachen konnte.
Ausnehmend ergötzte mich der süße Wohlgeruch, den sie ausströmte. Ich hielt sie dicht vor meine Augen. Ich brachte sie näher meinen Lippen, die sich gleichsam unwillkürlich und von selbst
eröffneten, um den süßen balsamischen Duft, der mein Inneres aus dem ihrigen anfüllte, wieder auszuathmen. Und als es durch dieses Eröffnen und Wiederverschlleßen, Einathmen und Ausathmen der
Lippen und des Mundes zuletzt dahin kam, daß mein Gaumen, von einem sehnsüchtigen Durst nach diesem krystallenen Körper versucht, denselben ganz von ungefähr mit seinem Zahn verletzte, aus
{175}
dieser Verletzung des zarten Fleisches aber eine köstliche Flüssigkeit in mich troff, da entdeckte mir die Natur abermals einen neuen Sinn, den des Geschmacks, und mit ihm zugleich das Geheimnis;
jener süßen Wesenvereinlgung, Vermischung, Durchdringung und Verwandlung aller Naturkörper, die damit süss innigste verbunden ist. Es schmeichelte mir ganz ungemein, daß es gleichsam in meiner
Macht stand, mit allen Wesen, die mir nahe kamen, eine solche befremdend liebliche Verwandlung vorzunehmen. Ich wiederholte nun an einem zweyten, dritten, vierten Versuch, was Ich an diesem
ersten so glücklich gelernt hatte: ich pflückte mir eine Traube nach der andern, ich aß sie und fuhr so lange damit fort, bis mich zuletzt eine angenehme Ermattung befiel, die mich zwang, in
dieses seligen Geschäftes Mitte ein wenig still zu stehn und zuletzt sogar aufzuhören. In diesem Zustand fühlte ich zuerst eine plötzliche Verdunkelung meiner Augen, dann verdunkelten sich auch
meine übrigen Sinnenwerkzeuge. Alle meine Gedanken und Vorstellungen traten zurück, und wurden schwächer, ich mochte fast sagen, entkörperter. Die Bilder der Gegenstände, die mich umgaben,
rundeten sich entweder zu einem bloßen Nichts ab, oder schwammen doch in lauter ungewiß schwankenden Umrissen vor meinen Augen umher. In diesem Moment fing der Gebrauch meiner Augen an, mir
ebenfalls völlig {176}
unnütz zu werden; sie schlossen sich gleichsam von selbst; eine eigne Schwere, die sie befiel, hatte sie zugedrückt. Auch mein Haupt, dem seine ermüdeten Muskeln ihre Unterstützung entzogen
hatten, neigte sich plötzlich auf eine Seite und suchte sich einen Platz auf dem Rasen, wo es ruhen und neue Kräfte einsammeln konnte — mit einem Wort — ich entschlief. Da ich damals noch kein
Maaß für die Zeit erfunden hatte, so wußte ich auch nicht zu sagen, wie lange ich eigentlich in diesem außerordentlichen Stillstand meines Wesens und aller seiner Kräfte und Sinnenwerkzeuge
zugebracht; nur so viel weiß ich noch, daß ich beym Erwachen gleichsam das Vergnügen einer zweyten Schöpfung genoß. Auch fühlte ich recht wohl, daß ich eine Zeit lang völlig aufgehört hatte zu
seyn; ja dieses Gefühl war so lebhaft in mir, daß es mir gewissermaßen die Furcht und das Vorgefühl einer meinem Wesen künftig bevorstehenden Vernichtung einflößte. Zugleich bemächtigte sich
meiner eine andere Unruhe: ich fühlte mich zwar glücklich erwacht: aber wußte ich denn auch, ob ich nicht ein Stück meines vorigen Daseyns entweder verloren, oder im Schlaf zurückgelassen hatte?
Somit machte ich es zu meinem ersten und angelegentlichsten Geschäfte bey meinem Erwachen, alle meine Sinne aufs neue wieder durch zu versuchen, und gewiß — es verschaffte mir keine geringe
Freude, als ich nun aufs {177}
deutlichste einsah und gewahr wurde, daß ich sie alle vollständig beysammen hatte.
Noch mehr! Nicht allein daß ich mich selbst aus diesem, jegliche Besinnung auflösenden Zustand des Schlafes wiederfand; auch eine, der meinigen völlig ähnliche Gestalt, aus deren süßen,
holdseligen Zügen mich gleichsam mein zweytes Ich anlächelte, sollte ich beym Wiedererwachen freudig erstaunt an meiner Seite erblicken. So hatte ich demnach in meinem Schlafe nicht nur keinen
Verlust erlitten, sondern es war mir sogar ein neuer, völlig ungeahneter, Zuwachs wechselseitigen Lebens von den Göttern geschenkt worden. Ich streckte meine Hand aus nach dieser holden Gestalt,
und sogleich die erste Berührung überzeugte mich mit lieblicher Gewißheit, daß sie mit der meinigen aufs innigste verwandt sey. Jeder Athemzug ihrer Nähe versetzte mich in ein süßes
unwillkührliches Schaudern. Es war nicht Ich, aber es war mehr als Ich, besser als Ich. Zum zweytenmale glaubte ich an eine süße Entschlummerung aller meiner Sinneskräfte, an eine Verdämmerung
meines Seyns und einen Wechseltausch meiner Empfindungen mit dem All und den Gegenständen der Natur, die mich umgaben. Ja die Empfindung des Schmerzes und der Sehnsucht nach dieser holden Gestalt
faßte mich so heftig, daß ich anfangs nicht anders glaubte, als daß meine Seele ihren eig- {178}
nen Korper verlassen und in dieses mein zweytes Ich hinüberwandern würde. Aus jedem Druck ihrer Hand schöpfte ich eine neue Beseelung meines Daseyns; aus jedem Blick meines Auges schien auch die
Belebung des ihrigen vollkommener zu werden. In diesem Moment neigte sich das Gestirn des Tages zu seinem Untergange. Ich bemerkte es kaum, daß ich mich zum zweytenmale in der Dunkelheit befand.
Ich hielt mein zweytes Ich an der Hand, und das mit neuem Muth uns beseligende Leben, das ihr in meinem Kuß, mir aber in dem ihrigen aufging, machte, daß selbst Sonne und Gestirn nach ihrem
Untergang nur wenig von uns vermißt wurden. Wir fühlten beyde unser Daseyn zu sehr, als daß wir uns der Furcht, es jemals zu verlieren, in diesem Augenblicke hätten überlassen können. {179}
VI.
Die Geschichte
von den
drey Herren Raben
im Schwabenland.
1811. {181}
Schwabenland war einst eine Mutter, die vier Kinder besaß; ein Mädchen, Namens Tausendschönchen, und drey Knaben, die wild genug waren und kein anderes Vergnügen kannten, als zu fluchen und in
der Karte zu spielen. — Eines Tages, am Vorabend des heiligen Pfingstfestes, sprach die Mutter zu Tausendschönchen: Schicke dich, meine Tochter, morgen ist Pfingstfest, und die ganze Kirche ist
schon mit Mayen besteckt, wir wollen, will's Gott, in die Frühmette gehen! Und Tausendschönchen sagte Ja. Und als der Morgen kam, ging sie nach dem Schrank und zog sich sauber an und die Mutter
auch. Und nachdem sie beyde ein Rosmarinstengelchen vorgesteckt hatten, gingen sie zur Thür hinaus und in die Kirche. Eh sie aber fortgingen, rief die Mutter noch den drey Buben zu: Schickt euch,
der Gottesdienst ist angegangen! „Gleich, gleich!" gaben sie ihr zur Antwort, aber in ihren Herzen dachten sie: Ihr sollt lange warten! denn sie saßen alle drey in einem Winkel und vertrieben
sich die Zeit, nach ihrer bösen Gewohnheit, mit Kartenspielen. {182}
Als die beyden darauf in die Kirche traten, erklang das: „Wir gläuben, wir gläuben," eben von der Orgel. Und die Mutter sah sich nach ihren drey Söhnen auf dem Chor und in den Stühlen und überall
um, aber sie bemerkte keinen davon. Der Gedanke, was die bösen Gesellen indeß zu Hause wohl vornehmen möchten, beunruhigte sie während des ganzen Gottesdienstes. Und als der Pfarrer Amen gesagt,
schlug sie ihr Stühlchen zusammen, nahm es unter den Arm und ging davon. Denn sonst war in der Christenheit der Gebrauch herrschend, daß die Leute, welche in die Kirche gingen, ihre Stühle selbst
mitbrachten. Also nahm die Mutter ihren Weg nach Hause; denn ihre Wohnung lag nicht weit davon und der Kirche gegenüber. Und schon vor der Thür hörte sie ein Rufen von „Eichelkönig und
Schellendaus" und sie erkannte alsbald in demselben die Stimmen ihrer gottlosen Kinder. Und der Zorn übernahm sie darob dergestalt, daß sie sich selbst vor großem Aerger nicht kannte; und sie
lief die Treppe hinauf in die Stube und redete sie folgendermaßen an: „Ihr gottlosen Rabenkinder, was untersteht ihr euch, unter der Predigt in der Karte zu spielen? Ey, so wollt' ich doch
gleich, daß ihr da wäret, wo euch weder Sonne noch Mond beschiene!" Kaum hatte die Mutter diesen Fluch über ihre Kinder ausgesprochen, so ging er auch schon in Erfüllung. {183}
Kiele und schwarze Federn wuchsen ihnen überall am ganzen Leibe hervor, ihre Nasen wurden zum Schnabel, ihre Hände verwandelten sich in Flügel, und so flatterten bald, anstatt ihrer drey Herren
Söhne, drey kohlschwarze Raben in der Stube herum. Die Mutter weinte und schrie, rang die Hände, und klagte und rief den Himmel an, daß er einen durch den Zorn des Augenblickes ihr entlockten
Fluch auf eine so grausame Art erhört und bestätigt hätte. Aber geschehene Dinge lassen sich nicht ändern. Die drey Raben blieben Raben und damit gut, und flogen nach ihrer Weise recht lustig in
der Stube herum. Zuletzt stieß einer von ihnen sogar, indem er sich ein wenig Luft machte, mit seinem Kopf das Fenster ein, und alle drey suchten darauf das Freye, wie es dieser Vögel Gewohnheit
ist, und belustigten sich eben so sehr an den muntern Kreisen, die sie in der blauen Luft zogen, als sie sich zuvor an dem Kartenspiel ergötzt und belustigt hatten. Als sie dieß toll und thöricht
genug eine ganze Weile getrieben hatten, setzten sie sich gegenüber auf den alten Kirchthurm und nahmen mit einem traurigen Gekrächze hier gleichsam von ihrer Mutter und der ganzen Gegend
Abschied. Indem war auch Tausendschönchen nach Hause gekommen, ebenfalls mit ihrem Stühlchen unter dem Arme. Und als ihr die Mutter die ganze bedenkliche Geschichte erzählt hatte, hieß das
{184}
artige Kind dieselbe gutes Muths seyn und sagte weiter, sie wisse schon, was sie hierin zu thun habe: sie wolle kurz und gut auf die Wanderung in die weite Welt gehn und nicht eher wieder in
ihrer Mutter Haus zurückkehren, bis sie derselben sichere Kundschaft von den drey Herren Raben mitbrächte. Die Mutter erschrak nicht wenig über diesen Vorsatz des Töchterleins und sagte traurig
zu derselben: Ach, liebes Herzenskind, die Welt ist so groß und du bist so klein; deine drey Herren Brüder haben Flügel und du hast blos ein paar Füße! Wie willst du ihnen nachkommen, wie willst
du sie einholen? Wenn sie nun über Berg und Thal davonfliegen, so wirst du bald müde werden, wenn du ihnen nachfolgest. Und Tausendschönchen gab auf alle diese Einwendungen weiter nichts zur
Antwort, als: Ey liebe Mutter, das verschlägt nichts; hab' ich doch mein Kirchenstühlchen, worauf ich mich zuweilen setzen kann, wenn ich müde werde, um wieder auszuruhn! Ich will schon laufen!
Und die Mutter, die alt und betagt und schwach war — denn sonst wäre sie wohl selbst mitgegangen — da sie sah, daß Tausendschönchen sich nicht wollte halten lassen, entließ das Kind mit tausend
Thränen und gab ihr noch außerdem tausend Segenswünsche mit auf den Weg. Und Tausendschönchen nahm die Segenswünsche in ihr Herz und verschloß sie daselbst: das Stühlchen aber nahm sie unter den
Arm, und begab sich so {185
auf die Wanderung. Und als sie nun eine Strecke gegangen war, kam sie an eine Mühle, deren Schaufeln im Wasser träg hin und her gingen, und jedem Vorübergehenden zuzurufen schienen:
Kehre wieder!
Kehre wieder!
Kehre wieder!
Und das war Tausendschönchens erste Versuchung. Anfangs stand sie zwar ein Weilchen stille und bedachte sich, was sie thun sollte. Nachher aber war sie auf der Stelle gefaßt, und sagte so:
Mühle, geh du deinen Klang!
Ich geh meinen Gang.
Ich kehre so nicht wieder,
Ich suche meine Brüder.
Und somit war sie auch schon wieder auf dem Weg und an der Mühle vorbey, eh es ein Mensch gewahr werden konnte. Aber es dauerte nicht lange, so sollte ihr die zweyte Versuchung begegnen. Das war
ein Schäfer, welchen sie fragte, ob er nicht irgendwo die drey Herren Raben gesehen hätte. Und der Schäfer sagte: Ja, zu dienen! Sie sind so eben über jenen Fluß geflogen. Da müßt ihr nur grad'
hindurch gehen, wenn ihr sie auf dem kürzesten Wege antreffen wollt. Und Tausendschönchen sagte: der Mühle Rath ist schlecht, {186}
aber des Schäfers seiner ist noch schlechter. Denn wenn ich mitten durch den Fluß gehe, werd' ich wahrscheinlich niemals an das jenseitige Ufer kommen! — Und weiter sagte sie: Ey nun, es kommt
auf die Probe an. Indem erblickte sie einen großen Feldstein, der am Wege lag. Und sie nahm den Stein und sprach zu sich selbst: trägt das Wasser den Stein, so werd' ich ihm auch nicht zu schwer
seyn. Darauf warf sie ihn ins Wasser, aber wer sich nicht wieder sehn ließ, das war der Stein. Nun schien guter Rath theuer zu werden, denn wie sollte sie anders, als so über den Fluß kommen?
Einer könnte vielleicht meinen, sie hätte wie jenes Bäuerlein am Ufer stehen und warten sollen, bis alle Tropfen in dem Fluß abgelaufen wären, aber das hätte denn doch ein wenig zu lange gedauert
und Tausendschönchen kam daher auf einen weit gescheutern Einfall. Sie ging nämlich so lange den Fluß, ich weiß nicht, ob herauf oder herunter, bis sie eine Brücke fand. Ueber diese ging sie ganz
gemächlich. Und die Brücke führte sie in einen schönen Wald. Und als sie in den grünen Wald hinein kam:
Da war es ein Neigen
Von allen Zweigen;
Von den Vögeln ein Singen,
Von den Hirschen ein Springen,
Und das ging immer: {187}
Die Winke, die Wanke,
Die Pinke, die Panke!
Und es klang ordentlich wie ein Kirchenlied, das in einer Waldkapelle gesungen wird. Und Tausendschönchen, weil sie müde war, zog ihr Stühlchen unter dem Arm hervor und setzte sich drauf; und als
es schimmrig wurde und die Nacht heranrückte, so schlief sie alsbald ein. Kaum hatte sie aber ein oder zwey Viertelstündchen geschlafen, so träumte ihr, sie sähe ihre Brüder, die drey Herren
Raben, über ihren Kopf dahinfliegen. Und sie erschrak über diesen Traum, und als sie davon erwachte, sah sie ein golden Ringlein, was sie ihrem jüngsten Bruder, welchen sie gar sehr liebte,
neuerdings zu seinem Geburtstage geschenkt hatte, in ihrem Schooß liegen und schloß daraus, daß es die drey Herren Raben wären, die im Vorüberfliegen ihr dieses Kleinod hätten hineinfallen
lassen. Aufgemuntert durch diese erste Spur, schlug sie ihr Kirchenstühlchen zusammen und setzte ihre Wanderungen durch den grünen Wald immer weiter fort. Auf einmal, an dem Ende desselben,
verwandelte sich die vorige Kühle und Dunkelheit des Orts plötzlich in eine brennende Hitze, und Tausendschönchen ward sichtlich inne, daß ihr eine fast unerträgliche Glut ins Gesicht schien, und
daß sich das Klima hier gleichzeitig verändert habe. Als sie darauf einige Bauern befragte, wie das zuging, daß sie mit- {188}
ten in der Nacht hier so hell und so warm hätten? antworteten ihr diese: „Deren keins soll dich Wunder nehmen, weder die Helligkeit, noch die Hitze des Orts: denn nicht weit hiervon wohnt die
Frau Sonne, und wo die haushält, da erfriert gewiß Niemand, und das Laternengeld kann man auch sparen." Durch diese Worte bestärkte sich Tausendschönchen tausendmal mehr in ihrem Muth; denn sie
gedachte in ihrem Herzen: was gilts? die Frau Sonne muß gewiß ein recht leutseliges Wesen seyn, weil sie auch bey den ärmsten Leuten einkehrt: sie wird mich armes Ding gewiß auch recht gut
aufnehmen und mir alles Liebes und Gutes erzeigen, wenn ich zu ihr ins Haus komme. So ging sie denn getrost auf die Wohnung der Frau Sonne zu, und pochte an die Thür, welche ihr auch nicht lange
darauf von einem alten, krummgebückten Mütterchen mit einem mächtig großen Sonnenhut auf dem Kopf, eröffnet wurde. Diese hatte Tausendschönchen kaum erblickt, als sie auch schon — wie denn alte
Frauen über die Maßen neugierig sind — folgende Frage an sie ergehen ließ: Je, was willst du denn hier, mein liebes Kind? Ach, sagte Tausendschönchen, gutes Mütterchen, ich bin so müde vom
heutigen Gehen durch eure verwünschten Nadelhölzer, wo die Tannenzapfen umherliegen und einem die Fußsohlen zerstechen, daß ich mehr, als alles Uebrige, der Ruhe und eines gu- {189}
ten Nachtlagers bedarf: denn ihr sollt wissen, ich bin über Berg und Thal gegangen, um meine Brüder, die drey Herren Raben, zu suchen. Seil gestern früh hab' ich keinen Bissen gegessen, noch
einen Tropfen getrunken: ich bitte euch daher höflichst um ein Stückchen Brot, einmal zu trinken und ein Nachtquartier. Das ist ein bescheidner Wunsch und ich wollte ihn dir recht gern gewähren,
meine Tochter, antwortete ihr die gute Alte, wenn ich wüßte, wo ich das Brot, oder was zu trinken hernehmen, oder wohin ich dich verbergen sollte. Ich habe zwar hinten im Haus ein Kämmerchen mit
Laden davor; aber, meine Tochter, die Frau Sonne ist so neugierig, daß sie auch durch die dichtesten Fensterladen hindurch sieht, und, fände sie dich denn von ungefähr an diesem Ort, so hätte ich
kein gut Wetter zu gewarten. Indeß weißt du was: ich habe hier noch so ein schwarz Hühnchen, das will ich dir doch zur Nachtkost zubereiten, du armes Ding! Das Hühnchen kannst du essen, aber die
Knochen thu in dein Tüchelchen: denn sie werden dir noch gute Dienste leisten. Aber sieh nur, wie es von allen Seiten dermalen flittert und glänzt und flattert! Ich höre schon die Fußtritte
meiner Tochter, sie ist im Anzuge: verstecke dich ums Himmelswillen in einen Winkel." Und Tausendschönchen lief, was sie konnte, und versteckte sich. Bald darauf kam die Frau Sonne vor's
{190}
Haus und machte ein solch Geflitter, daß man sich auf zehn Meilen davon die Hände vor die Augen halten mußte. Als sie die Mutter erblickte, that sie ziemlich ungestüm und ihre erste Frage, die
sie an sie stellte, war: ob sie nichts zu essen oder zu trinken hätte, weil sie von dem vielen Laufen ganz hungrig und durstig geworden sey. Was zu essen? gab ihr die Mutter zur Antwort, was zu
trinken? Du machst es auch darnach, Kind, daß man dir was vorsetzen, oder deinem Munde etwas bieten kann! Wenn du so fortfährst, wie du das Jahr gewüstet haft, so werden bald keine Weintrauben
und kein Brot mehr im ganzen Lande zu haben seyn. Das Einzige, was ich dir auftragen kann, und damit wird es wohl auch bald zu Ende gehen, wenn du mit dem Gras nicht besser verfährst, als du
bisher gethan hast, ist etwas Milch. — Darauf und wie sie vieles gesagt, brachte sie ihr in einem großen Napf Milch und einige Wecken Butter, die sie in grüne Blätter eingewickelt hatte. Die Frau
Sonne machte sich auch sogleich sehr hitzig darüber her, und verzehrte die Milch aus dem Napfe: die Butter aber, als sie ihr zu nahe kam, verging, damit das alte Sprichwort wahr würde, wie Butter
an der Sonne. Nach dem Abendessen verfügte sich die Frau Sonne alsbald zu einem benachbarten See und stieg daselbst in ein kühlendes Bad. Tausendschönchen aber, dem die gute Alte {191}
indeß das gebratene schwarze Hühnchen zugesteckt hatte und dem zuvor in seinem Winkel ganz heiß und unheimlich geworden war, benutzte die Zwischenzeit dazu, um auf und davon zu kommen. Beym
Abschied bedeutete sie die Alte noch über ihren Weg, und verrieth ihr sogleich, daß ihre Brüder, die drey Herren Raben, sich am Glasberge befänden, und daß sie, um dahin zu kommen, immer nach
Norden zugehen, doch erst bey dem Herrn Mond, der ein weitläuftiger Verwandter von der Sonne sey, einkehren müßte, in dessen Haus es grimmig kalt seyn würde. Und so entließ sie das gute Kind mit
seinem Kirchstühlchen, das, seinem erhaltenen Auftrag gemäß, getrost dem Norden zuwandelte und unterwegs folgendes Liedchen sang:
Ihr rothen Vögel mit rothen Flügeln,
Ihr rothen Blumen auf schwarzen Hügeln,
Ihr Fische mit rothen Flossen, so flinke,
Wo erborgt ihr eure Schminke?
Lobet Gott! lobet Gott!
Rufet die Wachtel im Morgenroth.
Weiß ist der Winter, der Sommer roth!
Rechte Liebe führt in den Tod!
Dabey erwog sie traurig noch einmal den schweren
Fluch ihrer Mutter, wie derselbe doch so gar unaufhaltsam über ihre armen Brüder ausgebrochen sey, die nun, nach dem Berichte der Alten, im Sonnenpalaste verzaubert {192}
in dem Glasberge dasaßen, wo sie weder Sonne, noch Mond beschienen. Eine gute halbe Stunde darauf war sie auch wirklich vor einem zweyten großen krystallenen Säulenhause angelangt, das sie
sogleich für den, ihr ebenfalls bezeichneten, Palast des Mondes ansprechen mußte; denn es kam ihr so klar darin vor, wie am hellen Tage, dergestalt, daß der davon ausstrahlende Glanz alle Kerzen
überflüssig machte und man von einem Dreyer die Unterschrift und das Gepräge in sehr weiter Entfernung lesen konnte. Als nun Tausendschönchen näher hinzu ging und an die Thüre klopfte, siehe, da
trat ein steinalter Mann heraus, der ganz erfroren aussah, und in Pelz eingewickelt war. In der Hand hielt er einen Dornenstock und ihm zur Seite befand sich ein Hund. Und wie ihm das Kind noch
genauer ins Gesicht sah, erkannte es in ihm den so oft im Kalender beschriebenen und von Dichtern besungenen Mann im Monde, nebst seinem Hunde. Von dem einen ist es weltbekannt, daß er Kohl
gestohlen; von dem zweyten, daß er nicht über den Dieb gebellet hat, und zur Strafe dafür sind sie beyde, wie man sagt, in den Mond versetzt worden. Tausendschönchen ließ sich diese Entdeckung
gefallen. Sie dachte: Nun da werde ich doch wenigstens Kohl zu essen kriegen! aber sie hatte sich leider auch diesmal geirrt und es wurde leider auch im Monde beydes zu- {193}
gleich, Essen und Nachtherberge, abgeschlagen. Das eine darum, weil der Herr Mond in diesen Stücken so eigen ist, daß er es gar nicht leiden kann, daß man in seinem Hause kocht, damit die blanken
Sternchen von dem Ruß und dem Rauche nicht schwarz werden, oder anlaufen; das zweyte aus dem Grunde, weil, wie der Mann im Monde sagte, das Kind es drinnen im Hause nicht lange vor Kälte
aushalten würde, weil ihm selbst, obwohl er in Pelz eingewickelt sey, nicht selten alles Blut in seinen Adern wegen der kalten Wohnzimmer erstarre. Endlich aber ließ er sich doch erweichen und
nahm es mit sich in das Haus, das wie ein gefrorner, aus lauter Krystallen und Schnee errichteter Lampenthurm aussahe. Sodann zeigte er ihr ein Winkelchen an, wo sie sich verstecken und ausruhen
konnte, und kochte ihr auch ein schwarzes Hühnchen zum Nachtessen, wobey er ihr ebenfalls, wie die Frau Sonnenwirthin, den wohlgemeinten guten Rath gab, daß sie die Knöchelchen doch ja recht
sorgfältig aufheben möchte, weil sie derselben auf ihrer bevorstehenden Reise zum Glasberge und zur Vogelstadt besonders nöthig haben würde. Tausendschönchen versprach, dieser Erinnerung in allen
Stücken Gehör zu leisten, und war eben damit fertig, die Knöchelchen von dem schwarzen Hühnchen zu sammeln, in ihr Tüchelchen einzuwickeln und sich ihren Weg von dem Alten mit dem Dornenstock
näher be- {194}
zeichnen zu lassen, als sie den Herrn Mond mit seiner ganzen Sterngesellschaft kommen hörte. Denn daß er es sey, erkannte man daraus, daß alles vor den Fenstern flitterte und flatterte. Wie er
ins Haus trat, schielte Tausendschönchen aus ihrem Winkel hervor. Es fiel gerade um dieselbe Zeit Vollmond ein; so sah denn der liebe Mond nach was Rechtem aus, und konnte sich sehen lassen.
Uebrigens läßt sich der Lärm und das Gedräng um den Eingang kaum mit Worten beschreiben, weil jedes gern zuerst in das Haus und in die Stube wollte und keins von allen Lust hatte, der Hinterste
zu seyn. Erst kamen die großen Sterne und dann die kleinen und zuletzt der Vollmond und das aus dem Grunde, weil er nicht gern in der Thür beym Hereingehen gedrängt seyn wollte; denn er war sehr
groß und liebt' es von Natur, recht gemächlich einherzutreten. Die kleinen Sternchen aber trieben die Ausgelassenheit völlig bis ins Thörichte, erst eh sie hereinkamen und nachher, wie sie drin
waren und schon von ihren Plätzen Besitz genommen hatten. Sie setzten sich nämlich je zwey und zwey auf einige, rings um die Stube laufende Regale, wo sie neben einander der Ruhe pflegten, oder
wenigstens sich zum Schlafengehen anschickten. Aber die großen waren neidisch und wollten den kleinen ihr Plätzchen nicht vergönnen, oder stießen sie wohl gar, wenn sie eingeschlafen waren,
wieder von {195}
ihrem Sitz herunter. Darüber kam denn der Herr Vollmond und legte sich mit seinen friedsamen Strahlen als Schiedsrichter dazwischen und ermahnte die Kleinen zum Guten und die Großen, daß sie
schlafen und Ruhe halten sollten. Er hatte heute grade ein recht klares und liebliches Ansehen, so daß man fast eine Stecknadel bey seinem Glanze erkennen konnte. Als er sich aber nach seinen
Sternen umsah, bemerkte er, daß dieselben neblicht, trübe und etwas angelaufen schienen. Da fuhr er zürnend auf und sagte zu dem Manne im Monde: „Gewiß ist heute in meinem Hause wieder einmal
gekocht worden; denn das ist eine leidige Angewohnheit aller derer, die von der Erde ankommen, daß sie sich das Essen nicht abgewöhnen können!" Der Mann im Monde entschuldigte sich, so gut er nur
immer wußte und konnte; der Vollmond aber war bitterböse, wollte keine Entschuldigung annehmen oder gelten lassen, und schwur, wenn er Jemand im Hause versteckt fände, daß er diesem den Appetit
auf ewig vertreiben und ein schreckliches Beispiel und Angedenken in dieser Sache stiften wollte. „Denn," sagte er, „nichts Geringeres, als mein und meiner Sterne Ehre steht dabey auf dem Spiele!
Sind wir nicht mit gehörigem Glanze am Himmel aufgegangen, so fragt kein Mensch auf der Erde, was der Grund ist, warum wir so blind und angelaufen am {196}
Firmament stehn; sondern es ist genug, daß nur
Mondschein im Kalender verzeichnet ist, um mich und
die Sterne anzuschelten und auszuschmähen, daß es
eine Lust ist, wenn wir etwa nicht so hell scheinen,
daß jeder Geschriebenes bey unserm Lichte abfassen
kann." Zu gleicher Zeit stichelte und erlaubte er sich
allerley recht empfindliche Anspielungen auf den Mann
im Monde und seine vorige, ihm freylich nicht zu größter Ehre gereichende, Lebensart. Er meinte nämlich,
es gäbe wohl mehr Liebhaber vom Kohl, im Dunkeln
sey gut munkeln, und Klas — so heißt der Mann
im Monde — werde wohl seine guten Gründ' und
Ursachen haben, warum er wünschte, daß die Sterne
blind waren, weil er nämlich seine Herren Vettern,
die andern Diebskameraden auf dem Erdball, nicht im
Stich lassen wollte! Während der Zeit, daß der Herr
Mond so polterte, hatte sich Tausendschönchen in ihrem Winkelchen winzig klein gemacht, und zuletzt war
es ihr geglückt, daß sie sich, ohne bemerkt zu werden,
fortschleichen und den Weg einschlagen konnte, den ihr
vorhin der Alte mit dem Dornenstock als den ihrigen bezeichnet hatte. — Hier ist der Ort, etwas uns vorhin Entfallenes nachzuholen. Der ehrliche
Mann im Monde nämlich (denn so wollen wir ihn,
wegen seines eben so redlichen, als liebreichen Verfahrens, das er gegen Tausendschönchen beobachtete, im- {197}
merhin nennen, wenn er gleich auf der Erde, durch die bekannte Kohlgeschichte, in den Verdacht gekommen ist, daß er, wenigstens was Eßwaare betrifft, keine reine Hand habe) — dieser ehrliche Mann
im Monde also hatte vorhin Tausendschönchen gewarnt, wenn sie zur Vogelstadt käme, als welche auf dem Glasberge, allwo die verzauberten drey Herren Raben wohnten, recht mitten inne gelegen ist,
sie möchte ja auf ihrer Hut seyn und ganz besonders sich davor in Acht nehmen, daß sie die in ihr Schnupftüchelchen eingewickelten Knöchelchen von dem schwarzen Hühnchen, das sie im Sonnen- und
Mondscheinpalast gespeist hatte, Niemanden vor Augen brächte, der den Vögeln, sey es auch nur auf die entfernteste, Weise, angehörte, weil ihr daraus sonst groß Unglück und Herzeleid erwachsen
könnte. Aber was seyn soll, wie es im Sprüchwort heißt, schickt sich wohl, und so ging es auch in diesem Fall. Tausendschönchen, die ihre Wanderung, wiewohl bey Nacht, unermüdet fortgesetzt, war
nach Verlauf einiger Stunden, so viel sie im ungewissen Mondlicht unterscheiden konnte, am Fuß der Vogelstadt angelangt, die mitten in einem Waldkessel lag, der mit ganz schroffen, ja
unersteiglichen Felsenspitzen weniger eingefaßt, als abgeschnitten war. Um nun ihren Füßchen, die, durch das lange und anhaltende Gehen ermüdet, gelegentlich Einspruch thaten, etwas Erholung
{198}
zu gönnen, nahm sie ihr Stühlchen, setzte sich darauf, und beschloß, ein Viertelstündchen in dieser Stellung abzuwarten. Zuvor hatte sie, eingedenk der erhaltenen Warnung, ihr Schnupftüchelchen
mit den darin verborgenen Hühnerbeinchen recht sorgfältig auf die Seite gesteckt; doch gelang ihr diese Vorsicht nicht so unbedingt, daß nicht noch ein kleines Zipfelchen davon außerhalb hangen
geblieben wäre. Das entdeckte nun, als sie von ungefähr schlief, ein großer Kohlrabe, und wie diese Vögel sehr neugierig sind, so zupfte er so lange daran herum, bis der Knoten aufging und das
Schnupftuch mit den Hühnerbeinchen völlig aus einander kollerte. Tausendschönchen wachte zwar von dem Geräusch auf, aber zu spät; denn eine bunte Elster, die auf einem benachbarten Baume ihr Nest
hatte und Augenzeuge von der ganzen Geschichte gewesen war, flog sogleich davon und verschwatzte den ganzen Vorfall in der Vogelstadt. Tausendschönchen, die klug genug war, die gefährlichen
Folgen dieser Begebenheit einzusehn, faßte sich sogleich und vergrub die Hühnerbeinchen in die Erde, auf einen abgelegenen Fleck und so tief sie nur immer konnte, obwohl sie nicht wußte, wie sie
ohne diesen geheimen Talisman, den ihr sowohl die Gastfreundin in der Sonne, als der Mann im Monde zur Ersteigung des Glasberges so geflissentlich angerathen hatten, je denselben ersteigen
sollte. Hier {199}
galt es indeß, weil der Augenblick drängte, aus der Noth eine Tugend zu machen. Demnach setzte sie sich wieder, gleichwie vorhin, auf ihr Stühlchen, nachdem sie zuvor die Hühnerbeinchen in dem
Schooß der Erde so gut in Sicherheit gebracht hatte, daß kein Hahn und keine Henne sie herauskratzen konnten. Wie dieß geschehen war, that sie aufs Neue die Augen zu und stellte sich, als wäre
sie plötzlich vom Schlaf befallen. Anfangs dachte sie zwar daran, ob es nicht besser sey, auf und davon zu laufen, aber dann fiel es ihr sogleich ein, daß ein Hühnergeier, wie sie in der Schule
gelernt hatte, während einer Stunde wohl 10 Meilen im Umkreis fliegt; daß also der Mensch, was die Geschwindigkeit der Füße betrifft, es mir den Flügeln eines Vogels auf keine Weise aufnehmen
könnte. Daher sie es denn für besser hielt, was auch über sie kommen würde, in aller Geduld abzuwarten. Sie hatte noch keine Viertelstunde auf diese Weise dagesessen, da vernahm sie auch schon
von weitem ein Schlagen von Flügeln, ein Wetzen von Schnäbeln, ein Piepen, ein Krächzen, ein Krähen, ein Tumultuiren, und als sie, dem Ding weiter auf die Spur zu kommen, mit halb eröffnetem
Augenlied ein bißchen durch die Gebüsche, die das Monblicht versilberte, hindurch lauschte, sah sie Alles, was nur auf tausend Meilen zu dem Volke der rothen Kämme und Sporen gerechnet werden
kann, {200}
als da sind: Auerhühner, Rebhühner, Birkhühner. Trappen, Truthühner, kollernd und krächzend und pfeifend, mit trippelndem, trotzigem, stutzendem Anflug gezogen kommen. Als sie nahe genug waren,
hörte sie deullich, daß die Elster, die den Zug führte, zu zwey großen Glockenhähnen, die nächst ihr als die Anführer des Zugs angesehn seyn wollten, folgende Worte sagte: Dieß ist der Feind
eures Geschlechts, eine von jenen zweyfüßigen verhaßten Creaturen, die so unerträgliche Verwüstungen unter uns anrichten! denn nicht genug, daß sie euch einfangen und zähmen und die Eyer, die ihr
so gern brüten wolltet, unter euern mütterlich erwärmenden Fittigen hinwegnehmen und sie zu Schocken und Dutzenden in Körben auf den Markt tragen und euch dafür welche von weißer Kreide ins Nest
legen (obwohl diese Verhinderung an der Ausübung zarter Mutterpflichten von Seiten des Menschen schon arg genug ist); so bleiben sie doch keinesweges dabey stehen, sondern gehn noch weiter, ja es
ist fast keine Schmach auszusinnen, die sie vergäßen, dem edlen Hühnervolk anzuthun. Als die Elster bis an diese Stelle ihrer wohlabgefaßten Rede gekommen war, erschien auch der König oder
Monarch der Vogelstadt mitten in der Versammlung. Es war ein Adler von majestätischem Anstand, mit funkelnden Augen und Flügeln, die, wenn er sie ausbreitete, reichlich ein zehn {201}
Ellen im Durchmesser einnehmen konnten. Als dieser Grund und Ursach ln Erfahrung gebracht, was bey seinen Unterthanen dieses plötzliche Bewegung veranlaßte, ließ er Tausendschönchen näher zu sich
heranführen, nahm in der Mitte der Seinigen Platz, die sich zu beyden Seiten um ihn herumstellten, und befahl sodann, weil er diese Sache in eigner Person zu schlichten gekommen sey, der Elster,
in ihrer Anklage fortzufahren. Diese, welcher ohnedieß das Schweigen bis dahin sauer genug geworden war, fuhr nun auch folgendermaßen in ihren Beschuldigungen fort: Alles, was diese kleine,
listige Creatur, die zu dem Geschlecht der Vogelfänger gehört, etwa zu ihrer Vertheidigung vorbringen wollte, würde vergeblich seyn, da sie es nicht abläugnen kann, daß sie vorhin von mir auf
frischer blutiger That ertappt worden ist, eben als die Spuren ihrer acht menschlichen unersättlichen Raubbegierde, die Knöchelchen von einem Huhn aus einem Tuche herausgefallen sind, woran ein
neugieriger Kohlrabe aus bloßem Zufall gezupft hatte. — Als der Adler diese Beschuldigung vernahm, so befahl er sogleich einigen von seinem Hofgesinde, daß sie Nachsuchung halten sollten, ob
dieser Punkt der Anklage gegründet wäre, und da die Knöchelchen von dem schwarzen Hühnchen zum größten Glück und weil sie von dem klugen Tausendschönchen zu tief in die Erde gegraben waren, nicht
{202}
wieder ausgefunden werden konnten, auch der als Zeuge aufgerufene Kohlrabe, weil er mit den drey Herren Raben, Tausendschönchens Brüdern, in dem freundschaftlichsten Vernehmen stand, durchaus von
nichts wissen wollte, so ermangelte dieser erste Anklagepunkt seiner gerichtlich erforderlichen Beweiskraft und der Adler erklärte, daß auf das bloße Geschrey einer Elster hin in einer so
wichtigen Sache, die nichts Geringeres, als das Leben eines vernünftigen Geschöpfes beträfe, sich kein übereiltes Erkenntniß fällen lasse. Auf weitere an Tausendschönchen ergangene Nachfrage: ob
sie denn in der That zu den verhaßten Creaturen gehöre, die sich unter dem Namen Mensch bey dem Vogelgeschlecht in einen so zweydeutigen Ruf gesetzt hätten, ließ sich diese folgendermaßen
vernehmen: Ich werde es nie abläugnen, daß ich einem Geschlecht angehöre, das sich so große Verdienste um das erhabne und edle Geschlecht der Vögel erworben hat. Was auch die Elster vom
Gegentheil schwatzen mag, so weiß ich nicht anders, als daß ihr edeln Vögel bey den Menschen aller Stände der ausgezeichnetsten Achtung und Ehrfurcht genießt und daß Groß und Klein, der Vornehme
wie der Geringere, gleichsam mit einander wetteifern, wer euch mit liebevollerem Herzen zugethan ist. Wo nistet ihr geruhiger, ihr zwitschernden Schwalben, als auf dem fried- {203}
lichen Hofe des frommen Landmannes, der es nicht ungern sieht, wenn ihr ihn besucht, sondern vielmehr es für ein Zeichen des Glücks und der ihm vom Himmel zugeschickten Wohlfahrt hält, wenn ihr
bey ihm einkehrt, und eure kleinen artig gebauten Nester um die Balken seiner bescheidenen Wohnung aufhängt? Wo vollbringt ihr angenehmere Stunden, ihr guten zutraulichen Störche, ihr edeln
fremden Gäste aus Memphis und von Senegall, wenn ihr von euern weiten Reisen um die Welt zurückkehrt, als auf dem Schornstein und den Dächern eben dieser frommen Landleute, die den schönen
Glauben hegen, daß kein Giebel abbrennt, worauf irgend einer von euch seinen Miethzins absitzt? Erhebt euch, ihr muntern, fröhlich geschwätzigen Rothkehlchen, die der Mensch im schaudrigten
Gestöber des Decembers, wenn alle Felder zugewintert und alle Büsche verschneiet sind, in seine eigne Wohnstube aufnimmt? Ich sah euch öfters, wie ihr kamt, wenn es euch draußen zu kalt wurde und
mit euern Schnäbelchen an das durch, sichtige Fenster irgend eines einsam stehenden Landhauses klopftet und von dem Herrn desselben eingelassen, traulich auf der Diele hin und her hüpfend, die
Brosamen aus seinen gastfreyen Händen aufpicktet. Und ihr, im tiefgefallenen Schnee vor dem Scheunenthor Spreu suchenden Krähen, die ihr auf der Thür einer {204}
Schafhürde in euer Trauermäntelchen eingehüllt dasitzt und euch des zugeworfenen Bissens aus der Hand eines gutmüthigen Hirten erfreut, ihr mögt nun euer Futter muthwillig in den Schnäbeln
herumschlenkern und es einander streitig machen, oder hinten im zugewinterten Garten von den beschneieten Bäumen die Nüsse ablesen, welche des Menschen Hand zum Glück für euch von dem alten
Wallnußbaume abzuschütteln vergessen hatte — gebt Zeugniß, ihr guten und verständigen Vögel, ob es denn wirklich, wie diese Hühner und Elstern den edlen König so gern glauben machen wollen, ein
so großes Unglück und Herzeleid genannt zu werden verdient, in der Nähe des Menschen zu seyn! Euch rufe ich nicht auf, ihr geschwätzigen Sperlinge, die der Mensch so vielfältig durch seine
Großmuth beschämt, wenn ihr euch überall als ungebetene Gäste auch da, wo ihr nichts zu suchen habt, einstellt, die ihr auf den Futterkorb hüpft, auf den Rücken der Hühner und der Tauben, die ihr
mit genäschigem Aufpicken der Körner den Pflug verfolgt und den Erndtewagen; die ihr das Saatkorn eben so liebt, wenn es der Landmann ausstreut, als wenn es von ihm in die Scheune gefahren wird;
die ihr die Kirsche in der Blüthe anpickt und beknuspert und die gereifte ebenfalls nicht verschmäht! — O ihr kleinen Schelme, wenn ihr nun auch aufstehen und allzuvovwitzige Klagen er-
{205}
heben wolltet, mit wie viel größerm Recht konnte der Mensch als euer Ankläger vor Gericht treten! Aber er schweigt großmüthig und begnügt sich damit, durch einige Vogelscheuchen in den
Kornfeldern und einige Glasglöckchen in dem Baumgarten, die euch wenig genug zu schaffen machen, euch Furcht einzujagen und die Früchte, die er im sauern Schweiß seines Angesichts gesäet hat,
gegen eure wiederholten, damit ich nicht sage listigen, unverschämten und diebischen Angriffe zu sichern! Doch schon allzulange habe ich mich bey den Sperlingen aufgehalten. Von euch, ihr Edlern
eures Geschlechts, soll nunmehr die Rede seyn! Wo ist ein Stand unter den Menschen, der euch, ihr lieben Vögel, nicht Ehre und Zuneigung als ein schuldiges Opfer darbrächte? Schon die lieblich
erwählten Namen, die man euch beylegt, zeigen dieses zur Gnüge an. Die Vogel des Himmels, die freyen Bewohner des Waldes und der Luft, das Singechor der Gärten, die liederreiche Waldkapelle —
dieß sind einige von den schönen Benennungen, die euch zu Theil werden und allerdings nach Verdienst. Um nun, da ich einmal auf dieses Kapitel gekommen bin, zuvörderst von euern ersten und besten
Freunden, den Dichtern, zu sprechen: wie viele sind nicht unter denselben, die sich durch ein anmuthiges Liedchen auf eine Lerche, oder Schwalbe, oder eine Fabel von dem Zeisig und der
Nachtigall, {206}
von der lustigen Grasmücke u. s. w. bey der spätesten
Nachwelt verewigt haben! Zuweilen kommt es mir sogar vor, als gehörten die Dichter ganz und gar dem
Vogelgeschlecht an, weil man sie immer nur in eben
dem Maße hochschätzt, als man ihnen zwey von den
schönen Eigenschaften, die euch, ihr lieben Vögel, bezeichnen, beylegen oder nachrühmen kann, so daß ein Dichter, der einen hohen Flug nimmt und von erhabenen Gegenständen singt, allemal mehr
gilt, als einer, der nur bey niedrigen Gegenständen verweilt, oder gar, wie man zu sagen pflegt, an der Erde kriecht. Ich habe es vorhin, wiewohl nur im Vorbeygehen, berührt, wie sehr die
Menschen, wenn sie es wollten, sich über den Sperling und seine Angehörigen zu beklagen hätten. Alles dieses aber hat die für das Vogelgeschlecht nur allzu parteiischen Dichter nicht abgehalten,
auch diesem Vogel alles Liebes und Gutes nachzusagen, oder vielmehr nachzusingen. So ergötzt sich die Welt schon lange an einem ungemein artigen Liedchen auf den Tod eines Sperlings, den ein
reizendes Mädchen in Rom, mit Namen Lesbia, besessen hat und das wegen seines sinnreichen Inhalts nun beynah schon zwey Jahrtausende hindurch auf dem alten Erdball von Munde zu Munde geht. Zum
Glück kann ich es noch auswendig und wenn es mir anders vergönnt ist, so will ich es vor dieser erlauchten und {207}
hohen Versammlung aus dem Kopfe hersagen. Die Vögel nickten sämmtlich auf eine beyfälllge Art mit den Köpfchen, so daß man wohl sehen konnte, daß Ihnen dieser Vorschlag des artigen Kindes nicht
ungelegen kam, und nachdem Tausendschönchen sich auch der Einwilligung des königlichen Adlers zuvor versichert hatte, hub sie folgendermaßen an:
Weint ihr Grazien und ihr Amoretten,
Und was Artiges auf der Welt lebt! Meines
Mädchens Sperling ist todt! des Mädchens Liebling,
Der ihr lieb, wie der Apfel in den Augen,
Und so freundlich, so klug war und sie kannte,
Wie ein Töchterchen seine Mutter kennet!
Denn er rührte sich nicht von ihrem Schooße,
Nein, er trippelte munter auf dem Schooße
Hiehin, dahin und dorthin; nickt' ihr immer
Mit dem niedlichen Köpfchen, piept' ihr immer. —
Ach! nun wandert er jene finstre Straße,
Die man ewiglich nicht zurücke wandert.
O! wie fluch' ich dir, alter Orkus,
Der du alles, was schon ist, flugs hinabschlingst!
Uns den Sperling zu nehmen, der so hübsch war!
Welch ein Jammer! o Sperling! armer Sperling!
Hast gemacht, daß mein trautes Mägdlein
Ihre Aeugelchen sich ganz roth geweint hat! {208}
Es waren wirklich unter den zuhörenden Vögeln einige, denen bey den letzten Schlußstrophen dieses Gedichts die Augen übergingen. Tausendschönchen bemerkte, daß sie dadurch in einigem Vortheil
stand, machte eine kleine Pause, und fuhr sodann mit geschickten Wendungen fort: So überlasse ich es euch dann, ihr edeln Vögel, zur eignen Entscheidung, ob das, was ihr gehört, eine Sprache ist,
wie man sie gegen einen Feind zu führen pflegt! Ergötzt euch das Gesagte, so füg' ich auch noch dieses hinzu: Nicht genug, daß die Dichter euern leutseligen Umgang rühmen und von der Anmuth eures
Wesens und Gesanges ganz bezaubert sind; auch eure Sitten und Tugenden werden von ihnen häufig den Menschen in Erzählungen und Fabeln zum Muster aufgestellt und gleichsam zur Beschämung
vorgehalten. Da mir so eben aus dem Inhalt eines zweyten, euch zu Ehren gedichteten Liedes ein Paar Strophen einfallen, so erlaubt mir, ihr edeln Vogel, euch auch diese mitzutheilen!
Willst du frey und lustig gehn
Durch dieß Weltgetümmel,
Mußt du auf die Vöglein sehn,
Wohnend unterm Himmel.
Jedes nimmt ohn' arge List,
Was ihm Gott beschieden, {209}
Und mlt seinem Fräulein ist
Männlein wohl zufrieden.
Vöglein singt und hüpft und heckt.
Ohne Gram und Sorgen,
Schläft, vom grünen Zweig bedeckt,
Sicher bis zum Morgen.
Täglich bringt es seinen Dank
Gott für jede Gabe,
Flattert einstens mit Gesang,
Froh und leicht zum Grabe!
Und ein dritter Dichter, indem er das Mitleid für euern hülfsbedürftigen Zustand im Winter auffordert, stellt das verklommene Vögelchen mit dem halb erstarrten, Obdach suchenden, Wanderer
zusammen und singt davon eben so anmuthig:
Vögelchen, vor deiner Scheuer,
Streust du Korn im Winter aus;
Ladest an des Heerdes Feuer
Müde Wandrer in dein Haus."
Bey dieser günstigen Stimmung, welche die Dichter von den ältesten Zeiten her für euch unter den Menschen erweckt und verbreitet haben, kann es euch befremden, ihr edeln Vögel, daß ihr euch bey
allen Ständen der Gesellschaft so geehrt und so geachtet seht? {210}
Dem Bauer z. B., in dessen Schafstall, Vorhof, Gesimms, ja an dessen Stubenbalken ihr ungestört zu nisten und eure Jungen auszubrüten, die Erlaubniß besitzt, vertretet ihr häufig genug die Stelle
einer Uhr, eines Kalenders und eines Wetterglases. Wie oft hört man nicht auf dem Lande, daß der Herr des Hauses in den Frühstunden sein Gesinde mit dem Zuruf ermuntert und aufweckt: Steht auf,
es ist Zeit, daß wir die Feldarbeiten anfangen, da der Hahn schon zweymal gekräht hat! Ein andermal, wenn der Himmel noch nicht völlig umzogen ist, aber die Wetterpropheten des Landmanns schon
von allen Seiten anfangen laut zu werden und den Regen zu verkünden, sagt ein alter Hirt in dem Felde zu dem jüngern: Gesell, laß uns das Vieh eintreiben, die Schwalben streichen niedrig, wir
bekommen Regen! Wenn der Storch und die Schwalbe kömmt, so ist Zeit zur Aussaat: wenn sie wieder fortziehen, so müssen auch die Früchte und Vorräthe unter Dach und Scheuer gesammelt seyn. Und
nicht nur der Landmann, auch die Seeleute richten sich nach euerm Fluge, ihr lieben Vögel, bei ihrem noch weit gefährlicheren Gewerbe. Das Rudern, glaub' ich ohne dieß, hat der Mensch von euch
gelernt, da ihr auf die geschickteste Art rudernd in dem Wasser zu hangen pflegt, und da der größte Theil von euch nicht nur mit Schwimmhäuten {211}
an den Füßen versehen ist, sondern auch euer ganzer Körper mit der Zierlichkeit seiner Gliedmaßen gleichsam ein Schiff nachahmt und völlig wie dasselbe gebaut ist, so daß dieses Jemanden, der
über diese Dinge weiter nachdenken wollte, gar leicht auf den Einfall bringen könnte, daß die ganze Schiffkunst euch ebenfalls ihren Ursprung zu verdanken hätte. Soviel ist gewiß, daß die Vögel
in der Kunst, weite Reisen zu machen und die See zu halten, ihres Gleichen suchen, und daß daher auch die erfahrensten Schiffer guten Rath von ihnen anzunehmen kein Bedenken tragen. Zum Beweis
für meine Behauptung erlaubt mir auch hier ein Sprüchelchen anzuführen, das unter den Schiffern gäng und gäbe ist und das ein alter Dichter ebenfalls in Verse gebracht hat. Unter andern Zeichen,
die dem Sturm vorangehn und seinen Ausbruch wahrsagen, sind es auch folgende Aspekten, derer in demselben Erwähnung geschieht:
Unterweilen entflieht den beweglichen Fluthen des Pontus
Kreisend das heischere Huhn, und verkündet den nahenden Seesturm:
Wieder und wieder beginnt es den Ruf unablässiger Klage;
Pfeilschnell schießt es, und stößt hellgurgelnden Laut von der Kehle.
Noch ist eine dunkle Sage am Erdball, daß auch andere Erfindungen den Vögeln, als dem ältesten Ge- {212}
schlecht aller Lebendigen, ihren Ursprung verdanken. So z. B. sollen sie das Mauern den Störchen und den Schwalben abgelernt haben. Und wenn dieß, wie ich gern glauben möchte, wirklich der Fall
ist, so ist es gewiß löblich von den Menschen, daß sie aus einem angestammten Gefühl von Dankbarkeit ihre alten Meister, denen sie den ersten Unterricht in dieser schönen Kunst verdankten,
nachdem sie selbst weitere Fortschritte gemacht, dennoch ruhig auf den Giebeln ihrer Häuser und an den Fenstern ihrer Kirchen ansitzen und fortmauern lassen. Auch ist überdieß mit dem bloßen
Namen eines Vogels schon etwas Liebliches, Gutes, Angenehmes und Gastfreundliches in der Aufnahme verknüpft; daher es denn auch wohl kommen mag, daß die der Gastfreundschaft eigens gewidmeten
Häuser, unter den Menschen gemeiniglich Gasthöfe oder Herbergen genannt, von einem goldnen Schwan, weißen Tauben, Adler, oder andern Vögeln so häufig den Namen führen. So vereinigen sich denn,
ihr lieben Vögel, alle Stände unter den Menschen, der Landmann, der Dichter, die Schiffer, die Gelehrten, die Künstler, die Aerzte, die Geistlichen, die Soldaten, ja die größten Monarchen der
Erde, zu euerm Lobe und zollen auf die eine, oder die andere Art euern erhabenen Eigenschaften ihren Beyfall, die zusammengenommen von dem, was wir uns unter dem {213}
schönen Namen eines Vogels zu denken haben, einen, wiewohl unvollkommenen, Begriff geben. Von einigen dieser Stände ist bereits im Anfange die Rede gewesen, von andern soll es nun am Schluß seyn.
Ich fange mit den Herrn Geistlichen an. Wenn nun diese einen vorigen bessern Zustand des Menschen schildern wollen, so sagen sie uns, daß derselbe zuvor ein Engel gewesen sey. Da nun aber alle
Engel Flügel haben, so folgt daraus, daß die Vögel, die den Himmel bewohnen, wenigstens von dieser Seite den Engeln etwas näher, als die Menschen, verwandt sind.
So werden es die Herren Mathematiker auch gar nicht müde, die schönen geometrischen Figuren zu bewundern, mit welchen in zugespitzten Keilen die Geschlechter der Zugvögel, als Störche, Kraniche,
wilde Gänse u s. w. die Luft durchschneiden und gar regelmäßig sich aus einem Welttheil in den andern bewegen. Daß die Gelehrten, besonders aus der Klasse derjenigen, welche die Bücher verfassen,
wenn sie ihre mit gründlicher Tiefe verfertigten Schriften aufzeichnen, sich gemeiniglich dabey eines Kiels zum Schreiben bedienen, ist eine anerkannte Sache und ein Umstand, der allein
hinreicht, euch Vögeln ein ewiges Recht der Dankbarkeit dieses Standes zu erwerben. — Wie viel bey einer Krankheit darauf ankömmt, daß man sich pflegt, oder ruhig im Bette verhält, wissen alle
{214}
diejenigen, die jemals krank gewesen sind. Daher schütteln die Aerzte bedenklich den Kopf und schelten gar sehr, wenn sie in ein Haus treten, worin sie sehen müssen, daß der Patient sich zu früh
und ihrem Befehle zuwider aus dem Bette gemacht. —
Ist es nun so, daß das Bett wirklich in diesem bedrängten Zustande dem Leidenden eine Erleichterung verschafft, so sieht man aufs neue, wie sehr die Menschen auch von dieser Seite dem Vogel, ohne
dessen Federn überhaupt an kein Bette zu gedenken wäre, verbunden sind. — Auch ist es etwas Gewöhnliches bey den Aerzten, daß, sobald sie zu einem Kranken gerufen sind, sie denselben auf die
sogenannte Vogeldiät setzen, was wieder einen großen Beweis für die Mäßigkeit eurer Lebensart ablegt.
Was soll ich von den Soldaten sagen, die dermaßen in den Zustand eines Vogels verliebt sind, daß sie Federbüsche auf ihrem Kopf, immer einen größer, als den andern tragen, und daß auf ihren oft
sehr beschwerlichen Märschen, bey Hinwegnahme von Redouten und dergleichen, bey ihnen von fast weiter nichts, als von einem rechten und linken Flügel die Rede zu seyn pflegt? eine recht deutliche
Anzeige, daß sie sich selbst, nebst all den Ihrigen, gleichsam als eine Art Vogel betrachten, die zum Besuch in fremde Länder ziehn, daselbst aber etwas weniger, als Storch und {215}
Schwalbe im Frühling, willkommen sind! Daher es denn auch wohl kommen mag, daß die Könige und größten Heerführer der Welt, wenn sie ins Treffen rücken, nicht ihr eigenes Bild, sondern
meistentheils das eines Adlers im Schilde führen, das sie auch, aufs prächtigste in ihre Paniere und Fahnen gestickt, als Siegeszeichen vor sich daher tragen lassen; in der Hitze des Gefechts
aber sieht man es nicht selten, daß die Soldaten lieber zu Tausenden ihren Geist aufgeben, oder rottenweis von dem Donner der Kanonen niedergestreckt dahinfallen, als daß sie nur einen Zoll breit
von ihrem Feldzeichen zurücktreten, oder gar einen solchen Adler auf eine feige und schimpfliche Art im Stich lassen sollten. — Auch giebt es unter den Großen einige durch sogenannte Adlernasen
ausgezeichnete Familien, die sich gar viel darauf zu Gute thun, und sich ihre Abkunft von Vögeln durchaus nicht nehmen lassen. Im Ganzen betrachtet lieben alle Menschen, selbst in der Sprache,
vorzugsweise solche Ausdrücke und Wendungen, die auf die Eigenschaften der Vögel irgend einigen, wenn auch nur entfernten, Bezug haben, und zeigen in der That dadurch ein ordentlich Sehnen und
Verlangen an, aus dem beschränkten Zustand ihrer Einkerkerung in Städte und steinerne Gefängnisse, von ihnen auch Häuser genannt, in jene Freiheit des Himmels zu gelangen, darin ihr euch, als
Vögel zu {216}
erfreuen habt. Nun bin ich wieder frey, wie ein Vogel auf dem Zweig, ist bey ihnen sogar zum Sprichwort geworden. Ja ihr Haß und ihre Abneigung gegen die Knechtschaft, die ihnen die Erde
aufnöthigt, an deren Oberfläche sie immer mit trägen Füßen haften müssen, ist so groß, daß man Jung und Alt, Groß und Klein, wenn sie im Sommer des Abends vor ihren Thüren sitzen, mit innnigster
Sehnsucht folgendes Liedchen trällern und singen hört:
Wenn ich ein Vöglein wär'
Und auch zwey Flüglein hätt',
Flög' ich zu dir;
Da’s aber nicht kann seyn,
So muß ich's lassen seyn,
Und bleiben hier!
Solche alte Geschichten, daß der Erdball rund, wie ein Ey ist, ferner daß er frey in der Luft fliegt und die Muthmaßungen, die einige darüber anstellen, daß im Anfange der Geist über dem Wasser
schwebte, indem sie sagen, daß man nicht schweben kann, ohne Flügel zu haben, will ich hier mit Stillschwelgen übergehen, wiewohl sie ganz dazu geeignet sind, die hohe, ja göttliche Verehrung zu
rechtfertigen, die euch Vögeln unter den Menschen von jeher zu Theil geworden ist. Mit alle dem will ich keineswegs in Abrede seyn, daß {217}
die Hühner besonders, so viel Gutes und Liebes die Menschen ihnen auf der einen Seite erzeigen, auch wieder manche Feindseligkeiten von ihren Wohlthätern zu erfahren haben; sey es nun, daß die
Menschen eingesehn, weil sich dieses Geschlecht gar zu unmäßig vermehrt, wenn man alle Eyer desselben wollte ausbrüten lassen, daß bald allen andern Vögeln die Nahrung ausgehen und sie ihnen, so
zu sagen, das Futter vor dem Schnabel wegpicken würden, oder daß eine angeborne Feindschaft von Natur zwischen Hühnern und Menschen obwaltet, wiewohl ich geneigt bin, lieber das erste anzunehmen,
um so mehr, da sie auch in diesem Stück das erhabene Beispiel unsers königlichen Adlers vor sich haben. — Hier wendete sich unsere Rednerin mit einer tiefen Verbeugung an den Monarchen der Lüfte,
als der in seiner tiefen Weisheit es gewiß ebenfalls einsähe, daß der übermäßigen Vermehrung dieses Geschlechts die gebührende Gränze gesetzt werden müßte; ja den selbst die Natur mit den
nöthigen Werkzeugen, als da sind Fänge, Schnabel u. s. w. auf das weiseste ausgerüstet hätte. Wenn demnach Eyer zu schlürfen, Hühner zu speisen, Federn zu rupfen ein Verbrechen ist, so läugne ich
nicht, daß auch ich, in sofern ich zum Menschengeschlecht gehöre, dieses Verbrechens schuldig bin; aber auch so flüchte ich mich zur Großmuth des weisesten aller Monarchen, vor dessen {218}
Thron ich beschieden bin und hoffe, daß er mir diesen Naturfehler, wenn es anders einer ist, nicht zu hoch anrechnen, sondern mich nach seiner angebornen Huld und Gnade mit einer leichten, und
meinem unerfahrnen Alter angemessenen Bestrafung entlassen werde.
Hier schwieg Tausendschönchen und die ganze Versammlung der Vögel bezeigte ihr über Alles, was sie gesagt hatte, den größten Beyfall und die ausgezeichnetste Verwunderung. — Als hierauf die
Zeugen aufgerufen und von dem Adler befragt wurden, ob sich das, was Tausendschönchen Gutes von den Menschen in Betracht der Vögel vorgebracht, sich denn auch wirklich so verhielte, konnten sie
es kaum in Abrede seyn. Unzählige Störche klapperten ihr Ja, die Schwalben und Rothkehlchen zwitscherten es und die übrigen Singvögel versicherten, daß die Gelegenheit, Hanfsamen zu knuspern in
Städten und auf den Feldern, sich nirgend häufiger vorfinde, als da, wo die nackte und ungefiederte Creatur mit Namen Mensch wohne. Denn da dieselbe des Leinens und des Hanfs zu ihrer Kleidung
nicht entbehren könne, so komme der Abfall davon natürlich den Vögeln zu gut, die deshalb auch gar nicht einmal anfragten. Was die Hühner betrifft und die Anklage, so sie geführt, so wurde diesen
ein ewiges Stillschweigen in dieser Sache und noch dazu eine Buße von ein paar Dutzend Eyern aufgelegt, die sie Tausendschön- {219}
chen mit auf den Weg geben mußten; die Elster, die noch ein langes und breites von Meisenkasten, Lerchenspiegel, Vogelgarn, Drosselschlinge u. s. w. herschwatzen wollte, wurde ebenfalls von dem
großen und wahrhaft königlich gesinnten Adler ab und zur Ruhe verwiesen; Tausendschönchen aber mit den ausgezeichnetsten Lobeserhebungen und den gastfreundlichsten Ehrenbezeugungen aus der
Vogelstadt entlassen, so daß sie ihren Weg ungehindert nach dem Glasberge fortsetzen konnte. Bald darauf ging Tausendschönchen mit ihren Eyern munter und vergnügt von dannen. Je weiter sie ihren
Weg nach Norden fortsetzte, je mehr verschwand der Mond und zuletzt schien er nur noch so blaß, schwach und unkenntlich, wie ein Sternchen der siebenten Größe zu seyn. Zuletzt war es mit dem
Licht gar aus und als der Morgen kam und ihr Auge die Sonne am Himmel suchte, bedünkte sie die Stätte leer zu seyn, und an der Stelle, wo sonst die Sonne gestanden hatte, erblickte sie ein
gelbes, kleines Gestirn, das weniger wärmte, als erleuchtete. Sie merkte nun wohl, daß sie in der Gegend angelangt sey, deren Bewohnern weder Sonne, noch Mond scheint, und sagte daher zu sich
selbst, indem sie einen Augenblick inne hielt: Hier muß nun bald der Glasberg kommen, wohin der übereilte Fluch meiner Mutter meine armen drey Brüder gebannt hat. Getrost {220}
ging sie indeß lm Dunkeln weiter fort, und ließ sich die mit immerwährendem ewigen Schnee bedeckten Ebenen nicht abschrecken, oder irre machen. Nur auf den hohen Gletschern hatte sich noch ein
wenig rosenfarbenes Licht erhalten, das Tausendschönchen sparsam die Mühe, einen Fußpfad zu suchen, erleichterte. Nicht weit von dieser Ecke des Pols ist auch das sogenannte Weltende, wo, wie uns
sehr glaubwürdige Reisende versichern, was Tausendschönchen nun auch durch eigene Erfahrung bestätigen kann, die Welt mit Brettern und goldnen Nägeln vernagelt ist. Einstmals waren nämlich einige
von diesen Nägeln losgegangen und nun meldet die Geschichte von einem neugierigen Reisenden, ich glaube einem Handwerksburschen, wofern es nicht gar ein Schneider gewesen ist, der diesen Umstand
nutzte und durch die Ritzen guckte. Da erblickte er denn, zu seiner nicht geringen Verwunderung, eine Menge Engelchen, die alle in einen Kreis um ein weißes Tuch saßen, woran sie auf das
fleißigste zustichelten. Das Tuch bekam zuletzt ein ganz gelblichtes Licht. Der Reisende konnte nun seine Neugierde nicht länger im Zaume halten, sondern steckte den Kopf durch die Ritzen und
fragte die Engelchen: Je, was macht ihr denn da? Worauf ihm die Engelchen antworteten: „Ey, Kind, bist du so alt geworden und weißt das noch nicht? Wir sitzen hier am Weltende und {221}
kehren den Sonnenschein von voriger Woche um, damit für die künftige Mondschein daraus wird. Damit ließ es jener Wandersmann gut seyn und ging immer weiter. Dieses Geschichtchen hatte
Tausendschönchen oft mit schaudervollem Vergnügen als Kind erzählen gehört und freylich stieg in ihr der Wunsch auf, da sie sich nun an Ort und Stelle befand, mit eignen Augen und Ohren sich von
der Wahrheit desselben überzeugen zu können; aber ihre Brüder lagen ihr doch gar zu sehr am Herzen und sie wußte recht wohl, je länger sie sich unterwegs aufhalten würde, je länger mußten sie
auch in dem verwünschten Federrock als Raben stecken bleiben. Sie ließ also Weltende Weltende seyn, schlug sich rechts und stieg immer weiter den Glasberg hinan. Neue Wunder, die sich dem
erstaunten Auge Tausendschönchens hier auf jedem Schritte eröffneten! Sie gelangte nämlich in große und unabsehliche Eisthäler, wovon einige mit ihren spitzigen Zacken völlig wie Städte mit
Thürmen gestaltet waren, und wieder andere wie von Krystallen und Straußeneyern erleuchtete Kirchen und Kapellen aussahen, deren Wände, von magischen Widerscheinen umgaukelt, wie lauter Karfunkel
und Diamant blitzten und Schimmer auf Schimmer ergossen. Die rege Einbildungskraft von Tausendschönchen erbauete sich alsbald eine Kanzel dazwischen und so oft ein Windstoß die Säulen mit
zitternden Lau- {222}
ten anrührte, so glaubte das gute Kind eine Orgel zu hören, und es wurde ihr von alle dem Klang ganz wunderlich zu Muthe, zumal da ihr Auge in dem schauerlichen Zwielicht zuweilen sogar Gestalten
erblicken wollte, welche in den dunkeln Gängen zwischen Altar und Kanzel sich langsam und verschleyert hin und her bewegten. Was sie aber mit einem so plötzlichen Schreck überraschte, daß ihr
fast das Blut darüber in allen Adern stille stehn und erstarren wollte, war der Anblick eines großen segelnden Schiffes, das sich aus Unbedachtsamkeit zu weit an den Nordpol hingewagt und
daselbst von dessen alles versteinerndem Hauch ergriffen und festgehalten wurde. Sämmtliche Schiffsleute standen noch in derselben Stellung da, wie sie der erste Augenblick des Erfrierens am Pol
gefunden hatte. Der kleine Bootsjunge hielt ein Tau in der Hand nicht anders, als wollte er mit demselben handthieren. Der Schiffer faßte den Kompaß mit betrachtendem Auge, aber ohne Sehkraft,
gleichsam als ob er die Grade zählte, oder sehen wollte, ob kein Ausgang aus diesen Gefahren nach irgend einer Seite zu entdecken wäre, indeß der Steuermann Glieder und Gesicht schneeweiß vom
Froste ausgezogen und völlig in ein weißes Marmorbild verwandelt, hinten am Ruder saß, nicht anders, als wollt' er mit seiner Bootsmannspfeife nächstens zum Umwenden des Schiffes ein Zeichen
geben. {223}
Beides so natürlich, daß das arme Tausendschönchen beynah selbst über diesen Anblick versteinert wäre! Dazu kam, daß, je weiter sie auf dem spiegelglatten Boden vorschritt, sie eine solche
Müdigkeit in allen ihren Gliedmaßen verspürte, daß sie sich nicht auf ihren Füßen erhalten konnte, sondern ihr Stühlchen aufschlagen und sich auf dasselbe setzen mußte. Wie sie dieses gethan,
verfiel sie plötzlich in einen Zustand zwischen Wachen und Träumen, worin ihr folgendes Gesicht eröffnet wurde. Es kam ein steinalter Mann von unermeßlicher Größe über das Eis und zwischen den
Lawinen auf sie zugegangen. Dessen Länge mochte wohl an die hundert Ellen seyn. Tausendschönchen erschrack nicht wenig über das schneeweiße Gesicht, das er hatte, so wie über das schmächtige
schleyerhafte Ansehn, das außer Fuß und Kopf von seinem übrigen Körper wenig oder gar nichts unterscheiden ließ. Dieser Alte that, als wollte er sich neben dem Mädchen auf das Stühlchen setzen;
aber fast in dem Augenblick war es zusammengebrochen und verschwunden. Zu gleicher Zeit hörte sie um und neben sich ein Donnern und Prasseln und Krachen, nicht anders, als ob tausend Geschütze
losgelassen würden, wie es zuweilen in den Gegenden geschieht, wo man einen glücklichen Eisgang bewirken will. Schlaftrunken, wie das Kind war, sprang es zum Glück früh genug auf und lief, was es
konnte, der {224}
jenseitigen Gegend zu; sonst wär' es gewiß von den herunterrollenden Schneelawinen mit ihrer schaudrichten Decke sammt seinem Stühlchen auf ewig zugeschüttet und vergraben worden. Wer aber der
große Schleyermann mit dem schneeweißen Gesicht gewesen ist, der das gute Kind im Schlafe vor dem Unfall und der Schneelawine zu warnen sich hatte so angelegen seyn lassen, das werden wir
vielleicht in Zukunft sehen oder auch nicht. Indessen, wie es im Sprichwort heißt, daß eben, wenn die Noth am höchsten steigt, auch Gottes Hülfe am nächsten ist, so war es auch hier der Fall.
Denn kaum, daß Tausendschönchen, nach abermaliger Ersteigung eines Hügels, ihr Auge wieder emporwandte, so erkannte sie auch schon auf den ersten Blick aus dem genauen Zusammentreffen aller
Umgebungen mit den davon im Sonnenpalast und bey dem Herrn Mond erhaltenen Beschreibungen, daß sie nun das Ziel ihrer mühsamen Wanderungen erreicht hätte und daß sie am Fuße des Glasbergs
glücklich angelangt sey. Wer war froher, als das gute Kind! Ihr erstes Geschäft bestand nun darin, daß sie ein oder zweymal um den Glasberg ging und zusah, ob sie keinen Fußsteig, oder keine
Thür, die in das Innere desselben führte, bey näherer Untersuchung entdecken konnte. Der Berg war aber von allen Seiten so schroff, ja unzugänglich, daß, so oft das Kind seinen Fuß ansetzte,
{225}
und ihn ersteigen wollte, es von den Wänden desselben, die so glatt, wie ein Spiegel waren, in demselben Augenblick herunter glitt. Endlich zeigte sich ihr auf der linken Seite durch den Krystall
hindurch ein kleiner Zwerg, der unten in dem Glasberg auf einem Stühlchen saß und ganz gemächlich sein Schläfchen hielt. Und, was das artigste bey der Sache war, so erkannte sie in dem Stühlchen,
dessen sich das Zwergelchen zum Schlafen bediente, dasselbe Stühlchen, was ihr kurz zuvor ein böser Zufall durch den Sturz der Schneelawine geraubt hatte. Sie schöpfte, dadurch beherzt gemacht,
einigen Muth; denn sie dachte: Wo mein Stühlchen hereingekommen ist, werd' ich ja auch wohl eine Thür finden! Also klopfte sie zuerst mit diesen Worten in Gottes Namen an den Glasberg: He, Holla,
ist Niemand da, der mir aufmachen und sagen kann, ob die drey Herren Raben hier wohnen? Aber es schien, als hörte das Zwergelchen sie nicht, oder wollte sie vielmehr nicht hören. Da rief sie noch
lauter und versuchte es auf eine andere Weise. Sie nannte nämlich ihre drey Herren Brüder, und zwar Jeden bey seinem Taufnamen. Als sie aber auch dieses Rufen ganz vergeblich und wohl über eine
Stunde fortgesetzt hatte, und keine Seele weder sah noch hörte, sondern das Zwergelchen unten in dem Glasberge noch immer so unerwecklich da saß und schnarchte, daß man es wohl {226}
durch sieben Thüren hindurch hätte hören können, überfiel das arme Kind ein so trauriges Gefühl in dieser menschenleeren Oed' und Einsamkeit, daß sie auf das bitterlichste an zu weinen fing und
voll der innigsten Bekümmerniß zu sich selbst sagte: Nun, sehe ich wohl, werde ich hier elendiglich sterben und umkommen müssen, weil ich dem Rath der Sonne und des Mondes zuwider gehandelt und
ohne Knöchelchen eines schwarzen Hühnchens vor den Eingang des furchtbarsten aller Glasberge gekommen bin, wo ich weder Gras, noch Strauch, noch irgend etwas, was dem Menschen zur Nahrung
gereicht und ihn beym Leben erhält, entdecken kann. Zwar der Himmel sollte mit mir armem Kinde nicht so streng verfahren; denn es ist ja nicht meine Schuld, daß ich die Knöchelchen in der
Vogelstadt mußte liegen lassen, ich hab' es ja nicht aus Vorwitz gethan. Aber sieh, was mir so eben einfällt! Wenn es den verwünschten Leutchen hier im Glasberg denn durchaus um ein Knöchelchen
zu thun ist, so will ich mein Messerchen nehmen und mir ein Flngerchen abschneiden. Ach Gott! ich wollte ja noch weit mehr darum geben und meine ganze Hand sollte mich nicht dauern, daß ich mir
sie abschnitte, wenn ich nur meine armen drey Brüder dadurch aus der Verwünschung, die sie in dem Kerker dieses Glasberges gefangen hält, zu befreyen und wieder an das Tageslicht bringen könnte.
{227}
Als sie dieses Wort gesagt hatte, zog sie unter tausend Thränen (denn es ging ihr doch ein wenig nahe, daß sie ihr Fingerchen auf diese Weise verlieren sollte) ein Messerchen aus der Tasche
hervor, das sie von Haus aus mitgenommen hatte, schnitt sich damit unbarmherzig eins ihrer niedlichen Fingerchen ab und wickelte es eben so säuberlich in ihr Tüchelchen, wie sie zuvor die
Knöchelchen von dem Huhn in dasselbe eingewickelt hatte. Kaum aber, daß noch ein Paar heiße Thränen aus ihren Augen und noch ein Paar heißere Tropfen Bluts aus ihrem Fingerchen hervorquollen, so
trieb sie zugleich ein unwiderstehliches Gefühl, daß sie an den Glasberg anklopfen mußte. Und sieh, kaum daß sie dieß Klopfen zum zweytenmal wiederholt hatte, so ermunterte sich das Zwergelchen,
das unten in seinem Revier von einem festen und tiefen Schlafe befangen da saß. Man sah deutlich, wie es die Augen rieb, wie es die Stiegen heraufwandelte, wie es ein verborgenes Glaskläppchen
eröffnete; ja wie es hastig, gleichsam als ob es etwas versäumt hätte, unterwegs mit dem freundlichsten und leutseligsten Wesen von der Welt einmal über das andere „sogleich! sogleich!" in seinen
Bart murmelte. Als es vor ihr stand, wiederholte das gute Kind sogleich seine Frage von vorhin, und wer war vergnügter, als Tausendschönchen, da sie nun aus dem Munde des Zwergelchens den
angenehmen {228}
Bescheid erhielt, daß ihre Brüder, die drey Herrn Raben, zur Zeit zwar abwesend wären, sich aber wirklich in dem Glasberge aufhielten. Zugleich warnte sie das Zwergelchen, daß sie ihm ja nicht zu
nahe kommen sollte, weil er die wunderliche Gewohnheit habe, daß er nichts anders, als etwas recht Festes und Gediegens, z. B. Holz, Stein, Eisen, Knochen u. s. w. in seiner Nähe leiden könnte,
ja daß ihn, sobald er irgend eine andere Umgebung inne würde, sofort die Lust anwandelte, dieselbe in eins von diesen genannten Dingen zu verwandeln! Ey du garstiger Zwerg! nahm hier
Tausendschönchen halb unwillig das Wort, so bist du es auch wohl gewesen, der vorhin das schöne Schiff, das ich unterwegs angetroffen, von oberst bis zu unterst versteinert hat? Wenn das Unglück
so groß ist, erwiederte das Zwergelchen mit lachendem Muth, so werde ich wohl die Schuld davon zu verantworten haben. Ja, ich will dir sogar noch mehr entdecken, ich will dir sagen, daß ich es
ebenfalls war, der dich vorhin, als du auf deinem Stühlchen saßest, einschläfern und versteinern wollte. „Immer besser! du kleines gottloses Ding!" fuhr hier Tausendschönchen, ihm mit
aufgehobenem Zeigefinger in die Rede fallend, fort — „je wer sollte es dir nur ansehen, daß hinter deiner kleinen Figur so arglistige Gedanken stecken?" — Stecken oder nicht stecken — entgegnete
das Zwer- {229}
gelchen sehr ernsthaft, ohne sich im Geringsten durch diese und andere Vorwürfe im Flusse seiner Rede irre machen zu lassen — es muß dich aber wohl irgend Jemand, der es gut mit dir gemeint, im
Traum gewarnt haben, weil du mit einem mal aufsprangest, nicht anders, als ob der Kopf dir brennte und gerad in demselben Augenblick, als ich mit pathetischen Schritten auf dich zugegangen kam.
Ich war auch so ärgerlich darüber, daß ich durch Ungeschick eine so schöne Beute verfehlt hatte, daß ich bald darauf alles um mich her in kurz und kleine Stücken geschlagen habe oder schlagen
wollte, ich weiß selbst nicht mehr recht! So viel nur, daß ich aus Verdruß einen Schneeball nahm und ihn dir kleinem Naseweis nach deinem Kopf warf. Ich dächt' auch, du müßtest dessen inne
geworden seyn! „Vom Schneeball hab' ich zwar nichts gemerkt" — erwiderte Tausendschönchen auf Ihre gewöhnliche unschuldige Weise — „wohl aber von einer großmächtigen Schneelawine, die gerade über
meinem Haupte mit donnerndem Gepolter von den benachbarten Eisbergen herunterging und mich in keine geringe Lebensgefahr brachte!"
Nun ja, das ist all's eins, versetzte das Zwergelchen, was ihr eine Schneelawine nennt, das heißt bey mir ein Schneeball und so umgekehrt. Und wenn ich einmal ins Schneeballen komme, da
schneeballe ich {230}
nicht anders, als mit Lawinen. „So blst du denn wirklich so mächtig, du kleiner Wicht? Man sollt' es dir gar nicht ansehen, was du alles für Ding' unternehmen und ausführen kannst." — O ja! Was
das betrifft! Das sind nur so einige meiner Künste, und die Gedanken würden dir stille stehn, wenn ich dir sie alle hererzählen wollte. So z. B. kann ich mich vergrößern und verkleinern, wie es
mir gerad' einfällt. Als ich vorhin von dem Eisberge in schneeweißer Gestalt auf dich zugegangen kam und mich neben dich auf das Stühlchen setzen wollte, da dächt' ich, muß ich doch deinen Augen
groß genug vorgekommen seyn, nicht wahr? denn sonst wärest du nicht so hastig vor mir davon gelaufen! — „Denk' ein Mensch den kleinen Taschenspieler! und was er unser einem durch seine Gaukeleyen
alles weiß machen will! Ja, wer dir das so glaubte!" versetzte Tausendschönchen, besann sich und sagte sodann weiter: „Mich dauert nur mein Stühlchen, welches ich, als du kleiner Kobold vorhin so
hastig auf mich zukamst, so muthwillig im Stiche lassen mußte." Wenn du unter dem, was ich Dir zugesagt, kein größeres Unglück, als dieß, zu verschmerzen hast, sprach das Zwergelchen, indem es
sich vor Lustigkeit auf einem Bein herum drehte — so hoff ich, liebes Kind, werden wir bald ausgesöhnt seyn. Denn das Stühlchen hab' ich dir ganz gut und sicher hier un- {231}
ten in meinem Glasberg aufgehoben. Es war dasselbe, auf welches ich mich vorhin, als du zum erstenmal an die Thür meines krystallenen Palastes anklopftest, so eben hingestreckt hatte und ein
recht gemächliches Schläfchen vollführte! „ Das ist wahr — lächelte Tausendschönchen — Herr Zwerg, das kann ich bezeugen! Geschnarcht habt ihr vorhin, daß man es durch zehn Thüren hindurch hätte
hören können, und wenn man noch so taub gewesen wäre!" Jüngferchen! runzelte das Zwergelchen die Stirn, als ob es die letzten Worte wirklich etwas übel genommen hätte — das verschlägt mir all'
nichts, ob ihr über meine Trägheit Glossen macht, oder Gesichter zieht und euch aufhaltet, wenn ich nur stille liegen, still sitzen oder mein Schläfchen in ungestörter Ruhe und recht nach
Herzenswunsche vollbringen kann und nichts um mich herumfliegen und herumlaufen sehe, oder gar poltern höre; denn solches alles ist mir von Natur zuwider und ein völliger Greuel.
Tausendschönchen.
Und warum sind dir denn alle diese Dinge von Natur so zuwider?
Zwergelchen.
Ja, weil ich gewiß weiß, daß meinem schönen krystallenen Palast dahier, den ich bewohne, einmal der Untergang von ihnen bevorsteht.
Tausendschönchen.
Wie so der Untergang?
Zwergelchen.
Das wirst du leicht einsehen, {232}
wenn ich dir sage, daß ich und die Frau Sonne, meine nächste Frau Nachbarin, eben nicht im besten Vernehmen zusammen stehen.
Tausendschönchen.
Wie geht das zu?
Zwergelchen.
Frag' du! Was führt die Sonne im Schilde? Warum sucht sie sich hinterlistiger und verstohlner Weise bey mir einzuschleichen?
Tausendschönchen.
Du solltest ihr nur freyen Zutritt in dein Haus erlauben, so würde sie es nicht heimlich thun.
Zwergelchen.
Du redest, Kind, wie du's verstehst! Bist du jemals in ihrer Nähe gewesen?
Tausendschönchen.
Einmal, ja!
Zwergelchen.
Wie? Und nachdem du ihr wildes Betragen selbst in Augenschein genommen und dich davon überzeugt hast, wie Alles, was sich auf hundert Schritte nähert, sogleich vor Hitze vergehen und zu Dunst, zu
Rauch und zu Wasser werden muß, kannst du mich noch im Ernste fragen, warum ich gegen sie und ihre Anschläge so auf der Hut bin? Die sollte mir und den Meinigen ein schönes Spiel machen, wenn ich
ihr, sey es auch nur auf eine Stunde, in meinem Eigenthum freye Hand lassen wollte, daß sie eignen Beliebens darin schalten und gebahren könnte! Und nicht nur gegen mich und mein schönes
Eiskastell, gegen euch und die ganze Welt hat sie Arges im Sinn; {233}
ja sie ist, so zu sagen, mit der ganzen Natur in einem
ewig offnen Kriege begriffen! – Die Steine, die
Pflanzen, die Vögel, die Thiere, kurz alles, was da ist, muß ich gegen ihre Wuth beschützen!
Tausendschönchen.
Die Menschen auch?
Zwergelchen.
Nicht anders!
Tausendschönchen.
Das ist recht schön und löblich von dir, liebes Zwergelchen, daß du uns, so klein du übrigens bist, doch sämmtlich in deinen mächtigen Schutz nimmst! Aber wissen möcht' ich nur, wie du es
anfängst und zu Stande bringst, daß du der Sonne ihr vermessenes Vorhaben glücklich vereitelst?
Zwergelchen.
Du bist ein gutes, liebes Kind, und da ich dir schon so viel gesagt, so will ich dir das Uebrige auch nicht verschweigen. Damit du aber während meiner Erzählung nicht einschläfst, oder
versteinest, so folge mir, ich will dich an einen Ort hinführen, wo wir beyd' unser Gespräch ohne die geringste Störung von deiner Seite fortsetzen können!
Darauf, und wie das Zwergelchen dieses gesagt, gingen beyd' eine ziemliche Streck' unter dem Glasberge fort und kamen zuletzt an einen feurigen See, der an allen seinen Ufern mit den schönsten,
lieblichsten Farben spielte und von gelben, rothen, grünen Blumen und deren Widerscheinen glitzerte und blitzerte. {234}
Durch diesen See, sagte der Kleine mit der ihm eigenthümlichen Gelassenheit, werden wir wohl hindurch waden müssen! Tausendschönchen erschrack und gab ihm zur Antwort: „Ach, liebes Zwergelchen,
wie ist das möglich! Der See ist ja ein Fluß von lauter Feuer. Mit dem ersten Schritt werde ich meine Schuh und wohl gar meine Füße dazu stecken lassen!" Daß dieses nicht geschieht, tröstete sie
das Zwergelchen mit einem recht leutseligen Gesicht — dafür ist auch schon gesorgt. Und damit legte sich dasselbe der Länge lang auf den Boden und pustete, so sehr es nur immer konnte, bis der
ganze feurige See gestand und wohl auf eine Strecke von 20 Meilen zu lauter Jaspis, Rubinen und Smaragden gefror. Besonders prächtig nahmen sich die Rubinen aus, die gleichsam ein verdichtetes
feuriges Morgenroth darstellten; aber auch die übrigen Edelsteine, die durch diesen Anhauch erfaßt, zu Krystallen geworden waren, spielten mit keinem geringern Glanze. — Hierauf nöthigte das
Zwergelchen, da sie nun auf diese Weise einen festen Boden unter den Füßen hatten, indem es mit eben so kecken, als behutsamen Schritten voranging, Tausendschönchen, dem es ganz zierlich die Hand
reichte, zur Nachfolge. So betraten sie beyde gemeinschaftlich dieses kostbare Eis. Das Zwergelchen aber verweilte nicht lange darauf, sondern ging noch in {235}
demselben Augenblick wieder zurück, weil ihm für seine Person, wie es versicherte, auch der geringste Grad von Hitze unerträglich war. Nicht so Tausendschönchen. Dieses blieb mit seinen Füßen auf
dem rubinfarbigen See in guter Ruh stehen und betrachtete ganz verwundert, wie derselbe an seiner Oberfläche abgekühlt, in seiner Tiefe immer noch mit den mannigfaltigsten Lichtern fortloderte.
Ja, die verhaltene Hitze desselben konnte ihm sogar nicht anders, als willkommen seyn; denn, da das gute Kind auf seiner Reise um den Glasberg an allen Gliedmaßen erfroren war, so konnte es sich
hier nach Herzenslust auswärmen. Während dieser Zeit stellte sich das Zwergelchen an das jenseitige Ufer auf eine kleine Anhöhe und nahm folgendermaßen das Wort: Wenn du, liebes Kind, auf alles
recht Acht gegeben hast, was so eben an deinen Augen vorübergegangen ist, so mußt du dir auch deine Frage von vorhin, anbelangend mein Verkehr mit der Sonne, selbst beantworten können. Du siehst
nämlich, daß mein Odem eine alles versteinernde Kraft besitzt und diese geht weiter in ihren Wirkungen, als deine Sinne es wahrzunehmen im Stande sind. Denn alles, was auf dieser Welt fest ist,
leitet davon seinen Ursprung ab, daß ich es verhärte. Wenn ich puste, verwandelt sich all' und jede flüssige Masse am Erdball in Holz, Stein, oder Knochen. Da nun die Sonne, {236}
vermöge des ihr angebornen hitzigen Temperaments, keinen andern Gedanken hat, als den, Alles, was irgend in ihre Atmosphäre fällt, aufzulösen und zu verflüchtigen, so mache ich mir meinerseits
ein besonderes Vergnügen daraus, sie unterweilen von dieser tollen Hitz' ein wenig abzukühlen. Mit all' dem ist es unverantwortlich, wie sie mit mir und den Meinlgen umspringt! Den armen Kohldieb
mit Hund und Dornenstock haben sie eines kleinen Diebstahls wegen in den Mond versetzt; aber beyde, Sonne und Mond, haben wenig Ehre von Dieben zu sprechen, denn sobald ich nur meinen Rücken
wende, so muß ich auch schon erfahren, daß sie mir, so gut ist es nicht, wieder eins und das andere bey Seite geschafft, um nicht zu sagen, gestohlen haben und, da in meinen Augen der Hehler so
gut, wie der Stehler ist, so kann ich nicht helfen; aber was wahr ist, ist wahr und ich muß es gerad heraussagen, auch der Himmel steckt mit ihnen unter einer Decke, wenn es gleich eine recht
schöne Decke von Sternen ist; denn dieser verheimlicht das Diebsgut. Denn nicht allein, daß sie mein junges Volk durch allerley — ich kann nicht sagen, schwarze Künste, weil sie sie bei hellem
Tage verübt — dazu verleitet, ihr auf Tritt und Schritt nachzulaufen, so ist das Alter selbst nicht einmal vor ihr sicher. So weiß sie den Baum z. B. durch ihr freundliches Wesen {237}
dermaßen an sich zu locken, daß er sich aufrichtet und so hoch er nur immer kann, in die Lüfte strebt. Ja, das thörichte Ding würde sich zuletzt ganz von mir absondern und sie würde mit ihm, wie
mit einem Vogel, in alle Lüfte davonfliegen, wenn ich nicht noch zur rechten Zeit bey der Hand, und durch Rinde, Wurzeln, Kork und Holz auf ein Gegengewicht für dasselbe bedacht wäre, wodurch ich
es meinerseits fest am Boden erhalte. Bey weitem schon besser ist es ihr mit dem Wasser geglückt. Das zischt und dampft in einem fort, wo die Sonne es bescheint. An den Flüssen darf sie sich gar
nicht sehen lassen, ohne daß sich, ihr zu gefallen, sogleich alle Wasser in Bewegung setzen; ja es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn ich behaupte, daß die Hälfte von allen Meeren beständig auf
Reisen ist und am Himmel in Gestalt von Wolken hin- und hersegelt! Zuweilen aber, wenn sie es mir gar zu arg treibt und ich des ewigen Herumschweifens der Meinigen müde bin, reißt mir denn doch
die Geduld. Alsdann greife ich mit kecker Hand in die Wolken, halte die gefrornen Dünste an und werfe eine Hand voll Hagelsteine nach der andern auf die Felder herunter. Doch mit Pflanzen und
Bäumen und Wolken, das ginge noch — was soll ich aber dazu sagen, daß sie mir die eine Hälfte des Menschengeschlechts schon kohlschwarz gebrannt? Und mit der andern Hälfte, nämlich mit euch
{238}
Europäern, so schön und so blendend weiß ihr dermalen auch noch seyd, würde sie es eben so machen, wenn ich mich nicht mit aller Macht gegen ein so tyrannisches Verfahren auflehnte und ihrem
unerträglichen Hochmuth auch in diesem Stück Ziel und Gränzen setzte. Denn das ahnet ihr wohl nicht, ihr guten und harmlosen Creaturen, daß diese rachsüchtige Afrikanerin, wie ich die Sonne mit
vollem Fug und Recht nennen möchte, ihre Praktiken so weit treibt, daß sogar jeder Odemzug, den sie euch in ihrer Nähe vergönnt, weiter nichts, als ein Versuch, euch zu verbrennen ist! Ja, sie
würde auch wirklich damit zu Stande kommen, wenn ich nicht die weisen Gegenanstalten getroffen hätte, daß zugleich mit dem Licht und Feuer, was in der Atmosphäre herumschwimmt, ihr stündlich, ja
augenblicklich einen Vorrath von frischer Luft einathmetet, der euer erhitztes Blut wieder abkühlte, und die allzuheftigen Pulse desselben ein wenig mäßigte. Und woher kommt diese Einrichtung
anders, als eben von meinen tapfern Kindern, jenen, mit einem ewigen Eis und Schnee bedeckten Alpen, die es allein sind, welche der Sonne seit Jahrtausenden den Anstand halten und die nicht nur
so vielen Strömen und Flüssen auf ihren Gipfeln den Ursprung geben, sondern die auch denen, so an ihrem Fuß wohnen, ein durch kühle Winde gemäßigtes Clima bereiten? Tausendschönchen {239}
dankte aufs schönste für diese Belehrung, aber sie wollte nun auch gerne die Hauptsache wissen, nämlich wie es wohl zuginge, daß sich der Glasberg sogleich eröffnete, sobald man nur mit den
Knöchelchen eines schwarzen Huhns an denselben klopfte und was es mit dieser Sympathie eigentlich für ein Bewandniß habe? Worauf ihr das Zwergelchen mit nachfolgender Auseinadersetzung ebenfalls
zu dienen auf der Stelle bereitwillig war: Ich habe dir schon vorhin von dem Hauptbestreben der Sonne Meldung gethan und wie sie alles, was ich irgend zu den Meinigen rechnen kann, zur Flucht und
zur Untreue zu verführen sucht. So kann ich es auch nicht in Abrede seyn, daß es ihr in einem und dem andern Stücke mit diesem Plane völlig geglückt ist. Besonders mit den Vögeln glaubte es meine
Todtfeindin getroffen zu haben, weil diese von Natur nichts weiter, als Flaum und Federn sind; aber sie hatte sich dennoch geirrt. Denn die Vögel sind und bleiben meine Vasallen, so hoch sie auch
oben in den Lüften herumschwärmen; denn dafür geben die Knochen, die sie an ihrem Körper überall mit sich herumtragen und auf die höchsten Gipfel der Felsen, wo sie hinfliegen, mitnehmen müssen,
allein schon ein untrügllches Wahrzeichen ab. Alles, was mit diesem irdischen Zusatz der Erscheinungen behaftet ist, unterliegt dem Gesetz der Schwere und kann sich eben deshalb {240}
auch meiner Herrschaft nicht entziehen, wenn es auch wirklich wollte. Während die Sonne alle Creaturen, wie du gesehn, nur als Wolken eines zusammengeballten augenblicklichen Dunstes behandelt,
den sie gern aus einander jagen möchte: so geh' ich täglich und stündlich damit um, ihr durch Holz, Stein und Knochen überall solche Riegel vorzuschieben, daß dadurch jede ihrer Unternehmungen
gleichsam im Ursprung vereitelt wird. Nun gibt's aber gefährliche Gäste, die sich unter allerley Vorwand von dorther in meine krystallene Burg einzuschleichen suchen. Daher ist zwischen mir und
den Meinigen die Verabredung getroffen, daß wir beym Eingange in den Glasberg jedesmal uns eines Zeichens, oder einer Losung bedienen. Und dazu haben wir denn das Bein eines schwarzen Huhns
erwählt, weil das Huhn, obgleich es ein Vogel ist, dennoch seinen Aufenthalt so nah' der Erde nimmt, daß es, der Sonne recht zum Trotz, selten oder vielmehr gar nicht von seinen Flügeln Gebrauch
macht. — Tausendschönchen forschte weiter, wie lange wohl noch dieser Streit zwischen der Erd' und der Sonne dauern würde. Das Zwergelchen meinte: so lang' die Welt bestünde, ließe sich auch in
diesem Stück schwerlich eine Abänderung hoffen, und setzte sodann seufzend hinzu: Leider, wofern eine alte Prophezeiung wahr wird, wird einst ein Tag kommen, wo {241}
die Sonne, ungeachtet aller meiner Vorsicht, sich dennoch in meine krystallene Burg einschleichen, und das wird sodann nicht nur das Ende meines Glasberges, sondern auch das Ende aller und jeder
Creatur unsers Planeten seyn! Aber das sind traurige Gedanken, und ich muß mich ihrer mit Gewalt entschlagen, so oft sie mir in den Sinn kommen. Jetzt folg' mir! Ich will dich in das Stübchen
führen, wo deine Brüder, die drey Herren Raben, zu sitzen pflegen, sobald sie von ihren Wanderungen in den umliegenden Gegenden zurückkehren. Dermalen sind sie gerad' ausgeflogen. Denn du sollst
wissen, daß dieselben außerhalb des Glasberges jedesmal wirkliche Raben sind. Sie vertreiben sich sodann in den Wäldern und Feldern die Zeit mit Spielen, Jagen, Haschen und allem, was der wilden
Natur dieser Vogel gemäß ist. Aber dieser Muthwille weicht von ihnen, sobald sie im Glasberg angelangt sind; denn da geht auch wieder ihre vorige Traurigkeit an. An diesem Ort sind sie nämlich
Menschen, und sitzen da, die Köpfe in beyde Hände aufgestützt, und denken nach, was sie ehemals im Hause ihrer Eltern gewesen sind, und werden dann über diese Gedanken zuweilen ganz tiefsinnig.
Als er das gesagt hatte, führte er sie in das Stübchen des Glasberges selbst, wo es Tausendschönchen, wie sie eintrat, gleich so traulich zu Muthe ward, als ob sie in ihrer Mutter Hause
{242}
wär'. Ihre Brüder, die drei Herren Raben, hatten sich nämlich hier alles auf die alte und gewohnte Weise eingerichtet. Das Geräth war dasselbe, die Tische, die Stühle und die Anordnung auch. Ja,
als sie ihre Augen erhub und sich genauer umsah, erblickte sie drey Tische; und vor jedem derselben stand, wie zu Hause, ein Stuhl, und auf jedem Tisch befand sich ein Teller, und vor jedem
Teller lag ein Brod, und ein Becher mit Wein war eingeschenkt. Und sie setzte sich auf jeden von den drey Stühlen, und aß von jedem der drey Brode, und trank von jedem der drey Becher, und es
wurde ihr dabey so heiter zu Sinn, als ob ihr niemals in ihrem Leben irgend etwas Unangenehmes begegnet wäre. Und als sie an den letzten Becher kam, erkannte sie, daß es der Becher ihres jüngsten
Bruders war, und warf ihr Ringelchen hinein, und in dem nämlichen Augenblick, wo sie dasselbe gethan, hörte sie draußen ein Flattern an der Thüre des Glasberges. Da sagte das unvergleichliche
Zwergelchen, das immer auf der Hut war und sie liebend warnte und berieth: deine Brüder sind eben nach Hause gekommen und im vollen Anzuge: verstecke dich! Und Tausendschönchen antwortete:
verrath mich nicht! und husch war sie in eins der drey Betten hineingeschlüpft, die auf dieselbe Weise, wie die drey Tische und Stühle in der Mitte, so an den {243}
Wänden aufgestellt und mit schönen rothen Decken verhangen waren. Und als die drey Herren Raben in das Stübchen des Glasberges kamen, legten sie alsbald jeder seinen Federrock ab. Darauf setzten
sie sich auf die drey Stühle und vor die drey Tische. Und der erste sagte mit traurigem Tone — denn die Stühle waren ein wenig eingedrückt: — wer hat mir auf meinem Stuhl gesessen? Und der zweyte
sagte eben so: Wer hat mir von meinem Brod gegessen? Und der dritte sagte, wie der erste und zweyte: wer hat mir von meinem Wein getrunken? Und der letzte, der dies sagte, war der jüngste Bruder.
Und zu gleicher Zeit hört er etwas in seinem Becher klappern, und als er zusah, war er ganz außer sich vor Erstaunen und vor Freude, als er das Ringelchen entdeckte, das ihm seine Schwester zum
Geburtstage geschenkt, und das er ihr nach diesem, als Rabe, da er durch den Wald flog, hatt' in ihren Schooß fallen lassen. Und er sagte zu sich selbst mit bewegter Stimme und noch bewegterem
Gemüth: Sollte es nur möglich seyn, daß die Liebe meines Schwesterchens sich wirklich so weit bis an der Welt Ende und hinter den alten Glasberg erstreckte, also auch, daß sie uns, ihre armen
Brüder, in dieser gefährlichen Einöde aufsuchte? Nein, nein, es ist nicht möglich! Und Tausendschönchen konnte sich bey diesen Worten der bittersten Thränen nicht enthalten, {244}
sondern sprang hervor aus ihrem Winkel, fiel ihrem Bruder um den Hals und schrie einmal über das adere: Ja, es ist möglich! Und sie umhalsten einander und weinten lang und konnten fast kein
Wort vor übergroßer Freude hervorbringen. Und Tausendschönchen mußte erzählen Alles, was ihr auf dem Weg zum Glasberge begegnet war, und darüber kam der Abend herbey und als es spät wurde, sagte
das Zwergelchen. Nun ist des Klagens und Weinens genug gewesen. Eßt und trinkt, seyd guter Ding' und legt euch zu Bette! Morgen früh will ich euch wecken und euch zurück in eure Heimath führen!
Und sie aßen und tranken, und waren guter Ding' und legten sich zu Bette. Und mit dem Frühesten war auch das Zwergelchen bey der Hand und sagte: Steht auf! Nun ist Heimkehrens Zeit! Eure Mutter
hat nun schon zu lang' auf euch gewartet. Und sie standen auf. Und Tausendschönchen dachte, daß sie wieder den nämlichen Weg gehen sollte, den sie gekommen war; aber in diesem Stück hatte sie
sich geirrt, denn der Weg, den das Zwergelchen sie führte, war ein anderer und ging unter, nicht aber über der Erde weg. Und sie machten je eine Tagereise und zwey, das Zwergelchen,
Tausendschönchen und die drey Herren Raben, und sahen noch immer keinen Ausgang. Und es dauerte Wochen, ja Monden lang, daß sie unterwegs blieben. {245}
Zuletzt aber waren sie glücklich an Ort und Stelle angelangt. Und sobald es dieses merkte, sagte das Zwergelchen: Nun sind wir zu Hause! Mit diesen Worten hub er einen Stein ab, der wie ein
Deckel auf dem Eingang lag. Da stiegen sie an die freye Luft, aber es war noch nicht die freye Luft; denn als sich die drey Herren Raben umsahen, erkannten sie die nämliche Kirche, wo durch
Versäumung des Gottesdienstes, vor nunmehr einem Jahre, sich die Verwandlung mit ihnen begeben hatte. Und es traf sich gerade so, daß ihre Ankunft auch wieder auf ein Pfingstfest fiel, und daß
man soeben den heiligen Vorabend einläutete. Und die Kirche war auch, wie damals, mit Mayen besteckt und alle Gestühle prangten mit Blumen, wie damals. Und das Zwergelchen, eh' es fortging, nahm
Tausendschönchen auf die Seite und sagte zu dem guten Kinde: Nun, ihr Lieben, verharrt hier die Nacht im inbrünstigen Gebet! So hoffe ich, wenn die Morgensonne aufgeht, soll der Fluch,
der deine Brüder drückt, wieder von ihnen genommen werden! — Und Tausendschönchen sagte mit Thränen: Ja, wir wollen thun, wie du uns gesagt hast! Und weiter sprach das Zwergelchen zu ihr: Ich
hätte dir Goldes und Silbers genug aus meinem Reiche verehren können; aber der Neid der Gestirne, unter deren Licht du wandelst, läßt es nicht zu. Mit alle dem {246}
sollst du aber dennoch nicht zu kurz kommen! — Geh’ morgen hin auf den höchsten Berg, der gegen Abend liegt, und wenn du kommst an die Stelle,
Wo Drey falten die Hände;
Wo die drey steinernen Wände;
Wo die drey grünen Tannen stehn,
Und wo die drey kühlen Quellen gehn,
da nimm einen Spaten und grabe so lang', bis es hohl klingt! So wirst du alsdann einen, noch aus der Schwedenzeit vergrabenen Schatz in der Erde finden, und ein Gefäß mit Perlen, Rubinen,
Smaragden, zehn goldnen Ringelchen und eben so viel Rollen von Goldstücken angefüllt. Diesen Schatz sollst du haben, und deiner Mutter auch davon mittheilen, damit sie ihres Alters froh
wird und keinen Mangel leidet. Die zehn goldnen Ringelchen aber, die nimm, und thu‘ an jedes von deinen zehn Fingerchen eins, so kann noch Alles gut werden. Da fiel ihm Tausendschönchen traurig
ins Wort: Ja, wer zehn Fingerchen hätte! Du vergißt, daß ich eins derselben am Glasberge zurückgelassen habe! Nun, nun, gab ihr das Zwergelchen lächelnd zur Antwort: sey nur nicht so bedenklich,
sondern vollbringe freudig und getreu, was ich dir sage! Des einen Fingerchens wegen wollen wir uns keine grauen Haare wachsen lassen. Und Tausend- {247}
schönchen sagte: Meinetwegen! Und mit diesen Worten ging das Zwergelchen fort. Und Tausendschönchen befolgte genau alle Vorschriften, die ihr dasselbe gegeben hatte; denn nicht nur, daß sie in
der Kirche verblieb, sondern sie brachte auch die ganze Nacht mit ihren Brüdern im brünstigsten Gebet vor dem Hauptaltare zu. Und als des Morgens die Sonne zwischen den buntgemalten, gothischen
Fensterscheiben aufging und mit ihren ersten an die Wände geworfenen Strahlen alle Bilder beleuchtete, zitterten die drey Herren Raben nebst ihrer Schwester, voll Erwartung der Dinge, die da
kommen sollten; denn sie wußten ja nicht, ob die Verwünschung, die sie einst in Raben verwandelte, noch an ihnen haftete, so wenig sie wußten, ob sie jetzt auf immerdar, oder nur auf eine Zeit
lang von ihnen gewichen wäre. Und wie die Sorg' und Angst ihres Herzens hierüber gar zu groß wurde, schlugen sie ihr Gesangbuch auf und stimmten aus demselben ein frommes Lied an. Darüber ging
die Sonne vollends auf das prächtigste auf, und spielte mit den wunderlichsten Lichtern an den Fenstern der alten Sacristey und in dem Schiffe der Kirche. Und als der jüngste Bruder den ersten
Sonnenstrahl auf seinem Gesicht gewahr wurde, und fühlte, daß er unverwandelt fortbeten und fortsingen konnte, sagte er zu seinem ältern Bruder: Gelobet sey Gott! Und {248}
der Mittlere fuhr fort: Ja, er hat große Ding' an uns gethan und seine Barmherzigkeit ist ohne Ende! Und dies war gerad' um die Zeit, wo die Frühkirche ihren Anfang nahm und die Leute sich zu
Haltung des Gottesdienstes versammeln mußten. Und mit diesen kam auch Tausendschönchens und der drey Herren Raben Mutter gegangen. Sie sah aber, weil sie ihre lieben Kinder nunmehr vollig
verloren und todt glaubte, vor Kummer ganz abgezehrt und verfallen aus; dazu trug sie einen schwarzen Trauerrock, was ihr Ansehen noch um vieles verschlimmerte. Und als sie Tausendschönchen auf
ihrem gewohnten alten Kirchenstuhle und auf dem nämlichen Plätzchen wieder vor sich sitzen sah, wo sie sonst immer gesessen hatte, glaubte sie, sie sähe ein Gespenst, stieß einen lauten Schrey
aus und fiel ohnmächtig zur Erde. Tausendschönchen aber hub sie auf und schloß sie aufs zärtlichste in ihre Arme. Und die Brüder, die ehemaligen drey Herren Raben, thaten das nämliche, und die
Mutter weinte laut, wie sie auch diese von Angesicht zu Angesicht wieder sahe, freuete sich ihrer Verwandlung im Herzen und segnete sie. Und nach geendigtem Gottesdlenste, wo die drey Herren
Raben recht anständig dasaßen und zuhörten, gingen sie sämmtlich nach Hause, und die Nachbarn, die Tausendschönchen zur Seit' ihrer Herren Brüder gehen sahn, bemerkten mit Ver- {249}
gnügen, wie das Kind indeß gewachsen und so gar zierlich und anmuthig geworden war. Und Jedermann, Vornehm und Geringe im Schwabenland, bezeugte seine Freude und Verwunderung über diesen Vorfall.
Und Tausendschönchen mußte den ganzen Tag dasitzen; denn die Leute kamen von weit und breit, um sich die Geschichte von ihr erzählen zu lassen — und so oft sie an die Stelle kam, wo sie sich aus
übergroßer Liebe zu ihren Brüdern am Glasberge ein Fingerchen abgeschnitten hatte, weinte die Mutter bitterlich, und auch ihre Brüder und die übrigen Zuhörer wollten sich gar nicht trösten
lassen. Zuletzt entdeckte Tausendschönchen ihrer Mutter auch die Verheißung mit dem Schatz auf dem hohen Berge gegen Sonnenuntergang. Sie nahmen darauf Jedes ein Grabscheit in die Hand und gingen
an die Stelle und Alles traf genau ein, wie es ihnen das Zwergelchen bezeichnet hatte. Zuerst sahen sie drey Männer in Stein gehauen. Das war eben der Ort,
Wo Drey sich reichten die Hände,
Wo die drey steinernen Wände,
Wo die drei grünen Tannen stehn,
Und wo die drey kühlen Quellen gehn!
Und sie gruben fleißig nach. Und wie sie gruben, dauerte es nicht lange, so klang es hohl und sie fanden {250}
Beydes, den Schatz und auch das Gefäß. Das Gefäß aber war nicht nur reich an den schönsten Münzen, Perlen, Rubinen, Smaragden, sondern auch die bewußten Ringelchen, zwölf an der Zahl, waren in
demselben enthalten. Und Tausendschönchen versuchte einen nach dem andern und ob sie an ihre Hand paßten; und als sie nun an das zehnte Ringelchen kam, bemerkte sie mit Erstaunen und zu ihrer
größten Freude, daß sie auch wieder einen zehnten Finger an ihrer Hand hatte, wo sie das Ringelchen anstecken konnte. Und Tausendschönchen und die Ihrigen lobten Gott für diese neue Wundergabe,
die ihnen noch lieber war, als alles geprägte und ungeprägte Gold, was sie an dem heutigen Tage gefunden hatten. Den Schatz haben sie indessen auch nicht weggeworfen, sondern so verständig, wie
sie ihn aufgehoben, haben sie denselben angewendet und sind dadurch die reichsten Leute in Schwaben geworden. Denn eh' einige Zeit verging, kauften sie sich große Landgüter und trafen in
denselben allerley nützliche Einrichtungen, die mit ihrer früheren Geschichte mehr oder weniger in einem innigen Bezug standen. Unter diesen verschiedenen Anlagen sah man z. B. auch Seen von drey
Meilen im Umfang, von dem schönsten Schilf und Rohr eingefaßt, wo Schwäne und anderes Geflügel zum Andenken an die Vogelstadt und die gastfreye Aufnahme, die Tausend- {251}
schönchen daselbst gefunden hatte, von den drey Gebrüdern Rabe auf das reichlichste ernährt und bewirthet wurden. — Und die drey Herren Raben sind auch nachher weit und breit im Lande durch ihre
Rechtschaffenheit und Gottesfurcht berühmt geworden; sie spielten weder unter der Kirche Karte, noch hörte man je wieder einen Fluch aus ihrem Munde, sondern ihr ganzes übriges Leben ist gänzlich
zu Gottes Lob und Ehre vollbracht und beendigt worden. Von der Natur der Raben aber scheinen sie nichts beybehalten zu haben, außer daß sie steinalt geworden sind. Und diese eben nicht
unrühmliche Eigenschaft, wünschen wir herzlich, möge Gott allen geneigten Lesern dieses anmuthigen und sehr alten Mährchens lassen zu Theil werden! {253}
VII.
Schlüssel
zu dem
Platonischen Mährchenbüchlein. {255}
Inhalt.
Einleitung.
Worin von dem Zaubergrund aller Natur und Erscheinung gehandelt wird.
Erstes Capitel.
Phädros vom Urschönen.
Zweites Capitel.
Thaut und Thamus; oder von dem uns allen angeboren Himmelsgedächtniß.
Drittes Capitel.
Von den göttlichen Urbildern und deren Bezug auf die Metamorphose der Pflanzen.
Viertes Capitel.
Von der Verwandtschaft des innern und äußern Lichts.
Fünftes Capitel.
Göthischer Platonismus.
Sechstes Capitel.
Von der Schwärmerei, der Liebe und deren himmlischem Ursprung. {256}
Siebentes Capitel.
Von aller Ding' End' und Anfang in Gott.
Achtes Capitel.
Von der besondern Seele Jedes Dings, und deren Zusammenhang mit der Weltseele.
Neuntes Capitel.
Von den beyden Polen in aller Creatur.
Zehntes Capitel.
Von der Wiederbringung aller Ding' in Gott.
Eilftes Capitel.
Von dem Urzirkel in der Ewigteit.
Zwölftes Capitel.
Wiederholung und Schluß des bisher Gesagten. {257}
Einleitung.
Worin von dem Zaubergrund aller Natur und Erscheinung gehandelt wird.
Man liest in Gedichten von Personen, die in einen verzauberten Grund kamen, wo zwischen Bergen und Thälern rothe, gelbe, blaue Blumen wuchsen, zwischen denen Wunderthiere umhergingen, die diese
Blumen abweideten; bey näherer Untersuchung aber vergingen diese Blumen in Rauch und Licht und gaben einen wunderbaren und schweflichten Geruch von sich; auch fand es sich, daß jene Zauber- und
Wunderthiere, die diese Blumen abweideten, weiter nichts, als aus Licht und Luft zusammengeballter Dunst waren, der gleichfalls verging, so wie man ihn anrührte. Die Urheber dieser kühnen
Mährchen dachten wohl wenig daran, daß sie mit diesen ausschweifenden Erfindungen der Einbildungskraft weiter nichts, als die Geschichte des Lichts und seiner Verwandlungen, die es als ältester
Grundstoff aller Dinge, als Vogel, Thier, Fisch, Pflanze u.s.w., an unserm Erdball zu bestehen hat, in einer gefälligen Einkleidung dem Zuhörer oder Leser, {258}
gleichsam ahndungsweise vor das Auge brachten. Denn, könnten wir durch diese Rauchsäulen, durch diese Einwicklungen von Dunst, welche die irdischen Erscheinungen gleichsam als Schleyer um sich
werfen, bis zu ihrem eigentlichen Mittelpunct, oder göttlichen Sonnenheerd hindurchdringen, so würden wir gewiß etwas Aehnliches erblicken. Die Samen der Dinge und was wir davon zu unserm
Unterhalte verwenden, bestehen meist aus Licht, so daß dieses die eigentliche Nahrung an diesem Erdball ausmacht; wir selbst also sind, insofern diese Ansicht naturgemäß ist, eine Art
Wunderthiere, die in einem qualmichten, verzauberten Grund, Erde genannt, die Blumenflammen abweiden, und eine Menge Thiere, die, gleich Kerzen, angezündet vor uns in ihrem Scheinleben dahin
wandeln, in unsere eigne augenblickliche Substanz verwandeln. Von diesem Standpunct fällt auch ein neues Licht auf die Geschlechtsliebe, die, so wie die Zeugung, ebenfalls zu diesen wunderbaren
Spielen des Lichts gehört, die in diesem verzauberten Grund ewig räthselhafte Mysterien feyern, und in wechselseitig einander ergreifenden Flammen ausschlagen. Denn da das ewige, allen Dingen
eingeborne Licht sich nirgend verhalten und binden läßt, so will es wieder fort aus dem Kerker, der es gefangen hält und den es, nach allen Seiten, durch die Sinne, wie durch eben so viel
{259}
eröffnete Thore, durchzubrechen versucht. Das Wachsthum beschäftigt es nur eine Zeitlang, als Ableitung; dann lodert es in den spätern Jahren plötzlich als Zeugungstrieb auf. Das Einathmen
dieser, wie von entgegengesetzten Polen ausströmenden, Flammennahrung, geht in den entscheidenden Momenten des Blumenlebens, z. B. bey den Geschlechtern der Malven, so weit, daß es zu einem
völligen Festhalten, zu einer Auszehrung des einen Körpers in dem ihm gegenüberstehenden wird. So wiederholt sich gleichsam in Geburt und Zeugung die furchtbare Fabel von den Lamien, der
Gespenstern, die, nach einer Sage der Alten, lebendige Körper bis zur Hülse aussaugen und dieselben so in ihr Eigenthum verwandeln.
Wollten wir das hier Gesagte in wenige, aber bedeutende Worte zusammenfassen, so müßten wir uns, im Sinn eines der größten Denker unsers Jahrhunderts, ungefähr folgendermaßen ausdrücken: Leben
ist ein immerwährendes Fortbrennen des allen Dingen angebornen Lichtsamens, das durch Pflanzen, Thiere und andre Erscheinungen, die wir auch Lichter des Universums nennen mögen, nach unbestimmten
Zeitmaßen, zehn, zwanzig, hundert Jahre, oft länger, oft kürzer, bis zum Verlauf einer Stunde und eines Augenblicks in seinem Flammendurst unterhalten wird.
Liebe ist ein feuriges Einathmen des einen entge- {260}
gengesetzten Pols von dem andern, was wir auch mit dem Namen der Geschlechter zu bezeichnen pflegen, bis zur erfolgten völligen Auszehrung.
Geburt aber ist derjenige Moment, wo das eingeathmete Licht, das wir Kind nennen, von dem Einathmenden, aus dessen Blut und Säften es bisher seinen Unterhalt zog und das eben deshalb den Namen
Mutter führt, wieder losgelassen wird, um sein Leben, d. h. die Befriedigung seines Flammendurstes auf andern selbstständigen Wegen, im Reich der Erscheinungen, durch die Stufen der Jugend, des
Wachsthums, der Fortpflanzung und des Alters, im angwiesenen Kreislauf fortzusetzen. Hieraus folgt, daß, indem jeder Erscheinung etwas Ewiges zum Grunde liegt, das sich in der Fortpflanzung
gewissermaßen an etwas Zeitliches abgibt, in den Augen der Natur, auch die Laufbahn jedes Wesens, von da an, wo das Geschlecht durch ihre Veranstaltung gesichert ist, als geschlossen betrachtet
werden kann. Von dem Instinct der Mutter wenigstens, die ihr eignes Daseyn völlig der Unterhaltung des aus ihrem Schooße hervorgangenen neuen Lebenslichtes unterordnet, ja deren Herz und
Empfindung sogar es zur höchsten Freude gereicht, sich zu so edeln Zwecken von der Natur verbraucht zu sehen, kann einzig nur in dieser würdevollen Beziehung die Rede seyn. {261}
Erstes Capitel.
Phädros, vom Urschönen.
Sokrates, beym Plato, unterscheidet drey Arten von heiligem Wahnsinn:
1) den heiligen Wahnsinn des Sehers oder Propheten,
2) den heiligen Wahnsinn des Dichters und
3) den heiligen Wahnsinn der Liebe
In allen dreyen, wie derselbe fortfährt, wirke die stille Allmacht der Natur selbst; denn weder die kalte Besonnenhelt des Dichters könne ein Gedicht, noch die kalte Besonnenheit eines Priesters
einen Orakelspruch, oder eine Prophezeiung hervorbringen; und eben so wenig lasse sich auch das Wesen der ächten Liebe mit bloßem Verstand ausmessen. Den Verstand überall so hoch stellen, heißt
mit Gott aufheben; denn der Verstand steht bloß auf dem Gesetz der Ursächlichkeit, d. h. daß von Allem, wovon wir eine Wirkung sehen, auch eine Ursache in Raum und Zeit vorhanden seyn muß. Dieß
ist aber ein bloßes Weltvermögen, kann uns daher auch nur in der Welt, d. h. unter sichtbaren Dlngen {262}
zur Führung dienen. Gott, der zugleich seine Ursache und Wirkung in sich enthält, kann also nur durch eine göttliche Voraussetzung, oder durch den Glauben gefaßt werden, wozu der Verstand die
Beweise nachliefert. Der Zusammenhang der Liebe mit Gott, der Schöpfung, Entstehung, Fortpflanzung der Geschlechter, ist also offenbar und erwiesen, ihr Wahnsinn so gut ein heiliger, als die
vorhergehenden, d. h. in der Vernunft gegründet und allem todten, trocknen, kalten Verstand ewig unerforschbar.
Bey dieser Gelegenheit setzt Sokrates zugleich das Wesen der ächten Redekunst auseinander. „Du aber gehe, allen Dichtern, Gesetzgebern, Staatsmännern dieses Wort im Namen der heiligen Nymphen des
Ilyssus zu verkündigen, daß, sofern sie bey Abfassung ihrer Reden, Gedichte und Gesetze, die Natur des Gegenstandes, den sie abhandeln wollen, gründlich erforscht, sich seiner in der ganzen Tiefe
seines Urwesens bemächtigt haben, ferner sich auch im Stande fühlen, über alles von ihnen Geschriebene, Gedachte, Verfaßte Rechenschaft abzulegen, und in solche Erörterungen mündlich einzugehn,
daß ihr Buch oder ihre Schrift selbst dagegen ihnen nur als etwas Unvollkommenes, Mangelhaftes erscheint: sage ihnen, daß, falls sie zu diesem Grade der Vollkom- {263}
menheit göttlicher Wahrnehmungen gelangt sind, sie sodann keineswegs als bloße Redner, Staatsmänner, oder Dichter zu betrachten sind, sondern daß sie als weit höhere Naturen, auch mit einem weit
höheren Namen, als der ist, welcher sich von der Elgenthümlichkeit ihres Gewerbes herschreibt, belegt werden müssen, um dadurch die Tiefe eines Wesens anzuzeigen, wo die abgefaßte Rede, Schrift,
Gesetz, gleichsam nur als ein vergängliches Zeichen obenauf schwimmt, während das eigentlich Ewige sich still zu Grunde läßt und gar nicht zum Vorschein kömmt.
Zweites Capitel.
Teut und Thamus, oder von dem uns allen eingebornen Himmelsgedächtniß.
Eine Sage habe ich mir erzählen lassen von den alten Einwohnern Aegyptens. In Aegypten sey nämlich ein alter Gott gewesen, Namens Teut, derselbige, sagen sie, welchem auch der Vogel, Ibis
genannt, von ihren Vorfahren gewidmet war. Dieser Teut habe zuerst die Zahlen und ihre Verhältnisse ausgekundschaftet, sodann auch die Meßkunst und Sternkunst, ferner das Bret- und Würfelspiel
entdeckt, und zuletzt sey er auch den Buchstaben auf die {264}
Spur gekommen. Mit allen diesen wichtigen Erfindungen habe er sich nun zum König Thamus begeben, der damals von Theben aus über ganz Aegypten das Scepter führte, und habe von demselben begehrt,
daß man doch auch alle andern Aegyptier zu diesen Wissenschalten anhalten und sie solcher hohen Gaben theilhaftig machen möchte. Vieles und Bedächtiges soll darauf Thamus den Teut über jede Kunst
gefragt haben, welches Alles indeß zu weitläufig wäre, hier anzuführen, bis denn zuletzt die Rede auf die Buchstaben gekommen, wo Teut in die Worte ausgebrochen: diese Wissenschaft wird die
Aegyptier erst zu Menschen machen; denn sie ist ein verlängertes Gedächtniß und das sicherste Hülfsmittel der Erinnerung. Der König aber, als ein weiser Mann, erwiederte darauf: o Kunstreichster
von allen Unsterblichen, Teut, so es dir genehm ist, vernimm auch dieses: Irgend einem Manne steht es zu, eine Kunst zu erfinden und an das Licht zu bringen, dem Andern aber ist es gegeben, zu
berechnen, welchen Schaden oder Vortheil ihre Einführung in die Gesellschaft stiften wird. So scheinst denn auch du jetzt, als Vater und Erfinder der Buchstaben wenig davon zu ahnden, daß gerade
das Gegentheil von all' dem, was du deiner Erfindung nachrühmest, erfolgen wird. Denn diese Buchstaben, anstatt die Aufmunterung {265}
und das Lernen der Seele zu bewirken, werden derselben vielmehr einen Schlaftrunk der Trägheit einflößen; nur das irdische Gedächtniß wird wachsen und zunehmen, das himmlische aber auslöschen,
denn die Menschen werden sich dadurch bald versucht fühlen, die todten Zeichen mit den Bezeichneten und den Ideen selbst zu verwechseln. Daraus wird denn eine Hintansetzung jenes eingebornen
Himmelslehrers, mit andern Worten, eine Vernachlässigung des eignen innern Unterrichts entstehen, den eine unmittelbare göttliche Offenbarung jeder wohlbeschaffnen Menschenseele zukommen läßt.
Statt der Anschauung der Gegenstände selbst wird man nun anfangen, mit den Scheinbildern derselben vorlieb zu nehmen, oder wohl gar ein müssiges und leeres Spiel zu treiben. Ich meinerseits sehe
nicht wohl ein, wie du deine Lehrlinge vor diesen gefährlichen Klippen bewahren willst. Indem sie sich demnach einbilden, Verehrer der Weisheit und gänzlich Eingeweihte, ja Vielwisser geworden zu
seyn, wird es geschehen, daß ihr ganzer Vorzug, näher untersucht, doch nur darin bestehe, daß sie dünkelhafter, anmaßender, und des eigentlichen wahrhaften Wissens unkundiger geworden sind. Hier
schwieg Sokrates. Phädrus aber nahm lächelnd das Wort und sagte: o Sokrates, dir müßt' {266}
es, meine ich, wohl nicht schwer fallen, selbst Aegyptiern, und was es sonst für Barbaren giebt, recht schöne und zierlich gesetzte griechische Reden halten zu lassen. Worauf Sokrates erwiederte:
Ey nun, mein junger Freund, das wäre denn auch so übel nicht! War ja doch in jenen ältesten Zeiten z. B. in dem alten Tempel des Zeus zu Dodona selbst eine Eiche, die das Wort führte und die
ersten Orakel gab. Das macht, den damaligen Menschen genügte es in ihrer Einfalt, wenn sie nur belehrt wurden, gleichviel, woher und von wem, und die junge Welt dünkte sich bey weitem nicht so
klug, wie heutiges Tags. Was willst du sagen? Niemand hielt es damals unter sich, selbst einem Steine, oder einer Eiche zuzuhorchen, wenn dieselben nur Kluges, oder zur Sache Gehöriges
vorzubringen wußten. Dir aber, mein lehrbegieriger Phädros, scheint es nicht sowohl auf die Sache und den Unterricht selbst anzukommen, als vielmehr auf die Person, die spricht, von wannen dieß
und jenes ausgeht, und auf ähnliche Zufälligkeiten. Die Beschämung des Phädros durch den freundlichen Sokrates war nicht so groß, daß sie nicht in folgenden Worten alsbald die Entschuldigung
hätte finden sollen. Ich bekenne, lieber Sokrates, sagte der Jüngling, daß du mich mit Recht ausgescholten hast. Auch dünkt mich die Weisheit des thebäischen Königs in dem, was er gegen das
{267}
todte Wesen der Buchstaben vorbrachte, ganz unwiderlediglich zu seyn.
Drittes Capitel.
Von den göttlichen Urbildern und deren Bezug auf die Metamorphose der Pflanzen.
Wenn in der großen Kette der Erscheinungen, die wir Welt nennen, Alles von Ursache zu Wirkung
fortschreitet, so muß natürlich auch jene Wirkung, Rose
genannt, welche als eine liebliche Erscheinung an jenem Rosenstocke prangt, ihre Ursache in der Natur
haben. Sie hat sie auch in der That. Das Blatt, der Kelch, der Dorn, die Farbe, alles dieses ist schon, eh‘ es als Wirkung in das Gebiet der äußern Wahrnehmungen tritt, in den frühern
Erscheinungen ursächlich begründet gewesen. Die Untersuchung kann demnach vom Stiele zum Stamm, vom Stachel zum Dorn, von dem grünen Blatt zum rothen einen vorbereitenden Weg finden. Und so
entdeckt denn selbst das leibliche Auge bald genug, daß es derselbige Typus, dieselbige Idee ist, die der Genius, oder die Seele der Natur (denn alles in der Natur läßt uns annehmen, daß sie, wie
wir selber, beseelt sey), nur mit mehr, oder mit weniger Freiheit der Veränderungen, auf eine gei- {268}
stig gesteigerte Art durchsetzt. Es ist einer unserer ersten Dichter und Naturforscher, dem wir von dieser Metamorphose der Pflanzen eine kleine, aber höchst geistreiche Abhandlung verdanken.
Stiel, Blätter, Farbe, Wohlgeruch des Rosenstocks sind nach ihm gleich unten im Samenkorn, versteht sich, nur im Anfange, oder als Intention vorhanden, wenn sie nach oben zu als Idee bestimmter
hervortreten und ätherischer, lichtähnlicher für das Auge, ihre verschiedenen Stufen zur Entwickelung bringen.
Mit diesem einzigen Wort steht unsre ganze Betrachtung wie an einem heiligen Abgrund der Natur, der bloß mit frommer Ahndung erfaßt werden kann, und, in Worten ausgesprochen, schon halb wieder
Null wird. Denn das geübteste Auge des größten Naturbeobachters, bewaffnet mit allen Hülfsmitteln der Kunst, wird sich doch wohl bescheiden müssen, in diesen ersten ursächlichen Anlagen des
Rosenstocks rothe Farben, Blätter, Dornen, mit einem Wort den ganzen Baum theilweise zu entdecken, oder gar, wär' es auch nur in den entferntesten Andeutungen, etwas Greifbares, Hörbares, oder
sonst in die Sinne Fallendes dieser künftigen Zustände darzustellen. Dennoch nöthigt uns der Verstand, der nichts ohne Ursache annehmen will, auch eine Ursache aller jener auf einander folgenden
Entwicklungen des Rosenstocks anzunehmen, erklärt aber {269}
nur seine eigene Ohnmacht, sobald er die Auseinandersetzung dieser Wunder auf seinen gewöhnlichen, das heißt mechanischen Wegen versuchen will. Wir stehen hier nämlich vor einem Urphänomen der
Natur, wo der Verstand mit seinem beschränkten Maßstab schlechterdings nicht weiter ausreicht, und das deshalb an die Vernunft, Philosophie und Dichtkunst abgegeben werden muß, diese geistigen
Augen des Menschen, die, wo das leibliche Auge ihn verläßt, ihn in den Kreis einer neuen und himmlischen Wirksamkeit führen. Gleichwie nämlich ein kluger Baumeister vor Ausführung des
Hauptgebäudes einen Riß macht, und die Bekleidung desselben mit Holz, Kalk und Ziegeln nur zufällig erscheint, so ist, nach der göttlichen Voraussetzung Plato's, eben ein solcher Bauriß und
vorgängige Zeichnung von allen sichtbaren Gegenständen im Unsichtbaren, und das in größter Vollkommenheit, vorhanden, und dieses Urdaseyn aller Dinge in Gott wird von ihm Idee oder Vorbild
genannt. Um bey dem Beysplel des Rosenstocks stehen zu bleiben, so ist das Vorbildliche desselben, die Rosenidee, in das Saamenkorn niedergelegt und harret nun bloß, nach den mit den Elementen
einmal eingegangenen Verträgen, einer aufweckenden Lichtentwickelung, oder ähnlich zufälliger, sey es günstiger, oder ungünstiger Einflüsse, die der geschickteste Baumeister, {270}
er mag nun Rosen oder Kirchen im Tempel der Natur nach vorgelegten Zeichnungen ausführen, als nothwendige Bedingung nicht umgehen kann. Betrachten wir die Rose auf dem höchsten Punct ihrer
Vollendung, so verwandelt sich dort die grüne unreife Farbe, die sie als eine Sprosse der Pflanzenwelt auf ihren untersten Stufen bezeichnete, in die vollkommenste, in den Purpur des Bluts; der
mastige, breite, blätterreiche Rosenstrauch zieht sich in eine eben so blätterreich gestaltete Blume zusammen; das Holz desselben verdampft, verschmilzt, verraucht gleichsam unter dem Einfluß der
Sonnenglut zu einer Art von Rosenlicht; ein würziger Wohlgeruch, der eine Sinngemeinschaft mit höhern Wesen anknüpft, ist in diesem verkleinerten Zustande der Pflanze angekommen; die ewig
unerforschte, ja ungeahndete Vergeistigung aller Säfte tritt zugleich mit der Zeugung und Fortpflanzung ein, nach diesem höchsten Moment aber verschwindet das anmuthige Spiel der
Blumenerscheinung als ein zeitlich Vergängliches; das Unvergängliche dagegen, oder die Idee, wird von nun an vorherrschend, mit andern Worten: der ganze Rosenstock mit Dorn, Blättern, Stiel u. s.
w. wird in eine Art von Krystallrose verwandelt, die in das Samenkorn wie schlafend niedergelegt ist. Von dieser Grenze aller menschlichen Erforschung, von wo aus die Geister der Natur ver-
{271}
schwinden, und wir mit vergeblichem Sehnen die Hände nach ihnen ausstrecken, erhebt sich das Auge in eine neue, bessere und schönere Welt, um so mehr, da der bedeutsame Glaube und die feste
Ueberzeugung, daß das Saamenkorn die ganze künftige Gestalt des Rosenstocks geistig enthalten muß, selbst von dem trockensten Verstande nicht geläugnet, oder in seinen Grundpfeilern erschüttert
werden kann. Denn ein solches Urbild der Erscheinung etwa deshalb nicht annehmen wollen, weil man es nicht mit Händen greifen, oder mit Augen sehen kann, heißt nichts anders, da wir doch dessen
Wirkung zuzulassen gezwungen sind, als mit einer blinden und völlig gedankenlosen Willkühr Wirkungen ohne Ursachen annehmen; folglich Gott selbst als den ersten Urheber alles dessen, was da ist,
aus der Natur entfernen, indem auf dem Standpunkt einer höhern Betrachtung dieß ja mit allem, was ihn betrifft, der nämliche Fall ist. Von allem Erschaffenen also — dieß ist eben die göttliche
Lehre des Plato — soll man, um würdig zu sprechen, zu dem ewig Unerschaffenen zurückgehn. Die Idee ist nicht die Natur; sie prägt nur ihr Bild in die Natur, sie ist das Erschaffende selbst, sie
ist nicht das Wesen des Scheins, sondern das Urwesen ewiger Vollkommenheit und daher auch weit makelloser und glänzender, als das Erschaffene, dem Zeit und Raum von allen Seiten beengende
{272}
Fesseln anlegen. Sie wohnt in strahlender Vollkommenheit in Gott; sie kämpft mit keinem Abfall der Zeit; aus ihr sind alle zeitliche Dinge hervorgegangen, und müssen auch so wieder in sie, als
ihren alleinigen Born und Ursprung, zurückkehren.
Die Metamorphose der Pflanzen.
Werdend betrachte sie nun, wie nach und nach sich die
Pflanze,
Stufenweise geführt, bildet zu Blüthen und Frucht!
Aus dem Saamen entwickelt sie sich, sobald ihn der Erde
Stille befruchtender Schoos hold in das Leben entläßt,
Und dem Reize des Lichts, des heiligen, ewig bewegten,
Gleich den zärtesten Bau keimender Blätter empfiehlt.
Einfach schlief in dem Saamen die Kraft: ein beginnendes Vorbild
Lag verschlossen in sich unter die Hülle gebeugt.
Blatt und Wurzel und Keim, nur halb geformet und
farblos;
Trocken erhält so der Kern ruhiges Leben bewahrt,
Quillet strebend empor, sich milder Feuchte vertrauend,
Und erhebt sich sogleich aus der umgebenden Nacht.
Aber einfach bleibt die Gestalt der ersten Erscheinung
Und so bezeichnet sich auch unter den Pflanzen das
Kind. {273}
Gleich darauf ein folgender Trieb sich erhebend, erneuet.
Knoten auf Knoten gethürmt, immer das erste Gebild. Zwar nicht immer das Gleiche, denn mannigfaltig erzeugt sich,
Ausgebildet, du siehst's, immer das folgende Blatt, Ausgedehnter, gekerbter, getrennter in Spitzen und Theile,
Die, verwachsen vorher, ruhten im untern Organ.
Und so erreicht es zuerst die höchst bestimmte Vollendung,
Die bey manchem Geschlecht dich zum Erstaunen bewegt.
Doch hier hält die Natur mit mächtigen Händen die
Bildung
An, und lenket sie sanft in das Vollkommene hin. Mäßiger leitet sie nun den Saft, verengt die Gefäße,
Und gleich zeigt die Gestalt zärtere Wirkungen an.
Um die Achse gedrängt, entscheidet der bergende Kelch sich,
Der zur höchsten Gestalt farbige Kronen entläßt.
Also prangt die Natur in hoher voller Erscheinung,
Und sie zeiget gereiht, Glieder an Glieder gestuft;
Immer erstaunst du auf's neue, sobald sich am Stengel die Blume
Ueber dem schlanken Gerüst wechselnder Blätter bewegt;
Aber die Herrlichkeit wird des neuen Schaffens Verkündung.
Ja, das farbige Blatt fühlet die göttliche Hand,
Und es zieht zusammen sich schnell, die zartesten Formen
Zwiefach streben sie vor, sich zu vereinen bestimmt. {274}
Traulich stehen sie nun, die holden Paare, beysammen, Zahlreich reihen sie sich um den geweihten Altar.
Hymen schwebet herbey, und herrliche Düfte gewaltig
Strömen süßen Geruch, alles belebend, umher.
Nun vereinzelt schwellen sogleich unzählige Keime,
Hold in den Mutterschooß schwellender Früchte gehüllt. Und hier schließt die Natur den Ring der ewigen Kräfte;
Doch ein neuer sogleich fasset den vorigen an,
Daß die Kette sich fort durch alle Zeiten verlänge,
Und das Ganze belebt, so wie das Einzelne, sey.
Wende nun, o Geliebte, den Blick zum bunten Gewimmel,
Das verwirrend nicht mehr, sich vor dem Geiste bewegt!
Jede Pflanze verkündet dir nun die ew'gen Gesetze,
Jede Blume, sie spricht lauter und lauter mit dir.
Aber entzifferst du hier der Göttin heilige Lettern,
Ueberall siehest du sie, auch im veränderten Zug!
Freue dich auch des heutigen Tags! Die Heilige Liebe
Strebt zu der höchsten Frucht gleicher Gesinnungen auf,
Gleicher Ansicht der Dinge, damit im harmonischen Anschaun
Sich verbinde das Paar, finde die höhere Welt. {275}
Viertes Capitel.
Von der Verwandtschaft des innern und des äußern Lichts.
Denken heißt Anschauungen haben, von innen nämlich, nicht von außen. Anschauungen aber setzen ein Auge voraus, womit geschaut wird, ein innerliches oder ein äußerliches. Die Natur des innerlichen
Auges ist aber von der Art, daß es oft bey weitem mehr sieht, als ihm von außen zur Anschauung gegeben wird, wie man denn dieses besonders in begeisterten Zuständen, Visionen, Träumen, bey völlig
geschlossenen Augenliedern und entschlafenem Körper gewahr werden kann, wo, wie Cicero sagt, die Seele indeß baut, verreist, dichtet, schifft und andere Geschäfte verrichtet; alles dieses
vermittelst der Kraft ihres innern, vom Körper unabhängigen Augenlichts! Die Bedingung des Sehens für unser äußeres Auge ist das Licht; sollte es für das innere Auge die Finsterniß seyn? oder
sollte sich nicht etwa zwischen beyden, dem Licht und dem Gedanken, eine tiefe, bis zuletzt noch lange nicht nach ihrem Umfange vermuthete Gemeinschaft ergeben? eine Gemeinschaft, worauf Göthe so
schön mit den sinnreichen Worten hindeutet:
Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Wie möchten wir die Sonn' erblicken? {276}
Und wohnt' in uns nicht Gotteskraft,
Wie möcht' uns Göttliches entzücken?
Licht also ist es, was von innen in uns denkt, Licht was von außen diesem innern entgegen kommt, Licht oder Abspiegelung die ganze Natur, deren großes Buch mit Vögeln, Pflanzen, Blumen und
Thieren, nichts als Leben, Thaten und Leiden des Lichts enthält. Diese wenigen Worte mögen hier mehr zur Andeutung des geheimen Bundes zwischen Sehen und Denken, zwischen innerer und äußerer
Anschauung, als zur Erschöpfung dieser uns Allen so wichtigen Materie gesagt seyn.
Fünftes Capitel.
Göthischer Platonismus.
Göthe sagt im zweyten Theil der Farbenlehre S. 269. „Man erinnere sich, was wir oben von der Lehre des Roger Baco [Ein Gelehrter Mönch aus dem Mittelalter] mitgetheilt, die wir bey ihm
aufgegriffen haben, weil sie uns da zunächst im Wege lag, ob sie sich gleich von weit frühern Zeiten herschreibt: daß sich nämlich jede Tugend, jede Kraft, jede Tüchtigkeit, Alles, dem
{277}
man ein Wesen, ein Daseyn zuschreiben kann, ins Unendliche vervielfältigt, und zwar dadurch, daß immerfort Gleichbilder, Gleichnisse, Abbildungen, als zweyte Selbstheiten von ihm ausgehen,
dergestalt, daß diese Abbilder sich wieder darstellen, wirksam werden, und, indem sie immer fort und fort reflectiren, diese Welt der Erscheinungen ausmachen. Nun liegt zwischen der wirkenden
Tugend und zwischen dem gewirkten Abbild ein Drittes in der Mitte, das aus der Wirklichkeit des ersten und aus der Möglichkeit des zweyten zusammengesetzt scheint. Für dieses Dritte, was zugleich
ist und nicht, was zugleich wirkt und unwirksam bleiben kann, was zugleich das allerhöchste Schaffende, und in demselben Augenblicke ein vollkommenes Nichts ist, hat man kein schicklicheres
Gleichniß finden können, als das menschliche Wollen (Intention), welches alle jene Widersprüche in sich vereinigt. Und so hat man auch den wirksamen Naturgegenständen, besonders denjenigen, die
uns als thätige Bilder zu erscheinen pflegen, dem Lichte, so wie dem Erleuchteten, welche beyde nach allen Orten hin sich zu äußern bestimmt sind, ein Wollen, eine Intention gegeben, und daher
das Abbild, insofern es noch nicht zur Erscheinung kommt, intentionell genannt, indem es, wie das menschliche {278}
Wollen, eine Realität, eine Nothwendigkeit, eine ungeheure Tugend und Wirksamkeit mit sich führt, ohne daß man noch etwas davon gewahr würde." —
So weit Göthe in dem angeführten Werke, seine Worte sind von der Art, daß sie Punkt für Punkt eine Erläuterung verdienen.
„Alles in der Natur, dem man ein Wesen, ein Daseyn zuschreiben kann, vervielfältigt sich ins Unendliche." So in dem oben angeführten Beyspiel kann sich ein einziger Rosenstock in den Saamen, das
heißt, vermöge dessen angestammter Kraft, Tugend und Wirksamkeit zur Entwicklung des Ganzen, was wir Rosenstock nennen, in der Natur zu hundert, ja zu tausendmalen abspiegeln.
„Dadurch geschieht es denn, daß immerfort Gleichbilder, Gleichnisse, Abbildungen, als zweyte Selbstheiten, von den ersten ausgehen," das heißt mit andern Worten: der zweyte, dritte, vierte,
fünfte Rosenstock, Fisch, Vogel u. s. f. bis ins Unendliche, ist immer nur eine Abbildung des ersten, eine zweyte Selbstheit, die von nun an einem dritten, vierten, fünften, selbst die Entstehung
geben kann.
„Nun liegt zwischen der wirkenden Tugend und zwischen dem gewirkten Abbild ein Drittes in der Mitte, aus der Wirklichkeit des er- {279}
sten und der Möglichkeit des zweyten zusammengesetzt." Das heißt mit andern Worten: die Möglichkeit des zweyten Rosenstocks, Fisches, Vogels, als Fortpflanzung bis ins Unendliche, ist bedingt
durch die Wirklichkeit des ersten. Zwischen dem ersten Rosenstock, der zeugt, und dem zweyten Rosenstock, der gezeugt wird, liegt ein dritter, und zwar völlig unersichtlicher Rosenstock in der
Mitte, wodurch die Erscheinung gleichsam vermittelt wird. Göthe nennt dieß Unersichtliche in seiner Metamorphose das Vorbild der künftigen Pflanze.
„Für dieses Dritte, was zugleich ist und nicht ist, was zugleich wirkt und unwirksam bleiben kann, was zu gleicher Zeit, (als die in's Samenkorn von der Natur niedergelegte Idee) das allerhöchste
Schaffende, (denn dieses und nichts anders erschafft den Rosenbaum) und in demselben Augenblicke wieder das allervollkommenste Nichts ist, hat man kein schicklicheres Gleichniß finden können, als
das menschliche Wollen, Intention, welches alle jene Widersprüche in sich vereinigt."
Das Verfahren der Natur ist also völlig, wie dle Intention eines Malers vor der Ausführung. Die Idee einer Rose schwebt ihm vor; insofern ist also auch die Rose in ihm, ja sie ist vielleicht
schöner und voll- {280}
kommener in ihm, als sie je von außen zur Erscheinung kommen wird. Aber noch bedarf sie der Zeichnung, der Ausführung in Farben und, so lange diese nicht erfolgt, kann man mit Recht sagen: die
Rose existiert nicht. Dennoch existirt sie wahrhaft. Die lebendige Intention des Malers ist ihre Existenz, oder man müßte dieselbe ganz mechanischer und schlechter Weise, ohne alle Intention und
Idee, von den Fingerspitzen des Malers auf die Leinwand hervorgehen lassen. Und selbst diesen todten Mechanismus zu bewirken, müßte doch immer eine Art von Idee voran gehen, und dem, wenn gleich
schlechten Produkt zur Veranlassung dienen.
„Und so hat man auch den unwirksamen Naturgegenständen, besonders denjenigen, die uns als thätige Bilder zu erscheinen pflegen, dem Lichte, so wie dem Erleuchteten, welche beyde nach allen Orten
hin sich zu äußern bestimmt sind, ein Wollen oder eine Intention gegeben." Dieses Wollen und diese Intention des Lichtes kann keine andere seyn, als die in der ganzen Natur ein Abbild von sich
selber hervorzubringen. Wem fallen nicht hierbey die schönen und anmuthigen Verse des Lukrez ein, wo von den erleuchteten, oben aufgehangnen farbigen Teppichen des römischen Theaters eben dieses
Gleichnißmachen, durch Spiele des Lichts {281}
veranlaßt, mit den treffendsten Worten nachgerühmt
wird:
Häufig bemerket man das an den röthlichen, blauen und
gelben
Teppichen, welche gespannt sich über das weite Theater Wogend, schwebend allda verbreiten an Masken und Balken.
Denn der Versammlung unteren Raum, den sämmtlichen
Schauplatz,
Sitze der Väter und Mütter, der Götter erhabene Bilder Tünchen sie an, sie zwingend, in ihrem Gefärbe zu
schwanken.
Und, sind enger umher des Theaters Wände verschlossen,
Dann lacht fröhlicher noch von ergossenem Reize der
Umfang.
Wenn geringer zusammen gefaßt der Schimmer des Tag's ist,
Lassen die Tücher dennoch von der obersten Fläche die
Schminke
Fahren: wie sollte denn nicht ein zartes Gebilde der Dinge
Jedes entlassen, da ähnlicher Art sie jedes vom Rand
schießt?
„Und daher haben wir denn auch in der Farbenlehre das Abbild, insofern es noch nicht {282}
zur Erscheinung kömmt, intentionell genannt." In den oben angeführten Teppichen des Lukrez z. B. ist die Intention, sich abzuspiegeln immer da; das Abbild war also intentionell vorhanden, kam
aber nicht zur Erscheinung, sobald das Theater ganz verdunkelt war. Wollte man Fortpflanzung und Abspiegelung mit einander vergleichen, so könnte man sagen, die Fortpflanzung sey ein inneres
Gleichnißmachen, und die Natur wiederhole hier von innen dasjenige, was das Licht von außen vermöge seiner magischen Wirkungen hervorbringe.
„Diese Intention führt, wie das menschliche Wollen, eine Realität, eine Nothwendigkeit, eine ungeheure Tugend und Wirksamkeit mit sich, ohne daß man noch etwas davon gewahr würde." Man bedenke z.
B, nur die ungeheure Tugend, Wirksamkeit und Intention von dem einzigen Samenkorne eines Rosenstocks. Diese besteht nämlich in nichts Geringerem, als alle Welttheile, insofern man ihr Raum ließe,
in einen einzigen großen, ungeheuern Rosenstrauch zu verwandeln. Dieser Rosenstrauch müßte forrblühen bis ans Ende der Tage, und könnte nur mit dem Verlöschen der Sonne selbst ein Ende nehmen. Ja
man könnte Planet auf Planet auf diese Weise zusammenrücken und statt der Milchstraße eine Rosenstraße am Himmel bilden. Welch {283}
eine wahrhaft ungeheure, in einem kleinen Samenkorn enthaltene Intention! Und ähnlicher Intentionen ist die Natur voll; so daß, wenn nicht Intentionen der Intention wieder in ihr entgegen träten,
die Intention der Pflanze z. B. vor der Intention des Thieres, Vogels u. s. w. sich vollig in ihr verlieren müßte.
Nur den einzigen Fall angenommen, daß alle von Vögeln gelegte Eyer auskämen, und aller von Rosen gesetzter Samen seine Entwicklung erhielte, wo wollten wir endlich vor Vögeln oder Rosen an diesem
Erdball bleiben?
„Es befinde sich," sagt Göthe, „eine Person in einem großen, von rohen Mauern umgränzten Saal. Ihre Gestalt hat die Intention, sich abzuspiegeln, oder wie wir uns in unserm Entwurfe mit einem
ebenfalls sittlichem Gleichnisse ausgedrückt haben, das Recht, sich an allen Wänden abzuspiegeln; allein die Bedingung der Glätte fehlt. Denn das ist der Unterschied der ursprünglichen Tugenden
von den abgebildeten, daß jene unbedingt wirken, diese aber Bedingnissen unterworfen sind. Man gebe hier die Bedingung der Glätte zu, man polire die Wand mit Gipsmörtel, oder behänge sie mit
Spiegeln, und die Gestalt der Persönlichkeit wird ins Tausendfältige vermehrt erscheinen. {284}
Sechstes Capitel.
Von der Schwärmererey der Liebe und deren himmlischem Ursprung.
Das Thier ist bloß deswegen keiner Schwärmerey in der Liebe fähig, weil es, schon seiner Organisation nach, jener Seelenerhebung, die wir Idee nennen, völlig ermangelt. Die Idee nämlich ist von
uns betrachtet worden als ein Sehen mit dem innern Auge, als ein Glaube an etwas Ungesehenes, als ein Weg zu einer höhern Offenbarung, als die ist, welche uns durch bloße sinnliche Wahrnehmungen
zu Theil werden kann.
Schwärmerey für Schönheit z. B., worauf alle ächte Schwärmerey der Liebe am Ende hindeutet und beruht, kann ohne geistige Ideen, deren das Thier entbehrt, gar nicht gedacht werden. Unbekannt ist
ihm ein anderer Reiz, als der des Geschlechtstriebes, fremd jener schöne Eigensinn, jene ächt menschliche Beharrlichkeit, die in keiner Abwechslung eines Gegenstandes mit dem andern Trost finden,
sondern lieber untergehen, als von dem Besitz des einen Gewünschten ablassen will. Der Uebergang selbst von einem schönern zu einem schlechtem kostet in der Regel einem Thier nicht viel. Es sucht
die Befriedigung in seiner Gattung, und, hat es die gefunden, so oder so, so ist ihm dieses {285}
genug. Der Mensch auf seinem höhern Standpunkt, hiermit verglichen, nimmt sich anders. Wer mag es läugnen, daß Liebe, die erst den Himmel in sich selbst eröffnet, und ihn sodann auch in ein
anderes Mitgeschöpf seiner Gattung überträgt, eben dadurch die schönste Eigenthümlichteit der menschlichen Seele darstellt? Nun fragt sich freylich: wo in aller Welt liegt denn doch dieser
unerklärliche Zauber, der die Seele an diesen oder an jenen Gegenstand so ausschließlich heftet, und alle Zuneigung für ihn gleichsam gefangen nimmt? Etwa in dem, was das leibliche Auge an ihm
sieht? Nein; denn andere sehen diesen Gegenstand auch, und theilen unsere Bewunderung nicht, wenigstens nicht in einem so hohen Grade. Es muß daher in der Seele dessen, der sich dieser Stimmung
ergibt, eine Idee, eine Vision, ein Ungesehenes vorwalten, wie es auch wirklich der Fall ist, und was sich daher auch lange schon von den Gleichgültigen der Welt den kalten Weltnamen Schwärmerey,
Leidenschaft, oder Wahnsinn der Liebe verdient hat. Der edle Sokrates dagegen hat diesen schönen Wahnsinn, diese heiligen Verirrungen der Natur als etwas Hochgeistiges, mit dem innersten Wesen
der Philosophie, und der ganzen Vernunft nahe Verwandtes, gegen alle solche stolzen dünkelhaften Weltanmaßungen, im Phädros des Plato, in {286}
einen höchst nachbrucksvollen Schutz genommen, und nicht nur dem heiligen Wahnsinn der Liebe das Wort geredet, sondern auch mit tiefen seelenvollen Bildern, zu höherer Begründung des bisher
Gesagten, den völlig unerforschten Zusammenhang desselben mit den Mysterien des Werdens und der Schöpfung überhaupt nachgewiesen. Nur einem gottentflammten Gemüth, wie Plato, der beydes zugleich,
das Talent des Sehers und Dichters in sich vereinigte, war diese Entdeckung des Allerheiligsten der Liebe, als dem ausgezeichnetsten aller ausgezeichneten Köpfe des Alterthums, vorbehalten. Es
ist in der That wol merkwürdig, daß keine thierische Natur weder der Idee von Gott, noch der Schwärmerey der Liebe theilhaftig ist. Hat es mit dieser Beobachtung seine Richtigkeit, so dringt sich
gleichsam von selbst die Frage auf: ob nicht beiden Erscheinungen etwas Gemeinschaftliches zum Grunde liege? und sollte dieses Gemeinschaftliche nicht eben das Vermögen der menschlichen Seele
seyn, sich von besondern Fällen zu allgemeinen Ideen und Vorstellungen empor zu heben? Das äußere Auge besitzt das Thier freylich so gut, wie der Mensch: wie uns, zeigt auch ihm die Betrachtung
seinen Gegenstand; aber das innere Auge, das aus dem Gesehenen Ungesehenes erfaßt und erschließt, so daß sich ihm zuletzt die ganze Natur in eine Vision {287}
von Gott verwandelt, dieß innere Denken, Betrachten und Anschauen, dieß dem Menschen angeborne Himmelsgedächtniß, das gleichsam das unterscheidende Kennzeichen seiner Gattung ausmacht, und aus
dessen Frischerhaltung im Kampf mit den angelernten Buchstabenzeichen des Erdgedächtnisses, Sokrates, wie wir aus jenem Mythos der Einleitung ersehen haben, einen so ausgezeichneten und hohen
Werth gelegt, so viele Mühe und Sorgfalt verwendet wissen wollte, diese herrliche HImmelsgabe, geht dem Thier völlig ab. Die Sokratische Methode und Lehrart deutet auf diese Voraussetzung hin:
daß alles rechte Lernen in dieser Welt nur Erinnerung sey und seyn soll, daß dem Lehrer obliege, es hervorzulocken, aber nicht aufzudrlngen; und daß die höchsten Entdeckungen in Künsten und
Wissenschaften von augenblicklichen höheren Eingebungen ausgegangen seyen. Das Genie ist also nur dadurch Genie, daß sein Gedächtniß von himmlischen Dingen frischer, als das anderer Menschen ist,
und daß die Erinnerungen eines vorigen seligen Zustandes weniger durch das Medium von Raum und Zeit getrübt, in ihm hervorsteigen. {288}
Siebentes Capitel.
Von aller Dinge End und Anfang in Gott.
Der Anfang z. B. eines Rosenstockes ist zugleich,
insofern er eine particula divina, ein Ausfluß aus
dem Wesen der Gottheit ist, eine Abscheidung aus demselben, also ein Ende für seine Existenz in Gott, oder im Universum. Denn statt jener universellen Intention behält jetzt die individuelle die
Oberhand. Nicht
mehr Sonne, Mond und Gestirne, sondern nur Rosenstöcke, will er von nun an bis in alle Ewigkeit hervorbringen. Folglich ist seine Geburt, sein Anfang
als Rose, Ende, Untergang, oder Tod in Gott. So
ist denn aber auch, um zugleich wieder das Trostreiche in diese trostlose Betrachtung zu bringen, jedes zeitliche Ende zugleich ein Zurückgang, ein Anfang im Ewigen.
Laßt zum Beyspiel die Fluten über diesen alten Erdball strömen, laßt sie aller Pflanzung, also auch dieser Rosenwelt, diesem Rosenuniversum ein Ende machen! 6000 Jahr, oder länger sollen sie über
der versunkenen Vorwelt und Schöpfung stehen bleiben, keine Spur einer Blume soll mehr über, noch unter der Erde gefunden werden; wird deßhalb auch wol die Intention eines Rosenstockes unter der
Wuth der unter und durcheinander stürmenden Elemente verschwunden seyn? oder tritt vielmehr nun auch für jene {289}
particula divina, für jenen göttlichen Ausfluß, mit einem Wort, für das Individuum des Rosenstocks jener lang ersehnte Uebergang ins Universum, jene Verklärung durch dasselbe ein? wo er selbst
nur, als ein einziger Lichtgedanke Gottes, mit unzähligen andern gottverwandten Brüder- und Schwester-Intentionen von Sphären, Vögeln, Blumen, Bäumen, Thieren, Menschen zusammentrifft, wovon
immer nur die Höhere, wie der Mensch, die Niedere begreift, Gott aber, als das gemeinschaftliche Centrum aller dieser einst verkörpert gewesenen Gedanken, der sie werden läßt, bildet, und zuletzt
wieder in seinen Schooß zurück versammelt, von ihnen als der Abgrund aller Seligkeit und alles Friedens erkannt wird. So ist demnach das Ende der Organisation des Rosenstocks keineswegs ein Raub
der wilden Ueberschwemmung gewesen, sondern er ist vielmehr herrlicher, vollendeter, leuchtender in Gott und im Lichte, als in seinem ewigen Vor- und Urbilde wieder aufgegangen, und so zu sagen
von seinem zeitlichen Tod nun erst von neuem wiedergeboren worden. Unten aber in der Zeit, wenn wir von diesen Dingen mit zeitlicher Betrachtung sprechen, pflegen wir zu sagen, der Rosenstock sey
nun ausgestorben, und es gebe überhaupt keine Schöpfung mehr; gänzlich vergessend, daß es ein Urseyn gebe, ein Unsichtbares in allem Sichtbaren, dem {290}
weder Feuer, Wasser, noch Luft, noch die Wuth der Elemente etwas anhaben kann.
Achtes Capitel.
Von der besondern Seele jedes Dings und deren Zusammenhang mit der Weltseele.
Die einseitige Bestrebung des Rosenstocks, als Rosenseele eine ganze Ewigkeit hindurch nichts als Rosen hervorzubringen, ist von uns in ihrem Grundwesen erkannt worden. Neben dieser einseitigen
Bestrebung aber geht in ihm noch eine allseitige Bestrebung, als Weltseele, die auf den Uebergang, auf die Verwandtschaft der Rose mit höhern Sphären hindeutet. Wir möchten diese dunkle Sehnsucht
zur Durchbrechung aller individuellen Formen das Schmetterlingsprincip der Natur nennen, vermöge dessen die eingekerkerte Psyche beständig strebt, sich von dem Raupenstand des Individuums frei
und los zu machen. Das in einer ewigen Metamorphose begriffene Universum wirkt in dieser dunkeln einseitigen Bestrebung der Natur so heftig, daß z. B. in der Rose, in der Circulatlon des Safts,
Andeutungen auf die Circulation des Bluts, auf dessen Purpur, auf Athem, auf Geschlechter, und was nicht Alles noch weiter? enthalten sind. {291}
Lavater hat höchst sinnreich In einer Folge von Abbildungen den Apollo von Belvedere bis zum Frosch zurückgeführt. Lange vorher, ehe die Blumenwelt unserm Auge von außen erscheint, spielt die
Natur in unbelauschter ewiger Ruhe in dem Schooß von Berg und Klüften gleichsam mit sich selbst und ergetzt sich an den schönsten Krystallisationen von Pflanzen, Blumen, Bäumen und Gesträuchen,
noch ehe sie geworden sind. So strebt die Natur, nie ihre göttliche Objectivität oder Allseitigkeit verläugnend, schon im farblosen Krystall mit allmählig schöner Stufenfolge nach der Pflanze; in
der Pflanze erwacht in ihr die Sehnsucht nach dem Thier; in die Meere versenkt hat sie keine Ruhe, bis sie, die Flossen zum Flügel ausgebildet, sich als Vogel in die Luft schwingt; und im Thier
selbst, welche fast rührende Versuche, sich des Höhern bewußt zu werden! Welches mütterliche Heben, Tragen, Aufhelfen des Thiers, von dem unbeholfenen augenlosen Zustand des Wurms, der in seine
Finstemlß, wie in einen Mantel gewickelt, sich krümmend in dem Schooß der Erde verbirgt, bis zum Sonnenschauenden Adler, der in seinem Fluge mit dem Blitze und dem Sturme um die Wette eifert!
Sobald es ihr der Kampf mit dem irdischen schweren Element nur irgend erlaubt, bringt sie sogleich das Höhere, Verständigere hervor; sie läßt nicht ab, bis sie {292}
das Thier endlich in der schönen menschlichen Gestalt aufgerichtet hat, wo es sich seiner und ihrer in himmlischen Ahnungen und Lichtgedanken bewußt geworden ist. Dahin, nur dahin geht all' unser
Streben; Rückkehr zu Gott ist das Trachten jeder Creatur, bewußt oder unbewußt, und selig die, so dem Irdischen entrückt zu Ihm, als dem unverrückbaren Ziel Aller, in Demuth gelangen!
Neuntes Capitel.
Von den beyden Polen in aller Creatur.
Vorläufig wollen wir annehmen, was ohnehin Jeden der Augenschein lehrt, daß der höchste Charakter der Gottheit in ihren Werken, z B. der Sonne und Planeten, zugleich die höchste Ruhe bey der
höchsten Bewegung ausdrückt. Wir bemerken nämlich, bey näherer Beobachtung der Natur, zwey scharf und bestimmt in ihr ausgesprochene Gegensätze: alles Werden in ihr neigt sich zur Bewegung,
Verflüchtigung; alles Bestehen dagegen verliert sich in Ruhe; das Seyn sogar in eine Ruhe, die stufenweise in Product, Creatur, Erstarrung, Frost, Tod und Wiedergeburt ausartet. Der Wachsthum
jeder Organisation zeigt deutlich genug, daß die Natur in einem ewigen Wir- {293}
ken, d. h. in einem ewigen Uebergang, entweder aus dem Flüssigen ins Feste, oder aus dem Festen in das Flüssige begriffen ist, und daß zwischen diesen beyden Polen, dem der Bewegung, und dem der
eingetretenen Ruhe, die in Gott eins sind, die ganze Schöpfung entsteht und vergeht, sich selbst tödtet und selbst wieder lebendig macht. Tritt die Bewegung in die Organisation ein, so ist es
schwer, ihr ein Ziel zu setzen; wo soll sie, als ein Unendliches, aufhören? Gewiß, ginge es nach ihr, so würde zuvorderst das Thier, der Vogel, die Pflanze, der Mensch selbst physisch in
riesenmäßiger Größe und Länge bis an die Sterne fortwachsen. Nun aber hat sie ein Ableitungsmittel für diesen Trieb in’s Unendliche gefunden, wodurch sie ihm genug thut. Sobald der Wachsthum
aufhört, nimmt die Zeugung ihren Anfang, das Unendliche der Bewegung geht in ihr ewig fort, bis an die Sterne, nur in einer andern Linie, in die Breite statt in die Länge, und füllt so die Welt
mit ihren Gleichnissen an. Hört auch endlich die Zeugung (welches freylich nur ein ander Wort für Wachsthum ist) im Thier und in der Pflanze auf; stockt die Circulation des Pflanzen- und
Menschenbluts; nimmt die Verknöcherung, die Versteinerung ihren Anfang: so hat der Uebergang aus dem Flüssigen ins Feste seinen höchsten Punct erreicht; das Alter ist da, der Tod, {294}
der es begleitet, und mit ihm der Eintritt einer neuen Bewegung. Wird also von den Bestimmungen beyder Pole gesprochen, so fällt in die Augen, daß dem einen derselben mehr die Ruhe, dem andern
mehr die Bewegung verwandt ist. Am Nordpol herrscht der Winter der Natur, der ewige Tod, die ewige Erstarrung. Unter dem Aequalor steigt die Natur in ewig frischer Lebensfülle; während das
Gewächs, der Baum, am Nordpol als Zwerg an der Erde einherkriecht, richtet er sich, wie ein Riese, wuchig unter dem Aequator empor. Alles folgt hier dem Rufe des Lichts, und was ihm nicht folgt,
läßt es unwillig verkohlt, als eine glühende Sandwüste, hinter sich liegen. Daß diese beyden Pole demnach mit ihrem ewig wechselnden Gegensatz des Festhaltens und wieder Loslassens, des Bindens
und Entbindens aller Erscheinungen, auch bey allen Hervorbringungen der Natur eine ausgezeichnete Rolle spielen müssen, daß sie folglich, als die erste Bedingung aller Schöpfung überhaupt, als
die Urbewegung, das Urseyn der Natur, auch mit den Geschlechtern nahe verwandt sind, ist von den größten Naturforschern geahnet worden, und diesen glücklichen Ahnungen scheinen seit einiger Zeit
die Beweis immer auffallender nachzufolgen. Wie sollte auch irgend etwas in der Schöpfung ohne Zeugung, wie eine Zeugung ohne Geschlechter seyn? Erst seit kurzem hat {295}
noch Göthe in der Farbenlehre versucht, den traurigen Mechanismus, der sich auch dieser schönen flüchtigen Erscheinung bemächtigt hatte, durch tieferes Eingehen in die Natur des Lichts zu
zerstreuen, und eine Lehre aufzustellen, die auch dieses schöne Capitel der Physik als ein Urphänomen an die Philosophie abgibt. S. 259. ist die Anwendung des Pols und der Geschlechter von diesem
edeln, hohen Geist auf eine eben so sinnreiche, als einleuchtende Art auf Entstehung und Erzeugung der Hauptfarben übertragen werden. Hier die dort aufgeführte kleine Tabelle.
Männliches. Weibliches.
Plus. Minus.
Gelb. (Sonne) Blau. (Erde)
Wirkung. (Ausströmen) Beraubung, (Einsaugen)
Licht. Schatten.
Hell. Dunkel.
Kraft. Schwäche.
Wärme. [Nach Göthe verschmelzen und verfließen zwey Hauptfarben, die sich mit den Rändern berühren, in einander, und bringen organisch zeugend, nicht aber wie Newton wollte, mechanisch (durch
Brechung) ein drittes (Blut) hervor.] Kälte. (Erstarrung)
Nähe. (Aufdrängen) Entfernung. (Fliehen)
Abstoßen. (Haß) Anziehen. (Sehnsucht, Liebe) Verwandtschaft mit Säuren. Verwandtschaft mit Alkalis. {296}
Zehntes Capitel.
Von der Wiederbringung aller Dinge in Gott.
Kein Atom im Mittelpunkt der Erde hat sein Recht zur Verflüchtigung, oder seine ihm ewig eingeborne Lichtnatur, aufgegeben. Was auch hier der Frost des Todes von Steinen oder Metallen gebunden
hat, früher oder später muß er es doch loslassen. In die künftige Lichtmetamorphose des Erdballs, wo, wie man in den alten Geheimnissen der Isis lehrte, kein Körper mehr Schatten werfen wird, ist
auch die jedes einzelnen noch so sehr erstarrten, noch so verdunkelten Products enthalten. Alles kann aufgewickelt, alles in Lichtnebel fortgeführt werden. Schon die Natur des Feuers im Kiesel
deutet auf eine begrabene Sonne. Im Reich der Unendlichkeit, oder vor Gott, ist also weder etwas flüssig noch fest. Eins nur herrscht, die Nochtwendigkeit der Erscheinungen, und diese will
beydes. Der Steinkern so vieler Früchte — in wie kurzer Zeit beendigt ihn der Sommer! Die Erhärtung des Holzes aus flüssigem Saft, die Bildung der Knochen aus dem Tropfen des Embryo, alles führt
auf ein und dasselbe Gesetz der Erscheinungen in der Natur zurück. Nur dem Grab der Kälte nach sind die Gegenstände von einander unterschieden; der Frost des Goldes z. B. weicht noch dem
Schmelztiegel, dem {297}
Frost des Diamanten kann nur der Sonnenspiegel beykommen.
Eilftes Capitel.
Von dem Urcirkel der Ewigkeit.
Wenn demnach, in dem Kreis des Erschaffenen befangen, die Natur zwischen Anfang und Ende, Geburt und Tod, Vater und Sohn immer nur mit einem andern Wort abwechselt; so folgt daraus, daß in diesem
großen Rosencirkel, wie schon Kant gesagt, Raum und Zeit bloße Formen unsers Denkens, Behelfe der engen, menschlichen Fassungskraft sind, gleichsam Rahmen, worin die kolossalen Urbilder
verkleinert eingefaßt und abgesplegelt werden. Diese Wahrheit können wir uns rühmen, sogar handschriftlich von der Natur zu besitzen.
Kinder, oder Väter?
Worin besteht der ganze Unterschied,
Als etwas früher, oder später,
Das erste, oder millionste Glied?
In diesem Abgrund schwinden Zeit und Zahlen,
Der Embryo im Anbeginn der Zeit,
Und der am Ablauf einer Ewigkeit,
Was sind sie, wenn sich beyd' in s Daseyn stahlen, {298}
Wohl der Natur auf ihrem großen Gang?
Zwey Mücken: eine sonnt sich in den Morgenstrahlen,
Und eine spielt im Sonnenuntergang.
Es gehört recht eigentlich zur Natur eines Cirkels, daß Anfang oder Ende in ihm so schwer oder eigentlich gar nicht zu finden sind. Daher die Cirkelbewegung des Universums, die allen
Erscheinungen desselben so tief eingeprägt ist und gleichsam die Ewigkeit davon ausdrückt. Denn ist sie nicht allen Himmelskörpern gemeinschaftlich? wird sie nicht von den Sonnen, den Erden, den
Pflanzen, den Fischen, den Vögeln, den Thieren wiederholt? Von jenen, nämlich den Sternen, sichtbarlich; von diesen aber, den Pflanzen und Thieren, durch die eingebornen Urbilder und Ideen,
unsichtbarlich für das leibliche Auge, aber dennoch faßlich für die geistige Betrachtung, durch das, was wir als das ursprünglich Hervorbringende in den vorhergehenden Abschnitten näher
bezeichnet haben. Es gibt also in der Natur völlig in sich geschlossene Sphären, Kreise, Cirkel, innerhalb welcher, nach ewig nothwendigen Naturgesetzen, Rosen, Vögel, Thiere, oder Menschen,
gleichsam eingefangen werden, wachsen, und zur Entwickelung kommen. Wollte man sich das Urwesen, was im Hintergrunde dieser ewigen Naturcirkel wirkt, durch ein sinnliches Bild zur Anschauung
bringen, so denke man sich die Erde selbst als Urgeist, {299}
als eine Art tiefbegrabnes Sonnencentrum, und um sie herum unzählige, gleichsam von ihr abschneidende Rosenkreise, Pflanzenkreise, Metallkreise, Vögelkreise, Thier- und Menschenkreise, die völlig
nach demselben Gesetz und derselben Anordnung, unsichrbarlich, wie Sonne, Mond und Sterne sichtbarlich, ihren Umlauf halten, und ihre ewigen Circkel schlagen. Ganz zu oberst stehet der
Feuerhimmel, der, bis in die Sonne reichend, die feurigen Elohims und unvergänglichen Urbilder enthüllt, nach deren Muster sich alle zeitlichen und vergänglichen Erscheinungen hienieden
ausprägen. Große Naturforscher haben bemerkt, daß überall, wo ein Zeugendes ins Universum tritt, mit der Annäherung zugleich auch die Form des Urcirkels da ist; so daß man fest behaupten kann,
daß keine einzige Idee in Gott ist, von der nicht auch zugleich von außen ein sichtbares Abbild im Universum vorhanden wäre: und umgekehrt, daß kein äußerer Abdruck in der Natur sich unsern Augen
darstellt, dem nicht ebenfalls eine tiefere, göttlichere Idee zum Grunde liegen sollte, gleichwie dies bey der himmlischen Kreisbewegung, wie wir so eben gesehen haben, der Fall ist. Die
eigentlichen Urbilder aller Dinge aber stehen vor dem Thron, in dem Haus, in der Stadt Gottes. Kein Auge hat sie gesehen, kein Ohr sie gehört; sie sind das Unersichtliche, das Unhörbare, das
Unaus- {300}
sprechliche selbst; ihre Betrachtung ist der wahrhaftige Gottesdienst. Die Kunst ist nur eine stille Vorbereitung dazu, eine würdige Annäherung zum AllerheIligsten, in Ersehung und Festhaltung
höherer Gestalten und Töne, als sie auf dieser Erde zu finden sind! Die Künstler aller Nationen und Völker sind auf einem großen frommen Pilgerzug in das Reich der Ideale begriffen; sie stehen
vor der Thüre eines mächtigen Gotteshauses, wo der Gottesdienst so eben angehen soll. Die Orgel klingt, die Natur predigt, und die Granitsäulen sind zum Tempel geworden; aber die Darstellung der
höchsten sinnlichen Schönheit ist doch nur wieder eine zeitliche Lüge, und wer bey der Kunst stehen bliebe, ohne durch sie, wie durch eine würdige Vorhalle, mit gesammeltem Gemüth zur Anschauung
des Allerhöchsten hindurch zu gehen, setzte sich der Gefahr aus, mit dem Schönen der Kunst selbst zuletzt nur eine blinde Abgötterey zu treiben.
Zwölftes Capitel.
Wiederholung und Schluß des bisher Gesagten.
So sehen wir denn auf diesem vorgezeichneten Weg der Natur, wie dieselbe von da, wo sie ihren großen Pilger- und Stufengang antritt, bis da, wo {301}
sie ihn beendigt, gleichsam in einer ewigen Entwicklung begriffen ist. Durch alle vier Naturreiche herrscht ein und dasselbe Gesetz, nämlich das eines ewigen Fortschrittes, wie das einer
unermüdlichen Stetigkeit. Im todten Stein sucht es die grünende Pflanze, in der stehenden Pflanze das wandelnde Thier, im kunstfähigen Thier den aufgerichteten vernunftbegabten Menschen. So hat
es denn keine Ruhe, keine Rast, und läßt nicht ab in seinen vorbereitenden Bildungen, bis es das Höhere und Höchste erreicht; bis aus dem Krystall eine Blume mit Farb' und Geruch, aus der Palme
eine Hand, aus der Flosse ein Flügel, aus dem Fisch ein Vogel, aus dem Biber ein Vitruv wird.
Indeß sich die kleinen Rosencirkel, Vogelcirkel, Fischcirkel, Thiercirkel um die große Weltlinie herum, schlagen, geht diese als Weltseele unaufhaltsam, Alles belebend und ernährend, von niedern
Versuchen zu höheren, Licht und Schatten zu Blumen und Krystallen, von da zu Sonnen, Monden und Sternen über. In den Augenblicken der Zeugung indeß scheint jedes Thier, jede Pflanzt aus seinem
eingezauberten Zirkel, der ihm als Individuum zukommt, gleichsam unwillkürlich herausgerückt, und befindet sich, so zu sagen, wieder mitten in der Kraft des schaffenden Weltgeistes, von dem
Alles, was da ist, ein Ausfluß ist. In diesen Zuständen leuchtet die Natur herauf und herunter, {302}
mit Blitzen, die bald abwärts in Thler- und Vogelcirkel, bald wieder aufwärts in Licht- und Sonnencirkel einschlagen, von welcher Behauptung einerseits die Entstehung von Mißgeburten,
andererseits die Entstehung des Genies im Menschen, als höchstes Naturbewußtseyn, die einleuchtendste Gewähr gibt. Schon im körperlichen Bau des Menschen kommt die ganze Reihe durchgewanderter
Organisationen wieder zum Vorschein. So enthalten die Knochen z. B. Andeutungen auf Stein- und Kalklager, die Haare auf die Pflanzen, die Nägel auf Korn; es ist immer derselbe Typus, nur daß die
Natur ihn so oder anders umsetzt; so wie sie ja auch, mit kleinen Bedingungen, im thierischen Körper Milch in Blut, Blut in Saamen, Saamen in Fett, Fett in Feuer verwandelt. Und welch ein bis
jetzt noch lange nicht nach seinem ganzen Zusammenhang erforschtes Geheimniß bietet allein der thierische Magnetismus dar! Es ist also ein Anfang in der Natur, ein Aufgang, ein Suchen des
Höheren, ein Angelangen auf einem Gipfel. Wer mag es läugnen, der die durchlaufene Stufenfolge der Natur auch nur mit einem flüchtigen Blick zu durchlaufen im Stande ist? Kommt man aber erst
einmal dahin, mit geistreichem Umblick ein solches Bildungsgesetz in ihren Erscheinungen zu ahnen, so wird man sich auch bald genug genöthigt fühlen, zu dem Daseyn von ewigen {303}
Urbildern aller irdischen Dinge in Gott seine Zuflucht zu nehmen, und zugleich der Ueberzeugung Raum zu geben, daß es bloß ihr Kampf mit den irdischen Elementen ist, der die an sich vollkommenen
göttlichen Gedanken so unvollkommen in Zeit und Raum erscheinen läßt. Mit diesem ausgesprochenen Wort stehen wir sogleich an der Schwelle des ältesten Natur- und Völkerglaubens, so wie an dem
ehrwürdigen Grundquell aller Offenbarungen. Es ist hier die Rede von jener ungeheuern kolossalen Naturbibel, welche der Geist Gottes mit Sternen, Pflanzen, Vögeln, Thieren, als eben so viel
Hieroglyphen, geschrieben hat, und zu welcher die Brust des Menschen, als die letzte große Naturhieroglyphe, erst die Erklärung bringt. Nicht bloß mit parteiischer Gunst an ein auserwähltes Volk
der Erde, an eine Nation ist des Herrn Wort ergangen; unabhängig von aller Verfälschung durch Menschenhände und Menschenbuchstaben hat der Herr zu allen gesprochen, wenn sie ihn nur hören
wollten. Der feurige Busch auf Horeb, wo Moses mit ausgezogenen Schuhen den Herrn sah, brennt noch heut zu Tage, wie damals; wir müssen nur auch in der That, anstatt uns, wie so viele, mit
Commentaren über die alten Schuhe, die Moses draußen stehen ließ, aufzu- {304}
halten, das Herz haben, hineinzutreten, um den Herrn von Angesicht zu Angesicht zu sehen.
Ein Blick auf einige der ältesten Religionsbücher der Welt wird diese Behauptung in das hellste und unbezweifeltste Licht setzen. Ueberall liegt eine vorhergegangene, tiefe Naturanschauung mit
mehr oder weniger Abweichungen in das Reich der Fabel zum Grunde, bey den Indiern, wie bey den Aegyptiern, bey den Verehrern des Fo, wie bey den Anbetern des Brama; nur daß diese Anschauung der
Natur der Dinge, einem jugendlichen Zeitalter gemäß, von den damaligen Menschen bey weitem mehr geahnet, als gewußt wird. —
Die beyden großen Gegensätze von Tag und Nacht, von Licht und Finsternlß, wurden frühe von den Menschen aufgefaßt; sie stellten sich dem Auge jedes aufmerksamen Beobachters von selbst dar und
sind daher auch vielfältig zu Erklärungen, wo von Gott und Weltentstehung die Rede war, benutzt und angewendet worden.
Felsen, Pflanzen, Blumen, Vögel, Metalle, Menschen, Thiere sind, wie Göthe sich hierüber höchst geistreich ausdrückt, nichts anders, als Leben, Thaten und Leiden des Lichts.
Dem Denker ahnet sogleich von einem Spiel der {305}
Idee hinter diesen Verkleidungen. Wo die Gläser sein Auge verlassen, entdeckt er aufs Neue in dem Abgrund seines Geistes Gesetze, die aller weitern Nachforschung Stillstand gebiethen. So eilt er,
nach Auffindung der Urphänomene, auf begeisterten Schwingen zu Gott empor, und schiffet nun, da Religion und Glaube ihm als Polarstern in seinem Innern gefunden sind, nur um so sicherer zum Port.
Denn der Tod des Mechanismus und eine seelenlose Betrachtung der Natur können ihm, dem begeisterten Seher, nichts anhaben. Von dieser Seite, als Darlegung des ältesten Glaubensbekenntnisses,
erscheinen jene alten indischen Religionsbücher weit merkwürdiger, als so manche mit Physik und Mathematik ausgeschmückten Gedankenversuche neuerer Zeiten, besonders französischer Philosophen,
die mit ihrem System entweder in zwar gutgemeinter, aber dennoch trauriger Einseitigkeit des Deismus untergingen, Gott von seinen Werken absonderten, und ihn so zu einem leeren Gespenst ihrer
Einbildungskraft herabwürdigten, oder, wie denn dieses den Verehrern des Naturalismus nicht selten begegnet, die Werke, so hoch stellten, daß sie sich, voll Stolz und Einbildung auf ihre Dreyecke
und Triangel, vermaßen, Gott gleich zu seyn, bloß weil es ihnen durch Fleiß und Anstrengung gelun- {306}
gen war, den Zusammenhang einiger Atome in seiner Schöpfung aufzudecken.
Denn nur aus der innigsten Durchdringung beyder Systeme, sowohl des Deismus, wie des Naturalismus, der Bibel, wie der Wissenschaft, die ja beyde Geschenke aus den Händen eines und desselben
ewigen Urhebers sind, kann dermalen eine Betrachtung der Religionswahrheiten hervorgehn, die uns zugleich vor Aberglauben und vor Unglauben schützt, und folglich dem Stand unsers Zeitalters
angemessen ist.
Nachschrift des Herausgebers.
Man vergleiche: die heiligen Sagen der Vorzeit, in Johannes Falks Liebe, Leben und Leiben in Gott, als welche sich zunächst an diese heiligen, hier nur beyläufig erwähnten Urkunden in lebendigen
Darstellungen anschließen, und nicht nur die Systeme der Inder, sondern auch die der Perser, Aegypter, Griechen, bis zum Christenthume durchführen. {307}
Die Wiederbringung aller Dinge in Gott.
Junius 1816.
(Während das Abendmahl in der Kirche zu Ilmenau gehalten wurde, sind dem Verfasser folgende Strophen eingefallen.).
Die Kerz' entbrennt!
Den Herrn erkennt,
Der Abendmahl
Im Weltensaal
Jetzt scheint mit uns zu halten!
Wo angezünd't
Die Lichter sind
Von allerley Gestalten.
Am Felsen Blitz,
Und Nebelrauch
Am Wolkensitz,
Von Baum und Strauch,
Von Vögeln auch,
Von Blumen und Asphalten! {308}
Steig auf du Meer!
Empor, empor,
Du Wolkenheer,
Zum Engelchor! —
Nun redet fort,
Wem Sprach' und Wort
Bisher gefehlt!
Erzählt! Erzählt!
Ihr Bäume, rauscht!
Ihr Himmel, lauscht!
Ihr Sterne, flieht:
Ihr Engel, kniet!
Der Erd' Altar,
So schwarz er war,
Schwimmt ganz und gar
Nun licht und klar
In Himmelsglut,
Weil Gott nicht ruht,
Bis Christi Blut
So Land als Meere,
Und Fels und Aehre,
Und was entfloß
Dem Erdenschooß,
Sich selbst bewußt,
An seiner Brust,
Zu einer Zähre
Von sich erkläre; {309}
So daß nun heiß,
Im höhern Kreis,
Was war versteint,
Mit ihm vereint,
Aus dunkler Nacht
Vom Schlaf erwacht.
Ihm Thränen weint.
O Creatur
Auf Berg und Flur,
Du seufzest noch!
Zerbrich ihr Joch!
Erbarmender!
Entschlafnes Meer,
Vernimm und hör'!
Weil Sonn' und Mond,
Am Horizont,
Gewandt den Lauf,
Steh auf! Steh auf!
O schöner Tag,
Wo alle Klag'
Auf Erden schweigt,
Wo Christ sich zeigt!
Und wo im All
Posaunenschall
Dem Engelfall,
Dem Gott zuletzt
Ein Ziel gesetzt, {310}
Sein Ende macht;
Wo Tag und Nacht,
Wo Meer und Luft,
Wo Berg und Gruft,
Wo alles ruft:
Zurück! Zurück!
Das Erdgeschick,
Das dunkle Streben,
Am Gnadenthron
Dem ew'gen Sohn,
Aus dessen Mund
Das All' entstund,
Zurückgegeben! {311}
Höllenstrafen
May 1816
Also ist das Weltgetriebe:
Den Planeten, so die Liebe
Losgelassen,
Die sich feindlich uneins hassen,
Ist bestimmt ein ewig Fallen,
Allen, Allen!
Nicht, was fällt,
Was einander liebend hält,
Nur ist Welt!
Also können Sonn' und Erde,
Seit des Schöpfers ew'gem Werte!
Wie in Freuden,
So in Leiden,
Niemals scheiden.
Jauchzt, ihr Sonnen!
Blüht, ihr Erden!
Neue Sonnen, neue Welten
Müssen aus dem Götterkreise
Eurer brünstigen Umarmung
Eurer Sehnsucht ewig werden. {312}
Doch was lieblos einsam wandelt,
Trauriges Planeten-Ich,
Das für sich
Ewiglich
Und für Andres niemals handelt,
Du mußt wol mit Rechte fallen
Durch den Raum der Ewigkeiten,
Durch die ungemeßnen Zeiten!
Und es hören die Bewohner
Von den seligen Planeten,
Jene, wie sie schmählich fallen,
Jene, wie sie klagend rufen,
In den hellgesternten Straßen:
„Brüder, Schwestern,
Wollt uns endlich liebend fassen!
Tausend, abertausend Jahre
Sind entflohen, seit wir fallen!
Aber unerbittlich ewig,
Zwischen Haß und ew'ger Liebe,
Seht die festgesetzte Schranke,
Bleibt die off’ne Kluft befestigt.
Nicht was fällt,
Was einander liebend hält,
Nur ist Welt." {313}
Auf den Anhöhen von Berka und Kranichfeld.
Mitternachtsgruß 1817.
Wiederum in sel'gen Träumen
Mit den Vögeln, mit den Bäumen
Einen stillen Tag verlebt!
Herz, das heil'ger Schau'r durchbebt,
Warum bist du so bewegt?
Ist's die Welt, die in dir schlägt?
Unten an den Schilfgestaden
Tausend Seelen eingezaubert!
Aus den mondbeglänzten Teichen,
Wie aus tausendjähr'gen Reichen,
Welch ein Rufen, Weinen, Klagen!
Still, ihr alten Zauberlarven,
Die in jenen Rohren flüstern!
Still, ihr traurenden Cikaden,
Die auf jenen Halmen schwirren!
Vorweltsstimmen, {314}
Kindesklagen,
Mährchenhafte alte Sagen,
Aus vergangnen Schöpfungstagen,
Angeklungen, zugesungen,
Von bestand'nen, ewig jungen
Wechselnden Verwandelungen!
Habt ihr mir kein Wort zu sagen?
Hör' ich recht? Von grauen Felsen
Wollen hundertjähr'ge Fichten,
Mit den schnee'gen Mondgesichten,
Mit des Berges wilden Wassern,
Unergründlich aus den Spalten,
Immerwährend,
Wiederkehrend
Von Jahrhundert zu Jahrhundert,
In dem Zwielicht
Einsam Waldgespräche halten.
Welch ein schauerliches Dunkel!
Wo entfliehst du in den Bergen,
Mond, mit deinem sanften Strahle!
Rausch' im bangen Todesthale,
Rausch' mit deinen künft'gen Särgen,
Siebenfält'ge Nacht der Fichten!
Weil mit himmlischen Gesichten
Welt in mir ist aufgegangen,
Schrecket mich kein Erdenbangen.
Herz, mein Herz, aus Gott erstanden, {315}
Bist du frei genug von Banden?
Bist du wach genug, zu ahnden,
Daß dieß Alles — höre! höre,
Funk' aus ew'gem Flammenmeere! –
Dieß Gesicht von Engelschmerzen,
Dieß Gedicht von Liebeskerzen,
Blumen, Wald, und Vögelseelen,
Quellen, Fichten und Cikaden,
Alles ewig ausgeflossen,
Nur in einem einzig großen
Ewig sel'gen Wir vorhanden,
Worin Ich und Du verschwanden? {316}
Die Wallfahrtskerze.
1817
Errichtet auf dem Wallfahrtsberge
Der alten Wittekindschen Särge,
Stehst du, bescheidne Wallfahrtskerze,
Ein ausgeweintes Menschenherze,
Und zitterst in dem regen Wind,
Von Geisterhänden angezünd't!
Da, wo von Jena, Leipzig, Lützen
Die schönen Ebnen sich verbreiten,
Da mahnt dich ein entferntes Läuten
An traurige Vergangenheiten;
Von Pilgerschaaren, Alt und Jung,
Umwallt dich ein verwais't Gedränge.
Was will die gottgeliebte Menge?
Mein zitternd Flämmchen, stehe, stehe,
Daß dich der Sturmwind nicht verwehe,
Bevor du in der Dämmerung {317}
Dem armen Volke, das verzagt,
Dem armen Kind, das dich befragt,
Die heil'ge Vesper angesagt! —
Was seh‘ ich? Ihr zunächst die Meinen,
Ihr bergt mit Mühe kaum das Weinen?
Glaubt ihr, ich suchte Menschenehre?
Da würde plötzlich auf dem Meere
Mich wohl des Sturmwinds Arm erfassen.
So aber muß er von mir lassen!
Erblickt ihr Ihn, den Gottgesandten,
Den ewig hehren Unbekannten,
Der neben mir auf Fluthen wandelt? —
Er hat den Petrus aufgenommen;
So ließ er mich auch zu sich kommen.
Wer fromm in seinem Geiste handelt,
Und ging sein Weg durch Sturm und Fluthen,
Wie könnt' Er jemals von ihm weichen? —
Lieb Weib', lieb Kind, ich hab' ein Zeichen
Auf diesem dunkeln Sorgenberge,
Worauf ich muthig mich begeben,
Seh' ich es leuchten, glänzen, schweben;
Und, müßt' ich morgen schon erbleichen,
So sagt mir eine tiefe Ahndung:
In den gestirnten ew'gen Reichen,
Wo weder Morgen ist noch Heut,
Ist schon ein Haus für uns bereit,
Und ob ich gleich, ein Kind der Zeit, {318}
Mein Bild in Nebeln kaum erkenne,
So weiß ich dieß doch ganz gewiß,
Daß ich in Erdenfinsterniß
Dahier zu Gottes Lob verbrenne.
Und somit Muth gefaßt für heute!
Kommt nur, ihr frommen Pilgersleute!
Ich leuchte fröhlich Tag und Nacht,
Bis Gott einst spricht: „Es ist vollbracht!" {319}
Empfindungen auf einem Ritt nach Leipzig.
Charfreitag 1818
Ich ritt von der Ilm,
Im Thale
Der Saale,
Zu Charfreitag, wie sie's nennen.
Im Abendroth
War’s todt;
Aus den Bächen
Wollt' es nicht sprechen!
Um mich, unter, neben mir,
Alles wie in Sabbathstille
Eingedämmert!
Um den Leichnam unsers Herrn,
Den sie dort in jenen Mauern,
Bey Musik und Tanzgelagen,
So gedankenlos vergessen, {320}
Schien, in abendlichen Schauern,
Die Natur auf Berg und Ebnen,
Rührend unbewußt zu trauern.
Also kam ich zu dem Werk von Kösen,
Das ein blauer Nebel rings bedeckte.
Und nun hört, was plötzlich mich erweckte!
Eines Lichtleins goldner Traum,
In der Mühle,
Und am Wehr der weiße Schaum,
Und die Nachtigall im Baum,
Weckt' ein wunderlich Gefühle.
Dieses Kosen,
Jenes Tosen;
Diese tiefe Vesperstille,
Jenes donnernde Gebrülle;
Und dazwischen,
Aus den Büschen,
Liebend, flötend, klagend, rufend,
Eine frühe Nachtigall,
Die beseufzt den Engelfall,
In so rührenden Accenten,
Daß die Wasser,
Wenn sie könnten,
Lieberröthend,
All' in ihrem Lauf entbrennten.
Philomele,
Kind der grünen Hlmmelssäle, {321}
Hast du Ostern uns gesungen?
Ist nun deine stille Woche
Auch zu End'? und der Naturen
Siegel, das die Welt beenget,
Hast du himmlisch es zersprenget?
Holde Sängerin des Frühlings!
Herrlich ist es dir gelungen;
Hast das Abendroth am Himmel,
Hast den Schnee auf jenem Gipfel,
Hast auch meinen Gram bezwungen. {322}
Der Herr ist wahrhaftig auferstanden
oder
das Evangelium und der Staat.
Am ersten Osterfeiertag1818.
Schriftgelehrter.
Steht auf und verbündet euch!
Volk.
Wozu?
Schriftgelehrter.
Das sollt ihr bald erfahren! Blicket auf das so glückselige Frankreich!
Volk.
Sollen wir unsere Brüder ermorden? Sollen wir unsere Väter umbringen? Sollen wir unsre Söhne —
Evangelium.
Genug!
Schriftgelehrter.
Nein, nicht genug! Man muß dem Volk und den Großen zeigen, daß es zuletzt in Deutschland noch wohl dahin kommen könnte. {323}
Evangelium.
Das wär' ein unheiliger Bund!
Schriftgelehrter.
Und worin bestünde dein heiliger? Rede doch, du Arme Weisheit der Krippen, du von uns nur beyläufig geduldetes Evangelium!
Evangelium.
Predigt Buße den Fürsten, predigt Buße dem Adel, predigt, Buße dem Volk, vor allen Dingen aber predigt Buße euch selbst! Denn ihr seyd das Salz der Erde; so aber das Salz dumm (d. h. ohne Gott)
ist, womit soll man salzen!
Schriftgelehrter.
Montesquieu in seinem trefflichen Werk „Esprit des loix," Rousseau in seinem unvergleichlichen „Contrat social" sagt —
Evangelium.
Das Evangelium sagt: „So ihr meine Lehre thut (nicht schwatzt), sollet ihr inne werden, ob ich von Gott sey."—
Schriftgelehrter.
Wir glauben, Gottes auf das vollkommenste inne zu seyn!
Evangelium.
So beweiset es uns nicht durch Hohn dessen, was {324}
so viele Jahrhunderte hindurch als heilig und ehrwürdig galt, sondern durch eingeborne Mild' und Nächstenliebe; denn so Gott die Liebe und die Hauptsumme aller von ihm gegebenen Gebote diese ist:
„Gleichwie ich das Leben gelassen habe für die Brüder, also sollet ihr auch das Leben für die Brüder lassen" —
Schriftgelehrter.
O ja — so fern sie es werth sind!
Evangelium.
Sie sind es werth; denn sie haben es für dich gelassen. Und abermal sagt die Schrift: „Daran wird man erkennen, daß ihr meine Jünger seyd, daß ihr euch unter einander liebet" —
Schriftgelehrter.
Davon steht kein Wort in der meinigen, nämlich im Contrat social! Im Gegentheil verspottet derselbe aufs bitterste diejenigen, welche segnen den, der ihnen flucht, welche wohlthun ihrem
Beleidiger, welche beten für den, der ihnen feind ist. — In der That, hat es je eine schmachvollere Vorschrift gegeben, aIs eben diese, so in dem Wort deines gepriesenen Evangeliums enthalten
ist? „So dir Jemand auf deinen linken Backen einen Streich gibt, so halt' ihm den rechten auch dar!"
Evangelium.
O du armer Schriftgelehrter — denn Pharisäer {325}
will ich nicht hinzusetzen; dazu meinst du es zu redlich! — daß du sie nicht mehr zu erkennen im Stande bist, diese arme Weisheit der Krippe! Wie oft hast du deine Mutter auf ihren linken Backen
geschlagen, und sie hat dir mit himmlischer Geduld — denn die Liebe ist aller Dinge Ueberwindung und Ursprung — den rechten hin gehalten.
Schriftgelehrter.
Ich meiner Mutter?
Evangelium.
Ja, du, du selbst deiner Mutter: Gelt, daß du auch über diesen Punct vor lauter Bücherstaub und Hochmuth blind an deinem Seelengedächtniß bist! O du lieber, guter, eifriger Schriftgelehrter —
denn so du es nicht lieb und gut und eifrig aus dem Herzen meintest mit der Menschheit, wollt' ich mich wohl hüten, daß ich hier am öffentlichen Markte Worte mir dir wechselte — siehe, du
verstehst sie nicht mehr, die Brust deiner Mutter, die dich gesäugt, den Schooß deiner Mutter, der dich getragen hat; und du willst Völker aus deinem Schooß wiedergebären? du willst den Staat an
deine Brust legen, wie ein neugebornes Kind, und ihn säugen mit der Milch deiner Weisheit? Nein! Nein! Höret, ihr Weisen dieser Welt! Merket auf meine Rede, ihr Fürsten und Völker, und vernehmt
die Worte meines Mundes! So spricht der {326}
Herr: „Gleichwie ich das Leben gelassen habe für die Brüder, so sollt auch ihr das Leben für die Brüder lassen."
Schriftgelehrter.
Und die Fürsten —
Evangelium.
Sind deine Brüder.
Schriftgelehrter.
Und die vom Adel —
Evangelium.
Sind deine Brüder —
Schriftgelehrter.
Und die aus dem Volk —
Evangelium.
Die Lahmen, die Aussätzigen, die Hungrigen, die Nackenden, die Gefangenen zu Bethesda und Bethania sind meine, sind deine Brüder. O du armer, lieber, christvergessener Schriftgelehrter, daß man
dieses alles erst wieder in dir auffrischen muß! Wie heißest du?
Schriftgelehrter.
Johannes.
Evangelium.
Johannes? Bist du nicht der Jünger einer, den Jesus lieb hatte, und der einst in seinem Schooß lag? {327}
Schriftgelehrter.
Mit der Mystik will ich ein für allemal nichts zu schaffen haben.
Evangelium.
So unternimm es nur auch zugleich, wie ein blinzelnder Maulwurf, der sich, anstatt in die Erde, in die Bücher eingegraben, dich von der Mystik des ewig großen Lebensgeheimnisses, dich von deiner
Mutter, deinem Vater, deiner Hand, deinem Fuß, deinem Ohr, deinem Auge, oder was Eins ist, von dem Leben loszusagen! —
Schriftgelehrter.
Sollt' in allen diesen Dingen Mystik seyn? — Das laß ich nicht folgern —
Evangelium.
So gewiß, wie sie in jedem Puls deines Herzens klopfet. Also Johannes? Und weißt du? Dein Haus und deines Vaters Stamm ist mir nicht unbekannt! Oder habe ich dich denn nicht mit meinem Blute
erkauft? War ich es nicht, das ewige Wort des Lebens, das zu deiner Mutter sagte, als sie jung und schön und liebreizend war: „Gib mir dein Blut, meine Tochter; ich will eine Blume damit
begießen, die ich in meinem Garten gepflanzt: sie soll Johannes heißen!"
Schriftgelehrter.
Und sie gab es so willig und gern! Und da sie mit {328}
der ausgezogenen rechten Brust mich nicht mehr zu stillen vermochte, ließ sie sich dieselbe ablösen, und stillte mich mit der linken.
Evangelium.
Ja, so ist es. Sie verwelkte für dich, und du lalltest und faßtest ihre eine Brust gierig mit beyden Händen. Und sie lächelte. Und du erquicktest deinen Durst, und trankst Leben aus ihrem Tod,
Milch aus ihrem Blut — und wußtest es nicht —
Schriftgelehrter.
Aber nun weiß ich es, und werde dem entschlafenen Engel zärtlich glühender Mutterliebe ewig nachweinen.
Evangelium.
Weinen? Warum Thränen? Ich bin dieser Engel. Und erkennst du in mir deine Mutter, so sag' ich dir: gib mir dein Blut, mein Sohn, damit ich die Blumen meines Paradieses damit begießen kann. — Denn
so ihr meine Lehre thut (nicht weinet, oder seufzet), sollt ihr inne werden, ob ich von Gott sey!
Schriftgelehrter.
Wie? wo? wann? Gib mir Gelegenheit! Stelle mich auf eine Feuerprobe!
Evangelium.
Feuerprobe? Bedenke wohl, was du sagest! {329}
Schriftgelehrter.
Hab' ich und meine Brüder, mein Vater und meine Mutter sie nicht von Jugend auf bestanden?
Evangelium.
Wohl erinnere ich mich Eines und des Andern! Ja — es waren der Söhne sieben im Hause deines Vaters. Und sie machten ihm viel und große Sorge und Bekümmernissen, denn er war sehr arm; und liebte
sie insgesammt und so wie ein Pelican seine Jungen liebt; denn er stillte sie mit seinem eignen Herzblut. Und er vertrocknete, wie eine Staude auf der Mauer eines Kirchhofs in der Hitze des
Mittags vertrocknet, und sie haben ihn über den Zaun geworfen, und ihr waret noch jung und wußtet es nicht, was ihm Gott für ein schweres Opfer abforderte, und daß er in euerm Daseyn verging —
Oder ist dem nicht so? — Armer Schriftgelehrter! Deine Augen sind roth; deine Stimme erstickt vor Weinen, und du kannst mir vor Jammer nicht antworten!
Schriftgelehrter.
Um die nämliche Zeit zogen auch meine vier Brüder in den Krieg. Auch mich hatte das Loos getroffen; aber mein jüngster Bruder, kaum 17 Jahr alt, stellte sich für mich in die Reihen des Todes,
weil ich selbst krank und von zärtlicher Leibesbeschaffenheit war. — O mein edler Emanuel! {330}
Evangelium.
Ja, das ist der Name dessen, der sich für dich, der sich für uns Alle geopfert hat!
Schriftgelehrter.
Ich habe ihn nie mit Augen wiedergesehn. Er soll an unsern Gränzen, in der großen Völkerschlacht geblieben seyn —
Evangelium.
Weine nicht! du wirst ihn wiedersehen, deinen Emanuel. Ihn und deine früh erblaßte Mutter und deinen vor Gram und Nahrungssorgen vor der Zeit dahin gegangenen Vater. Und das ist die ernste Frage,
worauf du, worauf ihr euch Alle an jenem Tage bereit machen müßt, du König, du Fürst und du Volk! Nicht: wo habt ihr eure Perlen?— oder eure Kronen? oder eure Häuser und Paläste? oder eure Gärten
und Landhäuser? sondern: wo habt ihr mein Kreuz? wo habt ihr meinen Purpurmantel? wo habt ihr meine Dornenkrone? Denn weil ihr meinen Namen führt und Christen heißt, so verlangt mich auch
darnach, euch mit diesen Juwelen geschmückt zu sehn. — Was glaubst du, was sodann deine Mutter antworten wird?
Schriftgelehrter.
Mein Blut rollt in den Adern meiner Kinder; ich hab' es in Milch für sie verwandelt. {331}
Evangelium.
Und dein Vater?
Schrlftgelehrter.
Hier bin ich, Herr, und die, so du mir gegeben hast; ich habe sie in deiner Furcht groß gezogen: aber, wie du an der so tief und so blutig in meine Schläft elngedrückten Dornenkrone selbst gewahr
wirst, der Stamm verdorrte, indem die Frucht reifte —
Evangelium.
Und dein Bruder Emanuel?
Schriftgelehrter.
Herr, gleichwie du das Leben gelassen hast für die Brüder, so habe ich auch das Leben gelassen für meine Brüder.
Evangelium.
Nicht bloß für dich, sondern für alle Jungfrauen, alle Verlobte und alle Bräute, die nun rein waschen den Schmuck ihrer Unschuld, und ihn unbefleckt erhalten vor den Händen wilder und
rohgesinnter Krieger, weil die Erde mit dem Blute deines — und nun auch ihres Bruders gefärbt ist — für alle Mütter, die nun auch ihn als Sohn des Vaterlandes begrüßen, weil er die Ihren der
Schmach entriß, weil er die grauen Haare errettete aus siebenjähriger Dienstbarkeit der Fremden, weil er, wie ein Cherub, mit dem hauenden Schwert sich vor den Schooß der Gebährerin {332}
stellte, daß die Schwester den Säugling nun in Ruhe stillen und liebkosen kann. Ja, der Säugling schläft, und seine Vertheidiger auch! O dreimal heilige Liebe, die den Menschen zu solchen
göttlichen Opfern befähigt und geschickt macht! Aber du, mein Sohn, was willst du dem Herrn antworten, wenn er dich nach deinem Kreuze und nach deiner Dornenkrone fragt?
Schriftgelehrter.
Ich werde tief beschämt dastehen und meine Worte zu den Füßen seines Thrones suchen.
Evangelium.
Deine Demuth gefällt mir. — Wohlan denn! So will ich dir eine Antwort in den Mund legen. O Herr, sollst du sagen, ich habe nicht geachtet der Welt und ihrer schnöden Lust, sondern war so in der
Betrachtung deiner himmlischen Werke vertieft, die du durch dein Wort, durch den Odem deines Mundes erschaffen hast, daß ich manche Nacht an dem eingedämmerten Lämpchen meines Studierpults
heranwachte, und, wie die Lilien des Feldes, für das Uebrige unbesorgt blieb; so daß ich nimmer erfragte: was werden wir essen? was werden wir trinken? oder womit werden wir uns kleiden? —
Schriftgelehrter.
Alles das hab' ich gern und freudig gethan — {333}
Evangelium.
Und eben darum ist dieses deine Gerechtigkeit, die vor Gott gilt —
Schriftgelehrter.
Aber horch! was für ein Geschrey erfüllet die Hallen, worin ich wohne!
Leute
(die herein stürzen).
Es ist Feuer!
Schriftgelehrter
(stürzt in die Flammen).
Rettet! Rettet! meine armen Kinder!
(Kommt zurück aus den Flammen und ist halb verbrannt)
Ich bin sehr beschädigt. Heiliger Gott! Warum konnt' ich nur die drey Kleinsten in meine Arme fassen? Den Säugling trägt die Mutter. Noch sind ihrer zwey schlafend im Feuer zurückgeblieben. Ich
muß wieder in das Haus.
Die Mutter
(mit dem Säugling).
Zu spät! zu spät! das oberste Stockwerk ist eingestürzt! Meine — deine Kinder — weine, verzweifle, unglückseliger Vater! — liegen unter Schutt und Trümmern begraben — {334}
Eln armer Hlrt
(in Knechtsgestalt, der die zwey Kinder, die er in seine Kleidungsstücke gewickelt aus den Flammen getragen bringt, während er selbst an seinem nackenden Leibe über und über verbrannt ist,
dem Vater zu Füßen legt, und zugleich ohnmächtig umsinkt).
Schriftgelehrter.
O du frommer und getreuer Knecht! Wem gehörst du an?
Hirt.
Ihm, der gesagt: „Gleichwie ich das Leben gelassen habe für die Brüder, also sollt auch ihr das Leben lassen für die Brüder!"
(stirbt)
Schriftgelehrter
(der nach einigen Tagen mit seinen Kindern die Brandstätte seines Hauses durchsucht).
Ich glaube, Kinder, wir sind nun an dem Platz, wo meine Bibliothek gestanden hat. Seht zu, ob alle jene herrlichen Werke, die ich besaß, ein Raub der Flammen geworden sind!
Kind.
O Vater, ich sehe keine Bücher, außer dem Evangelienbuch und neben demselben steht ein Hirt, ein heiliger Mann; derselbe, der mich vorhin aus den Flammen riß. Ja, er ist es! Sieh nur, wie er so
demü- {335}
thig und in Knechtsgestalt dasteht, geradeso, wie er uns vorhin erschien. Wie kommt er aber wieder zu uns, da er vorhin so selig in unsern Armen verschieden ist?
Der Unbekannte.
Ja, ich bin Christus der Sohn des lebendigen Gottes, und so erfülle ich meine Zusage: ich will bey euch seyn alle Tage bis an der Welt Ende! Wollt ihr mich aber sehen, so müßt ihr den Tod nicht
scheuen um meinetwillen. — „Gleichwie ich das Leben gelassen habe für die Brüder, also sollet auch ihr das Leben für die Brüder lassen!" {336}
Abendritt durch den Harz.
Im Frühling 1818.
Die Wölfe.
Die Außen-Wölf' in alten Tagen —
Die Deutschen haben sie all' erschlagen;
Es geht in den Wald kein Jäger mehr
Auf's Wolfsverhör!
Im Harz, im Thüringer Wald ist's still
Von Wolfsgebrüll! —
Horch! da schlägt die Thurmuhr zwölfe
Friedlich aus des alten Harzes
Fern entleg’nen, ruh'gen Dörfern —
Aber die grausamen Binnen-Wölfe,
Die wir, in unserm eignen Herzen
Ausgebären mit blutigen Schmerzen,
Die so freundlich uns umgleißen,
Und am End' uns doch zerreißen,
Lauern grausam, wild und tückisch
Noch wie sonst in ihren Höhlen. — {337}
Arme verlorne deutsche Seelen,
Denen die heil'gen Jäger fehlen!
Wo des Kirchthurms Spitzen
Im Mondlicht ragen.
Da sollten sie sitzen,
Da sollten sie jagen,
Aber die Glocken tönen so leer;
Es geht in den Wald kein Jäger mehr
Auf's Wolfsverhör!
Und der Wolf, ersättigt von den Schafen,
Feist von wilder Mordbegierde,
Er verläßt die sich're Hürde!
Jäger, Deutschlands heil'ge Jäger,
Wollt ihr ewig denn entschlafen?
Unbekümmert um die Heerde,
Auf der blutbefleckten Erde
Euch in feigen Schlummer strecken:
O so werden, zweifelt nicht,
Von Europa's Weltgericht
Euch die nächsten Donner wecken! {338}
Der Thurm auf dem Lützener Schlachtfelde.
Im Winter 1818.
Von drey grauen Jahrhunderten schwer,
Heb' ich empor aus dem Zeitenmeer
Mein ehrwürdiges altes Haupt
Und weissage dem Volk, das es glaubt:
Saracenen und Christen und Heiden,
Auf den Leipz'ger und Lützner Haiden
Seh' ich toben und Schiffbruch leiden.
Das ist ergangen!
Unten gefangen
Läßt mein im Finstern eröffneter Schooß
Roß und Reisige nimmer los!
Gustav's Koller, und Bernhards Sporn,
Wallenstein auch, der die Schlacht verlor'n;
Von Haubitzen brennenden Dorn,
Und das singende Schwedenhorn,
Tilly's mörd'rische Bärenmützen,
Brachte zur Ruh mein Feld von Lützen!
Gut' Nacht! Gut' Nacht!
Wenn der Eisbär wieder erwacht,
Donnert die zweite Weltenschlacht. {339}
Der Tiger.
Tiger, Tiger Flammenpracht
In des Waldes dunkler Nacht,
Wo die kühne Meisterhand,
Die sich dieses unterstand,
Daß die Glut sie angefaßt,
Die du in den Augen hast?
Ward aus Himmel oder Höll'
Ausgeschöpft ihr Feuerquell?
Was du angefaßt, ist roth;
Was du angefaßt, ist todt.
Aller Wesen jüngster Tag,
Tiger, ist ein Herzensschlag.
Tiger wild und fürchterlich,
Der das Lamm schuf, schuf er dich? — — {340}
Auf den Anhöhen von Kösen.
Den 2. Jan. 1818. Nachmittags um 4 Uhr.
Die tausendjährige Weltkrähe.
Stern' und Erd', und Erd' und Sterne!
Keine Nähe, keine Ferne!
Keine Ferne, keine Nähe!
Und die tausendjähr'ge Krähe,
Deren schwarzen Trauermantel
Reif und Schneegestöber bergen
Sitzt auf eingeschneiten Bergen,
Sitzt in tausendjähr'gem Traume
Auf dem ew'gen Weltenbaume,
Ruft und klaget: Soll auf Erden
Dieses Traums kein Ende werden? {341}
Platonismus des heiligen Augustin.
O mein Gott, was lieb' ich, wenn ich dich liebe? Nicht die Gestalt eines Körpers, nicht den Glanz des Lichts, nicht den süßen Wohlklang des Gesangs, oder den Geruch von Blumen und Gewürzen, oder
Umarmungen des Fleisches — nichts von allen diesen liebe ich, wenn ich dich liebe. Und liebe doch eine gewisse Stimme, ein gewisses Licht, einen gewissen Wohlgeruch, eine gewisse Umarmung, die
aber nur mein innerer Mensch empfindet; einen Glanz für meine Seele, den kein Raum umschließt, eine Melodie, die keine Zeit beendigt, einen Wohlgeruch, den kein Wind hinwegnimmt, eine Umarmung,
die sich nie losreißt. Dies ist, was ich liebe, wenn ich dich liebe. Und was ist das? Ich fragte das Meer, und alles was darinnen ist. Wir sind nicht dein Gott, sprachen sie. Ich fragte die Luft
und den Aether, den Himmel, die Sonne, den Mond und die Sterne, und alles sagte: Wir sind nicht dein Gott, den du suchest. Ich fragte {342}
Alles: Seyd ihr nicht mein Gott, so meldet mir etwas von ihm! Und alles schrie: Er ist's, der uns gemacht hat. Meine Frage war meine Sehnsucht. Wo find' ich dich, mein Gott, als in mir selbst,
und wenn ich mich über mich selbst erhebe, nicht dem Raum nach; denn kein Ort ist, der dich umschließen könnte. Du bist die Wahrheit, die allen gegenwärtig ist. Du warst in mir, und ich außer
mir. Ich suchte dich bey den Creaturen, und liebte die schönen Dinge, die du gemacht hast — du warst immer bey mir: ich war aber nicht immer bey dlr. {343}
Platonismus der heiligen Katharina von Siena.
(Siehe Maximes des Saints von Fenelon.)
Also bekennt diese hocherleuchtete fromme Frau von sich selber:
„Ich sage zu mir selbst: dieses mein Ich ist Gott (ce mien moi est Dieu) und ich erkenne kein ander Ding in mir, als meinen Gott. So weiß ich weder, was das ist, wenn ich Ich oder Mein sage, noch
was es mit Vergnügen, Gut, Muth, ja selbst mit der ewigen Seligkeit für eine Bewandniß hat; und, obgleich mein Mund einige Worte hersagt, die eine äußerliche Form von Demuth und Geistigkeit
haben, so ist dieses doch so, daß ich nichts in meinem Innern weder davon weiß noch fühle."
An einem andern Ort sagte sie so: „Und die Liebe erfaßte mich abermals, und sprach zu mir: Ich will, daß du die Augen deines Ichs in {344}
dir zuschließest, auf die Weise, daß du alles, was ich in dir wirke, nicht mehr, als die Wirkung deines Ichs erkennst, sondern daß du selbst todt seyst und daß jeder eigenmächtige Plan (toute
vue), so vollkommen er auch immer sey, auf immerdar und ganz in dir vernichtet bleibe; mit einem Wort, daß du jedes Mal vom Handeln abstehst, wo du nur als dein eignes Selbst handeln könntest.
{345}
Platonismus von Klopstock.
Siehe dessen Ode: „Dem Allgegenwärtigen."
Durch keinen Gedanken kann das Gefühl der Andacht so im Menschenherzen erweckt und befestigt werden, als durch den von Gottes Allgegenwart. Gott auf den Sternen, Gott in den Monden, Gott auf der
Erde, Gott in der Blume, Gott, der nirgend, selbst in der Verwesung nicht, von uns entweicht! – Welch ein lebendiges Zutrauen auf Gott muß in der Seele dessen entspringen, der sich diese
Ueberzeugung ganz zu eigen gemacht! Der Dichter betet mit Inbrunst um solche Momente der höchsten Erleuchtung, oder Gottseligkeit. Denn auch er fühlt leider die Wahrheit des göttlichsten
Ausspruchs, daß das Fleisch zwar willig, aber der Geist zu solcher Erhebung zu schwach sey, betrübtermaßen an sich bestätigt; und nur die Lehre eines leidenden Gottes, der selbst unter diesen
Schwächen der Menschheit einherging, ihre traurigen Bedingungen anerkannte,
„da sein Schweiß und sein Blut auf die Erde geronnen war," {346}
und dessen erhabene Seele sich leutselig der schlafenden Jünger mit dem tröstenden Ausspruch annahm, der Wahrheit seyn und bleiben wird, so lange der seraphische Geist das Gewand von Staub hier
auf der Unterwelt trägt, ist es, was den gottbegeisterten Dichter wieder empor hebt, wenn die Schwere des Leibes ihn in seinem höchsten Aufflug hemmt und niederdrückt, wenn seiner Seele ihr
wahres Leben nicht aufgeht, d. h. weil sie sich nur für wenig Augenblicke frey genug fühlt, jenen Gedanken der Allgegenwart auszudenken, ihn immer näher und inniger ins Auge zu fassen, und so mit
Gott von aller Persönlichkeit entbunden, auf den Sternen, in den Blumen, über und unter der Erde, zusammenwohnen zu sehen. Die heilige Scheu und Trunkenheit, die sich des Dichters bey diesen
erhabenen Gedanken vom Allleben Gottes bemächtigt, drückt sich glühend schön und fromm zugleich in folgenden Strophen aus.
Mit heil'gem Schauer
Brech' ich die Blum' ab;
Gott machte sie,
Gott ist, wo die Blum' ist.
Mit heil'gem Schauer fühl' ich der Lüfte Wehen,
Hör' ich ihr Rauschen; Er hieß sie wehen und rauschen, {347}
Der Ewige! Der Ewige
Ist wo sie säuseln, und wo der Donnersturm die Ceder
stürzt!
Freue dich deines Todes, o Leib!
Wo du verwesen wirst,
Wird er seyn! —
So daß also dein Begräbniß in den Finsternissen der Erde, dein Begräbniß unter den Sternen, wo du verfliegst, nicht ohne Gott, folglich eine neue Schöpfung ist. Der frohe Gedanke der Auferstehung
des Leibes reißt hier den Dichter zu einem Hallelujah dem Schaffenden, Hallelujah dem Tödtenden hin; aber das Hallelujah dem Schaffenden behält die Oberhand.
Groß ist die Macht dieses Schöpfers; unzählige Gestirne rollen über unserm Haupt, sie sind sein Werk, und doch erkennen wir ihn nur im Abglanz ihrer Sternenschrift, wie wir ihn im dunkeln Nebel
des Worts erkennen. Selbst der Himmel spricht noch unverständlich von Gott; verständlicher meine Seele. Kein Engel zählt jene Gestirne, und dennoch ist meine Seele Gott näher wie sie, denn das
Gestirn denkt und fühlt Gottes Gegenwart nicht; zu diesem erhabenen Gottesdienst aber bin ich berufen, der ich mich sonst bey Betrachtung unzähliger Welten zu einem bloßen Staubkorn verliere.
{348}
Augenblicke deiner Erbarmung,
O Vater, sind’s, wenn du das himmelsvolle Gefühl
Deiner Allgegenwart
Mir in die Seele strömst!
Die Demuth der Erscheinung vor Gott übermannt den Dichter bey der Betrachtung von dessen Allgegenwart dergestalt, daß ihm der Ort, wo er nun steht, gleichviel gilt: genug, daß er betet und seine
von Gott verstandene Seele in voller Inbrunst ausrufen kann:
Ich liege vor dir auf meinem Angesicht;
O läg' ich Vater noch tiefer vor dir,
Gebückt in den Staub
Der untersten Welten!
So ist mit der innigen Aufnahme in das Wesen Gottes denn auch sogleich die Demuth da, und die Seele des Dichters ringt auf eine rührende Weise, diesen Himmelsgedanken, gegen die Anfechtungen des
Fleisches, die Prächtigkeit nichtiger Hoffnungen festzuhalten. Auf diesem Standpunkt kommt ihm die hohe Lehre des Gottmenschen tröstend entgegen. Schaudern würde mich erfassen, wenn ich nicht
wüßte, daß das, was mich allgegenwärtig umfängt, auch zugleich die ewige Liebe und das grundlose Erbarmen ist. Und so wirst du dich denn auch erbarmend deines armen gefallenen Men- {349}
schengeschlechtes annehmen, von dem ersten der Söhne Adams, bis zu dem letzten;
Den die Posaune der Auferstehung
Wandeln wird.
Alle, alle sind erlöst von der Finsterniß der Zelt, durch ihn, der von sich sagen konnte: Ehe denn Abraham war, war ich! und wiederum: Siehe, ich bin bey Euch alle Tage, bis an der Welt Ende! Nur
diese göttlich menschliche Gegenwart ist es, die mich in meinen Schwächen als Mensch tröstet und aufrichtet! Ein allmächtiger, liebloser, unbekannter Gott würde mich durch die Betrachtung seiner
Gegenwart mit allzustrengen Gedanken vernichten.
Darum bete ich zu ihm, der mich liebt, und alle Erscheinungen der Erde liebend an seinem Herzen trägt:
In die Wunden deiner Hände legt' ich meine Finger nicht; In die Wunde deiner Seite legt' ich meine Hand nicht: Aber du bist mein Herr und mein Gott!
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