Römisches Theater
der
Engländer und Franzosen,
in freyen Bearbeitungen,
nebst Entwickelung der Charaktere und Zurückführung derselben zu ihren Quellen bey den Alten, besonders bey’m Plutarch, Livius, und Dionys von Halikarnaß.
Herausgegeben
von
Johannes Falk.
Erster Band,
der den Coriolan von Shakespear enthält.
Amsterdam 1811.
Im Verlage des Kunst- und Industriecomptoirs
„O könntest Du mich sonder Auge sehn;
Mich hören sonder Ohr; ich schüttete
So sonder Aug' und Ohr und Mund und Zunge
Dir in den Busen meines Geist's Gedanken!"
Shakesp. König Johann 3 Aufz. 3 Auftr.
Coriolan
frey
nach Shakespeare.
Von
Johannes Falk.
Amsterdam und Leipzig,
im Verlage des Kunst- und Industrie-Comptoir.
1812.
{III}
Zueignung
an
C. v. R.
Nimm das beendete Blatt: denn, Freundin, Dir wahrlich gehört es:
Hast Du in mir nicht zuerst diesen Gedanken erweckt?
Ja, Dein entschiedener Sinn für alles, was herrlich und groß ist,
Macht Dich mit Allem, was groß, macht Dich mit Rom auch vertraut.
War es Virgilia nicht und Volumnia, die Dich entzückte?
Also denn hast Du auch selbst Coriolanus gemacht!
Ewiger Shakespear gewiß, die Begeisterung stand dir zur Seite: {IV}
Liebend denn hast Du sie mir jetzo, als Freundin, geschickt!
Soll ich Cleopatra, sprich! dem Schattenreich nun auch entführen?
Willig gehorcht Dir Dein Freund, sprichst Du, als Römerin, Ja!
Welteneroberndes Volk, du vernimm es, zur Schmach des Jahrhundert‘s:
Mehr als jemals ein Mann, hat nun ein Weib euch gefaßt! {V}
Vorrede
Seit vielen Jahrhunderten hat sich, bey unsern Nachbarn, jenseit des Rheins, mit welchen wir so eben jetzt in eine, durch die Chevallerie und Karl den Großen, längst vorbereitete politische
Verbindung getreten sind, ein dunkler Sagengeist; ein an sich gewiß höchst lobenswerthes Bestreben, nach römischem Gehabe und römischer Größe gezeigt. In ihren Dichtern, wie in ihrer Mahlerey, im
Poussin, im Cor- {VI}
neille, Racine, kommt dieses Suchen und Streben überall, in bedeutungsvollen, nur mehr, oder minder geglückten Anklängen, zum Vorschein. Die Namen Cäsar, August, Cinna, Coriolan, Germanicus,
Britannicus, hatten sich schon lange,
durch das von den Römern eroberte Gallien, einen Weg zu jedem Ohr und zu jedem Herzen gebahnt. Nun da der Wendepunkt der Zeiten uns ein neues Rom, eine zweyte Hauptstadt der Welt, mitten im
Herzen von Europa, nach einer plötzlich erfolgten, völligen Umwandelung der Dinge, von dorther verheißt und ankündigt, und so was eine folgerechte Nationalerziehung und stille, Jahrhunderte lang
fortgesetzte Einwir- {VII}
kung der Dichter in diesem Stück leisten kann, gleichsam wie durch einen Zauberschlag, in eine augenblickliche Erfüllung
bringt: da von Cäsar und seinen siegreichen Legionen nun nicht bloß mehr auf dem Papier, vor dem Theatervorhang und in den Bildersälen die Rede ist, sondern die Vertheilung von Provinzen und
Königreichen, wie damals, in Feldlägern und so zu sagen vor unsern Augen zur Ausführung kommt: mag es sich wohl der Mühe verlohnen, auch den geflügelten lebendigen Sagen der Dichtkunst, die
diesem Ziel, gleichsam wie Zugvögel, voranflogen, weil ja doch, zwischen Stimmung und Thaten der Nationen, ein noch lange nicht, nach seinem ganzen Um- {VIII}
fang erahndeter Zusammenhang ist, mit Sorgfalt und tiefer, wie bisher, in ihrem ersten Ursprung, nachzuspüren: mit andern Worten, Alles, was Rom, die Weltbeherrscherin betrifft, in eine nähere,
reifere und gewissenhafte Erwägung zu ziehen.
Aber nicht nur der Gallier, auch der Britannier richtete auf Rom sein unverrücktes Augenmerk: und beide Nationen, wie
von einem so völlig verschiedenen Standpunkt!
So laßt uns denn mit Ernst, d. h. mit Anschauung der Dichterwerke selbst, untersuchen, wie das neue Carthago die Römer verstand? ingleichen, wie sich wohl das neue Rom schon in frühern Zeiten,
das alte {IX}
gedacht hat? Wir wollen dabey mit deutscher Gründlichkeit zu Werke gehen, d. h. nicht etwa bloß an dem Buchstaben und an der Mechanik des Versmaßes kleben, oder es uns noch bequemer machen, und
gebankenlos nachsprechen, was unsre Vorgänger in der Kritik, seit ein paar Jahrzehenden von Kälte dieser Stücke; von Haupt- und Staatsactionen und dergleichen häufig genug dem Publikum vorgesagt:
sondern vielmehr, durch nochmalige Zurückführung jener Kunstwerke, auf ihre Quellen bey den Alten, beym Plutarch, Livius, Tacitus; Dionys von Halikarnaß, über die von den Dichtern aufgestellten
Charaktere, gleichsam ein historisches Zeugenverhör und Gericht halten, und sodann {X}
den Preis, nach strenger Unparteylichkeit, gleichviel Franzos oder Britte, demjenigen Künstler ertheilen, der ihn durch Einfalt, strenge Zeichnung, würdige Behandlung seines Stoff’s und
Darstellung echt römischer Sinn- und Denkart, vor allen Uebrigen, verdient hat. Zur Erreichung dieses Zweck's macht der Coriolan des Shakespear den Anfang, und sofern das Publikum diesen Versuch
mit Beyfall aufnimmt, sollen bald andere, eben so lehrreiche Charaktergemählde der Aufstellung diefes ersten nachfolgen; eine Arbeit, wozu Shakespeare, Lee, Racine, Corneille eine reiche fast
unerschöpfliche Fundgrube darbieten. {XI}
Inhalt.
Zueignung
S. III
Vorrede
S. V
.
Der Charakter des Cajus Marcius mit dem Beynamen Coriolanus, nach Plutarch , Livius und Dionysius von Halikarnas entwickelt.
S. 1
Ueber den Coriolan des Shakespear.
S . 34
Coriolan , frey nach Shakespear. (Enthält das ganze Stück, nebst Standpunkt dieser freyen Bearbeitung. Siehe die Vorerinnerung.)
S. 44
Anmerkungen zum Coriolan. Auszug der Matronen in's Volscische Lager, von Livius.
S. 299
Die Fabel des Menenius Agrippa , erzählt von Livius.
S. 304 {XII}
Tod und Begräbniß des Menenius Agrippa, aus dein Dionys von Halikarnaß.
S. 300
Paralele zwischen Coriolan und Claudius Appius seinem Vorgänger , nady Dionys von Halikarnaß.
S. 308
Tod des Coriolans zu Antium von Plutarch.
S. 320
Abzug der Volscier. Ehrenbezeigungen der Matronen. Erbauung eines Tempels der weiblichen Fortung. Von Ebendems.
S. 323
Des Dionys von Halikarnaß Erzählung vom Tod und Begräbniß des Coriolan, nebst philosophischer Ansicht von dessen Charakter.
S. 324
Nachschrift- und Rechenschaft über einige Veränderungen im Coriolan des Shakespear
S. 329
Der Charakter
des
Cajus Marcius,
mit dem Beynamen Coriolanus,
nach
Plutarch, Livius und Dionysius
von Halicarnaß
entwickelt.{3}
Cajus Marcius ist Einer von den in der Geschichte eben nicht allzu häufig vorkommenden großen Charakteren, der, wenn sie einmal, auf einer gewissen historischen Höhe ihr Urgepräge ausgesprochen,
wie die Göteterbilder Mars, Minerva u. s. w., aller Nachkommenschaft gleichsam vorleuchten, und zu einem ewigen Symbol und Gleichniß dienen. Wie verschieden nun auch ein Jeder von uns über
das, was wir die Berechtigung zum Herrschen, und angebornen Adelstolz und Königswürde nennen möchten, seinen individuellen Anlagen und Neigungen gemäß, einen Gesichtspunct auffassen mag: So ist
doch so viel gewiß, daß jeder Charater, der sich, innerhalb der roh und gewaltsam auf ihn zudrängenden Welterscheinu- {4}
gen und Naturkräfte, mit Würde und besonnener Haltung zu behaupten weiß, wie und nach welchen Maximen er dabey zu Werke geht, unserseits die größte und ausgezeichnetste Hochachtung verdient. Ein
solcher nun war Cajus Marcius, mit dem später erlangten Beynamen, Coriolanus. Erwägen wir zuvörderst seine Zeit, seine Abkunft und sein Geschlecht, als die vorläufigen Bedingungen, unter welchen
diese, gleichsam aus unzerbrechlichem Metall geschmiedete, Heldenseele zu einem der Hauptcolossen des alten Roms anwuchs und geworden ist, so wird uns Manches, ja das Meiste in den
schicksalsvollen Verwicklungen der Lebensumstände dieses Mannes weder abweichend noch unbegreiftich vorkommen.
Cajus Marcius, in der Folge nach der eroberten Stadt Corioli, von seinen Mitbürgern mit dem ehrenvollen Beynamen „Cociolanus“ belegt; war geboren aus einem der ältesten römischen Geschlechter,
dem der {5}
Marcier, das selbst den König Ancus Marcius unter seine Vorfahren zählte – sein Vater ein edler Römer: – seine Mutter, ebenso alt patricischen Blutes und Geschlechtes – eine edele Volumnia. Da
ihm sein Vater schon frühe hinwegstarb, so bewies Cajus Marcius, wie Plutarch bemerkt, auf’s Neue durch ein Beyspiel, – und das auf die anschaulichste Art, – daß diejenigen, welche sich
Schmähungen gegen den Waisenstand erlauben, und ihn beschuldigen, als ob er an und für sich unfähig erfunden sey, große Talente zu begünstigen, und seltne Männer zur Entwicklung zu bringen, in
diesen Stücken höchst Unrecht haben; ja, durch solche Behauptungen, in einen unermeßlichen Irrthum zu verfallen Gefahr laufen. Wenigstens hat Volumnia, die Mutter des Coriolanus, durch die
Erziehung ihres Sohnes, ähnliche Schmähungen hinlänglich widerlegt. Dabey ist merkwürdig geworden, was wir auch von einigen Geschichtsschreibern {6}
aufgezeichnet finden, und was wenigstens für einen schönen Hauptzug kindlicher Liebe im Charakter des Coriolan gelten mag: daß, wie andre Helden, für ihr Vaterland, für ihren Nachruhm geeifert,
Coriolanus dagegen, wie Plutarch in dessen Lebensbeschreibung anführt. Vieles, das Meiste, wo nicht Alles, seiner Mutter zu Gefallen gethan, in welcher er gleichsam die sichtbare Roma angebetet,
und so jene große Thaten, wodurch er bekannt ist, mehr gewagt, um von Jener, bey seiner Rückkehr aus Schlachten und glücklich überstandenen Gefahren, gelobt, als von Volk und Senat dafür belohnt
zu werden. Sein erstes Probestück legte er mit den Taraquiniern ab, deren letzterer, nach seiner Verbannung aus Rom, sich auswärts Bundesgenossen suchte, und so die Stadt mit Krieg überzog.
Dieser Feldzug, wo Cajus Marcius, unter den Augen des Dictators, in den vordersten Schlachtreihen, auf's tapferste focht; ja sogar einem römischen Bürger, {7}
nicht ohne Selbstgefahr, das Leben rettete, trug ihm, dem Geschlecht, den Vorfahren, von denen er abstammte, Ruhm und Ehre bey'm Volk, den Schläfen des Jünglinges aber den ersten wohlverdienten,
Eichenkranz ein. Diese Schlacht erwies sich zugleich entscheidend für die neue Verfassung Roms. Die Könige waren von nun an auf ewig aus den Mauern dieser Stadt, derer eine neue Weltbestimmung
wartete, ausgestoßen. Jahrhunderte schwankte Rom an den Folgen dieses Uebergang's; ja es schien eine der schwersten und verwickeltsten Aufgaben der Politik zu seyn, den neu emporgestiegenen
Freystaat mit sicherer Hand, an dieser ungewiß schwindelnden Gränze, an die ihn theils Zufall, theils Nothwendigkeit stellte, empor zu halten. Cajus Marcius versuchte dieß wohl – aber es gelang
ihm nicht: Er ging unter
in dem Versuch, Gleichgewicht zwischen Senat und Volk, wieder zu bringen oder vielmehr das Uebergewicht der Plebejer zu ver- {8}
hindern.Uebrigens war voraus zu sehen, wohin jede Nachgiebigkeit des Senats, die von Seiten des Volks doch nur als Feigheit, Schwachheit und Furcht betrachtet wurde,
unter solchen Umständen, nothwendig führen mußte. C. Marcius, vor ihm das wachsame Auge des Staats, Appius Claudius, (Siehe Dionys Halicarnaß: Römischer
Alterthümer 6tes Buch), sah dieß wirklich voraus, und deßhalb zeigten sich beide, wo die Gelegenheit vorkam, als abgesagte Feinde, nicht sowohl des Volks, als vielmehr
aller dem Senat, durch willkührliche Eingriffe desselben, abgenöthigten Schulderlassungen, Brodspenden, Geld- und Korn-Vertheilungen, als wodurch die vornehmere bei der
geringeren Classe in Rom, sich nicht selten, in diesem kritischen Zettpunkt, beliebt zu machen suchte. Im Senate, unter den jüngern Patriziern, oder wo er sich sonst durch Rath, Stimme und
Beyspiel, Einfluß zu verschaffen wußte, sprach Caj. Marcius überall mit dem {9}
größten Nachdruck gegen diese in Rom immer mehr überhandnehmende Volksgewalt. Und so mußte es vielleicht seyn, wie jedes Auge, das die Dinge im Zusammenhange zu betrachten gewohnt ist, bey
näherer Erwägung des damaligen Zustands der Römer, bald finden kann, wenn anders Rom Rom bleiben, und der bereits erfolgten Verbannung der Könige, nicht auch die Vertreibung des Senats, und
dieser eine freche, zügellose Volks-Regierung, nach Art der griechischen, jedem Spiel und Einfluß listiger und verschmitzter Demagogen Preis gegebenen, benachbarten Republiken, auf dem Fuß
nachfolgen sollte. Schon hatte das auf den heiligen Berg ausgezogene, römische Volk den Patriziern unter dem Namen Tributen, eine neue Obrigkeit abgetrotzt. „Wir wollen Rom verlassen, sagten sie:
Sonne und Luft und eine freye Grabstätte finden wir in Latium auch anderwärts: und mehr haben uns ja doch die Patricier hier nicht übrig gelassen!“ {10}
Hierauf folgten ernsthafte, dann gütliche Unterhandlungen mit dem Senat; endlich wechselseitige Aussöhnung, Rückkehr nach Rom, und Einsetzung oder vielmehr Aufrichtung, einer neuen Schutzmauer
des Volk's wider den Senat, die tribunarische Gewalt, nebst persönlicher Unverletzlichkeit, die ihn von nun an, in allen seinen Beschlüssen, im Betreff des Volk's, bewachen sollte: angeblich, daß
die Gewalt der Höhern nie in Willkühr gegen die Geringern ausarte: in der That aber, den berathschlagenden Vätern gewichtvolle Fesseln anzulegen, indem das Volk durch die imposante Stellung, die
es durch Einführung der Tribunen gewann, und vermittelst des beständigen Eingriffs dieser seiner Machthaber in die uralten Rechte der Curie; bald dieses, bald jenes Mitglied, aus der Mitte des
Senats, hervorzog, und ihm, seine Gesinnungen, Worte und Handlungen wegen, strenge und öffentliche Rechenschaft forderte. So wurde denn auch dem edlen {11}
Cajus Marcius, wegen einiger harten als verfassungswidrig aufgenommenen Aeußerungen, die er sich im Senat, bey Gelegenheit der in Vorschlag gebrachten Kornvertheilungen, gegen das Volk und seine
Stellvertreter erlaubt hatte, eine solche anmaßliche Verantwortung von Seiten der damaligen zwey Oberhäupter des Volks, Sicinius und Brutus, aufgelegt. Cajus Marcius ging freilich mit nichts
geringerm um, als entweder, durch völlige Vernichtung der tribunarischen Gewalt, oder doch wenigstens, durch Einschränkung derselben auf ihr gehöriges Maaß, die freye Berathschlagung des Senats
wieder herzustellen und eben dieser Plan, den das Volk durchsah, verursachte, zwischen ihm und dem Senat, jene stürmischen Auftritte, in denen Coriolans Größe bis zum endlich erfolgten Untergang,
als Meteor, emporstieg. Man kann ungefähr denken, wie es um diese Zeit in der künftigen Hauptstadt der Welt aussah; auch wie es mit {12}
den sogenannten freyen Berathschlagungen des Senats beschaffen seyn mochte, wenn man vernimmt, daß die Aedilen, oder Viertelsmeister, die, als Knechte der Tribunen, den edlen Cajus Marcius, aus
der Mitte des Senats, aufgreifen und hinwegführen sollten, mit dem jüngeren Theil des Senats selbst, der ihn durchaus nicht wollte verabfolgen lassen, darüber handgemein wurden, und zuletzt sogar
empfindliche Schläge bekamen. Das übrigens der Handlungsweise des Coriolan kein eigentlich angeborner Stolz, Charakterhärte, oder roh und unempfindliche Denkart, sondern bloß die von mir oben
angegebene politischen Maxime des Gleichgewichtes der Gegenpartey zum Grunde lag, scheint aus anderweitigen Gesinnungen des Mannes auf das unwidersprechlichste gewiß zu seyn. Dem, mit der
obersten Macht durchgehenden wilden Roß des römischen Volkes Zügel und Gebiß aufzunöthigen; ja dasselbe, wenn es so seyn {13}
mußte, selbst durch Hunger und Schuldverschreibungen, in den Ausbrüchen seiner wilden Wuth zu zähmen; dieß war nun einmal – recht oder unrecht – die von ihm und Claudius Appius, seinem älteren
Vorgänger in dieser Denkart, im Senat, öffentlich übernommene, politische Rolle, die auch, wie wir sogleich aus zwey angeführten Beyspielen ersehen werden, mit dem Edelmuth des Privatmannes in
beiden, durchaus in keinem Wiederspruch stand. Claudius Appius war seine Härte gegen das Volk, im Senat (Siehe Dionys von Halikarnaß, im angeführten 6ten Buch) von seinen Gegnern mit
Bitterkeit, vorgeworfen worden. Er bestand nämlich, was die zu Gunsten des Volkes in Vorschlag gebrachten Schulderlassungen bestraf, auf dem einmal streng von ihm angenommenen, politischen
Grundsatz, daß der römische Senat schlechterdings sein Recht habe, Contracte zu brechen, und zu Gunsten oder Beeinträchtigung dieser oder jeder {14}
Partey, unter Mitbürgern des Staats, feierlich eingegangene Versprechungen, durch Decrete, null und nichtig zu machen. „Nicht als ob er nicht wünsche, daß allen Aermeren in Rom, von den
Reicheren, ihre Schuldverpflichtungen erlassen werden möchten: er selbst sey in diesem Stück mit seinem Beyspiel vorangegangen, und habe, durch Schenkung ihrer Schulden, alle seine Schuldner, ist
ewig dankbare Clienten, verwandelt: – aber dieß sey eine Privathandlung, und es gehöre nothwendig dazu, daß sie freywillig geschehen. Jener Maßregel könne er daher nicht beystimmen; die Sanction
derselben durch den Senat, wenn man sie in Ausführung brächte, würde nur eine neue Loosung zum Aufruhr für das Volk seyn, und die ohnedieß genug erschhütterte alte Verfassung dadurch vollends
über den Haufen geworfen werden.“ Eben so, wo nicht, doch wenig anders, dachte auch Cajus Marcius: Beide großherzige Männer, weit entfernt von kleinlich {15}
persönlichen, schmutzigen Eigennutz, beseelte nur der Geist der politischen Partey, welche sie, durch Geburt und Erziehung, angehörten. Sobald dem Letzteren, zum Beyspiel, der Anführer des
römischen Heeres gegen die Volscier, der Consul Cominius, unter dem er diente, nachdem Cajus Marcius, als ein einzelner Mann, in die eröffneten Thore der Stadt Corioli, mit den Flüchtigen
zugleich, fast ohne alle Begleitung hereinsprengte, und darauf, von den Einwohnern umringt, mit der Menge in den Straßen einen hartnäckigen und blutigen Kampf bestand, nach dessen siegreicher
Beendigung, er sich weder mit Beute-Vertheilung noch Lagerplünderungen aufhielt, sondern seine Soldaten diese Ausschweifungen im Gegentheil auf das strengste verwies, und, statt müssiger
Zögerung, sofort blutig, den Kern seiner Truppen an sich zog; mit dieser Handvoll römischer Män- {16}
ner vorwärts drang; die Hauptarmee, den Consul Cominius aufsuchte; noch zu rechter Zeit im Lager am Schlachtentage und gerad in dem Augenblicke eintraf, als der römische Soldat, nach uralter
Gewohnheit, im Beyseyn der Umstehenden, an die sein Zuspruch deßhalb erging, ein Testament machte; sich sodann das Centrum ausbat; es angriff, schlug, siegte: – als ihm nun, sag‘ ich, der
Anführer des Heeres, Cominius, für diesen Anfang wahrhaft römischer Großthaten, die das Schicksal des Tages zum zweytenmal für Roms Waffen zu einer siegreichen Entscheidung brachten, den höchsten
Preis des Heldenmuths und der Dankbarkeit zuerkannte: – mit anderen Worten: als der Consul ihm freystellte, den siebenten Theil der Beute für seine Person, als Begünstigung, und gegen das Recht
allgemeiner Vertheilung, im voraus hinweg zu nehmen; auch die Soldaten in diesen consularischen Vorschlag, mit freudigem Zuruf, ju- {17}
belnd und willigst einstimmen, weigerte sich der Begünstigte nicht allein dessen, mit echt ritterlicher Großmuth, sondern bat sich auch dagegen zur Belohnung nichts weiter, als ein geschmücktes
Pferd, und einen von den Römern gefangen genommenen Gastfreund, einen Volscier aus, dem er dadurch, ehemals erwiesene Güte und Wohlthaten zu erwiedern, und von dem schimpflichen Loos der
Knechtschaft, das ihn, als einen edeln Mann drohte, zu befreien hoffte.
Und als sich nun auf diesen, dem edeln Cajus Marcius sogleich und ohne Weigerung zugestandenen Wunsch, ein allgemeines Lob- und Zujauchzen des Heeres, über die große Sinn- und Denkungsart des
Mannes, von allen Seiten, im Ausdruck der unverfälschtesten und unverabredtesten Bewunderung erhub: da nahm der Consul Cominius noch einmal das Wort, und brachte in Vorschlag, im Namen des
Lagerheer‘s, wofür er zum zweiten Mal auftrat, zu versuchen, ob die edel ge- {18}
borne, stolz‘ und freye Seele des Mannes, die den Besitz von Reichthümern, als zu klein verschmähte, vielleicht ein armes Wort, einen Hauch, einen Ton der Lippen, einen Beynamen, als Andenken
jener Heldenthat, welche die Eroberung von Corioli bewirkte, nicht zu gering zu erachten, sondern anzunehmen geneigt sein möchte? So wurde denn, seit diesem Tage, von diesem Augenblick an, Cajus
Marcius, unter jubelvoller Einstimmung des ganzen Heeres, von dem Consul, mit dem ehrenvollen Beynamen „Coriolanus“ ausgerufen.
Von Menschen, die in einem so hohen Grad unsere Aufmerksamkeit in der Weltgeschichte auf sich gezogen haben, wie dieser, verdient auch der kleinste Zug ihrer körperlichen Gestalt; ihrer äußeren,
obgleich mit ihrer Seele in einem nur plastischen Bezug stehenden Eigenschaften, dennoch die sorgfältigste Aufbewahrung. Gleichsam wider Willen fühlt sich die Nachwelt versucht, bei jedem gro-
{19}
ßen Mann dieser Art, die Gewalt des Orcus zu beschwören, um sich, wo möglich, auch ein sinnliches Bild, von seinem hinweggeeilten Leben, und seiner, in Mienen, Gang und Gebärden ausgedrückten
Persönlichkeit, zurückzurufen, um so das Ganze gleichsam, vor die Augen des Geistes, zur unmittelbaren Anschauung zu bringen. Man denke sich demnach, des Plutarchs Lebensbeschreibung von Coriolan
gemäß, die imposanteste Persönlichkeit eines alten Römers, körperliche Stärke und Gewandtheit, Stimme, Anstand, festen Gang, was alles zusammen, Coriolanus, in einem so ausnehmend hohen Grade
besaß, daß er gleichsam den Geschlechtern jener homerischen Helden und Halbgötter angehörte, die, wie der ältere Kato von jedem ächten Krieger wollte, schon durch bloßes äußeres Ansehen, Gewalt
der Stimme, Bewegung, Gliedmaßen, Gang, donnernden Zuruf des Feldlagers, den Feind besiegen, noch eh‘ er ihnen genaht ist. {20}
Mit diesen und ähnlichen, durch Geburt und Natur ihm zugeteilten Vorzügen eines ererbten Glanzes und altadelichen Geschlechtes ausgerüstet, konnte dieser wahrhaft königlich Begabte und Gesinnte,
in einem Zeitpunkt, wo der Pöbel, wie sich Shakespeare, mit einem sinnreichen Scherz, darüber ausdrückt, mehr oder weniger damit umging, „Rom unter seine geflickten Schuhe zu treten,“ unmöglich
ein gleichgültiger Zuschauer eines so demüthigenden Schauspiels bleiben. Wie sollte auch Einer, zum Coriolanus geboren, es wohl anfangen, in solchem Zeitpunkt angestammter Gesinnungen zu
verleugnen; Halbheiten zu dulden, Lügen gut zu heißen, Verläumdungen zu genehmigen: mit andern Worten, zwischen Senat und Volk, der Verfassung Rom‘s und den Tribunen, den Mantel der Gunst so
lange, auf beiden Schultern nach dem Winde zu tragen, bis, völlig zerrissen und unscheinbar, kein Stück davon mehr übrig bliebe. Im Gegentheil, {21}
wenn einmal, nach einer unglücklichen Verkettung von Dingen und Umständen, die Sachen in einem Staat dahin gekommen sind, daß man sich irgend für eine Partey erklären muß, so wird ein, in so
bestimmten Handlungsmaximen ausgesprochener Charakter, wie der des Coriolanus, über die Partey, die er, für seine Person, zu nehmen hat, nicht lange zweifelhaft bleiben. Kein Wunder demnach, daß
Alles, was von edlen, jungen, feurigen Patriciern und alt-adelichen Geschlechts-Abkömmlingen noch damals in Rom das Haupt erhub, ihm zufiel; ja auf den Cajus Marcius und sein Verfahren, in dieser
sturmvollen Periode der Republik, gleichsam wie der Schiffer im Schiffbuch, auf ein heilsam rettendes Gestirn die Augen richtete. So befestigte sich denn der Staat, aus dem Stolz dieses edeln
Patriciers, auf eben die Art, eine Schutzmauer gegen die Plebejer, wie sich die Plebejer, aus dem Stolz ihrer Tribunen, eine {23}
Schutzmauer, gegen die Anmaßungen der Patricier, auferbaut hatten.
Von nun an schwankten die beiden Parteyen der Republik, das Volk und der Senat, zwischen denen die Sonne Rom‘s und was in diesem Falle eins ist, die Sonne der Welt, so viele Jahrhunderte
hindurch, ihren Auf- und Niedergang halten sollte, in den heftigsten Bewegungen; ja dieser Geist des Aufruhrs und der Meuterey wirbelte noch, in den nachher erfolgten stürmischen Auftritten der
Feldläger Rom‘s, in jenen häufig um Geld, bald von Volk, bald von Prätorianern angezettelten Verschwörungen, Kaiserabsetzungen und Einsetzungen, bis zur Stiftung des Konstantinischen Kaiserthums,
und späterhin, im Orient, wie im Occident, fort. Auf diese frühen Zeiten des Coriolans zurückzukommen, so hatte von nun an, nachdem einmal ein so energischer Charakter, wie dieser, zwischen ihnen
aufgetreten war, keine von beiden Parteyen in {23}
Rom, eine andere Wahl, als ihn entweder zu lieben, oder zu hassen; anzubeten, oder zu verfluchen, welches beides denn auch im reichen Maße, und ganz dem Interesse und den verschiedenen Ansichten
der Partey, welcher man angehörte, gemäß erfolgte: je nachdem man nämlich von ihm und seinem so mächtig gewordenen Einfluß, in die damalige Staatsverfassung Rom‘s, entweder die Verringerung oder
Bestätigung erkämpfter, oder erschlichener Privilegien befürchten, oder erwarten mußte. Seine Geburt, seine Lebensmaxime, seine Verbannung und sein Tod, Alles ist demnach bey Coriolanus aus einem
Stück, und die gediegenste Größe Roms verkündigt sich uns in der Erscheinung dieses außerordentlichen Mannes. Nach seiner Entfernung aus der Stadt, worin man die Strafe des Sturzes vom
tarpejischen Felsen, großmütig verwandelt hatte, glaubte er dem römischen Volk, zu seiner eigenen heilsamen Belehrung, einen kleinen {24}
Beweis für die Zukunft schuldig geworden zu sein, nämlich den: daß es, an und für sich betrachtet, gar nichts vermöge, und ohne Männer seines gleichen, weiter nichts als ein unbeholfener,
schwerfälliger Koloß, ein vielköpfiges, polyphemisches, nicht bloß an einem, sondern an beiden Seelenaugen geblendetes Ungeheuer, mit tausend Händen und tausend Armen sey, das, wenn es auch alle
diese Hände und Arme, und noch dazu mit tausend Knitteln bewaffnet, blindlings in Bewegung setzte, dennoch in den meisten Fällen, weder wüßte, wo es anfangen, noch wo es aufhören sollte: – und
nie, – dieß wird wohl jeder zugeben müssen, der die Weltgeschichte mit einiger Aufmerksamkeit gelesen hat, – ist dieser Beweis, bey irgend einem Volke der Erde deutlicher und vollständiger, als
von Cajus Marcius, vor dem römischen, geführt worden. Sein erster Schritt – allerdings die empfindlichste Rache, die er an seinen Mitbürgern, den {25}
Römern nehmen konnte – in seinem plötzlichen Uebergang zu ihren ewigen, unversöhnlichen Feinden, den Volsciern.
Von diesem Augenblick an, – einen solchen Wendepunkt in den Begebenheiten, kann die beleidigte Willensmacht eines einzigen großen Mannes hervorbringen, – war Corioli, dessen siegreiche Eroberung
Cajus Marcius einst den Beynamen Coriolanus verdankte, Rom: – Rom selbst aber stand, nach völlig umgewälztem Glücksrade, nun das Schicksal Coriolis bevor. Mit einem ehemals von ihm besiegten,
jetzt aber, durch ihn und seine Anführung, siegreich gewordenen feindlichen Heere, rückte Coriolanus plötzlich vor die Thore der Stadt. Da erzitterten die Mauern des alten Roms; es erbebte die
Grundveste des Capitols, und selbst der Hochmuth des tarpejischen Felsens, der noch kurz zuvor den Marcius, von seinem Gipfel, herabstürzen wollte, kam und legte sich ihm so demüthig zu Füßen,
daß es {26}
nur von ihm abgehangen hätte, sich eine Thronstufe daraus zu machen; mit andern Worten: die eingebildete Majestät des Volks, nahm ein Ende mit Furcht und Zittern, und die Zurückberufung eines
Mannes, den man hätte verbannen sollen, wurde nun, in einer öffentliche feierlichen Versammlung, durch Volk und Tribunen, einmüthig beschlossen. Aber nun erwachte jene wahrhaft angeborne römische
Seelengröße, die in einem Staat, wie Rom, unter dem Drang auch noch so widriger Umstände, bey seinen Machthabern, sich nie völlig verleugnen konnte: der Senat verweigerte nämlich diesem
allerdings etwas übereilten Volks- Beschulusse seine genehmigende Beystimmung; – sey es nun, daß dieses der Hauptgrund war: oder daß dazu noch eine aus Furcht erzeugte, tiefe Politik kam – genug,
Größe war es immer, was den Senat dazu antrieb: – denn allerdings, und auch selbst den glück- {27}
lichsten Fall angenommen, – wer ständ ihm dafür, daß nicht Cajus Marcius, wenn er nun dem nämlichen Volke, das ihn kurz zuvor, ohne Dazwischenkunft des Senats, in die Verbannung gestoßen hatte,
ohne Dazwischenkunft des Senats, auch wieder seine Befreyung und Rückkehr verdankte, nach so unmittelbar zwischen beiden Theilen gepflogenen Unterhandlungen und Souveränitätsacten, von Stund‘ an,
als eine Art Diktator oder Mittelmacht, zwischen Senat und Volk, gleichsam stillschweigend anerkannt, aus einem königlich Gesinnten nicht zuletzt ein wirklicher König und Alleinherrscher Roms
würde, und so aller bisherigen Regierung ein unvermuthtetes und plötzliches Ende machte.
Für diese allumfassende, Senat und Volk gleichsam angeborene, große Römische Politik, die beiden, schon in diesem frühen Zeitpunkt, für die künftige Beherrschung der Welt, die schönste und
sicherste Gewähr- {28}
leistung gab, legt die Geschichte auch zwey andere, höchst ehrenvolle Zeugnisse ab. Erstlich die, von Seiten des Volks, Coriolan gegenüber bewiesene Vernunft und hohe Mäßigung, daß sich nicht nur
Niemand, als die Sachen zum Außersten gediehen waren, sey es auch nur mit dem leisesten Gedanken, einfallen ließ, die als Geißeln in der Stadt zurückgebliebenen Weiber und Kinder des Cajus
Marcius, etwa mit Drohungen zu kränken, ihnen Beleidigungen zuzufügen: oder wohl gar nach einer, in der Politik des heutigen Tages, unter dem Namen „Repression“ nur zu üblich gewordenen,
verächtlichen Denkungsart, an ihnen, als dem unschuldigen Theil, das Wiedervergeltungsrecht auszuüben: sondern im Gegentheil, daß Senat und Volk, gleichsam mit einander wetteiferten, dem
aufgebrachten Manne, durch freywillige Auslieferung dieser letzten und teuersten Pfänder seiner Liebe, und deren Herausschickung in‘s Lager, wo er sie {29}
nur zurückbehalten konnte, einen unzweydeutigen Beweis zu geben, daß sie Ihrerseits, auch mit Gefahr der eignen Selbsterhaltung, die Stimme der Natur höher, als alle Politik in Anschlag brächen:
wohl wissend, daß sie, durch diesen ihm erzeigten Edelmut, einen eben so sichern Weg zu dem Herzen des Cajus Marcius, finden würden, als Cajus Marcius ihn, durch seine Tapferkeit und das Glück
seiner Waffen, zu den Thoren Roms gefunden hatte. Zweytens der eben so klug, als schön und herzerhebende Zug, von Seiten des Senats, der eine zarte Ausmittelung der Pflichten des Menschen, mit
denen des Staatsbürgers enthält: daß, als nun die schicksalsvolle Nachricht von Coriolans Tode nach Rom kam, und ein Bürger es dem andern mit Thränen erzählte, wie der tapfere Cajus Marcius,
unter den Dolchstichen, einer, von Tullus Amfidius, bey den Volsciern, wider ihn angezettelten Verschwörung, als Opfer seiner den Römern {30}
bewiesenen Großmuth und Treue gefallen sey, und diese sich schnell von einem Viertel in das andere verbreitende Post, in der Stadt, unter Alt und Jung, Vornehmen und Geringeren, eine allgemeine
Bestürzung und Trauer verbreitete: – daß, obgleich es sich mit der römischen Staatspolitik nicht vertrug, die öffentliche Trauer um einen Mann anzulegen, der, als ein öffentlicher Feind seines
Vaterlandes aufgetreten war: oder ihm ein anderes Denkmal zu errichten, als was er sich selbst in den Herzen aller Wohlgesinnten, durch Zurückmarsch der von ihm als Feldherr befehligten Truppen
von Rom, gestiftet hatte: es dennoch den römischen Matronen, als deren Gesandtschaften sich Cajus Marcius eben so sanft und nachgiebig, als denen der Männer streng und unerbittlich bewiesen
hatte, nachgelassen blieb, um ihn, wie um einen werthen Angehörigen, einen geliebten Vater, Bruder oder Gemahl, Wehklage zu führen und {31}
Trauer anzulegen, und diese volle zehn Monate hindurch fortzusetzen, als welches überhaupt die längste, in Rom, durch die Gesetze des Numa Pompilius, verordnete Termin, zur Betrauerung eines
Todten, war.
Auch ein zweytes Gesuch der Frauen, auf öffentliche Kosten, an demselben Orte, wo sich Coriolan, zur Umkehr seiner siegreichen, wider Rom gerichteten Waffen, durch die Bitten seiner Mutter,
zuerst hatte bewegen lassen, ungefähr 4000 Schritte vor den Thoren der Stadt, auf der Via latina, der weiblichen Fortuna, einen mit Bildsäulen geschmückten Tempel zu errichten, und in diesem, die
edle Römerin Valeria, als erste Stifterin dieses glorreichen Auszuges, als oberste Priesterin anzustellen, fand, von Seiten des Senats die erwünschte Bestätigung. Plutarch tadelte zwar hier auf‘s
neue an Coriolan, daß, nachdem er den Bitten der Priester und Senatoren so hartnäckig wiederstanden, er sich dennoch zuletzt, durch die {32}
Thränen und Wehklagen der Weiber, in seinem einmal gefaßten Vorsatz habe erweichen lassen; aber auch in dieser Beschuldigung zeigt Plutarch nur, wie gegründet der Vorwurf ist, den man ihm macht,
daß er nämlich zu häufig in triviale Reflexionen verfällt; ferner, wie wenig Schriftsteller Seinesgleichen, weil sie für ihre Betrachtung der Weltgeschichte, einen bloß moralischen Standpunkt
annehmen, geeignet sind, in die Tiefen eines solchen Charakters, wie Coriolan, einzubringen, oder ihn, in seinen Grundzügen, aufzufassen.
Das Wahre an der Sache ist, wie mich dünkt: – die Gesandtschaften der Prister und des Senats, konnte Coriolan allerdings von sich abweisen, beide hatten nichts besseres an ihm verdient: aber die
unverschuldet kniende Roma, die gleichsam in der Gestalt seiner Mutter, bittend und weinend sich ihm vor Augen stellt, sie konnte, sie durfte es nicht ungetröstet von {33}
seinem Angesichte wieder hinweg lassen, ohne den Vorwurf der fühllosesten Härte und des unverträglichsten Mangels aller echt menschlichen Gefühle, dessen ihn Plutarch mit Unrecht bezüchtigt, in
der That zu verdienen. Seinen politischen Maximen war genug gethan: den heilsamen Lehren, für Volk und Senat, fehlte nun weiter nichts zu ihrer Bestätigung, als die gänzliche Vernichtung Roms;
die Einäscherung seiner Häuser und Straßen, die ihn als Kind hatten spielen sehen; die Entehrung der Jungfrauen; die Hinwegführung alles Gutes und aller Habe; die Gefangennehmung der Jünglinge;
die Sklaverei der Männer; die Knechtschaft der Väter; aber hier fand das Glück, mitten in der Verfolgung seines von Uebermuth stolzen Siegeslauf‘s, einen plötzlichen und heilsamen Wendepunkt, in
den Gefühlen des Vaterlands, die auf‘s Neue in dem Busen Coriolans erwachten; so daß Liebe, Wohlwollen und Menschlichkeit über seine {34}
Rachbegierde die Oberhand behielten. – Auch wußte der Mann recht wohl, was er that: das beweisen seine letzten Worte, die er, gleichsam als ein Sterbender, in den Busen seiner Mutter, als das
heilige Vermächtnis für Rom, niederlegte: „Mutter,“ so rief er in der höchsten und edelsten Gemüthsbewegung aus, – „du hast einen für Rom heilsamen, – für deinen Sohn aber verderblichen und
todbringenden Sieg davon getragen!“
Über den
Coriolan des Shakespear.
Nach der Zurückführung dieses Stoffes, auf seine Quellen bey den Alten, mag es mir nun auch fürder vergönnt seyn, von Shakespears Bearbeitung des Coriolan, das {35}
heißt: von der ahndungsvollen, unerforschlichen Tiefe, womit er auch in diesen Charakter eingegangen ist, und ihn, weit besser als Plutarch, aufgefaßt und verstanden hat, ein Paar Worte
hinzuzufügen. Es grenzt ans Wunder, und klingt völlig, wie eine Erzählung aus der alten Fabelwelt, wenn man bedenkt, daß dem ehrlichen Meister William, mitten in England, in einem so entfernten
Jahrhundert und Himmelsstrich, ohne den Besitz all dessen, was wir in neueren Zeiten, mit vornehmer Miene, so gern literarische Hülfsmittel zu taufen pflegen, was aber leider nur zu oft, wenn das
Taufwasser verlaufen ist, sich als eine aufgetrocknete, todte Handhabe des seelenlosen Pedantismus erwiesen hat, dieses Wunder einer echt poetischen Darstellung gelingen konnte; und doch ist‘s,
bey einer nähern Betrachtung, wieder kein Wunder, sondern, dem ewigen Gang der Natur und den Gesetzen des menschlichen Organismus, völlig gemäß. Das {36}
lebendige, wahrhaftige Genie kennt nämlich weder Tod, noch Raum, noch Zeit anders, als Denkformen. Unbekümmert um die Schranken, welche dem gewöhnlichen Menschen so lastend die Gegenwart auflegt,
lebt es entweder, in dem Schooße der grauesten Vergangenheit, oder er schwärmt, mit dem ungebundensten Phantasieflug, durch die Tiefen einer weitentlegenen, unermeßlichen Zukunft; ja, ich möchte
fast sagen: das Genie ist aus Gott, und beurkundet seine göttliche Abkunft eben dadurch, daß alles bey ihm, in der Natur, Wissenschaft und Geschichte, zu einer unmittelbaren, poetischen
Gegenwart, oder wenn dieser Ausdruck, von menschlichen Dingen gebraucht, nicht zu kühn und nicht zu stolz erklingt, zu einem, jenes Urwesen, wiewohl von Ferne, nachahmenden Schätzen göttlicher
Allwissenheit und Vorsehung wird. So überfliegt es denn die engen Bedingungen von Zeit und Raum, seiner göttlichen Natur und Abkunft gemäß: {37}
das alte und neue Carthago; Corinth und Rom; London und Griechenland sind ihm eins; es landet an den Küsten des baltischen und adriatischen Meeres, mit eben der Leichtigkeit, wie an den Küsten
des Saturn und Jupiters: und überall, wo es mit seinem Fernrohr, mit seinem Seherblick und dem Flügel seiner Begeisterung hinkömmt, rauscht es von Leben und Liebe, und Lust und Freude; neue
Blätter werden aufgeschlagen; neue Entdeckungen in Künsten und Wissenschaften in Umlauf gebracht. So ist das Genie die eigentliche Sphinx des Lebens; die Magnetnadel der Gegenwart und Zukunft;
der Kitt; – die Zwischenbrücke der Geister- und Körperwelt: alles was groß ist, und den Vorzug des Menschen vor dem Thier ausmacht, erst durch die Magie seines Zauberstabes geweckt und
hervorgerufen wird. Mit Hülfe dieses Einganges zur Unterwelt, dieses Schlüssels zum Universum, dieses Steges zum Himmel, dieses Wegweisers {38}
zur Hölle, dieses Charons-Nachens, worauf die Todten landen; dieses Zauberspiegels, vermittelst dessen die Gestirne an diesem Erdball auf und abwandeln, schiffte denn auch der kühne Genius des
alten Meister William, auf der großen, in heilige Überbleibsel zerfallenen Straßen alter Kunst und Vorwelt, nach Rom; entband die daselbst befindlichen Urnen des Cäsar und Brutus, ihres
verschwiegnen, tausendjährigen Siegels; machte die edelsten Geister der Vorwelt wieder frey: so daß nun ein Coriolan, ein Antonius, eine Cleopatra, wie alte Zauberköpfe aus Erz, so die Magie
hervorruft, vor unsern Augen und in unserer Mitte, sich auf und ab bewegen können. Fragt mich nun Jemand, wie es wohl zugegangen sey, daß Shakespear, in Schilderung aller dieser Charaktere,
besonders aber in dem des Coriolan, so ausgezeichnet glücklich, und zugleich so echt antik und genial gewesen: so habe ich, statt der Antwort auf diese Frage nur eine {39}
andere in Bereitschaft, nämlich die: woher es wohl kommen mag, daß ein Schriftsteller, wie Plutarch, obwohl antik genannt, ganz im Gegentheil, in Schilderung eben dieses Charakters, so echt
antigenial, so höchst unglücklich, ja man möchte fast sagen, so höchst modern gewesen sey? – Oder fühlt man sich etwa nicht versucht, das Verfahren des Plutarch modern zu schelten, wenn man
sieht, daß er ganz im Geist eines geläuterten Kanzelvortrages, einen so kleinlichen Maßstab an den alt-römischen Stolz anlegt, wie ihn nur immer die christlich bescheidenste Demuth unserer Zeiten
ausklügeln und erfinden konnte? Auch möchten die Mißverständnisse, die diesem und andern Fehlgriffen der Weltgeschichte zu Grunde liegen, sich wohl nur auf der Basis einer höhern Idee ausgleichen
lassen. Freylich haben weder der fromme Priester von Chäronäa, noch das Gefolge der Schulmeister aller Jahrhunderte, die den Todten Buchstaben zum {40}
Hauptstudium ihres Lebens gemacht, es weder je begreifen können, noch begreifen wollen: daß alle Menschen von Genie nur eine einzige, große, ungetrennte Familie ausmachen, die nirgend, nicht
einmal auf dem Planeten, dem sie angehören, und wo sie wohnen, zu Hause sind, sondern, in wechselseitiger Anerkennung ursprünglich angeborner, selig göttlicher Vorzüge, außer den Schranken von
Raum und Zeit, in unmittelbarer freudiger Anschauung Gottes und der Natur, als des einzigen lichtvollen Centrums, aus welchem lebendig wirkende Weltkräfte ausströmend hervorgehen, und in welches
sie auch wieder, gleich verlöschenden Lichtfunken, zurückkehren, ihr Daseyn anfangen, fortsetzen und vollenden, und sich, so zu sagen, die Jahrhunderte und Gestirne, wie eroberte Provinzen,
einander zum Erbe zutheilen; dagegen die Dämonen von trägerer Complexion, die dem himmelentzogenen, lichtscheuen Erdball gleichsam zum Eigenthum verfallen sind, nicht aufhören, sich ihr Lebelang
mit Wörtern, {41}
Buchstaben, Büchern und Pergamenten herum zu quälen: und da sie einmal der festen Ueberzeugung Gehör gegeben, daß die Stadt Gottes wirklich in Zeit und Raum erbaut werden kann, sich auch keine
Mühe des – Ziegelstreichens dabey verdrießen lassen – Geistern dieser Art ist der Weg zum Himmel völlig verschlossen; und schon dadurch zeigen sie an, daß sie dem Planeten, der sie hervorbrachte,
gänzlich angehören, daß sie in dem Tage desselben so recht zu Hause sind; denn je mehr ihnen, das himmlische Licht des Gedächtnisses, Vernunft und Phantasie, ausgegangen ist: je vollkommner muß,
nach einer sehr natürlichen Folge, ihnen die irdische Leuchte der Bibliotheken ins Auge schimmern; daher sie denn auch alles, was ihnen durch die große Landstraße der Gelehrsamkeit, und die
Schiffs-Brücken der Schulweisheit zugeführt wird, einen ganz besonderen, ja ausschließenden Werth legen. In alle dem, was wir den Mikrologismus historischer {42}
Wissenschaften nennen, pflegen solche Köpfe vorzüglich bewandert zu seyn. Shakespear könnte von ihnen sogleich lernen, daß es in Böhmerland kein Meer, so wie es in Rom weder Glocken noch Trommeln
zu den Zeiten Cäsar‘s und Coriolan‘s gegeben hat. Ueberhaupt sind die Bücher, nach ihrer Ansicht, nicht sowohl ein Resultat des Genies, als vielmehr die Genies selbst ein Resultat der Bücher; ein
Standpunkt der Dinge, der, wenn man ihn einmal gehörig ins Auge gefaßt hat, und sich dabey einer geziemenden Gründlichkeit befleißigt, uns allmählig dahin bringt, für gewiß anzunehmen, daß die
Bibliotheken älter sind, als die Gestirne, und ein Stück Pergament höher zu achten sey, als Himmel und Erde.
Die Beweisstellen aus den Alten, die dieser meiner Ansicht von Coriolan‘s Charakter zur Grundlage dienen, werde ich dem Leser, wofern sich ein Platz dazu findet, in einem Anhange mittheilen.
{43}
Scenen
des
Coriolan
frey
nach Shakespear. {45}
Vorerinnerung
zu den Scenen des Coriolan.
Ohne den Werth und das Verdienst buchstäblicher getreuer Uebersetzungen, hier im geringsten schmälern, oder verringern zu wollen, hat der Verfasser dieses Werks doch, aus weiter unten angeführten
Gründen, bey seiner Arbeit das Gegentheil für nötig erachtet, und deßhalb einen ganz andern und freyeren Maßstab, als den jetzt so allgemein üblichen, wörtlicher Uebersetzungen, angenommen.
Shakespear‘s stürmisch feurigen Genius, die Kraft seiner Ausdrücke, die unmittelbar {46}
aus dem Leben geschöpfte, und eben deßhalb das Leben so unmittelbar wieder ansprechende, völlig ungekünstelte Lebendigkeit seiner Worte – Popularität möchte ich sagen, wenn dieser Ausdruck nicht
zu gemißbraucht wäre –; die kühne, gediegene Originalität seiner Wendungen und Bilder; seine männliche Haltung und unnachahmliche Tonfülle, die, nicht etwa, wie Grillengesang zirpte, sondern
überall, besonders im Coriolan, einer fast immer forthallenden, Städte und Festungen zum Streit auffordernden und bezwingenden Kriegsdromete vergleichbar, wie es seyn muß, vom Theater herunter
lautete, klang, und so das Volk, wofür er schrieb, mit fast unwiderstehlicher Gewalt, ansprach, entzückte, zu Schreck, Freude, Furcht und Schauer hinriß: – diese so hochgearteten geistigen
Eigenschaften; besonders jenen, aus wahrhaft göttlicher Abkunft erzeugten und gebornen Spiritus volatibilis, der sogleich verflogen ist, sobald man ihn, in das Ge- {47}
fäß irgend einer todten Büchersprache einzukerkern, Anstalt macht, und dem Besitzer eines solchen Kunstgefäßes sodann weiter nichts, als, außer der spröden, gläsernen Masse, eine gute Dosis, von
grammatisch und metrisch präparirtem Phlegma, in der Hand zurückläßt: – dem Genius unserer Sprache gemäß, in einem gleichlautenden, muthathmenden, freudigen Deutsch, was sich dem Altenglisch
jener Zeit, schon in Klang und Ausdruck auf gut Lutherisch, annäherte, wo nicht im Einzelnen wiederzugeben, doch hier und da gleichnißweise wenigstens durchblicken und ahnden zu lassen: – dabey
aber der gothisch strengen und gerechten Charakterzeichnung des Meisters, womit bey ihm Alles steht oder fällt; dieser eigentlich heiligen und unverletzlichen Treue des Originals, die in unsern
Augen jede Buchstabentreue bey weitem aufwiegt; dieser schönsten und ältesten Urkunde des Genies, wodurch eben Shakespear, Shakespear, {48}
und zum heiligen Seher aller Zeiten und aller Nationen geworden ist, auf keine Weise Abbruch zu thun, sondern sich vielmehr dieselbe überall zum unverrückten Augenmerk und Gesetz zu machen: – ein
solcher höherer, ästethischer Gesichtspunkte, wo die kühne Größe des Originals, nicht so wohl durch den Buchstaben, als vielmehr durch den Geist höherer philosophischer Naturanschauung, erkannt,
geahnt, und ausgesprochen seyn wollte: schien dem Verfasser, auf dem Weg, den er einschlug, und wo er so ausschließlich von Geist, Idee, Charakter, richtiger Zeichnung ausging, daß selbst
Plutarch, obgleich ein Alter, wegen moralischer Einseitigkeit, die er sich in Beurtheilung dieses Charakters erlaubte, im Vergleich mit dem Shakespear, von ihm modern gescholten werden mußte, um
so mehr der rechte und angemessenste zu seyn, als alle bisherigen Versuche, Meister William, zu deutsch, durch metrisch buchstäbliche Über- {49}
setzungen, auf unserm Theater sprechen zu lassen, eben, durch zu ängstliches Anhängen und Kleben an mechanische Formeln, wo nicht völlig mißglückt, doch wenigstens nicht so ausgefallen sind, daß
sie nicht neue Versuche, von mehreren Seiten, wünschenswerth machen sollten; eine Ansicht der Dinge, wofür, im Fall es etwa verlangt würde, die gründlichsten Beweise, aus einer zwölf Jahr
hindurch fortgesetzten und gleichsam praktisch betriebenen Anschauung, nebst Belegen, aus den Jahrbüchern eines der ersten deutschen Theater, zum weiteren Nachdenken des Lesers, in der Folge
beygebracht werden könnten.
Möchten diese wenigen Worte, als hinreichend erfunden werden, um den Leser sogleich auf denjenigen Standpunkt zu setzen, der dem Verfasser, für die Beurtheilung dieser seiner Arbeit, allein der
willkommene seyn darf. Dieser Standpunkt ist, wie man sieht, übrigens von der Art, daß er {50}
nicht sowohl mechanisch, mit dem Buche in der Hand ausgemittelt, als vielmehr, im Geist des alten Briten, durch lebendiges Wort, öffentliche Aufführung, oder doch geschickte Recitation, gesucht
und gefunden seyn will. Es handelt sich demnach hier weder von gleicher Zeilenlänge, noch gleicher Zeilengröße, sondern die Frage, worauf Alles ankommt, ist die: inwiefern dem Verfasser dieses
Versuchs eine tiefere Ahndung des Coriolanischen Charakters, in dem Sinn, wie ihn sich die plastische Natur, oder was völlig eins ist, wie ihn sich Shakespear gedacht hat, gelungen ist? weiter:
inwiefern, was ebenfalls nur die Erfahrung ausweisen kann, die Mittel, die er zu diesem Zweck angewendet, seinem vorhabenden Ziel gemäß sind? mit andern Worten: inwiefern sie ein, in Schrift und
Thaten, kräftig ausgedrucktes Ebenbild des Mannes, vor die Augen des {51}
Lesers, zu einer unmittelbaren und bedeutend lebendigen Anschauung bringen.
Geschrieben zu Weimar
den 15ten des Erndtemond‘s,
im Jahr 1810. {52}
Personen.
Cajus Marcius Coriolanus, ein edler Römer, der von dem gemeinen Volk gehaßt wird.
Titus Largius, Cominius - Beide Feldherren gegen die Volscier und Freunde Coriolans.
Menenius Agrippa, Freund Coriolan‘s und des Volk‘s
Sicinius Velutus, Junius Brutus - Beide Volkstribunen und Coriolans Feinde.
Tullus Amfidius, Feldherr der Volscier.
Volumina, Coriolan‘s Mutter.
Virgilia, sein Weib.
Valeria, eine Freundin der Virgilia.
Römische und Volscische Senatoren, Aedilen, Lictoren, Knechte, Volk, Soldaten, Bediente und andere Aufwartung.
Ein Theil der Handlung geht zu Rom, ein anderer Theil bey den Volsciern und Antiaten vor. {53}
Einleitungsscene.
Straße zu Rom.
Cajus Marcius, mit einem Gefolge edler, römischer Jünglinge, tritt auf.
Erster Jüngling.
Sprich, edler Marcius! Wir sind ganz Ohr;
Doch Herz und Mund bist du in der Versammlung!
Marcius.
Möcht ihr auch ein gelaßnes Wort vernehmen?
Bedenkt die Zeiten Rom‘s, worin wir wandeln;
Verwiesen ist der alte Königsstamm,
Das älteste Patriciergeschlecht,
Aus dessen Blut wir selbst entsprossen sind:
Es hat die Stadt auf ewig meiden müssen: –
Auch recht‘ ich nicht, daß dieses so geschah;
Sie hatten es durch Hochmuth wohl verwirkt:
Ich selbst focht wider die Tarquinier! –
Kein Wort mehr von der Könige Verbannung!
Nun will der Pöbel weiter um sich greifen {54}
Und seine Herrschaft überall – erstrecken.
Stets schwankender wird unsers Staat‘s Regierung;
Stets ungewisser auch hält der Senat
Dieß bäumend ungezähmte Roß im Zügel,
Das, fürcht‘ ich, doch zuletzt ihn noch herabwirft:
Dann wird aus Rom ein zweytes Griechenland,
Wo jeder Bürger herrscht, der dienen sollte! –
Noch ist es Zeit, solch Unglück abzuwenden:
An Euch, ihr Edelsten der Jüngling‘ Rom‘s,
Ihr Zweig‘ uralten, edelbürt‘gen Stammes,
Ergeht darum mein Wort: Euch mahnt mein Zuruf!
Bezeugt dem Bürger nun, durch euer Beyspiel,
Daß mehr auf angebornen Muth der Väter,
Als auf ererbten Purpur stolz ihr seid;
Und daß, sind auch die Könige verbannt,
Aus diesen Mauern, drum die königliche
Gesinnung nicht aus Rom entwichen ist.
Der Erste seyn, im Rath – und in der Feldschlacht – {55}
Dieß ist der Platz, der ziemt Patriciern;
Behauptet ihn und tragt auf eignen Schultern
Zu jeglicher Bedienung euch empor!
Der Enkel, welcher angebornen Glanz,
Durch eignes Unverdienstes That, befleckt:
Nichts hilft ein großer Nam‘ ihm, ob er auch,
In hochberühmter Ahnherrn Todtengruft,
Ihn hundertmal des Tag‘s – mit Asche scheuert.
Vergebt nicht an das Volk, was euch gebührt:
Gutwillig räumt ihm manchen Vorzug ein:
Doch wilden Trotz erwiedert mit Gewalt,
Und wär‘s Vernunft auch, was er forderte!
Nicht Zeit ist‘s, wo die Staatsverfassung schwankt,
Kornspenden, Geldvertheilung unter‘s Volk,
Aus niedrer Gunstbewerbung, vorzunehmen.
Gebieten macht den Herrn; der Diener muß
Gehorsam ihm – nicht Er dem Diener leisten.
Jetzt folgt mir ungesäumt zum Capitol,
Wo, wie man sagt, die Edeln des Senats
Bereits versammelt sind, und auch das Volk
Gesonnen ist, in der Tribunen Schutz, {56}
Mit neuer Forderung heut aufzutreten,
Die, hoff‘ ich, der Senat ihm wohl verweigert.
(Cajus Marcius mit dem Gefolge edler Jünglinge ab.)
Coriolanus,
Erster Aufzug, Erster Auftritt.
Straße in Rom.
Ein Trupp, in Aufruhr begriffener Römischer Bürger, die mit Spießen, Stangen und ähnlichen Waffengeräthschaften in den Händen, auftreten.
Erster Bürger.
Bevor wir in dieser Sache weiter Rechtens verfahren, laßt mich sprechen!
Alle.
Sprich! Sprich!
Erster Bürger.
Nicht wahr! Ihr Alle, so viel ihr seyd, fühlt euch entschlossen, lieber zu sterben, als zu hungern? {57}
Alle.
Entschlossen! Entschlossen!
Erster Bürger.
Sodann ist euch auch bekannt, wie dieser Cajus Marcius ein Hauptfeind unsers Volkes ist?
Alle.
Bekannt, bekannt!
Erster Bürger.
Ihn müssen wir zuerst aus dem Wege räumen: nach diesem – da gibt‘s wohlfeilere Kornpreise, die machen wir uns selbst!
Alle.
Genug der Worte! Zur Ausführung! Fort! Fort!
Zweyter Bürger (der sich zurückhält).
Ein Wort, gute Mitbürger!
Erster Bürger.
Sag‘ arme Mitbürger! Wir sind arm! Die Patricier sind reich! Was sie verprassen, könnte uns auf die Beine helfen. Schenkten sie uns nur, von dem Ueberfluß ihrer Speicher, so lang derselbe noch
genießbar wäre, das verdankten {58}
wir ihnen doch, wie väterliche Vorsorge und echt menschliche Aushülfe; aber sie meinen wohl, wir kämen ihnen dadurch zu theuer zu stehen, und seyen überhaupt zu nichts gut in der Welt, als, durch
unsre verhungerten Gesichter und Elend, das Inventarium ihres Überflusses, desto prächtiger hervorstechen zu machen. Zum Henker auch! Das ist eine übermütige, patricische Denkungsart, die wollen
wir mit unsern Piken und Bohnenstangen rächen, eh‘ wir selbst so dünn und unansehnlich werden, wie unsre Bohnenstangen, oder unsre Pikenschäfte.
Zweyter Bürger.
Dem Cajus Marcius also wollt ihr besonders zu Leibe?
Erster Bürger.
Ja, und das von Rechtswegen, aus dem Grunde, weil jeder gemeine Mann doch nur ein Hund in seinen Augen ist.
Alle.
Er soll uns bellen hören! {59}
Zweyter Bürger.
Nur vergeßt nicht, bitt ich euch, liebe Landsleute, was der Mann sich sonst für große Verdienste um unsern Staat erworben hat.
Erster Bürger.
Ei was! Hat er Verdienste um den Staat, so hat er sich auch bereits hinlänglich dafür, durch seinen unleidlichen Stolz und Hochmuth belohnt.
Alle.
Nein, verläumden mußt du ihn nicht, hörst du, das ist unrecht, und wir leiden es nicht!
Erster Bürger.
Ei seht doch! Was ihr guten Leute für ein zartes und fühlbares Gewissen habt! Sollte man nicht glauben? – Nun ja – Cajus Marcius ist ein Held, das wird ihm Niemand abläugnen: sofern ihr euch aber
einbildet, was er getan hat, das habe er etwa eurentwegen, oder eurer hübschen Gesichter wegen gethan: da seyd ihr gewaltig links, und steckt in einem recht groben Irrthum! Ich kann euch
versichern: der Mann denkt, bey allen seinen Handlungen, die er vor- {60}
nimmt, so wenig an Euch, als an Roms Wolf, der den Romulus säugte, noch an irgend eine andere vierfüßige Creatur, die in unsern Mauern, oder in der Geschichte umherläuft. Daß er aber ein
berühmter Mann geworden, das ist ein bloßer Zufall, er hat es nämlich seiner Mutter zu Gefallen gethan, um von ihr, bey Gelegenheit, darüber gelobt zu werden.
Zweyter Bürger.
Was der Mann von Natur nicht lassen kann, das solltet ihr ihm doch zu keinem Vorwurf anrechnen! Wenigstens müßt ihr einräumen, daß man ihn weder des Geizes noch der Habsucht beschuldigen
kann.
Erster Bürger.
Und was ist‘s denn nun mehr, wenn ich auch diese Anklage wider ihn fallen lassen muß? als ob er nicht auch ohnedieß noch so viel Fehler übrig behielte, als Haare auf unser Aller Kopf sind. Und
mein Treu, das ist genug, denk‘ ich, wenn auch ein Paar Hundert Glatzköpfe, zu seinem Besten, in dieser Ver- {61}
sammlung mit unter laufen sollten. Aber horcht, horcht! Was bedeutet dieser plötzliche Feuerlärm? dieses ein Mal über das andre ausgestoßene Freudengeschrey? Was gilt‘s, die Rebellion ist
losgelassen! Das Marktviertel steht bereits in Flammen! Was? die andre Seite der Stadt brennt, während wir dahier müßig stehn und Maulaffen feil haben? Zu‘n Waffen! Zu‘n Waffen! Zum Kapitol! Zum
Kapitol!
(Getümmel in der Menge.)
Alle.
Kommt, kommt!
Erster Bürger.
Sieh da! Wer tritt uns in den Weg?
Zweyter Auftritt.
Die Vorigen. Menenius Agrippa.
Zweyter Bürger.
Der edle Menenius Agrippa!
Ein echter Volksfreund! {62}
Erster Bürger.
Ja, das ist noch einer von den wenigen, die was auf‘s Volk halten; wenn die übrigen nur auch so dächten!
Menenius.
Was, liebe Landsleute führt ihr da in Händen?
Wohin geht euer Weg,
Mit Spieß und Stangen, was betrifft‘s, ich bitt‘ euch?
Erster Bürger.
Unser Gesuch kann dem Senat weder fremd, noch unbekannt seyn. Schon vierzehn Tage her muß es ihm geahndet haben, was wir im Schilde führen. Nun soll es zu Tage kommen. Sie haben ein patricisches
Sprüchwort, das heißt: Ein Bittsteller müsse einen guten Athem haben; wir wollen ihnen aber jetzt zeigen, daß sich mit guten Fäusten in der Welt auch was ausrichten läßt.
Menenius.
Wie Herren, gute Freunde und edle Nachbarn,
Wollt ihr durchaus euch selbst zu Grunde richten? {63}
Zweyter Bürger.
Der Müh‘ bedarf‘s nicht erst – wir sind es schon,
Wir sind‘s durch Euch!
Menenius.
Ihr sprecht, wie Euresgleichen!
Ich sag Euch! Mitleidvolle Vorsorg‘ schenkt
Euch der Senat. Ich hör‘, ihr klagt ihn an:
Weil ihr an Mangel leidet und an Theurung:
Doch, nehmt‘s nicht übel, gleiches Recht möcht ihr,
Mit euern Stäben, an den Himmel klopfen,
Und ihm bedrohen! – Theurung, böse Zeiten –
Sind Gottes – und nicht schwacher Menschen Werk:
Mit Knieverbeugungen, ihr lieben Freunde,
Und nicht mit eiteln Drohungen des Arms,
Ist solchen Uebelständen abzuhelfen!
Nein – setzt euch in gelassene Verfassung,
Sonst häuft auf Unglück Unglück ihr – Verläumndung {64}
Verdienen die die Ruder eures Staats?
Nicht doch! Wer vatergleich sich eurer annimmt: –
Den solltet ihr mit Flüchen nicht belegen.
Erster Bürger.
Wer hat sich unsrer angenommen? der Senat etwa und die Reichen? die stecken zusammen unter einer Decke. Indem wir darben, sind ihre Vorratskammern voll von Getreide. Die Kornwuchrer, – ja die
sind es, denen zu Gunsten sie neue Edikte machen. Täglich wird eine heilsame Verordnung nach der andern, die noch von alten Zeiten her in Rom, zum Schutz der Armen, gegen den Druck der Reichern,
vorhanden ist, von ihnen umgestoßen. Fruchtböden und Scheuern verschließt der Senat; dagegen wird dem Uebermuth und den Bedrückungen der Reichen von ihm Thür und Thor geöffnet. So wird dann, was
der Krieg von uns übrig läßt, zuletzt noch der Hunger und die Pest auffressen: und das ist denn die Lieb‘ und Sorgfalt alle, die wir von euch zu erwarten {65}
haben. Und darum wollen wir lieber jetzt gleich, da es noch in unserer Gewalt ist, Rom verlassen, und uns in irgend eine von den andern Pflanzstädten Italiens begeben; denn was uns hier durch
eure Vorsorg‘ übrig geblieben ist, Licht, Luft und freye Begräbnisstätte, werden uns die Götter gewiß überall finden lassen.
Menenius.
Bekennt entweder, lieben Freunde, daß ihr
Gar sehr erhitzt von großer Bosheit seyd,
Wo nicht, daß wunderseltsam Einfalt euch
Befängt! Jetzt hört ein Märchen! – Was ich euch erzähle –
Kann seyn, daß ihr es sonst auch schon gehört;
Wo nicht – so nehmt fürlieb! Ich denke so: –
Es hört was Gut‘s, sich ja auch zweimal an.
Erster Bürger.
Gut, Herr! Erzählt! Doch müßt ihr ja nicht glauben,
Durch Märchen unsern Hunger wegzufoppen.
Menenius.
Bey Leib! {66}
Erster Bürger.
Nun fangt nur an! Wir geben Acht!
Menenius.
Zu einer Zeit geschah‘s, daß alle Glieder
Sich wider‘n Bauch in Rebellion erklärten:
Ich weiß nicht, wer die Klagschrift aufgesetzt,
Doch wicht‘gen Klag‘punkt gleich enthielt der erste:
„Bauch,“ hieß es, „sitz‘ in Körpers Mitte da;
Ergebend sich dem schnöd‘sten Müssiggang;
Er schwelg‘ von fremder, unverdienter Kost;
Er flieh‘ die Arbeit, während andre Glieder
Als nützliche und thät‘ge Hausgenossen,
Säh‘n, gingen, hörten, auf die Wache zögen,
Vernunftschluß, oder – andre Sachen machten.
Die, wo nicht rühmlich, doch ersprießlich wären –
Kurz, jegliches Interesse seiner Art geschäftig,
Dem Ganzen vortheilhaften Dienst verschafften.
Der Bauch vernahm die Anklag‘ sehr gelassen;
Sodann, erwiedernd auf den ersten Klagepunkt:
Mit einer Art von unfreywill‘gem Lächeln,
Die, wett‘ ich, ihm nicht ganz von Herzen ging –
Seht etwa so – wo nicht – doch wenig anders – {67}
Denn da ich Rede meinem Bauch ertheilt,
So, denk ich, kann ich ihn auch lächeln lassen?
Erster Bürger.
Das kannst Du – aber mach's nur kurz und gut!
Zweyter Bürger.
Geschwind die Antwort Herr! des Bauches Antwort.
Erster Bürger
Nur nicht so lang damit gezögert, sonst
Wird hier der meinige mir hungrig!
Menenius.
– Also
Der Bauch versetzt den mißvergnügten Gliedern,
Die seine Einnahm‘ ihm, auf selb’ge Art,
Wie ihr die sein’ge dem Senat beneidet.
Erster Bürger.
Wie? was? auf selb'ge Art? Dem König Kopf!
Dem Wächter Auge, Herz, dem guten Rathsherrn,
Soldat dem Arme, Reiter Fuß, Trompeterin Zunge,
Nebst andern ausgestellten Seelenposten
In dieser sinnvoll menschlichen Fabrik, {68}
Der hohen, achtungwerthen Reichsversammlung. –
Menenius.
Was will der Bursch? Er nimmt das Wort mir? Nun,
Der hohen, achtungwerthen Reichsversammlung? –
Erster Bürger.
Versetzt ein Bauch? will ihr Gesetz vorschreiben?
Der blinde Pförtner, dieser praß‘ge Diener?
Verhört ihn streng! Auf jeden Klagepunkt,
Werd‘ hochansehnlicher Partey ihr Recht!
Zweyter Bürger.
Nun, folgt die Antwort, Herr, des Bauches Antwort?
Menenius.
Sogleich! Habt Ihr, wovon ihr freilich wenig habt,
Mitbürger nur ein Bißchen noch Geduld!
So sollt ihr auf der Stelle sie vernehmen.
Zuvörderst aber bitt‘ ich, merkt den Umstand: –
Mit Gravität zog er‘s in Ueberlegung – {69}
Nämlich der Bauch – und lange nicht so hitzig,
Wie ihr bey seiner Anklag‘ euch beweist –
Nahm er das Wort, hub an und sprach gelassen:
„Ihr lieben, werthen, einverleibten Glieder:
Was jenen großen Klagepunkt betrifft:
Daß all‘ und jede Nahrung ich wegfische,
Und in des Körpers Mitte, Müssiggang
Und Nichtsthun mich ergeb‘, auf immerdar:
So drückt in diesem mich ein bloßer Schein.
Denn nichts ist ja, was ich für mich behalte,
Von allem dem, was ihr mir zugewandt: –
Im Gegentheil, was dieser Kopf ersinnt;
Was dieser Fuß erstrebt, die Hand mir reicht,
Durch hundert von Kanälen, Schleusen, Brücken,
Verwend‘ ich es zum allgemeinen Nutzen;
Den andern Theilen wird es zugeführt,
Die ohne mich erschlafft zusammen sänken.
In Adern rollen Blut und Lebenssaft;
So setz‘ ich jedes Hauptrad in Bewegung,
Mit ungeseh‘nem Dienst. Ich selber sitze, {70}
In dieser Tag und Nacht geschäfft‘gen Mühle,
Ein Mühlknapp – weiter nichts! Nur etwas Kley: –
Das ist der Lohn, den ich zurück behalte!“
Erster Bürger.
Es steckt Vernunft – in dieses Bauches Antwort: –
Man hätt‘ es nimmermehr bey ihm gesucht:
Doch nun zur Anwendung! Wie paßt das Alles
Auf römischen Senat und Volk?
Menenius.
Gebt Acht!
Der römische Senat ist dieser Bauch: –
Und so wie einst der Bauch mit seinen Gliedern,
So liegt auch er jetzt mit dem Volk in Streit,
Umringt von euch rebellischen Gesellen:
Ja, ja, ihr seyd die mißvergnügten Glieder;
Denn ihr beschuldigt uns, den edlern Theil,
Dem dieses Staates Körper, Herz und Blut,
Und Nahrung, Pfleg‘ und Unterhalt verdankt,
Als ob wir müßig, und zu gar nichts nütze,
In dieser großen Reichsversammlung säßen, {71}
Und euch sogar des Lebens Stütz‘ entzögen:
Ihr Augen, Ohren, Füße, Mund und Nase,
Bis auf den Kopf, – denn da hinkt die Vergleichung –
Wärt ihr nicht unvernünftig: so begrifft ihr,
Ihr abgetrennten Glieder dieses Staates,
Daß nöth‘gen Reichthums Circulation,
Ohn‘ uns, nie zu dem Volk herunter kommt:
He! was bedünkt dich wohl zu der Vergleichung,
Du da, du großer Zeh‘ in der Versammlung?
Erster Bürger.
Herr, warum nennt ihr mich den großen Zeh‘?
Menenius.
Weil, naseweiser Bursch, du stets vorangehst;
Stets willst der Erste sein bey jedem Strauß;
Und machst das Haupt von jeder Rebellion:
Erzdummes Ding, du hast nichts zu verlieren,
Drum bist du keck und dreist, und unverschämt!
Grundböser Schelm! Doch du und deines Gleichen –
Schwenkt eure Knittel nur! – Der römische Adler {72}
Nimmt mit Armeen es von Mäusen auf;
Wenn mit einander wir zu Felde ziehen,
Wird sich‘s bald zeigen, wer den Sieg behält.
Ihr Andern, ruh‘ge Bürger, geht nach Hause,
Bis der Senat, auf Hülfe schon bedacht,
Dem Guten sie verschafft, der sie verdient.
(Zweyter Bürger, nebst einem Theil der Versammlung, die aus einander geht.)
Dritter Auftritt.
Cajus Marcius tritt auf.
Menenius.
Mein Gruß dem edeln Marcius!
Marcius.
Ich dank euch!
(an‘s Volk gewendet.)
Sieh da Roms Bodensatz, was hast du vor,
Daß den Senat du hier so wegelagerst,
Und bellend dich an seine Fersen legst? {73}
Zweyter Bürger.
Sonst hörten wir noch wohl ein freundlich Wort,
Aus euerm Mund?
Marcius.
Wer gute Wort euch gäbe,
Euch hühnerhündischen Gesellen, sündigte,
Durch unerhörte Schmeicheley. Ihr seyd,
Zu Feld und Hof, auf beide Art, gleich unnütz!
Und wer auf euch, als Löwen, Rechnung macht,
Wird, wo es gilt, ja doch nur Hasen finden,
Statt Wölfe, Füchs! – Hinweg aus meinen Augen,
Ihr den Senat beschnatterndes Gesindel,
Ihr von Natur mir ganz zuwidern Bursche,
Sucht unter kapitol‘schen Gänsen euch die Ahnherrn;
Ich mag euch nicht! Ihr seyd so zuverlässig,
Wie Schnee auf Kohl‘ und Kohl‘ auf Eis gelegt;
Wie Hagel an der Sonn‘! – Ihr macht die Miene,
Als schätztet ihr Verdienst: – ja, jedem Hals,
Sobald er den Tarpejischen Fels verwirkt hat: –
Ihr legt ihm euch sogleich als Polster unter. {74}
Der Tugend macht ihr das Verdienst zum Vorwurf;
Das Recht verwandelt ihr in Unrecht; Männergröße
Ist euch ein Dorn im Auge! Wahrlich lieber
Möcht‘ ich Schwimmfedern mir aus Bley verfert‘gen,
Und mit der knot‘gen Binse Eichen fällen,
Als deiner Gunst vertrau‘n, du leichter Kerl,
Und wär‘ es auch, um einen ganzen Teich
Von Königskronen damit auszufischen!
Kamäleon, in jeglicher Minute
Veränderst du wohl tausend mal die Farbe:
Was ist die Meinung, daß ihr so versammelt,
Auf Markt und öffentlichen Straßen, jetzt umherlauft?
Was habt ihr wider unsern edelen Senat,
Der euch allein hier noch in Schranken hält,
Daß ihr nicht tiegergleich einander anfallt?
Menenius, was suchen diese Leute?
Menenius.
Korn, edler Marcius, zu guten Preisen; {75}
Korn, nach belieb‘gen Taxen; Korn, wovon
Die Magazine Roms, – sie sagen‘s, – voll sind.
Marcius.
Sie sagen‘s! Ja, am Rauche des Kamins –
Da regeln sie den Gang des Kapitols;
Da schlägt ihr Witz in hellen Flammen auf: –
Hier können unsre Rathsherrn, wenn sie wollen,
Wie Kümmerlinge, den Bescheid sich holen:
Wer steigen, fallen, welche der Parteyen,
Durch Doppel-Heirath sich verstärken sollte;
Zum Henker auch!
Lehrt diesen Gang der Röm‘schen Staatskunst mich nicht kennen,
Der Könige Verbannung: – so hub‘s an:
Bald folgen ihnen die Patrcier nach:
Zuletzt kommt eine edle Volksregierung;
Denn dieser vornehm dünkelhafte Pöbel,
Gebt acht, er wird nicht eher Ruhe halten,
Bis er dieß Rom, das wir Patricier
Mit unserm Blut gegründet, unter seine
Geflickten Schuhe ganz getreten hat. {76}
Menenius.
Die hier sind auseinander gegangen,
Vom Donner deiner Worte schnell erweicht;
Denn Memm‘ und Schelm, das zankt bey diesem Volke
Sich um die Wett‘, und keins behält den Vorzug!
Wie steht‘s? Was treibt der andre Trupp?
Marcius.
Der kühlt
In kahlen Sprüchwörtern, sein Müthgen ab.
Erst meinte einer: „Hunger thäte weh.“
Drauf machte wieder Einer die Bemerkung:
„Der Hunger könnte Stahl und Eisen brechen,
Und Gottes Sonne schein‘ auf Arm‘ und Reiche!“
Und was dergleichen mehr – ich hab‘s vergessen!
Zuletzt ist ihnen dieses zugestanden:
Bittschreiben einzureichen bey‘m Senat,
Mit drohend ellenlangen Worten angefüllt,
Wovor die Ersten Roms erblassen sollen:
Und dieser Trost, Patrciern Furcht zu machen,
Erweckte bey dem Volke solchen Jubel, {77}
Daß es die Mützen in die Lüfte schwenkte,
Wobey es einen Mützenregen gab,
Nicht anders, Freund! als ging man damit um,
Sie an des Mondes Hörner aufzuhenken.
Menenius.
Ist dies der einz‘ge Punkt, der zugestanden?
Marcius.
Ich wollt‘, er wär‘s: so ständ es freilich gut!
Doch außerdem sind ihrer Pöbelweisheit
Auch Volkstribunen vom Senat bewilligt,
Fünf an der Zahl – der Eine Junius Brutus –
Sicinius der Zweyte – was weiß ich! –
An des Senates Stelle, hätt‘ ich lieber,
Den letzten Backstein, aus den Mauern Roms,
Dem Pöbel abzutragen, eingeräumt,
Als einen solchen Freybrief ihm verstattet,
Zu Meuterey und Aufruhr.
Menenius.
Wahrlich seltsam!
Marcius.
Ihr da! Fragment aus Menschenkindern, fort,
Nach Haus!
(Es kömmt ein Bote.) {78}
Bote.
Wo ist der edle Cajus Marcius?
Marcius.
Er steht vor dir, sofern du Gutes bringst.
Bote.
Seltsame Neuigkeit! die Volscier sind in Waffen!
Marcius.
Ein gutes Mittel, unsre schlechten Säfte
Auf einmal abzuzapfen! Sieh da kömmt
Ein Paar von unsern besten Aeltesten.
Bringt ihr Bestät‘gung dieser Kriegspost?
Vierter Auftritt.
(Sicinius Belutus, Junius Brutus, Cominius, Titus Largius nebst andern Senatoren, treten auf.)
Erster Senator.
Marcius!
Wahr ist‘s, was ihr uns letzt gesagt:
Die Volscier sind in Waffen!
Marcius.
Ihr Oberfeldherr, {79}
Tullus Amfidius, wird euch zu schaffen machen:
Durch ihn wächst das Register meiner Sünden;
Er macht um eine Sünd‘ – um Neid, mich reicher.
Im Ernst – wär‘ ich nicht Cajus Marcius,
Wohl müßt‘ ich seinen Edelmuth beneiden!
Cominius.
Ihr maßt euch oft mit ihm?
Marcius.
Ja, edler Herr!
Und wär‘ ein‘ Hälfte mit der andern Hälfte
Von dieser Welt, im grausen Kampf und Zwiespalt;
Ich – von Amfidius Partey: – so fiel ich ab,
Und stiftet‘ eine neue Sekt‘ und Aufruhr,
Bloß dessentwegen, ihn zum Feind zu haben;
So sehr bin ich durch meinen Stolz verwöhnt,
Auf diesen edlen Leuen Jagd zu machen.
Erster Senator.
Wohl, edler Marcius!
Bey solcherley Gesinnung kann
Cominius auf deinen Beystand rechnen,
In diesem Feldzug. {80}
Cominius.
Denk, daß Du‘s versprochen!
Marcius.
So halt‘ ich Wort! Komm, Titus Largius,
Noch einmal wollen wir, mit Fechterstreichen,
Dem Tit‘ Amfidius das Gesicht vernarben!
Was, edler Kriegsmann, seyd ihr steif?
Titus.
Nein, wackrer Marcius!
Nur eine Krücke dient dem Fuß zur Stütze,
Und lieber wollt‘ ich mit der andern fechten,
Als solchen edlen Strauß allein dir gönnen!
Marcius.
Recht edle Römerart!
Erster Senator.
Wer leistet uns zum Kapitol Gesellschaft,
Wo schon die Ersten Roms uns jetzt erwarten?
Titus.
Geht ihr voran!
Drauf du, Cominius! Wir folgen nach:
Euch, als den Würdigsten, gebührt der Vorrang! {81}
Cominius.
Edler Lartius!
Erster Senator (zum Volk.)
Jetzt fort zu euern Häusern, müß‘ge Bursche!
Marcius.
Nein, nein! Laß sie nur da!
Die Volscier haben Korn in Meng‘; statt Hamstern,
Will ich dieß Volk in ihre Scheuern schicken:
He, lustig Vögel! Euer Waizen blüht;
Mir nach! (Bürger stehlen sich hinweg.)
(Sicinius und Brutus bleiben zurück.)
Sicinius.
War je ein Mann so stolz, als dieser Marcius?
Brutus.
Nein, niemals sah in Rom man seines Gleichen.
Sicinius.
Als zu Tribunen uns das Volk erwählte?
Brutus.
Gabst du auf seiner Augen Spiel wohl Acht?
Sicinius.
Nie hat Verhöhnung deutlicher gesprochen! {82}
Brutus.
Kein Gott ist im Olympus vor ihm sicher!
Sicinius.
Der keuschen Luna Glanz läuft vor ihm an!
Brutus.
Der gegenwärt‘ge Krieg sey sein Verderben!
Denn Heldenruhm, auch noch so groß, vermag
Nicht aufrecht solchen Riesenstolz zu halten.
Sicinius.
Wohl ist‘s Gemüthern dieser Art so eigen,
Daß sie am leichtsten Ding schon Anstoß nehmen;
Daß ihnen selbst ihr Mittagsschatt‘ im Weg‘ ist,
Und sie im Stand‘ sind, mit dem Fuß darnach zu stoßen.
Brutus.
Daher es mich auch doppelt Wunder nimmt,
Wie‘s nur sein Stolz ertrug, Cominius
Am obersten Commandoplatz zu sehn.
Sicinius.
Mich nicht! – Ruhm ist der wilde Götze, dem er opfert,
Der ihn auch schon mit Gaben schön geschmückt; {83}
Und diesem kann er mehr im Zweyter Platze –
Verlaß dich drauf – als selbst im ersten dienen.
Somit – nimmt irgend etwas üblen Ausgang: –
So trägt der Oberfeldherr bloß die Schuld:
Ja, hätt‘ er Gut und Blut daran gesetzt,
Doch trifft ihn schielend pöbelhafte Schmähsucht –
„Ja,“ heißt‘s dann, „wär‘ das oberste Kommando
Dem Cajus Marcius zu Theil geworden:
Da hätten wir ganz andre Ding‘ erlebt.“
Brutus.
Recht! Und bey‘m glücklichsten Erfolg dagegen
Wird öffentliche Meinung, ihm zu Gunst,
Cominius Ruhm in Stücken ganz zerreißen,
Dem Cajus Marcius einen Ehren-Rock
Daraus zu machen –
Sicinius.
Wie du sagst – so ist‘s!
Cominius theilt mit Marcius seinen Ruhm;
Doch seine Schande läuft auf eigne Rechnung.
So erndtet Marcius, wo er nicht gesät,
Und seines Nebenbuhlers Fehltritt wird
Für ihn ein Auftritt neuer Ehrenstufen. {84}
Brutus.
Wie steht es? Gehen wir zum Kapitol?
Daß unser Ohr daselbst vernehm‘, auf welche Zeit
Der Abmarsch von den Truppen festgesetzt ist?
Ingleichen, was er, außer seinem Stolz,
Noch für Begleitung etwa mit in‘s Feld nimmt?
Denn daß ihm dieser nachfolgt, ist gewiß!
(beide Tribunen ab.)
Sechster Auftritt.
Das Haus des Cajus Marcius in Rom.
(Volumina und Virgilia treten auf, indem sie beide mit weiblichen Arbeiten beschäftigt, auf niedrigen Stühlen Platz nehmen.)
Volumina.
Ich bitt‘ euch, Tochter, singt oder sprecht irgend etwas, daß euern Herzen Trost einflößen kann! Ich sage euch: wäre dieser Cajus Marcius, anstatt mein Sohn zu seyn, mein Herr Gemahl: weit
wünschenswerter, als die Umarmungen eines {85}
keuschen Ehebetts und die feurigsten Beweise seiner Liebkosungen, würden mir jene Entfernungen und Lücken seyn, welche die Zeit in unsern Umgang schlüge, wodurch der Ruhm bey ihm einkehrte, und
durch deren Ueberspringung, er sich einen Weg zu neuen Ehrenstaffeln bahnte. Schon damals, als ich ihn, die einzige Frucht meines mütterlichen Schooßes, ein kaum noch zarterwachsenes Kind, in
diesen Armen hielt; ihn an dieser Brust säugte; ihn mit diesen Händen herzte: als frische Jugend immer blühender, auf jedem Schritt ihn mit Blumen schmückte; und allgemeine Bewunderung nur für
ihn die Augen auftrat: in jenen ersten Augenblicken des Gedeihens, Entfaltens, Entwickelns, Wachsthums, Aufkeimens, vom Kinde zum Jünglinge, und von da zum reifenden Mannsalter; in jenem
reizenden Uebergang, wo jegliche Mutter ihren Liebling mit so neidischen Augen betrachtet, daß sie ihn selbst nicht – und gält‘ es auch nur die Entbehrung einer Stunde – um eine wochenlange
Unterhaltung mit dem ersten Könige der Welt, aus der {86}
Seeligkeit ihrer Betrachtung hinweg verkaufen würde: schon damals dachte ich viel zu groß von mir selbst, und viel zu würdig von der Bestimmung eines Römers, als daß es mir hätte genügen sollen,
eine todte Bildsäule in die Welt gesetzt zu haben, die zu nichts dienlich erfunden würde, als um sie einmal mit andern Bildsäulen, zum todten, müßigen Schmuck, im Windzug auf irgend eine
verfallene Mauer Roms zu stellen; nein, weit andre Gedanken waren es, die diesen Busen mit der Glut feuriger Betrachtungen anfüllten; Mars, der Stifter unsres Geschlechts, sollte die Züge dieses
schönen Bildes beseelen; die Drommete des Nachruhms es zu Thaten befeuern; die Gefahren sollte mein Kind aussuchen, sich dem Tod, wie einer Braut in den Arm stürzen, und so, mitten in der
Schlacht noch des alten Denkspruches eingedenk bleiben, wie daß ihn seine Mutter nicht – um ein Marmor zu seyn – sondern den Marmor zu verdienen, als Römerin, geboren, und auf ihrem Schooße
gesäugt und erzogen hatte. So schickt‘ ich ihn denn, {87}
ungeachtet seines zarten Alters, in jenen grausam blutigen Feldzug, wider die Tarquinier, aus welchem er, Dank sey den Göttern, thatenberühmt, und seine Schläfe mit der Krone des Eichenlaubes
geschmückt, wieder zurückkehrte. Ich sage dir Tochter: das Herz hüpfte mir nicht höher in meiner Brust, vor Freuden, in jener ersten Stunde der Geburt, wo ich hörte, daß ich einen Sohn in die
Welt gesetzt, als in jener zweyten der Wiederkunft, wo ich überzeugt sein konnte, daß ich der Welt einen Mann, in meinem Cajus Marcius, geschenkt hatte.
Virgilia.
Doch fiel nun Marcius in diesem Krieg,
Geliebte Mutter? Sprecht! Wie dann?
Volumina.
Sein Nachruhm wär‘ sodann mein Sohn geworden,
Und ein‘ Abkommenschaft von großen Thaten
Mein unvergänglich Erb‘; ich sag‘ euch, Tochter,
Und ungeheuchelt Wort ist solch Geständnis:
Hätt‘ ich noch zwölf der Söhne, diesem gleich,
Und jeder mir so werth, wie Marcius: {88}
Beschied es ihnen Gott, an einem Tage,
Und fielen Eilf zugleich durch Feindeshand:
Weit lieber wollt‘ ich dieß Geschick erdulden,
Als Zeuge seyn, daß Ihrer auch nur Einer,
In schnöder Wollust Müssiggang, verdürbe.
Eine Kammerfrau tritt ein.
Valeria, edle Frau, kommt zum Besuch.
Virgilia.
So bitt‘ ich um ergebenste Entlassung!
Volumina (die sie zurückhält.)
Nein, bleiben sollst du, Kind!
Hörst du die Trommel deines Ehgemahls?
Sie schlägt hieher zu uns den Krieges-Marsch!
Mich dünkt, ich seh, wie er Amfidius
An seinem Helmbusch hält – die Volscier laufen,
Wie Kinder, die ein wilder Bär verscheucht.
Was? Auch die Unsern wenden sich zur Flucht?
Sein Zuruf donnert ihre Feigheit nieder;
Jetzt schilt und stampft mein Marcius mit dem Fuß:
„Heran, ihr Memmen! Furcht ist eure Mutter:
Sagt ihr noch einmal, daß ihr Römer seyd: {89}
So soll euch Rom, als Bastard, Lügen strafen!“
Dann hält er im Verfolgen plötzlich inne,
Und wischt den Schweiß, mit seiner Panzerhand,
So von der blut‘gen Stirn: dann wieder frisch,
Ins Schlachtfeld vorgestürmt, mäht er so emsig,
Durch hundert Feindes-Glieder sich hindurch,
Daß jeder glauben muß, er sey ein Schnitter,
Der um ein Tageslohn verdungen ist,
Das Erndtefeld, auf einen Tag herunter
Zu mähn – wo nicht, sein Schnittgeld zu verlieren.
Virgilia.
Blut, sagst du, Blut an seiner Stirn? Ihr Götter,
Kein Blut! Kein Blut!
Volumina.
Warum nicht, thöricht Kind?
Weicht nicht die prächtigste Trophä‘n-Vergoldung
Dem Glanze frisch vergoßnen Männerbluts?
Ich sage dir, der Busen Hekubas,
Den lieblich sie, als Kind, dem Hektor reichte,
Er übertraf an Reiz nicht Hektors Stirn, {90}
Als sie, im griech‘schen Waffentanze, Rosen
Und Tod zugleich dem Feind entgegenstrebte.
Virgilia.
Wilder Amfidius! Beschütze Gott
Vor deinem grausen Anfall meinen Herrn!
Volumina.
Gott gab Amfidius Marcius unter‘s Knie;
Er wird den Fuß auf seinen Nacken setzen.
Siebenter Auftritt.
(Valeria, die, in Begleitung eines Römers und einer Kammerfrau, in das Zimmer tritt.)
Valeria.
Ihr edlen Frauen Roms, seyd mir gegrüßt!
Ihr sitzt ja beide recht beschäftigt da.
Was habt ihr vor? Gar eine Stickerey?
Sieh, eine feine Arbeit, in der That!
Virgilia, was macht euer kleiner Sohn?
Virgilia.
Dank eurer Herrlichkeit, der güt‘gen Nachfrag‘! {91}
Volumina.
Der artet seinem Vater nach. Er hört
Auch lieber Schwerter fechten, Trommeln schlagen,
Als daß er dem Orbil zur Schule folgte.
Virgilia.
Ein kleiner Trotzkopf, der mir tausend Sorgen macht!
Valeria.
Virgilia, leg jetzt deine Stickerey bey Seite,
Und mach‘ ein Mal, auf einen Nachmittag,
Die müß‘ge Hausehr‘, in den Straßen Roms!
Komm, ein Paar Straßen mit uns durchzuschlendern!
Virgilia.
Mit diesem Vorschlag habt mich heut entschuldigt!
So lang‘ mein Marcius zu Felde liegt,
Hab‘ ich gelobt, setz‘ ich nicht einen Tritt
Vor meine Thür und über diese Schwelle: –
Und unverletzlich halt‘ ich dieß Gelübde!
Valeria.
Komm, einer Freundin, deren Niederkunft
Besuch erheischt, Besuch jetzt abzustatten. {92}
Virgilia.
Geht ihr zwey! Mein Gebet soll sie besuchen!
Mich selber bindet ein Gelübd‘ an‘s Haus,
Wie sie ihr Kind an‘s Bett –
Valeria.
Virgilia,
Du spielst in Rom die zweyte Penelopeia;
Doch sey auf deiner Hut! Denn wie sie sagen
Hat alles Garn, was jen‘ in des Gemahl‘s
Abwesenheit einst spann, doch nur gedient,
Ganz Ithaka mit Motten anzufüllen.
Das merk dir! Laß die Arbeit endlich ruhn!
Komm, schenk‘ ein Mitleid deinem Kammertuch
Willst du kein Mitleid deinen Fingern schenken:
Hör‘ auf ein Mal sie beide zu zerstechen!
Komm, komm, Virgilia, und bist du artig,
Nun so erzähl‘ ich dir auch unterwegs
Die Nachricht, die vom Heer ist eingelaufen.
Virgilia.
Es kann nicht seyn, es ist wohl noch zu früh!
Valeria.
Ich scherze nicht, schon seit vergangener Nacht! – {93}
Virgilia.
Was sagst du, süße Freundin?
Valeria.
Nichts als Wahrheit!
Zwey Senatoren traf ich im Gespräch,
Und wohl vernahm ich dieser Sache Hergang.
Der Volscier Krieges-Heer ist ausgezogen,
Und wider dieß ist schon Cominius
Im Anmarsch, mit dem Kern der Röm‘schen Truppen.
Doch euer Herr und Titus Largius
Belagern beid‘ indeß Corioli
Und hoffen kurze Arbeit dort zu machen!
Nun aber bitt‘ ich dich, sey auch kein Kind,
Geh mit uns! Denn da heut‘ ein Glückstag ist,
Kannst du dich öffentlich in Rom auch zeigen.
Virgilia.
Verzeihung, edle Freundin, wenn ich dir
In diesem Wunsche nicht willfahren kann:
Zu jedem andern bin ich gern gefällig.
Volumina.
Komm, komm, Valeria, und laß sie gehn! {94}
In dieser störrischen Gemüthsverfassung
Würd‘ ja ihr Anblick unsre Lust nur stören!
Valeria.
Es dünkt mich selbst so! Dennoch hätt‘ ich‘s gern!
Es soll nicht seyn! Nun, edle Frau, lebt wohl.
(Gehend, und dann plötzlich wieder zurückkehrend.)
Virgilia, nimm guten Rath an, komm!
Komm! Weise diesem feierlichen Ernst
Zum wenigsten auf einen Tag die Thür!
Virgilia.
Ein Wort für hundert! Quält mich nicht! So wenig
Ihr bittend dieses Haus von seiner Stelle:
So wenig werdet ihr, durch eure Bitten,
Von diesem Platze mich hinwegbewegen!
Valeria.
Nun dann – du Unerbittliche, leb wohl! {95}
Achter Auftritt.
Mauern von Corioli.
Marcius und Titus Largius.
Marcius.
Ein Bote, mit der Nachricht einer Schlacht?
Lartius.
Bey meinem Reitpferd, nein! Noch ist‘s zu früh!
Marcius.
Gut, Pferd um Pferd! Die Wett‘ ist gültig –
Lartius.
Topp!
Marcius (zum Boten.)
Was Gut‘s aus unserm Heer? Wie läuft die Schlacht?
Bote.
Wir liegen hart einander gegenüber;
Allein noch haben wir kein Wort gesprochen! {96}
Lartius.
Das Pferd verspielt!
Marcius.
Ich kauf‘s euch wieder ab!
Lartius.
Nichts von Verkauf und von Geschenk! – Jedoch
Leihe will ich euch das Pferd, sofern ihr‘s wünscht,
Und wohl ein halb Jahrhundert reiten lassen.
Trompeter! frisch, die Stadt nun aufgefordert!
Marcius (zum Boten.)
Wie weit zur Hauptarmee?
Bote.
Ein‘ und eine halbe Meile!
Marcius.
So kann von unserm und des Konsuls Heer,
Im Wind sich der Trompetenstoß vermischen:
Nun rüstig, Mars! Mach uns hier kurze Arbeit,
Damit wir unsern Waffenbrüdern dort,
Im freyen Feld, von Blut die Schwerter rauchend,
Zu rechter Zeit, noch Hülf‘ entbieten können!
Trompeter, komm, blas‘ ihre Mauern um!
(Trompeter wird abgeschickt.) {97}
Rathsherren, nebst Bewohnern der Stadt, zeigen sich auf den Mauern von Corioli.
Marcius.
Ist Tull‘ Amfidius in euern Mauern?
Erster Rathsherr.
Nein! Aber wenn euch Kunde dessen frommt:
Kein Mensch ist in der Stadt, der sich nicht weniger
Vor euch, wie Tull‘ Amfidius noch fürchtet,
Und das, Herr, wißt ihr wohl, ist wenig g‘nug.
(Trommeln in der Entfernung.)
Schon wirbelt unser Kriegsmarsch, diese Trommeln
Versammeln unsre waffenlust‘ge Jugend!
Wir selbst zerbrechen Pallisad‘ und Mauern;
Spart, Römer, das Belagerungs-Geschütz!
Von uns, dem edeln Rath, ist angesagt,
Das Thor mit ein Paar Binsen zuzuriegeln:
Nur ein Trompetenstoß: – so springt es auf!
Wir wollen uns im freyen Feld besprechen!
(Kriegsgetümmel in der Entfernung.)
Hört ihr das Jauchzen fernen Kriegstumults? {98}
Amfidius Stimm‘ ist‘s, die am Himmel ruft;
Sein donnerndes Signal zerreißt die Luft;
Wie sein Geschoß die dichtgekeilten Reihen
Des Römerheeres auseinander wirft!
Marcius.
Sturmleitern her! Auch uns gilt dieß Signal!
(Trommeln. Gefecht. Die Volscier machen einen Ausfall.)
Marcius.
Die Stadt macht sonder Furcht den ersten Ausfall!
Römer! Bedeckt mit Schildern eure Brust und fechtet
Mit Herzen, die noch fester sind, als Schilder!
Mir kocht das Blut, wenn ich daran gedenke,
Daß, ihre Mauern sie verlassend, uns
Die Stirn, in freyen Feld zu bieten wagen.
Schließ unsre Reihen, Titus Largius:
Wer aus der Linie einen Schritt zurückweicht:
Ihn soll mein Schwert für einen Volscier halten,
Und ein Weg durch seinen Busen sich, {99}
Wie jetzt die Volscier ihn durch ihre Mauern suchen!
(Römer werden in die Verschanzungen zurückgeschlagen.)
Marcius, (indem er die Flucht der Seinigen aufhält.)
Alle Uebel, die ein fauler Süd
Ausbrütete, in lybischer Sommerhitze,
An euern Hals! Treff euch ein Heer von Fiebern,
Bis ihr, vom Kopf zu Fuß, ein Siechhaus seyd,
Und meilenweit im Wind einander ansteckt,
Ihr Schelmgesindel! Ihr Deckmäntel röm‘scher Schande,
Die jeder Wind des Ohngefährs empor bläst!
Ihr Gänseseelen, auf zwei Menschenfüßen!
Was hat so große Furcht euch eingejagt,
Daß ihr vor einem Feinde jetzt davon lauft,
Den Affen schlagen würden, wenn sie wollten,
Und Trommeln hätten! Höll‘ und Pluto! Ueberall
Nur von der Furcht zu Gyps gebleichte Angesichter,
Nur rothe Rücken, Schwertstreich‘ auf den Hintern! {100}
Zurück! zurück! – sonst will ich, wie ein Feuer,
Aus Wolken fallend, hier in euren Gliedern
Mir ein Stück Arbeit machen, bis es g‘nug ist!
Die Schlachtordnung gleich wieder hergestellt!
Wie sie in die Verschanzung unsers Lagers:
So müssen wir sie wiederum zurück
Nun in die Stadt, zu ihren Weibern schicken!
Neuer Angriff.
Schlacht. Flucht, die Volscier entweichen durch die geöffneten Stadtthore von Corioli.
Marcius.
Das Thor eröffnet sich nicht nur der Flucht:
Es nimmt zugleich auch die Verfolgung auf!
Mir nach, wer unter euch ein echter Römer ist!
(Stürzt sich hindurch, und in die offenen Stadtthore, die sogleich wieder hinter ihm von den Volsciern verschlossen werden.)
Erster Soldat.
Tollkühner Streich!
Zweyter Soldat.
Das gleicht dem Marcius! {101}
Dritter Soldat.
Wer ist ein echter Römer?
Erster Soldat.
Ich nicht, ich bleibe hier!
Zweyter.
Ich auch!
Dritter.
Ich ebenfalls! Das Thor ist wieder zu:
Nun werden sie den Römer ihm gedenken!
Titus Largius (tritt auf.)
Wo ließt ihr Marcius?
Erster Soldat.
Der liegt in der Stadt,
Vermuthlich unter den Erschlag‘nen da!
Zweyter Soldat.
Er saß zu nah‘ den Flücht‘gen auf der Ferse;
Sie haben hinter ihm das Thor verschlossen:
Nun hat er‘s mit der ganzen Stadt zu thun.
Titus Largius.
O edler Kämpe!
Hochherz‘ger, löwenkühner Marcius!
Ein fühllos Schwert ist kaum so brav, wie du: {102}
Je mehr gebeugt, je tapfrer springst du aufrecht!
Ja, ein Juwel, von deiner Lebensgröße,
Vermöchte Rom noch deinen Werth nicht zu ersetzen!
Du warst ein Krieger, ganz nach Kato‘s Wunsch,
Dem Feind nicht bloß durch Schwertstreich fürchterlich; –
Dein kühner Adlerblick, der Donnerruf
Von deiner Stimm‘ – auch dieser tödtete.
Als deine Mutter dich gebar, bekam
Die Welt ein Fieber, – und verlor‘s erst wieder,
Als vor Corioli du fielst. –
Erster Soldat.
Sieh da? wer kommt?
(Die Thore werden geöffnet. Cajus Marcius erscheint auf‘s Neue fechtend, blutend, von einem Wald von Speeren bedrängt, mitten unter den Bürgern von Corioli.)
Titus Largius.
Ist das nicht Cajus Marcius?
Entreißt ihn – oder laßt euch selbst in Stücken reißen! {103}
(Soldaten dringen an. Schlachtgetümmel. Römer stürmen fechtend, unter Führung des Cajus Marcius und Titus Largius, in die Stadt.)
Beute machende römische Soldaten.
Erster Soldat.
Dieß Bündel geht nach Rom! –
Zweyter Soldat.
Dieß auch!
Dritter Soldat (der etwas wegwirft.)
Unächtes Zeug! Ich dacht‘, es wäre Silber!
(Marcius und Titus Largius treten auf, mit ihnen ein Trompeter.)
Marcius.
Sieh diese Plünderbanden! dieb‘sche Dohlen!
Nicht röm‘sche Adler! – die die Größe Roms,
Auf eine liederlich zerbrochne Drachme setzen.
Kochlöffel, Polster, altes Eisengeräthe,
Nebst Kleidungsstücken, wie sie Henkersknechte,
Mit den Gehangenen, zu verscharren pflegen:
Das Alles dünkt, in Bündel eingeschnürt,
Schon ihrer Raubbegierde gut genug! {104}
Und das bevor die Schlacht einmal geendigt ist!
Herunter mit den Bündeln da, ihr Schelme!
Hört ihr das Trommeln? Unser Consul ruft!
Ins freie Feld! mir nach zur Hauptarmee!
Dort ficht der Mann, den meine Seele haßt,
Amfidius, und bricht die Glieder unsrer Römer!
Nimm, Titus Largius, Truppen zur Besatzung,
So viel dir gut dünkt: mit den Uebrigen,
Sofern sie gleiches Muth‘s, wie ich, beseelt sind,
Flieg‘ ich nun dem Cominius zu Hülfe!
Titus Largius.
Mein Marcius, zu stark war dieser erste Anlauf:
Es wird zum zweyten dir der Athem fehlen!
Marcius.
Nicht doch! Das Bißchen Krieg hat mich kaum warm gemacht!
Titus Largius.
Doch blutest du! –
Marcius.
Das Blut, was ich vergieße
Ist, wie ein verordneter Aderlaß, nur heilsam; {105}
Ich denk‘, es gibt mir einen guten Anstrich:
Ich will mich dem Amfidius so zeigen!
Titus Largius.
So bet‘ ich denn zu dir, Fortuna, o verfalle
In heiße Liebesbrunst zu unserm edeln Krieger!
Leg eine Zauberbind‘ um jedes Feindes Auge;
Lenk‘ jedes Feindes Schwert an ihm vorüber,
Und mach ihn fest, vom Wirbel bis zur Ferse.
Marcius.
Fortuna schenk‘ auch dir den höchsten Platz,
Auf ihrer Kugel, Freund, für diesen Wunsch!
(ab.)
Titus Largius.
Mannhafter, edler Marcius, leb‘ wohl!
(Zum Trompeter.)
Versamml‘ indeß die Bürger dieser Stadt,
Auf öffentlichem Markt, daß sie daselbst
Die Capitulation von mir vernehmen! {106}
Zehnter Auftritt
Römisches Feldlager
(Cominius, der mit den Seinigen in einem Rückzug begriffen ist.)
Cominius.
An diesem Hügel setzt euch! Gut gefochten,
Wie Römerart ist! Nicht im Stand zu hitzig,
Nicht zu geschwind im Rückzug! Nach der Stellung,
Greift uns der Feind wohl heut‘ noch einmal an! –
In Zwischenpausen des Gefecht‘s vernahm ich,
Wenn von Corioli der Wind hierher stand,
Daß dort die Unsern Generalmarsch schlugen.
(Mit aufgehobenen Händen.)
Schenkt, güt‘ge Götter, unsern Waffen Glück!
Verleih, was unser Wunsch, auch ihnen Sieg,
Damit bey‘m freudigen Zusammentreffen,
Dankopfer euch von beiden Herren stammen! {107}
(Ein Bote tritt auf.)
Cominius.
Was bringst du Neues?
Bote.
Einen Ausfall, Herr!
Die Bürger von Corioli, sie haben
Den Unsern eine blut‘ge Schlacht geliefert.
Comenius.
Wie blutig? sprich!
Bote.
Als ich das Heer verließ,
Wich eben unsere Partey, vom Feind
Verfolgt, in die Verschanzungen zurück.
Comenius.
Freund, du sprichst übel, selbst im Fall du Wahrheit sprichst.
Wie lang ist‘s her?
Bote.
Gut über eine Stunde!
Cominius.
Unlängst noch hörten wir von dorther trommeln:
‘s Ist eine Weil, da läuft man keine Stunde:
Was ist‘s, das deine Botschaft so verzögert? {108}
Bote.
Kundschafter, so die Volscier ausgeschickt:
Sie hatten Wind, und machen Jagd auf mich:
Durch Umweg‘ konnt‘ ich ihnen nur entweichen,
Von ein Paar Meilen; anders wär‘ ich wohl
Vor einer halben Stund‘ schon angelangt!
Cominius.
Gut so! Geh Bursch! Trag deine Furcht uns aus den Augen!
(Bote ab.)
(Cajus Marcius zeigt sich in der Entfernung am Hügel.)
Cominius.
Wer ist‘s, der an dem Hügel dort heraufsteigt?
So blutig und verstümmelt er auch aussieht,
Doch kommt er kenntlich meinen Augen vor!
Gestalt und Gang hat er vom Marcius.
Ist’s Marcius? oder ist’s nur ein Gespenst?
Nein, nein er ist es selbst! – Wohl eher hab‘ ich
So zugerichtet ihn vom Feind gesehn!
Marcius,
(noch von weitem, mit donnernder Stimme.)
Komm‘ ich zu spät? {109}
Cominius.
Ja, dieß ist Cajus Marcius Stimme!
Kein Schäfer kann den Hall des Donners sichrer
Von einer Trommel unterscheiden, als mein Ohr
Des Cajus Marcius Stimm‘, aus allen andern Stimmen
Des menschlichen Geschlechtes unterscheidet!
Marcius. (tritt hervor.)
Komm ich zu spät?
Cominius.
Ja, wenn dieß Blut, worin du dich gekleidet,
Dein eigner und kein fremder Mantel ist!
Marcius (ihn umarmend.)
An meine Brust – in meine Arme – so gesund,
Wie da, als wir am ersten Hochzeitsabend,
Die Braut umarmten, und uns hundert Kerzen
Herabgebrannt, nun bettwärts leuchten wollten.
Cominius.
Nun meld‘ uns schnell, du Blum‘ aller röm‘schen Krieger:
Wie steht‘s mit Titus Largius? {110}
Marcius.
Wie mit Einem, der Dekret in Menge abfaßt;
Jetzt Todes-, jetzt Verbannungsurtheil spricht;
Bald mit Ranzionen, bald mit Bündnissen beschäftigt:
Mit einem Wort: er hat Corioli,
Gleich einem Windhund, der ihm schmeichelnd folgt,
Das große, römische Halsband umgelegt,
Und führt‘s an seinem Strick, wohin er will.
Cominius.
Wo ist der Sklave, der uns die Nachricht brachte,
Als wären wir in die Verschanzungen
Vom Feind zurückgetrieben? Bringt ihn her!
Ich will ihn peitschen lassen.
Marcius.
Thu‘ es nicht!
Du könntest sonst die Wahrheit peitschen lassen!
Denn allerdings stand unsre Sache mißlich!
Ja, unsre saubern Herrn vom Pöbelstand –
Bestrafe Gott dafür sie mit Tribunen –
Geschäftiger läuft keine Maus vor einer Katze, {111}
Als sie bey‘m ersten Schall der Trommeln liefen,
Die uns die Volscier entgegen schickten!
Cominius.
Wer machte diesen Fehler wieder gut?
Marcius.
Ist jetzt Erzählen‘s, Sattelhenkens Zeit?
Sagt, wo der Feind? und seyd ihr Meister von dem Schlachtfeld?
Wo nicht – was feiert ihr, bevor ihr‘s seyd? –
Cominius.
Mein Marcius, des Feindes Uebermacht
Hat in dem Augenblicke, wo du ankamst,
Zu einem Rückzug eben uns genöthigt.
Marcius.
Wie steht die Schlachtordnung? Auf welcher Seite
Sind ihre besten Truppen aufgestellt?
Cominius.
Ihr Centrum, machen Antiaten aus;
Das ist der Kern, den führet Amfidius,
Ihr Schild und Kriegsgott.
Marcius.
Höre mich, mein Consul! {112}
So sey denn mir dieß Centrum zugedacht!
Bey allen Schlachten, die wir je gefochten;
Bey allem Blute, das wir je verspritzt;
Bey jeglichem Gelübd‘ von unsrer Freundschaft,
Beschwör‘ ich dich: gib mir die Antiaten!
Gib den Amfidius mir in meine Hand!
Dieß ist mein erster Wunsch; sodann der zweyte:
Daß du den Angriff länger nicht verschiebst.
In dieser nämlichen Minute noch,
Laß wildes Schwertgeklirr die Luft erfüllen,
Und Mars entschüttle seine blut‘gen Loose!
Cominius.
Zwar säh‘ ich lieber, daß ein heilsam Bad
Die Glieder meines Marcius erfrischte;
Doch wag‘ ich‘s kaum, dir etwas abzuschlagen: –
Es sey denn! Lies dir selbst die Mannschaft aus,
So viel zu deinem Plan erforderlich!
Marcius.
Hier braucht es keiner langen Musterung:
Freywill‘ge nur erfordert solch ein Dienst!
(Indem er in die Mitte der Soldaten tritt.)
Sind irgend ein‘ge Männer unter Euch, {113}
Woran es Sünde fast zu zweifeln wäre,
Die sich in einer Schminke wohlgefallen,
Wie ich sie hier auf meinem Antlitz trage:
Sind ferner andre da, die lieber Stich
Und Wunden, ihrem ird‘schen Theil, dem Leib,
Als Flecken ihrem Namen gönnen wollen;
Zuletzt auch solche, welche höher Ruhm
Und Nachwelt achten, als des Müßiggang‘s
Gewohnheit, Essen, Trinken, Schlafen: –
All‘ Solche bitt‘ ich nun hervorzutreten,
Wär‘s einer nur – er wiegt mir hundert auf;
Sind‘s Mehrere, verkünde solche Schwenkung
Der Hand, ihr gleicht dem Marcius an Gesinnung.
(Soldaten schwenken ihre Helme, Schwerter und Lanzen hoch in die Luft. Alle strecken ihre Hände zum Cajus Marcius aus, und wiederholen das ihnen vorgeschriebene Zeichen; indeß die Veteranen ihn
auf ihren Schildern empor heben.)
Marcius.
O nehmt mich hin, und macht ein Schwert aus mir! {114}
Tragt in die Schlacht mich! Schwenkt mich hoch empor!
Nun, da ihr die Gesinnung so erprobt,
Was braucht ihr mich noch? Jeder unter euch,
Ihr Römer, ist allein vier Volscier Werth!
Es wird auf ihn, auf jeden unter uns,
Gleich einem unzerbrechlich wohlbeschaffnen,
Bewährten Eisenschild, Amfidius stoßen.
Habt sämmtlich Dank für euern guten Willen!
Nun bitt‘ ich euch, eröffnet euern Zug,
Und zieht in Reih‘ und Glied an mir vorbey,
Daß ich die nöth‘ge Mannschaft auserlese:
Murrt nicht, wenn ihr auch heut nicht alle mitkommt:
Euch Andre – trifft ein ander Mal die Reihe!
(Truppen ziehen vorüber.)
(Cajus Marcius mustert sie. Sodann mit den Freywilligen, wie Cominius mit dem andern Theil des Heeres, ab.)
Marcius und Tullus Amfidius,
die gegen einander auftreten.
Marcius.
Tullus Amfidius! {115}
Amfidius.
Cajus Marcius!
Marcius.
Dich sucht‘ ich!
Amfidius
Dich verfolgt mein glüh‘nster Seelenhaß!
Marcius.
Mich dünkt ein schwarzer Meineid ungestraft:
So lang‘ du noch das Sonnenlicht befleckst!
Amfidius.
Das heiße Africa zeugt keine Schlange,
Die heißer mir in‘s Auge sticht, als dein Ruhm!
Marcius.
Setz deinen Fuß auf!
Amfidius.
Wer zurückweicht, sterbe
Des Andern Sklav‘!
Marcius.
Und nach dem Tod verliere,
Durch Götterspruch, er den Olymp dazu!
Wo glaubst du, daß ich diese Maske roth gefärbt? {116}
Im Blut der Bürger von Corioli!
Zwey Stunden lang focht ich in euren Mauern;
Der Deinen Blut ist, was an dieser Rüstung sitzt:
Auf, räch' es, wenn du kannst!
Amfidius.
Und wirst du glorreicher, wie Hektor selbst,
Die Geißel unsrer hochgepriesnen Ahnherrn:
Für diesmal, solltest du mir nicht, entwischen!
(Sie, fechten, Zweykampf. Volscier, kommen dem Amfidius zu Hülfe.)
Amfidius (der mit ihnen zurückweicht)
Dienstfert'ge Schurken! Unerbetne Hülfe!
So zwingt ihr schammoth mich zurück zu weichen.
(Cajus Marcius und Titus Largius, an der Spitze eines siegreichen Römerheers, ziehen mit Musik auf.)
Cominius.
Heil! dreymal Heil, dir, edler Marcius!
Dein ist der Tag und dir gehört der Ruhm!
Wolle ich die Chronik aller Thaten seyn,
Die du an diesem einzigen Tag verübt:
Du würdest Fabeln selbst zu hören glauben: {117}
Drum spar' ich lieber die Erzählung auf,
Bis da, wo vor versammeltem Senat
Und römschem Volke, Lächeln sich und Thränen
Vernischen werden, wo der blasse Neid,
Der oft so klein die größesten Patricier macht,
Erst horchen, zweifeln, – dann bewundern wird:
Wo, eins ums andre, römische Matronen
Vor Furcht erblassen; angenehm erstaunen;
Vor Freuden schreyen, vor Betrübniß weinen –
Und dennoch solcher wundervollen Thaten
Mitt‘, End‘ und Anfangs werden hören wollen:
Zuletzt, wo feiggesinnt selbst die Tribunenschaar,
Ganz reuzerknirscht an ihre Brust zu schlagen,
Und auszurufen wird gezwungen seyn:
„Wir danken Gott, daß Rom er solchen Kriegsmann gab!“ Doch hielt’st du in Corioli schon volle Mahlzeit,
Und sprachst bey uns nur wie zum Nachtisch, zu.
(Titus Largius kömmt mit einem Theil des Römerheers.)
Cominius.
Was bringt du, Titus Largius? {118}
Titus Largius
(auf die ihn begleitende Mannschaft zeigend.)
Nur das Geschirr: –
Das edle Siegsroß selbst flog längst in eure Mitte!
(Auf Marcius zeigend.)
O hättet ihr ihn eignes Aug's gesehn!
Marcius.
Still, Titus Largius! Was hast du vor?
Auch meine Mutter, welcher doch Natur,
Ein Recht, ihr Blut zu loben, eingeräumt,
Verfiel zuweilen in dieselbe Laune
Und brachte mich dadurch aus aller Fassung!
Was ist's denn auch, was Großes ich gethan,
Was jeder unter Euch nicht auch verrichtet?
That jeder doch, nach seinem besten Willen!
Bey Gott, und wer dem seinigen hierin
Genug geleistet, sey er, wer er sey;
Der Mann hat mehr noch, als ich selbst gethan!
Cominius.
Du sollst das Grab nicht deiner Thaten werden: Geheimhaltung wär' Hochverrath an Rom: {119}
Willst du so weit die Ruhmverschwendung treiben:
So ist's an uns, den Vormund dir zu setzen.
Drum denk‘ ich dir, mein Cajus Marcius,
Ein öffentlich verdientes Ehrenzeichen,
Im Angesicht des Heer's hier beyzulegen,
Und diesem die Erwähnung deiner Thaten,
Zugleich mit kurzen Worten, beyzufügen.
Marcius.
Verzeiht! ich hab' hier ein Paar alte Wunden,
Die aufgehn, wenn sie von sich schwatzen hören.
Cominius.
Ein trifft'ger Grund noch mehr, um nicht zu schweigen!
Ihr stiller Mund würd' über Undank klagen,
Und das mit Recht, wofern wir stumm seyn wollten!
Darum wir öffentlich, mit Einstimmung
Des ganzen Heers, als Consul, dieß beschließen:
Es sey dem Cajus Marcius vergönnt,
Von allem, was an Pferden, Gold und Silber,
Als Beut uns irgend zugefallen ist,
Den dritten Theil für sich hinweg zu nehmen {120}
Marcius.
Das Anerbieten schätz ich, wie ich soll:
Doch wollt es meiner Seits mir nicht verübeln: –
Ich kann's einmal nicht über mich erhalten,
Mein gutes Schwert mit Gold hier zu bestechen:
Drum laßt nur der Vertheilung freyen Lauf!
Stets haßt‘ ich jeden Vorzug in der Beute:
Was auf mein Theil kommt, nehm ich, weiter nichts.
(Allgemeiner Tumult and Freudengeschrey im Heer, Trommeln, Drommeten. Soldaten schwenken ihre Helme in die Luft, rufen einmal um das andre: „Marcius! Marcius!“ indeß stehen denn sie Cominius und
Titus Largius, als Feldherrn, mit entblößten Häuptern vor ihm da.)
Martius.
Still! Still! Was haben Trommeln und Drommeten
Mit dieser Beutvertheilung hier zu schaffen?
Werd' jeglichem metallnen Mund aus Erz,
Der angestammte Würde so verläugnet,
Daß er so niederm Dienst sich hergegeben,
Sein männlich guter Klang auf immerdar
Dafür entnommen! Still! Wo sind wir denn? {121}
Ziemt dieß Betragen Lagern oder Städten?
Wenn Trommeln und Drommeten Schmeichler werden;
So laßt nur gleich aus Müßiggang und Seide,
Anstatt aus Stahl, uns Waffenröcke machen!
Und wenn des röm’schen Adlers Majestät,
In ein zärtlich girrend Taubenpaar verwandelt,
Auf den Panieren der Quiriten Platz nimmt:
So mag nur auch zu gleicher Zeit Verstellung
Und Höflingsgunst ein Zelt mit uns bewohnen!
Was ist die Sach'? Wie? Soll, wenn einem Mann
Die Nase blutet, und er sie nicht wusch,
Ein Heer sogleich in die Trompeten stoßen?
Und weil ich ein Paar Schelme niederlief,
Was Mancher unter Euch ja auch gethan:
Müßt ihr darum aus übertriebnen Worten,
Mir euer Lob sogleich zur Tragbahr’ machen‚
Um in den Himmel mich empo zu heben?
Denkt ihr, ich sey so klein, daß ich Gefallen
An solcher thörichten Erhöhung finde?
Und weil ich an das Thor Corioli‘s,
Von ungefähr mit meinene Helmbusch anstieß, {122}
Meint ihr, daß ich im übermäß'gen Dünkel,
Darum sogleich des hohen Himmels Sterne,
Mit meiner Scheitel zu berühren glaube?
Meßt kleine That ihr mit so großem Lob:
Wie mögt ihr einst das Maaß für größ’re finden?
Cominius.
Bewunderung gebührt dem edlen Stolz
Des Mannes, den kein äuß’rer Glanz besticht:
Jedweden Antheil, aus gerechter Beute,
Pferd, Gold und Silber, alles das verschmäh'st du!
Wohlan, laß sehn, mein wackrer Marcius,
Statt Gold und Gilber, ob ein großer Name;
Ein Ton, aus unserm Mund dir beygelegt; –
Ob dieser dir vielleicht genügen kann?
Kund und zu wissen Rom denn und der Welt
Daß wir dem Cajus Marcius, zur Belohnung
Für den beglückten Ausgang dieses Tag's,
Da die Eroberung Coriolis
Wir seinem Heldenmuth allein verdanken –
Zu seinen anderweit’gen beiden Namen,
Auch den, Coriolanus beygelegt, {123}
Und öffentlich an unsers Heeres Spitze,
Ihn Caius Marcius Coriolanus,
Für jetzt und alle Zukunft ausgerufen!
Zuruf des Heers:
Heil Cajus Marcius Coriolanus!
Cominius.
Zugleich komm ich mit einem zweyten Wunsch:
Daß dieser Zelter, prächtig aufgeschirrt,
Mein Marcius, aus deines Consuls Hand,
Dich nicht zu schlecht bedünkt, ihn anzunehmen.
Marcius.
Soldaten! – Consul! – Ihr beschämt mich! Wahrlich –
Ich dank‘ euch! Wenn ich mein Gesicht gewaschen,
So sollt ihr sehen, ob ich noch erröthen kann.
Das Pferd hier nehm ich an – und will es reiten,
In allen Schlachten Roms, die gute Meinung,
Die ihr mir schenkt, in Zukunft zu verdienen.
Cominius.
Mein Marcius, folg mir jetzt in mein Gezelt!
Als Oberfeldherr, hab‘ ich den Bericht, {124}
Von dieser Schlacht und ihrem guten Ausgang,
Sogleich nach Rom an den Senat zu melden.
Du, Titus Largius, beobachte
Indeß die Feinde vor Corioli,
Und schick' uns auch ein Paar der besten Männer,
Aus ihrer Mitt', nach Rom, um die Tractaten
In kürzester Frist, mit ihnen abzuschließen;
Denn unser Vortheil und der Ihrige:
Die gehen nun in Zukunft, Hand in Hand.
Titus Largius.
Ich werde dir aufs pünktlichste gehorchen.
Marcius.
Bevor wir gehn, ein Wort noch, edler Consul!
Der Himmel scheint es will nun Meiner spotten
Denn da ich große Gaben abgelehnt:
So zwingt er jetzt um kleine mich zu bitten.
Cominius
Sag an, mein Marcius! Im voraus ist
Dir jegliches Gesuch von uns gewährt!
Marcius.
Da hatt ich in Corioli einen Gastfreund, {125}
Der arm, in seinem Haus‘, mich manchmat aufnahm;
Ich sah ihn vorhin unter den Gefangenen;
Da rief er meinen Beystand an; allein
Amfidius war in der Näh': mich trieb der Zorn:
So ist der Mann mir aus dem Aug‘ gekommen!
Nun, da er weg ist, fällt mir wieder ein,
Daß ich ihn so im Stich nicht lassen mußte;
Drum bitt' ich dich mein Consul, gib ihn los!
Cominius.
Und wär's der Mörder meines einz'gen Sohnes:
Nicht könnt ich deiner Großmuth ihn verweigern:
Geh', Lartius, befrey' den Mann!
Titus Largius.
Sein Name?
Marcius (nachsinnend)
Sein Name? – Wahrlich! der ist mir entfallen:
Vor Müdigkeit verläßt mich mein Gedächtniß:
Gebt einen Becher Wein mir zur Erfrischung!
Cominius.
Komm in mein Zelt, da triffst du Wein und alles! {126}
Das Blut vertrocknet auch – und deine Wunden
Erfordern schleunigen Verband und Pflege!
(Alle ab.)
Eilfter Auftritt.
Ein öffentlicher Platz in Rom.
(Trompeten, so sich von weitem hören lassen. Cominius, Titus Largius, in Begleitung eines Theils des römischen Heeres, ziehen auf. Coriolanus, mit einem Eichenkranz gekrönt, in ihrer Mitte.
Hauptleute. Soldaten. Volk. Ein Herold.)
Herold.
Vernimm, o Rom, daß, innerhalb der Thore
Corioli's, dein Cajus Marcius
Höchst heldenhaft allein focht, und dafür
Den thatenreichen Bey- und Ehrennahmen
„Coriolanus“ jetzt erworben hat!
Zuruf des Volks.
(Trompeten.)
Heil dir zu Rom, ruhmvoller Coriolanus! {127}
Coriolanus.
Ich bitt‘ euch, haltet ein mit solchem Zuruf,
Der mehr das Herz mir schwer macht, als erleichtert!
Cominius.
Blick‘ auf, Coriolanus! Deine Mutter –
(Volumnia, Coriolan's Gattin Valeria und der alte Menenius treten auf.)
Coriolanus
(indem er sich vor ihr aufs Knie läßt.)
Gewiß! O ich weiß Alles! Edle Mutter,
Wohl hast du sehnlicher Gelübde viel,
Bey allen Göttern für mich dargebracht!
Volumnia (ihn aufrichtend.)
Steh auf, mein edler Feldherr! Tapfrer Cajus!
Ruhmvoller Marcius! und wenn edlere That
Noch edelern Beynamen dir verdient: –
Wie wär's? Coriolanus muß ich dich jetzt nennen?
– Doch sieh dein Weib
Coriolanus (zu ihr gewendet.)
O du mein süßverschämtes
Stillschweigen du, warum mit eins so still? {128}
Mein holdes Augenlicht, sey mir gegrüßt!
Ich komm' ja im Triumph nach Rom! – Was weinst du Theure?
Was hättest du gethan, wenn blutig Mars
Die Leiche dir, statt des Gemahls, zurückgeschickt?
Ich bin's! Ich leb‘ – und athme: ist dir dieß nicht g’nug?
Komm! Küsse mich! – So rothgeweinte Augen:
Die wollen, zur Beerd’gung ihrer Todten,
Wir Denen von Corioli jetzt lassen.
Menenius.
Schenk‘, Jupiter, den schönsten Kranz ihm!
Coriolanus (umgewendet.)
Alter Vater!
Wie? Lebst du auch noch? Deine Hand! – Lieb Weib, vergib! Der Freundschaft Zoll will abgetragen seyn!
Volumnia.
O Rom, nun möcht ich dich im Kreis umarmen!
Mein tapf’rer Feldherr, vielwillkommne Truppen; – {129}
Weiß ich, an wen ich mich zuerst hier wende?
Menenius.
Gerad mein Fall! – Sag' euch, zehn tausend Stück
Willkommen stecken hier in meiner Kehle
Und keins will recht heraus! Wer hilft mir rufen?
Ich lach' und wein' aus einer Brust: „Willkommen!“
Wer nicht am heutigen Tag, „Willkommen!" ruft:
Dem ist – ein Schelm – das Herz in seiner Brust,
Gleich einer kar'schen Feige, eingetrocknet.
Wir haben, unter uns gesagt, zu Rom
Hier so ein Paar weinsaurer Feigenstöcke,
Die, fürcht' ich, selbst wenn der Senat sie impft,
Herr, von Geschmack euch nicht behagen werden.
Allein, was thut's? Wer sucht auf Disteln Rosen?
Wir nennen jedes Ding bey seinem Namen,
Und Narr und Schelm ist uns kein Unterschied!
Cominius.
So recht, so recht! {130}
Coriolanus.
Stets, stets Menenius?
Coriolanus (zu Beiden.)
Herr, eure Hand! So Herr! Nun auch die eure!
Bevor ein schattend Obdach mich umfängt,
Geziemt Besuch mir erst bey dem Senat,
Als der nicht bloß, durch höflich gute Worte,
Nein, auch, durch Unterpfänder neues Ruhm's,
Mir seine Hochachtung heut kund gethan.
Volumnia.
So sprießt, ihr Träume meiner Einbildung
In Blüthen auf! Bald steh' ich auf dem Gipfel!
Des Staates höchste Würd' auf deinem Haupt,
Erblick ich nun – es kann sie der Senat –
Er wird sie dir in Zukunft nicht verweigern!
Coriolanus.
Laßt, Mutter, diesen Wunsch! Mich dünkt es besser,
Ein Knecht, nach meiner, als Herr, nach ihrer Art, zu seyn!
Nun, Freunde kommt! {131}
Cominius (zu den Umstehenden.)
Wer folgt zum Kapitol?
(Trompetenstoß. Hörner. – Zug, in derselben Ordnung, wie er gekommen ist, wieder ab.)
Zwölfter Auftritt.
(Brutus und Sicinius, die beiden Volkstribunen, treten auf.)
Brutus.
Coriolan ist jetzt das Lieblingswort;
Coriolan bestrickt selbst blöde Augen
Und setzt zehntausend Brillen in Bewegung.
Die Amm', im Anfall einer tollen Laune,
Verläßt das Kind, das schreyt nach ihren Brüsten,
Und stillt sich selbst das Ohr, mit der Erzählung
Von seinen wundergleichen Heldenthaten.
Die Magd vergißt den Heerd; sie eilt auf's Dach;
Nimmt, statt der Küchenschürz', ihr Halstuch um,
Das schönste Stück aus ihrem Sonntagsstaat: –
So ihm zu Ehren einen Hals bedeckend, {132}
Den wochenlanger Rauch ihr gelb geräuchert,
Steht sie und gafft vom Dach auf ihn herunter.
Die Bäume tragen Früchte seltner Arten;
Schurzfell‘ und Mäntel sieht man niederhangen;
Haus, Hof und Scheuer – ausgenomm'ne Nester,
Und angefüllt dagegen Giebel, Fenster
Mit römischen, unzählbaren Geschlechtern.
Die Stadt ist ein Gesumms. Ich sah selbst Priester,
Die sonst sich Heil'gentags dem Volk kaum zeigen,
Wie sie sich, durch die Meng' hindurch arbeitend,
Dem neuen Gott Verehrung darzubringen,
Sich den Altar, in Volkes Mitte, suchten.
Denn so verschieden sie an Stand und Alter:
Der Wunsch, Coriolanus zu erblicken,
Macht All‘ ein und derselben Willensmeinung.
Selbst unsre keusch verschleierten Matronen:
Sie tragen kein Bedenken, heute Phóöus,
Mit ihrer Wangen zarten Blüth' und Anmuth,
Zum glüh'nden Mittagskuß herauszufodern.
So wächst der Lärm und Aufruhr in den Straßen,
Nicht anders, als ob sichtbarlich die Gottheit, {133}
Und das Gestirn, das ihn zum Liebling wählte,
In unsrer Mitte seinen Einzug hielte.
Sicinius
Und alles das bedeutet uns nichts Gutes!
Gib Acht! Man wird zum Consul ihn ernennen:
Geschieht's: – so kann nur das Tribunenamt,
Das wir bekleiden, sich indeß zu Rom
Hier den bequemen, sichern Schlafpfühl suchen!
Brutus.
Ich rechn' auf eins! Der Mann besitzt kein Maß –
Und seine Thorheit wird, wie ich vermuthe,
Berauscht von dieser neuen Ehrbezeigung,
Durch Ueberhebung, schnöde Volksverachtung,
Bevor noch angelangt zum höchsten Gipfel,
Uns gleich im Anfang seinen Sturz erleichtern!
Sicinius.
Das ist mein Trost auch! Und das röm’sche Volk,
Zu dessen Stellvertretern wir berufen,
Das vor'ger Thaten nur zu gern vergißt:
Es wird mit Freuden die Gelegenheit
Zu seinem Untergang sogleich benutzen. {134}
Brutus.
Wirf nur den Zankapfel in seine Mitte!
Sicinius.
Ich halt‘ ihn schon bey'm Stiel recht gut gefaßt!
Merk' auf! Mein Plan ist reif! Ich hört‘ ihn einst,
Wie er, bey allen Göttern, diesen Schwur that:
„Im Fall zu Rom er jemals Consul würde:
Nie woll‘ er, in der Demuth Tracht, am Markt,
Des Volkes stinkend schmählige Versammlung,
Um einen Aufwand ihres Othems, anflehn."
Brutus.
Der Wahlherrn altes Recht zu Rom zu schmählern?
Des Volkes Majestät so zu verletzen?
Bey’m Jupiter! Das bricht den Hals ihm sich'rer,
Als ob er vom Tarpej'schen Felsen stürzte!
Sicinius.
Und eher wird er selbst vom Consulat,
Als je von dieser stolzen Denkart lassen:
Da, wie man weiß, er nicht sowohl aus Neigung,
Als Ritterschaft und Adel Roms zu Gunst,
Die gern solch Haupt an ihrer Spitze hätten,
Um diese Staatsbedienung nachgesucht. {135}
Brutus.
Glück zu! Es kann uns nichts erwünschter kommen!
Zwey andre Häupter sind in Rom noch übrig,
Und hunderttausend Arm‘ in ihrem Dienst:
Die wollen auch nicht übergangen seyn; –
Und sind sie's – desto schlimmer für den Staat!
Sicinius.
Wir stecken uns sogleich dann hinter's Volk!
Brutus.
Wir raunen diesem heimlich Ding in's Ohr!
Sicinius.
Wir reizen seinen Argwohn und Verdacht –
Brutus.
Coriolan's verhaßter Uebermuth
Wird uns recht wohl dabey zu statten kommen. –
Sicinius.
Wir schildern Ihn, als einen Solchen ab,
Der damit umging, aller Volksgewalt,
Zugleich mit dem Tribunenamt in Rom,
Ein unvermuthet plötzlich End' zu machen.
Wer weiß es nicht? „daß ihm von je das Volk, {136}
Für eine Art Kameele nur gegolten;
Für Rücken, Fuß und Knie, und weiter nichts;
Wie man im Krieg sie braucht, den Proviant
Zu tragen, keineswegs ihn zu bekommen;
Doch Schläge g'nug dafür, so oft sie straucheln.“
Dieß und dergleichen kann, auf rechtem Punkt
Hier beygebracht, die Wirkung nicht verfehlen.
Brutus.
Dein Plan ist unvergleichlich – und er glückt,
Wofern das Volk nur seinerseits ihm beystimmt!
Sicinius.
Pah! Sprichst du doch, als wär's ein groß Geschäft,
Ein Zunderkorn in diese trockne Spreu zu werfen,
Sie haben offne Ohren – blas‘ du nur!
Beständ’ger Rauch schwärzt auch den besten ein Namen!
(Eins Bote tritt auf)
Brutus.
Was gibt's?
Ein Bote.
Gesandtschaft von dem Kapitol: {137}
Coriolan wird überall vom Volk,
Als Consul ausgerufen.
Sicinius.
Dacht' ich's doch!
Bote.
Die Tauben stellen sich, ihm offnen Auges,
Die Blinden, offnen Ohr's, ihm in den Weg: –
Wo er nur hintritt, regnet's Schärpen, Tücher:
Matronen, Frauen, junge Mädchen werfen
Auf ihn die Handschuh im Gedräng herunter.
Was vollend's Ritterschaft; – das betet ihn,
Als Jupiter Capitolinus an.
Nie sah ich einen solchen Mützenregen:
Nie hört ich einen solchen Stimmendonner!
Brutus.
Nur still! Und Aug' und Ohr auf ihren Posten,
Laß klug uns seyn, wie es die Zeit erfordert!
Bis da, wo unsern Vortheil wir erspähn:
Dann rasch an's Werk: jetzt kommt zum Kapitol!
(Alle ab.) {138}
Zwölfter Auftritt.
Das Kapitol.
(Patricier, Tribunen des Volks treten ein. Vor ihnen her Liktoren. Cominius, als Consul. Der alte Menenius, zur Seite Coriolans. Sicinius und Brutus, die beiden Volkstribunen, die von selbst ihre
Plätze einnehmen.)
Menenius.
Da die Verhandlung mit den Volsciern,
Zugleich nun mit dem Krieg', ihr End' erreicht hat:
So liegt uns ob, ihr Väter des Senat's,
Des Mannes ausgezeichnet edle Denkart
Hier zu belohnen, der, in diesem Feldzug,
So glorreich focht, daß jegliche Belohnung,
Weit hinter seinem Heldenmuth, zurückbleibt.
Gefällt es euch demnach, versammelte Väter:
So mag Cominius, der zugleich, als Feldherr
Und Consul, ihm zur Seit im Lager stand,
Uns den Verlauf von seinen Thaten melden! {139}
Erster Senator.
So sey es! – Edelster Cominius, heb' an!
Eh' wird der Tag zum Hören uns zu kurz
Als dein' Erzählung uns zu lang bedünken!
(An die Tribunen gewendet.)
Von euch erwart ich, Häupter unsers Volk's,
Daß ihr, bey diesem Anlaß, eurerseits
Auch wohlgeziemend günstige Gesinnung,
Bereit seyn werdet, an den Tag zu legen.
Sicinius.
Bezweifelt nicht! Gewiß – auch wir Tribunen
Sind mit dem Gegenstande dieses Antrag's,
Zu Ehr und Lob, heut gänzlich einverstanden!
Brutus.
Nur woll’ in Zukunft Cajus Marcius,
Falls wir zur höchsten Staatswürd' ihn befördern,
Die eigne Achtung nicht, durch Volksverachtung,
Wie's sein Gebrauch sonst war, erkaufen wollen.
Menenius.
Das dünkt mich doch zur Unzeit hier erinnert!
Laßt ihr Cominius das Wort? {140}
Brutus.
Von Herzen gern!
Doch euer Vorwurf dünkt uns mehr zur Unzeit,
Als unser Wunsch, der dieß in euch veranlaßt.
Menenius.
Cominius sprich! (zu den Tribunen) Gewiß, Coriolanus
Liebt euer Volk; nur müßt ihr nicht verlangen,
Daß er auf eine Streu sich mit ihm bette:
Oder einer Mühe sich mit ihm bediene!
Erster Senator.
Warum verläßt Coriolanus seinen Platz?
Zweyter Senator.
Sitz still, Coriolanus, schäm' dich nicht,
Den Inhalt deiner Thaten anzuhören!
Coriolanus.
Verzeih mir Ewr. Oberherrlichkeit!
Viel lieber wollt‘ ich, wenn ich wählen müßte,
Die Wunden zwey Mal mir verbinden lassen,
Als erzählen hören, – wie ich sie bekommen!
Brutus.
Ich will nicht hoffen, daß mein Wort euch so {141}
Beleidigt, Herr, daß ihr die Bank verlaßt?
Coriolanus (aufgestanden.)
Nein, Herr! Wiewohl ich von Natur sehr stutzig
Vor Worten bin, und mehr als einmal schon –
Obgleich ich keinem Schwertstreich je gewichen –
Aus Wortgefechten bin davon gelaufen!
Beleidigung indeß aus eurem Mund
Kann mir nicht werden – denn ihr lobt, mich nicht! –
Was euer Volk betrifft: so lieb und lob' ich's
Jedoch nach Maß, und so wie sein Verdienst ist! –
Menenius.
Und willst du dich zu uns nicht wieder setzen?
Coriolanus.
Viel lieber wollt ich, würde Schlacht geblasen,
Im Kriegsgezelt, in eines Kindes Schooß,
Den Kopf hinlegend, ihn mir krauen lassen,
Als hier die Musterrolle meines Nichts,
In Gegenwart von Männern anzuhören! (ab.)
Menenius (z den Tribunen.)
Nun, Häupter unsers Volk’s, wie könnt ihr wollen, {142}
Daß je ein Mann, von solcher edeln Denkart,
Dem Roogen eurer Fischbehälter schmeichelt,
Wo unter tausend Stück oft kaum ein guter:
Da selbst sein eignes Lob ihm so verhaßt ist
Daß er dem Staat viel lieber hundert Glieder,
Als einmal nur sein Ohr dem Schmeichler opfert? –
Nun, edelster Cominius, schreit‘ zum Anfang!
Cominius (steht von seinem Sitz auf.)
Vom Cajus Marcius Coriolanus sprechend: –
Wollt ich in der Erzählung seines Ruhm's
Ausführlich seyn: so müßt‘ ich jetzt, ihr Väter,
Mit – seinem Leben gleich den Anfang machen.
– So fang' ich nur von jenem Zeitpunkt an,
Wo er, ein Jüngling kaum von sechzehn Jahren,
Im Krieg schon wider die Tarquinier auszog.
Wir sahn damals, ein unerhörtes Wunder,
Ein Amazonenkinn, das bärt'ge Krieger
Verscheucht und Männer bleich vor sich daherjug.
Zu Seiten unsers Consuls und Diktators, –
Deß ich mit größter Achtung hier gedenke; – {143}
Geschah's, daß Cajus Marcius, einem Bürger
Das Leben rettend; zween der Feind‘ erlegend,
Zuerst sich einen Eichenkranz erwarb: –
Schnell, wie ein wildes Meer herangewachsen,
Durchbrach er so die Dämme seiner Jugend. –
Was jene kühne Römerthat gelobt,
Hat, durch Corioli's Erob'rung, jetzt
Der Mann vor aller Augen wahr gemacht.
Wohl weiß ich, daß der Ruhm von dieser That,
Ihr Väter, ihm bereits vorangezogen,
So wie er selbst dem ganzen Römerheer,
Im Thore – von Corioli, voranzog.
Er ist's, dem die Erob'rung dieser Stadt,
Wie den darauf erfolgten Sieg im Feld;
Er ist's, dem alles dieses wir verdanken!
Nun frag' ich: soll, wem Rom so viel verdankt,
Rom seinerseits nichts zu verdanken haben?
Noch steht er unbelohnt in eurer Mitte –
Wofern ihr anders eines Othems Aufwand,
Den Namen, den vielmehr ihm seine That,
Als Dankbarkeit des Heeres beygelegt,
Nicht eurerseits schon für Belohnung achtet! {144}
Menenius.
Zum Schluß: es ist der Edelste der Römer!
Wer zweifelt dran?
Erster Senator.
Geht, ruft Coriolanus!
Ein Diener.
Dort kömmt er selbst!
Coriolanus. Die Vorigen.
Menenius.
Glück zu, Coriolanus!
Wiß, der Senat hat den Entschluß gefaßt,
Noch heute Dich zum Consul Roms zu machen!
Coriolanus.
Er findet mich zu seinem Dienst erbötig.
Menenius.
Nun gilt's nur, bey dem Volk noch anzuhalten!
Coriolanus.
Ich bitt' euch drum, erlaßt mir die Gewohnheit!
Macht eine Ausnahm' in den alten Bräuchen!
Denkt so: es sey mir von Natur zuwider,
Wie es auch ist! Was? Stimmen zu erbetteln,
Im schlechten Anzug vor dem Volk erscheinen? {145}
Am offnen Markt ihm offne Wunden zeigen?
Nein, wahrlich nein, es ist mir ganz unmöglich!
Sicinius.
Das Volk ist stolz auf diese alten Rechte,
Und wird dir nichts davon herunter lassen!
Menenius.
Mach sie nicht bös' und füg dich der Gewohnheit!
Nimm in der Form von deinem Platz Besitz,
Wie deine Vorgänger es auch gethan!
Coriolanus.
Die Rolle werd' ich mit Erröthen spielen! –
Man müßte solche schlechte Angewöhnung
Dem Volke wahrlich zu entnehmen trachten!
Brutus.
Habt ihr's gehört?
Coriolanus.
Am Markt sich hinzustellen?
Mit heischerm Hals die Luft in Stücken schneiden?
Zu prahlen: „Das hab ich und das gethan!“
Die längst vernarbten Wunden aufzudecken,
Vor Bettleraugen? – pfuy, als wär‘ ein Mann,
Statt Rom und Capitol, nur ihrem Othem {146}
Und dessen Dienst mit Leib und Blut verpflichtet!
Menenius.
Du übertreibst die Sach'! Nun, ihr Tribunen,
Laßt euch den edeln Mann empfohlen seyn,
Wie unsern Vorschlag euerm Volk! – Mein werther Consul,
So Glück und Heil dir!
Erster Senator.
Heil Coriolanus!
(Coriolanus, mit den Senatoren ab. Tribunen des Volk's, die zurückbleiben.)
Brutus.
Sieh doch, wie er’s mit unserm Volk so gut meint!
Sicinius.
Gib Acht! Er wird die Meinung bald verrathen!
Sein Stolz ist viel zu groß, und wenn das Volk
Nur erst dahinter kommt, daß jeder Wunsch,
Sogar der ihm Gewährung angelobt,
Aus seinem Mund, ihn nur Beschimpfung dünkt:
So wird es seine Gunst nicht lang' ihm lassen.
Jetzt komm zum Markt, daß der Versammlung gleich {147}
Von diesem Vorfall wir Bericht ertheilen;
Ich weiß gewiß, daß Viel' uns dort erwarten! –
Dreyzehnter Auftritt.
(Das Forum.)
Einzelne Haufen römischer Bürger.
Erster Bürger.
Nun, seyd ihr noch alle entschlossen, ihm eure Stimmen zu geben? wiewohl, ein Paar ab und zu – macht keinen Unterschied; denn die Mehrheit siegt doch! Wie ich euch sage: es ist ein so edler Mann,
wie je Einer in Rom gelebt hat, wenn man ihm nur etwas mehr Zuneigung für's Volk einflößen könnte. Doch sieh – dort kommt er selbst! – Er trägt das Gewand der Demuth. Nun merkt auf seine Mienen!
Wir wollen hier nicht zusammen stehen bleiben, sondern lieber, in einzelnen Haufen, zu zweyen und zu dreyen, ihm entgegen kommen! Desto mehr Ehre haben wir nach diesem davon, {148}
wenn er Jeden von uns insbesondre ansprechen muß. Nun kommt und folgt mir! Ich will Jedem von euch einen andern Weg zeigen!
Alle.
Das sind wir zufrieden!
(Die Bürger ab.)
Vierzehnter Auftritt.
(Menenius und Coriolanus, die beide, in ein tiefes Gespräch begriffen, auftreten.)
Menenius.
Bedenkt die Einrichtung von einem Freystaat! –
Coriolanus.
Ja, lieber Herr, habt nur Geduld mit mir!
Durch Zeit und öftre Wiederholung glückt
Mir Alles noch vielleicht, nach eurer Vorschrift!
Wenn ich nur meine Zung' in Fluß erst bringe!
Wie war's? „Ich wünsch mir höflichst eure Stimmen!
Liebwerth'ste Herrn, ich hab hier ein Paar Wunden; {149}
– Die will ich bey Gelegenheit euch zeigen –
(heftig.)
Die ich bekam, als Schelme Euresgleichen,
Bey'm ersten Schall von unsern Trommeln liefen!"
Menenius.
Bey Leib! So würdet Alles ihr verderben!
Coriolanus.
Nicht! Nun wie denn? Ich bitt' euch drum – belehrt mich!
Menenius.
Erst müßt ihr sie im Allgemeinen bitten,
Daß sie, bey Anstellung von dieser Wahl,
Im guten Angedenken euch behalten.
Coriolanus.
Ihr gutes Angedenken? Dafür dank ich!
Denn sieh nur, wär ich dieses Volk's Gedanke:
Sucht ich ein Loch mir irgend im Gedächtniß;
So etwa das, wodurch sich die Moral
Von unsrer Priesterzunft bey ihm herausstiehlt:
Und glückt‘ es mir: – gleich macht' ich mich in's Freye! {150}
Menenius.
Dann müßt ihr, höflich bey der Hand gefaßt,
Mit guten Worten sie so lang‘ ersuchen,
Bis sie ihr Jawort sämmtlich euch versprochen.
Coriolanus.
Laß Zahn und Mund sie sich erst reinlich halten,
Wofern ihr Wunsch ist, daß ein Mann verlange,
Daß sie aus ihrem Othem Worte machen!
Menenius.
Du bist zu störrisch! Sieh, dort kömmt ein Paar!
Geh' auf sie zu, und mach sofort den Anfang!
(ab.)
(Zwey Bürger treten auf.)
Coriolanus.
Ihr wißt, was mich an diesen Platz gebracht?
Erster Bürger.
Sprecht!
Zweyter Bürger.
Redet!
Coriolanus.
Mein Verdienst! {151}
Erster Bürger.
Nicht euer Wunsch?
Coriolanus.
Nein, Herrn! Denn nie war es noch mein Wunsch, armen Leuten, wie ihr, durch Betteln beschwerlich zu fallen.
Erster Bürger.
Ihr müßt denken, wenn wir Euch jetzt etwas geben, daß wir ein andermal wieder dafür etwas von Euch zu verlangen hoffen!
Coriolanus.
Nun, so laßt mich nur gleich hören: was verlangt ihr denn eigentlich für's Consulat?
Erster Bürgens:
Der Preis ist: daß man uns recht höflich darum bittet.
Coriolanus.
Nun, ihr Herren, so will ich euch denn recht höflich hiermit darum gebeten haben: gebt mir eure Stimmen und macht mich zum Consul! Ich will euch auch dafür bey Gelegenheit meine Wunden zeigen,
wenn wir einmal unter uns sind. {152}
Erster Bürger.
Du bist ein wackrer Mann, und da du so höflich bittest, können wir dir dein Anliegen freilich nicht abschlagen!
Coriolanus.
Wie freut es mich, daß ich sehe, daß wir handelseinig sind! Sieh da, ein Paar gewichtige Stimmen hätt' ich nun schon! Nun was steht ihr noch da, lieben Leute? Worauf wartet ihr? Geht mit Gott!
Jeder von uns hat nun sein Allmosen – ich das meinige und ihr das eure! – Lebt wohl!
(Wendet ihren den Rücken zu.)
Erster Bürger (etwas stutzig.)
Das ist doch wirklich sonderbar!
Zweyter Bürger.
Wenn ich ihm meine Stimme noch nicht gegeben hätte: – aber es verschlägt nichts! (ab.)
(Zwey andere Birger treten auf.)
Coriolanus (sie antretend.)
Lieben Herren und Freunde, im Fall es sich mit der Modulation eurer Stimmen verträgt: {153}
so bitt ich euch, macht mich zum Consul! Ihr seht, daß ich hier das gewöhnliche Kleid anhabe, und an den gewöhnlichen Redensarten will ich es auch nicht fehlen lassen!
Erster Bürger.
Coriolan, man kann von euch sagen, daß ihr zu gleicher Zeit der größte Freund und der größte Feind eures Vaterlandes seyd!
Coriolanus.
Wie so? –
Erster Bürger.
Insofern ihr, durch eure Tapferkeit, die Feinde Roms besiegt habt, seyd ihr unser größter Freund: – insofern ihr aber, durch eure Hartherzigkeit und Strenge, eine Geißel für eure eigenen
Mitbürger zu werden droht, müssen wir Euch, als unsern größten Feind betrachten. Wenigstens mit dem gemeinen Mann in Rom seyd ihr nie auf einem sonderlich vertrauten Fuß gewesen!
Coriolanus.
Nun, nun, liebe Herren, ich bin weder so alt, noch so halsstarrig, daß ich nicht noch einen {154}
guten Rath, aus euerm – Mund, annehmen sollte. Zeigt mir nur erst, worin ich gefehlt habe! Ich habe freilich bisher immer geglaubt, ihr würdet mit mir zufrieden seyn, wenn ich mein Blut für euch
versprützte: – da ich aber nun sehe, daß euch mehr damit gedient ist, wenn ich an meinen – Hut, als wenn ich an mein Schwert greife: nun wohlan dann – so will ich in Zukunft vor Jedem unter euch,
dem ich auf der Straße begegne, auf funfzig Schritte weit meinen Hut abnehmen, und jeden gemeinen Mann in Rom für meinen Dutzbruder halten. Wie gesagt: auf meinen Hut könnt ihr rechnen: dafür
rechne ich aber auch jetzt auf eure Stimmen im Consulat! Wie steht's? Sind wir in Richtigkeit ?
Erster Bürger.
Wir wissen, Coriolan, daß du viele Wunden für dein Vaterland bekommen hast.
Coriolanus.
Eben deßhalb, und weil ihr das wißt, will ich euch nicht, durch Vorzeigung derselben, auf {155}
eine unnütze Art, beschwerlich fallen, oder euch von euern anderweitigen Beschäftigungen abhalten. Außerdem hab ich hier noch eine Menge anderer Wahlstimmen einzusammeln, die den eurigen an
Werthe völlig gleich sind. Lebt wohl, ihr Herren!
Beide.
Lebt wohl, edler Consul! Gott schenke uns viele Freude mit Euch, und Euch mit uns! – Das ist unser sehnlichster Wunsch! (Beide ab.)
Coriolanus.
Die allerliebsten Stimmen! Besser wär's,
Verhungern, oder auf der Folter sterben,
Als das erbetteln, was wir doch verdient!
Was steh' ich hier in dieser Wolfstracht aus,
Um Hinz und Kunz die Stimmen abzubetteln?
Ist dieß ein Aufzug eines Mannes würdig?
Sie nennen Alterthum es und Gewohnheit: –
Doch wollten wir ohn' Unterlaß den Staub,
Auf hochbejahrter Zeitschwell‘, liegen lassen:
So würd‘ er bald, zu einem Berg von Irrthum {156}
Herangewachsen, selbst der Wahrheit Auge
Darüber frey hinweg zu blicken hindern.
Herunter, sag' ich, ihr unwürd’gen Zeichen!
Kann man in Rom, durch solchen Gaukeltand
Zur höchsten Würd' im Staat empor nur kommen?
So laßt uns lieber ganz darauf Verzicht thun!
Geduld! Mit einer Hälfte bin ich durch!
Die zweyte Hälft‘ erleichtert mir Gewohnheit!
(Es kommen Bürger von allen Seiten auf ihn zugegangen.)
Mehr Stimmen! immer mehr!
Herrn, eure Stimmen! – Eurer Stimmen wegen
Hab ich gefochten; eurer Stimmen wegen
Saß ich am Wachtfeu'r; eurer Stimmen wegen
Bekam ich funfzehn Wunden; – achtzehn Schlachten
Wohnt‘ eurer Stimmen wegen bloß ich bey!
Auch hab‘ ich sonst noch Unterschiedliches
Gethan – bloß eurer edeln Stimmen wegen,
Bald mehr, bald weniger, wie's so der Fall ist! {157}
Nun aber macht mich auch nur gleich zum Consul!
Erster Bürger.
Gewiß, er hat sich immer gut benommen:
Ein braver Bürger darf ihm seine Stimme
Nicht vorenthalten!
Zweyter Bürger.
Nun so gebt ihm denn eure Stimmen in Gottes Namen! Er soll unser Consul seyn! Und mögen alle Götter aus ihm einen Freund und Beschützer unsers Volkes machen!
Alle.
Amen! Amen! Gott erhalte dich, edler Consul!
(Sämmtlich ab.)
Coriolanus.
Herrliche Stimmen! –
(Menenius, Brutus und Sicinius treten auf.)
Menenius.
Nun bist du durch, und der Tribunen Macht
Ertheilt dir jetzt die Zustimmung des Volk's:
Auch steht dir frey, das consularische
Gewand nun anzulegen! – {158}
Coriolanus.
Bin ich Consul?
Brutus.
Ja, der Gewohnheit ist genug geschehn:
Du hast nun bey dem Volk drum angehalten.
Coriolanus.
Ist weiter kein‘ Erniedrigung mehr übrig ?
Brutus.
Du gehst nun bloß, um die Bestätigung
Bey dem Senat noch einzuholen!
Coriolanus.
Gut!
Brutus.
Nach diesem wird das Volk am Capitol,
In deiner neuen Würde dich begrüßen.
Coriolanus.
Darf ich den Rock zuvor bey Seit hier werfen?
Brutus
Das hängt nun ganz von deiner Willkühr ab!
Coriolanus.
Wohl denn! So will ich mich in menschlicher Gestalt sogleich vor dem Senate zeigen! Komm! {159}
Menenius? (zu den Tribunen.)
Geht ihr mit uns?
Brutus.
Nein! zur Zeit noch nicht:
Wir müssen hier das Volk zuvor erwarten!
(Coriolanus und die Uebrigen ab.)
Brutus, Sicinius.
Brutus.
Er hat es nun erreicht!
Sicinius.
Bemerktest du,
Wie stolz er das Gewand der Demuth trug?
Brutus.
Wohl sah ich es! Noch rechn' ich auf das Volk!
(Zu den Bürgern, die sich um sie versammeln.)
Nun, Herrn, ihr habt zum Consul ihn erwählt?
Erster Bürger.
Weil er so flehentlich uns darum bat:
So konnten wir's ihm freilich nicht versagen!
Brutus.
Der Himmel lenke diese Wahl zum Besten {160}
Daß er das Zutraun, was ihr ihm geschenkt,
Auch stets belohnt!
Zweyter Bürger.
Ich sag' von Herzen Amen,
Zu diesem Wunsch! – Ich bin ein schlichter Mann;
Doch mich bedünkt – wollt ihr's nicht übel nehmen –
Er hielt uns vorhin sämmtlich nur zum Besten!
Erster Bürger.
Wer weiß? Es kommt vielleicht uns nur so vor!
Er hat so eine eigne Art zu bitten!
Bürger.
Du bist der Einz'ge, der ihn hier entschuldigt!
Dritter Bürger.
Nein, nein, er hat uns niemals wohlgewollt,
Sonst hätt er seine Wunden uns gezeigt!
Brutus,
Das hat Er nicht gethan?
Sicinius.
So wenig Achtung
Legt Er vor Euch, als Wahlherrn, an den Tag? {161}
Zweyter Bürger.
Er foppt‘ uns bloß damit, man sah's ihm an!
„Herrn, eure Stimmen!“ sprach er „eure Stimme!
Versagt sie mir nicht! Eurer Stimmen wegen
Hab ich gefochten! Eurer Stimmen, wegen
Saß ich am Wachfeu’r! Eurer Stimmen wegen
Bekam ich funfzehn Wunden; achtzehn Schlachten
Wohnt eurer Stimmen wegen bloß ich bey.
Die Wunden will ich bey Gelegenheit
Euch zeigen, liebe, Herrn, wenn sich's so trifft,
Daß wir einmal allein, und unter uns sind!"
Ist das nicht Spott?
Brutus.
Wo hattet ihr die Augen?
Daß ihr bey einem solchen Uebermuth,
Womit er Hohn euch bot, ihr Bürger, dennoch
Die Stimmen ihm zum Consulat geschenkt?
Zweyter Bürger.
Zum Glück ist seine Wahl noch nicht bestätigt!
Dritter Bürger.
Wir widerrufen sie! {162}
Zweyter Bürger.
Das ist das Beste!
Dritter Bürger.
Zwey hundert Bürger sind auf meiner Seite!
Zweyter Bürger.
Auf meiner tausend!
Dritter Bürger.
Kommt! Wir halten gleich
Versammlung!
Sicinius.
Recht! Stoßt Alles wieder um!
Brutus.
Sucht der Bestätigung am Capitol,
Durch irgend einen Vorwand, auszuweichen!
Sicinius.
Und gleichviel welcher, wenn's nur einer ist!
Brutus.
Ja! Wißt ihr was? Schiebt alle Schuld auf uns!
Sicinius.
Verschont uns nicht! Schwärzt bey'm Senat uns an! {163}
Brutus.
Sprecht mit Erbitt'rung wider uns Tribunen!
Sicinius.
Wir hätten euch zu dieser Wahl verführt.
Brutus.
Weil wir euch sein Verdienst so angepriesen –
Sicinius.
Das edle Haus des alten Marcius –
Brutus.
Das Könige zu seinen Vorfahr'n zählte –
Sicinius.
Den Ancus Marcius, Numa's Tochtersohn –
Brutus
Den Publius Quintus auch nicht zu vergessen,
Der Rom die schönste Wasserleitung schenkte –
Sicinius.
Das Alles hatten wir euch so geschildert,
Mit so lebendigen und beredten Worten,
Daß der Versuchung ihr nicht widerstanden,
Und flugs zu eurem Consul ihn erwählt. –
Brutus.
Nun aber, und bey reif’rer Ueberlegung – {164}
Sicinius.
Nachdem ihr seine Herzenshärtigkeit –
Brutus.
Und seine tück'sche Denkungsart erwogen –
Sicinius.
Dieser, besonders bey der Kornvertheilung, –
Hört ihr? besonders bey der Kornvertheilung, –
Hier an den Tag gelegt: so könntet ihr,
Die so durch Arglist euch entlockten Stimmen,
Unmöglich ihm zum Vortheil gelten lassen,
Und käm't, sie wiederum zurück zu nehmen.
Zweyter Bürger.
Dein Plan ist, wie wir ihn uns selber wünschen!
Einige.
Wir wollen keinen Marcius zum Consul!
Andre.
Der Marcius ist ein Hauptfeind unsers Volk‘s!
Befrey'n wir Rom von seinem Anblick! Kommt!
(Volk lärmend nach allen Seiten ab.)
Brutus.
Nun braus‘ und wüthe, losgelaßner Aufruhr!
Bis glücklich unser Zweck durch dich erreicht {165}
Und Cajus Marcius aus Rom verbannt ist.
Du komm‘ indeß auf einem andern Weg,
Zum Capitol, damit wir den Senat
In seinen Unternehmungen bewachen!
(Beide ab.)
Funfzehnter Auftritt.
Das Capitol. Die Senatoren.
(Cominius. Menenius. Nachher die Tribunen und das Volk.)
Erster Senator.
Heil Cajus Marcius Coriolanus!
Heil unserm neuen Conful!
Brutus und Sicinius (im Hereintreten.)
Haltet ein!
Mit eurem Glückwunsch!
Erster Senator.
Wie?
Brutus.
Er ist nicht Consul! {166}
Coriolanus?
Nicht Consul? Bin ich nicht vom Volk erwählt?
Brutus?
Das Volk hat diese Wahl zurückgenommen!
Coriolanus.
Zurückgenommen? Wird denn Rom, ihr Väter,
Von Männern, oder Knaben nun regiert?
Zurückgenommen? Sprecht! Aus welchem Grund?
Sicinius.
Weil es gefunden, daß du des Verdienstes
Zu diesem Posten nicht genug besitzest!
Coriolanus.
Nicht g'nug? – O du erlesenster Tribun!
Ihr güt’gen Götter!! Sagt, wie viel Verdienstes
Ich wohl entbehren müßt', um diesem Volke
Noch zum Tribunen gut genug zu seyn?
Was nennt ihr wohl Verdienst?
Brutus.
Die gute Meinung
Des Volk‘s – {167}
Sicinius.
Die du in Rom hier längst verscherzt.
Brutus.
Schon bey der Kornvertheilung!
Sicinius.
Deine Worte
Sind noch im frischen Angedenken!
Brutus.
Ja!
Das Volk vergißt sie niemals!
Coriolanus.
Meine Worte?
Was sagt ich denn? – Ich will es wiederholen!
Menenius.
Jetzt nicht! jetzt nicht! Du bist zu sehr in Hitze!
Coriolanus.
Ich will es wiederholen!
Cominius.
Um die Welt nicht!
Coriolanus.
Hier – auf dem Capitol – und wo ihr sonst nur wünscht! {168}
Glaubt ihr, ich stände nicht zu meinen Worten?
„Nicht Zeit ist's, wo die Staatsverfassung schwankt“
Hab' ich gesagt –
Menenius.
O mäß’ge deinen Zorn!
Coriolanus.
„Kornspenden, Geldvertheilung unter's Volk,
Aus niedrer Gunstbewerbung vorzunehmen!
Cominius.
Genug!
Coriolanus.
„Der Könige Verbannung – so hub's an.“
Menenius.
Wir wissen's!
Coriolanus.
„Die Patricier folgen nach!“
Cominius.
Nun nimmt noch alles einen Bösen Ausgang!
Coriolanus.
„Denn dieser vornehm dünkelhafte Pöbel“ {169}
Erster Senator.
Coriolan, bedenke, was du sprichst!
Menenius.
Mehr angemeßne Wort‘ auf beiden Seiten!
Coriolanus.
Gebt Acht! er wird nicht eher Ruhe halten,
Bis er dieß Rom, das wir Patricier
Mit unserm Blut gegründet, unter seiner
Geflickten Schuhe ganz getreten hat!
Brutus.
Ha! diese neue Lästerung – sie soll
Nicht ungestraft aus deinen Munde hier
Ergangen seyn!
Coriolanus.
Hört doch! „Sie soll! – Sie soll!"
Was dünkt, ihr Väter, euch zu diesem „Soll?"
Erhabner Jupiter Capitolinus,
Willst du dieß „Soll“ in deiner Mitte dulden?
(zum Brutus gewendet.)
Du winziger Neptun des röm‘schen Fischmarkt’s,
Mit deinem blasenden Tritonen „Soll!“
Geh‘, theile dort das Volk mit deinem Dreyzack! {170}
Hier ist kein Ort für dich! Ihr Senatoren,
Dieß „Soll" ist eine giftgeschwoll'ne Hyder:
Wir aber sollten, wenn wir einig wären,
Derselben frisch den Kopf herunter schneiden!
Tribunen
(die schreyend aus den offen stehenden Thüren der Curie davon stürzen!)
Verrätherey! Verrätherey!
Menenius (zu Coriolanus.)
Da hast
Du etwas Schönes angeftifft't! Ich wollte,
Dahier wär' Alles ruhig, und das Volk
Läg' auch zu Bette!
(Geschrey und Lärm des Volkes draußen vor der Curie.) Horch nur den Tumult!
Ein edler römischer Jungling,
(dem Mehrere nachfolgen, stürzt in den Saal.)
O edler Marcius, entflieh, entfliche!
Verlaß die Curie, noch weil es Zeit ist!
Es kommen Schurzfell, Winkelmaß‘ ohn' Ende,
Aus allen Straßen Roms herbey gezogen.
Die Handwerker, der Stadt sind außer sich; {171}
Sie schnauben nichts, als Zorn und blinde Wuth,
Und nahmen gern das Capitol zum Schnupftuch.
Der Vorwurf mit den Schuh'n aus deinem Munde,
Setzt jeden Pfriem zu Rom nun in Bewegung
Sie kommen sämmtlich, diese Schmach zu rächen!
(Tibunen, mit einem Haufen bewaffneten Volkes, und in Begleitung der Aedilen, dringen in die Curie.)
Brutus.
Thut eure Pflicht! Ergreifet, bindet ihn!
Sicinius.
Bemächtiget euch seiner ihr Aedilen!
Volk.
Stürzt vom Tarpej’schen Felsen ihn herunter!
Einer der Jünglinge.
Beschützt den löwenkühnen Marcius!
Schließt einen Kreis um ihn ihr Edeln Roms!
Vertheidigt den Senat mit euren Schwertern!
(Sie nehmen ihn in ihre Mitte.)
Coriolanus.
Zurück! Ich will mich selbst vertheidigen! {172}
Und den Senat wird Jupiter beschützen!
Komm an! du unverständ’ge, blinde Menge!
Mich dünkt, ich seh hier einige Gesichter,
Die vor Corioli mich fechten sahen.
Ihr wißt: ich bin von sonsther es gewohnt,
Zuweilen in Italien es mit Städten
Und ganzen Märkten und Flecken aufzunehmen:
Wie glaubt ihr denn, daß ein Paar Straßen Roms
Mir jetzt so plötzlich Furcht einjagen sollten?
Heran, wer ein'ge Lust in sich verspürt,
Mein vielversuchtes Schwert dahier zu kosten!
Coriolanus sieht in eurer Mitte:
So kann denn auch Corioli gleich hier seyn!
Menenius.
O Römer, bringt ihn nicht aufs Aeußerste!
Cominius.
Schlagt euch in's Mittel! – Schützt ihn, ihr Tribunen!
Menenius.
Befehlt dem Volk, die Waffen abzulegen,
Und reizt den edeln Löwen nicht zum Zorn! {173}
Erster Senator.
Ihr steht noch an? Was zaudert ihr so lang?
Wollt ihr die Curie zum Schlachtfeld machen?
Cominius.
Soll Rom und Capitol ein Schutthauf werden?
Menenius.
Führt Marcius nach Haus ihr Jünglinge!
Indeß wir gütlich hier, mit unserm Volk
Und seinen beiden edeln Stellvertretern
Die Unterhandlung anzuknüpfen suchen.
(Coriolanus, im Geleit der edeln Jünglinge ab)
Brutus.
Die Unterhandlung zwischen uns kann kurz seyn!
Wofern ihr feierlich uns angelobt:
Daß ihr den Cajus Marcius dahin
Vermögen wollt, sich einer Volksversammlung,
Wo als Tribunen wir den Vorsitz führen,
Zum unbedingten Spruch, zu unterwerfen:
So wollen unserseits wir dafür sorgen,
Daß Fried und Eintracht unterdeß zu Rom
Nicht Störung leiden und gebrochen werden. {174}
Menenius (zu Cominius.)
Es sey! Wo Rom und Alles auf dem Spiel steht:
Laß uns zuvor das Aeußerste versuchen!
(Alle ab.)
Sechszehnter Auftritt.
Das Haus des Coriolanus zu Rom.
(Menenius, Cominius und Volumnia, die Mutter Coriolans. Nach diesem Coriolanus selbst.)
Volumnia.
Daran erkenn ich meinen Marcius,
Der lieber Jahrelang in Phlegeton,
Als eine Stund’ in heißer Rosenlaube
Der Schmeicheley und niedern Volksgunst säße!
Indeß versuchen wir's, ob seinen Zorn,
Vielleicht mit gutem Wort wir mildern möchten!
Coriolanus.
(Im Gefolge edler römischer Jünglinge tritt auf)
Sie mögen Rom und Alles niederreißen! {175}
Ja mögen sie zehntausendfachen Tod,
Im Sturz des Capitols, um's Haupt mir schleudern
Und an die Fersen wilder Ross‘ ihn knüpfen!
Nicht zehn tarpej’sche Felsen aneinander,
Als so viel Treppen, sollten mich bewegen
Zu niedrer Denkart je herab zu steigen!
Einer der Jünglinge.
So wächst dein Ruhm zugleich mit ihrer Schande!
Coriolanus.
(zu Menenius und Cominius.)
Ich kann nicht glauben, was ihr mir gesagt!
Warum wär' meine Mutter aufgebracht?
Da doch ihr Auge stets das Volk betrachtet,
Als solch ein Ding, das nur mit Scheidemünzen,
Und abgelegten Kleidern – und Gedanken
Von uns Patriciern sich behelfen muß;
Das baarhaupt stets in die Versammlung tritt;
Steht, wo wir sitzen; lächelt, wo wir gähnen, {176}
Mit wetterwend'schen Mienen: – edle Mutter: –
An dich ergeht mein Wort: warum verlangst Du?
Daß ich die Männerrolle, die im Feld
Ich stets zu deinem Beyfall durchgespielt,
Nun plötzlich hier zu Rom verläugnen soll?
Volumnia.
Nicht tadl‘ ich deinen Zorn – er ist gerecht! –
Mein Tadel trifft dich nur in so weit, Sohn:
Daß du den Rock des Consuls abgenutzt,
Bevor du ihn noch einmal angezogen.
Coriplanus.
Die Pest an ihren Hals!
Volumnia.
Und Gift und Dolch
Und noch was Schlimmeres! –Was dieß betrifft: –
Ich stimm‘ dir gern in jedem Ausruf bey:
Nur hätte – falls nicht Alles, mich betrügt –
Ein ganzes Heer Verwünschungen, wie diese,
Aus eines Consuls Mund, wohl mehr Geswicht! {177}
Menenius.
Coriolan, du bist zu weit gegangen:
Nun ziemt dir rückwärts einen Schritt thun!
Cominius.
Thu's, thu's! sonst stürzt hier Alles ins Verderben!
Volumnia.
Gib uns Gehör!
Coriolanus.
Was soll ich? Redet! Sprecht!
Cominius.
Du sollst zurück!
Coriolanus?
Wohin?
Cominius.
Zu den Tribunen!
Coriolanus.
Was dort?
Cominius.
Dir leid seyn lassen, was vorhin
Du ihnen Ungebührliches gesagt. {178}
Coriolanus.
Mir leid seyn lassen? Ha, bey'm Jupiter,
Und allen Göttern, so die Erd' erschaffen:
Nicht kann ich meinen Zorn mir leid seyn lassen
Vor Göttern selbst und sollt‘ es vor Tribunen,
Vor diesen nichtigen Repräsentanten
Des Schmutzes, der sich römisches Volk hier nennt?
Volumnia.
Nun denn – so stürz‘ uns All‘ in einen Abgrund,
Rom, deine Mutter und das Capitol!
Unsinniger, mich siehst du niemals wieder!
(will fort.)
Coriolanus (der sie zurückhält.)
Bleib Mutter! Sprich, was hast du mit mir vor?
Volumnia.
Mit dir? Nichts, auf der Welt nichts! – Nur dein Mund: –
Er soll ein leichtvergönntes Spiel mit Luft sich machen {179}
Statt der Gedanken, einmal leeren Blasen,
Unächten Ausgeburten des Gehirns;
Buntscheck’gen Worten die Entstehung geben!
Coriolanus.
Es ist gut Ding nicht, Mutter, was ihr fordert!
Volumnia.
Gut Ding nicht? Wie mein Sohn? Mit glatten Worten,
Mit Kriegslist eine Festung überrumpeln;
Dein und der Dein'gen Blut dabey zu schonen:
Das wär‘ gut Ding? Das hältst du nicht für Unrecht? –
Und hier, wo Alles auf dem Spiel steht, – Rom –
Kind, Capitol, und Weib und Haus und Mutter: –
Kargst du mit Othem? bist mit Worten geizig?
Und suchst, ich weiß nicht welchen Stolz darin
Dem Pöbel Roms, den du verachten solltest,
Ein vornehm saures Gesicht zu machen?
Geh, meinen Muth hab' ich dir angeerbt;
Doch deine Klugheit läuft auf eigne Rechnung! {180}
Coriolanus.
Ich Worte machen? leere, glatte Worte?
Ich eines Zungendreschers Künste üben?
Valeria.
Wiß, selbst die Worte werden sie dir schenken,
Nimmst du zu andern Künsten deine Zuflucht.
Ich sage dir: zuweilen spricht ein Hut,
Und ein zu rechter Zeit gebognes Knie
Verständlicher zu diesem Volk, als selbst
Des weisesten und klügsten Mannes Zunge.
Drum ist mein Rath, du gehst hier so zu Werke:
Siehst du sie kommen: so verneig dich tief!!
Und zürnen sie: so schlag' an deine Brust,
Als wolltest du dein Herz dafür bestrafen,
Daß es so römisch und so stolz gesinnt war!
Coriolanus.
Entehrender Verstellung Gaukelkunst!
O Mutter, schwer wird mir's, dir zu gehorchen!
Und wahrlich – wär‘ kein Rom und Capitol,
Und hätt ich nichts, als dies', in Sehn' und Bänder {181}
Vergänglich eingekerkerte Maschine,
Im Streit der Elemente zu verlieren:
Nichts sollte mich – und wäre sie mit Ketten,
Am hohen Thor des Himmels selbst befestigt,
Zu diesem ungewohnten Schritt bewegen!
(zu Cominius und Menenius.)
Kommt Freunde, kommt! Ich rechn' auf euern Beystand!
Du Knie des röm'schen Ritters, das so oft
Steigbügelfest im hitz’gen Kampf gesessen:
Erborge nun die Schmiegsamkeit der Muskeln
Von irgend einem Bettler dir am Kreuzweg!
Komm, lerne dich vor Ihresgleichen beugen!
Du Stimme, die ein Herolde meiner Schwäche
Im Schlachtgefild sonst Trommeln gleich erklang:
Verwandle dich in's Wispern einer Amme,
Und werd‘ ein Lied, um Kinder einzuschläfern!
Ihr glatten Redner und ihr Sykophanten
Des röm'schen Marktes leiht mir eure Zungen!
Ihr Buhlerinnen Roms, laßt eure Augen {182}
Und euer falsch erkünstelt treulos Lächeln,
Auf diesem Weg, mir zur Begleitung dienen!
Du aber, Mutter, sey hiermit gewarnt,
Vor deines Sohnes Arglist und Verstellung!
Und warn‘ auch du mein Weib vor mir in Zukunft!
Wohl ist's ein anderer Coriolanus,
Der aus der Volllvbersammlung euch zurückkömmt:
Mit falschen Eiden lern' ich nun auch spielen:
Mit falschen Worten lern' ich nun betrügen!
(Volumnia, Coriolanus, im Gefolge der edlen römischen Jünglinge ab.)
Menenius.
Der Mutter Ueberredung hat gefruchtet,
Und doch befürcht‘ ich einen bösen Ausgang!
Cominius.
Befürchte nichts! Das Volk fühlt sich geschmeichelt,
Von der ihm eingeräumten neuen Macht,
Und wird davon gewiß nicht Mißbrauch machen! {188}
Menenius
Wir wollen seh'n! Indeß die Stunde rennt,
Hinkt die Erfahrung klug oft hinterher!
Cominius.
Was dem Senat sie in die Hand gelobt:
Das werden die Tribunen doch erfüllen!
(Beide ab.)
Siebzehnter Auftritt.
Das Forum.
(Brutus und Sicinius, die beiden Volkstribunen. Um sie herum eine Menge römischer Bürger. Nach diesem Coriolanus, Menenius, Cominis, nebst andern Senatoren.)
Brutus.
Wie steht's mit unserm Volk? Ist's von der Art
Der Prozeßordnung, wie wie verfahren wollen,
Gehörig unterrichtet?
Sicinius.
Punkt für Punkt!
Sie kommen schon. – Du kannst sie selbst befragen. – {184}
Brutus (an's Volk gewendet.)
Ihr wißt, was ihr zu thun habt? Nachzurufen,
Was ich euch vorsag'! Sprech ich: „Geldbestrafung!“
So schreyt aus vollem Hals ihr: „Geldbestrafung!“
Ruf ich: „Verbannung!“ ruft ihr auch: „Verbannung!“
Schrey' ich im Gegentheil, „Tarpej’scher Felsen!"
So seyd ihr des Tarpej'schen Felsens Echo!
Volk.
Wir wollen es daran nicht fehlen lassen!
Coriolanus.
(Im Gefolge des Cominius, Menenius, nebst andern römischen Senatoren, tritt auf.)
Menenius.
Erheitre dein Gesicht, Coriolanus!
Wir nahen uns dem Volk und den Tribunen!
Sag' ihnen, wenn's dir auch nicht so ums Herz ist,
gleich im Anfang' was Verbindliches! {185}
Coriolanus.
Ja, wie ein Hausknecht, der um's Trinkgeld schmeichelt,
In jeder Falt‘ ein Bückling, oder Glückwunsch!
Cominius.
Gedenk, was deiner Mutter du versprochen!
Coriolanus.
Die Götter, welche den Olymp bewohnen,
Bewahren Rom vor Heucheley und Aufruhr!
Sie schenken unsern Richterstühlen Weisheit
Und unsern Hütten und Pallästen Frieden!
Volk.
Ein edler Wunsch!
Die Tribunen.
Der Angeklage ist dat!
Brutus.
So nehme die Gerichtssitzung den Anfang!
– Im Namen unsers Volk’s Coriolanus:
Willst du dich unserm Ausspruch unterwerfen?
Coriolanus.
Ich bin's zufrieden! {186}
Menenius.
Hört! Er ist's zufrieden!
O seht ihn an! Seht, wie sein Leib mit Wunden
Bedeckt ist, die, wie Mahle eines Kirchhof's,
Zum Auge rührend, still und doch verständlich,
Mit ihrer heilgen Narbeninschrift sprechen.
Brutus.
Coriolanus, du bist angeklagt,
Als gingst du damit um, in Roms Verfassung
So Grund, als Pfeiler gänzlich umzustoßen
Und der Tribunen Macht zu untergraben:
Kraft dessen wir, mit wohlbedachtem Rathschluß,
Vor dieser öffentlichen Volksversammlung,
Dich zum Verräther deines Vaterlandes,
Und Feind an deinem Volk erklären müssen!
Coriolanus.
Ich ein Verräther!
Cominius.
Mäß’ge dich!
Coriolanus.
Verräther! {187}
Sie mich Verräther nennen? Nein, Cominius!
Dein Freund nicht, wenn ich Mäß’gung hier behielte! –
Mit diesen Wunden, die mein Leib in Schlachten,
So heiß hindurch gekämpft, für euch davon trug?
Mit diesen Narben, die statt Eurer, schamroth,
In's offne Angesicht euch Lügen strafen
Wagt ihr's? – verrätherischer Basilisk, Tribun,
Wagst du es, du Verräther, mich zu nennen? –
Ja funkl‘ und blitze nur mit deinen Augen:
Ob du den Tod in deinen Blicken trägst
Und den Tarpej’schen Felse in beiden Händen:
Doch schleudr‘ ich diese Läst’rung dir zurück
Auf dein verruchtes Haupt! – Nicht ich! nicht ich!
Du und dein Volk, ihr alle seyd Verräther!
Brutus.
Habt ihr's gehört? Er ist des Todes schuldig!
Er hat des Volkes Majestät auf's Neu
In unserer Gerichte-Person, dahier verletzt! {188}
Einige im Volk.
Schleppt ihn zum Felsen! Zum Tarpej’schen Felsen!
Alle.
Fort, fort mit ihm! Das Urtheil ist gesprochen!
Menenius.
Himmel! – Bürger! – Haltet ein, Tribunen!
Steht ab von diesem grausamen Entschluß!
Auch du, auch du gib der Vernunft Gehör,
Coriolanus! – Statt sie zu erbittern,
Versuch's mit gutem Wort sie zu gewinnen!
Coriolanus.
Und, wüßt‘ ich von des Todes dunkler Nacht,
Mich, durch ein kleines Wort, durch: „Guten Morgen!“
Von dieses Volkes Wuth hier loszukaufen:
Sie sollten's doch aus meinem Mund nicht, hören!
Einige im Volk.
Was zaudert ihr so lang? Führt ihn zum Tode! {189}
Führt ihn zum Gipfel des Tarpej'schen Felsens!
(Mächtiges Getümmel im Volk, das sich Coriolans zu bemächtigen sucht.)
Brutus (der ihnen den Weg vertritt.)
Noch einen Augenblick! Coriolanus:
Obgleich du den Tarpej'schen Fels verwirkt:
So wollen, in Betrachtung deiner Wunden,
Und deiner anderweitigen Verdienst um Rom,
Dieß strenge Urtheil wir doch dahin mildern:
Daß wir, im Namen dich des röm'schen Volk’s,
Mit ewiger Verbannung hier bestrafen!
Volk.
Ja, ja, so sey es! Ewige Verbannung!
Coriolanus.
Ihr mich verbannen? Ihr, im Namen Roms?
Ihr Knechte von Tribunen, röm'sches Volk?
Abkömmling‘ ihr von Romulus und Remus?
Des kühnen, wolfgesäugten Brüderpaar's? –
Ein blind, im Vorhof unsers Kapitol's
Geworfner Hund, bey'm Jupiter! er könnte,
Mit gleichem Recht, wie ihr, ein Römer heißen!
Der Staub, den ich von meinen Füßen schüttle, {190}
Der Euresgleichen in die Flucht gejagt!
Könnt' unbedenklicher und besser noch,
Wie ihr, im Namen unsers Capitols,
Das unberufne Wort zu führen wagen!
Ihr mich verbannen? Ich verbann' euch selbst,
Dahier in Rom zu bleiben, mit der Freyheit,
Dem Laster unumschränkte Macht zu geben,
Und jegliches Verdienst hinaus zu stoßen,
Bis ihr mit den Tribunen hier allein seyd.
Dann – weil ihr Muth und Tapferkeit geächtet:
Soll euch das Herz vor jedem Helmbusch schlagen;
Bey jedem Trommellaut sollt ihr erzittern:
Bis, eine leichte Beut', und ohne Schwertstreich,
Ein Sieger irgend kömmt, der euch hinwegführt!
Ich seh‘ vom Nicken ihrer Federbüsche
Die Mauern Roms dann auseinander fallen:
Da sollt ihr Männer suchen und nicht finden,
Und jeder tapfern Schutzwehr hier beraubt seyn!
So wend' ich voll Verachtung euch den Rücken! –
Hinweg! hinweg! Es gibt noch anderswo
Ein Rom und eine Welt!
(ab.) {191}
Volk. (jubelnd)
Glück auf Glück auf!
Der Feind des Volk's ist nun aus Rom verbannt!
Einige.
Begleitet zu den Thoren ihn hinaus!
Andere.
Verspottet ihn mit Worten unterwegs!
Noch Andere.
Heil, Heil Sicinius und Brutus!
Alle.
Gott
Beschütz‘ uns unsre edelsten Tribunen!
(Alle ab.)
Achtzehnter Auftritt.
Die Thore Roms.
(Coriolanus. – Menenius, Cominius, Volumnia, Virgilia, nebst ihrem Sohn, die dem Verbannten das Geleit geben.)
Coriolanus.
Nun Freund', umarmt noch einmal mich zum Abschied! {192}
Wir sind am Thor von Rom nun angelangt.
Roms hundertköpfigter Monarch, das Volk,
Schickt mich hinweg von euch in die Verbannung.
Volumnia, wie steht es, edle Mutter?
Entwich, mit dieses Volkes niedrer Gunst,
Zugleich auch deinem Römergeist die Fassung?
Schickt deinen Muth, zugleich mit deinem Sohn,
Dein undankbares Rom in die Verbannung? –
Nun ziemt uns, eingedenk des Spruch's zu seyn,
Den ich so oft aus deinem Mund' vernahm: –
Gemeiner Geister Unwerth zeig‘ das Unglück:
Ein edles Herz erhöh‘ des Unglück's Probe.
So mag, bey günst'gem Fahrwind, selbst der Fischer,
Mit kleinem Kahn, das ruh'ge Meer behaupten: –
Doch stürmen wild die Fluthen durcheinander:
So hält das hohe Kriegsschiff kaum die See:
Und bläst Fortuna ihre Kugel um:
Dann gilt's mit festem Fuß den Stand zu suchen. {193}
Volumnia.
O Himmel! Himmel!
Coriolanus.
Ruhig, liebste Mutter!
Volumnia.
Der Feuerstrahl blutrother Pestilenz
Treff‘ alle Handwerk in den Mauern Roms!
Es stock‘ in Zukunft jegliche Handthierung!
Coriolanus.
Was, Mutter, was? Sie hätten mich vertrieben?
Die eigne Sehnsucht haben sie verbannt:
Kaum ausgestoßen, wird mich Rom vermissen!
Ermanne dich zu besserer Gesinnung!
Das stolze Wort, was du so oft gesagt: –
„Wärst du das Weib des Herkules gewesen;
Du hättest, dem Gemaht, der Stirne Schweiß,
Bey seinem sauern Tagewerk zu sparen,
Sechs seiner Arbeiten ihm abgenommen:“ –
Gekommen ist die Zeit, es zu erfüllen!
Nun Freunde, Weib und Kind, gehabt euch wohl!
Virgilia, nein, so mußt du nicht trauern, {194}
Mein süß in Rom zurückgelaßnes Kleinod!
Dein Gram spricht schweigend mehr, als And'rer Worte!
Auch du, Menenius, nicht so! nicht so!
So alten Mannes salz'ge Thränenfluth
Ist schwachen Augen Gift, und wär‘ im Stande,
Mit schnell der Zeit vorangeeiltem Griffel,
Selbst Furchen, auf blüh'nden Jünglings Wangen,
Mit unvertilgbar'n Zügen, einzuätzen,
Komm! Reich mir trocknes Aug's die Hand zum Abschied!
Cominius, mein alter, würd'ger Feldherr;
Nein, wenn du weinst, siehst du: so werd' ich böse:
Denn das ist wider alte Zeltkamm'radschaft.
Wir haben ja wohl eh'dem manchen, Strauß,
Zu Schimpf und Ernst, im Römerdienst bestanden,
Der diesem hier an Bitterkeit nicht wich.
Komm! Führe diese Frauen mir nach Hause,
Und wenn du unterwegs sie klagen hörst: {195}
Bedeute sie: daß Unvermeidliches
Beweinen in der Welt nicht besser sey,
Als über Trauriges zur Unzeit lachen.
Was glaubst du, Mutter, weil ich jetzo Rom
Allein verlasse, daß ich drum allein sey?
Wohin ich komm', werd' ich, dem Drachen gleich,
Der seinen einsam finstern Wald bewohnt,
Auch unsichtbar noch von mir sprechen machen. –
Des Cajus Marcius Kopf, den Rom verbannt: –
Wohin die Fluth des Schicksals ihn auch wirft,
Wird stets empor aus niedrer Menge ragen.
Volumnia.
Mein Sohn, mein theurer, erstgeborner Sohn,
Wo willst du hin? O nimm bestimmte Richtung
Nach dieser, oder jener Himmelsgegend!
Schweif nicht so freundlos in der weiten Welt!
Hier steht dein alter Freund Cominius:
O nimm ihn mit, die Schrecknisse des Weg's,
Die des Verbannten Pfad, auf jedem Schritt
Umlagern, für die Zukunft dir zu mildern. {196}
Coriolanus.
O Mutter, nicht allein und ohne Götter
Geht, wer dir angehört!
Cominius.
Coriolanus!
Nimm die Begleitung an! Ich folg' dir gern,
Auf ein Paar Monate in die Verbannung: –
Indeß verstreicht die Zeit. – Die Freund' in Rom
Sind auch nicht müssig. – Zeigt sich dann ein Anlaß,
Für unsere Zurückberufung günstig:
So weiß man, wo wir sind, und braucht nicht erst,
Von Rom aus, Boten in die weite Welt,
Nach unserm Aufenthalt herum zu schicken.
Ein einzelner Mann verliert sich dort zu leicht,
Und Vortheil, den man aus den Händen gibt,
Erkaltet in demselben Augenblick! –
Coriolanus.
Cominius, edel ist dein Anerbieten,
Allein die Last der Jahre, die dich drückt, {197}
Verhindert mich, dieß Opfer anzunehmen.
So viele Feldzüge, die deine Kraft
Gebrochen, edler Feldherr, legen dir
Nun manchen Stein zum Anstoß in den Weg,
Mit Einem, der noch jung und rüstig ist,
Auf freyem Fuß, die Welt hindurch zu schweifen.
Kommt, Mutter, Gattin, Kind, geliebten Freunde!
Eh' ich mich von den Thoren Roms entferne:
Schenkt jedes mir noch einmal die Umarmung:
Sodann begebt euch wieder still und schweigend
In die Behausung, wie zuvor zurück!
Beweint mich nicht! Noch bin ich nicht gestorben,
Daß ihr, wie Klageweiber, mich umtrauert!
Lebt wohl! und prägt dieß Wort euch in's Gedächtniß:
So lang noch, in ersichtlicher Gestalt,
Wo Cajus Marcius Leib dieß Erdenrund
Umwandelt: wo er immer sich befinde: – {198}
Sollt ihr nur Würdiges von ihm vernehmen!
Menenius.
O edles Herz! O undankbares Rom,
Das dich hinausstößt! Kommt, ihr lieben Freunde
Kommt, macht durch Weinen ihm das Herz nicht schwerer!
– Was mich betrifft: – könnt' ich nur sieben Jahre
Von diesem grauen Kopf herunter schütteln :
Ich wollt ihm gern in die Verbannung folgen.
Coriolanus.
So! Noch einmal die Händ' und nun kein Abschied!
Fahrt alle wohl! – Von dieser Welt geschieden,
Lebt Rom mir nur in euerm Angedenken.
(Coriolanus entfernt sich durch die Thore von Rom. Seine Begleitung geht wieder zurück in die Stadt.) {199}
Neunzehnter Auftritt.
Antium, die Stadt der Volscier. Eine Straße. An der einen Seite das Haus des Tullus Amfidius, mit einer Vorhalle.
Coriolanus.
(Der unkenntlich, vermummt und in der Kleidung eines Verbannten auftritt.)
Dieß Antium ist eine schöne Stadt! –
O Stadt, du Schuldbuch meines Schwert's! Ihr Häuser,
Mit Wittwen und mit Waisen angefüllt; –
Steht still und fallt nicht auf mein Haupt herunter!
Ihr himmelhohen Sitz' und Prachtpalläste,
All denen ich Bewohner einst entriß:
Schweigt! Schweigt! und laßt mich unbemerkt vorüber! –
Daß nicht, wird meine Ankunft hier entdeckt,
All ihrer Eltern einst beraubte Kinder,
Zu wildem Aufruhr sich zusammenrottend,
Mit einem blut'gen Steinrock angethan, {200}
Mich, unter dieser Mauern Schutt, begraben!
(Ein Bürger von Antium tritt auf.)
Coriolanus.
Ich grüß euch, edler Freund!
Bürger.
Ich dank euch, Herr!
Coriolanus.
Wo wohnt der edel und groß‘ Amfidius?
Bürger.
Zunächst – in jenem Haus, wo die Musik tönt!
Er hat Senat und Ritterschaft so eben
Zu einem Gastgebot bey sich versammelt
Coriolanus.
Habt Dank, Herr, daß ihr deßfalls mich zurechte wies't!
Bürger.
Auch ihr, o Fremdling, wer ihr seyd, lebt wohl!
(ihm nachblickend.)
Ein hoher Fremdling, königlichen Anseh'ns!
Wie der nach Antium kömmt? Wer er wohl seyn mag? {201}
Coriolanus.
(Tritt in die Vorhallen des Hauses von Tullus Amfidius, wo Musik tönt, die Bedienten hin und her laufen und die geschäftige Bewegung eines Gastmahls herrscht.)
O schlüpfrig wechselnd Glücksrad dieser Welt!
Zwey engverbundne treue Herzensfreunde,
Die in zwey Busen nur ein Herz bewahrten,
Und denen Stund' und Tisch und Bett gemein war,
Wirft oft ein kleiner Zufall auseinander
Und Zwist erwächst aus einem Nadelknopf
Und schüttelt ein gefürchtet Riesenhaupt. –
Dagegen zwey geschworne Todesfeinde,
Die so getrennt, durch Haß und bittern Groll,
Als lägen Berg und Thal dazwischen, schienen,
Ein Nichts, ein bloßer Strohhalm oft vereinigt
Und jahrelanger Zwietracht Lücken ausfüllt.
So bringt auch mich, nachdem mich Rom verstoßen,
Des Glückes Wechsel hier nach Antium:
Wenn diese Thürm‘ auf mich herunter stürzen: –
So kann ich ihren Zorn nicht thörigt schelten. {202}
Ich geh', um meinen Todfeind aufzusuchen: –
Erschlägt er mich: so handelt er nicht Unrecht;
Doch schont er Mein: so will ich wider Rom
Ihm wesentlich‘ und gute Dienste leisten!
(Tritt in's Haus.)
Erster Bedienter.
(Tritt aus dem Hause.)
Wein Wein! Wein! Was ist das für eine unlustige Bedienung! Die Schurken müssen entweder auf ihrem Ohr sitzen, oder in irgend einem Winkel des Hauses entschlafen seyn! (ab.)
Zweyter Bedienter.
Wo ist Cotus? Cotus! Unser Herr hat den Cotus gerufen.
(Die Musik geht fort)
Coriolanus.
Ein festlich Gastmahl! Wohlgeruch von Speisen
Durchwürzt die Luft; die Pfosten schmücken Kränze;
Ich aber bin nicht festlich angezogen!
Erster Bedienter.
– He! Was beliebt euch, guter Freund! Wer seyd ihr? Wo kommt ihr her? Was führt euch in {203}
dieß Haus? Hier ist kein Platz für Euresgleichen! Dort ist die Thür! Macht, daß ihr fortkommt!
Coriolanus. (seitwärts.)
Als Coriolan verdien‘ ich keinen besseren
Empfang in Antium! –
(laut)
Ihr könntet mich bey Seit‘ hier stehen lassen!
Erster Bedienter.
Wer seyd ihr denn?
Coriolanus.
Ich bin ein Edelmann!
Erster Bedienter.
Bey'm Himmel, ein verzweifelt armer; – einer
Der seinen Adel an den Schuh'n zerrissen!
Zweyter Bedienter.
(der zurückkommt.)
Was ist denn das für eine Vogelscheuche?
Bey Gott! der Pförtner muß die Augen wieder
'Mal unter seinen Fußball'n stecken haben,
Daß er Figuren dieser Art in's Haus läßt! {204}
He, guter Freund und Landsmann, sagt, woher?
Coriolanus.
Herr, aus der Stadt der Vögel und der Raben!
Zweyter Bedienter.
Wo liegt denn die?
Coriolanus.
In freyer Luft! – Nicht weit
Von da, wo ihr zu Haus gehört!
Zweyter Bedienter.
Ey seht doch!
Seyd ihr so spitzig? Schelm, ich glaub', ihr stichelt!
Geht an den Galgen! (stößt nach ihm. Coriolan weist ihn mit Nachdruck zurück.)
Seyd ihr so tapfer? Wart! ich hole Hülfe! –
(ab.)
Zweyter Bedienter.
(Indem er mit den Aufwärter und einem andern Bedienten zurückkommt.)
Dritter Bedienter.
Wo ist der Kert! {205}
Zweyter Bedienter.
Dort lehnt er in der Thüre!
Nur zu Kammraden! Frisch! Legt Hand an ihn!
Aufwärter.
Den Augenblick aus diesem Hause fort!
Wo nicht, so wollen wir euch Füße machen!
Coriolanus.
(Indem er sie alle drey über den Haufen wirft.)
Fort, Schurken, fort ihr selbst aus meinen Augen!
So habt ihr's endlich doch an mich gebracht!
Nun trollt euch wieder in das Haus zurück!
Und mästet euch so lang mit kalter Küche,
Bis Mark genug ihr in den Knochen habt,
Um einem Mann vor's Angesicht zu treten!
Zwenyer Bedienter.
Geh, Cotus, geh geschwind! Ruf unsern Herrn!
Der, denk‘ ich, soll doch mit ihm fertig werden!
(Der Aufwärter ab.)
Tullus Amfidius.
(der mit ihm zurückkommt.)
Wo ist der Mann? {206}
Zweyter Bedienter.
Dort steht er euch vor Augen!
Herr, wär's uns nicht darum zu thun gewesen,
Die Gäste drinnen nicht bey Tisch zu stören:
Wir hätten ihn zur Stadt hinausgeprügelt!
Tullus Amfidius (der auf ihn zutritt.)
Wer bist du Mann? Wo kommst du her, o Fremdling!
Wie ist dein Name? Laß mich ihn erfahren!
Sprich, was nach Antium dich und in mein Haus führt!
Coriolanus.
Mein Nam' ist Tull-Amfidius deine Stadt: –
Mein Nam' ist Tull-Amfidius dein Gesicht: –
In beiden stifftet‘ ich mir ein Gedächtniß!
Tullus Amfidius.
Du sprichst in Räthseln – doch der Ton der Stimme
Hat was Bekanntes für mein Ohr – dein Name! –
– Du machst mich ungeduldig, Freund – Dein Name! {207}
Coriolanus.
Mein Nam‘ ist unerfreuliche Musik
Für jedes Volscier – Ohr‘: und für das deine
Gibt's Tull – Amfidius keinen ärgern Mißklang!
Tullus Amfidius.
Du hast ein wildes, kriegerisches Ansehn!
Von deinem Antlitz spricht's, wie ein Befehlbuch!
Im Ganzen siehst du – wie ein Kriegsschiff aus,
Wovon der Blitz das Mastenwert herabschlug: –
Noch einmal, Freund, dein Name drum, dein Name!
Coriolanus.
Nun – wenn du denn durchaus ihn wissen willst: –
– Mein Nam' ist – aber wenn ich dir ihn nenne:
So mach‘ auf ein Paar Runzeln dich gefaßt! –
Mein Nam' ist – die Verfinsterung des Deinen;
Mein Nam' ist – eine Landplag' für die Volscier; {208}
– Mein Nam' ist – Vorwurf eurer Tapferkeit;
Mit einem Wort – ich bin Coriolanus!
Und dies‘ armselig einzige Benennung,
Erkauft mit Strömen Blut's von euern Städten,
Mit, Brand und Plünd’rung von Corioli,
Die, statt mich eurer Gunst hier zu empfehlen,
Mich eures Fluch's nur doppelt würdig macht:
Ist all mein Schmuck, womit ich zu euch komme: –
Denn jeden andern hat mein Vaterland,
Das undankbare Rom, mir ausgezogen.
So steh ich vor dir Tull-Amfidius,
Ein Denkmahl wechselnd menschlichen Geschickes,
Und dem Tarpej'schen Felsen kaum entrückt,
Werf‘ ich mich dir – dem Todfeind – in die Arme.
(Indem er sich auf sein Knie niederläßt.)
Hier faß‘ ich die Penaten deines Heerd's
Und fleh‘ um die Gewährung deiner Gunst,
Wo nicht – um die Gewährung deiner Rache: –
Ich fleh‘ um Gastrecht – oder Tod dich an: – {209}
Verzögre nicht zu lange die Entscheidung! –
Willst du, durch Unterstützung deiner Waffen,
Den meinigen den Weg nach Rom bereiten: –
So will ich mit derselben Treue dir,
Womit ich sonst den Römern diente, dienen!
Doch hegst du irgend Mißtrau'n meinen Worten: –
Ich war dein Feind – ich bin in deiner Macht: –
Hier ist mein Hals: – vollende, was dir gut dünkt!
Tullus Amfidius.
O Marcius, Marcius! Jedes deiner Worte
Reißt einen Stachel bittern Todeshasses
Aus meiner Seel' – ich bin durch dich entwaffnet!
Auch glaub ich an den Inhalt deiner Reden,
So treu, so fest, so unerschütterlich,
Als ob – der Himmel über uns eröffnet –
Die ew’ge Offenbarung Jupiters
Zu Allem, was dein Mund spricht „Amen“ sagte,
Komm an mein Herz, du muthig tapfrer Kriegsheld! {210}
Du Leib, aus unzerbrechlichem Metall,
Im Riesenausguß der Natur geformt
Du Ambos meines Schwert's, auf den so oft,
Im undurchdringlichsten Gewühl der Schlacht
Von Lanz‘ und Schild so dicht die Schläge fielen,
Daß Funken unsrer abgeprallten Waffen
Gen Himmel flogen und, auf seiner Bahn,
Den allzu blassen Neumond fürchten machten.
Nie glaubt‘ ich, daß mich lebend je dein Anblick
Vergnügen sollt‘: auf grauser Wahlstatt nur
Und unter Todten wollt' ich dich erblicken:
Nun da es anders mir ein Gott geordnet,
Heiß ich von ganzem Herzen dich willkommen!
Und so vernimm, was dir zu wissen frommt!
Ein Heer ist von den Volsciern aufgebracht.
Wir haben wider Rom den Krieg beschlossen!
Ich bin zum Führer dieses Heer's erkoren,
Und gern vertrau’ ich dir die eine Hälfte
Denn da dir jeder Zugang Roms bekannt ist:
So kann's nicht fehlen, daß uns deine Führung
Zukünft’gen Sieges Vorbedeutung wird!
Jetzt folg mir unverzüglich in mein Haus,
Wo der Senat von Antium so eben {211}
Zu einem Abschiedsmahl versammelt ist,
Daß ich dich ihrer Gunst sofort empfehle!
Noch einmal an mein Herz, du edles Kriegsbild!
Du Zierde Roms! du Ausbund tapfrer Ritter!
Du Kriegsgott Mars, in menschlicher Gestalt!
So sehr den Freund nun, wie ich sonst dein Feind war!
Und sag‘ ich dieses Wort, beym Jupiter!
So weißt du wohl, mein edler Marcius,
Daß ich mit keinem schlechten Maß dich messe!
Coriolanus.
Habt Dank, ihr Götter, daß ihr außer Rom,
Auf meinem Weg zur Seite mit gewesen!
(Beide ab und ins Haus.)
Die drey Bedienten. Nach diesem der Aufwärter.
Erster Bedienter.
Hier geht eine große Veränderung vor!
Zweyter Bedienter.
Es ist noch keine Viertelstunde, da wollten {212}
wir ihn aus der Thür werfen: und nun sitzt er bey Tische oben an, und wir müssen ihn mit bedienen helfen.
Dritter Bedienter.
Und was er für Riesenkräfte in seinen Händen hat!
Zweyter Bedienter.
Mich hat er bloß mit seinem kleinen Finger angerührt: da bin ich schon umgefallen!
Dritter Bedienter.
Mich hat er ordentlicher Weise, wie einer Kegel, aufgesetzt!
Erster Bedienter.
Ich bin noch am besten mit ihm weggekommen! Ich weiß nicht – aber ich merkte es ihm gleich an, daß es eine Art von Herrengesicht seyn mochte, was er zwischen seinen Schultern trug, und daß Alles,
was seine Kleider von ihm erzählten, sonst nichts, als verfluchte Lügen waren. Daher, sobald ich ihm nur etwas näher in's Auge sah, ließ ich ihn geh'n, und es kam mir ordentlich vor, als ob ich
bloß dazu in der Welt sey, um von ihm geprügelt zu werden. {213}
Ein Aufwärter.
(kommt aus dem Hause.)
Nun lustig, ihr Schurken! Tragt den Nachtisch auf! Da drinnen gehen große Sachen vor! Eben haben sie Rom, wie einen Apfel, in zwey Stücke geschnitten und in die Tasche gesteckt!
Erster Bedienter.
Wer hat das gethan! O erzähl‘ uns doch was davon!
Aufwärter.
Wer sonst, als der nun bald hier Alles thun wird, der Fremdling aus Rom! Er sitzt oben am Tisch, recht wie der Kriegsgott Mars! Alle Uebrigen, unser Herr und die Senatoren an der Spitze, stehen
um ihn herum, mit entblößten Häuptern, und warten ihm auf. – Und sobald er etwas spricht, oder erzählt: – da ist eine Stille unter ihnen, und sie horchen auf jeden Laut aus seinem Munde, nicht
anders, als ob ihm die Welt gehörte, oder als ob alle seine Worte und Redensarten Vermächtnisse von Städten und Königreichen wären, wovon jedes seinen Theil wünschte. {214}
Zweyter Bedienter.
Was plauderst du da in's Gelag hinein!
Aufwärter.
Wie ich euch sage, unser Herr ist jetzt in zwey Stücke geschnitten. Nur eins davon ist noch Tullus Amfidius. Die andere Hälfte aber führt den Namen Cajus Marcius. Auch werden sie von nun an, wie
es heißt, zusammen das Commando der Armee führen.
Erster Bedienter.
Was? So gibt es einen neuen Krieg?
Aufwärter.
Freilich und das recht bald! In einer Stunde schon könnt ihr trommeln hören!
Erster Bedienter.
Meinetwegen! – Aber da ist es ja ordentlich, als hätten sie sich den Krieg zum Dessert aufgespart, und als wäre er mit ein Theil dieses Gastmahls gewesen!
Aufwärter.
So ist es auch! Ich sag' euch dieser Marcius ist ein großer Mann! Gebt Acht, eh‘ wir noch {215}
damit fertig sind, das Tischtuch abzunehmen, ist er im Stande und hat den Römern schon ein Paar Städte abgenommen! Aber horch! was bedeutet der Lärm?
Erster Bedienter.
Sie sind aufgestanden!
Zweyter Bedienter.
Das Gastmahl hat ein Ende!
Dritter Bedienter.
Die Gäste kommen!
Alle.
Fort! Fort! (Sämmtlich ab.)
Neunzehnter Auftritt.
Rom.
Das Forum. Brutus und Sicinius, die beiden Volkstribunen, treten auf.
Sicinius.
Seitdem von Rom Coriolan verbannt ist:
So scheint er völlig aus der Welt zu seyn. {216}
Im Forum hört man nun von ihm nichts mehr;
Gewerb‘ und Künste haben guten Fortgang;
Die Bürger schlendern singend hier und dort;
Kein Aufruhr lärmt in einer Volksversammlung;
Der Friede herrscht am Markt, und in den Straßen
Geht Alles ruhig der Handthierung nach.
Selbst seine Freunde, die zuvor geglaubt,
Daß ohn' ihn Rom nicht einen Augenblick
Bestehen möchte, finden sich getäuscht.
Und räumen willig ihren Irrthum ein!
Brutus.
Beglückte Zeiten sind's, die wir verleben!
Wer aber ist der Alte, der dort kommt?
Mich dünkt Menenius? Seit ein'ger Zeit
Find ich sein Ansehn auch um Vieles älter!
Sicinius.
Das macht, daß ihn die heitre Jugendlaune,
Die er zuvor besaß, seit der Verbannung
Coriolans, im Stich gelassen hat!
(auf ihn zugehend.)
Die beiden Volkstribunen, Sicinius und Brutus, entbieten dem edlen Menenius ihren Gruß! {217}
Menenius.
Ich dank‘ euch, ihr edle Herrn!
Sicinius.
Man muß sagen, daß, außer etwa von euch und einigen andern seiner Freunde, euer Coriolan in Rom doch nur sehr wenig vermißt wird!
Sicinius.
Ja, er könnte ein noch weit sauerers Gesicht aufgezogen haben, als das war, was er uns machte, als er von hier wegging, und Rom würde deßhalb doch auf seiner Stelle stehen geblieben seyn!
Menenius.
Es geht Alles nach Wunsch, und würde noch besser gegangen seyn, wenn Coriolanus sich ein wenig in die Zeiten geschickt hätte.
Brutus
Wo ist er jetzt? Hört ihr nichts von ihm?
Menenius.
Kein Wort! Selbst seine Mutter und Gattin sind ohne Nachricht!
(Drey bis vier Bürger Roms treten auf.) {218}
Alle.
Gott erhalte uns unsere edelsten Tribunen!
Sicinius.
Glück, Heil, Segen und Wohlfahrt dem ganzen römischen Volk, auf allen seinen Wegen und Stegen: das ist unser sehnlichster Wunsch!
Einer der Bürger.
Wir, unsere Weiber, Kinder und spätesten Nachkommen, sind verbunden, Gott täglich auf unsern Knieen dafür zu danken, daß er uns in euch ein Paar so weise Magistratspersonen geschenkt und an das
Staatsruder gesetzt hat!
Sicinius.
Der Himmel segne jedes eurer Vorhaben, und lass‘ es euch und den Eurigen beständig wohlergehn!
Brutus.
Ja, hätt es nur Coriolan, zur Hälfte
So gut wie wir, mit euch gemeint, ihr Bürger:
Nie wär‘ es wohl so weit mit ihm gekommen!
Alle.
Nun lohn euch Gott dafür! {219}
Beide Tribunen.
Lebt wohl! lebt wohl!
(Bürger vorüber.)
Sicinius.
Das ist denn doch fürwahr ein bess’rer Zustand,
Als der, wo eben diese guten Leute,
Mit Brand und Fackeln in den Strafen liefen
Um Rom an allen Ecken anzuzünden!
Brutus.
Ein tücht’ger Kriegsmann war Coriolanus;
Allein sein völlig grenzenloser Ehrgeiz
Verleitet ihn zu mancher Unternehmung,
Die in der Folg' ihm selbst verderblich wurde
Sicinius.
Sein Augenmerk war eine Königskrone!
Brutus.
Alleinherrschaft das unverrückte Ziel,
Das er, mit raschem Eifer, stets verfolgte!
Menenius.
Mich dünkt, ihr nehmt ihn falsch!
Sicinius.
Wir hätten wohl, {220}
Zu unserm eignen Herzleid dies erfahren,
Hätt' ihn das Volk als Consul nur bestätigt!
Brutus.
Den Göttern Dank, daß dieses nicht geschah!
Sicinius.
Zur rechten Zeit hat noch ein gnädiges
Gestirn von Rom dieß Unglück abgewendet!
Ein Aedil (tritt auf.)
Tribunen, eben führt man einen Sklaven,
Der auf dem Weg von Antium nach Rom kömmt,
In unser öffentliches Staatsgefängniß.
Nach seiner Aussag‘, sind die Volscier,
Mit einem übermächtig großen Kriegsheer,
Auf’s Neu‘ ins römische Gebiet gefallen: –
Und überall, wohin sie nur gekommen:
Da sey bereits auch, sagt man, ihre Spur,
Durch Einäsch'rung der Städt‘ und Brand von Dörfern,
Und blutige Verheerung, sichtbar worden!
Menenius.
Gebt Acht! Das ist der Wolf Amfidius,
Der von der Unternehmung eurer Gänse {221}
Des Capitols gehört, und der nun kommt,
Euch, wegen Cajus Marcius Verbannung,
Den ihr so dummn aus Rom herausgeschnattert,
Zu wohlverdienter Rechenschaft zu ziehn,
Und sämmtlich euch den Kopf hier abzubeißen.
So lang noch Cajus Marcius in Rom war:
So hat es Jener freilich nicht gewagt,
Auch nur das kleinste Stückchen seiner Schnauze
Aus seiner Räuberkluft hervorzustecken;
Doch nun der Jäger weg ist, kommt der Wolf,
Und wird, auf alte Weise wieder, trotzig
Und kühn versuchen, mit uns anzubinden.
Sicinius.
Was gibt's von Tull-Amfidius und den Volsciern?
Rom lebt mit diesem Volk im tiefsten Frieden: –
Es kann nicht seyn, daß sie den Bund gebrochen!
Menenius.
Es kann nicht seyn? Und doch ist dieser Fall,
Bey Menschendenken, selbst beym meinigen,
Schon zu verschiednen Malen dagewesen,
Das Volscier ihren Bund mit Rom gebrochen: – {222}
Warun denn sollt’ es jetzt nicht wieder seyn?
Drum ist mein Rath: ihr gingt mit etwas mehr
Behutsamkeit in dieser Sach zu Werke; –
Ihr zöget selbst den Sklaven zum Verhör;
Erforschet jeden Umstand auf’s genaueste
Aus seinem Mund; ja wäget jedes Wort: –
Damit im Fall die Aussag‘ sich bestätigt,
Ihr nicht Gefahr lauft, daß es von euch heißt:
Ihr hättet gute Dienste schlecht belohnt
Und ungeschminkte Wahrheit – roth gepeitscht.
Brutus.
Ermüd' uns nicht das Ohr durch so viel Worte!
Genug, wir wissen wohl: es kann nicht seyn!
Ein Bote (tritt auf.)
Es herrscht ein Auflauf in der ganzen Stadt:
Wohin man sieht, erblickt man Senatoren,
Die mächt'gen Schrittes, zu dem Capitol,
Mit so erschrockenen Gesichtern eilen,
Als, ständ’ ein großes Unglück Rom bevor.
Brutus.
Daran ist Niemand als der Sklave Schuld. {223}
Derselbe, der nach Rom die Nachricht brachte!
Sicinius geh', und laß den Augenblick
Ihn vor des ganzen Volkes Augen, peitschen!
Bote.
O Herr vergib! Der Sklave war nicht schuldig!
Nicht nur daß seine Nachricht sich bestätigt,
Noch schreckensvoll're Post, indem wir reden,
Beschäftigt Rom!
Brutus.
Was ist's?
Sicinius.
Verkündige!
Brutus.
Was soll ich hören? –
Bote.
Frey, von Mund zu Mund,
Erzählt man sich im Volk, von allen Seiten:
Das Kriegsheer, was, von Antium kommend, Rom,
Auf zwey verschiednen, Punkten, nun bedroht:
Von Cajus Marcius Coriolanus,
Und Tull‘ Amfidius werd' es angeführt! {224}
Und beide Männer, die sonst Todfeind' waren:
Sie hätten sich zum Untergange Roms,
Nun plötzlich der Versöhnung Hand gereicht,
Und in das Spatium, das dadurch die Welt
Bekommen würde, ginge Rom zu Grunde:
Da wollten sie der alten Feindschaft Groll
Und vielverjährten Todeshaß begraben.
Denn also hab' es Cajus Marcius
Dem Tull' Amfidius in die Hand gelobt:
Daß eine Rach' an Rom er nehmen wollte,
Von solchem unermeßlich weiten Umfang,
Daß aller Raum von Anbeginn der Tage,
Bis an das letzte Ziel der Weltenschöpfung,
Sie nicht im Stande seyn wird je zu fassen.
Sicinius.
Ein artig Mährchen! und recht gut erdacht,
Der Sehnsucht der patricischen Partey
Des Cajus Marcius, zu einem Vorwand
Zu dienen, ihn nach Rom zurückzurufen,
Und die Verbannung wieder aufzuheben!
Recht gut erdacht! Nur Schad' um so viel Witz!
Man sieht es durch! Der Aufwand ist vergeblich! {225}
Menenius.
Mir selber kommt es fast unglaublich vor,
Daß Cajus Marcius und Tull-Amfidius,
Wie zwey durch einen Pol getrennte Berge,
Von Lag‘ und Himmelsstrich so ganz verschieden,
Sich vor den Thoren Roms begegnen sollten!
Ein Zweyter Bote (tritt auf.)
Ich bin von dem Senat an euch gesandt,
Tribunen, euch zu melden: Cajus Marcius
Sey wider Rom mit einem Heer in Anmarsch;
Der Tull' Amfidius ist sein Bundsgenosse;
Ein großer Theil der römischen Provinzen
Ist schon zu ihren Waffen abgefallen. –
Dieß läßt durch meinen Mund euch der Senat,
Zugleich mit diesem Wunsch zu wissen thun.
Ihr möchtet euch zum Capitol verfügen!
Cominius. Die Vorigen.
Cominius.
Ein Meisterwerk, was ihr da angerichtet!
Menenius.
Cominius, was bringst du uns für Nachricht? {226}
Cominius.
Ihr habt die Bleydächer von dieser Stadt
Den Bürgern Roms auf ihrem Kopf geschmolzen!
Menenius.
Cominius, deine Nachricht! deine Nachricht!
Cominius.
Ihr habt das Bett der Tiber abgegraben,
Der Vesta heil’ges Feu'r damit zu löschen!
Menenius.
Was ist die Sach? Sprich! was ist vorgefallen?
Cominius.
Ihr habt die Privilegien unsers Staat’s
Mit Füßen in den Staub getreten; habt
Ganz Rom in einen Augiasstall verwandelt;
Habt Zucht und Sitte römischer Matronen
Die Leiber eurer Schwestern, Mütter, Jungfrau'n,
Der Willkühr eines zügellosen Lagers,
Der Schand' und der Entehrung Preis gegeben;
Und an dem Brand von ihren Wangen Rom
Zum zweyten Mal von Grund aus eingeäschert.
Menenius.
Dein Eingang läßt das Schlimmste mich vermuthen! {227}
Wie? Sollt' es wirklich seyn? und Cajus Marcius,
Im Bund mit Tull'-Amfidius: sollt' er wirklich
Mit seinen Waffen Rom bedrohen?
Cominius.
Sollte? –
Er führt die Volscier an, er ist ihr Kriegsgott! –
Gleich einer Art von überird'schem Wesen,
Aus einer unbekannten Weltenordnung,
Das einem höhern Gott den Ursprung dankte,
Der besser sich verständ' auf's Menschenmachen,
Als der, so diesen Leim für uns gefeuchtet,
Die wir, mit ihm verglichen, insgesammt
Doch weiter nichts als eine Sammlung Händ‘ und Füße
Und leere Formen nur von Menschen sind: –
So schreitet ihrem Heerszug er voran: –
Sein Will ist ihnen unumschränkt Gesetz;
Der Donner seiner Stimm' ist ihr Regent;
Die Städt‘ und Dörfer bücken sich vor ihm:
Die röm’schen Adler flattern ihm zu Füßen:
Er aber läßt sie, wo nur seines Heer's
Soldaten schwärmen, sich zum Zeitvertreib, {228}
Als wären's lust'ge Sommervögel, haschen!
Menenius.
Es ist gewiß, ein schneller Untergang
Steht Rom bevor, wofern nicht noch sein Herz
Zum Mitleid sich für uns bewegen läßt!
Cominius.
Was Mitleid? Wer verdient in Rom sein Mitleid?
Das Volk, das zum Tarpej’schen Felsen ihn verdammte?
Der römische Senat, der zugesehn,
Gleichgültig, feige, thierisch unempfindlich,
Obgleich er Einer von den Unsern war?
Wie? oder wollt ihr diese zwey Tribunen,
Als Abgesandten ihm in's Lager schicken?
Bey Gott, so mögt ihr auch nur gleich den Wolf
Zum Abgesandten an den Hirten wählen!
Menenius.
Cominius hat Recht! Und steckt er selbst,
Nach alle dem, was Rom an ihm verschuldet, –
Mein Haus in Brand: ich müßt es ruhig dulden: {229}
Nicht könn‘ ich sagen: „Marcius, du thust Unrecht!“
Selbst Tull‘ Amfidius, der zweyte Name
Der Welt, nach dem des Cajus Marcius,
Dient unter ihm nur als gemeiner Kriegsmann!
Huld, Gnad und Mitleid sind die einz’gen Waffen,
Worauf in diesem Krieg wir rechnen können: –
Versagen die uns: was ist noch zu hoffen?
Doch seht, da kommen eure Handwerkszeichen,
Die Kellen, Aext‘ und Beil‘ und Winkelmaße;
Der Jupiter pluvius eurer Volksversammlung;
Der Mützenregen unsers Capitols;
Sie, deren Garküchsbrodel zu Gefallen,
Ihr diesen Sturmwind über uns gebracht,
Der unsers Staatsschiff's Ruder ganz zerschlägt,
Und Rom und Capitol zu Grund gerichtet:
Sie haben ihn zum Thor hinausgezischt:
Nun aber, fürcht‘ ich, werden sie ihn bald
Mit ihres Seufzerhauches, vollen Segeln,
Herein zu heulen wieder Anstalt machen! {230}
Indeß wenn der Versuch nur nicht zu spät kommt: –
Was könnten sie ihm zur Versöhnung bieten?
Und ob sich der Tarpej'sche Felsen selbst,
Nun da er siegreich vor den Thoren Roms steht,
Als eine Thronstuf‘ ihm zu Füßen legte:
Nicht glaub ich, daß er sich bewegen ließe!
Nun Meisters, gute Zeiten! Glück zur Erndte!
Der große Schnitter Cajus Marcus
Steht vor den Thoren Roms, und führt ein Heer
Soldaten an, auf deren Kopf kein Haar
Zu finden ist, das sich nicht, nöth'gen Falles,
In eine doppelt schneidig scharfe Sichel,
Was nur von Unkraut, auf den sieben Hügeln Roms
Umhersteht, abzumähn verwandeln wird!
So viel ihr Mützen in die Luft geschwenkt,
Als ihr Verbannung über ihn gerufen,
So viel wird er nun Köpfe fliegen lassen,
Wenn er im Weichbild Roms die Must'rung hält! {231}
Erster Bürger.
Das sind ja recht betrübte und leidige Nachrichten, hochzuverehrende Herren, die Einem dermalen in Rom zu Ohren kommen!
Zweyter Bürger.
Ja, von wegen des Cajus Marcius und seiner Verbannung!
Dritter Bürger.
Ich meinerseits kann auf Ehre versichern, daß, obgleich ich für seine Verbannung stimmte, ich mir doch eigentlich gar nichts dabey dachte, sondern im Gegentheil, daß es mir recht lieb und
angenehm gewesen wäre, wenn man ihn nicht verbannt hätte.
Erster Burger.
Bey mir war das derselbe Fall, und im Grunde dachten wir alle so.
Zweytee Bürger.
Ja, wenn wir Unrecht an ihm verübten: so verübten wir es doch aus guter Absicht; nämlich bloß des gemeinen Bestens wegen. Und obgleich wir die Absicht hatten, ihn zu verbannen, und {232}
in seine Verbannung auch einwilligten: so ist doch so viel gewiß und ausgemacht, daß es eigentlich wider unser Aller Willen und Absicht geschehen ist!
Menenius.
Treffliche Stimmen! Auf die kann man Rom Morgen wieder aufbauen, wenn es etwa der Cajus Marcins heute niederreißt! (zu Cominius) Gehn wir zum Capitol!
(Mit Cominius ab.)
Sicinius (zum Volk.)
Nur ruhig Meisters, ruhig! Geht nach Hause!
Es gibt in Rom jetzt zwey verschiedene
Parteyen: diese möchte gar zu gern
Uns glauben machen, Alles fey nun schon
Für uns verloren; doch so schlimm ist's nicht!
Geht ihr zu Haus nur wieder an die Arbeit,
Und zeigt nicht die geringste Spur von Furcht!
Es kann sich Alles noch zum Besten wenden!
Erster Bürger.
Ja, das denke ich auch, Gott kann noch Alles zum Besten, wenden! Kommt Meisters, {233}
last uns nun wieder an unser Geschäfte gehn und unsere Werkstätten, statt des Forums, besuchen! Ach! ich wollte, wir hätten von jeher nichts anders gethan! Kommit! Ich sagt es doch immer, daß es
ein himmelschreyendes Unrecht war, was wir dem Cajus Marcius anthaten, als wir ihn in die Verbannung schickten, und daß es kein gutes Ende damit nehmen würde!
Zweyter Bürger.
Freylich! Wir sagten es Alle! Aber konnte denn Jemand durchdringen?
(Bürger ab.)
Brutus.
Esel! Am Ende werden sie noch uns beiden die Schuld beymessen! Aber wie gefallen dir diese Nachrichten?
Sicinius
So, daß ich die Hälfte meines Vermögens darum geben wollte, wenn sie nicht wahr wären!
Brutus.
Ich auch! – Komm zum Capitol!
(Beide ab.) {234}
Zwanzigster Auftritt.
Lager der Volscier vor Rom. Tullus Amfidius, nebst einem Unterbefehlshaber der Volscier.
Tullus Amfidius.
Wie heißt der Ort, an dem wir uns befinden?
Unterbefehlshaber.
Via Latin‘!
Tullus Amfidius.
Und wie weit ist's von Rom?
Unterbefehlshaber.
Viertausend Schritte, gut gezählt, mein Feldherr!
Tullus Amfidius.
Nimmt der Tumult im Lager noch kein Ende?
Wem gilt der Zuruf?
Unterbefehlshaber.
Dem nun alles gilt,
Dem Cajus Marcius!
Tullus Amfidius.
Sind die Soldaten
Noch stets bey seinem Namen außer sich? {235}
Unterbefehlshaber.
Sie nehmen ihn zu ihrem Tischgebeth;
Mit ihm verrichten sie ihr Gratias:
Nicht mehr bey'm Kriegsgott Mars; bey'm Marcius
Schwört der Samnitische und Volscische Krieger!
Tullus Amfidius.
Verfluchter Unbestand des Erdenglücks!
Sonst galt der Name Tull‘ Amfidius
Hier auch etwas!
Unterbefehlshaber.
Das war in vor'gen Zeiten!
Ich sagt‘ es stets: Du hast nicht klug gehandelt,
Daß du den alten Imperatormantel
In Stücken schnitt'st, und ihm die Hälfte gabst!
Tullus Amfidius.
Sonst nannten sie mich ihres Lagers Sonne!
Unterbefehlshaber.
Um desto schwerer fällt auf dich die Schuld,
Daß du, in deinem vollsten Mittagsglanze,
Zu Gunsten dieses stolzgesinnten Römers, {236}
Der Rom besiegt, damit wir ihm gehorchen,
Zu einem blassen Neumond dich verkrochst! –
Tullus Amfidius.
Kein Wort von dem, was nicht zu ändern ist!
Ich läugn' es nicht, sein Stolz begegnet mir
Nicht, wie er sollt‘, und er vergißt zu schnell,
Daß Sonn' und Mond und Tag und Nacht hier wechseln.
Unterbefehlshaber.
Wann bricht das Heer aus diesem Lager auf?
Tullus Amfidius.
Heut, oder Morgen athmen wir die Luft
Des Capitols!
Unterbefehlshaber.
Ist dieses so gewiß?
Und rechnest du, von Seiten Roms, mein Feldherr,
Auf keinen muthig tapfern Widerstand?
Tullus Amfidius.
Auf keinen von Bedeutung! Die Tribunen
Sind nicht Soldaten und das Volk ist feige:
Und was von Senatoren tapfer ist: {237}
Das schlägt sich zur Partey des Marcius,
Der diese Stimmung klüglich auch benutzt:
Denn überall wo unser Heer nur hinkommt,
Verschont er der Patricier Eigenthum,
Und der Plebejier Aecker und Besitzung
Nur werden der Verwüstung Preis gegeben!
Mit einem Wort, wie ein gewaltiger
Meeradler, über einem kleinen Fischteich,
Der von Natur ihm ganz verfallen ist:
So schwebt, mit beiden Flügeln seines Kriegsheer's
Auch Cajus Marcius nun über Rom:
Volk und Tribunen aber sind ihm nichts,
Als Krabben, Klippen – Fisch‘ und kleine Krebse!
Doch horch! Was für ein neuer Jubelruf
Erfüllt von allen Seiten her das Lager?
Ein Soldat tritt auf.
So eben ist ein Römer angekommen;
Cominius sein Nam' – er war einst Consul –
Und Waffenbruder unsers Marcius,
Und dacht‘ ein Bittgesuch ihm vorzubringen;
Doch Cajus Marcius ließ ihn kaum zum Worte:
Er winkt ihm mit der Hand, er sollte still seyn; {238}
Und da er's dennoch wagte fortzufahren,
Befahl er, mit den Hörnern einzufallen;
Drum jauchzt das Heer ihm lauten Beyfall zu!
Tullus Amfidius.
(zu seinem Begleiter.)
Aus diesem Umstand, schöpf ich gute Hoffnung!
Laß sehn, ob Cajus Marcius Rom so nah
Vielleicht vergißt ein Volscier zu seyn: –
Auf diesen Fall – nimm alle sieben Hügel Roms,
O Cajus Marcius, unter deinen Fuß:
Sobald du oben bist – sollst du mir klein seyn
(Beide ab.)
Ein und zwanzigster Auftritt.
Rom.
Oeffentlicher Platz.
Menenius. Cominius. Die Tribunen. Das Volk.
Menenius.
Was sollt' ich dort? Ihr hört, was er gesagt! {239}
(auf Cominius zeigend.)
Dieß war sein Oberfeldherr, und besonders
Stand er bey ihm in Gunst; mich nannt‘ er Vater;
Doch was verschlägt das jetzt!
(zum Volk gewendet)
Heillose Schelme!
Ihr, die ihr ihn aus unserm Rom verbannt:
Nun rutscht meilwegs auf Knien ihm entgegen,
Und ruft, wenn ihr vor sein Gezelt kommt, Gnade!
Sag an! Cominius, wie er dich empfing?
Cominius.
Er that, als hätt er niemals mich gekannt: –
Nur einmal nannt‘ er mich bey meinem Namen. –
Als ich dieß Wort vernahm, da schöpft ich Muth,
Und nannt ihn gleichfalls bey dem seinigen: –
Doch er verbat sich jegliche Benennung
Und sprach: „er sey ein namenloses Ding,
Und das so lang, bis er im Feuer Roms
Sich wieder einen Namen schmieden würde.“ {240}
Menenius
Im Feuer Roms? Habt ihr das Wort vernommen?
Ein schön Verdienst! Ihr da, ihr zwey Tribunen,
Ihr seyd es, denen Rom dieß Glück verdankt!
Die Kohlen werden hier nun wohlfeil werden!
Cominius.
Drauf bracht' ich ihm die Großmuth in Erinn'rung;
Ich hielt ihm vor, wie menschlich schön es sey,
Wie edel, seinen Feinden zu vergeben. –
„Das – sprach er – sey ein gutes Wort, mehr nichts,
Für Einen, den man criminell beleidigt:
Er hab' es seinerseits ja nicht mit uns,
Er hab' es mit dem ganzen Staat zu thun.“
Zuletzt, und als ich sah, daß Alles fehlschlug:
So nahm ich wenigstens sein Mitleid noch,
Für seine nächsten Freund‘ und Blutsverwandte
Zu Rom, in Anspruch; aber auch vergeblich!
Er nannt uns sämmtlich einen Haufen Spreu,
Und meinte, wie die Sachen ständen, wär's {241}
Im Grund nur ein verdrüßliches Geschäft,
Ein Paar gesunde Körner auszusuchen. –
Menenius.
Ein Paar gesunde Körner? Hört ihr's wohl?
Eins dieser Körner, das bin ich: – die Mutter
Das zweyte: – Weib und Kind – macht drey und vier;
Dann folgt das fünfte hier, der wackre Degen
Cominius: – ja, Herrn, wir sind die Körner:
Rom hat sich Unsertwegen Glück zu wünschen:
Ihr aber, ihr, das Volk und die Tribunen –
Verdamm' euch Gott! – ihr seyd die muff’ge Spreu;
So muffig, daß ihr bis zum Mond hinan stinkt!
Nur Schade drum, daß wir unschuld'ge Körner
Nun euretwegen mit verbrennen müssen!
Sicinius.
Wenn ihr nicht helfen wolltet, solltet ihr
Doch wenigstens nicht unsers Unglücks spotten!
Brutus.
Ja, Herr, es stünd‘ euch wahrlich besser an, {242}
Beredter Zunge, wie ihr seyd, ihr ging't
Zu ihm hinaus in's Lager!
Menenius.
Und was dort?
Sicinius.
Ein bittend Vorwort für uns einzulegen!
Brutus.
Von seinen Drohungen ihn abzubringen!
Menenius.
Und würd‘ ich, wie Cominius, abgewiesen? –
Sicinius.
So hättet ihr doch eure Pflicht gethan,
Und Rom ein Herz in seiner Noth gezeigt:
Kein Mensch wird über den Versuch euch schelten!
Brutus.
Ja, thut das, edler Herr, ihr war’t von je
Zu Rom ja, als ein Freund des Volks bekannt.
Sicinius.
O thut's, Herr, thut's! Versagt dem armen Volk
In diesem Jammer euern Beystand nicht!
Menenius.
Es sey! So will ich denn mein Glück versuchen! {243}
Kann keyn, Cominius hat Zeit und Stunde
Nicht recht – nicht so wie er gesollt – gewählt!
Schon das gefiel mir nicht, als er herausging,
Daß er so früh ging: warum früh? warum
Nicht erst nach Tisch? Gewiß, nach Tisch ist besser!
Nach Tisch sind immer unsre Lebensgeister
Weit besser aufgeräumt! Die Nüchternheit
Ist eine Art von Sandbank; die Gedanken,
– Das hab' ich an mir selbst bemerkt – gerathen
Gar leichtlich, sind wir nüchtern, auf den Strand!
Doch hat der Mensch zu Mittag wohl gegessen;
Sind die Canäle seines Blut's gehörig
Mit Speisen und Getränken angefüllt:
Da lös't auch im Gehirn sich jede Stockung;
Da circuliren prächtige Gedanken,
Und unsre Seele schweift, mit vollen Segeln,
Wohin man will, auch in der kühnsten Richtung!
Es sey! – Ich geh'! – Ich wag' es auf gut Glück! {244}
Ich habe mir von Leuten sagen lassen,
Die ebenfalls im Lager ihn besuchten,
Daß sein Gespräch aus Schwertern nur bestünde;
Daß alle seine Worte Trommeln wären: –
Doch das verschlägt nichts! Glückt mir mein Gesuch nicht:
So hab' ich nur noch einen Wunsch für Rom: –
Ich wünsch' ihm nämlich hundert tausend Füße,
Aus seinem eignen Thor davon zu laufen.
(ab.)
Die Vorigen, ohne Menenius.
Cominius.
Gebt Acht! Er wird ihm kein Gehör verleihn!
Brutus.
Wie so? Und warum zweifelst du daran?
Cominius.
Nach Allem, was ich selbst von ihm erfuhr.
Er saß auf einem hohen Thron von Gold:
Sein Auge funkelte so feuerroth,
Als dächt‘ er Rom damit in Brand zu stecken: {245}
Schimpf ist der Kerkermeister seines Mitleids,
Der Schimpf, den wir in Rom ihm angethan,
Als wir in die Verbannung ihn gestoßen.
Sein Gang ist, wie ein wandelnd Hausgerüst;
Wohin es unversehens rückt, da schrumpfen,
Vor seinem Fußtritt, Märkt' und Straßen ein,
Und Thier und Menschen eilen aus dem Wege.
Ich kniete vor ihm nieder, wo er saß. –
Er sprach so leise, daß ich's kaum verstand,
Bis mir sein Mund es zweymal wiederholte:
„Steh' auf!" – Und wie ich nun zu reden anfing:
Da winkt‘ er mit der Hand, ich sollte still seyn:
Und da ich's dennoch wagte fortzufahren,
Befahl er, mit den Hörnern einzufallen:
Mit zürnend, sprachlos abgewandtem Antlitz
Ward ich entlassen: was er wollt', erhielt
Ich schriftlich: was er nicht gewollt: da schützte
Im Gegentheil er seinen Eidschwur vor!
So geb' ich alle Hoffnung auf, ihm Mittleid {246}
Für Rom und unsern Zustand einzuflösen,
Wofern – was jetzo, wie ich hör', im Werk ist –
Nicht etwa seine Gattin, Kind und Mutter,
Die einen Zug von römischen Matronen
Zu ihm hinaus in's Lager führen wollen,
Ihn noch auf andere Gedanken bringen!
Brutus.
Ja, ja, Volumnia trägt nun die Entscheidung
Von Rom zum zweytenmal in ihrem Schooß!
(zum Volk.)
Kommt, kommt! und laßt mit Bitten insgesammt
Uns sie im Namen Roms so lang bestürmen,
Bis dieser schöne Plan und Vorsatz That wird!
(Alle ab.) {247}
Zwey und zwanzigster Auftritt.
Das Lager der Volscier.
Am Eingange desselben ein Zelt, und vor demselben zwey Schildwachen, die auf- und abgehen.
Menenius tritt auf.
He da! Sagt mir doch, ihr guten Leute!
Erste Wache (mürrisch.)
Was?
Menenius.
Wer ihr seyd, möcht' ich wissen!
Erste Wache (noch mürrischer.)
Schildwachen!
Menenius.
Und ob ihr schon zu Mittag gegessen habt?
Erste Wache.
Gegessen?
Menenius.
Ja - oder getrunken; denn das läuft Alles auf eins heraus! {248}
Erste Wache.
Wie?
Menenius.
Nein! Wie ihr gegessen habt? – das nicht! und was ihr gegessen habt? – das auch nicht! Nur überhaupt, ob ihr gegessen habt? Das ist's, was ich gern wissen möchte!
Erste Wache.
Und was geht das euch an!
Menenius.
Nach der rauhen Manier zu schließen, womit mich dieser Mann anläßt, könnte Jemand den sichern Schluß machen, daß er heut noch wenig oder gar nichts zu Mittag gegessen hat!
Erste Wache.
Und – auf den Fall, daß ihr Recht hättet?
Menenius.
So würd ich euch recht sehr bitten, von mir dieß kleine Trinkgeld anzunehmen.
Erste Wache (steckt es bey Seite.)
Gut! Und was weiter? – {249}
Menenius.
Sodann mir zu sagen, welches von hier der nächste Weg zum Gezelte eures Feldherrn ist?
Erste Wache.
Ihr steht davor!
Menenius.
Und ob dieser auch schon zu Mittag gegessen hat?
Erste Wache.
Seit einer halben Stunde!
Menenius.
Desto besser, so kann ich mich sogleich zu ihm verfügen!
Erste Wache.
(die ihm den Weg vertritt.)
Halt!
Zweyte Wache.
Zurück!
Menenius.
Was fällt euch ein?
Erste Wache.
Kommt ihr nicht von Rom? {250}
Menenius.
Ja!
Erste Wache.
Nun, so geht auch nur wieder dorthin zurück!
Menenius.
Wie so?
Erste Wache.
Weil wir unserseits hier den gemessensten Befehl haben, nichts, was von Rom kömmt, und wenn es ein Sonnenstrahl wäre, unzerknickt durch unser Lager passiren zu lassen!
Menenius.
Nun, nun – ein solcher Befehl leidet wohl Ausnahmen, und ich glaube fast, ich bin eine Davon!
Erste Wache.
Zurück, du thörigter Alter! wofern du nicht willst, daß ich dem Schneckengang deines Blut's einen plötzlichen Stillstand auflegen, und dir die Paar Unzen, die du noch etwa davon in deinen Adern
hast, dahier mit dieser meiner Hellebarde abzapfen soll! {251}
Menenius.
Du würdest, wenn du das thätest, einen schlechten Dank bey deinem Feldherrn verdienen! Denn du sollst wissen, daß ich und er die besten Freunde von der Welt sind, und daß ich mit meinem Namen
Menenius heiße!
Erste Wache.
Heißt ihr, wie ihr wollt!
Menenius.
In der That, so lange sich Cajus Marcius noch in Rom befand, gab es keine erprobtere Freundeschaft, als die unsrige! Ich war, so zu sagen, das Verzeichniß seiner Worte, die Musterrolle seiner
Gedanken, das Buch seiner Thaten – und Blitz! oftmals sagte dieses Buch sogar mehr, als in ihm selbst stand! –
Erste Wache.
Das heißt: ihr machtet, so wie hier, unnütze Worte: denn daß sie unnütz waren, beweist: daß sie nichts gefruchtet, und Cajus Marcius, ungeachtet eurer schönen Redensarten, verbannt worden ist.
Und darum, weil ihr und Rom {252}
selbst an eurem Unglücke Schuld seyd, verdient ihr auch weiter kein Mitleid! Ihr habt mit eigner Hand den Brand in's Capitol geworfen: so seht denn nun auch zu, wie ihr die Flammen wieder
auslöscht! So viel aber sage ich euch im voraus: weder die Thränen von schwachen Weibern und Kindern, noch die Seufzer von blödsinnigen, zahnlosen Alten, werden es ausblasen. Und wenn ihr eine
ganze Curie voll mit diesen Thränen weintet, und die ganze Tiber mit dem sündigen Wasser eurer Reue anfülltet, dazu ein solches Seufzen von Rom erginge, daß alle Mühlen zwischen Beji und Ostia
davon in Bewegung geriethen: – so würde sich Cajus Marcius doch schwerlich dadurch, von seinem einmal gefaßten Entschluß, die sieben Hügel Roms der Erde gleich zu machen, wieder abbringen lassen!
Darum ist mein Rath, ihr geht nach Rom und bestellt euer Haus; denn binnen Heut und Morgen dürftet ihr mehr von den Geheimnissen der Erde und des Himmels erfahren, als den Weisesten der Welt, in
den sechstausend Jahren, wo sie steht, davon offenbar geworden ist! {253}
Coriolanus.
(tritt aus dem Gezelt.)
Ich höre einen Lärm vor meinem Gezelt, und, mitten in einem lebhaften Gesprächswechsel, erklingen Stimmen in mein Ohr, die mir bekannt sind, und die ich einst in Rom glaube vernommen zu haben. –
Sieh da, Menenius, alter Freund und Vater, du auch hier? Ich heiße dich von ganzem Herzen willkommen, sofern du nämlich ohne Rom zu mir in's Lager kömmst!
Menenius (zu den Wachen.)
„Alter Freund und Vater!" Habt ihr's gehört? Nun spitzt eure Ohren! Nieder zu meinen Füßen, ihr Schelme! hört ihr wohl? „Sein Vater!" Es ist so gut, als ob ihr euch an der geheiligten Person
eures Feldherrn selbst vergriffen hättet!
Coriolanus.
Menenius, diese Leute haben nichts als ihre Pflicht gethan!
Menenius.
Was Pflicht? Sie haben mich von dir ab gewiesen! {254}
Coriolanus.
Ich hatte es ihnen so befohlen!
Meneniue.
Mich, der ich, als ein Abgesandter Rom's, zu dir in's Lager kam? Mich, der ich, als ein Vater zu seinem Sohn, zu dir in's Zelt wollte?
Coriolanus.
Als ein Abgesandter Roms? Menenius, du weißt, ich war von jeher dein Freund und bin es noch: aber mit diesem einzigen Wort zwingst du mich, alle weitere Unterhandlung mit dir abzubrechen!
Menenius.
Wie?
Coriolanus.
Was über Rom von mir beschlossen ist, habe ich bereits dem Cominius mitgetheilt. Nur aus besondrer Achtung und Freundschaft für dich habe ich Alles noch einmal schriftlich aufgesetzt! Nimm dieses
Papier, worin es enthaltem ist! Es enthält meine letzte Willensmeinung! {255}
(Winkt mit der Hand.). Und somit hinweg! – hinweg!
(ab in's Gezelt.)
Erste Wache.
Nun sollen wir euch noch zu Füßen fallen?
Zweyte Wache.
Haben wir noch einen Subordinationsfehler begangen?
Erste Wache.
Gegen die geheiligte Person unsers Feldherrn!
Zeweyte Wache.
Gegen dessen Vater und Freund!
Menenius.
Still, sag' ich, still, und geht! Aber nein, ihr sollt nicht gehn, ich will gehn! – Ihr sollt stehen bleiben, Schildwache stehen, sechs tausend Jahr, in Wind und Regen, bis der Mond auseinander
fällt, und die Sonne dazu, und die Natur kömmt und euch ablöst, um euch, in ein Paar Murmelthiere verwandelt, in irgend eine Kluft der Appenninen mit sich hinweg zu führen. Still! – {256}
Ich will nicht fluchen – aber wär ich so etwas, wie Blitz, oder Donner, oder irgend eine andere Strafgerechtigkeit des Himmels: so wollt' ich euch jetzt plötzlich auf den Kopf fahren, und
dasselbe Wort zu euch sagen, was euer Feldherr vorhin zu mir sagte: (indem er ein Zeichen mit der Hand macht) hinweg! – hinweg!
(ab.)
Erste Wache.
Ein braver Mann!
Zweyte Wache.
Der bravste Mann ist immer unser Feldherr!
Coriolanus, der mit Tullus Amfidius aus seinem Gezelt tritt. Die Vorigen,
Amfidius, dieser alte Mann galt, so lang ich in Rom lebte, für meinen besten Freund und den treuesten Rathgeber meiner Jugend! Es ist mir daher schwer angekommen, ihn so ungetröstet von mir
hinweg gehen zu lassen! Dafür bin ich aber nun auch fest entschlossen, keine weiteren {257}
Gesandtschaften von Rom mehr anzunehmen; und Morgen mit dem Frühesten oder noch vor Tagesanfang, wollen wir mit unserm Heer aufbrechen und vor Rom rücken!
O Himmet! Will im gleichen Augenblick,
Wo mir ein übereilt Gelübd’ entfuhr,
Auch die Natur mich schon dafür bestrafen?
Was für ein plötzlicher Tumult in Lager?
Täuscht mich mein Auge? oder seh' ich recht?
Es naht ein unabsehlich langer Zug
Von römischen Matronen meinem Zelt;
Voran die heilge Form, worin Natur
Einst dieses Leibes Glieder ausgeprägt:
Ja, ja Volumnia, sie ist es selbst!
Sie führt mein Blut, ihr Großkind an der Hand:
Und ihr zur Seiten, mit verschämten Blicken,
Geht meine Gattin, geht Virgilia. –
Jetzt richtet sie ihr Haupt zu mir empor: –
Laßt ab, laßt ab, ihr sanften Taubenaugen,
Den Weg zu meinem Herzen euch zu suchen: {258}
Kein Mitleid wohnt in eines Geiers Brust!
Der Zug kommt näher, und voll Ehrerbietung.
Weicht der Soldat ihm überall zurück. –
Nur fest, nur fest mein Herz! Laß sie nur kommen!
Ich will so kalt, so unbeweglich dastehn,
Als sey Natur und Schöpfung eine Lüge;
Als wär‘ der Mensch Urheber seiner Tage,
Und gäb‘ es weder Vater, Sohn, noch Mutter!
Drey und zwanzigster Auftritt.
Die Vorigen. Ein Zug von römischen Matronen, Volumnia an ihrer Spitze, die Mutter Coriolans, mit dem Kind an ihrer Hand. Ihr zur Seite Virgilia, dessen Gattin.
Volumnia.
(Die in einiger Entfernung vor Coriolanus stehen bleibt und sich still vor ihm verneigt.)
Coriolanus.
Was? Meine Mutter neigt vor mir ihr Antlitz?
O Himmet! Ist's nicht, als ob der Olymp
Sich tief vor einem Maulwurfshügel bückte? {259}
Volumnia
(läßt sich vor ihm auf’s Knie.)
Coriolanus.
Du kniest? Steh auf! Steh auf! Was, thust du, Mutter!
Volumnia.
Die thörigte Gewohnheit der Natur,
Die diesen Zoll nur Kindern auferlegt,
Da Tugend an und für sich ewig ist
Und keinen Unterschied der Jahre kennt,
Denk‘ ich mit diesem Beyspiel abzustellen.
Coriolanus.
Nun so verändre sich denn ganz Natur,
In ihrem ewig unverrückten Lauf!
Ihr Kiesel dieser hungrig wilden Küste,
Fliegt schallend in die Monde Jupiters!
Steht auf, steht auf, ihr Cedern Libanons
Ihr Riesen dieses alten Erdenrund's,
Schlagt brennend und in Wirbeln fortgerissen,
Hoch an des Sirius Sonnen euer Haupt!
Zerreißt ihr schöpfungsalten Meeres-Dämme!
Rauscht durch einander Keime der Verwüstung, {260}
Bis der Unmöglichkeiten Schooß befruchtend,
Ihr das Unsägliche zur Welt gefördert!
(Fällt gleichfalls auf sein Knie.)
Ihr aber, widerspenst’gen, stolzen Knie
Fallt demuthsvoll vor eurem Ursprung nieder!
Beschämt die Ehrfurcht von gemeinen Söhnen!
Gebt solch ein Beyspiel kindlichen Gehorsams,
Daß keine Zeit und keine Zukunft je
Die Spur, die ihr dadurch dem Boden eindrückt, Hinwegzutilgen wiederum im Stand ist!
Volumnia.
(die ihn in ihre Arme emporhebt.)
Steh auf, mein theurer, vielgeliebter Sohn!
(zu Virgilia.)
Virgilia, sein Herz hat uns erkannt!
Coriolanus.
Fahr hin Verstellung! falsche Gauklerrolle!
Natur behaupte du dein altes Recht!
Volumnia.
(zu Corolianus, indem sie ihm seine Gattin vorführt.)
Kennst du?
Coriolanus.
Wie sollt‘ ich nicht? Virgilia! {261}
Der erst‘ und frischgefallne Schnee des Himmels,
Auf Vesta's heil’gen Tempel ist nicht keuscher,
Als dieser Augen reiner Himmelsglanz!
Und doch – nein, nein, das sind die Sterne nicht!
Die ich so glänzend einst in Rom verließ?
Volumnia.
Des Weinens Wolke hat sie trüb gemacht.
Coriolanus.
Nun so zerreiße denn, du neid'scher Schleyer
Und brich hervor in mondlich stillem Glanz,
Du himmelvoll entwölktes Augenpaar!
Virgilia, was zauderst du so lange?
Komm! Eine lang' und einzige Umarmung,
So lang, wie die Verbannung mir aus Rom war;
So schmerzlich süß, wie meine Wiederkunft!
Und diesen Kuß, so rein, so jungfräulich,
Wie ich bey meinem Abschied ihn empfing,
Nimm ihn von meinen Lippen nun zurück!
Volumnia
(ihm das Kind zeigend.)
Und hier die zweyte Abschrift deiner selbst, {262}
Der nur die Auslegung der Jahre fehlt,
Ein zweyter Cajus Marcius zu werden!
Coriolanus.
(der ihm die Hand auf's Haupt legt.)
Der Gott der Kriegsschaarn sey mit dir, mein Sohn!
Er setze dich zu einem Feuerzeichen!
Am Tag der Schlacht, wo dich Gefahr umwogt,
Glänz, wie ein Licht umher, und unerschrocken
Rett' Alles, was auf dich die Augen richtet!
(Mit immer zunehmender Fassung.)
So hab‘ ich der Natur die Schuld bezahlt! –
Nun, Mutter, sprich! Was bringst du uns von Rom?
Doch wiss, den zweyten Theil von der Gesandtschaft,
Sofern wir hier im Volscierlager sind,
Darf ihn des Volsciers Ohr auch nur vernehmen!
(Indem er auf einem goldenen Thron, der in der Mitte des Lagers und vor seinem Gezeite errichtet ist, Platz nimmt.)
Tritt näher, edler Tull-Amfidius!
In solcher öffentlichen Unterhandlung, {263}
Die einen Staat betrifft, dem beide wir
Mit unserm besten Dienst ergeben sind,
Wär‘ jegliche Geheimhaltung, von deiner
Und meiner Seit‘, ein tadelnswerth Verbrechen.
Nun, edle Mutter, sprich! – Nur wen'ge Worte
Vernimm, bevor du sprichst, aus meinen Mund! –
Bitt' Alles – dieß nur nicht von deinem Sohn:
Daß ich mein siegreich vorgerücktes Heer,
Auf dein Gesuch hier auseinander lassen,
Und mit dem Pöbel Roms, der mich verbannt,
Großmüthige Traktaten schließen soll!
Volumnia.
Es ist genug! Mit diesem einz'gen Wort,
Mein Sohn, hast du mir Alles abgeschlagen: –
Doch will ich bitten: – nicht daß meinem Wunsch
Ich dennoch thörigte Gewährung hoffte;
Nein, sondern bloß, und der Vergehung Schuld
Dadurch noch schwerer auf dein Haupt zu häufen!
O Sohn, wozu hat dich dein Zorn verleitet?
Wie? So erzürnt du auch zu uns hierher kamst,
Der erste Baum des vaterländ’schen Bodens: {264}
Hat er alsbald nicht deinen Zorn entwaffnet?
Befahl nicht jeder Stein, den du getroffen,
Der Wand'rern zeigt, wie weit es noch nach Rom ist,
Auf halbem Weg, dir wieder umzukehren?
Wollt‘ ich auch jeden Vorwurf dir ersparen:
Der Mutter blaß und abgehärmte Wange;
Der Gattin trüb und roth geweintes Auge:
Sie klagen dich mit lauterm Vorwurf an,
Als meine Lippe je dir machen könnte.
Und doch ist dieser äuß're Trauerstand,
Der in Gebehrden, Mien' und Gang sich zeigt,
Der kleinste Theil nur unsers Mißgeschickes:
Uns Alle, Sohn, so viel wir einst in Rom
Die Deinen uns und dich den Unsern nannten,
Drückt darin jetzt ein doppelt schwer Verhängniß:
Daß nicht den Zugang nur zu deinem Herzens;
Nein, auch den Zugang zu der Götter Tempeln
Du uns, durch deine Handlung, hast verschlossen.
Den letzten Trost des Unglücks – das Gebet: –
Auch dieß hast deiner Mutter du genommen!
Denn warum sollt‘ ich wohl die Götter bitten? {265}
Erhörung des Gebets für meinen Sohn –
Wär' Untergang für Rom und Capitol: –
Erhörung des Gebets für Rom: – es brächte
Dich, meinen Sohn, in Unglück und Verderben!
So find ich denn, wohin ich mich auch wende,
Doch nirgend eine andre Wahl, als diese:
Entweder, mit verzweiflungsvollem Wunsch
Das Capitol, das meiner Ahnherrn Blut
Einst gründen half, durch dich in Schutt verwandelt:
Wo nicht – mein eignes Blut im Kettenschmuck,
Mit fluchbelad’ner Spur an seiner Ferse,
Durch's Forum Roms, vom Volk geschleppt zu sehn: –
Und weder einen noch den andern Anblick
Gedenk‘ in Rom ich je zu überleben: –
Nein, nein, auch mein Entschluß ist fest gefaßt!
Eh‘ Rom den Fuß auf deinen Nacken setzt;
Eh' du das Capitol zu Grund gerichtet:
Sollst du zuvor auf diesen Leib hier treten,
Dem du des eignen Daseyns Licht verdankst! {266}
Virgilia.
Und auch auf diesen, der dieß Kind die schenkte!
Das Kind.
Auf mich soll er nicht treten! Nein, er soll nicht!
Ich will bey Seite laufen, bis ich groß bin!
Und wenn ich dann ein Schwert auch führen kann:
So will ich mit ihm fechten –
(inden es eine drohende Belegung der Hand macht.)
so, und so!
Coriolanus.
(steht plötzlich von seinem goldnen Thron auf.)
Es ist was Eignes doch in der Natur
Um eines Weibes, oder Kindes Anblick!
Gefährlicher ist nichts auf einem Richtstuhl,
Als diese ungekünstelte Versuchung!
Weich‘ jeder Mann ihr aus, wenn nicht das Herz,
Wie Wachs im Busen ihm zerschmelzen soll! –
Ich glaubte mich so zuversichtlich fest
Von dieser Seit‘, und sieh! nun fühl ich auch
Aus meinen Männerauge Tropfen fallen:
So ist's denn wahr? So bin ich von Natur
Aus so gemeinem Thon auch mir gemacht, {267}
Wie alles andre Zeit- und Erdgeborne!
Ich fühl's – ich habe hier zu lang gesessen!
(will fort.)
Volumnia (hält ihn zurück.)
Wie, Cajus Marcius? So, unerhört
Willst du von deinem Antlitz uns entlassen?
Du hast dich gänzlich von uns abgewendet?
Ihr Römerinnen, fallet ihm zu Füßen!
Verwehrt den Rückweg ihm zu seinem Zelt!
(Indem sie vor ihm niederknien.)
Ruft ihn bey seinem Namen Cajus Marcius,
Womit ihn Rom auf meinem Schooß begrüßt!
Jagt seinen Wangen eine Schamröth' ab,
Daß einem fremden Namen zu Gefallen,
Weil wir Coriolanus ihn genannt,
Er Rom und Uns und Vaterland vergißt,
Und nur Corioli zum Besten handelt.
O Sohn, laß nicht der Nachwelt Chronik einst
Von dir erzählen: edel war der Mann,
Im Anfang seiner Laufbahn; doch zuletzt
Beschloß er sie mit Schimpf und Schmach und Schande. {268}
Und preist man dich an Kraft den Göttern ähnlich:
So ahm' auch darin deinem Vorbild nach,
Daß du Geduld im Zorn und Langmuth übst!
Wie sie Gewitter im gerechten Eifer
Rings am bezognen Himmel zwar versammeln,
Und schon den Blitz in ihren Händen halten,
Ihn auf ein schuldig Haupt herab zu zucken:
Doch bald, wenn das Erbarmen wieder siegt,
Des Donnerkeiles flammendes Geschoß,
Der Menschen Städt‘ und Wohnungen verschonend,
An einem alten Eichstamm nur entladen! –
Du stehst noch immer von uns abgewendet?
Virgilia, er hört auf uns nicht mehr!
Hört nicht auf deiner Augen stillen Blick!
Hört nicht auf seiner Mutter klagend Wort!
Kein Sohn hat seiner Mutter mehr Verpflichtung;
Ich zog ihn auf, nach seines Vaters Tod:
Mein ist ein Theil von seinem Heldenruhm!
Hast du die Schuld, mein Sohn, die ich dadurch
Dir auferlegt, hast du sie mir bezahlt?
Ist sie bezahlt: – wohlan, so faß ein Herz, {260}
Und sprich im Angesicht des ganzen Heer's,
So laut, wie ich dich jetzt darum befragt:
Ich habe, Mutter, dir die Schuld bezahlt!
Und stoß von deinem Antlitz mich hinweg! –
Wo nicht – und wagst du's nicht, dieß Wort zu sprechen: –
Wie du denn immer noch vor mir verstummst: –
So bleibst du denn auch jetzt und immerdar,
In jenem großen Schuldbuch der Natur,
Mit ew'ger Schuldners-Pflicht mir aufgezeichenet! –
Noch, bitt ich dich, bedenk auch diesen Umstand:
Nie that ich irgend eine Bitt‘ an dich: –
Die erste, die ich an dich that, mein Sohn: –
War's recht von dir, daß du sie mir so kalt,
So streng, so rauh, so unerbittlich abschlugst?
Wär‘ Eigensinn, Verdruß und Weiberlaune
Der Grund von dieser ersten Bitt‘ gewesen: –
Noch hatt‘ ich mir ein Recht an dir erworben,
Gewährung selbst auf diesen Fall zu hoffen:
So aber war es nur ein bill'ger Wunsch: –
Es war Vernunft, was mich dazu vermochte; {270}
Ich bat ja nicht: daß du Corioli
Verrathen solltest: ich bat ja nur von dir:
Daß zwischen ihm und Rom du Frieden stiftest,
Und Frieden, auf Bedingungen, wie sie
Mit beider Staaten Wohl verträglich sind.
Komm, komm, mein Kind! und falte du die Hände
Zu ihm empor! Versuch es deinerseits,
Ob ihn dein kindlich Flehn vielleicht bewegt,
Da taub sein Ohr für deine Mutter ist!
(Indem sie das Kind vor sich empor hält.)
Höchst unnatürlicher, grausamer Vater!
Höchst, höchst fühlloser Cajus Marcius!
Blick her! Verschmäh die stille Bittschrift nicht,
Die die Natur, in dieses Knaben Augen
So ungesucht für Rom dir eingereicht:
Sie ist mit deinem Herzblut unterzeichnet:
Allmächtig klingt der Zuruf der Natur:
„Lies, lies sie, Cajus Marcius! sie ist gültig!
Ich sag' dir, ob du's zehn Mat läugnen wolltest:
In den gefalt’nen Händen dieses Kindes {271}
Ist mehr Vernunft, Natur, Instinkt und Gottheit,
Als in dem ganzen hohlen Wörterprunk,
Womit du deine Riesenthat so gern
Vor dir und uns beschönigtest! Steht auf!
Steht auf, ihr freygebornen Römerinnen!
Es ist genug! Steht auf! Ich kann nicht weiter!
Kommt! Gehen wir sogleich nach Rom zurück!
Wer dieser Mann auch sey – von Ungefähr
Nur gleicht er meinem Cajus Marcius,
An Mienen, Gang, Gebehrden und an Anstand:
Nein, dieser Mann ist Cajus Marcius nicht!
Der hätte mich so lang nicht bitten lassen!
Fremd ist in ihm mir jeder Tropfen Blut's!
Auch nicht ein einz’ger, der mich Mutter nennt!
Dieß Kind auch gleicht ihm nur von Ungefähr!
Geh', Kind, geh', such in Antium deinen Vater!
Den Mann da – hat ein Volscier gezeugt
Nicht ich – Corioli ist seine Mutter!
Für jetzt hab ich dir weiter nichts zu sagen!
Kommt!
(plötzlich wieder umwendend) –
aber wenn nun Rom und Capitol brennt, {272}
Gedenk‘ ich noch ein Wort mit dir zu sprechen.
Coriolanus.
(Indem er sie noch immer abgewendet bey der Hand faßt.) Volumnia! – Wohlan! – was zaudr‘ ich noch?
(Für sich.)
Auf einer Wagschal Rom und Capitol –
Und auf der andern Cajus Marcius Tod!
Und, meine Mutter, die den Ausschlag gibt!
Es sey! – Wohlan denn! Weil es so ihr Wunsch ist!
Natur, Vernunft, Instinkt, Rom und die Welt,
Beflügeln mich mit doppeltem Gewicht:
Sie stürmen auf mich zu: – das Zünglein schwankt –
Und Cajus Marcius Seele fliegt zum Himmel!
(laut.)
O Mutter! einen schönen Sieg für Rom
Hast du, durch deine Ueberredungskunst,
Davon getragen – aber tödtlich, tödtlich {273}
Für deinen Sohn! Gehab dich ewig wohl!
Mich sieht dein Aug' in Rom nun niemals wieder!
Du siegst – und Cajus Marcius hat gelebt!
Denn das erwartest du wohl nicht von mir,
Daß ich ein Heer, was mir Corioli,
Als Feldherr einst, zur Führung anvertraut,
Mit schnödem Treubruch, hier verlassen soll?
Ich führ es selbst nach Antium zurück,
Und was mir dort bevorsteht – frag' es nicht!
Von Rom erwart' ich keinen Dank! Nicht ihm
Dir, Mutter hab ich mich allein, geopfert!
Dir und –
(Indem er seine Gattin umarmt)
Virgilia, leb' in meinem Sohn!
Und seines Vaters Name sey sein Erbtheil!
Jetzt folgt mir unverzüglich in mein Zelt,
Daß, mit Beseit'gung jedes anderen
Geschäftes, wir mit Tull-Amfidius,
Zum Besten Roms und auch Coriolis,
Die Unterhandlung schnell zu Ende bringen.
Denn nicht nur mündlich geb' ich euch mein Wort: {274}
Daß noch in diesem Augenblick dem Heer
Befehl zum Rückzug ich ertheilen will:
Ein schriftlich und besiegelt Dokument,
Aus meinen Händen, für Senat. und Volk,
Daß Rom allein die Rettung euch verdankt,
Auch sollt ihr auf den Weg von mir erhalten!
Ihr Frauen Roms, verdientet in der That,
Daß Rom euch Tempel und Altäre setzte,
Weil ihr, was weder die Gewalt der Waffen,
Noch Männermuth in diesem Fall vermochte,
Durch eure Ueberredung still bewirkt!
Hochherz'ger, edler Tull' Amfidius, sprich:
Was hättest du gethan, wär deine Mutter,
So wie die meinige, zu mir in's Lager.
Mit gleichem Bittgesuch, herausgekommen?
Tullus Amfidius.
Ich glaube fast –
(seitwärts)
Ich will ihn sicher machen,
Auf seinen Untergang bau' ich mein Glück!
(laut)
Ich glaub‘ – ich hätt' auch grade so gehandelt!
Mir gingen Anfang's gleich die Augen über! {275}
Ich fühlte mich gerührt!
Coriolanus.
Nicht wahr? nicht wahr?
Ich wußt es wohl, du würdest mich nicht schelten!
(Ihn bey der Hand ergreifend.)
Jetzt komm, und hilf mir die Traktaten schließen!
(Alle ab.)
Fünf und zwanzigster Auftritt.
Das Forum.
Menenius. Sicinius.
Menenius.
Siehst du jenen Eckstein dort am Capitol?
Sicinius.
Ich seh ihn woht!
Menenius.
Sofern es dir möglich ist diesen Eckstein, durch eine Bewegung deiner Hands, oder deines {276}
kleinen Fingers, von seinem Platz hinweg zu rücken, und hierher zu uns in die Mitte des Forums zu versetzen: so ist auch Hoffnung da, daß Cajus Marcius sich, durch die Bitten der Matronen, zum
Rückzug seiner Truppen von Rom, werde bewegen lassen.
Sicinius.
Aber ist es nur möglich, daß sich der Zustand eines Menschen, in so kurzer Zeit, so gar sehr zu seinem Vortheil verändern kann?
Menenius.
Das ist eine recht gute Frage für Hühner, die gerupft werden, und die etwa ein Adler, sobald er aus dem Ey gekrochen ist, beantworten muß!
Es kömmt ein Bote.
Macht, daß ihr fortkommt, edelster Sicinius!
Das Volk hat euern Amtsgehilfen Brutus
So eben vor dem Capitol gefaßt
Und schleppt ihn in den Straßen hin und her.
Es ist höchst aufgebracht und hat geschworen,
Wofern auch die Gesandschaft der Matronen, {277}
Zum großen Cajus Marcius in's Lager,
Für Rom zu seinem Heil und Vortheil ausschlägt:
So wollten sie ihn zollweis sterben lassen
Und euch dazu!
Ein zweyter Bote.
Erhebet eure Häupter!
Rom ist gerettet! Die Matronen haben,
Bey'm großen Cajus Marcius Gnade funden!
Der Volscier Heer ist schon im vollen Abzug !
Sicinius.
(der ihn umarmt.):
Gott lohne dich, du edler Friedensbote!
Dein Wort ist Balsam meinem wunden Ohr!
Kein Ton in meiner Kehl’! und kein Gefühl
In meinem Busen, Freund, das dir nicht dankt!
Doch sprich! Ist diese Nachricht auch gegründet ?
Bote.
Wo war't ihr denn die lehtze Zeit in Rom,
Daß diese Neuigkeit bis jetzt noch nicht
Zu euerm Ohr hindurch gedrungen ist? {278}
Wie Wasser durch Schwibbögen einer Brücke
Des Tiberflusses, wenn er heftig strömt:
Wo Tropf‘ an Tropfen wild einander jagen:
So jagt das Volk mit dieser Nachricht auch
Sich jetzt, durch alle Thor' und Straßen Roms.
(Man hört in der Entfernung Musik.)
Menenius.
Fürwahr das nenn' ich Hülf in höchster Noth!
Heut Morgen noch hätt‘ ich, beym Jupiter,
Für unsre allerseit’gen Köpf‘ und Hälse,
Kaum einen einz'gen Stater mehr gegeben!
Cominius (tritt auf.)
Lärmt Harfen, Pfalter, Zinken und Schallmeyen!
Und werdet müde nicht, bis in die Nacht,
Die Sonn', im Chor, zum Tanz heraus zu fodern!
Rom feiert heut mit uns hier sein Geburtsfest,
Da schon sein Untergang ganz nah ihm war!
Behängt mit Blumen rings das Capitol!
Ihr Volkstribunen, eilt in die Versammlung,
Durch eine schleunige Zurückberufung,
Des großen Helden Cajus Marcius, {279}
Und der Decret', die ihr einst wider ihn,
In thörigter Verblendung, abgefaßt,
Das letzte Angedenken von der Schmach,
Womit ihr ihn belegtet, zu vertilgen!
Zug der römischen Matronen zum Capitol, mit Musik, unter Anführung Volumnia's und Begleitung des Volk's. Voran ein Herold.
Herold.
Heil Cajus Marcius und Volumnia!
Heil seiner edeln Mutter! Drey Mal Heil!
Heil, Heil auch unsern edelsten Matronen!
Zuruf des Volk's.
Heil Cajus Marcius und Volumnia! {280}
Sechs und zwanzigster Auftritt.
Die Stadt Antium.
Tullus Amfidius. Ein Unterbefehlshaber der Volscier. Sie begleitende Soldaten.
Tullus Amfidius.
(Indem er Einem von den Seinigen eine zufammengewickelte Rolle gibt.).
Bring dieß den Herren von Corioli,
Und sag‘, daß ich sie hier am Markt erwarte:
Meld' ihnen, daß ihr Kriegsheer angekommen:
Und brächt‘ ich Rom nicht mit nach Antium:
So sey's nicht meine Schuld!
Der Volscier.
Sehr wohl, mein Feldherr!
Lullus Amfidius.
In dem Papier hier sey das Uebrige
Enthalten: wenn die Herren sich hierher
Zu uns bemühen wollten: sollten sie
Das Weit're von mir selbst, nach Wunsch, erfahren!
(Der Volscier ab.) {281}
Unterbefehlshaber.
Was glaubst du? Wird er sich vertheidigen?
Man sollt ihn billig nicht zu Worte lassen,
Weil er die Waffen der Beredsamkeit
So siegreich und mit solchem Nachdruck führt,
Daß Jeder, der ihn hört, sogleich ihm beyfällt.
Tullus Amfidius,
Sey unbesorgt! Wir sind in Antium!
Rom ist nicht unser – und dieß einz'ge Wort
Entwaffnet alle andern Redekünste!
Drum bitt' ich: laß der Sach' nur freyen Lauf,
Und sey auf deiner Hut – ich kenn' dich, Freund,
Wie übereilt dich oft die Hitze anfliegt,
Daß nichts Gewaltsames du unternimmst!
Unterbefehlshaber.
Ich werde wider ihn nichts unternehmen,
Was du nicht selbst von mir erfahren würdest,
Wofern du, Tull-Amfidius, ein Feind
Von unserm Staat und Cajus Marcius wärest!
(Man hört ein Freudengeschrey außerhalb der Scene.)
Hörst du, wie ihn mit lautem Jubelruf
Das Volk begrüßt? Das gilt dem Cajus Marcius! {282}
Dieß Antium ist dein Geburtsort, Herr,
Und doch bist du, so schlicht und unbekannt,
Zu einem Thor der Stadt, hereingegangen,
Als wärst du irgend ein geringer Bote,
Der Brief‘ an den Senat von Antium brächte!
Ihm hatten sie das Schwenken ihrer Hüte;
Ihm hatten sie den Jubel aufgehoben,
Der hundertstimmig jetzt die Luft zerreißt!
Tullus Amfidius.
Gutherz'ge Narren! Daß er ihren Kindern
Die Kehlen abschnitt: – dafür geben ihm
Die ihr’gen jetzt den schuldigen Tribut!
Unterbefehlshaber.
Die Herren vom Senat!
Die Vorigen. Einige Genatoren von Antium und Corioli treten auf. Das Volk versammelt sich.
Lullus Amfidius.
Sieh da, willkommen!
Erster Senator.
Willkommen, edler Tull'-Amfidius!
Tullus Amfidius.
(ihnen die Hand reichend.)
Ich wollt, es wär in Rom, {283}
Ihr Herren, wo wir uns willkommen hießen!
Und nun wie steht's? Habt ihr auch wohl die Schrift,
Die ich vorhin euch zugeschickt, gelesen?
Zweyter Senator.
Nicht nur gelesen, sondern ihren Inhalt
Auch, Punkt für Punkt und mit Bedacht, erwogen;
Das haben wir, wie du es selbst gewünscht!
Tullus Amfidius.
So dank ich euch! Und was ist eure Meinung?
Erster Senator.
Daß deine Anklag' so gegründet ist,
Daß, wenn nicht irgend noch ein günst'ger Umstand
Für Cajus Marcius dazwischen tritt,
Der seine sträflich überschrittne Vollmacht,
In dem Benehmen wider Rom entschuldigt,
Wir allerdings ihn für verloren achten!
Tullus Amfidius.
Ich hab' ihn angeklagt, so wie ich sollte: –
Dort kömmt er selbst, und die Vertheidigung?
Mögt ihr sofort aus seinem Mund vernehmen! {284}
Die Vorigen, Coriolanus.
Coriolanus.
Ich grüß‘ euch, edle Herrn! Ihr seht, die Luft
Von Rom hat keineswegs mich angesteckt;
Ich lass‘ das Capitol in meinem Rücken,
Und komm, als euer Feldherr, treu zurück!
Kühn hab‘ ich euern Waffen Sieg verschafft,
Bis zu den Thoren Roms –
Erster Senator.
Warum nicht weiter?
Coriolanus.
Der Aufwand dieses Feldzug's ist gedeckt,
Durch unermeßlich groß‘ und reiche Beute,
Die dem erschrocknen Feind wir abgenommen,
Bis zu den Thoren Roms –
Zweyter Senator.
Warum nicht weiter?
Coriolanus.
Und hier der abgeschlossene Vertrag,
Den ich in eure Hände niederlege,
Besiegelt von Patriciern und Senat,
Der euch als Volsciern, die Herrschaft einräumt, {285}
Bis zu den Thoren Roms –
Erster Senator.
Warum nicht weiter?
Tullus Amfidius.
Ihr seht, die Antwort macht ihn sehr verlegen:
So will ich denn, statt seiner, sie versuchen:
Ihr Väter des Senat's von Antium,
Ihr hohen Häupter von Corioli,
Der Mann hat euer Zutrau'n sehr getäuscht!
Für ein'ger Weiberaugen schnupf’ge Schärfe;
Für ein’ger Basen rothe Augenränder,
Gab er die Arbeit eines Feldzugs hin. –
Er war ein Mann – und mit dem besten Vorsatz,
Bis ihn das Schicksal auf die Probe stellte,
– Die grausamste, die je ein Mann bestand –
Roms Ammen brachten ihm die Milch in's Blut! –
Ich irrte mich in ihm, und hielt ihn selbst
Für einen Jupiter Olympius:
Doch als die Großmutter nun mit dem Kind
Ihm vor den Thoren Roms entgegen kam:
Da brach es auf, da lag es klar am Tage, {286}
Daß er ein Mensch, wie alle andern war;
Ein so alltäglicher, beym Jupiter!
Daß, wie ein Schneeball, aus den Appenninen,
Er zu den Thoren Roms herunter rollte,
Und Städt‘ und Länder zu begraben drohte,
Um dort von eines Knaben Hauch zu schmelzen!
Coriolanus?
O Mars! Mars!
Tullus Amfidius.
Schweig und nenn ihn nicht, du Knabe
Des Weinens; denn er schämt sich wahrlich deiner,
Höchst unmartial’scher Cajus Marcius!
Coriolanus.
Was Cajus Marcius!
Lullus Amfidius.
Ja, Cajus Marcius!
Glaubst du etwa in deinem Uebermuth!
Daß ich dich, mitten hier in Antium,
Mit deinem diebischen, gestohlnen Namen
Coriolanus feig begrüßen sollte? {287}
Coriolanus.
Ihr güt’gen Götter, schenkt mir nun Geduld! –
Verzeihung, wenn, ihr Väter des Senat's,
Zum ersten Mal, in eurer Gegenwart
Ich mich, von diesem hier zum Zorn gereitzt,
Mit ungemeinem Wort vernehmen lasse!
Höchst unverschämter Tull'-Amfidius,
Du wagst es, einen Knaben, mich zu schelten?
Mich, der doch in Corioli, wie Knaben
Dich und die Deinigen vor sich daherjug? –
Wer seyd ihr denn, ihr stolzen Volscier?
Wer hätte je ein Wort von euch gesprochen?
Hätt‘ euch nicht Rom, auf einen Augenblick,
Des Kampf’s mit seinen Waffen werth gehalten?
Gott und die Weltgeschichte wußten nichts
Von eurem Daseyn, bis von Ungefähr
Mein Schicksal mich von Rom nach Antium brachte,
Wo ich mich denn voll Großmuth Eurer annahm.
Bis dahin war't ihr völlig ohne Namen;
Nur Schläg' und Schwertstreich, aus des Marcius Hand, {288}
Das ist's, was Adel euch und Glanz ertheilte:
Und habt ihr eure Chronik recht geschrieben:
So muß ein Blatt auch irgend drinnen stehn,
Daß meiner Thaten vor Corioli,
Zugleich mit eurer Schande, Meldung thut: –
Wo nicht: so hab ich selbst dafür gesorgt:
Daß diese Narben hier von meinem Schwert,
Die ihr gezwungen seyd in's Grab zu nehmen,
Jedwede Chronik überflüssig machen.
Tullus Amfidius.
Ihr Volscier, wollt ihr diesen Uebermuth,
Des fremden Mannes, der so stolz gesinnt
Uns Allen Hohn zu sprechen wagt, noch länger
So ungestraft in eurer Mitt‘ erdulden?
Gemurmel und Stimmen im Volk.
Nehmt Rach' an ihm! Er hat es längst verdient!
Erste Stimme.
Mir hat er einen Vater!
Zweyte Stimme.
Mir den Bruder!
Dritte Stimme.
Den Mann mir in Corioli erschlagen! {289}
Tullus Amfidius?
(mit entblößtem Schwerte auf ihn eindringend.)
Zieh, sag' ich!
Coriolanus.
Tull-Amfidius, du suchst
Den Tod von meiner Hand, so find' ihn dann!
(Sie fechten. Tullus Amfidius wird von ihm zurück gedrängt).
Unterbefehlshaber.
(der herbey eilt und ihn von hinten zu niedersticht.)
Nicht eher, bis du selbst die Schuld gebüßt,
Die du zu Rom auf deine Scheitel ludst!
Tullus Amfidius.
Halt ein! – O allzurasche blut'ge That!
Unsinniger, was hatt‘ er dir gethan
Daß du so blindlings wider ihn entbranntest?
Mir kam die Rache zu, und dennoch wollt' ich,
Auf meine gute Sache mich verlassend,
Entweder im Senat mir Recht verschaffen,
Wo nicht, ihn männlich im Gefecht bestehn;
Doch nicht von hinten meuchlings niederstoßen!
Fort diesen Augenblick aus meinen Augen! {290}
Und zeig dich niemals hier in Antium wieder!
Coriolanus.
Der Tag verschwindet meinem Aug' – ich sterbe –
Beschützet euer Rom, ihr ew'gen Götter! –
(stirbt)
Tullus Amfidius.
O Cajus Marcius! Wie weicht mein Zorn,
Zugleich mit deinem Blut, aus meinem Herzen!
(Zu den Umstehenden.)
Was die Gebühr ist eines großen Todten,
Last sie an Cajus Marcius uns vollbringen!
Bereitet eine Bahr aus grünen Zweigen!
Ich selber, mit den Tapfersten des Heer's,
Will untertreten! Laßt uns seine Leiche,
Auf unsern Schultern, zu dem Rogus tragen!
Und ist sie dann zu Asche dort verbrannt:
So wollen wir, in einen Krug gesammelt,
Den Rest nach Rom, an seine Mutter schicken?
Soldaten, die ihr seinen Hoffnungsfahnen,
Mit unerschrocknem, fröhl’gen Muth einst folgtet:
Umwindet eure Schilder mit Cypressen! {291}
Geht mit gesenkten Speeren mir zur Seite!
Und wenn der Trauerzug den Anfang nimmt,
Schlagt mit gedämpften Trommeln einen Marsch!
Denn war er gleich ein Feind der Volscier:
So geb' ich dennoch gern ihm dieses Zeugniß:
Der größte Mann und Feldherr des Jahrhunsderts
Ist heut mit Cajus Marcius gefallen!
(Die Soldaten bringen eine mit grünen Zweigen umflochtene Tragebahre. Die Leiche wird darauf gelegt, und, unter Anstimmung eines feierlichen Todtenmarsches, mit Hörnern, Pfeifen und andern
kriegerischen Instrumenten, durch Volscische Träger, Tullus Amfidius und die Senatoren an ihrer Spitze, aufgehoben und davon geführt.)
Schlußscene.
Eine Gegend vor Rom an der Straße. Auf der einen Seite liegt das Erbbegräbniß der Marcier, auf der andern steht eine Pflanzung von Bäumen.
Zwey römische Senatoren treten auf.
Erster Senator.
Ich komm erst von Brundisium zurück. {292}
Bestätigt sich's, daß Cajus Marcius
Zu Antium tückisch den Verrätherdolchen
Des Tull’-Amfidius unterlegen ist?
Zweyter Senator.
So eben setzt man seine Urne bey,
Hier in der Marcier altem Erbbegräbniß
Erster Senator.
Ward sie von Antium nach Rom gebracht?
Zweyter Senator.
Die Achtung konnten sie ihm nicht versagen.
Erster Senator.
Wo hält der Leichenzug?
Zweyter Senator.
Am vierten Steine
Verließ ich ihn; er folgt uns auf dem Fuß.
Erster Senator.
Sind Abgeordnete von dem Senat
Dabey?
Zweyter Senator.
Nein, dieses schien bedenklich!
Da Cajus Marcius, als Feind des Volk's,
Im offnen Krieg mit Rom gestorben ist! {293}
Erster Senator.
Und was für einen andern Ausweg sonst
Hat der Senat gefunden, um die Achtung,
Die Niemand wohl, als Feldherr, so gebührt,
Nach seinem Tod, ihm dennoch zu erzeigen?
Zweyter Senator.
Es blieb von Seiten des Senat's und Volk's,
Den römischen Matronen nachgelassen,
Als denen er so gütig sich bewies,
Daß sie zur Rückkehr seiner Waffen ihn,
Von Roms Gebieth‘, allein bewegen konnten;
Nachdem die übrigen Gesandtschaften,
So viel ihm vor der Stadt entgegen kamen,
Ihr Glück vergeblich nur bey ihm versucht:
Daß sie zum Dank dafür, jetzt, da er todt ist,
Zu seiner Väter Erbbegräbniß ihn,
Im feierlichsten Leichenpomp, begleiten: –
Ingleichen, daß zehn Monate hindurch
– Die höchste angeordnete Trauerzeit
Vom weisen König Numa Pompilius –
Gleich wie um einen andern werthen Todten,
Um einen Vater, Bruder, oder Blutsfreund, {294}
Sie auch um ihn die Trauer tragen dürfen:
Sofern indessen alle diese Opfer
Noch den erzürnten Manen nicht genügten:
Soll, auf der Via Latina, wo das Lager
Der Volscier stand, und an demselben Orte,
Von wo aus Cajus Marcius Rom bedrohte,
Und wo zuletzt der Rückzug auch erfolgte,
Ein Tempel für die weibliche Fortuna,
Auf Kosten des Senat's, errichtet werden;
Deß erste Priest'rin soll Virgilia seyn!
So hat, mit würdiger Vermittelung
Der Staatsklugheit, mit dem, was Menschens wohl
Und Bürgerpflicht in diesem Fall erheischt,
Der römische Senat das Angedenken
Von einem einzig großen Mann geehrt:
Und wieder, auf der andern Seite doch
Dabey dem eignen Ansehn nichts vergeben.
Erster Senator.
Dieß Alles, wie dein Mund es mir gesagt,
Ist weislich vom Senat so angeordnet: {295}
Noch eine Kund' indeß bist du mir schuldig!
Was macht Menenius?
Zweyter Senator.
Er nahm den Tod
Des Cajus Marcius also sich zu Herzen,
Daß wenig Tage drauf er selbst verschied.
Erster Senator.
Habt seine Leich ihr auch schon beygesetzt?
Zweyter Senator.
Noch nicht! Ein edler Wettstreit ist darum
Nun zwischen dem Senat und Volk entstanden. –
Du weißt: Menenius war arm. Obgleich
Zu Rom die höchsten Würden er bekleidet:
So hat doch seine angeborne Großmuth
So wenig jemals sich dabey bereichert,
Daß jetzt sein ganzer Nachlaß, wie man sagt,
Noch nicht einmal zu dem Begräbniß hinreicht,
Das standsgemäß man gern ihm halten möchte.
Als den Tribunen dieß zu Ohren kam,
Beschlossen sie das Geld dazu sogleich
Im Volk, durch eine Sammlung, aufzubringen.
Doch kaum, daß der Senat davon erfuhr: {296}
So schien es diesem seinerseits nicht schicklich:
Daß ein ihm angehör'ger Mann, vom Volk,
Durch eingesammelt Geld begraben würde:
Er schoß deßhalb aus öffentlichem Schatz
Gebühr, und Kosten zum Begräbniß her. –
Doch nun ergab sich bald ein neuer Zwist:
Als die Tribunen, anbefohlner Maßen,
Dem ganzen Volke, Mann für Mann, das Geld
Zurück nun in die Hände zahlen sollten:
Da weigert sich es Jeder anzunehmen. –
So fiel es denn zuletzt, als freye Schenkung,
Den Kindern des Menenius anheim:
Damit sie , ihrem Stand gemäß, als Ritter,
Der Abkunft ihres hohen Vaters würdig,
Davon zum Besten Roms erzogen würden.
Erster Senator.
Ein Wettstreit, edel in der That wie Rom
Und seine Bürger stets ihn führen sollten!
Weit mehr zum Lob uns und zum Ruhm gereichen,
Als einst des Cajus Marcius Verbannung! {297}
Doch horch! Mich dünkt, als kömmt der Leichenzug
Uns näher! Hörst du wohl die Todtenklage,
Wie so vernehmlich sie zu uns herauf dringt ?
(Eine Trauermusik in der Entfernung.)
Zweyter Senator.
Er ist es! Schließen wir uns an den Zug,
Sobald er hier den fünften Stein betritt!
Matronen, in derselben Ordnung, wie sie zuvor ins Lager gezogen sind.
Volumnia.
(Indem sie einen Augenblick auf der Schwelle des Erbbegräbnisses, den Aschenkrug in ihren Händen empor haltend, stehen bleibt.)
O Cajus Marcius Coriolanus!
Dein Tod zerbricht das Herz mir in der Brust!
So hast du, heldenstarke, große Seele,
Der einst das Forum, Rom und Capitol,
Mit seinen sieben Hügeln hier zu eng war,
In diesem kleinen Aschenkrug nun Raum?
Mein Sohn, mein erstgeborner, einz'ger Sohn,
O nimm mich auf in deinen Aschenkrug! {298}
Weint, weint um seinen Tod, ihr sieben Hügel!
Stimm‘, Tyberfluß, in unsre Klagen ein!
Nimm murmelnd deinen Weg nach Ostia:
Er ist für uns, er ist für euch gestorben !
Ich trage Rom in diesem Aschenkring!
(Sie entfernt sich in das Erbbegräbniß. Der Trauerzug folgt ihr. Die Musik geht fort. Der Vorhang fällt.)
Ende des Coriolanus. {299}
Anmerkungen
zum Coriolan.
Livius 1ste Dekade 2tes Buch.
Auszug der Matronen in's Volceische Lager.
Drauf sprachen die Matronen häufig bey der Veturia, der Mutter Coriolans, und bey der Volumnia, dessen Eheweib, vor! Ob dieß öffentliche Maßregel des Staat's, oder Frauenfurcht war, darüber kann
ich keine rechte Auskunft geben. Gewiß ist, daß sie durchdrangen, und sowohl Veturia, ein Weib in hohen Jahren, als Volumnia, die zwey annoch unerwachsenen Söhne des Marcius mit sich führend,
sich zu ihm hinaus in das feindliche Lager begaben; in der Absicht, daß sie die Stadt, welche die Männer
Liv. Decad. I. Lib. II.
Tum Matronae ad Veturiam, Matrem Coriolani, Volumniamque Uxorem, frequenter coeunt. Id publicum consilium, an muliebris timor fuerit, parum invenio. Pervicera certe: ut et Veturia, magno natu
Mulier, et Volumnis, duos parvos ex Martio ferens filios secum, in castra hostium irent, {300}
mit ihren Waffen nicht mehr vertheidigen konnten, als Weiber, mit Fürbitte und Thränen, zu erretten den Versuch machten.
Sobald sie im Lager eintrafen, und dem Coriolan die Meldung kam, daß eine unzählige Menge Frauen aus Rom da sey: so zeigte dieser gleich Anfangs, wie ihn denn auch zuvor weder die Majestät der
Gesandten, noch die der Priester, die doch sonst aller Aug’ und Gemüth eine gleichsam eingeborne Ehrfurcht erweckt, im geringsten bewegt hatte, gegen die Thränen der Weiber, eine nur um so
größere Verstockung; bis Einer von seinen Vertrauten, an ihrer ausgezeichneten Traurigkeit, die Veturia, zwischen ihrer Schnur und ihren Enkeln stehend, unter den Uebrigen, entdeckte und zu ihm
sagte: „wofern mich mein Auge nicht täuscht: so sehe ich dort deine Mutter, Frau und Söhne, die gleichfalls im Lager zugegen sind!"
et quam armis viri defendere Urbem non possent, Mulieres precibus, lacrymisque defenderent.
Ubi ad castra ventum est, nuntiatumque Coriolano: adesse ingens mulierum agmen: primo, ut qui nec publica majestate in legatis, nec in sacerdotibus, tanta offusa oculis, animoque religione, motus
esset, multo obstinatior adversus lacrymas muliebres erat. Dein familiarium quidam, qui insignem moestitiam inter caeteras cognoverat. Veturiam, inter nurum, nepotemque stantem: „nisi me
frustantur, inquit, oculi, mater tibi, conjunxque et liberi adsunt." {301}
Auf welches Wort Coriolanus, bestürzt und gleichsam seiner Sinne beraubt, von seinem Sitze, den Umarmungen seiner Mutter die Hände entgegenstreckte: diese aber, nachdem sie plötzlich ihr
Bittgesuch in Zorn verwandelt, ihm erwiederte: „Laß ab! Denn eh' ich deine Umarmung empfange, will ich zuvor wissen, ob ich zu meinem Sohn, oder zu meinem Feind gekommen bin! ob ich mich, als
deine Mutter, oder als eine Gefangene, in deinem Lager befinde? Dahin hat mich also ein langes Leben und unglücksvolles Alter gebracht, daß ich erst einen Verbannten, nach diesem sogar einen
Feind des Vaterlandes in dir erblicken mußte! Hast du es denn in der That über dich vermocht, diese Erde zu verwüsten, deren Kind du bist, die Dir, wie eine Mutter, die Brust gereicht?
Wie? obgleich du sie mit noch so feindseeligen, drohenden Gesinnungen betratst: ist dir nicht, beym ersten Eintritt auf ihre Grenze, der Zorn wieder gefallen? und als nun Rom vor
Coriolanus, prope ut amens, consternatus ab sede sua, cum ferret Matri obviae complexum, Mulier, in iram ex precibus versa: Sine priusque complexum accipio, sciam, inquit, ad Hostem, an ad Filium
venerim? captiva, materne in castris tuis sim? In hoc me longa vita et infelix senecta traxit: ut exulem te, deindo hostem viderem? potuisti populari hanc terram, quae te genuit atque
aluit?
Non tibi, quamvis infesto animo et minaci perveneras, ingredienti fines ira cecidit? {302}
deinen Augen lag, kam es dir nicht in's Gedächtnis: innerhalb jener Mauern sind mein Heerd, meine Hausgötter, meine Mutter, mein Weib, mein Kind! Also kinderlos mußte ich bleiben, das Rom keine
Belagerung erlitte? – Hätte ich keinen Sohn gehabt: so würde ich frey im freyen Vaterland gestorben seyn! Ich meinerseits könnte wohl nichts erdulden, was mir zu größerem Elend, dir aber zu
größerer Schmach gereichte! Bin ich denn aber auch die Elendeste: so will ich es deßhalb doch nicht lange bleiben! Aber auf diese hier richte dein Augenmerk! Denn bestehst du auf dein Vorhaben:
so haben sie nur die Wahl zwischen einem vorschnellen Tode, oder einer langen Gefangenschaft!“
Sein Weib, hierauf die Umarmungen der Kinder, und das von der ganzen Menge der Frauen erhobene Weinen und Wehklagen, über eignes und des Vaterlandes Schicksal, brachen endlich den Willenschluß
des Mannes. Umarmt
non, cum in conspectu Roma fuit, succurrit? intra illa moenia domus et penates mei sunt, mater, conjux liberique! Ergo ego, nisi peperissem, Roma non oppugnaretur? nisi filium haberem, libera in
libera patria mortua essem! Sed ego nihil jam pati, nec tibi turpius, quam mihi miserius possum: nec, ut sim miserrima, diu futura sum. De his videris: quos si pergis, aut immatura mors, aut
longa servitus manet. –
Uxor deinde ac liberi amplexi, fletusque ab omni turba muliebrum ortus et comploratio sui patriaeque fregere tandem virum. {303}
entließ er die Seinigen. Er selbst verlegte sein Lager rückwärts der Stadt. Nach so aus römischem Gebieth zurückgezogenen Heerschaaren, wird sein Tod von Einigen so, daß er, aus Mißgunst, über
diesen Vorfall, soll umgekommen seyn; von Andern wieder anders vermeldet.
Beym Fabius, als Einem der bey weitem ältesten Schriftsteller, finde ich vor, daß er noch lange gelebt und ein Greis geworden sey. Er führt sogar an, daß man, in sehr hohem und vorgerücktem
Alter, oft diese Worte aus seinem Munde soll gehört haben: „daß die Verbannung einem Greis doppelt schwer falle.“ – Auch die Männer Roms ertragen ohne Neid, das von ihren Frauen sich bei diesem
Anlaß erworbene Lob: so völlig, ohne Schmählerung des Ruhms Anderer, bestand die damalige Lebensweise. Daß auch der Sache ein Denkmal bey der Nachwelt verbliebe, ist der weiblichen Fortuna drob
ein Tempel erbaut und gewidmet worden.
Complexus inde suos dimittit: ipse retro ab urbe castra movit. Abditctis deinde legionibus ex agro Romano, invidia rei oppress sum, periisse tradunt, alii alio leto.
Apud Fabium, longe antiquissimum autorem, asque ad senectutem vixisse eundem invenio. Refert certe: hanc saepe eum, exacta aetate, usurpasse vocem: multo miserius seni exilium esse. Non
inviderunt laudes suas mulieribus viri Romani: adeo sine obtrectatione gloriae alienae vivebatur. Monumento quoque quod esset, templum Fortunas muliebri aedificatum, dedicatumque est, {304}
Die Fabel des Menenius Agrippa.
Livius. Zweyte Dekade. Erstes Buch.
Es wurde also beliebt, als Unterhändler, zu dem (auf den heiligen Berg ausgezogenen) Volk, den Menenius Agrippa herauszuschicken, einen beredten Mann und dem Volke schon deshalb theuer, weil er
mit ihm desselben Ursprung's war. Eingelassen in's Lager, habe dieser nichts gethan, als in jenem uralten, barbarischen Stil, folgende Erzählung vorgebracht: – „Zur Zeit, als noch, im Menschen,
unter den Gliedern, nicht die Eintracht, wie jetzt herrschte, sondern jedes für sich auf seinen eigenen Kopf bestand und auch seine eigene Sprache hatte, begab es sich, daß einmal der Verdruß der
übrigen Gliedmaßen gegen den Magen besonders laut wurde: durch ihre Vorsorge, durch ihre Arbeit, durch ihre Dienstleistung, hieß
Liv. Dec. II. Lib. I.
Placuit igitur, oratorem ad Plebem mitti, Menenium Agrippam, facundum virum, et quod inde oriundus erat, plebi carum. Is intromissus in castra, prisco illo dicendi, et horrido modo, nihil aliud,
quam hoc narrasse fertur: „Tempore, quo in homine non, ut nunc omnia, in unum consentiebant, sed singulis membris suum cuique consilium, suus sermó fuerat: indignatas reliquas partes, sua cura,
suo labore ac ministerio ventri {305}
es, werde ihm Alles zugeführt, während er selbst, mitten unter den ihm von allen Seiten entgegen kommenden Genüssen sich mit bloßem Nichtsthun die Zeit vertriebe. So kam denn bald eine
Verschwörung wider ihn zu Stande, in der Art, daß die Hand dem Mund keine Speise mehr zubringen, der Mund die dargebrachte nicht empfangen und die Zähne sie nicht zermalmen sollten. Indem sie nun
so, durch Jähzorn, den Magen hatten bändigen wollen, seyen zugleich alle Glieder und der ganze Körper in die äußerste Abzehrung verfallen. Da sey es denn nun klar an den Tag gekommen, daß die
Dienstleistung des Magens keineswegs so schläfrig sey, sondern daß er in eben so hohem Grad ernähre, als selbst ernährt werde, indem er allen Theilen Körpers jene Flüsssigkeit, wodurch wir allein
leben und stark sind, das, nach verdauten Speisen gehörig zubereitete Blut, gleichmäßig durch die Adern vertheilt, zukom-
omnia quaeri; ventrem in medio, quietum nihil aliud, quam datis voluptatibus frui Conspirasse inde, ne manus ad os cibum forrent, nec os acciperet datum, nec dentes conficerent. Hacira, dum
ventrem fame domare vellent, ipsa una membra, totumque corpus ad extremam tabem venisse. Inde apeparuisse, ventris quoque haud segne ministerium esse nec magis ali, quam alere eum, reddentem in
omnes corporis partes hune, quo vivimus vigemusque, divisum, pariter. in venas, maturum, confecto cibo sangui- {306}
men lasse. Von hieraus ist er denn zu einer näheren Vergleichung dieses innerlichen Aufruhrs im Körper mit dem Zorn des Volk's wider die Patricier, übergegangen, und hat die aufgebrachten
Gemüther desselben dadurch besänftigt.
nem. Comparando hinc, quam intestina corporis seditio similis esset irae plebis in Patres, flexisse mentes hominum.
————————
Tod und Begräbniß des Menenius Agrippa.
Dionysius von Halikarnaß. Römische Alterthümer 6tes Buch.
Bald nachdem dieses Fest vorüber war, geschah es auch, daß Einer der ehmaligen Consuln, mit Namen Menenius Agrippa, sein Lebensziel erfüllte. Es war dieses derselbige, der die Sabiner besiegte,
und einen glänzenden Triumph über sie davon trug; durch dessen Zuredung ferner der Senat den Flüchtlingen (des heiligen Berges) die Rückkehr nach Rom verstattete, und auf dessen Rechtlichkeit das
Volk vertrauend, die Waffen niederlegte. Der Staat verordnete, nach seinem Tod, daß er auf seine Kosten begraben werden sollte; so daß es wohl nicht leicht ein anständigeres und ehrenvolleres
{307}
Begräbniß gegeben hat. Denn da sein Nachlaß, zur Ausrichtung eines feierlichen Leichenbegängnisses, wie es sich für seinen Namen und Stand schickte, keineswegs zulänglich war; – auch die
Vormundschaft seiner Kinder bereits den Beschluß gefaßt: seine Leiche, wie die eines gemeinen Mannes, mit dem wenigst möglichen Aufwand, beerdigen zu lassen, schlug sich plötzlich das Volk in's
Mittel und versagte seine Zustimmung. Alsbald hielten die Tribunen eine Tagsatzung, und nachdem sie vor derselben des Menenius Agrippa Verdienste, als Staatsmann und als Feldherr, in das
gebührende Licht gesetzt; auch seinen alterthümlichen Tugenden, seiner Mäßigkeit, nüchternem Muth, einfachen Lebensweise, wie seiner Verschmähung alles Geldes und aller Besitzthümer, volle
Gerechtigkeit widerfahren lassen: beschlossen sie damit, wie unanständig es seyn würde, wenn man einen solchen Mann, bloß seiner dürftigen Umstände wegen, nicht so wie es seiner Größe doch
zukäme, begraben wollte. Zugleich ermahnten sie das Volk, zur Uebernahme der Begräbniskosten: das Quorum aber, was ein Jeder dazu hergeben sollte, wollten sie vorschreiben. Das Volk nahm denn
auch diesen Vorschlag sogleich mit Freuden an: ein Jeder gab sein bestimmtes Theil und so kam, durch Einsammlung, eine beträchtliche Summe zu Stande. – Sobald indeß der Senat von diesem Vorsatz
er fuhr, Versagte er demselben seine Beystimmung: und das aus dem Grund, weil er es seinerseits nicht für schicklich hielt, daß ein Mann aus seiner Mitte, durch eingesammelt Geld, vom Volk
begraben würde. Statt dessen wurde das Begräbniß den Quästoren übertragen, die das Geld dazu aus {308}
dem öffentlichen Schatze hernehmen mußten. Diese haben denn auch die Leiche des Verblichenen, mit aller seinem Stande und seinen Tugenden gebührenden Pracht und Herrlichkeit, schön geschmückt,
wohl geordnet, und mit einem zahlreichen Gefolge, beygesetzt. – Und nicht nur dieses – sondern solche Freygebigkeit des Senat's hat auch in den Gemüthern des Volk's eine eben so edle Nacheiferung
erweckt; so daß es seinen einmal hergeschoßnen Beytrag. schlechterdings von den Quästoren nicht wieder zurück nehmen wollte. Zuletzt schenkte es das Geld den Kindern des Mannes, indem es sich
ihrer Armuth erbarmte, damit diese sich in Zukunft, keines, der Tugenden ihres Vaters unwürdigen Gewerbes, befleißigen dürften. [griech.]
Parallele zwischen Coriolanus und Claudius Appius, seinem Vorgänger.
Dionysius von Halikarnaß. Römischer Alterthümer 6tes Buch
Die Gesinnungen des Coriolan waren weit früher schon, im Appius Claudius, im Senat vorhanden, und traten daselbst, mit männlichem Nachdruck, gegen die Anmaßungen des Volk’s, {309}
auf. Mit einem Muth, der, wie bey Coriolanus, völlig an Todesverachtung grenzte, widersetzte sich derselbe allen Vorschlägen zu Schulderlassungen, Kornspenden, Geldvertheilungen, Einführungen des
Tribunat's und andern, um diese Zeit, in der römischen Staatsverfassung eingerissenen Neuerungen und Mißbräuchen. Nicht aus Eigennutz, der seiner Seele völlig so fremd, wie der des Coriolan war,
sondern vielmehr aus politischen Gründen, und weil er es für förmlichen Treubruch und Aufhebung aller bestehenden Gesetze hielt, wenn der Senat sich, durch Drohungen des Volk's bewegen ließe,
Contrakte zu brechen, Schulderlassungen zu verfügen und auf Kosten Andrer, d. h. des Privateigenthums großmüthig zu seyn. Selbst dem Volke würde man, durch solche augenblickliche, vermeinte
Großmuth und Gunstbezeigung, mehr Schaden als Nutzen zufügen. Denn wenn die Schulden so nach Willkühr von den Obrigkeiten erlassen würden, so mußte, nach völlig und gleichsam im Namen des Staates
untergrabenem und aufgehobenen Credit, nothwendig das daraus entstehen, daß kein Vornehmer einem Armen, z. B. einem Kaufmann, oder anderm gewerbtreibenden Bürger, wenn gleich gegen versprochene
Zinsen, mit Geld unterstützen oder ihm aushelfen werde. In dem, was Appius Claudius, über die Einführung des Tribunat's gesagt, führt ihn Caj. Marc. Coriolanus, in jener Rede, die ihm die
Verbannung zuzog, bey'm Dionys von Halikarnaß, förmlich als seinen Gewährsmann an [Dionys von Halikarnas 7tes Buch in der Rede des Cajus Marcius, wo er sagt: „Unser Tyrann ist nicht ein Einziger,
sondern das ganze Volk. – Nicht zufrieden mit der Verlegung von Treu und Glauben bey den Traktaten, wie aller Gesetze, die zur Aufrechthaltung derselben gegeben waren, ordnete es eine neue
Obrigkeit an, die das Consulat über den Haufen wirft. – – Hätte man es nicht eher aufs außerste sollen kommen lassen, als dieses zugeben? wie denn Appius, dieser weise Mann, der die Folgen dieses
unsern Unverstandes voraussah, gleich Anfangs darauf bestand."]. {310}
Wie er auch an edler Uneigennützigkeit mit Caj. Marcius Coriolanus wetteiferte, kann man unter andern recht klar aus einer Stelle jener Vertheidigungsrede ersehen, die ihn Dionys, von Halikarnaß,
im 6ten Buch, bey Gelegenheit der Schulderlassungen, denen er sich widersetzte, zur offenbaren Beschämung seiner Widersacher, die ihm die große Härte seines politischen Systems vorgeworfen,
halten läßt. „Er (es ist die Rede von dem Senator Valerius, der heftig wider ihn gesprochen hatte) gibt mir eine Aufführung Schuld, die, wenn sie wahr wäre, von einem eben so schlechten Anstand
in Sitten, als ungerechtem Verfahren zeugen würde: ich ginge nämlich damit um, mich zu bereichern; viele arme Bürger hätten durch mich ihre Freyheit verloren; ich besonders sey Einer von Denen,
die den Abfall des Volk's bewirkt. In wiefern alle diese Beschuldigungen Grund haben, oder völlig grundlos sind, überlass ich eurem eignen Urtheil; es wird euch nicht schwer werden, die Wahrheit
auszumitteln. Du aber sage mir, Valerius, was sind denn das für Leute, die, durch Schuldverschreibungen meine Sclaven geworden sind? Welchem Bürger ha- {311}
be ich denn jemals Fesseln an die Füße gelegt? Wo ist wohl Einer, den ich als einen Gefangenen in meinem Hause zurück halte?“ (Die Schuldgesetze der Römer waren sehr streng und lauteten wirklich
auf ähnliche Dinge.) „Nenne mir doch, in der abgefallenen Partey, einen Mann, den ich so hart behandelt, daß er meines Geizes wegen, Rom hat verlassen müssen? Nur einen Einzigen nenne mir, den
ich seinem Vaterland entführt! Siehe, so weit bin ich entfernt, Bürger zu Sclaven gemacht zu haben, daß ich lieber mein Hab' und Gut ihrem Besten aufgeopfert, und von Allen, die mir schuldig
waren, oder Betrügereyen an mir verübt, auch nicht einen Einzigen, an seiner Freyheit gefährdet, oder an seiner Ehre gekränkt habe. Alles, was ein Darlehn von mir hatte, geht frey umher und
erkennt sich zum Danke gegen mich verpflichtet; alle habe ich sie, aus ehemaligen Schuldnern, in Freunde und Clienten verwandelt, auf deren ergebungsvolle Treue ich nun besonders zählen kann.“ –
Und bey so vieler Großmuth, als Privatmann, hängt Appius, der nur noch im vorigen Jahr Consul gewesen war, auf der andern Seite, wo er im Namen des Staats handelt, so sehr, so ausschließend an
patricische Formen und Grundsätze, die er gleichsam, als wesentlich der alten römischen Tugend und von derselben unzertrennlich betrachtet, daß er keinen Fuß breit davon abweicht; von
Schulderlassungen kein Wort wissen will; ja irgendwo dem Senat in dieser Sache ganz frey heraus erklärt: daß er lieber sterben wolle, als ein Zeuge von dem Sieg so niedriger, ungesetzmäßiger, pö-
{312}
belhafter und eines Römers völlig unwürdiger Gesinnungen seyn, die nothwendiger Weise, wofern sie in Rom noch mehr überhand nahmen, allen Lastern und verwerflichen Denkarten, wie sie nur im Volk
bisher zu Hause und gang und gäbe gewesen, auch zuletzt im Senat Thür und Thor eröffnen müßten. „Je mehr ich (Dionys von Halikarnaß 6tes Buch) jetzt von meiner Partey verlassen bin: desto größere
Ehre, sagt Appius Claudius an dem angezogenen Ort, wird mir dafür einst die Nachwelt erzeigen. Und wenn schon, bey meiner Lebzeit, Gerechtigkeit und gebührendes Lob meiner Handlungsweise nicht
ganz entstehen kann: um wie viel mehr erst wird sich, nach meinem Tod, mein Andenken bey der Nachkommenschaft in Werth erhalten?“
Sehr merkwürdig ist auch in den spätern Zeiten der Republik, das Ende des Sohn's von eben diesem Appius Claudius, der, wie es scheint, den Grundsätzen seines Vaters völlig getreu blieb, und
dessen Schicksal, was das Gewaltsame im Ausgang betrifft, mit dem des Coriolanus eine auffallende Aehnlichkeit behauptet. Als nämlich eine Vertheilung der Ländereyen unter das Volk im Werk war,
hatte sich Appius Claudius derselben, mit großem Nachdruck, widersetzt. Indem er von der schlechten Aufführung des Volk's in den letzten Zeiten gänzlich den Schleyer heruntergezogen, und gezeigt,
wie nach einmal untergrabener Staatsverfassung, dessen unersättliche Begierde des Besitzes niemals weder Ziel noch Maß finden würde: (Dionys. von Halikarnaß 9tes Buch) fährt er ebendaselbst
folgendermaßen fort: „Doch wozu Leute mit Vorwürfen belegen, die schon durch ihre niedrige {313}
Erziehung berhindert, auf Recht und Anstand wenig Ansprüche zu machen haben? Zeigt sich doch die Abweichung von alter Sitte ja selbst im Senat und hier unter uns, wo nun ebenfalls die Tugend
anfängt, ihren Namen zu vertauschen, strenge, ernsthaft männliche Denkart für Uebermuth, Gerechtigkeit für Thorheit, Muth für Raserey, und Mäßigung für rohe Einfalt gilt!“ Diese Meinung des
Appius Claudius wurde mit großem Beyfall aufgenommen, und die Tribunen, wüthend über die vom Senat erhaltene, abschlägige Antwort, beschlossen hierauf, ihn auf Leib und Leben anzuklagen. Sie
forderten auch wirklich den Appius Claudius auf, an einem gewissen Tage vor Gericht zu erscheinen und dem Volke von seinen, im Senat gehaltenen Reden, Rechenschaft zu geben. Ihrerseits thaten die
über diesen Schritt der Tribunen aufgebrachten Patricier ihr Möglichstes, um die Gefahr einer solchen Anklage von Appius abzuwenden. Sie ersuchten ihn dringend, doch für diesmal den Umständen
nachzugeben und in der Demuth Tracht, wie es sein Schicksal erforderte, die Gemüther der Menge zu besänftigen. – Allein Appius schlug alle diese Anmuthungen, mit dem entschiedensten Widerwillen,
geradezu ab, und erklärte, daß er nicht das geringste thun würde, was seiner vorigen Aufführung unwürdig wäre; ja, daß er lieber zehn Mal sterben, als dem Volk nur ein Mal zu Füßen fallen wolle.
Nicht ein Mal dulden wollte er's, daß Andere eine Fürbitte bey'm Volk für ihn einlegten, weil, nach seiner Behauptung, es ihm doppelten Schimpf brächte, wenn Andere das für ihn thaten, was ihm,
schon für seine Person allein, zur Unehre gereichte! Mit strenger Be- {314}
folgung dieser und ähnlicher Grundsätze, richtete er seine ganze Aufführung völlig seinen Worten gemäß ein; änderte weder seine Kleidung, noch den Trotz seiner Miene, so daß sein Stolz in keinen
von diesen Stücken auch nur im geringsten nachließ. Indes wurde die Erwartung auf den Tag dieses Gerichts in der Stadt mit jedem Augenblick mehr gespannt: Appius Claudius aber kam dem Ausgang
desselben dadurch zuvor, daß er, wenige Tage vor dessen Haltung, sich selber das Leben nahm!
Doch wollten die Seinigen dieses nicht Wort haben, sondern gaben vielmehr vor, er sey an einer Krankheit gestorben. Sein Sohn brachte den Leichnamt auf den Markt, und bat zugleich die Consuln und
Tribunen um die Erlaubniß, wie es bey verdienstvollen Männern der Gebrauch ist, seinem Vater, in öffentlicher Volksversammlung eine Standrede halten zu dürfen. Die Zusammenberufung des Volk‘s
durch die Consuln ging auch wirklich vor sich: die Tribunen aber widersetzten sich dem Anschlag, und befahlen dem jungen Appius, den Leichnam von Markt wieder hinweg zu schaffen: bis sich das
Volk in's Mittel schlug, diese Verschimpfung des Todten nicht zugeben wollte; sondern den Sohn selbst dazu anhielt, seinen Vater die letzte Ehre zu erzeigen. Ein solches Ende nahm Appius
Claudius. –
In der That begreift man kaum, wenn man diese so eben von mir beygebrachten Thatsachen, in Dionys von Halikarnaß gelesen, und dabey den hohen politischen Standpunkt der Dinge damaliger Zeit, nach
seinem ganzen Umfang, gehörig. erwogen hat, wie es von jeher Leute geben {315}
konnte und unter diesen sogar berühmte Geschichtschreiber, die einen Appius Claudius, ingleichen einen Cajus Marcius, der aus derselben Schule edler, patricischer Grundsätze hervorging, so wenig
verstanden, daß sie beide, wegen ihres blinden, aristokratischen Verfahrens, zu schelten, kein Bedenken trugen: oder, was noch schlimmer ist, indem sie einem großen, mit den ungeheuersten Anlagen
beginnenden Weltzustande, wie er in Rom schon dazumals sich wirklich zu entwickeln anfing, aus einer kleinen Zeit, wie die unsrige, völlig fremdartige und unreine Motive unterschoben, geradezu
jenen uralten, wichtigen, Jahrhunderte, ja Jahrtausende lang fortgeführten Streit, um Staatsverfassung, Regierung und Weltherrschaft, in einen nichtigen Zank, um ein Paar Kornsäcke, verwandelten,
welche die Patricier den Plebejern nicht ausliefern wollten; da doch jene, als solche nur eine, diese Aufstände veranlassende Nebenrolle spielten, die Haupttriebfedern aber, wenigstens von Seiten
des Senat's, ganz wo anders, als im schmutzigen Eigennutz, verborgen lagen.
Auf der andern Seite fällt in die Augen, daß die Bedürfnisse des Volk's in Rom, um diese Zeit, durch ungünstige Nebenumstände veranlaßt, nicht weniger drückend geworden sind. In den, durch die
Vertreibung der Tarquinier entstandenen Kriegen, hatte das Volk den Patriciern treuen Beystand geleistet, und sich durch keine, noch so glänzenden Versprechungen, zum Abfall von ihrer Partey
verführen lassen. Feldbau, Gewerbe, Handthierungen waren, indeß die Familienväter, von Haus entfernt, mit den Waffen in der Hand, den gemeinschaftlichen Feind bekämpfen mußten, {316}
überall in Verfall und Stockung gerathen. Einige hatten sich sogar, und das völlig ohne ihre Schuld, aus Verarmung genöthigt gesehen, Geld von den Reicheren zu borgen; noch Andere sahen sich
gezwungen, selbst ihren Acker und ihre Feldgeräthschaften zu verkaufen, und das bloß, um nur die durch den Krieg fast bis zum Unerschwinglichen gestiegenen Auflagen, die ihnen der Staat auflegte,
und auflegen mußte, genug zu thun.
Dazu kamen die, über diesen Punkt mit äußerster Strenge abgefaßten, römischen Schuldgesetze, wo jede verfallene Schuld dem Gläubiger gleichsam ein Recht auf Leibeigenschaft über seinen Gegner
einräumte; ein Verfahren, wovon, ebenfalls im Dionys von Halikarnaß, im 6ten Buch ein höchst merkwürdiges Beyspiel aufgestellt ist.
Die Versammlung des Senat's war noch nicht zu Ende, so erzählt dieser Schriftsteller, da erschien plötzlich ein schon bejahrter Mann, mit lang herab hangendem Bart, zerstreuten Haaren und
zerrissenen Kleidern, auf dem Markt und schrie seine Mitbürger um Hülfe an. Dieß Schauspiel versammelte sogleich eine große Menge Volk's, das überall aus der Nähe, herbey strömte. Alsbald bestieg
der Alte einen erhöhten Platz, wo er Jedermann im Auge war, und hielt folgende Rede: „Er sey ein Freyer von Geburt, habe, während seiner Dienstjahre in Rom, sich keinem Feldzug entzogen; acht und
zwanzig von ihm beygewohnte Schlachten, nebst Siegszeichen aller Art, seyen Zeugen seines Muth's. In der letzten Bedrängniß der Stadt, hatte auch er sich, um die Entrichtung seiner Abgaben
möglich zu machen, {317}
gezwungen gesehn, Geld zu borgen, weil nach Verheerung seiner Grundstücke vom Feinde, durch Theurung im Lande, sein Bißchen Privatvermögen in der Stadt gleichfalls völlig zugesetzt und
geschmolzen gewesen. Außer Stand, ihm Zahlung zu leisten, habe ihn nun kürzlich sein Gläubiger, nebst seinen beiden Söhnen, förmlich zu Sclaven gemacht, und jetzt, wegen Widerspruch's eines
harten Befehls, sogar auf das Grausamste mit Schlägen mißhandelt."
Dieß gesagt, zog er aus den Lumpen, die sie bedeckten, seine ganz mit Narben bezeichnete Brust, und zugleich einen Rücken, der, von den soeben empfangenen Streichen, mit blutrünstigen Striemen
noch ganz unterlaufen war. Auf diesen Anblick erfüllte Jammergeschrey und Unwille des Volk's den ganzen Markt von allen Seiten. Die Armen durchliefen die Stadt, forderten zum Mitleid mit ihrem
Geschick auf, und beschwuren die Herzen aller ihrer Mitbürger um Erbarmen und Beystand. Wo irgend ein Schuldner, Schulden halber, als Sclave in einem Haus eingehalten war, der machte sich unter
diesen Umständen los, entsprang, und so sah man denn jetzt viele, mit verstörtem Haar, und Ketten an Händen und Füßen, unter dem Volk umherirren, ohne daß irgend Jemand es wagte, sie zurück zu
halten. Ja, wer nur die geringste Miene dazu machte und sie etwa anrührte, über den fiel das Volk, wie völlig außer sich vor Wuth und Raserey, nicht anders her, als ob es ihn sogleich in Stücken
zerreißen wollte. So wimmelte denn in kurzer Zeit der ganze Markt von Schuldnern, die ihren Gläubigern entsprungen waren. Soweit Dionysus! Und wer zweifelt {318}
wohl daran, es ein treues Gemälde von dem damaligen Zustande von Rom ist, was er uns hier aufstellt. – – Der sinnvolle und zugleich philosophische Autor hat Alles, mit so geschickter Meisterhand,
geordnet, daß man sogleich in den ersten Umrissen, eine von jenen gewaltsamen Katastrophen der Weltgeschichte erkennt, welche die Nemesis zuweilen in den Staaten herbeyführt, wo zwey streitende
Parteyen einander gegenüber stehen, wo jede, auf ihre Weise, Recht hat; wo keine nachgibt, und was das Schlimmste ist, sogar keine nachgeben kann, ohne daß sie zugleich ihre eigne Vernichtung
unterschreibt. Wo die Staatsverfassungen einmal auf diesem Punkt angelangt sind, pflegen sodann die Revoluzionen, als ein unvermeidliches Uebel, einzutreten, was denn auch in Rom, durch den
Auszug des Volk's auf den heiligen Berg, Stiftung des Tribunat's, nebst andern, bald nach diesen Ereignissen, eingetretenen Vorfällen, wirklich der Fall war. Uns genügt, für unsern Zweck, den
Caj. Marc. Coriolanus auf einen höhern historischen Standpunkt gestellt, und sein Andenken von dem Vorwurf eines blinden, hochfahrenden, Patricischen Stolzes und Uebermuthes gerettet zu haben.
Denn etwas anders ist der Zorn eines Kindes, oder schwachen Weibes, das sich bloßen blinden Aufwallungen des Blut's dahingibt; und etwas anders der Zorn eines Mannes der mit Verfolgung eines
höhern Zweckes selbst mitten im Ausbruche der Leidenschaft, noch nach einer Idee handelt. Daß ein Solcher Casjus Marcius und sein Vorgänger Appius Claudius war, ist wohl nach Allem, was wir
vorher angeführt, gewiß und keinen Augenblick mehr einem Zweifel unterworfen. {319}
Stellen aus der Rede der Volumnia."
Plutarch, im Leben Coriolans.
„Nun erwäge auch noch in deinem Gemüht, daß wir, als die elendbeladensten aller Frauen hier zugegen sind; denn das den Menschen sonst zur höchsten Erfreuung gereichende Schauspiel des
Wiedersehens, hat für uns ein herbes Mißgeschick in das widrigste Leidwesen verkehrt, weil Eine von uns, als Mutter, ihren Sohn, die Andre, als Gattin, ihren Gemahl, der Rom zu belagern kömmt, in
dir erblicken muß. Selbst für jene Erleichterung des Herzens durch Gebet, bey Unglücksfällen, wie sie doch allen übrigen Bedrängten frey steht, trifft sich für uns ein unübersteigliches
Hinderniß."
„Denn Heil und Wohlfahrt des Vaterlandes und Heil und Wohlfahrt des Cajus Marcius faßt nicht mehr ein und dasselbe Gebet, und nahe, wo nicht völlig den Verwünschungen unsrer Feinde gleich, kommt
der Inhalt unsrer Bitten. So hast du denn deinem Weib und Kindern nur die Wahl gelassen, sich entweder deiner selbst, oder ihres Vaterlandes beraubt zu sehn. Ich aber gedenke diesen letzten
Streich des Schicksals wenigstens lebend nicht abzuwarten. Wofern ich es nicht über dich erhalten kann, daß, nach beygelegtem Zwiespalt, Hader und Feindseligkeit, zwischen Rom und Corioli, du es
vorziehst, lieber der Wohlthäter beider Parteyen, als die Pest der einen zu seyn: so merke dir dieß und schicke dich darauf, das du dein Vaterland nicht erobern wirst, bevor {320}
du auf den entseelten Leichnam deiner Mutter getreten bist. Denn nicht aufgehen soll meinen Augen der Tag, wo ich entweder den Triumph der Bürger über meinen Sohn, oder den Triumph meines Sohn's,
über die Bürger Rom's, erleben müßte! Dieses gesprochen, warf sie sich zugleich mit ihrer Begleitung von Gemahlin und Kindern, ihm zu Füßen nieder. Marcius aber, der sie mit dem Ausruf: „Mutter,
wozu hast du mich gebracht?“ aufhob und ihre Hand fest in die seinige schloß, sagte: „Das ist ein für das Vaterland fröliger, für deinen Sohn aber höchst verderblicher Sieg, den du davon
getragen! Von Niemanden sonst, als von dir besiegt, kehre ich von Rom zurück.“
———————
Tod des Coriolans zu Antium.
Plutarch ebenfalls vom Leben des Coriolans.
"Als die Versammelung des Volk's nun beysammen war, geschah es alsbald, daß einige der angestellten Redner, zur Entzündung der Menge, ihre Stimmen erhuben. Sobald indes Marcius aufstieg, verflog
die Hitze des ersten Tumult's, aus Ehrfurcht gegen ihn, auch würde ihn unbedingte Freyheit zum Reden eingeräumt. Wie nun auch die Besten unter den Antiaten, besonders Diejenigen, welche günstig
für den Frieden dachten, es kein Hehl hatten, daß sie den Mann mit Wohlwollen {321}
anhören und sein billiges Urtheil über ihn fällen wollten, kam dem Tullus Amfidius alsbald eine große Furcht an, daß die Vertheidigungsrede des Cajus Marcius dem Ding einen für seine Partey
nachtheiligen Ausschlag gäbe, weil dieser ganz besondere Gaben der Beredsamkeit besaß [Cicero im 10ten Cap. des Brutus bemerkt: daß Caj. Marcius verdiene, den größten Rednern beygezählt zu
werden. In Vergleichung stellt er ihn mit dem Themistokles.]. Zudem strahlten seine vorigen Heldenthaten noch in so frischem Glanz, daß seine jetzige Schuld sie kaum etwas verdunkeln konne: wie
denn auch selbst die Anschuldigung, daß er Rom nicht genommen, allerdings für einen Beweis der Größe seines sich bis dahin erworbenen Heldenruhm's gelten konnte. Daher faßten sie schleunig den
Entschluß, das Volk, durch Zögerung und Aufschub, nicht länger zu versuchen, sondern die Kühnsten der Verschwornen riefen zu wiederholten Malen: „man müſſe den Verräther nicht anhören, sondern
der Anmaßung der öffentlichen Gewalt und des Feldherrnamts (was er nicht niederlegen wollte) die gebührende Grenze setzen." Darauf liefen sie wild in Haufen zusammen und durchstachen ihn, noch
eh‘ es irgend Jemand verhindern konnte. Bald aber zeigte sich ein großes Mißfallen an dieser That. Denn das Volk versammelte sich haufenweis aus den Städten; sein Leichnam wurde mit Pracht zur
Erde bestattet, und sein Grabmal, wie das eines ausgezeichneten Helden und Kriegsfürsten, mit Waffen und andrer den Feinden abgenommener Beute geschmückt. {322}
Rom, als es die Nachricht von seinem Tod erfuhr, gab weder ein Zeichen des Zorns, noch eins der Ehre bey diesem Anlasse von sich: doch wurde den Frauen, auf ihr Ansuchen, verstattet, die
Trauer um ihn anzulegen, zwölf Monate hindurch, so wie Jede einen Vater, Bruder, oder Sohn zu betrauern gewohnt ist. Denn dieß ist die äußerste, vom König Numa Pompilius, wie wir in dessen Leben
bemerkt, angeordnete Trauerzeit. Bey den Volsciern aber traten bald Umstände ein, die sie den Caj. Marcius gar sehr vermissen machten.“
———————
Abzug der Volscier. Ehrenbezeigungen der Matronen. Erbauung eines Tempels der weiblichen Fortuna.
Plutarch ebendaselbst.
„Sobald nun diejenigen, die auf den Mauern Rom's die Wache hatten, den Abzug der Volscier gewahr wurden: so eröffneten sie alle Tempel und fällten bekränzt die Opferthiere; nicht anders, als ob
die Nachricht von einem Siege in Rom eingelaufen wäre. Unter den Liebkosungen des Volk's und des Senat's, stachen die Glückwünschungen der Bürger besonders hervor, die die Frauen unbedenklich für
die Urheberinnen ihres Heils und ihrer Wohlfahrt erklärten. Da hierauf der Senat den Beschluß faßte: daß ihnen von den Consuln, auf ihre {323}
Forderungen, Alles gewährt und geleistet seyn sollte, was auf ihr Lob oder ihre Belohnung nur irgend Bezug hätte: begnügten sich die Frauen um weiter nichts nachzusuchen: als daß der weiblichen
Fortuna ein Tempel erbaut würde, wozu sie die Kosten aus ihren eigenen Mitteln herschießen wollten; für den Opferdienst aber und das Uebrige, was dabey zur Ehre der Götter gereichte, möchte der
Staat Sorge tragen. Der Senat lobte diese Freygebigkeit, gab aber das Geld, zur Erbauung des Tempels und der Bildsäulen, aus dem öffentlichen Schatz her. Nichts desto weniger legten die Frauen
noch eine zweyte Summe zusammen, und errichteten davon, auf ihre eignen Kosten, eine zweyte Bildsäule."
Nachschrift.
Livius B. 2. Cap. 40. nennt die Mutter des Marcius Veturia, seine Gemahlin dagegen Volumnia. Mit dieser Angabe des Livius stimmt auch Dionys von Halikarnaß. Shakespear folgt in der Benennung, wie
in allem Uebrigen, dem Plutarch. Dieselbe Abweichung findet sich in dem Namen des Tullus Amfidius, beym Livius B. 2. Cap. 35, und beym Dionys B. 8. Cap. 1. Ich bemerke diese Kleinigkeiten bloß,
damit nicht Jemand, bey Durchlesung der Noten, sich in einen Widerspruch zu verwickeln glaubt. {324}
Des Dionys von Halikarnaß Erzählung vom Tod und Begräbniß des Coriolan, nebst philosophischer Ansicht von dessen Charakter. Achtes Buch.
„Wie nun der entseelte Leichnam des C. Maracius so auf dem Markte dalag, erregte er bey Jedermann, der ihn sah, ein allgemeines Weinen und Bedauern, sowohl bey denen, die Zeugen seines
Lebensendes gewesen waren, als bey denjenigen, die später dazu kamen. Jedermann fielen die großen Dienste ein, welche er den Volsciern geleistet, und wofür er jetzt einen so schlechten Dank von
ihnen erhalten hatte. – Besonders überließen sich die Soldaten, die einst unter ihm gedient, dem größten Unwillen über diese That, und obwohl es nicht in ihrer Macht gestanden, diesen Schlag des
Schicksals von ihm abzuwenden, und ihren Feldherrn beym Leben zu erhalten: so zeigte sich doch wenigstens nach seinem Tod, der gemeinsame Eifer dankbarer Gesinnung. Was irgend nur die Ehrengebühr
eines großen Todten ist, wurde von ihnen auf dem Markt zusammengebracht, und wie alle nöthigen Voranstalten getroffen waren, legten sie ihn, in seiner ganzen Feldherrnrüstung, auf ein prächtiges
Paradebette. Vorgetragen dem Leichenzug wurden die dem Feinde abgenommenen Waffen und Beute, die erworbenen Ehrenkronen, die Bilder der durch ihn eroberten Städte: und hinterdrein ging das Weinen
und Wehklagen der ganzen Stadt; indeß eine durch Tapferkeit {325}
in den Feldzügen am meisten ausgezeichnete Jugend, den entseelten Leichnam auf ihren Schultern trug, bis in die vornehmste der Vorstädte, wo man ihm, auf einen Scheiterhaufen gelegt, ein
Todtenopfer hielt, ihn zu Asche brannte und überhaupt alle Feierlichkeiten beobachtete, die, bey Begräbnissen von großen Königen oder Kriegsfürsten, üblich sind. Auch blieben diejenigen, die ihm
mit ganz besonderer Liebe zugethan gewesen, so lang um seinen Scheiterhaufen stehen, bis die Flamme verlosch, wo sie alsdann die Aschenreste des von ihr aufgezehrten Leibes sammelten, sie an dem
nämlichen Ort begruben, und ein hohes Grabmal darüber zu einem ewigen Zeichen errichteten.“ –
„Ein solches Ende nahm C. Marcius, ein Mann, der zu seiner Zeit, an Muth und Kriegsgeschick Seinesgleichen suchte. – Die Wollüste, deren Beherrschung sich sonst die Jugend so leicht dahin gibt,
vermochten ihm nichts anzuhaben. Keine Furcht vor Strafe, kein Gesetzzwang, kein Kampf mit widerstrebenden Neigungen, die diese strenge Gerechtigkeitsliebe in ihm verursachte: man kann vielmehr
sagen, das Recht und Tugend ihm gleichsam angeboren war; so daß er es auch schlechterdings für nichts Großes hielt, wenn er keinem Menschen Unrecht that. Nicht zufrieden aber damit, dem Laster in
seiner eignen Brust keinen Zugang zu gestatten: – so ging sein Augenmerk auch dahin, wie er von außen den Lastern Anderer mit Nachdruck begegnen könnte. (Vergleiche dieß mit dem, was oben von
Appius Claudius S. 312. gesagt ist.) Voll {326}
Großmuth, Freygebigkeit und immer gleich bey der Hand, wo es galt, einem Freund aus der Noth zu helfen, hat es ihm in der Kriegskunst kein anderer vornehmer Römer seiner Zeit zuvorgethan u. s. w.
„Allein, so fährt Dionys von Halikarnaß fort, da es wider die Natur läuft, daß je ein Mensch alle Tugenden in sich bereinigt, und ein in allen Stücken vollkommner Sterblicher nie geboren wird: so
gesellten sich auch in diesem Mann zu den großen Tugenden, die ihm der Himmel gab, eben so große und Gefahr bringende Fehler. Was ihm abging, war besonders jene liebreiche Sanftmuth, jenes
herzgewinnende Betragen, verbunden mit jener Annehmlichkeit des Umgang's, welche die Tugend erst den Menschen recht werthe macht. Bey ihm zugefügten Beleidigungen zeigte er sich unversöhnlich.
Sein Zorn, wenn auch gerecht, hielt dennoch kein Maß. So galt er keinesweges für zuvorkommend, sondern vielmehr für hart und wenig umgänglich. Zu Felde ließ er nichts durch, was im geringsten
wider die Gesetze lief, und von seiner völlig ungemessenen und unerbittlichen Strenge, im Punkt der Gerechtigkeit, auch bey kleinen Anläßen, erfuhr er oft großen Schaden und Nachtheil.“ (Diese
strenge Gesetz- und Gerechtigkeitsliebe ist ein besonders merkwürdiger Zug im Charakter der Römer, der bis zum Cato in Wort und Thaten immer wieder kommt: er zeigt sich in ihrer Geschichte, z. B.
im ersten Brutus, von früh an: man möchte fast sagen, daß er das ist, was späterhin dem Jus Romanum, als Abglanz echter Römergröße, durch die äußre Form, als Weltgesetz seine Entstehung, seine
Beglaubigung und seinen Ursprung gegeben.) {327}
„Wenn,“ sagt Dionys von Halikarnaß, ebendaselbst, in Betracht auf diese, vom Charakter des Coriolans aufgestellte Ansicht, „das, was wir Menschenleben nennen, von welch immer einer Natur und Art
es auch seyn mag, zugleich mit dem Leib völlig verflattert und in Vernichtung geräth: so weiß ich wahrlich nicht, wie Diejenigen, die hier auf Erden (gleich Cajus Marcius) den Lohn ihrer Tugend
nicht fanden, sondern im Gegentheil sich für sie aufopferten, irgend glücklich zu nennen seyn sollten. Andererseits aber, wenn der Seelenzustand, auch nach der Auflösung vom Körper, unsterblich
ist, oder, nach dem Dafürhalten Anderer, wenigstens eine Zeitlang Dauer und Bestand hat: so dünkt mich allerdings, in jenem Lob der Nachwelt, in jenem Angedenken, das niemals verlischt, für jeden
rechtschaffenen Mann eine Belohnung zu liegen, die alle widerwärtigen Streiche, so ihm das Glück im Leben gespielt, völlig wieder aufwiegt. Auch dem Caj. Marcius ist diese Belohnung zu Theil
geworden. Denn nicht nur, daß sein Tod die Volscier in große Betrübniß versetzte, und sein Angedenken, wie das des besten und ausgezeichnetsten Mannes, immer in Ehren unter ihnen verblieb: so
veranstalteten auch die Römer, als die Kunde seines Todes zu ihren Ohren kam, und sie dieselbe, gleichsam als ein der Republik zugestoßenes Unglück, ansahen, eine öffentliche und eine besondere
Trauer um ihn. Nicht anders, wie es bey einem nahen Blutsverwandten der Gebrauch ist: so betrauerten ihn auch die römischen Matronen, nach Ablegung alles Purpurs, alles Goldes und alles übrigen
Ge- {328}
schmeides, durch: Anlegung von schwarzen Kleidern, die sie ein ganzes Jahr hindurch nicht wieder auszogen. Noch jetzt, fünfhundert Jahr nach seinem Tod, stehen seine Thaten zu Rom im frischen
Gedächtniß; seine Gottesfurcht, seine Gerechtigkeit werden preisend, bey jeder Gelegenheit, angeführt, und leben im Munde der Enkel.“ {329}
Nachschrift und Rechenschaft
über
einige Veränderungen
im
Coriolan des Shakespear.
Den Tullus Amfidius habe ich in der Schlußscene etwas sentimentaler nehmen zu müssen geglaubt, als er bey'm Shakespear vorkommt, was sich, bey der sentimentalen Richtung der durch den
historischen Stoff selbst herbey geführten Haupt-Katastrophe des Stück's, denk ich, noch wohl verantworten läßt. Statt die Ausdemwegräumung des Coriolan, durch Tullus Amfidius,
meuchelmörderischer Weise vollbringen zu lassen, übertrage ich sie einer von dessen Creaturen, einem Unterbefehlshaber der Volscier, wozu die Motive auch bereits im Shakespear zerstreut lagen.
Die Vorwürfe, die Tullus Amfidius, bey‘m Shakespear, wegen dieser aufs gelindeste gesagt, doch etwas unsoldatischen Handlung erhält, habe ich lieber ihm selbst in den Mund gelegt, da mir eine
solche Verunehrung eines an sich edeln und großen Charakters, wenn gleich eines Nebenbuhlers, völlig nutzlos schien. Bloß humoristische Zwischendinge, Schimpf- und Scherzreden, die den Gang der
Haupthandlung die Entwickelung des un- {330}
geheuern Schicksals des Coriolan, mehr aufhielten, als weiter brachten, habe ich, ohne Bedenken, entweder verkürzt, oder zur Seite liegen lassen. – Auch hatte sich, in der historischen Breite,
worin dieses Stück nun einmal bey'm Shakespear dalag, eine Einleitungs- und eine Schlußscene nöthig gemacht, worin ich dem Plutarch und dem Dionys von Halikarnaß auf's genaueste gefolgt bin.
Andrerseits hatte die besuchende Römerin im ersten Akt, so voll Grazie auch übrigens diese Zeichnung ist, da sie in der Folge der Haupthandlung schlechterdings keine nothwendig eingreifende Rolle
spielt; ferner der Bedientenauftritt, im Anfang des vierten Akt’s, wo Coriolan nach Antium kommt; ingleichen der gute und böse Humor, den Menenius, als ein von dem römischen Senat an Coriolan
geschickter Abgesandter, an den Wachen im Lager ausläßt, unbeschadet des Eindruck's im Ganzen, den das Theater erfordert, wegbleiben können.
In einem Charakterstück, wie Coriolan, wo die Hauptfigur, in einer solchen colossalen Festigkeit von Umrissen, Haltung und Ausbildung derselben dasteht, nimmt sich das Zurücktreten der
Nebenpartien in den Hintergrund, was gleichsam eine Art Perspektive für das geistige Auge macht, gewiß nicht übel aus und erleichtert, wenn es sonst nichts thut, dem Leser und Zuhörer auf jeden
Fall wenigstens die Eindringung in die Composition, oder die Faßlichkeit.
Coriolan ist eine der letzten und gereiftesten Meisterarbeiten Shakespears. In ihm hat er die strahlend männlich, erhaben tödtend und vernichtende Kraft der Percys, Macbeths, Ri- {331}
chards u. s. w., in deren Darstellung er ein so großer Meister war, gleichsam, wie in ein scheidendes Sonnenbild, noch einmal zusammengedrängt: und so weiblich, zärtlich girrend seufzend und
kindlich in seinen ersten und früheren Stücken dieser Genius seine Laufbahn eröffnete: so männlich, feurig ernst, eisern und gluthvoll hat er sie beschlossen, und von diesem Erdball, gleichsam
als Römer, in Donner und Wolken eingehüllt, Abschied genommen. Mehr als einmal erinnert Coriolanus, durch Erhabenheit und Pracht der Gesinnung, an die strenge Hoheit des Prometheus bey'm
Aeschylus, den auch schon da, wo er vom Vulcan, mit Hammer und Nägeln, an den Caucasus geschmiedet ist, die Diener der neuen Götter, ihre feigen Sclaven und Tischgenossen, vergebens zur
Nachgiebigkeit, zum Gehorsam des Haushundes und übrigen Hofgeflügels, damit er's auch so gut hätte , wie sie, zu bewegen suchen, und der nicht wankt und weicht und mit festem unverückten Manns-
und Heldensinn, aller ihrer Ermahnungen spottet, bis der Caucasus und die ewige Nacht mit ihm herunter rollt „meine Herrin und seine“ nämlich Jupiters. Dies Stück besitzt demnach alle Tugenden,
deren unser Zeitalter ermangelt; es ist ein Stück, wobey Einem vier Akte hindurch der Othem ausgeht, bis man ihn vom Anfang des fünften Akt's, wo Coriolanus seiner Mutter nachgibt, erst in etwas
wieder bekommt. Gegen das Ende der Handlung ist Coriolanus fast kein Mensch mehr. In den feurig beflügelten Beschreibungen der Boten, des Menenius, erscheint er beynah, wie ein Himmelsmeteor, wie
ein unglückdrohender Comet, oder wie der Kriegsgott Mars selbst, {332}
der als Stifter Roms und der sieben Hügel, kommt, um über die Seinen Gericht zu halten.
Man hat die Jungfrau von Orleans irgendwo eine Apotheose der Weiber genannt. Apotheosen dieser Art aber, so sehr sie auch übrigens einem schwächlichen Zeitalter schmeicheln und zusagen mögen – –
eine Wahrheit, die sich der Mann und der Deutsche, besonders jetzt, weniger als je verhehlen darf – können doch immer nur da, wo die herrliche Ausstattung männlicher Kraft von Natur in den
Staaten zu Ende geht, und gleichsam einen schwächlichen Rest des ehemaligen Großen setzt, zur Entwickelung kommen.
Von den Grundsätzen dieser freyen Bearbeitung des Shakespear ist bereits in der Einleitung gesprochen worden.
Den Charakteren bin ich, bis auf jene einzige Abweichung im Charakter des Tull-Amfidius, überall gewissenhaft treu geblieben: mit Buchstaben, Sylben, einzelnen Metaphern und ihrer Ausbildung, bin
ich, dem Genius unserer Sprache gemäß, d. h. etwas freyer verfahren. Auch ist es wahrhaftig nicht der Buchstaben, wodurch Luthers Bibel zum Nationalbuch unter uns geworden ist. Ein Recept, eine
Regula Detri darüber, wie es etwa ein Anderer in einem ähnelichen Fall auch machen soll, läßt sich nicht gut vorschreiben.
Im Charakter der Mutter möchte man wohl, der ganzen römischen Größe nach, womit derselbe, gleich von Anfang herein, von Shakespear angelegt ist, den Auftritt im dritten Akt, wo sie ihren Sohn zum
Widerruf zur Unterwerfung unter den Ausspruch eines Tribunen- {333}
amts und Volksgerichts durch Anempfehlung von Klugheitsmaßregeln, zu bewegen versucht, als unpassend, lieber hinweg wünschen.
An dem Charakter des alten Senators und Volksfreundes Menenius, des zugleich polternden and gütig besänftigenden, sieht man wohl, daß Shakespear veranlaßt wurde, ihn aus der berühmten Fabel des
Streit's, zwischen Magen, Kopf und übrigen Gliedern des Körpers, mit dem gelungensten und glücklichsten Humor, herauszubilden und durchzuführen. Auch sind unverkennbare, fast wörtliche Spuren da,
daß der Dichter hier, wie in allem Uebrigen, z. B. in der Rede der Mutter am Schluß, den Plutarch, in der Lebensbeschreibung des Coriolans, vor Augen gehabt und ihm gefolgt ist.
Man hat die Jungfrau von Orleans, wie gesagt, eine Apotheose der Weiber genannt. Ich habe nichts dagegen, und Dank, Ehre und Freude dem unsterblichen Genius Schillers dafür, daß er uns dieß zu
jeder höheren Begeisterung gestimmte und stimmende Stück geschenkt hat. Doch – wie mag es wohl zugehen? – möchten wir fragen – daß wo immer die Apotheose, oder Vergötterung weiblicher
Charaktere, überhand nimmt, dieß zugleich fast eine sicherer Anzeige von der Desapotheose, oder Entgötterung, männlicher ist? eine Bemerkung, die besonders in einem Zeitalter, wie dem unsrigen
gilt, das völlig umgekehrt, wie das Shakespearsche, wo die Weiberrollen auf dem Theater bloß von Männern übernommen und gespielt wurden, am liebsten Männerrollen, bis auf die Götter und Helden
selbst, mit Weibern und Kindern besetzt sähe! – {334}
Auch die Haltung im Charakter des römischen Volk’s, im Coriolan, ist völlig bewundernswürdig. Im Grunde ist es weder das englische, noch das römische Volk, was hier spricht und zusammen läuft,
und beide liegen in diesem Stück nur einen Dritten, als Folie, unter: und dieses Dritte, was ist es anders, als der ewige Begriff des Volks selbst, wie er zu allen Zeiten bey allen Völkern, bei
allen Nationen des Erdbodens vorkömmt, und wie ihn auch Aristophanes in seinen Demos auffaßt. So sind denn also auch die Trommeln, Glocken, wie alle übrigen Fehler, die wider das römische Costüme
in diesem Stücke unterlaufen; nur eine Erläuterung, eine Folie mehr; das Moderne dient und das Antike auch, und über beiden schwebt, der ewige Begriff, die Anschauung des Wesens aller Dinge
selbst; das Welt-Auge Sharespears, sein unsterblicher Genius, der Blitz seines Geistes, der überall, wo er einschlägt, außer aller Zeit, außer allem Raum und außer allen Costümen ist. – Irgendwo
indeß muß diese wankelmüthige Menge auch unsern Dichter im Leben, mehr als billig, zu schaffen gemacht haben, weil man eine so entschiedene, ja fast sarkastische Abneigung in ihm gegen dasselbe
bemerkt.
Das Glückwünschen und Heilrufen der Tribunen und des Volk's unter eiander, im vierten Akt, über die seelige Ruhe, die sie nun zu Rom genießen, seitdem Coriolanus verbannt ist; Alles das fast in
demselben Augenblick, wo Coriolan schon, wie eine Gewitterwolke drohend, über ihrem Haupt hereinhängt, ist mit furchtbarer Ironie gedacht. {335}
Die ganze Bewerbungsscene Coriolans um das Consular, im dritten Akt, ist in demselben Stil gearbeitet; so daß sie gleichsam nur ein fortlaufender, langer Sarkasm ist. Wiewohl auch diese Annahme
einer besondern Abneigung Shakespears gegen das Volk gar nicht einmal statthaft ist, und sich alles recht sehr gut aus dem höhern poetischen Standpunkt: daß Demokrat und Aristokrat, Patricier und
Plebejer an sich gleichgültige Ausdrücke sind, und daß allein der kräftige Widerstand, Auflehnung gegen eine mit blinder Gewalt zudringende Masse, das ist, was das Genie zur Darstellung anzieht,
sey es nun, daß dieser Tyran Demos (Volk) oder Patricier heiße.
Was soll ich von der Versöhnungsscene im vierten Akt, zwischen Tullus Amfidius und Cajus Marcius, sagen? Ein großer deutscher Meister bemerkte mit Recht, bey der Vorlesung: „Und wenn der ganze
Shakespear verloren gegangen wäre: so würde man ihn aus dieser einzigen Scene wieder herstellen können.“
So viel von Charakter, Zeichnung, Ausdruck der Empfindung, Leidenschaft, wie sie bey'm Shakespear in diesem Stück vorkommt: diese Betrachtung führt mich noch einmal auf das Colorit zurück.
Die kecke Mischung aller Farben auf der Pallette des Meisters, mit unbedingter Freyheit der Nüanzierung, für den jedesmaligen lebendig aufgegriffenen Ausdruck der Empfindung, dies ist der
eigenthümliche Vorzug des Shakespearschen Stils, woran man ihn sogleich wieder erkennt, sobald man nur fünf Zeilen von ihm gelesen hat. {336}
Welch ein unglücklicher Einfall, wenn der ehrliche, oder, wie er sich auch selbst so gern nennt, der fromme Deutsche: (was beyläufig gesagt, oft nur ein Euphemism für sklavisch ist) dem stürmisch
fortschreitenden Genius des Engländers, wie ein treuer Knecht, die Lampe überall und auf jeden Buchstaben nachträgt, und denn doch wieder in jedem Augenblick vom Zuschauer, oder Leser hören muß,
daß ihm, wo nicht Alles, doch das Meiste, so stockdunkel ist. Ich frage hiermit im Ernst an: wie lange denn noch Shakespear unter uns bey den Todten wohnen soll? –
Shakespear greift kühn und wild in seiner Sprache umher; selbst die Einmischung französischer, jetzt in England ganz ungewöhnlicher Worte, verschmäht er nicht, da, wo sie ihm irgend für das, was
er sagen will, im Flug der Begeisterung zu Hülfe kommen: – Die Gefahr sich zu vergreifen achtet sein Genius nicht. Oft vergreift er sich auch wirklich. Ein verunglücktes Bild ein, verfehlter
Gedanke, ein mißrathner Ausdruck ist bey ihm nichts Selthes; aber das schadet dem Ganzen nichts: immer ist er in seinen Wendungen kühn, neu, originell und unerschöpflich. Also nicht dieß
Vergriffene, nicht dieß Verfehlte, nicht dieß Mißrathene – wohl aber das kühne Umhergreifen Shakespears selbst, und die daraus entspringende vielfache Bereicherung seiner Muttersprache, ist es
was jede Sprache, die eine Nachbildung von ihm versuchen will, als Haupteigenschaft seines Stils, herüber zu nehmen hat; wenigstens muß jede Uebertragung des kühnen Britten, die gleichsam ein
ewiges Widerspiel aller zahmen Dikzionen und todten Versekünsteleyen ist, dieß {337}
stellenweise durchahnden lassen. Ein Raphael selbst würde nicht zum Zweck kommen, wenn er ein genial gewordenes Bild, und wäre es auch sein eignes, mechanisch, Zug für Zug, wieder nachmachen
wollte. Bleibt doch dem eignen Meister, in solchem Fall, nichts übrig, als sein Werk zum zweyten Mal frey nachzuschaffen! Wie sollte es denn nicht auch in der Dichtkunst eintreffen: daß eine
Seite voll von Shakespeares Geist, besser wäre, als ein ganzes Buch, als zehn, als hundert Bücher, voll von Shakespear, mit noch so ängstlicher Uebersetzertreue, durch getränktes Oelpapier,
hindurch gemalter, todter Buchstaben. Kühnheit, in einzelnen Wortfügungen, ist noch lange keine Kühnheit der Ideen. Shakespears Element, wie das aller echten Dramatiker, die zum Volk sprechen
wollen, ist eine klare, gediegene Plastik, mitten im Sturm der Empfindung, nicht aber ein geschnörkeltes, geschliffenes, tonschwaches, unruhiges, verworrenes Oden-Deutsch, das jeder, selbst der
Sprache, nach ihrem ganzen Umfang Kundiger, sogar im Lesen sich drey bis vier Mal wiederholen muß, eher nur einen erträglichen Sinn hereinbringt. Diese Stelzenpoesie ist der Todtschlag alles
Genies, sie ist der Götzendienst, das goldne Kalb unsers Zeitalters, das dem leeren Mechanismus so gern überall, wo es mit seinem Einfluß nur hinkommt, in der Wissenschaft, in der Naturkunde, in
der Philosophie, in der Religion und in der Politik seinen Weihrauch streut. Aus einigen dieser Heiligthümer ist der todte Mechanismus von dem durch eine lebendige Naturbetrachtung angefrischten
Genie, bereits herausgetrieben worden, und uns andern {338}
wird er ebenfalls entweichen müssen, je mehr die Zeit vorrückt, die mit ihrer neuen Herrschgewalt uns Allen Gesetze vorschreibt, und die große Menschen und Charaktere, aber weder kleine
Buchstaben, noch unnütze Bücher braucht.
Aber wie in aller Welt sollen wir es denn nun anfangen, den Shakespear zu bewegen, sich bey uns niederzulassen, da es uns bisher so wenig damit geglückt ist, wo wir ihn doch, so zu sagen, an
allen Zipfeln gefaßt, und ihm, fast mit allen Sylben und Buchstaben seines englischen Originals, auch im Deutschen auf den Leib gerückt sind. Ich weiß nicht! Eine Regula Detri, wie gesagt, läßt
sich in diesem Fall, wie in allen andern, wo es Geist und Genie gilt, nicht wohl vorschreiben: – aber ich dachte, wenn wir es ungefähr mit dem Shakespear eben so feurig anfingen, wie etwa Luther
mit dem Buch Ruth, oder Hiob, und dabey dieselbe Kunst der Verdeutschung, nicht der Verundeutschung, anwendeten, die dieser anwandte, und wodurch er es bewirkte, daß die Bibel zum Nationalbuch
unter uns geworden ist: so würden wir nicht so gar weit vom Ziel bleiben! Also – um nun zunächst von der eignen Befolgung dieser Grundsätze bey'm Coriolan zu sprechen, und meinen Gegnern sogleich
die Waffen wider mich selbst in die Hand zu geben: so schwer die Erfüllung dieser Aufgabe auch lauten mag: nicht das Bild eines geschriebenen, todten, farbelosen, abgewaschnen, geleckten, zahmen,
glattüberfirnißten, weichlichen, weibischen, schriftsäßigen, fünffüßigen, neumodischen Jambenhelden: sondern das eines Lebendigen, kecken, männlichen, gesprochenen, zugleich jung kräftigen, und
echt altertümlichen, einheimischen Shakespear, wie {339}
der es im Original wahr und wahrhaftig ist: ein Bild dieses großen Urbild's, wie es meinen Augen unablässig vorschwebte; meinen Ohren unablässig vorklang: ein solches habe ich in deutscher Zunge
liefern; ein solches habe ich, vor Augen und Ohren meiner deutschen Zuhörer, auch wieder zur Anschauung bringen wollen. Von meinen lieben, freudigen, muthigen Deutschen und Kunstgenossen, spreche
ich nun zuförderst alle Diejenigen an, so Sinn, Geist und Gefühl für die Natur noch frisch in sich erhalten haben: die sollen, denk ich, den warmen Othem, der in meiner Brust hauchte, auch durch
diese Bearbeitung hindurch fühlen, ein Stück von Shakespears Herzen und Puls auch in dieser Uebersetzung klopfen hören, und so den göttlichen Muth und Uebermuth des unübertroffenen, großen
nordischen Dichters, wenn sie zu Ende sind, wenigstens stellenweise, glücklich ahnden und bewundern gelernt haben. Für sie ist auch das hier Gesagte genug: für die Uebrigen, als Solche, die im
mechanischen Tod des Zeitalters befangen, aus Kunsteigensinn, dem allein selig machenden Glauben des Buchstabens blind ergeben sind, und davon öffentlich Profession machen, würde ja doch nur
Alles, was ich hier zur weiteren Erläuterung dieser Sache beybrächte, ein Handel mit verlorenen Worten seyn! Die aber Shakespear, wo es Zeichnung und Charaktere galt, nicht folgen gekonnt, durch
meine Schuld nicht gekonnt: wüßte ich, daß dem so sey, und durch meine Schuld so sey; bey Gott! nichts in der Welt sollte mich abhalten, diese unnütze Arbeit meiner Hand, obwohl der Aufwand von
einem Jahr Zeit und darüber drinnen steckt, weil sie so sündlich ist und so vor- {140}
nehm thut, auch sich gern deß vermäße, daß sie für ein Werk meines Kopf's und meines Herzens gelten möchte, noch vor dem Abdruck zu nehmen, und mit anderm müßigen Spiel und Plunder der Zeit, die
von Stunde zu Stunde ernsthafter und nachdenklicher wird, insofern er ja Gott, mir und der Welt, auf dem Standpunkt, wo sie nun einmal angelangt ist, doch zu nichts mehr frommt und nütz ist, in's
Feuer zu werfen. –
Denn wahrlich, ich sag es nochmals, mit mechanischer Kopistentreue angefertigter Uebersetzungen haben wir endlich in unsrer Sprache und Dichtkunst genug, und werden ihrer, da die Fabriken nun
einmal im Gange sind, mit jedem Jahr noch immer mehr erhalten: aber an echten, aus warmer Lebensfülle hervorgequollenen, wahrhaften Nachbildungen großer Natur- und Geisteswerke, wie an
Originalstücken aller Art, die ihrem innern Wesen nach, als reine Gotteingebungen, mit dem Geschick der Hand, der Berechnung, oder Abzählung eines Versmaßes, durch die Fingerspitzen, nur wenig
oder gar nichts zu thun haben; da ist Mangel, da ist Dürre, da ist Theurung, da ist böse Zeit, und das Elend wird mit jedem Tag in unserer Literatur auffallender und dessen Abstellung dringender,
besonders bey'm Theaterwesen, wo sich die Armuth und der Bettel fast gar nicht mehr will verstecken und vertuschen lassen. Denn was in aller Welt soll uns doch hier, wo das Volk, und in
Nationaltheatern sogar die Nation, kömmt und zuhört, jenes hochtrabende, unverständliche Ausländer-Deutsch, jener Angst- und Sisiphusschweiß von Uebersetzungen, deren Anzahl jetzt in den
Meßkatalogen Legion ist, und aus denen die Leser, mit dem genialen {341}
Jean Paul zu sprechen, insofern sie sich schon im voraus an die Inversionen einer fremden Sprache gewöhnen, wo nicht gut deutsch – doch wenigstens gut englisch, spanisch u. s. w. erlernen können.
Doch ich bemerke so eben, wiewohl zu spät, daß ich, mit diesen Worten, einigen Lieblingsschwachheiten unsers Jahrhunderts könnte zu nahe getreten seyn, und wohl gar in ein Hornissen- und
Wespennest gestochen haben. So will ich denn, als ein kluger Mann, lieber bey Zeiten auf meinen Rückzug denken und indem ich dem Götzendienst eines blinden, genielosen Mechanismus, wie ihn das
Zeitalter fordert, gleichfalls mit Ehrfurcht mein Knie beuge, meinen begangenen Fehler schnell dadurch wieder gut machen, daß ich die Leser höflichst erfuche, diese etwas zu freyen Aeußerungen
über neue deutsche Kunst und Literatur, unter die Rubrik der nachfolgenden Druckfehler aufzuführen.
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