Johannes Falk's
Auserlesene Werke
(Alt und neu)

In drey Theilen.

Erster Theil
oder
Liebesbüchlein.

Leipzig:
F. A Brockhaus.
1819.

Inhalt.

Vorerinnerung des Verfassers. III
Einleitung des Herausgebers. V

Lebensumriß des Johannes von der Ostsee. 1

Zur Jugendgeschichte des Johannes von der Ostsee, (ausOriginalbriefen an seinen Vetter in Preußen, zwischen dem dreyzehnten und siebzehnten Jahre geschrieben.) 11

Seestücke. (Gedichte. Erzählungen. Briefe.)
Sommer 1808. - 61
An die Muse des Meers. - 62
Amor, ein Schiffer. - 63
Später Dank. - 65
Der Anker und die Pflugschaar. - 66
Der Gang ins Städtchen. - 68
Der Sonntag, oder die getäuschte Erwartung. - 70
Des Schifferknaben lange Woche. - 72
Der getreue Schiffer. - 74
Wenn ich kann. - 76
Der versöhnte Schiffer. - 78
Verwünschung des Amor. - 80
Klage des kleinen Schifferknaben. - 81
Klage des kleinen Schiffermädchens. - 84
Der arme Thoms. - 87
Der erzürnte Schatten. - 89

An ihren Schutzengel. - 90
Verschmähte Liebesbitten. - 91
Der Unvergeßlichen. - 92
Die Erscheinung in den Bergen. - 93
Die verschlossene Thür. - 96
Der verzeihliche Irtthum. - 97
Ein Abend am Meere. - 98
Das Erstaunen. - 99
Abschied des Schiffers von den Bergen. - 100
Die Rache des Oceans. - 101
Der Schiffer und der Sturmwind. - 103
Der Schiffer und die Schwalben. - 104
Schiffers Abendlied im Meer. - 106
Loblied des Schiffers nach dem Sturm. - 107
Lied des Schiffers im Hafen. - 108
Die betrübte Schffierwittwe. - 110
Der Makrelenfang. - 112
Die bestrafte Cynthia. - 116
Der Morgen auf den Schiffswerften. - 117
Die Nacht im Hafen. - 119
Gute Aspecten zur Fahrt. - 120
Die Klage der Vögel im Marktschiff. - 121
Die Klage der Flüsse über die Zollämter. - 123
Die Oceaniden oder die Klage der Töchter des Oceans. - 125
Abschied der Muse des Meers. - 131
Die Weichselfähre. - 132
Der Mantel. - 149
Der Gang auf die Bibliothek. - 157
Erste Liebe. - 159
Die Himmelskette. - 160

Mutter und Tochter. - 161
An die Geduld. - 163
Die Ahnen. - 166
Das Ritterweib im Königssarge. - 171
Ariels Traum am Rosenberge aufs Jahr 1787. - 174
Die schlafende Mutter. - 176
Die Sommerschuyce. Ein See-Idyll den 8.Aug. 1787. - 178
Blätter aus Ariels Tagebuch. - 186
Auf einer Reise im frischen Haff und am Strande der Ostsee. 5. Mai 1787. - 188
Mondklage. - 190
Mondbesuch. - 191
Erdabend. - 193
Sonnenabend.
Pillau. Fortsetzung der Reise ins frische Haff. - 194
Tellus, oder die Himmelsbraut. - 196
Liebesbrunn. - 198
Verlohrne Jahre. - 199
Die Kunstbeschäftigte. - 201
Am Schiff von Patron Markus Glück. - 202
Seelilien. - 203
Hertha’s Morgengruß. - 205
Der Dichter. - 206
Der Wunderquell. - 207
Am Meer bei Pillau, an einem offnen Fenster geschrieben. - 210
Männertrotz. - 211
Die Entscheidung. - 213

Die Nachtigall am Rosenberg. - 215
Der Künstler an seinen Genius. - 216
An Wilhelm Körte. - 217
Die drei Knaben im Walde. Ballade. - 220
Der Becker von Prag und die neun Strohwische. Ballade. - 225
Reinhold Forsters Grab. - 227
Der sterbende Lorenzo. - 228
Lorenzo‘s Grabschrift - 231
Die Stadt. - 232
Das Land. - 235
An Caroline Rosenfeld. - 238
Die Menschenalter. - 243
Der verewigten Prinzeß, Caroline von Sachsen-Weimar. - 247
Der Graf und die kleine Tyrolerin. - 249
Die Hirten an der Krippe. - 263
Die heilgen drei Könige und der Morgenstern. Scene. - 272
Der Dichter, die Gespenster und die Doctoren in Wien. - 287
Der erste Mann und das erste Weib der Schöpfung. 1802. - 298
Klärchen Witt, oder der Beichtiger in der Beichte. - 304
Doctor Martin Luther in dreizehn Volksliedern. - 306
Abendlied. 1817. - 354
Schifferlied. 1816. - 355
Allerdreifeiertagslied. - 357
Treu und Untreu. 1812. - 358

Einleitung des Herausgebers. {II}

Vorerinnerung des Verfassers.

Mein Freund, Adolf Wagner zu Leipzig, unterstützt von dem rühmlichen Eifer meines Freundes Brockhaus, gedenkt eine Sammlung meiner auserlesenen Schriften herauszugeben, die ich selbst zu veranstalten durch nicht zu beseitigende Umstände behindert bin. Ich erkenne diese Hindernisse, so wie das gütige Wohlwollen meiner Freunde mit dem lebhaftesten Dank gegen Gott und sie, und habe zu dem Ende die nöthigen Papiere, so wie manches in früheren Perioden von mir Aufgezeichnete, unbedingt in ihre Hände gegeben. Ueberall, wo es zuläßig ist, wird der Herausgeber mich selbst sprechen und für das, was ich bin, oder {IV}

nicht bin, gelten lassen. Bei der Tiefe Deines Geistes indeß, guter Wagner, kann das Publicum nur gewinnen, wo und wann Du selber das Wort nimmst.
Weimar, 1. März 1818.
Johannes Falk. {V}

1.
So weit die Vollmacht des geliebten Freundes für den Herausgeber! Die dem Publicum und ihm schuldige Achtung fodert um so mehr Rechenschaft von dem Gebrauch derselben, da der Herausgeber, der Jedem seine Eigenthümlichkeit zu lassen liebt, den Freund außerdem schwerlich unterbrechen möchte. Er will also lieber ein für allemal an die Pforte treten und über Anordnung und Zweck dieser Schriften das, was er für nöthig hält, zu seinen lieben teutschen Landsleuten sprechen; wie das erstemal, als er an der Hand dieses Würdigen in das Publicum trat [S. Falks Liebe, Leben und Leiden in Gott.]. Die Wißbegier, und die ihr so weislich zugesellte Lehrhaftigkeit der Zeit oder auch die flüchtige Kunde, die man von Schriften dieser Gattung zu nehmen pflegt, mag ihn vertreten, wenn sich finden sollte, daß er damit im Grunde dasselbe, nur auf andere Weise, ausgesprochen, was einem schärfern und umfassendern Blick die Werke selbst sagen müssen. Den leidigen Brauch der, wie ein Heer, oder ein Reisender beim Aufbruch, Alles {VI}

in Hast zusammenraffenden Zeit mitzumachen und der form- und genußsüchtigen Lesewelt zum Zeitvertreib, als Gegengift der Langweil, oder als Gaumkitzel, oder auch endlich der schwatzenden Kunstrichterei zur beliebigen Zerlegung mehre Gerichte und Gänge etwa aufzutischen, darum konnte es den Freunden nicht zu thun seyn. Dergleichen Tafeln sind genug gedeckt, und wir möchten die unseres Freundes weder anschieben, noch als sogenanntes Pfeifertischchen abseits von der Gesellschaft gedeckt sehen.
Vielmehr, da edle und gediegene Geister vorzüglich dies mit der Natur gemein haben, daß ihre Erzeugnisse, bei dem scheinbar wüstesten Durcheinander, und einer wie bewußtlosen Unordnung und Sorglosigkeit, doch dem liebevolleren, schärfern Blick eine tiefwaltende Ordnung und Gliederung, ein stätes, alle Elemente bindendes und tragendes Gesetz, mithin eine Führung und Fügung verrathen, welcher bescheiden und liebend nachzugehen uns selbst und Andere fördert, so glaubte auch gegenwärtiger Chorizont und Diaskeuast, der des Freundes mannichfaltigen Lebenskreisen, Wandelungen und Weisen nachgegangen war, in ihm und seinen Geisteserzeugnissen eine schöne, stäte Folge und einen zeitgemäßen Wechsel von Keim, Blüthe und Frucht, somit aber ein Naturgewächs zu {VII}

sehen, welches in seiner Eigentümlichkeit und Gesamtheit als dies bestimmte Natur- und Gottesgewächs den Augen näher zu rücken und gedrängter vorzuhalten, vielleicht nicht unerbaulich wäre. Es galt also gleichsam eine naturhistorische Construction dieses Geistes, wenn man es lieber so aussprechen hören möchte, oder einen Ueberschlag dieses Lebens zu Nutz und Frommen der Mit- und Nachwelt.
Bei einer Durchsicht nun seiner, bisher auch zum Theil ungedruckten Werke, im Zusammenhang mit seines Lebens jetzt vor uns hangender Frucht, bot sich bald als Angel des Ganzen die Idee einer Bildung und Führung zur Liebe, zu jener höhern Liebe nämlich, welche der tiefste ewige Grundzug und Keim in Welt- und Menschennatur ist, der aber in diesem letzten mindestens halben Jahrhundert nicht die verdiente und belohnende Pflege genossen zu haben scheint. Natürlich ging der Weg durch Leid und Freude des äußern Lebens, des Wissens, der Kunst, zu Liebe und Weisheit, die Eins sind. Hier traten denn auch, je nach den verschiedenen Bildungsmomenten dieses reich und vielfach gegliederten Gewächses, Erscheinungen hervor, deren Bedeutung, Verzahnung und Einmündung nicht so leicht, am allerwenigsten aber, wie sich von selbst versteht, durch schiedliche Betrachtung auszumitteln war, sondern nur in dem Gan- {VIII}

zen, im Gesamtleben aufgefunden zu werden verlangte. Die einseitige Ansicht der Zeitgenossen bestättigt dies. Es ging nämlich früher, zum Theil auf des gutmüthigen Wielands Ansehen hin, und geht wol hie und da noch, die Rede, als ob Falk eine satyrische Fratze, wie Boileau, sey; und so misverstehende Freunde, als miswollende Feinde haben es, mehr oder minder, in ihren Urtheilen ihn entgelten lassen, daß er Verkehrt verkehrt seyn ließ, und so nannte und behandelte, daß er absichtslos, gleichsam nur um den in der Tiefe seiner Natur gegebenen Gegensatz hervorzuheben, zu schirmen und zu steigern, die Narrentheiding der Welt und des Lebens, wie sie sich eben zum Besten gab, in die reinen Spiegel seiner Phantasie fallen ließ und frei der Welt wieder vorführte. Da meinten denn, die Trieb und Wachsthum nicht absehen und abwarten konnten, der frische, lebekräftige, von dem Gramanzen der Zeit nur als muthwilliger Jüngling Angesprochene gehe lediglich und unaufhaltsam darauf aus, ein zweiter Persius und Juvenal, mit der Zucht- und Strafruthe in der Hand an den Zuchthauseingang zu treten und die Eingehenden zu bewillkommen. Darin wurden Mehre bestättigt, die freilich wol hell genug sahen, um einzugestehen, daß es in dermaliger Zeit schwer sei, nicht Satyre zu schreiben. Diese machten also leichtsinnig gute {IX}

Miene zu bösem Spiel, begnügten sich, Form, Freiheit und Gebrauch derselben zu loben, unbekümmert um sein tieferes Verhältnis zur Zeit, und ob der innen gesunde, lustig treibende, aus so edlem, fruchtbaren Boden, wie der, worauf er verpflanzt war, milde, gedeihliche Nahrung einsaugende Stamm nicht auch andere, als die vermeinten Gallwespenfrüchte, trüge. Andere dachten wol gar: hic niger  est; hunc tu, Romane, caveto! Freilich wol das gewöhnliche Loos der Satyriker und derer, die, nach einem alten Sprüchwort, mit dem Fiedelbogen auf den Mund geschlagen zu werden pflegen! Denn, so lange von irdischem Bestand und creatürlichem Leben die Rede ist, muß ja alles sich durchsetzen und behaupten. Daß aber an dem Schatten sich das Licht, an der seufzenden Creatur nur die höhere Lichtnatur sich zu heben bestimmt und geeignet sei; daß jene in ihrer unfreien Schmerzgestalt diese freiere, freudigere eben nur fördern, mithin diese, wenn Gott dem Ganzen Reife und Gedeihen verliehe, durchbrechen würde und müßte — dieser liebevolle, hoffende Glaube ist nicht jedermanns Sache. Aber, ihr Männer, lieben Brüder, der Rosenstock hat seine Dornen auch und die Rose ringt sich nicht sogleich aus der schwarzen festen Erde in das lockere, duftige Morgenrothgewebe empor, ohne zuvor durch Verholzung uud Verdornung {X}

in Laub, Kelch etc. überzugehen. Dies nun sei, eben so wol von dem Freunde, als von seinen und unsern Brüdern gesagt! Nun aber die Liebesrose wirklich durchgebrochen ist und Euch gereicht wird, wolltet Ihr darum, weil Ihr sie auch, und nur vielleicht zu früh, brechen wolltet und Euch an ihren Dornen verletztet, jetzt nicht ihren Duft einathmen und diese ihre Liebe nicht mit Liebe erwiedern? Gibt es denn, wie jener Herrliche sagt, der unseres Freundes Freund und Pfleger auch war, überhaupt eine andere Wehr und Waffe, als Liebe?
Dies Gewächs nun, nennt es Rose, oder auch anders, wenn Ihr wollt, wird Euch hier gereicht. Und da man jetzt allerlei cours hat, so möchten wir vorschlagen, wenn Ihr es nicht als cours de la rose gelten lassen wollt, — was, unseres Beachtens, gar keinen verwerflichen symbolischen Sinn gäbe, — es einstweilen, bis weiter darüber gesprochen, als cours  d'humanité anzunehmen. Ihr könnt das unbeschwert und ohne Euch des Irrthums zu befürchten; denn Ihr wißt, oder erfahrt es hiemit, daß auch der treffliche Hort unseres Volks, der Vf. der Briefe über Humanität, auf dem Bildungswege unseres Freundes eine ziemliche Strecke mit ihm ging und manch ein ahndendes weihendes Liebewort über ihn sprach; wie denn Gott uns Allen dergleichen, nur mannichfach gestaltete, En- {XI}

gel zusendet, um uns durch Liebe zur Liebe zu führen von früh auf.
Dieser bis hieher dargelegten Ansicht, oder lieber Natur unseres Bruders, wenn sie treu wiedergegeben werden sollte, schien am besten die Eintheilung seiner Werke in drei Klassen, Kreise, oder Marken, worin sie sich bewegen, zu entsprechen. Wir haben sie genannt Liebesbüchlein, Osterbüchlein, oder von der Auferstehung aller Dinge in Gott, und Narrenbüchlein. Hier mit Rückweis auf das Obige die Gründe und die Deutung!
Wir dürften sagen, es solle damit ausgesprochen werden, was der Freund für sich, für Andere und für die Idee war, ward und sei, und wir hatten wol nichts Gedankenloses gesagt; aber es würde auch so noch einer Erörterung bedürfen. Vergeßt nur nicht, daß Ihr hier nur den Widerschein seines Geistes in Schrift vor Euch habt — ein Seelenportrait!
Das Liebesbüchlein nämlich soll und wird, glauben wir, unsern Bruder in seiner, ihm von Gott und seinen lieben, treufrommen Aeltern verliehenen gesunden Natur zeigen; was er empfangen, leidend in sein früheres Daseyn aufgenommen; die frühe Milch, die ihm Vater- und Mutterliebe reichten, und wie er dabei gediehen. Es ist gleich- {XII}

sam der erste Act seines Lebens, würden wir sagen, wenn wir nicht das Chronologische darin weniger berücksichtigt wünschten, indem wir vielmehr alles, was in seinem gesamten Leben, früher oder später, diese Farben, dies, auch wechselnde, Gepräge der ihm in das Herz gepflanzten Liebe trägt, in diesen Kreis ziehen, und so die unschuldigen, rührenden Versuche der Natur in ihm zu höherer und sanfterer Fassung nachzuweisen gedenken. Und nicht etwa die Form, oder die Gewandtheit und Ungewandtheit, sich darin zu bewegen, ist uns das Merkwürdige darin — denn beides möchte sich wol da vorfinden — sondern der Gehalt, als Anklang und Verheißung eines Künftigen. So finden wir denn hier einen, am Strande der Ostsee, auf einer großen Naturbühne sich tummelnden, gesunden, kräftigen, unschuldigen, derben, heitern Buben, keck, natürlich, muthwillig, wie das Meer vor ihm. Das bunte Seeleben spiegelt sich in ihm in all' seinen Zügen; bald als unbändiges, trutziges Kraftgefühl, gegenüber einer tauben Naturgewalt, welcher nur sorglose Hinopferung des Besitzes und Ergreifen des Nächsten es bieten zu können glaubt; bald als frische Ansprechbarkeit für den Markt und das Gewühl des Lebens, welche kühne Erwerbart mehr achtet, als das Erworbene, kurz als frischer, derber Sinn für den bunten Wechsel des äußern, der {XIII}

Natur nur noch näher und treuer gebliebenen, Lebens. Dieser ist es, der in der Gallerie von Seestücken vorzüglich sich aufschließt. Aber bereits hier, wie in den Briefen, sind auch die einzelnen Quelladern sichtbar, denen sein Durst nachgeht, und der Drang nach Verbindung geistiger Güter mit Natur, kurz nach Einheit des Gemüths und der Welt. Dieser Durst spricht sich als treue Aeltern-Lehrer- und Geschlechtsliebe in heiterer Unbefangenheit, wie in stürmischem Sehnen, in trutziger Erstürmwuth und krampfichtem Schmerz, wie in kindlich geistreich tändelnder Hingebung, oder auch in männlich trutziger Absagung und Erhebung in die Welt reiner Gefühle aus. Dahin sind besonders zu rechnen die ganz vorzüglich unschuldige und naive Weichselfähre, und das Liebesdramolet, wie wir alle auf seine Frauenliebe bezügliche Stücke, der Kürze halber, nennen wollen. Die Welt ist hier vor ihm ausgelegt; aber in der Art, wie er sie aufnimmt, dämmert schon im Hintergrunde die Idee, die sich später in ihm gestaltet, daß sie die hohe Mähr von der Menschwerdung Gottes sei. Denn, tritt gleich im Liebesbüchlein hauptsächlich die Leidsamkeit des Vf., gegenüber der Welteinwirkung, hervor, so kann doch die, allem Naturgesetz gemäß gefoderte, Rück- und Gegenwirkung nicht ausbleiben; es waltet auch hier schon ein Helldun- {XIV}

kel; aber selbst diese Rückwirkung ist doch wiederum ein unbewußtes, dreustes Sichhinauswagen auf das hohe Meer des Lebens, aus dessen Schooße die höhere Natur sich eben allmälich los, und zur Gestalt emporwindet. Mit demselben schlichten, geraden Natursinn werden auch die geselligen Verhältnisse in der Liebe ergriffen; das Künstliche, und Verkünstelte wird befehdet; das Natürliche entzückt und hebt, rührt und sammelt, wie z.B. die Kunstbeschäftigte, die schlafende Mutter etc. Auf Leben, Lebenskraft, kindliche Natur dringt und treibt alles; und dies ist die Einheit, die hier als alles überschwebend angestrebt und ausgesprochen wird. Aber nicht hohle bunte Seifenblasen der Phantasie sind, was hier in gebundener und ungebundener Rede Euch vorgelegt wird; sondern ein Seyn und Leben, das dieser Rückspiegelung zum Grunde lag und voraus ging, und wie eine treue und genaue Erinnerung nur hier auftaucht, wird Euch aufzufassen angemuthet. Auch diese Erzeugnisse verhalten sich zu dem Seyn und Leben, das sie spiegeln, wie das Wissen zur Idee, welches, nach Platon, auch nur Erinnerung und Himmelsgedächtnis ist, wie es unser Freund nennt. Denn vieles ist späterer Wiederklang und Nachhall; aber wie hell und treu! {XV}

Für das Osterbüchlein hinwiederum sind die Erzeugnisse des Liebesbüchleins nur Anklänge, ausgenommene und nur weiter fort und zu einem größern Ganzen ausgebildete Elemente. Die Töne, die dort erklangen, und auch schon zu mancherlei Weisen sich verflochten,  werden hier zu mehren, in Einer Grundharmonie befaßten, verbundenen und aus ihr sich entwickelnden Gesängen! War dort die Fülle der Natur und Außenwelt in ihrer makrokosmischen Breite vor dem kindlichen und jugendlichen Gemüthe ausgelegt, das sich von ihr tragen und in sie aufnehmen ließ, so entfaltet sie sich hier, durch Gemüth- und Geistkraft zu Gegenständen einer innern Welt erhoben und verklärt, einerseits als Welt der Kunst und Poesie, andrerseits als Reich und Gebiet des Wissens, beide aber in diesem Gemüth sich so durchdringend, daß man sie füglich eine Welt des heitern Wissens nennen und somit diesem Namen, den einst die Trobadores ihrer Kunst gaben, einen, ihm nicht fremden, zugleich aber auch dem Streben und der Blüthe unserer Zeit gemäßen Sinn unterlegen könnte. Wir haben es hier mit dem reifen, nicht aber darum gewaltsam und künstlich gezeitigten, sondern unter mälicher Einwirkung des Geisthimmels und der Gnadensonne ermürbten und mild gewordenen Manne zu thun. Ihm, dem treuen Zögling der Natur, genährt und {XVI}

gekräftigt durch das Anschaun ihrer gediegenen, und immer ein zartes, tiefes Geheimnis in sich unschuldig verschließenden Werke, und ihres heiligen, ungetrübteren Waltens, konnte nothwendig eine dürre, trockene Speculation, die den Baum vor Blättern und den Wald vor Bäumen nicht sieht, nicht zusagen; zur Geschichte mußte ihm das räumliche Weltgemälde sich vergeistigen und verklären, jene zu diesem sich verleiblichen. Das heilige Gesetz der Wandelung beherrschte und leitete ihn, wie Alles. So zog ihn besonders die Naturgeschichte an, und ihrem proteischen Wechsel ging er mit kindlichem Glauben, frischer Anschaugabe, mit reger Federkraft des Gemüths nach; aber eigentlich strebte er zu der Ethik in hohem Sinne unabläßig hin, welche ihm Liebe, das ist Ideenerzeugung und Geburt war — denn in diese höhere hatte sich die Geschlechtliebe verklärt; in sie verklärte sich ihm die Natur; sie ertheilte ihm Engelflügel, auf welchen er sich zu dem mythischen und magischen Einverständnis des Geistes mit der Natur erhob, welches auf der ursprünglichen Unschuld und Einheit des Denkens und Seyns, oder Erkennens und Darstellens, beruht. Daher wird seine Naturansicht von selbst zu einem Mährchen- und Mythenkreis, wie Platon seine Ethik zu einem Seelenmythos. Aber auch dieser noch pantheistische Platonismus strebt zu dem Ewigen, {XVII}

Einen, Unveränderlichen, Unwandelbaren zurück, Gott in Allem und Alles in Gott wiedersuchend. Dieses Ewige aber ist allein Leben und Seyn, geht also, als solches, der Poesie voran, als Grund, worauf sie aufgetragen ist, dergestalt, daß sie nur dessen leisere Ahndung, Andeutung und Verkündigung ist, als gesondertes Gefühl der Ausscheidung aber und Verarbeitung desselben, zumal in Schrift und auf Lumpen, schon eine Unvollkommenheit und Vereinzelung der Gesamtkraft wird. Mit der Anerkenntnis dieses Ewigen und der Idee ist er an der  Schwelle des Christenthums niedergesetzt. Und so ist das Wesen dieses männlichen Geistes der heilige Liebesothem, der ihn durchweht, der hohe Liebespuls, der in ihm pocht und lebt. Noch hat er, dieser liebevolle Geist, bis hieher nur den geistigsten, zartesten Dollmetsch sich zur Mittheilung erwählt, das Wort; aber lauschet ihm nur, und ihr werdet späterhin sehen, wie dies Wort sich umwandelt, und Fleisch und Bein von Eurem Fleisch und Bein wird. Beleg des hier Gesagten sind die heiligen Gräber, welche hier, obgleich mir als Andeutuug und mit Weglassung des jugendlich Ungeschlachten und bloß Zeitlichen, doch eine verdiente Stelle finden mußten, die Oceaniden im Liebesbüchlein, die Reise des alten Braminen von Balsora, die Geschichte von den {XVIII}

drei Herren Raben in Schwabenland, womit man die heiligen Sagen der Vorzeit in F. Liebe, Leben und Leiden vergleichen mag. etc
Jene Engelflügel der Liebe nun sind es auch, welche ihn aus dem Schiffbruch der europäischen Zeit in die himmlische Heimat tragen. Denn wol erfährt jenes Urleben selbst, so wie es in die Erscheinung und Endlichkeit heraustritt und von der verkehrten, sogenannten Freiheit des Menschen in die Arbeit genommen wird — also rächt und straft sich die Urschuld des durch Hoffahrt und Uebermuth aus seiner Urunschuld gefallenen Menschengeistes! — allerlei Entstellungen, und die ewigen Urbilder werden zu Schein- und Trugbildern. So gewinnt es mehr, oder weniger eine Kehrseite, eben sein vergängliches Widerspiel; und, wenn jenes in dem hohen, heiligen Frieden der Einheit und Unschuld webend und verklärt, als heilige, heitere Notwendigkeit, sich aussprach, so erscheint es hier als freie, ungebändigte Fülle, jedoch wieder auch sich als Endliches vernichtend und an das Unendliche ab- und zurückgebend. Es waltet nun Scherz und Laune und hiemit gewinnt seinen Raum und Boden.
Das Narrenbüchlein. Dafür bot allerdings die umgebende Mitwelt, nach allen Richtungen hin Stoffes genug; und wie konnte der frische unverdorbene Natursohn anders, als ihn heiter auf- {XIX}

nehmen und seinen Muthwillen nach Herzenslust daran büßen? Ihm gerade mußte diese selbstsüchtige, dürre Rechenknechtschaft, die der Freiheit- und Verstandkitzel stach, wol allerlei Ausbeute geben, und er, der, wie er sagt, nunmehr seinen Kopf fünfzig Jahr in Wind und Regen und Schnee getragen, gesteht Euch ungeheuchelt in diesem seinem Narrenbüchlein, daß er auch ein Hans Dampf gewesen, daß es lange gedauert, bis sein Kopf zu war; aber endlich seien doch die Windlöcher zugehagelt und zugeschneet und derselbe Johannes, der durch die Welt zum Hans Dampf geworden, den die französische Umwälzung mehr als einmal auffoderte, mit ihrem Hans Hagel gemeinschaftliche Sache zu machen, sei ohn' alles Wunder in seine Blüthe zurückgekehrt, und wieder Johannes geworden, und wer dieses lese und höre, solle hingehen und desgleichen thun; alsbald werde er inne werden, ob die Lehre, die hier aufgestellt wird, weltliche Narrentheiding, oder ob sie von Gott sei. Und so werden denn diese Narrentheidingen der Welt in diesem Narrenbüchlein lustig und waidlich durchgespielt, und selbst wenn der folgende Gewinn sie auch nur zu Schwankungen und Uebergängen machte, so sind sie, ihrer gemüthlichen Schalkheit und Schlichtheit wegen, unerläßlich und nöthig. Merkwürdig aber wird immer bleiben, wie doch so {XX}

Vieles dann Seherwort war; wie er der verfaulten Humanität auf der Gimpelinsel, die, weil Pulver beim Auffliegen Schaden anrichtet, wichtige Vestungen ohne einen Schuß Pulvers dem Feinde übergab, der Stecknadel und den Knöpfen der Gamaschen, dem Drechslerpuppenspiel der Wachparade, die uns die Stücke aus dem siebenjährigen Kriege so lange vorspielte, bis vor dem nächsten gallischen Hahnengeschrei auf der Schenke zu Jena die alten Gespenster auseinander fuhren und prügelnde Stockknöpfe und Korporalzöpfe zugleich verschwanden, wie er, sage ich, dem allen schon früh in den Helden nachging und es keck antastete, kurz über Buchstaben und Automatenwesen den Bann sprach und Geist foderte. Von dieser Seite betrachtet war die Zeitschrift: Elysium und Tartarus, die im Jahre 1806 zu Weimar herauskam, und vier Tage vor der Schlacht bei Jena, wegen allzugroßer Kühnheit in ihren Aeußerungen, endete, ein wahrer Sturmvogel. Die Entwicklung jener Ungeheuern europäischen Schicksaltragödie, die sich noch gegenwärtig vor unser Aller Augen zwischen Helena, London, Paris, Petersburg und bald vielleicht auch Amerika, abspielt, nahm damals ihren längst gefürchteten Anfang. — Dieses alles zu veranschaulichen, haben wir aus jenen Gedenkbüchern Mehres ausgehoben und unter diesen Gesichtspunkt gestellt, {XXI}

oder vielmehr nur unter ihm gelassen. Die Welt hat die Kapitel des Buchs, sagen wir dabei mit Göthe. Was Wunder aber, da der Irrthum hienieden leicht noch besser gedeiht, als die Wahrheit, daß auch dem mimischen Schelm von Geist des Verfassers der anfängliche Kleinhandel mit Narrentheiding mälich zu einem folgerechten Staaten- und Weltdrama anschwoll, bei dessen Aufführung, wie einst beim Thurmbau zu Babel, sich die Sprachen und Sachen auch verwirrten und, damit nur Haltung, Einheit und Styl dieser Gattung des Drama nicht verloren ginge, das Wort, welches allein noch das krause, wankende Gezimmer anders begründen und gestalten hätte müssen, nicht aufgefunden, oder, wenn von Wenigen aufgefunden, doch nicht verlautbart werden durfte, ohne daß die verblendete babylonische Polizei an diesem, für sie schwärmerischen, fanatischen und mystischen Rothwelsch ein Aergernis genommen hätte? Zuweilen freilich bricht wol ein etwas taciteischer und persianer Ernst durch. Ja, er glaubte schon einigemal, seine Zeit sei gekommen, wo er, in sich trutzig abgeschlossen, der Welt Valet geben könnte, als mit welcher ihm nichts gemein wäre; und so verbrannte er die, um des Einlasses willen zur Mummenschanz, angelegte Maske in edlem Zorn. Dies geschah in zwei Gedichten, einem bereits zu Halle im Jahre {XXII}

1796, und einem zweiten auf Etterburg bei Weimar im Dec. 1802 geschriebenen, die wir, des darin sich aussprechenden prometheischen Trutzes wegen , hier mittheilen wollen. Das erste ist der

Zuruf an sich selbst.
Einst an der Ostsee dunklem Stand entflohen,
Sollt' ich den Großen dieser Welt und Hohen,
Geführt von Gott in Erdenschicksals Schranken —
So wollt' es streng sein Rathschluß — nichts verdanken.

Wer hat in dunkler Werkstatt Labyrinthe
Die Hand gereicht dem hülflos armen Kinde?
Wer zu der Dichtkunst heitern Glanzbezirken
Gelockt des muntern Knaben Thun und Wirken —

Bis heilge Glut sein tiefstes Herz durchbrannte,
Gutmüthig Wieland ihn den Seinen nannte,
Bis Göth' und Gleim ihn in die Arme schlossen
Und Thränen blöder Scham vom Aug' ihm flossen?

Dich nur erkenn' ich, himmlischste der Musen,
Dich, eigens angestammte Kraft im Busen!
Du lehrtest mich allein, der Welt entsagen
Und alles für die Kunst bestehn und tragen.

Als einst des Weltmeers Fluthen mich umstürmten,
Wo waren da die Retter, die dich schirmten?
Wer lehrte dich, im Sturm den Nachen bauen,  
Den du bestiegst mit heil'gem Selbstvertrauen? {XXIII}

Als ihr mit helfen solltet, spracht ihr Tadel;
Als ihr mich lobtet, fühlt' ich eignen Adel.
Drum weint' ich Thränen, wo sie Beifall lachten,
Und schwur's — und hielt's! — sie ewig zu verachten.

Wol ahndete damals der Verfasser selbst noch nicht, wie mit dem, was er als Gegenstand dieses Gedichts anfeindete, freilich schon von mehrern Seiten her tiefere Führungen verbunden und Anstalten getroffen waren, seine Liebe zu klären, zu läutern und zu festigen. Die Stimmung kehrte ihm doch wieder und er nahm seinen

Abschied von der Welt.
Was ich bedarf, konnt' ich in dir nicht finden;
Mein Inn'res mußt' ich tief in mir ergründen,
Im rohen Kampf feindseliger Gewalten
Mich selbst gestalten.

Nun, da ich tief in mir dies Selbst gefunden,
Ist mir der Mißklang außen auch verschwunden;
Ich laß die Thoren thöricht, wie sie's treiben,
Nun dichten, schreiben.

Du hast, o Welt, Gesang und Glanz und Spiele,
Du hast der Thoren, wie her Tage, viele;
Soll ich, ein größ'rer Thor, solch Thun zu wenden,
Mein Seyn verschwenden? {XXIV}

Soll ich — wie bald! — in Charons Nachen landen,
Und hätte dich, Natur, dich ew'ge, nicht verstanden?
Was das Jahrhundert Großes sich erzielet,
Nicht durchgefühlet? —

Nein, heil'ges Streben will mein Herz ergreifen,
Der Menschheit Hohes auf mein Haupt zu häufen.
Dies will ich, mitten unter Irrlichtschimmern,
Und dann — zertrümmern.

Zwar seh' ich Freunde, die darob mich schelten —
Wir stehn getrennt, wie auf verschiednen Welten;
Es dringt mein Ruf nicht mehr zu ihren Ohren —
Sie sind verloren.

Doch muthig in dem Kampf mit dir bestanden!
Entreiß dich, Herz, den lang gewohnten Banden!
Ihr, Freunde, die nur Zank und Zwietracht weidet,
Fahrt hin und scheidet!

So Falk, seiner Natur getreu! Aber Gottes Wege sind nicht unsere Wege. Wer hätte es denken sollen, daß dieser Siedler vier Jahre darauf doch wieder noch weiter in das hohe Meer des Lebens würde hineingerissen werden? daß er neue, noch gewaltigere Kämpfe zu bestehen, noch größere Opfer zu bringen haben würde? Besorgnisse, wie Palms Schicksal, der eben nicht gar lange vorher erschossen worden war, vermochten den gewarnten Herausge- {XXV}

ber von Elysium und Tartarus nicht, Weimar zu verlassen — er blieb; und, nachdem Vieles, wie er es vorausgesagt, eingetroffen war, zogen ihn die  Dränger selbst an sich. Wie er sie aufgenommen, wie er in seines Geistes und seiner Liebe Kraft gehandelt, fest, sicher, treu, gewandt, das mögen ihm die weimarischen Lande bezeugen, denen er schon damals ein Freund in der Noth war. Als die dringendste vorüber war, zog er sich wieder zurück. Und jetzt verstummte seine Muse, aus dem ganz richtigen Gefühl, welches er, befragt, dem Herausgeber in der Maxime aussprach:

Dem Glück nicht fröhnen,
Das Unglück nicht verhöhnen,
Das ist der Weg, Gott und die Welt zu versöhnen.

Aber die Noth wuchs, wie die Köpfe einer Hyder, aufs neue; die mishandelte Natur selbst schien zu verwilden, und riß auch an seinem Vaterherzen, ja sie entriß ihm vier heißgeliebte Kinder, wie dies in Falks Liebe, Leben und Leiden in Gott zu lesen ist. Wohin dies geführt, davon hernach!
Denn jetzt wenden wir uns noch einmal zu der schriftstellerischen Laufbahn und den drei von uns abgesteckten und näher bezeichneten Rasten derselben, wenn wir so sagen dürfen, zurück. Der freimilde und geschmackvolle Herr Verleger foderte und {XXVI}

förderte die Umschläge, welche den dargelegten Bildungcyklus des Vf. zu versinnbilden bestimmt sind. Auf der Vorderseite nämlich des Umschlags vom Liebesbüchlein kniet an Schilfgestade auf einem Felsriff, zu Häupten die Lyra, der Jüngling und schaut andächtig sehnend in die unendliche Himmelweite. Hinter ihm, ihm selbst unbemerkt, steht, in Nebelgestalt, die christliche Muse, Charitas oder Liebeshuld, und spricht ihn weihend:

Sing', was im Wellengeräusch Liebe dich ahnen gelehrt!

Auf der Rückseite gaukelt ein Kind, nach Domenichino, lustig durch die Wolken und verbrennt, in schöner Bewußtlosigkeit, die Psyche; Pfeil und Bogen der irdischen Liebe fallen, indem es aufschwebt, zerbrochen herab. Darunter:

Lieb' ist ein seliger Traum, der uns verbrennt und verklärt.

Auf des Osterbüchleins Vorderseite schläft in Schilf im Kelch einer Seeblume ein Kind. Die Sonne überstralt es freundlich und, als ob ihre Stralen zu Tönen würden, heißt es darunter freundlich mahnend:

Blume, verschlafenes Kind, rufe mich, wenn du erwachst!

Und auf der Rückseite ist es erwacht, es hat gerufen und ist erhört worden. Vier Kinder hat der Sonne Lichtkuß hervorgehaucht, und ihnen das {XXVII}

(Welt-) Kreuz in die Hand gegeben. Sie tragen es kindlich demüthig an der Brust und so werden sie wie Träger und Grundpfeiler einer sich wölbenden kreuzbezeichneten Kuppel, in deren Halle die Charitas wiederum verklärt aufschwebt, mit dem Denkspruch:

Ja, die versinkende Lieb' ists, die erbauet die Welt.

Wie hiemit auf das oben angezogene herbe Vatergeschick, und den daraus entstandenen Bau, wovon sogleich, hingedeutet werde, darf sinnigen Lesern nicht weiter auseinandergesetzt werden. Denn dies eben war der Act seines Lebens, wo er nicht nur seine Maske verbrannte, welche ihm in lustigem Sonnenschein die Charitas im Spiegel zeigt (auf der Vorderseite des Narrenbüchleins) mit den Worten:

Wandelnd im bunten Gewühl wag' es und werde verkannt!

wie sie denn auch schon auf der Rückseite vor dem ernsten Geleite der Poesie und Charitas gefallen ist und der Jüngling tröstlich hört:

Was dich geängstet, ist Traum, was du gefürchtet, ist Scherz.

sondern endlich auch sich selbst den Flammen weihte.
Fühlten wir in dem bis hieher Erörterten schon schmerzlich die Nothwendigkeit, das Ganze in vereinzelten Zügen und Rasten darlegen zu müssen, so wird dies Gefühl nur schmerzlicher jetzt, da es gälte, alle Stralen in Einen Brennpunct zu sammeln {XXVIII}

und zu zeigen, wie, was Spiel und Freude, Muthwill und Irrsal eines kindlichen Geistes gewesen, nun fromm und liebend im Christenthum verklärt als Rath, Kraft und That herausgetreten, wie der hohe Welt- und Liebeschmerz die im Grab versunkenen Lieben heraufgeweint und geliebt, sie, als Glieder, Bilder, Zähler einer gefallenen und fallenden Welt, voll Erbarmen an die Brust drückt, ihnen den Brot- und Kleiderschrankschlüssel, wie den Himmelschlüssel, mildväterlich einhändigt, den ihnen die vielgestaltige Lieb- und Erbarmlosigkeit der Zeit entriß, kurz, wie das Erkennen und Fühlen nun Darstellen und Bilden, die Schule Akademie und Kirche, der Gebildete Bildner, der Künstler selbst ein beseeltes Kunstwerk, der Dichter ein Geticht Gottes und Gott allein die Ehre von ihm gegeben wird. Doch hier kann der Herausgeber nur sagen: schauet hin und sehet das Johanneum, diese nur mit innern Kräften und Mitteln vertrauenvoll begonnene, die äußere Welt mit Liebesallmacht bannende, zwingende, bändigende, hebende, ein ganzes Land mit Trost erquickende, nur erst neulich — höchst zart, sinnig und bedeutsam! — unter den Schutz eines unschuldigen Kindleins, des neugeborenen weimarischen Erbprinzen, gegebene Anstalt, die vom letzten Dec. 1815 bis zum 1. Jan. 1817 bereits mit 495 Kindern in wohlthätiger Verbindung stand, {XXIX}

segenreich das ganze Großherzogthum Weimar umfaßte, ja einige ihrer Zweige und Aeste bis jenseits des Meeres, nach Alfreds gewerbfleißigen Inseln, freudig ausstreckte! Leset die bisherigen zwei Berichte darüber, aus deren zweitem wir Euch nur folgende Stelle am Schluß mittheilen: Wir haben es hier gleichsam mit dem verjüngten Staat zu thun, wobei die christliche Bereitwilligkeit so vieler Meister in diesem menschenfreundlichen, auf eigene bürgerliche Selbständigkeit erbauten Versorgungsplan der Jugend einzugreifen, nicht genugsam auszurühmen und auszuloben ist. Möchte doch unser, möchte doch jeder teutsche gemüthliche Staat den gegenwärtigen günstigen Augenblick, zum Besten unseres guten, edeln, noch immer in seinen Grundanlagen verkannten teutschen Volkstammes und zu dessen höherer Veredlung, nicht gerade durch Fabriken, sondern durch einheimisch geweckte, edle, uns von dem Ausland unabhängig machende Selbstthätigkeit benützen! Nach so vielen ausgestandenen Drangsalen, wo es den Regenten mit Gut und Blut seine Treue so freudig erprobt, sollte man an den Thüren aller hohen Landescollegien mit stammenden Worten die Inschrift lesen: Tröstet, tröstet mein Volk und redet freundlich mit Jerusalem! — Wir Gebildeten vollends sollten, durch den über unser Haupt ergangenen Sturm gewitzigt, es nie vergessen, daß wir nichts, als ver- {XXX}

gängliche Blüthen sind, die im Sturm zerstäuben müssen, sobald sie sich von ihrem alten, treuherzigen, tausendjährigen Stamme lossagen und absondern; daß unter 200.000  Menschen nicht gar 10.000 zu rechnen sind, die singen, dichten, Bücher schreiben, Thee trinken u.s.w. und daß der übrige Theil beten und arbeiten muß. — Wacht, ihr teutschen Musen und Grazien, und laßt euch diese Zierde, dieses Kleinod nicht rauben, auf daß diejenigen, die euch Müßiggänger und Schwärmer und Träumer gescholten, und mit ihnen zugleich das Volk der Allemanen freudig inne werde, daß kein müßiger Schwarm von Geigern und Pfeifern, sondern die Töchter des Himmels selbst an der Ilm versammelt gewesen und daß ihr zwar geträumt habt, aber — vom Himmel und von der Erde, die ihr so gern dem armen erdgebornen Menschen in einen Himmel verwandeln möchtet. —
Und dies ging von dem aus, dessen auserlesene Schriften wir Euch hier zu sammeln angefangen!
Uebersehen wir nun seinen Bildunggang, so müssen wir wol leicht gestehen, daß er ein wahrhaft menschlicher, höchst lehr- und segenreicher genannt werden kann. Welt und Geist, Geschichte und Individuum, oder wie man auch diese Gegensätze fassen möge, sind immer das, unter höherer Vaterleitung sich an, in und durcheinander Aus- {XXI}

gleichende und Einende. Wir empfangen von der uns umgebenden Welt Nahrung, wie die Pflanze aus Erde, Wasser, Luft und Licht ihre Nahrung zieht, wie die indische Religion dies schon in ihrer tiefen Idee von der Alimentation anerkennt: aber sie wird es nur, wiefern wir sie assimiliren, wir geben ihr auch wieder Nahrung. Unsere Seele lebt mit der Welt in einem ewigen Ehebunde, in einem Zeug- und Gebärverhältnisse, und, wie bekanntlich schon die Sprachen diese, auch von Philosophen, wie dem tiefsinnigen Fr. Baader, ausgemittelte Analogie des Erkennens und Zeugens dadurch andeuten, daß sie die Wörter für beide Sphären und ihre Ab- und Irrwege (wir meinen Hurerei und Götzendienst) aus einer und derselben Wurzel ableiten und bilden; wie in unserer Offenbarung ein Weib, also das Leidsame, Liebende, den Fall bewirkt, aber dasselbe auch wieder Mittlerin der Erlösung wird, durch das Weib der alte creatürliche Adam, der trutzige, hoffärtige, ein neuer göttlicher, leidsam, liebend sich opfernder wird: also ist ursprünglich das Zeugen und Gebären im Geist Urgeschäft, wir möchten sagen Urseligkeit, Urmuße des Menschen und das Leibliche nur mühseliges, misverstandenes Nach- und Verbilden des Geistigen. Die Kindunschuld, worin des Vaters Sünden, nach einer altreligiosen Idee, gleichsam gebüßt und {XXXII}

getilgt sind, er selbst wiedergeboren ist, ist noch Fingerzeig und Rückweis auf diese unsre Urnatur, zugleich aber auch Vorzeichen und Bedingung ihrer nöthigen Wiederherstellung. Dahin geht auch alle Geschichte, nämlich die innere, die Geschichte des Menschengeistes, nicht die äußere der Staaten, welche Person, Erwerb, Besitz, Sache mit roher einseitiger Reflexion und Gewalt in Arbeit nimmt und durch ihre zeitliche Willkür die Idee nur entstellt und verkrüppelt, mithin eher ein Hemmen, als ein Fördern ist. Und nun sehet auf! In die Mitte dieses großen und allgemeinen Bildungganges, den wir Weltgeschichte nennen, erblicket Ihr Ihn gestellt, als Sonne, Christus, den eingebornen Sohn Gottes, in dessen Namen sich beugen sollen alle Kniee im Himmel und auf Erden. Er, die von Ewigkeit ausgeborene Liebe, erlöset uns von dem tiefnagenden Gefühle der Selbstschuld und versöhnt uns mit Gott, von welchem die ganze Geschichte, bis auf Ihn, den Reinsten, Liebenswürdigsten, den Niemand einer Sünde zeihen konnte, in welchem alle Elemente zu krystallheller Urmenschheit verschmolzen, ein Abfall war. Vor ihm nur ein Ausgegossen- und Umfangenseyn in und vom Ganzen in immer schnöder werdender trutziger Willkür einerseits, und starrer, eiserner Notwendigkeit andrerseits; nach ihm die schöne Freiheit der Kinder {XXXIII}

Gottes! Wie demnach der Mensch Culmination und Spitze der Natur, so Christus Culmination und Spitze der Menschheit! Auf Ihn deutet, drängt und eilt alles hin als die Offenbarung einer seligen Vergangenheit und Zukunft in Einem, als die liebevollste, gnädigste Erfüllung aller im Menschen niedergelegten, durch seine Schuld nur verscherzten Verheißungen, als das Wunder der Welterlösung. In ihm hat sich die Menschheit gleichsam Wort gehalten, und alle edle, hohe, sich von der Welt zurücknehmende Geister, wie der Heide Platon, der zurücktrachtet nach den Ideen und Urbildern der Dinge, nach göttlichen Gerichts göttlichem Bekenntnis, wie es ein alter Teutscher nennt, sind seine Herolde, Verkündiger und Brüder. Sie zeugen das Gute, Wahre und Schöne; sie suchen das Wesentliche, das in allen Erscheinungen waltende Wunderbare, und Liebe ist ihr eigenes Wunderwesen, das sie immer und immer fortpflanzen, stillfreudiges Glaubens. In diesem allein ruht und sieht ihnen die Welt und er ist Bedingung und Anfang des Schauens. Wissen ist nur Weg und Ringen nach Weisheit. Und so muß alle Bildung, die wahre seyn will, in Christo bewußt enden, wie sie in Ihm bewußtlos begann; und so ging auch alle germanische Staatenbildung von Liebe und Freiheit, von Christentum und Glauben aus. Dahin muß {XXXIV}

sie auch wieder zurück und aufwärts schreiten; und, wer die Zeit versteht, findet dies in vielen Zeichen bereits ausgesprochen und vorbedeutet, ja diese Menge der Zeichen verbürgt allein noch eine schöne Hoffnung. Freilich ist Versöhnung, Glaube und Gnade, also Christenthum, wie alles Unendliche, Uebersinnliche, das Mysterium, die Anerkennung desselben Mystik, und jeder Christ ein Mystiker, weil das Unendliche eben das Wesentliche, allein Wahre, eben darum dem natürlichen, im Endlichen befangenen Menschen nicht Faßliche ist. Das steht aber nicht zu ändern und so ist den dünkelhaften, übermüthigen Kindern dieser Welt, welche jene von ihnen unverstandenen und misverstandenen Namen als Spitz- und Ekelnamen jetzt so häufig ausspielen, nur mit der Fürbitte zu entgegnen: Vater, vergieb ihnen; denn sie wissen nicht, was sie thun, und mit dem glaubenvollen Vertrauen, daß der Tag des Herrn und sein Reich kommt, wie ein Dieb in der Nacht. Diese werden es denn belächeln, wenn sie hören und lesen, daß auch unser Freund hiemit seiner Bildung die letzte Hand angelegt, und die Krone aufgesetzt sah. Darum aber unbekümmert, und weil es gilt, hier mit einem Hauptlicht und Drucker das Bildnis des Mannes zu vollenden, theilen wir folgendes Gedicht mit: {XXXV}

An mein Herz.
Charwoche 1817.

Armes, ausgeweintes Mutterherz,
Gottesschmerz,
Engelscherz!
Dein's! Mein's!
All' Eins!
Wo ich stehe?
Wo ich gehe?
Davon soll ich dir erzählen? —
Auf einem hohen Kirchthurm steh ich.
Menschen sind klein; das seh ich.
Unter mir verlor'ne Seelen,
Die da straucheln, weinen, fehlen
Und dann wieder sich besinnen!
Unter Zöllnern, Sünderinnen,
Hier, in seinem Gotteshause,
Hat der Herr mich angestellt.
Glockenklang und Sturmgebrause
Dringen, wie vom Himmelzelt,
In mein Ohr mit süßem Beben,
Und nicht wollt' ich um die Welt,
Und nicht wollt' ich um mein Leben
Mich des frommen Diensts begeben,
Treu zu seyn dem ew'gen Sohn,
Daß um seinen Gnadenthron {XXXVI}

Alle Kerzen heller brennen,
Alle Herzen ihn erkennen,
Alle Glocken brünst'ger klingen,
Alle Glaub'ge gläub'ger singen. —

Ja, die Schale seines Zorns
Hat der Herr nun ausgeschüttet.
Bittet, arme Kinder, bittet:
Bittet! Euch wird er gewähren,
Bittet! Euch wird er erhören.
Wieder will die ew'ge Wahrheit,
Hand in Hand mit sel'ger Klarheit,
An dem alten Erdball walten.
Welche himmlische Gestalten:
Engel sind herabgestiegen,
Leuchten mir die dunkeln Stiegen
Von dem Erdball rings heran,
Daß mein Aug' Ihn sehen kann
Auf dem Gnadenthrone sitzen.
Unser Vaterl Du nicht Richter!
Flammt, ihr ew'gen Gnadenlichter!
Gnade, Gnade, steh' uns bei!
So erschallt das Herzgeschrei
Der verirrten, armen Kinder.
Von erbarmungslosen Donnern,
Von verheerend wilden Blitzen,
Die zermalmen das Gebein,
Soll nicht mehr die Rede seyn! {XXXVII}

Näher tretet! '
Betet! Betet!
Kniet um diesen Gnadenthron!
Himmel ist eröffnet schon,
Gottes Werk, es muß gelingen,
Kerkerkette muß zerspringen,
Engel müssen frölich singen —
Opfern will sich Gottes Sohn. —

Auf einem hohen Kirchthurm steh ich'
Menschen sind klein; das seh ich,
Und — was bist du,
Geist ohne Ruh? —
Fleuch empor zu Salems Hügel!
Tauche muthig deine Flügel
In das junge Morgenroth
Und vergiß der Erdennoth,
Was sie Abends an den Thüren
Für Gespräche drunten führen,
Loben, tadeln, schelten, fluchen —
Ach wie sind sie zu bedauern,
Die in diesem Gotteshause
Alles, und nur Gott nicht suchen!
Laß in deinem Heiligthume,
Gnadenreicher Herr der Welt,
Wo du mich als frommen Küster,
Dir zu dienen, angestellt,
Alle Herzen Gott erkennen, {XXXVIII}

Alle Kerzen heller brennen,
Alle Glocken brünst'ger klingen,
Alle Gläub'ge gläub'ger singen!
Wo ich gehe,
Wo ich stehe,
In des Liebesothems Nähe,
Der mein Leben eingesauget,
An des Himmels Gnadenpforte,
Hör' ich keine harte Worte,
Schmelzt kein Zorn mein Herz,
Lichtgeboren,
Gottverloren,
Nachtbegraben —
Betet, betet, arme Knaben! —
Welt, ade, und Erdenschmerz!
Schwing', o Geist, dich himmelwärts!

Sehet da die Lieberose, die nun ihren Kelch erschlossen und ihre Blätter freudig entfaltet! In Abend- und Morgenthau, in Regen und Sonnenschein, in Sturm und Stille ist sie gediehen und emporgeblüht.

2.
Hiemit kommen wir nun zu dem Zweck dieser Sammlung auserlesener Schriften unseres Freundes. Wir sind uns bewußt, ihm nichts aufgedrun- {XXXIX}

gen und angedichtet zu haben, obwol dem Leser mit Recht die Fertigkeit angemuthet werden durfte, zwischen den Zeilen zu lesen; meinen aber, daß er uns so gleichsam die Worte zurufe: Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle; und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis, und hätte Glauben also, daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts; und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen und hätte der Liebe nicht, so wäre mir es nichts nütze. So aber macht offenbar Falk mit den Besten und Trefflichsten der Zeit einen Gegensatz gegen die Leb- und Lieblosigkeit, gegen die Erstorbenheit und Selbstsucht, welche im Durchschnitt herrschen, im Wissen, wie im Darstellen. Diese beiden Seiten einigermaßen zu beleuchten, mag als Schattenseite in unserer Schilderung die Lichtseite heben.
Es konnte also nicht Zweck seyn, hier die Abenteuer eines Hirnspukes und Rausches in einem Ziergärtlein aus Papierblumen, Papptempelchen und Lusthäuschen, Papierbreistandbildchen und derlei Zieraten ausgeprägt aufzuzeigen und somit den Buchstaben der Poesie und des Wissens zu fördern. Wäre dies, seid versichert, der Mann, der in {XXXX}

Schmerz- und Freudegluth eines Vaterherzens aus Kinderseelen einen Tempel des lebendigen Gottes und des ewigen Worts erbauen zu helfen sich gedrungen, gemuthet und stark im Herrn fühlte, hätte, mit allem Recht, jenen ganzen Kram zerschlagen, und den Thoren, der so etwas hätte aufbauen und zusammenzimmern wollen, gleich sehr, wie den, der daran Vergnügen hätte finden mögen, belächelt und bedauert. Nein, offen und unschuldig, wie er ist, hat er sich ganz hingegeben, hat darum manchem seiner Erzeugnisse auch selbst die letzte züchtigende Dichterhand versagt, welche anzulegen gar leicht gewesen wäre, wie dies die mehr geglättete und geründete Form, welche einzelnen zu Theil geworden ist, beweiset. Und darin suche nur keiner etwas anderes, als eben jene Offenheit und Redlichkeit, und die inngeborene Unbekümmernis des Mannes um den Buchstaben in allem Ding! Darum sollen auch die Kunstrichter uud Tagblättler freie Hand haben, zu thun, was sie nicht lassen können, das heißt mäkeln, feilen, putzen, schneidern und schniegeln, wie sie mögen. Das Wesentliche, Wahre, das Wort, denken wir, sollen sie wol stehen lassen müssen; und dies genügt. Denn nur dem Worte soll die Ehre bleiben. Dahin streben all' Eure Tüchtigen. Mit vermessenem, von der ewigen Lebenwurzel sich loßreißendem Trutz und an Ruch- {XXXXI}

losigkeit glänzendem Uebermuth haben, gleichzeitig mit dem staatumwälzerischen Freiheitschwindel, die Geister das Gebiet des Wissens ausgemessen und sind bis an die Gränze desselben vorgedrungen. Die einzige und eben mögliche Ausbeute, welche mit dem sokratischironischen Geständnis des Nichtwissens übereinstimmte und dies nur sicherer und unzweideutiger begründete, hatte wol schon der Erste, der hier Bahn brach, gegeben. Aber dem Stolze und der Hast der Zeit genügte dies nicht. Sie grub tiefer und tiefer, sprengte, zerriß, und verwandelte so die lebendige Idee in einen ausgemergelten, eingeschwundenen Begriff, den sie aus einer Form in die andere goß. Dabei, wie ihr das Seyn, Leben und Wesen unter den Händen schwand, trat auch ihre Selbstsucht, der Stolz auf ihre Freiheit und Selbstthätigkeit hervor, und das kecke Streben ward ein eitler Formgenuß, die Form aber war eine leere todte Hülse, ja sie ward selbst um so mehr, da auch das öffentliche Leben einschwand, ein Nebel- und Schwebelbild. Als nun aber die Zeit gekommen war, und der Ueberschwänklichkeit ihre ikarischen Flügel allmälich schmolzen, da begann — so wollte es die ewige Liebe! — das Studium der Natur sich zu regen und der Sinn für ihre Stätigkeit und gediegene Bildkraft, wie für ihr stilles, geheimnisreiches Weben und Walten, für ihr rührendes {XXXXII}

Lieberingen nach Verklärung und Erlösung kräftigte sich und ward ein Damm: gegen jenen gestaltlosen Fluthschwall, der alles überschwemmte und zu verheeren drohte. Die äußere, allgemeine Noth kam dazu; der Geist ward in sich selbst zurückgescheucht; aber er kannte nun die Nebel- und Sandbänke da drinnen, und lernte allmälich wieder sich in Demuth fassen und bescheiden, daß allem, doch nur folgernden, vermittelnden Erkennen ein Seyn (Platons όντως όν) vorangehen und eine Einheit zum Grunde liegen müsse, welche er mit allen Begriffen, Begriffspielen und Formen doch nicht erschaffen, sondern nur entstellen könne; ein Seyn, wovon in seine beschränkte, endliche Vernunft doch immer nur ein einzelner Stral, nur ein Schein falle, und daß gerade da, wo sein Erkennen und Begreifen aufhöre, das wahre Seyn und Schauen im Glauben beginne. Dies erfuhr er bei den gerade wichtigsten und Angelideen von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, worüber das Höchste, Heilsamste, Nöthige lange schon und allein in der Offenbarung mitgetheilt war, und zwar unendlich einfacher und kindlicher. So kam sie und der vom Vater gesendete Sohn, der Anfänger und Vollender des Glaubens , wieder zu Ehren. Wir erzählen Euch hiemit den Gang und die Geschichte der herrlichsten Brüder, und verweisen Euch hierüber nur an Franz Baader, {XXXXIII}

Fr. v. Meier, (s. seinen Lichtboten und die Blätter für höhere Wahrheit), Eschenmaier (besonders seine Religionsphilosophie) und Steffens. Mit dieser Anerkenntnis nun ist auch die Anneigung an den gesunden Theil des Volks, sohin Mittheilung möglich geworden und das muthwillig zerrissene Band, welches Alle, als Kinder Eines Vaters, in Liebe umschlingt, wieder angeknüpft worden Das allmäliche Herabkommen jener frevlichen und dünkelhaften Nasweisheit, Aufklärung genannt, (diese wahre Ultrakrepidamie!) gibt Aussicht auf Wiederverein des Getrennten und folglich auf wiederkehrende Verbrüderung und Genossenschaft im Herrn, nicht im Handel und Gewinn. Denn nicht Erkenntnis allein gnügt, sondern heraus ins Leben muß die Idee treten, muß Fleisch und Blut, der Mensch selbst Wiedergeburt der Idee, wandelndes Kunstwerk der Liebe und Tugend werden, und so muß sich eine Kirche bilden, die in ihrer tiefsten Gründung ein Mysterium und Gnadenwunder unsichtbar sichtbar um uns weben und leben wird.
Nun sehet Euch aber auf dem Markte des Lebens um! der verjüdelte Handel- und Wuchergeist, als Princip und Achse unserer Staatgetriebe, der, wahnsinnig rückschreitend, den punischen Glauben mit dem christlichen vertauschte, macht diese Metapher um so wahrer und anwendbarer; was findet Ihr {XXXXIV}

denn im Ganzen, außer Armuth und Unmuth, wie ein geistreicher Staatenkenner und Geschichtschreiber sagt? Innen zwangherrlicher Willkür tauben und blinden Buchstaben, außen abwehrenden Trug und eitel Wankwort. Uebermuth, Hoffart und Selbstsucht, äffische Treibhausbildung, ungenügsame Lebehast und Genußgier, Ueberreizung und Stumpfheit, wucherliche seelenlose geriebene Gewandtheit und Abgefeimtheit, Ueberschwänklichkeitsucht und gewaltsames, mit der Selbstlüge ästhetischer Verfeinerung und Geschmackbildung übertünchtes Ueberspringen, Umstellen und Verschieben der Klassen und Stände, so daß selbst der Landmann noch Makler und wuchernder Handelsmann, im Grunde nur Schwelger und Bettler wird, haben meuterische und mörderische Kriege herbeigeführt, die Staatfugen allenthalben auseinandergetrieben; und so zerschlagen, verrottet, verschuldet, übertüncht und steuerlos sind Völker und Staaten, daß der wohlwollendsten und geschicktesten Lenker Güte und Kunst daran erliegt. Die Uebermenge stehender Heere — so viele dem Staat entzogene Köpfe und Aerme, Verführung zu Willkür und Spielzeug einer Kaste, das nur entsittlichet und ungeheuere Summen kostet! — Behörden und Beamten am großen Staattiegel, welche zu gegenseitiger Controlle und Assecuranz, aber auch zu Förderung rohen, eigen- {XXXXV}

nützigen Zunftsinnes sich und die Willkür mehren, das Staatgetriebe nur verwickelter, künstlicher und unnatürlicher machen, und die juridische Maxime quique praesumiter bonus donec contrarium probetur, selbst Lügen strafen und umkehren, (erinnert euch nur an Würtenberg!) ist wahrlich nur ein leidiges Palliativ und macht die schwanke, brüchige Lavarinde, auf welcher wir über unterhöhlten Feuerbergen wandeln, nicht fest und sicher, so lange noch Spaltung und Zerwürfnis zwischen Fürsten und Völkern ist, so lange Fürsten und Völker sich nicht aufrichtig und wahrhaft liebend als Haushalter und Kinder Gottes unter die Gerechtigkeit demüthigen, die vor Gott gilt, und so gemeinsam frei werden. 'Es wird besser werden.' sagt Ihr; 'der Zeitgeist ist erwacht, er fodert Constitutionen, Volkmittler, Preßfreiheit!' Aber die Finsterlinge bespötteln, begeifern und hemmen ja, so viel an ihnen ist, diesen Zeitgeist und das Geforderte bleibt — ein Gefordertes. Doch, wenn nun auch nicht, wie kann Papier und Buchstabe so große Dinge thun, als die Wiedergeburt einer alten sündigen Jungfrau? als die Gründung eines gelobten Landes, eines Paradieses? Macht es denn das Gesetz, das freilich um der Sünde willen da ist und wie eine ewige Krankheit sich fortpflanzt? Ist {XXXXVI}

nicht der Leib mehr werth, als die Kleidung? das allein wahre, das ins Herz gegrabene, in einem frommen und treuen Herzen bewahrte Gesetz nicht mehr, als das Schwarz auf Weiß am Thorflügel, oder an der Schrannenthür, oder im Buchladen? 'Dafür lassen wir unsere Erzieh- und Bildanstalten sorgen', sagt Ihr. Wohl! Da wird allerdings, wenn nicht viel, doch vielerlei und viel Entbehrliches gewiß gelernt, dessen Ausbeute doch am Ende nicht viel mehr ist, als Ab- und Nachdruck einer, oft beschränkten, Lehreigenthümlichkeit, oder einer auf Schaustellung berechneten, alle Demuth erstickenden, Flitter- und Afterbildung, wie wir sie an Männern und Frauen vielfältig mit Bedauern wahrnehmen. Dabei fehlt das allein gründlich bildende würdige Beispiel, im öffentlichen, wie im häuslichen, im idealen, wie im realen, kurz sittlichen und religiösen Leben, und Eure Kinder führen durchaus eine solche psychische und physische Diät, daß, wenn sie nun in Blüthe und Krone treiben sollen, nur taube Blüthen und welke Kronen zum Vorschein kommen. Darum klagt auch ein Dichter mit Recht, er könne das Geschlecht nicht begreifen; nur die Jugend sei alt, nur das Alter sei jung. Ja, als sich in dem allgemeinen Gebärdrange dieser auf Entbindung und Erlösung harrenden und ihrer bedürftigen Zeit Köpfe und Gemüther der Jünglinge {XXXXVII}

in Wissenschaft und Leben jugendlich regten, haben da nicht Eure alten, unsichern, argwöhnischen, verkohlten Finsterlinge durch Teutschland die Sturmglocke gezogen, und die Lärmtrommel geschlagen und die hinterlistigsten Mittel gebraucht, das herabgesetzte Hohe bequemer zu handhaben? Gleichwol gedeihet mälich die Preßfreiheit und an trefflichen Erziehlehren fehlt es nicht!
'Aber sieh dich doch um, milzsüchtiger Mensch' ruft Ihr dem, der Euch etwa so anträte, zu, 'wir streben nach eigener, wie nach fremder Freiheit. Suchen wir nicht, human, wie wir sind, auch die Griechen wieder herzustellen in ihren Glanz? Geben wir nicht zu dem Ende ihre Classiker, und fördernde Zeitschriften heraus, legen Bildanstalten an etc.?' Warum denn aber, o Ihr Guten, vielgeschäftig das vor den Füßen liegende Nächste überspringen, um mit Menschenhänden eine neue Ausgabe eines Volks zu besorgen, welches der Weltgeist doch eben, nachdem es die ihm mögliche Höhe erreicht, gerichtet und abwärts geführt hat, andere herausführend und ihnen die Rolle desselben, wie sie nun nöthig war, ertheilend? Das haben einsichtige Unbefangene, wie Lord Byron in den Anmerkungen zu Childe Harold, gar wohl gefühlt; und es bleibt Euch doch wol nur die Wahl, solch Unternehmen frevlich und übermüthig, oder lächerlich und mis- {XXXXVIII}

ständig zu nennen? Oder meint Ihr etwa, Teutschland sei schon von den Todten erstanden und wiedergeboren, weil Eure Dichter und Maler in die alte Urzeit desselben mit der Horn- und Windleuchte der Phantasie hinabgestiegen und mit Gänsekielen und Pinseln, wie mit Runenstäben, die Schatten der ehmaligen Helden und Heiligen heraufzubeschwören bemüht sind? eure Stutzer und Jünglinge altteutschen Schnitts einhergehen? — Die Ohnehosenzeit spielte in dem Römerrepublicanismus ein ähnliches nichtiges Spiel! — oder, weil Eure Rechtgelehrten das römische Rechtgeripp zu bleichen, mit Drath zusammenzuhenken und aufzustellen schwitzen? Wähnt doch das nicht! Das mögen wol Selbstkräftigungversuche seyn; aber das Bewußtseyn des aufgewendeten Scharfsinns und der Forschmühe läßt wahrlich nicht den zuvörderst weit nöthigern Sinn der Demuth gedeihen. Ja Ihr könntet darüber wol schon gewitzigt seyn, oder Ihr solltet Euch doch warnen lassen durch die Versuche Einiger, welche, nach Neuem, Packendem, Ueberschwänklichem ringend mit schier aberwitziger Besessenheit, eine neue Gattung von Drama ausgebrütet haben, worin sie nicht anstehen, gegen alle Wahrheit, Einfalt und Natur, ja Frömmigkeit, eine Teufelfratze Euch unter dem Namen tragisches Schicksal für Weltgeist und Menschengeschick zu verkaufen. Doch {XXXXIX}

dies alles, und wäre es noch so scharf herausgeklügelt, noch so zierlich aufgeputzt, noch so künstlich in einander gefügt, ist doch eben nur Menschenwitz und Menschenwerk, Verstandschwelgerei, innere Rückspiegelung äußerer Ueppigkeit und Genußgier, ist Babelthurmbau, und gibt nur prometheische Lehmgebilde, ja Zerrbilder, zu deren Belebung das gestohlene himmlische Feuer misbraucht wird; und damit werdet Ihr nimmer die Wehen der Zeit lindern, noch sie schneller entbinden.
Wol liegt sie im Kreisen und entzündet ringen all' ihre Kräfte. Aber sie hat auch ihre falschen Wehen, und falsche Propheten und unbesonnene Geburthelfer stehen um ihr Lager, die ihr einen Kaiserling herausschneiden, oder einen Bankart unterschieben möchten, von welchem viel Heil und Segen geweissagt wird. Da möchtet Ihr doch wol zusehen, Ihr Männer, lieben Brüder! Geängstet und bebend, gleich dem Taubenvolk, unter welches Geier stürzten, flattert das arme Volk auf und stößt und pocht an die Himmelthür, ob sie sich wieder aufthue, es aufnehme und berge; aber es hat keine, oder eine falsche Losung! Ohne Bild! Erwacht ist wieder der Sinn für das Unendliche und Heilige, so im Wissen, wie im Leben; aber in welchen Gefahren und Irrsalen schwebt er? Schroff und schneidend stehen Unglaube und Aberglaube, Gleich- {L}

gültigkeit und Schwärmerei, Lauheit und Andachtelei und Fanatismus neben einander. Das sind doch wol Trespen- und Lolchkörner, die der böse Feind unter den Waizen der Kirche säet; und, während die altgriechische, ächt katholische durch einen wackern Verwalter jene sichten möchte, kommt der schon einmal abgeschlagene Böse von Rom als Pfaffling und Abtrünniger daher und möchte sie Euch unter der Form von Concordaten, Nuntiaturen etc. einschwärzen. Wie? Das Wort Gottes hattet Ihr mit Liebe und Glück verbreitet, Tausende von Heiden und Wilden entwildet und bekehrt; und von ihm wolltet Ihr es Euch wieder aus den Händen schlagen, es gefährlich nennen lassen? Und das wäre also die Frucht der von unserm wackern Luther, dessen große That und Andenken oder männlichen Sinn mit Gott Ihr nur eben gefeiert habt, erkämpften, mit Gut und Blut besiegelten Glaubfreiheit gegen Tod und Hölle? das die Frucht der Sichtung des wahren Worts und der Lehre von Menschenwerk und Menschentrug, daß wir die alte Päpstler- und Pfaffenposse, betrügend wie betrogen, wiederkäuten und mit aufführen halfen? daß wir aus Kindern Gottes, zu welchen wir berufen sind, wieder Menschenknechte werden sollten? Traut ihnen nicht! Sie wollen in der allgemeinen trüben Währung nur Scholle und Boden und Besitzthum mälich wieder {LI}

erwerben, um daraus mit der Zeit wieder die hildebrandische Haupt- und Staataction aufzuführen, und Euch in die abgestreiften Fesseln zu schmieden. Das Menschenherz ist ein trutzig verzagtes Ding, sagte Euch schon Luther. An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen, und so gedenket doch nur der Wiedereinschwärzung der Jesuiten, der Bullen gegen die Bibelgesellschaften, der Behandlung des edlen, von den Besten geliebten und hochgeachteten von Wessenberg! Sie, diese Curia, ist zu klug und gewandt, als daß sie nicht alle Regungen einer neuen Zeit in Einen Brennpunct zu sammeln suchen sollte; und welcher könnte das seyn, als ihre verkümmerte Herrschsucht? Aber auch gegen Fanatiker und Schwärmer in Herrnhuterhäubchen, oder mit der Zwietrachtfackel, die doch nur Götzen dienen, seid auf Eurer Hut! Denn nicht Alle die Herr Herr sagen, werden ins Himmelreich kommen, sondern die den Willen thun Seines Vaters im Himmel.
Und hiemit habt Ihr den Schlüssel zu Euerm Verhalten! Greifet nicht voreilig und hastig, zerstörlustig hinaus in das Staatgezimmer; daran laßt Ihr, im Vertrauen auf den Herrn aller Herren, nach wie vor die Staatkünstler und Staatzimmerer, die Seelenmakler, Rechtler und Rechthändler sich versuchen und abmüden, und aus einer Regiernoth {LII}

und Sorge in die andere stürzen! Sondern Ihr, die Ihr da unten steht, und so glücklich seid, Euch mit solcher Willkür nicht befassen zu dürfen, laßt Euch warnen vor dem Schwindel, in welchem Europa über ein Vierteljahrhundert taumelt; vielmehr in und mit Euch selbst fanget die Buße und Besserung an und bereitet, so viel an Euch ist, durch die eigene, einzelne Erlösung die fremde und die Wiedergeburt des Ganzen vor! Nach gerade ist geschwatzt und geredet genug worden, und eben diese maulselige Buchstabenzeit gilt es durch Geist und Geistesthat zu vernichten; denn sie ist es, diese Maulseligkeit, wodurch Alles, wir selbst und die Zeit, aus der Stelle gerückt worden sind und werden, die uns allenthalben mit hohlen Floskeln betrogen und hingehalten und das Mark der Seele wie der Dinge ausgesogen und weggelogen, die uns schnödes Papier für Wesen und Wirklichkeit verkauft hat. Also lasset uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der That und mit der Wahrheit! (1. Joh. 3,18.) Glaubet nur der Bibel und der Natur! Dann werdet Ihr innerlich erfahren und erleben, was Liebe, Gnade, Rechtfertigung, Erlösung und Heiligung ist; dann werdet Ihr den heiligen, reinen Boten der ewigen Liebe und Erbarmung in Euch Gestalt gewinnen sehen, werdet Liebe geben und Liebe nehmen. Kurz, {LIII}

Christus lasset in Euch erzeugt und lebendig werden, der erlöset vom Fluch des Gesetzes, in dem allein wohnet die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig (Kol. 2, 9.). Statt Euch in Formen und Floskeln ausgelebter Zeiten einzuzwängen, Euch an hohlen Träumen zu weiden, lebet im ewigen Wort und seid gesinnet, wie Jesus Christus war! Er lehrte; und so können auch wir, da unsere Zeit, als wissenschaftliche, eben auch lehrhaft ist, diese ihre Eigenschaft selbst an Ihm prüfen und messen. Wie aber lehrte Er? Die Schriftgelehrten tadelte Er gar oft, empfahl kindlichen Glauben, prieß das reine Herz selig. Was Er lehrte, Vergeistigung, Erhebung und Verklärung des durch Selbstschuld gefallenen und verfinsterten Menschengeistes in und durch Gottes- und Menschenliebe — das ewige Evangelium der Liebe! — lehrte Er kurz, in Parabeln, in sprüchwörtlichen Sätzen, wie unsere Altvordern in Priameln, über welche hinaus Er aber auch an den heiligen Geist verwies, den Er zu senden versprach, der in alle Wahrheit leiten sollte; weshalb, und weil die Jünger noch nicht alles vertragen konnten, Er noch vieles verschwieg. Er dankte Gott, daß er es den Weisen verborgen, den Kindern aber offenbart. Mit der Welt, die im Argen liegt, machte Er sich, im Glauben über sie erhaben, so wenig zu schaffen, daß Er dem Kaiser {LIV}

zu geben befiehlt, was des Kaisers ist, aber Gott was Gottes ist; sonst aber erklärt, sein Reich sei nicht von dieser Welt, sondern er sei nur gekommen, den Willen seines Vaters zu thun. Leset nur das siebzehnte Kapitel Johannis, diesen erhabenen, nie erreichten und unerreichbaren frommen Ausdruck der erhabensten Gottseligkeit: 'ich in ihnen und du in mir, auf daß sie vollkommen seien in eins und die Welt erkenne, daß du mich gesandt hast und liebest sie, gleich wie du mich liebest.' Und so war sein Leben das fortgesetzte Gebet um Verklärung mit der Klarheit, die Er beim Vater hatte, ehe die Welt war. Er liebte, duldete, litt, starb und befahl seinen Geist in seines Vaters Hände. Damit ward dem Himmelreich Gewalt angethan, das Himmelreich der Gnade, der Verklärung des Geschlechts im Geist und in der Wahrheit, ward herabgelockt auf die Erde in Ihn und seine wahren Jünger; sein Reich kam und Wiedergeburt war und ist noch die Bedingung des Eintritts und Bürgerrechts in demselben. Dies also sei der Staat, den Ihr bildet: Alle in Gott und Christo, und Gott und Christus in Allen! Nach diesem gemeinsamen Liebereiche trachtet vor allem, so wird Euch das Uebrige alles zufallen, und wegfallen wird alles Arg und Unbill, das aus dem Fleische geboren ist, Fleisch ist und vergehet, wie {LV}

Fleisch, es nenne, schminke sich und prachte, wie es wolle.
In und zu solcher Gesinnung möchte Euch besonders, Ihr lieben teutschen, dieses Namens werthen, Jünglinge, der Herausgeber, wie sich selbst, kräftigen und festigen durch das aufgestellte Beispiel eines ächt teutschen Mannes von tiefer Liebe und Erbarmung, wie die Zeit deren bedarf, ob es Euch anspräche, entzückte, begeisterte. Denn glaubet nur, die Liebe, dieser Urquell von Rath, Kraft und That, ist ein so geistiger Zauber, eine solche zauberische Poesie, ein Zeugen und Zeuge Gottes in, aus, durch, mit und um uns, daß jedes andere Nachbild, wie das, welches die überverfeinerte, geistige Saumseligkeit und Züngelei der Zeit Euch in Schrift vorhält, daran nicht reicht, sondern zu ihr höchstens wie Schattenspiel an der Wand, oder in der Zauberlaterne zu dem mit lebendigem Athem Beseelten sich verhält. Freilich wol, wie schon das Nachbilden einen gar strengen Ernst, den hohen edlen Schmerz der Arbeit und Mühe des Lebens, will, wenn es einigermaßen Gediegenes geben soll, also muß auch hier mit Schmerzen geboren werden; der Himmel- und Höllweg ist, — ein Kreuzesweg: denn er geht durch die arge Welt, und ihre Trug- und Scheinbilder, deren Sinnbild ja eben die Kreuzhieroglyphe ist; und nicht der {LVI}

Schwan in Leda's Schoos, sondern der Herakles, der sich auf dem Oeta verbrennt, als der durch die gesamte Weltgeschichte gehende, den Leiden der Zeit frei unterworfene Gott, möchte das bedeutsame Bildwerk am Thore des Lebens seyn. Er, der Euch hier entgegengeführt wird, liebt Euch so herzlich, daß er nur aus Euern, noch warm und rein von der Mutterbrust entlassenen Seelen eine bessere Welt hervorzulocken und in feines Gemüths Liebe zu erzeugen hofft. Er hat auch, frisch und froh, in Ernst und Scherz, den Tanz um die goldenen Kälber mit angesehen, aber, dem kindlichen Zuge seines Gemüths folgend, nicht mitgetanzt. Er hat zu den Füßen Eurer Gamaliele gesessen, und sie haben ihn geliebt, gehegt, gepflegt; das hat er ihnen mit Liebe gedankt, und, wie jener Mann in der Fabel von angebundenen Adlern sich himmelwärts tragen ließ, hat er durch sie, durch Liebe und Gebet, sich im Lande der Ideen, im Reiche Gottes halten lassen. Was Ihr hier leset, sind gleichsam nur die Studien und Risse zu dem Werke, das jetzt in That, Kraft und Leben vor Euch steht — das Wörterbuch und die Sprachlehre der Sprache, die sein liebender Geist spricht und lebt. Als ob und weil jene nicht gnügten, möchte er verstummen; aber sein Herz ruft, und seine Arme sind aufgethan. Als ihn, der sich demüthig zurückgezogen, der Herr {LVII}

wieder mit Kreuz und Trübsal hervorrief, da hat er nicht klug und schön gesprochen, nein kräftig und liebend gehandelt, das Wort der Liebe in sich lebendig werden und ausgebären lassen; und dies will er, so viel an ihm ist, fortgepflanzt wissen, als Segen- und Heilwort. Nicht ein Fremdling ist er in der Bildung der Vor- und Mitwelt, nicht verachtet hat er ihr wahrhaft förderndes Wissen und Streben, sondern überall, wo er es fand, mit treufrommem Glauben anerkannt, zu eigener Förderung und heiterer Mittheilung gebraucht und verwendet, und wie er so selbst demüthig sich getragen, geführt und umfangen sah von Liebe, wie er, trotz eigenen und Zeitschwankungen, nie den rothen Königfaden verlor, so möchte er auch Euch das Glück gönnen, daß er Euch nie abhanden käme. In diesen heiligen Dienst sollt Ihr Wissenschaft und Kunst nehmen, und in Euch walten lassen und wieder mit ihnen walten. Denn nicht dämpfen sollt Ihr den Geist, sondern nur dem Glauben ähnlich soll Eure Weissagung seyn.
Dem Herausgeber aber vergebe Jeder, wo er zu viel oder zu wenig gesagt! Denn Beides könnte wol der Fall seyn. Darum halte sich keiner an seinen Buchstaben, den er selbst recht gern, als mit mancherlei Unbeholfenheit behaftet, preisgibt, weil er ihm selbst fürwahr am wenigsten genügt, {LVIII}

sondern an den Geist,  woran doch hoffentlich das Gesagte nicht ganz leer ausgehen wird. Und so will er es gern wagen, daß man ihn des Mysticismus zeihe (da er weiß, daß, Misverständiges und Afterdeutung davon abgerechnet, er nur Anerkennung ist des Unsinnlichen, Unendlichen, Ewigen, kurz des Mysteriums, als der eigentlichen Tiefe, worin Geist und Natur getaucht ist) oder der Dunkelheit, oder auch endlich der Preciosität, oder wessen man eben wolle. Er hat längst es Allen recht machen zu wollen verlernt und aufgegeben, und so möge abfallen, was Unser heißt, in allem übrigen aber die Liebe und Gott die Ehre bleiben! Ihm, weil seine weise, liebevolle Führung an unserem Bruder erkennend, gaben wir sie auch, indem wir Obiges über Anordnung und Zweck vorliegender Sammlung beibrachten. Braucht ja doch die bescheidenste Blume ein Plätzchen, worauf sie stehe, das eben aus der unendlichen Raumweite ausgeschnitten und von ihr gesondert ist, das man aber, falls der Boden nicht eben und rein wäre, ebnen und reinigen muß.

Leipzig im September 1818
Adof Wagner

I.
Lebensumriß
des
Johannes von der Ostsee.{3}


Ich war ein armer Knabe,
Johannes von der Ostsee
Getauft von meinem Pathen.
St. Petri Pauli Kirchhof,
An Danzigs schöner Mündung,
Kennt meiner Eltern Namen.
Nicht schäm' ich mich der Abkunft.
So nah dem Fischerthore,
Dem viel besuchten Hafen
Der alten Stadt geboren,
Von würdig frommen Eltern,
Sah ich die Segel gleiten,
Und Schiffe gehn und kommen,
Wo schallend laut die Wogen,
In Krümmungen des Flusses, {4}

Am Speicher sich ergießen;
Da bin ich groß erzogen.
Nun hört auch im Verfolge,
Was weiter sich begeben!
Gern hätt' ich armer Knabe —
Schon zählt' ich sechzehn Jahre —
Den Büchern mich gewidmet;
Allein das Unvermögen
Der guten braven Eltern,
So sehr das Herz mir brannte,
Und Freund' und Anverwandte
Mir jedes Gute gönnten,
War Schuld, daß ich dem Wunsche
Mich streng versagen mußte.
Da sollt' ich in der Werkstatt
Von Früh bis Abend stehend
Mir selbst mein Brodt gewinnen,
Die Fäden emsig schlagend,
Gar künstlich sie verflechtend
Zum mühsamsten Gewerke!
Nur heimlich durft' ich lesen.
Oft mit verklomm'nen Händen —
Es klebten mir die Finger
Bey eingefall'ner Kälte
Am umgeschlag'nen Blatte —
Stand ich im Fischerthor
Bey der Laterne Flimmern,
Und las in einem Buche, {5}

In Wieland oder Bürger,
Auf eines Beyschlags Treppe.
Wie oft, bey Göthens Werken,
Auf grünenden Basteyen,
Umpflanzt mit Kriegsgeschützen,
Und auf entlegnen Straßen,
Der Rhed', in Sommers Mitte,
Vergnügten mich die Nächte,
Bey ausgestirntem Himmel,
Wo ich, im Kahn geschaukelt,
Und auf dem Rücken liegend,
In liebender Betrachtung
Der Deichsel und dem Wagen
Mich ganz dahingegeben.
O wundersame Führung!
Wie Ströme sich verbreiten,
Und in verschied'ner Richtung
Zuletzt zum Meere wandern:
So mußt' ich armer Knabe,
An einem Meer geboren,
Gelockt von früh'ster Jugend
Durch ewig theure Namen,
Entfernt auf hundert Meilen,
Den Strand der Ilme suchen
Und der Begeist'rung Bächlein
Dem Boden wiedergeben,
Dem heil'gen klassischen Boden,
Dem es den Ursprung dankte; {6}

Wo unter weisen Fürsten,
Hochherzig edeln Frauen,
Und gleichgesinnten Männern,
Ein frey Geschlecht erblühte,
Zur Zier des künft'gen Deutschlands.
Stets glaubt' ich an Bestimmung,
Und an Beruf von oben.
Wenn tödtlich ich erkrankte,
Da rief's in meinem Innern
So laut und so vernemlich:
„Du kannst, du sollst nicht sterben!
„Ich will dich jetzt erhalten;
„So wie ich stets dich führte,
„Bleib' ich dir stets zur Seite,
„Und laß dich nicht verscheiden,
„Eh' Großes du vollbringest,
„Und Höll' und Tod bezwingest!"
Und — wenn ich's überdenke,
Und — wenn ich's recht betrachte:
Wer sagt mir, daß ich irrte?
Wer sagt, daß heil'ger Glaube
Sich mir nicht fromm bewährte?
Ich war ein armer Knabe:
Da haben sie sich meiner
Dort unten an der Ostsee
So liebreich angenommen.
Und dieser Spruch der Alten,
Als ich, mit goth'schen Kirchen, {7}

Die würd'ge Stadt verlassen,
Der streng an mich ergangen,
Ist in mein Herz geschrieben
Mit Sonnen, Mond und Sternen;
So lange die mir leuchten,
Gedenk' ich ihn zu halten.
Sie sagten aber dieses:
„So willst du Abschied nehmen,
„Johannes, von den Deinen?
„So zieh' denn in die Fremde!
„Kind, aber warum weinen?
„Vernimm, mit eitlen Thränen —
„Und wären es auch Thränen
„Des lieberglüh'ten Dankes, —
„Steht das, was du verschuldet,
„Was wir, nicht zu vergelten!
„In einem andern Buche
„Mußt diese Schuld du streichen.
„Nun geh', dies Buch zu suchen!
„Du hast dich Gott verschrieben;
„Bestät'ge solche Handschrift,
„Auch uns, mit deutschem Handschlag!
„Wohin der Herr dich führet,
„Denk an die alte Ostsee,
„An Petri Pauli Kirchhof,
„Wo wir uns deiner Jugend,
„Mit liebreich stiller Pflege,
„So thätig angenommen! {8}

„Und wenn einst arme Kinder
„Mit schüchtern wiederholten,
„Kaum hörbar leisen Schlägen
„Sich deiner Pforte nahen, —
„Und niemand ist, der Unser
„Sich, außer du, erinnert:
„So denk', wir sind's, die Todten,
„Die vor der Thüre klopfen,
„Die in dem Saale ständen:
„Wie sollte sich entblöden
„Dein Herz, uns abzuweisen?"

***

Nein, nein, ihr Abgeschiednen,
Ihr edeln, hohen Geister,
Das ist auch nicht geschehen
Und soll es nie! Ja klopft nur;
In Sturm und Regen, klopfet!
Klopft, klopft vor meiner Thüre!
Ich will sie euch eröffnen,
Wie ihr sie mir eröffnet!
Will mein Gelübde lösen,
Das ich in eure Hände,
Die nun im Grab zerfallnen,
So redlich niederlegte.
Ihr würdig hohen Alten!
Ihr unten an dem Meere {9}

Zur Ruh gegangnen Sterne,
Die an der Ostsee Strande
Mir fromm als Kind geleuchtet,
Ihr seht nun an der Ilme
Mein demuthstilles Wandeln.
Wie's einem Geist geziemt,
Der an des Schmerzens Throne,
Mit Perlen unterflochten,
Sich Rosen eingesammelt
Zu einer stillern Krone,
Als je die Welt zu bieten
Vermag. — Und diese Rosen?
Ja viele hundert Kinder,
Die sich um mich versammelt
In diesem Sturm der Zeiten; —
Sie sind es, die ich meine.
Euch bring' ich sie zum Kranze,
Ihr Himmlischen und Edeln!
Ihr hohen Unbekannten,
Mit denen ich verbunden
Noch fortzuleben denke,
Wenn dieser Leib zerfallen,
Ein Raub der Elemente,
Wie eurer, ist geworden!
Begeistert mich zum Guten,
Ihr feurig frommen Seelen!
Und wenn mir einst gelinget,
Was liebend ich begonnen, {10}

So krönt die stillen Werke
Liebthätiger Erinnerung
Mit vielen Gleichgesinnten!
Dann schwebt, ein Geisterreigen,
In grauer Abendstunde
Recht oft an uns vorüber,
Und sprecht: „Das sind die Unsern!" {11}

II.
Zur Jugendgeschichte
des
Johannes von der Ostsee

Aus Original-Briefen an seinen
Vetter in Preußen

zwischen dem dreyzehnten und siebzehnten
Jahr geschrieben {13}

Erster Brief.

Danzig 1781, den 3. März an der Lestadia, gegenüber den Schiffswerften

Hochzuverehrender Herr Vetter!

Verzeihen mir mein Schreiben; danke für gütige Erlaubnis, und daß orthografische Schnitzer darin, das kommt daher, weil mich mein Vater schon früh aus der Schul genommen, nämlich bei Herr Piler zu St. Petri und Pauli, kaum zehn Jahr alt, und mich zu sich in die Werkstatt gethan. Künftiges Jahr, auf Tag Simon Judä, geliebt’s Gott, bin ich nun 13 Jahr, und wachs alle Jahr ein Kopf höher, und wer mich sieht, freut sich daran, daß ich so groß bin – aber daß ich mich freute, wenn ich das sagte, so müßt ich lügen – denn ich denk so, ist Mancher groß und ein Esel dazu, und was hilft mir, daß ich groß bin, da ich nicht studieren kann. – Wenn ich nun auch Einer würde, {14}

nämlich ein Student, ach Gott! Herr Vetter, das wär meine Lust, aber mein Vater, der hat da kein Ohr dazu. Meine Mutter wohl; aber die kann auch nicht, wie sie will. Nun was hilft’s? Da heißt’s recht: Schick dich in die Zeit; bet‘ und arbeit‘, und das Uebrige Gott befohlen. So sagt auch der Herr Pater Lambert zu Schwarz-München. Denn der Herr Vetter soll wissen, daß ich dort immer mit auf’s Chor gehe, und Musik mache, wenn große Meß ist, nämlich an der zweyten Violine, mit meinem Musikmeister Herr Dominikus. Als ich nun so einen Sonntag wie die übrigen Musici auch am Kohlfeuer da stand und mich wärmte: so ist der Herr Pater an mich getreten und hat mich gefragt: wie ich heiße. Da hab‘ ich ihm in meiner Einfalt zur Antwort gegeben: “Ich heiß Herr Johannes” worauf mich die Uebrigen ausgelacht. Er aber hat mich bey der Hand genommen und in seine Zelle geführt, und wie wir dort hingekommen, so hat er erst mit mir gesprochen, und zuletzt, da hat er mich mit großem Ernst gefragt: “Herr Johannes, hättest du wohl Lust, zu firmeln und katholisch zu werden?” Ich aber erschrak heftig in meinem Herzen und sagte, wie man mich {15}

gelehrt hatte: “Reverende Pater, nein! Ich bin auf Christum und Calvinum getauft – und so gedenke ich auch in diesem Glauben zu sterben” wobei mir die Thränen über die Backen rollten. – Da er das sah und wohl merkte, daß für dießmal mit mir nichts auszurichten sey, wurde er sanfter und sprach: “Nun, nun, erschrik nur nicht, mein Sohn! Eine Frage steht ja frey, und die Kirche zwingt Niemand.” Da er das sagte, stimmten die auf dem Chore die Violine; so wandte er sich zu mir um, und fuhr fort: “Komm mit, die Meß ist angegangen!” Und das ist nicht blos der Pater Lambert, liebwerthester Herr Vetter, nein auch der Memnonist in der blauen Hand, und der St. Petri Kirchhof gegen über den großen Schank hat, meint auch, wenn es nach Rechten gienge, so müßte ich Lateinisch und Französisch lernen und die hohen Schulen besuchen, denn Kopf hätte ich schon dazu für zehn Andere. Ja, was hilft einem aber der Kopf, wenn man kein Geld hat? das ist nur eben so viel. Zwar mein Großvater, Monsieur Chalion, der ein französischer Schweizer ist aus Genf und Französisch kann so perfekt wie Wasser, hat mir versprochen, wenn es erst so weit wäre, mir damit unter die Arm zu {16}

greifen. Ingleichen auch mein Onkel, Monsieur Grell, auch ein alter Schweizer aus Genf, der Cantor von der französischen Kirche, der gibt ebenfalls Lektion darin – da kann es mir also mit Gottes Hülfe nicht fehlen! Aber das Lateinische! Liebster Herr Vetter! Das Lateinische! Apropos, da hab ich gehört, daß zu Königsberg in Preußen ein Collegium-Fridericianum seyn soll, wo arm und geringer Leute Kinder Latein lernten, soviel als sie wollten und mehr. Könnten es der Herr Vetter nicht bewirken, daß ich dahin käme? Wollte auch deßfalls, wenn es nothwendig wäre, selbst an den König schreiben – wo nicht, wäre mir noch lieber. Gehen mir der Herr Vetter doch mit einem guten Rat an die Hand; nur daß ich von dem verwünschten Metier loskomme.
Der ich die Ehre habe mich zu nennen u. s. w.

Zweiter Brief.

Danzig 1782, den 10. August

Herr Vetter, wenn es nicht Gottes Wille ist, daß es bald mit mir zum Guten oder Schlimmen aus- {17}

schlägt, so werde ich noch desperat werden und am Ende meinen Eltern davonlaufen. Der böse Feind versucht mich so zu Allerley, und oft wünsche ich sogar – Gott verzeihe mir den Wunsch! aber was kann ich davor, daß er mir von Herzen kommt? –, daß mir nur wieder einmal so ein schwer Unglück passierte, wie das war, was meine Eltern an mir erlebten, als ich Anno 78, zehn Jahr alt, auf St. Petri-Kirchhof, von einem Kutschwagen fiel und ein Bein brach. Aber so gut wird es mir nimmer, liebster Herr Vetter. Ach! das war eine schöne Zeit! Denn damals und solang ich in dem Verbande zubrachte, konnte ich lesen, was und soviel ich nur immer wollte und schnitt mir kein Mensch deshalb ein schief Gesicht. Jetzt, sobald ich nur ein weltlich Buch in die Hand nehme, heißt es gleich: ob mich der Satan schon wieder mit mein Historienbuch bey der Hand hätte? Und damit ist’s nicht genug, sondern steht auch gleich mein Vater oder Mutter hinter mir und nimmt es mir weg. Ach liebster Herr Vetter, das sind schwere Zeiten, die ich verlebe, und ist auch keine Hoffnung, daß mein Fortune je besser werden wird. Abends um Zwielicht und wenn die Andern im Haus und in der Werk- {18}

statt Vesper halten, schleich ich mich fort und geh und hol mir irgendein Buch aus Herrn Brückners Lesebibliothek. Aber wo lesen? das ist die Kunst! Da trete ich dann im Winter auf die hohen Beyschläge am Fischertor, wo die Laternen brennen, und lese, bis mir das Gesicht braunrot wird und mein‘ erfrornen Hände die Blätter vor Kälte nicht mehr umschlagen können. Wenn ich darauf nach Hause komme, hab‘ ich auch keinen gnädigen Herrgott; da zankt mein Vater und meine Mutter auf mich ein, da setzt es sauere Gesichter und oft wohl gar – Nun was hilft’s? einmal ist man in der Welt und muß aushalten. Sehen Sie, liebster Herr Vetter, daraus mach ich mir auch im Grund nichts, weil ich’s von Jugend auf gewohnt bin; aber was mich mehr kränkt als die Schläge, ist, daß ich in keinem Stück weiterkomme. Da hab ich neulich von einem Autor gelesen, den Wieland aus der griechischen Zunge in das Deutsche übersetzt. Den gab mir der Brückner wegen der wunderbaren Geschichten, die darin enthalten sind.. Derselbe heißt, glaub ich, Lucian und schreibt sich aus Samasota: der ist auch arm und geringer Leute Kind gewesen, so wie ich, und ist in der Werkstatt {19}

gestanden, so wie ich, und ist doch nachher ein berühmter und gelehrter Mann geworden. Dabey ist mir, wie ich dieses so las, das Herz vor Freuden hoch aufgesprungen: aber so selig werd ich nicht, daß ich meinen Eltern die Freud‘ an mir erleben laß. Nun, ich weiß, was ich thu; bis künftigen Sommer wart‘ ich noch, und wenn es da nichts wird, so seh ich zu, daß ich ein Schiff kriege, und dann, liebster Herr Vetter, heißt’s: Auf und fort nach Batavia!
Der ich die Ehre habe u. s. w.

Dritter Brief.

Danzig 1783, in der Karwoche,
auf St. Petri-Pauls-Kirchhof.

Das Einzige, was mich jetzt noch freut und tröstet, ist die Musik, und da muß ich dem Herrn Vetter doch ausführlich erzählen, wie es zugegangen, daß ich mich jetzt mit ganzem Fleiß auf sie legen kann. Nämlich: wir haben doch zwey Gesellen in unserer Werkstatt, Einer ist von Danzig, mit Namen Herr Ebert, der zweyte aus dem Reich; und wir nennen ihn nur Monsieur Manheimer. Der erste ist ein {20}

verständiger und gesetzter Mensch, schon bey Jahren; der zweyte aber, nämlich der Manheimer, etwas leicht, wie auch sonst den Kopf voll allerlei Schelmstücke. Wie dieser nun gemerkt, daß ich an der Musik ein gar besonderes Wohlgefallen verspürt, so daß ich oft stundenlang vor dem Bohonschen Hause zur Winterszeit, wenn daselbst Conzert war, stehengeblieben und zugehört, hat er eines Abends, als wir allein in der Werkstatt waren, mir gesagt: “Wenn ich wüßte, Herr Johannes, daß Ihr Euren Eltern nichts wieder davon ausschwatzen wolltet, – so könnt ich Euch schon einmal an einen Ort mitnehmen, wo nicht allein Musik, sondern auch eine Auflage von Wein, Kaffee und schönen Frauenzimmern wäre; da Ihr Dinge zu sehen kriegtet, wie Ihr sie all Euer Lebtage noch nicht gesehen habt.” Da ist mir vor Freuden das Herz aufgegangen, und sagte ich zu ihm: “Tut das ja, lieber Herr Manheimer!” Aber das sagte ich nur so in meiner Einfalt und ohne daß ich die Folgen, die das haben könnte, bedachte. Wie nun Weihnachten herbey kam, mahnt ich ihn an sein Versprechen. Und er trat zu meinem Vater und sagte: “Meister, wollt Ihr wohl erlauben, daß ich mit Eurem ältesten Sohn ein wenig auf dem {21}

Christmarkt gehe?” Und mein Vater, der ein gottesfürchtiger Mann, auch sonst in allen Stücken sehr streng war, sagte darauf: “Geht! seht aber wohl zu, daß ihr zu rechter Zeit wieder da seyd, keinen Schaden nehmt und auch niemanden etwas Ungebührliches zufügt!” Somit gingen wir. Es war aber um die Zeit des zweyten Abends vor dem heil. Christfest, und wir hatten just Schneelicht mit Mondschein, so daß das Gedränge von Menschen auf dem Christmarkt fast groß war. Und man konnte keinen Apfel auf die Erde fallen lassen, so dicht stand alles, Kopf an Kopf; so auch keinen Schritt weder vorwärts noch rückwärts thun, ohne entweder jemand auf die Füße zu treten oder von ihm getreten zu werden. Die Seilerburschen und Matrosen aber, deren eine große Menge auf dem Markte war, und die jedesmal die ausgelassensten und schlimmsten sind, nahmen gleich von Anfang allerley lustige Streiche vor. Denn bald nähten sie den Leuten, Frauenzimmern und Mannspersonen, ohne Unterschied, Kleider, Ermel, Koller und Rockschöße mit Packnadeln zusammen, so daß sie nicht wieder auseinander konnten. Bald warfen sie wieder den alten Weibern vor dem Junkerhof ihre Körbe mit Walnüssen oder auch {22}

ihre mit Aepfeln, Pfefferkuchen, Lichtern und Laternen besetzten Christtische über den Haufen, und freuten sich dann über den Halloh, den es gab, wenn die Jungen brav auflasen und die Weiber mit ihren Fäusten brav zuschlugen.
Zuletzt hatten ihrer sogar einige vor dem Ratskeller, wo der Weinschank ist, Posto gefaßt, und wenn ein reputierlicher Bürgersmann, dem die frische Luft, bey dem Austritt aus dem Gewölbe, ein wenig den Kopf benahm, sich ungewisser wie gewöhnlich auf seinen Füßen zeigte, so drängten sie ihn so lang, bis er in eine Fischbutte fiel und die Karpfenweiber, die daselbst ihren Stand haben, mit ihren Fischnetzen und großen Wasserbehältern ihn wieder nüchtern machten. Wir sahen das Alles so mit an wie Jemand, der nichts Angelegentlicheres zu thun hat, und verweilten bald da, bald dort. Endlich und ebenfalls in der Gegend des Junkerhofes, vorn die Treppe herauf, gleich da am Eingang, wo die Zinngießer und die Leute, welche die großen Wachsstöcke verkaufen, ihre Buden haben, traten ein Paar fremde Gesellen an uns, auch aus dem Reich. Der Eine von ihnen sagte: “Guten Abend, Gesellschaft!” der andere aber fragte, ob es {23}

erlaubt sey, mit uns Kompagnie zu machen. Wir antworteten: “Warum nicht?" aber mir ahnete gleich nichts Gutes, besonders von dem einen Kerl, der den Huth quer über’s Ohr gesetzt hatte und recht desperat aussah. Er flüsterte dem Manheimer einige Worte in’s Ohr, während er kein Auge von mir verwendete. Wie ihm dieser aber erwiderte: “es hat nichts auf sich, es ist der Sohn meines Krauters” [Krauter, ein Provinzialausdruck für Patron, Meister] … so gab er sich, wie es schien, zufrieden, und wir gingen weiter. Mittlerweile waren wir auch bey den Buchbinderläden vorbey, hinten herum, wo die Lotterie gezogen wird und die Tischler mit Schränken und Commoden ihre Ausstellungen hatten, dem Ausgange des Junkerhofes ganz nahe gekommen. Weil nun hier die Passage sehr eng ist, der bösen Gesellen aber, die aus Muthwillen stopfen halfen, viel waren, so geschah es, obgleich die Wächter genug schrien und mit ihren Stangen Luft zu machen suchten, daß dennoch einige ansehnliche Leute im Gedränge stecken bleiben, Andere ihre Hauben und Hüte verloren. Mich hatte der Strom der Menge mit solcher Gewalt in den Rücken gefaßt, {24}

daß ich wie unbeweglich vor einem jungen, sehr schönen und wohlgekleideten Frauenzimmer stehenblieb, das darüber in keine geringe Verlegenheit zu gerathen schien. Aber denke sich der Herr Vetter nur ja nichts Arges dabey, oder daß ich mir etwa ihre Verlegenheit, wie die Uebrigen, zu Nutz gemacht; nein, ich stand bloß dichte bey ihr und sah sie an, und sie mich auch. Und ich sprach kein Wort, und sie auch nicht, sondern alles, was ich that, war, daß ich mit geballter Faust wehrte, daß von den Uebrigen sie Niemand anrührte. Und ich konnte wohl merken, daß mein Betragen ihr gefiel; denn da das Gedränge schon angefangen hatte, sich zu verlaufen, blieb sie noch einen Augenblick stehen, und als sie wegging, sah sie sich noch einmal mit freundlichen Mienen nach mir um und wurde roth, und ich auch. Und so ist sie verschwunden und habe sie seitdem mit keinem Auge gesehen. Aber daß ich dem Herrn Vetter meine Historie zu End‘ erzähle; als das junge Frauenzimmer kaum weggewesen, ist der Manheimer an mich getreten und hat mir gesagt, daß wir heut Abend bey Rekowsky’s auf der Altstadt zubringen wollten, und in der Consternation hab ich Ja gesagt und bin ihm gefolgt. Zum Glück {25}

aber sind wir bey der Nonnenkirche vorbey gegangen, und die Thür von der Kirche ist offengestanden, und mittendrin hing eine Lampe, die leuchtete hell und klar, und eine Stimme hat dazu oben vom Chor ganz fein und lieblich gesungen. Da ist mir allerley eingefallen, von meinen Eltern, und was ich sonst von jenem Hause auf der Altstadt gehört hatte, das nichts Gut’s war; und der Spruch aus der Bibel: “wenn dich die bösen Buben locken”, und habe alles in meinem Herzen erwogen und dabey gedacht “geh doch lieber in die Kirche, es ist besser!” Und da ich diesen Schluß einmal fest in meine Seele gefaßt, so hat mir Gott auch die Gnade gegeben, ihn auszuführen; denn ich habe mich alsbald darauf zu meiner Gesellschaft gewandt und ihr Adieu gesagt. Und wie ich fortging, hörte ich wohl, daß sie hinter mir her lachten, aber ich kehrte mich nicht daran. Und wie ich erst in der Kapelle war, wurde mir auf einmal das Herz wieder leicht, und weinte viel und laut, und wo ich hinsah, in den Kirchstühlen und überall, stand das junge Frauenzimmer von heut Abend vor mir und sah mich still freundlich an. Und die Musik ging fort, und die Lampe schien dazu, wie der Mond, wenn Vollicht werden will, und {26}

mir war nicht anders zu Muth, als ob ich den Himmel offen säh und alle Engel niederstiegen und ihre Freude daran hätten, daß ich hier war. Und seitdem, liebster Herr Vetter, ist es, daß ich der Musik so gut geworden bin, und habe meinem Vater so lang und viel in den Ohren gelegen, daß er sie mich nun lernen läßt, nämlich bey Herr Dominikus, auf St. Petri Kirchhof. Wiewohl das junge Frauenzimmer habe noch mit keinem Auge wieder gesehen und denke wohl, sie wird nicht von hier, sondern weit weg zu Hause seyn. Aber wie sich doch Alles in der Welt schicken muß!
Der ich die Ehre habe u. s. w.

Vierter Brief.

Danziger Reede, 1783, in der Dominikzeit.

Ich mache auch Verse, und Monsieur Wedel, der Buchdrucker, nämlich der Aelteste, mit dem ich noch zusammen bey Hrn. Engel in die Schule gegangen, hat vorigen Sonnabend, als ich für meine Eltern die Danziger Erfahrungen abholte, zu mir gesagt, daß sie gar nicht übel wären. Er meinte {27}

sogar, mit der Zeit könnte ich es noch weit bringen und ein eben so berühmter Dichter aus mir werden, wie Herr B..., der Prediger zu Petershagen, der jetzo für unsere Stadt die vielen Gelegenheitsgedichte macht. Aber das glaube ich nun und nimmermehr – das sagt er nur so; gedenke aber doch mit Gottes Hülfe darin fortzufahren. Damit aber der Herr Vetter selbst einen Gustum davon hat, so nehme ich mir die Freyheit, eine Probe derselben beyzulegen. Bitte aber nur gehorsamst zu excusieren, wegen der falschen Reime und des uneigentlichen Gebrauchs der Worte, oder wenn sonst etwas nicht recht ist; das bitte mir nur zu sagen, und will alles künftig besser machen.

Und als sie einst bauten den Turm zu Bab’l,
Da waren wir Alle noch nicht in der Welt,
Ich, der Patron und der Constab’l,
Und du, kleine Hexe, die mir gefällt.
'S ist eine schöne lange Zeit,
Vom Turmbau zu Babel bis auf heut;
Tuh mir die Tür auf, schöne Maid,
Oder ich schlag sie in Stücken.

Und als die Sündflut  trocknete ein,
Da kehrten eins, zwey, drey, viere, {28}


Zu Abram die heil'gen Englein ein,
Sein Weib stand hinter der Thüre,
'S ist eine schöne lange Zeit,
Von der Sündflut und Abram bis auf heut;
Thu mir die Tür auf, schöne Maid,
Oder ich schlag sie in Stücken.

Und als mein‘ Großmutter hat gefreyt,
So geschehen ist Anno Sieben,
Da sind so Spielmann, wie Hochzeitleut‘
Noch alle nüchtern geblieben.
'S ist eine schöne lange Zeit,
Seit meine Großmutter hat gefreyt, bis auf heut;
Thu mir die Tür auf, schöne Maid,
Oder ich schlag sie in Stücken.

Fünfter Brief.

Hochwasser bei Danzig, den 1. Oktober 1783

Neulich war ich in der Münde, und da sah ich einen Schiffer, dessen Schiff segelfertig lag, und wollte bald an Bord gehen und hatte schon klar gemacht.
Da begab ich mich auf ihn zu und bat ihn, er möchte mich doch mitnehmen, aber er ging fort und {29}

ließ mich stehen, ohne mich auch nur anzuhören. Und das verdroß mich nicht so sehr, daß er mir es abschlug, als daß er mir kein Wort darüber sagte; denn das hätte ich doch wohl verdient. Und wie nun der Abend kam und ich so am Ufer des Meers mißmutig auf und ab ging und das hinwegeilende Schiff, mit seinen weißen Segeln, so lange mit meinen Augen verfolgte, als ich es nur immer im letzten Sonnenstrahl entdecken konnte, ist mir abermals ein Lied eingefallen, das ich auch dem Herrn Vetter lieber gleich, und eh‘ ich es verliere, mittheilen will.

Der Knabe an der Ostsee
Am Strande der Insel Hela. Danzig, den 28. August 1783

Vögelein,
Jahr aus, Jahr ein,
Seh‘ ich an der Ostsee kommen;
Keines hat mich mitgenommen
In ein fremdes Land hinein,
Vögelein, Vögelein!

Vögelein!
Jahr aus, Jahr ein
Sitz ich hier, ich armer Knabe;
Auf der Welt ich niemand habe,
Hier auf diesem harten Stein;
Vögelein, Vögelein! {30}

Vögelein,
Jahr aus, Jahr ein
Sollt ihr kommen, sollt ihr fliegen,
Und ich werde schlafend liegen
Unter diesem harten Stein;
Vögelein, Vögelein!

Sechster Brief.

Kloster Oliva bei Danzig, d. 10. Juni 1784

Vorigen Donnerstag haben die Katholiken zu Schwarz-München groß Fronleichnam und einen Umgang gehabt, und weil ich das gern mit angesehn, so habe ich meinem Vater schon frühe darum das Wort gegeben. Der hat es mir auch erlaubt, nämlich, wenn ich den Tag über fleißig wär und brav arbeitete. Das habe ich auch getan; auf den Abend aber, und wie es dazu kam, daß ich gehen sollte, machte die Mutter allerlei Einwendungen, und hatten es mir doch beide versprochen. Und ich war recht aufgebracht, und vergaß mich so in Worten, daß sie mich schlug, und ich fortlief, und bei mir selbst schwur, ich wollte nun nie wieder meiner Eltern Schwelle betreten. Und wie ich mit {31}

diesem Vorsaz auf die Straße kam, sah ich Herrn Gutfall, einen alten Nachbar von uns, der über der Thür lag und mich anrief und fragte: was ich vor hätte oder wohin ich so eilig wollte? Aber ich antwortete ihm nicht, sondern sturte bei ihm vorbei, als ob mir der Kopf brennte. Und er brannte mir auch, und die Füße dazu. Und ein paar Schritte von da traf ich auf ein alt Schifferweib, die hinkt’ auf einem Fuß; ihr Mann, der fährt auf Ostindien, und sie geht so in den Häusern von der Stadt herum, hausiert und verkauft ostindische Tücher. Und ich trat zu ihr und sagte: “guten Abend, Mutter!” und sie antwortete: "schön’n Dank, mein Sohn!” Und ich fragte sie weiter, ob sie nicht Jemand wüßte, der mich mitnähme nach Ostindien, weil ich große Lust hätte, zur See zu gehen.“ Und sie gab mir darauf zur Antwort: “wohl, mein Sohn, wenn du das gedenkest; so komm du nur heut Abend, zwischen acht und neun Uhr, wenn es finster wird, zu mir zwischen den Siegen, hinter den großen Kamelspeicher, wo meine Wohnung ist; da will ich dir schon einen Patron ausmachen und ein gut Handgeld dazu!” Und ich fragte sie noch ausführlicher: „wie es werden sollte, wegen meiner Eltern und der {32}

Nachfrage, weil die nichts davon wissen sollten.“ Und sie antwortete: damit habe es keine Noth, bis das Schiff aus dem Baum lege, wolle sie mich schon in ihrem Hause verbergen. Und wie die alte Hexe dies gesagt hatte, ging sie ihres Wegs das Fischerthor herauf und zu dem Memmonisten in die blaue Hand hinein und ich mit Gott des meinigen, nach der Kirche zu Schwarz-München. Und wie ich in die Kirche kam, sah ich, daß die Prozession schon angegangen war. Und der Herr Pater Prior ging voraus mit dem Kreuz, und die andern Herrn Paters folgten ihm nach und schwenkten das Weihrauchfaß, so daß die Wolken blau bis an die Deck von der Kirche emporstiegen. Und dann kamen die singenden Brüderschaften, mit ihren Fahnen, und jeder eine geweihte Kerze in der Hand. Und der Zug ging in den Kreuzgang, und ich stand vor Herrn Pater Lamberts Zelle, wo gegenüber das schöne Gemählde von Lazari Auferweckung von den Todten zu sehen ist. Und die Weiber, und was sonst eifrige Katholiken waren, die ihren Rosenkranz beteten, da sie merkten, daß ich wohl nicht ihres Glaubens, sondern ein Ketzer seyn mochte, stießen sie mich mit dem Ellenbogen, weil ich stand, und {33}

nöthigten mich so lange, daß ich auch niederknien mußte. Und indem ich kniete, zeigte sich in der Entfernung ein rother Baldachin, und es ging die Rede im Volk, daß darunter die Heilige Jungfrau kommen und vor ihnen erscheinen würde. Und als der Baldachin vor mir stand und ich meine Augen wieder aufschlug, ach! – Herr Vetter, liebster Herr Vetter! wie soll ich oder wie kann ich je zu Worten bringen, was in diesen Augenblicken mit mir vorgegangen ist! Ja, ich erkannte, in einem weißen Kleide und eine Myrtenkrone auf ihrem Haupt, dasselbe junge Frauenzimmer, das mir schon einmal, vor nunmehr einem Jahr, in dem Gedränge des Christmarktes erschienen war. Und sie sah mich wieder ebenso still aus ihren frommen, blauen Augen an, als ob sie mich fragen wollte, wo ich so lange gewesen sey? und wie sie so langsam an mir vorüberging, da versagte mir, als ich aufstehen wollte, das Knie, und alle Lichter in der Kirche zitterten in dem blauen Weihrauch, und die Orgel erklang, wie eine Posaune, und das Singen von den Prozessionsleuten versetzte mir den Athem. So rührte mir Gott das Herz, und ich betete voll Inbrunst und gelobte ihm, nie meine Eltern heimlich zu verlassen, sondern {34}

alles, wie es auch kommen würde, gelassen zu erdulden. Und wie ich nach Hause ging, durch das Fischerthor, lag Herr Gutfall, unser alter Nachbar, noch über der Hausthür und rief mich an und warnte mich wiederholt vor dem alten bösen Schifferweibe: ihr Mann sey ein Seelenverkäufer und sie hätten beide schon viele junge Leute unglücklich gemacht; deshalb ihnen auch ein Hochedler Magistrat, seit vergangenem Dominik, auf der Spur sey. Und ich danke ihm und noch mehr Gott, der mich nun zum zweiten Mal so sichtbarlich, durch einen seiner Engel, aus einer augenscheinlichen Gefahr errettet hatte.

Siebenter Brief.

Aller Gottes-Engel bei Danzig, den 10. August 1784.

Nein, Herr Vetter, daß das junge Frauenzimmer kein Engel gewesen, das laß ich mir nicht ausreden, nun und nimmermehr nicht. Herr Hutmacher John, in der Breitengasse, leugnet zwar, daß Engel sind; aber ich denke, wenn der liebe Gott sonst will, daß {35}

sie seyn sollen, so werden sie nicht erst bey dem Hutmacher John um Erlaubnis fragen dürfen. Mir ist es immer noch in frischem Andenken, was meine Mutter mir erzählte, als ich noch ein klein Kind war, wenn wir zur Winterszeit abends um den Tisch saßen, die Mädchens spannen und wir ihr dabei Etwas aus der Bibel vorlesen mußten. Da wurde sie einst von ihren Eltern, die auf Langgarten wohnten, nebst ihren zwei kleinen Schwestern nach Kloster Oliva zu einem Gärtner des alten Abts geschickt und sollte Blumen bey ihm holen, zu einem Bouket und um eine Braut aus der Verwandtschaft damit anzuputzen. Und es war gerade um Weihnachten und hatte viel und großen Schnee gelegt. Und da die Kinder in den Wald kamen, verirrten sie sich und wußten weder Weg noch Steg. Da überfiel sie die Nacht, und von weitem hörten sie die Wölfe, die gefährlich heulten, weil sie hungrig waren. Und sie ängsteten sich sehr und weinten laut. Und jedesmal, daß unsere Mutter so weit in ihrer Erzählung gekommen war, klammerten wir uns an ihren Rock und hielten uns fest an sie an. Und das Licht auf dem Tische brennte ganz blau und die ganze Stube schien uns voll Bäume und Wölfe zu {36}

seyn. Aber der Herr sandte seinen Engel mit einem feurigen Schwert. Dieser stellte sich vor den Ausgang des Waldes und wehrte den Wölfen, daß sie den Kindern nichts anhaben konnten. Und der Herr geleitete ihre Schritte, daß sie glücklich aus dem Walde heraus und in die Abtei gelangten, und wie sie daselbst vor der Thür des Gärtners von Oliva standen und anklopften, hörten sie drinnen die Frau desselben sprechen und zugleich die Klosterglocke von drüben, die so eben eins schlug. Und sie lobten Gott mit heller Stimme, nach glücklich überstandener Gefahr, und daß er sie so wunderbar errettet hatte. Und so, lieber Herr Vetter, wie Gott einst meine Mutter aus dem Walde geführt, so ist er auch mir jetzo mit den Seelenverkäufern gnädig gewesen. Ich denke darum immer, daß das ein gut Zeichen ist und daß er noch irgend sonst etwas mit mir vor hat; denn warum sollte er sich sonst die viele Mühe mit mir geben?{37}

Achter Brief.

Danzig, d. 25. Decb. 1784. Am Vorstädtischen Graben

Herr Drommert, der englische Informator, ist ein vortrefflicher Mensch und seine Mutter auch, die am grünen Thor sitzt und eine schwarze Samtkapuze trägt. Sie haben beyde mit meinem Vater gesprochen und ihm gesagt, er müsse mich durchaus studieren lassen. Mein Vater ist auch schon halb und halb dazu entschlossen – nämlich, wenn ich ihm verspreche, daß ich auch, wenn ich studiere, ihm noch ein Paar Stunden Tag’s in seiner Werkstatt helfen will. Jetzt geh‘ ich schon zweimal die Woche zu Herr Drommert; das hat er mir erlaubt; der gibt mir Lektion. Und weil ich kein Buch habe, so läßt er mich mit in seins einsehn; denn die reichen Patriziersöhne, die auch bei ihm das Englische lernen, sind viel zu vornehm dazu. Die denken schon, wenn ihr Vater im Rat oder im Schöppenstuhl sitzt, sie können die Nasen nicht hoch genug tragen. Besonders ist einer dabei mit einem weißen Federhuth und einem Degen an der Seite, der wird jedesmal so roth wie ein Puter, wenn ich ihm mit meinem Rock zu nah komme, und weiß doch für ganz gewiß, {38}

daß mein Vater, um den seinen zu bestechen, weil er Aeltermann, und jener Gewerkspatron ist, nur noch neulich zwölf Dukaten hat einwickeln müssen. Das ist wahr und wahrhaftig wahr; denn ich habe selbst dabei geholfen und das Geld für meinen Vater unter dem Titel “dem Gewerk zum Besten verunkostet” in Rechnung gebracht. Sehen Sie, liebster Herr Vetter, so geht es bei uns in Danzig zu. Aber was bekümmere ich mich um die großen Hansen! Ich denke so, daß es keine Kunst ist, fein Tuch zu seinem Rocke zu haben, wenn Eines sein Vater sich bestechen läßt oder – ein –
Der ich die Ehre habe u. s. w.

Neunter Brief.

Danzig an der Lestadia, Weihnachten 1784

Liebster Herr Vetter!
Nunmehr geht es immer besser mit mir. Ich mache gute Fortschritte im Englischen, und neulich hat mir Herr Drommert eine Übersetzung aufgegeben. Das Buch heißt Ossian, war auch leicht zu {39}

verstehen; aber ich besitze es nicht selbst. Indes hab‘ ich es abgeschrieben und so mein Glück daran versucht. So soll mir meine Arbeit auch ziemlich gerathen seyn; denn, wie sie daran gekommen, hat mich Herr Drommert so dafür gelobt, daß ich darüber fast roth geworden bin. Vollends, wie er versichert, ich hätt in Versen geschrieben und so, daß keiner von den Uebrigen es ebenso gut zu machen im Stande wäre: da sind mir fast vor Freuden die Augen übergegangen; die Patriziersöhne aber haben gegukt, nicht anders, als ob sie mich mit ihren Blicken durchbohren wollten. Und dabei hat es mein Lehrer keineswegs bewenden lassen, sondern er ist auch spornstreichs und mit dem Aufsatz in der Hand zu Herrn M. dem ersten Pastor von St. Petri Kirche, gelaufen; der hat mit meinen Eltern gesprochen, und nun heißt es für ganz gewiß, daß ich künftigen Johannis zu St. Peter in die Schule gehen und Theologie studiren soll. {40}

Zehnter Brief.

Lestadia, d. 1. August 1785

Liebster Herr Vetter!
Ich gehe nun schon ein Vierteljahr zu St. Peter, beim Herrn Rektor Payne, in die Schule. Es ist ein guter Mann, nur ein Bischen akkurat, besonders wenn das Schulgeld nicht auf dem Punkt da ist. Da rumort er auf dem Katheder wie nichts Gut’s und wirft die Bücher durcheinander, daß ich immer denke, er wird mir noch eins an den Kopf werfen. Für den überschickten Dukaten danke dem Herrn Vetter ergebenst. Er kommt mir recht zu Paß. Johannis ist nicht weit und das große Examen zu St. Peter vor der Thür. Da müssen wir nun die Schule mit rothem Scharlachtuch ausschlagen lassen, auf unsere Kosten, und jeder Primaner muß sich noch einen blauen Mantel anschaffen, mit gesticktem Kragen und goldenen Lützen. Mir stehen die Haare auf dem Kopfe zu Berge, wenn ich daran denke, wo ich all das Geld dazu hernehmen soll. Apropos! jetzt hab ich schon selbst drei Informationen. Was ich bei Tag versäume, das hole ich bei Nacht wieder ein. Da trink ich Kaffee und stelle, um {41}

wach zu bleiben, die Füße in kalt Wasser, und da muß ich sagen, daß das ein recht probat Mittel ist, um wach zu bleiben.
Der ich die Ehre habe u. s. w.

Eilfter Brief.

Lestadia. 1785, am Tage Simon Judä

Neulich begegnete ich auf dem großen Kirchsteig von St. Peter unserm Herrn Kirchvorsteher. Es war Sonnabend Nachmittag, und die Herren von der Gemeinde sollten eben auf der Schule zusammenkommen. Da mein Vater nun, wie sie es nennen, Besucher ist, und was arme Kinder von der Gemeinde sind, für deren Kleidung zu sorgen hat, so kennt ihn der Herr Kirchvorsteher gar genau. Deßwegen rief er mich an und that die Frage an mich, „ob es denn wahr sey, daß mich mein Vater Theologie studieren lasse?“ Und ich erwiderte ihm darauf geziemend, mit einem höflichen Bückling, auch mit entblößtem Haupte: „Ja, mit Ewr. gestrengen Herrlichkeit Wohlvernehmen.” Darauf fuhr er fort: {42}

„Wie? ohne Geld?” und dann, nach einer Pause, setzte er vor Erstaunen und wie Jemand, dem, weil er dick ist, das Reden sauer wird, die Worte hinzu: „Und nachher?” „Da gedenk ich, mit Ewr. gestrengen Herrlichkeit Wohlvernehmen auf das hiesige Gymnasium zu gehen.”  „Und nachher?” – „Da will ich die Universität besuchen.” „Und nachher?” „Da will ich Candidat werden.” – „Er ist ein einfältiger Mensch!” „Ja, mit Ewr. gestrengen Herrlichkeit Wohlvernehmen; aber eben deshalb will ich studieren, um es nicht zu bleiben.” Ich konnte merken, daß den Herrn Kirchenvorsteher diese Antwort verdroß; denn er wandte mir alsbald den Rücken und ging davon. Ich aber blieb ganz verwirrt stehen und sah ihm mit betrübten Augen nach. Und der Junge des Todtengräbers Balthasar, der am Kirchsteige wohnt, und, weil er über der Thür lag, alles mit angehört hatte, lachte mich laut aus, Und ich wußte nicht, vor Scham und Verdruß, wo ich mein Gesicht verbergen sollte. Aber, liebster Herr Vetter, wie kann man nur gegen Jemanden, dem man nichts gibt, bloß deshalb, weil man selbst viel Geld und er keins hat, so übermüthig seyn? Dieß Gespräch hat mich so in mich gekehrt, daß ich darüber, als {43}

ich zu Hause gekommen bin, die bittersten Thränen vergossen habe.
Der ich die Ehre habe u. s. w.

Zwölfter Brief.

Klosterhof von Graumünchen 1785, am Tage der heiligen 3 Könige.

Gestern, liebster Herr Vetter, kam der Famulus die Treppe vom Pilatium herunter und teilte unter Sekundanern und Primanern, im Kreuzgang, gedruckte ZetteI aus. Da ich mir auch einen ausbat und ihn auch erhielt, sah ich, daß es ein Lektionscatalogus war. Darauf stand die Zahl der Collegien, die Professoren, die sie lesen würden; wie, wo, wann; kurz, alles haarklein. Unter andern kündigte auch ein Herr Professor K, der sich als Professor Poëseos unterschrieben hatte, für das künftige halbe Jahr ein Collegium Stili an. Das freuete mich nun über die Maßen, daß ich doch wieder was von der Dichtkunst hören sollte, auf die ich mich immer mit so großem Eifer gelegt hatte, besonders, da wie es schien, Philosophie und Ver- {44}

nunftlehre in einem und dem andern Stücke mir wohl noch zu schwer seyn möchte. Denn wie ich Tags zuvor in Erfahrung gebracht, so hatte sich dem Herrn Professor S. die Kantische Philosophie, die er las, auf die Nerven geworfen, und die Ärzte versichern im ganzen Ernst, daß er daran gestorben sey. Wenn das nun dem Professor selber begegnet, so läßt sich an den Fingern abnehmen, was wir als Studenten zu erwarten haben. Doch wieder auf den Professor der Poesie zu kommen, so ging ich den andern Tag, früh um zehn Uhr, wie er die erste Stunde las, hin und hospitierte bei ihm. Ich hatte vor Freuden die Nacht kaum schlafen können; aber mir war wunderlich genug zumute, als mein Traum nun in Erfüllung ging und ein langer, hagerer Mann, während ich dasaß, in einem blauen Plüschrock ins Auditorium trat, sich auf’s Katheder setzte und mit hohlen Augen und einer noch hohlern Stimme, Einiges aus seinem Hefte vorlas, wobei er beständig an seinem Stockknopfe sog. Schon hier dachte ich bei mir selbst: der sieht gar nicht aus wie ein Professor der Dichtkunst: aber ich faßte mir jedoch ein Herz und ging, da die Stunde aus war, zu ihm. Er bewohnt ein Haus {45}

auf dem Klosterhof, ganz zuletzt, und dem Wall zu. Nach einem höflichen, aber sehr trockenen und ernsten Empfang von seiner Seite entdeckte ich ihm von der meinigen erst die Freude meines Herzens, die ich darüber verspürte, daß er Professor der Dichtkunst sei, und dann die Hoffnung, der ich Raum gab, weil ich selbst einige Stärke in diesem Fach fühlte, unter seinen Auspizien gute Fortschritte darin zu machen. Aber hilf Himmel! was für ein Gesicht, das er bei diesen Worten aufzog! Er versicherte mich, daß er schon fünfzehn oder achtzehn volle Jahre Professor der Dichtkunst sey, aber Gott solle ihn bewahren, daß er je in seinem Leben einen Vers gemacht. Auch habe er seine Herren Zuhörer immer davor gewarnt, weil eine lange und vieljährige Erfahrung ihn gelehrt, daß aus Menschen, die sich dem Versemachen ergäben, in der Regel nichts als Taugenichtse würden.
Ich stand vor ihm, wie vom Blitz gerührt, und seitdem ist es mir immer, wenn mich Jemand frägt, ob ich auch Verse mache, nicht anders zu Muht, als ob ich ihm antworten müßte: „Gott behüte, so gemein habe ich mich nie gemacht!” Aber sagen Sie selbst, liebster Herr Vetter, ob es nicht {46}

kurios ist, ein Professor der Vernunftlehre, dem sich die Philosophie auf die Nerven wirft, und ein Professor der Dichtkunst, der die jungen Leute warnt, daß sie keine Verse machen!
Der ich die Ehre habe u. s. w.

Dreizehnter Brief.

Alt-Fahrwasser bei Danzig 1785.
In den Zwölfen

Lieber Vetter!
Ich bin soeben einer dritten und sehr großen Lebensgefahr entronnen. Den zweiten Weihnachtsfeiertag hatte ich mir nämlich schon frühe vorgenommen, mit meinem jüngern Bruder nach der Legan Schlittschuh zu laufen, und dieser Plan wurde, wie der Nachmittag kam, auch wirklich ausgeführt.
Noch unter der Vesper liefen wir aus, und nah um drei Uhr waren wir schon durch die grüne Brücke durch, aus den spanischen Reitern hinaus und hinter dem Blockhause; die Gatter standen offen, und das Eis war, wie man sagte, sicher; denn es gingen schon starke Schlitten und Frachtfuhren auf {47}

Elbing und Thorn zu; auch machten sich viele Leute ein Vergnügen auf Schlittschuhen. Wie wir uns eine ganze Weile am Blockhaus aufgehalten, sah ich auf einmal hinter mich, wo mein jüngerer Bruder geblieben sey; denn da ich mit vollem Winde weniger lief, als segelte, so befürchtete ich, er möchte mir nicht nachkommen. Auch erblickte ich ihn in der That schon in einiger Entfernung. Ich wollte nun stehenbleiben und warten, bis er mich einholte; aber der Wind trieb mich so heftig, daß ich kaum Zeit genug hatte, ihm noch rückwärts mit meiner Hand einen Wink zu geben. Dieß wäre mir indes bald theuer zu stehn gekommen; denn wie ich mich nun wieder mit dem Kopfe umwandte, sah‘ ich, dicht zu meinen Füßen, eine Oeffnung, aus welcher das Wasser ganz schwarz und klar hervorsprudelte. Und ich erschrak und wollte hinten mit den Schlittschuhen einsetzen und mich halten; aber ich konnte nicht. Und so fuhr ich denn, mit aller Gewalt, in den offnen Schlund der Weichsel hinunter. Dabei verspürte ich ein solches Brausen in den Ohren, nicht anders, als wenn alle Kanonen von den Danziger Wällen vor denselben losgelassen würden. Und ich strebte mit Händen und Füßen, {48}

um womöglich wieder an die Wohne, wie sie es nennen, heraufzukommen; aber vergeblich, Und nach und nach verlor ich auch die Besinnung. Sollte es indes der Herr Vetter wohl glauben? Wie ich merkte, daß es mit mir zu Ende ging, und nachdem ich zuvor meine arme Seele Gott befohlen, stellte sich eine lebhafte Neugierde bei mir ein: was wohl aus derselben nach ihrem leiblichen Abscheiden werden möchte. Denn dieses war mein erster Gedanke unter dem Wasser. „So sollst du auf eine so klägliche Weise dein Leben einbüßen!” Mein zweiter: „Ach, meine armen Eltern, meine liebe Mutter, und mein herzlichster Vater, daß ich euch beiden in eurem Alter diese Betrübnis nicht ersparen kann!” Mein dritter: „Wenn nur Bruder Karl nicht auch auf dem Eise verunglückt!” Mein vierter: „Herr Jesu, dir leb ich, dir sterb ich, dein bin ich jetzt und in Ewigkeit! –” Wie ich amen sagen wollte, fühlte ich plötzlich eine Hand, die mich aus der Tiefe hervorzog. Und dies war mein jüngster Bruder Carl, der, als er das Unglück sah, das mich betraf, eilig herbei lief. Und obwohl die Fischer, die hier herumwohnen und die auf sein Geschrei aus ihren Hütten hervor und an das Ufer eilten, {49}

ihn laut genug warnten und winkten, weil es ein gefährlicher Fleck sey, daß er ja sich nicht zu nah hinwagen möchte – es ist nämlich eben da, wo Sommerszeiten, und, wenn der Fischzug im Gange ist, oft ganze Schiffsladungen kleiner Fische von Policei wegen in den Fluß geworfen werden, so daß von dem Oel, das sich daraus entwickelt, das Wasser eine so tranichte Beschaffenheit erhält, daß es im Winter nie zufriert, – so hat er sich dadurch doch nicht abhalten lassen, sondern ist bloß der Eingebung seines brüderlichen Herzens gefolgt und mir zu Hülfe geeilt. Und wie der Fluß mich wieder heraufbrachte; denn zum Glück war ich vom Blockhaus aufwärts, die Legane vorbei, gegen den Strom und das Fahrwasser gelaufen; so ergriff er meine Hand und drückte sie so heftig, daß ich die blauen Male davon wohl noch viele Monden an meinem Leibe werde mit mir herumtragen müssen. Und wie ich ihm zu schwer wurde – denn meine Kleider hatten Wasser gezogen, und überdem bin ich ja viel größer und älter als er – und wie ich ihn zu mir nieder auf das Eis zog, so achtete er die Gefahr des Untergehens nicht, die ihn bedrohte, und obwohl er seinen Tod vor Augen sah: so ließ er meine {50}

Hand darum doch nicht los. Und als, bei dem allmähligen Sickern des Eises und dem Zerbrechen der Tafeln die Stücken davon, die schärfer wie Glas waren, ihm Gesicht und Arm zerschnitten; – ja als er schon mit dem halben Leib im Wasser lag und das Blut ihm warm aus den Kleidern drang, da schrie er laut und weinte heftig; aber seine heiße Bruderliebe hat mich darum doch nicht losgelassen. Endlich – und wie die Fischer mit dem ungestümen Zuruf: „Verwegner Blitzjunge, du siehst, daß du ihn nicht retten kannst! Laß ihn treiben, laß ihn treiben, auf Gottes Gnade!” von allen Seiten auf ihn eindrangen, so schrie er zwar noch lauter und betete und weinte noch heftiger zu Gott; aber er ist dennoch nicht von meiner Seite gewichen und hat Noth und Tod recht brüderlich geteilt – bis zuletzt Haken und Stangen in Menge und von allen Seiten geschäftig herbeikamen und man uns beide, mich an den Händen, ihn aber an den Füßen, herausbrachte. Und wie man uns so allmählig ans Ufer zog, geschah es, daß, weil er auf dem Gesicht lag und mich so fest an der Hand hielt, sein Blut überall, wo unser Weg hinging, das Eis färbte. Und wie ich wieder am Ufer stand, {51}

ging alles mit mir um, und ich konnte mich kaum aufrecht halten; wußte auch lange nicht, ob ich im Himmel oder auf Erden, unter dem Eis oder auf dem Eis oder im Hause meines Vaters an der Lestadia war. Sie brachten mich aber in eine der Fischerhütten hinein, die nach der Münde zu, am Ausgang der Weichsel gelegen sind. Aber mein Bruder Carl, als ich, bei wiederkehrender Besinnung, ihn fragte, warum er so blutete, gab mir keine Antwort, sondern fiel mir weinend um den Hals, herzte und küßte mich und war nur froh, daß ich wieder lebte. Und so hat er’s denn die ganze ausgeschlagene Nacht getrieben und vor Unruhe kein Auge zugethan, sondern ist immerfort an mein Bett gelaufen und hat die Vorhänge hinweggezogen, um zu sehn, ob ich noch lebendig und nicht unten im Wasser bei den Fischen geblieben sei. Und so oft er dann, mit beständigem Hinhalten des Ohrs, sich überzeugt hatte, daß ich wirklich noch atmete, legte er sich wieder fröhlich in sein Bett und sagte zu meinen Eltern, die daneben in der Kammer schliefen: „Ja, er lebt noch!” Und wie ich mich wieder gänzlich erholt hatte, kamen alle unsere Gefreundete und Bekannte zu meinen Eltern und wünschten {52}

ihnen Glück zur Rettung ihres Sohnes. Und wir saßen zusammen und lobten und preisten Gott einmüthiglich, daß er mich nicht einem elenden Tod zum Raube dahingegeben, sondern so wunderbarlich durch die Hand meines guten Bruders aus der Weichsel errettet hatte. Meine Muhme aber, Frau Anna Martens, die, welche an der Heiligen Geist-Straße wohnt und mit Tuchen und englischen Waaren handelt (wie sie denn ein Mitglied der Brudergemeinden und auch sonst eine sehr gottesfürchtige Frau ist), legte mir die Hand aufs Haupt, segnete mich und sagte: „Johannes, Gott ist abermal mit dir gewesen. Er wird dich nicht verlassen, noch versäumen, so du ihn nicht verlässest; denn ich weiß und bin dessen gewiß in meinem Geiste, daß dich der Herr zu seinem Dienst erkoren hat!” {53}

Vierzehnter Brief.
(Aus späterer Zeit)

Halle, Steinstraße, 1788, 1. Mai.

O Vetter, liebster Vetter, wie oft habe ich gewünscht, noch ein Kind zu seyn, wie damals, als die Hintertür in meiner Eltern Hause offenstand und ich hinaussprang in das Feld und auf die Schiffswerfte, die die Sonne bestrahlte, und mit andern Kindern Ball und Reifen spielte! Glückliche Zeiten, als rings die weißen Segel der Ostsee, in alle Weltgegenden einladend, vor mir lagen und jede jugendliche Hoffnung, mit einem flatternden Lüftchen, einnahmen! Wie oft habe ich, über den blauen Fluß gebogen, der in stolzer Abendruhe dahinzog, stundenlang zugehorcht, wenn alles ringsum, bis auf das Echo in den Speichern, still war und nur hier und da eine polnische Rohrpfeife Töne von sich gab oder über die Gewässer daher, die ihr mit sanftem Geplätscher antworteten, eine Littauische Schallmei rief!
Alles dies ist nun vorbei. Diese ungekünstelten Empfindungen lassen sich mit nichts mehr zurückkaufen. {54}

Weimar 1805. Aus meinem Tagebuch
Schon als ein Knabe von zwölf bis dreizehn Jahren, wenn ich zu Grau-München in den Kirchstühlen saß und den Namen Kleist vor mir auf den Bänken eingezeichnet fand und es dann zu mir sagte, daß sein Fuß einst diese nämliche Stätte betrat, daß seine Hand einst auf dem nämlichen Platz ruhte, wo ich jetzt die meinige hinlegte, wie hat mir schon damals das Herz geklopft, wie das Leben mit seinen schalen Umgebungen mich angeekelt! Zuweilen bin ich dann hinausgelaufen, auf die Berge, in die Wälder und an die Ufer des Meeres, um das verschwiegene Leid meines Herzens an dem Busen der Natur auszuweinen, und ihr für meine immer offenen Wunden einen Balsam abzufordern.

Jene ewig denkwürdigen Verse Kleists:

„Ja Welt, du bist des wahren Lebens Grab.
Oft reizet mich ein heißer Trieb zur Tugend,
Vor Wehmuth rollt ein Bach die Wang‘ herab;
Das Beispiel siegt, und du, o Feu’r der Jugend,
Du trocknest bald die edlen Tränen ein: –
Ein wahrer Mensch muß fern von Menschen seyn.“ {55}

wie oft habe ich sie mir von dem Echo der Ostsee wiederholen lassen! Und wenn ich sie nun von Klippe zu Klippe erschallen hörte, und die Sehnsucht in mir erwachte, daß es mir doch ein Gott schenken möchte, wie dieser zu wirken und nicht ganz ohne Spur auf der Erde vorüberzugehen, fühlte ich mich milder in dem Gefühl der Wehmuht, das mich mit seinem Andenken umgab, und die Nacht kam, und die Sterne waren still, wie eine ewige Hymne, mir zu Haupten aufgezogen. Und als ich nun älter wurde und mein Beruf mir klärer und immer klärer vor den Augen lag, da wünschte ich mir wieder ein Schwert, um es zu führen, wie Er, und im Kriege zu fallen, wie Er. – Und ich kann es getrost und mutig sagen: der armselige Rechenpfennig des Lebens ist mir immer das wenigste gewesen, und ich hätte ihn getrost für jede edle That, die sich mir auf meinem Wege dargeboten, hingeworfen. Ist es denn noch so, und regiert uns Alle kein Traum, sondern eine Bestimmung ewiger Gestirne, die jedem Menschen sein Lebensziel anordnet, so wird auch mich die dunkle Leitung meines Schicksals früh oder spät auf die Bahn führen, die mir zukommt! Welch eine Zeit, in die wir gefallen sind! Die Kunst selbst im {56}

Widerspruch mit der Natur! Die Politik mit der Freiheit! Eine kleine Gegenwart, die mit einer größern Zukunft schwanger scheint! Was wird, was muß Alles dieses für Resultate herbeiführen? Eins davon ist schon gekommen, und dieses heißt:

Abschied der deutschen Reichsstädte

Als sich zu ihrem Untergang
Einst deutsche Freiheit neigte,
Doch jede Mus‘ im Hochgesang
Noch ihren Priester zeigte,

Als Göthe hinschritt zum Parnaß
Von Frankfurts Traubenhöhen,
Aus Biberach, wo Wieland saß,
Und Klopstock war zu sehen:

Da sprach betrübt die alte Kunst,
Als sich die Künstler setzten:
"Herr Albrecht Dürer, da mit Gunst,
Schau her! Es sind die Lezten!

Gib, Vater Holbein ihnen Ehr‘,
Im Tanz der Pieriden!
Nun klirren Waffen und Gewehr;
Mein Reich ist nun verschieden! {57}

Sie wollen nur, was nutzt und frommt
In Zukunft ihren Staaten:
Geliebte Kinderchen, nun kommt,
Fliehn wir vor den Soldaten!

Kommt! Lasset uns auf andern Höhn
Uns Lorbeerkränze winden!
Die sollen scharfes Auges sehn,
Die hier uns wieder finden!”

Sag selbst, theuerste Freundin, ist es nicht so, als ob alle deutsche alte Reichsstädte beschlossen hätten, noch kurz vor Torschluß jegliche irgendeinen Abgesandten an den Parnaß zu schicken? So ist nur neulich wieder der ehrliche Meister-Sänger Grübel aus Nürnberg eingetroffen – und mehrere. Und so habe ich mich denn auch in Gottes Namen auf den Weg gemacht und fast als ein Knabe das Haus meiner Eltern verlassen, und die dunkle Heimath, und die Werkstatt meiner Jugend, und stehe nun hier, in der Fremde, ohne weitere Freunde und Bekannte, als die mein Talent mir verschafft, mitten in einer ehrwürdigen und großen Versammlung und weiß ja selbst nicht, wie ich dahin gekommen bin; begehre auch dessen, was ich gethan habe oder noch {58}

thun werde weder Lob noch Bewunderung; des Tadels aber ist mir ohnedies genug zu Theil geworden – denn sofern einiges Verdienst dabei ist oder ein Makel, so ist beides ja nicht mir beizumessen, sondern lediglich meinem Schicksal, das mich wunderbar geführt von meiner Jugend an und in einer harten Schule erzogen hat, so daß ich wohl mit größerem Rechte als mancher von sich sagen kann: Ein Gott hat mich getrieben, und ich habe es nicht lassen können! {59}

III.
Seestücke.
Gedichte. Erzählungen. Briefe. {61}

I.
Sommer 1808.

Und der Sommer kam. Die Freunde
Rings verreisten zu den Bädern
Und besuchten die Gewässer.
Ich indessen lebte seelig,
Mit den Nymphen von den Bergen,
Mit den Nymphen von den Thälern,
Mit den Nymphen von den Flüssen.
Da besuchten mich die Schiffer,
Da besuchten mich die Mädchen,
Da besuchten mich die Musen.
Alle Wasser in den Höhen,
Alle Brunnen in den Tiefen,
Alle Quellen hört' ich rauschen.
So mit Nereiden, Schiffern
Und mit Göttern seelig, konnt' ich
Jedes andern Bad's entbehren. {62}

II.
An die Muse des Meer's.

Die Quellen.
Und weil wir so frölich beisammen hier sind,
Die Wellen und Amor, das liebliche Kind:
So laßt uns auch frölich einander erzählen,
Warum wir in Lieb' und in Haß uns so quälen.
O heilige Welle, o brausendes Meer,
Nun gib dem Gesange der Quellen Gehör!

Die Schiffer.
Und weil wir so frölich beisammen hier sind,
Die Schiffer und Amor, das liebliche Kind:
So laßt uns auch frölich einander erzählen,
Warum wir in Lieb' und in Haß uns so quälen.
O heilige Welle, o brausendes Meer,
Nun gib dem Gesange der Schiffer Gehör!

Die Dichter.
Und weil wir so frölich beisammen hier sind,
Die Dichter und Amor, das liebliche Kind:
So laßt uns auch frölich einander erzählen,
Warum wir in Lieb' und in Haß uns so quälen.
O heilige Welle, o brausendes Meer,
Nun gib dem Gesange des Dichters Gehör!

III.
Amor, ein Schiffer.

Amor ist ein loser Knabe,
Und so übt er nichts, als Possen.
Neulich ist er mir erschienen.
Spät, mit lauten Schlägen, klopfte
Wer vor meines Hauses Thüre:
Und als ich sie aufgeschlossen,
War es Amor: und er sagte
Leise zu mir diese Worte:
„Ei, mein edler Herr und Gastfreund,
Wie so gar verändert bist du?
Ist das noch der muntre Knabe,
Den ich an der Ostsee Ufern,
Spielend einst, als Kind, gefunden?
Kaum erkenn' ich dich ja wieder:
So gelehrt bist du geworden!
Singst mir ja von nichts, als Blumen.
Wohnt denn Amor auf den Sternen,
Daß du so mir die Gedanken
Sets in ihren Lauf vertiefest?
Armer und betrogner Dichter!
Weißt du denn nicht mehr zu lieben?
Weißt du denn nicht mehr zu küssen?
Komm! Berührt von diesem Pfeile,
Schenk' ich dir die ew'ge Jugend, {64}

Schenk' ich dir die muntern Lieder
Und die frohen Scherze wieder.
Laß nun auf der Ostsee Fluthen
Frisch den Wind dein Segel schwellen!
Singend gleiten wir herunter,
Ich und du, zu Sharons Nachen,
Daß der alte Fährmann mürrisch,
Hat er unser Lied vernommen,
In den Bart die Worte murmelt:
„Amor und ein Dichter kommen!" — {65}

IV.
Später Dank.

An die Schiffer der Ostsee.

Schiffer von Neptunus Gnaden,
Habt mich oft zu Gast geladen,
Wenn ich, als ein muntrer Knabe,
An der Ostsee schönen Ufern
Mich so gern zu euch gesellte.
Wie habt ihr mich da gerufen;
Mir gewinkt: „So komm doch, Knabe!"
Bis ich mich zu euch an's Feuer,
An den Dreifuß niedersetzte,
Und so hurtig, mit dem Löffel,
Wie der Schiffer selbst, bediente.
Solche Freundlichkeit der Sitten
Hab' ich von der Ostsee Schiffern
Frühe schon, als Kind, erfahren.
Darum ist es recht und billig,
Daß ich jetzt, ein Mann geworden,
Eurer schönen Gastgeschenke
Preisend auch in Liedern denke. {66}

V.
Der Anker und die Pfugschaar.

Ja, den schönen Hof des Landmann's
Und den sichern, schwarzen Acker
Zieh' ich vor den dunkeln Fluthen
Und dem ungetreuen Meere.
Hundertfältig, tausendfältig,
Zollt der Acker Korn und Früchte,
So du seinem Schooß vertrauest,
Stets, als treuer Freund, zurück dir. —
Was das dunkle Meer verschlucket;
Waaren, Ballen, Schiff und Schiffer:
Sagt, wer sah es jemals wieder?
Darum leb' ich auch befeindet,
Seit ich Schiffbruch litt im Meere,
Jenen tückisch dunkeln Mächten.
Darum hab' ich dir, Neptunus,
Und der Kunst des Ankerschmiedes
Einen ew'gen Haß geschworen.
Der ist mir der größ're Künstler,
Der, aus solchem falschen Eisen
Schmiedend einen Pfugschaar formte,
Klug damit im Schooß der Erde
Schwarze Wellen auszuwerfen. {67}

Hüpft denn auch herein die Saatkräh,
Mißglückt auch des Spätjahr's Arbeit:
Lieber will ich doch mit Saatkrähn,
Als mit Sturmgevögel theilen;
Lieber seh' ich jen', als dieses,
Frech auf meinem Acker sitzen! {68}

VI.
Der Gang in's Städtchen.

Gestern schickte mich mein Vater
Von den Schiffen in das Städtchen,
Waaren, die am Bord uns fehlten,
Bei dem Kaufmann einzuhandeln.
Als ich nun so längs dem Ufer
Schlenderte, mit meinen Grillen:
Was erblickt' ich da? Ein Mädchen.
In der Segeltuchfabrike,
Da, wo Seilerburschen, singend,
Sein im Sturm beschädigt Segel
Ein Ostindienfahrer brachte,
Stand sie an der offnen Thüre.
Und sogleich in ihr erkannte
Ich des Hauses schöne Tochter.
Und ich ging ihr freundlich näher,
Und begrüßte sie mit Züchten:
Voll von Huld und Anmuth dankte
Mir das liebe Mädchen wieder.
Wie wir weiter die Gespräche
Angeknüpft, ist mir entfallen;
Denn es stieg uns die Bekanntschaft
Mit dem Abend, mit dem Monde,
Still und herrlich, aus dem Meere.
Endlich fragt' ich sie: „wie heißt du?" {69}

Gab sie mir zur Antwort: „Märry!"
Und ich faßt' ihr beide Hände,
Und ich bat sie: „Liebe Märry,
Kannst du mich ein wenig lieben?"
Und sie sagte: „Nein, ihr Schiffer
Seyd so flüchtig, wie die Wellen,
Und noch falscher, als die Winde,
Die doch jeden Monat wechseln.
Aber, legt ihr mit dem Schiffe
Sonntag noch nicht aus dem Hafen —
Seht das schöne Haus am Ufer!
Kommt, dort will ich mit euch tanzen!" {70}

VII.
Der Sonntag
oder
die getäuschte Erwartung.

Oh du leidig loses Mädchen!
Hattest du mir nicht versprochen,
Wenn ich Sonntag mit dem Schiffe
Noch nicht aus dem Hafen legte,
In dem schönen Haus am Ufer
Eins mit mir vom Fleck zu tanzen?
Und nun ist es heute Sonntag,
Und von Tänzern klingt die Diele,
Und es fragen mich die Schiffer,
Und es fragen mich die Mädchen:
„Schiffer, warum steht ihr draußen?
Schiffer, wollt ihr denn nicht tanzen?
Kommt, der Tanz ist angegangen!"
Aber die verstörten Blicke
Auf mein dunkles Schiff im Meere,
Das vor Anker liegt, geheftet,
Möcht' ich lieber, Schiff und Anker
Mit dem wilden Meer vertauschend,
Mit den Wellen, mit den Winden,
Mit den Blitzen, in den Abgrund,
Als in fremder Mädchen Arme {71}

Zu dem Paukenwirbel fliegen!
Diesen Rosmarin, den schönen,
Den ich ihr zum Strauß bestimmte,
Hab' ich wild mit meinen Händen
Nun zerzupft, und ihn der dunkeln
Fluth zum Raube hingegeben. —
Aber Himmel — was erblick' ich?
Märry, meine holde Märry!
Kömmt sie dort, am Arm des Bruders,
In dem schönen Sonntagskleide,
Leuchtend, wie ein Stern aus Westen,
Nicht den Strand herauf gewandelt?
Ja, sie zeigt sich mir nun selber,
Und — dem Aug' ein neues Wunder! —
Nicht ihr Bruder, Amor führt sie!
Märry, meine holde Märry!
O wie soll ich dir vergelten!
Komm nun, komm in meine Arme!
Komm nun, komm' und laß uns tanzen!
Bis am Himmel alle Sterne
Untersinkend — Amors Fackel
Spät in's Meer dem Schiffer leuchtet! {72}

VIII.
Des Schiffersknaben lange Woche.

Sonntag hatt' ich sie gesehen;
Montag saß ich still am Mast;
Dienstag wollt' ich zu ihr gehen;
Mittwoch ist mir sehr verhaßt;

Donnerstag vergeht mit Gramen;
Freitag gilt mir völlig gleich;
Samstag laß ich mir nicht nehmen;
Sonntag ist mein Himmelreich!

Wenn, bei munterm Zitherspiele,
Ich zum stillen Dörfchen flieh:
Fremder Gäste seh' ich viele,
Die Gesuchte find' ich nie!

Und die Menschen, und die Bäume,
Und die Vögel, mit Geschrei,
Und die Flüsse — wie die Träume,
Ziehen sie an mir vorbei.

Endlich hatt' ich sie gefunden
An dem stillen Gartenthor.
O ihr einzig schönen Stunden,
Sagt, warum ich euch verlor?  {73}

Nicht ein Wörtchen konnt' ich sprechen.
Ach! so bald sie nur sich zeigt,
Möchte mir das Herz zerbrechen;
Aber meine Zunge schweigt.

Fahrt nur fort, mich auszuschelten!
Nennt mich feig und blöd gesinnt!
Laßt es mich nur recht entgelten!
Ja, ich bin Neptunus Kind!

Und das ist Neptunus eigen,
Daß er uns versagt das Wort.
Fisch und Schiffer sollen schweigen
— Nur die Wellen plaudern fort! {74}

IX.
Der getreue Schiffer

Manches Mädchen hört' ich sagen,
Daß dein Schiffer ihr gefällt.
Aber eitel sind die Fragen:
Was bekümmert mich die Welt!

Wie so sehr sie mich auch loben,
Das entlocket mir kein Wort;
Ja, wenn sie mich recht erhoben,
Schweig' ich still und gehe fort.

Sie nur mag mich schelten, tadeln,
Wie sie will; ich bleibe da;
Sie nur, sie versteht zu adeln
Jedes Nein und jedes Ja.

Sie, vor allen mir erwählet,
Sie, der ich von Anbeginn,
Ob sie gleich zu Tod mich quälet,
Treu und fest ergeben bin.

Ihr allein will ich gefallen;
Sie allein gefällt mir nur;
Mit den andern Mädchen allen
Dünkt ein Scherz mir Unnatur. {75}

Zwar sie haben hohe Reize,
Das ist wahr, ich läugn' es nicht;
Aber das, wonach ich geize,
Das besitzt nur ein Gesicht!

Blaue Augen, schwarze Haare,
Ob ihr gleich mich sehr betrübt,
Bringt ihr gleich mich auf die Bahre,
Seyd ihr mir doch sehr geliebt.

Kann ich noch im Tode singen,
Wie dem Schwan ein Ton entflieht:
Sing' ich euch, vor allen Dingen,
Noch ein liebesel'ges Lied!

Und nun soll ich von euch scheiden?
Und nun rollt so wild das Meer
Zwischen mich und meine Freuden
Einen dunkeln Berg daher!

Lieber Schiffer, weile, weile!
Ach! noch sind wir kaum an Bord,
Und mich dünkt, schon eine Meile
Wären wir im Hafen fort. {76}

X.
Wenn ich kann!

Ja, nun will ich dich vergessen,
So wie du es mir gethan.
Sey nur stolz! ich bin vermessen,
Falsches Mädchen — wenn ich kann!

Ja, nun will ich recht dich kränken.
Feierlich gelob' ich's an,
Niemals mehr an dich zu denken,
Niemals, niemals — wenn ich kann!

Sollte mich dein Aug' entzücken —
O entsag' dem stolzen Wahn!
Ich will deinen Zauberblicken
Mich entziehen — wenn ich kann!

Meinetwegen magst du sterben.
Ernst, gefaßt, und wie ein Mann,
Ohne je mich zu entfärben,
Will ich's hören — wenn ich kann! {77}

Wenn sie dir das Grab bereiten,
Und das Lauten hebet an,
Will ich selber dich begleiten,
Und mich freuen — wenn ich kann!

Ob ich gleich vor Thränenbächen
Jetzt nicht weiter reden kann,
Will ich doch mich schrecklich rächen,
Falsches Mädchen — wenn ich kann! {78}

XI.
Der versöhnte Schiffer

Und so hatten wir gebrochen;
Und so war es denn geschehn;
Und in funfzehn langen Wochen
Hatten wir uns nicht gesehn.

Ruhig lag mein Schiff im Hafen: —
Aber mehr, als Well' und Wind,
Wind und Welle, die entschlafen,
Quälte mich ein schönes Kind.

Sieh da glimmt des Pharus Leuchte.
Rasch fällt mir der Abschied ein;
Doch als ich die Hand ihr reichte,
Konnt' ich kaum in's Schiff hinein.

Und da sah ich Thränen fließen
Von dem schönsten Angesicht;
Lag gebannt zu ihren Füßen: —
Aber reden konnt' ich nicht. {79}

„Warum weinst du so, mein Leben?" —
Und sie fiel mir um den Hals;
Und sie hatte mir vergeben;
Und nun weint' ich ebenfalls.

Doch zu spät — denn günst'ge Winde
Herrschten mahnend schon im Port,
Rissen von dem schönen Kinde
Unerbittlich schnell mich fort. —

Lieb' um Leid versüßt das Leben.
Aber weint, ihr Augen, weint,
Wenn euch Lieb' um Leid im Leben,
So wie mir, zu spät erscheint! {80}

XII.
Verwünschung des Amor.

Mädchen! Mädchen! — Schiffer, bauet
Nie auf eines Mädchens Treue!
Schiffer! Schiffer! – Mädchen, bauet
Nie auf eines Schiffers Worte!
Wer den Mädchen sich vertrauet,
Der vertrauet sich den Winden:
Wer den Schiffern sich vertrauet,
Der vertrauet sich den Wellen.
Schiffbruch leidet man mit beiden,
Mit den Wellen, mit den Winden,
Mit den Mädchen, mit den Schiffern;
Denn die Mädchen und die Schiffer,
Und die Wellen und die Winde,
Und der Himmel und die Erde,
Und die Sonne, Mond und Sterne,
Alle, alle sind Verräther! – – {81}

XIII.
Klage des kleinen Schifferknaben.

Neulich als ich mit dem Schiffe
Wieder mich dem schönen Hafen
An der Ostsee Ufern nahte:
War ich kaum an's Land gestiegen,
Als ich, in dem Fischergäßchen,
Wo mein liebes Mädchen wohnte,
Mich nach Cynthien befragte:
Doch was mußt' ich da vernehmen?
O mein Schiff! o hätt' im Meere
Doch ein Donnerschlag dich lieber,
Eh' ich dieß vernahm, betroffen!
Cynthia, das Schiffermädchen,
Ist nun vornehm, ist von Stande,
Eine Dame gar geworden,
Geht einher in schönen Kleidern,
Wohnt in prächtigen Palästen,
Einen Schweizer an der Thüre.
Und du wagst es anzuklopfen?
Armer Junge, geh nach Hause;
Geh', ertränke deines Jammers
Mißgeschick im dunkeln Meere!
Deine schlichte Schifferkleidung
Stimmt ja schlecht zu Cynthiens Wohnung,
Zu der Marmorsäulen Golde, {82}

Zu dem Fackelglanz der Kerzen.
Und dein Herz und ihre Schande —
Nein die stimmen nie zusammen!
Cynthia! Cynthia! Schande, Schande
Hast du eingekauft für Liebe!
O, das war ein schlechter Handel!
Sieh, für meine Schwür' und Thränen
Nahmst du eine Hand voll — Perlen!
Nun gehabt euch wohl, ihr Bäume!
Euch vertauschte sie mit — Schweizern.
Nun gehabt euch wohl, ihr Quellen!
Euch vertauschte sie mit — Spiegeln.
Nun gehabt euch wohl, ihr Vögel!
Euch vertauschte sie mit — Stutzern.
Und du kleine Fischerwohnung,
Und du Himmel, und du Erde,
Und ihr Sonne, Mond und Sterne,
Nun gehabt euch wohl! Verrathen
Seyd ihr, wie der arme Schiffer!
Bäume, hört nun auf zu rauschen!
Quellen, hört nun auf zu murmeln!
Vögel, hört nun auf zu singen!
Sterne, hört nun auf zu scheinen!
Und du komm, Natur, im Dunkeln
Ewig mit mir fort zu trauern!
Deiner schönsten Töchter Eine;
Cynthia, sie ist gefallen! —
Aber warum weil' ich länger {83}

Noch an diesem Trauerorte?
O ihr Füße, wollt ihr treulos
Mir den letzten Dienst versagen,
Zu dem Ufer mich zu tragen?
Laß mich, Schwindel, daß ich schleunig
Meines Schiffes Bord erreiche!
Und dann weht, geliebte Winde,
Abwärts, abwärts, weht vom Ufer,
Abwärts, oder in die Tiefe,
Wo ihr wollt — nur führt mich ferne
Diesem Land und diesen Menschen,
Wo die Ungetreue wohnet,
Wo mein Herz vor Grimm erkranket,
Und der Boden selber tückisch
Unter meinen Füßen wanket! {84}

XIV.
Klage des kleinen Schiffermädchens.

Mein Liebster ist gangen
Nach Brabant zur See.
Wer weiß, ob ich jemals
Hier wieder ihn seh!

Wir saßen zusammen
So traulich am Strand:
„Nun Liebste, was gibst du
Dem Liebsten zum Pfand?"

„Zum Pfande dem Liebsten
Was geben ich sollt':
Ich weiß ja, mein Liebster,
Nicht, was du gewollt!"

Da wollt' er beim Scheiden
Mich küssend umfahn;
Das mocht' ich nicht leiden —
Die Leut' es ja sahn. {85}

Sich herzen und küssen
Von Schiffern gesehn,
Steht sittsamen Blicken
Der Mädchen nicht schön!

Da wandt' er so trübe
Beim Abschied den Gruß:
„Du hast mir aus Liebe
Verweigert den Kuß!

Nun schiff' ich mit Zürnen
Zum anderen Ort;
Wohl schönere Dirnen
Erwarten mich dort!

Wohl schönere Dirnen
Aus Delft und Burgund,
Von rosigen Stirnen,
Von lieblichem Mund!

Nach Herzen und Küssen
Wird da nicht gefragt:
Zum Wunsche des Schiffers
Wird „Ja" nur gesagt!" {86}

Das ging mir zu Herzen
Mit tödtlichem Stich:
So bittere Worte
Verdient' ich sie, sprich?

Ich kann es nicht glauben,
Und sollt' es auch seyn:
Wie mochte mein Liebster
Mir ungetreu seyn?

Mein Liebster, bedenke
Mein Kleinod, mein Glück!
Komm nimmer mir, oder
Mit Treue zurück! {87}

XV.
Der arme Thoms.

Thoms saß am hallenden See.
Ihm that es am Herzen so weh.
Da klagten der Nachtigall Töne:
Helene!
Helene!
So klagte der Nachhall am See.

Thoms saß am hallenden See.
Ihm that es am Herzen so weh.
Da sangen ein Klaglied die Schwäne:
Helene!
Helene!
Antworteten Winde vom See.

Thoms saß am hallenden See.
Verblaßt ist die Wange zu Schnee;
Versiegt ist die brennende Thräne:
Helene!
Helene!
Rief dumpf aus den Tiefen die See. {88}

Ich folg', o hallender See!
O kühle das brennende Weh,
Ob lachend die Welt es verhöhne!
Helene!
Helene!
Rief leise verhallend der See.

Wer wankt so spät an dem See?
Und seufzt: o weh mir, o weh!
Wen suchest du, einsame Schöne?
Helene!
Helene!
Such' Thoms in dem hallenden See. {89}

XVI.
Der erzürnte Schatten.

An Helene.

Wie? du weintest bittre Thränen?
Seufzer wären dir entflohn?
So bewährt denn an Helenen
Auch die Untreu ihren Lohn!

Lieb' und Mitleid vieler Jahre
Schenkst du meinem Sterbetag? —
Nimm zurück von meiner Bahre
Einen Zoll, den ich nicht mag!

Nein, Helene, nein! verkenne,
So wie stets, mich auch im Tod: —
Nun ich Schatten Brüder nenne,
Eingeschifft in Charons Boot.

Was verfolgst du mich mit Sehnen
Bis zu Proserpinens Schooß?
Geh, ich bin für deine Thränen
Und dein Mitleid nun zu groß. {90}

XVII.
An ihren Schutzengel.

Woher bist du herabgestiegen?
Aus welchem Abendrothe kam
Dein Engel, als er diese Rosen
So frisch zu deinen Wangen nahm?

Wo glänzt die hohe Himmelsalpe,
Aus deren unverfälschtem Schnee
Er so gefällig dir die Glieder,
Mit Lilienglanz bekleidete?

Wo borgt' Er dieses Blau des Himmels
Zu deinem blauen Augenpaar?
Wo diese milde Nacht des Frühlings
In deinem dunkeln Lockenhaar?

Wo dieses überird'sche Schmachten,
Das, wenn dich nur mein Auge sieht,
Verstrickt in süßer Sehnsucht Netze,
Das Herz mir aus dem Busen zieht?

Wie Rosen, die am Stock verwelken,
So fällt mein junges Leben ab:
Erst schlossest du mir auf den Himmel —
Nun aber zeigst du mir das Grab. {91}

XVIII.
Verschmähte Liebesbitten.

Sie hielt in ihrer Hand die Blumen.
Wie bat ich, daß sie mir sie gab!
Sie sah mich an mit güt'gen Augen,
Und plötzlich — schlug sie mir es ab.

Jüngst hatte sie ein Band verloren.
Da wünscht' ich, daß sie mir es gab,
Nur mit Erröthen konnt' ich's wagen,
Und plötzlich — schlug sie mir es ab.

Ich bat sie, mir ein Wort zu schenken,
Ein Wort, wofür die Welt ich gab!
Wie konnte sie mein Herz so kränken?
Sie schlug dieß einz'ge Wort mir ab.

Wort, Band und Blumen sind verloren,
Der Himmel ist für mich das Grab;
Gern möcht' im Grab' ich sie vergessen,
Schlägt es der Himmel mir nicht ab. {92}

XIX.
Der Unvergeßlichen.

Dich Götterbild aus höhern Sphären,
Dich, die ein Engel mir erkor,
Dich, dich zu sehen, dich zu hören,
Dich, dich, im ganzen Schöpfungschor.

Dich, mit dem Abend, mit dem Morgen,
Dich, mit der Sonne, mit dem Mond,
Dich, wenn die Nacht mit tausend Sternen
Am heil'gen Pol des Himmels thront;

Dich, dich, mein einziger Gedanke,
Dich, Traumbild süßer Phantasien,
Dich, — ach ich zittre, beb' und wanke —
Laß mich zu deinen Füßen knien!

O all' ihr Heilgen, all' ihr Engel!
Zerreißt ihr diesen Herzakkord,
So nehmt nur auch zugleich mein Leben
Mit euch in eure Himmel fort. {93}

XX.
Die Erscheinung in den Bergen.

Daß Engel bei den Hirten wohnen,
Das hört' ich unten längst am Meer;
Und nun bestätigt mir ein Engel
Der schönen Vorwelt Wiederkehr.

Denn, als ich von des Meeres Ufer
Mich in das feste Land begab,
Da stiegst du plötzlich aus den Bergen,
Wie aus den Himmeln, mir herab.

Ich sah mit sel'gem Hocherstaunen
Ein Götterbild in Wolken stehn; —
Nicht konnt' ich seinem Glanz entweichen,
Nicht konnt' ich zitternd näher gehn.

Da bat ich so dich mit Erröthen:
„Laß ab, du Himmelslustgestalt,
Mit diesen Augen, die mich tödten!“
 — Da nun erbarmest du dich bald. {94}

Und nahmst mit seelenvollem Lächeln
Mir die Besinnung ganz hinweg,
Und führtest mich mit dir von dannen,
Auf einen hohen Alpensteg.

Dort irr' ich nun in blauen Bergen;
Mir ist's in stiller Abendluft,
Als ob mich jenseits aus der Ferne
Verschwiegner Sehnsucht Stimme ruft.

Als müßt' ich ewig mit dir ziehen,
Du Abglanz himmlischen Gesicht's,
Dahin, wo Engel zitternd knien,
Zum Quell des ungebornen Licht's!

Ja, mildre dir nur mit Gesängen,
Du heil'ge Seele, deinen Schmerz,
Und ziehe, wie mit Hirtenklängen,
Woher du stammtest, himmelwärts!

Wie Berg und Aether, ewig dauern
Wird deine Liebe wie dein Leid;
Ja strömt nur, strömt, verschwieg'ne Klagen,
In's stille Meer der Ewigkeit! {95}

Vom Meer bist du heraufgekommen.
Neptunus, den dein Lied verehrt,
Er hat dir diese tausend Thränen
Zu deinem bittern Loos bescheert,

Indeß dem Himmel nah die Alpe
Die Holde, die du liebst, gebar;
Und darum ist auch stets ihr Auge
Von Thränen unbewölkt und klar.

Auf, zündet unten an dem Meere
Zwei Kerzen euerm Schiffer an!
Neptunus, dunkler Gott der Fluthen,
Ich komme — nimm dein Opfer an! {96}

XXI.
Die verschlossene Thür.

Klopf' ich früh vor deiner Thüre:
„Nicht zu Hause!
Nicht zu Hause!"
Schallt es mir schon da entgegen.

Klopf' ich spät, bei Wind und Regen:
„Nicht zu Hause!
In der Kirche!"
Schallt es wieder mir entgegen.

Meinetwegen, Meinetwegen!
Nicht zu Hause!
In der Kirche!
Fortgestürmt, in Wind und Regen!

Angeklopft mit lauten Schlägen,
An des Todes
Dunkle Pforte,
Ob es ihm vielleicht gelegen! {97}

XXII.
Der verzeihliche Irrthum.

Ich sahe dich — da mußt' ich schnell entlodern,
Nie hatt' ich solchen Himmelsreiz erkannt;
Kaum wagt' ich, ein Gespräch dir abzufodern,
Kaum einen Blick und leisen Druck der Hand.

Auf einer Insel lebt' ich, hoch im Aether,
Sang manch ein Lied in frommem Dichterton;
Dir aber blieb ich stets nur ein Verschmähter,
Kein Mißgefühl ward meiner Lieder Lohn.

War's ein Vergehen, mir in's Auge blicken?
Von welchen Pflichten zähltest du dich los?
Nur Einmal leise mir die Hand zu drücken —
Selbst diese Gunst bedünkte dich zu groß.

So fällt denn solcher Himmelsreiz der Glieder
Nur stets anheim den Faunen zum Gewinn!
Du hast gewählt, mich hat der Himmel wieder —
Dich nimmt zum Eigenthum der Erdball hin.

O welche Blumen hast du Kind zertreten!
Du wirst es einst, jedoch zu spät, gewahr.
Wohl blühen täglich Blumen in den Beeten, —
Die Aloe kaum alle hundert Jahr. — {98}

XXIII.
Ein Abend am Meere.

Nun still von dieser Lieb' und diesem Leid,
Da Lieb' und Leid ja mit dem Mond hier wechselt!
Des Guten denk, wo Böses dich betrifft!
So füg', ein Mensch, dich menschlicher Bedingung!
Ist dir ein einz'ger schöner Sommertag
Erschienen, sahest du die Sonne ab und auf,
Und Mond und Sterne auf und niederziehn
In ruhigem und still verklärtem Glanze,
Und hörtest du der Vöglein Lied im Wald,
Und das Gebraus der Meeresfluth am Ufer,
Und legtest dann nach einem solchen Tag
Zufrieden auf den Abend dich zum Schlaf,
Und schliefst — und schliefst — und wachtest nimmer wieder:
Doch hättest du gelebt; — und dehnte Gott
Den Raum von deinen Jahren auch zur Zahl
Von tausend Jahren dir verlängernd aus,
Und altertest du mit der Weltgeschichte:
Nichts Schöners würdest du auf Erden sehn.
Es scheinen Sonn' und Mond so heut wie gestern,
Es schreitet das Gestirn den ew'gen Weg,
Es rauscht das Wasser ewig seine Bahn;
Dazwischen klingt der Voglein, Lied im Wald,
Und immerfort, am himmlischen Gewölbe
Wie unter ihm, erzählt Natur dasselbe. {99}

XXIV.
Das Erstaunen

Venus, melden alte Schiffer,
Sey dem Meeresschaum entstiegen;
Aber schöner noch als Venus,
Steigt mir jetzt ein Hirtenmädchen
Aus der Alpen Schooß herunter.
Sag, woher dein Ursprung, Liebe?
Hast du an dem Sternpol Brüder?
Sind dir Schwestern die Plejaden,
Die sich dort am Meer vergnügen?
Oder jene Tyndariden?
Die, wovon ein alter Schiffer,
Daß man Kastor, daß man Pollux,
Daß man Helena sie nannte,
Mir, dem Jüngling, einst erzählte?
Sind sie etwa dir Gefreundte?
Wie dem sey, woher dein Ursprung,
Wer die Eltern, die Gefreundten,
Wer die Schwestern, wer die Brüder
Und die seligen Gespielen:
Wolltest du mich armen Schiffer,
Lieblichstes der Hirtenmädchen,
Hier zu deinem Dienst erwählen:
Wollt' ich weder Mond, noch Sterne,
Noch die Götter selbst beneiden. {100}

XXV.
Abschied des Schiffers von den Bergen.

Schönheit auf dem höchsten Wipfel
Glänzt oft kalt und liebeleer:
So auf hohem Alpengipfel,
Liegt oft tiefer Schnee umher.

Welche Wunder! Beide Zonen
Wechseln in dem schönsten Weib;
Mai und Januar bewohnen
Einen und denselben Leib.

Hyacinthen, Lilien, Rosen,
Die der junge Frühling streut,
Wenn die Schmeichelweste kosen,
Diesen gleicht mein Mädchen heut;

Morgen weicht sie kaum an Kälte
Novazemblas Winterfrost.
Heut regiert die Sonn' im Zelte;
Morgen schütz' uns Gott vor Ost!

Nun gehabt euch wohl, Ardennen!
Hitz' und Frost hab' ich gefühlt;
Gluth, du wolltest mich verbrennen,
Schnee, du hast mich abgekühlt. {101}

XXVI.
Die Rache des Oceans.

„Herbei, herbei!
Wenn Schiffergeschrei,
Wenn Sturmes Gewalt
Am Ufer erschallt,
Ihr Ungeheuer,
Zu mir, zu mir!
So viel nur euer,
Dem Harpunier
In Grönland entronnen,
An Klippen sich sonnen,
Oder im kühlen Meergras schlummern,
Ihr Robben, ihr Krokodill' und ihr Hummern,
Du Schwertfisch und du gefräßiger Hay,
Herbei, herbei!“ —
Sie haben's vernommen;
Sie kommen
Geschwommen.
Sie jappen,
Sie schnappen
Nach ihnen, zerlegen
Mit Schwertern, mit Sägen
Die Hände, die Leiber {102}

Neptunischer Räuber;
Und nach geendigtem Todtenschmaus,
Da stehen umher, als Klageweiber,
Die Kinder in Vater Oceans Haus,
Und pflastern mit dem im Mondenscheine
Zu Schnee verblichnen Schiffergebeine
Ihm seine krystallenen Kammern aus. {103}

XXVII.
Der Schiffer und der Sturmwind.
Gespräch auf dem Meere.

Wohin, woher,
Im wilden Meer,
Du finstrer Geist?
Der sausend mein Tauwerk wie Fäden zerreißt,
Mein Anker wie Glas an Klippen zerschmeißt,
Das arme Menschenschifflein! sag' an,
Was hat es, du finstrer Geist, dir gethan? —
So frägt der Schiffer; und wie er frägt,
Der Sturmwind sein Schiff an Klippen zerschlägt.
Da donnert die Brandung, da schwimmen die Leichen,
Und können das Ufer nimmer erreichen: —
Und über des Abgrund's schwindelndem Bort,
Wo flattert ein Stück vom Segeltuch
Auf blitzumrötheten Mastbaumsspitzen,
Da wo der Seeaar einsam kreis't,
Da thront der finster gebietende Geist,
Und singt, mit Blitzen,
Mit Wellen und Winden, in wildem Accord,
Weit abgedonnert vom sichern Port,
Dem armen, versunkenen, schreienden Schiffer
Ein langes, ein grausiges Sterbelied fort. {104}

XXVIII.
Der Schiffer und die Schwalben.

Neulich traf ein armer Schiffer,
Selbst verstürmt im wilden Meere,
Eine Schaar verirrter Schwalben.
Müd' und matt vom langen Fasten,
Hingen sie um Rah und Masten
Seines Schiffes, ängstlich flatternd,
Die erschöpften Glieder an,
Baten um ein Obdach dann
Den erweichten Schiffersmann,
Der sie aufnahm, und zur Beute
Ihnen goldne Körner streute.
Aber mit des Morgens Grauen,
Da erhuben von den Tauen
Alt und Jung sich mit Geschrei,
Und der Zug begann auf's Neu.
Schiffer auf Neptunus Pfaden!
Wenn die regnigten Plejaden
Ausgeschüttelt ihr Gefieder,
Kehrt ihr einst zu den Gestaden
Meiner lieben Ostsee wieder,
Und erblickt ihr dort ein Mädchen, —
In dem schönen Haus am Ufer
Wohnt sie, in der dritten Thüre — {105}

So begrüßt von ihrem Schiffer
Mir das lieblich holde Mädchen!
Fragt sie weiter: „wie's ihm gehe,
Und wohin sein Kurs gesteuert?"
So ertheilt ihr diese Antwort:
„Dreimal löst' er die Signale,
Als wir ihn im Meer getroffen;
Aber immer wollt' ihm Rettung
Bringend noch kein Schiff erscheinen.
Arme Märry, gib dein Herz zur Ruh!
Schiffers Sterne ziehn dem Abgrund zu." {106}

XXIX.
Schiffers Abendlied im Meer.

Wenn spät mein Schiff im Meer,
Gleich Schwalben, streicht,
Und immer weiter mir
Das Land entweicht:
Dann wird von Thränen schwer,
Dann wird von Sehnsucht sehr
Mein Herz erweicht.

Keine Stund' um Mitternacht,
Kein Tag' entwich, —
So bald mein Aug' erwacht,
Gedenkt's an dich.
Alle Wogen im dunkeln Meer,
Alle Wind', alle Wellen umher
Rufen, Märry, dich.

Dich, wenn am Firmament
Kein Stern mir lacht;
Dich, wenn im wilden Meer
Mein Schiff mir kracht;
Dich, dich, in Nebelroth,
In Sturm, und Noth und Tod.
Lieb' Märry, gut' Nacht! {107}

XXX.
Loblied des Schiffers nach dem Sturm.

Groß ist und gut der Herr
In Ewigkeit!
Der Morgenröthe Licht
Dient ihm zum Kleid,
Die Blitze zum Gespann,
Er hält den Sturmwind an;
Da schweigt das Meer.

Lobsinget, Mond und Stern'.
Ihm immerdar!
Ihr Felsen, die er traf,
Seyd sein Altar!
Ihr hohen Cedern lauscht,
Neigt euer Haupt und rauscht
Ein Loblied ihm!

Und du, ein Ebenbild
Von seinem Glanz,
O Mensch, zu seinem Lob
Zerfließe ganz!
Dich hat er nackt und bloß
Aus dunkelm Erdenschooß
An's Licht gebracht. {108}

XXXI.
Lied des Schiffers im Hafen.

Nun gleiten wir frölich
Den Hafen herein,
Die spiegelnde Welle
Gibt lieblichen Schein.
Da winkt mir mein Liebchen
Schon über der Thür.
Wie Mond und wie Sterne,
So wandeln wir hier.

Wir wandeln am Ufer,
Wie Mond und wie Stern,
Und bald sind wir nahe,
Und bald sind wir fern.
Doch, nah oder ferne,
Und fern oder nah:
Winkt irgend wo Amor,
Sogleich sind wir da.

Ha, wie sich nun plötzlich
Der Hafen bewegt,
Wie alles mit Kesseln
An's Feuer sich trägt!
Rings lodern die Herde
Im festlichen Glanz;
Bald kommen auch Mädchen
Zum frölichen Tanz. {109}

Wir Schiffer, wir tanzen
Auf Wogen im Meer;
Wir schweben mit Winden
Und Wellen daher.
Wir tanzen, von Stürmen
Und Blitzen umdroht;
Wir singen im Donner,
Wir jauchzen im Tod. {110}

XXXII.
Die betrübte Schifferswittwe.

Auf St. Kathrinen stand ich früh.
Was sucht' ich? Einen Mann —
Weil sich ein Mädchen nie zu früh
Darum bewerben kann.

Da kam aus Brabant einer gleich
Und sah verliebt mich an,
Und mit dem fünften Glockenstreich,
War's um mein Herz gethan.

Glock sechs — da ging's schon stark aufs Frey'n
Glock sieben — war ich Braut,
Glock acht — war's Aufgeboth, Glock neun —
Da wurden wir getraut.
Glock zehn — erhob ein frischer Wind
Sich aus dem frischen Haf;
„Nun, sprach er, muß ich fort mein Kind,
Gehab dich wohl und brav!

Solch Wetter zum Makrelenfang
Hat lang' uns nicht getagt.
Laß dir die Zeit nicht werden lang! —"
Nun; — sey es Gott geklagt! — {111}

Nun sind's zehn Jahr wohl, daß er so
Im Meer Makrelen fängt,
Der Schelm! wenn er nicht irgendwo
An einem Mastbaum hängt.

Und hätt' ich nur für meine Qual
Noch seinen Todtenschein —
So könnt' ich doch zum zweiten Mal
Hier wieder Wittwe seyn. {113}

XXXIII.
Der Makrelenfang.

Oft schon hatten mich die Fischer-
Mädchen von der Insel Hela
Zum Makrelenfang geladen,
Bis ich gestern, unbesonnen,
Nebst noch vielen andern Städtern,
Ihrem Rath Gehör gegeben.
Abends um die vierte Stunde
Sind wir mit der vierten Schuyte
Von den Dünen abgesegelt.
Wie verwünsch' ich die Makrelen
Und die bösen Fischermädchen:
Wie verdank' ich es den Göttern
Und der Gnade des Neptunus!
Jene, die mich in's Verderben
Auf der Lustfahrt stürzen wollten —
Diesen, die mich durch ein Wunder
Noch vom Untergang gerettet.
Anfangs, als bei guter Witt'rung,
Wie sie zum Makrelenfange
Günst'ger nie gewünscht ein Fischer,
Mit dem nöth'gen Reis'geräthe —
Denn sogar ein Kohlenbecken,
Die Makrelen gleich zu braten,
Und zwei Prager Musikanten, {115}

Auch ein Mädchen mit der Zither,
Liederchen uns vorzusingen —
Hatten wir an Bord genommen.
Aber brate keins Makrelen,
Das sie nicht zuvor gefangen!
Gnad' der Mahlzeit, wo Neptunus
Kommt, ein Zitherlied zu spielen:
Als wir so — um die Erzählung
Nicht zu oft zu unterbrechen —
In das offne Meer nun stachen,
Ging die Fahrt sehr gut von statten,
Und die Sonne schien so heiter,
Und die muntern Fischermädchen —
Angeborner böser Muthwill'
Trieb sie an zu solchen Spielen —
Schlugen mit den Rudern öfters
In das Wasser, und besprützten
Mich, nebst andern Passagieren,
Die, derweil von Sonnenhitze
Sie ganz unerträglich litten,
Und davor mit weißen Tüchern
Kaum den Kopf beschützen konnten,
In der Schuyte Raum gemächlich
Unter luftig ausgespannten
Weißen Leinwandzelten saßen
Und von keinem Unfall wußten;
Bis im Zorn Neptunus Jemand
Auf den tollen Einfall brachte, {114}

„Daß es sich nicht anders schicke,
Als daß uns're Fischermädchen
Sämmtlich gegenwärtgen Städtern
Ihre Künste zeigen müßten.
Ich verbat mir dieß im Ernste,
Weil ich den Erfolg voraussah.
Aber wer vermöchte, Mädchen,
Sey'n es griechische Helenen,
Oder aus der Insel Hela,
Ist ein plötzlicher Gedanke
Ihnen in den Kopf gestiegen,
Je davon zurückzubringen?
Wie gesagt, gethan — sie legten
Also bald ihr Fahrzeug leewärts —
Kühn, mit halbem Bord nun segelnd,
Streiften wir, wie Wasservögel,
Die ein Jäger angeschossen,
Auf des Meeres Oberfläche. —
Plötzlich aber hat Neptunus —
Während von der vierten Schuyte,
Die zurück uns bringen sollte,
Schon das Pferd am Ufer graste —
Solche Saiten aufgezogen,
Daß dem armen Zithermädchen,
Die so eben uns zur Zither
Noch ein Liedchen singen wollte,
Schnell die ihrigen verstummten.
Südsüdostwärts aus dem Meere {115}

Kam ein ungeheurer Windstoß,
Der Verkünd'ger jenes Sturmwind's,
Der seitdem, von Danzigs Küsten
Bis zu Pillaus schönem Hafen
An der Ostsee rings verbreitet,
Hier so unerträglich wüthet: —
Und im Hui lag Schiff und Schiffer,
Musikanten und Makrelen
Alles unter, durcheinander,
Weit dahin in's Meer geworfen. —
Viel des bittern Meeres-Wassers
Hab' ich selbst verschlucken müssen:
Doch zum guten Glück erwischt' ich
Doch noch einen von den Fischern; —
Und auf ihm, wie auf Delphinen
Sitzend — denn es sind Delphine
Stets den Dichtern hold gewesen —
Bin ich endlich wohlbehalten,
Aber unerhört verspottet
Von den bösen Fischermädchen,
Noch an's feste Land geschwommen. {116}

XXXIV.
Die bestrafte Cynthia.

Jenes stolze Fischermädchen
Mit dem Purpurshawl, dieselbe —
Die mit ihrer Schnur von Perlen,
Auch Geschenk von ihrem Städter!
Sich so unerträglich brüstet, —
Kennt Ihr doch? Nun gut: Ihr Vater,
Markus Glück, der alte Schiffer,
Der mit einer Caviarladung
Plötzlich wieder in dem Hafen
Hier aus Cronstadt eingelaufen —
Wie der Alles dieß vernommen,
Klopft er plötzlich an die Thüre
Des Palastes, den die Tochter
Nun bewohnt, mit lauten Schlägen.
Da man ihm nicht gleich eröffnet,
Hat im Zorn der Alte Fenster,
Vasen, Spiegel, Ruhebettchen,
Zithermädchen und Bedienten,
Alles kurz und klein geschlagen,
Und sie selbst, die schöne Tochter,
Wieder zu der Fischerwohnung
Mit empfindlich harten Schlägen
Längs dem Ufer hingetrieben. {117}

XXXV.
Der Morgen auf den Schiffswerften.

Ruhig liegt im Sonnenschein der Hafen,
Gleiten Lootsen ab und auf,
Stehen Schiffe auf dem Stapel,
Andre, von Livorno, Napel,
Nehmen abwärts ihren Lauf,
Bringen Waaren zum Verkauf.
Welche Stimmen, welch Gewühl!
Alles rührt sich auf dem Werfte.
Wenn der Bootsmann, unter'm Kiel,
Mit dem Beil hier Bolzen schärfte,
Will der Schiffsjung' dort ein Seil
Knarrend um die Winde koppeln:
Und im Speicherecho doppeln
Schläge sich von Axt und Beil.
Hoch bis in die Wolkenspitzen
Dringt ihr Hurrah, klingt die See,
Wenn das Krummholz in die Höh
Sie empor zum Dreimast tritzen.
Auch nicht feir't indeß der Krahn.
Dieser windet Waarenballen,
Roth bezeichnet, Kaufmannsstücke,
Schönes Schiffsguth, von der Brücke,
Luft'gen Flaschenzugs, heran.
Aufgezogen
Steht sie da im halben Bogen, {118}

Hemmend einen Strom von Leuten.
Sammelnd sich zu beiden Seiten.
Fischerfahrzeug' aller Arten,
Die am Brückenaufzug warten,
Bis das Kauffartheischiff mitten
Stolz bewimpelt durchgeglitten:
Und so lärmt es auf der Docke,
Bis erklingt die Mittagsglocke
In der alten Glockenburg,
Bis am Werfte zwölf ist durch,
Und der Franzmann und der Pole,
Daß er Mittagsspeise hole,
Kochgeräth' im kleinen Kahn,
Zu dem Ufer schifft heran.
Aufgehangen
Zwischen Stangen
Sieht man da die Kessel prangen.
Längs des krummen Flusses Lauf
Qualmen düster Feuer auf. {119}

XXXVI.
Die Nacht im Hafen.

Selbst zur Nacht, wenn alles schweiget,
Knarrt und geiget
Noch der lust'ge Hafen fort,
Bellen hier und bellen dort
Doggen auf den Schiffsverdecken,
Muntern Laut's, den Dieb zu schrecken.
Sieh ein Licht, ein klein Legan! [So nennt man kleine, längs der Ostsee gelegene Schiffer-Herbergen.]
Wo der muth'ge Schiffersmann,
Mitten im Geräusch der Wogen,
Stampft zu muth'gem Fiedelbogen
Contretanzes Noten aus,
Bis zu Schiff erschallt es draus:
Auseinander nun die Hände!
Hui, nach Bristol, nach Ostende!
Weißes Schnupftuch in die See
Weht ihm nach „Ade! Ade!" {120}

XXXVII.
Gute Aspekten zur Fahrt.

Und der Schiffer steht am Mastbaum —
Und der Schiffer rückt am Segel,
Und befragt den schönen Kompaß.
Da ertheilen ihm die Winde
Froh geschäfftig gleich die Antwort:
„Komm! schon wartet in der Fremde
Dein ein andres Haus am Ufer,
Dein und deiner schönen Waaren,"
Will ein Wind sich offenbaren,
Einen Tubus in der Rechten,
Spricht der Wirth zu seinen Knechten:
„Dieser Wind bedeutet Fremde.
Laßt ein Essen uns bereiten!
Kömmt Besuch von Schiffersleuten;
Dieser Wind, in einer Stunde,
Bringt ein Schiff vom schönen Sunde,"
Also spricht vor seiner Frau
Klug der Hausherr, und genau
Läuft er auf und ab die Stiegen,
Sieht, ob Segel unten liegen.
Kommt das schöne Schiff herauf,
Trägt sie schon das Essen auf. {121}

XXXVIII.
Die Klage der Vögel im Marktschiff.

Frühe rührt sich Hof und Haus,
Rüstet groß ein Marktschiff aus,
Zieht uns Federn durch die Nasen,
Knarren Seile, Winde blasen,
Und der Kiel nimmt seinen Lauf
Nach der Stadt, zum Marktverkauf.
Und schon stehn wir an der Brücke:
Angebunden sind die Stricke;
Feilschen Käufer, Münzen klingen,
Mägde plappern, Köche dingen;
Tausend Stimmen hell und klar
Rufen: „Schiffer, wie theuer das Paar?"
Kriegt nun Jedes volle Körbe,
Volle Hände;
Und so nimmt der Markt ein Ende. —
Und schon feiert das Gewerbe,
Angethan mit weißer Schürze
Steht der Meister: „her die Würze
Von dem Schragen!
Mittagsglocke hat geschlagen;
Laßt ein Essen uns bereiten!" —
Stiller wird es nun von Leuten
Auf den Straßen; Frauen fragen,
Wo der Mann so lange bleibt? {122}

Junggesellen, unbeweibt,
Eilen zu den Eßgelagen:
„Aufgetragen!
Aufgetragen!"
Herr und Frau, und Knecht und Magd,
Allen ist es angesagt,
Alle haben es vernommen,
Sind zu Mittag niederkommen! {123}

XXXIX.
Die Klage der Flüsse über die Zollämter.

Zum Kukuck mit euern Brücken und Dämmen.
Und all den verwünschten Hindernissen,
Die uns armen Strömen und Flüssen
So unversehens die Weg' oft hemmen!
Da ziehen sie mächtige Schlagbäume vor
Und stellen, in einen blauen Rocklor
Denn eingewickelt, irgend so eine
Schelmen-Physiognomie davor,
Um am Ufer auf und ab zu spatzieren
Und, was an Waaren passirt, zu plombiren!
Kein Koffer, mit schönem Wachstuch bedeckt
Worein das seine Brille nicht steckt!
Und jeglichem übermüthigen Tadler,
Den etwa strafbarer Fürwitz neckt,
Daß er zu vorlaut hier wird, dem reckt
Ein großer gewaltiger Doppeladler
Mit einem: „Von Gottes Gnaden wir Paul
Der Erste" — „Wir Friedrich Wilhelm der Zweite"
Et caetera, an der Thorwegseite
Die Krallen entgegen und stopft ihm das Maul.
Seht, seht! da schleicht der verdrüßliche Alte!
Aber Geduld nur, Herr Zöllner, ich weiß,
Was ich mir wider ihn vorbehalte!
Geh' er nur immer herum hier im Kreis! {124}

Einst, nach geendigter Schiffarth Tagen,
Und, hat nur der Winter die Quellen mit Eis
Erst gepanzert und gläserne Brücken geschlagen,
Daß, in der Wellen flüchtigem Gleis,
Wo sonst nur ruhige Kiele gleiten,
Nun Axen knarren und Frachtschlitten läuten,
Wenn spiegelnd die Rhede den Seefahrer hält
Fern von der Heimat trautem Gebiethe,
Und krachender Frost die Fenster zerschellt
An der roth bemahlten Schifferkajüte —
So auf Charfreitag, wenn Thauwetter fällt:
Da heb' ich ihm aus den Pfählen das Blockwerk,
Und führ' ihn, darauf hat er mein Wort,
Herr Zöllner, so recht zum Verdruß und Tort,
Sein Zollhaus, nebst sämmtlichen Zollgefällen,
Und ihn selbst, mit blauem Rocklor und Tabellen,
Im wilden grausigen Eisgang fort.
Aber nun geb' er uns freien Paßport!
Wir haben nun schon zu lang hier gezaudert,
Und seinetwegen ein Stündchen verplaudert!
Herr Zöllner — und somit gehab' er sich wohl,
Und geh' er fein ehrlich zu Werk' am Zoll! {125}

XXXX.
Die Oceaniden
oder
Die Klage der Töchter des Oceans.

Der Ocean.
Wer ruft? Wer stört mich aus meiner Ruh?
Wer weckt mich von meinen Korallenbänken,
Wo ich, bei lieblichem Wellengeräusch,
Schlummerte? Wer zwingt mich dazu
Meines vergessenen Leid's zu gedenken?
Seyd ihr es, Geister meiner Jugend?
Ihr Kinder des alten Ocean?
Hebt leise
Die Weise,
Welche den Gram mir besänftiget, an! —
Und die Quellen von den Bergen,
Und die Quellen aus den Meeren,
Wie sie ihres alten Vaters
Lang vermißte Stimme hören,
Heben sie, um ihn versammelt,
In dem herrlichen Palaste,
Der erbaut ist aus Krystallen,
Zu der Wogenfluth Gemurmel {126}

So die ew'gen Lieder an:
„All' uns, des Ocean
zahlreiche Söhne,
Flüchtige Töchter,
Wolkenbewohner,
Felsengeschlechter,
So viel nur immer
Dem Vater, dem alten,
Geliebten, entrissen,
In Strömen, in Flüssen,
Hin und zurück,
Suchen und irren,
Und ihn nicht finden,
All' uns zusammen
Ziehen und binden
Jammer und Sehnsucht
Zu gleichem Geschick.
Aber uns armen
Quellen vor allen
Scheint das betrübteste Loos gefallen.
So kleine, tückische Erdengeister —
Die droben nennen sie Brunnenmeister —
Sie kommen mit Bohrern und Schaufeln zu Hauf,
Sie lauern heimlich im Dunkel uns auf,
Uns abzustechen,
Uns abzugraben,
Und wenn sie uns haschen,
Und wenn sie uns haben; {127}

Dann Ade, Vater Ocean!
Wir sehn uns nicht wieder, um uns ist's gethan.
Gefangen sind dir die armen Kinder,
Und kommen nun nimmer und nimmer los.
Im untersten, tiefsten Kellergeschoß,
Da sperren sie uns in Wassercylinder.
Da müssen wir denn im Gewölbe von Stein,
Zwischen den blechernen Brunnenröhren,
Mit heiserm Geräusch unser Leben verschreyn,
Wo wir nichts sehen, wo wir nichts hören,
Und nur zuweilen, viergebeint,
Die garstige Wassereidechs erscheint.
Hoch über uns ziehn der Mond und die Sterne.
Stille ringsum! kein Blumenduft!
Kein Bienchen, das summt! kein Kukuck, der ruft!
Nur deine klagende Stimm' aus der Ferne,
Vater, dringt immer und immerdar
Zu uns herab in die dunkle Cisterne. —
So vergeht uns manch trauriges Jahr.
Auf Einmal werden wir ihn gewahr,
Unsern alten Kerkermeister,
Ihn und seine dienstbaren Geister.
Weh uns, daß er nur etwa nicht gar
Uns noch größeres Unheil bereite,
Und zum geräuschvollen Markt uns leite!
Auf und ab, und quer und krumm,
Führt er im Schooß der Erd' uns herum.
Plötzlich ein Lichtstrahl aus finsterer Weite, {128}

Und ein Gebrumm,
Und ein Gesumm,
Ein verworrnes Getös von Kannen, die klappern!
Von Schwengeln, die knarren, von Mägden, die plappern:
Weh uns! ein Röhrtrog sind wir nun
Am geräuschvollen Markte geworden.
O großer, steinerner Vater Neptun,
Schütz' uns, schütz' uns, mit deinem Harpun!
Schon kommen in Haufen
Die Feinde gelaufen.
Was nun zu thun?
Wohin uns wenden?
Zurück, zurück!
Die Eimer,
Die Krüge
In ihren Händen
Verrathen zur Gnüge
Uns unser Geschick.
Haben nun nimmer
Ruh und Frieden.
Müssen immer
Kochen und sieden,
Und früh und spät,
Am Schlüsselbret,
Kannen und Pfannen,
Gläser und Flaschen,
Spühlen und waschen.
Aber der allerhärteste Stand {129}

Für uns ist der bei einem Brand,
Wo jeder Schelm von Feuerknechte
Mit seiner Sprütze der Erste seyn möchte.
Feuer, Feuer!
Aus jeglichem Haus
Fährt ein erschrockener Schlafrock heraus,
Und wird mit von den Patrollen
Fortgerissen, er mag wollen,
Oder nicht. Da geht Gewalt vor Recht,
Und hinter ihm steht der Feuerknecht.
So fehlt es auch nicht an Diebsgesellen,
Die, als wollten sie retten, sich stellen.
Aber fragt eben Niemand, wohin?
Husch, mit Betten und Bettgestellen,
Und ganzen Körben, voll Messing und Zinn,
In ein verborgnes Quergäßchen hin!
Ting, Tang, Ting, Tang!
Der Thürmer zerreißt den Glockenstrang.
Dazu das Gebrumm der Lärmkanonen
Und das Geschrei betagter Matronen:
„Herr straf uns nicht in deinem Zorn!"
Und das gellende Nachtwächterhorn,
Und der Qualm, und die platzenden Fensterscheiben
Nein, das läßt sich nicht so beschreiben.
Am Ende sind wir es Quellen allein,
Welche die Stadt von Verderben befrei'n;
Doch meint ihr, es fiele den Menschen nur ein,
Uns diesen Dienst belohnen zu wollen? {130}

Daran denkt Keiner, das lassen sie seyn.
Da sperren sie lieber, zum Dank, in Kasserollen
Uns zwischen dem eisernen Dreifuß ein.  — —
Aber wir spotten ihrer Fessel;
Wir löschen zischend die Flammen aus,
Wir stehlen uns leis' aus dem Kupferkessel
Zum finster qualmenden Rauchfang heraus,
Und droben erwarten schon mit Frohlocken
Uns unsre Schwestern von Land und von Meer.
Hoch fahren wir Flüchtlinge über den Brocken
Und über das Alpengebirg daher —
Bis früh oder später
Uns alle der Aether
Erbarmend vereint,
Und Klein und Groß
Uns All' in den Schooß
Vater Oceans niederweint. {131}

XXXXI.
Abschied der Muse des Meer's.

Und nun gehabt euch freundlich wohl, ihr Leser,
Und schaut zurück noch Einmal, wenn ihr könnt,
Dort unten zu den dunkeln Meeresgäßchen
Des alten, handeltreibenden Neptunus,
Wo eures Dichters Muse, frohgestimmt,
Zuerst ein ungekünstelt Lied, im Chor
Der Nereiden und der Schiffer, sang! —
Ihr aber, edle Freunde, die ihr jetzt
Im neuen Kreis des Lebens mich umringt,
O gönnet dem vom Meer Heraufgekomm'nen
Den frölichen Gewinn des kurzen Tag's,
Und laßt ihn, wenn sein Lebensabend naht,
Gesellt zu andern sel'gen Dichterschaaren,
An Lethe's Ufern still und leicht zerfließen. {132}

XXXXII.
Die Weichselfähre.

Es mögen ohngefähr 4 Jahr seyn, als ich mitten im Sommer eine Lustreise in den sogenannten Danziger Werder machte. Wir fuhren durch Jütland und bei Dirschau längs dem Damm; denn wir beschlossen, zugleich die umliegende Gegend in Augenschein zu nehmen. In einem Dorf nun, unweit der Weichsel, wo wir, um einige Erfrischungen einzunehmen, auf einen Augenblick abgestiegen waren, begegnete es mir, daß ich aus dem Munde einer artigen kleinen Bäuerin, die im Hause herumsprang und die Wirthschaft besorgte, eines gewissen Adam Ehrenbergers Hannchen zu verschiednen Malen in eben so artigen, als herzlichen Beziehungen erwähnen hörte. Anfangs achtete ich nur wenig darauf; bei öfterer Wiederholung des nämlichen Namens aber konnte ich mich doch einer kleinen Neugierde, die mich anwandelte, nicht erwehren, so daß ich mich zuletzt auch wirklich mit der Frage: Und wer ist denn Adam Ehrenbergers Hannchen? an die in allem und jedem Stück so gefällige kleine Bäuerin wendete. „Ei kennen Sie denn die nicht?" war {133}

ihre Antwort; ja sie schien über meine Unwissenheit in dieser wichtigen Sache ganz verwundert zu seyn. „Ihr Vater hat die Wirthschaft in der Hakelbude unten an der Weichsel. Auch hält er außer dem Schank noch die Fähre, und Hannchen ist das schönste und wohlhabendste Mädchen im Ort. Wenn Sie wollen, so will ich Sie selbst zu ihr hinführen, Sie können nachher alles übrige aus ihrem eignen Munde erfahren." Ich nahm das Anerbieten an, und wir machten uns zusammen auf den Weg. Das Häuschen lag, wie sie es beschrieben hatte, unten an der Weichsel, und dicht bei der Fähre. Es hatte eine recht romantische Lage. Scheunendach und Gehöft, alles hing voller Schwalbennester, und man sah die kleinen Gäste, wie sie häufig durch die offenstehende Thorfahrt auf und abflogen, Lehm in der Weichsel anfeuchteten, und selbst bis unter die Balken der Wohnstube an ihrem Hängebettchen fortmauerten, ohne daß sie sich durch irgend Jemand der Ab- und Zugehenden in ihrer Arbeit stören ließen. Seitwärts dem Hause und längs der Weichsel zog sich ein großer Baumgarten. Die Sonne beschien ihn lieblich, und aus der dunkeln Laube sah man die Aepfel mit hellrothen Backen, reif und glühend her- {134}

vorhangen. Die Thür des Gartens stand angelehnt. Auf der Schwelle saß Hannchen, vor sich ein Spinnrad, und ein Kind auf dem Schoß, dem sie, um es einzuschläfern, so eben die Brust gab. Sie mochte ungefähr ihr siebzehntes Jahr angetreten haben, und schien mir eins der regelmäßigsten und schönsten Gesichter, die ich mein Lebtage gesehn habe. Ich trat auf sie zu, und begrüßte sie freundlich. Sie erwiederte meinen Gruß mit einem eben so freundlichen Nickkopf, und ich beschloß darauf, mich mit ihr in ein Gespräch einzulassen. Anfangs that sie zwar etwas blöde; aber nach und nach verschwand ihre Schüchternheit. Und da ich sie mit halblachender Miene einmal fragte: von wem denn das Kind sey? so erzählte sie mir mit vieler Naivität und Offenherzigkeit ihre ganze Geschichte.
Vor ungefähr anderthalb Jahren — so fing dieselbe an — sey sie mit ihrem Bruder zu Schlitten, jenseit der Weichsel, auf eine Leichenpredigt gefahren. Der Sohn des Pfarrers im Orte, der ihr schon lange nachgegangen, den sie aber nie wohl habe leiden können, sey mit von der Partie gewesen; denn da er eben die Weihnachtsferien bei seinen Eltern zugebracht, so, habe ihn ihr Bruder auch dazu eingeladen. Unter- {135}

wegs hätte er ihnen nun allerlei lustige Geschichten von einem weitläuftigen Vetter oder Anverwandten von sich erzählt, den er schon lang einmal bei ihnen einzuführen versprochen hatte, aber immer nicht Wort gehalten; wie Hannchen schalkhaft hinzusetzte — vermuthlich aus Eifersucht, und damit er ihn etwa bei ihr nicht ausstäche. Nun habe es sich aber gerade so geschickt, daß sie in der Kirche und an der Kanzel, während der Leichenpredigt, einem recht wohlgewachsenen und schönen jungen Mannsbild gegenüber sey zu sitzen gekommen. Dieses habe sie in einem fort angesehen, und sie sey dadurch so in ihrer Andacht gestört worden, daß sie auf die Worte des Predigers nur wenig Acht gegeben, und auch während des Singens zur Orgel die Augen mehr auf ihn, als auf ihr Gesangbuch gerichtet hätte. Nach geendigter Kirche, — da diese gleich unten an der Weichsel gelegen — habe sich denn alles,  Jung und Alt, durch die mittelste Thür gestürzt, und jedes habe das Erste seyn wollen, um seinen Schlitten, mit Knecht und Pferden, herbeizurufen. Das Gedränge, das darüber entstanden, sey fast groß gewesen; auch habe es sich der Fremde gut zu Nutz zu machen gewußt; denn er sey ihr {136}

zweimal so nahe gekommen, daß er ihr recht vertraulich die Hand gedrückt. Sie habe es müssen geschehen lassen, — oder ob sie sie ihm wieder gedrückt ? — das wußte sie nicht mehr so recht genau; genug! ihr Bruder, der dies wohl bemerkt, und den Fremden nicht gekannt, hätte den Pfarrerssohn darum gefragt: ob er nicht wüßte, wer dieser Fremde sey? aber der habe stockstill geschwiegen, und sich ganz unwissend gestellt. — So hätte sie sich denn halb traurig, nicht mehr von ihm zu erfahren, mit den Jungen wieder zur Rückfahrt angeschickt; denn es sey schon spät geworden. Uebrigens wären ihrer wohl an zwanzig Schlitten im Zuge gewesen, und sie hätten immer, einer hinter dem andern, die Bahn gehalten. Wie sie nun so ein Paar Stunden fortgefahren, sey es noch einigen aus der Gesellschaft beigefallen, in einem nah an der Weichsel gelegnen Wirthshaus einzukehren; denn ihr Bruder und der Pfarrerssohn seyen noch draußen geblieben, um die Pferde mit Heu zu versorgen, weil, vor der Menge von Leuten im Krug, nur schwer ein Unterkommen mit dem Geschirre zu finden gewesen. — Auch auf der Diele sey sie auf mehrere Bekannten gestoßen; wie sie aber in die Stubenthür getreten, so hätten die meisten {137}

Leute aus ihrem Orte an den Tischen umhergesessen. Sie habe darauf den Alten am Ofen guten Abend gesagt, und sich zu den Jungen ans Fenster gemacht. Plötzlich aber und wie sie kaum ein Paar Minuten da gesessen, sey der nemliche Fremde von heut aus der Kirche auch wieder erschienen. Erst habe er sie freundlich gegrüßt, und sodann sie noch freundlicher befragt: ob sie nicht ein wenig auf ihrer Bank zurücken, und ihm Platz machen wollte. Da sie ihm nun dieses nicht abschlagen gekonnt, so sey er nach und nach so zutraulich mit ihr geworden, daß er seine schwarze Sammtkapuze mit Bändern, die er gegen die Kälte aufgehabt, abgenommen, sie ihr aufgesetzt, ihr die schwarzen Bänder auf das zierlichste unter dem Kinn zugebunden, und nachdem er ihr dabei recht schelmisch unter die Augen gesehen, ihr einen Kuß gegeben und zu ihr gesagt habe: Es läßt dir allerliebst. Da hätten nun die andern Bauermädchen, einige aus Mißgunst, andere aus Unverstand, an den Tischen herum angefangen zu lachen, und sie selbst hätte es halb und halb verdrossen, daß er so kurz mit ihr abhandelte; wiewohl sie es wieder um Alles in der Welt nicht hätte über ihr Herz bringen können, ihm etwas Unangenehmes {138}

in Worten dafür zu erweisen, oder ihn auch nur scheel deswegen anzusehen, theils weil sie überhaupt von Natur zu blöde sey, und dann auch, weil sie wohl bei sich gemerkt, daß sie anfange ihm recht gut zu werden. In demselben Augenblicke, — denn wir waren allein, an der Fähre gab es auch kein Geschäft, und Hannchen konnte demnach ungehindert in ihrer allerliebsten Geschwätzigkeit fortfahren. Das Rauschen der Weichsel begleitete sie dabei auf eine so angenehme Art, daß die schönste in Noten gesetzte Musik es nicht besser gekonnt hätte; das Kind schlief, und die Seele der Mutter schien so ungetrübt, wie der Spiegel des Flusses, der die Abendbilder des Ufers ruhig in sich aufnahm — in demselben Augenblicke, fuhr sie fort, hörte ich ein Gespräch hinter mir, und daß Einer zu dem Andern sagte! Je, da finden sich ja ein Paar recht alte Bekannte! Wie ich mich nun umsah, war es mein Bruder und Einer aus Stolpe, der sonst auch fleißig in unserm Hause gewesen, jetzt aber schon seit mehrern Jahren uns nicht, mehr besucht hatte. Da ich mich ihm zu erkennen gab, so wünschte er mir einen guten Abend; und dann hörte ich ihn zu meinem Bruder fort reden: Wenn es dir recht ist, {139}

so vertauschen wir mit einander die Plätze im Schlitten! Mein Bruder antwortete ihm: Wenn es meine Schwester zufrieden ist, so kann ich es auch geschehen lassen! Jener aber bemerkte: mir könne es ja gleichviel gelten, mit wem ich nach Hause fahre, und er wolle mir schon einen recht lustigen Gesellschafter aussuchen. Indem war auch der Fremde, den ich darum gebeten, weil ich aus der Bank wollte, an der Ecke aufgestanden, und jenen Beiden näher unter die Augen getreten. Und nun gab es erst allerlei lustige Geschichten, wie sie einander gewahr wurden. Denn wie es zur Erläuterung kam, so hörten wir, daß dieser Fremde und der Freund von Stolpe nicht nur einander schon lange kannten, sondern auch, daß jener der nämliche Vetter sey, den der Pfarrerssohn schon so oft versprochen hatte bei uns einzuführen, obgleich er ihn heut vor der Kirchthür so geflissentlich vor uns verläugnete. Wir freuten uns alle über den glücklichen Zufall und lachten zugleich nicht wenig über seine Eifersucht. Die Sache aber wegen des Tauschens der Plätze im Schlitten kam nun bald, mit Aller Einwilligung, zu Stande, so daß kaum ein Paar Minuten hingingen, als schon mein Bruder mit seinem Gast- {140}

freund aus Stolpe im Schlitten saß, und davonfuhr. Beim Einsteigen sagte er zu mir: Gib Acht, Hannchen, du wirst deine Noht mit ihm haben! Er meinte nemlich den Pfarrerssohn. Ich aber verstand den Fremden. Und wir hatten wohl beide Recht. Denn kaum daß er fort war, so kam der Pfarrerssohn. Wie dieser nun bemerkte, was hier vorgegangen, so stellte er sich Anfangs recht freundlich; nachher machte er aber allerlei Einwendungen, die meist darauf hinliefen: „ja, wann wir nur zu dreien im Schlitten Platz hätten!" Und war doch nichts, als ein bloßer Vorwand; denn wir waren ja auch zu dreien in dem nehmlichen Kutschenschlitten hergefahren. Endlich riß meinem Gesellschafter auch die Geduld, und wie er sah, daß weder Bitten noch Zureden half, und jener mit keiner Mühe zum Einsteigen zu bringen war, sondern immer draußen stehen blieb und Komplimente schnitt, und uns anzuhören gab, „er könnte auch wohl zu Fuße gehen", so nahm er mich freundlich bei der Hand und sagte: Lassen wir den Narren laufen, liebes Hannchen! die andern sind schon ein Stück vorweg, und wir haben vollauf zu thun, daß wir sie einhohlen. Somit gab er den Pferden an unserm Klingelschlitten {141}

die Peitsche, und wir fuhren fort, ohne daß wir uns weiter um ihn bekümmerten. Der Abend war recht schön, der Mond schien hell, und wir hatten eine sehr vergnügte Nachhausefahrt. Unterwegs wußte ich nicht, wie es zuging; aber ich kann mich kaum besinnen, daß ich irgend einem Menschen in so kurzer Zeit so gut geworden wäre, wie diesem Fremden. So daß mir der Abschied von ihm auch ordentlich schwer wurde, und als wir vor der Thür standen, so bat ich ihn, doch vorher noch ein wenig mit mir ins Haus zu treten. Und da er nun mit mir ins Haus trat, — und wir hier standen, und er mich so in seinem Arm hielt, und mich herzte und küßte, so dünkte mich der Abschied von ihm nur noch schwerer — und ich bat ihn, doch vorher noch ein wenig mit mir in die Stube zu treten. Und wie er nun mit mir in die Stube trat, und meine Eltern ihn aufs leutseligste empfingen, so schwatzten wir mit einander, bis tief in die Nacht, und saßen noch beisammen auf, als der Wächter im Dörfchen eilf Uhr rief. Um diese Zeit steckte mein Vater den Kopf aus der Kammerthür, und sagte: Kinder! nun nehmt das Licht und geht zu Bette! — Und das war recht gut; denn wer weiß, wären wir länger {142}

aufgeblieben, wo ich sonst noch den Fremden gebeten hätte, mit mir hinzugehn. Den andern Morgen hatte er schon frühe um fünf Uhr sein Pferd bestellt; aber ich wußte es doch dahin zu bringen, daß er erst den Nachmittag fortritt, und auch noch ein Stück von dem Abend zugab. Als er fort war, wollte mir weder Essen noch Trinken schmecken, und ich legte mich zu Bett; denn ich verspürte heftiges Kopfweh. Auch klagte meine Mutter seitdem öfters, daß es mit der Arbeit gar nicht mehr so wie sonst fortwolle. So verstrichen fünf Monate, ohne daß ich etwas von dem Fremden erfuhr, und obgleich er mir nicht aus den Gedanken kam, so hatte ich doch nicht den Muth, mich bei meinem Bruder oder bei dem Pfarrerssohn nach ihm zu erkundigen. Bis auf Pfingsten letzt Feiertag, voriges Jahr, wo meine Eltern eben jenseit der Weichsel zu einer Kindtaufe bei einem reichen Bauer im Danziger Werder ausgebeten waren, und erst spät wieder zurückkehrten, und mein Bruder auch nicht zu Hause war, wo es sich denn traf, daß, als ich eben nach der Vesper in unserm Baumgarten auf und ab ging, und mir Himmelsschlüsselchen suchte, und die Bienen, die mich dabei umsummten, mit einem abgebrochenen {143}

Lindenzweig abwehrte, daß ich plötzlich jenseit der Weichsel ein Getrappel, wie von einem Pferde, hörte, und bald darauf ein Rufen vernahm, das zu drei verschiednen Malen, wie „Hannchen" in meine Ohren drang. Ich wurde neugierig, und gukte erst über den Zaun, und dann durch ein Loch, das in unserm Holunderbusch war; und da sah ich denn ganz deutlich, daß es mein Liebster sey, der so eben jenseit der Fähre von seinem Pferde abstieg. Ich erschrak heftig, und konnte mich kaum aufrecht auf meinen Füßen erhalten. In der ersten Angst lief ich sogar in den Garten, und versteckte mich unter die Bäume. Nach und nach aber kam ich wieder zur Besinnung. Und wie ich ihn aufs Neue rufen hörte, so gedachte ich daran, daß es sich denn doch nicht schicken würde, wenn ich ihn länger wollte warten lassen, und daß er ja ein Recht habe, so gut wie jeder Andere, über die Fähre zu setzen. Mit diesem Gedanken faßte ich mir Muth, und ging an die Weichsel. Als ich aber an das Ufer kam, zitterten mir die Hände aufs Neue, und ich konnte die Seile, womit die Fähre befestigt war, kaum ablösen. Ich versuchte es mehrmal — aber immer war es, als hätte es nicht seyn sollen, daß ich mir mein eignes {144}

Unglück über den Fluß holte. Indem kam des Pfarrers Tochter aus dem Ort gegangen, die Beatchen hieß, und meine sehr gute Freundin war. Diese half mir, und wir stießen nun glücklich vom Ufer. Unterwegs bat ich sie, mir doch für den Abend Gesellschaft zu leisten, was sie mir auch zusagte, und zwar mit den Worten: „sie hätte mich ohnedieß besuchen wollen." Dieß machte mich noch getroster, und ich ruderte frisch. Als wir meist hüben waren, und ich schon die Haken auslegte, um damit das Land zu holen, plagte den Fremden die Neugier, und er konnte vor Ungeduld die Zeit nicht abwarten, sondern sprang mit gleichen Füßen in den Kahn. Und der Kahn gerieth darüber in ein so heftiges Schwanken, daß er Wasser schöpfte. Aber der Fremde kehrte sich nicht daran, sondern mitten in der Gefahr fiel er mir um den Hals, und herzte und küßte mich so viel, daß ich fast anfing, mich seiner Liebkosungen vor der Jungfer Pfarrerin zu schämen, denn ich dachte doch, sie möchte es etwa ihrem Vater wieder erzählen; denn im Punkt des Bruders da war ich schon eher sicher, weil sie mit dem auch nicht auf einem allzu guten Fuß stand. Nach und nach wurden wir ruhiger, und gingen {145}

alle drei zusammen, Hand in Hand, auf und ab in dem Baumgarten. So vertrieben wir uns die Zeit mit mancherlei Gesprächen bis es zehn Uhr schlug. Um die Zeit kam die Magd aus der Pfarre und rief ihre Jungfer ab. Und wie sie ging, fiel es mir ein, daß ich auch noch manches in der Küche zu beschicken hatte, und wollte mit fort; aber der Fremde wollte mich nicht fortlassen. Wir befanden uns aber damals gerade in dem kleinen Gartenhäuschen, hinten an der Weichsel, wo mein Bruder sich so gern aufhält, besonders an dem einen Fenster, das ihm so lieb ist, weil man dort im Sommer die ganze Nacht die Wellen an den kleinen Uferkieseln plätschern hören kann, und der Mond immer doppelt, nämlich zugleich oben am Himmel und unten im Fluß scheint. Und ich sagte dem Fremden auch den Grund, warum ich fort wollte, und daß es nicht fein stehe, so man einen Gast habe, daß man nichts zu Abend seinem Mund biete; aber er gab mir zur Antwort: Hannchen, ich bin heut wohl fünfzehn Meilen deinetwegen geritten, und müd und hungrig genug; aber gib mir nur einen Kuß, das ist Alles was ich von dir zu Abend verlange. Dabei hielt er mich fester, als vorher, um den Leib gefaßt. {146}

Und es dauerte mich sein, und ich gab ihm einen. Wie ich aber sah, daß er dringender wurde, und noch einen, dann wieder einen begehrte, so suchte ich mit guter Manier von ihm loszukommen, und lief fort. Aber was halfs? Ungefähr zwanzig Schritte von da, am Eingange der Haselstauden, die so dicht verwachsen sind, links bei der Allee am Wasser, und wo mein Bruder die dunkle Jasminlaube, mit den zwei neuen Rasensitzen, angelegt, hat er mich doch wieder eingehohlt, und mich zu sich ins Dunkle, und auf seinen Schoß niedergezogen. Und ich gab ihm die schönsten Worte, mich doch nur noch das einemal wieder loszulassen; aber er sagte: in Ewigkeit nicht! Da habe ich ihm denn alles vorgestellt — wie daß meine Eltern nicht zu Hause wären, und daß es nicht wohl gethan sey, wenn zweierlei Geschlecht so lange im Dunkeln bei einander bleibe; aber das hat alles nichts geholfen; und was das Dunkel anbelange, so hat er gemeint, es sey ja damit so arg nicht, und wenn der Mond durch die Laube schiene, so könnten wir ja einander gerad in's Gesicht sehen. Und da hat er auch Recht gehabt. — Und da er auch sonst in jedem Stück meine Scrupel zu beruhigen gewußt, so sind wir {147}

denn bei einander geblieben, bis es fast spät wurde. Und wie schon alle Sternlein am Himmel zu Bett gegangen, und es nun so finster wurde, daß ich meinen Liebsten nicht mehr sehen konnte, sondern nur noch fühlte, daß sein Othem mir nahe war, und hörte, wie er flüsterte, und mir Liebesworte sagte, daß er mich immerfort in seinen Armen hielt, und mich herzte und küßte, und der Nachtwind so kühl durch die Blumen und den Jasmin im Garten ging, aber das Gesicht mir dennoch von seinen Küssen glühete: da sind wir immer noch allein in der Laube gewesen; denn meine Eltern sind erst den folgenden Morgen darauf zurückgekommen. Und so ist denn das Unglück geschehen, ohne daß ich es selber gewußt habe. Und wenn mich jemand darum befragte, noch bis auf den heutigen Tag könnte ich schwören, daß ich nicht weiß, wie es zugegangen ist. Denn so schien es alles Liebes und Gutes, was er mir anthat; ist aber doch ein Schelm gewesen — wie sich nachher und durch die Folge gezeigt hat. Anfangs wollten mich meine Eltern aus dem Hause stoßen; aber jetzt Gottlob sind sie auch wieder beide besänftigt, und meine Mutter fängt an, auch dem Kinde recht gut zu werden. Indem rief eine Stim- {148}

me aus dem Fenster des Hauses, das der Fähre gegenüber in einen Wallnußbaum ging: „Hannchen, wo bleibst du so lange mit dem Kinde? das Essen ist fertig." Das ist meine Mutter, sagte die Kleine, ich muß gehen, damit ich sie nicht böse mache, weil sie mich sonst auf den Dienstag nicht in die Stadt läßt. Ich fragte sie, was sie denn in der Stadt wollte? Ei, sagte sie, ob ich glaubte, daß sie nicht einmal verlangte, ihren Liebsten wieder zu sehen? Auf meine weitere Erkundigung erfuhr ich im Vertrauen, daß ihr Liebster sich gegenwärtig zu Alt-Fahrwasser aufhalte, daß er sie von daher zuweilen verstohlen besuche, ja daß er sie, so fern es Gottes Wille wäre, vor Johannestag dieses Jahres heirathen und zu sich nebst ihrem Kinde in sein Haus nehmen wollte; denn er besitze schon eine recht wohl eingerichtete Wirthschaft. Ich wünschte ihr von Herzen Glück dazu; so wie ich denn überhaupt diese Erzählung aus dem Munde von Adam Ehrenbergers Hannchen selbst gehört zu haben, um vieles Geld nicht vermissen möchte. {149}

XXXXIII.
Der Mantel.

Zwischen Mond und zwischen Venus
Standen wir am offnen Fenster,
Das den Blick auf's Meer eröffnet,
Ich und mein geliebtes Mädchen.
Und zwei volle Abendstündchen
Hatten wir bereits verplaudert,
Und die Mutter saß zurücke,
Ziemlich fern an einem Tischchen,
Wo sie nickt', an einer Lampe,
Die schon blau herunter brennte.
Also, unbemerkt uns beiden,
War die Zeit dahingeschlichen
Und die Mitternacht gekommen:
Und da mußt' ich endlich scheiden.
„Holder Mond, geliebtes Mädchen,
Und du dunkle Nacht, o leihe
Mir gefällig deinen Mantel,
Daß ich, unentdeckt von Lauschern,
Wandeln mag in dieser Straße."
Und mein holdes Mädchen sagte:
Wenn ihn eines von uns beiden
Borgen soll, bin ich die Nächste!
Schaudrig hängt die Nacht am Himmel,
Und ihr rauh' und kalter Mantel {150}

Könnte meinem Liebsten schaden.
Da nimm lieber hier den meinen,
Den so warm mein Othem hauchte,
Daß er eine ganze Weile
Vorhält gegen Wind und Nebel,
Wenn du an dem Flusse wandelst:
Wie sie dieß gesagt, umrauschte
Plötzlich eine Fluth von Seide,
Bis zu Füßen, meine Schultern. —
Wie sie drauf die Thür eröffnet,
Wie sie — Aber sey verständig!
Kuß und Gruß, und was für andre
Süßgeheime Liebesgaben
Irgend dir zu Theil geworden,
Muse, laß uns nicht verplaudern! {151}

XXXXIV.
Der Gang auf die Bibliothek.

Den 5ten März 1787.
An Ariele.

Und so find' ich dich hier zum Besuch, an der nämlichen Stätte,
Wo — fünf Jahre zuvor — Kind, ich zuerst dich erblickt,
Wo die Gereisete schon sinnvoll mit Gesprächen mich anzog,
Wo du zuerst mir einst freundlich die Hände gedrückt?
Nicht die Gefahren des Kriegs, die Mars drauf zwischen uns wälzte,
Hatten den Eindruck mir dieser Erscheinung verwischt;
Nein, süß hallt' in dem Herzen mir nach die Stimme des Wohllauts,
Schwebt' anlockend zum Kuß deines erschlossenen Munds
Lockeres Rosengebäu und das Abendgestirn mir entgegen,
Das mit dem ruhigen Glanz lieblicher Augen beglückt.
Abendgestirn traun war mir der schmachtende Zug in den Augen,
Ueber den Berg, wo du wohnst, zog es das Herz mir hinaus; {152}

Zög' es mich weiter, ich würd' in den Erebus selber ihm folgen,
Lachte mir dieses Gestirn, trotzt' ich Gefahren und Tod. -
Irr' ich? Du kamest zurück vom Besuch der erstaunlichen Newa,
Welcher noch immer das Lob Peter des Großen entrauscht,
Hattest am Bad Dich gelabt im Pruth, in dem Don, in der Newa,
Bis an der Ostsee Strand endlich den Sitz du erwählt?
Laß es dich nimmer gereu'n, daß Poseidon im Bad dich erblickt hat,
Daß Amphitrite dich liebt, daß dich das Meer nun besitzt!
Kühn ist und sicher der Schooß des Umuferers; darum vertraun auch
Seiner Umarmung sich Mond und Gestirne so gern.
Wahrlich, Gestirn bist du mir, ich aber das Meer, das dich spiegelt;
Leis hinwandelst du, wenn Ebbe wie Fluth mich bewegt,
Hast auf meinem Gebiet du erlebt des entfesselten Sturms Wuth;
Ruhe nun, friedenumglänzt, auch in gesicherter Bucht.
Muse, versuche sofort mir des Wundergestirnes Benennung!
Bist du Plejade? — du hast Thränen genug mir entlockt! — {153}

Nenn' ich dich Wage? Nun ja, Glück hast du ertheilt mir wie Unglück. —
Hesperus schienest du mir, schwebtest du Abends daher.
Doch nicht Hesperus will ich, noch Wag' und Plejade dich nennen;
Andre Verehrungen sind's, so dir die Musen erdacht.
Sei mir Diana begrüßt! denn also geziemt dich zu nennen,
Weil ein geschämiger Reiz ewig den Gürtel dir schmückt.
Wenn ich Gestirn dich genannt, wer ist es, der darum mich anklagt?
Hast ja doch, sicheres Gang's, Freundes Geschick du gelenkt.
Dies nur kündet dir jetzt in geflügeltem Lauf die Erzählung,
Wie dein liebliches Bild früh wie im Traum mir erschien.
Wo ich zuerst dich gesehn? — Es war Fronleichnamsgepränge; [Siehe S. 32 u. ff.]
Da wo, Maria zum Sitz, pranget ein Opferaltar,
Zu Schwarz-München im Chor — da begegnete schüchtern der Blick dir,
Roth von des Baldachins Glanz lag ich vor dir auf dem Knie. {154}

Sittig, verschämt, kreuzweis ob der Brust die gefalteten Hände,
Standest du, Strahlen um's Haupt, schweigend und in dich gebückt;
Und dein Schwesterchen trug die geweihete Kerz'; ihr zur Seite
Schautest, im Aug' Unschuld, auf die Gemeinde du hin.
Als die Musik nun begann und die Mess', und der Priester das Weihfaß
Schwenkte, da hast du mich auch, Kind, zu dem deinen geweiht!
Ja, wol traf dein Blick mich, es bannte das himmlische Lächeln
Aus der Brust mir sogleich alle Besinnung hinweg.
Träumend stand ich, verzückt noch stets, in Betrachten versenkt da,
Wie du im Kreuzgang schon kerzenumleuchtet verschwand'st!
Wahrlich, es kündet' alsbald mir ein heimlicher Schau'r in der Brust an,
Daß mit deiner Gestalt wol ein Verhängniß mir nah';
Und so bat es ein Gott uns hundertfältig bewährt auch,
Fest an einander geknüpft beid' uns zu Freud' und zu Leid.
Damals hört' ich zuerst das Schwesterchen wie es dich nannte,
Und auf ewig bewohnt nun mir der Name das Herz. {155}

Als ich dich später erblickt, da bestiegst du, ein muthiges Roß keck,
Männlicher Uebungen Spiel zeigte Diana sich hold;
Aber der Männer Geschlecht umbuhlte dich ewig vergebens.
Höherem, als dem Geschlecht, jagtest du, Artemis, nach.
Und so zogst du hinweg zum Don, zur bewaffneten Newa.
Ueber der Heimat schwer brütete Jammergeschick.
Dich auch faßt' es als Kind; den Schmuck hoffärtiger Mägdlein
Warfest du willig hinweg, als es das Theuerste galt.
Ach! und wie blutete still aus tausend Wunden das Herz dir,
Als in Kosciusko's Kraft Polens Gestirn' nun erblaßt.
Faßt' in Juwelen die Perlen, so damals Artemis weinte!
Seht, nicht irdischer Reiz fesselt das himmlische Herz.
Anderes Horts Sehnsucht füllt unaussprechbar die Brust ihr —
Ach! du vermißtest den Freund, der dir den Busen erschloß.
Und so fand ich dich denn, sey's Zufall oder Bestimmung,
Dort, wo aus Büchern umher Pallas die Wand sich erbaut. {156}

Da frohlockt' ich im Geist und freute mich deiner Zurückkunft,
Fröhlichem Abendgespräch folgte der Morgenbesuch: —
Denn nicht hatte das Herz dir verenget die Größe des Auslands,
Edler, ja stolzer gesinnt gab dich die Newa zurück;
Und nun schenkte der Belt, der von Fischern und Helden umwohnte,
Dich, die zum ewigen Dank Göttern verpflichtete, mir!
Weißt du, Geliebteste, noch, wie so traulich wir unseres Zwiesprachs
Fäden verwebt, wie ein Wort dir mich auf ewig erwarb?
Wohnte Horaz auf dem Markt, wie sollt' ich denn nicht ihn besuchen?
Käm' uns Homeros zurück, würd' ihm mein Haus wohl versagt?
Sieh, so gemahnst du mich denn als ihr Bothschafter, o Bester.
Komm' und erzähl' uns getreu, was du von ihnen gehört.
Und ich erzählt' — es empfing dein Ohr, was heiter ich darbot,
Und das geflügelte Jahr wich an der Grazien Hand.
Zeichnungen wurden versucht, wir lasen Homeros und Platon,
Phädros freuet' uns heut, morgen betrübt' uns Achill's {157}

Jammergeschick. Und du hingst am begeisterten Munde des Sprechers;
Mit der Erzählung gewannst du den Erzähler auch lieb.
Denk' ich des lieben Empfangs, als aus Untiefen der Weichsel [Siehe S. 47 u. ff.]
Mich Tyndaridengewalt zog an das heitere Licht:
O wie vergelt' ich wol je solch' unaussprechliche Huld dir?
Nimm was im Lied du geweckt, alles was dein ist — dies Herz.
Ewig besingt dich das Lied; mein Stolz, dich Freundin zu nennen,
Weichet im Tode dereinst, weichet im Orkus mir nicht.
Hälfte der Seele, die mir mein göttlicher Plato geweissagt,
Reiß die gefundene nie, nie von der meinigen loß!
Laß uns das Kerkergemäu'r ringsum mit den lieblichsten Bildern
Schmücken, mit frohem Gewinn haschen die Stunden im Flug,
Daß ich, ein Schatten, entzückt aussprech' in der Schatten Versammlung,
Wie du den Sänger geliebt, wie du den Dichter beglückt! {158}

Unzertrennlich im Tod auch bleiben wir dort noch beisammen;
Daß mich Petrarca umarmt, während dich Laura begrüßt.
Selige Laura, der einst ihr Petrarca des Lebens Genuß war,
Noch in dem Orkus ist dir jegliche Stund' ein Gedicht.
Die sich dem Sänger ergab, glückselig gepriesener Frauen
O glückseligste du, ewiglich lebest du fort.
Denn nicht des Orkus Gewalt, nicht die finstere Persefoneia
Blieb ungerühret, als einst Orpheus die Leyer gerührt.
Jahre vollenden den Kreis, und dem Frühling folget Autumnus,
Jegliche Blüthe zerstört kommender Zeiten Gewalt,
Aber die Seelen vermählet ein Licht, unverlöschbar im Tod noch;
Liebende zünden sogleich wieder im Orkus es an. {159}

XXXXV.
Erste Liebe.
Niemals hab' ich geliebt, o Geliebteste, wie ich dich liebe:
Wahr und gewiß ist das Wort, glaub' es dem Ariel nur!
Oft zwar hast du gefragt, woher mir die Liebe gekommen?
Weiß ich es selber, woher? — Grübele nicht, sie ist da!
Und so besitze dieß Herz, wie des Monds, der Gestirne Besitzthum,
Deren Geschenk dich erfreut, aber dich nimmer verletzt!
Wandl' im verschwisterten Licht mit Ariel, süß' Ariele!
Jegliche Trennung von dir — Finsterniß bringt sie und Tod. {160}

XXXXVI.
Die Himmelskette.

Jeglicher Kuß ist von dir nur ein Glied in der Kett', Ariele,
Und die verlängerte hält ewig dir Ariel fest.
Wollt' ich entfliehen — zu spät! So lang ist die Kette von Küssen,
Daß sie, vermuth' ich, schon jetzt mir um den Erdball reicht.
Hast du hinweg mir geküßt nun die Erd', o geliebt' Ariele,
Küß' auch den Himmel hinweg, laß mich auch dorten nicht los! {161}

XLVII.
Mutter und Tochter.

Den 17ten März 1757.
Ariele an eine Freundinn.

Gestern Nachmittag ist Ariel den langen Markt hinauf, unter dem Fenster eines Hauses, wo ich zum Besuch war, vorbeigegangen. Ich habe geglaubt, der Unartige würde heraussehen und mich grüßen, aber nicht rühr' an! Er ist so kalt und so ernst vorbeigegangen, als ob er mich zeitlebens nicht gesehn hätte; — aber freilich, meine Mutter hat es ihm so befohlen. Seit drei Wochen sitze ich nun unaufhörlich am Fenster und warte, und warte — und sehe mir fast die Augen aus, ob er denn nicht einmal die Straße heraufkommen will; aber er kömmt nicht — er darf nicht kommen — denn meine Mutter hat es ihm so befohlen. Nun höre ich gar, daß er krank ist — gefährlich krank — und wenn er nun kränker wird — und wenn er zuletzt sich gar hinlegt und stirbt — und wenn ich mir nun darüber die Augen auswein- {162}

te — wahrhaftig ich glaube, wenn ich alsdann zu ihm träte, und ihn befragte, warum er mich denn so kränkte, so würde er mir zur Antwort geben: meine Mutter habe es ihm so befohlen.
Ich aber bitte und beschwöre dich, liebste Freundinn, wenn du ihn siehst, sag ihm: Er soll leben, er soll für mich leben, und wenn meine Mutter ihn etwa deßhalb befragt, so soll er nur zur Antwort geben: „Ich, ihre Tochter hätte es ihm so befohlen." {163}

XLVIII.
An die Geduld.

Ich will die schönste Tugend singen,
Laß, Muse, mir dieß Werk gelingen,
So wird mein Lied die Menschen freun
Und auch erwünscht den Engeln seyn.

Oft prüft das Leben mich mit Schmerzen,
Doch nehm' ichs nicht zu sehr zu Herzen;
Ein Engel Gottes steht mir bei:
Da macht Geduld mich schmerzensfrei.

Wie viel, was Ungeduld verdorben,
Hab' ich mir durch Geduld erworben!
Wer diese Tugend nicht besaß,
Dem fehlt das rechte Seelenmaaß.

Wild, feurig, von Natur nicht träge —
So viel empfindlich harte Schläge
Ich vom Geschick auch schon bekam,
Stets heilte mir Geduld den Gram.

Einst wollte mich die Liebe quälen —
Ich könnte viel davon erzählen —
Wie sie mit Tantal's gold'ner Frucht,
Vergeblich meinen Durst versucht. {164}

Da konnt' ich lange mich nicht fassen,
Ich mußt' erröthen und erblassen.
Ich hatt' an solchem Leid nicht Schuld?
Zuletzt — was half mir? — die Geduld.

Geduld, du eingeborner Engel,
Du Stiller aller Erdenmängel!
Die Thränen, die kein Auge sieht,
Die trocknest du vom Angenlied.

Steht still, ihr himmlischen Gedanken!
Verläßt mein Geist die Erdenschranken,
So bitt' ich, bildet über'm Grab
Mir die Geduld in Marmor ab.

Wollt ihr der Thränen Zoll mir geben,
Dann soll der Marmor sich beleben,
Und lispeln: Groß ist Gottes Huld;
Wir seh'n uns wieder, nur Geduld! {165}

Bei Ueberreichung des Liedes an die Geduld.

Nimm hin die süße Lenzesblume!
Der Himmel ist für sie ein Ort;
Erblüht ist sie zu deinem Ruhme,
An deinem Busen wächst sie fort.

Und meine zweite bring' ich morgen,
Erweckt kein Lauscher mir Verdruß.
Verrathen ist es — beide borgen
Das Leben nur an — deinem Kuß. {166}

XLIX
Die Ahnen

Donnerstag, den 29sten März 1787. Früh 7 Uhr.

Weinen kann ich, schelten, lachen,
Strenge seyn und mild gesinnt,
Lieben und Gedichte machen —
Ja ich fühl's, ich bin ein Kind.

Und so mußt du mich auch tragen,
Nehmen mich in deinen Schooß.
Solch ein schöner Himmelswagen
Ist Verdientes Dichterloos.

Fragst du mich, woher ich stamme?
Unsres Gleichen deckt kein Grab;
Aus des Himmels Oriflamme
Leiten wir den Ursprung ab.

Und noch zähl' ich viel der Brüder,
Leuchtend hell wie Bergkrystall,
Weiß, dem Schnee gleich, ihr Gefieder,
Einer Burg Bewohner all.

Hast auch unsern Gruß vernommen?
Das ist Ton uralter Zeit.
Schon ist Raphael gekommen,
Und Homeros ist nicht weit. {167}

Tausend Kerzen seh ich blitzen,
Hehr erbrausend tost das Meer,
Und auf tausend Stühlen sitzen
Tausend Cherubim umher.

Zittern faßt, es faßt Verzagen
Rings die bange Kreatur;
Die den Flug zum Ew'gen wagen,
Solche sind unsterblich nur.

All die andern Erdgebor'nen
Deckt die Nacht auch wieder gleich;
Der zum Lichtgebiet Erkor'nen
Aber ist das Himmelreich.

Wir nun, angestammter Würden
Froh genesen, winden groß
Uns von dunkler Erde Bürden
Wie mit Adlerschwingen los.

Ich auch will der Abkunft Adel
Rein bewahren immerdar,
Fleckenlos und ohne Tadel
Halten mich zur hehren Schaar.

Du nur wieg' in Blüthenträumen
Mich an deiner holden Brust,
Bis mich unter Edens Bäumen
Wecket Paradieseslust! {168}

Nachschrift.
Nun ja — sie soll eine Fürstin — eine Königin seyn und von Stanislaus abstammen, die du dir zu deinem Umgang erwählt und erkoren hast, und über die du im Geräusch des Hofes deinen armen Ariel zu vergessen scheinst. Ja bilde dir nur ein, verblendetes Kind, du säßest, allen sterblichen Augen entrückt, auf dem Stamm deiner gefürsteten Freundin so fest und so sicher, wie der Zweig auf einem Baum sitzt! Bestätige dich irgend ein anmuthiger Frühling, oder ein windstiller Sommer in diesen Gedanken! Und wenn vollends der königliche Stamm dich mit seinem hohen Wuchs in den Himmel trägt; wenn er dich, als einen der erlesensten Theile seiner Blüthenkrone den Wolken nicht verläugnet, und du dich daselbst, im Umgang und in der Nähe von Göttern, wie einst der alte Tantalus, auf ihren Sitzen und Stühlen glücklich fühlst: dann frohlocke und glaube, du habest es erreicht und ergieb ganz dein Herz diesem lieblichen und verzeihlichen Wahne! Sprich zum Himmel mit freudigem Bewußtseyn: diesem Stamm verdank' ich Alles! Sprich zur Wolke mit stolzem Herzen: fahre hin! {169}

diese Blüthen hast du mir entwickelt. Sprich zu den Sternen, zu der Sonne und dem Monde: habt Dank, ihr zwei freundlichen Geschwister, für diese Früchte, die ihr an euren Strahlen gereift habt! Mit allen diesen Empfindungen hörst du dennoch nicht auf, eine vergängliche Blüthe, eine vergängliche Frucht zu seyn, wie der Stamm, worauf du sitzest, deren bereits viele getrieben hat, Ariele, und, wenn die Sonne und die Gestirne ihm anders Zeit lassen, ihrer noch viele treiben wird. Darum rathe ich dir, habe die Sonne nicht zu lieb und die Sterne, und den Himmel und die Wolken; sondern bedenke, wenn das linde Wehen des Frühlings dich umfängt, und dich ergötzt, wenn der Sommer, wie eine treue Mutter an der Wiege ihres Kindes, an allen Zweigen dasitzt, und die Knospen, Blumen und Früchte aus ihrem sanften Schlaf herauswiegt, daß auf diese fröhliche Jahreszeit der traurige Herbst, das große Leichenbegängniß der Natur, folgt, der schon viele deines Gleichen in ihren Schooß versammelte. Und wenn dieses geschieht, was, wie ich dir voraussage, nach unabänderlichen Gesetzen der Natur erfolgen wird, ja erfolgen muß: dann sitze ja recht fest auf deinem Baum, auf deinem Stamm, zwischen {170}

deinen Wolken, deinen Sternen, deinem Olymp, deinem Himmel und deinen Göttern! Aber merke dir Eins: wie fest du sitzest, und wie tief auch die innigste Liebe dich erfaßt und mit deinem Stamme vereinigt hätte, das wird kein Hinderniß seyn, glaube mir, wenn deine Zeit gekommen ist, und der Gärtner an den Baum tritt und ihn schüttelt, daß dieser Ungetreue dich nicht, trotz aller Majestät seiner ausgebreiteten Zweige, aus seinem höchsten und schwindelndsten Gipfel als todtreif wird herunter fallen lassen. Und wenn du nun so am Boden liegst und vergehen wirst, oder dich in Sehnsucht verzehrst, und jedesmal, wenn die Zweige säuselnd herunterfallen, glaubst, daß die Himmelsarme und die Himmelshände, die dich aufheben wollten, wieder gekommen wären, und doch immer vergeblich wartest, weil nichts kömmt, als der Winter und mit ihm die traurige Ueberzeugung, daß du einst eine Nachbarin des Himmels, ein Stammbuch für Götter und Sterne — jetzt ein trauriger Abfall der Natur, ein Futter — für jedes wilde Thier des Waldes geworden bist, das sich die Mühe geben will, dich aufzulesen – – – {171}

L.
Das Ritterweib im Königssarge.

Wo ist mein Lieb, wo ist mein Leib?
Wo ist das alte Ritterweib?
„Sie schläft im Königssarge!"

Wo ist mein Leib, wo ist mein Lieb
Der ich wol tausend Briefe schrieb?
„Sie ist dahingefahren!"

Und wird sie eines Andern Weib,
So mag Gott gnädig Seel' und Leib
Und Sinne mir bewahren!

N. S.
Liebste Ariele!
Bald wäre dein Ariel in einen grausigen Felsspalt, in eine ewig eisige Winterkluft der Jungfrau — du weißt, daß dieses eins der furchtbarsten Gebirge in der Schweiz ist — heruntergefallen. Ich glitt, {172}

ich schwindelte, ich fror, ich glüh'te — aber ich klomm fort über tausendjährigen Schnee; über die Alpen des Todes bin ich gestiegen, über die ewigen Eisfelder des Montblane, die so alt sind, als die Schöpfung selbst. Und wenn ich mich nun, wie ein weinendes Kind, zu deiner Sennenhütte angelangt, an deinen Hals hänge und frage: Ariele, ist es nun bald genug? Wann wird endlich der ewige Schnee, der sich zwischen uns aufthürmt, schmelzen, und unsere Liebe ein schöner, mit Blumen eingefaßter Fluß geworden seyn? Was willst du mir zur Antwort geben?

Guten Morgen, theuerste Ariele, und noch einmal guten Morgen, mein süßestes Leben! Sieh, mein guter Morgen soll bereits, wie eine im Dunkel für den Schiffer angezündete Pharusflamme, auf einem hohen Berge sitzen, und so früh oder spät du dich auch auf den Weg begiebst, dir noch früher aus der Höhe entgegenbrennen, dich mit freundlichen Engelzungen ansprechen, und dich aus himmelsklaren Engelaugen anlächeln. Tausendmal hab' ich gestern, als die Vesperglocke schlug, in der abendlichen Einsamkeit der Ostsee, die mich umgab, an dem mit {173}

dem Abendroth in eins verschwommenen Rosenberge, deinen Namen zu Aller-Gottes-Engel mit Sehnsucht ausgerufen. Weißt du auch, Ariele, wie mein ganzes Wesen dir nur angehört, und wie es sich nach Vereinigung mit dem deinen so einzig hinneigt? Heute will ich Alles, was mir lieb ist, erst Alt-Fahrwasser, sodann meine Mutter, und darauf den Rosenberg besuchen, wo ich dich zum erstenmal sah, und alle seine Rosen so lang an mein Herz legen, bis mein ewiger unstillbarer Schmerz um dich und dein Scheiden darunter begraben ist. {174}

LI.
Ariels Traum am Rosenberge
aufs Jahr 1887.

Vor hundert Jahren,
Erinnr' ich mich,
Da traf ich dich
Am Rosenberge,
Du holdes Gesicht:
Sprich, war es so nicht?

Am Rosenberge —
Da küßt' ich dich,
Du holdes Gesicht,
Und, irr' ich nicht,
So schaltest du mich.
Wars nicht so? Sprich

Am Rosenberge
Ein Du und Ich,
Du holdes Gesicht!
Und liebte dich,
Und liebtest mich,
Und schaltest mich. {175}

Die Rosen am Berge,
Sie leiden's nicht,
Du holdes Geicht!
Sie beklagen sich
So bitterlich;
Ists recht, oder nicht? –

Wo sind wir nun? sprich!
Der Rosenberg —
Das holde Gesicht —
Und du — und ich, —
Und die Zeit entwich —
Und Alles verblich! – – {176}

LII.
Die schlafende Mutter.

Wunderst du dich, daß im Schlaf ich um dich verblieb, o du Gute?
Ach! der Planet, der uns trägt, ist ein verschlafnes Gestirn.
Edele Männer und Frau'n, die vor uns ausschmückten den Erdball,
Alle ja bindet sie jetzt tief unerwecklicher Schlaf.
Siehe — so ging unlängst der geliebteste Bruder dir unter,
Ewig vergeblich nach ihm streckest die Hände du aus.
Ach! so sitzen wir all' und erzählen uns Mährchen der Vorzeit;
Kaum noch sind wir zu End, nimmt uns der Tod in Empfang.
Und so gewältigt dereinst dich der Schlaf, wie er jetzt dich erfaßt hält;
Aber dein liebendes Bild bleibt den Verlaßnen zurück. –
Mütterchen, warst du mir Bild grundloser, unendlicher Güte,
Hab' ich Erbarmen und Huld tief dir im Busen entdeckt — {177}

Wenn du ein himmlischer Geist, dem Kreise der Deinen entrückt bist,
Habe mit mir dann auch, siehst du mich fehlen, Geduld!
Denk', daß im Schlaf ich, wie du, der Natur abzahle den Schuldbrief.
Tiefes Erbarmen bedarf wahrlich das Menschengeschlecht! {178}

LIII.
Die Sommerschuyte.
Ein See-Idyll 1787 d. 8ten August.

Erstes Mädchen.
Schiffer der Schuyte, sag' an! hast bald Passagiere genug du?

Schiffer.
Kinderchen, habt nur Geduld! Ihr seht, wie am Ufer das Pferd gras't;
Bis ich das Seil angelegt, mag's wol noch ein Weilchen sich hinziehn.

Erstes Mädchen.
Horch, die Musik des Verdecks, die erfreuliche, Schwestern, beginnt schon!
Sitzen wir oben! Um Nacken und Brust spielt labende Kühlung;
Bleiben wir auf dem Verdeck?

Schiffer.
Erwählt euch beliebige Sitze!

Zweites Mädchen.
Bootsmann, stelle geschickt mir das Körbchen hier in die Kajüte, —
Mädchen bedünkt's euch gut, nun so rücken wir eng aneinander. {179}

Auf, Musikanten! Was stimmt ihr so lang? Macht hurtig den Anfang!
Horch, wie so muthig im Wogengeräusch aufmunternd Musik schallt.

Erstes Mädchen.
Weißt du, was lieblicher schallt, als Musik, zur tosenden Welle?
Mädchengeplauder, o Kind, am Brunn, wo sich sammeln die Mägdlein.
Denn, wo ein Born nur quillt, da erquillt stets Mädchengekos' auch,
Plaudert so Mädchen, wie Quell, endlos ist Scherzen und Kichern.
Aber nun rücke geschwind in's Auge dir schützend den Strohhut,
Trauteste, daß nicht braun wie die Schnitterin du im August wirst;
Denn, wie mit doppeltem Pfeil, trifft hier uns die Sonn' auf dem Wasser—
Und dann möchte der Liebste wol gar dein braunes Gesicht schmähn.

Zweites Mädchen.
Sorge nur nicht! mich deckt ja des Segels schützende Kühlung,
Das, gleich weißem Gezelt, ob dem Haupt uns beiden gespannt ist.
Noch liegt immer zum Strand hingedehnt der schwankende Schiffssteg. {180}

Sieh, noch immer vermehrt sich die fröhliche Schuytengesellschaft;
Das ist die fünfte nur erst, auch die siebente, denk ich wol, kommt nach.
Schwül ist der Tag; dann wallen die Städter zur Mündung am Abend
Stromweis, und sie empfängt mit gewechselten Pferden die Schuyte.

Erstes Mädchen.
Schicke dich. Liebste! du siehst, einsammelt der Schiffer das Fährlohn,
Und nun gleiten wir hin, wo uns spiegelnde Fluth in Empfang nimmt.
O, der verwegene Hund! Nun entdeckt er den Herrn in der Schuyte,
Die er mit Spielen verfehlt, und springt angstvoll, heult laut auf,
Bellt dann zürnend hinüber, als wollt' er zurück an das Ufer
Schiffer beschwören und Schiff und die abwärts gleitenden Segel —
Doch nicht hemmt ihn die Fluth; plumps! springt er hinein in die Wellen.
Ha, wie er schwimmt und den Kopf aus den Wogen so muthig emporträgt!
Kinderchen, nehmt euch in Acht, wo er landet im Schiff! Er besprützt euch, {181}

Mädchen zumal, daß nicht der Schalk von Schiffer euch auslacht!
Wie er sich schüttelt, bewahr'! und der Herr, wie er freundlich ihm liebkoßt!
Habt, ihr Götter, nun Dank! allmälig verläßt uns das Ufer —
O wie das Auge so gern in das Wassergefild weit hinschaut!
Wie die geschäftige Meng' im handeltreibenden Städtchen
Herzen und Sinne vergnügt mit Gewühl und fröhlichem Wohlstand!
Schiffer, nun nimm dich in Acht, daß die zweit' uns begegnende Schuyte
Nicht — denn die Weichsel ist schmal — dem Ufer zu nah auf den Grund stößt!
Am Holländer wol ist's, wo den reinlich gescheuerten Zinnkrug
Den Passagieren ein Wirth so geschickt und schnell aufs Verdeck reicht,
Schon an der Thür sie erwartend, am Vorsprung seiner Behausung.
Und was erblick' ich dahier? Zweirudrige Böt', und von Weibern
Beide regiert; eins kömmt vom Strand auf dem Inselchen Hela,
Eins ist mit Mädchen besetzt und mit Matronen aus Zoppoth; {182}

Beide ja trägt ihr Segel zur Stadt, und die zappelnde Beute,
Welche sie gestern dem Meer entfischt mit Netz und mit Hamen,
Bieten sie heut zum Verkauf. Wie sie blinken, die Fisch' in dem Köscher!
Horch, wie sie singen und rudern im Takt — dasitzend im Nachen,
Ziert von blendendem Weiß ein Schleyer die rosige Schläfe.
Mütterchen, grüße dich Gott! Wie gerieth euch gestern der Fischfang? —
Garstige Hexe! sie lacht, und statt mir zu gönnen die Antwort,
Schöpft sie Wasser im Fluß mit gehöhleter Hand und besprüht uns!
Schwesterchen, nehmt euch in Acht, und bücket behend euch seitwärts,
Denn schon schöpfet sie wieder; da fällt mit gießenden Würfen
Rasch ein unendlicher Schau'r auf uns, wenn widriger Windstoß
Ihm nicht wehrt und dem Boot, wo sie sitzt, die verwünschte Sibylle! —
Recht so, wir danken dir schön. Das heiß' ich vergolten, o Fremdling!
Die war naß! Nun da hat sie's! recht gut, daß der Eimer zur Hand war! {183}

Aber, o Himmel, das heißt aus dem Regen gelangt in die Traufe.
Wolkenumschwärzt ist der Himmel; nun fallen gar Tropfen — es regnet.
Wenn die Kajüte nur nicht dort unten so schrecklich gefüllt wär'
Und mein Regengewand, ach! das liegt ruhig daheim noch.
Aber da sucht nur den Fremdling, denselbigen, der uns vorhin schon
Gegen die Alte beschützt, wie gefällig den Mantel er umschlägt!
Artiger kann man nicht seyn; er verhüllet mich ganz in demselben,
Daß kein fallender Tropfen mich trifft; nun sitz' ich im Trocknen.
Wahrlich ein seltenes Glück, daß zugegen ein Solcher im Schiff ist!
Halt, was beginnest du, Freund? Nein, nein, auf diese Bedingung
Hätt' ich mich nimmer vertraut; du bist ja noch schlimmer, als Regen,
Schlimmer, als Wind, unbändiger Mann! Geh, geh! Das ist garstig.
Gluthroth mir das Gesicht so zu küssen in offner Versammlung,
Auf dem Verdeck, im Schiff! geh, geh, das verzeih ich dir niemals. {184}

Schiffer.
Hurrah, den Steig nun gelegt! Wir sind an der Münd' und am Ufer!
Schickt mir die Pferde zurück in die Niedrung! Lasset sie grasen!

Erstes Mädchen.
Schwesterchen, hast du gehört, wie jener verwegene Jüngling,
Der mich nur eben geküßt, auf der Schuyt' im offnen Verdecke
Nun mich dringend ersucht, ich soll mit ihm tanzen — was meinst du?
Ob ichs ihm abschlag'?

Zweites Mädchen.
Nein du vergibst ihm lieber noch diesmal —
Oder bedingst dir zugleich im bestrafenden Kuß die Verzeihung.

Erstes Mädchen.
Schäkerin!

Zweites Mädchen.
Horch die Musik!

Erstes Mädchen.
Ja fürwahr, wir dürfen nicht zögern. {185}

Zweites Mädchen.
Sachte nur nimm dich in Acht! du siehst, mein Kind, wie der Steg schwankt;
Schad' um dein junges Blut, wenn du straucheltest.

Erstes Mädchen.
Werthester Fremdling!
Reicht uns die Hand! Gottlob, nun sind wir glücklich am Ufer. {186}

LIV.
Blätter aus Ariel's Tagebuch.
Aller-Gottes-Engel.1787
d. 1. September. Dienstag früh.

Ich komme mir fast wie die Sonne vor. Da hab' ich mich mit seltenem Eigensinn in einen schwarzen Felsen verliebt, und kann nun und nimmermehr von ihm ablassen. Oft sprech ich zu mir selbst: Ariel, und konntest du nichts Weicheres suchen, wo du den feurigen Puls deines Herzens hineinlegtest? O du spröde, schwarze, unerbittliche Tellus-Ariele! nicht einmal deinen Mund willst du mir zu Lieb' eröffnen, und wärest mir doch weit mehr schuldig! Aber verschließ dich nur in — Stein, dein Sonnen-Ariel findet auch dahin den Weg, du süß verdunkeltes Tellusgesicht! Oder vermagst du denn auch deinem Othem zu wehren, daß er kommt und geht? oder deinem Ohr, daß es den Schall vernimmt? oder deinem Auge, daß es das Licht empfängt? So du nun dieses Alles nicht kannst: wie magst du verhindern, dadurch, daß du deinen Mund verschließest, daß die Strahlen meines Geistes nicht in dich dringen, und mit dir eins werden? Versuch es einmal — sieh, so trotzig bin ich von Natur; so {187}

gewiß der Unzertrennlichkeit und der Gegenwart meines Wesens in dem Deinigen, daß ich dich wiederholt dazu auffordere — versuch es einmal, was Mein und was Dein ist, im Ursprung deiner Seele zu ergründen, oder zu trennen! Aber zuvor und eh du mit dieser traurigen Scheidung in deinem Gedankeneigenthum einkehrst, erwäg' es genau, wo du anfangen und wo du wieder aufhören sollst, damit du nicht etwa dein ewiges Ich kränkend zerstörst, wenn du allzuvermessen glaubst, es nur von einem zufälligen Du gesondert zu haben.

Liebes-Allmacht.

Lieb' ist seliges Verschulden,
Lied' ist himmlisches Erdulden,
Lieb' ist Leben, Lieb' ist Tod,
Lieb' ist Wonne, Lieb' ist Noth,
Lieb' ist Himmel, Lieb' ist Hölle,
Lieb' ist Feuer, Lieb' ist Welle,
Lieb' ist Anfang, Lieb' ist Ende,
Lieb' ist Schöpfungs-Sonnenwende,
Lieb' ist Leib und Lieb' ist Seele,
Lieb' ist's, liebste Ariele,
Lieb' ist's, die um Mitternacht
Dieses Lied für dich erdacht. {188}

LV.
Auf einer Reise im frischen Haf und am Strand der Ostsee. Den 5ten Mai 1787.

Sonnabends um 11 Uhr.
Die Glocke schlägt 11 Uhr zu Aller-Gottes-Engel im Thurm. Ich sitz' an meinem Schreibtisch, und Markus Glück, unser alter Schiffer, tritt herein und fragt: ob das Packet, das er mitnehmen soll, fertig sey. Ich versicherte ihn, ich würde diesmal selbst mitgehn. Was ihn in kein geringes Erstaunen setzte. Nun habe ich soviel für Andere zu besorgen, und mir nimmt niemand meine eigene Sorgen ab. Du könntest es wohl! Gute Nacht, süße, theuerste, zugleich liebliche und liebloseste Ariele! Du fragst, ob ich krank bin? Wie kannst du fragen? Bin und bleib' ich ja von dir getrennt! Im frischen Haf, wo ich mit Markus Glück ausgestiegen, nahmen wir unsern Mittag in einem Gasthof ein. Mir gegenüber saßen Fremde, die sich genau nach allem, was Danzig betraf, erkundigten. {189}

Als darauf, wie zufällig, der Straße, worin du wohnst, Erwähnung geschah, mußt' ich plötzlich aufstehen; so heftig ergriff mich das Andenken an dich mit dem bloßen Schall des Worts! Ein Name — und nicht einmal der Deinige — nöthigte mich, den Tisch und die Gesellschaft zu verlassen. Mir ward alles zu eng im Saal. Die Thüren schienen aus ihren Angeln zu stürzen; ich trat ans Fenster und sah hinaus aufs frische Haf, das der Sturm hin und her jagte, um meine Thränen ungestört fließen zu lassen. O Ariele! Und dieß ist doch nur die Erinnerung einer einzigen, selig elenden Stunde, die mit diesem Wort über mich kam; und mit wie viel hundert solchen Stunden, ja Tagen — was Tage? warum sollt' ich nicht sagen Jahren? — bist du in mein Herz gewachsen, das zwar verbluten, aber sich in Ewigkeit nicht von dir losreißen kann! Indem huben die Musikanten zu spielen an; der Mond schien, ich ging an den Strand — und wurde sanfter. Die Gedanken, die er mir eingegeben hat, gehören dir, und so will ich sie getrost in meinem Tagebuch niederschreiben. {190}

Mondklage.

Der Schöpfung Leichentuch,
Das stillt ein Herz, das schlug.
Das Meer dort, wie sie sagen,
Den Inhalt ew'ger Klagen,
Das schwach dein Strahl bescheint,
Du hast es ausgeweint.
Drum ziehen immer fort
Die Thränen hier und dort
Dich zu dem Aufenthalt,
Wo bange Klag' erschallt,
Die nimmer schweigend ruht,
Wie ewig Ebb' und Fluth
Steigt und dann wieder fällt
Von Anbeginn der Welt. —
Herz, einst von Gott geliebt
Mein Aug' ist so betrübt,
Wann hast du ausgeweint,
Daß dir kein Mond mehr scheint? {191}

Mondbesuch.
D. 10. Mai 1787.

Sonn' oder lieber Mond zu seyn, –
Wär' mir die Wahl gelassen,
So bät' ich, nicht als Sonne, nein,
Als Mond mich zu verlassen;

Als lieben, vollen, heitern Mond –
Und das mit dem Bedinge,
Daß unter mir am Horizont
Mein holdes Mädchen ginge.

Ja, ich ihr Mond, sie mein Planet,
Damit ich in der Nähe,
Die eine Seit' ihr zugedreht,
Stets Aug' in Aug' ihr sähe.

O blaues Aug', o Lippenroth,
Ihr dunklen Lockennächte!
Ach wenn doch diesem Wunsch' ein Gott
Einmal Gewährung brächte!

Du wunderliebliches Gesicht,
Wie wollt' ich dich bescheinen,
Dich trösten recht mit sanftem Licht,
Säh' ich dich einsam weinen! {192}

Wollt' irgend wie dich eine Qual,
Mein Engelantlitz, kränken,
Gleich sollte sie mein heil'ger Strahl
Ins tiefste Meet versenken. —

Das ist die Straße! wo sie wohnt,
Ja, Schloß und Thür in Ehren!
Ich will hinein! ich bin der Mond;
Wer mag es mir verwehren?

Von Licht ein Meer, ein Ocean
Käm' ich alsdann geflossen;
Und küßte dich von hoher Bahn,
Wär' auch die Thür verschlossen.

Ich kann nicht helfen, Wies' und Hain,
Wald, Auen, Berg und Garten,
Sie müssen auf den Mondenschein
Heut Nacht ein wenig warten.

Ostsee, die alte, weiß es schon;
Die meint, sie mag es leiden.
Doch sieh, der Morgen dämmert schon.
Ade! nun muß ich scheiden.

Ade, du holdes Angesicht!
Vergiß nicht meine Liebe,
Nicht, daß ich (glaub's und zweifle nicht,)
Zum Tode mich betrübe. {193}

Und wenn du einst auch Liebe hegst,
Leidvoll mit Gramgebärde,
So wisse, für den Mond dann trägst
Die Schuld du, süße Erde!


Erdabend.

Engelbesuchete Laub', jungfräulich erröthende Isis,
Goldumgürtetes Rund, rosenbehangener Sitz!
Gönne mir freundlich zu enden, wie du im bescheidenen Spätroth,
Daß stillheitere Nacht folge dem drückenden Tag.


Sonnenabend.

Da schwimmt sie, geschmolzen zu Lichte,
Mit purpurumströmtem Gesichte
Vom Erdball wieder hinweg;
Da steht sie auf schwindelndem Steg
Und ruft in die Zeiten herunter:
Erneut ist das ewige Wunder!
Aus wechselndem Tag und Nacht
Hab' ich wieder den Ring vollbracht! {194}

LVI.
Pillau. Fortsetzung der Reise ins frische Haf.

Sonntag früh, den 17. Mai 1787.
Wie blüht, duftet und rauscht doch alles ringsum in der Natur, die Blumen, die Bäume, die Wasser! Und wieder ergreift mich allmächtig das ewig anmuthige Bild der fromm dahingestreckten Mutter Tellus, die schon unsere Vorfahren als Erde, oder Hertha, an der Ostsee verehrten. Sie, die dich und mich, und jene singenden Vögel, und diese blühenden Bäume, als eine und dieselbe Urkraft in ihren dunkeln Schooß aufnahm, gebahr, zeitigte und ans Licht brachte. O du kleiner, lieblich gestirnter Ausfluß dieser Mutter — Gottheit, von Menschen Ariele genannt! Wer nennt, wer ruft dich bei deinem rechten Namen, oder auch mich bei dem meinen, als eben jene liebende Weltseele, die uns beid' als vergängliche Funken aus ihren Händen fallen läßt? Wäre dein Ariel doch im Stande, dir das Gefühl der Andacht und frommer Ergebung in {195}

den Willen dieses heiligen Eloahs, der gewiß dem Throne des unerschaffnen Lichts näher, als wir beide, kniet, in seinem ganzen heilig inbrünstigen Umfange mitzutheilen! Wo find' ich Worte oder Zeichen, dir den Gottesschauer zu beschreiben, der mich jedesmal überfällt, so oft ich durch seine Betrachtungen in den feurigen Abgrund jenes brennenden Mutterherzens hinein gerissen wurde, das mich von Kind an bei Namen gerufen, das mich an treuer Brust liebend erzogen und in dieser geweihten Stunde, wo es mir seine Vögel und seine Blumen als Dollmetscher zugeschickt, seines vertrauteren Umgangs gewürdigt hat? {196}

Tellus
oder
Die Himmelsbraut.

Mit duftig aufgeschücktem Haupt im Frühling,
Hat sich die Sonnenbraut zu Ruh gelegt,
Die hingegoßnen üpp'gen Jugendglieder
Von wunderanmuthvollem Reiz durchflossen.
Sie hält als Hochzeitstraus den Baum empor,
Statt Silberbändern weh'n ihr Bäch' am Busen;
Sie liebt's, daß sie der Sonnenbräutigam
Aufwecke küssend, liebewarm sie locke;
Giebt hin den jungfräulichen Blüthenleib
Zu Glutberührung, zürnet nicht, daß brünstig
Er ihr den lauen Busenschnee durchwühle;
Selbst nicht verborgnen Reiz des Gürtels wehrt sie!
In ewig angeborner heil'ger Einfalt
Scherzt alles ihr Verfall'ne sie ins Daseyn.
Sie spricht im Schlaf mit Vögeln und mit Blumen,
Fühlt sich im Sprechen wieder selbst verlockt
Und spricht in Blum und Vogel sich hinein.
Flamm' ist ihr Othem, Licht ihr Engelkuß,
Und Millionen junger Seelen stecken,
Den Kerzen gleich, an ihm ihr Leben an.
Ja, Kerzen sind die ungebornen Blumen,
Die jene Bien' auf Stauden ämsig sammelt, {197}

Daß sie, als Seelen, durch die Nacht uns leuchten.
Was brennt, was flammt, was wogt, was nährt — ist Seele.
Und du, aus diesem seelenvollen All,
Aus diesem ewig regen Feuerabgrund
Hervorgestieg'ne schönste Tochter Eva's,
Verkennst den anerschaffenen Beruf?
Verweigerst deinem armen Ariel
Den Aetherhauch verwandten Seelenzugs,
Den Flammenkuß herzinniger Berührung,
Der Erd' und Sonn' in Eins zusammenschmelzt,
Zu ewig wiederholter Gottvermählung,
Die Frücht' aus Blüthen, Seelen schafft aus Leibern?
Verlornes Kind! Geh', ahm' erst Tellus nach!
Wo nicht, sag' niemals, daß sie dich gebar! {198}

LVII.
Liebesbrunn.

Gott ist es, der in Blumen tagt;
Und, ob wir ihn betrüben,
Wie glaubst du, daß er jemals fragt,
Ob wir ihn wieder lieben?

Gott ist es, der in Vögeln singt! —
Verborgene Metalle
Berührt er nur, und Luft erklingt
Von munterm Vogelschalle.

Er spricht zum Berg: bist du nicht mein?
Bin ich dir nicht erschienen?
Er wärmt das Morgenroth hinein
In trunkene Rubinen.

Ein unversiegbar ewig Meer
Von liebenden Gedanken,
Läßt unerschöpft er um sich her,
Die Menschenkrüglein wanken.

Da stillt ein jedes seine Lust
Im ewgen Urkrystalle.
Zu eng' ist eine Menschenbrust —
Gott aber liebt uns alle! {199}

LVIII.
Verlohrne Jahre.

Pillau. d. 20sten Mai 1787.
Gestern, als ich auf den öden Strand des Meeres hinausblickte, und ein nach Danzig gleitendes Segel so lange mit meinen Blicken verfolgte, bis es ganz aus meinen Augen verschwunden war, hab' ich mir fest vorgenommen, mich künftig besser, als es bisher geschehn ist, mit der Zeit zu berechnen, überhaupt mich an Heute zu halten, das, in Verbindung mit dem Tag, der uns gehört, wenigstens einen zuverlässigeren Steig auf dem Strome der Zeit darbietet, als jener Morgen, der, wie Shakespeare sagt, so oft ein Lügner geworden ist, und so viele Narren zu Grabe geleuchtet hat, und mit dem ich mich eben deßwegen auch niemals wieder einzulassen gesonnen bin. Wie oft bin ich, durch das Fischerthor herauf wandelnd, vor deine Thür gekommen, geliebte Freundin, wo es denn hieß, du mahltest, — oder du wolltest Briefe schreiben, oder du wärest eben mit Lesung eines Buchs be- {200}

schäftigt, das du morgen wieder abgeben müßtest. Und nun bin ich von dir entfernt, und alle Gemählde, und alle Bücher, und alle Briefe in der Welt können mich dir und dich mir nicht wiedergeben. Was entbehrt' ich nicht Alles darum, auch nur eine einzige jener so muthwillig von uns versäumten Stunden zurückzukaufen! Wahrlich, man sollte mit dem Leben geizen, man sollt' im Umgang mit seinen Freunden, so lange man sie besitzt, gewissenhafter seyn! Die Stunde schlägt ja ohnedieß, wo sich unsre theuerste Andenken auf dieser Erde in einen Stein, in ein Stück Papier, in einen Brief, in ein Nichts verwandeln. Warum wollen wir denn vor der Zeit, und da wir noch neben einander leben, diese tödtenden und gleichgültigen Zeichen herbeirufen? {201}

Die Kunstbeschäftigte.

Dünkt dich verloren die Zeit, die dem Freunde geschenkt du im Umgang,
Ist kein Glück dir Besitz, ist dir Besitz nur der Tod.
In dem Charontischen Kahn gelangst du wol erst zur Besinnung,
Wo man Besinnung verliert! Wahrlich, wir sitzen darin.
Stellt Entbehrung allein, stellt nicht der Besitz dich zufrieden,
Wohl, so erfreue dich denn deines papiernen Geschicks,
Deiner gemahleten Erd', und deines gepinselten Himmels,
Deines gefirnißten Monds — bis uns der Orcus besitzt!
Zwinge dem farbigen Stift kunstkeck den verewigten Freund ab,
Halte Gespräch mit dem Tod, schreibe den Brief in die Luft,
Fluche des Orcus Gewalt, flick nur ein spärliches Jahr dir
Künstlich zusammen von Zeit, so du dem Freunde geraubt!
Morgen, — das thörichte Wort, erwähl' es zu deinem Gefährten,
Während der heutige Tag dich um die Freude betrog! {202}

LIX.
Am Schiff
von Patron Markus Glück.
Im Juni 1787 geschrieben.

So hab' ich mit der Natur um die Wette, wie von göttlichem Wahnsinn tönend und klingend, dein Bild in meinem Herzen tragend, mich von einem Ufer der Ostsee an das andere bis gen Pillau herüber phantasiert. Nach Sonnenuntergang stürmte es bei weitem nicht mehr so heftig; aber die Nacht befiel uns so dunkel, daß man kaum eine Hand breit vor Augen sah. Ich saß auf dem Verdeck, in der Gegend des mittelsten Mastes, den ich mit meinem Arm' umschlungen hielt. Plötzlich erweckte mich ein entferntes Sausen, das dem von Holländischen Windmühlen glich, und immer näher und näher kam. Anfangs wußten wir nicht, was wir daraus machen sollten, wir Passagiere besonders, die, je unkundiger der See, desto ängstlicher waren, bis uns der alte Markus Glück, und der Mond, der über die Wellen aufging, plötzlich das Verständnis eröffnete. Wir erschraken nicht wenig, als wir ver- {203}

nahmen, daß ein ungeheures Englisches Kriegsschiff mit vollen Segeln im Anzuge sey. Bald darauf wurden wir durch ein Sprachrohr gewarnt, demselben auszuweichen. In der Dunkelheit würd' es uns vielleicht in den Grund gefahren haben, ohne daß wir oder das Schiff irgend etwas davon bemerkt hätte, wäre nicht eben zur rechten Zeit der Mond aufgegangen.


Seelilien.

Keine Sonn' hier scheint!
Der Mond nur weint
Tief unten im Nebelthale.
Meine Liebes-Pein
Suchet am Gestein
Nach Blumen und Vogelschalle.

Im Meer kein Duft!
Was das Wasser ruft,
Das ist der Vögelein Singen.
Doch wünscht' ich nach Haus
Gesang und Straus
Dem lieblichsten Engel zu bringen. {204}

Herz, was du gesagt,
Herz, was du geklagt,
Das sind die Blumen im Meere;
Aus Mondenstrahl,
Gesang und Schall,
Erzog sie die einsame Zähre! {205}

LX.
Hertha's Morgengruß.
Auf dem Felsen von Hela, den 1. Oct. 1787.

Wie es wogt auf Thal, auf Höh'n!
Wie es schifft von nebelnden Seen!
Von der Fichten bekränzender Last
Sind die Ufer des Meeres gefaßt.

Sicher wohnet die Freundin mir hier.
Wo das Haus, wo die einsame Thür?
O ihr Vögel und Stürm' im Geleit,
Gebt dem fragenden Dichter Bescheid!

O ihr Stunden und Tag' auf der Flucht!
Zeigt ihr mir, was ich himmlisch gesucht?
Als ich klopft' an der Liebsten Thür,
Kam Natur und eröffnet' sie mir.

Wie geregnetes zitterndes Licht,
Stieg hervor ein seltsam Gesicht.
Als ich klopft' an die steinerne Wand,
Kam die Mutter; — die Tochter verschwand. {206}

LXI.
Der Dichter.
Sonntag im Juni 1787.

Was zieht ihr schon wieder,
Ihr himmlischen Lieder,
Ihr seligen Sterne,
Mich fort in die Ferne,
Zu Euch herauf?

Es quellen
Die Wellen
Der heil'gen Gesänge,
Die himmlischen Lieder.
Aus Herzen,
Voll Schmerzen,
Nur quellen sie auf! {207}

LXII.
Der Wunderquell.

Es fließt ein Quell der ew'gen Jugend;
Wer ihn getrunken, altert nie:
Der Welten angestammte Tugend,
Ihr ewig Triebwerk — such' es hie!

Hast du von hellen Lichtkrystallen
Vernommen in der Wundermähr?
Gestoßen aus des Himmels Hallen,
Verlangt ein Stern bei dir Gehör.

O wunderthät'ge heil'ge Quelle,
Du flammst und brennst und kühlst zugleich!
Du trägst mich nahe bis zur Schwelle,
Wo sich erschließt ein Himmelreich.

Im seligsten Zusammenschaudern
Durchströmt mich jetzt dein Element;
In Himmelsliedern fortzuplaudern
Ist mir dem Sterblichen vergönnt!

Als ich mein zweites Ich gefunden,
Als Herz an Herz wir uns gedrückt,
Da hat uns tausend Himmelsstunden
Das Paradies zurückgeschickt. {208}

Zum zweitenmal bin ich geboren
An ihres Kusses Morgenroth,
Gleich an den neuen Lebensthoren
Verging mir Grabgesicht und Tod!

O laßt mich schlafen hier am Hügel,
Wo sie mit Blumen mich besteckt!
Rauscht, Cherubim, mir eurem Flügel,
Bis mich mein Engel wieder weckt!


Nachschrift.
Süße Ariele! Wie der Bononische Stein das Tagslicht und die Strahlen einsaugt und sie bei Nacht wieder von sich gibt; so sauge auch ich jetzt die Strahlen aller Gegenstände ein, die dich sonst umgaben, oder die nur irgend durch deine Nähe geheiligt sind, des Rosenbergs in der Münde, deiner Mutter, der Locken deines Hauptes, die du mir geschenkt, der Briefe deiner Hand, die du mir geschrieben hast; Alles, um dadurch über dich, die Abwesende, irgend einigen Tag in die Finsterniß meines {209}

Grams, in die Nacht meines Kummers zu bringen! Doch ich will lieber still seyn; denn, wollt' ich mir auch Engelzungen erborgen, doch müßt' ich daran verzagen, Dir den ganzen seligen Abgrund meiner Liebe, die unergründliche Tiefe, den Durst, die zitternde Sehnsucht meines Wesens nach ewig himmlisch unzertrennlicher Gemeinschaft mit dem Deinigen in armen menschlichen Worten auszudrücken. Lege die Hand auf dieses Blatt, und fühle, wie mein Herz Dir aus allen Zeilen desselben entgegenklopft! Und wenn Du es gefühlt, und Raum und Zeit in diesem feurigen Puls der Gegenwart Dir untergegangen sind, so sprich: Es ist das Meine! Warum habe ich mich von ihm getrennet! O Ariele, komm doch endlich, und tröste meine ewige Sehnsucht! {210}

LXIII.
Am Meer bei Pillau, an einem offnen Fenster geschrieben.
Den 7ten Aug. 1787.

Wie eine freundliche, dienstbare Kerze, die man auf einen Tisch stellt, und sich an ihrem Lichte zu Abend ergetzt: so still, so gesellig, meine Ariele, hat Dir mein Genius diesen Winter hindurch geleuchtet. Und Homer und Shakespear kamen, und es setzte sich Raphael auf den einen Stuhl und Tizian auf den zweiten, und Michael Angelo saß oben an — und es war eine hohe würdige Versammlung, und ein Besuch von den seltensten Gästen, die deinen Ariel ihren Freund und Dich Schwester und ihn Bruder nannten! Und alle erfreuten sich an dem stillen, freundlichen Licht, das Alles ringsum so anmuthig beschien und verklärte; und Du selbst frohlocktest, daß Dir das Ewige erschienen sey. Verwünschung darum, und dreimalige Verwünschung der unvorsichtigen Hand, und wäre es die meiner Ariele selbst gewesen, die mich nahm, {211}

die mich so nahe dem Vorhang ihres künftigen Brautlagers — mit einem Fremden — stellte, bis ich es zürnend ergriff, und mit ihm — und mit Dir, und mit mir, und dem ganzen Haus, so wild zu den Sternen, woher ich gekommen bin, wieder emporloderte! — O Ariele, warum hast du mir, warum hast du Dir das gethan? Entflohen sind nun jene himmlischen Gäste, in deren Daseyn das unsrige erst aufging. Statt ihrer, hat eine wilde Zerstörung in demselben ihren Wohnsitz aufgeschlagen. Ja, schreibe es Dir nur selbst zu, wenn so dein Ariel zuletzt Deinen Blicken entschwindet und nichts als Asche und die Schauer trauriger Verwüstung hinter sich zurückläßt!


Männertrotz.
Pillau, den 7ten Aug. 1787.

Mann! wenn du lichtgeboren bist,
Sollst du im Licht auch handeln,
Soll dich um schnöden Erdenzwist
Nicht Weiberklag' anwandeln. {212}

Nicht ziemt's, in banger Sorg' und Gram
Die Glieder abzuzehren!
Dem Mann die That — dem Weib die Scham
Der Muth Ihm — Ihr die Zähren!

Statt klagend Isis Blumenkreis
Durch Thränen zu entfärben,
erschaff dir selbst des Lebens Preis, —
Wo nicht — versteh' zu sterben!

Verkünden soll den Mann ein Reich
Schön blühender Gestalten;
Er soll die Welt, nicht aber bleich
Die Sorg' im Arme halten.

Und wenn ihm Tellus nicht vergönnt,
Den Zoll ihr abzufodern,
Soll er, ein zürnend Element,
Zurück zur Sonne lodern!

Dieß ist des Mannes Götterkraft!
Sie glüht im Morgenrothe,
Erhält, verjünget, wirkt und schafft,
Trotzt lebenskühn dem Tode.

Drum, wird zu trüb' um dich herum
Das Licht der Sonnenwende,
Vollbring' es männlich ernst und stumm,
Mein Genius, und ende! {213}

LXIV.
Die Entscheidung.

Kannst du's nicht sagen,
In dem Momente:
In jedem andern
Erlaß' ich's dir!

Wüst an der Gränze
Des dunkeln Wahnsinn's
Irrt halb verloren
Der Freund dir schon.

Die halben Worte
Aus halbem Herzen,
Mit halben Ohren
Vernehm' ich nur.

Ich will nichts hören,
Ich will nichts fühlen,
Du sollst nichts sagen,
Als Ja — und Nein.

Mit diesem Worte,
Geh' ich zur Pforte
Des dunkeln Todes,
Des Lebens ein! {214}

Nachschrift.
So sang ich mich gestern Abend traurig, den entlaubten Lindengang, von der eisernen Hinterthür bis an den Fluß, herunter, wo ich Dich zwei Stunden lang erwartete, und, statt deiner und der gewohnten Rosen am Berge, nur Schnee und Eis fand. — Ich hörte das rauschende Wehn — es schien mich zu rufen. Ach Ariele, es ist ein trauriger Anblick um ein verzweifelndes Männerherz! Der Schnee lag, wie eine — wie meine Leichendecke auf der Natur. — Wie kannst du aber, ich bitte dich darum, wie kannst du nur so eisern seyn, mich in solchen Augenblicken allein zu lassen? Ich bin erst spät im Dunkeln, und völlig ausgeweint und verzweifelt nach Hause gekommen. {215}

LXV.
Die Nachtigall am Rosenberg.

O Nachtigall, o Nachtigall!
Wie lieblich du gesungen,
Bezahlt ist dir dein süßer Schall:
Das Herz ist dir gesprungen.
Sprich dann: wo willst begraben seyn?
„Am Rosenberg', im Mondenschein,
Wo Nachtigallen sangen,
Dorthin steht mein Verlangen.
Und scharrt mich die Geliebte ein,
So mag ihr Herz — als Marmorstein,
Auf meinem Grabe prangen:" {216}

LXVI.
Der Künstler an seinen Genius.
1799

Wirst du wieder einmal in mir rege,
Alte, nie versiegte Schöpfungskraft?
Hör' ich wieder einmal deine Schläge,
Genius, der drunten in mir schafft?

In der dunklen Werkstatt dagesessen
Hast du Mondenlang, und schienst vergessen
Deiner selbst, so wie der Kunst, zu seyn:
Und nun willst du schaffend dich erneu'n!

Auf, ihr Hände, rüstig dann zum Werke,
Schafft und regt euch mit erneuter Stärke,
Ob vielleicht uns Ewiges gelingt,
Weil noch Sonne leuchtet, Aether klingt!

Bald, mein Seelchen, hast du ausgesungen!
Fünkchen, das den Schattenleib durchklungen,
Welchem der Planeten wandelst du,
Welterschaffen, Weltenschaffend zu? {217}

LXVII.
An
Wilhelm Körte,
Canonieus zu Halberstadt.
Weimar, den 7. August 1801

Auf meinem kleinen Rosenberge,
Wo vor der Welt ich streng mich berge,
Dem Nachen gleich in stiller Bucht,
Fragst Du mich, Körte, wie ich lebe?
Und, was ich Dir zur Antwort gebe,
Ist: warum Du mich nicht besucht?

Du würdest hier auf heil'gen Höhen
Ein Paar zufried'ne Menschen sehen;
Und auch das dritte wächst heran.
Wir leben fröhlich jeden Morgen,
Und lassen aus der Stadt die Sorgen
Uns, wie den Nebel, selten nahn.

Hier pfleg' ich süßer Dichterträume;
Hier, unter'm Obdach grüner Bäume,
Leb' ich im schönen Griechenland.
Ich stehe, sinne, richt' und schreibe,
Und oft belauscht die Vollmondscheibe
Mich mit der Tafel in der Hand. {218}

Da winken aus den dunklen Zweigen
Mir hohe Schatten zu; da steigen
Mir göttliche Gestalten auf.
Es sinkt die Scheidewand der Jahre;
Virgil, Homer, bekränzt die Haare
Mit ew'gen Rosen, steigen auf.

Da hör' ich Stimmen, die mir rufen:
Was weilst du an den ersten Stufen
Der Kunst, und zauderst? Auf, zum Ziel:
Noch viel Verdienst ist unerrungen,
Viel noch der Thaten unbesungen;
Stimm höher drum dein Saitenspiel!

Jetzt lockt aus schwarzen Fichtenwänden,
In traurig zärtlichen Accenten,
Die Nachtigall, im Schattenhain.
Auch diese hat Homer gesungen;
Ihm hat, wie dir, das Herz geklungen!
So ruf' ich froh begeistert drein.

Ihr droben, ewige Gestirne,
Ob einen Lorbeer dieser Stirne
Ihr bringet, oder nicht — mir gleich!
Strahlt ihr doch fort, ihr ew'gen Sonnen;
Genossen hat des Lebens Wonnen,
Wer je geschaut des Lichtes Reich! {219}

Wie glücklich ist mein Loos gefallen!
Vergessen leb' ich hier von Allen,
Gekannt von dir allein, Natur,
Verborgen dem gelehrten Pöbel;
Und abwärts ziehn des Lebens Nebel,
Vorbei an meiner kleinen Flur.

Mag sich der Stolz in Marmor brüsten;
Der Kindheit und der Jugend Küsten
Fliehn wieder mir in holder Reih'
Am dunkeln Obdach grüner Bäume,
Der Heimath vielgeliebter Träume,
Wie einst im ersten Lenz vorbei.

Nur wenig gibt es hier zu stehlen;
Mein kleiner Hausrath ist zu zählen,
Dort lehnt mein Wanderstab zur Flucht.
Hier lauscht das Reh am Wildgehäge,
Der Fink verdoppelt seine Schläge,
Der Sperling nascht der Kirsche Frucht.

Bewohner dieser Berg' und Auen,
Vergönnt, bei euch mich anzubauen,
Wo hoher Friede wohnt umher!
Laßt so mich leben hier und sterben.
Dich, Körte, setz' ich ein zum Erben
Von meinem alten Freund, Homer! {220}

LXVIII.
Die
drei Knaben im Wald
Ballade.
Weimar 1801. Im Winter.

Es irrten drei Knäblein tief in dem Wald.
Die Luft ging schneidend und grimmig kalt,
Hoch lag in den Wegen der Schnee;
Sie aber gedachten, vor Sternenschein
Noch fern in Großvaters Dorf zu seyn,
Der dort sie erharrt in Weh.

Es war um die heil'ge Weihnachtszeit,
Sie hatten sich auf die Bescheerung gefreut;
Sie wandelten frisch und getrost.
Und lauter und lauter der Sturmwind pfiff,
Und größeres Zagen ihr Herz ergriff;
Laut ächzten die Bäume vor Frost.

Das Dörflein lag wol jenseit der Ilm.
Ton, Wilibald und der kleine Wilm,
So hießen die Knäbelein:
Und dichter und nächtlicher wurde der Wald,
Und immer mehr Muth sprach Wilibald
Den zagenden Brüdern ein. {221}

Horch, Freude, horch ein Posthornton!
Sei wohlgemuth nun, Bruder Ton,
Dort steigt schon Essenrauch!
„Ach nein, ach nein: — Am Horizont
Dampfts röthlich, und bellend gegen den Mond
Nur liegen die Füchs' auf dem Bauch!"

Horch Peitschenknall, horch Hahnenschrei!
Sei, Bruder Wilm, nun schreckenfrei,
's gibt Menschen in der Näh!
„Ach nein, ach nein! mein Wilibald;
Aufreißet der Frost die Bäum' in dem Wald,
Es knistert im Fallen der Schnee."

Sieh dort! tief unten im stillen Geländ
Geht unsre Wanderschaft zu End',
Dort ist Großvaters Dorf!
„Ach nein, ach nein! der schwarze Fleck
Ist nicht des stillen Dörfleins Heck,
Ist schwarzer Moor und Torf."

Mir ist's, als hör' ich, durch Schnee und Sturm
Den Thürmer auf Sanct Marienthurm
Gar lieblich blasen; es schallt:
„Ein Kindlein uns geboren ist,"
Dieß Kindlein wird zu dieser Frist
Geleiten uns durch den Wald. {222}

„Ach nein, ach nein, mein Wilibald!
Es wird mir so schaurig, es wird mir so kalt;
Es drückt die Augen mir zu!
Dort unter der Weid', am Ufer der Ilm,
Dort will ich mich setzen, so sprach lieb Wilm;
Ihr wandelt dem Dörflein zu!"

Herschritt der Tod an das Ufer der Ilm,
Und legte sich still auf den kleinen Wilm,
Weil schaudrig der Nordwind blies;
Schlaf süß, schlaf sanft, du Engelsgebild!
Geleiten die Englein freudig und mild
Dich ein in das Paradies!

Still blinkten die Lichter im heimischen Dorf;
Da gingen die zween durch Moor und Torf,
Den Weg im Schneelicht zu spähn;
Mit ihnen versank das falsche Geländ',
Die Kindlein falteten betend die Händ',
Und wurden nicht wieder gesehn.

Rothkehlchen das saß auf seinem Ast,
Der kleine, schaudrige Wintergast,
Und weinte den ganzen Tag.
Großvater folgt' am Ufer der Ilm
Dem Klagegetön nach, bis wo Wilm
Wohl unter den Weiden lag. {223}

LXXVII.
Der
Becker von Prag, und die 9 Strohwische.
Eine Ballade.

Graumäntelein ging, so grau von Gestalt,
Wol durch den finstern böhmischen Wald:
Graumäntelein ging wol über ein Jahr,
Den Mantel zerrissen und unscheinbar;
Der Regen beregnet ihn jeglichen Tag;
Er ging von Böhmisch-Brot bis gen Prag.

Und wie er gen Prag in die Hauptstadt kam,
Wo die Moldau mitten die Stadt durchschwamm,
Wo Heiligenbilder und drunter erhöht
St. Nepomuk hoch auf der Brücken steht: —
Hell glänzen drei Sternlein über dem Haupt —
Daß selig das Volk wird, das an ihn glaubt.

Besucht' er im Regen sein altes Quartier,
Tief unterm Ratschin angebaut liegts hier.
Und der Nebel durchzog so finster die Stadt,
Und der Wanderer sucht im Nebel den Pfad;
Hier wohnt der Hussit, und der Christ und Jud',
Und lebet geschützt vor Verfolgungswuth. {224}

Und sieh: vor der Thür, auf dem Schemel da saß,
Verkaufend Semmel und Stritzel, Herr Clas;
Herr Clas, den Reichen und Armen bekannt,
Und der reichste der Becker in Prag nur genannt;
Wol hielt er der Schweine sich hundert zur Mast,
Er selbst war dicker als alle sie fast.

Und wie er Graumäntlein wurde gewahr,
Im Mantel zerrissen und unscheinbar,
Verhöhnt' er ihn also mit bitterem Spott:
„Wie stehts Graumäntlein? Grüß dich Gott;
Mich dünkts, du trägst gar Proben zu Land;
Wie theuer dein Tuch und die Elle Gewand?"

Graumäntelein zog neun Gülden blank,
Die warf er dem Becker hin auf die Bank:
„Herr Becker, ich bin den Semmeln nicht hold;
Gebt neun Strohwische mir für mein Gold!"
Der Becker erschrack; „Zu dienen dem Herrn;
Traun! Neun Strohwische, die geb' ich ihm gern!"

Und der Becker die Strohwisch brachte zur Stund;
Graumäntlein dankt ihm mit höhnischem Mund:
Der Becker nahm die neun Gulden blank,
Und setzte sich wieder auf seine Bank:
O Becker, o Becker, nun nimm mit Bedacht
Dich vor Graumäntleins Zürnen in Acht! {225}

Darauf sich begabs am folgenden Tag;
Wol hielt man den großen Jahrmarkt zu Prag.
Da trieb manch Bauer aus Böhmen sein Schwein,
Aus Osten und Westen, zum Thore hinein.
Grautmäntlein auch war unter der Zahl,
Und hielt neun Schweine versammelt am Pfahl.

Die Schweine, sie waren so schwarz und so feist,
Daß sie zu besitzen der Becker sich reißt.
Er feilscht, er dingt, er schließt den Verkauf,
Er zahlt Goldgülden an hundert darauf.
O Becker, o Becker, nun nimm mit Bedacht
Dich vor Graumäntleins Zürnen in Acht!

Die erste, die zweite, die dritte Sau,
Sie kamen zu nah auf dem Markt einer Frau,
Die am Dreifuß saß und Kastanien briet.
O Becker, nur Herzeleid klingt dir das Lied;
Denn kaum an den Dreifuß rührt ihr Lauf,
Hui flackern sie strohwischähnlich auch auf.

Das vierte, das fünfte, das sechste Schwein,
Sie torkeln so wüst' in die Vorstadt hinein,
Allwo der Hammer der Walkmühl pocht.
Da wurd' ein Grapen mit Theer gekocht;
Doch kaum berührt ihr Fuß ihn im Lauf,
Hui flackern auch sie als Strohwisch' auf. {226}

O Becker, o Becker, nun wächst dir die Noth!
Sechs Schweine verloren! das bringt dir den Tod.
Das sieb'nte, das achte, das neunte Schwein,
Sie fielen zuletzt in die Moldau hinein,
Und wie sie berührten des Flusses Lauf,
Hui schwammen der Strohwisch' drei darauf.

Jenseits der Moldau, so reißend, so tief,
Graumäntlein stand, und donnernd rief:
„O Becker, o Becker, vernimm mit Bedacht,
Nie werde der Arme, Geringe verlacht!
Um wen es oft arm und gering ist bestellt,
Der beherrscht wol mächtig dereinst die Welt! {227}

Reinhold Forsters Grab.
Weimar 1801

Der Wanderer.
Grab, wen schließest du ein?

Das Grab.
Den gewaltigen Reisegefährten
Cooks, den ein Unglücksstern einst nach Owhyhee geführt.

Der Wanderer.
Herrlicher! den zu beschränkt selbst vier Welttheile gedünkt noch,
Sind vier Breter dir nun gnügend in finsterer Gruft?

Das Grab.
Klag' nicht! Sieh, es beschifft nun des stilleren Weltmeers Straße,
Heimwärts steuernd zu Ruh, endlich der Dulder einmal.
Dieß Haus schließet zuletzt sein lästiges Reisegeräth' ein
Wanderer, wünsche dem Greis eine geruhige Fahrt! {228}

Der sterbende Lorenzo.
1799

Düstrer, unerbittlicher Erebus,
Du verschlangst das geliebteste Kind!
Tage des laut unstillbaren Jammers,
Kehrt ach nimmer, nimmer zurück!
Sinkende Sterne, dämmernder Mond,
Ihr zieht schweigend die ewige Bahn,
Auf und ab, und still in die Nacht!
Sein Weg auch ging still in die Nacht!
Bilder der Angst, dem Vaterherzen
Eingeprägt auf ewig! — Ich saß
Händeringend am Bett Lorenzo's:
Holder Knabe, verlässest du mich,
Wie mich, ach! Helene verließ?
Also rief ich, und weinte laut;
Meinem Auge gebrach es an Thränen,
Aber an Jammer nimmer der Brust.
Deine fliehende Seele zu fahn,
Süßer Lorenzo, streckt' ich oft
Meine Hände hinaus in die Nacht: —
Sinkende Sterne, dämmernder Mond,
Ihr zieht schweigend die ewige Bahn,
Auf und ab, und still in die Nacht; {229}

Sein Weg auch ging still in die Nacht. —
Auf dem Augenliede Lorenzo's
Lag ein dumpfer, brennender Schmerz:
„Lösch das Licht aus, schlafen, schlafen!"
Rief er mit zärtlich klagender Stimme;
Denn es goß sanft lindernden Balsam
Auf sein schmerzendes Haupt der Schlaf,
Und die nächtliche Dunkelheit.
Auch schallt unablässig und hart ich
Gleich die Wärterin, strahlte das Licht
Blendend hinter dem Schirm hervor: —
Also glaubt' er, mir hab' es ein Gott,
Noth und Schmerzen zu lindern, verliehn.
Darob rief er, kindisch getäuscht,
Selbst wenn die Sonn' am Mittag stand:
„Lösch das Licht aus! schlafen, o schlafen!"
Sorgsam trug ich das jammernde Kind
Dann in die Nacht der Myrtenbüsche,
Die vor Portici säuseln, hinaus,
Wiegt' es dort, bis sanft es entschlief.
Denn auch ich fand Trost in der Nacht,
Wenn ich die welkende Lippe nicht,
Nicht die todtweißsagende Blässe
Sah verfallender Engelsgestalt.
Oft umschwebte mich freundliche Täuschung,
Trug ich heim Lorenzo im Arm;
Denn frische lodernde Lebensgluth
Dünkte mich auch das flüchtige Roth, {230}

Das hinein in das bleiche Gesicht
Meine Wang' anschmiegend gewärmt.
Thränen von mir, dem gebeugten, geweint,
Rollten ihm hell von der hohlen Wange;
Seufzend küßt' ich sie auf und sprach:
„Holder Knabe, beweinest du mich?"
Aber des Wahnes Gebild zerfloß;
Unaufhaltsam faßt' ihn der Tod.
Sieh da schlug die Stunde der Trennung,
Und noch einmal lispelt' er: „Komm
Schlafen, Vater, o löschen das Licht!
Und als drauf in die Nacht ich trat,
Zirpten schauerlich Heimchen; es sang
Tief aufflötend die Nachtigall;
Und Lorenzo stöhnte tief —
Tiefer und tiefer — das Licht verglomm
Und mein lachelndes Kind erlosch. —
Sinkende Sterne, dämmernder Mond,
Ihr zieht schweigend die ewige Bahn,
Auf und ab, und still in die Nacht!
Sein Weg auch ging still in die Nacht.
Düstrer, unerbittlicher Erebus,
Du verschlangst das geliebteste Kind!
Tage des laut unstillbaren Jammers,
Kehrt ach nimmer, nimmer zurück! {231}

LXXII.
Lorenzo's Grabschrift.

Als dich freundlich die Mutter
Nun neun Monden getragen,
Mein holdseliges Kind,
Legt' in die Wiege sie dich
Hin zum erquickenden Schlaf. -.
Aber als dich die Erde,
Die lieblos taube, neun Monden
Hatte getragen im Schooß,
Legte sie dich in den Sarg
Hin zum eisernen Schlaf. {232}

LXXIII.
Die Stadt.
An Angelika.
1798.

Lärmen erfüllet das Haus! — ein Kommen, ein Gehen, die breiten
Wendelstiegen hinab und hinauf! Die Diener, im Festschmuck,
Stehn zum Empfange bereit am Thor, Florleuchten in Händen.
Kerzen erhellen den Saal. Wohl mir! grüntuchene Tische,
Rings mit Maschinen besetzt; aufwirbelnde Wolken von Staubdunst,
Tänzerverhüllende, wohl, Wachslichts abtraufende Blacker,
Daß ich einmal euch hinter mir hab! — Dies himmlische Plätzchen
Im entfernteren Theil der korinthischen Säulengebälkreih
Stimmt weit besser zum unmuthvoll ausbrechenden Klagton.
Halb nur klaffet die Thür. Fernab noch lärmt das Orchester, {233}

Geigen, Hoboen, Fagott, machtvoll durchgreifende Bässe.
Aber es spricht kein Wort der Beruhigung, oder des Trostes
Wild aufrauschend Getön von Musik, und verworrnem Gesprächlaut
Mir an's liebebekümmerte Herz, das verstimmte der Argwohn.
Darum mied ich den Saal, und während du, Mädchen, im Lustrausch
Dort dem beweglichen Reihn, aufführend, flüchtig voranschwebst,
Sitz' leidvoll ich und still im Verborg'nen, gelehnt an dem Säulschaft,
Sinnig geneiget das Haupt, mit Thränen benetzend den Marmor.
Hält dich ein anderer Arm nicht fest umschlungen im Tanzreihn?
Stürm', o du Saitengetön, mir länger es nicht in die Brust tief: —
Recht mir! warum begab ich mich her? was sucht' ich nur jemals,
Feinere Welt, ein Gemüth, bei dir in dem tosenden Strudel?
Aeußerer Prunk nur gewinnt, nicht redlicher Sinn, die vom Tollkraut
Trunkenen Töchter der Zeit; die haben in Cirkeln am Spieltisch {234}

Einfalt, Sinn für Natur und Tiefe der Seele verlernt bald.
Also, mit scheltenden Worten, Angelika, sucht' ich umsonst mir
Quälenden Gram in der Brust zu besänftigen; denn mein Geist war
Müde zu leben hinfort, und zu schauen das heitere Taglicht. {235}

LXXIV.
Das Land.
An Ebendieselbe.
1799.

Jetzt, ihr Musen, vertilgt mir jegliches Leides Gedächtniß,
Welches die Brust mir beklemmt! — Fröhlicher Zeiten gedenkt!
Dort, wo das Bächlein rauscht, und das Kupfergetrieb stets fortklappt,
Stand ich den fliehenden Tag, sinnend und in mich gekehrt.
Oftmals sah ich hinüber, zum reinlich gemauerten Wohnhaus,
Wo sich, der Erker verbirgt hinter dem Wallnußgesträuch:
Und nicht lange, so bannte des Sehns glücksel'ge Gewohnheit
An dies Fenster mich fest, macht' es mir lieber und lieb.
Weißt du noch, wie wir der Stadt entrollten im flüchtigen Wagen,
Und im Vergoldeten Sitz traulich ich neben dir saß? {236}

Fernher dröhnet' es zwölf von der nächtlich schlagenden Dorfuhr;
Ueber die Schober von Heu leuchtete friedlich der Mond.
Heiser auch zirpte die Grill', laut bellten die Hund' in dem Vorwerk,
Muthiger schlugen im Dorf Hähne die Flügel dazu;
Hier und dort nur erschien noch ein Licht in den Fenstergewänden,
Oder ein Irrwisch tanzt' über dem schilfigen Moor.
Mählich entschlief nun auch die lästige Reisegesellschaft;
Ueber den Sattelknopf nickte der Postillion.
Wir nur hielten uns wach, uns bändigte nimmer des Schlafs Macht,
Schweigsam saßen wir da, sahen einander uns an:
Doch mich ergriff sehnsüchtige Glut, nach langer Entbehrung;
Hatt' ich ja, Holde, dich nicht vierzig der Tage gesehn.
Da nun sprach ich zu dir: Angelica, hab' ich dich wieder?
Aber du drücktest mir leis', als ich es sagte, die Hand: —
Und nun konnt' ich nicht länger den heftig verhaltenen Glutdrang
Bändigen; näher gerückt hing ich dir weinend am Hals.
Sieh, da strebten die Seelen einander in ewigem Kuß zu;
Ewig die Deine, so rief ruhig die ganze Natur. —  {237}

Mond und Gestirne, sie schienen die graulichen Rücken der Berghöhn
Niederzugleiten, um still Zeugen des Bundes zu seyn.
Und nun hast du den Schwur, Meineidige, dennoch verletzt mir?
Hört es ihr Lichter der Nacht! — Heilige Luna, vernimm's! — {238}

LXXV.
An Caroline Rosenfeld
Halle 1798.

Ein Ring, den an der Hand man trägt,
Ein Schmuck, den in den Schrank man legt,
Sind lieblich anzusehen;
Doch, Caroline, glaub' es mir,
Kein Goldstoff, Demant und Sapphir
Beglückt das Band der Ehen.

Geliebtes Mädchen, Gold und Erz
Sind Thorheit! Nur das Herz, das Herz
Folgt uns getreu zum Grabe.
Genügt dir dies, dann schlag nur ein:
Nicht Rang und Reichthum, Herz allein
Ist meine ganze Haabe!

Ich läugn' es nicht — ein Dichter ist
Ein wunderlich Geschöpf: — das küßt
Vom Abend bis zum Morgen;
Das neckt, das scherzt, das singt und läßt
Für Essen, Trinken und den Rest
Die guten Götter sorgen. {239}

„Da habt ihr's ja, nun ist es klar!
Er sagt es selbst," ruft eine Schaar
Ehrwürdiger Matronen. —
„Mich dauert nur das arme Ding,
Die Braut! Mit solchem Sonderling
Zusammen stets zu wohnen."

„Es geht ihm wol zuletzt noch schief, —
Was man erzählt von einem Brief,
Und von der Citadelle —
Es steht gedruckt. Ja wüßt' ich nur
Die Zeitschrift!" „Doch nicht im Mercur?
„Recht Mademoiselle!"

„Gott lobe Rabners Witze mir!
Stets geistreich, aber mit Gebühr;
A. E. J. O. und X. I.
Herr Rabner, sächs'scher Steuerrath
Zu Dresden, sapienti sat!
Da lernt man Schonung, dixi!

„Ja, ja, die Belletristerei,
(Stimmt Dame Peronille bei)
Sie leert nur Küch' und Schüssel!"
Vergleich' ich damit meinen Mann,
Der nimmt sich fein der Wirthschaft an,
Der führt die Kellerschlüssel; {240}

Der läuft Trepp' auf Trepp' ab das Haus,
Der gibt den Rheinwein selber aus,
Der ziehet ab den Pontak;
Von Zeit zu Zeit etwa ein Kuß,
Mit einem: „Schatz Timotheus,
Was essen wir den Sonntag?" —

Kein Vers geht über seinen Mund,
Und was er spricht, ist kurz und rund,
Und lautre, schlichte Prosa.
Er haßt die Narrenteidung von
Dem Werther und dem Agathon
Und dem Marquis von Posa.

Nun Liebe, rührt dir das den Sinn?
Du siehest, daß ich offen bin,
Daß ich dir nichts verhehle.
Die Schilderung ist ganz Natur
Und keineswegs Caricatur.
So bin ich, und nun wähle!

Ich liebe dich, du liebest mich,
— Was wirst du roth, o Holde? sprich —
Ich lag an deinem Busen.
Ich schwur und bin nicht undankbar;
Allein ich schwur auch am Altar
Der Huldinnen und Musen. —  {241}

Nichts geht auf weitem Erdenrund
Mir über diesen ältern Bund;
Dir mag es anders scheinen.
Du bist nicht Ich, ich weiß es wol,
Du bist ein Weib; geh, lebe wohl!
Geh, laß mich einsam weinen!

Der Huldinnen sind für mich drei
Wie sonst. Hier ist dein Ring! — Verzeih,
Daß ich zurück ihn sende. —
Du lachst? Du nimmst mich wie ich bin,
Mit allen Dichterlaunen hin;
Du drückst mir sanft die Hände.

Du lispelst leis': „ich liebe dich!" –
O treffe Fluch der Götter mich,
Wenn ich dich je verlasse!
Und was von Freuden dir ein Mann,
Arm, doch voll Frohsinn geben kann,
Erwart' im vollen Maße! —

Was ich bedarf? Viel ist es nicht! —
Ein ländlich Mahl, ein froh Gesicht,
Gesundheit, eine Hütte,
Zu klein nicht, doch auch nicht zu groß,
Und du darinn auf meinem Schooß,
Die Freundschaft in der Mitte. {242}

Dann schenke Gold und Edelstein
Glück immerhin den Narren sein!
Mir gnügt ein Lied am Flügel,
Ein Gang im Park, wann Luna scheint,
Und eine Thräne, gut gemeint,
Auf meinem Grabeshügel.

Von wem, Geliebte, räth sich leicht;
Ich sag' es nicht. — Von dir? Vielleicht.
Klein, siehst du, ist die Summe!
Ein Wunsch noch macht sie nicht zu lang —
Daß diese Lippe voll Gesang
Vor deiner einst verstumme. {243}

LXXVI.
Die Menschenalter.
An Anselmus.
Geschrieben am Weihnachtsabend 1800.

Lieber Anselmus!
Die gütige Theilnahme, die Du mir und meinem guten Weibe bisher, wie in Leid so in Freude, bewiesen hast, läßt mich glauben, Du werdest geneigt seyn, diese auch nun auf ein Drittes auszudehnen. Wer dieses Dritte sey? fragst Du. In der That, lieber Anselm, ich weiß nicht, wie ich das kleine freund- und namenlose Wesen nennen soll, das mir die Natur seit gestern Abend geschenkt hat. Für einen Taufnamen ist es noch zu früh, und der Name Weltbürger klingt mir zu vornehm. Sage selbst, was für eine beschränkte Welt, die sich ihm innerhalb der vier Wände meines Studirzimmers eröffnet hat, wo eine alte Studirlampe die Stelle von Sonne, Mond und Sternen vertritt? Und doch schien er heut morgen nicht wenig vergnügt, daß er Alles {244}

wieder auf seinem Platze fand, die Lampe, den Glasschrank und die Wanduhr, die ihm bis jetzt nur Augenblicke und keine Jahre geschlagen hat. Seyen es diese, oder ähnliche Betrachtungen, mit denen ich gestern zu Bette ging, oder was sonst: genug, mir träumte, es sey Weihnachtsabend, und in meiner Studirstube aufgebudet. Vor mir spielte ein kleiner Knabe, den ich gar bald für den meinigen erkannte, und hüpfte zwischen den weißen, gelben und rothgefleckten Wachslichtern munter herum. Die Geigen knarrten, die Kerzen brannten, und die Tische lagen vollbepackt mit Nüssen, Mandeln, Spiel- und Naschwerk. Auf einmal rauscht' es hinter den grünen Gardinen meines kleinen Bücherrepositoriums, und eine alte, hagre, etwas hysterisch scheinende Dame, die ich gar bald für die Göttin Minerva erkannte, trat plötzlich hervor, und verursachte einen solchen Staub unter den Büchern, daß ich darüber mein geliebtes Kind ganz aus dem Gesichte verlor. Als ich mit schmerzlicher Sehnsucht es suchte, konnt' ich es nirgends finden. Endlich hört' ich husten, und erblickte Fußstapfen im Staube, die so groß waren, wie die meinigen. In einem Winkel, bei einer Stu {245}

dirlampe sitzend, fand ich es selbst, aber nicht mehr blühend, wie sonst, sondern trüb' und von ältlichem Ansehn. Zeit und Leidenschaften, schien es, hatten tieft Furchen in seine Stirn gegraben, und nur mit Mühe erkannte ich die mir einst so theuren Gesichtszüge. „Das bin ich nicht!" „Das bist du nicht!" schien es mir — schien ich ihm zuzurufen. Ich wollte mit ihm sprechen, aber er bat mich zu schweigen, weil jeder Ton seine Gehörnerven erschütterte. Ich zündete eine Wachskerze an; abermals winkte er mir mit den Händen, still bittend, sie auszulöschen; denn das Licht verursache ihm einen brennenden Schmerz in den Augen. Darauf reichte ich ihm eine kleine Violine; aber er gab mir auch diese unmuthig, und mit den Worten zurück: „Seine Hände und Finger wären dem Griffbrett entwachsen; auch fingen seine Haare an grau zu werden." Als er dies sagte, erhub er seine Stimme laut und weinte, und ich weinte ebenfalls mit ihm; worüber uns beide die alte hysterische Dame, hinter den Büchervorhängen, recht tüchtig auslachte. — {246}

Hier schlug der Seiger vom Sanct Jacobsthurme zwei;
Der Wächter blies, und sang vor meiner Thür ein Lied,
Und ernst gedacht' ich, welch' ein Unterschied
Wol zwischen mir und meinem Kinde sey?
Ach ihr, des Lebens weit getrennte Ziele,
Du Gegenwart und du Vergangenheit!
Was seyd ihr, im Verlauf der Zeit,
Als ein Paar flüchtige verträumte Sommerstunden;
— Die Uhr läuft ab — wann wird sie wieder aufgewunden?
Antworte mir, o Grab, der Vorwelt Ruhaltar!
Wir bauen — kämpfen — schreiben — lesen;
Und wenn es köstlich ist gewesen,
Währt's sechzig, oder achtzig Jahr —
„Was stehst, was sinnst du an den moosumgrauten Malen,
Des Kirchhofs Ueberrest von Namen, Jahr und Zahlen,
Worauf sein gelbes Laub der Sturmwind jagend treibt,
Und Chronos Griffel sein „Gewesen" schreibt?
Blick weder vorwärts, noch zurück! Genieß
Mit weisem Maaß, o Sterblicher, und wisse,
Im Augenblick nur wohnt das Paradies!
Wohlan denn! — kann kein Gott mir wiedergeben,
Was ich verlor in dieses Lebens engem Raum,
So laß er mich des Daseins holden Traum
Zum zweitenmal in meinem Kinde leben! — {247}

LXXVII.
Der verewigten Prinzeß, Caroline von Sachsen-Weimar.
Weimar, d. 18. Jul. 1806.

Als einst am seligsten Tage
Dich, unter Nachtigallschlage,
Singend ein Engel geweckt,
Da sind die Himmel erklungen,
Und, was du Engel gesungen,
Hat mir liebend dein Seraph entdeckt.

Stärke dich himmlischer Glaube!
Wachset in seliger Laube,
Rosen der Lieb', empor!
Menschenbestimmung auf Erden,
Engel einst, Engel zu werden,
Stellt dein Bild, du Geliebteste, vor.

Edens vertraulich Gespräche
Führet der Wald, und die Bäche
Seelenreich stimmen mit ein.
Horch, wie die Vöglein aus Zweigen,
Wie sich die Sternlein dir neigen,
Hold vergnügt, dir verschwistert zu seyn. {248}

Selig die Fernen und Nahen,
Die Dich gehört, die Dich sahen,
Freundlichste Hoffnung der Welt!
Selig, Dein Herz zu erwerben;
Seliger, für Dich zu sterben;
Seligstes Loos, wem auf Erden es fällt! –

Also erklangen die Worte,
Leis' aus der himmlischen Pforte
Tönte der Seraphim Lied:
Und nun bist Du erschienen,
Und nun sind wir zu dienen,
Immer und ewig Dir, Engel, bemüht. {249}

LXXVIII.
Der Graf und die kleine Tyrolerin.
Eine Idylle.

Kommt ein Städter in die Alpendörfer des Bregenzer Waldes, so wird derselbe von den schönen Töchtern dieser sehr merkwürdigen Gebirgsstrecke mit jungem tellerförmigen Haberbrod, frischer Butter, über die sie ihm Honig streichen, mit einer irdenen Schüssel gedörrter schwarzer Kirschen, und einer Flasche alten Kirschgeistes holdseligst bedient. Man kann nicht umhin, diese Leutchen lieb zu gewinnen, und den schwärmerischen Wunsch laut werden zu lassen, nie wieder in das Getümmel großer Städte zurückkehren zu dürfen.

Graf.
Und so steh' ich hier am Brunnen
Tagelang und Mondenlang:
Mit der Sichel wird sie kommen;
Täglich ist das hier ihr Gang.

Tyrolerin.
Ritter, mein Liebster, was ist dir geschehen?
Warum verführst so ein winselnd Geschrei?
Hurtige Bäuerin kann nit lang stehen,
Schwätz'; denn I muß auf die Alma in's Heu! {250}

Graf.
Leg' aus deiner Hand den Rechen! —
Reich mir, Kind, den rothen Mund!
Mit des Mondes milden Strahlen
Fühlt das Herz sich doppelt wund.

Tyrolerin.
Bist du verwundet? — Mich schmerzt kein' Ader
Bist du gebunden? I fühle mich frei.
Lauf in die Stadt! Drin wohnen die Bader
Hier in Tyrol ist nur Grasmacherei!

Graf.
Setz' dich neben mich am Brunnen,
Hier im Kühlen, auf die Bank!
Ach, von Amors Pfeil und Bogen
Ist mein Busen mir so krank.

Tyrolerin.
Schau, was schwätz'st du von Pfeil und Bogen
Artliches, was I verstehen nit kann.
I bin in Tyrol und ein Mädlein erzogen:
Scheibenschießen das steht mir nit an!

Graf.
Und so wirst du stets verkennen,
Welche Glut du angefacht:
Bis der Flamme tödtlich Brennen
Mich vor Durst in's Grab gebracht. {251}

Tyrolerin.
Quält di, mein Liebster, der Durst, mußt du trinken.
Kühl ist der Brunnen; dahier ist mein Krug.
Schöpfe damit nur nach deinem Bedünken,
Schöpf', I behalt ja für mich noch genug!

Graf.
Nur wo deines Athems Nähe,
Reizend holdes Engelsbild,
Mich umströmt, wo ich dich sehe,
Ist mir jeder Durst gestillt.

Tyrolerin.
Horch, die Bregenzer Glöcklein, sie läuten,
Kündend den Waldstädten, Vesper sey da.
Willt du eins schwatzen, komm zu meinen Leuten!
Hier im Gebirg ist uns Finsterniß nah.

Graf.
Zwei allein auf grüner Heide —
So wird ein Gespräch erst süß;
So eröffnet sich für beide
Eine Thür in's Paradies!

Tyrolerin.
Horch! I muß heim mein Sichel erst tragen;
Laß mi nur gehen, mein Bue! I muß fort:
Meine Leute — was würden sie sagen,
Käm' I daheim ohne Sichel zum Ort? {252}

Graf.
Ich bin reich genug an Schätzen,
Ford're, Kind, was du gewollt,
Deine Sichel zu ersetzen,
Wäre sie auch ganz von Gold.

Tyrolerin.
Nein, mein Bue, laß mi damit z'frieden!
Ruh mit der Gnad', du bist gar zu verliebt!
Da ist's halt besser, bei Zeiten geschieden,
Lieber vorher, als nachher sich betrübt.

Graf.
Meine Absicht, gut und edel,
Mädchen, wird von dir verkannt.
Zweimal schrieb ich dir ein Briefchen,
Das dir meine Gluth bekannt.

Tyrolerin.
Schau, was Tyrolerin ist, kann nit schreiben.
So sind wir zweierlei a von Geschlecht,
Wann die im Dunkel beisammen lang bleiben,
Hab' I gehört wohl, das ist ja nit Recht!

Graf.
Wollten alle Fürstenfrauen
Ehr' und Leib, als Unterpfand,
Mir im Dunkel anvertrauen,
Dir allein böt' ich die Hand. {253}

Tyrolerin.
Schweig deiner Reden! du machst mi vermessen:
Bäuerin soll, die von Bäuerin stammt,
Gar mit Fürsten und Grafen sich messen,
Die so geschmückt sind mit Silber und Sammt?

Graf.
Kind, die Schönheit der Geschlechter
Gilt als Adel überall.
Schmuck verdanken Eva's Töchter
Bloß der Mutter Sündenfall.

Tyrolerin.
Schwäne mit Tauben ja soll man nit paaren:
Arm und Geringen ist solches gesagt.
Klug ist der Spruch; I vernahm ihn seit Jahren.
Du bist ein Junker, I bin eine Magd.

Graf.
Bist du gleich von niederm Stande,
Und ein Graf ich von Geschlecht,
Schwör' ich dir zum treusten Bande
Dennoch ewig mich zum Knecht.

Tyrolerin.
Schau, in Tyrol, in den Bergen da drinnen
Ist zum Versprechen gar gütli der Ort;
Aber im Städtla, da heißt's sich besinnen.
Hier sind die Freier, die Heirather dort. {254}

Graf.
Kind, besitz' ich andre Fehle,
Untreu war mein Fehler nie,
Und die Wahrheit meiner Seele
Trag' ich auf den Lippen, sieh!

Tyrolerin.
Schau das Bienlein am Brunnen, es flieget
Summend am Blümlein, bald hier und bald dort;
Aber's fragt nimme, hat's halt sich vergnüget,
Was ist mein' Schuldigkeit? sondern fliegt fort.

Graf.
Doch die treuen Tauben kehren
Ewig aus dem Blau der Luft.
So wird treue Lieb' auch währen,
Bis der Tod sein „Scheidet!" ruft.

Tyrolerin.
Darf I, mein Bue, deinen Worten vertrauen?
Sind es nit spöttliche Reden der Stadt,
Wie man sie führet bei fürnehmen Frauen?
Schwätz, was an mir dir gefallen so hat?

Graf.
Deiner Anmuth Engelgüte,
Und, wie Schnee, dein holder Leib.
Weckt die Sehnsucht im Gemüthe
Mir nach dir, du holdes Weib! {255}

Tyrolerin.
Gar zu gern mögt' I weiter dich hören?
Aber wie steht's drum? willst du, mein Bue,
Irgend mi a nit durch Hochmuth bethören?
Schwatze! Nein, nimmst du mi wirklich zur Fru?

Graf.
Mög' ein Gott mir so auf Erden
Einst das höchste Glück verleihn,
Als ich, ewig dein zu werden
Wünsch', o holdes Kind; schlag ein!

Tyrolerin.
Aber wird halt di dein Vorsatz nit g'reuen?
Künft'gen Laurenzitag tret' I fürwahr —
Allzu jung ist das wohl noch zum Freien —
Erst, helf Gott, in mein sechzehntes Jahr.

Graf.
Zählt die Liebe denn nach Monden,
Wie die Schlaguhr an der Wand?
Die die Himmlischen umwohnten,
Setzt die Ewigkeit zum Pfand.

Tyrolerin.
Hast du ein Feuer im Blut! I mag's leiden;
Aber die Alten dahier in Tyrol
Schwätzen, man sollt' ja das Heirathen meiden,
Wär' man kein Vierz'ger: wie alt bist halt wohl? {256}

Graf.
Alt genug zu dem Versuche,
Den kein Graukopf ausgedacht.
Schick' den Alten zu dem Buche,
Und dem Jüngling schenk die Nacht!

Tyrolerin.
Schau, jetzt gefreut's di, das Grethel zu kriegen.
Häst mi erst, bringe es di eitel Verdruß;
Kannst ja nit ruhig im Bett die Nacht liegen:
Bald irrt mein Arm di, und bald di mein Fuß.

Graf.
Schönster Irrthum, den ich wähle!
Kann ein Glück erwünschter seyn,
Als verschränkt, wo Leib und Seele
Eins die Lieb' erschafft aus Zwein?

Tyrolerin.
Aber dahier in Tyrol sind die Bräute,
Jung wie sie sind, nur mit Armen vermählt.
Drum wer das Grethel auf Heirathsgut freite,
Schau, mit dem ist's halt richti gefehlt!

Graf.
Nichts von allen Erdengaben,
Weder Silber, Gold noch Erz,
Mädchen, was ich wünsch' zu haben,
Ist ja blos dein treues Herz. {257}

Tyrolerin.
Nun mein Bue, das sollst ja halt kriegen.
Darum verführ nur kein solches Geschrei!
Wenn wir uns zwei hier im Stillen vergnügen,
Ist ja ein dritter ganz übrig dabei.

Graf.
Vierzehn Monden deinetwegen
Schweift' ich in dem Waldrevier,
Stand in Sonnenschein und Regen,
An dem kühlen Brunnen hier.

Tyrolerin.
Ritter, mein Liebster, wol hab I bemerket,
Daß dich was Liebstes hier zu uns gebracht.
Aber kein Hochmuth hat je mich bestärket,
Daß I es selbst war, dran hab' I nit g'dacht.

Graf.
Und so war denn nicht zuwider,
Holdes Kind, dir mein Gesuch?
Senke nicht die Augen nieder
So verschämt auf deinen Krug!

Tyrolerin.
Nein, mein Bue, nur zu gern ist's geschehen,
Daß I, mit Sichel und Krüglein dahier,
Hart an dem Brunnen vorüber that gehen,
Wo du so freundli thätst schauen nach mir. {258}

Graf.
Und so konntest du verhehlen,
Holde Magd, mir deine Treu?
Und anstatt mich zu erwählen,
Brachst du mir das Herz entzwei!

Tyrolerin.
Schau, mein Bue, du sollst mehr noch vernehmen,
Weil I dir das schon gesagt: manche Nacht
Hab' I im Bett auch, mit Schämen und Grämen,
Deinetwegen oft zugebracht.

Graf.
Hätt' ich Scepter, hätt' ich Kronen,
Kron' und Scepter hätten nicht,
So viel Liebe zu belohnen,
Holdes Kind, ein treu Gewicht!

Tyrolerin.
Aber wirst du mir die Treu' auch nit brechen?
Willst du mein Liebster seyn bis in den Tod?
Arm, eine Magd, wie du nimmt mi vom Rechen:
Wirst du mir untreu, so grämt' I mi todt!

Graf.
Nein, ich schwör's dir bei dem Gotte,
Dessen Mondlicht uns bescheint,
Und bei dieser Epheugrotte,
Die in Lieb' uns bald vereint. {259}

Tyrolerin.
Madel sind zärtli und leicht zu vermögen,
Und so lauten die Worte oft fein;
Aber, bestätigt die Kirch' nicht den Segen,
Folgt oft der Eltern ihr Fluch hinten drein.

Graf.
Siehst du dort die Waldkapelle,
Mit dem kleinen, rothen Kreutz?
Folg mir an des Altars Schwelle!
So sind eins wir beiderseits.

Tyrolerin.
Liebster mein Bue, das laß nur bis morgen,
Bis I fein Alles in Ordnung gebracht;
Hastig gefreit, das gereut und macht Sorgen;
Schlaf du allein noch im Bett diese Nacht!

Graf.
Komm, schon harrt im Blumenbette
Dein der Hochzeitgäste Schaar,
Und der Epheu schlingt die Kette
Brünstig in des Vollmond's Klar.

Tyrolerin.
Ritter, mein Liebster, und halten wir Köste,
Wird denn noch hinte die Hochzeit gemacht;
Wo sind die Kleider für mi denn zum Feste?
Wo ist mein Kränzlein? Hast — das auch bedacht? {260}

Graf.
So wie ich sie gerne hätte,
Stellt sich meine Braut mir dar,
Mit dem flatternden Korsette,
Mit der Kornblum' in dem Haar!

Tyrolerin.
Ritter, mein Liebster, und halten wir Köste,
Wird denn noch hinte die Hochzeit gemacht?
Spielmann und Musikanten zum Feste —
Wo trifft man die an? hast das auch bedacht?

Graf.
Musiciren wird dein Feste,
Singend an dem Wasserfall,
Mit dem Bräutigam im Neste,
Eine Junfrau-Nachtigall.

Tyrolerin.
Ritter, mein Liebster, und halten wir Köste,
Wird denn noch hinte die Hochzeit gemacht?
Wo ist mein Brautbett, darauf wir zum Feste
Hochzeitlich ruhn; hast das auch bedacht?

Graf.
Wo der Thymian mit Rosen
Hauchet Wohlgerüche aus,
Wo die Schmeichelweste kosen,
Such' ich dir ein Brautbett aus. {261}

Tyrolerin.
Nun so will I mi schicken und machen;
Bist du zufrieden, so bin I es auch.
Ach, I möchte bald weinen, bald lachen;
Schwätz, was ist weiter denn so der Gebrauch?

Graf.
Und der Abend kömmt mit Kerzen,
Und die Blume strömt uns Duft.
Und wir ruhen, Herz an Herzen,
Wo uns treue Liebe ruft.

Tyrolerin.
Kann I dein Lieb' seyn, in Züchten und Ehren —
Das ist mir eitel Vergnügen und Lust.
Was I nit weiß, das wirst du mi ja lehren;
I will dir sagen, was du nit gewußt.

Graf.
Zwei verschlungne Pappeln flüstern
Dann mit Zephyr um die Wett'!
Sternlein taumeln trunken — lüstern —
Rund um unser Hochzeitbett.

Tyrolerin.
Horch, wie das Herz mir vor Freuden thut schlagen;
Hör' I mein Brautlied, was Nachtigall singt:
Wenn mi der Pfarrer das Jawort heißt sagen,
Fürcht' I nur, daß es mir irgend zerspringt! {262}

Graf.
Ja, nun ist der Bund geschlossen,
Den der Tod nur trennen muß.
Komm, gib Arm in Arm geschlossen,
Holde Maid, mir Kuß auf Kuß!

Tyrolerin.
Gern, du mein tausendster Schatz, und mit Freuden,
Weil du mein Liebster geworden nun bist.
Früher ja hätt' I es wollen schon leiden,
Hätt' I es früher nur auch schon gewißt. {263}

LXXIX.
Die Hirten an der Krippe.
Wien 1803.

Engel des Herrn.

Auf, ihr Hirten allzumal!
Geht nach Bethlehem zum Stall,
Wo ein' Jungfrau, auserkoren,
Von des Himmels Throne,
Hat ein holdes Kind geboren,
Gott dem Herrn zum Sohne!
So lauft denn und gehet und eilet geschwind.
Und sucht den Sohn Gottes, das himmlische Kind!

Erster Hirtenbue.
Mein Veitl, mein Hänsl und Philippl, geht her!
Der Engel sagt, daß uns geboren heut wär'
Der wahre Sohn Gottes, das himmlische Kind;
Wir sollen nach Bethlehem laufen geschwind!
Wir werden's schon finden; das Kind liegt im Stall,
Und wenn wir's gefunden, so loben wir Gott All'.

Zweiter Hirtenbue
Mein Dusle, das Ding da, das ist mir schon recht.
Gib her mir mein Hütle, du Hänsle, mein Knecht!
He, Tiras, du bleibst bei der Hürd' in der Nacht, {264}

Daß Jemand hier ist, der die Schaf' halt bewacht.
— Schwätz! Nehmt ihr das Käthel a mit aus dem Stall?

Hirtenknecht.
Nein, 's Käthel, das laßt nur daheim, 's ist zu faul!

Erster Hirtenbue.
Buama, schaut's! dort glänzt ä Schein;
Was gilt's? das wird das Kindl wol seyn!
Schaut's, wie Leut' in der Kirche
Dort zusamme renne,
Wie sie in den Zelterchen trinken,
Und wie die Lichterchen brenne!
Des Nachbarn sein Veitl, und des Schulgesellen Bue,
Sie thun ein Ord'ntlich's leyern; na I blas' eins dazu!
(Bläst auf seiner Schalmey)

Cavalier.
(der eine vornehme Dame am Arm führt)

Dame.
Was ist das hier für ein Lärm in der Christnacht?
Wird vornehmen Leuten kein Platz hier gemacht?
Wie steht das Hirtenvolk, den Hut auf und bedeckt?
Bezeigt man der Nobless' so wenig Respect?

Erster Hirtenbue.
Schau, schau, über des Edelvolk's Hoffart:
Das möcht' auch'n Heiland für sich apart! {265}

Zweiter Hirtenbue.
Der Engel des Herrn hat die Hirten erkoren.
Das Christkind ist für alle geboren;
Es liegt ja in keinem goldnen Saal,
Es liegt ja zu Bethlehem hier im Stall.
Und wer es ehrt mit Herz und Mund,
Arm oder reich, dem ist's gesund!

Cavalier. (seitwärts)
Lassen 's, Madam! Im Weinmuth
Ist solchem Volk gar selig zu Muth!
(laut) Da, ihr Hirten, nehmt ein Geld,
Macht euch lustig drauf im Zelt!
Zieht die Pfeifen, unverzagt!
Blast ein lustig Stückla!

Erster Hirtenbue.
Ja wol, Herr, weil er's halt sagt,
Er in seinem Perückla!

Cavalier.
Heut hat jeder Bethleemit
Seinen Durst geloschen.

Zweiter Hirtenbue.
Will I trinken, brauch I nit
Erst sein'n grätzner Groschen! {266}

Hlrtenknecht.
Sag' er lieber seiner Schaar,
Daß sie künftig Brust und Haar
Besser sich bedecken.
Würd' das Kindlein es gewahr,
Etwa könnt' es irgend gar
Sich davor erschrecken! —

Dame.
Solch Gespräch! Impertinent!
Das mit anzuhören!

Cavalier.
In der Christnacht ist's vergönnt,
Und man darf's nicht wehren.

Erster Hirtenbue.
Jetzt, Buama, seyds lusti! jetzt seyn mir schon da:
Jetzt müssen mir Gott danken, nehmt's Hütle grad a!
Jetzt müssen mir halt dränga,
Daß wir mit herein komma;
Wir müssen uns a nit schäma,
Ein' Ansatz zu nehma;
Wenn so drei, oder vier,
In der Kirchenthür,
Einander beim Schipperle [Schopf] kriegen, {267}

Das vermehrt das Vergnügen!
Schau, sind das nit böhmisch' Buen, die zwoe?

Erster böhmischer Bue.
Mi friert's an die Hacken, mi friert's an die Zeh.

Erster Hirtenbue.
Pfui schäm dich du Lümmel, du frostige Bue;
Das Kindlein liegt nackend, und lacht noch dazu.

Zweiter böhmischer Bue.
Maminko potessem [Mutter kommts her] Das garstig Thier!
Das Oechsl und Eselein tritt nach mir!

Zweiter Hirtenbue.
Ein Tritt oder zwa ist dem halt g'sund!
Horch Böhm! wer an der Krippe stund:
Das Oechslein und Es'lein rühren die Schwänz',
Und bezeugen dem Heiland bessere Reverenz.
(nöthigt ihn zum Knien)
Aber schau, über die Narrenspossen,
Hätt' I den Weihbrunn bald vergessen! (kreuzt sich)

Zweiter Hirtenbue.
Geseg'n Gott unsern Ausgang und Eingang!
Horch, welch ein lieblicher Kirchengesang! {268}

Orgel und Gesang.
Puer natus in Bethlehem,
Unde gaudet Jerusalem,
Hic jacet in praesepio,
Qui regnet sine termino
Halle — Halleluja.

Erster Hirtenbue:
Horch wie das Ding thut klingen.
Geigen und Schalmeyen;
Wie die Englein a da singen,
Und zusamme schreyen!

Hirtenknecht.
Und was sie singen, ist nichts als Latein:
Das müssen halt lauter Schulgesellen seyn.

Erster Hirtenbue.
Jetzt Buama faßt euer Herz in der Andacht!
Schaut, wie das Christkind daliegt, und so freundli uns anlacht!
Und stellt da nit unsers Nachbarsbur
Sein Töchterli a ein Englein vor?
Sie hat ein Paar Zöpfle, die seynd wie Gold.
Mein Blut, wie bin I dem Mädlein so hold!
Sie hat ein Paar Bäckle, wie Aepflein so roth;
I kann mi nit helfen, I zwick' sie! Helf Gott. {269}

Erstes Mägdlein.
Mein Dusle, mein Dusle, laß mi gahn!
I muß ja als Engelein still hier stahn!

Zweiter Hirtenbue. (zum Knecht)
Das wird ja ein ordentliche Compagnie.
Schau, schau, da ist ja's Mariandel auch hie!

Zweites Mägdlein.
Mein Hänsle, laß mi singen mein Lied!
Der Herr Pater schendiert, wenn er so was sieht.

Orgel und Gesang.
Reges de Saba veniunt, veniunt
Aurum, thus, myrrhum offerunt,
Halle — Halleluja.

Erster Hirtenbue.
Was sie gesungen, Habt ihr's wohl vernommen?
Die heil'gen drei König' sind angekommen;
Sie bringen dem Kind Gold, Weyhrauch und Myrten.
Was bringen wir ihm, wir armen Hirten?

Gesang.
Was kann schöner seyn,
Was kann edler seyn,
Als von Hirten abzustammen? {270}

Da zu alter Zeit
Arme Hirtenleut
Selbst zu Königswürden kamen?
Moses war ein Hirt mit Freuden;
Joseph mußt' in Sichem weiden;
Ja, der Abraham
Und der David kam
Von der Heerd' und grünen Weiden.

Sieh, der Herr der Welt
Kommt vom Himmelszelt,
Um bei Hirten einzukehren!
Laßt uns jederzeit
Arme Hirtenleut'
Halten drum in großen Ehren!
Die auf Seid' und Gold sich legen,
Sollten billig dieß erwägen,
Daß der Hirten Tracht
Christus nicht veracht't,
Und in Krippen dagelegen.

Hirtenknecht.
O du liebstes Christkindlein
In der kalten Krippen Schrein,
Wie magst nur so mutternackend daliegen?
Hast kein Fetzen G'wandel.
Nein, das duld' I nit, Mariandel, {271}

Morgen geh' I halt auf Botzen,
Und da kauf' I ihm ein Wiegen,
Und zu koch' ein kleines Pfannel,
Und ein Brätzel, fünf Kreutzer werth:
Alles das wird dir bescheert.
Holdes Christkind, hast gehört?
Aber bis halt auch wieder gut,
Und erlös' uns arme Hirten,
Die zuvor in Sünden irrten,
Durch dein theures Gnadenblut,
Heut zum heilgen Weihnachtsfest

Orgel und Gesang.
Amen, ite! Missa est! {272}

LXXX.
Die heil'gen drei Könige
und
der Morgenstern.

Scene.
Nacht. Ausgestirnter Himmel. Eine Brücke. An dem einen Ende derselben ein Gatterthor, mit einer Klingel. Am andern Ende das Haus des regierenden Hrn. Stadtrichters, der so eben im Fenster liegt. Die heil. drei Könige, in Begleitung des Morgensterns, zeigen sich vor dem Gatterthor und ziehen an der Klingel.

Stadtrichter. (aus dem Fenster)
Was ist denn das da für ein Lärm und Spektakel am Gatterthor? Sie reißen ja fast die Klingel ab. Jungfer Susanne, seh sie doch einmal zu, wer da ist!

Susanne. (mit einem Schlüsselbund, tritt aus dem Hause)
Gleich! {273}

Erster der hl. drei Könige. (mehrere Stimmen, die, indem er spricht, einfallen. Dazwischen Geklingel)
Machen Sie uns auf! Lassen Sie uns nicht so lange stehen, liebes, bestes Jüngferchen! Machen Sie doch ein bischen auf!

Susanna.
Nun wartet nur, und habt ein wenig Geduld! Ich muß doch erst den Schlüssel hervor suchen. Wer seyd Ihr denn?

Erster der hl. drei Könige.
Wir sind die hl. drei Könige, liebes, bestes Jüngferchen! Wenn Sie uns herein lassen, wollen wir ihnen auch ein recht schönes Liedchen singen.

Susanna.
Nun, so kommt nur! Was will ich machen? Ich muß euch doch schon den Willen thun. (Sie öffnet das Gatterthor)

Erster der hl. drei Könige.
Ach, was Sie für ein schönes, allerliebstes Jüngferchen sind! Dafür sollen Sie uns auch nichts geben; und wir wollen Ihnen ganz unentgeltlich das hl. Dreikönigslied singen. {274}

Susanna.
Das sollt Ihr nicht! Armen Kindern geb' ich gern, nach meinem geringen Vermögen, und so viel ich nur immer kann! Da habt Ihr Jedes einen halben Gulden!

Erster der hl. drei Könige.
Bezahl's Ihnen Gott, liebes, bestes, schönstes Jüngferchen! Nun frisch, ihr Jungens, fangt an, und singt ja recht schön! — Wir stehn hier vor der Thür des Herrn Stadtrichters!

Heilg'ges Dreikönigslied.

Es schreiten drei Knäblein
Zweitausend Jahr —

Chor.
Zweitausend Jahr —

Sie bringen drei fröhliche
Wünsch' Euch dar! {275}

Sie schreiten daher
Mit dem Morgenstern. —

Chor.
Mit dem Morgenstern.

Guten Abend, liebe Frauen,
Guten Abend, liebe Herrn!

Sie schreiten daher
Mit dem Regen, mit dem Schnee –

Chor.
Mit dem Regen, mit dem Schnee.

Wer fühlt mit den Menschen,
Der lindert ihr Weh!

Sie sendet das Kindlein,
Zum Neuen Jahr:

Chor.
Zum Neuen Jahr.

Das arm und dürftig,
Wie wir, auch war.

Die Liebe besuchte
Maria's Schooß —

Chor.
Maria's Schooß —

Da ward sie gefunden
Ja nackt und bloß. {276}

Da ward sie gefunden,

Nun wohnt sie ja hier —

Chor.
Nun wohnt sie ja hier!

Verschließt nicht die Herzen,
Eröfnet die Thür!

Stadtrichter (der, wenn der Schluß des hl. Dreikönigsliedes zum zweitenmale wiederholt wird, den Kindern folgendermaßen ins Wort fällt.)
Es ist an dem heutigen, als dem heiligen Neujahrsabend, so der Gebrauch, daß so allerlei lustiges Gesindel, besonders aber die liebe Jugend, unter dem Namen der hl. drei Könige, der Sterndreher, oder auch der drei Weisen aus Morgenland, in den Straßen umherläuft, und die Einwohner dieser guten Stadt, durch Liedersingen an den Thüren, in Contribution setzt. Da nun ein solcher Unfug schlechterdings nicht länger zu dulden ist, auch der Gottlob! immermehr überhandnehmenden Aufklärung unsrer Zeit schnurstracks zuwider läuft: so hab' ich, als regierender Stadtrichter, deshalb ein strenges Poli- {277}

zeiedikt erlassen, auch meinen Rathsdienern die strengste Order gegeben, diese kleinen Schelmen und Spitzbuben, wo sie nur irgend ihrer habhaft werden können, aufzugreifen, und sie sogleich zu den Stadtthoren herauszubringen. Heda, Balthasar! Balthasar! Wo steckt er denn? Jag' er mir doch einmal da die Jungens von der Brücke weg!

Balthasar (der mit einer langen Stange auf die Brücke tritt.)
Gleich, Herr Stadtrichter! Ich komme schon! wollt Ihr fort!

Erster der hl. drei Könige.
Lieber Herr Balthasar, laß er uns doch da! Wir sind arme Kinder. Wir haben keine Eltern. Ey, wer wird so schlagen? Wer wird so garstig seyn?

Balthasar.
Da hilft kein Herzvater und kein‘ Herzmutter! Obrigkeitlicher Befehl muß respectirt werden! (schließt sie aus)

Stadrichter.
Hat er sie abgeschafft, Balthasar?

Balthasar.
Ja, Herr Stadtrichter! Aber das hat auch Mühe genug gekostet. Es ist wahre Sperlingsart. Je {278}

mehr man sie jägt, je unverschämter und dreister werden sie!

Stadtrichter.
Schließ er nur das Gatter zu, daß sie nicht wieder herein kommen!

Balthasar.
Es ist schon zu, Herr Stadtrichter!

Stadtrichter.
So — nun kann er sich wieder zu Bett legen!

Balthasar.
Gute Nacht, Herr Stadtrichter!

Stadtrichter.
Gute Nacht, Balthasar! Aber schlaf er nicht zu fest! — Es ist heute Neujahrsabend und da kann — man nicht wissen, was vorfällt.

Balthasar.
Ich will schon aufpassen! Froh Neujahr, Herr Stadtrichter! (geht herein.)

Stadtrichter.
Balthasar! Balthasar! Was ist denn das? Die hl. drei Könige sind fort und der Morgenstern steht ja noch immer da. {279}

Balthasar.
Befehlen der Herr Stadtrichter, daß das Polzeiedikt auch an dem Morgenstern vollstreckt werden soll?

Stadtrichter.
Allerdings.

Balthasar.
Nun so gedulden Sie sich nur ein klein wenig, Herr Stadtrichter! Ich will nur eine etwas längere Stange holen, so eine, die bis in den Himmel hineinreicht, und dann wollen wir schon sehen, wie wir auch dem Morgenstern beikommen!

Stadtrichter.
Ein excellenter Kerl, der Balthasar! Ja, wenn wir lauter solche exakte Leute bei der Polizei hätten, da sollte am Himmel und auf Erden bald ein ander Regiment seyn.

Balthasar. (der mit einer langen Stange den Morgenstern aus einer Ecke des Theaters in die andere jagt.)
Im Namen unsers gestrengen, hochedeln, wohlweisen, hochgebietenden Magistrats und des regierenden Herrn Stadtrichters — willst du fort! {280}

Erster der hl. drei Könige.
Habt Ihr's gehört, ihr guten hl. drei Könige, und du da oben, schöner leuchtender, himmlischer Morgenstern, hast du gehört, was der gestrenge Herr Stadtrichter hier so eben über uns beschlossen hat? Ist das auch eine Art mit Kindern und mit den hl. drei Königen umzugehn? Nein, diesen Schimpf können wir nun und nimmermehr auf uns sitzen lassen! O du lieber, goldner, schöner, freundlicher Morgenstern, der du nun schon so lange deinen Platz am Himmel hast, und ihn auch wol noch länger behaupten wirst, als dahier der Herr Stadtrichter den seinigen —

Kaspar.
Haben Sie's gehört, Herr Stadtrichter? Sie sticheln; das geht auf Sie – –

Erster der hl. drei Könige.
Nein, so hast du es wahrlich nicht gemacht! Im Gegentheil bist du den armen Kindern immer sehr gewogen gewesen. Denn als, vor nunmehro zweitausend Jahren, unsere glorreichen Vorfahren, die alten hl. drei Könige, Kaspar, Melchior und Balthasar, unterwegs waren — {281}

Stadtrichter.
Hat er's gehört, Balthasar? Sie sticheln schon wieder; das geht auf ihn!

Balthasar.
Ja wol, Herr Stadtrichter!. Gottlose Buben! Mäuler haben sie am Kopf, wie die Schwerter! —

Erster der hl. drei Könige.
Da hast du ihnen so lange mit deinem himmlischen Lichte vorgeleuchtet. —

Balthasar.
Wart! Ich will euch auch leuchten. —

Erster der hl. drei Könige.
Bis sie nach Bethlehem kamen, wo das arme Kind in der Krippe lag, dem sie alsdann ihre prächtigen Geschenke an Gold, Weihrauch und Myrrhen verehren konnten —

Balthasar (tritt an's Gatter.)
Was sprecht Ihr da von Geschenken?

Erster der hl. drei Könige.
Wir sagen, lieber Herr Balthasar, wenn er uns nur wollte singen lassen, daß wir ihm auch gern einen halben Gulden zum Geschenk verehren wollten. {282}

Balthasar.
Ist's ein Wort?

Erster der hl. drei Könige.
Ja, Herr Balthasar, einen preuß'schen halben Gulden, mit L'Age, den soll er haben, (für sich und in den Bart) Wir werden ihn doch sonst nicht loß.

Balthasar.
Na, wenn das ist, so will ich mein Gewissen noch einmal rühren lassen. Gebt her! (empfängt das Geld)

Stadtrichter.
Nun, wie steht's, Balthasar? Hat er sie fortgebracht?

Balthasar (kommt zurück.)
Nicht kapabel, Herr Stadtrichter!

Erster der hl. drei Könige.
Und das waren doch Könige, und dünkten sich dennoch nicht so vornehm, wie dieser Herr Stadtrichter, der seine Nase so hoch trägt, daß er noch zuletzt — Gott verzeih' mir die Sünde — vor lauter Hochmuth damit an den Morgenstern stoßen wird. Aber nur Geduld, mein gestrenger Herr Stadtrich- {283}

ter! Die Strafe, die noch stets der Sünde auf dem Fuße nachgefolgt, wird auch dießmal nicht ausbleiben. Denn Sie sollen wissen, daß der Morgenstern unser Patron ist, und daß, wer uns beleidigt, auch ihn beleidigt; ferner, da er am Himmel ein so unumschränkt Regiment hat, daß es ihm nur ein einziges, gutes Wort kostet, und der Hagel, der Sturmwind, der Blitz, der Donner und der Regen, die doch wahrhaftig weit mächtiger sind, als alle Eure Rathsdiener zusammen, werden sausend und brausend über Eure Stadt herfahren, und in ihrem gerechten Zorn kein Dach, kein Fenster, keinen Ziegel und keinen Schornstein ganz lassen!

Stadtrichter.
Balthasar, Balthasar! Es muß irgendwo ein Erdbeben in der Luft seyn. Ich verspüre ordentliche Erdstöße.

Balthasar.
Wenn es nur keine Rippenstöße sind, Herr Stadtrichter, wie bei der neulichen Einquartierung! Mit den Erdstößen, das geht vorüber; das hat so viel nicht auf sich. {284}

Erster der hl. drei Könige.
Da werdet Ihr denn, wiewol zu spät, einsehen lernen, was es heißt, wenn man gegen den Morgenstern Polizeiedikte macht, und die hl. drei Könige mit Rathsdienern aus den Stadtthoren herausbringen läßt! Vorher aber, und eh dieses Strafgericht über die gottlose Stadt losbricht, wollen wir noch zuvor dem Herrn Stadtrichter dahier vor seiner Hausthür das bewußte kleine Schelmlied absingen!

Schelmlied der hl. drei Könige.

Der Morgenstern
Stand über einem Haus —

Chor.
Stand über einem Haus:

Da gukten zwei und siebenzig
Schelme heraus.

Guten Abend, ihr Schelme,
Zwei und siebenzig an der Zahl!

Chor.
Zwei und siebenzig an der Zahl!

Guten Abend, ihr Schelme,
Guten Abend allzumahl! {285}

Wir wünschen Perücken,
Zum neuen Jahr —

Chor.
Zum neuen Jahr!

Allen Schelmen, an welchen
Kein gutes Haar!

Wir wünschen, daß Jeder
Das Sein'ge behält —

Chor.
Das Sein'ge behält.

Die Schelme das Fieber —
Der Doctor das Geld.

Wir wünschen den Schelmen
Viel Bücher im Schrank —

Chor.
Viel Bücher im Schrank!

Und Pred'ger, die pred'gen
Allen Menschen zu lang!

Wir wünschen den Schelmen
Soldaten in's Quartier —

Chor.
Soldaten in's Quartier!

Zwei auf dem Billet —
Und zu Haus ihrer Vier! {286}

Wir wünschen den Schelmen
auch schelmisches Geld —

Chor.
Auch schelmisches Geld

Das eh man es ausgibt
Im Kurs wieder fällt.

Wer hat wol den Schelmen
Das Lied hier erdacht?

Chor.
Das Lied hier erdacht?

Es haben's die heil'gen
Drei Kön'ge gemacht!

Die heil'gen drei Kön'ge,
Mit ihrem Stern —

Chor.
Mit ihrem Stern!

Der fehlt noch den Schelmen,
Dann wären's große Herrn! —

Der Morgenstern
Stand über einem Haus —

Chor.
Stand über einem Haus

Nun komm, lieber Morgenstern,
Nun geh'n wir nach Haus! {287}

LXXXI.
Der Dichter, die Gespenster und die Doctoren in Wien.
(Ein Schwank vom Jahre 1804).

Laßt mein Herzeleid Euch klagen,
Das sich in der Wiener Stadt
Vor fünf Monden und zwei Tagen
Nun mit mir ereignet hat!
Daß ein Fieber mich entseelet:
Hab' ich das Euch schon erzählet?
So vernehmt: mich armen Mann
Fiel ein böses Fieber an.

Ja, ein böses, böses Fieber
Kriegt' ich auf dem Weg nach Prag,
Und es wollte nicht vorüber,
Wurde schlimmer jeden Tag.
Wie ein Schatten mußt' ich wanken,
Und ich ging zu Doctor Franken,
Und ich ging zu Doctor Gall;
Rettung sucht' ich überall. {288}

Den man mir zuerst empfohlen,
Den zuerst ich suchte auf,
Den man kommt von Hof zu holen,
Naht der Tod in schnellen Lauf,
Der bei Joseph und Theresen
Schon berühmter Arzt gewesen,
Doctor und Baron Quarin —
O gewißlich kennt Ihr ihn.

Aber Wunder über Wunder! —
Steht am Kohlenmarkt sein Haus —
Angelangt davor jetzunder: —
Gucken ringsum Geister aus,
Und von nicht gemeinem Schlage,
Wie man etwa alle Tage
Sie erblickt auf der Bastei;
Nein — gar Könige dabei.

Erzherzöge, Fürsten, Kaiser,
Oben zu bis auf das Dach;
Angefüllt die Nachbarhäuser
Mit geringerm Prinzenschlag.
Und, wie ich genaht den Rinken;
Plötzlich sieh, ein Drohen, Winken;
Räth mir Kaiser Leopold
Selber, daß ich laufen sollt'. {289}

Und ich lauf', ich armer Dichter,
Laufe durch das Schottenthor;
Stets noch sah ich die Gesichter,
Klang ihr Ruf mir stets ins Ohr. —
Da besann ich — Gott zu danken —
Mich zuletzt auf Doctor Franken.
Fragt' ich jemand: Wohnt er da?
Gab man mir zur Antwort: Ja!

Abgetrocknet kaum die Tropfen,
Von der Stirn den Todesschweiß,
Nah' ich hier mich, anzuklopfen —
Aber wiederum was Neu's!
Keine Scepter, keine Kronen,
Aber aller Professionen
Schurz und Zeichen fand ich hier,
Vor des Doctor Franken Thür.

Und ein Wimmern von den Geistern;
Arme Handwerksburschen ziehn,
Die bei ihren fremden Meistern
Ausgestanden hier in Wien,
Denen Hospitales Pflege
Wies des Paradieses Wege,
Zehrung flehend, ihren Hut.
Ach! mir ward nicht wohl zu Muth. {290}

Und ich stand, mit einem Satze, —
Weil ich Wahrheit melden muß —
Bald am Stock-, am Eisenplatze,
Wieder bald am Hindenschuß.
Graus'ten mir vor Schreck die Haare;
Mit dem Haud'rer wild umfahre
Ich das wallumgeb'ne Wien,
Dessen Burg der Mond beschien.

Abend wars, und spät geworden;
Drang nun einer Stimme Schall
In mein Ohr, mit diesen Worten:
„Oben hier wohnt Doctor Gall!
Ja zu ihm, zu diesem Edeln,
zu dem Doctor von den Schädeln,
Zu ihm ist mein Heil gestellt.
Ja, der kennt und hilft der Welt!"

Ausgestiegen! „Fahr'n wir, Gnaden?“
Nein, hier Geld und Abendgruß! —
Plötzlich knarrt ein Schusterladen
Unten, wo vorbei er muß;
Thut sich auf ein Spalt in Wänden,
Und, zwei Köpf' in ihren Händen,
Tritt ein Dichterpaar hervor;
Füllt' ihr Wimmern so mein Ohr: {291}

Kennst du des Parnassus Lichter,
Fremdling, von der Ilme her?
Kennst du Blumauer den Dichter,
Kennst du Alringer nicht mehr [Beide Köpfe sind in Doctor Galls Schädelsammlung]?
Warn' dich das Geschick von beiden:
Deinen Kopf dir abzuschneiden,
Lauert droben schon der Mann:
Fliehe, wer noch fliehen kann!

Ob ich floh? — das könnt Ihr denken.
Ob ich lief? das ist erlaubt.
Woll' uns Gott den Kopf ja schenken,
Welcher ist des Menschen Haupt.
Und so hielt ich denn aufs Beste
Meinen auf den Schultern feste,
Dankend Gott ohn' Unterlaß,
Schlug ein Kreuz, und lief fürbaß.

Ist denn keine Flucht vor Särgen?
Keine palliative Cur?
Ihr Erfinder von Latwergen,
Wer entdecket Euch mir nur?
Mögt Ihr mit Galvanisiren,
Mit Ideen mich curieren,
Krummholzöl und Mithridat,
Wie Ihr wollt: — nur schafft mir Rath! {292}

Doch daß, wie Horazens Schwätzer,
Ich Euch nicht ermüden mag,
Kommt zu mir Freund Typ, der Setzer,
Spät am dritten Feiertag,
Bringt des Wochenblatts Avisen —
Ward ein Doctor hoch gepriesen,
Der am Donauschänzlein wohnt —
Gott ihm solchen Dienst belohnt!

Kann den Morgen kaum erwarten,
Schau' wol zehnmal nach der Uhr.
Horch stets, ob des Thores Fahrten
Kein Fiacker noch durchfuhr.
Aufgestanden, angezogen,
Aus dem Schottenhof geflogen.
Sechs der Seiger; kräht der Hahn;
Dämmert licht der Morgen an.

Schon umirrt mein Fuß die Brücke,
Wo der stolzen Donau Fluß,
Vor des Muselmannes Blicke,
Sich gen Osten wenden muß.
Stürz' ich mich hier in's Gedränge,
Den und Jenen aus der Menge
Fragend. Jedem thut es Leid,
Aber Niemand weiß Bescheid. {293}

Endlich ist es mir gelungen,
Und geendiget mein Lauf.
Sieh', ein Paar Tyrolerjungen
Zeigen mir die Stieg herauf.
Und verschwunden jeder Kummer:
Denn das Haus, so wie die Nummer,
Punkt für Punkt, gedruckt und klar,
Wie es im Aviso war.

„Laßt uns jetzt nicht länger zögern,
Kurz ist vor dem Tod die Frist,
Der von Weißen, wie von Negern,
Nimmt all' Menschenkind und frißt.
Ach wer weiß, wie nah mein Ende!"
Also faltend meine Hände,
Tröstend mich als Philosoph,
Ging ich zitternd durch den Hof.

Und ein gottgefällig Zeichen!
Lehnt' ein Geist nur an der Thür;
Einem Juden mocht' er gleichen;
Schloß ich aus des Bartes Zier,
Daß es Einer war aus Pohlen,
Der den Geist hier Gott befohlen.
Und zum Schooß des Abraham
Ueber Wien die Reise nahm. {294}

Einer, das will wenig sagen
In der Praxis solcher Stadt.
Wo ein Arzt in unsern Tagen,
Der nicht einen Todten hat?
Schöpft' ich Luft zu frischem Muthe,
Schob ihn weg; entwich der Jude,
Schlug ein Kreuz; ein leis: O Wey!
So ist die Passage frei."

Nun durchrenn' ich zwanzig Stufen
Klingelte der Pfortenring,
Kam die Magd, herbeigerufen,
Und der Hausmann mich empfing.
Thür geöffnet — güt'ge Götter!
Wen erblickt' ich? Meinen Retter. —
Saß auf seinem Kanapee,
Trank so eben Milchkaffee.

Und sehr höflich mir entgegen,
Nöthigt gleich er mich zum Sitz;
Sprach von meines Pulses Schlägen,
Sprach von meines Fiebers Hitz',
Schalt, daß ich verkehrt behandelt,
Pries, daß ich zu ihm gewandelt:
Ja, mein Herr, vertraun Sie nur
Unbedingt sich meiner Cur! {295}

Gott gelobt, der her Sie führte!
Seyn sie gratulirt dazu.
Denn, wenn Niemand Sie kurirte,
So bin ich der Mann dazu.
Bin zwar erst nur hier seit kurzen,
Bin ein Sachs und stamm' aus Wurzen.
Nur ein Jud' in Wien erfuhr
Hier erst meine Wundercur.

Und von mir ein plötzlich Fragen:
Wie? ein Jud'? — Denn wie ein Stein
Fiel mir schwer auf Hals und Kragen
Das Gespenst von draußen ein!
Ja — Sie nehmen es nicht übel: —
Und er litt am selben Uebel.
Armer Schelm, er dau'rt mich, der:
Doch nun leidet er nicht mehr.

Sie verzeihen, daß ich trinke,
Mein Kaffee hier wird sonst kalt. —
Ich im Grauß ergriff die Klinke
Mich durchschauert's eiseskalt: —
Und indeß er schlürft die Tasse,
Stand — zwei Schritt — ich auf der Gasse.
Wunder nur bis diesen Tag,
Daß ich mir den Hals nicht brach. {296}

Wie herab ich kam die Stufen,
Zitternd, athemlos und stumm, —
Und wie er mir nachgerufen, —
Wie ich lief den Juden um.
Der noch an der Hausthür lehnte
Fragt mich nicht; denn immer dröhnte
Mir sein Nachruf noch ins Ohr,
Wie ein Ruf aus Pluto's Thor.

Und so nahm ich die Beschwerde
Meines Uebels, ohne Trost,
Daß ich je genesen werde,
Wieder mit mir auf die Post: —
Hier in Weimar geht mit meinem
Gast es mir, wie einst mit seinem
Es in Rom ging dem Horaz:
Denkt Euch selbst an meinen Platz.

Ach! ein Anblick, Herz zu rühren!
Fieber sitzt mit mir zu Tisch;
Fieber geht mit mir spatzieren
Täglich in des Parks Gebüsch,
Fieber sitzt mit mir zu Pferde:
Und, wenn ich begraben werde,
Tritt es unter meinen Sarg.
Herren, ist das nicht zu arg? {297}

O ihr lieben deutschen Frauen,
Die ihr blüht im Vaterland,
Ist Euch nicht auf deutschen Auen,
Irgend wo ein Arzt bekannt?
Einer so — vor Thür und Schwellen —
Dem sich keine Geister stellen?
Schafft mir schleunig Hülf' und Rath!
Mein' Adreß gibts Titelblatt. {298}

LXXXII.
Der erste Mann
und
das erste Weib der Schöpfung.
1802.

Von dem ersten Mann und Weib der Schöpfung
Meld' ich euch die Himmelskunde,
Wie des Tag's gesell'ge Stunde
Ew'ger Elemente Streit
Früh in ihnen schon entzweit.
In der Ruhe von den Meeren,
In der Stille
Von den Wassern,
Auf den Bergen,
Zu gebären
Ist ihr Wille.
In der Gärten Lustbezirken,
Grünendem lebend'gen Teppich
Rosen, Lilien einzuwirken;
Wo die muntern Vöglein singen,
Frauenwerke zu vollbringen;
Ewig wieder zu vergnügen
Ihren jungen, ros'gen Leib —
Solche Lust vergnügt das Weib! — {299}

Aber kühn mit Götterstärke
Zu vernichten Frauenwerke,
Zwischen Garten, Feld und Haide —
Solches ist des Gatten Freude.
Schafe, sanfte Elephanten,
Sagt man, sind durch Sie entstanden;
Löwen wanden aus dem Schooß
Sich des rauhen Mannes los.
Lockt Sie Blumen aus der Erde,
Er bedroht als Wolf die Heerde.
Schmückt ihr zarter Sinn die Tauben,
Kommt er sie als Weih' zu rauben.
Wird ein Baum ihr Sommersitz,
Er vernichtet ihn als Blitz.
Endlich nahm Er alle Flammen,
Tiger, Bär und Wolf zusammen,
Und gesellte sie aufs Neu'
Seinem Ebenbilde bei,
Das in Licht und Gluth entbrannte,
Das nach sich Er Mann benannte. —
Aber Sie, im Stillen thätig,
Und im Glanz der Morgenröthe,
Ging an ihre Blumenbeete.
Was die Nachtigallen ruften,
Was die Blumen lieblich duften,
Rosen und Narcissengaben
Mußten ihr Geschöpf begaben.
Bat sich Blumenzierrat aus, {300}

Zu der Schöpfung schönstem Strauß,
In Aurorens Morgenstunden,
Fern von finstern Mann, gewunden.
Sieh, der Lilie Unschuldweiße
Und die lieberothe Rose
Bückten sich, auf ihr Geheiße:
Primeln gaben ihr zwei Perlen,
Rosen ihr zwei volle Knospen.
Und die köstlichen Geschenke
Faßt' in ein Geschöpf zusammen
Die Natur, die Mutter Aller,
Und gab ihm des Weibes Namen. —
Als der Mann nun, wild und roh,
Seinem Aufenthalt entfloh,
Und das holde Bild erblickte,
Das sich still am Flusse bückte,
Da ergriff ihn bang' ein Sehnen,
Und er weinte Wehmuthsthränen,
Bat sie dringend, still zu stehen;
Aber sie vernahm kein Flehen,
Sondern, fürchtend das Beginnen
Ungebändigt wilder Sitte,
Floh verschüchtert sie von hinnen.
Und er folgt' ihr durch die Wälder,
Und er folgt' ihr durch die Thäler.
Echo sang, auf seinem Pfad,
Ihren Namen früh und spat. —
Endlich ließ sie sich erweichen, {301}

Sah im Mann nur Ihresgleichen,
Floh, mit immer kleinerm Schritte,
Hört' auf seine stille Bitte —
Und in einer Mondnacht fühlten,
Wo in Myrten Zephyr wühlten,
Sie einander in den Armen,
Klopfend Herz an Herz erwarmen.
Als er ihr umfaßt den Leib,
Sprach er leise: Bist mein Weib!
Blumenschwestern, die dies hörten,
Gern ihm süßen Wunsch gewährten,
Red'ten drein mit süßen Worten:
Holde Schwester von den Unsern,
Ja du bist ein Weib geworden.
Hör' nun auch von deinem Loose!
Wie die lieberothe Rose
Muß auf deinen Wangen tagen,
Wird dein Schooß auch Blumen tragen;
Und, wie Blüthen Frücht' entfallen,
Wird auch deine Blüth' entfallen.
So erklang die Blumensprache
In dem stillen Brautgemache,
Bei der Würze süßen Duften,
Als die Nachtigallen ruften
Und des Hespers Hochzeitkerze
Leuchtete zu Amors Scherze.
Erd' und Himmel stand in Flammen.
Heftig drückt' er sie zusammen; {302}

Schmolz in einen beider Leib,
Und sie lispelte: dem Weib!
Eh neun Monden sind verflossen,
Ward ein neuer Bund geschlossen
Zwischen allem, was hier lebte,
Und beseelt am Erdball strebte.
Also sprach der Mann der Schöpfung
Zu dem Weib, der hohen Gattin:
Gönne mir in Kraft von oben,
Zu vernichten und zu toben.
In den Bergen, in den Hainen,
Will ich dir als Leu' erscheinen.
Laß mein Auge dort im Dunkeln
Tod dir und Verderben funkeln:
Laß mich, Daseyns Lust zu kürzen,
Auf die Beut' als Adler stürzen:
Laß mich, mit des Giesbachs Tosen,
Dir vernichten deine Rosen!
Du, von sanfterem Geschlechte,
Ueb' indessen Frauenrechte!
Hörst du mich als Sturmwind toben,
Komm, als Vollmond sanft erhoben,
Komm mit Blumen, komm mit Bächen
Mir ein Wort an's Herz zu sprechen!
Komm, als Löwin in Gehölzen,
Meinen finstern Grimm zu schmelzen!
Trage süße Leibesbürde,
Tritt als Hirtin vor die Hürde! {303}

Will ich deine Blumen, Tauben,
Dir vernichten, oder rauben,
Die mit stillem Liebeswarten
Du erzogst in deinem Garten:
Komm, als schöne Gärtnerin
Zu besänft'gen meinen Sinn,
Welcher rauh von Anbeginn! —  —  
Ach dagegen will gestatten,
Alle Kindlein, die wir hatten
Einst, nach kurzem Erdenwandeln,
Dir in Blumen zu verwandeln.
Hat der Leu nun ausgetobet,
Hat der Adler ausgeflogen:
Mutter, sammle klein und groß
Wieder sie in deinen Schooß! {304}

LXXXIII.
Klärchen Witt,
oder
der Beichtiger in der Beichte.
Halle 1793.

Die Liebe, die uns plagt, auf Tritt und Schritt,
Verfolgt' Johannes auch und Klärchen Witt,
Kein Schutz am Thron, am Beichtstuhl, am Altare!
Ich war kaum zwanzig, Klärchen sechzehn Jahre.
Ihr Vater starb; ich nahm mich ihrer an;
Und welcher Pfarrherr hätt' es nicht gethan?
Die sanftgewölbte Brust, die schwarzen Haare,
Der Rosenmund — vor seinem Stufenjahre,
Wen ließe wol ein solch Madonnchen kalt?
Und wie gesagt, ich war kaum zwanzig alt.
Da trat die holde Dirn' herein ins Zimmer.
Mit einer Anmuth — ich vergess' es nimmer —
Bot sie mir guten Tag, vor Schüchternheit
Erröthend. Ich — sprang gleich voll Freundlichkeit
Entgegen ihr. — Mit sanftgebognem Nacken,
Trat sie zurück. Ich streichelt' ihr die Backen;
Sie pflückt' am Schürzchen; sah zur Erde hin.
„Lieb Klärchen, werde meine Schaffnerin!"
So bat ich sie, mit lauten Herzensschlägen;
Mein schönes Klärchen hatte nichts dagegen.
Den Sonntag nickt' ich ihr bloß freundlich zu. {305}

Den Montag hieß ich sie vertraulich Du.
Den Dienstag küßt' ich sie — roth sah sie nieder. —
Den Mittwoch küßte sie mich zärtlich wieder.
Den Donnerstag drang sie auf einen Schwur,
Ich schenkt' ihr Freitags eine Perlenschnur.
Sonnabend wagt' ich kleine Schäkereien;
Allein sie weint', und wollt' um Hülfe schreien.
Drob war ich Sonntag etwas aufgebracht;
Es war gerade tief um Mitternacht,
Da zog ein Wetter auf; ich lag im Bette:
Es blitzt. Drauf knarrt die Thür; im Nachtkorsette,
Ein Lämpchen in der Hand — zwölf mocht' es seyn —
Schlüpft sie, gleich einer Heiligen, herein.
Herr Pater, sprach das holde Kind mit Zittern:
Ich bin nicht gern allein bei Ungewittern;
Ich hab' Euch wach geglaubt, verzeiht! — Ich bot
Ihr liebreich meine Hand; sie ward blutroth,
Und sträubte sich. Ich zog sie sanft herüber;
Die Lamp' erlosch, der Donner ging vorüber;
Der Mond schien hell; sie seufzte zärtlich, ach!
Der Geist war willig, doch das Fleisch war schwach.
Neun Monden drauf ging Klärchen Witt auf Reisen:
Das ist die Beichte von Johann dem Weisen. {306}

LXXXIV.
Doctor Martin Luther
in
dreizehn Volksliedern.

Chor des Volks.

Willkommen, schöner Tag!
Wer dich nicht singen mag,
Entweiche schnell!
Der ist kein freier Mann,
Der heut nicht singen kann,
Der stimmt ein Lied nicht an
Dem Sachsen-Tell!

Eisleben, Wittenberg,
Rührt Euch, Ihr alten Särg',
Eröffnet Euch!
Heut sind's dreihundert Jahr,
Daß Luther unser war.
Heran zum Bundsaltar,
Du Luthers-Reich!

1. Lied.
Wie Luther vom heiligen Bischoff Martin aus Pannonia seinen Namen erhalten hat.

Tausend vierhundert drei und achtzig Jahr,
Als unser Heiland geboren war, {307}

Da in der Christenheit man zählt,
Kam Doctor Martin auf die Welt;
Herr Martin Luther hochgelahrt,
Deßgleichen nie erfunden ward!
Zu Eisleben, wo Bergleut' schön
In tiefen Schacht herunter gehn,
Und fördern edles Erz zu Tag,
Mit ihrem fleiß'gen Hammerschlag,
Hat Gott es weislich so geschickt,
Daß er das Licht der Welt erblickt.
Zu Eltern hat ihm Gott bescheert
Frau Margarethen, ehrenwerth;
Zum Vater aber Herrn Johann,
Ein ehrlich alt und frommb Bergmann,
Der ihn gar streng, nach Brauch der Alten,
Zu Kirch' und Schulen angehalten.
Den Namen Martin, den er trägt,
Hat ihm ein Heil'ger beigelegt,
Weil grad' auf den St. Martinstag
Das Kindlein in dem Taufstein lag.
Nun fragt ihr: wer St. Martin war?
Die Mähr ist alt und wunderbar:
Ein frommb und ehrbar Rittersmann,
Dazu ein Bischoff; höret an:
Als Kaiser Theodosius
Regierte mit Arkadius,
Einem Reiter, aus Pannonia,
Mit Namen Martin, dieß geschah. {308}

Er kam, in Sturm und Schnee einst mitten
Zu einem Ort hinein geritten:
Da fleht' alsbald ein armer Mann
Um eine kleine Gab' ihn an.
Der Mann war elend, nackt und bloß,
Der Wind ging auf die Haut ihm los;
Herr Martin hätt' ihm, für sein Leben,
Gern Koller, Rock und Wams gegeben.
Allein ihr wißt wol, ein Soldat
Sehr wenig zu verschenken hat.
Doch hielt er an auf hohem Roß,
Worauf der Regen niederfloß,
Und sprach: der Mann ist nackt und bloß;
Es muß ja grad' auch Geld nicht seyn;
Ich will ihm dennoch was verleihn.
Sein Schwert drauf mit der Faust gefaßt,
Haut er von seinem Mantel fast
Des einen Zipfels Hälft' herab,
Die er dem armen Manne gab.
Der Arme nimmt das Stück sogleich,
Und wünscht dafür das Himmelreich
Dem guten, frommen Reitersmann,
Der sich nicht lange drauf besann.
Wie der gesagt sein gratias,
So reitet dieser auch fürbaß,
Zu einer armen Wittwe Thür,
Und legt daselbst sich in's Quartier,
Nimmt Speis' und Trank ein wenig ein, {309}

Es wird nicht viel gewesen seyn.
Nachdem er also trunken, gessen,
Und das Gebet auch nicht vergessen,
Legt er sich nieder auf die Streu.
Ob's eins gewesen, oder zwei,
Das hat die Chronik nicht gemeld't;
Drum laß' ich's auch dahin gestellt.
Alsbald begiebt sich's in der Nacht,
Daß er von einem Glanz erwacht,
Der zwingt das Aug' ihn aufzuschließen.
Da steht ein Mann zu seinen Füßen;
Sein Haupt trägt eine Dornenkron';
Er ist's, Er ist's, des Menschen Sohn!
Mit tausend Engeln, die ihm dienen,
Ist plötzlich unser Herr erschienen,
In aller seiner Herrlichkeit,
Und mit dem Mantel, welchen heut
Der Martin, aus Pannonia,
Der dessen gar sich nicht versah,
Geschenkt dem armen Bettelmann,
Ist unser Heiland angethan.
Und so der Herr zu Petrus spricht:
Siehst du den neuen Mantel nicht,
Den ich hier auf den Schultern trage?
Auf des Apostels weitre Frage:
Wer ihm den Mantel denn geschenkt?
Das Aug' auf Martin hingesenkt,
Mit einem sanften Himmelston, {310}

Fährt also fort des Menschen Sohn:
Der Martin hier, der ist es eben,
Der diesen Mantel mir gegeben;
Ermunt're dich! steh auf, mein Knecht,
Den ich erwählt, du bist gerecht!
Du warst bisher ein blinder Heide,
Das Schwert, das steck nur in die Scheide
Ein Streiter Gottes soll auf Erden
Mein frommer Bischoff Martin werden!
Als dieses Wort der Herr gesagt,
So kräht der Hahn; der Morgen tagt;
Ein Engel küßt des Mantels Saum,
Und Martin ist erwacht vom Traum,
Denkt nach, klopft an ein Kloster an,
Und ist, getreu nach Christi Worten,
Aus einem wilden Reitersmann
Ein großer frommer Bischoff worden.

Nun, da ich dieses Euch vermeld't,
Was für ein frommer Liebes-Held
Der Taufe Luther'n mußt' entheben,
Und ihm den Namen Martin geben:
So nimmt euch, hoff' ich auch, jetzunder
Des Doctor Martins Thun nicht Wunder,
Der beides lernte, muthig reiten
Und für die Kirche tapfer streiten,
Von jenem heilgen Rittersmann,
Der's in der Tauf' ihm angethan {311}

Zugleich mit seinem frommen Namen,
Daß er in Liebe mußt' entflammen;
So daß der Luther, gut und groß,
Ein Stück von seinem Rock nicht bloß
Und seines Regenmantels Schooß,
Nein auch mit Freuden Leib und Leben
Für seine Brüder hinzugeben
Zu jeder Stunde war bereit;
Wie solcher edlen Freudigkeit
Stadt Worms ein ew'ger Zeug' uns ist.
Gelobt dafür sey Jesus Christ!

Chor des Volks.
Was zieht für ein Gesang
So fromm die Straß' entlang,
Von Thür zu Thür!
Hell singt im Knabenchor
Ein Kind, das Gott erkor;
Sein Engel neigt das Ohr,
Heil Luther dir!

2. Lied.
Wie Luther gen Eisenach zog, und als Currentschüler von der Frau Cotta daselbst in's Haus aufgenommen wurde.

So wuchs in Gottes Furcht zum Mann
Der fromme Knab' einfältig an; {312}

Doch weil der Kindlein viel im Haus,
Mußt' unser Luther fleißig aus,
Sein Brot an Thüren zu ersingen,
Wie's fromme Schüler noch vollbringen,
Zu Magdeburg, zu Eisenach,
Zu Jena, bis auf diesen Tag. —
Als nun der Knabe vierzehn Jahr,
In solchem Lauf, geworden war,
Hat ihn, nach Eisenach geführt,
Eine fromme Frau einst zugehört,
Der Gott alsbald das Herz gerührt,
Von wegen seiner Stimme Klang,
Die tief ihr in die Seele drang.
Frau Cotta, so ist sie genannt,
Und frommen Christen wohlbekannt,
Dieweil sie ihn in's Haus genommen,
Von dem uns Allen Heil ist kommen,
Den Morgenstern von Wittenberg
Deß Ruhm erschallt, gen Genf und Zürch,
Das Rüstzeug Gottes auserwählt,
Den ewig theuern Glaubensheld,
Herrn Martin Luther für und für.
Frau Cotta, Gott vergelt es Dir!
Ihr Andern aber merket dran,
Wie schön es ist und wohlgethan,
Wenn Kirch' und Schulen ihr bedenkt!
Denn, wem Gott seine Gaben schenkt,
Dem schenkt er sie aus Gnadenwahl. {313}

Wer frommer Diener Gottes Zahl
Vermehren hilft auf seinem Platz,
Der sammelt einen Himmelsschatz,
Den weder Rost, noch Motten fressen.
Gott wird's Frau Cotta nicht vergessen!

Chor des Volks.
Vereint im Jubelschall,
Werd' ihm auf Berg und Thal
Ein Lob gezollt!
Ihm, der aus dunkler Nacht,
Ihm der aus Mannsfelds Schacht
So treu an's Licht gebracht
Des Glaubens Gold.

3. Lied.
Wie an Martins Seite sein Gesell Alexius vom Blitz erschlagen wurde, und was dieses auf Luther für einen Eindruck gemacht.

Herr Martin, als er eines Tags
Mit einem Gesellen seines Schlags
Recht lustig, froh und guter Ding
In freyem Felde sich erging,
In dem alten Thüringer-Land —
Alexius ist der Gesell genannt,
Und Erfurt heißt die schöne Stadt,
Allwo sich dies begeben hat — {314}

Spricht so vor Luther sein Gesell:
Es kommt ein Wetter, gehn wir schnell!
Laß sehn, ob wir in jenen Gründen
Nicht etwa Unterkommens finden'
Wie er das Wort gesagt — und jetzt
Den Fuß zum Schreiten vorwärts setzt,
So mächtig einer schreiten mag,
Bedeckt sie beide, Blitz und Schlag,
Ein ungeheures Flammenmeer,
Und ach! Alexius ist nicht mehr: —
An seines Freundes Seit' erschlagen,
Muß dieser ihn von hinnen tragen!

Von jenem ernsten Augenblick,
Wo des Apostel Sauls Geschick
Den Luther zum Apostelamt
Mit heil'gem Himmelsblitz entflammt,
Erschienen alle Erdending'
Ihm gar verächtlich und gering.
Er will von dieser Welt nichts wissen,
Er legt sein Elend Gott zu Füßen,
Er zieht in Klostereinsamkeit,
Wo er den Leib so streng kastei't,
Daß ein und einen halben Tag
Er einst in seiner Zelle lag,
Das Blut den Wangen schon entwichen,
Das Angesicht zu Schnee verblichen,
Von vielem Beten, Fasten, Singen; {315}

Man konnt' ihn kaum in's Leben bringen,
Weil er versunken ganz und gar
In himmlische Gesichte war,
Bis frommer Mönche Chorgesang,
Der durch das Kreuzgewölb' erklang,
Mit seinen leisen Himmelsklagen,
Ihn zwang, die Augen aufzuschlagen.
Drum blieb auch Luther immerdar,
Bis in sein letztes Lebensjahr,
Wo seinem Volk ihn Gott entzogen,
Der edlen Musica gewogen,
Weil sie von Todten ihn erweckt. —
Auch hat ihm bald der Geist entdeckt,
Wozu er gern erwählt ihn hätte.
Ein alter Mönch trat vor sein Bette,
Der plötzlich so zu ihm begann:
Mein frommer Bruder, höret an!
Ihr sterbt noch nicht an diesem Ort.
Also geschieht des Herren Wort
Durch mich zu Euch: Ihr sollt auf Erden
Noch einst ein frommer Bischoff werden,
Ein Licht zu leuchten fern und nah!

Die Prophezeiung ihm geschah,
Als seines Alters noch nicht gar
Herr Luther ein und zwanzig Jahr
Zu Thüringen in Erfurt war,
Wo er im Augustinerorden
Gar bald darauf ein Mönch geworden. {316}

Chor des Volks.
Gloria dir Dreieinigkeit, in Ewigkeit,
Gloria!
Du bist, du warst vor Abrahams Zeit,
Und bleibst es bis in Ewigkeit,
Gloria, Gloria, Gloria!

4. Lied.
Luther und Tetzel.

Zu Erfurt Luther daß studiert,
Allwo er bald Magister wird,
Gesellt zu frommen Klosterleuten,
Sich muß zu niederm Dienst bereiten,
Muß Kirche fegen, Glocken läuten,
Und, propter panem, an den Thurm
Mit einem Brotsack collectiren,
Was alles er besorgt auf's Best',
Und als das Kloster ihn entläßt,
Schickt ihn sein Augustinerorden
Gen Wittenberg, mit guten Worten,
Woselbst er ist ein Doctor worden.

Da Menschensatzung immerfort
Ihn ängstigt, sucht er Gottes Wort,
Und wie er lernt die Bibel kennen,
Fühlt er in sich ein Licht entbrennen — {317}

Das ist das Licht in finstrer Nacht,
Wodurch alle Dinge sind gemacht,
Das, unserm Herzen eingeschrieben,
Befiehlt: du sollst die Brüder lieben!
Und, kannst du diesen Spruch nicht beten,
So schwebst du, Mensch, in großen Nöthen.
Denn wer dem Bruder Haß erweis't,
Betrübt in sich den heil'gen Geist,
Der uns in Allem unterweis't.
Mit diesem theuern Himmelsbrot
Schlägt Luther Eck und Tetzel todt,
Die allzu listig disputieren
Und weltlich böse Händel führen,
Die meinen, mit dem Ablaßkasten,
Mit leiblichem Kastei'n und Fasten,
Die Bruderliebe zu versöhnen,
Und Gott mit ihrem Wandel höhnen,
Die so verblend't in ihrem Sinn —
Deß trägt der böse Feind Gewinn —
Daß Mord und Todtschlag, Schwelgen, Prassen
Bis in den Tod die Brüder hassen,
Und solchem frevelnden Beginnen
Sie noch Entschuldigung ersinnen,
Wie Tetzel lehrt mit Uebermuth,
Durch seinen Ablaßzettel gut:
So bald das Geld im Kasten klingt,
Die Seel' auch aus dem Fegfeuer springt.
So spielten sie mit falschen Eiden, {318}

Und lebten wie die blinden Heiden.
Wie mochte das wol Luther leiden?
Als bald darauf es nun geschah,
Gen Jüterbock, von fern und nah,
Viel Volks zum Ablaßkrämer kam.
Drob Zorn den Luther übernahm;
Der predigt Buß', sagt frank und frei,
Daß nur bei Gott Vergebung sey;
Drum, wer den Weg zu Gott will finden,
Der wasche sich zuvor von Sünden!
Denn sünd'gen heißt, die Brüder tödten,
Die Christ zu lieben uns geboten.
Gott ist die Liebe, lehrt Johann;
Drum nimmt er keinen Sünder an,
Der nicht, versöhnt in Jesu Christ,
Ein Werkzeug seiner Gnaden ist:
So lehrt der fromm' Evangelist.
Die Brüder mit Praktiken, Ränken,
Daß sie ihr Gut an uns verschenken,
Arglistig locken ins Verderben,
Das heißt nicht, für die Brüder sterben.
Und brennten an dem Hochaltar,
Allwo du knietest, hell und klar,
Zwölftausend Stück geweihter Kerzen,
Erst bann' die Nacht aus deinem Herzen,
Sonst bist vor Gott du offenbar
Kein Kind des Licht's! — Und vollend's gar,
Wie einst manch sündger Papst zu Rom, {319}

Auf breitem Weltverderbens Strom,
Blutschänderischen Wandel führen,
Durch Buben Land und Leut' regieren,
Vergifter, Meuchelmörder dingen,
Und hinterdrein die Messe singen;
Stadthalter Gottes hieß das? — Nein,
Das heißt des Teufels Anwalt seyn.
So lauter, licht, so männlich klar,
Gepredigt das Wort Gottes wahr,
Stürzt bald der Menschenbau zusammen;
Des Tetzels Ablaßbrief muß flammen;
Ja, die zu Constanz einst den Huß
Verbrannt, die böse Arglist, muß,
Worms, Kaiser, Papst und Reich desgleichen,
Dem Stern von Wittenberg erbleichen.

Chor des Volks.
Heil, Churfürst Friederich,
Deß Haupt mit Ruhm erblich,
Heil dir Johann!
Fahr hin, du Erdenthron!
Johann eine Himmelskron',
Als schönsten Engellohn,
Dafür gewann! {320}

5. Lied.
Wie Churfürst Friedrich der Weise, Johann der Beständige und Johann der Großmüthige, so auch die edlen Herrn und Ritter Hutten und Sickingen, zu Schutz und Trutz die neue Glaubenslehre aufrecht erhielten.

An Churfürst Friederich zu Hand
Und seinem Bruder, Herrn Johann,
Auch der Beständige genannt,
Herr Martin edle Stützen fand
Der lautern Lehr' in jenen Zeiten;
So konnt' er muthig sie verbreiten.
Franz Sickingen, aus Frankenland,
Ein tapf'rer Ritter wohlbekannt,
Ulrich ab Hutten auch zugleich,
Ihn schirmten wider Papst und Reich.
Und als ihn traf von Worms der Bann,
So nahmen sie sich seiner an,
Und haben unserm Gottesmann
Getrost ihr Burgthor aufgethan,
Zu Schutz und Trutz, recht männiglich,
Recht ehrenfest, recht ritterlich,
Recht freudig, deutsch, und gottgetreu.
Ein ew'ger Freudenhimmel sey
Dafür, an Christi Gnadenthron,
Der frommen Herrn und Ritter Lohn! {321}

Chor des Volks.
Geister in Rittertracht
Schreiten, durch Nebelnacht,
Herrlich einher.
Ihr' Arbeit unverlor'n;
Was klingt der Bernhardssporn?
Was singt das Schwedenhorn?
Wie rauscht das Meer?

Steh' auf, Franz Sickingen!
Auch du sollst auferstehn,
Herr Huttens Geist!
Was Reich, was Bull' und Bann?
Die Burg ihm aufgethan!
Es klopft ein Gottes-Mann,
Der Luther heißt.

6. Lied.
Wie Calvin, Zwingli, Gustav Adolph und der Sachsen Bernhard so muthig den neuen Glauben verfochten haben.

Wie drauf entflammt die alte Schweitz
Calvin und Zwingli ihrerseits,
Der reinen evangelischen Lehr'
Erstanden sind zu Schutz und Wehr,
Und was im Krieg, der dreißig Jahr
Den Vätern Noth und Tod gebar, {322}

Uns König Gustav Adolph war,
Wie dieser tapfre Glaubensheld
Mit Schweden überschifft den Belt;
Wie, unser Sachsen zu beschützen,
Normänner in der Schlacht bei Lützen
Ihr Heldenblut so kühn versprühen;
Wie in den alten Niederlanden,
Allwo die Albas aufgestanden
Mit ihren span'schen Henkerbanden,
Das grausam kalte Mordedikt,
Das Egmont zum Schaffotte schickt,
Doch bei Oranien nichts erreichte;
Wie England keinem Blitz erbleichte,
Dieß England, das zu unsrer Zeit
Die Welt zum zweitenmal befreit,
Das Bollwerk der Religion,
Und aller Bürgertugend Thron;
Wie dazumal es herrlich stand,
Als tausend Henker Schwert und Hand
In's Blut von seinen Edlen tauchten
Und überall Schaffotte rauchten;
Wie aus dem theuern Sachsenvolke,
Gleich einer finstern Donner-Wolke,
Der Herzog Bernhard freudig brach;
Wie ungestüm er, Schlag auf Schlag,
Den Partisanen seine Brust
Entgegen warf, mit Heldenlust:
Wie Wallenstein ihm zittern mußt', {323}

Als er im Schlachtgetümmel focht —
Ha, wem vor Dank das Herz nicht pocht,
Wenn solcher Heldenthaten Kunde
Ihm kommt aus frommer Enkel Munde,
Entweich' aus unserm Sachsenland!
Ihm sind die Väter unbekannt;
Sein' Hüft' umgürte nie ein Schwert,
Er ist des alten Stamms nicht werth!

Chor des Volks.
Steh auf, du alte Schweitz,
Zürch, Basel, allerseits
Nehmt freudig Theil!
Du tapfrer Normannsthron,
Schweden und Albion,
Singt unserm Bergmannssohn
Singt Luthern Heil!

Sieh, Kaiser, Papst und Reich,
Das ihn mit blut'gem Streich,
Wie Huß, bedroht,
Rom, Worms und Regensburg!
Er schreitet muthig durch;
Er singt: Eine feste Burg
Ist unser Gott!

Wir, Luther, singen's auch,
Rings steht der Harz im Rauch,
Von Nebeln roth. {324}

Dein' Arbeit unverlorn,
Noch klingt der Bernhardssporn,
Noch singt das Schwedenhorn;
Mit uns ist Gott!

Zum Schluß.
Ein' feste Burg ist unser Gott,
Ein' gute Wehr und Waffen,
Er hilft uns frei aus aller Noth,
Die uns jetzt hat betroffen;
Der alte böse Feind,
Mit Ernst er's jetzt meint;
Groß Macht und viel List
Sein' grausam' Rüstung ist;
Auf Erden ist nicht seines Gleichen!

Und wenn die Welt voll Teufel wär.
Und wollten uns gar verschlingen:
So fürchten wir uns nicht so sehr,
Es muß uns doch gelingen!
Der Fürst dieser Welt,
Wie sauer er sich stellt,
Thut er uns doch nichts;
Das macht, er ist gericht't,
Ein Wörtlein kann ihn fällen.

Doctor Luther. {325}

Zweite Abtheilung.

Chor des Volks.
O du fröliche,
O du seelige,
Vielwillkommene, edle Magd!
Luthern zur Seite,
Sey dir auch heute,
Bora, freundlich ein Gruß gesagt!

7. Lied.
Von Luthers Eheweib, Katharina von Bora, und wie unser Mann Gottes dieselbe vor allen so lieb und werth gehalten.

Noch hab' ich von der edlen Magd,
Frau Katharinen, nichts gesagt,
Die, eh' ihr Luther gab die Hand,
Als Nonne lebt' im Klosterstand.
Die, so dem Himmel zugewandt,
Ein solcher Wechsel wollte kränken,
Die sollen billig dies bedenken,
Daß auf verschiednem Weg zugleich
Der Mensch gelangt ins Himmelreich.
Die still ihr Frauenwerk vollbringen,
Und die im Kloster „Ave" singen,
„Ave Maria" gottverborgen, {326}

Und die mit zarten Muttersorgen
Ihr Lämpchen in der Nacht beschicken,
Daß sie mit Speis' ihr Kind erquicken,
Auf daß es nicht vergeblich weine;
Die so, mit frommem Heil'gen-Scheine,
An ihre Brust den Säugling legen:
Sind sie nicht auch auf Gottes Wegen?
So gut wie die, so an Altären
Den Tocht geweihter Kerzen nähren?
Gewiß, an Christi Gnaden-Throne
Gilt eine, wie die andre Krone;
So hat die Frau und Jungfrau Recht,
Und nur die Heuchelei ist schlecht!

Da Bora fühlte den Beruf,
Wozu die Jungfrau Gott erschuf,
So hat sie ihm nicht widerstanden
Und sich befreit von Klosterbanden.
So lebte sie geraume Zeit
In Wittenberg, in Einsamkeit,
Wo guter Sitt' und Tüchtigkeit
Sie gänzlich sich beflissen hat,
Deß ihr ein Zeugniß gibt die Stadt;
Bis Martin Luther in sie drang,
Daß, ganz befreit von Klosterzwang,
Sie einen Mann erwählen sollte,
Und das, aus welchem Stand sie wollte. {327}

Doch immer sagte Bora: „Nein,
Ich habe noch nicht Lust zu frei'n."
Einstmals, als Luther drob sie schalt,
Antwortet sie ihm dergestalt:
„Herr Doctor, tragt es mit Geduld,
Seid ihr ja meiner Weig'rung Schuld.
Ihr habt in keinem Stück zu klagen;
Ihr kommt nur stets für andre fragen;
Ihr solltet es nur einmal wagen,
Die Hand mir selber anzutragen:
Da, mein' ich, sollt' ich Ja wohl sagen!"
Und als Herr Luther sie befragt,
Hat sie auch wirklich Ja gesagt. —
Die einst vermehrt der Nonnen Zahl,
Ist nun ein frommes Ehgemahl
In jenem ältesten der Orden,
Den Gott einst stiftete, geworden.
Was Treu' und Ehren ihm darauf
In ihrem ganzen Lebenslauf
Frau Käthe dankbarlich erwiesen,
Das hat Herr Luther hoch gepriesen
In jener Schrift, die er zuletzt,
Als Leibgeding, ihr aufgesetzt. —
Auch hat in dieser Zeitlichkeit
Sie ihn mit Kindlein fromm erfreut,
Von deren einigen ihm Freud'
Erwachsen ist, von andern Leid. —
Kaum ihres Alters dreizehn Jahr {328}

Lag Magdalenchen auf der Bahr;
Das brachte Luthern große Schmerzen
Und ging Frau Käthen sehr zu Herzen.
Doch tröstet sich aus Gottes Wort
Der fromme Doctor immerfort,
Bis er zu jenem Ziele kam,
Wo ihn sein Heiland zu sich nahm.
Was drauf, nach ihres Ehherrn Tod,
Frau Käthe litt, was sie für Noth,
Was für Anfechtung ausgestanden,
Als in den theuern Sachsenlanden
Die Kaiserlichen sengten und brannten;
Wie sie, von Wittenberg verbannt,
Nun irren muß von Land zu Land,
Mit ihren Kindern ausgestoßen,
Verachtet oft von Klein' und Großen —
Wollt' ich Euch alles dies erzählen,
Ihr guten, frommen Christenseelen,
So würden bald, vor Traurigkeit,
Wie dem Erzähler Raum und Zeit,
So euren Augen Thränen fehlen.
Drum hemm' ich meinen Zährenguß
Und sag' nur dieß noch zum Beschluß:
Nach vieler Prüfung, groß und klein,
Ging sie zur Himmelspforten ein,
Als ihres Alters noch nicht gar
Frau Käthe drei und funfzig Jahr
Zu Torgau an der Elbe war, {329}

So friedlich sie in Gott verschied.
So endiget mein siebentes Lied.

Chor des Volks.
O du fröhliche,
O du selige,
Hingeschiedene edle Magd!
Bora, auf Erden
Litt'st du Beschwerden;
Jenseits hast du nun ausgeklagt.

8. Lied.
Wie unser Mann Gottes auf der Wartburg saß, und wie er von dort, ohn' all' einigen fürstlichen Urlaub, die Sacramentirer zu dämpfen, plötzlich gen Wittenberg zog.

Als Luther auf der Wartburg saß,
Wo er die Bibel fleißig las,
Hat er daselbst uns Gottes Wort
Getreu verdollmetscht immerfort.
Daher denn diesen Zufluchtsort
Auch Doctor Luther nach der Hand
Sein liebes Patmos oft genannt,
Wohin, durch eine Reiterschaar,
Daß er entging des Banns Gefahr,
Ihn Churfürst Friederich gebracht {330}

Als Junker Görg' in Reiter-Tracht.
Drum, wer die Wartburg je erblickt,
Der soll zu Gott, von Dank entzückt,
Sein Herz erheben und Gedanken,
Weil wir die Bibel ihr verdanken.
Obwol er fast ein ganzes Jahr,
An diesem Ort gefangen war,
So konnt' er frei und offenbar
Mit einem Knecht an seiner Seiten,
Wohin er wollt', ins Land doch reiten.
Oft hat ihn dieser fromme Knecht
Also verwarnet, schlecht und recht:
„Herr Doktor, nehmt Euch wohl in Acht,
Sind wir zur Herberg' wo bei Nacht,
Daß Ihr nicht stets nach Büchern sucht!
Viel lieber, daß Ihr schwört und flucht,
Als daß Ihr stets nach Büchern fragt.
Ich hab' es Euch so oft gesagt,
Ihr werdet Euch dadurch verrathen.
Wißt Ihr, was zukömmt dem Soldaten?
Trunk, Fluch und Schwur dem Rittersmann
Steht baß, denn hundert Bücher an!
Wie unser Doctor dieses Wort
Vernimmt, so fährt er lächelnd fort:
Der Zeitung bin ich wahrlich froh.
Ja freilich, freilich, ist dem so;
So müssen wir darnach uns halten:
Fluch du, ich bete; — dergestalten {331}

Behält denn jeder von uns Recht,
Sowol der Doctor, als sein Knecht!"
Zuweilen ging auch, eh' es tagt,
Mit diesem Knecht er auf die Jagd;
So haben sie auch Erdbeerfrucht
Gar oft zusammen sich gesucht,
Am Schloßberg, in dem grünen Wald,
Frau Katharinens Aufenthalt,
Bis Karlstadt böse Händel macht,
Und Wittenberg in Furcht gebracht
Mit seiner Bilderstürmer Schaar,
Die Kirchen plündert und Altar,
Wovon auf Luther fällt die Schuld,
Der bald verlor nun die Geduld. —
Es jammert ihn der Sakristeyn
Und ihrer schönen Schildereyn;
Er läßt die Wartburg Wartburg seyn,
Und zog als Reiter unbekannt
Gen Wittenberg in Sachsenland.

Chor des Volks.
Was kann schöner seyn,
Was kann edler seyn,
Als von Schweizern abzustammen!
Da zu alter Zeit
Tapfre Heldenleut'
Aus dem Hirtenvolke kamen?
War ja Tell ein Hirt mit Freuden, {332}

Zwingli mußt' auf grünen Heiden
Für des Glaubens Recht,
In der kühnen Schlacht,
Muthig bittern Tod erleiden!

9. Lied.
Wie Luther auf seiner Rückkehr von der Wartburg, als Reiter verkleidet, unerkannt zu Jena im Bären, mit zwei jungen Schweizern zu Tische saß, und wie er mit ihnen allerlei aufgeweckte Gespräche pflog.

Es war gerad' um Fastnachtszeit,
Als, aus St. Gallen in der Schweitz,
Zwei junge Gesellen insgemein —
Das Wetter konnte nicht wüster seyn —
Zu Jena's Thor sind eingezogen.
Die waren Herr Luther sehr gewogen,
Bloß seiner und Melanchthons wegen —
Denn an dem war ihnen auch gelegen —
Hatten sie beide mit Bedacht!
Sich auf den weiten Weg gemacht.
Wie sie zu Jena zogen ein,
So mocht' es spät geworden seyn,
Und wie sie nach Quartier gefragt,
Hat's ihnen jeder Wirth versagt,
Bis auf den Wirth zum schwarzen Bären —
Gott halt' ihn billig drob in Ehren! — {333}

Der nahm die beiden Schweitzer ein;
Das soll ihm unvergessen seyn!
Nun hört, was weiter drauf geschah!
Im Haus ist nur ein Zimmer da;
Und wie der Wirth sie führt herein,
So sehen sie, bei Lampenschein,
Wie vor dem Tisch ein Reiter sitzt,
Dem Männerernst im Auge blitzt,
Mit einem Arm so aufgestützt,
Als ob er etwas ernst erwägt,
Die zweite Hand an's Heft gelegt
Von seinem Schwerte, das er führt,
Sein Haupt nach Landsgebrauch verziert
Mit einer rothen Reitermützen,
Die thut ihm recht verwegen sitzen —
Kurzum ein Mann, so von Gestalt,
Wie man den Petrus sieht gemahlt,
Ein gutes Schwert an seiner Seit.
Woher so spät um Abendzeit?
Befragt er unsre Pilgersleut'
Mit angeborner Freundlichkeit.
Wie sie ihm drauf Bescheid gesagt,
So hat er weiter sie befragt:
Von wannen seyd ihr? „Aus St. Gallen!"
Ich hab' an Schweizern Wohlgefallen.
Denkt ihr gen Wittenberg sofort,
So findet ihr gut' Landsleut' dort:
Herrn Schürpfen, gebt auf den mir Acht! {334}

Zugleich vermeldet mir, was macht
Der weis' Erasmus Roterodamus
Zu Basel? Habt ihr einen Gruß
Von ihm gen Wittenberg, so sagt'
„Mein Herr, weil Ihr nach diesem fragt,
So melden wir euch mit Gebühr:
Erasmus, der Gelehrten Zier,
Er lebt sehr eingezogen hier;
Nicht so, daß er die Menschen flieht,
Doch so, daß er nur wenig sieht!"
Nun gebt mir weiter auch Bericht,
Was man bei euch von Luther spricht!
„Mein Herr, wie überall, entzweyen
Sich ob dem Luther zwei Partheyen
Dermalen auch im Schweitzerland.
Beliebt in Schriften und bekannt,
Wie von der einen er gelitten,
Hat ihn die andre scharf bestritten!" —
Das acht' ich, kann nicht anders seyn,
(Fiel hier alsbald der Reiter ein)
Das werden wol die Pfaffen seyn.
Gott ordnet alles dieß auf's beste.
Nun, liebe Herrn, seyd meine Gäste!
Herr Wirth, bringt Bier — doch nein, bringt Wein!
Des Landes können, wie sie sagen,
Sie nimmer unser Bier vertragen.
Klingt an! Das edle Schweitzerland! —
Indem erblickt ein Buch zur Hand, {335}

Daß neben unserm Reiter lag,
Der älteste Gesell und sprach:
„Mein Herr, was ist das für ein Buch?
Ich bitt' euch, macht mich dessen klug!" —
Ein Psalter, auf hebrä'sch verfaßt,
Antwortet ihm der Reiter, — fast
Möcht' ich auch euch, zum Heil der Seelen,
Das Kleinod dieser Sprach' empfehlen.
Ich bin so eifrig drauf gestellt,
Daß keine Schätz' in dieser Welt
Ich nehmen wollt', auf den Beding,
Daß ich sie achtete gering:
Habt ihr zu Wittenberg gut Glück,
So hoff' ich, daß in diesem Stück
Melanchthon gute Dienst' euch leiste;
Wiewol in Sprachen kömmt das Meiste
Zuletzt doch nur vom heil'gen Geiste!
So ging mit freundlichem Gespräch
Der beste Theil des Tags hinweg.
Es mocht' um Neun geworden seyn;
Zwei Kaufleut' treten noch herein,
Die fodern was zu essen — trinken;
Deren Einer läßt sich baß bedünken,
Liest auch ein Buch; der Reiter spricht:
Herr, gebt mir dieses Buch's Bericht!
Der Kaufmann: „Kennt Ihr das noch nicht?
Es ist das Neuste, was uns jetzt
Herr Martin Luther übersetzt. {336}

Das sollt' euch ja bekannt wol seyn.
Antwortet ihm der Reiter: Nein!
Und fuhr, mir lächelnden Geberden
Dann fort: Es soll mir nächstens werden.
Die beiden Schweitzer sah'n sich an,
Weil jeder diesen Reitersmann
Von Grund aus gern errathen möchte,
Und keiner doch erräth das Rechte.
Sie sinnen hin, sie sinnen her,
Wer wol der fremde Reiter wär'?
Indem so tritt von ungefähr
Der Wirth herein, verlangt Gehör.
Mein Gasthof heißt der schwarze Bär —
So spricht er, schon von Alters her —
Doch ist ihm wol seit hundert Jahren
Nicht so viel Ehre widerfahren,
Als dadurch jetzt ihm widerfährt,
Daß Luther hier ist eingekehrt!
Wie? wo? wann? hab' ich recht gefaßt?
Er selbst, der Luther, Euer Gast?
Herr Wirth, das glaub' ich nimmermehr!
Und wenn ich es euch nun beschwör'?
Noch nicht zwei Tage sind es, wißt,
Daß er dahier gewesen ist.
Am selben Tisch, wo ihr gesessen,
Da hat Herr Luther auch gegessen! —
Als von dem Wirth zum schwarzen Bären
Ein solches Wort die Schweitzer hören: {337}

Da schalten sie aus einem Munde
Den wüsten, bösen Weg zur Stunde,
Der sie verspätet wider Hoffen,
Daß sie Herrn Luthern nicht getroffen.
Ja, rief der eine, ganz entbrannt:
Den Finger meiner rechten Hand,
Herr Wirth, ich wollt' ihn drum entbehren,
Sollt' ich hier je, im schwarzen Bären,
So helf' mir Gott, bei Brod und Wein,
Ein Gast mit Doctor Luther seyn!
Der Wirth, des Dinges kundig gnug,
Erfüllt auf's Neu mit Wein den Krug,
Indem er lächelnd seitwärts sieht,
Und spricht: wer weiß, was noch geschieht!
So spricht der Wirth; der Reiter lacht;
Bald wünscht er ihnen gute Nacht.
Des Morgens, wie zu Pferd er steigt,
Und sich zum Abschied noch verneigt,
Entläßt er sie mit diesem Wort:
Sobald ihr kommt an Stell' und Ort,
Daß ihr mir ja Melanchthon grüßt,
Und auch Herrn Jonas nicht vergeßt!
Ja, hub der Eine an, sehr wohl!
Sagt nur, von wem ich grüßen soll. —
Sagt nur von dem, der kommen soll;
So wißt ihr gnug, ihr Herrn, lebt wohl!
So zog der Reiter seine Straß';
Die Schweitzer wandeln auch fürbaß. {338}

Zwei Tage drauf in Sachsenlanden
Sie ihn bei Herrn Melanchthon fanden.
Herr Amsdorf saß zu seiner Rechten,
Herr Doctor Jonas gleich zur Linken,
Wo er, zum ersten Osterfest,
Von Karlstadt sich erzählen läßt
Und seiner wilden Schwärmerschar.
Erst daucht die Sache ganz und gar
Den beiden Schweitzern wunderbar;
Nachdem verstanden sie erst klar,
Wer dieser fromme Ritter war,
Der, so verständig aller Sach,
Von Gott und weltlich Dingen sprach.
Deß waren beide hocherfreut.
Philipp Melanchthon seinerseits
Lud sie ein zur Mahlzeit.
So konnten sie zu gleicher Zeit
Den Finger ihrer Hand behalten,
Und doch mit Luthern Mittag halten,
Was ihnen baß am Herzen lag. —
Je einen oder zwoen Tag
Nur hielt der Doctor inne sich;
Dann predigt' er gewaltiglich,
Und schickt mit seinem Donnerwort
Aus Wittenberg die Schwärmer fort,
Und rastet nicht, bis Schlag auf Schlag
Des Carlstadt Anhang ihm erlag. {339}

10. Lied.
Wie Mykonius, ein frommer Pfarrherr zu Gotha, durch Lutheri inbrünstig Gebet und Fürbitte gar wunderbarlich vom Tode errettet worden.

Was Fürbitt' und Gebet vermag,
Legt dieses Lied gar schön zu Tag.
Einem frommen Pfarrherrn zu Gotha,
Herrn Mykonius, dies geschah:
Als er schon auf dem Todbett lag,
Und alle Stunden zählt' und Tag,
Daß ein Gesicht ihn heftig trieb,
Daß er gen Wittenberg noch schrieb.
Gesegnet da, nach frommem Brauch,
Herrn Luther und die Andern auch,
Als liebe Freund' im Sachsenland,
Die Christum treu, wie er, bekannt,
Und mit ihm zogen eine Straß.
Als Luther dieses Schreiben las,
Ergrimmt in seinem Geist er baß,
Und schreibt Mykonius dergestalt:
„Arm, reich, gesund, jung oder alt,
Daß er durchaus nicht sterben sollt.
Weil Luther es nicht haben wollt.
Denn weil die Kirch' in großen Nöthen,
So hab' er sich von Gott erbeten, {240}

Mykonius, der treue Knecht,
Daß der ihn überleben möcht.
Und sey ihm dieses auch gewährt;
Er wiß' es, daß ihn Gott erhört.
Woll' ihm deshalben kürzlich schreiben,
Es habe dabei sein Verbleiben,
Was Luther bat in Christi Namen:
Mykonius soll leben, Amen!"
Und also ist es auch geschehn,
Daß Gott Lutheri gläubgem Flehn
In diesen Stücken gnug gethan.
Mykonius, der kranke Mann,
Alsbald darauf nicht nur genas,
So daß er wieder schrieb und las:
Auch Luther noch, drei volle Jahr,
Nachdem ihm dies begegnet war,
Mir seiner theuern Gegenwart
Die Welt und Wittenberg erfreut.
Und siebenmal sieben Tage ward
Nach Luther aus der Zeitlichkeit
Erst Herr Mykonius befreit.

11. Lied.
Von Magdalenchen, Luthers Töchterlein, und deren seligem Hinscheiden.

Magdalenchen, Luthers Töchterlein,
Die mochte dreizehn Jahr erst seyn, {341}

Da hat sie — selig sind die Frommen: —
Den Eltern wieder Gott genommen.
Herr Luther, der den ganzen Tag
Verführt groß Herzeleid und Klag,
An ihrem Bette weinend sprach:
„Ach liebes Herzenstöchterlein,
Du trautes Magdalenchen mein,
Bliebst gern wol bei den Eltern dein,
Wo dir noch nie ein Leid geschah,
Wiewol dein Geist auch guter Ding
Gern zu dem himmlischen Vater ging."
Das Kind sprach: „Herzensvater, ja
Wie Gott will!" aber dennoch sah
Man wol, das Scheiden ging ihr nah.
Die Mutter, die um diese Zeit
Doch mehr entfernt, und auf der Seit'
Auch in der Kammer weint und schreit,
Vermehrt durch dieß ihr Herzeleid
Nicht wenig Luthers Traurigkeit,
So daß aus tiefster Vaterbrust
Herr Luther so erseufzen mußt:
„Schafft Fleisch und Blut so starke Pein,
Was muß der Geist erst mächtig seyn,
Das Fleisch will nicht daran, was sein,
So plötzlich wieder zu verlassen,
Es williget nur langsam drein.
Und eben das krepieret Ein'n
Beim Abschied über alle Maaßen! {342}

O Magdalenchen, Wunderding
Zu wissen, daß all' Erdending
So gar verächtlich und gering,
Und dennoch blöd' und traurig seyn,
Geht eins von uns zum Himmel ein —
Das macht des Fleisches blinder Trieb.
Wie hab' ich dich so herzlich lieb!
So schluchzt er, unter Händefalten:
Könnt' ich dich doch bei mir behalten!
O Magdalenchen, Herzenskind,
So engelgut, so fromm gesinnt!
Ich oder Du, wer von uns beiden,
Muß in den bittern Tod jetzt scheiden?
Und hatt' er so sich ausgeklagt,
So sprach er wieder unverzagt:
Seit Bischöff' in der Kirch wir haben,
Hat Gott kaum Einem solche Gaben,
Als deren man sich rühmen mag,
Wie mir geschenkt, bis diesen Tag,
Und zählt zurück man hundert Jahr.
Nun das ist je gewißlich wahr,
Daß ich dafür ihm sollte danken,
Und kann nicht, weil ich in Gedanken
Von übergroßer Traurigkeit
So eingenommen bin zur Zeit.
Wiewol manchmal ich guter Ding,
Unserm Herrn Gott ein Liedlein sing'."
Und als das Kind verschieden war, {343}

Und Magdalenchen auf der Bahr,
Geziert mit Blumen schön ihr Haar,
An dem Begräbnißtage lag,
Wo viel des Volks erhub die Klag',
Wie stets sie die Gewohnheit haben,
Wenn Eltern wo ein Kind begraben,
So daß sie mit verzagtem Muth
Vermeinten, ja, Geduld sey gut,
Doch lieb' ein Jeder stets die Seinen: –
War unser Doctor ganz gefaßt
Und solches Reden ihm verhaßt.
Deßhalb im Volk, das zu ihm kam,
An diesem Tag das Wort er nahm,
Und schalt und sprach: „Ihr sollt nicht weinen;
Denn so viel unser, fromm gesinnt,
Versöhnt mit Gott durch Christum sind,
Wir haben keinen Grund des Leides.
Mein Magdalenchen ist nun beides
An Leib und Seele wohl beschickt,
Als die auf uns vom Himmel blickt.
Wer, von Begierden ungekränkt,
Der Dinge rechten Grund bedenkt,
Dem offenbar' ich diese Kunde:
Einen Engel hab' ich Gott geschenkt,
Ja ledig aller Erdenmängel,
Einen rechten eingebornen Engel;
Und wollte Gott aus Erdennoth
Auch mir verleihen solchen Tod,
Ich nähm' ihn an auf diese Stunde!" {344}

Chor des Volks.
Wie mit wildem Unverstand
Wellen sich bewegen,
Nirgend Rettung, nirgend Land,
Vor des Sturmwind's Schlägen:
Einer ist, der in der Nacht,
Einer ist, der uns bewacht:
Christ, Kyrie,
Komm zu uns auf dem See! —

12. Lied.
Von Herrn Philipp Melanchthon, Luthers Freund, und wie derselbe, nach des Mannes Gottes Tod, an Niemand einen Dank verdienen mochte, und wie er darob in groß Bekümmerniß und Anfechtung verfiel, so daß er auch zuletzt seinen Geist aufgab.

O stürmisch trauervolle Zeit,
Wo Moritz Kaiser Karl bedräut!
Wo Luthers sanft gesinnter Freund,
Verkannt zugleich von Freund und Feind,
So rührend und so innig klagt:
„Hab' ich gefehlt, daß ich's gewagt?
In Liebe wollt' ich sie vereinen.
O, meine Augen könnten weinen,
Bis ich die Elbe ganz erfüllt; {345}

Doch wär' mein Gram noch nicht gestillt.
Kaum gönnen sie mir eine Stäte
In meinem Alter, wo ich bete! —
Die Schwerter sind nun aus der Scheide;
Gott ist mein Zeuge, was ich leide:
Denn die mit mir zu Tische saßen,
Und die von meinem Brot einst aßen,
Die ich erzog nach Christi Worten,
Sind meine größten Feinde worden.
Was hab' ich Schweres denn begangen?
Wie heißt mein kühnes Unterfangen,
Was sie so unerbittlich ahnen?
Zum Frieden wollt' ich sie ermahnen;
Sie aber wollten Blutvergießen.
Das ist es, dafür muß ich büßen!
Wo find' ich einen Zufluchtsort?
O, laßt aus diesem Land mich fort!
Ich will gen Asiam entfliehen.
Ich will in eine Wildniß ziehen,
Und dort will ich so brünstig knien,
Am Grab' des Hieronymus,
Ich will, mit so aufricht'ger Buß',
Mein Herz auf einen Stein dort legen,
Bis Gott, erweicht von seinen Schlägen,
„Geh' in die Scheide!" spricht zum Schwert,
Bis er mein Angstgebet erhört,
Und Teutschland, das sein Zorn verzehrt,
Sein Antlitz wieder zugekehrt. {346}

Und ob es dabei bleiben sollte,
Daß teutsche Erde mich nicht wollte,
So werd' ich endlich, frei von Sünden,
Ein Plätzchen doch im Himmel finden.
Bei ihm ist Gnad'! ich weiß es, ach —
Was ich als Mensch, so arm und schwach,
Gefehlt in dieser Gottessach,
Daß jeder Fehl, den ich verübt,
Mir mein getreuer Gott vergibt,
Den ich so brünstig stets geliebt!"

So mußt' in jenen Trauertagen
Der edle Herr Melanchthon klagen,
Den, mit dem Schwert schon in der Hand,
Die blinde Zeit nicht mehr verstand,
Die in den Krieg sich stürzen wollte,
Der dreißig Jahre dauern sollte.
Sie überhört im wilden Grimme
Die warnend sanfte Freundes-Stimme,
Die ihr erklang in seinem Wort.
Melanchthon aber klagte fort,
Bis ihn, gestillt sein Erdenklagen,
Gefreundter, heil'ger Engelschaar
Ihn, der ja selbst ein Engel war,
Zu Gottes Schooß empor getragen. —
Ihr alle, die ihr ihn verkannt,
Hört, hört, wie an des Grabes Rand,
Als seines Lebens Pulse stocken, {347}

Mit selig gläubigem Frohlocken,
Den Engeln Gottes durch die Luft
Sein sanfter Geist entgegen ruft:
„Nach vielen ausgestandnen Leiden,
Mein Seelchen, sollst du endlich scheiden,
Entrückt dem Todeshaß der Feinde
Und den Verfolgungen der Freunde.
Aus unversöhnter Priesterwuth
Nimmst du, versöhnt durch Christi Blut,
Zu Gott empor nun deinen Lauf.
Was sagst du? schwing dich fröhlich auf!"

So hast du endlich ausgeweint,
Melanchthon, Luthers edler Freund!
Ja, dein Verdienst ist nun erkannt.
Dein ewig theures Sachsenland,
Nie kann es dir genug verdanken,
Was du mit göttlichen Gedanken
Gestiftet hast, und frommem Fleiß.
Komm, seel'ger Geist, in unsern Kreis,
Woll' uns an diesem Tag erscheinen!
Verschmäh' uns nicht, wir sind die Deinen!
Laß reiner, evangel'scher Lehr'
Erwachsen uns zu Schutz und Ehr',
Daß wir, geprüft wie du auf Erden,
Im Glauben treu erfunden werden!
Es flammt und leuchtet ja dein Wort
Noch stets in unsern Schulen fort. {348}

Wir freu'n uns sämmtlich deiner Gaben.
So sollst du denn ein Denkmal haben!
So anspruchslos, und so bescheiden,
Wie du gewesen bist in Leiden,
Wie du gewesen bist in Freuden,
So soll auch dieses Denkmal seyn!
Kein Erz, kein Gold, kein Marmorstein;
Nein — frommer Kinderherzen Schaar,
Sie sey, für jetzt und immerdar,
Melanchthons stiller Dankaltar!

Chor des Volks.
Einst, in meiner letzten Roth,
Laß mich nicht versinken!
Sollt' ich von dem bittern Tod
Well' auf Welle trinken,
Reich mir dann, liebentbrannt,
Herr, deine Glaubenshand!
Christ, Kyrie,
Komm zu uns auf dem See!

13. Lied.
Wie Herr D. Martin Luther, in seinem 63sten Lebensjahre zu Eisleben, allwo er geboren wurde, sanft und seelig in Gott verschieden ist.

Nun sollt ihr auch mit Ruhm und Ehren
Von Doctor Martins Tode hören, {349}

Wie unser theurer Gottesmann
So sanft und seelig schied von dann.
Als seines Alters noch nicht gar
Er zählte vier und sechzig Jahr,
Begab sich, daß von ungefähr
Gen Eisleben man sein begehrt,
Wo seine Mutter ihn gebar
Und wo gewohnt sein Elternpaar.
Der beiden Grafen Mannsfeld wegen,
Streithändel friedlich beizulegen,
Zu sonderlichem Nutz und Frommen,
Hat diese Reis' er unternommen.
Und da er kam zu jener Stadt,
Wo ihren Lauf die Saale hat,
Allwo die Kothen Rauch verbreiten
Und sie das edle Salz bereiten,
Da traf von Wasser groß Gefahr
Herrn Luther, und der mit ihm war,
Sein Freund, Herr Doctor Jonas, an,
So daß in einem kleinen Kahn
Die Fahrt sie mußten weiter wagen,
Von wilden Wellen rings umschlagen.
Als in dem Kahn Herr Luther saß,
Sprach er alsbald zu Doctor Jonas:
„Seht zu! Das Wasser streicht nicht klein;
Ich acht', es sollt' ja insgemein
Dem Teufel groß Gefalle seyn,
Wofern er uns brächte hier zu Schaden!" {350}

Indeß geschah durch Gottes Gnaden
Der Dinge keins wovor ihm bangt. –
Zu Eisleben drauf angelangt,
Ganz unversehrt, frisch und gesund,
Der Doctor prediget zur Stund. –
So gings, bis auf den zweiten Tag,
Wo Luther plötzlich sich beklagt,
Und so vor Doctor Jonas sagt:
„Herzliebster Doctor Jona mein,
Besorg', es möcht' mein letztes seyn;
Ich fühle mich nicht allzuwohl.
Mich dünkt, mich dünkt, ich werde wol,
Weil sie mit vieler Arbeit, Schreiben
Mich alten Mann so übertreiben,
Nun hier zu Eisleben verbleiben!“
Sprach Jonas: „Da sei Gott dafür!“
Da trat der Doctor aus der Thür
Der großen Stub' in's Kämmerlein,
Allwo sein Bett auch stand, herein –
Wo etwas Hirschhorn, unter Wein,
Sie flößten ihm, aus Vorsicht, ein –
Und wie er diesen Trunk genommen,
und näher auf sie zugekommen,
So hörten sie, aus seinem Mund
Noch dieses Warnungswort zur Stund.
So lautete sein letzt Gebot:
„Betet! Betet! für unsern Herr Gott –
Ja, betet Freunde, was ihr könnt! {351}

Denn im Concilio zu Trient,
Die haben's gut mit ihm nicht vor!
Bei diesem letzten Wort verlor
Sein Othem sich und wurde schwach.
Doch eh' er kam in's Schlafgemach.
Trat er an's Fenster noch. - Hier thät
Der fromme Doctor sein Gebeth,
Wie er gewohnt es war zu halten.
Nachdem er so sich allenthalben
Zum Tode wohl bereitet hat.
Bestieg er seine Lagerstatt,
Und wie er eine Weil' hier lag,
Erließ an Selb'gen diese Frag'
Ich Michael Caelius: -
Noch standen an des Bettleins Fuß
Der edle Herr Aurifaber
Aus Wittenberg, der seufzte sehr;
und als ihn Jonas sah erblassen,
So weint' er über alle Massen.
Die Grafen Mannsfeld standen daneben
Und wollten sich nicht zufrieden geben: –
Ich Michael Caelius.
Verging in einem Thränenguß,
und sprach zu ihm, an's Bett gesetzt:
„Mi reverende pater, jetzt,
Wie mich bedünkt, habt ihr wol Hitz'?
Das ist ein gottgefällig Zeichen;
Das kann Euch noch zum Heil gereichen!“ {352}

Doch mit gebrochner Stimm' und leis
Antwortet er mit großem Fleiß,
Doch ganz veränderter Gebehrde:
„Ach nein, ich hab' einen kalten Schweiß –
Ich werde sterben nun, ich werde
Dahin fahr'n, an den Ort, woher
Dem Menschen keine Wiederkehr –
Wärmt Tücher! Leget sie auf mich!
So seufzt er drauf herzinniglich,
Im Ausdruck allerherbsten Schmerzens:
Doch schont zur Zeit mir noch des Herzens!

Bald legt er auf die and're Seit',
Entfernt der Lamp' in Dunkelheit
Als wollt' er schlummern, sein Gesicht.
Und da dem Schlaf wir trauten nicht,
Und kräftig ihm mit Aquavit
Und Rosenessig Augenlied,
Wie Schläf' in einem fort bestrichen,
So war sein Puls schon halb entwichen,
Die Lebensgeister matt und kalt.
Wie es nun ging zum Scheiden bald,
Hab' ich ihn nochmals laut befragt:
„Herr Doctor Martin Luther, sagt,
Wollt' auf die evangelische Lehr',
So ihr bekannt zu Christi Ehr',
Ihr sterben auch in seinem Namen?“
Da seufzt' er leis und gläubig: Amen. - {353}

Er schwieg; – der Seiger ging auf zwei;
Alsbald entschlummert' er auf's Neu;
Wie drauf der Seiger noch nicht gar,
Auf drei gestellt, drei Viertel war,
Und ich mit meinem Lämplein klar
Ihm unter beide Augen leuchte,
Nahm ich der Todesfarbe wahr,
Womit sein Angesicht erbleichte,
Und daß sein Othem stille stand: -
Ich schrie – und rief sogleich zur Hand
Herrn Jonas und die edlen Grafen; -
Doch war er selig schon entschlafen.

Schluß – Chor.
Mel. Wachet auf, ruft uns die Stimme.

Gloria sei dir gesungem
Mit Menschen- und mit Engelzungen,
Mit Harfen und mit Cymbeln schön u.s.w. {354}

Abendlied. [Der erste Vers von Göthe.]
1817.

Unter allen Wipfeln ist Ruh;
In allen Zweigen hörest du
Keinen Laut;
Die Vöglein schlafen im Walde;
Warte nur, balde, balde
Schläfst auch du.

Unter allen Monden ist Plag';
Und alle Jahr und alle Tag'
Jammerlaut!
Das Laub verwelkt in dem Walde;
Warte nur, balde, balde
Welkst auch du!

Unter allen Sternen ist Ruh';
In allen Himmeln hörest du
Harfenlaut;
Die Englein spielen, das schallte;
Warte nur, balde, balde
Spielst auch du! {355}



LXXXVI.
Schifferlied.
1816.

Nach dem Sturme fahren wir
Sicher durch die Wellen.
Lassen, großer Schöpfer, dir
unser Lob erschallen.
Lobt ihn mit Herz und Mund,
Lobt ihn zu jeder Stund!
Christ, Kyrie,
Komm zu uns auf dem See!

Wie mit grimm'gem Unverstand
Wellen sich bewegen!
Nirgends Rettung, nirgends Land,
Vor des Sturmwinds Schlägen!
Einer ist's, der in der Nacht,
Einer ist's, der uns bewacht!
Christ, Kyrie,
Du schlummerst auf dem See!

Wie vor unserm Angesicht
Mond und Sterne schwinden!
Wenn des Schiffleins Ruder bricht,
Wo nun Rettung finden?
Wo sonst, als bei dem Herrn?
Seht ihr den Abendstern?
Christ, Kyrie,
Erschein' uns auf dem See! {356}

Einst, in meiner letzten Noth,
Laß mich nicht versinken!
Sollt' ich von dem bittern Tod
Well' auf Welle trinken:
Reich mir dann liebentbrannt,
Herr, deine Glaubenshand!
Christ, Kyrie,
Komm zu uns auf dem See! {357}

LXXXVII.
Alldreifeiertagslied.
(Melodie: O sanctissima.)

1816.
O du fröliche,
O du seelige,
Gnadenbringende Weihnachtszeit!
Welt ging verloren,
Christ ist geboren.
Freue, freue dich, Christenheit!

O du fröliche,
O du seelige,
Gnadenbringende Osternzeit!
Welt liegt in Banden;
Christ ist erstanden.
Freue, freue dich, Christenheit!

O du fröliche,
O du seelige,
Gnadenbringende Pfingstenzeit!
Chrift, unser Meister,
Heiligt die Geister.
Freue, freue dich, Christenheit! {358}

LXXXVIII.
Treu und Untreu
1812.

Du ringst, o Mensch, vergebens
Und schaffst dir Sorg' und Müh';
Die Ruhe dieses Lebens
Erringest du doch nie.
Den Bettler, wie den König,
Ereilt der bange Schmerz;
Drum hoffe nur ein wenig,
Und duld', o armes Herz!

Was sehnst du dich mit Weinen
Aus dieser Welt hinweg?
Flammt Gottes Herz in Steinen
Nicht, wie im Wolkensteg?
Was birgt im Meeresgrunde
Des Kiesels Flammenkleid?
Gott ist in dieser Stunde,
Gott in der Ewigkeit.

Und wollt' ich Flügel borgen,
Vom ros'gen Sternenheer,
Gen Abend, oder Morgen,
Und flög' ich übers Meer,
Wo Sonn' und Mond erblassen,
Mit nichtgem Purpurroth —
Doch würde dort mich fassen
Dein Arm, allmächt'ger Gott! {359}

Laß Ruh' in dir mich finden,
Du Urquell ew'ges Lichts!
Des Erdengeists Erblinden
Zerstieb' in's alte Nichts!
Dein ist das Reich der Treue!
Was Mensch am Menschen übt,
Schafft nichts, als Scham und Reue.
Beglückt, wer Gott geliebt!