1806 No. 4
Tartarus.
Zeitung für Poesie, Kunst und neuere Zeitgeschichte.
Sonntag, den 12. Januar.
Kleine Reiseabentheuer einiger Dichter aus dem Beckerschen Almanach.
(Beschluß der in Nr. 2. abgebrochenen Rezension.)
Tiedgens und Bürgers poetischer Wettstreit.
Zuerst forderte demnach Bürger Herrn Tiedge förmlich heraus, daß er ihm nur eine Stelle aus seinem Abälard nennen möchte, die er ihm nicht mit einer schönern und besseren, aus seinem Abälard und
Heloise, belegen könnte. Das wollen wir sehen, rief Tiedge und deklamirte sogleich, wie folgt:
„Täglich thu' ich, was ich täglich rüge,
In geweihter Stunde faßt es mich,
Und der Muttergottes heil'ge Züge,
Heloise, mahnen mich an Dich.“
Passirt! rief Bürger, aber besser ist besser! Er nahm darauf folgendermaßen das Wort:
„Allenthalben stiehlt mit leisem Gange
Zwischen Gott und mich dein Bild sich hin:
Dich vernimmt in jedem Chorgesange
Das getäuschte Ohr der Schwärmerin."
Tiedge.
„Tief erschüttert weinten alle Herzen
Seufzer athmete die Tempelluft,
Und wie Geister wandelten die Kerzen.
Zitternd durch den blauen Altarduft."
Laß sie wandeln! rief Bürger, und höre mich an! Er deklamirte darauf eine Stelle seines Gedicht's, die Uns alle, so viel wir Unser waren, in ein süßes Träumen versetzte; ja Tiedgen selbst ein
sanftes Erstaunen ablockte. Sie hieß so:
„Wenn vom Altar, bis zum Tempelbogen,
Blau die süße Weihrauchwolke schwebt,
Und sich steigend mit den Orgelwogen
Himmelan die trunkne Seel' erhebt:
Dann zerstört auf einmal der Gedanken
Flüchtigster an dich des Festes Glanz:
Alles seh' ich durch einander wanken,
Priester, Kerzen, Rauchfaß und Monstranz:
Fühle tief in einem Feuermeere
Meine Seele brennend untergehn,
Während daß in Flammen die Altäre,
Und umher die Engel zitternd stehn."
Tiedge, wie gesagt, fühlte sich beim Schluß dieser Worte selbst so bewegt, daß er nicht recht wußte, was er vorbringen sollte. Auf die letzt aber erhohlte er sich doch und frug Bürger: ob er es
ihm denn auch abläugnen wollte, daß die folgenden Blumen auf seinen Beeten gewachsen wären?
„Heloise, Flammen kaum entschlafen,
Reizet mildes Oel von Neuem auf;
Engel Gottes können schrecklich strafen;
Zagend blickt die Schuld zur Unschuld auf. " {14}
Nein, sagte Bürger, sie sind dein: und da sie einmal da sind, und das Oel auch: so mögen sich deine Engel einen Sallat davon machen: ich will ihnen einen guten Appetit dazu wünschen. –
Somit wandte er ihm den Rücken, und ging fort; – denn ein anderer Auftritt beschäftigte so eben die Aufmerksamkeit der Zuschauer. Ein junger Dichter, aus derselben Gesellschaft, hatte nämlich
kaum die erste Strophe seines Gedicht's, das, wo ich nicht irre, den Titel: „Lob der Mahlerei“ führte und dessen Anfang so lautete:
„Schon klang die Flur von holden Weisen,
Die Charis führt den heil'gen Reihn,
Und in der Menschheit frommen Kreisen
Kehrt freundlich der Olympos ein."
zu deklamiren angefangen: als das Gerücht sich überall verbreitete, daß Schiller, der Sänger der Götter Griechenlands und der Künstler, so eben angekommen und in Elysium sey. Auf diese Nachricht
eilten sogleich die alten Tragödiendichter Aeschylus und Sophokles, damit sie ihren werthen Mitbruder bewillkommten, an die Thore der Stadt: aber ihr Erstaunen wuchs zu keinem geringen Grad, als
sie, statt des berühmten Schillers, gleichsam nur eine schwache Nachahmung seines Schattens, oder vielmehr kaum einen Schatten seines Schattens gewahr wurden, der, wie sie auch bald darauf, aus
dem Munde der Vernünftigen, in dieser Gesellschaft selbst, zu hören Gelegenheit hatten, nur von denjenigen Menschen auf der Oberwelt, die in der Kritik noch nicht bis drei zu zählen im Stande
sind, der zweite Schiller genannt worden sey. Der Vorfall hatte indeß für diese Herren die unangenehme Folge, daß der alte Aeschylus, böse über den Betrug, den man ihnen gespielt, fest darauf
bestand: man sollte diese ganze neue Dichtergesellschaft sogleich aus dem Elysium verbannen: bis die milderdenkende Adrastea sich auch hier wieder in's Mittel schlug, und Herder, durch seine
Bitten und Vorstellungen es am Ende dahin brachte, daß man sie, anstatt in Elysium selbst, wenigstens in die ziemlich weitläuftigen Vorstädte desselben einquartierte. Dort logiren sie nun
sämmtlich, bis auf weitere Order, in einem Wirthshause, das den Schwan zum Aushängeschilde hat, und wo man den besten Lethe schenkt. Diesen trinken sie täglich, statt Brunnenkur, und sollen, wie
es heißt, nicht eher damit aufhören, als bis sein Wasser, durch die besondere Heilkraft, die es mit sich führt, alle Phrasen, die sie bis jetzt daran verhindert haben, echte Dichter zu seyn, aus
ihrem Gedächtniß rein wird hinweg gewaschen haben.
Vorläufiges, günstiges Urtheil der Franzosen über die Aesthetik des Herrn Prof. Bouterweck.
Monsieur Martini, libraire de Leipsic hat für die Michaelismesse eine Aesthetik des Herrn Bouterweck angekündigt. Aesthetik ist ein Wort, was uns Franzosen wenig bekannt ist. Baumgarten ist ihr
Stifter. Unter Lessing, Kant, selbst unter Herder, hat sie noch Fortschritte in Deutschland gemacht. Die Nachfolger dieser Herren haben indeß dies Geschäft mit weniger Glück betrieben, Der
berühmte Göthe war der Erste, der von dem guten Pfade auswich: ihm folgte Schiller, der sich noch größere Verirrungen zu Schulden kommen ließ. Beide hatten das Unglück, noch bei Lebzeiten, die
„Progeniem vitiosiorem du bon homme Horace" mit eignen Augen zu sehen. Zuletzt kömmt Monsieur Bouterweck, qui appartient au contraire au petit nombre de bons esprits, qui sans se laisser
enchainer aux exemples du present, lorsqu'il conduit a la deraison et au delire, etc. Die Aesthetik des Herrn Prof. Bouterweck ist demnach als die echte Standarte des guten Geschmackes in
Deutschland anzusehen, nach der, und nicht nach den Efferveszenzen einiger jeuns Fous, qui pretendent a revolutioner la literature de leur patrie, der Ausländer den jetzigen Standpunkt der
Deutschen, in Poesie und Kunst, zu beurtheilen hat.
Strafe von Voltaire im Tartarus.
Dafür, daß Voltaire so irreligiös in seinen Schriften ist, muß er nun so lange in der Hölle bleiben, bis die schönen geistlichen Lieder der neuen Poetischen Schule in Deutschland von
Trutznachtigall, Spee und dergleichen, alle Spur von seiner Pucelle, seinen Contes, seinem Zadic u. s. w. rein aus der Welt werden hinweggesungen haben: und der Philosoph von Ferney vermuthet
selbst, daß dieß so ziemlich ewig währen wird.
Berlin bei Himburg 1806. Reise durch einen Theil von Deutschland, Helvetien u. s. w.
(Beschluß der im vorigen Stück abgebrochenen Rezension.)
Der Abbe Gautier hatte wahrscheinlich in einem Monumente, wo der Kranke sein Gehirn durch Opium betäubt hatte, die Unterschrift einer ihm vorgelegten Erklärung von Voltairen erschlichen. Sie
lautete: „daß er seine Sünden bereue, und als ein guter, katholischer Christ zu sterben wünsche." Durch diesen erlangten Vortheil dreister gemacht, schlug ihm der Abbe nun auch die Kommunion vor;
aber Voltaire erwiederte: {15}
„Monsieur l'Abbé, faites attention, que je crache continuellement du sang; il faut bien se garder de mêler celui du bon Dieu avec le mien."
Heidelberg und Frankfurt 1806 bei Mohr und Zimmer. Des Knaben Wunderhorn, von A. v. Arnim und Clemens Brentano.
(Schluß der im vorigen Stück abgebrochenen Rezension.)
Manche Lieder erscheinen hier verändert, und zwar nicht immer zu ihrem Vortheil. So ist der vorletzte Vers in dem vorlauten Ritter ganz aus seinen Fugen gerathen. Andere zeugen zu deutlich von
der zu großen Vorliebe der Sammler für ihren Gegenstand. Denn unter dem Volke, wie unter den gebildeten Ständen, gibt es eitele Menschen, die ihren glücklichen Kammeraden, in den Zelten,
Herbergen und Wachtstuben, es im Dichten gern nachthun möchten. Wie leer sind nicht die Verse der Soldaten vor Prag, die mit diesen Reimen schließen:
„Wer hat dies Liedlein denn erdacht?
Es haben's drei Husaren gemacht,
Unter Seydlitz sind sie gewesen,
Sind auch bei Prag selbst mit gewesen:
Viktoria, Viktoria,
König von Preußen ist schon da!"
Dazu kommt noch, daß auch Halbgelehrte, mit Nutzanwendungen für Kirche und Staat, in die Volkspoesie hinein pfuschen. So ist der geistliche Kämpfer eine elende Mönchsreimerei.
Was Herr v. Arnim zuletzt über Volkslieder sagt, verdient alle Aufmerksamkeit und Achtung, besonders das, über die Unterdrückung des Frohsinns und des eigentlichen Lebens unter dem Volke, durch
Abschaffung der Zusammenkünfte und Feste, und durch das Aufdringen eines ökonomischen Sinnes, des beständigen Arbeitens und des ruhigen Vegetirens. Aber das Merkwürdigste von diesem Anhange ist,
daß derjenige, der sich darin für Volkspoesie ereifert, selbst die verschrobenste, überkünstelte Sprache führt. So erzählt er von sich: „Sah ich still vor sich jemand den wunderbaren Fischer
(Göthe's) lesen, es war mir, als sähe ich den herrlichen Gedanken halb ziehen, halb sinken ins Wasser, keine Luft wollte sich ihm gestatten."
Sprache der einfachen Natur und Sprache der überreizten Kunstbildung; beide können sehr wohl, als die hervorstechensten Merkzeichen der ganzen modernen Kultur, im Gegensatz mit der Bildung der
Griechen, einander gegenüber stehen. Blicken wir auf das Eine: – welche Nüchternheit und Anmuth! Sehen wir auf das Andere: – welch ein chaotischer Ueberfluß! Volles Leben, in ruhiger Schönheit: –
diese gereifte, himmlische Frucht, wie selten gedeiht sie bei den Neueren!
Akten aus der großen Gerichtsstube des Tartarus. In Sachen contra Achim v. Arnim, zu Berlin im Viereck Nro. 4.
Lessing.
Zweck und Absicht in dieser Sammlung sind gut: was dem Volk gehört, und was den höheren Ständen, ist aber nicht immer scharf genug in ihr gesondert. Im Dollinger S. 63. herrscht ein echt
ritterlicher hoher Geist. Eben so athmen die alten Schweizer Schlachtlieder eine große männliche Gesinnung. Besonders entzückt in der Schlacht bei Murten der Schluß durch seine Naivität:
„Der hatte selbst die Hand am Schwert,
Der dieses Lied gemacht:
Bis Abend mäht' er mit dem Schwert:
Zu Nacht sang er die Schlacht.
Die mich gebahr, das gute Weib,
Sie küßte mich, und Veit,
Heiß Veit, so sprach das gute Weib,
Veit heiß‘ ich immer seit."
In einem andern ist das Bild, daß die Schweizerkuh Kaiser Karl, der sie habe melken wollen, den Kübel umgestoßen, sehr schön, und wenn man sich dieß Geschäft mit der Krone dazu denkt, fast an die
Karrikatur gränzend. Auch von den eingerückten alten Minneliedern läßt sich viel Gutes rühmen. Dagegen werden die Reime von den klugen Jungfrauen, S. 101. unsere Jungfrauen, wenn sie klug sind,
am besten ungelesen lassen. Manches Andere ebenfalls. Ist denn wirklich noch in Deutschland, im Jahr 1806 nach Versen, wie die folgenden, Nachfrage?
„Macht die Feuerschlange
Uns gleich herzlich bange,
Hat sie doch nicht Macht,
Unsern Leib zu tödten,
Jetzt in Kriegesnöthen,
Weil ja Jesus wacht,
Jesus schützt,
Wenn's kracht und blitzt,
Jesus will die Seinen decken,
Wenn Kanonen sie erschrecken."
Wie? wo? wann? Wir wollen hoffen, doch nur bei den Buchbindern und den Verkäufern von alten Gesangbüchern. Noch bin ich aufgefordert worden, über die dieser Sammlung von Liedern hinten angehängte
Abhandlung meine Meinung zu sagen. Da der Stil in ihr aber so barok und geschraubt ist: habe ich nicht die Geduld gehabt, {16}
sie durchzulesen, und muß daher auch das Urtheil über ihren Kunstwerth Andern überlassen.
Ramler.
Ich habe sie durchgelesen, mein lieber Lessing, und selbst meinem Todtfeind will ich nicht gönnen, was ich dabei empfunden habe. Dieser Autor setzt sich in einem fort spanische Fliegen; er spannt
sich überall selbst auf die Folter; er wirft seinen Reichthum mit beiden Händen auf die Straße, und wenn man seinen Stil recht untersucht: so ist derselbe auf jeder Seite so freigebig mit
Kleinodien, Perlen und Schmaragden, daß man mit der Hälfte derselben zwei Bände von meinen Oden ausstaffieren könnte. Ist wohl je in Deutschland vor dem Herrn von Arnim eine Prose, wie die
folgende, erhört worden? „Denken wir demnach auf dem dunkel schwankenden Schiff der Gedanken, sehen wir uns um nach den Wunderblumen, nach den Wasserlilien, was die ferneren Küsten umgab: da
sehen wir eine Stelle erleuchtet, dahin sieht des Steuermann's Auge, es ist die Windesrose, sie schwebt fest und wandellos, und führt uns wohl weit weg." Was für ein Stil! Welches Deutsch! Was
für eine abentheuerliche Mundart! Wo ist der gute Geschmack? wo die gesunde Vernunft? und wo das goldne Zeitalter, das von unserm großen Sprachforscher Adelung, zwischen Anno 40 bis 60 so richtig
bestimmt worden ist?
Herder.
Ramler, ich habe dich mit Vergnügen zugehört. Auch mißbillige ich nicht, daß du tadelst, was an sich tadelnswerth ist; nur wünschte ich, du hättest diesem jungen genialen Kopf auch von
einer andern Seite deine kritische Aufmerksamkeit geschenkt.
Ramler.
Ist es denn etwa nicht wahr, daß seine Sprache höchst unkorrekt und verdorben ist?
Herder.
Nicht mehr und nicht minder, wie die Sprache Hamans, Jean Pauls, Hippels –
Ramler.
Und mitunter auch deine eigene – dieß hättest du noch hinzusetzen sollen!
Herder.
Desto besser, daß du mich nun dieser Mühe überhoben hast! –
Ramler.
Aber dafür bist du auch Herder, und Engel hat dich nie lesen mögen.
Herder.
Ich ihn eben so wenig. Aber hier ist Lessing. Ich versichere dich, mein lieber Lessing, die neue Zeit lebt und gährt in diesem jungen Kopfe. Er kennt die Welt, die Kunst, sein Zeitalter. Wenn Ihr
wollt, kann ich Euch seine Ideen darüber, dem Inhalt, nicht den Worten nach, in einem kurzen Auszuge mittheilen.
Daß die Dichtkunst bei Uns verachtet ist – wen nimmt es Wunder? Der Staat bekümmert sich bis jetzt wenig darum: wenn sie aber nur erst anfängt, eine sichere Revenue zu geben: so wird sie bald
eben so allgemein privilegirt seyn, wie die – Unzucht.
Warum drängen sich unsere Dichter so an den Hof und an die Großen, wo sie doch nicht hingehören? Sie vergessen, daß die besten Steinschneider Sklaven, die besten altdeutschen Mahler zünftig
waren. Auch unsere Schauspieler sind von der nämlichen Sucht befallen. Das Streben nach einer vornehmen Eleganz befängt die Besten in ihrem Spiel. Indem sie das Gemeine vornehm machen wollen,
machen sie das Ungemeine auch nichts weiter, als vornehm. – Von der Kritik gleichfalls ein hübsches Kapitelchen! Gesetzte Leute diese Deutschen! Lassen sich den Bart abscheeren, nicht weil er
lang, sondern weil der Barbier kömmt, und ihnen sagt, daß heute sein Rasiertag ist. So lesen sie denn auch ein Buch, nicht um sein selbstwillen, oder daß es gut ist, sondern eben, weil es gut
rezensirt ist. Das Genie der Nation ist unterdrückt; Maschinen sind überall an der Tagesordnung. Maschinen im Rath, Maschinen im Feld, Maschinen im gemeinen Leben. Neuerdings ist nun auch noch
eine zwischen Philosophie, Opium und Liederlichkeit zu Stande gekommen, um Uns auch Maschinen in der Poesie und Kunst zu verschaffen.
Hier schwieg Herder. Und wie es bald darauf zur Stimmung kam, erhielt Herr v. Arnim folgende Sentenz. „Achim v. Arnim, angeklagt wegen Mangels an Geschmack, üppigen Kolorits, Vernachläßigung des
Stils, der Sprache und der Zeichnung; auch deßhalb, wie aus den Akten zu ersehen ist, schuldig erfunden: wegen höhern Verdienstes aber, als genialer Kopf, als Sammler altdeutscher Volksgedichte,
und des echten Dichtergefühls, das ihn bei diesem schweren Geschäft geleitet hat, freigesprochen, und mit einem doppelten Ehrenkranz nach Elysium entlassen.
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