AMPHITRUON

LUSTSPIEL
IN FÜNF AUFZÜGEN

VON
J. D. FALK

ERSTE ABTHEILUNG

HALLE
IN DER RUFFSCHEN VERLAGSHANDLUNG
1804

PERSONEN.

JUPITER, in Gestalt des Amphitruon,
MERKUR, in Gestalt des Sosia.
AMPHITRUON, Feldherr in Theben.
ALKMENE, seine Gemahlin.
AMYNTICHUS, ihr Kind.
ELECTRYON, Alkmenens Vater.
SOSIA, Amphitruons Sklav.
ANDRIA, sein Weib.
DAMOKLEIA, Schaffnerin im Hause,
DORISKUS, Oberkoch,
LICHT UND SCHATTEN, zwei Parasiten.
THRASO, ein Soldat.
BYBACHIDES, ein Bader.

MELANTHES, ein Oberhirt.
EIN PAAP FISCHER.
NOCH EIN PAAR FISCHER.
VOLK. – WEIBER. – KINDER. – MEISTER IN ERZ. – MEISTER DES BEILS. – SCHNEIDER. – FÄRBER. – TÖPFER. – HIRTEN. – KÖCHE UND SKLAVEN.

Die Szene spielt in Theben, abwechselnd vor und in dem Hause des Amphitruon.


VORBERICHT.

Im zweiten Theile meiner kleinen Abhandlungen, aus dem Gebiete der Poesie und Kunst [Der erste Theil ist um vorige Ostermesse in der Hoffmannischen Buchhandlung zu Weimar, mit drei Umrissen nach Michael Angelo und Raphael, erschienen.], gedenke ich dem Publikum die Re- sultate meines Nachdenkens über {VI}

die Charaktere der mittlern und der neuern griechischen Komödie vorzulegen.

Die Fragmente der beiden Hauptkomiker, Menander und Philemon, sollen mir dabei zum Leitfaden dienen. Vorläufig nur so viel: daß, gegen hundert Berührungspunkte der Deutschen mit dem gemüthvollen Griechen, sich kaum einer ein halber mit dem espritreichen, nach Witz, Schimmer und Pointen haschenden Franzosen vorfinden dürfte. Von der ganzen Gallerie von Charakteren, dem Trupp von Originalen, den die neuere {VII}

Komödie, selbst in ihrer Ausartung in's Individuum, auf den Platz gebietet, giebt uns Terenz nur einen äußerst unvollständigen und sehr schwachen Begriff. Selbst auf die Gefahr, modern gescholten zu werden, will ich es daher versuchen, nicht das Leben aus den Fragmenten, sondern die Fragmente aus dem Leben zu erläutern: ein frischer Griff in die Umgebungen der Mitwelt wird mir dabei zum Commentar dienen. Der Geizige, der Abergläubische, der Weiberhasser, der Menschenfeind, der Griesgram, der genialische Lüg- {VIII}

ner und Aufschneider, der Prahler, der Muhmenhans, der Stock (Niais-Margites), der Strick, der Gauner, der Superklug u. s. w., leben noch zu unsern Zeiten, wie zu denen des Menander. Auch die verschiedenen Stände, der Stand des Landmanns, des Fischers, des Kochs, des Beckers, des Mundschenken, des Schmarotzers, des Soldaten, des Bettlers, der Priester, der Philosophen, der Blumenmädchen, der Spinnerinnen, der Korbträgerinnen, der Begeherinnen heiliger Vorabende – alles Typen, die häufig in {IX}

den übriggebliebenen Fragmenten vorkommen – sind keinesweges ausgestorben, sondern nur in andern Verkleidungen auch unter uns vorhanden. Freilich ist leider die Natur bei uns ein Buch, und zwar ein so gelehrtes Buch geworden, daß wir, über das viele Lesen darin, das Sehen verlernt haben. Bis zur Erscheinung dieser kleinen Abhandlungen bitte ich das Publikum, den Blick in ein während dieser Untersuchungen entstandenes Studium, den Amphitruon, zu werfen: der Leser wird hier Gelegenheit haben, mit Manchem {X}

aus dem Menander und Philemon Bekanntschaft zu machen, was ihm bei Erscheinung jener Abhandlungen selbst sodann nicht mehr neu seyn dürfte.

Weimar, den 8ten März
1803,

Falk.

AMPHITRUON

ERSTE ABTHEILUNG {3}

ERSTER AUFZUG {5}

ERSTER AUFZUG

ERSTER AUFTRITT..
Platz in Theben vor dem Hause Amphitruons,

JUPITER
(in einer griechischen Feldherrnkleidung.)
Die Nacht ist schwarz – kaum einzeln schimmern Sterne –
Ich denke, Juno hat uns nicht bemerkt –
Denn schon acht Tage lang hält eine Reise {6}

Uns vom Olymp entfernt, und birgt so leicht
Uns vor der Gattin Auge den Betrug. –
Nun – nun, es ist noch alles nicht gelungen!
Laß sehn erst, was Merkur für Botschaft bringt,
Den wir in den Olymp und in das Lager
Amphitruons auf Kundschaft ausgeschickt;
Mit seinem Kommen muß sich bald entscheiden,
Ob Lieb' uns hier beglücken soll, ob nicht! –
Das ist ja wohl das Haus Amphitruons,
Das mir sein Weib, die reizende Alkmene, {7}

Das schönste Kleinod Griechenland’s, bewahrt.
Indeß im Lager Er den Feind bekämpft,
Will ich, von ihm Gestalt und Stimm' erborgend,
Sein Weib bethörend, mir den süßen Lohn
Verstohlner Liebe zu gewinnen suchen:
So straf ich, während ich in meiner Brust
Geheimen Wunsch befriedige, zugleich
Auch seine, des Gemahles, Eifersucht,
Die oft Alkmenen unerträglich quält.
Indeß verlängre Dich, o Nacht, in deinem Lauf; {8}

Strahlt dunkler, Sterne; Sonne, geh‘ nicht auf!
Wer kömmt?

Zweyter Auftritt.
JUPITER. MERKUR.

MERKUR. (in einer Sklavenkleidung.)
Ich bin's; Merkur, und, wie du siehst, bereits
In eines Sklaven niedrig schlechtem Anzug.

JUPITER.
Was bringst du Neues?

MERKUR.
Vielwilkommne Botschaft: {9}

Vor Telebois ist ein Sieg erfochten;
Und, eingedenk der zärtlichen Alkmene,
Schickt ihr Gemahl, aus reich erworbner Beute,
Ihr einen kostbar‘n goldgestickten Schleier.

JUPITER.
Erwünscht!

MERKUR.
Nicht ganz erwünscht, so wie du glaubst:
Er läßt zugleich ihr seine Ankunft melden.

JUPITER.
Amphitruon? {10}

MERKUR.
Er selbst – auf diese Nacht.

JUPITER.
So mögen wir nur, unverrichtetes
Gewerb's, zurück uns zum Olymp verfügen!

MERKUR.
Das möge Jupiter verhüten, der du bist!

JUPITER.
Bleibt uns sonst was übrig?

MERKUR.
Deine Macht
Und meine List. {11}

JUPITER.
Nur auf die letzte bin ich hier gefaßt;
Laß hören denn, was sie uns ausgesonnen!

MERKUR.
Mit diesem zweyten Schleyer, jenem ähnlich,
Begeb' ich zu Alkmenen mich in's Haus,
Und meld', als Sosia, ihr deine Ankunft.

JUPITER.
Und wenn Amphitruon nun selbst erscheint?

MERKUR.
So wird er an der Thür zurückgewiesen {12}

Durch mich, durch seinen Sklaven Sosia.

JUPITER.
Dein Vorschlag hat, was mir gefällt, Merkur.

MERKUR.
Doch bleibt der Einfall immer sonderbar,
Bei einem schönen Weibe sich dadurch
Beliebt zu machen, daß man die Gestalt
Von ihrem Mann annimmt, die unter allen
Nur möglichen Gestalten in der Welt
Den Weibern sonst am wenigsten gefällt! {13}

Nun, du wirst seh'n, wie weit du damit kömmst.

JUPITER.
Auch überlaß dieß meiner Sorge ganz!

MERKUR.
Was mich betrifft, mir ist nur eins verdrüßlich!
Es läuft in diesem Haus' ein Weib umher:
Mit Namen heißt sie Andria,
Ehefrau des Sklaven Sosia:
Die, fürcht' ich, wird in mir alsbald
Erblicken nicht des Mann's Gestalt:
So wird ihr Herz in Lieb' entlodern,
Und, Liebe gebend, Liebe fodern:
Nun sprich, was ist dabei zu thun?
In ihren Armen auszuruhn, {14}

Dazu ist sie mir von Gesicht
Zu häßlich und die Ehepflicht
So wieder ganz und gar verweigern ihr zu wollen:
Nun das geht wieder nicht – und ein
Paar Küsse muss ich wenigstens ihr zollen.

JUPITER.
Mein Rath ist: auch mit deiner Alten
Frisch einen Zank zu unterhalten,
Sogleich vom Eintritt!

MERKUR.
Hm! der Rath ist gut!

JUPITER.
Und nun, wie steht es im Olymp? {15}

MERKUR.
So weit – ganz gut!
Frau Juno führt indeß die Weltregierung.

JUPITER.
Und wie befindet sich die Welt dabei?

MERKUR.
Wie sie es längst gewohnt ist, leidlich schlecht.

JUPITER.
Ist von Suppliken etwas eingelaufen?

MERKUR.
Hier bring ich zwei Gebund und einen ganzen Haufen! {16}

JUPITER.
Gieb her! Das sey indeß mein Zeitvertreib,
Wenn du Alkmenen ihren Schleyer bringst!

MERKUR,
(der sie ihm einzeln reicht.)
Es bitten dich um Regen die Megarer!

JUPITER.
Sie sind nicht klug! Es ist kein großer Vorrath!
Trotz den gehabten zweien trocknen Jahren,
So müssen wir das Wasser dennoch sparen!
Es hat der Jupiter Pluvius
Die Quellen rings am Kaukasus {17}

Und auf dem Ararat mir ausgetrocknet,
Indem er zu freigebig sich erwies;
Da kommt denn auch bei mir bald das, bald dies –
Die vielen Bitten – Nun – 's sind gute Leute –
Und bin ich denn gerad bei Laune, so wie heute;
Da ist denn bald ein Krautland, was ich wo begieß,
Und bald ein Weizenstückchen, wo ich bin zu Willen;
Da wollen freilich sich die Quellen füllen!
Und thät' ich vollends allen Narr'n zu Willen!
Ja sieh, Merkur, in einer Stunde;
In einem Tage, ging die Welt zu Grunde!
Was will Phönizien? {18}

MERKUR.
Bei seiner Schiffsahrt
Ist ihm mit Wind gedient!

JUPITER.
Der Wind gehört
In die Gerichtsbarkeit von Aeolus;
Schickt sie zu dem! Es bleibt auf altem Fuß,
Und jegliche Supplik gelang'
An ihr bestimmt Departement!

MERKUR. (der sie einsteckt.)
Nach Ordre!

JUPITER.
Und ist sonst was von Belang?

MERKUR.
Beschwerden aller Art. {19}

JUPITER.
Wie lauten sie?

MERKUR.
Beklagung über Feur- und Wassersnoth,
Und Krieg und Wetterschäden, und von Wölfen
Gefreßne Schafe –

JUPITER
(unwillig.)
Ey, da kann ich helfen!
Das geht nach ewigen Naturgesetzen:
Such's Einer doch den Narr'n in's rechte Licht zu setzen!

MERKUR.
So könnten freilich, mit den Jahren, {20}

Sie manche schöne Unze Weihrauch sparen!
Noch hat ein Dichter aus Athen, ein heillos Haupt,
Auf dich und deine Weltregierung – nein, ich hätt es nie geglaubt –
Ein giftig schmähendes Libell verfaßt!

JUPITER.
Ist Witz darin?

MERKUR.
Ja, ich vermuthe fast!
Man liest und lobt es sehr – du mußt den Kerl bestrafen,
Und exemplarisch, hörst du? Nimm nur 'n rechten Blitz, {21}

Wenn du für seinen boshaft biß'gen Witz
Ihn niederschmetterst, Zeus, vom Himmelssitz!

JUPITER.
Ei, bist du klug, mein Sohn? das wår' was nütz'!
Nein, nein, du magst es mir mit ehestem verschaffen,
Es soll damit uns Momus bey der Tafel
Der andern Götter trübe Stirn erheitern,
Die ohnedies zu sehr oft Trübsinn plagt!

MERKUR
Bedenkst du aber auch? – {22}

JUPITER.
Es bleibt, wie ich gesagt!
Du siehst, Merkur, daß du es mir verschaff'st!

M E R K U R.
(verdrüßlich)
Gut, gut!
Nimmt's der Herr Vater unter seinen Hut,
Ich kann es unter meinem auch schon lassen:
Blitz aber, wär' ichs nur: ich wollt' ihn anders fassen!
Kein Ziegel blieb dem Kerl auf seinem Dach!

JUPITER.
Gemach, mein Sohn, gemach, Merkur, gemach! {23}

Man setzt auch gleich so Erd' und Himmel, ohne Ueberlegung,
Um einen armen Schlucker in Bewegung!
Jetzt geh', mein Sohn, es rufen dich Geschäfte andrer Arten:
Ich will dich dort im Porticus erwarten!

DRITTER AUFTRITT.
Das Innere des Hauses.

ALKMENE,
von ihrem Kinde und ihren Sklavinnen umringt, in ihren Händen den erhaltenen Schleier, den sie so eben aus einander schlägt.

Wo ist der Sosia geblieben, der
Den Schleier uns gebracht hat? {24}

EINE SKLA VIN.
Irr' ich nicht,
In der Küch': es pflegt am Heerde sein, mit Speis' und Trank,
Die Schaffnerin des Hauses, Damokleia!

ALKMENE.
Gesegnet seyen mir des Bothen Füße,
Die unter'm Thor mit solcher Botschaft klingen!
Ihm soll das Haus das schönste Gastgeschenk entgegen bringen:
Es thue Gastfreiheit, im schönsten Lauf,
Für ihn den langgesparten Vorrath auf!

DIE SKLAVIN.
Zwei Parasiten auch sind kurz drauf eingetroffen: {25}

Steht auch für diese heut der Vorrath offen?

ALKMENE.
Wie heißen sie? und sind sie mir bekannt?

DIE SKLAVIN.
Sie werden Schatten nur und Licht vom Volk genannt.

ALKMENE.
Ich kenn sie, als ein Paar kurzweilige Gesellen:
Man soll mit Speis' und Trank auch sie zufrieden stellen!
Wo sind sie?

DIE SKLAVIN.
Unten in der Speisekammer,
Bei'm Koch Doriskus! {26}

ALKMENE.
Also schon an ihrem Platz?

DIE SKLAVIN.
Der Vierte wird wohl auch nicht lang mehr aussen bleiben!

ALKMENE.
Wer ist der Vierte?

DIE SKLAVIN.
Thraso, der Soldat.

ALKMENE,
Der Prahler!

DIE SKLAVIN.
Da die Nacht so lange währte,
Erbot er mit den Parasiten sich zugleich {27}

Dem Sosia, für den Amphitruon besorgt schien,
Schnell in verstärkten Märschen nachzueilen,
Damit im Finstern ihm kein Unfall zustieß.

ALKMENE.
O armer Sosia, da warst du schlecht berathen!

DIE SKLAVIN.
Doch, scheint es, haben sie sich unterwegs verfehlt!

ALKMENE,
So trafen sie sich hier zuerst im Hause?

DIE SKLAVIN.
Nein, {28}

Noch nicht! Noch sitzen sie getrennt
durch Küch' und Speisekammer.

ALKMENE.
Ich will sie sprechen! – Bringt sie alle drei!
(Die Sklavin ab.)

ALKMENE.
(zu den Uebrigen.)
Ihr aber, meine Sklavinnen, hört an!
Drei Tag' lang soll das schnelle Webschiff feiern;
Drei Tag lang klinge nur der Klang von schönen Leiern;
So lang' auch ruh' die flüchtge Spindel aus!
Denn dieses sei der Freude Zeichen diesem Haus, {29}

Daß ihm das schönste aller Erdengüter,
Daß wieder worden ist ihm ein Gebieter!
(die Sklavinnen mit einer Verneigung ab.)

ALKMENE.
(auf Amyntichus zugehend.)
Ja freue dich mit mir, mein Kind, du wirst
Den Vater, den verlornen, wiederhaben!

KIND
Hat mir der Vater auch was mitgebracht?

ALKMENE.
Nein, Kind! {30}

KIND.
Das ist nicht gut! Ich wollt, er schickte
Mir einen Helm von dem erschlagnen Feind!

ALKMENE,
Du wirst gewiß ein ganzer Kriegsmann noch!

KIND.
Ich weiß wohl, Mutter, daß du mein nur spottest:
Doch laß mich nur erst größer werden!

ALKMENE.
Ihr
Spielt, wie ich hör', ja die Zerstörung Troja's? {31}

Es war ein recht Getümmel auf dem Hof,
Als gestern ich vom Söller niederstieg!

KIND.
Die Griechen hatten sich zurückgezogen:
Achill sals bei den Schiffen, vom Gefecht
Entfernt

ALKMENE.
Und wer von Euch ist denn Achill?

KIND.
Ich selbst! {32}

ALKMENE.
Nun freilich wohl! das konnt' ich gleich vermuthen!
Wer könnt es anders seyn! –

KIND.
Nicht wahr? Wenn, nur
Der Hektor auch ein wenig besser wär'!
Der kleine Sklave Davus stellt ihn vor;
Es bringt zu wenig Ehr, in Troja’sKriegen,
Solch einen schlechten Hektor zu besiegen!
Auch mit der Chrysis, Mutter, ist's nicht recht!

ALKMENE.
Was fehlt denn der? {33}

KIND.
Ich hab's ihr hundert Mal,
Und bundert Mal gesagt, Gesicht und Arme
Vom Staub der Mühle reinlich sich zu halten!

AL KMENE.
Nun, billiger ihr etwas anzusinnen,
Kann keine Sklavin von Achill erwarten!
Was schützt des Brises schöne Tochter vor?

KIND.
Bald dies, bald das! Bald muß sie ihrer Mutter
Zur Hand – was weiß – ich in der Küche seyn, {34}

Bald wiederum ihr helfen Mehl bereiten! –

ALKMENE.
Nun die Entschuldigung ist, dächt ich, gültig!
Die Helden wollen doch vor Troja essen;
Und da ihr selbst euch nicht das Essen kocht,
So wie es Hektor und Achill gethan:
So müßtet ihr den andern Dank es wissen,
Daß sie euch liebreich diese Sorg' entnehmen!

KIND.
Das gieng‘ auch noch! Allein, mit wem am wenigsten
Von Allen anzufangen: das ist Andria, {35}

Das alte Weib des Sklaven Sosia,
Die ich zur Hekuba mir auserwählt:
Ich weiß nicht, Mutter, ob ich es dir schon erzählt?

ALKMENE.
Was, liebes Kind?

KIND.
Als ich den Hektor jüngst
Erlegt, und um die Mauer schleppen wollte:
So ließ sie es bloß deshalb nicht geschehn,
Und machte viel und große Hindernisse,
Daß Davus nicht sein neues Wamms zerrisse! {36}

ALKMENE.
Bloß deshalb nicht? Nein, das ist unerhört!

KIND.
Auch sag ich dir, wenn das noch lange währt:
Wird mir zuletzt das ganze Spiel verdrüßlich!
Was mich nur freut, ist, daß der Sosia
Nun wiederum in's Haus zurückgekommen ist:
Er hat mir auf der Treppe schon versprechen müssen,
Den König Priamus zu übernehmen!

ALKMENE,
Da ist die Rolle trefflich ja besetzt; {37}

Da wird gewiß der Anstand nicht verletzt,
Wo einen Priamus ein Sosia macht!
Und hast du mir denn gar nichts zugedacht?

KIND,
(ihr die Hand reichend.)
Du bist ja meine Mutter Thetis; weißt du nicht?
Die, wenn Achill am Meeresufer sitzt und weint,
Aus grauem Meer zu trösten ihm erscheint –

ALK MENE.
(die ihn in ihre Arme schließt.)
Mein holdes Kind! O mögte nimmer doch {38}

Dich dieser jugendliche, schöne Ungestüm
Zu weit verleiten! Mögtest du doch nie,
Wie jener, seine Mutter zwingen, ein zu früh
In dir entrißues Kleinod zu beweinen;
Nie gleiches Schicksal dich mit ihm vereinen! –
Jetzt geh', mein Kind, zu König Priamus!
Du wirst ihn in des Hauses Küche finden,
Wo er mit Speis' und Trank sich gütlich thut,
Und, bei des schönen Kohlenbeckens Glut.
Sich auf den Rauch von Ilion bereitet; {39}

Geh' – findest du ihn dort, umringt von Köchen:
So meld' ihm, deine Mutter will ihn sprechen.

KIND.
Dies, beste Mutter, soll sogleich geschehn! (ab.)

ALKMENE.
Das ist dein Heldengeist, Amphitruon!
Er lebt auf's Neu' in diesem Knaben auf,
Zu Hellas Rubm, zu seiner Mutter Lust,
Die ihn mit Stolz an ihren Busen drückt; {40}

Denn mehr als du noch werd' ich mein ihn nennen,
Und deiner Lieb' ihn streitig machen können,
Da ich es war, die ihn allein erzog;
Indessen dich der Ruhm in's Schlachtfeld zog,
Wo du die Schlachten Thebens heldenmüthig fochtest,
Und deines Vaterlandes Feinde unterjochtest:
O schöner Tag, bringst den Gemahl mir wieder,
Und steigst mir als ein Fest der Götter nieder! {41}

VIERTER AUFTRITT.

DAMOKLEIA. Hinterher DORISKUS der Koch, mit den beiden Parasiten.

ALKMENE.
(ihr entgegen.)
Gut Damokleia, daß du kömmst! – Nun Mütterchen,
Sind unsre neuen Gäste auch recht wohl bewirthet?

DAMOKLEIA.
Befrag' sie selbst! Dort bringt Doriskus sie;
Der meinige verweilt noch in des schönen Hauses Küche:
Ich komm' nur, um Erlaubniß zu erbitten, {42}

Von dir, mein holdes Kind, für ihn zwei Flaschen
Des alt-balsam’schen Steinwein's zu entsiegeln.

ALKMENE.
Die ist dir unerbeten längst ertheilt!

DAMOKLEIA.
Man fragt doch lieber zu!
(mit Geschäftigkeit ab.)

ALKMENE.
Sieh da, Doriskus!
Nun, wie ich seh', hast du ja auch schon wieder Zuspruch!
Sind das die Parasiten Licht und Schatten? {43}

LICHT.
Zu dienen, edle Frau! Ich hier bin Licht.

SCHATTEN.
Ja, und wo Licht ist, wißt ihr, ist auch Schatten!

ALKMENE.
Was macht Amphitruon? Und warum hat
Er sich von euch getrennt? das mögt’ ich wissen!

SCHATTEN.
Mich, edle Frau, wird er nicht sehr vermissen,
Denn, wo’r mit seinem Schwerdt nur hintritt, ist ein Schatten! {44}

LICHT.
Doch mich um desto mehr!

SCHATTEN
Schweig, Licht, dich vollends gar nicht!

LICHT.
Was? bin ich nicht das Licht in der Versammlung?

SCHATTEN.
Und bin ich nicht vom ältesten Geschlecht,
Zu dem Achill und Hektor auch gehört?

DORISKUS.
Du? {45}

SCHATTEN.
Freilich! Sag, was ist wohl in der Unterwelt Achill?

LICHT.
Ein Schatten!

SCHATTEN.
Und was Hektor?

DORISKUS.
Auch ein Schatten!

SCHATTEN.
Und Agamemnon?

LICHT.
Nun, ein Schatten ebenfalls! {46}

SCHATTEN.
Und folglich! Schatten sind sie allzumal,
Und was sie sind, das müßt ihr erst noch werden;
Und was ihr werden werd't: das bin ich schon!

LICHT.
Licht ist das erstgeborne Kind der Götter!

SCHATTEN.
Gelogen, Schatten ist um einen Tag noch älter!

LICHT.
Ja ja, was wahr ist; Schatten ist mein ältrer Bruder! {47}

ALKMENE.
Nun wechselt dir, Doriskus, auch der Dienst,
Und häufiger wird deine Gegenwart
Der Heerd, der Küche schönes Feuer fordern!

DORISKUS.
Das ist mir eben recht, bei'm Jupiter!
Nichts Leid’gers doch, als eine ausgestorbne Küche!
Ich lob' es mir, wo voll die Tische stets besetzt sind;
Wo Kuchen stets in schönen Pfannen steht;
Stets Fleisch am Spieße zischt; stets Fisch auf Kohlen brätelt! {48}

LICHT.
(traurig.)
Ja ja – das ist der Vortheil einer großen Küche:
O wie beneid' ich Euch um solchen Stand!

SCHATTEN.
Oft sah ich es recht mit Verwunderung
Wie so geehrt vor allem Volk ihr seyd,
Geliebtester Doriskus! So zum Beispiel,
Erscheint ihr auf dem Markt – umgiebt Euch Alles,
Will Euch bedienen, drängt sich um die Kundschaft;
Wurststopfer schütteln Euch die Hand und rufen: {49}

„Wie geht's? wie steht das Leben, Herr Doriskus?
Braucht ihr, es anzufrischen, etwas Wurst?
Befehlt, hier ist ein angeschnitt’nes Probstück!"
Fischbändler rufen Euch entgegen: „guten Tag,
Ei, Herr Doriskus, habt's doch nicht so eilig!
So wartet doch, bis man Euch einen Aal
In eures Mantels schönen Zipfel bindet!"
Die Vogelfänger bleiben auch nicht nach:
Sie zupfen Euch im Weggehn noch am Ermel;
Sie schreien Euch ins Ohr „pst, Herr Doriskus, {50}

Der alten Kundschaft wegen, nehmt von Unsereinem
Doch auch etwas zum Angedenken mit,
So ein Paar fette Krammetsvögel, oder Drosseln!"
– Und zwar mit Recht verehrt Euch so der Markt –
„Die Eier taugen nichts!" ruft so Doriskus:
So ist's ein Donnerwort – und Niemand kauft –
Denn eu'r Geschmack ist Unser Aller Richtschnur!

ALKMENE.
Bringt ihr mir sonst noch einen Auftrag mit,
Wovon in meinem Brief hier nichts enthalten ist? {51}

LICHT.
Nur einen. Er betrifft den Koch Doriskus.

SCHATTEN.
Und ist an bereits an diesen ausgerichtet!

DORISKUS,
Aufs pünktlichste. Es heißt Amphitruon,
Mein Herr, für einen Opferstier auf Morgen,
Und eine Mahlzeit für das Volk mich sorgen.

ALKMENE.
Sieh, da kommt ja auch unser Sosia! {52}

FÜNFTER AUTTRITT.

DAMOKLEIA. SOSIA I. Die vorigen, LICHT und SCHATTEN, der Schaffnerin und ihrem Begleiter entgegen.

SCHATTEN.
Ei, ei, Herr Sosia, sieh da! willkommen!

LICHT.
Wie geht's, wie steht's? Frisch auf den Beinen?

SOSIA I.
Wie ihr seht!
Und ihr?

LICHT.
So leidlich! Etwas noch vom Wege angegriffen! {53}

SCHATTEN.
Die Ursach ist, Licht macht sich nicht genug Bewegung!

LICHT.
Nicht g’nug Bewegung? Gütge Götter, wißt,
(auf Schatten deutend.)
Drey Mal des Tag's hier geh' ich ’rum um diesen Schmeerbauch,
Und das nun nennt ihr noch nicht g’nug Bewegung, hm?

SOSIA I.
In meinem Auftrag an Doriskus ist
Der Herrn mit ein Paar Worten auch gedacht!

LICHT.
(neugierig.)
Wie? {54}

SOSIA I.
Schlimm genug!

SCHATTEN.
Ei, laß doch hören!

SOSIA I.
Also spricht
Amphitruon, mein Herr, durch meinen Mund:
„Geh', meld' Alkmenen meinen Gruß in Theben:
Ich träfe noch heut Abend selber ein:
Dem Schurken aber, dem Doriskus, sollst du melden –

DORISKUS.
Nein, so hat nun und nimmermehr mein Herr gesagt, {55}

DIE PARASITEN.
So hat er nicht gesagt, nein wir bezeugen's!

SOSIA I.
Euch stopft der Koch das Maul: drum habt ihr's Schweigens!

DAMOKLEIA.
Fahr fort!

SOSIA I.
„Er mögte sich auf funfzehn Opferstiere,
Zum Essen für die drei Theban'schen Stadtquartiere;
Auf hundert Schaf', zwölf Widder, und für Lichten,
Und Schatten, kämen sie – auf hundert Prügel richten. {56}

LICHT.
Das ist die giftigste Verläumdung, die!

SCHATTEN.
Und ohne Grund!

LICHT.
So 'was kömmt niemals aus des guten Herren Mund!

SCHATTEN.
Nein, dazu kennt er seine Freunde, und vergißt –

LICHT.
Nie, was ein Licht –

SCHATTEN.
Ein Schatten – {57}

DORISKUS,
Und ein Mundkoch ist!

DAMOKLEIA.
Was? Hundert Schaf? das ist beinah ja 'ne ganze Heerde!

LICHT.
Und hundert Prüg'l – 's ist mehr, als zu ’ner Tracht gehörte!

SOSIA I.
So theilt sie unter Euch!

DORISKUS.
Ein Schurk’ ich? Element!

SCHATTEN.
Ich werde schwarz vor Gall'! {58}

LICHT.
Licht ist entbrennt!

SCHATTEN.
Licht ist entbrennt! Gebt Acht, nun kömmt die Klarheit!

LICHT.
In zweier Zeugen Mund besteht die Wahrheit!

ALKMENE.
Wem soll ich glauben?

LICHT.
Und – wir gingen später aus

SOSIA I.
Mir – denn ich brachte dir den Brief in's Haus – {59}

DAMOKLEIA.
Schweigt! – Weder Einem noch dem Andern!
(zu Alkmenen.)
Darf ich rathen:
So hören wir erst Thraso den Soldaten!

SOSIA I.
Sein Zeugniß gilt nichts, da bekannt sein Prahlen!

LICHT.
Es gilt! Kommt, binden wir uns unter die Sandalen!

DORISKUS.
Sprecht erst, ihr Herrn, noch in der Küche vor! {60}

LICHT.
Dann fort zum Thraso!

DORISKUS.
Fort zu Thais Thor!
(mit den Parasiten ab.)

SECHSTER AUFTRITT.

ALKMENE. DAMOKLEIA. SOSIA I.

ALKMENE.
Wir sind allein nun, rede Sosia!
Ist mit den funfzehn Opferstieren das
Ausdrücklich so Amphitruons Befehl? {61}

SOSIA I.
Ausdrücklich!

DAMOKLEIA.
Mit den hundert Schafen auch?

SOSIA I.
Auch!

DAMOKLEIA.
Und mit den zwölf Widdern?

SOSIA I.
Ebenfalls!
Und was du noch nicht weißt, mit Tagesanbruch,
Besteig' ich des geehrten Kadmos Burg,
Die halbe Stadt zum Gastmahl einzuladen, {62}

Hierher in's schöne Haus Amphitruons;
Die Reicheren, aufWein und Sesamskuchen;
Die Aermeren, auf Linsen, Brodt und Mehl.

DAMOKLEIA.
Nun wahrlich, ist auch dies Amphitruons Befehl:
So hat sein Sinn indeß sich sehr verändert!

SOSIA I.
Ja ich, so wie mein Herr, sind beide sehr verändert!

DAMOKLEIA,
Auch du? Worin besteht denn deine Aenderung? {63}

SOSIA I.
Mit Worten zu beschreiben, hält es schwer;
Doch sag' ich Euch: ihr würdet tief erstaunen,
Begriffet ihr den ganzen Unterschied,
Der zwischen jenem alten Sosia,
Und diesem neuen anzutreffen ist!

ALKMENE.
(lüchelnd.)
Doch, Sosia, in dieser Prahlerei,
Find' ich den alten ziemlich eben wieder!

SOSIA I.  
Ihr täuscht Euch selbst, und wißt die Täuschung nicht!
Bei'm Jupiter, es ist kein größ’rer Unterschied, {64}

Der zwischen Sosia sich und Merkur,
Als zwischen mir und jenem Sklaven sich
Befindet, der einst euer Diener war!

ALKMENE.
Und auch Amphitruon ist so verändert?

SOSIA I.
Als säh't ihr heute ihn zum ersten Mal!

DAMOKLEIA.
Wird Er durch Eifersucht uns nicht mehr quälen?

SOSIA I.
Was Eifersucht? Er fürchtet nichts so sehr, {65}

Als daß auf ihn die Eifersucht sich wende!

ALKMENE.
Wie kömmt unwürdig ihm solch ein Verdacht?

SOSIA I.
Verdacht ist nicht, was uns Gewißheit bringt!

ALKMENE.
Gewißheit? Du wirst immer räthselhafter!

DAMOKLEIA.
Ist in dem fremden weit entfernten Land
Uns seine Liebe etwa abgewandt? {66}

ALKMENE.
So wird es seyn! – Nun frag und forsch' nicht weiter:
Sey still, mein gutes Mütterchen, und laß
Die dunkle Hüll’ aufmeiner Seele ruhn!
Denn wär's auch so – sieh, gute Damokleia:
Wir müßten's dennoch nehmen wie es ist!
Vergänglich ist die Lieb', und hier und da,
Flieht sie von Einem zu dem Andern über:
Heut ist sie dem, und Morgen jenem nah,
Und flüchtig, wie sie kam, ist sie vorüber:
Längst hab' ich dies gewußt, und nie gewollt, {67}

Daß die Gestalt bei mir sie ändern sollt':
Nein, ihres Unbestandes mir bewußt,
Hab' ich ihr anders nie in meiner Brust,
Als einem schönen Gaste, Raum gegeben,
Von dem getrennt wir sind im weiten Leben.
Durch weisen Rath in Thebens Volk geehrt,
Hat frühe schon der Vater mich gelehrt,
Mit Maaß mich zum Besitz der schönen Güter zu bekennen,
Die Niemand auf der Welt sein Eigenthum mag nennen;
Und will die Liebe nun auch von uns Abschied nehmen: {68}

Wir wollen, statt uns thörigt zu zergrämen
Nur inniger, die Sehnsucht zu versüßen,
Das holde Kind an unsern Busen schließen,
Das schöne Pfand, das wir aus bessern Tagen,
Zum Angedenken einst davon getragen;
Und wenn's geschieden seyn nun muß und soll,
Mit Ruhe zu ihr sagen: fahre wohl!

DAMOKLEIA.
O einem Gotte gleichest du an Fassung!

ALKMENE.
Nein, gute Damokleia, schmeichle nicht! {69}

Nur menschlich nehm' ich, was sich menschlich fügt,
Und thörigt ist, wer Untreu anders achtet!
Jetzt geh', und melde mir dem Koch Doriskus:
„Es blieb indeß bei einem Opferstier." –
Ist dies geschehn, harr' ich im Vorsaal dein:
Du sollst mich mit dem Schleier schmücken helfen:
Ich will darin Amphitruon empfahn! –
Indeß verplaudr' ich hier mit Sosia
Von dem Gemahl noch ein'ge Augenblicke! –
(im Abgehen.)
Und ihr, o Götter, die ihr schützt ein freundlich Lieben; {70}

Laßt keinen Unfall heut dies Haus betrüben!
(mit Sosia I. ab.)

SIEBENTER AUFTRITT.

DAMOKLEIA. Hinterher DORISKUS und die Parasiten.

DAMOKLEIA.
(hinter die Szene rufend.)
Doriskus!

DORISKUS.
(mit den Parasiten auftretend.) {71}

DAMOKLEIA,
(zu den Letztern.)
Seyd ihr auch noch da?

(zu dem Koch.)
Ein Wort!
(zu den Vorigen.)
Ich glaubt euch lange schon zu Thraso fort.

LICHT.
So eben sind wir im Begriff und nah'n der Thür!

DAMOKLEIA.
(zu Doriskus.)
Es bleibt indeß bei einem Opferstier! (ab.) {72}

DORISKUS.
Es wär' auch ohnedies dabei geblieben!
Ich richte ganz nach Euch mich in der Zahl der Schüsseln:
Der Grobian! Was? Einen Schurken mich zu heißen?
Euch aber dank' ich, Freunde, daß vorhin
Ihr Euch so warm hier meiner annahmt!

LICHT.
Schuldigkeit!
Sonst nichts, sonst nichts, mein lieber Herr Doriskus!

DORISKUS.
Freilich! {73}

Fast mit dem Koche steht und fällt der Parasit!
Nicht immer war's hier so, ihr könnt mir's glauben:
Ein'n solchen Ueberfluß von Wein und Trauben,
Von schönen Dattelfrüchten, Fleisch und Tauben:
Nicht immer sah man ihn auf Thebens Markt!

LICHT.
Wir wissen's, o wir wissen's, lieber Herr Doriskus!

DORISKUS,
Und wem verdankt ihr's, daß, für Arm' und Reich',
Nun da sind Victualien in Menge, {74}

Daß in des schönen Federvieh's Gedränge,
Man fast ersticket!

SCHATTEN.
Ei, wem sonst, als wieder Euch!

DORISKUS.
Nun 's freut mich, daß auch dies von Euch bemerkt ist:
Ja, seht, ich bin's, durch den die Zufuhr hier verstärkt ist!
Neunzehn Jahre sind es nun, mit verfloßnem Weinmond eben:
Seht, da führte mich das Schicksal her von Sicyon nach Theben:
Ganz erbärmlich gieng es damals, Freunde, zu in diesem Neste:
Niemand, der Pasteten backte, Niemand, welcher einlud Gäste! {75}

So mit ganz gemeinem Essen stets gewohnt vorlieb zu nehmen,
Kannten sie vom Hörensagen kaum noch Eiermilch und Cremen;
Kohl, ein Schnitt gemeines Speck, das man an den Haken hängte:
Seht, das war's, worauf sich damals noch die Kochkunst hier beschränkte.
Darum lebt ich unbekannt lang' auch diesem rohen Volke;
Denn Minerva selbst verhüllte mich in eine Garküchwolke,
In der Vorstadt, wo ich Schiffern, aus gemeinen irdnen Töpfen,
Mittags pflegte Zugemüs' und kleine Bratfisch' einzuschöpfen:
Nun das gieng, so lang wie's gieng denn, bis es sich ein Mal so fügte, {76}

Daß der König eine Schildkröt aus Siciliens Häfen kriegte:
Und von seinen Köchen Niemand war, der sie bereiten konnte:
Damals zog ein Wetter auf am Theban'schen Horizonte,
Denn nun brach es schrecklich auf, und war klar am Tag gelegen,
Was so Kunst als Wissenschaft einem Lande nutzen mögen;
Ja nun konnte mein Verdienst auch länger nicht im Stillen
bleiben:
Bald im ganzen Volk entstand nun ein Gemurmel und ein Treiben:
Wo in einem Nachbarshaufen nur ein Koch den Andern sah,
Hieß es: „wär der Koch der Vorstadt, wär nur der Doriskus da!" {77}

Und der König, der dies hörte, sandte Bothen aus an Bothen;
Auf der Diele stand ich eben – in dem Kessel kochten Schoten –
Horch, ein Klopfen vor der Thüre – Wagen wie an Wagen rollte –
Vor die Garküch', wo die neue Sonne Thebens glänzen sollte! –
Ja nun fiel berühmt zu seyn mir zum ehrenvollen Loose;
Denn der König selbst, nachdem er meiner Mundpastetensauce
Mit dem Löffel kaum gekostet – glaubt nur, daß ich Wahr
heit spreche –
Drückte mir die Hand, und hieß mich – einen König aller Köche. {78}

Und nun ward ich ein berühmter, großer Mann in Thebens Stadt,
Weit berühmt durch mein Gebackenes und durch meinen Citronat;
Ward zum Muster aufgestellt jeglichem geringern Koche;
Meine Krebsebutter machte in der Weltgeschicht' Epoche;
Meine Schwämme, meine Morcheln, meine Trüffeln, meine
Pilze; – –
Ja sogar nach mir den Namen gab man einer eignen Sülze;
Sülze des Doriskus wurde nun ein Lieblingstisch der Großen;
Damals lerntet ihr mich kennen, habt Euch an mich angeschlossen, {79}

Und im Kurzen ward ganz Theben, umgeformt der ganze Staat,
Durch zwei Parasiten und durch eines Mundkochs weisen Rath:
Tretet näher, mich ergreifet edeler Begeistrung Hitze:
Freunde, daß ich mich auf eure treu erprobten Schultern stütze!
Welt und Nachwelt soll es wissen, Fama weit und breit verkünden,
Wo nur schöner Heerde Feuer man gewohnt ist anzuzünden;
Bei Europa's klugen Völkern, bei den nahen, wie entfernten,
Daß durch uns zuerst hier essen diese Hungerleider lernten;
Arme Schlucker, die bisher nur ihren Hunger grob gestillt, {80}

Bis wir den Gebrauch von Wildpret Ihnen und Pastet' enthüllt! –
Also bricht zuletzt die Sonne dennoch durch die Nebeldünste,
Die sie trüb' umhüllten, und dem wahrhaft echten Glanz-Verdienste,
Trotz der Neidsucht groben Hülle, lieben Freunde, glaubt mir
dies,
Ist zuletzt bei Welt und Nachwelt dennoch stets sein Sieg gewiß!
(mit den Parasiten ab.)

ZWEITER AUFZUG.

ZWEITER AUFZUG.

ERSTER AUFTRITT.
Platz vor Amphitruons Hause.

JUPITER. MERKUR.

JUPITER
Merkur, nun, hast du was auf's Neu begonnen?

MERKUR
Sechs Einfäll, frisch im Kopf erst ausgesonnen! {84}

JUPITER.
Mit Licht, und Schatten, mit dem Prahler Thraso –
Dem Volks- und Linsenmahl – dem Koch Doriskus –
Dem aufgefischten Sosia und dem Bart –

MERKUR
Ihr wißt's ja haarklein!

JUPITER.
Göttergegenwart!
Und jeder der sechs Einfäll’, Sohn, ist Gold's werth!

MERKUR,
(der die Hand hinhält.)
Herr Vater, nun so macht nur auch 'Mal Anstalt!
Für Nummer Eins? – {85}

JUPITER
Schenk' ich dir die Plejaden!

MERKUR.
Für Nummer Zwei! –

JUPITER
Steck' ein das Siebengestirn!

MERKUR.
Und Nummer Drei! –

JUPITER.
Ist den Orion werth!

MERKUR.
So schweig' ich lieber von den andern Nummern,
Und mäß’ge meinen Witz – {86}

JUPITER.
Wie so?

MERKUR.
Ihr fragt?
Der halbe Sternpol ist ja schon in meiner Tasche,
Herr Vater, wenn ich Euch durch Witz noch länger überrasche;
Ob gleich des Himmels und der Erde mächt'ger Gott:
So machtet ihr zuletzt an Sternen gar bankrott!

JUPITER.
Wie steht es mit dem Schleier?

MERKUR.
Abgegeben! {87}

JUPITER.
Werd' ich erwartet?

MERKUR.
Diesen Augenblick – so eben!

JUPITER.
(schleunig in's Haus.)

MERKUR.
(ihm nachblickend.)
Beglückter Jupiter! Es winken die
Gestirne dir verstohlnen Beifall zu:
Die Nacht verlängert sich zu süßer Ruh;
Aus ihrem Wolkenschleier traulich lacht
Die Freundin Luna: freue dich der Nacht!
Doch sieh! Wer nah't sich dort mit der Laterne? {88}

Bringt Sosia den Schleier aus der Ferne!
Er ist's! Dies kleine Abentheu'r vergnügt mich heut;
Ja komm nur, komme, dein Empfang ist schon bereit!
(tritt etwas in den Hintergrund zurück.)

ZWEITER AUFTRITT.

SOSIA I.  und SOSIA II. der mit der Laterne auftritt.

O drei Mal doch beklagenswerth,
Wer ohne Maulthier, ohne Pferd,
Verreisen muß in weiter Ferne!
Und dem nun ausgeht die Laterne! {89}

Ein Glück nur noch, daß mir die meine brennt!
Doch schlimm sieht's droben aus am Firmament;
Die liebe Sonne, der liebe Mond,
Sie sind des Scheinens ganz ungewohnt!
Hui! wird das auf dem Erdball nun ein Leben
Für Licht- und Kerzenhändler geben:
Ich sehe gar nicht hin darnach! –
So werde du am blauen Himmelsdach,
O großer Bär, da doch ein bischen wach!
So schwer mir's ankömmt, hörst du, werd' ein wenig strahlenrege,
Landstraßen zu erleuchten und die Wege, {90}

Damit ein armer Schelm, der hier im Dunkeln irrt,
Nicht ganz zerstoßen und zerschlagen wird!
Er hört mich nicht, der Tölpel der!
Ja was ein Bär ist, bleibt doch stets ein Bär!
So wollt ich gleich, Herr Jupiter käm' raus,
Und löscht ihn stracks, wie eine Lichtschnupp‘ aus!
Doch sieh! das ist ja da wohl unser Haus?
Nun wird's wohl gut seyn, wenn ich vor der Thüre
Erst meine Roll' ein wenig durchprobire!
Sei du so gut und stell' Alkmenen vor, Laterne, {91}

Ich hier bin Sosia, und komm' aus weiter Ferne!
(indem er sie vor sich hinstellt, und ihr einen Bückling zieht.)
Jetzt tret' ich in die Thüre – dumm!
Was sagt Alkmene? – die Latern' ist sțumm!
Stumm – und ich dächte, als Soldaten,
Doch wäre mir mein Eintrittsbückling gut gerathen!
Meins halb auch! Ei, wenn sie nicht spricht,
Geb' ich ihr einen Siegsbericht:
Hör' an, Laterne! Brenne, Licht!
Bald wird mein Thatenglanz dich überscheinen:
Wie wir auf einer Ebne uns vereinen;
Der Feind am Berg und wir im Thal; {92}

Nun wird gegeben das Signal;
Hui! spricht der Reiter zu dem Roß;
Nun klingen Panzer, Stoß auf Stoß;
Und Helm an Helm, und Schwerdt an Schwerdt erklirrt;
Geschrie’n, gehau'n, gefochten wird:
Soldaten streiten um das Loos der Länder;
Und um das Loos der Kessel Markatender!
Wie Hagel, Schwerdt- auf Schwerdtstreich fallen:
Hier platzen Helm- und Gürtelschnallen;
Hier zischt ein Pfeil – und hier zischt eine Bratwurst:
Der hackt in Stücken den Feind, und Jener eine Cervelatwurst! –
So recht, nun bin ich in gehör'gem Feuer: {93}

Nun hurtig, Sosia, nimm in die Hand den Schleier,
Begib dich damit in das Haus,
Und richte klüglich deinen Auftrag aus!
Doch halt, wer schleicht dort um die Thür?
Ein fremder Kerl? Was will der hier?

SOSIA I.
Wer geht so spät um's Haus in dieser Stunde?

SOSIA II.
(indem er dem Tocht an seiner Laterne einsteckt.)
O Dieb, du nimmst die Frag' mir aus dem Munde. {94}

SOSIA I.
Heda, wo blieb auf ein Mal die Laterne?

SOSIA II.
Am besten ist's wohl, wenn ich mich entferne!

SOSIAI,
(der ihm an die Kehle greift.)
Ha, saubrer Vogel, läßt du dich erwischen:
Gesteh's, du kömmst, im Trüben hier zu fischen?
Gewiß steht dir der Sinn nach unserm schönen Gute?

SOSIA II.
(der sich von ihm loszumachen sucht.)
Mein Freund, gehörst du in dies Haus, wie ich vermuthe: {95}

So muß dies erst seit Kurzem seyn –

SOSIA I.
Wie so?

SOSIA II.
Weil du den alten Sosia so wenig kennst!

SOSIA I.
Den alten Sosia, den kenn' ich wohl!

SOSIA II.
Du kennst ihn?

SOSIA I.
O so gut, als wie mich selbst! {96}

Seit einer Stund' ist er in's Haus herein,
Und bringt Alkmenen einen Schleier dar,
Den der Gemahl ihr aus dem Lager schickt!

SOSIA II.
Was für ein Sosia?

SOSIA I.
Ei nun, des Davus Sohn!

SOSIA II.,
Der?

SOSIA I.
Ja! der Sklave des Amphitruon! {97}

SOSIA II.
Mit einem Wort, der alte Sosia?

SOSIA I.
Der Nehmliche!

SOSIA II.
Der wäre wieder da?

SOSIA I.
Nun freilich!

SOSIA II.
Guter Freund, da irrst du dich!

SOSIA I.
Ei Narr, ich werd' es doch wohl wissen, ich!
Ich bin ja selber dieser Sosia! {98}

SOSIA II.
Du?

SOSIA I.
Freilich!

SOSIA II.
Immer lustiger, ha ha!

SOSIA I.
Was ficht den Narren so mit Lachen an?

SOSIA II.
Was ich vor Lachen dir kaum sagen kann!
(lacht noch heftiger.)
Hör an, ein Wunder, Freund, begiebt sich hier!
Ein zweiter Sosia ist vor der Thür; {99}

Auch, wie er sagt, des Davus Sohn;
Und auch ein Sklave des Amphitruon;
Der, an den Sohlen leicht beschwingt,
Auch hier Alkmenen einen Schleier bringt;
Und wenn es glückt, und wenn's sich schickt,
Auch in dies Haus von dem Gemahl geschickt!

SOSIA I.
Und dieser zweite Sosia, der mir so glich?

SOSIA II.
Wenn du es so erlauben willst – bin ich!

SOSIA I.
Betrüger, Dieb! {100}

SOSIA II.
Nun nun, gerath nur nicht gleich so in Feuer!
Sieh, zum Beweise, bring' ich hier den Schleier!

SOSIA I.
Wo ist er, zeig!

SOSIA II.
Tritt etwas näher her, an die Laterne!

SOSIA I.
(der ihm den Schleier aus der Hand nimmt.)
Gieb her, damit ich ihn besichtige! {101}

SOSIA II.
Recht gerne!
(der indeß näher getreten, und seinen Tacht hervorgezogen.)
Ihr Götter! Gebt nicht zu, daß über meine Sinne
Ein wachend Blendwerk, daß der ungeheuerste Betrug
In diesem Augenblick die Oberhand gewinne!

SOSIA I.
Was hast du vor? was ist dir?

SOSIA II.
Nun genug!
Komm an! Ich muß mich völlig überzeugen,
Bis meine Zweifel siegen, oder schweigen! – {102}

Ich bitt' Euch, lieber Herr, macht mir die Freud';
Hört, habt die einzige Gefälligkeit,
Und –

SOSIA I.
Nun?

SOSIA II.
Spatziert hier so ein wenig auf und nieder!

SOSIA I.
Recht gern!
(geht auf und ab.)
SOSIA II.
(ihm mit der Laterne nachleuchtend.)
Er ist's! Mein Wuchs, mein Gang, dieselbe Zierlichkeit; {103}

Dasselbe Ebenmaaß im Bau der Glieder!
's ist richtig! – Nun mit eu'r Erlaubniß, seyd so gut
Und lupft auch da ein wenig euren Hut!
(indem er ihm denselben abnimmt, mit einem neuen Anfall von Erstaunen.)
Wie angebrennte Stoppeln, rothes Haar!
Kein Zweifel mehr! 's ist klar, 's ist sonnenklar!
Auch an den Zähnenlücken – eins, zwei, drei –
Fehlt keine – so viel schlug mir Andria entzwei! –
Du bist's! Ja ich erkenn' dich, Sosia!
Dahier ist meines linken Backens Warze; {104}

Das ist mein Ohr, wovon die eine Hälfte
Zu Lydien am Sklavenpranger sitzt:
Ihr Götter, mußtet ihr in die Gestalt
Von Sosia euch denn so sehr verlieben,
Daß ihr zwei Mal in einem Menschenalter,
In einem Land, sie zwei Mal wiederholt?
O sollt ich in der Weltgeschichte glänzen:
Warum mich lieber ein Mal nicht ergänzen,
Als zwei Mal mich so unvollständig schaffen? –
Doch halt, was eben bei mir fällt!
Nicht Jedermann ist in der Welt
So reich, daß er sich Affen hält,
Und ist es so gemeint, wohlan, {105}

So nehm' ich gern und willig an,
Was ihr mir zum Geschenk erschaffen,
Und dank' Euch, Götter, für den Affen!

SOSIA I.
Ein Aff' ich? Schurke, fort von dieser Thür,
Und wenn du je dich wiedrum hier
Erblicken läß'st, auf unverschämten Füßen:
So sollt'st du's mir mit hundert Prügeln büßen!

SOSIA II.
Wohlan, ich weiche deinem Uebermuth;
Doch glaube ja nicht, aus verzagtem Muth; {106}

Das glaube nicht,
Du erzverwegnes, boshaft Dieb'sgesicht!
Ich geh' nur, um Amphitruon zu holen!
Denn alles hast du mir gestohlen:
Meinen Schleier, meine Sohlen;
Meine Füße, meine Ballen;
Meine Schuhe, meine Schnallen;
Meinen Bart und meinen Hut;
Nur nicht meinen Löwenmuth!
(wird von Sosia I. mit Prügeln fort von der Thüre getrieben.) {107}

DRITTER AUFTRITT.
ImHause.

ANDRIA und DAMOKLEIA.

DAMOKLEIA.
Wie? Kaum ist dir in's Haus zurück der Mann:
So geht der Zank auch schon auf's Neue an!
Ei, warum hast du ihn genommen?
Nun ist der Furwitz dir zu Haus gekommen!
Du könntest heut noch ledig seyn!

ANDRIA.
Ich mögt es nicht! Ein Mal muß Jede frein!
Und selbst der Aerger, selbst die Wuth {108}

Thut bei der Heirath der Gesundheit gut!
Der Ernst des Mann's; das Spiel des Knaben:
Dies Alles zeigt ja deutlich an:
Des Menschen Herz will etwas haben,
Was es sein eigen nennen kann;
Wär's nur ein Blumentopf, ein Gockelhahn;
Ein Vogel, dem den Napf man füllt zum Saufen;
Ein Stöckchen Goldlack, das man vor das Fenster schiebt,
Und dem man täglich frisches Wasser giebt:
Kurz etwas muß es seyn! – Der ärmste Mann,
Der Bettler noch hält einen Hund sich auf der Straßen, {109}

An diesem seinen Unmuth auszulassen,
Wird keine Thür, wird ihm kein Fenster aufgethan:
Sieh, darum nahm ich einen Mann!
Ei freilich, besser hätt' ich wohl gethan,
Der Mutter weisem Rath Gehör zu geben,
Die nie zur Heirath sich in ihrem Leben
Bethören ließ, und ledig inmerdar
Verblieb, obgleich sie – sieben Kindern Mutter war!
Darüber führ‘ ich nun auch nicht Beschwer;
Doch daß er mir so wenig giebt Gehör;
Daß er, auf Tritt und Schritt, im Haus, {110}

Wohin ich komm', mir weichet aus;
Indeß er vorhin in der Küchen
Die Tochter mir mit einem Storch verglichen! –

DAMOKLEIA.
Ei nun, es ist der Storch ein klug und wachsam Hausthier;
Er sitzt den Miethzins ab uns auf dem Dach,
Und klappert einen wie den andern Tag;
Verwöhnten Ohren will sein Klappern nicht gefallen:
Ei freilich, singt er auch nicht, gleich Frau Nachtigallen;
Verführt nicht so, wie sie und ihre Kinder, {111}

Ein eit’l Geschwätz, ist leider nichts dahinter;
Stolziert auch nicht am Sumpf mit rothen Beinen,
Zu prahlen vor den Leuten und zu scheinen;
Nein, roth-erfroren sind ihm Bein und Nas',
Als er im kalten Sumpfe Frösch' auflas,
Und von Geziefer reinigte den Pfuhl:
So opfert er sich dem gemeinen Wohl!
Schlicht ist sein Regenkleid – nur schwarz und grau:
Ihm gleicht im Hausstand eine brave Frau:
Drum haben die im Hieroglyphenwesen
Längst in Aegypten ihn zum Sinnbild auserlesen! {112}

ANDRIA.
So wendest du doch stets die gute Seite aus!

DAMOKLEIA.
Und du bringst immer nur den Zank in's Haus:
Ich aber sag' dir dies, du sollst es merken:
Ich werd' im Unrecht gegen ihn dich nicht bestärken!
Drum hüte dich, durch Klagelaut und Zähren,
Uns heut das nah vorhandne Opferfest zu stören!
Jetzt geh! Ich habe Sosia hierher berufen;
Triffst du ihn etwa an der Treppe Stufen: {113}

Hörst du, damit sich Fried' erhält im Haus:
Folg' meinem Rath, und weich’ ihm lieber aus!
(Andria, die sich traurig von hinnen schleicht.)

VIERTER AUFTRITT.

SOSIA I.
(der von der andern Seite auftritt.)

DAMOKLEIA.
Nun Sosia, wie von dem Oberhirten ich erfuhr:
So bleibt es dir nicht bei dem Vorsatz nur; {114}

Du triffst zugleich auch Voranstalt auf Morgen:
Die funfzehn Opferstiere?

SOSIA I.
Wird Melanth besorgen!

DAMOKLEIA.
Und die zwölf Widder?

SOSIA I.
Bleiben auch nicht aus!
Sie kommen, wie die hundert Schaf', in's Haus!
Und bald wirst du noch andre Dinge hören:
Da uns geräumig nicht des schönen Ofens Röhren,
So hab' ich bei der ganzen Nachbarschaft, {115}

Mir schon dazu Gelegenheit verschafft.

DAMOKLEIA.
Wozu?

SOSIA I.
Ei nun, zu sieden und zu braten!

DAMOKLEIA.
Das nenn' ich seines Herren Vortheil schlecht berathen!

SOSIA I.
Glaubst du, daß so viel Volk nicht schon was ißt und trinkt?
Ei, wenn's sogar unglaublich dich bedünkt:
So geh', und frag doch selbst Amphitruon! {116}

DAMOKLEIA,
Daß er mich anließ! Und was hätt‘ ich auch davon?
Nein, nein – bestätigt mir es nur des Dieners Mund,
Ist mir's genug, ich thu's den Andern kund!
(Indem sie Andria mit ihren Kindern, die sich indeß unter die Thür geschlichen, gewahr wird.)
Was willst du, Andria? Gebot ich dir
Nicht vorhin, während des Gespräch's Entfernung?

SOSIA I.
Laß sie nur da! Ob innerhalb der Thür
Sie, oder draußen horcht: das gilt ja gleich! {117}

DAMOKLEIA.
(seitwärts zu ihr.)
So bleib! doch hüte dich vor Zank mit deinem Mann!

ANDRIA.
Verlaß dich drauf! Ich will ihn auf's leutseligste empfahn,
Und so gerecht mein Zorn ist, den noch an mich halten!

DAMOKLEIA,
Thu's! Ich indessen treff' die nöth'gen Voranstalten!
(ab.) {118}

FÜNFTER AUFTRITT.

SOSIA I. ANDRIA, sein Weib, mit ihren drei Kindern.

ANDRIA.
(mit ausgebreiteten Armen auf ihn zueilend.)
O schöner mir, o längst erwünschter Tag!
Bringst den Gemahl mir heim in's Ehgemach!

SOSIA I.
War böse Nachricht denn von mir hier eingegangen?

ANDRIA.
Ei wohl! Schon zwei Mal sagten sie, du seyst gehangen. {119}

SOSIA I.
Sieh, sich! Wie lebtet ihr indeß? Doch wohl bethan?

ANDRIA.
Uns ging's, wie's Weib und Kind ergehen kann!
Dahier die Kleinen liefen oft an's Fenster,
Und kein Maulesel, der die Straße zog,
Daß sie nicht riefen: „Vater, Vater kömmt!“

SOSIA I.
Verbindlich! Aber mir ging's auch nicht besser!
Denn jeder Hahn, des frühen Dorf's Trompete, {120}

Bracht in's Gedächtniß, Weib, mir deine Stimme. –
Doch dabei fällt mir ein – wie sich's gebührt:
Habt ihr indeß doch hier gut Regiment geführt? –
Den Murner von der Feuerstäte,
Die Hühner von des Gartenthors Stakete
Mir abzuhalten Sorge fein getragen?
Ja und noch eins – was wollt ich sagen?
Wie steht's? giebt's heuer Trauben viel und Heerling?

ANDRIA.
Nein, alles haben aufgezehrt die Sperling! {121}

SOSIA I.
O du drei Mal mir verhaßter
Feind der Götter, Feind der Menschen,
Sperling, Kirschendieb, Verräther,
Du, den keine Schlingen fahen,
Keines Lockheerds Pfeifen nahen;
Stets zu necken, stets zu plagen,
Folgst du Pflug und Erndtewagen;
Kirschen und Johannisbeeren,
Dünken gut dir zu verzehren;
Auch behagen deinem Gaumen
Angepickt die reifen Pflaumen;
Stets auch stehen die Gedanken
Dir nach schönen Weinbeerranken!
Deine Söhne, deine Töchter:
Sie sind keine Kostverächter!
An der Dachrinn', an den Sparren,
Welch ein Piepen, Krach sen, Scharren; {122}

An den Scheunen, vor den Ställen,
Wohnen kleine Diebsgesellen: –
Sorget ja, daß nichts verderbe!
Hüpfet auf die Futterkörbe!
Stehlt der frommen Hühnermutter,
Stehlt dem Hahn sein goldnes Futter!
Wetzt die Schnäbel unerschrocken
Selber nach des Tischtuch's Brocken!
Krappelt früh und krappelt spät
Euch ein lustig Hochzeitbett! –
Sperling, Sperling, du verhaßter
Feind der Götter, Feind der Menschen,
Der du meine Beeren fraß’st:
O wie bist du mir verhaßt!

ANDRIA.
Schwer hat der Grimm auf sie dein Innerstes gefaßt: {123}

Dich zu besänft’gen – sieh, mein lieber Mann,
Doch hier die allerliebsten Kleinen an,
Die Freude der gesammten Nachbarschaft,
Und freu’ auch du dich deiner Vaterschaft!

SOSIA I.
(sie betrachtend.)
Dich kenn' ich wohl, du kleiner Narre,
Dahier an deines linken Backens Schmarre,
Du da bist Chrysis? – Davus du?

ANDRIA.
Ganz recht! {124}

SOSIA I.
Doch hier den dritten kenn' ich schlecht;
Er kömmt mir fremd und unerwartet;
Auch scheint er ganz aus dem Geschlecht geartet!

ANDRIA.
Das dünkt mich nicht, mein lieber Sosia,
Ist deiner Aehnlichkeiten holde Spur doch da!
Dieselbe liebenswürd'ge Eigenheit,
Daß seine Augenwinkel beid'
Auf einen Nasenpunkt zusammenzielen!

SOSIA I.
Was willst du damitsagen, Weib? He, was? Ich soll doch hier nicht etwa schielen? {125}

ANDRIA.
Behüte! aber daß das holde Kind dir unbekannt,
Ist wohl kein Wunder! Als in Feindesland
Du streitbar lagst vor Teleboä's Thoren:
Hat seine Mutter hier in Schmerzen es geboren;
Hör und vernimm's, und freue drob dich, Lieber,
Das ist der kleine Chrysososthenes;
Komm her, mein Kind, umarme deinen Vater!

SOSIA I.
Was, Chrysososthenes, was, Kleiner! lauf!
Such dir im Werkhaus deinen Vater auf, {126}

Der dort die Mühle dreht, im Sklavenhaufen!
(zu Andria, die ihm das Kind mit Gewalt zuführt.)
Ich mag und will von ihm nichts wissen – laß ihn laufen!
Beklagenswerthes Schicksal des Soldaten;
Der, treu ergeben seinem Potentaten,
Die Welt entvölkert und verheert,
Und dem ein Anderer indeß das Haus vermehrt!
Mehr Kinder kriegt er 2, zum Ersatz,
Als Feind' oft auf dem Festungsplatz
Sein gut geschliffnes Schwerdt gemord't! –
Mir hat der Zorn die Leber angezündet, {127}

Daß ihr nicht diese Fäuste schwer empfindet!

ANDRIA.
So glaub'st du nicht, o du verstockt und blind
Gemüth, daß die hier deines Blutes Kinder sind?

SOSIA I.
Was glauben, Weib? Ich weiß es mit Gewißheit!

ANDRIA.
Was, Kürb’skopf, sprich! Was weißt du mit Gewißheit?

SOSIA I.
Ei nun, daß sie Merkur mit gleichem Rechte, {128}

Wie ich, wohl seine Kinder nennen möchte!

ANDRIA
Daß also Davus?

SOSIA I.
Ja, und Chrysis auch!

ANDRIA.
Und hier der kleine Chrysososthenes?

SOSIA I.
Auch der!

ANDRIA.
Von einem Andern?

SOSIA I.
Sag es frei heraus? {129}

ANDRIA.
Von einem Andern – ich erstick' vor Bosheit!

SOSIA I.
(für sich.)
Nun zu! So sparst du mir die Müh', dich zu erdrosseln!

ANDRIA
Wohlan – so bin ich auch dein Weib nicht mehr!

SOSIA I.
Das wußt‘ ich längst schon!

ANDRIA.
Und besteh‘ auf Scheidung! {130}

SOSIA I.
Wann?

ANDRIA.
Morgen!

SOSIA I.
Heut! –

ANDRIA.
Jetzt! –

SOSIA I.
Diesen Augenblick!
– Sieh Andria, erst nun gefällst du mir!
Das ist bei weitem der gescheit’ste Einfall,
Seit dem ein Paar wir sind, aus deinem Mund: {131}

Komm her, und laß dafür dich herzlich küssen!
(umarmt sie.)

ANDRIA.
Verräther, wie? so willst du mich verlassen?

SOSIA I.
Es scheinen Sonn' und Mond auf allen Straßen!

ANDRIA,
Mir soll kein Pfand von deiner Treue bleiben?

SOSIA I.
Ei nun, wir können ja einander doch noch schreiben! {132}

ANDRIA.
Nachdem du durchgebracht mir alle meine Habe? –

SOSIA I.
Nackt kömmt der Mensch zur Welt, und nackt geht er zu Grabe!

ANDRIA.
Nachdem du selbst mein Bett vertrunken mir in Meth?

SOSIA I.
So stehst du früher auf, und schläfst nicht mehr so spät!

ANDRIA.
Sobald vergißt du die drei Kindlein, zur Beschwerde
Mir auf den Hals gesetzt? {133}

SOSIA I.
Ei, setz sie auf die Erde!

ANDRIA.
Zu lang’ wird ohne dich mir Leben und Geschick!

SOSIA I.
Nun so verkürz' es dir!

ANDRIA
Wodurch?

SOSIA I.
Durch einen Strick!

ANDRIA.
Verräther, Dieb! – {134}

SOSIA I.
(zurückweichend.)
So sparen wir die Ehescheidungskosten! –
Vergieb! Jetzt muß ich vor die Thür auf meinen Posten!
(für sich.)
Nun wird's wahrhaftig Zeit, daß ich mich hier entferne;
's ist klar, sie hat's gemünzt auf meine Augensterne!
(ab.)

ANDRIA.
(zu ihren Kindern.)
Du Chrysis, Davus! Lauft dem Vater nach!
Verfolgt ihm Tritt und Schritt! Hört, was er sprach! {135}

Gehorcht, gespionirt! Du vor der Thür,
Du hinter! fällt was vor, bringt Nach richt mir!
(Indem sie Jedem eine Maulschelle giebt, und es umdreht; dann mit Chryso sosthenes auf dem Arm ab.)

SECHSTER AUFTRITT.

Platz vor dem Hause.

ELECTRYON an die Thür klopfend, SOSIA I. sie ihm eröffnend.

ELECTRYON.
Ei guten Abend, lieber Sosia,
Nun, ist dein Herr, mein Eidam, wieder da? {136}

SOSIA I.
Wen meinst du? deinen Eidam, oder meinen Herrn?

ELECTRYON.
Amphitruon!

SOSIA I.
Ja so, der ist noch fern!

ELECTRYON.
Noch fern! Das wundert mich! – Es wollten Hirtenknaben,
Und andre Leut ihn doch bereits gesehen haben!

SOSIA I.
Was mich wahrhaftig Wunder nahm:
So sahen sie ihn eh'r noch, als er kam! {137}

ELECTRYON.
Dich hat er wohl hierher vorausgegeschickt?

SOSIA I.
Mitnichten!

ELECTRYON,
Kommst du denn von selbst?

SOSIA I.
Viel wen’ger noch!

ELECTRYON.
Wie? Also weder mit, noch ohne Auftrag?
Was bringt denn sonst für ein Geschäfft dich her? {138}

SOSIA I.
Versteht sich, eins, das meinen Herrn betrifft!

ELECTRYON.
Der Wein verwirrt dir, guter Mensch, die Zunge:
Du häufst ja nichts, als Widerspruch auf Widerspruch!
Bald ist Amphitruon noch unterwegs;
Und bald ist wiederum dein Herr zu Hause;
Bald gab Amphitruon dir keinen Auftrag;
Und bald hat einen dir dein Herr ertheilt.
Doch steh' ich da, und hör den Narren an: {139}

Alkmene soll mir selbst das Räthsel lösen!
(will in's Haus.)

SOSIA I.
Zurück! Für, heut ist Jedem diese Thür verschlossen! –

ELECTRYON.
Auch mir?

SOSIA I.
Und wenn Amphitruon auch selbst erschien:
So lautet mein Befehl, ihn abzuweisen!

ELECTRYON.
Was sagst du, närr’scher Mensch? Amphitruon {140}

Hieß dem Amphitruon die Thür dir weisen?

SOSIA I.
Nicht anders!

ELECTRYON.
Nun, bei’m Jupiter, so ist
Der Diener hier, so wie sein Herr, nicht klug!

SOSIA I.
(der hineingeht und die Thür hinter sich zuwirft.)
Das brauch' ich ja wohl nicht mit anzuhören!

ELECTRYON.
O nie erhörter, bittrer Schimpf! Er geht, {141}

Und läßt mich alten Mann am Eingang stehn!
Was thu' ich? dring' ich mit Gewalt in's Haus?
Poch' ich noch ein Mal? Nein, Electryon,
So etwas wagt kein Sklav' je ungeheißen!
Sieh, der berühmt geword'ne Feldherr schämt
Sich jetzo wohl des ländlichen Verwandten!
Warum auch bin ich in die Stadt gekommen,
Wo nichts hinein mich, als Alkmene, zieht,
Und die zur Tochter angestammte Neigung!
So lebe wohl dann, du verhaßte Schwelle, {142}

Nie wirst du mehr von meinem Fuß berührt!
Ich will zum Gastfreund Eteokles gehn:
Der wird mir Herberg? auf die Nacht gewähren,
Bestätigt mir von dem es nur ein Wort:
Dann Morgen mit dem Früh’sten wieder fort!
Zurück auf's Land, wo, unter meinem Dache,
Die Schwalbe friedlich wohnt; – auf seiner Morgenwache
Der Hahn, mit munterm Flügelschlage, sich erfreut,
Und selbst der Dohlenschwarm, der mir das Haus umschreit,
Nicht abgewiesen wird; da, da, wo hingereiht {143}

Ehrwürd’gen Hauptes grau in Wolken Eichen dringen,
Die mir so oft der guten, alten Zeit,
Und bess'rer Menschen Angedenken vor die Seele bringen!
(ab.)

SOSIA I.
(der aus dem Hause hervor tritt.)
Fort ist der Alte! Laß stets größere
Verwirrung uns auf Morgen vorbereiten!
Da kömmt Bybachides, der Bader, eben;
Den muß ich gleich falls einen Auftrag geben! {144}

SIEBENTER AUFTRITT.

BYBACHIDES.
(im Selbstgespräch aus dem Schoppen hervorkommend.)
's braucht grad' nicht Mondschein alle Tag zu seyn!
's giebt auch Gewerbe, die bei Nacht gedeihn!
Wie sie dem Dieb die Leiter hält zum Einbruch:
Verhilft dem Bader sie zu Arm- und Beinbruch!
Hm! Laß, nach den verschiednen Stadtquartieren
Doch die Patienten uns ein wenig reguliren!
Prötis Thor: –
Funfzehn zerquetscht an Nas' und Ohr, {145}

Am Grabmal des Teiresias;
Der drei und zwanzigste Aderlaß –
Und, an des guten Rathes Stein,
Ein aus der Kugel gefallnes Bein –
Summa Summarum, zu den andern drei'n –
Ja das macht Zwei und Vierzig grad!
Und das ist hier bloß in der Stadt,
Und im Bezirk von Thebens Mauern;
Denn draußen auf dem Land die Bauern,
Die schicken erst Morgen die Wagen herein –
Wird das ein Reiten und Fahren seyn!
Bothen zu Pferd, und Bothen zu Fuß,
Nach mir, dem Theban'schen Landphysikus! {146}

Nein Jupiter, was man auch sagen kann,
Verläßt doch niemals einen braven Mann,
Dem Ernst es ist in seinem angewiesenen Beruf!
So sind mit Patienten, zum Behuf
Für einen und des nächsten Monats Lauf,
Wir vollauf nun versehn – vollauf!

SOSIA I.
(ihm nachrufend.)
Pst, Herr Bybachides, he, Nachbar Bader!

BYBACHIDES.
(unkehrend.)
Was giebt's? Sieh da, mein trauter Sosia! {147}

Seyd uns zum schönsten aus dem Feld willkommen!
Was Tüchtiges von Beute mitgebracht?

SOSIA I.
Ein Paar Blessuren!

BYBACHIDES.
Sind doch gut geheilt?

SOSIA I.
So, so!

BYBACHIDES.
(für sich.)
Um desto besser!

SOSIA I.
Doch mein Herr – {148}

BYBACHIDES.
Amphitruon – nun der?

SOSIA I.
Im Kniegelenk
Sitzt ihm ein Pfeil, zusammt dem Widerhaken!

BYBACHIDES.
O weh, o weh!

SOSIA I.
Und darum schickt er mich zu Euch –

BYBACHIDES.
So. Den Pfeil ihm auszuziehn? – gleich, sogleich!
(will in's Haus.) {149}

SOSIA I.
Jetzt nicht! Er scheu't bei Lichte die Besichtigung!

BYBACHIDES,
Wie ihm beliebt! So komm' ich Morgen früh!
Denn ohnedies ruft zur Akropolis
Mich eben diesen Augenblick ein Beinbruch!
(ab.)

SOSIA I.
(ihm nachrufend.)
Geleiten doch die Götter deine Füße,
O edler Mann du, über jedes Steines Anstoß,
Der du so treulich für die unsern sorgst! – {150}

Doch sieh! – Was ist denn da schon wieder los!
Was? – Licht und Schatten? Und mit Hellebarten?
Und Thraso auch? – Die will ich oben doch vom Dach erwarten!
(ab in's Haus.)

ACHTER AUFTRITT.

LICHT und SCHATTEN. Hinterher THRASO, und der Koch DORISKUS.

SCHATTEN.
Kommt Thraso schon, die alte Kriegskarkasse? {151}

LICHT.
(leuchtend.)
Ja, seine Nas' ist nur die Ecke von der Straße!

SCHATTEN.
Da ist er in ein Paar Minuten auch wohl da!

LICHT.
Ich hör' ihn schrein! –

SCHATTEN.
Das ist sein Tritt; ja, ja!

THRASO.
(der geharnischt hinter der Szene heranklingt.)
Licht! {152}

LICHT.
Holla!

THRASO.
Schatten!

SCHATTEN.
Hier!

THRASO.
Doriskus!

DORISKUS.
He!

THRASO,
(hervortretend.)
Gebt Meldung, ist beisammen die Armee?

LICHT.
Vollzählig! {153}

THRASO.
Doch, wo bleiben Hauptmann Brummherum und Krach'?

LICHT
Sie kommen nicht, sie haben heut die Wach'!

THRASO.
Nun wiederholt mir das blasphemische Gespräche,
Das Sosia verführt, in Gegenwart der Köche!

SCHATTEN.
Er wagts, uns hundert Prügel anzudrohen!

THRASO.
Wem? {154}

SCHATTEN.
Uns und Euch, dem edelsten Heroen.

THRASO.
Der Hund!
(seinen Degenknopf in die Scheide zurückstoßend.)
Geduld' ein wenig noch in deiner Scheide Garnison,
Dich hier, mein Schwerdt! Bald kriegst du Futter nun, mein Sohn!
Klopft an die Thür! Meld't ihm, daß Thraso nah ist!

LICHT.
Ich fürchte nur! –

THRASO.
(drohend.)
Wer fürcht't, wo Thraso da ist? {155}

SCHATTEN.
Niemand! – Doch hast du, o mein Held und Herr und König,
Nicht von dem Pulver, festzumachen uns, ein wenig!

THRASO.
(der ihnen ein Paar Päckel zuwirft.)
Da!

LICHT.
Was ist's?

THRASO.
Hirschhorn und pulv'risirte Löwenklau!

SCHATTEN.
Was soll das aber helfen, sagt's genau! {156}

THRASO.
Gleich wie das tapferste der Landthier ist der Leu:
Wohnt Löwenmuth der Löwenklau auch bei!

LICHT.
Und was hat's mit dem Hirschhorn für Bewandniß?
Eröffnet, lieber Herr, uns drob auch das Verständniß!

THRASO.
Gleich wie das flüchtigste der Landthier ist das Reh:
Dient Hirschhorn zu Retraiten der Armee! {157}

LICHT.
Herr, kann man alle zwei nicht zur Retraite brauchen,
Hirschhorn und Löwenklau?

THRASO.
Da seh' mir eins den Gauchen!

LICHT.
Denn da der Leu den Hals der Hirschkuh bricht,
Muß er ja schneller seyn im Lauf noch, meint ihr nicht?

THRASO.
Dummkopf!

LICHT.
Meinshalb auch! Sagt nur, ist das Hirschhorn recht bewährt? {158}

SCHATTEN.
Die Wunder, die es thut, sind unerhört!
So thät Herr Thraso nur noch neulich ein Paar Stiefel mir verkaufen:
Sieh, Licht, da spürť ich recht des Hirschhorns edle Kraft;
Denn diese Stiefel waren dir vom Schaft
Bis auf die Sohlen rein, rein abgelaufen!

THRASO.
Nun g'nug der Possen und der Narrentheidung!
Und laßt bedacht uns seyn auf Angriff und Vertheid'gung!
Klopft an!
(Licht klopft.) {159}

SOSIA I.
(von oben.)
Wer klopft? Was soll die Nachtmusik?

LICHT.
Herr Thraso ist's!

SOSIA I.
Das alte Waffenstück?
Was will er? Kommt er, sich die hundert Prügel abzuholen?
Juckt's ihm so sehr drum unter seinen Sohlen?

LICHT.
Elendester! – O Sklav'! Ergreift dich Wuth zum Rasen? {160}

Dem Helden, welcher, mit dem Schatten bloß von seiner Nasen,
Soldaten oft zu Dutzenden verjug aus feindlichen Gebieten:
Dem wagst du, unter seiner Nas' hier, Trotz zu bieten?

SOSIA I.
Nun nun, um seine Nase wollen wir nicht rechten;
Ist sie so lang, als wie ihr sagt: nun gut – so werden wir im
Schatten fechten!

THRASO.
Nun bricht mein Ingrimm durch die Dämme der Geduld!
Laufhausisches Geschütz, Steinhagel, Katapult, {161}

Gift, Sarras, Dolch und Schwerdt, Brumm'rum und Mauerbrecher,
Ihr Hauptleut', all herbei!

SOSIA I.
Armseliger Großsprecher!
Mein'st du, es fehl uns hier im Hause auch an Waffen?
Hört, Kuchenbecker, auf im Kuchenteig zu schaffen,
Und schafft sogleich vom Hauptmann Brummherum
Mir da das Antlitz zum Pastetenteige um!

SCHATTEN.
(furchtsam.)
Schon hör' ich Waffen nahen aller Arten! {162}

LICHT.
Herr, wär's nicht gut, Verstärkung abzuwarten?

THRASO.
(laut.)
Recht, Licht! Lauf Augenblicks zu Thais Thor!
Es rücke Pyrrhus mit dem Fußvolk vor!
Bescheid' hierher die funfzig Bogenschützen!
Befiehl den zwanzig Reitern aufzusitzen!
Mit ihnen soll, wie mit der Garnison aus Asiens festen Plätzen,
Mein Sohn, der Pyrrhus, gleich in Marsch sich setzen! {163}

SCHATTEN,
Herr, Pyrrhus euer Sohn, der kann ja noch nicht laufen!
Der ist ja kaum zwölf Monat alt!

THRASO.
Nicht laufen?
Wie, Schurke, weilst du nicht, daß, was ein echt Soldatenblut Ist,
Daß das marschirt, so wie es auf die Welt kömmt?

SCHATTEN.
Ich hatt's vergessen, Herr, wenn ihr's nicht übel nehmt!

LICHT.
Der Lärm bricht ein! Flieh'n wir, sonst wird's zu spät! {164}

THRASO.
Richt't Euch! In Ordnung angetreten die Retrait!
(Beim ersten Geräusch laufen alle drei davon.)

LICHT.
(im Weglaufen.)
Nun flink dem Hirschhorn sich vertraut,
Und weder links noch rechts sich umgeschaut. {165}

NEUNTER AUFTRITT.

DORISKUS.
(der allein stehen geblieben.)
Die ganze Küche naht armirt!
(zu den Köchen und untern Küchenbedienten, die mit Feuerzangen, Schüreisen und andern Küchen-Instrumenten bewaffnet auf ihn einstürzen.)
Respekt ihr Schurken, der dem Oberkoch gebührt!

SOSIA I.
Schlagt zu! Schont Niemand!

DORISKUS.
Nun ich geb' mich ja gefangen!

SOSIA I.
Schließt Waffenstillstand denn auf sein Verlangen! {166}

Erster Artikel:
Verspricht auf mein Gebot,
Der Oberkoch Doriskus, so viel Brod
Und Kuchen wir vorhin für gut befanden,
Zu backen –

DORISKUS.
Num'ro Eins wird zugestanden!

SOSIA I.
Zweiter Artikel:
Verspricht der Oberkoch,
Sich weder in der Zahl der Opferstiere, noch
Der Schaf' und Widder, mir, dem Küchenabgesandten,
Zu widersetzen – {167}

DORISKUS.
Num'ro Zwei wird zugestanden!

SOSIA I.
Dritter Artikel:
Nach abgeschlossener Capitulation
Besteigt der Koch Doriskus wieder seinen Thron,
Mit allen seinen Rechten und Gefällen;
Die, über Kuchenbecker und Gesellen,
Et caetera, er wird im selben Augenblicke überkommen.

DORISKUS.
Ratificirt, so an der Küchenrauf' und angenommen!
(mit den andern Küchenledienten ab in's Haus.) {168}

SOSIA I.
So! Mit dem Schmause wären wir in Richtigkeit!
Doch sieh', was nahen da schon wiederum für Leut?
Ei, seh' ich recht? – Wahrhaftig Sosia,
Mein zweites Ebenbild ist auch schon wieder da!
Ich hör ihn kommen, seh' ihn fechten,
Mit der Linken, mit der Rechten;
Also nimmt, den Berg herauf,
Er zum Hause seinen Lauf!
(tritt zurück.) {169}

ZEHNTER AUFTRITT.

SOSIA I. SOSIA II.

SOSIA II.
(der in einem tiefen Selbstgespräch auftritt.)
Nein, sag' ich, alles ist ein bloßer Traum!
Glaub' ich es mir doch selber kaum!
Wie würde mich Amphitruon verlachen!
Ich muß mich darum noch gewisser machen!
(indem er Sosia I. gewahr wird.)
Minerv‘ und Jupiter, nun steht mir bei!
Da ist der widerwärt'ge Kerl auf's Neu!
Wahr und wahrhaft mein leibhaft Ebenbild! {170}
Und doch, so sehr mir auch die Galle schwillt,
Ich könnt‘ ihn doch mit keinem Schlag verletzen!
Hör' an, mein Freund, wir müssen uns im Guten setzen!
(ihn anredend.)
Da sieh'st du nun, was über Menschen die
Blutsfreundschaft nicht vermag und Sympathie!
Ein Andrer hier an meiner Stelle,
Der prügelte dich fort von dieser Schwelle;
Ich bitte dich nur: gieb mir Licht in diesem Labyrinth!
Sag mir’s, wie's zugeht, daß wir zwei so ähnlich sind?
Sind wir von einem Sosiengeschlechte? {171}

Und wer ist hier: Ich, oder du, der rechte?
Bist du das einige, alleinige und wahr,
Rein' fein' und unverfälschte Exemplar:
So sey so gut, mach mich davon auch klug;
Gieb mir von meiner Reis' ein Tagebuch!
Was ich gegessen, Speck und Kohl,
Plins' und Lins', bemerk' es wohl!
Wolle mir aller Wirthshäuser und Schenken,
Aller Becken, nebst ihren Bänken,
Aller Kneipen und Herbergen gedenken,
Wo ich gewesen in Person,
Wo das beste Essen, die wenigsten Floh'n; {172}

Aller Garküchen, worin nichts gar,
Vor Rauch's der Menge kein Fenster klar,
Und an allem Uebrigen Mangel vollauf war!
Doch nein, das mit den Standquartieren
Würde vielleicht zu weit uns führen!
Sprich, als ein tapferer Soldat,
Was neulich, während des Gefecht's ich that,
Indeß im Heer die Kriegsdrommete klang?

SOSIA I.
Die Leiter setztest du an einen Speiseschrank!

SOSIA II.
Was fand ich dort? {173}

SOSIA I.
Ein Brod und funfzehn Eier!

SOSIA II.
(für sich.)
Mir starrt das Blut! Nein, mit dem Kerl ist's nicht geheuer!

SOSIA I.
Für's zweite leerť ich einen Topf voll Feigen aus!

SOSIA II.
(für sich.)
Mir geht vor Schrecken fast der Athem aus!

SOSIA I.
Für's dritte! – {174}

SOSIA II.
Nun für's dritt'? (für sich.) Ich bin des Todes, wüßt' er
Auch das! Der Kerl hält über meine Sünden hier Register,
Als wär' ich's selbst leibhaftig in Person!
Der bringt mich noch um Dienst und Pension!

SOSIA I.
Für's dritte gab's von rothgesottnen Krebsen da ein Schock;
Ab zog ich diesen ihren rothen Rock!

SOSIA II.
Und daran that ich Recht! Dies rückwärts gehende Geschlecht {175}

Ist einem braven Kriegsmann stets verhaßt, und das mit Recht;
Drum schnitt ich funfzig ihren Rückzug ab, hieb drein,
Und schloß sie dicht in meinen Magen ein!

SOSIA I.
Du thatst das?

SOSIA II.
Ja, doch unter unsgesagt! – denn ich gehöre nicht zu den Soldaten,
Die – kurz ich prahle niemals gern mit meinen Thaten!

SOSIA I.
Auch hast du weder was zu prahlen hier, noch zu verschweigen; {176}

Denn was ich that, that Ich – und dazu war mir auch die Vollmacht eigen!

SOSIA II.
Du also aß'st das Brod?

SOSIA I.
Ja!

SOSIA II.
Du die funfzehn Eier?

SOSIA I.
Nun freilich!

SOSIA II.
Du die Krebs'?

SOSIA I.
Wer sonst? {177}

SOSIA II.
Sieh, sieh! das wär' der Geier!
Nun, nun – ich merk' wohl, meine Personalität geht hier verloren,
Und ein Mal bin ich in der Welt zu viel geboren!

SOSIA I.
Dem Uebel ist leicht abzuhelfen!

SOSIA II.
Gott!
So thu's doch nur, und schwatz' nicht lang!

SOSIA I.
(mit aufgehobnem Arm.)
Ich schlag' dich todt! {178}

SOSIA II.
Ein Todtschlag, pfui!

SOSIA I.
Ei was, du bist ja ohnedies ein Dieb!

SOSIA II.
So wie ich bin: – so nehmt mit mir vorlieb!
Ja – greif' ich mir in meinen Busen recht –
Gestohlen hab' ich – das ist wahr – doch bin ich drum nicht schlecht!
Schlecht bin ich nicht! – Was könnt ihr Weiters auf mich bringen?
He? Sagt mir, Herr, ob, ausgenommen diesen Punkt, in allen Dingen {179}

Ich ein grundehrlich, braves Blut nicht bin?

SOSIA I.
Du bist und bleibst ein Taugenichts von Anbeginn!

SOSIA II.
Ein Taugenichts? – Ich rede nichts darein!
Die Demuth schickt sich wohl für Groß und Klein,
Für Arm' und Reich', für Fern und Nah'; –
Kurz, – was ich bin, das bin ich – Sosia!

SOSIA I.
Du Sosia? Erzunverschämter Spitzbub! Hab' ichs dir {180}

Nicht hundert Mal schon heut vor dieser Thür
Gesagt? Ich leide keinen Narr'n hier, der mit mir
Den gleichen Namen führt!

SOSIA II.
Nun darin denken wir verschieden!
Was mich betrifft, ich bin es gern zufrieden!
Wie Täckel, Möppel, Dächse alle Hunde heißen:
Ei, warum soll'n denn auch zwei Sklaven hier nicht Sosien heißen?

SOSIA I.
Ich will's nicht! {181}

SOSIA II.
Nun – so sagt mir nur, bin ich nicht Sosia, wer bin ich sonst?

SOSIA I.
Du? – Ein Soldat, so lang' du dich am Zeltpfahl sonn'st;
Im Stand, beim ersten Stoß von der Trompete, gleich davon zu rennen!

SOSIA II.
(für sich.)
Nein – meine Mutter könnte mich nicht besser kennen!

SOSIA I.
Ein Dieb, ein Erzschmarotzer und ein Lecker,
Die Landplag' aller Kellner, Fleischer und Becker! {182}

SOSIA II.
(für sich.)
Da hat er Recht!

SOSIA I.
Ein Kerl, dem ein Schock Krebs', ein Brod und funfzehn Eier
Weit mehr, als Ruhm und Ehre, bei der spätsten Nachwelt theuer!

SOSIA II.
(für sich.)
Da hat er Recht!

SOSIA I.
Ein Schurk’, im Streite seinen Potentaten {183}

Für einen Topf voll kar’scher Feigen zu verrathen!

SOSIA II.
(für sich.)
Da hat er auch Recht!

SOSIA I.
Mit einem Worte – ein so feiges Blut,
Daß selbst sein Weib ihn täglich prügeln, thut!

SOSIA II.
(für sich.)
Da hat er wieder Recht! 's ist unerhört!

SOSIA I.
Und eben drum der Prügel zwiefachwerth!
(schlägt ihn.) {184}

SOSIA II.
Da hat er Unrecht! – Nein, nun geht's an's Leben!
Nein, darin kann ich ihm unmöglich Beifall geben!
Halt ein! Was thust du, Sosia, bedenk!
Verlieh ein Gott dahier die Aehnlichkeit uns zum Geschenk,
Uns zwei so nahen, theuren Blutsverwandten,
Daß Zwiste so verderblich zwischen uns entbrannten?
Bei unserm rechten Ohr in Lydien;
Bei unsrer Mutter in Numidien;
So wahr sie, die uns säugte, eine Schwarze
Gewesen ist; dahier bei deines linken Backens Warze, {185}

Beschwör ich – bitť ich dich – laß ab, laß ab
Von meinem Rücken doch mit dem vermaledeiten Stab!
Pfui, schickt sich das? ist's Sitť? ist das erlaubt? heißt das gelebt wie Brüder?

SOSIA I.
Ei freilich, Narr, wir sehn uns stets mit Zank und Prügeln wieder:
Das war echtbrüderlich, von Weltenanbeginn!

SOSIA II.
(inden Jener etwas von ihn abläßt.)
Was für ein widerspenstiger, böser Kerl ich bin,
Und wie aufsätzig meinem eignen Fleisch und Blut! {186}

Ist dies hier nicht mein Arm? und dies mein Hut?
Und dies mein Stock? und dies hier unser Haus;
Warum denn prügl’ ich selbst mich unbarmherzig aus?
Warum wohl geh' ich nicht in's Haus hinein?
Ich Tölpel! Bestie ich! ich Stock! ich Stein!
(ohrfeigt sich bitterlich.)

SOSIA I.
Wart, wart; dabei kann ich dir auch behülflich seyn!

SOSIA II.
Schon gut! schon gut! – Ich seh' wohl meine Zweifel werden hier beschwerlich! {187}

Auch räum' ich's ein, ich bin nun hier entbehrlich!
Der alte Sosia hat sich verjüngt,
Und ob vor Galle gleich das Herz mir drob zerspringt:
So zwingen doch, beim näheren Betrachten,
So viele gute Eigenschaften mich, dich hochzuachten;
Ja, wenn ich es bei Licht und Recht erwäge,
Ergötzt dein Abbild mich auf alle Wege!
Komm her, gieb brüderlich und Fuß an Fuß
Gesetzt, mir darum einen Abschiedskuß!
(umarmt ihn.)
Seyd Zeugen, Freunde, gute Nachbarsleute, {188}

Du Mond, und du da glänzendes Gestirn vom Pol!
Somit entbietet Sosia, der Zweite,
Hier Sosia dem Ersten, Lebewohl!
(ab.)

SOSIA I.
Nun hurtig in das schöne Haus! Da, von dem Giebel,
Bereit' ich zu Amphitruon ein neues Uebel!

DRITTER AUFZUG.

DRITTER AUFZUG.

ERSTER AUFTRITT,
Platz Ver dem Hause.

AMPHITRUON II., dem SOSIA II. mit einer Laterne vorleuchtet.

AMPHITRUON II.
Das ist die abgeschmackteste Erzählung,
Die jemals, im Gehirn von einem Sklaven, {192}

Der Rausch und Weindunst ausgebrütet hat!
Wer weiß, was du gesehn hast, Kerl!

SOSIA II.
Gesehn?
Ja schön gesehn! Gefühlt hab' ich, gefühlt!
Schaut her, hier sind die blauen Flecken noch!

AMPHITRUON II,
Du bist ein Narr!

SOSIA II.
Ei was, bin ich ein Narr:
So steht ein andrer Narr mir auch zur Seite;
Denn hier ist alles doppelt! {193}

AMPHITRUON II.
(drohend.)
Kerl!

SOSIA II.
Ich bin verdrüßlich!
Es ärgert mich; mich wurmt's, ich bin ein Mensch;
Mir läuft die Gall' in's Blut und, ist's ein Wunder:
Ich werde, wer ich bin, doch selber wissen!

AMPHITRUON II.
So sprich – wie sah die Nachterscheinung aus?

SOSIA II.
Wie? Schöne Frage! Sagt, wie seh' ich aus? {194}

He! Groß von Wuchs – schön, stattlich von Figur!
Im Kopfe ein Paar brennend schwarze Augen:
So seh' ich aus – so sah auch Jener aus!
Kurz die Latern' und Prügel ausgenommen:
Sonst ist er mir in allem gleich gekommen.

AMPHITRUON II.
Nun gut, ich faß’ noch ein Mal die Geduld
Dich anzuhören, Bestie! (für sich.)
– So vielleicht
Komm' ich am besten hinter seine Schliche
Nur bring's zu Ende bald und sonder Umschweif! {195}

SOSIA II.
Von Teleboä durch Euch fortgeschickt,
Befiel mich ein gewaltig Grau'n; die Nacht
War stockpechfinster, Herr; ein jeder Laut
Erschreckte mich; die Eichen schnitten mir
Gesichter zu; der Dornbusch hielt mich fest an meinem Kleide;
Die Flüsse rauschten: halt ihn auf! und jeder Strauch
Stand auf, und schien mir ein erschlagner Teleboär.

AMPHITRUON II.
Kurz – kürzer, was zur Sache! Spar’ die Worte,
Was mich betrifft! – {196}

SOSIA II.
Geduld, das kömmt sogleich!
Da rief ich laut in meiner Herzensangst:
Beklagenswerthes Loos, ein Mensch zu seyn!
Und spräch' an meinem letzten Lebenstage
So Jupiter zu mir, wie ich nun sage:
„Auf, Sosia, beginn' auf's Neu nun deinen Lebenslauf,
Und steh' als Hund, als Pferd, als Esel wieder auf!"
Gleich spräch ich: Laß, Gebieter Himmels und der Erden,
Mich was du willst, nur keinen Menschen werden!
Versieh mit Krallen mich an jeder Tatze! {197}

Mach' mich zum Eichhorn, oder gar zur Katze!
Verläng're meine Ohr'n um ein Paar Zoll;
Ich will ein Esel seyn, und ohne Groll!
Ja thu' zuletzt mich gar in ein Futt'ral und stecke,
Versehn mit Hörnern, mich in's Haus von einer Schnecke!
Ich murre nicht – ich habe nichts dawider!
– Du wunderst dich, und hast doch alle meine Brüder
In Haid' und Feld, hast Vogel, Fisch und Affen
Weit glücklicher, als wie wir Menschen sind, erschaffen.
Der Esel zupft sein Bündel Heu,
Und fühlt sich frank und froh dabei; {198}

Der Hund verschreibt frischweg vom Grase
Sich ein Recept mit kluger Nase;
Der Has' ißt ohne Löffel seinen Kohl;
Der Schneck' im Weißkraut es ist wohl;
Des Treibers Pfeife kürzt die Last Kamelen;
Harmlose, wie die Jahrszeit, fröl'che Seelen,
Ziehn Schwalben weiter, wie der Sommer flieht,
Und wie sie ziehn, erschallt ein frölich Lied;
Kein Gram furcht ihre Stirn; kein Denken macht sie hager;
Sie schickt kein Herr, kein böser Leuteplager,
Noch spät in Nacht und Finsterniß,
Von Memphis nach Persepolis, {199}

Und von Persepolis nach Theben,
So wie z. B. mich hier eben.

AMPHITRUON II.
Wie, Schurke, so erkühnst du dich, in meiner
Abwesenheit, von mir zu sprechen?

SOSIA II.
Herr,
Vor Jupiter da hab' ich kein Geheimniß!

AMPHITRUON II.
Es sey drum, plaudre fort! Wer, sagst du, stand
Als du hier ankamst, langʻ schon vor der Thür?

SOSIA II.
Ich! {200}

AMPHITRUON II.
Und, wer wehrte dir in's Haus den Eingang?

SOSIA II.
Ich!

AMPHITRUON IT.
Und, wer jagte dich mit Prügeln fort?

SOSIA II.
Ich!

AMPHITRUON II.
Nein, das ist zu toll!

SOSIA II.
Das sagt' ich auch,
– Und protestirte ganz gewaltiglich dawider! {201}

Allein was half's? Zuletzt da riß mir die Geduld;
Ich flucht, ich sprudelte, und, wie ich denn
Ein hitz'ger Kerl zeitall mein Lebtag war,
Ergriff ich einen Stock, und kriegte mich
Bei'm Kopf, und somit, hast du nicht gesehn,
Herr, bläu’te mich ganz unbarmherzig ab!

AMPHITRUON ll,
Wer kriegte dich bei'm Kopf?

SOSIA II.
Ihr hört ja – Ich!

AMPHITRUON II.
Und wer, wer bläu'te dich ganz unbarmherzig ab? {202}

SOSIA II.
Nun red' ich denn nicht deutlich?
Wieder Ich!

AMPHITRUON II.
Du?

SOSIA II.
Freilich, Ich mich Selber!

AMPHITRUON II.
Ich,
Und wieder Ich – und was verstehst du nur darunter?

SOSIA II.
Curiose Frag?! Ich weiß nicht, Herr, wie ihr mir heute vorkommt!
Ich, wenn Ich sage ich, so mein' Ich – Ich; {203}

Mein eignes und wohl conservirtes Selbst;
Mein Ich im Haus, nicht dies hier vor der Hausthür;
Ja, ja reißt nur die Augen sperrweit auf!
So ist's, Herr, meiner Mutter Sohn ist doppelt!

AMPHITRUON II.
Und wo ist denn der Schleier hingerathen?

SOSIA II.
Der Schleier?

AMPHITRUON II.
Ja, den ich dir gestern gab? {204}

SOSIA II.
Den hab' ich, so zu sagen, auf die Seite,
Und vor mir selbst in Sicherheit gebracht!

AMPHITRUON II.
Nun ist's genug der Lügen, Sklav‘, halt ein!
Auf diesen Punkt nur lenkt ich dein Geständniß,
Vollstreck' jetzt augenblicks, was ich dir sage!
Schleich um das Haus herum! Steig' über'n Zaun,
Und öffne mir von drinnen Schloß und Riegel!
Hier scheu' ich nur Tumult und Nachbarnauflauf, {205}

Das Weitre will ich drinnen streng beschließen.

SOSIA II.
Ach, schmerzhaft juckt mein Rücken mir! Mir ahndet
Kein Gut's, und dennoch muß ich blindlings ihm gehorchen!
(ab.)

AMPHITRUON II.
Kein Zweifel! Klar, wie Tag, ist der Betrug!
Der Schleier kam ihm unterwegs abhanden;
Nun sann er listig sich dies Mährchen aus,
Um seine Trägheit zu beschönigen!
Vielleicht verkauft er ihn wohl gar, der Lecker! {206}

Und schlürfte Chierwein dafür und Kuchen;
Das Stückchen sicht ihm älınlich! Aber nur Geduld,
Geduld, mein sauber Sosia! Du hast geglaubt,
In dem Tumult des freud'gen Wiederseh'ns,
Mit diesem Streich uns listig durchzuwischen;
Du irrst, dein harr't die strengste Untersuchung! –
Was gibt's? Ein Licht erscheint auf dem Balkon;
Ist's Sosia? Er ist's, was will er dort? {207}

ZWEITER AUFTRITT.

AMPHITRUON II. SOSIA I.

AMPHITRUON II.
He, Sosia, was thust du eben dort auf dem Balkon?

SOSIA I.
Ich warte, bis ein Narr vorbei geht, der,
Was seines Thuns nicht ist, mich darnach fragt!

AMPHITRUON II.
Verwegner Narr, mir eine solche Antwort?

SOSIA I.
Ich bin kein Narr, obgleich man hier mich dafür ansieht; {205}

Ihr seid ein Narr, obgleich man euch nicht dafür ansieht!
Ich sehe dümmer und ihr klüger aus, als wie ihr seyd;
Seht, das ist zwischen uns der Unterscheid!

AMPHITRUON II.
O unerhörteste Vermessenheit!
Verruchtester von Thebens Dieben,
Und glaubst du, ungestraft sie auszuüben?
Bei'm Jupiter, hier schwör ich's dir, noch heut,
Der Teleboär Manen dich zu opfern!

SOSIA I.
Nehmt Euch in Acht nur, daß man Euch nicht opfert! {209}

Hier ist Amphions Stätt', und manches Haus
Hat seine Leier hier aus Steinen einst errichtet;
Und noch verspüren sie die alte Kraft,
Wie ehedem, von seines Plektrons Schlägen,
Sich hier und dorthin munter zu bewegen!
Die Bäume kamen aus dem Wald
Und sprachen höflich: brauch' uns bald;
Dem Kalk war sehr daran gelegen,
Zu dienen gegen Wind und Regen;
Der Mörtel angelegentlich
Im Zuber selber rührte sich,
Und war schon froh, ward er zum Koben,
Im letzten Hofraum, nur erhoben: – {210}

So fügten der Musik Gesetze
Die roh'sten Blöcke sich und Klötze.
Geht unter diesem Dach hinweg darum,
Ich rath' es euch im Guten, oder, Herr,
Ihr seyd mit rothem Steinrock angethan,
Wofern euch Phöbus Strahl nicht ganz durchscheint,
Wenn seinen Morgengruß er Theben meldet!

AMPHITRUON II.
Wer spricht! Mit wem? Ist irgend dies ein Zwiesprach,
Den Luft und Mitternacht hier mit sich führt? {211}

SOSIA I.
Wie? Steht ihr immerfort noch da? Nun dann,
Flugs, lieben Ziegel, tummelt Euch, verrichtet
Amphions neuestes Geschäft mit Lust:
Ich pfeife muntre Weisen euch dazu!
(pfeift und wirft.)

AMPHITRUON II.
Das Wort erstirbt vor Grimm mir auf der Lippe;
Mir schwankt das Knie, und dunkel wird mein Auge;
Es klirren mir die Ziegel um den Kopf –
Ja wirf und pfeife nur, verwegner Sklav'!
Du triumphirst zu früh! Tod und Verderben {212}

Erklingen dir in jedem neuen Wurf!
Zwei Fischer kenn' ich; über'n Asopus
Hat mich ihr Kahn gesetzt; sie hol’ ich her!
Kehr’ ich so fällt in's Haus die Thür erbrochen;
Wir dringen ein; wir schleppen dich hinaus;
Beschwert mit Bleigewichtern an den Füßen;
Fest eingeschnürt in einen Sack; versenkt
In's tiefste Bett des Asopus, sollst du
Mir, eh' der Tag graut, Seehundsfutter seyn!
(ab.)

SOSIA I.
Ha, unerwartet, immer herrlicher {213}

Schlingt sich der Knoten; dort erscheint der Sklav'!
Fort nun, daß der mich nicht in's Auge kriegt,
Und sich zu zeitig der Betrug entwickelt!

DRITTER AUFTRITT.

SOSIA II.
(von der Gartenseite mit einer Laterne auftretend.)
Ich hab's auf alle Art am Zaun versucht:
Er ist zu hoch – ich komme nicht hinüber!
Allein, wo nur mein Herr, Amphitruon, {214}

Indeß geblieben ist? Er war doch hier!
Doch sey er, wo er sey; er wird wohl kommen!
Ich will indeß hier auf und ab spatzieren,
Bis er zurückkömmt! – Still, das ist sein Fußtritt!
Nein, 's ist Bybachides der Bader! – Hm!
Mir fällt was ein! – Wie wär's, ich ließe mir
Von dem den Bart abscheeren? – Herrlich! Trefflich!
Das gäb' ein gutes Unterscheidungszeichen,
Woran mein Herr mich leicht in Zukunft kennt! {215}

VIERTER AUFTRITT.

BYBACHIDES. SOSIA II.

SOSIA II.
Ei guten Abend, Herr Bybachides;
Wollt ihr so gut seyn, mir den Bart zu scheeren?

BYBACHIDES.
Warum nicht? Kommt nur mit mir in den Schoppen!

SOSIA II.
's geht nicht! Ich muß hier meinen Herrn erwarten!

BYBACHIDES.
So hol' ich Schemel und Rasierzeug her!
(ab.) {216}

SOSIA II.
Thut ihr sowohl, doch sputet Euch, Herr Bader!

BYBACHIDES.
(der zurück kommt.)
Da bin ich schon! Nun seyd so gut und setzt euch hier auf diesen Schemel,
Und leuchtet mir mit der Latern' ein wenig!

SOSIA II.
Recht gern!

BYBACHIDES,
(ihn einseifend.)
Was spricht man sonst von Krieg und Frieden Neu's? {217}

SOSIA II.
Der Krieg geht wieder los!

BYBACHIDES.
's ist doch entsetzlich!
Indeß so einen Feldzug macht‘ ich auch wohl mit!

SOSIA II.
Ihr hättet dazu die Kurasch’?

BYBACHIDES.
Was das betrifft!
Wie? oder meint ihr', 's sey so unbedeutend und so klein,
Landphysikus bei Thebens Volk zu seyn?
Sag' Euch, man weiß oft so ein'n Kerl kaum anzufassen; {218}

’s thät Noth zu Ader durch den Stiefel ihm zu lassen:
So grob, wie Elendsleder, schaut,
Ist abgehärtet unsrer Bauern Haut! –
Und dann die in der Erndte aufgeschoßnen Bärte: –
Eh man die abmäh't, da handtiert sich's leichter mit dem Schwerdte!

SOSIA II.
's ist wahr! – Im Grund ist's freilich wohl dasselbe Handwerk!
Denn mit Lanzetten, oder Klingen
Die Menschen aus der Welt zu bringen,
Und Baders oder Pluto's Haus: {219}

Das läuft an End' auf ein's hinaus!

BYBACHIDES.
Wart, wart, du zwei Mal unverschämter Spitzbub!

SOSIA II.
(aufspringend.)
Halt, Herr, da euer Messer reilst gewaltig!

BYBACHIDES,
Es wird was stumpf seyn – ja!

SOSIA II.
So schärft es lieber! {220}

BYBACHIDES.
Es fehlt das Leder mir zum Abzug!

SOSIA II.
Holt es Euch!

BYBACHIDES.
Wenn Euch indeß die Zeit nicht lang wird!

SOSIA II.
Dafür sorgt nicht!
(Bybachides ab.)

SOSIA II.
Der Schurke schabt mich bis aufs Blut, und nimmt
Mir mit dem Bart zugleich die Haut herunter!
Doch was giebt's da denn wiederum auf's Neue? {221}

Was für ein Lärmen zieht die Straß' herauf?
Wie? seh'ich recht? Mein Herr? und mit zwei Fischern?
Was hat der vor? und worauf geht sein Anschlag?
Wie's scheint: so wechseln sie gar heftig Worte!
Da ist nicht gut ihm in den Weg zu treten:
Ich will zurück mich in die Hausthür ziehn,
Und auf den Ausgang warten, was es giebt!

BYBACHIDES.
(der den Kopf aus seinen Schoppen steckt.)
Ich seh' Herrn Sosia nicht mehr auf seinem Schemel, {222}

Und höre ein Geräusch verworr'ner Stimmen;
Auch die Latern' ist ausgegangen! – Hm!
Im Dunkeln schmiedet sich da wohl ein neues Unheil!
Zurück in meinen Schoppen, bis es still wird;
Um diese Stund' ist's auf der Straße nie geheuer!
(ab.) {223}

FÜNFTER AUFTRITT.

AMPHITRUON II. hastig vorwegschreitend. Hinter ihm ein Paar Fischer, mit Säcken auf ihren Schultern und Laternen in den Händen, die pathetisch und mit langsam feierlich abgemeßnen Schritten ihm hinten nachfolgen.

AMPHITRUON II.
(der sich ungeduldig nach ihnen umsieht.)
Das sind ein Paar der faulsten Tagedieb' in Theben!
Ein Paar gedung'ne Schnecken leisteten
Mir grad' dieselben Dienste! – Kommt ihr endlich!
Ihr Schlingel ihr, so treibt doch eure Füß‘ ein wenig an! {224}

I. FISCHER
(der plötzlich Stillstand nacht.)
Herr, nicht geschimpft!

II. FISCHER.
(der ihm darin nachfolgt.)
Frei sind wir, und Thebaner!

I. FISCHER.
Und halten einen Schritt, wie uns beliebt!

II. FISCHER,
Mag junges Volk die Straßen wild durchrennen!

I. FISCHER.
Wir sind gesetzte Leute!

II. FISCHER,
Gehn gesetzt! {225}

AMPHITRUON II.
Gesetzte Schurken seyd ihr! Geht zum Henker!

I. FISCHER,
Und wenn ihr dies auch noch nicht wißt – wir sind zwei Brüder!

II. FISCHER.
Und Zwillinge dazu!

I. FISCHER,
An einem Tag
Bracht uns zur Welt die Mutter –

II. FISCHER,
Keinen früher! {226}

I. FISCHER
Und keinen später!

II. FISCHER.
Und seit diesem Tag
Ist's uns Gesetz, daß keiner früher kömmt –

I. FISCHER,
Und keiner später, Herr, wohin wir gehn!

II. FISCHER.
Ja Herr, ich und mein Bruder hier, Ameibias! –
So – eins – zwei, drei – seht, das ist unser Maaß!
(Maschinenmäßiges Fortrücken Beider.) {227}

AMPHITRUON II.
Das heißt, kommt ihr nicht heut, kommt ihr doch Morgen!

I. FISCHER.
Ei, habt ihr das gewußt, und seyd auf heut
Ihr unsers Dienst's benöthigt: warum habt
Ihr denn nicht gestern schon uns, Herr, bestellt?

II. FISCHER.
Euch quält gar böse Hast und schlimme Weile!

I. FISCHER
Man merkt wohl, Herr, daß ihr kein Fischer seyd! {228}

II. FISCHER..
Ein Fischer, der im Sommer stundenlang
So über seine Angel da sitzt, der lernt warten!

I. FISCHER.
Ja, der lernt warten, Herr, wie Niemand sonst!

II. FISCHER.
So früh er aufsteht, ist der Aal stets früher auf!
Der Fisch entschlüpft dem Netz, noch eh' er kömmt;
Und kömmt er, ist der Hecht schon da gewesen,
Und hat die Reusen nächtlich ausgeleert! {229}

I. FISCHER.
Da gilt es nun gelassen neue stellen,
Und warten, bis ein zweiter Fang sich schickt!

II. FISCHER
Habt ihr am trüben Regentag den Reiger
Am grünen Sumpf gesehn, auf einem Bein,
Herr, wie er da steht, wie er auf ein Fröschchen lauert:
Daß Einem's in der Seele dauert.
lhm gleicht der Fischer, der sein Netz, auswirft,
Nach Aalen angelt, und zufrieden ist,
Wenn nur zuletzt ein kleiner Gründling kömmt! {230}

AMPHITRUON II.
Zum Henker, was hab' ich von euern Fischen
Und euern Gründlingen! Nicht Fischen, – Austern,
Schildkröten, welche schwere Panzer tragen –
So langsam kriecht ihr – mögt' ich euch vergleichen!

I. FiSCHER.
Bei uns da wird ein Mal nichts übereilt!

II FISCHER.
Ja! „Eile, Herr, mit Weile" ist ein Sprichwort,
Das gilt für jede Creatur! – {231}

AMPHITRUON II.
(plötzlich umgewendet.)
Für Esel auch!
Berief' ich Euch zu gutem Biß und Brocken,
Zu einem Schmaus nur her: wohl käm't ihr schneller!

I. FISCHER.
Was denkt ihr, Herr? – (auspackend.) Hier ist gedörrter Fisch,
Und hier ist Brod! – lch und mein Bruder hier –
Meint ihr, wir dienten Euch um Hungers Willen?

II. FISCHER,
Da seyd ihr links, Herr!

I. FISCHER.
Ja gewaltig links! {232}

II. FISCHER.
Noch hat der Mittag niemals uns gefehlt!

I. FISCHER.
Komm her, Ameibias, iß, daß er sieht!
Hier ist ein Stein, verzehren wir das Frühstück?
(setzen sich.)

AMPHITRUON II.
Und euer Dienst?

BEIDE.
(mit vollen Backen.)
Nachher, wenn wir gegessen! {233}

AMPHITRUON II.
(für sich.)
Was will ich thun? Ich bin in ihrer Hand!
(laut.)
Ich bitt' euch, liebe Herren, habt's genug!
Verzehrt's nachher! Ein guter Bissen schmeckt auch nach gethaner Arbeit!

I. FISCHER
(zum zweiten.)
Merkst du's? Nun giebt er es gelinder schon:
Nun sind wir Herrn – vor Kurzem waren wir noch Esel!
(laut.)
Nun – nun, da ihr Euch so zur Güte legt {234}

Dem guten Wort ist stets der Fischer willig:
Sagt an, wo ist der Kerl, den wir ersäufen sollen?

SOSIA II.
Spitzbuben, die! Wem gilt das? doch nicht mir?

II. FISCHER.
Mein Sack dahier ist seiner längst gewärtig!

SOSIA II.
Wo flieh' ich hin? Ist nirgend hier ein Ausweg?

AMPHITRUON II.
Erbrecht die Thüre! dringt in's Haus! {235}

I. FISCHER
Herr, Jemand steht davor!

AMPHITRUON II.
Das ist er selbst! Ergreifet, bindet ihn!

SOSIA II.
Barmherzigkeit! Wer schlingt um meine Füße
Mir einen Strick? Wer bindet mir den Fuß?

AMPHITRUON II.
(hervortretend.)
Ich bin es, Sklav'! Auf mein Geheiß geschieht's!
Erkenn'st du jetzo deinen Herrn in mir? {236}

SOSIA II.
Ihr Leute, laßt mich los, es ist ein Irrthum!

AMPHITRUON II.
Gedenk des Dachs, gedenk der Ziegel nur!

SOSIA II.
Herr, hört mich an, ich folg' euch, kommt in's Haus!

AMPHITRUON II.
Dein Haus ist unter Hummern nun und Krebsen!

I. FISCHER.
Eh die Latern' hier ausbrennt, bist du unten! {237}

II. FISCHER.
Grüß' die Muränen mir, und mach' sie fett!

I. FISCHER.
(sich unwendend.)
Doch hört, der Kerl ist doch nicht gar unschuldig?

II. FISCHER.
(ihn bedeutend.)
Warum nicht gar? Sey doch kein Narr mit Fragen!
Du sieh’st ja wohl, dein Zaudern macht ihn böse:
Wir können's ja nachher von ihm erfahren:
Frisch aufgepackt, nur in den Sack mit ihm! {238}

SOSIA II.
Gewalt, Mitbürger Thebens, Hülfe, Hülfe!

FISCHER
(die ihn fortziehen.)
Das hilft dir all nichts! Nur nicht viel gesperrt!

SECHSTER AUFTRITT.

BYBACHIDES,
(der den Kopf aus seinem Schoppen steckt.)
Die wollen Jemand da ersäufen –Hm!
Was thu' ich? Spring' ich ihm als Beistand zu?
Da krieg' ich Prügel, oder leist' ihm gar Gesellschaft! {239}

Nein – ich verhalte mich ganz ruhig hier,
Bis Sack und Kerl ersäuft ist – ja so geht's!
Da schlag' ich Lärm – man fischt ihn wieder auf –
Vom Scheintod bringt ihn meine Kunst zurück:
Und so vereint denn abermal auf's Schönste
Sich hier die Menschlichkeit und mein Gewerbe!

AMPHITRUON II.
(der bis jetzt, wie in tiefer Betrachtung, an dem äussersten Ende des Theaters gestanden, und den beiden Fischern nachgesehen.)
Die Leuchten nähern sich dem Fluß – verschwinden – {240}

Fast reu't mich mein Entschluß! – Mich übernahm
Der Zorn – ich gieng zu rasch und ohne Untersuchung!
Man wird mich grausam schelten – und mit Recht,
Und so verdient die Straf' ist, dennoch tadeln! –
Ich will ihm nach – ihn retten – ja es sey
Ihm an der ausgestandnen Angst genug!
(ab.) {241}

SIEBENTER AUFTRITT.

BYBACHIDES.
Die Luft ist rein! Nuh reift mein Plan! – Mitbürger,
Einwohner Thebens, auf, an Thür und Fenster!
Man schnürt in einen Sack, man tödtet, man ersäuft hier!

SOSIA I.
(der aus dem Haus tritt.)
Wer schreit? was giebt's?

BYBACHIDES.
Seyd ihr's, Herr Sosia?

SOSIA I.
Wer sonst! {242}

BYBACHIDES.
So seyd ihr also nicht in einem Sack ersäuft?

SOSIA I.
In einem Sack?

BYBACHIDES.
Lebt wirklich, wirklich noch?

SOSIA I.
So wie ihr seht! – Was giebt's denn hier? was ist's? Sagt, was ist vorgefallen?

BYBACHIDES.
So wißt ihr's noch nicht? – Zehn baumstarke Kerle – {243}

In Nacht und Finsterniß – sie wollten Einen
Ersäufen –

SOSIA I.
Und da sprangt ihr ihm vielleicht als Beistand zu?

BYBACHIDES.
Ja – pflichtgemäß! –

SOSIA I.
Neun gegen Einen –

BYBACHIDES.
Zehn,
Herr, Sosia, zehn, ungelogen!

SOSIA I.
Wirklich?
Der Kampf war ungleich! {244}

BYBACHIDES.
Desto rühmlicher!
Ich glaubt, ihr wärt's; mich hieß die Freundschaft alles wagen!

SOSIA I.
Wie? Kanntet ihr mich denn nicht besser?

BYB ACHIDES.
Kennen?
Man konnt ja keine Hand vor Augen sehn!

SOSIA I.
Und welchen Ausgang nahm das Nachtscharmützel?

BYBACHIDES.
Den unerwartetsten! Fünf hab' ich tödlich {245}

Mit meinem Messer hier verwundet; die
Neun Andern aber sind entflohn!

SOSIA I.
Wie sah’n die Kerl' denn aus?

BYBACHIDES.
Wie Phrygier!
Dafür erkannt ich sie an ihren rothen Mützen!

SOSIA I.
Wie? Ihr erkanntet sie an ihren rothen Mützen;
Und konntet keine Hand vor Augen sehn?
Zehn Kerle waren's nur, womit ihr fochtet; {246}

Und vierzehn sind nachher entflohn? Geht, geht
Und macht das einem Andern weiß!

BYBACHIDES.
Versichert,
Herr Sosia, ich rede lautre Wahrheit!

SOSIA I.
Schon gut! Jetzt macht's mit dem Rasiren bald ein End'!
Ich bin des Wartens müd' und überdrüssig!
Da sitz' und sitz' ich hier auf meinem Schemel,
Indeß ihr drinnen Mährchen heckt;

BYBACHIDE S.
(der sịch auf's Neue zum Rasiren anschickt.)
Ihr Götter! {247}

SOSIA I.
Was giebt's?

BYBACHIDES.
Mir fällt vor Schreck das Messer aus der Hand!

SOSIA I.
Was ist's, was habt ihr vor?

BYBACHIDES.
O Wunder, über Wunder!

SOSIA I.
Erfahr' ich eures Wunderns Ursach bald?

SOSIA I.
Wer ist indeß bei eurem Bart gewesen? {248}

SOSIA I.
Bei meinem Bart?

BYBACHIDES.
Ich hatt' ihn doch schon eingeseift!

SOSIA I.
Unmöglich!

BYBA CHIDES.
Hatť ihn doch zur Hälfte schon geschoren!

SOSIA I.
Und nun?

BYBACHIDES.
Ist von der Seife keine Spur!

SOSIA I.
Geht', geht! {249}

BYBACHIDES.
Und auch das Haar ist zollbreit angewachsen!

SOSIA I.
Das ist kein Wunder, da so lang ihr trödelt!
Wie? oder meint ihr, Herr Bybachides,
Ein Haar, das augenblicklich wieder sprießt,
Das soll erst lang auf eure Rückkunft warten?

BYBACHIDES.
Nein, redet mir es nur nicht aus, es ist ein Wunder!
Noch nie erlebt ich so 'was Unerhörtes! {250}

ACHTER AUFTRITT.

AMPHITRUON II. der von der Flußseite auftritt, Die vorigen.

AMPHITRUON II.
Umsonst! Ich finde sie am Ufer nirgend;
Sie haben die Laterne ausgelöscht;
Mein Rufen half nichts mehr! – der arme Sklav'!
Nun liegt er wohl zehn Faden tief im Flußbett!
(indem er plötzlich Sosia I. gewahr wird.)
Wie? Seh' ich recht? Täuscht mich kein Blendwerk? Nein!
Er ist's – ist's Selbst! Dort sitzt er! – Sosia!
(auf ihn zu.)
Zerrinne, gaukelnd Traumbild! Rede will ich! {251}

SOSIA I.
Steckt euer Schwert in seine Scheide, Herr!
Ich bin ja euer Sklav', bin Sosia!
Spart euer Eisen doch für eure Feinde!

AMPHITRUON II.
Für meine Feinde? Du gehörst zu diesen!
Zuerst – wie kamst du aus dem Fluß?

SOSIA I.
Ich war nie drinnen!

AMPHITRUON II.
Nicht!

SOSIA I.
Wirklich nicht! Fühlt her an meine Kleider, sie sind trocken! {252}

AMPHITRUON II.
(für sich.)
Sie sind's! Ich bin erstaunt! Was soll ich denken?
Ich weiß nicht! (laut.) Und wer stand vorhin auf dem Balkon?

SOSIA I.
Auf dem Balkon?

AMPHITRUON II.
So frag’ich!

SOSIA I.
Niemand, Herr!

AMPHITRUON II.
So warf auch Niemand wohl nach mir mit Steinen? {253}

SOSIA I.
Ihr seht, von alle dem versteh' ich keine Sylbe!

A MPHITRUON II.
Du wirst es bald! – Wer kömmt? Es sind die Fischer!
Gut, gut, das giebt vielleicht mir Licht und Auskunft!

NEUNTER AUFTRITT.
Die vorigen. Die Fischer.

I. FISCHER.
Herr, der ist aufgehoben und verwahrt!

II. FISCHER.
Wir haben ihn in Kalmus sanft gebettet! {254}

I. FISCHER.
Bei Austern wird sein Aug' nun zu Korallen!

II. FISCHER.
Der spielt fortan Euch keinen Schelmstreich mehr!

AMPHÌTRUON II.
Was rühmt ihr unverschämt mir eure Dienste?
Dort sitzt er ja, den ich ersäufen ließ,
Und läßt sich wohlgemuth den Bart abscheeren!

I. FISCHER.
Wa –

II. FISCHER.
Was? {255}

I.1 FISCHER,
(der, ihm näher getreten, ihn, mit der Laterne beleuchtet.)
Ha, bei'm Jupiter, er ist's, Kam'rad!

II. FISCHER,.
Der Nemliche, bei'm Kastor und bei'm Pollux!

I. FISCHER
Wie geht das zu?

AMPHITRUON II.
Befragt ihn selbst! Ich weiß nicht!

I. FISCHER,
Lebendig oder todt, ich red' ihn an!
(packt ihn bei der Schulter.) {256}

Ei du erzabgefeimter Galgenstrick! du Rohrspatz!
Wie? du bist eh'r vom Fluß, als wir, zurück?

SOSIA I.
Das hält nicht schwer; ihr kriecht ja, wie die Krebse!

I. FISCHER.
(zum Andern.)
Ich sagt's dir gleich, der Kerl ist leicht wie Korkholz,
Der schwimmt wie eine Fischblas' oben auf;
Wär'st du nur meinem Rath gefolgt, Kam'rad,
Und hättest Blei mit in den Sack gethan! {257}

II. FISCHER
Ja, wußt' ich das, sieb, Bruder, einen Stein
Hing ich ihm, hundertpfündig, um den Hals!

I. FISCHER
Dazu ist's jetzt noch Zeit. Pack' an Kam’rad!

AMPHITRUON II.
Laßt's gut seyn, Fischer! – Auf ein ander Mal!

II. FISCHER.
Nein, Herr, hier gilt's um das verdiente Trinkgeld!

AMPHITRUON II.
Das soll euch nicht entgehn; da, haltet her! {258}

I. FISCHER,
(die Hand zurückziehend.)
Wir mögen's nicht eu'r Trinkgeld, ohne Dienste!

II. FISCHER.
Uns ist es drum nur, daß der Kerl ersäuft wird!

I. FISCHER,
Versteht ihr? Ja nicht des Verdienstes wegen;
Nein, unsrer Ehre wegen vor den Leuten!

II. FISCHER.
Lebt wobl! Wir halten uns an diesen, Herr! {259}

I. FISCHER,
Sieh zu, daß du uns heuť nicht in den Wurf kömmst!
(Beide ab.)

ZEHNTER AUFTRITT.

AMPHITRYON II. SOSIA I. BYBACHIDES.

AMPHITRUON II.
Du bist dem Tod' entronnen, Sklav'! Nun rede!
Bring Gründe vor, mir zur Entschuldigung!

SOSIAI,
Verzeiht, mein edler Feldherr und Gebieter! {260}

Was sich begiebt im Himmel und auf Erden,
Lehrt uns, es sey dies eine Zeit der Wunder!
So hat die Nacht in ihrem Lauf, und hier
Das Haar in meinem Bart sich auch verdoppelt:
Kein Wunder, daß wir selbst auch doppelt sind!
Kurz, was gewiß ist, zwei Amphitruonen,
Und auch zwei Sosien sind hier im Haus –
Geht selbst herein und seht!

AMPHITRUON II.
Die Thür ist zu!

SOSIA I.
Darum versucht ich über'n Zaun zu steigen, {261}

Wie ihr befahlt; allein er war zu hoch;
Auch hatť ich Niemand, der mir leuchtete.

AMPHITRUON II.
(für sich.)
Wern dem so ist: so that ich ihm wohl Unrecht!
(laut.)
Komm mit! Ich folg'dir! Gieb mir die Laterne!
Versuch's noch ein Mal über'n Zaun! Steig über!
(im Abgehn.)
Ich muß in's Haus! Erhalt' ich dort nicht Auskunft:
So weiß ich nicht, was hier zu thun ist – weh, mein Kopf!
(mit Sosia I, ab.) {262}

BYBACHIDES.
Zwei Herren – zwei Sklaven – zwei Nächte – zwei Bärte –
Daß Niemand mehr weiß, wem der rechte gehörte!
Verdoppeln so ferner die Ding' ihren Lauf:
So gehn hier auch Morgen zwei Sonnen wohl auf!
Mein'twegen, verdopple sich rings die Natur,
Verdoppelt sich mir das Rasirgeld auch nur!
Doch halt – wenn sich alles verdoppelt auf Erden:
So müßten zu Theil auch zwei Weiber mir werden? –
Bybachides, wahrlich, das wäre kein Spiel: {263}

Nein, nein, an der einen schon ist's mir zu viel!
(ab in den Schoppen.)

EILFTER AUFTRITT.
Das Innere von Amphitruons Wohnung. Jupiter, in Amphitruons Gestalt, der vertraulich neben Alkmenen sitzt.

ALKMENE.
(die ihren Arm um ihn schlingt.)
O mein geliebtester Gemahl! –

AMPHITRUON I.
Nicht so, Alkmene! {264}

Du magst dir den Gemahl, wie billig, loben;
Ich zieh' ihm dennoch den Geliebten vor!

ALKMENE.
So schiltst du die mir so vertrauliche Benennung!

AMPHITRUON I.
Ich schelte nichts, als was verhaßt mir ist!

ALKMENE.
Mir ist verhaßt, was vom Gemahl mich trennt!

AMPHITRUON I.
Auch wenn's mit dem Geliebten dich vereinigt? {265}

ALKMENE.
Du sprichst in Räthseln!

AMPHITRUON I.
Höre mich, Alkmene!
Sieh, dem Gemahl ist Zwang die schönste Neigung!
Wo der Geliebte bittet, fordert Er;
Streng' ist und rauh dem Weibe der Gemahl;
Doch dem Geliebten, wie ein frei Geschenk,
Erscheint die Liebe, wie des Lichtes Gabe,
Und wie der freivergönnte Glanz der Sterne! –
– Der bin ich dir, der will ich stets dir seyn! {266}

ALKMENE.
(ihm die Hand reichend.)
Ich bin's zufrieden!

AMPHITRUON I.
Eine Bitt, Alkmene!
Versprich mir –

ALKMENE.
Alles, was du willst! –

AMPHITRUON I.
Nur eins!
Versprich mir, wenn dich heute oder Morgen
Ein Zwist mit dem Gemahle je veruneint,
Nie mir es, dem Geliebten, zuzurechnen! {267}

ALKMENE.
Versprochen und gewähirt! – O mein Amphitruon,
Ich habe dich – ich halte dich im Arm;
Sollt' ich mit deinen kleinen Launen rechten,
Und mit dem Augenblick, was er mir giebt,
Und was er mir vielleicht verweigert? – Nein, nicht so!
Nein, Sosia, was du mir auch gesagt;
So sehr es mich aus meiner heitern Fassung brachte:
Es ist vorbei – und ich bin wieder munter!

AMPHITRUON I.
Was hätt' er dir gesag!? Was könnt’ er sagen? {268}

ALKMENE.
Es ist vorbei! Noch ein Mal – forsche nicht!
So wie der Tag dem Leben angehört:
Gehört der Augenblick der schönen Liebe!
Gelassen will ich ihn und heiter nehmen!
Den nenn' ich thörigt, der auf Morgen baut;
Dies Morgen, das so oft zu kommen zögert,
Und wo es Kränze hoffen ließ, uns Urnen bringt;
Wo auf Erden wohnt dies Morgen? bei Armenern oder Parthern?
Bei den Pikten oder Kopten? Celten oder bei Aegyptern? {269}

In sein Land – wo ist die Brücke? wo der Steg? – wann will es tagen? –
Dunkel, nachtvoll sind die Stege, und die Brücken abgetragen!
Morgen, Morgen steigt vielleicht schon ein mit uns in Charons Kahn;
Morgen müssen wir uns Pluto seiner finstern Urne nah'n!
Keine Seele nahet drunten sich des Styxes finstern Wogen,
Die das goldne Licht des Tages nicht um einen Tag betrogen!
Heut' ist unser: ist das Wort, das Licht und Leben, Sonn' und Luft
Zu der Pflanze, zu dem Vogel, zu dem Thier und Menschen
ruft! – {270}

Nein, mein geliebiester Amphitruon,
Kein Vorwurf soll uns diese schöne Stunde trüben!

AMPHITRUON I.
Wie hast du, gutes Weib, bisher gelebt?

ALKMENE.
Wie der Verwittweten geziemt! – In ihren Angeln
Stand einsam mir des schönen Hauses Thür! – Nur selten,
Daß eine Freundin sie mir meldete, und der
Vom Lande kam, den Vater – Die Fußtapfen abgekehrt von fremden Männern,
Und, wehrend jedem lästigen Besuch, {271}

Verhielt ich mich im innersten Gemach.
Amyntichus auf meinem Schooß – Da saßen
Wir vor den buntbemahlten Charten emsig da,
Und forschten nach der schönen Flüsse Lauf,
Der Berge Höhen und der Thäler Krümmung;
Und trat ein fremder Mann wo in die Thür,
Gleich fragten wir: woher des Landes, Lieber?
Weißt du, wo liegt die schöne Stadt der Teleboär?
Sind trinkbar dort die Flüsse? sind die Brücken
Auch sicher, um zu tragen Roß und Mann? {272}

Vernahmest du der Pfeifen Hall im Lager?
Und ist die Mauer, die den Feind schützt, hoch?
Dann lud ich ihn auf einen Stuhl an's Feuer,
Und horchte jeder Mähr, die mir das Herz
Bald freudig, und bald traurig auch bewegte.
Und schwand der Tag mir so in traulich süßem
Gespräch – und zog die Nacht mit stillen Sternen auf:
Da zürnt' ich oft mit meines Hauptes Kissen,
Daß Ruh' und Schlaf es mir verweigerte!
Mir lag kein Pfühl und keine Decke recht! {273}

Oft stand ich auch, um Mitternachtes Mitte,
Von meinem Lager auf, und holtemir
Ein Stück von deiner schönen Waffenrüstung,
Und drückt es an mein Herz, und netzte es
Mit meinen Thränen – küßt auch wohl den Kleinen,
Der neben mir im Bett ganz ruhig schlief,
Und der, in jedem stillen Zug dein Bild,
Dein theures Bild, mir vor die Augen brachte –
Bis, wann der Tag in Osten grauend anbrach:
Da knieť’ ich hin zu Jupiters Altar, {274}

Mit meinem Kind im Arm, und betete,
Und that Gelübde, die der Gott erhörte!
Ja, mein Amphitruon, Er ist es, der
Dich mir zum zweiten Male heut geschenkt;
Er wendete des Todes böse Pfeile
Von diesem Haupte, das ich sehnend wieder küsse,
Und das zu lang die Trennung mir entzog!
(indem sie an ihn sinkt – er aber sich ihrer Umarmung zu entziehen sucht.)
Nein, nein, verbirg auch du mir nicht die schöne Unruh,
Die deiner sich bei'm Namen Jupiter bemeistert; {275}

Denn würdiger lobt ja den Gott des Mannes Schweigen,
Als eines Weibes Sprache –

AMPHITRUON I.
(Seitwärts und in versunkener Betrachtung.)
Holde Blume!
Wie blüh't dein Leib in jedes Reizes Fülle –
Und doch ist schöner deine Seele noch!

ALKM ENE.
Wie meinst du?

AMPHITRUON I.
Laß mich – ich muß fort von hier! {276}

ALKMENE.
Fort, da bereits das Opfer angerichtet?

AMPHITRUON I.
Für wen?

ALKMENE.
Für Jupiter!

AMPHITRUON I.
Um desto mehr!

ALKMENE,
Ich bitte dich – sieh heiterer dazu,
Wenn ich ihn nenne, mein Amphitruon!
Mir ist, als ob ein jedes Wort des Dank's {277}

Auf meinen Lippen mir erstickte -– seh'
Ich dir in's Angesicht – ist's mir, als könnte
Ich nicht so freudig mehr zu ihm, wie sonst wohl, beten!

AMPHITRUON I.
(für sich.)
O, ahndungsvolle Seele, ist dir so?

ALKMENE.
Als schwänd', in meiner Seele tiefsten Tiefen,
Der Glaube mir, die Zuversicht hinweg
Auf seine Lieb' und seine Vaterhuld! {278}

AMPHITRUON I.
(der ihre Hände gefaßt hat.)
Alkmene – liebe du ihn nur ein wenig!
Er wird genug an dir zu lieben haben;
Denn Göttliches ist stets dem Göttlichen verwandt;
Jetzt komm' zum Opfer! –

ALKMENE.
Horch, was für ein Auflauf!

STIMMEN VON DRAUSSEN.
Weh uns! welch Zeichen übler Vorbedeutung! {279}

ZWÖLFTER AUFTRITT.

DAMOKLEIA.
(die in die Thür tritt und nach außen redet.)
Man halte mit dem Opfer inne noch!

AMPHITRUON I.
(ihr entgegen.)
Was giebt's?
DAMOKLEIA.
Verzeih', mein edelster Gebieter!
Ist's dein Befehl und Wille, daß zwei Fischer
Den Sosia in einem Sack ersäufen? {280}

AMPHITRUON I.
Wer träumt davon?

DAMOKLEIA.
Noch steht der Bote draußen,
Der diese Unglücksnachricht überbrachte!

AMPHITRUON I.
Ich will ihn sprechen!

ALKMENE.
Bringt ihn unverzüglich!

AMPHITRUON I.
Wir gehn ihm lieber, besser selbst, entgegen.
(mit Alkmenen an der Hand und den übrigen ab.) {281}

DREIZEHNTER AUFTRITT.
Vorhof, in Amphitruons Hause, erleuchtet. SOSIA I., als Priamus, mit einer Schüssel. AMYNTICHUS, als Achill. DAVUS,, als Hektor, der ihm todt zu Füßen liegt.

SOSIA I.
(zu Amyntichus.)
Laß mich Achill seyn, hörst du!

AMYNTICHUS.
Du? dir guckt
Der bloße Fuß ja aus zerrißnem Schuh!

SOSIA I.
Ei, Schade was dafür! Das ist die Stelle, {282}

Woran mich Thetis in den Styx einst tauchte;
Der einz'ge Fleck, woran ich nur verwundbar bin!

AMYNTICHUS.
Nein, nein!

SOSIA I.
Nun gut, so bleibt es, wie zuvor!
Die Abred' ist – dies Mäuerchen ist Troja;
Du bist Achill – der Todte da ist Hektor!

AMYNTICHUS.
Ja, Dank den Göttern, Hektor ist erlegt! {283}
1
Komm, Priamus, und fordre nun die Lösung
Und stelldich kläglich, wie's dem Vater ziemt!

SOSIA I.
(der seine Schüssel auf das Mäuerchen setzt, über dem Todten.)
O Hektor, Hektor, Hektor, höre mich!
O höre, höre, höre mich, mein Hektor!

AMYNTICHUS.
(verdrüßlich.)
„O höre, höre,, höre" weißt du denn
Sonst nichts, als „höre, hör“ und „Hektor" vorzubringen? {284}

SOSIA I.
Sonst nichts, was angemeßner wär'! Sag' an,
Nicht wahr, der Hektor da ist todt?

AMYNTICHUS.
Nun freilich!

SOSIA I.
Und folglich! Alle Todten hören schwer:
Da kann man immer zwei bis drei Mal „hör' mich" rufen;
Und immer ist die Frag' noch, ob sie hören!

AMYNTICHUS.
Du bist ein schlechter König, Priamus! {285}

DAVUS.
(sich aufrichtend.)
Ich höre! –

A MYNTICHUS.
Nun wird vollends der mir auch noch wach!
Du, Davus, lieg' doch still! Wie schickt sich's denn
Für einen Todten, sich vom Schlachtfeld aufzurichten?

DAVUS.
Mir wird die Zeit hier lang – sagt, krieg' ich bald
Das Stück versprochnen süßen Feigenkuchen?

A MYNTICHU S.
Nein, nun, da du gehört hast, kriegst du nichts; {286}

Das wird für einen andern Todten aufbewahrt,
Für einen, der nicht hört! Die schöne Lösung
Von Priamus bestand darin; doch nun,
Da du gehört hast, kriegst du keinen Bissen!

DAVUS.
(der aufspringt und davon läuft.)
Nun gut, so geh' ich zu der Mutter in die Küche!

AMYNTICHUS.
(der ihm traurig nachblickt.)
Was sagst du, Priamus, zu solchem Greu'l? {287}

SOSIA I.
(der seine Schüssel von ilem Mäuerchen abnimmt.)
Nun, da mein Sohn, der Hektor, so gesund
Davon auf seinen zweien Füßen geht:
So nehm' ich auch die schöne Lösung hier,
Den Feigenkuchen, wieder mit nach Troja!
(läuft gleichfalls davon.)

AMYNTICHUS.
Das ist ein unverschämtes, wüstes Volk,
Das weder lebend was, noch sterbend nützt!
Ich bin des Spiel's mit ihnen überdrüssig, {288}

Und wollt', es wär' ein andres Troja hier!
Ah gut, da kömmt mein Vater! Eben recht!

VIERZEHNTER AUFTRITT.

AMPHITRUON I. ALKMENE. AMYNTICHUS.

AMYNTICHUS.
(ihm entgegen.)
Mein Vater, nimm mich mit dir in den Krieg!
Hier trifft mich nichts, als Ungemach! Es laufen {289}

Die Todten mir, die ich erlegt, davon!

AMPHITRUON
War Sosia nicht hier?

A MYNTICHUS.
Den mein' ich eben;
Der eben ist mit einem großen Stück
Von Feigenkuchen mir davon gelaufen.

AMPHITRUON I.
(lächelnd.)
Nun, nun, wenn dem so ist – du sieh'st, Alkmene: {290}

So hat's mit dem Ersäufen keine Noth!
Jetzt laß uns auch das Opfer länger nicht verzögern!
Komm, Kind, hast du auch eine Bitt' an Jupiter?

AMYNTICHUS.
Daß er so tapfer mich, als meinen Vater mache;
Sonst keine; denn, nicht wahr, du nimmst mich mit dir in den Krieg?

AMPHITRUON I.
Du bist zu klein, der Feind wird dich verachten! {991}

AMYNTICHUS.
Der Feind verachtet nie, was Griechen sind;
Und meine Mutter sagt: ich sey ein Grieche!

AMPHITRUON I.
Nun freilich, wenn's die gute Mutter sagt!
(ihn auf den Arm nehmend.)
So komm’ nur!

ALKMENE.
Und diese Zeichen böser Vorbedeutung? –

AMPHITRUON I.
Sey ihrentwegen unbesorgt, Alkmene! {292}

Tritt freudig hin zu Jupiters Altar!
Nicht zürnt dir Jupiter, er freu't sich deines Anblicks;
Und was du bittest, wird Er dir  gewähren!
(mit Alkmenen und Amyntichus ab.)