Morgenblatt
für
gebildete Stände.
Sonnabend, 3. Julius, 1813.
Uranus und Uranide,
oder
das erste Hochzeitlied der Schöpfung. {143}
Uranide.
(indem sie die Augen aufschlägt.)
Wo bin ich? Wo war ich vorhin? — Diese Stimme,
Die ich hier vernahm,
Wo ist sie? — Wer sagt mir, woher sie kam?
Nicht immer sah ich diesen Tag;
Nicht immer fühlt' ich dieses Herzens Schlag,
Und lebt‘ und athmete in Licht und Dufte:
War hier nicht Jemand, der mich rufte?
Wo ist er, wo?
Durch dessen Allmacht ich dem Nichts entfloh?
(indem sie den Mond, der, ihr zu Häupten aufgegangen, plötzlich seine Strahlen auf sie herabwirft, gewahr wird.)
Bist du es, mit deinem stillen Schein,
Da droben, der zum freundlichen Seyn
Mich von dem langen Schlaf erweckte,
Der so dicht mein Auge bedeckte?
Wie nenn' ich dich? — Mond —
Und ihr zur Seit' ihm, in jener Ferne,
Wie nenn' ich euch andre? — Holde Sterne! –
Holde Sterne, leuchtender Mond,
Und du Baum, und du, o Fluß,
Rauschend unter meinem Fuß!
Wunder, die mein Auge nie entdeckte,
War es euer Rauschen, das mich weckte?
Wie – oder ist alles um mich —
Neben mir —
Unter mir —
Ueber mir —
Alles nur – Ich?
Und euer Glanz —
Bin ich es ganz?
(sich aufrichtend.)
Ha, wie groß, wie groß bin ich!
Lieber Mond, nun fass‘ ich dich!
(sie berührt eine ihr zu Häupten herabhängende Myrtendecke, ihre Augen schließen sich unwillkürlich.)
Doch warum verlasst ihr plötzlich mich?
Ihr göttlichen Träume,
Ihr Berg‘ und ihr Bäume,
Ihr Fluß und ihr Sterne,
So nah und so ferne,
Ihr Thäler, ihr Höhen?
So wollt ihr vergehen?
Und kaum noch geboren,
Hüllt, wieder verloren,
Die Nacht mich ein?
So soll ich nicht seyn?
(noch immer mit geschlossenen Augen, aber beruhigter.)
Nein, nein!
Mir nah, ganz nah
Sind die Sterne, die vorhin ich sah;
Ein neuer Mond,
Der in mir wohnt!
(indem sie die Augen wechselsweise schließt und wieder eröffnet.)
Süße Lust,
In tiefster Brust
Der Sterne Schwinden,
Den Mond zu finden, {630}
So oft ich will:
Still, still!
(indem sie die Augen aufschlägt, und ihn hinter einem blauen Gewölk‘ aufs neue gewahr wird.)
Da bist du wieder — ich kenne dich
Stiller, holder, freundlicher Schein: —
Ja, du bist mein!
(sie streckt ihre Arme aus. Ihre Füße gleiten von einer Anhöhe herunter: sie thut erschrocken einige Schritte vorwärts.)
Wie ist mir? — Ich fliehe —
Mir zittern die Kniee —
Es weichen — es wanken —
Es zittern — es schwanken
Vor meinem Blick
Der Fluß, der Baum und die Sterne zurück.
(in einiger Entfernung still stehend, und sich nach den verlornen Gegenständen umblickend.)
So seyd ihr nicht mein?
So bin ich mein Seyn,
Von euch entsprungen,
Zu trennen gezwungen!
(Mondwärts.)
Jene sind fort;
Doch du bist dort,
Und ich bin hier,
Zu dir, zu dir,
Bergab, Bergauf!
(ersteigt einen Hügel am Fluß.)
(traurig)
Ich kann nicht herauf,
Du kannst nicht herab.
Ich kann dich nicht fassen;
So bin ich verlassen,
So bin ich allein!
(eine Nachtigall schlägt im Myrtengebüsch.)
Endlich, endlich eine Stimme!
O du schöner Himmelsvogel,
Den ich in der Brust behorche:
Stimme, klingst du in mir selber ?
(indem sie ihr eignes Bild unten im Flusse gewahr wird.)
Oder du bist es, holde Lichtgestalt,
Die im Fluß hier unten wallt,
Der ich dieses Lied verdanke?
O du himmlischer Gedanke!
Steht bewundernd still, ihr Augen!
Nimmt hier ein zweyter Himmel mich auf?
Halten ihren ew'gen Lauf,
Wie dort oben in der Ferne,
So hier unten selige Sterne?
Zitternd Bild, von Wellen getragen,
Nickst mir freundlich, scheinst zu sagen:
„Schwester, warum kommst du nicht?
Wohnst mit mir im Himmelslicht?"
Holde Schwester, ich komm, ich komme!
(will sich mit ausgebreiteten Armen in den Fluß stürzen. Indem sie Wellen mit ihren Fuße berührt, zerfließt das Bild; sie bebt schaudernd zurück.)
Weh mir! Im Bach
Geht eine fremde Gestalt mir nach:
Eine andere, drohend feindlich,
Steigt erzürnt vom Felsen auf;
Nimmt vor mir in’s Feld den Lauf,
Drohend schwarz und immer schwärzer,
Folgt sie mir auf Tritt und Schritte: –
Da ist sie wieder!
Wie zittern die Glieder —
Wie heißt du? – Schatten?
Stimmen,
(die seitwärts von der Laube zu Uranidens Ohr dringen.)
Mußt dich vor dem bösen Schatten flüchten!
Komm zur Laube hier, mit Sommerfrüchten!
Rufen Schwester, Blume dir und Traube,
Flüchte dich zur stillen Sommerlaube,
Lagre dich in unserm Blumenschoße!
Uranide.
(Indem sie in stiller Betrachtung vor der Laube stehen bleibt.)
Blume, süße Blum', wie heißt du?
Blume.
Rose!
Uranide.
Laß mich trinken deinen Wohlgeruch!
Rose.
Trink mich, hättest nimmer sonst genug!
Traube.
Such' auch mich die zweyte Schwester Traube,
Deren Nektar reift im Sonnenlaube.
Uranide.
Ja, mir will das Aug' ermattend sinken,
Muß auch deinen Nektar in mich trinken.
Traube.
Musst den Wohlgeruch der Rose pflücken,
Doch der Traube Nektar in dich drücken.
Uranide.
Welch ein Zittern, das ich in mir spüre,
Holde Traube, wenn ich dich berühre?
Traube.
Ueberströmend ganz dich zu durchfließen,
Will ich in dein Innres mich ergießen!
Uranide.
Brennend heiße Sehnsucht will mich fassen.
(indem sie die Traube an den Mund bringt.)
Tröpfelnde Krystallen, süß zerlassen!
Quillet, quillet,
Bis, aus euch mein Innres angefüllet,
Sich die brennend heiße Sehnsucht stillet!
Unnennbarer Durst, der mich verzehrt,
Wird dir endlich Labsal hier gewährt?
Aber durch die Myrtennächte
Hör' ich plötzlich Stimmen schallen,
Hör' ich plötzlich Tritte wallen
Schützet mich, ihr himmlischen Mächte!
Blumenhymnus
(Aus dem Innern der Laube).
Blume, Blume, süße Schwester,
Süß vernimm von deinem Loose!
Höre nun von Traub' und Rose,
Was uns Blumen ist begegnet. {631}
Gleicher Lust und gleicher Leiden
Schmerzlich liebliche Bestimmung
Will euch die Natur bescheiden!
Mußt nun auch aus deinem Schoße,
Wie die Traub' und wie die Rose,
Süßverborgenes enthüllen,
Thun, nach heil'gen Schicksals Willen.
Blühtest, so wie wir auf Erden;
Musst, wie wir, gepflückt auch werden!
Menschenblüthenstaub und Sonnen,
Und die rollenden Gestirne,
Stets in wogender Verwandlung —
Will Naturgeist, Erd' und Himmel,
Luft und Wasser, Blum' und Vogel,
Aus Krystallen still entwirken.
Stimmt ihn an, den Sternenreigen,
Stimmt ihn an, ihr sel'gen Schwestern,
Durch der Myrtennächte Schweigen!
Und ihr wandelnden Gestirne,
Uranus und Uranide,
Wo sich göttlich zur Besinnung
Aufgewacht ein Paar begegnet:
Feyert ihn, im Hochzeitliede;
Feyert ihn, den Schöpfungsmorgen,
Mit der Schöpfung Kuß im Bunde
Feyert ihn von Mund zu Munde!
Uranus
(tritt plötzlich aus einer Mondscheinbeleuchtung hinter der Laube hervor).
Uranide
(die süß erschrocken vor ihm zurückbebt).
Wer bist du?
Bist du der Mond?
Bist du von deinem Himmel niedergekommen?
Hast deinen Strahlenglanz ab du genommen,
Den so glänzend deine Scheitel trug? —
Du siehst mich an — du sprichst kein Wort —
Du fassest mich an — du ziehst mich fort —
Mir strömt in die Adern,
Aus deinen Händen,
Aus deinem Druck
Ein plötzlich Feuer; wohin mich wenden?
Genug, genug!
(Uranus öffnet die Arme, Uranide sinkt in die seinigen)
Falk.
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