1806  No. 46.

Tartarus.

Zeitung für Poesie, Kunst und neuere Zeitgeschichte 500

Sonntag, den 22. Juni.

Zeitgeschichte.
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Briefe über Böhmen, Mähren, Wien, Prag u. s. w.
1. Brief. Peterswalde, den 5. Juni.
Der Eintritt in die böhmischen Gebirge, hat, besonders, wenn man über Peterswalde aus Sachsen kommt, etwas romantisch Großes und imposant Feierliches. Zwischen Dresden und Meißen ist die Natur schön, aber sie bequemt sich dem Menschen zu leicht und im Grunde dient sie doch nur: hier hingegen ist sie frei, und Alles in einem kühnen, gewaltigen Aufschwung. So kommt mir Meißen mit seinen vielen lustigen bunten Gartenhäuschen und illuminierten Weinbergen; Dresden mit seinen seltenen Kunstsammlungen, und dem Gottesdienst seiner katholischen neuen Kirche – im Vergleich mit dem alten, rustrigten, steilen, aber urkräftigem Böhmen, dessen katholischen Walddörfern und seinen oft mitten im Gesträuch angebrachten, von Gebet, Knien und Wallfahrt ausgeründetem Kapellstiegen, rings von himmelragenden Felsen eingeschlossen, gleichsam wie eine leichte Französische Vorrede, zu einer kühnen Originalausgabe des Shakespear vor.
Es regnete den ganzen Abend, als wir über Peterswalde fuhren. Und das und die trübe Witterung verstärkte unstreitig noch den Eindruck des Schauerlichen, den Böhmen an und für sich schon auf jeden Reisenden machen muß. Dazu alle 50 Schritt ein Heiligenbild; hier ein Bauer, der, so wie die Sonne seinem Tagewerk untergeht, mit der Axt über die Schulter, und einer hölzernen, selbst geschnitzten Schale voll rother Erdbeeren, aus dem Holze, zu Weib und Kind mit großen Schritten wieder heimkehrt, wo man denn den böhmischen Nationalgruß „Gelobt sey Jesus Christ!" recht oft zu hören bekommt: – dort ein Anderer, der trotz Regen und ungestümer Witterung, vor einer Heiligenstatue niederkniend, daliegt, und mit schweren Fäusten sich die Brust schlagend, seine Andacht verrichtet oder Vesper hält.
Auch die in Sachsen im Volk herrschende Windstille ist, im Vergleich mit dem größeren Sturm bewegten Lebens in Böhmen, mir als denkwürdig aufgefallen.
Verzeih es mir Gott – wenn anders ein armer Autor für so etwas Ablaß nöthig hat – aber zwischen den Portschaisen und in den schön geschmückten Straßen von euerm Dresden, wo der Sonntag von Herrnhut, so zu sagen, permanent ist, wollte es mir, wenn ich Manches ansah, oft vorkommen, als ob man vergessen hätte, mich zu begraben: dagegen in den dunkeln Böhmischen Wäldern, wo es mit dem Lutherschen Vaterunser immer mehr zu Ende geht, zwischen den unzähligen wild hereinhangenden, himmeldrohenden Schluchten, Bergketten und Waldkesseln, besonders im Dämmerlichte, wenn uns {186}

so Abends ein Paar Kerle, mit ihren verwogenen Nationalphysiognomien, die Aexte über den Buckel, die entweder wirklich kein Wort deutsch verstanden, oder aus stockischem Trotze nicht verstehen wollten, plötzlich aus dem Holze entgegen traten, wurde mir oft nicht anders zu Muth, als müßte ich hier begraben werden; ja als gäbe es einen ewigen Zigeunerhauptmann, so wie es einen ewigen Juden gibt, und der wohne hier, und senge und brenne, und sey an kein Herauskommen aus diesen Böhmer Wäldern weiter zu gedenken.
Und als ich an die glänzenden Metoren gedachte, an Wallenstein, an die Hussiten, die einst von diesen Bergen aufstiegen, und wie feurige Kometen, verheerend Deutschland durchzogen: da fing meine Furcht an mir vor mir selbst begreiflich zu werden.

Prag d. 7. Abends um 12 Uhr.
Es war spät, und donnerte und blitzte stark, als wir zu Prag in die Stadt herein, den Ratschin herunter, in das Hotel vom Erzherzog Karl fuhren. Ein altes verdrüßliches Weib hatte uns von hinten im Regen, ehe wir an's Thor kamen, den Schlag eröffnet. Oben auf dem Ratschin riß die Kette, und so rasselten wir herunter, immer bergab, aber Gottlob ohne Gefahr und Unglück, außer daß unser Hemmschuh zerbrach. Eduard schlief seiner Mutter im Schoos. Die Blitze, die das Firmament in Stücken zerschnitten, spielten in seinem Haar: der Junge schlief ruhig fort. – So sind wir glücklich in Prag angelangt. Es schlägt 11 Uhr. Jetzt kein Wort von der Stadt! Morgen mit dem frühsten bin ich heraus, und so bald sie in Nebeln raucht, will ich sie selbst in Augenschein nehmen.

Etwas über eine ebenfalls nöthige Verschönerung des graecum π an den deutschen Landstraßen.
(Beschluß.)
Diese Sitte, jede Anhöhe vor einer Stadt, statt Kirschbäumen, mit Galgen und Rad zu dekoriren, scheint besonders im protestantischen Deutschlande unumschränkt zu herrschen; in den katholischen Provinzen öffnet doch noch das häufig, an den Landstraßen aufgestellte Bild des Gekreuzigten, einen tröstenden Uebergang zu den Schreckensscenen des Hochgerichts, und wer die Aussicht hat, auf diesem Wege aus der Welt zu gehen, kann wenigstens hoffen, sodann die Rolle des rechten Schächers zu spielen Doch diese Betrachtungen, will ich anderen überlassen. Ob es in Deutschland an hängelustigen Spitzbuben, oder an einer hängelustigen Justiz fehlt, mag gleichfalls dahin gestellet seyn; auf jeden Fall scheint mir diese Galgendekoration ein Schandfleck in der Physiognomies meines Vaterlandes zu seyn, und der reisende Ausländer muß bei ihrem Anblick eher glauben in der Moldau und Bukowina, als im gesitteten Deutschlande zu reisen. Warum errichtet man nicht, so wie in Italien, jedesmal, wenn die Gerechtigkeit ein solches Schlachtopfer fordert, einen Galgen auf der Stelle? warum baut man der Schande der Menschheit dauernde Monumente, wärend man für die Zierden derselben kein Denkmal zusammenbetteln kann? „Nein! sprach ich, als wir den Galgen bei E. vorbeifuhren, zu meinem Reisegefährten, einem ehrenfesten Bürger aus F. –, nein, so lange noch jede Stadt von einem Rabenstein dominirt wird, kann ich nicht glauben, daß Aufklärung und Geschmack in Deutschland Wurzel geschlagen haben." – „Hm! sagte mein Nachbar in der gelben Kutsche, – das müssen sie so arg nicht nehmen; wir sind an dem Anblick gewöhnt und keiner denkt etwas übles dabei." – Desto schlimmer! so sind die Straßenräuber noch mehr daran gewöhnt. „Diese Schandmäler sind also völlig unnütz, und dienen bloß ehrlichen Reisenden, die deß nicht so gewohnt sind, Abscheu und Aerger ins Blut zu jagen, und die Geschmacklosigkeit meiner lieben Landsleute schon vor den Thoren der Stadt zu predigen!" – Ich beschwöre sie darum, meine Herren, bei der dreiförmigen Hekate: wenn ihnen die Ehre meines Vaterlandes am Herzen liegt, so sprechen sie ein kräftiges Wort, daß diese Schandmäler, welche wohl der Barbarey unserer Vorfahren, aber nicht der Humanität eines aufgeklärten Zeitalters zu verzeihen sind, endlich in Trümmer zusammenstürzen, und von deutscher Erde vertilgt werden.
Gr.

Nachschrift.
Poetische Veredlung. Geßner hat in einem seiner radirten Blätter eine sehr malerische Anhöhe, welche nach der Natur gezeichnet ist. Dies ist das Hochgericht zu Eglisau. Ein minder poetischer Künstler würde in den drei Balken nichts, als einen Galgen gesehen und sich mit Weglassung desselben begnügt haben. Geßner sah darin das Peristyl eines griechischen Tempels.
S. Geßners Leben von Hottinger, S. 137.

Vorstehende Anekdote kann unserm wohlmeinenden und patriotischen Korrespondenten statt der Antwort dienen. Da jedoch wohl zu verlangen ist, daß jeder reisende Künstler, geschweige jeder gebildete Reisende, der Geschmack genug hat, um lieber einem griechischen Tempel, als einem deutschen Galgen zu begegnen, eine Geßnerische Dichterphantasie besitze, um diese in jene umzuwandeln, so wäre freilich wünschenswerth, daß von Seiten der Landesherrlichkeiten der Phantasie der Reisenden ein wenig, wäre es fürs erste auch bloß negativ, entgegen käme; denn zum Positiven wagen wir selbst unsere Wunsche dermalen noch nicht zu erheben..

Gute Nachbarschaft.
„Thor! Schau auf einem Feld den Flachs und Hanf gedeihn. Die Pflanzen, die uns Stoff zu Strick und Tuch verleihen! {187}

Hier keimt Unsterblichkeit den ungebornen Kanten;
Der Strick Lips Tullians wuchs unter Wolfs Quartanten:
Lehrt die Natur uns nicht dadurch bedeutungsvoll,
Daß Nachruhm hart an Rad und Galgen streifen soll?“
F.

Mozart als Höllenrichter,
oder
Böhmische Musik und Literatur.
Schreiben an Sr. Majestät den König Minos.
Beiliegend folgt der Pränumerationsbetrag auf einen national-böhmischen Musikschädel zurück, indem ich keinen von den jetzigen Tonkünstlern zu der hohen Würde qualifiziert fand, die Gallerie Ewr. Majestät mit einem ausgezeichneten Nationalschädel zu vermehren. Um aber Ewr. Majestät, als ein fleißiger und thätiger Agent, von meiner Ergebenheit und meinem Diensteifer zu überzeugen, unterstehe ich mich Höchstdenselben eine etwas detaillirtere Relation meines Verfahrens vorzulegen. Da wie Eure Majestät wohl wissen werden, bei uns hier in Prag ein totales Defizit von fliegenden und schleichenden, gelehrten und ungelehrten, eleganten und freimüthigen, Tartatarischen und Elysischen Blättern, mithin auch an Intelligenzblättern obwaltet, so mußte ich in meiner Verlegenheit zu einem militairischen Konvokationsmittel schreiten. Ich miethete mir den kunstgerechtesten Tambour der böhmischen Armee, und ließ ihn mit seinem Kalbsfelle – ein Ding, das oft genug, ganze Staaten revoltiert – die ganze Gemeinsame unserer ehrenvesten Stadt berufen. In einem Augenblick war ein Heer von Menschen um ihn versammelt – er zog gravitätisch das Geheimniß aus seinem Busen, entfaltete es, und las, wie folget:
Sr. Majestät Minos, weiland König in Creta, nach seinem seeligen Absterben aber erster Justizpräsident im Reiche der Schatten, geruhen einen Pränumerationspreis von 100 Louisd'or in Golde, auf einen Tonkünstlerkopf, der sich mit einem wohl ausgebildeten Organ des Tonsinns zu legitimiren im Stande ist, zu bestimmen. Der Untersuchungsort ist im anatomischen Hörsal und der Pränumerationspreis wird dem Ueberwinder seiner Mitbewerber sogleich eingehändigt. Gegeben im Reiche ohne Zeit Raum.
Unterz. Minos.

Der Tag erschien – die olympischen Kämpfer fanden sich ein. Kaum vermochte der Saal sie zu fassen. Wie ich so die singlustige Kohorte um mich herum sich vermehren sah, trotz dem fruchtbarsten Insektengeschlechte, wie ich die rollenden Augen, die emporgestreckten Hände, die schon nach dem Preise verlangten, und hie und da einen Nebenbuhler beim Schopfe ruckten – gewahrte, da wandelte Orpheus schreckliches Schicksal meinen starren Augen vorüber – ich sah die Hände schon triefen von meinem Blute – meine Gesinnung verließ mich bei dem entsetzlichen Gedanken: sieh da stand plötzlich Mozarts Geist vor meinen entschleierten Augen, und sprach folgendes Wort des Trostes: „Zittre nicht, Bevollmächtigter des trefflichen Minos, laß mich untersuchen, wie mein Geist sich in der Schaar fortpflanzte, unter der ich einst gewandelt bin. – Ich werde sichtbar prüfen, wenn gleich nicht würdig ist das sündige Auge dieser, mich zu schauen. Nur die schon den Fuß fortbewegten auf dem Wege der Publizität, treffe der entscheidende Blick des Richters, über die andern werfe ich den Mantel christlicher Barmherzigkeit." Sprachs und ging die goldhungrigen Schädel zu betasten. Nicht lange – und Mozarts, des Unvergeßlichen Geist, sprach vernehmlich folgende Worte:

Meine Herren!
In dem Reiche, in dem ich mein schöneres, freundlicheres Daseyn fortlebe, gilt die, auch unter euch außer Kours gekommene Münze, Bescheidenheit, nichts. Ich werde also dasselbe thun, was ihr so oft, ohne von den Schauern der Ewigkeit gereinigt zu seyn, gethan habt, ich werde von mir selbst zu reden anfangen. Ihr habt gesehn, wie viel das schöne Reich der Musik unter meinem Scepter gewann; arrondiert, wie kein politischer Staat meiner Zeit; die Gränzen fest bestimmt und bewacht von zwey glänzenden Cherubims, die da heißen, Schönheit und Größe. Ich habe den süßen Zauberstab der Harmonie gefunden, und in meinen Schöpfungen umarmen sich die Genien des Zarten und des Erhabenen; nur ihr seyd daran Schuld, daß man keine mozartsche Schule kennt. – So verließ ich euch ein glänzendes Erbe – Aber ihr – ihr Undankbaren, wie seyd ihr mit meinem Reichthum umgegangen – den schönern Theil achtet ihr nicht, weil er nicht glänzte, und nur sub clausula studii indefessi in Besitz zu nehmen war – den glänzenderen Theil vergeudetet ihr, und verriethet ihn an die Bedürfnisse eines unedlern Tonsinnes. – Ich zeugte euch eine Sonnenbahn – und ihr ringt mit dem Handwerke um eure jämmerliche Existenz, ihr habt den edeln Böhmen die Stimmenmehrheit im musikalischen Fürstenrathe geraubt. Darum hinweg, hirnleere Schädel – wie wollt ihr vor dem Richter der Schatten als Wunder des Organismus erscheinen – da euch die Kraft mangelt – die man euerm Schädeldache abmerken soll – ihr sollt den Schattenrichter noch sehen, aber nur um von ihm den Gequälten der Hölle substituiert zu werden
Du, der du den Füßen zwar mit trefflichen Menuets – aber doch nur den Füßen schmeicheltest, du wirst, an Prometheus Stelle, deine fette Leber den hungrigen Geyern preis geben – dein Fels heißt, Reue über Mangel am Studium deiner Kunst und Bildung des Geschmacks – du zweiter, der du mit deinem Vorgänger eine Bahn {188}

wandeltest, und dem Kitzel des Ohres das Schöne eines edlen Stils aufopfertest -- der du mit braven Anlagen den Kern in der Hülle nicht zu genießen suchtest, die meine Muse bedeckte – du wälze, statt Sysiphus, die Felsenlast hinan – weil du die geringere Anstrengung auf dem Pfade deiner Kunst scheutest; du dritter leide mit Irion, weil du schon die majestätische Juno an deinem Busen wähntest, indessen du eine Wolke umarmt hältst; du vierter, dessen Aristarchen-Miene dir das Fell kosten wird, wenn du auch Apollon auf die Flöte nicht herauszufordern wagst – du schwebe zwischen den Festen der Erde und der schrecklichen Tiefe des Tartarus, wo die Winde der Hölle wehen, und jeden, der in ihre Gewalt kommt, unaufhörlich hin und her treiben, ohne daß er sein fürchterliches Ziel erreiche – denn für den Tartarus bist du noch nicht reif genug, auch hat deine unstäte Luftreise viel Analogie mit deinem Kunstleben – das auch nicht weiß wo hinein und wo es hinaus soll.
Du fünfter, der du den edlen Kirchenstil an den Jux des Ländlers verriethst – und die göttliche Fuga, wie ein besoffener Faun nothzüchtigtest – du lechze, statt Tantalus, und wenn du den dürstenden Mund öffnest – fliehe die Quelle des guten Geschmacks und der lockende Apfel des Schönen deinen unreinen Gaum. – Die Ewigkeit einer solchen Strafe wird dir für die Unbesonnenheit zugedacht, eine göthesche Oper mit deiner Bänkelsängermusik zu verunehren. – Laß ab, Unglücklicher, von deinem Vorhaben, sonst bereiten dir die Rezensenten wie Himmeln, einen Tartarus auf der Oberwelt. – Ihr aber, Hermaphroditen des Dilettanten-Volks, seht die geschwungene Geißel der Erinnyen – laßt ab von eurer unseligen Verkehrtheit – und geht die Bahn, die ich euch zeigte, sonst erwarten euch alle Qualen des Tartarus.“

Also sprach Mozarts Geist, von Ewr. Majestät göttlichem Sinn durchdrungen. Schrecken und Entsetzen ergriffen Jeden, alles stürzte davon, und lief, theils in Beiträgen zu der musikalischen Monatschrift Euterpe, theils in Walzern und Ländlern, seine Wuth über die fehlgeschlagenen Hoffnungen aus.
Ich hoffe mit nächsten auch das zweite von Ewr. Majestät mir anvertraute Geschäft zu beendigen, und bin mit gränzenloser Hochachtung
Ewr. Majestät
submissester Diener
Philalethes bohemicus,

Miscellen.

Hörner, ein Menschensurrogat.
Schon mit dem Zeitalter der Buchdruckerkunst nahm das Zeitalter der Wunder und Verwandlungen in Deutschland seinen Anfang.

„Da ward ein Flachsfeld schnell in Tücher
Verwandelt und nachher in Bücher,
Und Bettlersrock und Bettlers Kleid
Zum Staatsrock der Unsterblichkeit."

Doch kann man mit Recht sagen, daß die Kunst der Verwandlungen eben jetzt auf ihren höchsten Gipfel gestiegen ist. Wir machen aus Runkelrüben Zucker, aus Cichorien Kaffee, aus Knochen Suppen. Nun fehlt nur noch, dacht ich immer bei mir selbst, daß Jemand kömmt, der uns auch aus unsern elfenbeinern Stockknöpfen einen kräftigen Suppenextrakt bereiten lehrt. Denn da die auf asiatischen Wiesen ausgefütterten Elephanten, in ihren kompakten Knochenmassen unstreitig mehr eingetrocknete, aromatisiche Substanz haben müssen, als die Ochsen im fetten, aber schleimigten Moor-Gras unsrer Marschländer: so könnte man auf die Art, in unsern Chariteen, wo man bereits so viel spart, auch noch die Würze sparen. Und eine Zuthat mehr oder weniger ist in so geldarmen Zeiten, wie die unsrigen, für einen rechtschaffenen Allmosenpfleger, immer ein Gegenstand, der Ueberlegung verdient. Und siehe da, nun ist auch ein solcher Heiland der Welt, gleichsam ein zweiter Rumford, wie ich höre, aufgetreten, und wir besitzen jetzt wirklich die Kunst, nicht nur aus Knochen, sondern auch aus den Abfallseln von geraspelten Elfenbein, Schildkröt, Hornspänen, Kämmen, Dosen u. s. w. ja sogar aus den Stockknöpfen unsrer Bettelvögte, die sich sonst auf eine ganz andere Art im Dienste der Menschheit thätig erwiesen, den Armen unsers Kirchspiels kräftige Suppen zu kochen. Gott vergelte es diesem edeln Wohlthäter, aber bei aller Anerkennung seines Verdienstes, wird es uns doch schwer von dem Verdienst eines Andern zu schweigen, das sich derselbe eben so menschenfreundlich, und noch dazu in einer weit schwererern Kunst erworben hat.
Ein Herr D. Wüstney nämlich hat kürzlich ein Buch geschrieben „Ueber das verscherzte männliche Progagationsvermögen und dessen Wiederherstellung. Rostock 1804. worin er unter andern geraspelte Ochsenhörner, mit Madera oder Mallaga infundiert, alle 2 Stunden einen Eßlöffel voll, als ein probates Mittel gegen die indirekte Schwäche empfiehlt.
Bisher galten die Hornspäne doch bloß als Dünger im Pflanzenreich, damit Blumen und Pflanzen besser darnach wachsen sollten: jetzt aber, wie man sieht, fangen sie auch an im Thierreich ihre propagierende Kraft zu äußern, und eine große Rolle zu spielen. Der Dichter, der bei den Wundern des Hrn. v. Eckartshausen einst schon voll Erstaunen ausrief:

„Stets flattert in der Luft ein Heer von Urmodellen,
Und täglich, stündlich kommt es aus der Sonne an,
Und schießt sogleich in Garten, Hof und Ställen,
Zu Tulipanen, Kühn und Pferden an.

Bald wird aus Licht nun Brot gebacken werden,
Denn schon verdicken wir den Schatten ja zu Frost,
Mit Sonnenstrahlen dann versenden wir, statt Pferden,
Den Mondschein in Bouteillen auf die Post."

Wie würde er erst ausrufen, wenn er nun von diesen Hörnern hörte; hörte, daß jetzt sogar ein Menschensurrogat in der Medicin erfunden ist; ferner, daß manche Ehe, bloß deshalb unfruchtbar an Kindern bleiben, weil die Mediciner mit allen ihren Recepten dennoch ihre Kunst nicht verstehen, sondern es immer auf einer oder der andern Seite an – Hörnern fehlen lassen; zuletzt hörte, daß ein gelehrter Rezensent Leipz. Literaturz. Sept. 1805. 123 St. nicht nur den von D. Wüstney aufgestellten Satz für theoretisch richtig anerkennt, sondern auch, so Gott will, das Mittel selbst nächstens zu versuchen denkt.