Der Neue
Teutsche Merkur
vom Jahre 1803

Herausgegeben
von
C. M. Wieland

Erster Band.

Weimar 1803.



{247}

2.
An Gleim.

Weihe.

Gleim, den mit Jubelsang die Nachwelt preist,
O du, des edeln Voß, des großen Kleist
Noch größrer Busenfreund, verzeihe,
Borussiens Tyrtäus, daß ich heut
Die edle Sitte der Vergangenheit
Mit freudiger Begeisterung erneue,
Daß ich von Wahrheit Dir und Herzlichkeit
Warm überströmende Gesänge weihe. –
Schön ist der Lorbeer, unvergänglich schön,
Womit auf Pindus waldbekränzten Höh'n
Die Charitinnen deine Schläf' umwanden;
Schön sind die Kränze der Unsterblichkeit,
Die dir Aesop, Anakreon geweiht,
Und immer schönere Blumen reiht,
Mit ihrem Liebling einverstanden, {248}

Zu schönern Kränzen Dir die – – Menschlichkeit.
Ja kehrte, von den Todten auferstanden,
Ein Timon, oder Diogen
In deine ländlich stille Hütte,
Und sähe dich gesellig in der Mitte
Der Charitinnen, Grazien,
Die leis‘ und magisch Dir den Zirkeltanz der Horen
Mit Jocus, Hand in Hand, beflügelten:
Er löschte seine Lamp' und rief, in Lust verloren:
„Hier ist ein Mensch.“ – Begrüßt ihr Grazien,
Begrüßt mit Melodien den Tag, der ihn geboren! –
Ach! ein Gedanke faßt mich, Gleim,
Mit stiller Wehmuth. Sieh, bald gehst du heim
Von diesem lärmenden Theater,
Heim zu des Friedens Heimath. Ach! mein Vater,
Mein Stolz, mein Trost, mein edler trauter Gleim,
Mir bricht das Herz und meine Thränen rinnen.
Der Orcus, meinem Jammer taub,
Und taub dem Gram der Charitinnen
Reißt unaufhaltsam Dich von hinnen!
O führt mich hin! – Wo ruht der heilige Dichterstaub? –
Daß auf sein Grabmal ich mich setze,
Daß ich den heiligen Dichterstaub,
Mit heißem Thränenstrome netze. –
Doch still mein Herz, noch sind wir ja vereint,
Noch darfst du laut an seinem Herzen schlagen: {249}

Ich will es stolz der späten Nachwelt sagen:
Gleim war mein Vater, war mein Freund!

Falk.