Deutsche
Monatsschrift

Von den
bisherigen Herausgebern derselben
fortgesetzt.

1795
September bis Dezember

Dritter Band.

Mit Kupfern.

Freymüthig und bescheiden.

Leipzig,
in der Sommerschen Buchhandlung,
und in Commission
in der Buchhandlung der Großschen Erben
zu Halberstadt.

{58}

V.
Achmets Hahn.
Probestück aus einem satyrischen Gedicht, betitelt: Die heiligen Gräber zu Kom. [Das Gedicht erscheint instehende Michaelismesse im Verlage der Sommerschen Buchhandlung zu Leipzig.]

(Sultan Achmet hat einen künstlichen Hahn erhalten, der bey der Lüge laut aufgräht, jede Wahrheit hingegen durch Schweigen andeutet.)

9.
Er trinkt Thee auf seiner Ottomanne.
Eben tritt mit einem Muselmanne
Mufti Retz hinein voll wilder Hast:
„Herr der Gläubigen, in deine Hände
Uebergeb' ich hier den Danischmende,
Der das Schmähgedicht auf dich verfaßt.“

10.
Dieser Hahn, ruft Achmet, sey dein Richter!
Er verräth bey Philosoph und Dichter,
Jede Lüge, noch so tief verkappt.
Lies dein Werk! Man geb' es ihm zurücke!
Und zerhack’ ihn dann in so viel Stücke,
Als der Hahn auf Lügen ihn ertappt! {59}

11.
Herr, fällt hier der Mufti ein: „Gewähre
Eine Bitte deinem Knecht, und höre
Dieses Lobgedicht auf dich erst an.
Ganz Byzanz zollt diesem Meisterstücke
Seinen Beyfall." — Ein‘ge Augenblicke
Stutzt der Mufti; denn — laut kräht der Hahn.

12.
„Lauschet Völker, lauschet meinem Sange,
Von dem Aufgang bis zum Niedergange!
Wer ist Achmet gleich an Majestät!
Unsers Sultans Fußstaub aufzuküssen,
Kämen Könige: allein sie wissen,
Dass sein Fuss auf Teppichen stets geht.

13.
Trotzt nicht, ihr gewaltigen Vezire!
Seht ihr die verhängnissvollen Schnüre,
In des Weltgebieters Achmets Hand?
Nur ein Wink von Achmet, und man führet
Hundert Bassenköpfe emballiret
Nach Byzanz, zu Wasser und zu Land.

14.
Wer mag Achmets Scharfsinn hintergehen?
Selbst den schwärzsten Raben würd’ er sehen,
In der schwärzsten Nacht, am schwärzsten Stein!
Er ist schön, wie Rahel und Rebekka;
Seine Nase gleicht dem Thurm auf Mekka,
Seine Stirn' ist weisser Elfenbein. {60}

15.
Seine Red' ist wie in Blüthenzweigen
Frühlingslispel. Alle Völker neigen
Seinem Namen sich von Kom bis Fetz.
Nennt die Sonne selbst nicht Achmet Vetter
Und der Bär Geschwisterkind?“ — — Zum Wetter!
Mufti, sprich, wenn endet das Geschwätz?

16.
Solltest doch vor dem Hahn erröthen! –
„Sultan, in dergleichen Epitheten
Herrscht licentia poetica:
Hier gilt nicht die Logik strenger Denker,
Wie in Prosa. — Schrieb' auch sonst der Henker
Für gekrönte Häupter Carmina.

17.
Wiß, dies ist von Fetz bis Kagliari
Einmal Stili,“ — Ey was! Lari, Fari!
Kagliari, Fetz? was schiert Uns das?
Wahrheit, will ich, merkt's ihr Herrn Vezire!
Danischmende, lies nun die Satyre!
Wollen sehen! — — — Danischmende las!

18.
„Schwächling du, an Leib und Geist verstümmelt,
Achmet, wann die Brut, die dich umwimmelt,
Gott dich heißt: О trau' ihr nicht! Sie leugt!
Horch! ein Geisterchor erwürgter Bürger
Ruft gleich Donnern: Achmet ist ein Würger!"
Achmet blickt voll Grimm zum Hahn: — er schweigt. {61}

19.
„Armer Gott! von jedem gift'gen Molche
Hängt dein Daseyn ab, von jedem Dolche,
Und von einer Handvoll Schierlingskraut:
О erlauchter Sohn des großen Bären,
Kannst ja selbst dem Zipperlein nicht wehren.“
Achmet blickt voll Grimm zum Hahn: — kein Laut!

20.
„Jenes Monument von Siegesrossen,
Die Held Achmet lenkt, aus Erz gegossen:
Ach, umsonst hat sich's dein Stolz erbaut!
Stirb nur erst: — dann drehen wir Osmannen
Aus dem Sultan Schüsseln, Krüg' und Pfannen.“
Achmet blickt voll Grimm zum Hahn: — kein Laut.

21.
„Welch ein Jubel, wenn dann, angefrischet
Von dem Blasebalg, die Lohe zischet,
Und der Sultan in den Tiegel sinkt!
Wenn sein Götterantlitz, eingeschmauchet
Sonst von Weihrauch nur, laut knatternd rauchet,
Und als N.... pf uns entgegen blinkt. [Demetrius Phalereus hatte wirklich dieß Schicksal.]

22.
Zwar ein Silbersarg birgt deine Knochen:
Aber sind sie minder drob durchkrochen,
Von dem Erdgewürm? — — — Vielleicht,vielleicht
Lokt im Kreislauf einst im schwarzen Meere
Sultan Achmets Bauch als Köder — Störe.“
Achmet blickt voll Grimm zum Hahn: – er schweigt. {62}

23.
Bettler, schmauß’t vom Gott! — – In einer Pfanne
Trift sich dann als Stör mit dem Gespanne
Seines Monuments der Grosssultan!
Deine Seele, Herr der hohen Pforte,
Raubten ihr noch Allahs Allmachtsworte
Drey Begriffe: – wär' ein Pavian."

24.
Hier schloß das Gedicht von Danischmenden —
Und der Sultan schlug mit beyden Händen
Sich erstaunt vor seinen breiten Bauch:
All' das giftige Geschwätz von Großsultanen,
Stören, Meeren, Pfannen, Pavianen,
Wäre Wahrheit? oder lügst du auch?

25.
Krähst du, Hahn? So hat er nicht gelogen?
Mufti, sind der Wahrheit nicht gewogen,
Fert'ge gleich ein Reichskonklusum aus!
lch verbann' aus meinen Kaiserlanden
Alle Wahrheit — hast du mich verstanden? —
Alle Wahrheit gleich von Hof und Haus! —

26.
Und wenn sie sich je auf unsern Grenzen —
Ey ja! Solcherley Impertinenzen
Mir? dem Sultan? Hat sich was! Ho! Ho!
Will mal sehen, ob ich hier befehle
Oder Sie! — Zerschrey' Er sich die Kehle!
Sieh nur Eins — Ein saubres qui pro quo! {63}

27.
Hat man's je erhört! welch Unterfangen!
Störe sich mit meinem Bauch zu fangen!
Wart! Euch soll der Appetit vergehn!
Bey des göttlichen Propheten Taube
Und dem Lichtstrahl! — Krähst du? Wie ich glaube,
Ist's auch hier nicht richtig! — — Laß doch sehn! {75}

28.
Als Emina Mahomed empfangen,
Ist von ihrem Leib ein Strahl gegangen,
Der ganz Syrien erhellte, he?
Alborack, das Thier mit Menschenhaaren,
Ist's mit dem Propheten aufgefahren
Zu dem Monde? [Wörtliche Mythen der Mahomedaner von Mahomed.] — Nicht? О Jemine!

29.
Stand er nicht hart an des Thrones Schwellen,
Von des Ew‘gen Antlitz — nur zwey Ellen,
Und empfieng daselbst den Alkoran?
Lag dies Buch, von Gott uns offenbaret,
Nicht in saub'rer Abschrift aufbewahret,
Hier von Ewigkeit? — du lästerst, Hahn!

30.
Stößt Jehova nicht am jüngsten Tage
Alles Christenvolk von seiner Wage,
Wie zu leicht erfunden, in den Pfuhl?
Dienen uns die unbeschnittnen Rotten
Dann nicht statt der Pferde, hinzutrotten
Von den Gräbern zu dem Richterstuhl? {64}

31.
„Das sind Fabeln, Herr, rief Danischmende;
Wie du siehst, so kräht der Hahn ohn' Ende.
Sprich, wer glaubt an Tausend eine Nacht?
Weißt du nicht, daß auch die Christenammen,
Jeden Muselmann zum Pfuhl verdammen?
Bonzen haben solch Geschwätz erdacht!

32.
Zwar der Sterbliche, von Wahn betrogen,
Baut Moscheen sich und Synagogen;
Doch vor Allah gilt kein Unterscheid:
Zürnend haßt er jeden Uebelthäter;
Liebreich schaut sein Aug auf jeden Beter,
Trag er Kutte oder Derwischkleid.

33.
Ob du beym Beten stehst oder knieest,
Ob du dir ein Chorhemd überziehest,
Oder Goldbrokat, gilt Allah gleich!
Glaubst du Narr, durch Goldstoff oder Leinen,
Mit den Händen oder mit den Beinen,
Komm ein Sünder in das Himmelreich?

34.
Ob an deinem Altar Lampen qualmen,
Ob du auf lateinisch deine Psalmen
Oder griechisch plärrst, gilt Allah gleich!
Glaubst, du Heuchler mit verstocktem Herzen,
Durch Latein und Griechisch, Wachs und Kerzen,
Komm ein Sünder in das Himmelreich? {65}

35.
Ob bey bilderlosen Tempelwänden,
Oder unter bunten heil'gen Blenden
Sich dein Herz erhebt, gilt Allah gleich!
Allah wohn’t in Wassern, Luft und Hainen.
Glaubst, du Thor, mit Farben, Kalk und Steinen
Komm' ein Sünder in das Himmelreich?

36.
„„Allah hilf!“" ruft ihr am schwarzen Meere;
An dem Tago: „„Jesu miserere!"“
„„Brama steh uns bey!"“ in Indostan;
„„Laoths [Lao-tse oder Laoths lebte ungefähr zu Kong-fu-tsche‘s Zeiten. Seinen Anhängern zu Folge gebar ihn seine Mutter ohne männliches Zuthun. Sie ging 80 Jahre mit ihm schwanger. Als er zur Welt kam, war er so grau als ein Greis.] rett' uns!“" beten die Sinesen:
Glaubt ihr etwa, das erhabne Wesen
Wähle zwischen Titeln, wie ein Chan?

37.
Alle hießet ihr Osmannen, Thoren,
Wäret ihr am schwarzen Meer geboren:
Zufall gab Euch Tempel und Altar.
Wie? ich fände nicht vor Allah Gnade,
Weil mich an des schwarzen Meers Gestade
Mein Geschick, und nicht am Rhein gebar?

38.
Was? nach Meilenzeiger, Pol und Grade
Theilt, ihr Schälke, des Erbarmers Gnade,
Höll' und Himmel aus nach Nord und West!
Wie ein Lehrer, Knaben auf der Karte,
Sorgsam jene Weißen mit dem Barte,
Von den Schwarzen unterscheiden läßt. {66}

39.
Euch allein hat Allah sich erkoren?
Euch allein ward der Prophet geboren?
Euch allein beschied er Algalad? [Algalad, so heißt das Paradies der Mahomedaner.]
О ihr Thoren, laßt den Eigendünkel!
Giebt es auf dem Erdball einen Winkel,
Wo ein Thaumaturg nicht Wunder that?

40.
Aus dem Haupt gebar der große Brama
Die Bramanen, und der Koth des Lama
Hilft als Amulet vor Gicht und Stein.
Urg'hen wuchs aus einer Tulipane,
Und ward Gott. — — — Der Huktumane
Lehrt, das Brod sey Fleisch, und Blut der Wein. [Die Leser werden sich erinnern, daß ein Muselmann redet, und daß dieß den Muselmännern vorzüglich anstößige Lehren der Christen sind.]

41.
Achmet lacht! Ganz recht! die Tulipane,
Die zum Gott wird, und der Huktumane,
Der den Wein in Blut verwandeln will!
О der Thoren! Aber jene Taube,
Jener Lichtstrahl, die bey uns der Glaube
Heiligt? Achmet, warum bist du still? {67}

42.
Sprich! wer sah die heil'gen Wunderthäter?  Wir?
„„Nein! unsre Ur-Ur-älterväter."“
Warum die? und wer bürgt uns dafür?
„„Lies! hier stehts! Kannst du arabisch lesen?
Dieses Buch ist göttlich!“" — Großes Wesen!
Immer Bücher zwischen mir und dir?

43.
Dunkel sind mir diese Charaktere.
„„So tritt her, dass ich sie dir erkläre!"“
Und wer bist denn du? „„Ein Mensch gleich dir.“"
Irrst du nicht? „„Mit mir hats Li gelesen!"“
Und ist Li kein Mensch? —  — Erhabnes Wesen!
Immer Menschen zwischen mir und dir? {83}

44.
Danischmende, geh hinaus zum Meere,
Wann sich Wog' auf Woge thürmt, und höre!
Laut ruft Sturm und Wog': es ist ein Gott!
Was? du willst daß ich arabisch lerne?
Rufen mir nicht Sonne, Mond und Sterne,
Und die Erde zu? es ist ein Gott!

45.
Stolz kommt hier ein Bonz' einher gegangen:
„„Sterblicher, nimm den Verstand gefangen!“ {68}

So? gab mir nicht Allah den Verstand?
Setzt, ein Mann verfertigte zwey Bände,
Und im zweyten fände Danischmende
Nichts als Widerspruch vom ersten Band!

4б.
Nun, so rief ich: bringt ihn in Verwahrung!
Er ist toll! — Vernunft und Offenbarung
Sind Geschenk aus Einer Gotteshand.
Blindlings glauben ist Verstandesschwäche —
Und der Koran? Allah, widerspreche
Dir so gröblich nicht im zweyten Band!

47.
Doch vielleicht liegt jede dunkle Wahrheit
In dem Alkoran, in Sonnenklarheit,
Der Vernunft von Allah aufgedeckt:
„„Gott spricht selbst."“ —
Mit wem? — „„Mit dem Propheten!“"
Allah! ist ein Dollmetsch dir von nöthen?
Allah, sprich in meinem Dialekt!

48.
„„Du verharrst muthwillig in Verblendung.
Haben Wunder des Propheten Sendung
Nicht verherrlichet vor aller Welt?“"
Was? der Lichtstrahl aus Emina's Lenden,
Glaubt ihr etwa, dass er Danischmenden
Diese Nacht des Glaubens aufgehellt? {69}

49.
Wer verbürgt's, daß jene Wunderzeichen
Nicht den Wundern in Medina gleichen,
Die vor unsern Augen noch geschehn?
Viel erzählte mir ein Derwisch drüber;
Endlich, Achmet, zog ich selbst hinüber:
О der Wunder, die ich dort gesehn!

50.
Froh ruft hier ein Alter: „„Funfzehn Jahre
Litt ich armer Mann am schwarzen Staare,
Bis ich ihn durch Allahs Macht verlor.
Er verlässt nicht die, so auf ihn hoffen!
Wie ich seh', ist die Moschee noch offen.“" —
Und nun tritt Er — in ein Scheurenthor.

51.
Aschbleich und mit eingefallnen Backen,
Hat ein Andrer dort, den Tod im Nacken,
Dem Iman sein Herzleid vorgekeucht.
„„Wirf zwölf Asper [Asper, eine kleine türkische Münzsorte.] zwischen eilf und zwölfen,
Auf dieß Grab, und Allah wird dir helfen,
Ehe — noch das zwölfte Jahr verstreicht."“

52.
„„Berge selbst versetzt der wahre Glaube,
Nur durch ihn genas ich!“" — ruft der Taube,
Und weint dem Gott Jakobs Dank und Preis.
„„Guter Vater, fragt am Krückenstocke
Ihn ein Mütterchen, was ist die Glocke?“"
Achtzig auf den Herbst, versetzt der Greis. {70}

53.
Hier erscheint an seiner Krück' ein Lahmer,
Hundert sechzig Parasangen kam er
Hergehinkt. Er fühlt sich nicht mehr krank,
„„Hosianna!““ ruft er, neu verjünget;
Wirft die Krücke gläubig von sich, springet
Und — fällt auf die Nase länge lang."

54.
Als der Dichter noch so sprach, entrunzelt
Sich die Stirn des Großsultans; er schmunzelt:
„Nun, Herr Mahomed, so sind wir quitt!
Was ich da nicht höre! — Mufti, führe
Mir mal Paschen, Emirn und Vezire
All herein, hörst du? die Weiber mit!

55.
Du hast Gnade funden, Danischmende! —
Und zum Zeichen schlag' in jede Lende
Dir sogleich drey goldne Nägel ein!
Kislar, reich ihm den erlauchten Schlägel!
Wiß! der Mufti selbst hat nur zwey Nägel;
Du sollst dreymahl mehr als Mufti seyn!"

56.
Majestät, verbitt' es unterthänig,
Sprach der Dichter. „Nun? ists noch zu wenig?
Rief halb aufgebracht der Sultan drein;
Streit ein End', in jede Lende viere!
Damit gut!" Zum Glück knarrt just die Thüre,
Und der Hofstaat wimmelte hinein. {71}

57.
„Sprich, wie kommt es, reitzende Selinde,
Daß ich jeden Tag dich schöner finde?
Hub im bunten Kreis der Sultan an.
Blume meines Harems, offenbare
Deinem Achmet, wie viel hast du Jahre?"
„Achtzehn Sultan!" Plötzlich kräht der Hahn.

58.
„Ringle deine seidnen Locken nieder,
Daß ich sie zerwühle! — Krähst du wieder?
Was so wär' es nicht Selindens Haar?
So sind diese Rosen auch wol Schminke?
Und statt Wollust aufzusaugen, trinke
Ich nur Gift? Er schweigt. So ist es wahr?

59.
Alles was du dein nennst, wie ich finde,
Dankst du andern. Glaub' ich doch, Selinde,
Was mir angehört, ist dein allein.
Selim, den dein Schooss vor einem Jahre
Mir gebar — doch nein! — Mund! Augen! Haare!
Selim ist mein Sohn! du krähest? — Nein?

60.
На! du Schlange, zittre vor der Rache
Achmets! He da! Wache! Wache!
Gleich erdrosselt sie samt ihrem Sohn!
Abkömmling von Kaisern, soll ich's sehen, {72}

Dass mein Bett' ein —- Hahn, was soll dies Krähen?
Saß mein Vater nicht auf diesem Thron?

61.
Nicht? was hör' ich? He da! Wache! Wache!
Laßt sie! Man verschiebe meine Rache!
Wie? kein Sultan hätte mich gezeugt?
Und auch meine Mutter Adelinde
War — verzeih mir der Prophet die Sünde!
Eine — Achmet, ach, Er schweigt, er schweigt! {92}

62.
Achmet, Sohn der Sonne, du des Bären
Schwesterkind, was wirst du all noch hören?
Laß denn sehn, wen Sie sich auserkohr!
Pergamo? Nein! Angor? Abbelionte?
Wie, kein Bassa? Etwa gar Pervonte?
Ja? — О weh! den zwerggestalten Mohr!

63.
Achmets Geist, zum Herrschen nur geboren,
Wär' es möglich? eines trägen Mohren
Sprössling? Nein! nein! sag' ich, nimmermehr!
Diese Hoheit, die ich in mir spüre,
Erbt man nur, so sagten die Vezire,
Durch Geburt — O krähe nicht so sehr! {73}

64.
Wie? so ist es gleich, woher ich stamme,
Ob mich hier im Pallast eine Amme
Oder unterm Schieferdach gesäugt?
Herrscht Talent und Geist durch alle Stände?
Achmet, und du wärst vielleicht am Ende
Nur ein kleiner Geist? Er schweigt! Er schweigt!

65.
Freylich, wer Veziren glauben könnte; —
O, dann hätt ich glänzende Talente!
Wie gefiel mein Flötenspiel nicht einst!
Dieser Lauf verräth den Meister! — Wehe!
Keinen Ton vernehm ich im Gekrähe.
Hahn, so bin ich Stümper, wie du meinst?

66.
Wenn ich oft so einsam saß und dachte —
Nun was krähst du? Freylich wohl, ich machte
Mir höchst selten nur den Zeitvertreib:
Bin ich da erstaunt, wie zum Regenten,
Mit so mannichfaltigen Talenten,
Allah mich begabt an Seel und Leib.

67.
Achmet, sagten meine Sultaninnen,
Gleicht dem — Ja, wer kann sich gleich besinnen!
Gleicht an Form dem Gott im Vatikan. {74}

Scheint mir das auch etwas mehr als Fabel,
Denn mein Spiegel — Oefnest du den Schnabel
Noch einmal, vermaledeyter Hahn?

68.
Und der Witz, womit ich meine Paschen
Pflegte bеу der Cour zu überraschen
— Ich ersann ihn immer Tags zuvor —
Nun, um den wär' es doch Jammerschade!
Krähst du? Wie, so war mein Witz wol fade?
Kühl mein Scherz? geschmacklos mein Humor?

69.
Seh' ich recht, so liegt dort auf dem Boden,
Wie zum Glück, just eine meiner Oden.
Horch! wie bilderreich! und welch ein Fluß!
Hm! du krähst? Hm! Hm! hör, Hahn, ich spüre,
Dein Geschmack ist unrein! — disputire
Zwar mit Niemand gern de gustibus; —

70.
Doch zu derley Sachen, Hahn, verzeihe,
Brauchts ein Kennerohr, und dein Geschreye,
Deine Uebergäng' aus Moll in Dur —
Punktum! — Hier ist meine Reichsgeschichte!
Zu prosaisch waren die Gedichte,
Diese, fürcht' ich, ist zu dicht'risch nur. {75}

71.
Lebenslauf des Größen aller Kaiser
Vorne  — Nun! nun! kräh' Er sich nicht heiser!
Nur gemach! gemach, und Zeit gegönnt!
Lebenslauf des kleinsten aller Kaiser
Vorne Achmets Kupferstich von Geyser."—
„Noch nicht? Hm! er wird impertinent!

72.
Leben, Thaten — Was? Schon wieder kurrig?
Lebt ich nicht? mein Sir! das Ding ist schnurrig.
Eß' ich, trink' ich nicht des Tags viermahl?
Nun was heißt bey ehrenwerthen Leuten
Leben sonst, als Essen, Schlafen, Reiten?
Nicht? das hör' ich heut zum erstenmahl.

73.
Hahn, wenn ich dir rathen soll, so bleibe
Mit Subtilitäten mir vom Leibe!
Seh nur eins in aller Welt die List!
Nein! Nein! unser eins ist auch kein Gimpel!
Und ich denke doch, der Schluss ist simpel:
Wer fünfmahl des Tages ißt, der ist!

74.
Doch wir können dieses Zanks entrathen,
Weißt du was, so laß mir nur die Thaten,
Wenn ich denn durchaus nicht leben soll.
‘S soll ja Leben ohne Thaten geben:
Also — Achmets Thaten ohne Leben.
Auch nicht? Mit Verlaub, so bist du toll! {76}

75.
Alle Welt spricht, Sultan Achmets Thaten —
Freylich! freylich thaten wol Soldaten
Viel dabey: doch hab' ich nichts gethan?
Setzt, mein Kriegsheer lief‘ — In diesem Falle —
Nein, ich liefe nicht, und liefen alle! —
Was? du willst das besser wissen, Hahn?

76.
Nun! nun! sollt bald schweigen! weiß ein Mittel.
Danischmende, lies mahl dieß Kapitel,
Pagina zweyhundert zwanzig vor!
„„Niemahls sah man selbst im Griechenlande
Wissenschaft in reitzenderm Gewande,
Und die schönen Künste mehr im Flor."“

77.
Hör' mal, Danischmende, 's ist Chikane
Offenbar im Spiel mit diesem Hahne:
Kräht er nicht schon wieder lang und breit?
Woran fehlt's uns denn? so lass doch hören!
„„Herr, an Theokriten und Homeren!"“
Hm! nichts mehr! — о dann weiß ich Bescheid!

78.
Mufti schreibe! Wir von Allahs Gnaden,
Anbefehlen Euch zwey Iliaden,
Ihr Poeten unsers Reichs, so fort.
Item einen mächtgen Band Idyllen,
So geschiehet unserm höchsten Willen — —
Läßt mich der verwünschte Hahn zum Wort? {77}

79.
„„'S geht nicht?““ Ey ein Sultan darf nur wollen!
Sag' ich: Wer das Maaß nicht von fünf Zollen
Und fünf Fuß hält, der wird nicht Soldat!
So geschiehts. Nun gut! Jetzt ist's mein Wille:
Keiner heißt Poet, der nicht — bis stille! —
Eine Ilias geschrieben hat.

80.
Auch mit Pensionen, dächt' ich, könnten —  —
„„Deutschland, Herr, hat Künstler von Talenten,
Und doch hungern dort die Dichter todt!"“
Hungern? hilft das? Gut, — da giebt's zu sparen!
Mufti, treib die Dichter all zu Paaren!
Sperr sie ein bey Wasser und bey Brod!

81.
Und dann lass sie Iliaden singen,
Wie in Deutschland! Jetzt zu andern Dingen.
Hab' ich einen Freund? Ja? Schön! Wen? wo?
Diesen? Jenen? Keinen von den Allen?
Diesen — О lass mich so tief nicht fallen!
Diesen Affen? — du verstummst? — So! So!

82.
О das stürzt mich ganz von meiner Höhe! —
Nicht? du krähst? Am Ende, wie ich sehe,
Ist wohl Aff und Hofschranz einerley! {78}

Richtig! Hahn, nun sey so gut, und weise
Das Geschöpf mir hier in diesem Kreise,
Das am mind’sten nützt, durch dein Geschrey!

83.
Dieser Schooßhund ? -— Er kann wiederholen!
Dieser Aff'? Er macht mir Kapriolen!
Dieser — der Iman? warum nicht gar?
Nun wohlan! ich nehme dich beym Worte.
Sprich, Iman! wie nützest du der Pforte?
Wodurch nützt uns deine Derwischschaar? {103}

84.
„„Giebt's ein größer Kleinod, als die Seele?
Was sind Hab' und Gut, und viel Kameele?
Bloss ein Hinderniß zur Seligkeit!"“
Ich versteh', ihr heiligen Imanen;
Darum stahlt ihr meinen Unterthanen
Mitleidsvoll die Güter dieser Zeit.

85.
Schweigst du? hab' ich mich nicht hintergangen?
О man siehts an ihren Vollmondswangen!
Jetzt noch eine Bitte, lieber Hahn!
So viel heilige Anachoreten
Das Gelübd' der Keuschheit übertreten:
So viel mal deut' es durch Krähen an.

86,
Eins, zwey, drey, vier, fünf, sechs, — eilfe, zwölfe —
Hundert — tausend — Daß mir Allah helfe!
Laß nur, mir vergeht der Athem schier! {79}

Fahrt so fort, ihr dreymal heil'gen Väter!
Ich geb’ Tempel – und ihr schafft die Beter!
Hahn, genug! genug! wir glauben dir!

87.
„„Heilige Gefäße sind die Leiber
Der Imanen. Keiner halte Weiber!"“
Also hebt sich ihr Gelübde an.
Wie? wenn sich die Weiber nicht enthalten?
Wenn sich diese nun Imanen halten? — –
Davon steht kein Wort im Alkoran.

88.
Welch ein Klaggeschrey erschallt so plötzlich
Vor dem Pallast? „„Fürchterlich! Entsetzlich!
O Scherif! Scherif; du Armer du!“"
Nun was giebts denn? Janitschaarenwache?
Ein Gefangner? „„Achmet! Rache! Rache!"“
Nun was giebts denn? wird es Mufti? Nu?

89.
„„Herr, ein armer Schuster aus Bogdane
Ward von einem heiligen Imane
Ruchlos umgebracht, indem er schlief:
Des Erschlagnen Sohn lief auf der Stelle
Zum Scherifenzelt, und an der Schwelle
Kniend, schrie er laut: hilf mir, Scherif!

90.
Der Scherif, nachdem er ihn vernommen,
Ließ den Iman vor den Richtstuhl kommen, {80}

Und that den Verbrecher in den Bann:
„„„Du verbleibst in Ruhe dreyzehn Jahre
In der Zelle, dienst nicht am Altare,
Und trägst keinen Rosenkranz, Iman.

91.
Was? rief mit verzweiflungsvoller Miene
Hier der Jüngling, das beschied zur Sühne,
Weiter nichts, Gerechtigkeit dem Sohn?
Ha! was zag' ich denn vor Blutschuld lange,
Ist der Preis so wohlfeil! da, empfange,
Heiliger Scherif, den Richterlohn!

92.
„„Achmet sieht den Mörder des Scherifen
Hier in diesem Jüngling.“" Rache riefen
Die Imanen, Rache, Großsultan!
Wißt ihr was? ich wasche meine Hände!
Sprich du ihm sein Urtheil Danischmende!
„„Tritt hieher! Du heissest?"“ Oliman.

93.
„„Aengstigst du dich nicht?“" Warum? ich sterbe
Doch einmal. „„Was treibst du für Gewerbe?"“
Was mein Vater trieb! „„Nun gut! hör' an!
Du verbleibest dreyzehn Jahr' in Ruhe
Auf der Werkstatt, fertigst —- keine Schuhe,
Und trägst keinen Leibschurz, Oliman.“" {81}

94.
Bravo, Danischmende! Gut gesprochen!
Der Scherifen Mord ist just gerochen,
Wie er selbst den Mord des Greises roch:
Litt Er Unrecht, Hahn, so magst du krähen!
Seht! Er schweigt. Imanen, könnt nur gehen!
Mancher harrt hier auf sein Urtheil noch.

95.
Du, zum Beyspiel, sauberer Geselle,
Handhabst du mit Billigkeit die Zölle?
„„Herr, du kennst mein neu Finanzprojekt!
Vormals gab das Volk dir nur den Zwölften;
Jetzt geht sein Vermögen in zwey Hälften,
Eine bleibt dem Volk !“" — Und du, Insekt,

96.
Scharrst die zweyte fein in deine Kasse!
Gleich bereite dich zum Tode, Basse!
Siehst du deinen Richter dort? Er schweigt.
Führt ihn fort! Dergleichen Räubereyen
Kann ich keinem in der Welt verzeihen, —
Krähst du? keinem, als mir selbst vielleicht.

97.
Tritt mir näher, Ruckh, unübertroffen
Einst im Schachspiel, bis — will doch nicht hoffen!
Was? verlor auch Ruckh aus Schmeicheley?
So ist alles denn, worin ich Meister {82}

Mich geglaubt, verschwunden, wie die Geister
Aus Kaaba, vor dem Hahnenschrey.

98.
Und doch flochtet ihr dem großen Kaiser
Um den Schlaf verdiente Lorbeerreiser,
Gosset ihn in Erz, und hießt ihn: Held! —
Pah! Ich laß den Helden Tamerlanen:
Ich bin Vater meiner Unterthanen.
Nicht? — Was bin ich denn in aller Welt?

99.
Trauert längst im Schutt und in Ruinen
Einst Byzanz: dann bey den Antoninen
Wird noch meines Namens oft gedacht:
Wegen mancher Wittw' und mancher Waise,
Denen Achmet half. Nicht? — Hahn beweise
Diese Schmähung! — Was? — die ich gemacht.

100.
Achmet, Achmet, du gekrönter Sünder,
Wiß, ein Vater würgt nicht seine Kinder!
Deine Hand besudelt Bürgerblut. — —
Still! wer klopft vor meiner Kammerthüre?
„„Einer von dem Heer!“" Verschnittner, führe
Ihn herein! — — Was bringst du, Kasamut?

101.
„„Am erlauchten Schemmel Achmets küsse
Ich den Staub von seinen Füßen. Wisse, {83}

Eine große Schlacht gewannen Wir.
Perser blieben tausend; unsrer hundert."“
Plötzlich stockt der Bote hier verwundert;
Denn es überkräht der Hahn ihn schier.

102.
„„Kaum war, fuhr er fort, die Schlacht gewonnen;
Sultan, so nahm die Armee besonnen
Etwas rückwärts die Position;
Bey dem Perser-Heer muß Furcht und Schrecken
Vor Uns panisch seyn, denn wir entdecken
Wol auf funfzehn Meilen nichts davon.

103.
Jetzo, fängt sichs an zu offenbaren,
Welch ein Vorzug kriegsgeübten Schaaren
Vor Gesindel in der Schlacht gebührt.
Ohne viel des Feldherrn Wink vom Hügel,
Abzuwarten, ward vom linken Flügel
Bloß aus eigner Einsicht retirirt.

104.
Zwar ein Regiment, nebst dem Gestücke,
Ist noch von dem Rückzug nicht zurücke,
Doch das hält uns wohl den Rücken frey. —
Ueberhaupt schlägt jeglicher Osmane
Wenigstens vier Perser in die Pfanne.““
Hahn, wie viele Lügen? Eins, zwey, drey.

105.
Kasamut, lass dich nicht unterbrechen.
„„Der Soldat brennt Nadirs Tod zu rächen,
Seinen"“ — Nun du hältst schon wieder an?
„„Herr, willst du, dass ich den Hahn entferne?“" {84}

Laß nur, Kasamut, ich hör ihn gerne. —
„„Seinen Schutzgott nennt dich Ispahan."“

106.
Kasamut, verdammter Lügner, hebe
Dich von meinem Angesicht! Man gebe
Zwanzig Prügeln diesem Schurken hier! — —
Was giebt's Neues, Azolan? laß hören!
„„Herr, ein Weib von Kandabar in Zähren,
Und der Sklavenhändler von Algier.“"

107.
Lasst sie h‘rein!“ Schon rauschen auf die Flügel,
Sieh da! just der Seemann, dem im Spiegel
Ismael einst half auf leckem Schiff.
Hinter ihm folgt weinend — Euphrosibe,
Roth noch von den Blattern. Wer beschriebe
Das Gefühl, das Ismael ergriff!

108.
Götter, seufzt mit halbgebrochner Stimme
Euphrosibe: „„Ach ihr gabt im Grimme
Meiner Mutter Herzensflehn Gehör!
Raubtet ihr die Schönheit Euphrosiben,
Ach so wär' ich ruhig heim geblieben,
Mich entführte kein Korsar hierher."“ {116}

109.
„Sonderbar! Und welche Frau verlöre
Lieber ihre Schönheit, als — die Ehre?
Ha! wo giebt's die!“ rief der Großsultan.
„„Herr der Pfort' und giebt es weiter keine
Auf dem Erdball, so bin ich die Eine!"“
Und es kräht zum erstenmal der Hahn. {85}

110.
„In Verteilung ihrer Gunstbezeigung,
Wie gewann man Euphrosibens Neigung?
Blieb Sie stets getreu der Tugendbahn?
Sah Sie achtlos Gold und Demantkreuze?
„„Ich verhandelte nie meine Reitze!"“
Und es kräht zum zweytenmahl der Hahn.

111.
„So beseligtest du, Euphrosibe,
Keinen Gatten noch mit deiner Liebe?
Bist du Mädchen oder Weib, sag' an!
„„Herr, ich dächte doch an meinen Mienen"“ —
Ha! so bist du Mädchen noch? — „„Zu dienen."“
Und es kräht zum drittenmahl der Hahn.

112.
So viel Tugend, so viel Wahrheitsliebe,
Will ich lohnen, schöne Euphrosibe.
Kehre wieder heim gen Kandabar!
Diese diamantnen Ohrgehenke
Nimm zum Mahlschatz! — Dem Korsaren schenke
Ich zwey tausend Stück Zechinen baar."

113.
Der Korsar, vom Freudentaumel trunken,
Zu des Sultans Füßen hingesunken,
Jauchzt ihm Dank und kommt dem Tisch zu nah.
Dieser wankt; die Höflinge verfärben
Sich vor freud'gem Schreck; in tausend Scherben
Liegt der Wunderhahn zertrümmert da. {86}

114.
Achmet starr, und wie im Zaubergrunde
Angewurzelt, mit beschäumten Munde,
Stand, und ward bald glüchend roth, bald bleich.
Endlich rief Er grimmvoll: — „Janitscharen!
Greift mir diesen Gauner von Korsaren!
Pfählt ihn auf dem Schloßhof mir sogleich!"

115.
Der Korsar, gewaltsam fortgezogen,
Schrie: „Ach, warum fand ich in den Wogen
Meinen Tod nicht an Livorno's Port!
Götter, um mich in Byzanz zu pfählen,
Sandtet ihr den Nachen?" Ismaelen
Fuhr ein Schwert durch's Herz mit diesem Wort.

J. D. Falk. {87}

Anmerkungen zu Strophe 40.

1.
Der große Brama. Die Bramanen sind, der indischen Mythologie gemäß, aus dem Haupt des Gottes Brama entstanden. Sie besorgen den Religionsdienst, und ihre Person ist unverletzlich. Hat einer den Tod verdient: so werden ihm die Augen ausgestochen. Einen Bramanen zu tödten, ist eine der größten Sünden. Der Mörder muß zwölf Jahre als Pilgrim umher wallen, und mit der Hirnschale des Erschlagenen Almosen betteln. Alles, was man ihm hineinwirft muß Er trinken. Sind endlich die zwölf Jahre abgelaufen: so muß er selbst viel Almosen geben, und der Gottheit des erschlagenen Bramanen einen Tempel erbauen.

2.
Und der Koth des Lama. – Der Dalai Lama, im Reiche Thibet oder der freyen Tartarey, ist nicht, wie einige glauben, die Gottheit des Landes selbst, sondern nur der Stellvertreter des Fohe auf der Unterwelt. Dieser wohnt leibhaftig in dem Körper dieses Hohenpriesters, und sucht sich von Zeit zu Zeit, zu Folge des Lehrbegriffs dieser Religion von der Seelenwanderung, einen andern Körper zur Wohnung aus. Deshalb heißt dieser sichtbare Statthalter Gottes auf Erden auch Konschü, oder der ewige Vater, und ihm wird nicht allein die Unsterblichkeit zugeeignet, sondern auch die Kenntniß von den geheimsten Gedanken der Menschen und ihren leisesten Gefühlen. Dieser Halbgott liegt in einer Art von Alkoven, der mit weichen Tapeten überhangen ist, auf kostbare Kissen hingelehnt. Unter den schwarzen Weyhrauchwolken schimmern unzählige Lampen verloren hervor. Seine Unterthanen erweisen ihm göttliche Ehre, und ein zahlloses Volk wallfahrtet aus den beyden andern Theilen von Thibet, der Tartarey und Sina hieher, um Dalai Lama's Segen zu empfangen. Immer in einer und derselben Stellung, nimmt er bewegungslos, gleich einer Bildsäule, die Huldigungen der benachbarten Fürsten an. Indessen besaß er doch Staatsklugheit genug als die Mandschu Sina eroberten, nach Peking zu reisen, um den neuen Kaiser seinen Glückwunsch abzustatten, ein Kompliment, welches der Eroberer so günstig aufnahm, daß er den Lama's nach einer drey- {88}

hundertjährigen Verbannung, die Freyheit zugestand, wieder nach Sina zurückzukehren. Die Anbeter des Fohe vergessen sich in der abgöttischen Verehrung seines sichtbaren Stellvertreters so weit, daß sie seine Exkremente sorgfältig sammeln, und in Säckchen eingenäht, als Amulete am Halse tragen, wider Krankheiten und Bezauberungen, ja sie mischen sie sogar pulverisirt unter ihre Speisen und Getränke. Uebrigens glauben sie einen einigen Gott, der aber, wie sie sagen, dreyeinig seyn soll. – Auch haben sie ein Paradies, Hölle und Fegefeuer, gerade wie die Römischkatholischen. Ferner herrscht unter ihnen der Gebrauch der Messe, mit Brod und Wein, Beichte, letzte Oelung, Fasten, Weihwasser, Büßung und priesterliche Einsegnung bey Heyrathen. Sie tragen eine Art von christlicher Mönchskleidung, und beten nach dem Rosenkranze. Messen für Todte sind auch nicht ungewöhnlich.

3.
Urg'hen wuchs aus einer Tulipane. Dieser Gott Urg'hen oder Urg'hien, wird in Groß-Thibet, oder in dem Königreiche Buban, angebetet. Die Hucktumanen sind auch unter uns zu bekannt, als daß sie einer Erläuterung bedürften.