1806  No. 45.

Elysium.

Zeitung für Poesie, Kunst und neuere Zeitgeschichte

Mittwoch, den 18. Juni.

Etwas über eine ebenfalls nöthige Verschönerung des graecum π an den deutschen Landschaften.
Aus dem Briefe eines reisenden Malers.
Sehr Gestrenger Herr!
Ich war erst willens mein Anliegen durch die Trompete per Justiz- und Polizeyfama in die Ohren und Herzen deutscher, Justiz und Polizey zu schmettern; da mich aber indessen mein Weg durch Weimar führt, und die Sache die ich vorzubringen habe, doch auch zum Theil in das ästhetische Fach einschlägt, so will ich dieselbe einstweilen bei ihrem Tribunal anhängig machen. Wenn die Richter der Oberwelt taub sind, so finde ich vielleicht bei den Richtern der Hölle ein geneigtes Gehör. Die Sache ist richtig, meine Herren! es gilt nichts geringeres als die Physiognomie unsers deutschen Vaterlandes, aus der ich einen wahren Schandfleck hinweggetilgt wünsche, einen Schandfleck der, – o Verkehrtheit des Geschmacks! – sogar einigen achtbaren Männern, welchen ich darüber meinen Unwillen eröffnet, als ein Schönfleck in dem Angesichte unserer ehrwürdigen Mutter Germania erscheint. Doch zur Sache:
Nach drei und zwanzig Jahren, die ich in dem Lande, der Schönheit und Kunst verlebt habe, bin ich endlich seit kurzem wieder ins Vaterland zurückgekehrt, das mir in so langer Zeit fast fremde geworden, von dem ich jedoch von Zeit zu Zeit mit Freuden vernommen, daß daselbst Aufklärung aller Art in Wissenschaften und Künsten, Riesenschritte gemacht haben sollte. Meine Sehnsucht ward dadurch öfter so mächtig erregt, daß ich mich endlich entschloß, mein zweites Vaterland, wo ich dereinst an der Pyramide des Cestius meine Laufbahn zu enden hoffte, wieder gegen das geliebtere Erste zu vertauschen. Aber wie ward mir, als ich, bald nach dem Eintritt in dasselbe, überall auf Spuren der Barbarey stieß, die ich durch eine humane Kultur längst vertilgt glaubte. Schon die spitzen Giebeldächer machten mich melancholisch; doch das hätte ich überwunden; aber so oft ich mich einer deutschen Stadt, selbst fürstlichen Residenzen, näherte, erblickte ich fast immer zuerst auf einer die Stadt beherrschenden Anhöhe, die zur Uebersicht der umliegenden Gegend, oder zu einem Denkmale für einen edlen um das Vaterland verdienten Mann, geeignet schien, an dessen statt – mich grauet es heraus zu sagen, – Galgen und Rad, gerade als ob ich in einem von Dieben und Räubern bewohnten Lande reisete, denen solch ein memento mori immer vor Augen stehen müsse, um sie durch Furcht und Schrecken in Zucht zu halten; und doch fand ich zu meiner großen Verwunderung, und ich darf wohl sagen zu meiner Beruhigung, von Tyrol bis Sachsen, alle Galgen und Rabensteine leer.
(Der Beschluß im Tartarus.)

Schreiben an den Herausgeber des Elysiums.
Weimar und Jena waren von jeher ein Paar der hellsten Mittelpunkte für Wissenschaft, Kunst und Geschmack. Viele {182}

Tausende haben hier zuerst einen Anstoß, ihr Geist eine wohlthätige und entscheidende Richtung erhalten, und leben jetzo als edle, deutsche Männer in allen Ländern zerstreut. Sie, meine Herren, haben angefangen, Manches, was auf dieses höhere Leben Bezug hatte, mit Vorliebe zu sammeln. Sie haben uns bereits von Herder, Schiller eine Reihe interessanter geistreicher Anekdoten, und mehr als einen auch dem künftigem Biographen dieser großen Männer dankenswerthen Charakterzug mitgetheilt. Fahren Sie rühmlicht damit fort; denn Sie sitzen ja an der Quelle, und so fordert es gewissermaßen die Pflicht, daß Sie der Nachwelt keinen von diesen schönen Schätzen vorenthalten. Nun fordern Sie aber auch mich auf, Ihnen hierin beizustehen, d. h. eins und das andere über Jena und Weimar, aus jenen denkwürdigen Zeiten ihres höchsten Flors zu liefern. Ich will sehen, wie ich Ihrem gütigen Verlangen nach besten Kräften Genüge leisten kann. Zuförderst schicke ich Ihnen einen kleinen Versuch. Sehen Sie zu, ob Sie ihn des Abdrucks würdig finden.

Fragment einer ungedruckten Rede des seligen Döderleins, nach einem in Jena vorgefallenen, tödlichen Duell.
(Der Erstochene war ein Sohn des bekannten Liederdichters Neander.)
Wann ich sonst in ihrer Gesellschaft auftrat, um mich mit Ihnen über die Wahrheiten der Religion heiter zu unterreden, so verfolgt und preßt mich heute ein Entsetzen, das die schreckliche Begebenheit des gestrigen Tages in meiner Seele erregen mußte. Noch schweben ebenfalls auch auf Ihren Stirnen, gleich dunkeln Schatten, die deutlichen Spuren der Wehmuth und des Kummers, die wir gestern beim Anblick jedes unter Ihnen, wenn er nicht ganz gefühllos war, bemerkten. Und noch kann sich schwerlich unser Geist von dem traurigen Gedanken loswickeln, daß wir ein Mitglied unserer Gesellschaft, Sie einen Bruder, und ich einen Zuhörer verloren haben, den wir am Morgen noch gesund und blühend auf diesen Sitzen, und am Abend, ach! in einer Gestelt sahen, bei deren Anblick kaum ein menschlich Herz ausdauern kann.
Er ist nicht mehr! Sein Tag ist vollendet, seine Rechnung geschlossen – und wie? Sie haben seinen Leichnam gesehen, den zur Erde gesunkenen Körper, die ganz entstellten Glieder, die schauerisch verunehrte menschliche Bildung, Sie haben vielleicht zum Theil die letzten zitternden Bewegungen des Sterbenden aufgefaßt, vielleicht das Aechzen der durchbohrten Brust, und mit demselben die wehmüthigen Wünsche – o! daß es erhörliche Gebete gewesen wären! –  gehöret; Sie haben gesehen, wie eine Leidenschaft des Zorns und der Rachsucht betäubt; gesehen, wie er, wie seine bestürzten Freunde vergebens die Hände nach Rettung ausstreckten, und schnell um ihn ergossene Todesschauer seine Augen auf immerdar verhüllten. Alles, alles beunruhigt uns bei diesem erschütternden Vorfall, besonders der ernsthafte Gedanke, daß eine Seele ganz in den Empörungen der Leidenschaften vor ihren Richter tritt; in dem Augenblick, da sie gegen sein Gebot und wider die heiligsten menschlichen Gesetze sich empört, da die letztern Eindrücke des Körpers für sie nichts, als die Empfindung von Zorn und Rache sind, und der letzte Gedanke auf dieser Erde der ist: ich habe mich früher in die Ewigkeit hinüber geschleudert, als es meine Bestimmung und des Ewigen Wille war, und mein Leben, zu dessen Erhaltung er mich so feierlich und stark aufforderte, ohne Beruf verloren! Zerstörung der Seele, beunruhigender Gedanke: aber laßt uns erwägen, daß nicht eine einzelne That, sondern die ganze Flamme unserer Lebensthaten vor dem Richter leuchtet, wo ein Leben auf die Waage gelegt wird; so wollen wir selbst jetzt noch gerührt zu ihm, dem unendlichen Erbarmer, für ihn, den Unglücklichen, mit Wehmuth hinauf blicken. Schweigend verhüllt müssen wir Menschen ohnedieß ja bei jedem Todten mit unserm Richterspruch stille stehn und den seinigen abwarten.
Aber übersehen Sie einmal die Folgen dieser schauervollen Begebenheit für die Erde.
Es ist nicht blos der Verlust eines Bürgers, eines Menschen, eines Jünglings, der noch lange leben, noch viel arbeiten, noch lange thätig seyn könnte, oder die Vorstellung eines gewaltsamen Todes, die uns empört. Ach! weit schrecklicher, als dieß, ist die Vorstellung, was in seiner Familie der Erfolg seyn wird, wenn sie die Nachricht von diesem Tode hört. Gedenken sie sich da das ehrwürdige elterliche Paar, den Vater, dessen edle Empfindung, und dessen Achtung für Tugend in seinen uns bekannten Liedern, so fühlbar wird; gedenken Sie einer guten Mutter, die Lieb‘ und Zärtlichkeit hofft, und sich schon freut, einst den Sohn den Gefahren glücklich entronnen zu sehen, und es hören muß, daß – ich mag dieses Gemälde nicht vollenden. Sie können noch fühlen! fühlen Sie den Schmerz guter Menschen, die Kummer und Elend zu Grunde richtet!
Und der Thäter? – Satisfaction, Satisfaktion, das ist das Wort! Armer, unglücklicher Jüngling! Und was ist denn diese Satisfaction? Von der einen Seite das Hirngespinnst einer vermeinten Ehre – einer guten Renonmee – von der andern, ein ewig nagendes Cainsgewissen, der Verlust eines größern, nie zu verschmerzenden, nie zu ersetzenden Guts. – Von Ihnen, Edle, Rechtschaffene, hängt Alles ab, was in Zukunft für ihre Sicherheit, für ihre Pflicht, für den guten Ruf dieser alten und guten Universität geschehen soll. – Ich bitte – Sie wissen, daß ich Sie innig liebe, und daß mir ihr Wohl {183}

tief am Herzen liegt; ich bitte Sie bei meinem Herzen, bei diesen Thränen der Wehmuth, die Sie meinen Augen entfließen sehn, bei ihrer Vernunft, bei ihrer Liebe zu den Wissenschaften, bei dem so vergeblich und schmerzhaft versprützten Blut ihres theuren Mitbruders, oder was Uns Allen das Theuerste ist, bei dem Gott, durch den wir Uns Alle dieses Lichtes erfreun, helfen Sie mir das Ungeheuer bezwingen, das die Glückseligkeit des Jünglings so sehr zerstört, so viele schon gewürgt hat! – Was die Gesetze nicht thun können, das thue Ihr Herz, Ihre Gesinnung, Ihre Menschenliebe, die Religion! – Ich kann nicht weiter sprechen. –

Der Becker von Prag und die neun Strohwische.
Eine Böhmische Volkssage.

Graumäntelein ging, so grau von Gestalt,
Wohl durch den finstern Bohemischen Wald:
Graumäntelein ging wohl über ein Jahr,
Den Mantel zerrissen und unscheinbar;
Der Regen beregnet ihn jeglichen Tag;
Wohl ging er von Böhmisch Brot bis gen Prag.

Und wie er gen Prag in die Hauptstadt kam,
Wo mitten die Moldau die Stadt durchschwamm,
Wo unter Heiligenbildern erhöht
St. Nepomuk hoch auf der Brücken steht: —
— Hell glänzen drei Sternlein ihm über dem Haupt —
Daß selig das Volk wird, das an ihn glaubt. —

Besucht' er im Regen sein altes Quartier,
Wohl unter’m Ratschin wohnt der Böhmen Volk hier.
Und der Nebel durchzog so finster die Stadt,
Und der Wanderer sucht im Nebel den Pfad;
Und Jud’ und Hussit, und der Christ und Jud',
Und ruhen nun aus von Verfolgung und Wuth.

Und vor der Thür, auf dem Schemmel da saß,
Verkaufend Semmel und Stritzel, Herr Claas;
Herr Claas, den Reichen und Armen bekannt,
Und der reichste der Becker in Prag nur genannt;
Wohl hielt er an hundert Schweine zur Mast,
Und er selbst war dicker, als alle fast.

Und wie er Graumäntelein wurde gewahr,
Im Mantel zerrissen und unscheinbar,
Verhöhnt' er ihn also mit bitterem Spott:
„Wie stehts Graumäntelein? Grüße dich Gott;
Mich dünkt wohl, du trägst jetzt Proben zu Land;
Wie theuer dein Tuch und die Elle Gewand?"

Graumäntelein zog neun Gülden blank,
Die warf er dem Becker hin auf die Bank:
„Herr Becker, ich bin den Semmeln nicht hold;
Neun Strohwische gebt mir für mein Gold!"
Der Becker erschrak: „zu dienen dem Herrn;
Neun Strohwische, wahrlich, die geb' ich ihm gern!"

Der Becker, er bracht’ ihm die Strohwisch‘ zur Stund;
Graumäntelein dankt ihm mit höhnischem Mund:
Der Becker nahm die neun Gülden blank,
Und setzte sich wieder auf seine Bank:
O Becker, o Becker, nun nimm mit Bedacht
Dich vor Graumänteleins Zorn wohl in Acht!

Begab sich darauf, am folgenden Tag;
Wohl hielt man den großen Jahrmarkt zu Prag.
Da trieb manch Bauer aus Böhmen sein Schwein,
Aus Osten und Westen, zum Stadtthor hinein.
Graumäntelein auch erschien in der Zahl,
Und hielt neun Schweine versammelt am Pfahl.

Die Schweine, sie waren wohl schwärzer, als Kohl:
Sie grunzten: das deuchte dem Becker so wohl:
Er feilschte, Er dung, Er schloß den Verkauf;
Er zahlt ihm an hundert Goldgülden darauf:
O Becker, o Becker, nun nimm mit Bedacht
Dich vor Graumäntelein Zorn wohl in Acht!

Die erste, die zweite, die dritte Sau,
Sie kamen zu nah auf dem Markt einer Frau,
Die am Dreifuß saß und Kastanien briet:
O Becker, nur Herzeleid erklingt dir mein Lied:
Denn kaum noch berührt den Dreifuß ihr Lauf,
So flackern im Hui sie als Strohwische auf.

Das vierte, das fünfte, das sechste Schwein,
Sie torkeln so wüst' in die Vorstadt hinein:
Allwo der Hammer der Walkmühle pocht:
Da wurd' ein Grapen mit Theer gekocht;
Doch kaum berührt ihr Fuß den im Lauf,
Hui, flackern auch sie als Strohwische auf.

O Becker, o Becker, nun wächst die Noth!
Sechs Schweine verloren, das bringt dir den Tod:
Das siebente, das achte, das neunte Schwein,
Sie fielen zuletzt in die Moldau hinein,
Und wie sie berührten des Flusses Lauf,
Hui schwammen drei Strohwische oben darauf.

Und jenseits der Moldau, so reißend, o tief,
Graumäntelein stand und mit Donnerton rief:
„O Becker, o Becker, vernimm mit Bedacht,
Arm und geringen Mann nimmer verlacht:
Mit dem es oft arm und gering ist bestellt,
Beherrscht, als mächtiger Geist einst, die Welt!
F.

Paris. 1806 Lettres d'Octavie, jeune Pensionnaire de la Maison de St. Vait, ou Essai sur l'Education des Demoiselles par Mdm. de Renneville.
In diesem Werk, welches sich durch richtige Grundsätze, reine Moral und unterhaltenden Vortrag vor vielen seines gleichen auf das vortheilhafteste auszeichnet, befindet sich unter andern auch folgende Erzählung, die wir des gediegnen Sinnes wegen, den sie einschließt, und weil man auch {184}

daraus auf die Darstellungsart des ganzen interessanten Buches schließen kann, unsern Lesern hier mittheilen:

Sessa, Sohn von Daher, ein Indischer Philosoph, ist der Erfinder des Schachspiels. Im Anfang des 5ten Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung, regierte an den Ufern des Ganges ein junger Monarch, der den Titel eines Königs von Indien führte. Er besaß allen Stolz seines Standes, und allen Eigendünkel seines Alters; seine Unterthanen durften es nie wagen, ihn mit Klagen, noch seine Minister, ihn mit Vorstellungen zu behelligen. Er hielt sich selbst ganz allein für den Staat, und rechnete seine Unterthanen für nichts. Da er jedoch nicht ohne Verstand war, und auch sonst manche gute Eigenschaft besaß, so verdiente er eines Bessern belehrt zu werden. Der Orient ist das Vaterland des Despotismus, und folglich auch die Wiege der Hieroglyphen, Embleme und Allegorien; dort darf sich die Wahrheit nie unverhüllt zeigen, und darum ist auch die Fabel entstanden, die einen lehrreichen Sinn in sich faßt. Auch die Erfindung des Schachspieles war eine solche Fabel, durch welche Sessa, ein Bramine, auf seinen jungen Fürsten zu wirken suchte. Da er wohl wußte, daß die Lehre nur alsdann fruchten könnte, wenn sie der Monarch sich selbst geben würde, so erfand er ein Spiel, worin der König, obgleich die Wichtigste unter allen Figuren, doch ohne den Beistand seiner Unterthanen durchaus nichts vermag, und weder selbst anzugreifen, noch sich gegen seine Feinde zu vertheigen im Stande ist.
Von dieser neuen Erfindung, die Aufsehen bei Hofe machte, wurde der König bald benachrichtiget; er wollte das Spiel lernen, und der Erfinder selbst wurde herbeigerufen, wie es dieser vorausgesehen hatte, um ihm Unterricht darin zu ertheilen. Hierbei ließ sich nun der letztere angelegen sein, die Wahrheiten, die er dem Monarchen einprägen wollte, so viel als möglich herauszuheben, und fühlbar zu machen. Er verfehlte auch bei dem jungen König seine Absicht nicht, und dieser wußte es ihm Dank, daß er sie ihm, unter der Hülle eines bloßen Zeitvertreibes, eines Spieles, vorgetragen hatte. Im Uebermaas seiner Erkenntlichkeit überließ er es dem Braminen, sich selbst eine Belohnung dafür zu bestimmen. Sessa erbat sich hierauf so viele Reißkörner, als die Fächer auf dem Schachbret, wenn man sie, vom ersten bis zum vier und sechzigsten, eine mit dem andern multiplizierte, ausmachen würden. Der König erstaunte über die Geringfügigkeit dieser Bitte, und fand sie seiner eignen Größe, noch dem Werth der Erfindung, angemessen; allein der Bramine blieb bei allen Lobeserhebungen und allen Vorwürfen, daß er übertrieben mäßig in seinen Wünschen sei, ruhig und gelassen. Da sich jedoch endlich die Schatzmeister an die nähere Berechnung seiner Forderung machten, so fanden sie, daß alle Schätze des Monarchen, noch die sämmtlichen weitläuftigen Staaten desselben im Stande waren, den Wunsch des Braminen zu erfüllen, und ihm die verlangte Quantität Reiß zu verschaffen. Man kann wirklich berechnen, daß diese Masse von Körnern sich auf mehrere Billionen Scheffel belaufen würde. Der Bramine hatte hierdurch dem Monarchen eine zweite wichtige Lehre geben wollen, daß er nämlich gegen die Habsucht der Höflinge, gegen die falsche Bescheidenheit, worunter sie alle ihre Bitten, auch die allerunmäßigsten, zu verbergen wissen, auf seiner Huth seyn müsse. Auch diese Lehre wurde verstanden, und mit Beifall aufgenommen. Die wirkliche Belohnung des Braminen bestund jedoch darin, daß er sah, wie sein Monarch seine Fehler ablegte, wie er seine Unterthanen achtete, und gegen seine Höflinge auf seiner Huth war.
W.

Miscellen

Aus Wien.
Der Tiger, oder wie human unser Zeitalter ist.
Dies kann man daraus am deutlichsten abnehmen, daß sogar die Tiger anfangen, human zu werden. Da ist zum Beispiel der große Tiger, in der Menagerie zu Schönbrunn, der, als man ihm kürzlich eine junge, hübsche, wiewohl noch minderjährige Wiener Fleischer-Hündin zum Futter vorwarf, dieselbe nicht, wie man vermuthete, sogleich fraß, sondern im Gegentheil sein Herz, durch den Anblick ihrer Schönheit und Unschuld, erweichen ließ. Wodurch die Supplikantin in seinen Augen besonders Gnade fand, war, daß sie Sr. Bengalischen Majestät, da dieselbe, wegen des vielen Fleischfressens bekantlich, stark an bösen Augen leiden, eine Palliativkur verordnete, und ihm dadurch einige Erleichterung verschaffte, daß sie sogleich beim Eintritt der Audienz, wo er sie liegend empfing, sich ebenfalls demüthig auf ihre zwei Pfoten legte, und ihm die Augen förmlich ausleckte. Das däuchte dem Monarchen von Bengalen auch so kirre, daß er seitdem mit seiner geliebten kleinen Favorite ein enges Bündniß schloß, und mit ihr, so zu sagen, auf dem vertraulichsten Fuß lebt; ja, wie man aus dem neusten Hamburger Korrespondenten Nro. 91. weitläuftiger ersieht: so läßt er sich sogar einige recht grobe Ungezogenheiten, echt cynischer Art von ihr bei Tafel gefallen. Also rückt die Welt, von Wien bis Bengalen, dem großen, viel besprochenen Schellingschen Indifferenzpunkt immer näher und näher, und Ovid, der in seiner Zeit von den Mariagen der Löwen und Schafe, der Adler und Tauben, als von etwas Unmöglichem sang, würde, wenn er jetzt nach Schönbrunn käme, ein ganz anders Lied anstimmen müssen.