Europa.
Chronik der gebildeten Welt.

Herausgegeben
von

F. Gustav Kühne

Jahrgang 1851.

Leipzig,
Georg Wigand‘s Verlag.

Europa.
Chronik der gebildeten Welt.

Herausgegeben von
F. Gustav Kühne

1851.
22. März.

No. 24.

Ein Reisebrief von Johannes Falk.
Aus dem Jahre 1794. [Uns in der Handschrift mitgetheilt durch die nach Amerika ausgewanderte Tochter des Verfassers, Rosalie Falk. D. Herausg.]
(Von Halle über Lauchstädt, Naumburg und Dornburg nach Jena: Hr. und Frau Schütz; Anekdoten von der Redaction der Literaturzeitung.)
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Halle den 28. Decbr. 1794.
Lieber Bruder David!
Ich bin durch Deine brüderlichen gütigen Gesinnungen gegen mich so tief in Schuld bei Dir gerathen, daß ich vor der Hand weniger daran denken kann das Kapital selbst, als vielmehr einige Interessen abzutragen. Ersteres mußt Du Dich schon entschließen Zeitlebens bei mir stehen zu lassen, und sollten auch die Interessen auf Zeit und Stunde fallen, wie Du vielleicht wünschest, so sollst Du demungeachtet keine Einbuße leiden; schlage nur immer getrost das Rückständige zum Kapital. Zwar weiß ich daß durch dies Verfahren meine Schuld einen immer größern Zuwachs erhält; aber ich weiß auch daß ich keinem Menschen auf der Welt lieber schuldig sein möchte, als Dir, mein Lieber, und daß der Wunsch, als der Schuldner eines Herzens wie des Deinigen zu sterben, zu den Lieblingswünschen des meinigen gehört. Nimm auch diesmal, guter Bruder, mit der Kleinigkeit vorlieb, die ich Dir auf Abschlag übersende. Eine kleine Lustreise die ich vor einiger Zeit unternommen, wird mir vielleicht Stoff genug geben einige Blätter anzufüllen, und Dich mit diesem oder jenem Gegenstande, der Interesse für Dich haben dürfte, bekannt zu machen. Du erinnerst Dich gewiß noch aus Danzig her, daß ich mehr auf meiner Studierstube als in der großen Welt lebte, und es wird Dir daher weniger auffallen, wann ich Dich versichere, daß ich während meines jährigen Aufenthalts in Halle kaum drei bis viermal spazieren gegangen bin (was man in Danzig darunter versteht). Eben diese Eingezogenheit aber würde meine Gesundheit untergraben, wenn ich nicht von Zeit zu Zeit, um mich aufzuheitern, kleine Lustreisen in die benachbarten Gegenden von Halle unternähme. Bei diesen Partien überlasse ich mich, ohne vorher einen weitläuftigen Reiseplan zu entwerfen, ganz meiner Laune; um 8 des Morgens denk ich noch an nichts und um 9 bin ich schon über alle Berge. Ich reite immer der Nase nach, wohin mich der Zufall, den ich gemeiniglich zum Wegweiser brauche, hinsteuert, und finde, ich weiß nicht welches Vergnügen daran, mich in Gebirgen oder Wäldern zu verirren. Auf der Rückkehr überlasse ich mich gewöhnlich meinem Pferde; denn das verfehlt gewiß nie die Spur nach seinem Stalle. Auch bin ich, was diesen Punkt betrifft, so kühn daß ich oft ganz spät des Abends über Berge und Thäler, durch Dörfer und Städte, ohne eine Seele über den Weg zu fragen, immer querfeldein geritten und glücklich nach Hause gekommen bin. So abenteuerlich aber war nun diese meine Reise nicht, mit deren Beschreibung ich Dich zu unterhalten versprach, sondern ich wurde dazu von einem gewissen B., einem Berliner, im Namen der beiden andern Reisegefährten Hrn. Ebert und Hrn. v. Charge, zweier Magdeburger, aufgefordert. Da es eben noch die schönste Jahreszeit war, und diese Herren mir ihrem Äußern nach nicht mißfielen, so schlug ich ein. Wir nahmen uns zusammen einen Wagen auf 9 Tage, und fuhren Sonnabend um 4 Uhr des Morgens, gerade auf Lauchstädt zu. Du kennst dies berühmte Bad aus gedruckten Beschreibungen, lieber Bruder. Ich muß gestehen daß es mir damit gegangen ist, wie es uns oft {186}

geht, wenn, mit Goethe zu reden das Dort ein Hier wird. Es ist wahr, der Ort hat einige reizende Partien, z. B. die herrliche Lindenallee, die sich mitten durch die Stadt zieht und eine sehr angenehme Promenade bildet; ferner die schönen Anlagen zum Baden, und der vom Kurfürsten erbaute Salon zum Essen und zum Tanzen. Allein alles dies kann einen Fremden für den unaussprechlich steifen Ton und den überschwenglich närrischen Stolz, der unter den Badegästen herrscht, keinesweges entschädigen. Schon der geschmacklose Anzug dieser Leute beleidigte mein Auge auf's äußerste, – denn ich nenne es geschmacklos, auf dem Lande wo man seinen Vergnügungen nachhängt, täglich seinen Körper in goldgestickten Röcken, mit goldnen Uhren belastet, geschminkt, parfümirt und frisirt zur Schau zu tragen. Heiliger Gott! und welch einen Körper! Sterben will ich wenn ich in meinem ganzen Leben verzerrtere Physiognomien und zurückstoßendere Karikaturen gesehen habe als diese vornehmen Gerippe in Lauchstädt! – Das Beste ist noch die Promenade. Hier kann man die schöne Welt sehen und riechen; denn es ist allemal als ob eine Fregatte von Ceylon, mit Zimmt und Gewürzen befrachtet, vorbeisegelte, wenn so eine adelige Dame von der andern Seite der Allee herauf in
ihren steifen Röcken und Fontangen daherrauscht.
Wir hielten uns bis 6 Uhr an diesem Orte auf wo alles noch in Todesschlummer schnarchte, und den ermüdeten Leib zu neuen Wollüsten stärkte. Dann fuhren wir gerad' auf Naumburg zu, wo wir zu Mittag eintrafen. Der Weg dahin führt über das berüchtigte Schlachtfeld von Roßbach, wo wir ein wenig abstiegen, und uns von dem Wirth einer kleinen Schenke, der dieser Schlacht selbst beigewohnt hatte, herumführen ließen. Dieser wies uns das errichtete Denkmal, dann den Baum, unter dem der König von Preußen gestanden, die Anhöhe auf der die Preußen Fuß faßten, und dergleichen Merkwürdigkeiten mehr. Auch gräbt man hier kaum einen Fuß tief, so stößt man auf französische Hirnschädel. Ein Theil des Feldes ist nun wieder urbar gemacht, und trägt hundertfältig. Naumburg selbst liegt sehr angenehm, rings von Weinbergen eingefaßt; es ist geschmackvoll gebaut, und ziemlich volkreich. Der Dom ist ein stattliches Gebäude, dessen Äußeres schon Ehrfurcht und Schauer einflößt.
Um 4 Uhr Nachmittag verließen wir Naumburg und fuhren auf Jena zu. Das Wetter war herrlich; der Himmel blau; die Luft hatte sich abgekühlt, kein Blättchen säuselte. Es dauerte nicht lange, so befanden wir uns mitten unter wild bebüschten Thälern und Felsen, in einer reizenden Wildniß. Wenn Du einmal in den waldigen Gebirgen von Oliva gewesen bist, lieber David, so kannst Du Dir einen schwachen Begriff von dieser romantischen Bergkette machen, die sich bis nach Jena hinzieht, und nach meinem Gefühl alles übertrifft, was ich bisher von Schönheiten der Natur bewunderte. Kamburg kündet sich schon von fern durch die schwebenden Ruinen eines grauen Thurmes – vormals ein Wachtthurm – an. An dem Fuße dieses gothischen Denkmals rollt man eine schroffe Schlucht hinab, und kommt in das herrliche Kamburg welches rings von Waldgebirgen umschlossen ist. Hier strömt die Saale, an deren Ufern Mühlen und Eisenhämmer emporsteigen.
Dornburg, ein kleines Städtchen, liegt in einem Kessel von wildbebüschten Felsen. Auf der drohendsten wildverwachsensten Spitze eines derselben springt ein altgothisches Schloß hervor, vorn mit einer Bastion und einem eisernen Geländer, an dessen Fuße Dornburg liegt. Der Fahrweg geht immer den Felsen hinan, und man erblickt das ehrwürdige Schloß, wie in den Wolken schwebend über seinem Haupte. Wirft man aber einen Blick in die Tiefe, so sieht man die Saale in den eigensinnigsten Krümmungen die blühenden Thäler durchschlängeln, ferner Brücken, Mühlen und Dörfer, Weinberge, weidende Schafheerden und geschäftige Landleute. Manchmal ging der Weg so hart an dem schroffen Abgrund entlang, daß uns Alle ein Schwindel ergriff. Stürzte der Wagen hinunter, so würde man entweder gerade auf die Dächer der unten liegenden Dörfer oder gar in die rauschende Saale fallen. Von hier aus führen viele gewundene Fußpfade bequem nach Jena; die Fahrwege aber sind desto beschwerlicher, weil sie oft so schmahl sind, daß kaum ein Wagen Raum hat. Ist also ein entgegenkommender Fuhrmann fahrlässig genug, sich nicht durch Klatschen anzukündigen, so geräth man in die Unannehmlichkeit, hier stundenlang warten zu müssen. Auch wir hatten dies Unglück. Die Nacht brach ein, und wir mußten auf das Vergnügen, Jena am nämlichen Tage zu erreichen, verzichten. Wir ergaben und in unser Schicksal, und kehrten in einer kleinen Schenke ein, die recht romantisch mitten im Gebirge unter Gebüschen sich erhob. Meine ermüdeten Reisegefährten legten sich schon um zehn Uhr schlafen. Ich aber trat an's Fenster und weidete mein Herz an der herrlichen Gegend, die vom Mondschein beglänzt, sich vor meinem Auge ausbreitete. Es war ein entzückender Anblick. Die Stille der Nacht, das Klappern einer weit entfernten Mühle, das Gebell der Hunde in den benachbarten Dörfern, der volle freundliche Mond, der ruhig in den spiegelnden Fluthen der Saale daherschwamm, rund um alle Gesträuche versilberte, und die ganze Gegend mit gaukelnden Phantomen erfüllte; der Himmel ganz mit Sternen übersät, und dann der Gedanke: das ist die Gegend wo Wieland's, Goethe's und Schiller's kühner Genius schwebt, und sie zu unsterblichen Meisterstücken {187}

begeistert! Wer dies Alles sähe, lieber Bruder, ohne daß seine Seele in hohe Begeisterung ausbräche, der müßte gewiß den himmlischen Einfluß der Musen nie gefühlt haben, und wollte gar sein unglückliches Gestirn daß er selbst auf den Namen eines Dichters Anspruch machte, so müßte er sogleich alles was je seine unselige Hand niederschrieb, den Flammen zum Raub überlassen!
Ich schlief einige Stunden und stand dann schon um 5 Uhr auf, wo mir die Natur ein eben so schönes Schauspiel als das gestrige bereitete. Ich sah nämlich seitwärts am Horizont ein krauses schwarzes Gebüsch hervorhängen, das immer mehr und mehr sich enthüllte, so wie das Gewölk niedersank, und endlich so stark hervortrat daß ich deutlich die Spitze eines Gebirges erkennen konnte, die sich vom Morgennebel loswickelte, ein Anblick, der für mich eben so überraschend als neu war. Ich sah die ganze Bergkette auf die nämliche Weise gleichsam aus dem weißen Morgengewölke hervorwachsen.
Um 8 Uhr verließen wir das freundliche Thal, und trafen des Morgens um 9 Uhr in Jena ein. Was mir am ersten hier auffiel, war die geschmacklose Art der Studenten ihren Kopf zu bedecken, die fast alle schwarzlederne Halbkappen, wie die Juden, oder katholischen Pater statt Nachtmützen tragen, wie ich an mehr als funfzigen bemerkte, die, da unser Wagen über das Pflaster hinrasselte, aus Neugier die Fenster öffneten. Weit mehr gefiel mir der Anzug der hiesigen Bürgerstöchter, welche in blauen, bis auf die Füße hängenden Mänteln, deren große Kragen mit einem goldnen Treßchen eingefaßt sind, einhergehen, eine Tracht, die auch in Weimar und Gotha sehr gebräuchlich ist. Wir stiegen vor einem Wirthshause auf dem Markte ab, welches das beste in ganz Jena sein sollte, und mich gewaltig neugierig machte das schlechteste kennen zu lernen. Indeß war Hildebrand, nach dem ich schickte, so gut mir sein Logis anzubieten, welches ich auch sogleich annahm. Jena ist als Stadt viel elender und kleiner als Halle, und bei weitem nicht so volkreich. Da ich aber an einige Gelehrte, an Schiller, Schütz, Döderlein und Griesbach Empfehlungen hatte, so wurde mir mein hiesiger Aufenthalt recht angenehm. Prof. Schütz besuchte ich gleich den ersten Nachmittag, und blieb dort zum Kaffee und Abendessen. Er wohnt vor dem Thor in Jena in einem Hause welches „die Literatur" heißt, weil es von dem Ertrag, den die bekannte Literaturzeitung abgeworfen hat, erbaut worden ist. Ich fand an Schütz einen sehr artigen, zuvorkommenden Mann, und in Madame Schütz eine Landsmännin. Sie trägt sich sehr geschmackvoll und hat allerdings in ihrem ganzen Betragen, in allen Wendungen ihres Körpers eine gewisse Gewandtheit, wodurch sie ihre sinkenden Reize meisterhaft zu heben versteht. – Wir machten zusammen in Gesellschaft des Hrn. Prof. Hufeland eine Promenade auf ein nahgelegenes romantisches Dörfchen. Ich bot Mad. Schütz meinen Arm, und wir besprachen uns zusammen über viele und selbst gelehrte Materien. In allen diesen Gesprächen überzeugte mich diese geistreiche Frau mit der größten Gründlichkeit – – daß sie hübsch war. Indessen, da man unter dergleichen Umständen gemeiniglich am Herzen verliert, was man am Geist gewinnt; so war ich sehr zufrieden, als wir wieder nach Hause aufbrachen. Auf dem Heimgange erzählte sie mir noch mit vieler Naivität, daß sie ehedem einmal die Thorheit angewandelt habe, sich in griechisches Kostüm zu kleiden, daß aber freilich die ehrſame Schneidergilde in Jena, trotz der gelehrten Nachbarschaft, in der Ausführung ihrem Lieblingswunsche nicht ganz entsprochen habe. Und freilich mag die deutsche Einfalt von der griechischen Simplicität sehr verschieden sein! Den Überrest des Abends verschwatzten wir sehr angenehm bei einigen Erfrischungen. Herr Hofrath Schütz belebte die Gesellschaft durch seine artigen, größtentheils literarischen Anekdoten, die er in seine Gespräche meisterhaft zu verflechten versteht. Einige derselben will ich Dir mittheilen. Hr. Schulz, der Verfasser einiger witzigen Romane, und jetzt Professor in Mitau, machte eine Reise durch Berlin und besuchte den orthodoxen Hermes. Dieser unterhielt ihn von seinen Familienangelegenheiten. „Wir sind drei Gebrüder; der älteste ist in Breslau, der jüngste, der wie Sie wissen nicht so recht richtig im Kopfe ist, in K. und ich bin der mittelste. " „I mein Gott, fällt ihm Schulz mit ungekünstelter Treuherzigkeit ins Wort: so sind Sie der mittelste? Hab' ich doch immer geglaubt, Sie wären der jüngste!" Eben dieser Gelehrte (Hr. Schulz) reiste durch Weimar. Er wurde dem Herzoge vorgestellt und dieser machte ihn zu seinem Rath. Da dies ein bloßer Titel ist, und Hr. Schulz bald darauf wieder abreiste, so sagte Hr. Schütz zu ihm als er den Abend vor seiner Abfahrt mit ihm zusammen sich in Gesellschaft befand: Nun kann unser Herzog auch im Geist und in der
Wahrheit singen „Auf Gott und nicht auf meinen Rath will ich mein Glücke bauen!" – Hr. Professor Förster (nicht der Weltumsegler) hatte einen Bruder in Halle, der sein Gewerbe als Gerber auf dieser Akademie handhabte. Nun traf es sich gerade daß dieser in dem nämlichen Jahre, da sein Bruder der Universität als Prorector vorstand, zum König der Schützengesellschaft ernannt wurde. Natürlich, daß er kraft dieses doppelten Privilegiums sich zuweilen etwas herausnahm. Als deshalb bei einem Vogelschießen sich einige Musensöhne zu weit in die Schranken gemacht, so hieß er sie mit gebieterischem Ton und Blick heraustreten. Diese, die {188}

eine solche Handlung verdroß, lauerten ihm des Abends, als er mit seiner Frau nach Hause ging, in einem entlegenen Gäßchen auf. Die Königin wurde sehr höflich von einigen aus der Gesellschaft zu Hause geführt. Sr. Majestät aber wurde von den Zurückgebliebenen, gegen alle göttlichen und menschlichen Rechte der Prozeß gemacht und Sie erhielten nach gefälltem Endurtheil vierzig Streiche weniger einen, und zwar ganz gegen die gewöhnliche Verfahrungsart aufrührerischer Verbrecher mit königlichen Häuptern, auf einen entgegengesetzten Theil. Noch nicht zufrieden mit dieser Nache, schrieben sie über dem mit großen Buchstaben an seine Hausthüre: „Bist Du der Schützen König, so weissage, wer Dich schlug!" Als der Tag anbrach, begab sich der königliche Märtyrer zu seinem Bruder, dem Prorector. Die Sache wurde auf das strengste untersucht und den folgenden Morgen erblickte man schon wieder an der Hausthüre folgende sehr leserlich geschriebene Inschrift: „So Du nicht weissagest, wer Dich schlug, so sollst Du doppelte Streiche leiden." Man fand für gut die Untersuchung bei so gefährlichen Zeitläuften einzustellen – Hr. Meißner dessen Bianca Capello Du vielleicht gelesen hast, war noch vor einigen Jahren Mitarbeiter an der Literaturzeitung. Da aber allen seinen Recensionen das Gepräge seiner übrigen Schriften aufgedrückt war, und sie mit Schnörkelchen, Inversionen und dergleichen Künsteleien überladen waren, so nahm sich Herr Schütz die Freiheit nach seinem Gutdünken hier die Ordnung oder bestimmter gesprochen die Unordnung seiner Perioden zu versetzen, dort etwas überflüssiges hinwegzuschneiden. Einigemal ließ Meißner dieses hingehen, ohne unwillig zu werden; dann aber schrieb er einen Brief an Schütz, worin er sich unter anderen auf folgende Weise ausdrückte: Wenn Jemand mit einem Spazierstöckchen mir einen leisen Schlag auf das Schienbein gibt, so ist das ein unbedeutender Scherz. Wenn aber Jemand sich hinstellen und den ganzen Tag mit mir auf diese Weise seinen Muthwillen treiben wollte, so müßt' ich gefühllos sein, wenn ich die wiederholten Schläge ungeahndet ertrüge. Wielands Styl und ineinander greifenden Periodenbau verglich Hr. Schütz mit einer Zwiebel, in der die in einander steckenden Häute unaufhörlich abwechseln. Klotz, der berüchtigte Journalist in Halle, ließ sich von seiner Mutter eine große Summe Geldes zum Ankauf einer Bibliothek schicken. Einst besucht ihn seine Mutter, und äußert ihr Befremden darüber keine Bücher auf seiner Stube zu erblicken. Das Geld hatte er in liederlicher Gesellschaft verthan. „Sie haben hier nicht Platz, liebe Mutter, ich habe ein eigenes Haus gemiethet." Hierauf greift er nach einem Schlüsselbund und führt sie auf die königliche Bibliothek. Die gute Frau freut sich natürlich halbtodt über das wohl angewandte Geld und den unermeßlichen Büchervorrath. – – Schirach, der Verfasser des politischen Journals in Altona war eine Creatur von Klotz. Klotz zog junge Leute an sich, die einige Talente verriethen und stellte sie alsdann an seine gelehrten Journale, wo sie aus Dankbarkeit ihren Meister und Herrn bis an den Himmel erhoben. Nachdem Schirach eine Zeitlang dies Handwerk getrieben, erwachte bei ihm der Neid und er fing an Klotz hier und da zu verkleinern. — Dieser, da er es von treuer Hand erfuhr, verstieß Schirach sogleich aus seinem Brot. Was blieb Schirach übrig? Er ging zu Klotz, that einen Fußfall und bat um Verzeihung, die ihm dieser nur unter der ausdrücklichen Bedingung angedeihen ließ, daß er vorher in einer gewissen literarischen Gesellschaft nackt in einer förmlichen lateinischen Standrede Abbitte thun und Besserung angeloben sollte, wozu sich denn der gelehrte Herr Schirach auch herzlich gern verstanden hat. Dies ist eben der deutsche Patriot, der in seinen Schriften der Vernunft und Aufklärung jetzt Hohn spricht und die edelsten Menschen unserer Nation verlästert und verleumdet.
Wir sprachen von Klopstocks Messias. Herr Schütz meinte daß die Iliade schon durch ihre größere Volksthümlichkeit sich gewaltig von dem Messias unterscheide, denn in Griechenland habe es fast kein Gärtnermädchen gegeben, die nicht ihren Ulysses und Agamemnon gekannt. Nur die Bibel würde vielleicht bei uns so allgemein gelesen als in Griechenland die Iliade. – Es wurde folgendes Epigramm vorgelesen, welches angeblich von Kästner in Göttingen sein soll. Um eines einzigen Gerechten willen Ließ Gott einst Sedom stehen; Um eines einzigen gekränkten Pinsels willen, Soll, rief ein deutscher Fürst, ganz Frankreich untergehn!
Es war neun Uhr vorbei als ich mich dieser angenehmen Gesellschaft empfahl. Herr Hufeland hatte die Gütigkeit mich auf morgen Nachmittag einzuladen, was ich ihm auch in der zuverlässigen Hoffnung, von Seiten meiner Reisegefährten kein Hinderniß vorzufinden, zusagte. Den andern Tag früh um Sieben schickte ich alsogleich in ihr Wirthshaus und ließ sie bitten die Abreise nach Weimar, die wir um 4 Uhr Nachmittags angesezt hatten, bis um 5 des Abends aufzuschieben. Ich hoffte um so eher daß sie diesen meinen Wünschen willfahren würden, da die Sonne einen sehr heißen Tag versprach, und die Abendkühle unsre Überfahrt dorthin desto angenehmer machen würde. Allein kaum war der Bote zehn Minuten fort, als der Berliner athemlos und mit rothem Gesicht in meine Stube trat. Es entstände, wie er mir mit ekelhafter Weitschweifigkeit bewies, durch diese Verzögerung eine gewaltige Lücke in unserm Reiſeplan. Auch ließ er mich nicht undeutlich {189}

merken, ich wäre einmal Mitglied einer größern Gesellschaft und mir läge die Verbindlichkeit ob, mich dem Willen der Meisten zu unterwerfen. Ich ließ das gut sein und schwieg. Nach einer kleinen Pause rief ich die Aufwärterin und befahl ihr in seiner Gegenwart zu Herrn Hufeland hinzugehen und mich wegen meines Versprechens auf heute Nachmittag zu entschuldigen: eingetretne Umstände machten es mir unmöglich. Mit diesen Worten wandte ich mich gegen Herrn B. und sagte: „Sie sehen, mein Herr, daß ich Selbstverleugnung genug besitze Ihnen mein Vergnügen aufzuopfern; ich
hoffe im Wechselfall gegenseitige Gefälligkeit.
(Fortseßung folgt. )

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Chronik der gebildeten Welt.

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F. Gustav Kühne.

1851.
29. März.
No. 25.

Ein Reisebrief von Johannes Falk.
(Fortsetzung.)
(Schiller in Jena; der große Studentenkrawall; ein Berliner aus jener Zeit.)

Ungeachtet dieses kleinen Verdrusses, beschloß ich wenigstens diesen Morgen zu nutzen, und noch einige Besuche bei hiesigen Gelehrten abzulegen. Herr Schütz hatte mich an den Prof. Schiller, den Verfasser der Räuber und des Don Carlos empfohlen; ich nutzte diese Empfehlung zuerst. Schiller ist ein großer, stattlicher Mann und scheint auf den ersten Anblick etwas verlegen mit seiner Figur. Er hatte seit einiger Zeit Blut ausgeworfen, und daher mochte es zum Theil mit kommen daß er so hager, blaß und abgefallen aussah. Rothes Haar, das ihm, weil er noch im Negligée war, wild um den Kopf flog, machte diese Blässe noch bemerkbarer. Auf seinem Gesichte schwebt ein stiller Zug von Melancholie und Schwärmerei und aus seinem Auge glänzt eine gewisse Leutseligkeit hervor, die mir auf der Stelle das Herz abgewann. Fast man ihn scharf in's Auge, so hat er das Ansehen eines Abwesenden, oder eines Mannes der in Nachsuchung eines geliebten und verlorenen Kleinodes vertieft, die äußern fremden Gegenstände unbemerkt an seiner geängstigten Seele vorübergleiten läßt, und diese Ängstlichkeit und schwebende Unruhe scheint sich seinem ganzen Körper mitzutheilen. Dieses läßt sich psychologisch richtig aus Schiller's unablässigem Streben, sich in allen seinen Arbeiten einem vorgesteckten Ideal zu nähern, auf eine befriedigende Weise erklären. Er spricht sehr leise, aber schön und ungekünstelt. Verse mache er wenig, wie er mich versicherte, wegen des großen Aufwandes von Zeit. – Dieser große Dichter hat sich durch die sonderbarsten Verhältnisse und Schicksale hindurcharbeiten müssen, ehe seinem unruhigen Geiste das Fach, wozu ihn die Natur mit Talent und Neigungen begabte, aufstieß. Nachdem er eine Zeitlang auf der Militärschule in Stuttgart, dann Feldscheer und nachher Schauspieler gewesen war, ernannte ihn endlich der Herzog von Weimar zum Hofrath und Professor der Geschichte auf der Akademie in Jena. Wegen seiner Schwächlichkeit liest er jetzt keine Collegia. Als er noch las, zählte er 5- bis 600 Zuhörer. Den vorigen Winter hatte er, wie ich höre, fast alle Nächte auf dem Stuhle außer dem Bette zugebracht und sein Schlummer, unaufhörlich von Träumen unterbrochen, war so leise, daß alle Gegenstände auf der Straße oder in der Stube, die seine Gehör- oder Gesichtsnerven nur auf die entfernteste Weise berührten, lebhaft und deutlich an seiner Seele vorübergingen.
Woher mag es kommen daß so viele unserer trefflichsten Köpfe sich mit einem siechen Körper umherschleppen müssen oder wohl gar in der Blüthe ihrer Jugend, und wenn bei gewöhnlichen Menschen erst die Fülle der Kraft und Gesundheit eintritt, wie Hölty und Michaelis, unbarmherzig dahingerafft werden? Mein ehrwürdiger Freund Dr. Nösselt, mit dem ich mich einst hierüber besprach, äußerte sich folgendermaßen darüber: Der Mathematiker, der Philosoph, kurz alle Gelehrte die blos mit dem Verstande arbeiten, können bei großer Anstrengung und mäßiger Gesundheit ein hohes Alter erreichen. – Ein andrer Fall ist es mit dem Dichter. Man muß eine ungewöhnlich starke Constitution haben um mit diesem Talente nur das männliche Alter zu erreichen; denn nichts untergräbt die physischen Kräfte mit größerer Schnelligkeit als eine ununterbrochene Anstrengung der Einbildungskraft. Bemerken Sie nur die Operationen Ihres Körpers bei Lesung eines schönen {194}

Dichterwerks! Der Puls verdoppelt seine Schläge, das Herz klopft rascher, das Blut rollt schneller, alle Muskeln schwellen und das Spiel der Fibern wird lebhafter. Bald wird das Herz von Angst und Furcht zusammengepreßt, bald ergießen sich Ihre Augen in mitleidigen Thränen. Wenn also der geistige Einfluß einiger Wörter und Ausdrücke, die tief im Innersten der Seele wiederklingen und des Herzens leiseste Gefühle wecken, auf unsre körperliche Maschine so stark und oft so erschütternd ist: was muß dann in der Seele des Mannes vorgehen, der sich der Verfertigung solcher Kunstwerke als seiner Lieblingsbeschäftigung unterzieht! Die Nerven werden erschlafft und verlieren ihre Spannkraft und die übergroße Reizbarkeit wird den geschwächten Körper, wenn eine feurige Einbildungskraft nicht bereits ihr jeden Vorsprung abgewann, zu unordentlichen Leidenschaften verleiten. – Von Schiller ging ich zu Griesbach.
Ein dicker rother freundlicher Prälat. Wir sprachen viel über Kantische Philosophie und die Träumereien einiger ihrer Anhänger, was aber für Dich, lieber Bruder, kein Interesse haben dürfte. – Auch Döderlein machte ich meinen Morgenbesuch. – Er war ein etwas hagrer Mann und trug eine spitze kegelförmige Perücke, unter der hier und da ein Büschel seiner rothen Haare hervorhing. Wir sprachen viel über das preußische Religionsedict. So abgeschmackt es auch immer ist, sagte er, dem menschlichen Geiste Fesseln anzulegen, die nur für Körper gehören: so vernünftig scheint es mir doch auf der andern Seite, von einem bestimmten Ruhepunkt die ganze Strecke die wir vielleicht, wie mich dünkt, mit zu großer Hast zurückgelegt, noch einmal zu überschauen. Vielleicht war unsere Aufklärung hier und da zu vorschnell, wir griffen vielleicht zu stark durch, und haben den Weizen mit dem Unkraut verworfen. Wohlan denn, laßt uns unsere Prüfungen prüfen, und die Vernunft mag vor ihrem eignen Richterstuhl erscheinen.
Während ich mich so angenehm mit diesen Männern unterhielt, war in der Stadt selbst ein allgemeiner Tumult und Lärm ausgebrochen. Schon seit einiger Zeit hatten zwischen Studenten und Professoren wegen Aufhebung der Ordensverbindungen Mißhelligkeiten obgewaltet, und schon war es zu Auftritten gekommen, die die allgemeine Aufmerksamkeit der Bewohner nach dieser Seite hinlenkten, und ihre lebhafteste Besorgniß vor einem allgemeinen Aufstand erregten. Ulrichs, des zeitherigen Prorectors, Haus war von einem Haufen tollkühner Studenten bestürmt worden; die Bildsäulen in seinem Garten wurden umgestürzt, die Thüren zertrümmert, die Fenster eingeworfen, und ein junger Grieche, der sich von dem Verdacht der Angabe nicht ganz reinigen konnte, ward von einem andern Haufen in seinem eigenen Hause meuchelmörderisch überfallen. Ähnlichen Unordnungen vorzubeugen hatte der Herzog von Weimar den Tag vor meiner Ankunft in Jena Soldaten einrücken lassen. Die Studenten die dieses Verfahren der Regierung verdroß, suchten mit der Garnison geflissentlich Händel. Diese, vielleicht zu reizbar gegen so kleine Neckereien, machte ein gewaltiges Aufheben selbst über die unbedeutendsten Kleinigkeiten. Gegenseitige Erbitterung, die nun mit jedem Augenblicke höher und höher stieg, ließ ehestens einen Ausbruch von der einen oder der andern Seite erwarten. So hatten denn auch hier durch Verkehrtheit die weisesten Maßregeln, die ursprünglich Ruhe und Frieden bezweckten, eine ganz entgegengesezte Wirkung, und wurden die nächste Veranlassung zu neuen Unruhen. Ein Student, für den der öffentliche Ruf und das Zeugniß mehrerer Professoren sehr vortheilhaft sprach, sah die Wache aufziehen und ward durch das Gedränge um ihn herum so weit vorgeschoben, daß er einem rückwärts marschirenden Soldaten unglücklicher Weise den Paß vertrat. Dieser, der sogleich die pöbelhaftesten Beschimpfungen ausstieß und mit Kolbenstößen drohete, nahm diesen ungefähren Zufall von Seiten des Studenten für willkürliche Beleidigung. Man gerieth hart aneinander und das Ende vom Liede war die Verhaftung des Studenten auf der Hauptwache. Zwar waren mehrere Landsleute des Arrestanten anwesend, aber zu schwach um etwas für seine Befreiung zu wagen. Sie liefen indeß sogleich in die zahlreichsten Collegia, rissen Thüren und Fenster auf, schrien: „Bursche heraus!" und verbreiteten sich mit allgemeinem Lärm und Geschrei durch die bewohntesten Straßen der Stadt. Es dauerte nicht zehn Minuten als schon dieser Haufe bis zu 200 anschwoll, und in buntem Getümmel strömte nun alles zur Hauptwache. Der wachhabende Officier wurde sogleich hervorgerufen, und man drohete ihm, falls er den Arrestanten nicht mit Gutem herausgäbe, denselben mit stürmender Hand zu befreien. Umsonst, daß der Officier den Befehl Sr. Herzogl. Durchl. vorschützte und seine Krieger unter Gewehr treten ließ um den Studenten Achtung einzuflößen; die Übermacht und folglich auch das Recht war auf Seite der Studenten. Der einsichtsvolle Officier gab ihn also los. Ein allgemeines Freudengeſshrei und Händeklatschen begrüßte ihn als er wieder in ihre Mitte trat; man erstickte ihn fast mit Umarmungen, man weinte, man drängte sich an ihn heran, jeder wollte mit ihm sprechen und jeder war von seiner Unschuld im Voraus überzeugt. Gab es für dieselbe einen schönern Triumph, ein unverdächtigeres Zeugniß, als eben dieser plötzliche Entschluß des wachhabenden Officiers, ihn loszulassen? Hatte er ein gutes Gewissen und das Recht {195}

auf seiner Seite: warum bestand er nicht hartnäckiger auf seiner Weigerung? Kurz, Alles war wider ihn und der ganze Vorfall heischte die strengste Ahndung. Der Tumult hatte auch den Major herbeigezogen, den man sogleich ersuchte den schuldigen Soldaten auf öffentlichem Markte zur Satisfaction ausfuchteln zu lassen, welches Dieser aber unter der freilich nicht zu sein ersonnenen Ausflucht, dies ginge ohne Bewilligung des Herzogs, der sich eben zu Coblenz befand, unmöglich an, von sich abzulehnen suchte. Die Erbitterung war durch diesen Spott, denn dafür nahm man es, auf das höchste gestiegen. Den Gesetzen der Akademie nach soll kein Musensohn Degen und Gewehre führen. Aber wohin man jetzt sah, erblickte man nichts als Hezpeitschen, Degen, Hieber, verrostete Rappiere und Pistolen. Der Markt war mit Studenten überfüllt; vergebens ließ der Prorector sie ersuchen sich ruhig zu verhalten, die Gährung wurde immer furchtbarer, und um 12 Uhr Mittags fielen sogar auf dem Markt mehrere Pistolenschüsse. Die erschrockenen Einwohner verschlossen sogleich ihre Fensterladen und verriegelten die Hausthüren. Auf dem Markt selbst stand Alles Kopf an Kopf, daß man schier darüber hätte wegschreiten können. Alle Wagen wurden im Gedränge angehalten. Der Lärm und das Getöse erschollen in die entlegensten Straßen. Einige der Anführer wollten die Collegientische auf den Markt tragen und statt die Lehrstunden zu besuchen, den Nachmittag commerciren; andere riethen jetzt einmüthiglich und mit gewappneter Hand in Ulrichs Haus einzubrechen und ihn zur Betreibung ihrer Streitigkeiten mit dem Militär aufzufordern. Dieser Vorschlag gefiel allgemein. Paar für Paar, und ungefähr 500 Mann stark, marschirten sie zu dem Thore hinaus, vor dem der Prorector wohnte. Schon waren sie kaum noch 800 Schritte von dem Hause entfernt, und schon ließ die aufgebrachte Menge den erschrocknen Philosophen in seinem einsamen Museum ähnliche Mißhandlungen gleich denen, die er vor einigen Wochen erlitten, befürchten, als ein junger Kurländer von Adel sich mit der unerschrockensten Herzhaftigkeit und mit gezogenem Degen ganz allein dem von allen Seiten hinzuströmenden Schwarm entgegenstellte. Bitten und Drohungen wurden von ihm aufgeboten um die Musensöhne zu bewegen von ihrem unbesonnenen Vorhaben abzustehen. Er stellte ihnen mit eindringender Beredtsamkeit vor daß sie, weit entfernt durch solche tumultuarische Handlungen ihre Rechte wieder zu erlangen, sie ganz zu verlieren in Gefahr ständen. Da er selbst als ein eifriger Anhänger der akademischen Freiheit bekannt war, so that diese mit dem gehörigen Nachdruck begleitete Rede die gewünschte Wirkung. Jeder begab sich ruhig nach Hause und das Ungewitter zog diesen Nachmittag glücklich vorüber.
Ich komme jetzt auf meine eigene Geschichte zurück! Von Professor Döderlein ging ich nach Hause um mein Mittagsessen einzunehmen, und noch vor zwei Uhr, wo unsrer Abrede gemäß schon alles eingepackt sein sollte, mich reisefertig in dem Gasthofe einzufinden. Ich will es nicht verhehlen daß ich noch gerne in Jena geblieben wäre, theils den Ausgang des Studententumultes abzuwarten, theils Hrn. Professor Hufland zu genießen, der ein Mann von Welt und herrlichen Kenntnissen ist. Allein ich war nun einmal durch mein gegebnes Wort gebunden. Ich aß also schneller als gewöhnlich, nahm von meinen Landsleuten Abschied, und trat Schlag 2 Uhr in den Gasthof. Gleich beim Eintritt in das Zimmer befremdete es mich nicht wenig daß all unser Reisezeug noch ganz zerstreut, ungepackt und unordentlich umher lag. Indessen unterdrückte ich die erste Aufwallung von Unwillen und trat mit erkünstelter Gelassenheit an das Fenster. Dieses führte auf den Markt, wo der immer größere Zulauf von Menschen, das Getös und Geschrei mich auf einige Augenblicke zerstreute. Unterdessen hatten die Herren abgespeist und traten an das andere Fenster. Es schlug halb Drei, und da man noch immer keine Reiseanstalten machte, so stieg mein Unmuth und Verdruß auf den höchsten Grad, und Du wirst Dich vielleicht wundern daß sie nicht früher ausbrachen. Mit etwas unwilligem, aber immer noch gemäßigtem Tone wandte ich mich an Hrn. B., mit dem ich diesen Morgen die Abrede traf. „Nun mein Herr, ich habe geglaubt, wir sollten um 2 Uhr abfahren?" – Er stotterte, wiewohl verlegen, einige unverständliche Entschuldigungen. Dies war die Losung zu einem förmlichen Zank. Ich ergoß mich in den bittersten Spott, indem ich mit einer von ihm selbst entlehnten Weitschweifigkeit darthat, welch eine gewaltige Lücke durch diese Verzögerung in unserm Reiseplan entstände. Ja, meinte Hr. B., der mich plötzlich unterbrach, sie hätten ihren Entschluß geändert, es gefiele der Gesellschaft jetzt, in Jena zu bleiben, und die Mehrheit entscheide. Als er ausgeredet rief ich den Kutscher und befahl ihm auf der Stelle einzupacken und anzuspannen. „Ich glaube daß ich nicht mit Kindern zu thun habe, Hr. B., ich habe Ihnen ohne Widerspruch heute Morgen mein Vergnügen aufgeopfert; jetzt kömmt die Reihe an Sie. Oder haben Sie in Ihrem Reiseplan etwa darauf gerechnet, mich nach Belieben auf- und abzupacken wie einen alten Mantelsack? Gilt meine Stimme nichts? Zuletzt führen Sie auch wohl ohne mich ad plurima nach Weimar und Gotha und ich könnte zu Fuße nachkommen! Kurz und gut! ich fahre jetzt nach Weimar! Wollen Sie mit? Gut! wollen Sie nicht mit: noch besser! Sie heuern sich eine Miethskutsche, und damit Punktum. Michel, spann' Er an! " — Ich mochte mich {196}

vielleicht über den ganzen Handel mit einem so nachdrücklichen Tone erklärt haben, der alle Einwendungen überflüssig machte; genug, die Herren waren mäuschenstill. Nur Hr. B. klingelte und ließ sich Wasser bringen, ein niederschlagend Pulver auf die Ärgerniß einzurühren, welches er auch sogleich in Gegenwart mehrerer Studenten austrank. Kaum war er damit fertig, so ging er freundlich auf mich zu und bot mir liebreich seine Hand zur Aussöhnung. Er gestehe, er habe sich diesen Morgen übereilt, und wünsche nichts dringender, als das freundschaftliche Verhältniß zwischen uns wieder herzustellen. Ich aber sagte ihm gerade heraus, mein Blut wäre noch zu stark in Wallung, ich könnte mich vor der Hand eben so wenig zu einem niederschlagenden Pulver als zur Aussöhnung entschließen, und daß unser freundschaftliches Verhältniß lediglich von seinem vernünftigen Betragen abhänge. Übrigens wäre ich erbötig aus Gefälligkeit gegen die übrigen Reisegefährten mich noch einige Stunden zu Jena aufzuhalten, obgleich ich von der Stimmung, in die mich seine Unbesonnenheit versetzt, nicht viele Freuden in diesem Zwischenraum erwarte. – Die andern beiden Reisegefährten traten jetzt auch hervor, und erklärten laut, und in Hrn. B's. Gegenwart, sie hätten nichts dagegen gehabt meiner Bitte von heute Morgen zu willfahren, Hr. B. allein habe hartnäckig darauf bestanden sie mir rund abzuschlagen. Dies war die erste Gelegenheit, wo sich mir der Charakter dieses närrischen Sonderlings zu entwickeln anfing. Wie ich nachher erfuhr, ist er der einzige Sohn einer steinreichen Wittwe in Berlin, die von Kindesbeinen an seinen eigensinnigsten Launen auf halbem Wege und mit mütterlicher Zärtlichkeit begegnet ist. Schon als Knäblein bestand er oft darauf, wenn ein Regiment Soldaten vor seiner Thüre vorübermarschirte, der Tambour solle Halt machen, oder er wollte die Vollmondsscheibe vom Firmament herunter geholt haben, und wurde kirschbraun vor Bosheit und Geschrei, bis seine theure Mutter durch einen glänzenden Suppenteller die Aufmerksamkeit ihres Augapfels von dem Vollmond abzuleiten suchte. Kein Wunder daß er, nach diesen Grundsätzen erzogen, die ganze Welt für seiner Mutter Haus ansteht, und alle Menschen darin für seine ergebensten Diener. Seine persönlichen Verdienste bestanden in einem Purpurkleid und einer goldnen Uhr. Er hat viel natürliche Gravität; denn er geht fast immer in Sporen und mit der Reitpeitsche. Er ist sehr einfältig und bildet sich ein, er sei ein Genie; er ist roth und wohlgenährt und bildet sich ein, er habe die Schwindsucht. Deshalb war auch der halbe Wagen mit Arzeneien und Essenzen vollgepackt: 1) niederschlagende Pulver, 2) Julepp, 3) Öl, die Brust einzuschmieren, 4) eine große Flasche isländischen Mooses, alle Tage viermal zu halben Theetassen einzunehmen. Obgleich wir unsre Reise mitten im Junius machten, so trug er demungeachtet einen Brustlatz, einen Mantel und Überrock. Mit diesem Anzug wechselte er ab, je nachdem wir an Plätzen die im Sonnenschein oder im Schatten lagen vorüberfuhren; gewiß mehr als vierzigmal des Tages. Der Wagen mußte alsdann jedesmal Halt machen und wir Andern ihn aus Gefälligkeit aus und ankleiden. In der größten Mittagshitze, kamen wir etwa unter Kastanienbäume, sprach er gleich von Verkältung. An den Bauerhäusern ließ er sich oft Wasser geben, um seine Pulver einzunehmen. Einen Löffel trug er immer im Busen, und fühlendes Pulver in der Westentasche. In jeder Stadt consulirte er über seinen Zustand den berühmtesten Arzt; dies war sein erster Gang, und, wie ganz natürlich, sein zweiter in die Apotheke. Dabei trugen alle seine Handlungen, selbst die unbedeutendsten, das Gepräge des schmuzigsten Egoismus. Er war im Stande im Wagen sich mit Jemanden in den lebhaftesten Zank einzulassen, wenn jener etwa einen zwei Zoll breitern Platz einnahm, als der seinige. Jeder Maulwurfshügel schien ihm ein gefahrvoller Berg und er stieg sogleich vom Wagen herunter. Noch ein Beispiel von seiner selbstischen Denkungsart. Als wir in Erfurt im Wirthshause abstiegen, so wurde mir und Hrn. v. J. ein Zimmer in dem unteren Stockwerk angewiesen. Er aber, weil ihn das Auspacken seiner Arzeneimittel etwas verzögert hatte, sollte ein Zimmer, das aber auch geräumig und hell war, eine Treppe höher beziehen. Dies suchte er mit der größten Heftigkeit von sich abzulehnen. Und warum? Weil beim Ausbruch einer Feuersnoth die Rettung aus dem zweiten Stockwerke mit größeren Schwierigkeiten als aus dem ersten verbunden sei. Daß ich diese Zumuthung so von mir abwies wie sie es verdiente, kannst Du leicht errathen. Zu allen diesen liebenswürdigen Eigenschaften gesellte sich auch zuletzt die grenzenloseste Eitelkeit. Wenn wir uns zum Beispiel einer Stadt näherten, so zog er sich sogleich eine zu diesem Behuf mitgenommene Reitjacke an; der Kutscher mußte hinten gleichsam als Bedienter aufsteigen und er kutschirte selbst vom Bocke herab gerad den Leuten – in die Fenster hinein. Dies geschah wirklich in einem Städtchen, wo die Deichsel und beide Pferdeköpfe gerad in die Fenster hineinfuhren und die ehrlichen Bewohner die eben Pflaumenkeilchen aßen nebst ihrer Magd, die eben beim Spinnrocken saß und spann, nicht wenig in Erstaunen geriethen. Auch kostete ihm dieser Spaß einen baaren Dukaten. Denn auch selbst das gewöhnliche Talent junger Herren seines Standes, Kutsche und Pferde zu regieren, die gewöhnliche Vorübung Derjenigen die einst {197}

Menschen und Staaten regieren sollen, hatte er nur sehr unvollkommen ausgebildet. Der Kutscher, der ihm seit dem letzten Vorfall die Zügel nicht mehr anvertrauen wollte, ließ sich, durch die Versprechung eines guten Trinkgeldes gekörnt, wieder breit schlagen. Auch in Weimar fuhren wir also auf die nämliche Art hinein, zu meiner größten Unzufriedenheit; denn Wieland wohnte gerade neben dem Wirthshause wo wir einkehrten, und ich hatte gegründete Ursachen mich eben diesem Manne nicht als Phantast anzukündigen.
Weimar ist ein sehr geschmackvoll gebautes Städtchen, Ordnung und Wohlstand ist überall sehr sichtbar. Da wir schon um halb Sechs hier anlangten, so verwendeten wir den Überrest des Tages zu einem kleinen Spaziergange in dem sogenannten Stern. Dies ist ein angenehmer Park von nicht gar zu großem Umfange, der hart an die Stadt stößt, und einer der Lieblingsörter des regierenden Herzogs. Mitten im Lustgehölz erhebt sich ein einsames Häuschen, von Außen mit Baumrinden umflochten, und im Innern einfach und prachtlos. Es heißt das Kloster, und ist in seiner ursprünglichen Bestimmung zur Einkehr für den Herzog angelegt. Nicht weit davon liegen die traurigen Ruinen eines abgebrannten Schlosses. – Es war Sieben vorbei als wir von hier zurückkehrten.
(Schluß in nächster Woche. )

Europa.
Chronik der gebildeten Welt.

Herausgegeben von
F. Gustav Kühne.

1851.
5. April.
No. 27.

Ein Reisebrief von Johannes Falk.
(Schluß.)

(Besuch bei Goethe; Besuch in Erfurt.)
Den folgenden Morgen besuchte ich den geheimen Rath Goethe. Du kennst ihn als den Verfasser von Werthers Leiden, Götz von Berlichingen und anderen Meisterstücken. Er ist der Liebling des regierenden Herzoges und kommt ganze Tage lang nicht von der Residenz. Als ein armer Advokat kam er nach Weimar und machte hier diese glänzende Laufbahn. Über die Vierzig ist er jetzt wohl schon hinaus; er ist von mittlerem Wuchse, hat ein männlichbraunes Antlitz, schwarze funkelnde Augen, einen tieffassenden Blick, einen starken schwarzen Bart und genialische aber regelmäßige Züge. Sein Anzug war bürgerlich-einfach, ein simpler blauer Überrock; sein Anstand kunst- und anspruchslos. Ein mehr angeborner als angenommener Ernst erweckt in jedem der mit ihm spricht, ein gewisses Gefühl von Hochachtung, ich möchte beinahe sagen von Ehrfurcht, das aber keinesweges zurückstoßend ist. Ich hätte ihn eher für einen biederherzigen Amtmann, als für den großen Schriftsteller gehalten auf den unser Vaterland nicht ohne Ursache stolz sein darf. Er empfing mich freundschaftlich und wir sprachen über eine Stunde miteinander. Goethe erzählte mir daß Schiller mit unsäglicher Anstrengung arbeite. Als Schiller sich noch in Weimar befand, verschloß er sich oft acht Tage lang und ließ sich von keiner Seele sprechen. Abends um Acht stand noch sein Mittagessen vor seinem Studierpult. Doch glaubte er nie die strengen Forderungen der Kunst befriedigt zu haben; denn seine Begriffe von dem Ideal, nach dem er hinauf arbeitete und alle seine Geistesgeburten abmaß, waren zuweilen etwas überspannt und abenteuerlich. Deshalb hielte es auch eben so schwer, die Psychologie aus seinen Stücken als aus seinem Gesichte herauszufinden. Der Don Carlos ließe sich besser lesen als aufführen, und die darin verwebte Psychologie der Charaktere sei auch selbst bei der Lectüre und der angespanntesten Aufmerksamkeit nicht immer bemerkbar. Die übergroße Anstrengung, mit der Schiller arbeitete, glaubte er auch in seinen flüchtigsten hingeworfenen Stücken zu entdecken. Selbst an den Briefen über den Don Carlos im deutschen Merkur sähe man die Schweißtropfen hängen, die sie dem Verfasser gekostet. Wie Goethe glaubte, so sei der Kampf, den Schwärmerei, Vernunft und Einbildungskraft in der Seele dieses Dichters gekämpft, mit unverkennbaren Zügen seinem Gesichte eingegraben, und daraus entstehe in demselben die sonderbare Mischung von Schwermuth, Freundlichkeit, Ernst und Zerstreuung. Kurz, auf ihn paßt ganz, was er einst in seinen Werken zur Charakterisirung eines Dritten sagt: In seine Phantasienwelt verschlossen, war er ein Fremdling in der wirklichen. Sein Körper mitten aus seiner Zerrüttung hervor verräth einen hohen männlichen Geist, gleich den Ruinen eines ehrwürdigen alten Tempelgebäudes. Ihr ahndet aus dem Schauer der Ehrfurcht, der eure Seele ergreift, daß einst eine Gottheit hier wohnte; aber erkennen könnt ihr es jetzt nur aus Trümmern und Überbleibseln die der Zahn der Alles zerstörenden Zeit verschonte.
Noch sprach Goethe viel von Italien, wo er sich lange Zeit aufgehalten. Sonderbar ist es daß der Papst ihn, wie ich nachmals erfuhr, so liebgewann, daß er sich Goethe's Marmorbüſte zum Andenken aushauen {210}

ließ. Von den schönen Gegenden und selbst von den Einwohnern dieses Landes sprach er mit vielem Enthusiasmus. Die Luft ist lauer, reiner; der Himmel blauer und unbewölkter; die Gesichter offen, freundlich und lachender, die Formen und Umrisse der Körper regelmäßig und anlockender. Selbst das Grün der Wiesen und Bäume nicht so kalt und todt sondern höher, heller, mannichfaltiger als in den nördlichen Himmelsstrichen. Alles scheint zum lieblichen Genusse einzuladen und Natur und Kunst bieten sich wechselseitig die Hand. Nirgends oder höchst selten finden Sie in Italien solche zurückstoßende kolossalische Gestalten wie in unsern Gegenden; nirgends so verkrüppelte und zusammengeschrumpfte Figuren. In unsern Gesichtern verlaufen die Züge regellos durch und in einander, oft ohne irgend einen Charakter anzudeuten; oder es hält wenigstens schwer das Original herauszufinden; man kann sagen, in einem deutschen Gesichte ist die Hand Gottes unleserlicher als auf einem italiänischen. Bei uns ist alles verkritzelter und selten selbst in der Form etwas Vollendetes. Kopf und Hals scheinen bei jenen Menschen gleichsam unmerklich ineinandergefugt; bei uns sind sie größtentheils eingeschoben oder gar aufgeftülpt. Die sanftgeblähte Brust schwellt allmählig in ihren Umrissen; nicht solche kugelrunde muskelhafte Massen von Fleisch, die das Auge mehr beleidigen als einladen. Ich habe in Italien unter der gemeinsten Menschenklasse Körper gesehen, gleich den schönsten Antiken, und andere, die entkleidet dem Künstler durch die Regelmäßigkeit ihres Baues den vollkommensten Torso vertraten. Kurz, in Italien wohnen schöne Körper und schöne Seelen unter einem Dach und Fach in brüderlicher Eintracht zusammen; bei uns wohnen sie durch verschiedene Stockwerke abgesondert und ungesellig; jedes treibt seine Wirthschaft für sich. Ich bedauere einen großen Künstler wie Herrn Lichs in Deutschland, wo ihm das Studium der Formen in seiner Kunst keinen Vorschub thut; er muß unaufhörlich aus seiner Phantasie hervorarbeiten. Die Römerinnen sind die reizendsten Gestalten, die ich je erblickte. Ein schlanker Wuchs, regelmäßige, majestätische Gesichtszüge, große gewölbte Augenbrauen, die wie abgecirkelt einen Halbbogen bilden, sind unter dem männlichen und weiblichen Geschlechte nichts Ungewöhnliches. Auch herrscht unter ihnen weit mehr Künstlergeschmack als in Deutschland, wozu freilich der frühe Anblick der unsterblichsten Meisterstücke der Kunst in Tempeln und öffentlichen Gebäuden viel beitragen mag; bei uns ist der gute Geschmack größtentheils in Studierstuben eingeschlossen. Freilich herrschen dagegen Luxus und Üppigkeit, diese von den schönen Künsten unzertrennlichen Übel, ausgebreiteter wie bei uns in Italien. Doch muß man auch hier nicht zu vorschnell die Wirkungen des wollüstigen Klimas dem Einfluß der schönen Künste und Wissenschaften beimessen. So wie Pflanzen und Blumen unter der milderen Sonne Italiens sich schneller und üppiger entfalten, aber auch rascher dahinwelken; so ist es auch vielleicht der Fall mit den Einwohnern dieses Himmelsstriches selbst. Früher und reizender aufblühend und reifend, sind ihre Körper wollüstiger, idealischer, aber auch hinfälliger und vergänglicher als die unsrigen. – Goethe war zwei Jahre in Italien und arbeitete hier seinen Tasso und zum Theil auch seine Iphigenia aus.
Von Goethe wollte ich den Kapellmeister Wolf besuchen; allein da ich hörte, er sei fast gefühl- und bewußtlos, und spiele seine eigenen Compositionen ungefähr eben so wie eine Singuhr ihre Lieder nach Walzen abspielt, so fand ich für gut meinen Besuch einzustellen. Die Berührung vom Schlage, denn davon war seine Gefühllosigkeit eine Wirkung, hat weiter um sich gegriffen und wie ich aus den öffentlichen Blättern ersehe, so ist er bereits gestorben.
Es war Zwölf als ich wieder in meinem Gasthof eintraf. Was mir dort zuerst in die Augen fiel, war eine Menge Arbeitsleute, die mit großer Geschäftigkeit an unserm Reisewagen arbeiteten. Voll Neugierde trat ich heran und erkundigte mich, was es denn hier gäbe. Wir reißen den Kutschbock herunter, versetzte ein Sattlergeselle, „er taugt nichts" hat der Herre gesagt, und da sollen wir ihm einen bessern und höhern
machen: hat der Herre gesagt. „Mir werden die Arbeit noch hinte Abend zu guter Zeit liefern!" fiel ihm der Grobschmied in's Wort. Sollen nich aufgehalten werden!" fuhr ein Dritter fort, dessen befleckter Rock und illuminirtes Gesicht einen Maler verrieth, „mir han alles in Bereitschaft, die Farben trocknen balde, und mir han hinte schönen Sonnenschein.“ – Ich stand wie aus den Wolken gefallen da. Endlich ermannte ich mich und fragte, wer ihnen denn das saubre Stück Arbeit aufgetragen, den Reisewagen, an dem nicht das Geringste fehlte, auseinanderzunehmen. „I der Herr in dem rothen Rocke," war die Antwort. Natürlich, und wer konnte es auch anders sein als Hr. B.... Ich rief unsern Kutscher, um mich mit ihm über den Zusammenhang der ganzen Geschichte zu verständigen. Je nun, versetzte Der, indem er dazu schmunzelte und sich mit der einen Hand in dem Kopf kraute, Hr. B. habe gesagt, es säße sich sehr unbequem auf dem Bocke, und da habe er, Michel, gemeint, freilich wohl für den, der es nicht gewohnt wäre. Und da habe Hr. B. gemeint, es genire ihn im Kutschieren, und man könnte das abändern; und da habe er gemeint, freilich wohl, aber es würde Geld kosten. Und da habe Hr. B. einen Überschlag gemacht, und da sei  {211}

es herausgekommen daß es auf den Mann nicht mehr als 2½ Thaler mache, und da habe er den Maler, Grobschmied und Sattler herbestellt u. s. w. Ich glaubte, der Schlag rührte mich auf der Stelle, und flog in den Gasthof. Hr. B. saß am Tische und kühlte mit schmatzender Ungeduld einen dick überzuckerten Reisbrei. Was gibt's mit unserm Wagen, B.? – Er, kein Auge von seinem Teller verwendend, erröthend und stotternd: „Was weiß ich's! Der Bock ist zerbrochen – eine Kleinigkeit – auf Jeden ungefähr drittehalb Thaler." Ich: Wie geht das zu? Es war ja Alles gut und unbeschädigt als wir in dem Gasthof eintrafen.“ — Er: „Was weiß ich? Das ist des Fuhrmanns Sache, der Bock ist gebrochen und Schmied und Sattler sind nicht umsonst da." Als er dies gesagt hatte, war der Reisbrei kalt und er machte sich d'rüber her. „Das mag sein, aber wir Andern auch nicht," sagte ich zu den beiden andern Reisegefährten. „Meine Herren, folgen Sie mir, Sie sollen sich durch den Augenschein belehren daß dieser Hr B. der unbesonnenste Laffe ist, den Gottes Sonne bescheint. Vom Monde spreche ich nicht, Hr. B.; denn ich weiß, Ihre Frau Mama hat Ihnen Mondschein bei Strafe des Schnupfens und Katarrhs untersagt." Indem trat der Marqueur herein. „Bringen Sie doch einmal," fuhr ich lachend fort, „niederschlagend Pulver für den Herrn im rothen Rocke!"
Du wirst mein Betragen hier vielleicht etwas zu hart finden; allein, lieber David, ich bin ein Mensch und in dieser verzweifelten Alternative mußte ich meinem gepreßten Herzen entweder durch Spott oder durch Maulschellen Luft machen. Einmüthiglich erklärten wir nun alle Drei, daß wir für seine Thorheit keinen Heller zahlen würden, zweitens daß er auf der ganzen Reise durchaus nicht kutschieren sollte. Sogleich lief er hinaus und befahl die Arbeit einzustellen. Es entstand ein gewaltiger Zank und er zog sich nur durch einen Dukaten aus dem Handel, den die Leute für ihre Versäumniß ihm mit Gewalt abdrangen. Dies war die einzige Schule in der dieses verzärtelte Muttersöhnchen, durch Schaden belehrt, hätte klug werden können und das einzig mögliche Mittel seinen überschwenglichen Albernheiten Grenzen anzuweisen. Denn das Übel mochte nun bei ihm in seinem verschrobenen Kopfe, oder in seinem verstopften Gekröse und in der knarrenden Maschine seines Körpers liegen: ich fand nicht länger Behagen daran, mich seinen Launen, die nicht selten in Beleidigungen übergingen, auszusetzen. Deshalb beschloß ich ihn einmal für allemal derb abzuführen. Auch der würdige Dr. Nösselt meinte, diesem Menschen wäre vielleicht dadurch zu helfen, wenn ihm seine Mutter einen Hofmeister zutheilte, der mit ihm die Welt durchreisete und ihm immer schnurstracks entgegenhandelte.
Nachmittag wollte ich Wieland besuchen, allein er war auf dem Lustschloß bei der Herzogin Amalia. Von Weimar fuhren wir nach Erfurt. Der Weg dahin ist Chaussée. Diese Stadt ist von sehr großem Umfange; ihre gewaltig hohen Kirchthürme erscheinen dem Auge in der Ferne und machen ihr Ansehen ehrwürdig. Wir trafen hier Abends um 9 Uhr ein und logierten zufällig in eben dem Gasthof wo Se. Majestät der König von Preußen übernachtet hatte; denn die nach dem Rhein bestimmten Regimenter gingen über Erfurt. An den Zimmern stand noch überall angeschrieben, wo der König, der Kronprinz, Schulenburg etc. gewohnt hatten. Der Marqueur erhielt bei der Abreise des Königs ein Geschenk von 50 Dukaten. Aber – einmal übernachtet, wo ein König geschlafen hat, und nimmermehr wieder! Ihro Majestät und Dero Suite muß bei gesundem Appetit gewesen sein, daher wir auch zum Abendessen fast nichts als Knochen vorfanden. Hr. B. wußte sich natürlich wieder viel damit, in dem Armstuhl Sr. Majestät zu sitzen. Die Danziger waren damals noch nicht preußisch, wer weiß, was sonst in meiner Seele vorgegangen wäre. Als wir uns, wie es braven Unterthanen und treuen Bürgern geziemt, kümmerlich von den Brosamen genährt hatten, die von dem Tische Sr. Majestät gefallen waren, gingen wir zu Bett. Die Nacht wurde ich stark von Fliegen, Mücken, und einem andern Thierchen, das vermuthlich von der königlichen Suite zurückgeblieben war, beunruhiget. Ich tröstete mich damit daß Se. Majestät mit all ihrer Herrlichkeit, mit allen ihren Kanonen, Bomben und Kartätschen, großem und kleinem Gewehr gegen diese unverschämten Insekten die vorige Nacht vielleicht eben so wenig ausgerichtet hatten, als ich armes Menschenkind.
Den Morgen, der auf diese merkwürdige Nacht folgte, besuchte ich den Coadjutor von Mainz, Hrn. Dalberg, an den ich von Halle aus Empfehlungen hatte. Dieser Herr, der einen sehr liebenswürdigen Charakter hat, ist ein großer Freund der Wissenschaften und der Gelehrten. In Erfurt unterstützt er, ohne sich durch seinen geistlichen Stand davon abhalten zu laſſen, ein kleines Privattheater. Außerdem hat er viele und manigfaltige Verdienste um diese Stadt. Alle Dienstage hält er in seinem Schlosse große Assemblée, wo man die ganze Noblesse von Erfurt versammelt findet. Jeder Fremde, der nur irgend auf Bildung Anspruch machen kann oder zu machen glaubt, hat hier freien Zutritt. Die Unterhaltung ist hier eben so verschieden als die Gesellschaft selbst. Man singt kleine Lieder, spielt Klavier oder Karten, Dame oder mit den Da- {212}

men. Der Coadjutor mischt sich herablassend in den Cirkel und spricht freundschaftlich mit Jedermann. Doch, lieber David, ich muß hier schließen, mein Brief ist bereits zum Buch angewachsen. Lebe wohl und behalte in gutem Andenken Deinen Bruder
J. D. Falk.