1806 No. 19.
Elysium.
Zeitung für Poesie, Kunst und neuere Zeitgeschichte
Mittwoch, den 5. März.
Zeitgeschichte
oder
kleine Europäische Gazette,
„Meine Hand ergriff der Völker Gut, wie ein Nest,
Und wie man verlassene Eyer einsammelt,
Also sammelt' ich Länder ein,
Und keins regte den Fittich,
Und keins öffnete mit Piepen den Mund."
Jesaias 10. V. 14.
Paris vom 25. Febr. Als die Nachricht, von der Einnahme Neapels, durch die Franzosen, während der Aufführung der Attalia von Racine, welcher Napoleon beiwohnte, zu Paris eintraf, gab der Kaiser
Befehl, daß Talma, nach dem ersten Akt dem Publikum ankünden sollte, daß Neapel bereits genommen, und daß der Kaiser daselbst, vermittelst eines französischen Prinzen, eine neue Dynastie stiften
wollte.
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Vom 24. Febr. Gestern ritt der Kaiser zu Pferd von dem Thuillerien aus, bis den Platz, der an die Straße von Malta stoßt, wo er sich kaum ein Paar Augenblicke aufhielt, als er sich schon von
unzähligen Bittstellern, jedes Alters und jedes Standes, die trotz der Polizeiwache, mit ihren Bittschriften auf ihn eindrangen, umringt sah. Der Kaiser bezeigte ihnen viel Gnade, und der
Ausdruck von Freundlichkeit und Güte, der in diesem Augenblick auf seiner ganzen Gestalt lag, erregte bei jedem Zuschauer ein angenehmes Gefühl.
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Vom 23. Febr. Die Kirche zur heiligen Genoveva, dieser großen Schutzpatronin Frankreichs, ist, auf Befehl des Kaisers, ihrer alten Bestimmung wieder hergestellt. Auf dem Gipfel eines Berges
gelegen, ist sie, wie sich der Minister des Innern darüber ausdrückt, selbst durch diese imposante Lage geschickt, einen Vereinigungspunkt des Gottesdienstes, für die unermeßliche Bevölkerung der
Hauptstadt Europas, wie wenig andere, abzugeben. Auch für St. Denis, wo sonst die französischen Könige begraben wurden, ist angeordnet, daß daselbst künftighin das Begräbniß aller französischen
Kaiser seyn soll. Gern, wie ein offizielles Blatt hinzusetzt, hätte Napoleon der Große, auch die Asche der drei ersten Königslinien ihrer angeerbten, längst verjährten Behausung wiedergegeben;
aber ihre Stäte wird nicht mehr gefunden. Schade darum, sonst wäre Weltende und Weltanfang hier in einer Gruft zu St. Denis zusammen getroffen! Doch auch so bleibt die Zusammenstellung immer
lehrreich, und dient zur neuen Bestätigung dessen, was die Weltgeschichte den Monarchen Europas jetzt mehr als jemals so {74}
warnend auf jeder Seite ihrer, vom Geist der Zeit auf- und zugeschlagenen Gedenkbücher, entgegenruft: daß nämlich Muth, Tapferkeit und solcherlei von den Altvordern angeerbte Tugenden, die
einzigen Stifter der Dynastien sind, die unter kurzsichtigen, schwachen, verblendeten Nachfolgern, zugleich mit dem Kleinod der Krone und der Freiheit der Völker, die der Stolz mit überliefertem,
aber kraftlosem Scepter zu beherrschen sich anmaßt, unwiederbringlich zu Grunde gehn.
„Da liegen sie die stolzen Fürstentrümmer,
Ehmals die Götzen ihrer Welt,
Da liegen sie, vom fürchterlichen Schimmer
Des blassen Tag's erhellt.
An ihren Urnen weinen Marmorgeister,
Doch kalte Thränen nur aus Stein,
Und lächelnd grub vielleicht ein welscher Meister
Sie einst dem Marmor ein.
Wie fürchterlich ist hier des Nachhalls Stimme;
Ein jäher Tritt stört seine Ruh:
Kein Donner spricht mit schreckenvollerm Grimme:
O Mensch, wie klein bist du!
Denn ach, hier liegt der edle Fürst, der Gute,
Zum Völkersegen einst gesandt,
Wie der, den Gott zur Nationenruthe
Im Grimm zusammen band."
Aus Schubarts Fürstengruft.
Leipzig bei Hartknoch 1805. Polyidos Tragödie.
Jean Paul sagt in seiner Aesthetik S. 594. „Endlich wünschte ich für Kunstwerke zwei ganz verschiedene Journale. Das eine müßte von einem Meisterwerke nichts, als die Mängel rügen; jede falsche
Mitteltinte, Falte, Linie notiren, und es ohne Scheu verrücken. – – Diesem gelehrten, schwarzen Buch müßte sich ein zweites – es mag das goldene Buch heißen – beigesellen, das mit heiliger Seele
nichts im Kunstwerke und göttlichen Ebenbilde anschaute (wie ein Liebender an der Geliebten) als die Schönheit, oder den Gott, dem es ähnlich ist." – Daß unserm Elysium und Tartarus eine ähnliche
Idee zum Grunde liege, haben wir schon, wie in der Ankündigung, so auch bei Gelegenheit der Rezension, über Schillers Theater bemerkt, und möchten es hier, wo vom Polyidos mit so
uneingeschränkten Lobeserhebungen die Rede ist, auf's Neue in Erinnerung bringen. Jener heftig tadelnde, nur immer mit schneidender Einseitigkeit, verfahrende Ton in unserer Literatur, sollte
doch jetzt einmal aufhören; um so mehr, da ein ruhiges Abwägen der Gründe denn doch nur am Ende hier alles entscheiden kann.
D. Red.
Erfreulich ist die Erscheinung eines Geistes, der durch sein Werk seine Freiheit und Ueberlegenheit über irgend eine fixirte Gestalt, die sich im Gemälde der Welt darbietet, beurkundet, indem er
sie, wie aus ihrem Innern heraus, durchzubilden und in ihrer Gediegenheit hinzustellen versteht. Denn, wie der Dichter sagt:
„In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,
Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben."
Es gehen unter uns seit ungefähr fünf Jahren mancherlei Gerüchte in den Zeitschriften umher von versuchter, oder wohl gar gelungener Wiederaufnahme, oder Einführung des Chors in unsre Tragödien.
Ohne aber hier weiter zu untersuchen, was es mit diesen Gerüchten für ein Bewenden habe, erinnern wir, daß es hier gewiß nicht auf das magere Verdienst abgesehen sey, den Chor in der modernen
Tragödie einheimisch zu machen, wenn anders überhaupt so ein Verdienst denkbar wäre [Der Herr Verfasser hat hier und anderswo mehrere trefflich eindringende Bemerkungen über den Chor beigebracht,
die wir, um die innere Organisation unsers Blattes nicht zu zerstören, uns vorbehalten, unsern Lesern, in abgesonderten, kleinern Abtheilungen, vorzulegen.
D. Red.]
Ganz anders ist es hier. Minos erwartet trost- und hoffnungslos noch vor Sonnenaufgang die Rückkehr des Bothen, welcher den allsehenden Gott nach seinem Sohn gefragt hat. Noch immer zögert er,
und Minos geht zurück. Da sieht der Chor Wimpel wehen, und seine ungestüme Freude ruft den König wieder herbei. Der Bothe bringt den Räthselspruch, der König ergrimmt, und sendet, nach der
Vermittelung des Chors, den Bothen übers Meer, den Mann zu suchen, der das Räthsel lösen, und den verlornen Sohn wiederbringen könne. Klagen des Verbannten, und ein Gesang über des Geschickes
Unbestand sind vorüber, als Minos, in seinen Schmerz gehüllt, hervortritt, und sich daran weidet. Und sieh! schon kehrt der Bothe froh, den Seher gefunden, und seine Schuld gelöst zu haben. Aber
schon fern vom Chor erkannt, naht sich Polyidos, des Minos Feind, weil er an Glaukos Grab sich Königsehre geweissagt hatte.
Ruhig tritt er und festen Ernstes zu dem König, löset das Räthsel, und befiehlt, als der König fort ist, seiner zu harren. Ein Hymnus an das Licht – die trefflichste Einzelheit im Ganzen – tönt
ihm nach. Und der König kehrt noch ungeduldiger zurück aus dem Palast; auch Polyidos kommt, und verkündet des Sohnes Rückkehr, den König, der entrüstet Sehertrug argwöhnt, mit dem Anblick des
todten Sohnes strafend. Minos befiehlt, ihn mit dem Sohn in die Gruft zu schließen. Polyidos innre Größe erhebt sich in leiser Klage, und rafft sich auf, als der König wiederkehrt, seinen ersten
Spruch bestätigt, und den Bothen mit verdammt. Aber P. verweiset ihn drohend an die Götter, und folgt dem Leichenzuge mit Minos. Ein Epikedion folgt, und Minos kehrt, vom Chor des Frevels
beschuldigt, gegen welchen er sich hartnäckig vertheidigt. Als aber der Frevel immer offenbarer wird, als der Bothe (trefflich) erzählt, wie er in der Gruft freundliches Gespräch gehört, da fällt
es dem Kö- {75}
nig aufs Herz; er bricht in Klagen aus, verzweifelt, rasch mit seinem Blut, den Frevel zu büßen bereit, wenn nicht des Sohnes und Sehers Bitte und Erscheinung ihn abhielt. Beschämt und entzückt
vernimmt er nun die Erzählung des Vorfalls von Polyidos selbst, dessen Weissagung so bestätigt wird. Denn der König bittet ihn im Rausche des Entzückens zu verweilen; aber als Polyidos
erwiedert:
„Des Sehers Fuß darf nimmer rasten in dem Land;
der Welt gehörend ist er jeder Heimat fremd,
und wie sein Geist in jeder Zeiten Ferne lebt:
so muß sein Leib sich keinem Land der Erd' entziehn.
Der Götter Leitung folg ich; sicher zeigt ihr Ruf,
mir an, wohin ich meine Schritte lenken soll."
Da befiehlt der König in frohströmender Rede, ihn königlich zu ehren. Polyidos legt ruhig das Geschenk in Apollons Tempel nieder, und geht. Mit dem schon einigemal eingeschärften Wort, „daß der
Mensch vergebens dem Geschick zu entfliehen strebe, und zu dem Unglück nur die Schuld gewinne," schließt das Stück.
So ruhig und einfach entfaltet sich allmälig das Ganze. Minos ist es, welcher von seinem Schmerz überwältigt, sich gegen das Geschick auflehnt, und so das φεον verletzt! Aber die ruhige und
ernste Kraft des Polyidos hält ihn nieder, und, indem sie ihn beschämt, und entzückt, durch die Erfüllung der Wahrsagung, verweiset sie ihn an die Götter, und nimmt ihn unter das δείον auf. Wenn
hiermit die äußere Begebenheit in Harmonie tritt, mit dem Wunsche des Minos (sie wird dem Anschein nach fast Schauspiel), so ist doch keinesweges hier die den Franzosen besonders eigne
Weichlichkeit des Gefühls zu erkennen; denn die Peripetie entscheidet hierüber wohl nicht allein, wie die aischyleischen Eumeniden, und andre antike Tragödien beweisen.
Minos und Polyidos sind Gestalten, welche gleichsam gegen einander gravitiren, so daß der Schwerpunkt des Ganzen in beiden auseinander gerückt, oder in beide verlegt erscheint. Darum konnte die
Katastrophe nicht anders ausfallen, indem es sonst durchaus bei der Schwankung sein Bewenden gehabt, und eben dadurch das Ganze vernichtet hätte werden müssen. Dagegen gleicht sich, nach der
angegebenen Ansicht, auch das scheinbare Hervordrängen des Minos aus, und nicht minder dem Gange der Handlung, als der Stelle, welche er im Ganzen einnimmt, angemessen, ist seine Individualität,
indem er, so zu sagen, nur zu einer idealen Ruhe gelangt, die immer wieder gestört, und am Ende beschwichtigt wird. Obwohl aber wir uns gerne bescheiden, daß die sogenannte Charakterdarstellung,
inwiefern sie konstitutiv zu seyn sich anmaßt, keinesweges der antiken Tragödie angehören könne, so ist sie doch regulativ ein Moment, an welchem sichtbar werden kann, wie das, was dem Ganzen
unverkennbar eingepflanzt ist, auch in dem Einzelnen sich wiederholen und abschatten müsse. Denn eben hierin zeigt es sich, wie kräftig und lebendig die Idee des Ganzen seyn mußte, um mit ihren
Wurzeln so tief einzugreifen, indeß sie ihre Aeste so weit ausdehnt.
So viel im Allgemeinen über die Struktur des Ganzen! Wir fügen noch einiges hinzu, die Textur, wenn wir diese Ausdrücke aus einem andern Gebiete herüber nehmen dürfen, etwas bemerklicher zu
machen. Es lag tief in der organischen Natur der Stoffe antiker Tragödien, und in der zur kunstreichen Gestaltung erforderlichen Beschränkung und Einfachheit, daß Bothen erzählten, was im
Zusammenhange zwar stand, mit der dargestellten Handlung, selbst dargestellt aber die Handlung auseinander getrieben, locker gemacht, und so minder klar vor die Anschauung gerufen hätte. Wenn nun
diese Bothen, gegen die übrigen Personen gehalten, meist gemeine und schlechtere Männer sind, auf welche der Unmuth und Uebermuth der Höhern sich entladet; so mildern sie doch auf der andern
Seite manches, was in der Darstellung selbst mehr erschüttert haben würde, als es die Kunst beabsichtigen kann, und ihre Erzählungen sind oft meisterhaft. So werden auch hier manche Parthien des
Stoffs, im Verhältnis zu den übrigen, in Schatten gestellt, aber desto mehr wird das Licht auf die Hauptfiguren der Handlung zusammengedrängt, und musterhaft trefflich ist die Erzählung S.
63.
Was sollen wir noch von dem Chore sagen, der hier wahrhaft strophisch auftritt? Seine ruhige, unbefangene Theilnahme an allem, was hier vorgeht, und diese Neutralität, aus welcher so leicht
Schmerz und Freude, Hoffnung und Furcht, Klage, Glückwunsch und Warnung hervorgehen, machen allerdings sein Wesen so anschaulich, daß wir auch einzelne Gesänge echt antik nennen dürfen. Wir
verweisen auf den Hymnus an das Licht S. 36. und auf das Epikedion S. 56. welche auch außer ihrem Zusammenhange mit dem Ganzen, als beschlossene Totalität gelten können, und eins der
trefflichsten Stücke sind, das die moderne Lyrik geliefert hat.
Wie auch die einfachste Handlung andrerseits die rege Fülle ihres Lebens, in dem steten und frölichen Wechsel der Bewegung, in den metrischen Formen offenbart: so sind auch hier diese antiken
metrischen Formen meist mit einer Kraft und einem Wohllaut nachgebildet, wie wir sie nur von unserm würdigen und ehrenfesten Landsmann Voß übertroffen sehn. Darum sind sie nicht bedeutungslos,
und als leere formelle Spielereien zu betrachten, wie sie die Zeit wohl sonst zu Tage fördert, sondern durchgängig ist ihre Evolution und deren Wechsel ein treues Abbild des Lebens und Auf- und
Niederwogens der Handlung selbst. Wie treffend ist nicht, und der ganzen Situation gemäß S. 23, der Anruf des Chors an den herbeieilenden Bothen?
„Was verkündet dein Nahn,
du mit dem geflügelten Schritt?
Was weht dein Athem uns zu,
der, Stürmen gleich, braust aus der fliegenden Brust? {76}
Verweht deines Mundes Hauch
des Grames mordende Seuche,
die finster brütet über des Königs Haus,
und mit Trauer erfüllet das Land:
so öffne zur Rede die Lippe.
Doch hat dich gefaßt der Verzweiflung eiserne Hand,
und gejagt mit der Geissel des Wahnsinns,
daß du dich selbst stürzest in sichern Tod:
so feßl' im Munde die Zunge,
daß sie nicht ausspreche das Wort, das uns
die Herzen zermalmt und das Haar sträubt empor?"
dessen bedeutenden, in der Natur des Ganzen gegründeten, so leicht und frei durchgeführten Rhythmus jeder empfinden muß, der sich den Sinn für solche Trefflichkeit offen erhielt; weshalb wir auch
nur an das Ganze verweisen dürfen. Manche kleinere Nachläßigkeiten (wie in den Choriamben S. 36. Str. 1. V. 3. Str. 2. V. 14. den gegen Auktorität ausgesprochenen Polyidos, st. Polyidos und
anderwärts) würde eine Revision leicht entfernen; manche Verworrenheiten, wozu ihn die Theorie, welche immer noch nicht aufs Reine ist, verleitet haben mag, wird dieser herrliche Geist sicher in
Klarheit auflösen.
So ist denn in diesem Werke Stoff und Form so innig verschmolzen, daß es den Charakter und Geist der aischyleischen Tragödie athmet, und so als Progymnasma eines würdigen Geistes eingesehen
werden kann, von welchem man sich eine Folge erbitten möchte, damit auch noch mehr die Nichtigkeit der formellen Spielerei, die heutiges Tag's, wie in mechanischen Nachahmungen der Poesie, also
auch oft in der Wissenschaft getrieben wird, durch ein wahrhaft geistreiches Spiel verdrängt werden möge, die Klarheit aber über die Polarität des Antiken und Modernen auch endlich ein Gebiet
bestrahle, welches bis jetzt noch nicht urbar gemacht, aber, dem ewigen unaufhaltsamen Gange der Natur nach, erobert und angebaut werden muß. Möge der bescheidene Dichter diese hier betretene
glorreiche Bahn rühmlichst durchlaufen!
Schließlich erinnern wir, daß auch das Aeußere dem Inneren entsprechend, geliefert ist. Das Titelkupfer stellt Polyidos Verweilen in der Gruft dar, ein mit Schlangen umwundener Dreifuß schmückt
das Titelblatt, und eine Doppelmasse schließt den einfachen, wohlgerathenen und ziemlich fehlerfreien Druck.
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Miscellen
Philipp Hafner. Fortsetzung. Ein höchst origineller, und so zu sagen, ein Hauptcharakter des Wiener Lustspiels ist der Rüpel. Dieß ist der Pierrot der Italiäner, der Jodel der Franzosen, so wie
der jetzige Kasperl auf der Wiener Leopoldstadt. Bei Hafner findet er sich in großer Vollkommenheit. Ueberall, wo er auftritt, gewähren sein täppisches Wesen, so wie sein gänzlicher Mangel an
Konduite und Anstelligkeit, verbunden mit einem oft in die tiefste Ironie versteckten Humor, dem Publikum zum Lachen einen unversieglichen Stoff. Unter der Maske eines Portiers oder
Hausbedienten, sagt er so einmal zu einem vornehmen Kavalier: „Ja, mein Herr ist halt ein recht Kerl. Es kommen den Tag über wohl hundert und mehr Narren ins Haus gelaufen, die alle Audienz haben
wollen. Da können nun Ewr. Exzellenz leicht denken, wie ihm dabei zu Muthe ist, da er von Jugend an, gewohnt ist, mit lauter so gescheiten Leuten, wie ich und Ewr. Gnaden umzugehen." Ein andermal
will er sich, als Sekretär, vermiethen. Die Frage ist: ob er lesen könne? die Antwort: O ja Erbsen, Bohnen, Linsen u.s.w." Davon sey jetzt nicht die Rede. Ob er französisch verstehe? „Das hätte
er lernen können, und dazu eine gar gute Gelegenheit gehabt." Lateinisch? „Das hätte er lernen sollen.“ Nun denn doch wenigstens deutsch? „Er glaube wohl, hätte es aber noch nicht probiert." Nun
gibt man ihm einen Brief, wo er allerlei konfuses Zeug durch einander liest, z. B. im Sommer hochzuverehrender Herr, st. insonders: so eben ist durch einen reitenden Todten die Nachricht
gekommen, st. reitenden Bothen, und: I mag keine Zwiesel essen, st. Ich trag keine Zweifel indessen. Wenn nun der Herr auffährt und ihn zum Teufel jagt, mit der Versicherung, daß er keinen
solchen Esel in seinen Diensten brauchen könne, verläßt Rüpel beruhigt das Haus, mit dem Trost, daß wenn halt sein Herr auch keinen Esel in seinem Dienst brauchen könnte, es in Wien schon noch
andere Leute gäbe, die einen Esel brauchen könnten.
„Es ist nit lang, daß g'regnet hat,
Die Bäumle tröpfeln noch:
I hab einmal ä Schätzel g'babt,
I wollt, I hätt' es noch."
In diesen wenigen Strophen ist der völlige Charakter der ganzen süddeutschen, harmlosfröligen, mitunter etwas leichtfertigen Volkspoesie enthalten.
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Geistliche Komödien. In einem Wiener Krippenspiel, Marias Verkündigung genannt, ruft Gott Vater mehrmal aus den Wolken: Gabriele! Gabriele! Gabriel erscheint alsbald unten auf der Erd' und frägt:
„Was schaffen Sr Gnaden?" Worauf ihm Gott Vater zur Antwort gibt: „Sattl’ er halter sein Pferdl, und reit‘ er zur Jungfrau Mariel! In Niedersachsen frägt einer von den heil. 3 Königen, der unter
andern Weihnachtsgeschenken, dem Christkind (ländlich, sittlich) auch eine Rolle Tabak zum Präsent bringt:
"Lieb Christkind, willst du Tabak han?"
worauf ihm das Christkind erwiedert:
„Den Tabak ich nicht brauchen kann."
Diese Antwort, und daß sein königlicher Bruder für seinen guten Willen so hart angelassen wird, nimmt der Dritte übel und fährt fort:
,,Na, wenn he em nich brucken kann:
Wat schriet he so? so sey het man."
(Na, wenn er ihn nicht brauchen kann,
Was schreyt er so, so sag er's man.)
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