1806  No. 48.

Elysium und Tartarus.

Zeitung für Poesie, Kunst und neuere Zeitgeschichte

Sonntag, den 29. Juni.

Zeitgeschichte.
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Reisebemerkungen.
Aus der Schweiz im Spätjahr 1805.
Schafhausen, den 10. Okt. 1805.
Die Kriege der Gewaltigen auf Erden haben mich aus meiner stillen Heimath aufgescheucht, und mich genöthigt für einmal in der, wenigstens öffentlich, für neutral erklärten Schweiz einen Zufluchtsort zu suchen.
Der nächste ganz von deutschem Gebiete umgebene und sogar völlig diesseits des Rheins liegende Kanton, ist Schafhausen. Hier war ich dem Kriege wohl entgangen, aber nicht dem Kriegsgeschrei: denn es wimmelte allenthalben von Eidesgenössischen Truppen, die diesen vorzüglich der Gebietsverletzung aussetzten, Grenzkanton zu beschützen, gekommen waren. Ungeachtet ihrer verschiedenen Sprache, Kleidung und Bewaffnung, betragen sie sich doch friedfertig gegen einander, und es scheint ihnen allen mit der herzhaften Behauptung und Vertheidigung der Neutralität ein rechter Ernst zu seyn.
Uebrigens, kann man sich beim Anblick, aller aus verschiedenen Kantonen hier versammelten Schweizer nicht enthalten, ihnen Glück zu wünschen, daß sie von der ihnen aufgedrungenen Einheit und Untheilbarkeit wieder befreit worden sind: denn nicht leicht lassen sich solche Kontraste des Körperbaus, Temperamentes und der Lebensart finden, wie zwischen den Bewohnern verschiedener Kantone. Die Berner Bauern sind hochstämmig, wohlgenährt, von Gesundheit strozzend; aber im Ganzen auch langsam und phlegmatisch. Die Zürcher, Argauer und Baseler haben im Durchschnitte bei weitem kein so gutes Aussehen, und man merkt ihnen an, daß sie größtentheils mehr in Fabriken, als auf dem Feld arbeiten. Dagegen manövrieren sie viel besser und schneller als jene. Noch gewandter sind die französischen Schweizer aus den Kantonen Fryburg und de Vaux. Ich sah mehrere Grenadierkompagnien, die sich (was viel sagen will) keck neben die ersten Französischen hinstellen durften: denn diese hatte ich noch ganz frisch im Gedächtnisse.
Als Bewohner eines Bierlandes hatte ich mich schon darauf gefreut, hier die Weinlese mitfeiern zu können: denn sonst wuchs hier herum ein Wein von vorzüglicher Güte: aber die durch das ganze Jahr herrschende, nasse Witterung hatte das Wachsthum und die Zeitigung der Trauben gewaltig verzögert, und ein jetzt schon vor der Reife eingetretener Frost hat die letzte Hoffnung vernichtet; so daß viele Keltern (hier zu Lande Torkel, vom Lateinischen Torcular genannt) gar nicht geöffnet werden. {194}

Die Freunde, an welche ich hier empfohlen bin, führten mich zu einiger Entschädigung, weil man nicht in die entfernten Landgüter gehen konnte, an ein Paar von Regen freien Nachmittagen in ein nahe bei der Stadt gelegenes, von mehrern begüterten Einwohnern gemeinschaftlich angekauftes und zur öffentlichen Promenade umgeschaffenes Landgut. Ein großer, neuerbauter, geschmackvoller Pavillon mit einer dorischen Kolonnade und mehrern Gesellschaftszimmern gewährt diesem Orte eine vorzügliche Zierde. Die Promenade ist sehr hochgelegen, und hat eine vortreffliche Aussicht auf den Rhein und die Stadt hinunter. Die Gartenanlagen, von vielen ausländischen Bäumen und Gesträuchen, sind im Ganzen geschmackvoll. Ein wenig lächeln mußte ich, über eine mitten auf diesem öffentlichen Spaziergange angelegte Einsiedelei, so wie über ein Paar andere Spielereien im Chinesischen Geschmacke, womit man, wie es scheint, der herrschenden Mode hat huldigen wollen. Sonst erfreute mich die gesellige und freundschaftliche Aufnahme, die mir hier von ganz unbekannten Leuten zu Theil wurde, und die Liberalität, mit welcher die Eigenthümer diesen mit beträchtlichen Unkosten verschönerten Ort, dem öffentlichen Gebrauche gewidmet haben, und zwar geschah dies zu einer Zeit, wo die Revolution sonst alle von einander entfremdet, und alle Beutel geleert zu haben schien.
Den Rheinfall mochte ich diesmal nicht besuchen, weil der Fluß zu wenig Wasser hat, und ich mir so das imposante Bild, das ich seit der ersten Betrachtung bei mir herum trage, nicht verkleinern wollte.
Für den Liebhaber der Natur und Kunstgeschichte ist das Kabinet des Herrn Doktor Ammann sehenswerth, das mir dieser freundliche und gefällige Greis mit großer Bereitwilligkeit selbst zeigte. Seine Kupferstichsammlung enthielt sehr viele schöne, besonders ältere, höchst seltene Blätter.
Eben so muß ich die Gefälligkeit des Herrn Rathsherrn Fischer rühmen, der viele mechanische Talente besitzt. Er zeigte mir einen, nach Montgolfiers Idee verfertigten Belier hydraulique, der vollkommen die Dienste leistet, die man von dieser so einfachen als sinnreichen Maschine, erwarten kann.
Die von den Franzosen im Jahr 1799 abgebrochene Rheinbrücke, ist wieder hergestellt, aber nicht mehr nach der alten, zwar sehr sinnreichen, aber doch im Grunde, wenig soliden Konstruktion, sondern es ist eine gewöhnliche hölzerne Brücke; da die Flüsse in der Schweiz, wegen ihrer (durch den Bergsturz veranlaßten) Schnelligkeit ihres Laufes selten zu frieren: so hat auch eine, auf hölzernen Pfählen stehende Brücke, nicht viel von Eisstößen zu befürchten.

Der Lyriker.
Gegenstück zu Schreibers Lyrikern.
Elegante Zeitung Nr. 59.
„Schreibend schreibt er im Schreiben geschriebene Schriften der Schreiber.“
Voß.

Er tritt hervor mit heil'gen Tönen,
Entlockt dem goldnen Saitenspiel;
Es wogt sein Herz von süßem Sehnen,
Musik in Worten, statt Gefühl.

Der goldne Traum der fernen Zeiten,
Dem Blick, wie Abendroth, entschwebt
Lebt auf im Silberklang der Saiten,
Wo Matthissons Erinnrung lebt.

Bald hüllt der schüchterne Gedanke,
Leis ahnend, sich in Schillers Stil,
Und bald, durchbrechend ferne Schranke,
Ist eigne Endlichkeit sein Ziel.

Was kein Genie dem Geist ergründet,
Doch wenn es dein Gemüth durchdringt,
Dich tönend an die Phrasen bindet;
Das ist es, was aus Schreiber singt.

Diderot vom Kolorit.
Diese zarte Leinwand unsers Körpers, die wir Haut nennen, die sich ausspannt und erschlafft, nach Willkühr des beweglichen Hauches, Menschenseele genannt, die sich von innen thätig beweist: welche Schwierigkeiten in der Darstellung aller wechselnden Tinten und Mitteltinten dieses transparenten Ueberzugs für den Künstler! Schon Blumen und Früchte verwandeln ihre Farbe plötzlich dem Auge des Beobachters, unter verändertem Einfluß des Lichts: – und nun erst der Körper, und das in Leid und Freude schnell bewegte menschliche Gesicht, z. B. das von Diderot, das anders sieht, wenn er gähnt d. h. wenn er an den Abbee Troublet denkt; anders, wenn ihm vor Freuden das Herz klopft; d. h. wenn ihm sein Freund Grimm einfällt; wieder anders, wenn ihm eine sehnsuchtsvolle Erwartung bevor steht, d. h. wenn seine Sophie ins Zimmer tritt: welch ein Wechsel in den verschiedenen Nüanzirungen von Röthe, womit bloß dieser eine Theil unsers Körpers, in augenblicklichen Lagen, überzogen wird! –

Spiele des Lichts.
Abends legt ein rothgesunkner Mond
Nieder sich am stillen Horizont; {195}

Sein geschmolznes Silber füllt den Platz
Füllt die Flüß‘ und Quellen lichtend an;
Stäubt und funkt und regnet ringsum nieder
Wo vergnügtes Hausgefieder,
Holder Schlaf im Heimathnest,
Seines Tagewerks entläßt,
Und die Schwalbe darf nicht mauern,
Und der Storch hört auf zu plaudern:
Und die Vöglein reden noch im Schlafe,
Von dem Meister, welcher webt am Stuhle,
Den umströmt ein Meer von Wohlgerüchen;
Und er kömmt zum dunkeln Wald geschlichen
Weitgespannt die Fäden von dem Einschlag:
Sieh ein ferngewandert Himmelslicht,
Das sich reg durch hundert Zweige bricht;
Und es spinnt, um duftende Reseden,
Seine leis umwundnen Silberfäden;
Spinnt um Nelken sich und Primeln an;
Wogt und wallt entlang den Wiesenplan;
Hüpft und flicht, in stll entglomm’nen Flammen,
Erd' und Meer und Siriusstraßen,
Wald und Berg und Fluß zusammen:
Dörfer, Städte,
Friedlich späte,
Mild verstrickt in goldnen Lichtes Netz,
All gehorchen sanftem Mondgesetz.

In Sachen contra die Elegante Zeitung Nr. 61.
Thorwaldsen, der Däne.
Unsere jungen Künstler, die ohne eigene Mittel zum Ziele streben, haben der wirklichen Widerwärtigkeiten genug zu bekämpfen, ohne daß man ihnen noch erdichtetes Elend aufbürden darf. Dieß thut Hr. W. H. in No. 61 der Zeitung für die elegante Welt, wenn er aus Rom berichtet, „daß der Isländer Thorwaldsen sich vor mehreren Jahren von Kopenhagen nach Rom – beinahe durchbetteln müssen." Wer mag doch dem Briefschreiber dieß Mährchen aufgebunden haben? Fürs erste ist Thorwaldsen kein Isländer [Sichern Nachrichten zufolge, ist seine Mutter eine Isländerin, er selbst aber in Kopenhagen erzogen und geboren. D. Red.], sondern ein echter Däne, und, wenn ich nicht irre, aus Kopenhagen selbst gebürtig. Thorwaldsen kam von Kopenhagen zu Schiffe nach Italien, als Pensionair der Akademie für 6 Jahre, wärend welcher Zeit er in Rom, seine Pension genossen und nie Mangel gelitten hat. Nach Verlauf seiner Pensionszeit, wo er wieder nach Kopenhagen zurückkehren sollte, aber lieber in Rom zu bleiben wünschte, gebracht es ihm an Mittel, seinen Jason, den er eben modellirt hatte, in Gips zu formen, welches etwa 80 bis 90 Thaler erfordern mochte. Dieß war die ganze und einzige Verlegenheit des Künstlers, welcher die eben in Rom anwesende Dichterin Friederike Brun ihn entriß, und dadurch bewirkte, daß Thorwaldsen sich in Rom rühmlich bekannt machen, und seinen Wunsch, länger dort in bleiben, erreichen konnte. Ueberhaupt sieht man aus den Urtheilen jenes Briefschreibers über Canova und Schick, daß derselbe erst unlängst in Rom warm geworden, und in der Kunst noch ein gar junges Blut ist. – Wir hoffen, daß der geschätzte Herausgeber der Zeitung für d. eleg. Welt unsern Korrespondenten, wenn er sie auf gleichem fahlen Pferde finden sollte, denselben Liebesdienst erweisen werde.

Anekdoten – Leben – Meinungen von Asmus Karstens.
Was man nicht geliebt und nicht gelebt hat, sagt Göthe sehr richtig, kann man auch nicht darstellen. Da Karstens nie geliebt hat, so frägt sich: ob er Engel und Madonnen je mit Glück hätte darstellen können. Auch in diesem Punkt nähert sich seine streng und abgeschlossene ideale Natur gar sehr dem Charakter seines großen Vorbilds, Michael Angelo, der auch, so viel man weiß, nie verheirathet war, oder etwas mit Weibern zu schaffen hatte. – –

Von Lavater, dem Karstens, bei einer Rückreise über die Schweiz, durch Zürch, dem Besuch machte, bemerkt er dies: „Ueber die Kunst konnten wir nicht viel mit einander sprechen, ohne in Streit zu gerathen; denn da schwatzte er viel ins Gelag hinein, was für mich keinen Sinn hatte. Er schien mir ein Schwärmer; ich ihm ein Sonderling in der Kunst." – Wäre Karstens ein Engel- und Madonnencharakteristiker gewesen: Lavater und Er würden sich leichter verstanden haben. So aber bildete das echt Romantische in Lavaters Natur, mit dem echt Klassischen von Karstens, einen zu schroffen Gegensatz.

Auf Albrecht Dürer hielt Karstens große Stücke. Nach Michael Angelo und Raphael, schien dieser ihm das größte Kunstgenie der Neuern zu seyn. So wird der echte Charakteristiker, wie dann diese Gattung Künstler eben durch Fortschritte Alles geworden ist, nachdem er lange mit seiner Kunst, wie mit einem Handwerk ausgestanden, wie Karstens selbst, am Ende doch ein tüchtiger Meister. Auch hat die Albrecht Dürersche Meisterschaft schon einst Raphael Respekt eingeflößt.

So sah ich zu Wien, in der schönen Sammlung von Handzeichnungen, die der Herzog Albrecht besitzt, ein Blatt von Raphael, das dieser Albrecht Dürern zugeschickt, und worauf der letzte eigenhändig geschrieben hat: „Raffahil di Urbin, der so hoch peym Pobst geacht't ist g'west, hat dyse nackiti Bild g'macht und sie dem Albrecht Dürer gen Nornberg geschickt, in sein Hand zu weyhn." Die Zeichnung selbst enthält ein Paar idealisch schöne Figuren aus dem Farnesischen Pallast; eine nackte Figur, mit einen Stab, und eine andere, die ihren Arm vorstreckt. Dürer schenkte sie selbst dem Kaiser Maximilian; von dem {196}

kam sie auf die Bibliothek, und von da, wo sie sich nur vereinzelt hatte, in die schöne Sammlung des Herzogs Albrecht.

Einmal fing Karstens auch an Kants Kritik der reinen Vernunft zu lesen; kam aber nicht weiter, als bis zum Abschnitt von Raum und Zeit, wovon er sodann ein allegorisches Bild malte, und darüber manche Anfechtungen, in Scherz und Ernst, erleiden mußte.

In einem seiner Briefe an den Minister Heinitz, als Kurator der Berliner Akademie, hatte Karstens die sehr gemäßigte Hoffnung geäußert: der König wurde sich vielleicht, bei seiner Zurückkunft nach Berlin, entschließen, eine Gallerie von ihm malen lassen. Karstens verstand darunter einen Saal, wie denn z. B. das im Pallast Farnese von Annibal Carraci gemalte Zimmer noch bis jetzt La Galleria dei Carracci heißt. Sr. Exzellenz aber nahmen dieß wörtlich und so, als prätendiere Karstens: „der König sollte sich förmlich eine ganze Gallerie, etwa, wie die von Düsseldorf, oder Dresden, von ihm malen lassen. In seinem nächsten Schreiben verwies ihm also mit Recht der Minister diese ungeheure Prätension; zugleich mit dem naiven Beifügen: „der König habe bereits Bildergallerien, und seyen diese für jedermann zum freien Zutritt geöffnet. "

Miscellen.

Leopoldstädter Theater. Zu seiner neuen Oper Megäre hat Kasperl das Wiener Publikum, durch folgenden gedruckten Anschlagzettel, eingeladen:

„Eine Zauberoper, wo Vieles in Lüften geht,
Nach Hafner, verfaßt von Perinet;
Musik, Arien und Triller
Vom Kapeltmeister Müller;
Ich weiß, Sie schenken mir ihren Applaus
Und ich seh' schon vor mir ein volles Haus."

Die originelle Idee von Kasperls Jugendjahren in der Wiege, wo er als ein großer erwachsener Kerl förmlich im Wickel steckt; gewiegt wird; – kurz fast, wie das kluge Kind Merkur, im Homerischen Hymnus, das gleich zum ersten Versuch, dem Gevatter Vulkan seine Zange stielt – Brezel und Küpferl schmaust, und so alle nur möglichen Diebs- und Schmarotzeranlagen, die Hoffnung einer künftigen Welt von Beutelschneidern, in der vollsten, schönsten, reifsten und schleunigsten Blüth' und Entwickelung zeigt: oder auch so ein alter, echt kasperlischer, d. h. hochkomischer Schwank, wie der Hausherr in der Narrengasse, ist mir freilich lieber, als dieses verunglückte, faden Ritterromanen nachgestümperte Zeug, von Megären, Teufelsbrücken, schlafenden Jungfrauen – worunter denn die 9 Musen immer die sind, so den tiefsten Schlaf haben – ja selbst an dem übrigens genialen Hafner möchte dieser Flug- Zug- und Zauberapparat wohl die schwächste, wenn auch mitunter für das Volk, die anlockenste Seite seyn.
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Wiener Antiquitäten, die auch allenfalls für Novitäten gelten können. Unter Maria Theresia waren zu Wien förmlich Schwätzkommissaire eingeführt, die mit ihren Stäbchen in der Kirche herum gingen, und die, so schwatzten, daran erinnerten, daß sie still seyn und dem Gottesdienst aufmerken sollten. Sie gingen gemeiniglich in einem schwarzen Habit, den man in Wien nur spottweise die Trauer von Jerusalem, oder Jericho, nannte. Einst kam einer von diesen Schwätzkommissarien zu einem braven Offizier, der den Türkenkrieg mitgemacht, und der nicht niederkniete, als so eben der Segen gesprochen wurde. Er stieß ihn deshalb mit seinem Stäbchen an und sagte auf gut Oesterreichisch: „Herr, geb er gott die Ehre!"
Der alte Kriegsmann aber, den diese Lekzion verdroß, hob seinen Krückstock auf und sagte eben so nachdrücklich: „Herr, geb er mir meinen Fuß!" Ihm war nämlich der eine Fuß im Türkenkrieg zusammengeschossen worden, so daß sich von selbst verstand, daß er nicht knien konnte. – –

Pasquill. Auf ein unter Joseph angeschlagenes Pasquill wurden von Seiten der Polizey 100 Dukaten für den Entdecker ausgesetzt. Es fand sich aber keiner: statt dessen las man, an der nämlichen Stelle, den Morgen darauf folgende Verse:

„Ich, Feder, Dint' und Papier,
Wir z'samm' sind unser Vier,
Wir werden uns nicht verrathen,
Und Joseph behält seine hundert Dukaten."

Corps diplomatique. Es ging die Rede, daß unter Joseph ein geheimes Dechiffrierkabinett eingerichtet worden, worin die Depeschen aller fremdem Gesandten, vor ihrem Abgange, erst künstlich entsiegelt, und sodann dechiffriert würden. Ein Portugiesischer Gesandter, der ebenfalls von seinem Hofe den Befehl erhalten, in Zukunft Alles in Chiffern zu schreiben, hielt sich so strikt an diesen Befehl, daß er sogar das Kouvert seines Briefes – in Chiffern schrieb; so daß Niemand in Wien auf der Post wußte, wo man ihn hinschicken sollte.

Das Qui pro quo. Um eben die Zeit langten von dem Englischen Gesandten zugleich zwei Depeschen an, wovon die eine nach England geschickt, die andere selbst aber erst an ihn abgeliefert werden sollte. Das Dechiffrierkabinett hatte demnach volle Arbeit. Unglücklicherweise aber fiel bei'm Dechiffrieren eine Verwechselung vor. Die von England eingeschickte Depesche ging dem zufolge retour nach England, und der Englische Gesandte bekam dafür seine eigene Depesche wieder zurück. Als Milord den Streich, den man ihm gespielt hatte, inne wurde, lief er, wie wüthend, auf die Burg und zum Kaiser Joseph, der ihn erst ganz gelassen anhörte, und nachdem er ihn ernstlich versichert, daß auch ihm dieser Vorfall höchst verdrüßlich sey, sodann lächelnd hinzusetzte: „Uebrigens gebe ich Ihnen mein Wort, Milord, ich werde alle Anstalten treffen, daß eine solche Bevue nicht zum zweitenmal wieder vorfallen soll."