1806. No. 59.
Elysium.
Zeitung für Poesie, Kunst und neuere Zeitgeschichte.
Mittwoch, deen 6. August.
Zeitgeschichte.
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Ueber eine neue Art, die Dragoner beritten zu machen.
Anekdote aus dem französischen Revoluzionskriege.
„Man rückte dem Feind an der Prave entgegen. Alle Rekonvaleszenten, aus der Gefangenschaft Befreite u. s. w. kehrten zu ihren Korps zurück, Jalonski auch zu dem seinigen. Er langte gerade an, als
man an den Ufern des Tagliamento schlug. Er war noch nicht wieder beritten gemacht, und es fehlte ihm an allem Nöthigen. Während der Kanonade und den einzelnen Scharmuzirungen war er zum
Heer gekommen, und hatte sich bei dem gerade beschäftigten Brigadegeneral gemeldet, aber keine Weisung erhalten. Verdrüßlich ging er an einer Postenkette von Infanterie und Kavallerie herunter.
Ein leichter Infanterist redete ihn an, fragte nach der Ursache seines blassen Aussehens und dem Unmuth, den er zu fühlen schien. Ignaz erzählte in der Kürze. alles, und setzte hinzu, er wolle
den Dienst bei seiner Eskadron wieder antreten, es mangele ihm aber ein Pferd: der General, mit dem er einen Vorschuß habe unterhandeln wollen, sey zu beschäftigt gewesen, um auf ihn zu hören.
Der Soldat, ein Bursch, von etwa 16 Jahren und zerlumpt von Kopf zu Fuß, hörte ihm, auf seine Flinte gestüzt, aufmerksam zu. Zwischen den kaiserlichen und dießseitigen Vedetten, lag eine Wiese
mit sehr hohem Gras. Nachdem Ignaz geendet hatte, sagte jener ganz trocken: Restez ici citoyen! und warf sich der Länge nach nieder. Ignaz war verwundert, und glaubte schon, der Füselier wolle
zum Feind übergehn, als er ihn im Grase fortkriechen sah, doch wartete er noch eine Zeit. Fünf hundert Schritte davon hielten zwei österreichische Dragoner Wacht. Es währte keine zehn Minuten: so
hörte er einen Schuß, und sah einen dieser Dragoner vom Pferd stürzen. Der herbeigeschlichene Franzos hatte es gethan, um seine Beute davon zu führen. Im Hui schwang er sich auf, im Hui war er
wieder dort. „Il vout faut un cheval, sagte der heldenhaft Verwegene, le voila! So übergab er dem erstaunten Ignaz das recht tüchtige und leichte Dragonerpferd. Von Dank wollte er gar nichts
hören."
J.v. Voß.
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Regensburg, den 26. Juli. Die längst erwartete, sogenannte neue Konstituzion für Deutschland, ist vorgestern durch den Kourier an den Minister Hedouville hier angekommen. Es heist, daß der Herr
Kurerzkanzler sie bereits unterzeichnet habe. –
Vom 25. In der Nähe von Regensburg, auf der beträchtlichen Ebene gegen Straubingen, soll in 14 {238}
Tagen oder 3 Wochen ein französisches Lager von 30,000 Mann zu stehen kommen. Schon sind zu dem Ende Lieferungen an Fourage ausgeschrieben. Die Franzosen sind bereits wieder aus Regensburg, über
den Rhein und nach Schwaben gezogen. In Ulm ist Quartier angesagt
Der Kurerzkanzler hat folgende seinem Herzen und seinen Fürstengesinnungen Ehre machende Erklärung in die Regensburger Zeitung einrücken lassen, „Wenn der Verfasser der Schrift: Ueber die
Ernennung des Kardinal Fesch als Koadjutor" die Erwerbung von Nürnberg und die Entlehnung von Aschaffenburg für zweckmäßig achtet: so liegt dieser Gedanke nicht in den Gesinnungen des
Kurerskanzlers, der jedem verehrungswürdigen Mitstande die Fortdauer seines Daseyns wünscht, und dem die guten Regensburger eben so, wie die guten Aschaffenburger, um keinen Preis feil
sind.
(Aus d. Bayr. Zeitung.)
Die Kunst zu Wien, in den neuesten Zeiten.
Wenn nach dem Kunstzustand eines Volkes oder einer Stadt gefragt wird, so theilt sich dieser Gegenstand eigentlich in die bestimmteren Fragen: Wie verhält es sich mit den Genies, das ist, den
hervorbringenden Künstlern dieses Volkes? und dann: Auf welchen Grad ist die passive Kunstbildung gestiegen, die Fähigkeit, nämlich der Nicht-Bildenden, das Produzirte mit Geist und Gemüth
harmonisch aufzufassen, und in seiner ganzen Fülle zu genießen.
Was das hervorbringende Talent betrifft, so mag es schwerlich geläugnet werden, daß bei ihm oft die Verfassung des Staates, oder die Naturumgebung den Funken entflammt, der freilich schon von der
Natur in sein Inneres geworfen seyn muß. Wie verhält es sich nun mit diesen begünstigenden Anlässen in Oesterreich.
Lange hatte diesem Lande die Sonne der Aufklärung nicht geschienen, da kam Joseph II. Sein „Werde Licht" erscholl, und wie aus dem alten Chaos der Nacht formten sich Gestalten, zwar größtentheils
grotesk und gehaltlos, doch immer den Urkeim künftiger Bildung enthaltend, aus deren verwestem Staube einst schöne Gestalten erblühen konnten. Aber bevor die Kunst zu bilden im Stande ist, muß
der Kampf zwischen Vernunft und Unvernunft geendet seyn, denn nur auf einem heitern Grunde gedeihen ihre Aetherformen. Dazu war in Oesterreich noch lange nicht die Zeit gekommen, denn alle Köpfe
rangen begierig nach dem Wahren, und höchstens konnte ihnen das Schöne als ein Mittel dazu erscheinen. So erklärt es sich, wie die Männer, welche unter Josephs Zeiten in der Dichtkunst mit Ruhm
auftraten, und für Oesterreichs Bildung äußerst wichtig und wohlthätig wurden, doch so weit von wahrem Dichtergeiste entfernt blieben. Als Lehrer der Nazion haben also Alringer, Ratschky, Haschka
u. a. m. allerdings Verdienste, aber auf dem – nicht deutschen, sondern überhaupt einen und untheilbaren Parnasse, wird ihnen die Nachwelt schwerlich eine Stelle gönnen. Sie wirkten größtentheils
durch die Materie, welche sie behandelten, nicht durch die Form, in welcher sich zuletzt das Wesen aller Kunst verliert
Bei dem regen Streben nach geistiger Bildung, welches sich jetzt schnell entwickelte, wurde dem Künstler selbst der Vortheil, daß er sich die vorzüglichsten Meisterwerke der Vor- und Mitzeit
leicht bekannt machen konnte, und bei der Reibung der Geister, welche das schnelle Erwachen bewirkte, mußten sich auch manche Funken glänzend entwickeln. Und geistiger Werth, Verstandeskraft, und
Kenntnisse stiegen im Werthe, und in der Schätzung; die Sinnlichkeit, bisher alleinige Herrscherin fing an sich zu verfeinern, und einzelne Geister stiegen über sie empor, und schauten auf zum
heitern Himmel, der sich über ihnen, wenn gleich nur theilweise mit ruhiger Klarheit entfaltete. Aber Alles wurde anders.–
J. D. S.
(Die Fortsetzung folgt.)
Herodot – über Monarchie und Demokratie.
Vorerinnerung.
(Herodot hat eben die Empörung des falschen Smerdis geschildert, und wie eines Tages, durch die sieben Verschwornen, im Palast, imgleichen der größte Theil der ihm ergebnen, medisch-gesinnten
Magiercaste, durch den Pöbel, auf den Straßen, jämmerlich umgebracht worden. Er fährt hierauf (Thalia 80. ff.) in seiner naiven Erzählungsweise, die in folgender Übersetzung nur schwach wieder
erscheint, also fort:)
Vorzug der Demokratie.
Nach fünf Tagen, da sich der Lärm gelegt, rathschlagten die antimagischen Verschwörer über die Wahl der Verfassung; wobei Aeußerungen vorkamen, die mancher Hellene nicht glauben wird, aber sie
kamen vor. Otanes rieth, Persiens Regierung für gemeinsamen Antheil einzurichten. Er sprach: „Ein Einziger sollte, dünkt mich, nicht länger euer Beherrscher seyn. Denn solches ist weder angenehm,
noch heilsam. Wie weit Cambyses Uebermuth gegangen, wisset ihr; auch des Magiers Hoffarth hat euch getroffen. Wie mag Alleinherrschaft ein wohlgefügtes Ding seyn, durch die ein Unumschränkter
thun darf, was er will. Man stelle den allervortrefflichsten Mann auf diese Stufe der Macht, er geht ab von seiner gewöhnlichen Denkart. Die Menge der ihn umringenden Glücks- {239}
güter erzeugt ihm Uebermuth, und Neid liegt im Menschen von Anbeginn. Hat er aber diese zwei, so hat er alle Bosheit. Viel Frevelhaftes verübt er aus Uebermuth, anderes aus Neid: und doch sollte
ein Alleinherrscher neidlos seyn, da er alles Wünschenswerthe besitzt. Aber die Unterthanen erfahren immer das Gegentheil. Neidisch verfolgt er die Besten, die noch leben und um ihn sind, und an
den Schlechtesten hat er Freude. Ueberaus geschickt, Anklägereien aufzunehmen, ist er das widersprechendste Ding von der Welt. Denn so du ihn nach Ordnung lobst, grollt er, daß er nicht übermäßig
geehrt wird, und so ihn jemand übermäßig ehrt, grollt er ihm, als einem Schmeichler. Aber das Aergste sage ich erst noch. Er stürzt die vaterländischen Ordnungen, und nothzüchtigt die Weiber, und
tödtet ohne Gericht. Hingegen das Volk, als Inbegriff der Herrschaft, erzeugt fürs erste das unendlich schöne Wort der Gesetzesgleichheit (ισονομία) und thut zum andern nichts von dem, was der
Monarch thut. Nach dem Loos vergiebt es die Staatsämter, hält sie in Verantwortlichkeit, und bringt alle Berathschlagungen vor die Versammlung. Ich stimme also dahin, die Monarchie zu verwerfen
und das Volk zu erheben. Denn in dem Vielen ist das Ganze."
Vorzug der Oligarchie.
„Das war Otanes Meinung. Megabyzos aber rieth zur Oligarchie, und sprach: „Was Otanes geredet, um die Alleinherrschaft zu verdrängen, das sey auch von mir ausgesprochen. Wenn er aber vorschlug,
die Obergewalt aufs Volk zu bringen, so hat er die rechte Meinung verfehlt. Es gibt nichts unverständigeres, nichts zügelloseres, als einen Haufen unnützer Menschen. Und so ist es durchaus
verwerflich, daß Männer, die des Monarchen Uebermuth verabscheuen, dem Uebermuth eines unbändigen Pöbels zur Beute werden. Jener thut, was er thut, doch mit Urtheil. In diesem aber ist keine
Urtheilskraft; denn wie mag derjenige urtheilen, der nichts gelernt hat; der weder Schönes versteht, noch Häusliches; der die Geschäfte anpackt und ohne Ueberlegung fortdrängt, wie ein reißender
Strom? Mögen es die mit dem Pöbel halten, die Persien übel wollen. Einen Verein der Trefflichsten lasset uns auswählen, und diesen die Herrschaft übertragen. Und darunter werden auch wir seyn.
Von trefflichen Männern lassen sich auch treffliche Entschlüsse erwarten,"
Schluß.
Das war Megabyzos Meinung. Zum dritten nahm Darios das Wort, und sprach: „Was Megabyzos in Bezug auf das Volk geredet, darin scheint er mir Recht zu haben; aber in Bezug auf Oligarchie nicht
also. Denn liegen drei Dinge da, und sind sie alle drei vortrefflich, Pöbel vortrefflich, und Oligarchie, und Monarch, – so hat dieser bei weitem den Vorzug. Denn ist der eine Mann auch ein
trefflicher Mann, so gibt es kein höheres Gut. Von solcher Gesinnung beseelt, leitet er ohne Tadel den Pöbel, und die Beschlüsse wider den Feind bleiben so am besten verschwiegen. In der
Oligarchie hingegen, wo Viele ihre Trefflichkeit dem gemeinen Wesen widmen, entstehet gern heftiger Privathaß. Denn indem jeder obenan stehen will und seine Meinung behaupten, gerathen sie unter
einander in harte Feindschaft. Daraus werden Fakzionen, aus den Fakzionen Todschlag, vom Todschlag kömmt es dann zur Monarchie; woraus eben folgt, daß diese das beste ist. Wiederum, wenn das Volk
herrscht, so erzeugt sich nothwendig die Schlechtheit, und wenn Schlechtheit in die Staatsverwaltung dringt, so entsteht nicht Erbitterung unter den Schlechten, sondern festgeknüpfte
Freundschaften. Denn die den Staat verschlechtern, thun es im Komplott. Das währt denn so lange, bis einmal einer aus dem Volke aufsteht, und sie zur Ruhe bringt. Aber eben darum ist nun dieser
beim Volke beliebt; ist er beliebt, so ist er so gut wie Alleinregent, und so zeigt auch dieser, daß die Monarchie den Sieg davon trägt. Um aber mit einem Worte Alles zu sagen: Woher ist uns die
Freiheit geworden? und wer gab sie uns? das Volk? oder die Oligarchie? oder ein Monarch? Meine Meinung ist also, da wir durch einen Mann frei geworden, daß wir hierbei halten, und hiernächst die
wohlhergebrachten vaterländischen Einrichtungen nicht zerstören. Das wäre das beste."
F. P.
Sulzer. Ueber das deutsche Publikum, (S. 416.) „Mir kommt die deutsche Welt, die sich mit Werken des Geschmacks abgibt, wie eine Heerde Schaafe vor, die über Felder und Fluren ohne Führer
herumirrt, bis hier und da ein Dux gregis auf einmal, einer dahin, der andere dorthin läuft, da denn jedem ein Theil der Heerde, ohne zu wissen warum, nachläuft und da stille steht, wo er selbst
aufhört zu laufen. –
Derselbe, Ueber deutsche Studenten- und Professororakel. (S. 361.) Wenn es in Deutschland ein lesendes Publikum gibt, daß nicht aus gelehrten Professionsverwandten besteht: so muß ich meine
Unerfahrenheit gestehen, daß ich dieses Publikum nicht kenne, Ich sehe nur Studenten, Kandidaten, hier und da einen Professor und Prediger – So lange aber die Bücher {240}
bloß in den Händen der Professoren, Studenten und Journalschreiber sind, dünkt es mich kaum der Mühe werth, für das jetzige Geschlecht etwas zu schreiben."
Dichteranekdote. Im Jahr 1748 schickte Gleim eine Parthie Vögel, aus Halberstadt nach Berlin. Sie wurden von Maler Hempel, Sulzer, Ramler u. s. w. auf das Wohl des braven Halberstädters, in zwei
Mahlzeiten aufgezehrt. Alles dieses geschah in Sulzers Hause, aus dem Ramler dazumal schon weggezogen war. Beim Nachhausegehn verspätetete sich Ramler so, daß er nicht in sein Haus konnte, und
als er wieder zurückkehrte, auch das Sulzerische bereits verschlossen fand. Dieß machte den guten Odendichter ungeduldig. Er bestürmte daher Sulzers Fenster, der eben im ersten tiefsten Schlafe
lag, mit Steinen. Dessen Schrecken war um so größer, da er glauben mußte, daß es brennte, und daß die Flamme – denn es war heller Mondschein – bereits an sein Fenster prasselte. Endlich kam er
und machte Ramlern die Thür auf. Zur Strafe aber mußte dieser die Nacht schlaflos in seinem Hause zubringen. Bei dieser Gelegenheit hat der Schweizer Maler Hempel sehr glücklich seinen Witz
spielen lassen. (Siehe 1. Br. S. 101.) Wenn Sulzer nicht an seiner Theorie schrieb: so saß er im Moabiterlande und strickte Fischnetze, oder fütterte Hühner.
Miscellen.
Ramler. Einige Charakterzüge desselben, als Dichter und Künstler. Einst, wie Sulzer erzählt (Br. 1. S. 31.) hatte Ramler Ferien. Er sagte zu seinen Freunden, er wolle diese recht gut anwenden,
und einmal was recht Großes unternehmen. Das that er denn auch, und übersetzte in fünf Wochen – die vier ersten Verse aus Thomson. Anderswo, nämlich S. 283. heißt es: „Ramler wird immer
unwirksamer, und noch über alle die raffinirten Subtilitäten der Kritik, den wahren Geschmack verlieren, wo er nicht schon jetzt etwas davon verloren hat. Sie wissen, daß wir alle Donnerstag
zusammen kommen. Er ist immer der, der am wenigsten an der Unterredung Antheil nimmt. Man sollte den Maler Hempel für einen philosophischen Dichter, und den Dichter Ramler für einen mechanischen
Maler halten, wenn man sie beide in Gesellschaft sieht." Nach und nach wurden Sulzers und Ramlers Verhältnisse, der Verschiedenheit des Geschmacks wegen, immer gespannter. „Ich habe, schreibt der
Erste (S. 181.) an Bodmer, Ramlern noch nichts vom Noah gesagt, und er frägt auch nicht darnach. Es ist mir nicht mehr möglich, von solchen Sachen zu sprechen, und er ist so höflich, oder so
furchtsam, daß er niemalen davon anfängt. Hingegen erhohlt er sich hernach an meiner Frau, wenn ich nicht zu Hause bin, und sagt ihr allerlei Verächtliches von den deutschen Dichtern." – „Ich
habe es (S. 191.) bei Ramlern und seinen Freunden so weit gebracht, daß ich nur etwas rühmen darf, um ihnen einen Ekel dafür zu erwecken. Es sind drei Wochen, seitdem ich ihnen von Wielands
Erzählungen gesprochen, und noch hat keiner das Herz gehabt, sie zu lesen, oder zu fordern, daß ich sie ihm weisen soll.“ – Zu diesen Freunden Ramlers gehörte Lessing, Nicolai, Mendelsohn.
Von Nicolai fällt Sulzer (S. 300.) folgendes Urtheil: „Nicolai, der jüngere von den Buchhändlern, scheint mir mehr Passion oder doch Humor, als Grundsätze zu haben, und spricht oft in dem Ton
eines Meisters von Dingen, die er gar nicht versteht." – „Mendelsohn S. 255. dieser ebräische Jüngling, den ich seit Kurzem kennen gelernt, ist ein starkdenkender Kopf, und soll mir Ramlern, den
ich sehr selten sehe, zehnfach ersetzen." Und S. 349. „Der Jude, Lessings Freund, heißt Moses, ein seltenes Genie, der aber mit andern Leuten, als Lessing und Nicolai umgehen sollte." Der
Berlinismus regte sich zuweilen in Sulzer sichtbarlich. So z. B. sagt er S. 286. „Ich hätte große Lust den Ton der Superiorität über die andern Deutschen anzunehmen, der dem nicht unähnlich wäre,
den die Franzosen über Andere annehmen. Dazu nun haben wir solche Männer, wie Lessing, nöthig" u. s. w. Ramler hatte ein komisches Heldengedicht unter dem Titel: „Das Schachspiel"
verfertigt. Sulzer war davon im Ganzen wohl zufrieden; nur das gefiel ihm nicht, daß er die Puppen redend eingeführt, überhaupt auf eine solche Kleinigkeit einen so ungeheuern Fleiß der
Ausführung verwandt.
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Simon Dach, aus Preußen gebürtig, lebte zu Königsberg. Von ihm sind die beiden herrlichen Kirchenlieder in unsern alten Gesangbüchern:
„O wie selig seyd ihr doch, ihr Frommen,
Die ihr durch den Tod zu Gott seyd kommen!"
und
„Ich bin ja Herr in deiner Macht,
Du hast mich an das Licht gebracht." u. s. w.
das er dichtete, als sein Herzensfreund Roberthir, durch den Tod von seiner Seite gerissen wurde, und das nun schon seit ein paar Jahrhunderten, mit Orgelgewalt und wie ein zitternder Tremulant
in das Herz der Christen schallt. Simon Dach stand bei Hof so in Gnaden, daß, als er einst den großen Churfürsten von Brandenburg um etwas Acker bat, dieser ihm das Gut Curheim schenkte.
Sein schönes Lied Annchen Tharau, im niederdeutschen Dialekt, entstand, als ihm ein Anderer seine Braut, eine Pfarrerstochter von Tharau, wegheirathen wollte. Hier einige Strophen daraus:
„Annchen von Tharau ist, die mir gefällt,
Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld!
Würdest du gleich einmal von mir getrennt,
Lebtest du, wo man die Sonne nicht kennt:
Ich will dir folgen, durch Wälder, durch Meer,
Durch Eis, durch Eisen, durch feindliches Heer." u. s. w.
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