MUSENALMANACH
für
das Jahr 1797.
Herausgegeben
von JOHANN HEINRICH VOSS.
HAMBURG,
bei Carl Ernst Bohn.
{54}
DER ARME THOMS.
I.
Einst war ich so fröhlich, und kannte nicht Kummer;
Nun kenn' ich nicht Ruhe, noch nächtlichen Schlummer.
Mein Ohr ist verschlossen, das Auge mir naß;
Es ahndet die Seele so düster und graß.
In Thal und Gebirgen, am Bach und im Haine,
Da irr' ich und flehe, da sinn' ich und weine!
Die schluchzende Welle begleitet mein Ach;
Mitleidiges Bächlein, ich wanke dir nach!
Was schweigt ihr so traurig, ihr blumigen Auen?
Ihr Wälder, was rauscht ihr so heimliches Grauen?
Was schwebst du so trübe durch Wolken, o Mond?
Ach fühlst du, daß Jammer im Herzen mir wohnt? {55}
Jahrtausende rollen; du steigest und sinkest!
Du hüllst dich in Schatten, enthüllst dich und blinkest!
Thoms aber, dem nimmer die Sonne mehr lacht,
Versinket, versinket in ewige Nacht!
II.
Thoms saß am hallenden See;
Ihm that es im Herzen so weh.
Es klagten der Nachtigall Töne:
Helene!
Helene!
Wehklagte der Nachhall am See.
Thoms saß am hallenden See;
Ihm that es im Herzen so weh!
Er seufzt' in der Winde Gestöhne:
Helene!
Helene!
Antworteten Winde vom See. {56}
Thoms saß am hallenden See;
O wehe mir, rief er, o weh!
Versiegt ist die brennende Thräne,
Helene!
Helene!
Rief dumpf aus der Tiefe der See.
Ich folg', o hallender See!
O kühle das brennende Weh!
Dann lache des Todten, und höhne,
Helene!
Helene!
Rief leise verhallend der See.
Wer wankt am wogenden See,
Und seufzet: o weh mir, o weh!
Wen suchest du, einsame Schöne?
Helene!
Helene!
Ach, such' ihn im wogenden See!
FALK
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