AMPHITRUON

LUSTSPIEL
IN FÜNF AUFZÜGEN

VON
J. D. FALK.

ZWEITE ABTHEILUNG.

HALLE,
IN DER RUFFSCHEN VERLAGSHANDLUNG.
1804.

PERSONEN.

JUPITER, in Gestalt des Amphitruon,
MERKUR, in Gestalt des Sosia.
AMPHITRUON, Feldherr in Theben.
ALKMENE, seine Gemahlin.
AMYNTICHUS, ihr Kind.
ELECTRYON, Alkmenens Vater.
SOSIA, Amphitruons Sklav.
ANDRIA, sein Weib.
DAMOKLEIA, Schaffnerin im Hause,
DORISKUS, Oberkoch,
LICHT UND SCHATTEN, zwei Parasiten.
THRASO, ein Soldat.
BYBACHIDES, ein Bader.

MELANTHES, ein Oberhirt.
EIN PAAP FISCHER.
NOCH EIN PAAR FISCHER.
VOLK. – WEIBER. – KINDER. – MEISTER IN ERZ. – MEISTER DES BEILS. – SCHNEIDER. – FÄRBER. – TÖPFER. – HIRTEN. – KÖCHE UND SKLAVEN.

Die Szene spielt in Theben, abwechselnd vor und in dem Hause des Amphitruon. {1}


AMPHITRUON.
ZWEITE ABTHEILUNG. {3}

VIERTER AUFZUG. {5}

VIERTER AUFZUG.

ERSTER AUFTRITT.
Das Innere des Hauses.

AMPHITRUON I. und ALKMENE, an einer Tafel. Vor ihnen aufwartende Diener und DAMODOKLES mit seiner Leier.

AMPHITRUON I.
Vollbracht ist glücklich und er wünscht des Opfers Feier:
Damodokles, du, rühre nun die Leier! {6}

DAMODOKLES.
Vergönnet mir, daß ich mit froher Weise
Zuerst den Schutzgott dieses Hauses preise!

AMPHITRUON I.
So sing', und singe so begeisternd schön,
Als wär' er selbst bei Tafel gegenwärtig!

ALKMENE.
Ich hörte stets, er sey den Guten nah.

AMPHITRUON I.
Dir ist er näher, wie du glaubst, Alkmene! {7}

ALKMENE.
Oft wünscht ich schon, in frommer Kindlichkeit,
Den letzten Saum von seinem Kleid
Nur, mein Amphitruon, zu fassen!

AMPHITRUON I.
Lebend'ges Wirken ist der Gottheit Kleid;
Natur der Saum, woran du sie mußt fassen! –
Sieh, was im Kiesel funkt; – im Abendstrahl; –
Was grün im Schatten quellt; – im Moose lichtet; –
Was singt im Vogel; – anschießt im Krystall; –
Was sich ein Kleid aus Sonnenstrahlen dichtet; – {8}

Was in Hesper'scher Früchte goldnem Ball; –
Was in's Geheimniß tief des Lebens flüchtet; –
Was still in Blumen sich entwirkt; – im Kinde
Neun Monat reift für Lebenslabyrinthe: –
Und nicht nur dies – im Früh-und Abendroth; –
In Auf- und Niedergeh'n; – in Feld und Heiden; –
In Lichtes Wiederkommen; – Sonn' und Tod;
In Land und Meer; zweilebig zwischen beiden; –
Was, auf Natur ihr stilles Machtgebot,
In Vogel, Pflanz' und Thier, sich will verkleiden: – {9}

Auch in dir – um dich – bei dir, ist der Gott!
In Licht – in Schall und Luft – im Meer der Töne,
Vernimmst du ihn, und hörst du ihn, Alkmene!

ALKMENE.
Ja, du verkündigest mir seine Gegenwart;
Denn so begeisternd schön ertönte nie
Noch deine Lippe, mein Geliebter, mir!

AMPHITRUON I.
(ihre Hand fassend.)
Wohlan – so gieb ihm ganz, dem süßen Wahn, Gehör, {10}

Und denk', Alkmene, auch dies Bild von mir,
Das sich in deinem Aug' hier widerspiegelt –
Sey Jupiter –

ALKMENE.
Halt ein, Amphitruon!
Vermessen spielt dein Sinn mit hohen Worten;
Wir brechen lieber davon ab! –
(zu dem Sänger.)
Das Lied,
Das Lied, Damodokles, das du versprochen! –
Du zögerst lange – sing' es in die Leier.

DAMODOKLES,
Sogleich! {11}

(singt.)
Sieh, der Regen ertroff – aber die süßlächelnde Danaë
Saß im ehernen Thurm; horchte der sanft träufelnden Tropfen Fall:
Sieh, der Regen ertroff – über die Dachrinne geschlichen kam
Zeus, in Regengestalt, nieder das Dach, über den Hof, wo ihn
Leis' anathmend der West wehete. – Süßlächelnde Danaë,
Du empfingst in den Schoos, niedergeströmt, Zeus, den Gewaltigen!

ALKMENE.
Genug, Damodokles! – Ein andres Lied!
Nichts mehr von dieser Tonweis'! {12}

DAMODOKLES.
Ich gehorche.

AMPHITRUON I.
Wie? so verschmäh'st du sie?

ALKMENE.
Ich haß' die Leier,
Die wiederklingt von schnöder Weichlichkeit!
(zu Damodokles.)
Worin der Gott uns andern Menschen gleicht,
Davon ist uns zur Gnüge längst bekannt;
Du aber, weiser Sänger, lehre uns,
Wie Menschliches zum Göttlichen erhöht wird. {13}

AMPHITRUONI.
Fest steht doch dein Vertraun zu Jupiter,
Und fragst nicht, ob er es verdient, Alkmene?

ALKMENE.
Was er wohl nicht verdient, ist diese Frage!
Denn ist mir heut' durch ihn nicht der Gemahl genah't!

AMPHITRUONI.
So glaubst du freilich; aber wie? wenn dennoch
Du dich in ihm geirrt; wenn er viel mehr
Es wär', der den Gemahl von dir entfernte? – {14}

ALKMENE.
Nimmermehr!
O, mein Amphitruon, schon wiederum ein Zweifel?
So laß mir doch den kindlich schönen Glauben
An seine Lieb', an seine Göttermacht!

AMPHITRUON I.
Daß Er dich liebt, ist wohl nur zu gewiß!

ALKMENE,
Dich, mich, Amyntichus – uns alle, liebt er!

AMPHITRUON I.
Was hast du dessen für Beweise? {15}

ALKMENE.
Heute,
Als ich an seines Altars Stufen kniete –

AMPHITRUON I.
Du nanntest, hört' ich, häufig meinen Namen;
Alkmene, darf ich dein Anliegen wissen?

ALKMENE.
Die still bescheiden eines Gottes Ohr
Vertraute Bitte flieht selbst eines Gatten Nähe;
Doch – wenn du in mich dringst: so höre dann! –
Ich bat von ihm: o, Vater Jupiter, {16}

Der du die weiten Höhen des Olymps durchherrschest,
Den nie der grauen Jahre Lauf erreicht,
Indeß ein Tag den Sterblichen nur angehört:
Gieb mir – zufrieden mit Amphitruon
Zu wohnen hier, in Thebens kleinem Hause,
Das hinten aus nach Dirce's Brunnen sieht! –
Ich bat noch mehr – vergieb mir! – Mit Erröthen
Gesteh' ich dir es, mein Gemahl ich habe
Dir stille Schuld und Unrecht abzubitten;
Auch siehst du, wie sie mir die Augen niederdrückt! {17}

17.
AMPHITRUON I.
(ihre Hand fassend.)
Und was für Unrecht?

ALKMENE.
Ein Verdacht auf deine Treue,
Wozu mich dieser Sosia bewog;
Denn seine Reden machten mich so sorglich!

AMPHITRUON I.
Auf meine Treu'?

ALKMENE.
Ich bat – o sieh, ich könnte
Mir gram um dieser Bitte wegen seyn;
Denn, kannt' ich dich nicht, mein Amphitruon? {18}

Und deine Seele, rein und unbefangen,
Und offen, wie sie ist: – wie wäre sie
Wohl des geringsten Trug's und Argwohns fähig;
Und dennoch bat ich so von Jupiter –
Denn ich befürchtete, daß Trennung mir
Von dir nun, mein Amphitruon, bevorständ':
O, Vater Jupiter, hab' ich in stiller Andacht,
Je am Altar dir Kerzen angezündet,
Vor allen Himmlischen dir mein Vertrau'n geschenkt:
So woll' auch heut' nicht dies Vertrauen täuschen; {19}

Und gieb nicht zu, daß eine fremde Liebe
Den schönen Bund uns stören möge, der
Amphitruon, mich und dies Kind vereinigt!

AMPHITRUON I.
Und gab der Gott dir ein Gewährungszeichen,
Daß keinem Dritten dies gelingen würde,
Und wär er's selbst auch?

ALKMENE.
Ja! denn als ich noch
So betete – da, war es mir, als ob
Sein Haupt in Weihrauchwolken feurig schwankte; {20}

Als nickten mir ambrosisch seine Locken
Ein majestätisch gnädig Ja – und tief
In meinem Herzen rief's: er hat's erhört!

AMPHITRUON I.
(der indeß plötzlich aufgestanden und einige Schritte vorwärts getreten ist.)
Er hat's! –
(zu Damodokles, der seine Leier auf's Neue stimmt.)
Ein ander Mal, Damodokles, jetzt geh!
(Damodokles ab.)

AMPHITRUON I.
(in sich.)
Was giebt's hier zu bedenken, Jupiter? {21}

Dem Gastfreund? – Du? – Ein Schutzgott dieses Hauses? –
Du – könntest wolltest – Nimmer – nimmermehr!
Wo lebt ein solches Weib noch, wie Alkmene?
Und die? – Es ist bedacht, beschlossen – fort!
Vergangen sei dies Blendwerk! Tag soll seyn!'
(Der Morgen bricht an.) {22}

ZWEITER AUFTRITT.

DAMOKLELA, die Schaffnerin, die mit einer Leuchte in den Saal tritt.

DAMOKLEIA.
Verzeiht, wenn ich Euch unterbrech'! Ihr habt
Damodokles, den Sänger, fortgeschickt:
So hielt ich dieses für des Aufbruchs Zeichen.
Das Lager ist bereit – folgt meiner Leuchte! –
Kommt!

AMPHITRUON I.
Damokleia, habe deiner Dienste Dank; {23}

Doch sey für dies Mal ihrer überhoben;
Denn schwerlich möchte dir Amphitruon sie danken!

DAMOKLEIA.
Wie?

AMPHITRUON I.
Fragt nicht, forscht nicht weiter! Ich muß fort!

DAMOKLEIA.
Die Schwalbe zwitschert am Gebälk; der Tag bricht an;
Schon liegt auf jenem Berg ein grauer Schimmer;
So bleibt doch, lieber Herr, bleibt bei uns, bis es Tag wird, {24}

Bis vollends Nacht und Nebel ganz zerfließen!
Es ist die Nacht ja keines Menschen Freund!

ALKMENE.
(die ihm indeß mit Bekümmerniß näher getreten ist.)
Was hast du, mein geliebtester Gemahl,
Was so dein Innerstes bewegt, für ein Geheimniß? –

AMPHITRUON I.
Du sprichst mit diesem Wort es aus, Alkmene;
Du giebst mit ihm mir mehr, als mir gebührt! {25}

ALKMENE.
Wie? Kaum gekommen, willst du mich verlassen?

AMPHITRUON I.
Denk, daß nicht weniger mir diese Trennung kostet,
Als dir –

ALKMENE.
Und dennoch?

AMPHITRUON I.
Dennoch!

ALKMENE,
(indem sie seine Hand aus der ihrigen läßt.)
Nun, so geh'!
So geh', hartherziger, und rauher Mann! {26}

AMPHITRUON I.
Nicht so, Alkmene, nein, nicht ohne Abschied!

ALKMENE.
(mit von ihm abgewendetem Gesicht.)
Geh nur, du hast Alkmenen nie geliebt! –

AMPHITRUONI.
Bei unsrer Lieb' beschwör ich dich, Alkmene,
O, wende mir dein holdes Antlitz zu!
Gieb dem Gescholtenen ein freundlich Wort! –
Du redest nicht? du schweigst noch immerfort?
Zu hart ist dies Verstummen! – Nun wohlan, {27}

So geh' ich dann, weil du's so will'st – leb' wohl;
Doch nehm' ich mit von hier die Ueberzeugung,
Alkmene: zeigt' ich mich in meiner wahren
Gestalt, du würdest so – nein, so mich nicht entlassen!
(ab.)

ALKMENE.
(die sich plötzlich nach ihm umwendet:)
Was ist's, was dich davon zurückhält? – Er ist fort!
O, seltsam, seltsam unerhörtes Räthsel!
Ich will ihm nach; ja, diesen Augenblick;
Er kann, er darf mir die Erklärung nicht verweigern! {28}

Er ist sie meiner Treu' und Liebe schuldig!
Gieb schleunig, Damokleia, mir den Schleier!
Ha, wenn er etwa gar nur nicht schon fort ist!

DAMOKLEIA.
(die ihr den Schleier überwirft.)
So steh' doch, Kind, bis ich ihn dir befestige!
(ihr nach.) {29}

DRITTER AUFTRITT.
Platz vor dem Garten.

AMPHITRUON II.
(auf- und abgehend)
Da spiel ich nun auf's Neu' die Narrenrolle,
Zum zweiten Mal geäfft von einem Sklaven!
Und harr’ und harr'! – Verdammt die Narrentheidung!
Das hast du heut' mir nicht umsonst gethan!
Da helf' ich über'n Zaun mit der Laterne
Ihm über, und nun – wer nicht kommt, ist Er!
Doch still! – Das Pförtchen knarrt – das wird er seyn! {30}

35
Nein – abermal getäuscht! Er ist es nicht!
Ein Mann und eine weibliche Gestalt,
Mit einem weißen Schleier, die sich nähern!
Was wollen die so spät in meinem Haus'?
Ihr Weggehn, da ich komm', erregt Verdacht:
Ich will ein wenig doch, mit eingezogener
Laterne, hier im Busche sie erwarten!
(tritt zurück.) {31}

VIERTER AUFTRITT.

AMPHITRUON I. ALKMENE.
(beide aus dem Gartenpförtchen hervortretend.)

ALKMENE.
So läßt du denn durch nichts zu bleiben dich erbitten? –

AMPHITRUON I.
Alkmene, denk nur dran, was ich dir vorhin sagte!

AMPHITRUON II.
(seitwärts.)
Alkmen'? – Es kann nicht seyn! schweig, niedriger Verdacht! {32}

ALKMENE.
Wohl seh' ich, nicht verschwiegst du mir vorhin die Wahrheit!

AMPHITRUON II.
(seitwärts.)
Und dennoch – Stimme, wie Gestalt, ist ihre!

ALKMENE.
Streng' ist und rauh dem Weibe der Gemahl!

AMPHITRUON II.
(seitwärts.)
Sie ist's, ihr Götter! Wo verberg' ich meine Schande!

AMPHITRUON I.
Wenn dein Gedächtniß dies so treu dir aufbewahrte: {33}

Vergiß auch nicht, was ich hinzugefügt:
„Doch dem Geliebten, wie ein frei Geschenk,
Erscheint die Liebe, wie des Lichtes Gabe,
Und wie der freivergönnte Glanz der Sterne;
Der bin ich dir, der will ich stets dir seyn!"

AMPHITRUON II.
(seitwärts.)
Er ihr Geliebter? Treulos, falsches Weib!
Mit einem Sklaven so in Einverständniß
Schlingst du um einen fremden Mann den Arm? {34}

Ha, nun begreif' ich ganz dich, Sosia!
All’ deine List und Ausflücht! – Unerhört!
Doch was verzögr' ich länger meine Rache?
Vor ihren Augen soll ihn dies mein Schwert durchbohren!

AMPHITRUON I.
Ich höre Leute – flieh' in's Haus, Alkmene!

AMPHITRUON II.
Ihm nach zuerst, dem treulos argen Buhlen;
Sie ist im Hause meines Zorns gewiß! {35}

FÜNFTER AUFTRITT.

SOSIA I., der aus dem Gartenpförtchen geschlichen kömmt, und sich überall vorsichtig umsieht.

SOSIA I.
Ja, such nur, such! Du wirst ihn nirgends finden;
Doch mag ich auch im Haus, im ersten Anlauf,
Nun der nicht seyn, der seinem Zorn begegnet!
Das überlaß' ich lieber meinem zweiten Abbild,
Dem Sosia, der spielt wohl diese Rolle besser;
Als Sklav‘ ist der der Prügel mehr gewohnt! {36}

Ich denk‘ – er wird nicht lange mehr zu kommen zögern;
Denn aus dem Asopus ist er; durch meine
Veranstaltung, längst wieder aufgefischt!
(ab.)

SECHSTER AUFTRITT.

AMPHITRUON II.
(der mit langsamem Schritte, und wie in tiefem Nachdenken, von der entgegengesetzten Seite wieder auftritt.)

O, seltsam, seltsam! Spottet Traumgesicht
Auf Traumgesicht denn heute meiner? – Unbegreiflich! {37}

Ich wollt ihm nach – ich lief in raschem Lauf –
Und da ich nah ihm war – ihn schon erreichte:
Da sah ich plötzlich ihn im Busch verdämmern;
Und durch die Nacht erglänzt' ein weißer Lichtstreif, –
Am End' ist alles nur ein Traum, was von Alkmenen
Ich hier und einem fremden Mann geträumt!
Ein Traum? – Nein, nein! vernahm mein Ohr nicht deutlich Worte?
Pries er sich, ihr Geliebter nicht zu seyn?
Schalt sie die Neigung zum Gemahl nicht Zwang? {38}

Seh' ich nicht hier im feuchten Gras noch Spuren;
Fußtapfen zwei – und wieder zwei vereint, –
Die sich bei der Laterne Schein durchkreuzen? –
Hier standen sie einander mehr genähert; –
Hier hielten sie einander fest im Arm; –
Und hier – ihr Götter! ist Alkmenens Schleier,
Den ich ihr aus dem Lager zugeschickt! –
Nun keinen Aufschub länger meiner Rache!
Mit diesem Schleier in der Hand – Wohin? –
Wohin so stürmisch wild, Amphitruon? {39}

Schon ein Mal reu'te heut' dich dein Entschluß:
Laß Zorn zum zweiten Mal nicht deiner Meister werden! –
Selbst der gefundne Schleier, was beweist er?
Konnť ihn nicht Sosia im Busch verlieren?
Konnt’ er's nicht seyn, der mir vorhin in's Auge fiel,
Und meinen Argwohn hier mit zwei Gestalten täuschte?
So konnt es seyn, und ist gewiß so! – Ja,
Eh'r will ich meine Augen zwei Mal Lügen strafen,
Als daß ich ein Mal schuldig dich erkenne,
Geliebteste Alkmene! – Nein, nur klar {40}

Durch dein Geständniß selbst erwies'ne Schuld
Kann mich bewegen, also durch Verdacht
Unwürdig, tief dich zu erniedrigen,
Du edl' und sittigste der Griechen Frau'n!
(mit dem Schleier in's Haus.) {41}

SIEBENTER AUFTRITT.
Das Innere des Hauses.

ALKMENE, mit aufgestütztenem Arme an einem Tisch sitzend. Vor ihr stehend die alte Schaffnerin, DAMOKLEIA.

ALKMENE.
Es kann nicht seyn! Du sagst, er kehre wieder!

DAMOKLEIA.
(auf Amphitruon II. deutend, der eben in die Thür tritt.)
Sieh selbst!

ALKMENE.
Was bringt mir dieser Wechsel von Gesinnung? {42}

AMPHITRUON II.
(auf sie zu.)
Sey mir gegrüßt, geliebteste Alkmene!

ALKMENE.
(für sich.)
Ich muß mit Kaltsinn ihn, wie er's verdient, empfangen!
(indem sie sich nachlässig nach ihm umblickt.)
Sieh da, Amphitruon! Bist du schon wiederum zurück!

AMPHITRUON II.
(betroffen.)
Schon wiederum? War ich dir denn nicht lang genug entfernt? {43}

ALKMENE
(leicht.)
Mir schien es nur ein Augenblick zu seyn.

AMPHITRUON II.
(für sich.)
Vier Jahr – ein Augenblick! Welch ein Empfang!
O, hierdurch wird mein Argwohn sehr bestätigt!
(laut.)
Wohl seh' ich es, daß dir mein Gehn und Kommen
Gleichgültig hier im Haus ist, da du weder
Mit Kuß, noch liebender Umarmung, mir
Entgegen kömmst, so wie du sonst wohl pflegtest! {44}

ALKMENE
Da dir so leicht vorhin der Abschied ward:
Schien mir es besser, dir nichts auf zudringen!

AMPHITRUON II.
So leicht? – Vorhin? – Vier Jahr – vorhin? – Der Abschied? –
Sehr seltsam find' ich diese Zeitbestimmung!

ALKMENE.
(empfindlich.)
So seltsam fast, wie deine Wiederkunft!

AMPHITRUON: II.
(für sich.)
Ich bin gereizt, und Zorn thut hier nicht gut! {45}

Ich muß mich fassen! - Sanfter drum!
(laut.) Alkmene,
Vergieb mir eine Frag'!

ALKMENE,
Ich habe dir
So viel schon zu vergeben – eine Frage
Geht wohl noch obendrein – nur zu darum!

AMPHITRUON II.
Ich mögte wissen: warst du heute schon im Garten?

ALKMENE.
Und auch mit dieser Frag' ist es dein Ernst?
Dein völl’ger Ernst? Amphitruon, ist's möglich? {46}

– Allein was frag' ich noch, dir ist ja alles möglich!

AMPHITRUON II.
Ich wiederhole, sie: warst du im Garten?

ALKMENE.
(für sich.)
Er wird mir jeden Augenblick mehr unerträglich!

AMPHITRUON II.
Und warst du dort – verlorst du diesen Schleier?

ALKMENE.
(ohne hinzusehn.)
Ich weiß nicht – es kann seyn – ich glaube – ja! – {47}

AMPHITRUON II.
Sag nein, ich bitte dich, sag nein Alkmene!

ALKMENE.
Ich bin erstaunt! Was ist dir?

AMPHITRUON II.
Nein, es ist nicht möglich!
Zu grenzenlos ist des Vergehens Maaß,
Das selbet den Schein verschmäht, der Schande Schleier;
Denn Schein gerettet zeigt, daß doch die Schaam zurückblieb,
Und eingestandnes Unrecht ist nur ärger! –
Ist dies dein Fall – noch ein Mal, nein, Alkmene –
Nein, darauf war ich nicht mit dir gefaßt! {48}

ALKMENE.
Worauf gefaßt du seyn magst, oder nicht – das gilt mir gleich!
Genug, ich bin des Spiel's hier überdrüssig!

AMPHITRUON II.
Bleib! wohin willst du?

ALKMENE.
Einen Gang zum Garten machen,
Bis dir ein Gott auf's Neu hier dein Besinnen schenkt!

AMPHITRUON II.
Bleib, bleib! Ich hab' ein Recht, dir Antwort abzufordern!

ALKMENE.
Wie ich ein Recht, dir Antwort zu verweigern, {49}

Wo roher Trotz sie abzudringen meint!

AMPHITRUON II.
Warst du im Garten?

ALKMENE,
(nach einer Pause.)
Ja!

AMPHITRUON II.
Wann?

ALKMENE,
Heute Morgen!

AMPHITRUON II.
Mit einem fremden Mann? {50}

ALKMENE.
Wenn ihm beliebt,
Mir selber fremd zu seyn – ich habe nichts dawider!

AMPHITRUON II.
Und diesen Schleier hier verlorst du dort?

ALKMENE.
Davon ist der Beweis in deiner Hand!

AMPHITRUON II.
Nun, Damokleia, hörst du dies ihr offnes Eingeständniß?

DAMOKLEIA.
Wohl hör' ich mehr, als meinen Ohren lieb ist, {51}

Du harter, rauher Mann, wie scheltend du
Dein treu sittsames Weib so hart beschuldigst:
Nein, länger trag' ich's nicht, und längst entbrennt
Ob solchem ungerechten Vorwurf mir die Leber!

AMPHITRUON II.
(drohend.)
Schweig!

DAMOKLEIA.
Nein, du kannst, du darfst das Wort mir nicht versagen,
Der alten, vielerprobten Dienerin!
Daß du auch dieses weißt, Dorierinnen,
Peloponnesischen Geschlechtes sind {52}

Wir Beid‘! Ich ward mit ihr in Einem Haus' erzogen;
Und da die Füße noch ihr lieben Dienst versagten,
Trug ich sie schon als Kind auf meinem Arm;
Nicht blieb ihr Zucht und Frauensitte fremd,
Schied gleich die Mutter ihr zum Hades früh;
Denn stets ermahnend stand ich ihr zur Seite,
Und zog sie auf in jeder Frauentugend!
So unter Hellas schönen Töchtern wuchs
Die schönste zu dem Reigen sie heran;
Bis du erschienest, und mit argen Schmeichelworten {53}

Sie mir und meiner stillen Pfleg' entlocktest!
Fürwahr, nichts Unerträglicher's doch, als ein Mann,
Der schmeichelnd erst uns manches Gut verheißt,
Und hinterher ein armes Weib mit Argwohn quält!
(zu Alkmenen gewendet.)
Was weinst du, holdes Kind? – Verdirb dir nicht
Der Augen süßes Licht durch Weinen! – Lebt
Dir doch Electryon, der Vater, noch!
Zu diesem will ich – dieser wird die Schmach,
Der Tochter zugefügt in dir, zu rächen wissen! {54}

AMPHITRUON II.
Bleib! Bleib! Ich such’ ihn selber auf! Ihr hofft
Umsonst Beschönigung für euern Fehltritt
Von ihm, dem alten redlichen Thebaner!
(im Abgehen zu Alkmenen.).
Uns, denk ich, ist bereits die Trennung schon gewiß!
(ab.) {55}

ACHTER AUFTRITT.

DAMOKLEIA.,
Nun ist das Unglück dir in’s' Haus gekehrt,
Und sitzt, dir Unheil bringend, an der Schwelle!

ALKMENE.
Vergiß nur nicht, o gute Damokleia,
Daß auch das Glück einst diese Thür besuchte,
Und seine Kränz' an ihre Pfosten hing!

DAMOKLEIA.
Vergiß nur du es nicht in deinem Leid! {56}

ALKMENE.
Sey unbesorgt! Es war ein Augenblick,
Der vorhin mich gewaltsam überraschte:
Er ist vorbei – und ich bin wieder munter!
 – So ist das Loos des Menschen ausgetheilt:
Er soll nicht mit den flücht'gen Tagen rechten,
Noch mit der schnell entflieh'nden Stunden Maaß,
Was sie ihm Gutes oder Böses bringen!
Einst war ich glücklich und ich bin zufrieden!
Ist dir ein einz'ger, schöner Sommertag
Erschienen; sahest du die Sterne ab und auf, {57}

Und Mond und Sonne auf und nieder ziehn,
In ruhigem und stillverklärtem Glanz,
Und hörtest du der Vöglein Lied im Wald,
Und das Gebraus' der Meeresflut am Ufer;
Und legtest dann, nach einem solchen Tag
Zufrieden, auf den Abend dich zum Schlaf –
Und schliefst – und schliefst – und wachtest nimmer wieder; –
Doch hättest du gelebt – und dehnte sich
Der Raum von deinen Tagen zu der Zahl
Von tausend auch, und aber tausend Jahren aus, {58}

Bis in der grausten Zukunft Schooß hinein:
Nichts Schöner's würdest du auf Erden sehn!
Wie, wenn im Frühling sich Gesproß erneut,
Erklingt die Weise schön gewohnter Zeit:
So weben und weben ihr Werk die alten Schicksalsschwestern;
Es tönen die Vöglein ihr Lied im Laube, so heut, wie gestern;
Es wechseln und wechseln immerdar
Die Monde, die Wochen, die Tage, das Jahr;
Es scheinen die Sterne, es regnet, es schnei't
Nach tausend Jahren, eben so wie heut; {59}

Denn immerfort, am himmlischen Gewölbe,
Wie drunten, kehrt in der Natur dasselbe!
Komm, gute Damokleia, komm und laß
Amyntichus uns suchen! denn in dieser Stunde
Ist tröstend lindernd seine Gegenwart,
So wie die deinige, mir unentbehrlich!
(im Abgehen.)
Amyntichus, wo bist du, holdes Kind? {60}

NEUNTER AUFTRITT.
Platz vor dem Hause.

AMPHITRUON I.
Merkur! – Auch unsichtbar vernimmst du meine Stimme,
Und bleibst, entfernt, wie in der Gegenwart,
Mein Bote noch!

SOSIA I.
(erscheint.)
So eben gieng Amphitruon;
Er schien zum Besten nicht gestimmt und aufgeräumt!

AMPHITRUON I.
Wir sind Ersatz ihm schuldig!

SOSIA I.
Und wofür? {61}

AMPHITRUON I.
Für all’ die Unruh', die wir ihm verursacht!

SOSIA I.
Das geht mit drein!

AMPHITRUON I.
Nicht so, Merkur!

SOSIA I.
Nun gut;
Und wenn's durchaus denn ein Geschenk seyn soll:
Du weißt, er wünscht schon lang' ein kleines Landgut!

AMPHITRUON I.
Nichts weiß ich – aber du weißt längst, Merkur: {62}

Daß mich dergleichen Wünsche nichts mehr kümmern!

SOSIA I.
Ja – je zuweilen sind sie etwas ungereimt!

AMPHITRUON I.
So thörigt, sprich – daß, wo man Einem hilft,
Man Hunderten, und wider eignen Willen, schadet!
Hier ruft in einer Segeltuchfabrik
Ein Meister aus: „wie thu' ich Armer doch
So manchen Stich, den lieben langen Tag,
Auf meine Arbeit krumm und schwer gebückt! {63}

Wie glücklich, wer am Mast die Segel spannt,
Die ich verfertige!" – Dagegen schrei't
Der Schiffer, wenn das Segel nasser träuft,
Das seine Hand in Sturm herunter heißt:
„Beglückt, wer trocken dich im Winkel nähte!" –
Nun, spräch' ich zu den beiden ungesäumt:
Vertauscht die Rollen da, ihr Unzufriedenen!
Du Schiffersmann, und du da, Segelschneider! –
Du, nimm den Nähring – du, das Steuerruder!
Du näh' das Segeltuch – du spann es auf! – {64}

Sie wollten nicht! – Was ist mit solchem Volk
Nun anzufangen, als daß, eingenäht
In einen Sack vom gröbsten Segeltuch,
Man sie, in's Meer da, wo's am tiefsten ist, ersäufte!

SOSIA I.
Nun – nun, gieb du Amphitruon das Landgut nur!
Ich gebe dir mein Wort – er wird schon wollen,
Und ein erfüllter Wunsch ihn nie gereuen!

AMPHITRUON I.
So geh', und bring sogleich das Geld dem Eigenthümer,
In Sosia's Gestalt! – {65}

SOSIA I.
Dort kömmt er selbst,
Frisch aus dem Asopus heraufgefischt,
Und scheint noch etwas auf die Götter ungehalten.

AMPHITRUON I.
Gut, gut! Sein Zorn wird mir indeß die Zeit vertreiben!
Noch soll, eh' wir zurück uns zum Olymp verfügen,
Erst die Verwirrung hier ein wenig uns vergnügen!
Auch ist's so nöthig für Amphitruon! – Der muß erfahren,
Daß er und Jupiter heut' Nebenbuhler waren!
Erfährt er dies nicht selbst aus meinem Mund: {66}

So würde nie sein Herz von Argwohn ganz gesund!
(Sosia I. ab.)

ZEHNTER AUFTRITT.

AMPHITRUON I. SOSIA II.
der von der entgegengesetzten Seite auftritt.

SOSIA II.
Da wären wir denn wieder, Dank den Fischern
Und ihrem Netz! – Das andre Dankgebet,
Das für die Götter, wollen wir noch sparen! – {67}

(für sich.)
Doch sieh! da ist ja wohl mein Herr, Amphitruon!
Ich will nur thun, als wär' nichts vorgefallen!
Man richtet so bei ihm mit Zorn nichts aus!
Ich kenn' ihn schon! – Der Hitzkopf der! Er wär' im Stande,
Und ließe mich zum zweiten Mal ersäufen! –

AMPHITRUON I.
(der sich indessen genähert.)
Du scheinst sehr, unzufrieden mit der Weltregierung?

SOSIA II.
Herr, wer ist's nicht, und wer hat nicht auch darzu Ursach'? {68}

AMPHITRUON I.
Gesetzt, du wär'st am Platz von Jupiter:
Getrautest du's dir Allen Recht zu machen?

SOSIA II.
Bei Ceres, unsrer lieben Frau'n, das denk'ich! – Nach Verdienst
Mäß' ich das Seine Jedem zu, und 's müßte schlimm seyn,
Wenn's nicht, in vier und zwanzig Stunden längstens schon,
Weit besser mit der Welt beschaffen wäre!

AMPHITRUON I.
Du unternimmst nichts Kleines
Freund, und wie, gedächtest {69}

Du denn wohl deinen Tag so einzutheilen?

SOSIA II.
Hört an! – Gleich mit dem Frühsten ständ' ich auf,
Und nähme nach dem Markt den Lauf,
Von Bohnen, Linsen, Hülsenfrüchten
Den Preis zu hören, um mit Wind
Und Regen mich darnach zu richten!

AMPHITRUON I.
Nun löblich nenn ich das und gut gesinnt! {70}

SOSIA II.
Das ist nun so, damit das Armuth keinen Abbruch litt!

AMPHITRUON I.
Daß du dich seiner annimmst, das ist billig!

SOSIA II.
Dann, käm' es weiter auf den Tag,
Versammelt ich um meinen Thron,
In dem olympischen Pallaste,
Gewerk' und Innungen, so viel
In seinem Umkreis Theben faßte; –
Die Schuster, Maurer, Fleischer, Schneider,
Die Schmiede, Tischler, und so weiter;
Die Oel verkaufen, oder pressen;
Die Bäcker ja nicht zu vergessen; {71}

Denn unter'n letzten, güt’ge Götter,
Sollt ihr nur wissen, hab' ich einen Vetter!

AMPHITRUON I.
Und der geht billig allen Andern vor!

SOSIA II.
Nun spräch' ich, wäre der Olymp ganz Ohr:
Ich aber redete sie also an –
In corpore – nicht jeden einzeln'n Mann: –
„O, ihr betriebsam edeln Leute,
Ihr Herren Mau'r- und Zimmerleute,
Ihr Herren Schuster und Poeten,
Die ihr euch quält mit Leist, und Pfriem und Nähten, {72
Et caetera, et caetera!
Ich dermal Jupiter, sonst Sosia,
Ich füge hiermit kund euch und zu wissen,
Daß euer Zustand mich zum Mitleid hingerissen!
Wie kläglich ist es in der Welt
Doch um euch armes Volk bestellt!
Ihr macht die Schuh – und tragt sie nicht!
Ihr mäst't die Kuh – und schlacht't sie nicht;
Ihr baut die Rüb' – und schabt sie nicht;
lhr stopft die Wurst – und habt sie nicht;
Ihr macht die Vers' – und singt sie nicht;
Ihr pflanzt die Traub' – und trinkt sie nicht; – {73}

Das soll in Zukunft anders seyn,
Und Wurst und Vers, und Brod und Wein,
Und, was von Land kömmt und von Meeren,
Soll allen Menschen angehören,
Soll seyn ein ganz gemeinsam Gut.“ –
Drauf schwenkten frölich All' den Hut
Und riefen: hoch leb' Jupiter!
Ich aber grimm'ger, wie bisher,
Ergriff nun eine Hand voll Blitze,
Die schleudert' ich zum Erdensitze:
„Du, Geizhals, laß den Mammonsschatz,
Mach' diesen wackern Leuten Platz!
Schmarotzer, reiche Tagediebe,
Schabt Euch nun künftig selbst die Rübe!
Wollt ihr zu Mittag Fisch' verzehren: {74}

Fischt sie euch selbst in eis'gen Meeren!
Schmeckt euch ein leckres Wild, ein Reh:
Laurt selbst ihm auf, im tiefsten Schnee!
Behagt euch Kuchen –

AMPHITRUON I.
Und so fort!
Das geht vortrefflich, auf mein Wort!
Du hast in Kurzem diese Welt
Ganz umgeformt, was mir gefällt!
Eins tadľ ich nur: du hast indessen
Ja selbst, mein Freund, dich ganz vergessen!

SOSIA II.
Das kömmt sogleich! – Auf ein Mal
würd ich in dem Winkel {75}

Von dem Olymp 'n fremden Mann gewahr,
Der sich bescheiden still im Hintergrund verhielte,
Von mittlerer Statur, lichtbraunen Haaren,
Kurz in den vierz'ger so, in meinen Jahren. –
Drauf fragt’ ich Einen der Umsteh'nden also:
Wer ist der Mann? Könnt ihr es mir nicht sagen?
Und drauf erwiederte ein Andrer etwa:
„Das ist der Sosia, des Davus Sohn
Aus Theben, und der Sklave des Amphitruon!"
Ei ist das der? – Ich habe viel von ihm vernommen: {76}

Sag Einer ihm 'Mal, er soll näher kommen!
Ich muß euch sagen, dieser Mensch gefällt mir;
Er hat so 'was Grundehrlich's im Gesicht,
Was gleich bei'm ersten Anblick für ihn spricht,
Und dabei einen äusserst intressanten Schlag
Von Nase, grad so wie ich ihn am liebsten mag!
Tritt näh'r, mein Sohn, und rede ungescheut!

AMPHITRUON I.
Vergönn' ein Wort mir Ew. Oberherrlichkeit!
Der Schurke, dem ihr da das Wort vergönnt, {77}

Ist mir, und das seit heut' nicht erst bekennt;
's ist der ritzenvolleste, schwatzhaft'ste Bub' in Theben!
Und fängt er ein Mal an: so wird er eben,
Vor Mitternacht, kaum Schwatzens Ende finden –
Und kostbar ist die Zeit, wo Staatsgeschäfte binden!
Zu dem bedenk' doch Ew. Oberherrlichkeit,
Daß ihr, so wie die andern Götter all', noch nüchtern seyd!
Mittag ist da, und ihr habt keinen Bissen noch gegessen!

SOSIA II.
Gut, gut erinnert! Ja, bei'm Styx,
das hätt' ich bald vergessen! {78}

Mittag ist da, und noch sind wir so nüchtern, wie ein Fisch!
Merkur und Hebe, deckt sogleich den Tisch!
He! Ruft sogleich mir meinen Oberkoch!
Wo bleibt das Essen? denn obgleich ein Gott
Ich bin, ein mächt'ger Gott: so mahnt mich doch
Ganz kläglich hier der unerbittliche
Gebieter Bauch; fürwahr ein kläglicher!
Das allerunverschämteste Gefäß;
Was sonst kein andres faßt, das nimmt er auf!
Linsen thust du in den Quersack: aber nie die schönen Eier;
Denn zu leicht zerbrächest du in dem Quersack dir die Eier: {79}

Milch auch nimmst du, in den Handkorb, aber nie mit schönen Kuchen;
Denn zu leicht verdürbe da dir die Milch die schönen Kuchen:
So auch füllst du Wein auf's Weinfaß, aber niemals schöne Krebse;
Denn des Schwimmens ungewohnt sind im Weinfaß schöne Krebse:
Aber der verhaßteste, allen Städten und Provinzen,
Allen Göttern, allen Menschen – er nimmt Eier, er nimmt Plinsen,
Er nimmt Kuchen, alles, alles, was der Markt bringt zum Verkauf;
Alles nimmt wohl eingestopfet und in ein Gefäß er auf, {80}

Blindes Schaltens und Gebahrens; denn was noch das Schlimmste: so
Wird er des Besitzes nimmer einen Tag im Jahr nur froh;
Denn je mehr er fremde Güter zum Besitz sich angemaßt:
Um so ärger brummt der Wüthrich – darum ist er mir verhaßt!

AMPHITRUON I.
Nun darin läßt ein Mal sich keine Aendrung hoffen:
Drum halt ihm immer nur die Tafel offen!
Befehle,
Wähle,
Was von Speisen, Fleisch und Brod
Irgend dir steht zu Gebot! {81}

SOSIA II.
Auf, rüstig, ihr Schenken, zum himmlischen Mahl,
Merkur, Ganymed, nicht gesäumet!
Wo bleibst du, o Hebe? den goldnen Pokal
Mir gereicht, wie vom Nektar erschäumet!

Was Köstliches bieten die Kelter, die Trift;
Was gereift in befruchtendem Regen;
Was herbei der Schiffer aus Indien geschifft,
Belade den Tisch mir mit Segen!

Wein aus Chios;
Aus Ambrazien
Hammelfleisch; aus Lokros Austern;
Schöne Datteln aus Palmyra, {82}

Und ein immer voller Nektarkrug
Sind zum Mahle mir heut' gut genug!
(Amphitruon I. verschwindet. Ein mit Speisen besetzter Tisch steigt aus der Erde.)

SOSIA II.
Ha! was seh' ich?
Träumend steh' ich! –
Ist Amphitruon verschwunden?
Hält ein Zauber mich gebunden?
Sieh, es bauen sich vier Bretter
Mir zum Tisch auf – alle Götter
Haben meinen Ruf vernommen,
Daß ich essen will; sie kommen!
Alle hohe Götterknaben
Streben heut' mich zu begaben;
Alle Götterfrauen denken
Herrlich heut' mich zu beschenken, {83}

Mich, des Himmels und der Erde Gott!

Ceres bringt mir hier dies Brod;
Auch Neptun legt einen Fisch
Vor mir hin auf diesen Tisch;
Unter einer Traube Last
Schwer erlieget Bacchus fast;
Schönes silbernes Geräth
Bringt Vulkan – und schweigt, und geht! –
Und was hör‘ ich unten da? Ein Stück
Einer lieblichen Tafelmusik? –
Richtig, richtig! Die Syringen
Läßt erklingen,
Munter rührt sie Vater Pan,
Und ich nehm' ein Liedchen von ihm an! {84}

Auf's Wohlseyn, ihr Götter und Himmlischen alle,
In der überirdischen Halle!
Wer klopft? – Es ist Hebe! – Sie bringt den Pokal:
Nur herein ihr Himmlischen alle!

Wer klopft schon wieder? Eröffnet die Thür!
Eröffnet die Pforten mir, Schenken!
Lyäus, Lyäus, er nahet sich mir
Mit herrlichen Göttergeschenken!

Lyäus, von deinem Nektar getränkt,
Verjüngt sich der Alte zum Knaben;
Dich aber Minerva, die immer nur denkt,
Dich, Mürrische, mag ich nicht haben! {85}

Herrlich, herrlich, wen die Götter doch besuchen!
Feigenzelten, Wein und Kuchen
Sind bescheret,
Und gewähret;
Kirsch und Pflaumen,
Seinem Gaumen;
Maulbeer'n schwarz, und Erdbeer'n roth;
Quittenbrod;
Alles steht ihm zu Gebot!
Selbst Neptun,
Am Harpun,
Muß ihm Fisch' am Haken bringen;
Und er hört die Sphähren singen;
Voll von Kuchen trägt er beide Hände;
Ju – ju – jubilo ohn' Ende!
Und wie herrlich alles, selbst bis auf das Tischtuch! {86}

Diese Leinwand kömmt aus Memphis;
Ich erkenn' es am Gewirke;
Schade wär's, sie zu verderben!
Ich will sie zusammenrollen,
Und, um sie nicht zu beflecken,
Hier in meine Tasche stecken!
(knüpft sie unter.)
Auch das Silber läuft nur blau vom Essig an!
Und, ich armer Knecht, ich kann
Die Sardellen ja auch ohne Schüssel essen!
(indem er sie gleichfalls wegsteckt.)
So! – Nun hurtig den Pokal
In die Hand, und frisch an's Mahl!
(macht sich über das Essen.) {87}

EILFTER AUFTRITT.

AMPHITRUON II., ELECTRYON über die Straße her zu dem Hause.

AMPHITRUON II.
Kommt, Vater, kommt! Ich bin gelaßner nun, ihr seht's!
Der Her- und Hinweg hat mich ab gekühlt;
Auch euer friedlich Antlitz, ich gesteh's,
Wie eurer Sitten Würd' und Freundlichkeit,
Macht das Vergehn der Tochter mir unglaublich!
Nein, nein, kein Ehebett befleckend Blut
Ist so ehrwürd'gem Stamme je entsprossen! – {88}

Ihr kommt zu selten in die Stadt, mein Vater!

ELECTRYON.
Was Volk und Stadt zusammen bringt;
Was Euch in Häuser und in Straßen zwingt,
Die Noth, einander Licht und Kohlen,
Und Kerzen ärmlich abzuholen,
Ist mir zuwider! – Mir genügt ein frei'rer Raum;
Das offne Feld; der grüne Baum;
Des Himmels Blau'; der lustige Fluß: –
Hier quält mich nicht der Stunden Ueberdruß;
Noch ein Mal wieder jung, wird, unter grünenden Gesträuchen, {89}

Hier still mein Alter einst der Tod beschleichen!

AMPHITRUON II.
Nun, kommt in's Haus!

ELECTRYON.
Wenn es nur auf ist!

AMPHITRUON II.
War't
Ihr denn auch heuť schon davor?

ELECTRYON.
Ei freilich!
Und ward, so gut wie ihr, auch abgewiesen!

AMPHITRUON II.
Durch wen? {90}

ELECTRYON.
Befragt ihn selbst! Dort steht er – Sosia!

AMPHITRUON II.
(der ihn plötzlich gewahr wird.)
Wie, Schurke, öffentlich hier vor dem Haus,
Auf offner Straße, richtest du ein Gastmahl aus?

SOSIA II.
Herr, laßt Euch dadurch nicht zum Zorn entfeuern:
's geht hoch hier her – ja; aber nicht vom Euern;
Denn kurz, damit ihr es nur wißt und faßt:
Ich bin bei Jupiter heut selbst zu Gast! {91}

AMPHITRUON II.
O, Dieb, wie ihn verworfner nicht der Erdball trägt!
(zu seinen Begleitern.)
He, Sklaven!

DIE SKLAVEN.
Herr!

AMPHITRUON I.
Fußschellen diesem angelegt!

ELECTRYON.
Amphitruon!

AMPHITRUON II.
(seitwärts.)
Seyd ruhig, ruhig, Vater!
Ich geh' in's Haus; doch fest entschlossen, keine
Maaßregeln, und auch die geringsten nicht, {92}

In dieser Sache übereilt zu nehmen!
Kommt, eh' wir zu Alkmenen uns begeben,
Dahier, dem Sklaven erst Gehör zu geben!
(mit Electryon ab in's Haus.)

SOSIA II.
Welch ein Wechsel auf der Erde!
Noch vor Kurzem war ich König;
Schmaust' an hoher Göttertafel; war mir der Olymp zu wenig!
Und nun muß ich schimpflich Eisen hier an meinen Füßen tragen!
Sklaven, was er vor hat, könnt ihr mir es im Vertrau'n nicht sagen? {93}

I. SKLAVE.
Dich am Strick herabzuschicken, scheint sein Will', in Pluto's Haus!

SOSIA II.
Dieser Weg ist gar zu kurz, und Einem geht der Athem aus!

II. SKLAVE.
Oder man wird auch vor Abend noch vielleicht an's Kreuz dich schlagen!

SOSIA II.
Allzuhoch ist auch beschwerlich! ‘s Klettern konnt' ich nie vertragen! {94}

III. SKLAVE.
Noch ein Drittes ist beschieden dir, vielleicht zum Todesloose:
Du wirst die Cicuta trinken, die ich dir im Mörser stoße!

SOSIA II.
Pfui, ein kalter Weg! Es schlottern Einem darnach die Gebeine;
Und darum versieht man billig sich darauf mit Brod und Weine!
(indem er einige Brode und Flaschen mit Wein zu sich steckt.)
Kommt, ihr Schurken, in der Luft auch sind einst eure Grabesmähler:
Daß ihr lebt, ist von den Raben so bloß ein Gedächtnißfehler!
(ab mit den Sklaven in's Haus.) {95}

FÜNFTER AUFZUG. {97}

FÜNFTER AUFZUG.

ERSTER AUFTRITT.
Das Innere des Hauses. Ein Vorsaal.

ALKMENE. DAMOKLEIA. ANDRIA und einige Sklaven. ELECTRYON und AMPHITRUON, die in das Zimmer treten, ALKMENE ihnen entgegen.

ALKMENE,
Ihr kommt, mein Vater, und mir sagt die Seele,
Daß mich nun bald kein Zweifel weiter quäle: {98}

Ihr bringt den Frieden, werdet lösen den Verdacht,
Der unser aller Sinn umfängt mit Nacht.

DAMOKLEIA.
Ihr werdet uns von diesem Manne retten,
Der, wenn wir euern Schutz nicht hätten,
Der Weiber schönstes Kleinod, Frauenwürde,
Der Zucht und Sittigkeit, uns rauben würde!

ELECTRYON.
Ja, hart, Amphitruon, ist die Beschuldigung;
(zu den Weibern.)
Doch ihr – erwartet auch von mir nicht Billigung! {99}

Streng, wie ein Rhadamanth, will zu Gericht ich sitzen;
Nur Recht und Unschuld kann die Tochter schützen!
Denk, Tochter, nur, du stehst zu Minos Urne:
Dir zieht das Recht und nicht der Vater hier dein Loos!

DAMOKLEIA.
Electryon, ihr seyd ein streng gerechter Mann;
Allein, so hört doch auch zuvor die Tochter an!

ELECTRYON,
(der sie in seine Arme schließt.)
Gern, gern, mein Kind! Du bist unschuldig! Ja mir sagt's mein Herz: – {100}

Ein Denkmal, dauerhafter, als von Erz,
Wovon kein lügenhafter Stein der Nachwelt einst erzähle;
Der Mutter Angedenken lebt in deiner Seele,
Der früh beweinten Mutter! Ach, ich übergab
Sie einst dem Rogus – alles nahm sie mit in's Grab –
Nur aus des Scheiterhaufens letztem Brande
Noch glänzten herrlich ihre Tugenden dir auf;
Ja, sie begleiten dich in deines Lebens Lauf,
Und ziehn mit dir hinab zum stillen Schattenlande;
Denn dies ist der vergänglichen Geschlechter, {101}

Der Menschen Trost: daß spät auf Söhn' und Töchter
Noch hoher Sinn und Denkart übergeht!
Ist ihres Angedenkens letzte Spur verweht;
Ist weggewandelt längst die Schrift von Marmormahlen:
Noch wird das Wort – die That den spätsten Enkeln strahlen!

DAMOKLEIA.
Vergönnt ein Wort der alten Dienerin!
Der Sosia hat mir von Anbeginn
Verdacht erregt: gut wär's, ihn zu befragen;
Auch sind der Leute draussen viel, ihn anzuklagen! {102}

AMPHITRUON II.
Laßt sie herein! Sie finden hier ein offnes Ohr!
(man öffnet die Thüren.)
Es bring' ein Jeder seine Anklag' vor!

ZWEITER AUFTRITT.

SOSIA II. in Fesseln. Ein Paar Fischer.

AMPHITRUON II.
Wer seyd ihr?

DIE FISCHER.
Ein Paar Fischer! {103}

I. FISCHER.
Simon Stock,
Der Aeltere!

AMPHITRUON II.
Eu'r Handel?

I. FISCHER
Stockfisch, Herr, zehn Gulden 's Schock!

AMPHITRUON II.
Und du?

II. FISCHER
Herr, auch ein Stock, der Stock vom Steinwall;
Doch mein Artik'l ist marinirter Aal!
Da hier, Herr Simon Stock, das ist mein Ohm; {104}

Wir fischten gestern beid' in einem Strom;
Da hatten sie den Kerl da h'nein geschmissen:
Der hat, bei'm Aufzieh'n, uns das Netz zerrissen!

I. FISCHER.
Und da, nach Fischerrecht nun und Gesetz,
Dem Fischer angehört, was ihm sein Netz
Von Fischen aufbringt: sey es, was es wolle!
Ein Hecht, ein Steinbutt, oder eine Scholle:
Bestehn wir von dem Kerl entweder auf Ersatz;
Wo nicht, so führen wir ihn auf den Sklaven Platz! {105}

SOSIA II.
Ein schöner Plan, ihr Stockfisch'! Und wie viel
Glaubt ihr für mich, mit Stumpf und Stiel,
Zu kriegen wohl?

II. FISCHER
Ei nun, zum Ankauf doch von ein Paar neuen Netzen!

SOSIA II.
Narr'n ihr! kaum so viel, einen Flick auf's alte euch zu setzen!

AMPHITRUON II,
Ihr seht, ihr müßt vor gleichem Fang euch künftig hüten;
Für diesmal, Fischer, will ich euch das Netz vergüten! {106}

Doch welch ein neuer Lärm, der dort hereinbricht?

EINE SKLAVIN.
Es läuft, Herr, ein Gerücht im Volk: „es gäb' hier ein
Austheilen heut', von Wein und Sesamskuchen!“
Die Frauen wollen nun davon versuchen:
Darum versammeln sich die Männerhaufen;
Und darum kommen Weib und Kind gelaufen!

Gedräng' unter der Saalthür.

ERSTES WEIB.
(mit einem Wasserkruge auf dem Kopf.)
Weiber, lasset mich voran!
Unbemerkt von meinem Mann, {107}

Bin ich aus dem Haus geschlichen;
Bin ich aus der Straß' entwichen;
Angelehnt nur ist die Thür:
Weiber, laßt den Vortritt mir!

EINE ALTE
(zu der Vorigen.)
Kind, das Alter halt' in Ehren!
Meine Tochter will gebähren,
Und Lucina sie besuchen;
Nur ein Stück vom Opferkuchen
Komm' ich, um ihr mit zu bringen;
Gebt es mir vor allen Dingen!

EINE DRITTE.
(zu den Umstehenden.)
Ist das nicht die Wittwe des
Kupferschmidts Kallipides?
Weiber, der vergönnt den Vortritt!
Solch ein edler Kupferschmidt, {108}

Wie Kallipides, ihr Mann,
Wird nicht mehr gesehn fortan.

DIE ANDERN WEIBER.
(ihr Platz machend.)
Ihre Tochter will gebähren:
Lasset uns Lucina ehren!

Gedränge von Männern am Eingang.

DIE MEISTER IN ERZ UND ALLERLEI GOLDARBEIT.
Wo sind die funfzehn Kühe, daß wir ihnen
Die Hörner vergolden? denn müßig steht das Haus,
Der schöne Blasebalg indeß; es feiert
Die Zange und der Ambos an der Wand, {109}

Und manches schöne Werk harrt der Vollendung!

DIE MEISTER DES BEILS.
Wo sind die funfzehn Stier'? die hundert Schafe?
Und die zwölf Widder des Amphitruon?
Daß wir sie schlachteten, daß wir sie zum Opfer
Bereiten: sagt ihm, daß wir die schönen Häute,
Dahier genaht sind, ihnen abzuziehn!

BYBACHIDES.
Wo ist der edle Held Amphitruon,
Der heldenmüthig so für Theben focht? {110}

Mit seiner harten Wund' am Kniegelenk?
Ihr Andern, laßt mich durch! Platz ihr Thebaner!
Hier bring' ich Binden, auch ein schneidend Werkzeug;
Und giebt es was zu brennen, trägt mein Lehrling,
Antiochus, aus Antiochien,
Das schöne Kohlenbecken hinterdrein!

DAMOKLEIA.
Ihr guten Leute, Nachbarn, hört mein Wort!
Es ist ein Irrthum hier, ein Mißverständniß!

EINIGE,
Kein Irrthum! {111}

ANDERE,
Keineswegs ein Mißverständniß!

NOCH ANDERE.
Es hat der Sosia uns herbestellt!

DIE MEISTER IN ERZ.
Um funfzehn Küh’n die Hörner zu vergolden!

DIE MEISTER DES BEILS.
Die Häute hundert Schafen abzuziehn!

BYBACHIDES.
Den Pfeil dir aus dem Kniegelenk zu nehmen! {112}

DIE WEIBER.
Und schöne Opferkuchen zu empfahn!

SOSIA II,
Ich? – Sterben will ich, weiß ich davon eine Sylbe!

DAMOKLEIA.
So haltet euch an ihn, der's Euch versprochen!

EINIGE.
Nehmt in die Mitt' ihn!

ANDERE.
Faßt ihn mit der Zange!

WIEDER ANDERE.
Schwingt über ihm das Beil! {113}

NOCH ANDERE.
Vergoldet
Die Hörner ihm!

DIE ERSTEN.
Und zieht die Haut ihm ab!

DIE LETZTERN.
Die Linsen!

DIE WEIBER.
Die Bohnen!

DIE KINDER
Und die schönen Opferkuchen!

BADERLEHRLING.
Kommt, Meister, kommt! Hier giebt es blut’ge Köpfe! {114}

BYBACHIDES.
Um desto besser, Narr! So bleib doch nur!
Das halbe Tagewerk ist so versäumt;
Vielleicht giebt's nebenbei ein kleines Scharwerk!

EINE SKLAVIN.
Es ist ein neuer Andrang um dies Haus!
Zwölf Hirtenknaben ziehn an Seilen Widder;
Und funfzehn Opferstiere, hundert Schafe;
Sie brüllen laut um Einlaß an dem Thor!
Dort kömmt Melanthes selbst, der Oberhirt! {115}

AMPHITRUON II.
Was bringst du mir, Melanthes?

MELANTHES,
Funfzehn Stück,
Die ausgesuchtesten der Heerde – hundert Schafe –
Und auch zwölf Widder – alles, Herr, wie du geheißen!

AMPHITRUON II.
Wie, ich geheißen?

MELANTHES..
Ja – auf Sosia's Befehl,
Besorgt’ ich augenblicklich die Vollbringung!

AMPHITRUON II.
Ihr Männer Thebens, ist dies gleich ein Irrthum, {116}

Und meiner Habe Letztes dies: So sollt
Ihr dennoch diesen Irrthum nicht entgelten;
Es bleibt demnach das Mahl Euch angeordnet!

EIN ALTER.
Das wolle Jupiter verhüten, daß
Wir unserm Feldherrn, dir Amphitruon,
Den Wespen gleich, das schöne Haus verwüsten!
Ihr Männer, Weiber, geht an euer Tagwerk,
Wie stets, der Eine hier; die Andre dort,
An Brunnen, und auf öffentlichem Markt! – {117}

(zu Amphitruon II.)
Du siehst, sie weichen friedlich aus einander;
Denn stets bist du im Herzen uns geachtet!

AMPHITRUON II.
Ich dank' Euch, guten Leute; Dank, Thebaner!
(das Volk verläuft sich.)

AMPHITRUON II.
(der, nachdem er eine ganze Weile wie in tiefem Nachdenken gestanden, auf Alkmenen zueilt, und ihre Hand faßt.)
Vergieb, Alkmene! – Dieser neue Zufall –
Der des Betrug's überwies'ne Sklav! –
Kann seyn – der lange Weg hierher – die Nacht, {118}

Mit Truggebilden meinen Sinn verwirrend –
Kann seyn, daß sie vielleicht –

ALKMENE.
O rede, mein Gemahl!
Dein Schicksal macht mich bang; vergeben sey
Dir jeder Argwohn! – Auf, und reibe hell
Das Trugbild dir von deiner Stirn! – Schau auf!
Ich bin dein Weib, dein liebend treues Weib! – Du, Damokleia,
Reich' einen Becher Wein ihm zur Erquickung!

DAMOKLEIA.
(einschenkend.)
Je mehr auch ich darüber sinne: wird's auch mir {119}

Begreiflich! – Ja, sein Abschied, den vorhin so plötzlich
Er von uns nahm – und dies Verkennen – ein erzürnter Gott
Verfolgt ihn – o, es ist nur zu gewiß!
(indem sie ihm den Becher reicht.)
Trink, trink, geliebtester Amphitruon!
Ob mild vielleicht ein Gott sich dein erbarmend,
Von deiner Stirn das böse Traumbild nehme,
Das vorhin dich so arg geängstet hat!
(nachdem er getrunken.)
Wie ist dir, Lieber, kömmt dir die Erinn'rung?
Kömmt freundlich dir die Gegenwart zurück? {120}

AMPHITRUON II.
Ja, gute Weiber, seht, ich geb' mich schuldig!
Doch jedes Vorwurfs bist auch du nicht frei;
Nein, nein, geliebteste Alkmene, hier kein Einwurf!
Wozu vorhin der lauligte Empfang,
Als ich in's Haus hier aus dem Garten eintrat!
Dies mußte meinen ungegründeten
Verdacht, ja ohne Noth, bestätigen! –

ALKMENE.
Und konntest,
Nach einem kaum minutenlangen Abseyn;
Nach einem solchen Abschied, mein Gemahl, {121}

Du einen wärmeren Empfang von mir vermuthen?

AMPHITRUON II,
(wie träumend.)
So kurz vorhin nur war ich da gewesen?

ALKMENE.
O, immer noch so weit, so weit abwesend?
Ist alles denn von den Gedächtnißtafeln
Dir, mein Amphitruon, hinweg gewischt?

AMPHITRUON II.
Ich bitte dich, Alkmene, frisch' es auf! {122}

122
Still' mir, durch eine freundliche Erzählung,
Von alle dem, was hier begegnet ist,
Die Unruh, und verscheuch' die Plagegeister,
Die meiner sich auf's Neu bemächt'gen wollen!

ALKMENE.
Wohlan! – Es kam des holden Schlaf's gewohnte Stunde,
Und ruhig feierte das Tagewerk:
Als plötzlich alle Thüren hier in ihren Angeln klangen;
Ein Rufen durch das Haus erscholl: er kömmt – er naht! –

AMPHITRUON II.
(unruhig.)
Wer kömmt? wer naht? {123}

ALKMENE.
Du selbst!

AMPHITRUON II.
(betroffen.)
Ich? – aber weiter, weiter!
Und du? –

ALKMENE.
Nie fühlt ich höher wohl mein Herz im Busen schlagen;
Ich lief entgegen dir – du drücktest warm
Mir einen Kuß auf meine Lippen – lagst in meinem Arm –

AMPHITRUON II.
(entrüstet.)
Und du gestattetest? – {124}

ALKMENE,
Nach so viel Trennungstagen
Wie konnt' ich dir des Wiedersehens bitter süße Lust versagen!

AMPHITRUON II.
(mit steigenden Unmuth.)
Du gabst es zu?

ALKMENE.
Versagen, warum du so liebevoll,
So dringend bat'st?

AMPHITRUON II.
O freilich, freilich wohl!
O Weiber, Weiber!
So seyd, so war't ihr, seit den ersten Schöpfungstagen:
Zwei Augen ja – und eine Zunge nur, um Nein zu sagen! {125}

ELECTRYON.
Nein, Eidam, dieser neue Anfall eurer Launen:
Er setzt mich in das höchlichste Erstaunen!

DAMOKLEIA.
Mich auch! – Wie? Bald ist ihm zu laulicht ihr Empfang;
Bald wieder schilt er sie, daß ihn ihr Arm umschlang?

AMPHITRUON II.
Vergieb, Alkmen', und ist ein kränkend Wort
Mir irgendwo entflohn: vergieb – und fahre fort!

ALKMENE.
Nein, dring' nicht weiter in mich, mein Gemahl! {126}

 – Hier saßen wir an dieser Säul im Saal –
Amphitruon, was willst du, daß ich weiter spreche?
Spar ein Geständniß mir von meiner Schwäche,
Die ohnedies dir sattsam ist bekannt!

AMPHITRUON II.
Es herrscht hier, gutes Weib, ein Mißverstand;
Ich muß dich bitten, nichts mir zu verhehlen:
Es gilt hier meine Ehr und dein'! –

ALKMENE.
(mit einiger Ueberwindung.)
Ich will erzählen!
Es trat Damodokles, der Sänger, in's Gemach: {127}

Da ward in uns die alte Sehnsucht wieder wach,
Und über uns kam, frisch und jung,
Längst abgeschiedner Tag' Erinnerung.
Es neigte, in dem Klang der goldnen Saiten,
Herunter sich ein Bild der alten Zeiten;
Wie aufgeweckt von süßen Leiertönen
Stand träumend Liebe da; ein süßes Hoffnungswähnen
Ergriff' uns Beid', in Zukunft nie nun mehr getrennt zu seyn:
So wandelte, in holdem Sternenschein,
Der Tag zu unsern Haupten in der Ferne,
Und wir vermißten Phöbus Licht recht gerne: {128}

Ein jedes deiner Worte that mir glühend Liebe kund:
Bald zogst du heftiger, und Mund an Mund,
Mich an dich an – wie wenn der Liebe erst Erkennen
Uns anhub: batst du mich, Geliebter dich zu nennen,
Und nicht Gemahl – du priesest glücklich des Geliebten Loos: –
Bald wieder nahmst du mich auf deinen Schooß: –
Und wie du mich umschlangst, und wie du vor mir standest:
Mit tausend süß erfundnen Namen mich benanntest;
Mit Namen, wie sie heiß nur Sehnsucht spricht. {129}

Du mich Alkmene – Weib – dein lang entbehrtes süßes Augenlicht:
So stille wandelnd, über unserm Haupt,
Entwich die Nacht uns, ehe wir's geglaubt;
Bis daß zuletzt, da, durch Aurorens grauen Flor,
Nur einzeln schimmerten noch Stern hervor;
Die Schwalbe zwitscherte ihr Morgenlied am Thor;
Ein rother Abglanz sich bereits in's Feld ergießt –

AMPHITRUON II.
Halt ein, Alkmene! – Tod ist, was zuletzt das Leben schließt! {130}

(nach einer Pause.)
Und dennoch muß ich alles hier erfahren:
(mit von ihr weggewendetem Gesicht und einem stillschweigenden Zeichen der Hand.)
Ich bitte dich, noch ein Mal fortzufahren!

ALKMENE,
Bis daß zuletzt, in Osten bei'm Entfliehn
Des letzten grau’sten Sterns, die Schaffnerin erschien. –

DAMOKLEIA.
Ja, ich erschien. – Mit meiner Leuchte trat ich in's Gemach, {131}

Noch denkt der Worte mich recht wohl, die ich da sprach,
Ich sprach: das Lager ist bereit folgt meiner Leuchte!

AMPHITRUON II.
(der den Becher, den er bis jetzt, in zitternder Bewegung, in den Händen gehalten, plötzlich fallen läßt.)
Ihr Götter; so ist meine Schande denn gewiß!
Und hier – erscheint kein neues Blendwerk meinen Sinnen!
 – Der Ehrenräuber, ja, er ist es selbst! {132}

DRITTER AUFTRITT.

Die Vorigen. AMPHITRUON I. und SOSIA I., die indeß in den Saal getreten.

ALKMENE.
Ihr Himmlischen!

ELECTRYON.
O, Mächte des Olymps!

DAMOKLEIA.
Verleiht uns Beistand!

ALKMENE.
Zwel Amphitruonen!

ANDRIA.
Zwei Sosien! {133}

AMPHITRUON II.
(stürmisch auf ihn zu.)
Zieh, schändlicher Betrüger!
Sind wir auch von Person einander ähnlich:
So, hoff' ich, sind doch unsre Degenspitzen
Verschieden!

AMPHITRUON I.
Das kömmt auf die Prob' erst an!

AMPHITRUON II.
Ohn' Eingang, zieh!

ALKMENE.
Unsinn'ge, haltet ein!
Vertraut euch nicht des Schwerdtes blutiger Entscheidung! {134}

Wer nachgiebt nur, ist mein Gemahl hier –  Niemand sonst!
(zu Amphitruon I., der sein Schwerdt in die Scheide steckt.)
Du bist's! – O, längst hat mir’s mein Herz voraus gesagt:
Friedfertiger erschien gleich anfangs mir dein Anrlitz:
Du bist Amphitruon, und Jener ein Betrüger!

AMPHITRUON II.
(gekränkt.)
Alkmene!

ELECTRYON.
O, vergebt ihr, diesen Irrthum, Eidam,
Wenn's einer ist! Kann ich Euch selbst in nichts doch unterscheiden! {135}

 – Doch sagt, habt ihr kein irgend zwischen Euch verabred't Zeichen,
Das einem Fremdling sich so leicht nicht offenbart?

AMPHITRUON II.
Sonst keins, als hier dies Mahl an meinem linken Arm,
Das ich im Kampfe einst für sie davon getragen!
Hier ist die Wund'!

AMPHITRUON I.
(der gleichfalls seinen Arm aufstreift.)
Und hier die Narb', Alkmene!

ELECTRYON.
So wächst, ihr Götter, denn Verwirrung auf Verwirrung! {136}

Doch sieh, dort kömmt Nausikrates, der Steuermann:
Vielleicht, daß der uns Auskunft geben kann!

VIERTER AUFTRITT.

Die Vorigen, NAUSIKRATES, mit einem Kästchen unter'm Arm.

NAUSIKRATES.
Was seh' ich, Himmel? Zwei Amphitruonen,
In Einem Haus und unter Einem Dach? {137}

AMPHITRUON II.
(auf ihn zu, und ihn vertraulich bei der Hand fassend.)
Mein braver Steuermann, getrau'st du, zwischen beiden,
Dich hier wohl deinen rechten Herrn zu unterscheiden?

NAUSIKRATES.
Warum nicht, wenn auch nicht an Stimm' und Laute:
Der ist's, der gestern mir dies Kästchen anvertraute!

AMPHITRUON II.
(plötzlich umgewendet zu Amphitruon I.)
Wo?

NAUSIKRATES.
(zu ihm selbst.)
Ja – so frag' ich: ihr gebt Antwort mir auf dies! {138}

AMPHITRUON II.
Ich gab's dir, als der Feind bereits zum Angriff blies!

NAUSIKRATES.
Mit welchen Worten hast du's mir gegeben?

AMPHITRUON II.
Das Geld für einen Nothfall aufzuheben!

NAUSIKRATES.
(zu dem Andern.)
Woblan, bist du nicht bloß mein Herr hier von Gestalt:
So nenne mir sogleich des Kästchens Inhalt! {139}

AMPHITRUON II.
Gut, gut, dies sey die Prob'! Ich geh' es ein:
Erräth er's – mag Amphitruon er seyn!

NAUSIKRATES.
Wie viel enthält's an Golde?

AMPHITRUON I.
Zwölf Talente!

NAUSIKRATES.
Wie viel an Silbermünz'?

AMPHITRUON I.
Eilf tausend Drachmen!

ELECTRYON.
Trifft's zu? {140}

NAUSIKRATES.
Bis auf die letzte, kleinste Drachme!

AMPHITRUON I.
Neu ausgeprägt!

ELECTRYON..
Wie steht's mit diesem Punkt?

NAUSIKRATES.
So, wie er sagt!

AMPHITRUON I.
In Rollen eingepackt!

NAUSIKRATES.
Nein, das geht über meinen Schiffsverstand! {141}

Da, überzeugt Euch selbst – hier sind die Schlüssel!

ELECTRYON.
Wo ist der Schlüssel?

NAUSIKRATES.
(ihn suchend.)
Kann ich ihn doch gleich nicht finden!

AMPHITRUON I.
Such links im Kleid! Er steckt im Zwischenfutter!

NAUSIKRATES.
(der ihn hervorholt.)
Ei, was zum Henker, woher wißt ihr, Herr, auch dies? {142}

AMPHITRUON I.
Ein Einfall blos – er kam mir ungefähr!

NAUSIKRATES.
Allein aoch eins – wo stand ich, als ihr mir das Kästchen gabt?

AMPHITRUON I.
Gleich vor der rothen Thür der Schiffskajüte!

NAUSIKRATES.
(ihm die Hand schüttelnd.)
Ihr seyd mein lieber Herr, ja, daß euch Gott behüte!
(zu Electryon.)
Schließt auf! Seht da die Beutel! – Zwölf Talente – {143}

Und, richtig aufgezählt, eintausend Drachmen!

AMPHITRUON II.
Nausikrates, mein braver Steuermann;
Auch du mit meinem Todtfeind hier in Einverständniß?
Doch nur Geduld! Noch leben anderswo
Mir treu're Freunde, und die mehr erprobt sind;
Sie hol' ich her, und will mit ihrer Beihülf '
Alsbald den schändlichsten Betrug entlarven!
(ab.)

NAUSIKRATES.
Ja, geh' nur, geh', du kömmst gewiß nicht wieder! {144}

Allein, was wahr ist, Herr, ihr seht euch gleich, wie Brüder!

AMPHITRUON I.
Du Sosia, lad‘ auf's Neu das Volk mir ein!
Für Theben muß ein Tag der Lust heut' seyn!
Ihr folgt mir, lieben Freund', indeß zur Tafel!
(indem er Alkmenen die Hand reicht.)
Und, du Alkmene, immer noch voll Mißtrau'n so den Blick?

ALKMENE.
Vergieb! – Es naht heut' diesem Haus ein Mißgeschick;
Bist du Amphitruon: — wirst du dies Mißtrau'n ehren: {145}

Und einem Andern hab' ich ja nichts zu erklären!
(mit ihrem Vater, Amphitruon I., Damokleia, und den Uebrigen, ausser Andria und den beiden Sosien, ab.)

FÜNFTER AUFTRITT.

SOSIA I. SOSIA II. ANDRIA.

ANDRIA.
(für sich.)
Und auch zwei Sosien, wie zwei Amphitruonen?
Sie auszuforschen, mag der Neugier schon verlohnen!
(laut.)
So sagt mir nur, wer von euch Beiden ist denn hier der Rechte? {146}

SOSIA I.
Ich bin's!

SOSIA II.
Nein, Andria, ich bin, wie Gold, der echte!

SOSIA I.
Das gute Weib; nun hat, zum ersten Mal,
Sie, zwischen durch zwei Männern, wohl die Wahl!

ANDRIA.
Du Schelm; du Dieb! An dir that ich mich schön bekaufen;
Schon ein und vierzig Freier ließ ich laufen,
Du Taugenichts, als ich dich nahm zum Mann! {147}

SOSIA I.
O, warum hast du mir die Gnad' nicht angethan,
Und ließ'st mich gleichfalls laufen? – Jammerschade,
Sieh, Andria, so blieb die Zahl gerade.

ANDRIA:
(mit verbißnem Unmuth.)
Sag, was ist Chrysososthenes?

SOSIA II.
Mein Kind!

SOSIA I.
Mein Blut!

ANDRIA
Nun – daß ihr Beid' ihn anerkennt, ist gut! {148}

SOSIA II.
Ei, Närrchen du, der Streit, der kam ja aber her von Zwei'n:
Mehr Väter können doch zu Einem Kind nicht seyn!

ANDRIA.
Betrüger! Dieb!
(indem sie hastig. Sosia II. bei der Hand nimmt.)
Nun komm! 's ist klar! – Ich geb' ihn an! –
Der ist ein Dieb – und du – du bist mein Mann!
(mit den beiden Sosien ab.) {149}

SECHSTER AUFTRITT.
Platz vor dem Hause.

THRASO, mit den beiden Parasiten LICHT und SCHATTEN.

THRASO.
Macht meine Ankunft, Licht, schon in der Stadt Rumor?

LICHT.
Den ungeheuersten! – Man spricht davon, in Stadt und Thor An allen Brunnen und auf allen Straßen;
Ich darf mich gar nicht sehen lassen:
So gehn die Thüren und die Fenster auf, {150}

Und mich umringt sogleich ein Weiberhauf!
Man steckt mir Briefchen, Liebespfänder zu;
Kurz, man verfolgt mich, ohne Rast und Ruh!
Was ist's? – Man weiß, Herr Thraso, daß wir Freunde sind,
Und meine Fürsprach' sucht darum manch schönes Kind!
Ich thue, was ich kann, ich bin zum Dienst bereit:
Allein, Herr Thraso, daß euch's Gott verzeiht!
Ihr mögt mir's glauben, oder nicht; doch sollt ihr wissen:
Das ist nun schon der fünfte Rockschooß heut,
Den man mir euretwegen abgerissen! {151}

THRASO.
Nun, nun, wir bringen es schon wiederum in's Maß: –
Nun Kampf und Angriff, daß mir Niemand dies vergaß!
Der tapferste der Köch‘ und der Soldaten,
Doriskus, ist uns in Gefangenschaft gerathen;
Wir müssen suchen, daß wir ihn befrei'n!
Auf – mit Blokade oder Sturm, dringt ein!
(zu seinem Gefolge.)
Habt ihr die Schanzkörb' bei der Hand?

GEFOLGE.
Ja! {152}

DIE PARASITEN.
(zu dem ihrigen.)
Frischling, Speisebald!
Habt ihr die Eßkörb' bei der Hand?

BEIDE.
Ja!

LICHT UND SCHATTEN.
Nun, Trotz des Feind's Gewalt!

LICHT.
Doch horch! Da geht ja wohl die Hausthür drunten? {153}

SIEBENTER AUFTRITT.

Die Vorigen. AMPHITRUON II., der mit einem Sklaven aus dem Hause tritt.

AMPHITRUON II.
O, einz'ger Sklav', den ich mir treu erfunden:
Lauf zu den Leuten, die ich dir genennt,
Zu Thraso, Licht und Schatten.
(der Sklave ab.)

SCHATTEN.
Element!
Das ist ja wohl Amphitruon? Er ist's, bei meinem Leben!
Der scheint gar sehr erhitzt; was hat's mit dem gegeben? {154}

AMPHITRUON II.
(der sie gewahr wird.)
Gut, daß ihr da seyd, Freund', euch sucht‘ ich eben! –
Hört an! Ein schimpflich niedriger Betrüger
Hat sich von mir, von Teleboäs Sieger,
Gestalt und Stimme fälschlich angemaßt;
Mein schönes Gut im Hause wird verpraßt;
Mein Weib bethört; die Köche sind bestochen;
Bei allen Nachbarn ist ein Sieden, Kochen;
Das Volk ist eingeladen zu Gelagen;
Man bringt das Essen mir in's Haus, auf Tragen. – {155}

THRASO.
Und ihr – ihr, der rechtmäßige Amphitruon?

AMPHITRUON II.
Kein Wort, kein Sterbenswort, weiß ich davon!

THRASO.
Solch ein Affront in seinem eignen Aufenthalte?
Wo ist der Kerl, damit ich wie ein Ei ihn spalte?
Es prickelt mir gewaltig in den Fäusten,
Amphitruon, Euch diesen Dienst zu leisten!

AMPHITRUON II.
Wir haben's hier mit einem sehr verschmitzten Feinde; {156}

Ich hol ' mir lieber drum noch ein Paar Freunde!
Ihr seyd so gut, bewacht indeß das Haus,
Und laßt mir Niemand, wer es sey herein und Niemand h'raus!

LICHT.
Wir schwör'n dir, festes Posto hier zu fassen,
Und keine Feder, keine Klaue durchzulassen!
(Amphitruon II. ab.)

SCHATTEN.
Schon hör ich drunten einen Fußtritt schallen! {157}

LICHT.
Doriskus. ist's, der Koch! Der scheint nun auch zum Feinde abgefallen!

THRASO.
Ist er's, ich schwör's, so wahr ich ein Soldat:
Mit seinem Tod büßt er mir den Verrath! {158}

ACHTER AUFTRITT.

Die Vorigen. DORISKUS, mit einer Schüssel in den Händen. Hinter ihm Sklaven, die ihn begleiten, ebenfalls mit Schüsseln.

THRASO.
(ihm entgegen)
Steh, schändlicher, verdammter Ueberläufer!

DORISKUS,
Ei, ei, Herr Thraso, warum so in Eifer?

THRASO.
(mit gezogenem Schwerdt.)
Verräther du, zerhackt in Stücken,
Will ich zurück dich hier auf dieser Schüssel schicken! {159}

(umgewendet zu den beiden Parasiten, die sich indeß über das Essen hermachen.)
Was macht ihr da, he, Licht und Schatten?

BEIDE.
(mit vollen Backen.)
Herr,
Glück zu dem Vorsatz!

THRASO.
Nun? –

DIE PARASITEN.
Wir machen Euch die Schüsseln leer!

THRASO.
Wie, Schurken, ziemt es sich für Euch, auf Schmauserei'n
Und Gaumenlust anjetzt, im hitzigsten Gefecht, bedacht zu seyn?

LICHT.
Herr, jeder dient dem Freund', so gut er kann! {160}

Es stammt das Blut, doch nicht der Muth, sich an:
Wer keinen hat zu Blutvergießen und zu Kriegen,
So sagt mir nur, woher wohl soll er welchen kriegen?
Von allerältester Stammvaterschaft
Ist jeder Bär ursprünglich bärenhaft,,
Ein jeder Haas' ist auch ein Haasenherz jetzunder;
Ein Einfaltspinsel unter'n Füchsen wär' ein Wunder:
Nur seht, der König in der Thiere Reich,
Der Mensch, ist Haas' und Bär und Leu und Fuchs zugleich!
Aus Stoff von jeder andern Thierart hat, aus Eseln, Affen,
Prometheus einst, der Bildner, ihn erschaffen: {161}

Drum herrscht oft in derselben Generation,
Der Es'l im Vater, und der Aff' im Sohn!
Ihr seyd ein Leu, wie männiglich bekannt;
Und wohl gebührt das Schwerdt drum eurer Hand;
Ich will mich mit geringerm Ruhm begnügen:
Ein Fuchs will ich stockstill vor dieser Hausthür liegen,
Mein Plan ist: was von Eßwaar' irgend durchpassirt, jetzunder,
Oder nachher, Herr,
Das schling' ich in demselben Augenblick hinunter:
So giebt, aus Mangel von Proviant, {162}

Der Feind sich auch zuletzt in unsre Hand!
He, Frischling, hier die fünf Laib Brod,
Thu' in den Korb, so wie ich dir gebot!

SCHATTEN.
He, hier den Bratfisch, Speisebald,
Auf Kohlen beigesetzt, sonst wird er kalt!
(indem sie den Sklaven des Doriskus die Schüsseln abnehmen, und sie in ihre Körbe packen.)

LICHT.
Doch sieh, was kömmt, in wüthend hellen Haufen,
Denn dort das Volk so auf uns zu gelaufen? – {163}

NEUNTER AUFTRITT.

Die Vorigen. Eindringende Volkshaufen.

VOLK.
Habt ihr Euch so was 'raus genommen:
Das, Licht und Schatten, soll Euch schlecht bekommen!

EIN ALTER.
Habt ihr den Volksschmaus abgesagt?

LICHT.
(der sich von ihnen los zu machen sucht.)
Ei was, ihr Herrn, wir war'n dazu beauftragt! {164}

EINIGE
Zerreißt den Schatten!

ANDERE.
Thut das Licht aus!

LICHT.
Thut's nicht! Ich sag' euch! 's wird nichts Gut's draus!
Mein Vater war der Licht- und Kerzenhändler Licht:
Er schuf ein einzig Licht, mehr – nicht;
Und ruhete, das sollt ihr merken,
Darauf von allen seinen Werken!

SCHATTEN.
Edle, Thebanische Gemeinde,
So sehr verkennst du deine Freunde:
Schatten und Licht – {165}

Wo das 'reinbricht:
Da ist manch armem Erdenkinde Tag gewesen,
Man wird davon noch spät einst bei der Nachwelt lesen!

LICHT.
In der Affaire bei Kuchenlaufen,
Da focht' ich mit im ersten Glied!

SCHATTEN.
Manch armem Ritter hab' ich seinen Appetit
In der Affaire, bei Hohenapfelstaufen,
Versalzen. –

DER ALTE.
Thut sie ab, nach Urthel und Gesetz!
Setzt ihnen Richter aus! {166}

EINIGE
Dahier den Steinmetz!

ANDERE.
Oder den Färber!

NOCH ANDERE,
Ja, oder den Gerber!

VOLK.
(zu einigen im Hintergrunde Stehenden.)
Tret't vor da, Meisters! Ihr sollt Lichten
Und Schatten in des Volkes Namen richten!

LICHT.
Was, richten? Wir erkennen sie nicht an! {167}

Wer seyd ihr? Sagt uns das erst, Mann für Mann!

ERSTER MEISTER
Krieg auf Erden führt der Mensch; Krieg in Lüften führt der Sperber:
Roth färbt der Soldat sein Schwerdt; roth auch färbt den Zeug der Färber!

ZWEITER MEISTER.
Ehrt das ält'ste Kunstgewerke, was geehrt hat selbst der Schöpfer!
Wie aus Leimen Gott geschaffen: schafft aus Leimen auch der Töpfer! {168}

DRITTER MEISTER.
Menschen schaffen – so versteigt sich nie mein Stolz; ich mach' nur Kleider:
Hoch in Lüften singt die Lerche; in der Werkstatt singt der Schneider!

SCHATTEN.
Respekt vor Euch; doch Schatten kann und Lichten
Nur Licht und Schatten, ihres Gleichen, richten!

EINER AUS DEM VOLK.
Herr Schatten, in Thebanischen Bezirken,
Thatet ihr, als Schatten, euer Recht verwirken! {169}

EIN ANDERER
Herr Schatten, ja man kennt dahier Euch nicht zum besten:
Man sagt, ihr gieng't drauf aus, nur euern Bauch zu mästen!

SCHATTEN.
Ei, Narr'n ihr, die ihr noch nicht wißt:
Je breiter daß ein Schatten ist,
Um so bequemer läßt es sich darunter sitzen!
Sagt, thätet ihr mich nicht besitzen:
Wie würdet Sommers ihr vor Hitze schnappen!

LICHT.
Und ohne Licht, da müßtet ihr ja gar im Finstern tappen! {170}

EINIGE.
Da hat er Recht!

LICHT.
Ihr solltet eure Freunde besser kennen!

STIMMEN UNTER DEM HAUFEN
Löscht's Licht aus!

EIN ALTER.
Nein, laßt's brennen, Meisters, laßt es brennen! {171}

ZEHNTER AUFTRITT.

SOSIA I. Haufen von Weibern und Kindern, die ihn begleiten.

WEIBER.
Ihr Männer, ist es wahr, daß sich Amphions Wunder hier erneuen?
Man spricht hier von zwei Sosien und zweien
Amphitruonen!

SOSIA I.
Tretet näher, Alt und Jung,
Und sehet selber die Bestätigung! {172}

EILFTER AUFTRITT.
In dem nemlichen Augenblick, wo AMPHITRUON II. von der entgegengesetzten Seite auftritt, erscheint AMPHITRUON I. mit ALKMENEN und SOSIA II. unter der Hausthür.

VOLK.
Ihr Götter, zwei Amphitruonen!

EIN ALTER,
Zwei Sosien!

MÄNNER.
Wer mag von beiden
Den rechten? –

WEIBER
Wer den falschen unterscheiden? {173}

AMPHITRUON I.
(zu Amphitruon II.)
Komm, lassen wir des Volkes Urtheil freien Lauf!

EIN ALTER.
Wohlan, zählt beide eure Ahnherrn auf!

LICHT
Gevatter Tropf! Derselbe Mann,
Der oft bis drei kaum zählen kann,
Der zählt, daß männiglich sich drob verwundert,
Kömmt er auf seine Ahnherrn, oft bis hundert!

AMPHITRUON II.
Nun, Thraso, ist der Zeitpunkt da, mir Wort zu halten; {174}

Denn du versprachst mir ja, ihn, wie ein Ei, zu spalten!

THRASO.
Ja, säht ihr nur einander nicht so gleich, als wie ein Ei
Dem andern: Herr, ich hackt ihn gleich entzwei!
Doch so – sagt, wer verbürgt mir, daß mein Eisen
Nicht mag dem Freunde selbst den schlimmsten Dienst erweisen?

AMPHITRUON I.
Ich lob' es, Thraso, daß du so gelaß'nes Blut's
Hierbei verfährt! – {175}

AMPHITRUON II.
Wohlan, Thebaner, ob ihr feigen Muths,
Mich hier verlaßt, vor meines eignen Hauses Thoren:
Nicht hab’ ich selber mich und meinen Muth verloren!
Zurück Verwegener!
(indem er auf Amphitruon I. eindringt, der ihn aber kaum mit dem Arm berührt, als das Schwerdt ihm zerbrochen aus der Hand fällt.)

AMPHITRUON I.
Tollkühner, du!
Eh würdest du das blitzgeröthete Geschoß des Donnrers Händen,
Als dieses Weib hier meinem Arm, entwenden, {176}

Tret' ich sie dir nicht selbst freiwillig ab!
Was sich in diesem Haus' hier heut begab:
Es sollte dich die Götter ehren;
Es sollte, Sterblicher, dich zittern lehren!
Du aber giebst dich hin, in blinder Raserei:
Auch siehst du, Niemand dieser Männer fällt dir bei!
(in's Haus rufend.)
Doriskus, ist für's Volk das Essen aufgetragen?
Sind die Gezelt im Vorhof aufgeschlagen?
Sag, sind mit Brod und Wein und Fische
Besetzt die Tafeln und die Tische? {177}

DORISKUS.
Ja, Herr!

LICHT.
Thebaner, nun wird's klar! – Ich dächte,
Wer uns zu essen giebt –

VOLK.
Ja, ja, das ist der rechte!

SCHATTEN.
So kommt!
(das Volk mit Sosia II. Doriskus und den beiden Parasiten ab in den Vorhof.) {178}

ZWÖLFTER AUFTRITT.

AMPHITRUON I. AMPHITRUON II. ELECTRYON und ALKMENE.

AMPHITRUON I.
Du siehst, wie leicht mir's wäre, dich hier auszuschließen;
Doch sollst auch du der Gastfreiheit genießen!
(sich ihm, der indeß in düstern Nachdenken da steht, zutraulich nähernd.)
Komm, komm! Gieb ohne Groll mir deine Hand!
Ich geb' es zu – es herrscht hier zwischen uns ein Mißverstand;
Allein erheitre deine Mienen:
Das Ende jedes Irrsals ist erschienen!
Hier schwör' ich dir, bei der Olympier heil'gen Leben, {179}

Amphitruon, was du mir Schuld gegeben,
Ist ohne Grund; bald siehst du selber klar:
Alkmen', Amphitruon – lebt, ein beglücktes Paar,
In Enkeln, die noch spät in Theben wohnen;
Und mag die Fabel von den zwei'n Amphitruonen
Noch eine Fabel für die spät’ste Nachwelt seyn!
Fällt dir noch irgend ein Bedenken ein:
Befrag die alte, treue Schaffnerin!
Von dieser laß, von Anbeginn,
Wo deine Heftigkeit sie vorhin unterbrach
Wie mit der Leuchte sie getreten in's Gemach, {180}

Und was darauf erfolgte – dir erzählen:
Und Friede wird es seyn, in deiner Seelen!

AMPHITRUON II.
Wer du auch seyst, furchtbarer Unbekannter –
Ein Gott – ein Dämon – hoher Ungenannter:
Du scheinst mit jedem Druck von deinen Händen
Der Seele Innerstes mir umzuwenden!
Wie deine Stimme mir zum Herzen schallt:
Zieht Ueberredung hin zu dir mich mit Gewalt!
Du bist kein Sterblicher – dich hat kein Weib gezeugt! {181}

Alkmene, sieh den hohen Fremdling an! Er schweigt!
Was sagt dein Herz?

ALKMENE.
O, eine Ahndung fliegt durch meine Seele;
Ich darf es laut kaum vor mir selber sagen!
Noch minder wag' ich's meine Augen aufzuschlagen;
Mir ist's, ob, strahlend hell von seinem Götterhaupte,
Ein überird'scher Glanz mir keinen Blick erlaubte;
Komm, komm!

AMPHITRUON I.
Und ohne Abschied, ohne Lebewohl? {182}

ALKMENE.
(die ihm mit abgewendetem Gesichte die Hand reicht.)

AMPHITRUON I.
Geliebteste Alkmene, lebe wohl!

AMPHITRUON II.
(zu Amphitruon I.)
Der Argwohn schlägt nicht mehr mir um das Haupt die Schwingen;
Ich fühle Ruh' in meine Seele dringen:
Das dank' ich dir! –

AMPHITRUON I.
Und du, geliebteste Alkmene,
Beruh'ge ferner, durch gefällig sanfte Töne, {183}

Mir diesen neu willkomm'nen Gast,
An dem du manches gut zu machen hast!
(Amphitruon II. mit Alkmenen und Electryon ab und in's Haus.)

DREIZEHNTER AUFTRITT.

JUPITER MERKUR.

JUPITER
Jetzt komm, Merkur, das Nöth’ge drinnen aufzuklären:
Dann laß zurück uns zum Olympus kehren! {184}

MERKUR.
Die Wolken sind seit einer Stunde schon bereit:
Wir bleiben doch die Nacht im Monde heut?

JUPITER
Wir wollen sehen! Sind die Nächte heiter:
So reisen wir auch wohl noch eine Strecke weiter!
Man wird so im Olymp nach uns verlangen: –
Vom Mond zur Sonn' – eilf tausend Parasangen: –
Von dort nach Haus ist's nur noch eine kleine Station: –
So eß' ich Morgen im Olymp zu Mittag schon! {185}

MERKUR,
Gut, gut! Bestimmt ihr selbst die Reiseroute!
Ich bin versehn mit Reisekapp' und Hute,
Und einem tüchtigen Regenparasol:
Und so mag kommen denn, was kommen soll!
Ich mache mir nichts draus, wenn auch die Nebel feuchten!

JUPITER
Und Lunen geb' ich selbst ein gutes Wort, zu leuchten!
(mit Merkur ab.) {186}

VIERZEHNTER AUFTRITT.

Vorhof. Volk. DORISKUS. SOSIA II. ELECTRYON. AMYNTICHUS. DAMOKLEIA. AN DRIA. AMPHITRUON II. ALKMENE.

DAMOKLEIA.
Von da, wo deine Heftigkeit mich vorhin unterbrach,
Herr, willst du weiter hören? – Gut! Kaum trat ich in's Gemach
Mit meiner Leucht‘, und hatte jenes Wort gesprochen:
So ist der hohe Fremdling aufgebrochen!
Was immer ihn in dieses Haus geführt: {187}

Nicht hat er die Gemahlin dir berührt,
Begünstigte ihn gleich die Aehnlichkeit der Brüder!

AMPHITRUON II.
O, Damokleia, du giebst mir das Leben wieder!
Doch welch ein neuer Gast erscheint dort unserm Mahl?

VOLK.
Es ist der reiche Gutsbesitzer, Hasdrubal!

SOSIA II.
In seinen Augen glänzt ein fröliches Ereigniß! {188}

FUNFZEHNTER AUFTRITT.

HASDRUBAL. Die Vorigen. AMPHITRUON II.

AMPHITRUON II.
Was bringst du, Hasdrubal?

HASDRUBAL.
Herr, ein Verzeichniß
Der schönen Wälder, Wiesen, Triften, Heerden,
Die dir in Zukunft angehören werden!

AMPHITRUON II.
(erstaunt.)
Wovon? {189}

HASDRUBAL.
Ei nun, von deinem neu erstandnen schönen Landgut,
Wofür du gestern mir durch Sosia
Das Geld hier richtig zugeschickt! –

SOSIA II.
Durch Mich?

HASDRUBAL.
Gebrauch nun dies Geschenk der Götter mit Gesundheit!

AMPHITRUON II.
Ja – ich versteh' euch – ein Geschenk der Götter!
Doch sieh, was naht sich dort uns für ein zweiter Bothe?
Sein Antlitz glänzet, wie vom Morgenrothe! {190}

SECHSZEHNTER AUFTRITT.

Die Vorigen. MERKUR, in seiner wahrer: Gestalt, mit einem Caduceus in der Hand.

SOSIA II.
Du, wie Unsterbliche, so schön und jung:
Wer bist du?

MERKUR.
Sagt dir das nicht böse Ahndung?
Ich bin Merkur – und dieser Stab:
Er führt die Todten mir zur Unterwelt hinab!

SOSIA II.
Du hast mit diesem Stab mich heuť zu oft berührt, {191}

Als daß die Frage dir befremdend schien,
Ob ich, noch lebend, oder todt, hier bin?

MERKUR.
Noch leb'st du! Lebend will ich dich zu Pluto führen,
In's alte Hundehaus des Cerberus!

SOSIA II.
Ein dunkler Weg!

MERKUR.
Damit uns Licht nicht fehle,
Will ich den Götterfunken deiner Seele,
In der Laterne, hier als Tocht verbrauchen! {192}

LICHT..
Der trübt gewiß das Aug‘ dir nicht durch Rauchen!

SOSIA: II.
Was aber hab' ich dir gethan,
Herzallerliebtester Merkur, sag an!

MERKUR.
Du hast dem Donnerer sein Silberzeug gestohlen!

SOSIA I.
(der die Gefäße auspackt, und auf den Tisch stellt.)
Ei, ich restituir's, wenn er es so befohlen! {193}

MERKUR.
Zu spät! Mit deiner Haut hier will ich Charons Segel flicken!

SOSIA II.
Thu's nicht! Die geht bei'm ersten Windstoß dir in Stücken:
So mürb ist die von Prügeln – sieh doch nur!

MERKUR
Aus deinen Sehnen will ich eine Angelschnur
Zusammendrehn, und feurige Muränen
Mit deiner Leber im Cocyt mir fischen!

DIE WEIBER.
Erbarmen du, der Maja schöner Sohn, {194}

Mit diesem Knechte des des Amphtruon!

EIN ALTER.
Ein neues Wunder, sieh! ein Donnerschlag
Aus heitrer Luft! – Der Adler Jupiters unschwebt das Dach –
Gerüstet in den Klauen trägt er das Geschoß,
Womit die Schuldigen er straft – und dort
Erscheint der Vater selbst, der Himmlische! {195}

SIEBENZEHNTER AUFTRITT.

Die Vorigen. JUPITER in Wolken.

DIE MÜTTER.
(ihn ihren Kindern zeigend.)
Der ist's, durch den die Linsen und die Bohnen wachsen!
Strecket eure kleinen Hände, allerliebste Kinder, aus!
Rufet: Dank dir für die Linsen, Dank dir für die Bohnen, aus!

EINIGE
Dank der Linsen!

ANDERE
Dank der Bohnen! {196}

NOCH ANDERE.
Dank der schönen Opferkuchen!

CHOR VON WEIBERN UND KINDERN.
Dank, für Alles Dank, was heute noch mein Mund hier wird versuchen!

MERKUR.
Still doch, ihr Weiber da, mit euerm ewigen
Gedank und Dankgeschnatter! Meint ihr denn,
Es seyen Euch die Götter etwa ähnlich,
Und daß sie auch nicht hörten, wenn man ihnen {197}

Dasselbe Ding nicht hundert Mal auch sagte?

EINIGE
Pah! Du, der Maja Sohn, was kümmert's dich?

ANDERE.
Gilt unser Dank doch keiner niedern Gottheit!

NOCH ANDERE.
Thebanerinnen darf man auch den Mund verbieten!

JUPITER.
Ihr Weiber, still! {198}

MERKUR.
Schon gut, daß dir ein Mal die Ohren auch geklungen!
Denn warum hast du, uns zur Qual,
Auch aus des Donners Material,
Geschaffen einst die Weiberzungen!

EINER AUS DEM VOLK.
(zu Lichten, der allein stehen geblieben, indeß die Andern umher alle knieen.)
Nun, Licht, läßt du nicht auch dem Dank auf Knieen seinen Lauf?

LICHT.
(der sich unbehülflich dazu anschickt.)
Gern, gern, Thebaner! Aber sagt mir nur, wer hilft mir wieder auf! {199}

JUPITER.
Laßt ab, Thebaner, mir zu danken! Schon genug
Empfing ich hier des Dank's; und Dank, wofür
Ich keinen hinzunehmen Willens bin.
Es hat uns so beliebt, einst den Olymp
Verlassend, hier Alkmenen zu besuchen,
Die Hellas Ruhm sein schönstes Kind uns pries:
Ich kam – ich sah – ich fand weit mehr, als ich gesucht:
Nun – daß ich wieder gieng, so wie ich kam; {200}

Daß ich Alkmenens stille Bitt’ erhörte,
Ihr nicht des Hauses schönen Frieden störte –
War wohl natürlich – konnt' ich minder thun?
Was ist hierin geschehn, was Dank verdient?
Fürwahr, kaum etwas, der Erwähnung werth!
(gegen Alkmenen.)
Nein, keinen Dank, auch du, geliebt’ste Tochter!
Erinnert je zuweilen Euch des Gastfreund's,
In künftiger Entfernung! Noch ein Mal {201}

Gehabt euch wohl Amphitruon, Alkmene!
(gegen das Volk)
Und ihr gedenkt der Bohnen und der Linsen!

Ein zweiter Donnerschlag.
(Jupiter verschwindet.)

MERKUR.
Mein Auftrag geht nun gleichfalls hier zu Ende,
Und zweifach geb' ich nun zurück in deine Hände,
O, Sosia, was ich dir heut gestohlen,
Hier zwei Gurt', und hier zwei Sohlen;
Hier zwei Füß', und hier zwei Ballen; {202}

Hier zwei Schuh', und hier zwei Schnallen –

SOSIA II.
Auch zwei Weiber?

MERKUR
Nein, faß Muth! 's bleibt bei einer!

SOSIA II.
So ist's gut!


Ende des Amphitruon.