1806.  No. 66.

Elysium und Tartarus.

Zeitung für Poesie, Kunst und neuere Zeitgeschichte.  

Mittwoch, den 3. September.

Anekdoten, Urtheile und Charakterzüge Herders.
Von einem Freunde des Verewigten.
Weltmasken. Herders Ansichten davon. „Deus est anima Brutorum" sagt ein Alter. Herder konnte, als ich einst mit ihm über den Instinkt sprach, den Ausspruch des Tristram Schandy „Die Welt ist ein Sensorium der Gottheit" auf den er verschiedenemal zurück kam – immer nicht schön genug finden. – Auch in der Calligone sind mehrere Stellen, die auf diesen Naturidealisinus bestimmt hindeuten. Eben so in seinen Ideen zur Geschichte der Menschheit. Sein Glaube an Fortdauer nach dem Tode, war ebenfalls von idealer Art: „die Erinnerung meiner ganzen Existenz zu Weimar, bis auf Peter Pauls Kirchhof, in jene Welt mit herüber zu nehmen, würde für mich wenig tröstend seyn," sagte er einst, in einem vertraulichen Gespräch. Doch wurde er böse, wenn Jemand, aus materialistischen Gründen, die Unsterblichkeit der Seele wegläugnete. „So betrachten Sie also, sagte er einst zu einem Solchen, in meiner Gegenwart, voll edeln Zorns, den großen göttlichen Geist in diesem Universum, wie ein Kind, das ewig Kartenhäuschen baut, und sie sodann spielend wieder einreißt!" Er glaubte also an Unsterblichkeit; nur nach einem großen, hoch idealem Maßstab. Schellings Weltseele, wo er Manches von seinen Ideen wieder fand, hatte er gleich, nachdem dieses Buch heraus kam, mit Vergnügen gelesen, Mehrmals klagte er mir empfindlich: „daß es ihm abhanden gekommen sey, daß er es an Jemand verborgt habe, er wußte nicht an wen, und es nun nicht wieder zurück kriege." Fichtes ideale Einseitigkeit, oder die Kunst im Ich selig zu leben und zu sterben, war dagegen weit weniger nach seinem Geschmack; daher er denn auch die Anhänger dieser Lehre, wenn sie ihm, was häufig geschah, von Jena aus besuchten, gemeiniglich nur, nach einem scherzhaften Ausdruck Wielands, Fichtlinge zu nennen pflegte.
Ueber nichts konnte Herder böser werden, als wenn Jemand Ramlern als Dichter präkonisirte. Er wollte ihn durchaus für nichts weiter, als für einen guten Versifikateur gelten lassen. Als daher Jemand einst, zum Beweis von Ramlers Dichtervermögen, die Stelle aus dem Tod Jesu anführte:

„Er ist nicht mehr, so sage
Ein Tag dem andern Tage,
Der Ewigkeiten Nachhall klage,
Er ist nicht mehr!"

und Herder denn doch nicht läugnen konnte, daß sie wirklich poetisch schön sey: nahm er nach seiner Art seine Ausflucht zur Persiflage, die ihm fast immer zu Gebot {266}

stand, und behauptete: „daß es eine völlig tolle Idee sey, die Ewigkeit darüber, daß Gott tod sey, klagen zu lassen." Denn, fuhr er fort, „wenn Gott erst tod ist: so soll auch wohl der Ewigkeit das Klagen vergehen." –

Herders Urtheil von Göthes natürlicher Tochter.
Von unserm Göthe bemerkte Herder: er ideisiere häufig, wo er idealisieren sollte; d. h. er stelle mehr eine schöne Idee der Natur, als ein Ideal der Kunst dar. Er verglich ihn in dieser Hinsicht oft mit Raphael. Dennoch schätzte er ihn außerordentlich hoch, und wo von gebornen Dichtern geredet wurde, nannte er ihn übers dritte Wort. Schon den Michael Angelo, als Maler, konnte Herders liebevolle Seele schlechterdings keinen rechten Geschmack abgewinnen. Es war ihm Alles zu wild, zu angestrengt. Fast eben so ging es ihm mit Schiller, dem Poeten. „Göthe, pflegte er oft zu sagen, zeichnet mit einem feinen Silberbleistift; Schiller aber einen Farbenquast, womit er die Farben links und rechts unter die Zuschauer umher sprützt. Ich glaube wohl, was die Leute mir sagen, daß sie an Göthes natürlicher Tochter keinen sonderlichen Gefallen finden. Ich betrachte dieses Stück, als eine stille, unter Einwirkung der größten aller Zeitbegebenheiten, in des Dichters ruhigem Busen gereifte schöne Frucht. „Packt Euch!" möcht' ich zu dem jetzigen Publikum sagen, das überall nichts goutiren kann, als wo es geschüttelt und gepackt wird." Als Jemand die weiblich eitle Neigung zum Putz an Eugenien, besonders in der Spiegelscene, mit heftigen Worten tadelte, und bemerkte: „daß dieß gerade in den Moment falle, wo ein großes Schicksal, sie zu ergreifen, in ihrer Nähe, schon unschlüßig auf und abgehe" sagte Herder sehr schön: „Eben das sey das Rechte, und wofür er Göthen loben wollte: diese schöne Sorglosigkeit erinnere ihn an jene des Kindes, in der griechischen Anthologie: „es schlafe, oder spiele unten ruhig unter Blumen fort, während der Fels schon hereinhänge, der es mit seinen Fall zu begraben drohe."
Auch in der Braut von Messina konnte die Art, wie der Chor immer von Vielen zugleich deklamirt wird, Herders rein ästhetischem Gefühl nie Gefallen erwecken. Er klagte vielmehr über pathologische Wirkungen, die, anstatt pathetischer, der Chor in ihm hervorbrachte. Das Ganze nannte er, und wie mich dünkt mit Recht, eine Prätension auf Takt, die immer nur verspricht, aber nicht hält. Einige Tage, nach der Aufführung dieses Stücks, speisten wir Abends zusammen. Als wir alle recht lustig waren, schlug Herder, der gesellschaftliche Spiele liebte, Messinasche Leberreime vor, und brachte selbst einige aus, wovon einer, wo ich nicht irre, also lautete:

„Denn die Dichtkunst wohnt überall,
Wo der Reim nicht hinkommt, mit seinem Schall."

der dann zur großen Belustigung der Anwesenden, im beliebten Unisono, von Allen Chorartig deklamirt wurde. Von der Jungfrau von Orleans hatten Herder die 3 ersten Akte, wie er versicherte, in eine begeisternd schöne Stimmung versetzt: „von der Krönung von Rheims an aber und dem Auftritt vor der Kirchthür, wo der visionaire Vater Thibaut seine Tochter als Hexe anklagt, gerathe der Traum etwas in Stecken, und dem müsse er es zuschreiben, daß es auch mit seiner Theilnahme an dem Stück nicht mehr so recht fort wolle. Schiller verliere hier völlig den dramatischen Faden, und suche dafür ein Spinngewebe anzuknüpfen: er verfalle so, in Rücksicht auf Motive, in seine alte chimärische Unart, die man ihm schon in den Räubern, beim Don Carlos und anderswo zu gut halten müssen." Auch schrieb Herder, gegen diese neue poetische Methode, mit dem Motiv des Wunders, Wunder in der Dichtkunst zu wirken, und sich die Sache so, durch Aufhebung des und der Zeichnung, leicht zu machen. Statt das Mangelhafte dieser Manier einzusehen, glaubten die Jüngerlein vielmehr, daß sich eine neue Aera der Kunst von ihr datieren würde. (Siehe H. unvergleichlich schön und tief durchgeführte Zergliederung Macbeths.) – –
„Ueberhaupt, pflegte Herder zu sagen, wenn man fast alle Schillerschen dramatischen Figuren nur ein wenig mit Aufmerksamkeit betrachte, so werde man bald gewahr, daß den meisten hier oder da ein Glied, ein Bein, ein Auge, oder ein Gelenk fehle, und daß ihr Schöpfer, anstatt wie Gott der Eva eine Rippe einzusetzen, es sich im Gegentheil nicht übel nehme, wenn er ihnen auch hier und da ein Paar Rippen hinein mahlte. Daher denn auch viele von seinen Personen – besonders auf dem Theater und wenn es zur Aufführung käme – denn im Buche merke man es nicht so – weder recht gehn, noch stehen wollten."
Sonntagsthee bei Herder. Nichts in der Welt war amüsanter, als ein Sonntagsthee bei Herder hinter St. Peter und Pauls Kirchhof, in der Superintendentur. So gemischt, zahlreich und bunt war hier oft die Gesellschaft, die man beisammen traf, daß man zuweilen nicht wußte, wo man mit dem Gespräch anfangen, und wo man aufhören sollte, ohne bei Jemand anzustoßen Der ehrwürdige Senior des deutschen Parnaßes Wieland, aus Osmanstadt, der vortreffliche Mounier aus Belvedere, und ein Paarmal zum Besuch kommend sogar Schlegel aus Jena, {267}

der damals an seinem Shakespear übersetzte und Tiek, der bei ihm im Hause wohnte, und seine Genoveva und sein poetisches Journal ausarbeitete; außer dem der Oberkonsistorialrath Böttiger aus Weimar, Dk. Merkel, Prof. Meyer, Falk, Jean Paul: kurz man kann sagen, daß Himmel und Hölle, Freimüthiger und Elegante, Elysium und Tartarus, mit einem Wort, alle Partheien des Parnasses, alle Elemente, die seitdem am Horizont der deutschen schönen Literatur, die Kreuz und Queer, geblitzt und gedonnert haben, hier noch friedlich sich um eine Theemaschine versammelt hatten. Der Thee kochte – und bei Vielen kochte es auch:

„Denn weß das Gefäß ist gefüllt,
Davn es sprudelt und überschwilt."

Daß es nicht völlig überkochte, dafür sorgte Herders Universalität, die Allen gerecht war, Jedem wenigstens zu einer oder der andern angenehmen Sensation sich anpaßte. Er glich, so zu sagen, als Wirth dieses Thees, dem universellen Geber des Weltalls, der bei dem allgemeinen Gastmal der Dinge, im Ideenbild des Menschen, auch die verschiedensten feindlichsten Kreaturen um einen Tisch versammelt, und Paar für Paar an Kouverten neben einander sitzend, zum Speisen, Essen und Trinken nöthigt; wo es denn freilich nicht darohne abgeht, daß die diversen Masken einander nicht auch diverse Gesichter schneiden sollten; aber es unterbleiben doch wenigstens die groben Exzesse. Dadurch ist nun zwar die Verlegenheit der Unterhaltung, in diesen Abendthees, einigermaßen verringert, aber keinesweges aufgehoben worden. Wovon sollte man auch sprechen? Etwa von den Fehlgriffen und Mängeln der ersten französischen Nationalversammlung? Behüthe! Das hätte unser Mounier aus Belvedere mit Recht übel genommen: oder von den Schönheiten der göttlichen Genoveva? Da hätte der in solchen ästhetischen Punkten unerbittliche Doktor Merkel, der als Kritiker die Hirschkuh für seinen Tod nicht ausstehen konnte, gewiß bedenklich den Kopf geschüttelt: oder von dem Athenäum? das wäre unhöflich gegen den humanen Wirth und zugleich gegen den ehrwürdigen Wieland gewesen: oder vom Prinzen Zerbino? Nein, da hätte Falk; oder vom gestiefelten Kater? da hätte Böttiger protestiert. Man konnte also in diesen Abendgesellschaften über Alles sprechen, ohne anzustoßen; nur nicht über Politik, oder über Poesie, oder über Philosophie, oder über die neue Aesthetik. Dieß erinnert an die berühmte Vergünstigung einer deutschen Regierung, die von derselben einem geschickten Ingenieur ertheilt wurde. Man erlaubte ihm nämlich Landcharten, im.. schen Territorio aufzunehmen; bloß mit der kleinen Bedingung: daß alle Berge, alle Wälder, alle Flüsse, alle Städte und alle Dörfer daraus wegbleiben sollten. So sehr durchkreuzten sich damals die Meinungen am deutschen Parnaß: daß, wenn ich Montags Abends, in meinem Logis, auf dem Markt, am Fenster stand, und das wöchentliche Leipzig-Packet, gegenüber in der Buchhandlung, ankommen sah, ich auch immer ganz sicher darauf rechnen konnte, daß ein kleines Cadeau für mich, oder einen andern Herrn aus der Abendgesellschaft mit dabei war.

Korrespondenznachrichten aus Schlesien.
Spieler – Theater zu Warmbrunn. Durch Krieg verscheuchte Badegesellschaft.
Warmbrunn, den 19. August.
Der Glanz des hiesigen Bades scheint für diesen Sommer vorüber, und hat im eigentlichen Verstande ein Ende mit Schrecken genommen. Ein Kriegsgerücht, über dessen Grund oder Ungrund sich noch wenig sagen, aber desto mehr radotieren läßt, trieb vor einigen Tagen fast alles auseinander. Heilloser Dämon der Zwietracht, welches Unheil hast du auch hier wieder angerichtet! Wie manches in der Einsamkeit bleich gewordene Mädchen hast du mitten im Laufe ihrer schönsten Erfahrungen aufgehalten; wie manche hier den Segen der Ehe erhoffende Dame, in den betrübten, unfruchtbaren Kreis ihrer häuslichen Beschäftigung zurück verwiesen? Wie mancher leichte Vasall des Königs Pharao muß auf die Versprechung, womit dieser mächtige Monarch seine treuen Dienste belohnte, nunmehr so gut Verzicht leisten, wie Ferdinand der IV. auf Neapel? Doch wozu die ausführliche Spezifikation alles aus dem plötzlichen Kriegsgerüchte entstandenen Unglücks, die ich heute schwerlich würde enden, und Sie sich doch so leicht selbst ausführen können.
Trotz dem unmäßigen Abgange von Badegästen, ist indessen noch nicht alles Leben in dieser freundlichen Gebirgsgegend vertilgt. War doch der eigentliche Glanz des Bades ohnehin nicht weit her, weil ihn ein steifer, ungeselliger Ton ziemlich ungenießbar machte. Mögen die Sterne auf den Kleidern sich immer verlieren, wenn mir die Sterne am Himmel sichtbar bleiben, und das sind sie, die ein vierzehntägiges Regenwetter verscheucht hatte, seit gestern wieder. Ich denke sie, wenn es heiter bleibt, diesen Abend mit einigen Freunden aus den Ruinen des Kynasts zu sehen, dessen nun so lange schon ausgestorbene Eitelkeit ihrer stille Größe einen sehr erfreulichen Kontrast gegenüber stellt.
Als einem Freunde des Theaters muß ich Ihnen, ehe ich schließe, wohl noch von der Truppe ein Paar Worte sagen, welche viele der Warmbrunner Badegäste fast alle Abende nach der nahen Stadt Hirschberg lockt. Der Unternehmer heißt Falter und spielt, außer den Som- {268}

mermonaten, die er dieser Stadt widmet, in Glogau und Liegniz. Wenn ich nicht irre, soll er auch vor kurzem Erlaubniß erhalten haben, in der Oberlausiz seine Kunst zu produziren. Bei den Dekorationen seines Théàtre portatif, hat der Maler gemeiniglich der Einbildungskraft des Zuschauers noch einen weiten Spielraum übrig gelassen, und der Maschinist scheint sehr geneigt, ihn hierin zu unterstützen. Unwandelbar hängt ein ewig klarer Himmel in die Zimmer herein, wie über den freien Plätzen, damit, wie man glaubt, die Schauspieler immer ein heiteres Jenseits vor sich haben, welches die geplagten Leute für das magere Dießseits entschädigt, indem sie fast alle Tage auf die Breter müssen. –
Wenn auch die Gesellschaft in der Regel das Tragische allzu tragisch darstellt, so hat sie doch manches komische Talent, das sich auf berühmteren Theatern vielleicht nicht heraus wagen würde, weil die elegante Welt seit langer Zeit schon alles kräftig, und grotesk Komische, mit ihrem blasonnierten Interdikt, belegte.
Ein gewisser Herr Kürzel zeigt treffliche Anlagen, ein Bassist, Herr Zumpe ebenfalls, der Direkteur selbst, und mehrere. Mit Schauspielerinnen ist diese Gesellschaft im Ganzen fast noch besser versehen. An Kindern fehlt es ihr auch nicht. Bei Madame Faller, die recht brav singt und spielt, fängt sogar eins an, eine freilich hier und da etwas zu präponderante Rolle mitzuspielen, und sich manchmal, bis zur ironischen Ungebühr, einer jungen Unschuld anzuhängen. Die Sache von einer andern Seite angesehen, könnte man auch wohl sagen, daß unter gewissen Umständen die andern Umstände, wo sie einträten, eben den höchsten Grad der Unschuld bezeichneten, z. B. wenn eine so kondizionirte Aktrize eine Gurli, Natalia, oder dergleichen macht, und dabei ein Langes und ein Breites von Unschuld, Tugend u. s. w. perorirt? Das hieße denn die Unschuld vor lauter Unschuld verloren haben, und das non plus ultra der sogenannten Naivetät aufs glücklichste vor sich hertragen. –
Außer Madam Faller, die, ohne allen Scherz, meistentheils ihre Rollen mit echter Laune ausführt, bildet sich Demoiselle Vogt für muntere Charaktere, ob sie schon dem Pagen in den Pagenstreichen noch nicht ganz gewachsen war.
Dem Unternehmer muß man eine gute, für seine Gesellschaft und sein Publikum passend Wahl der Stücke zum Ruhme nachsagen. Die Opern machen die Hauptache aus, doch unterläßt er auch nicht, durch christlich moralische, rührende Piecen, von Zeit zu Zeit Mitleid zu erregen.
Nächstens vielleicht mehr aus einer andern Gegend.

Miscellen.

Der Gockelhahn a la Nelson. (Aus The naval Chronicle June 1806.) Auszug eines Briefes von einem Offizier aus Admiral Duckworth's Flotte, nach der Seebataille bei St. Domingo. „Noch muß ich Ihnen gleichfalls eine interessante Anekdote von einem englischen Gockelhahn mittheilen. Sie sollen wissen, mein Freund, daß auf dem hintern Verdeck des Superbe, mit dem wir die Passage von Jamaica herüber machten, ein großer hölzerner Verschlag angebracht war, der zum Magazin für die Waffen und nebenbei auch zur Hühnersteige diente. Was geschieht? In der äußersten Hitze des Gefechts, schlägt eine Kanonenkugel, aus einem tüchtigen, französischen Zwei und vierzig Pfünder dort ein, und richtet sowohl, unter unsern alten Armaturen, als unter unsrer Hühnerequipage, einen verteufelten Rumor an. Haken, Muskedonner, Bajonette sieht man, in allen Richtungen, auf dem Schiffe umher fliegen. Mit einmal und mitten aus dieser schrecklichen Kriegsverwirrung, tritt der Held des Tages, unser mächtiger Gockelhahn, der nun den Mund der Fama, eine Ewigkeit hindurch beschäftigen wird, aus Rauch und Dampf und Trümmern hervor, fliegt auf einen Bramsteng und läßt dort im Kugelregen klarinettenmäßig seine Trompete erklingen. Wir hören und neuer Muth belebt das Gefecht. Es ist der Hahn Odins, der den Galliern den Tod kräht. Indem – krack – ein zweiter Kanonenschuß; der Bramsteng zu seinen Füßen reißt auseinander; er schüttelt sich, fliegt etwas vorwärts, aber bleibt seinem Posten. Wieder und wieder beginnt er hier sein ermunterndes Hahnengeschrei, und mitten durch sausendes Kugelgetöse, vernimmt es Jack Tar, zu dessen Ohren es freudig hindurch dringt." So wunderbar diese Begebenheit: so ist sie doch in der englischen Marine nicht neu. Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich auf dem Marlborough, an merkwürdigen 1. Junius 1794, wo ein Gockelhahn sich ebenfalls auf das rühmlichste auszeichnete. Unser Gockelthhn verdient aber dennoch vor Jenem den Vorzug, aus dem zwiefachen Grunde: jener blieb heil und ganz in der Bataille: bei dem unsrigen aber fand sich, nach der Affaire: daß er nicht nur wie Nelson ein Auge eingebüßt, sondern auch mehrere Kontusionen an seiner Figur bekommen hatte, und dennoch muthig krähend und flügelschlagend auf seinem Posten geblieben war. Unser Schiffsvolk war darum auch ganz außer sich mit diesem Gockelhahn. – Es nannte ihn den kleinen Helden vom Ganges, und erdrückte ihn fast mit Liebkosungen. Auch schmückte es ihn aufs Schönste mit Schleifen, Bändern und Kokarden, und im Rathe des Schiffskoches ward einmüthiglich beschlossen, daß dieser Heldenhahn nie den Tod des gemeinen Federviehs sterben sollte. Seit diesem Tag spaziert er stolz auf dem Verdeck herum, und scheint, indem er unter dem vor Freuden halbnärrischen Schiffsvolk, von Hand zu Hand herum geht, sich seiner Unsterblichkeit ordentlich bewußt zu seyn.
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Fr. Aloysius, Reichsgraf v. Brühl, der bekannte deutsche Lustspieldichter Sohn des prachtliebenden Sächsischen Ministers, des Namens, verstand die Kunst des Schlafs, ohne Schaden, mehrere Nächte hindurch zu entbehren; oft schlief er aber auch dafür gleich einige Tage in einem fort, gleichsam auf Vorrath. In seinen Lustspielen warf man es ihm vor, daß er obgleich in der großen Welt geboren, dennoch so wenig die große Welt schilderte, und weit lieber in der Darstellung niedriger Naturen sich zu gefallen schien. Ob Brühl vielleicht auch aus Erfahrung wußte, was Göthe sagt, daß man das gemeiniglich die große Welt nenne, die „auch nicht den kleinsten Stoff gibt zu dem kleinsten Gedicht?“