Der Mensch
eine Satyre
frei nach Boileau
von
J. D. Falk
Leipzig
in der Sommerschen Buchhandlung
1795.
Der Mensch,
eine Satyre
Von allem, was auf diesem Erdball kreucht,
Brüllt, bellt, yaht, blökt, kräht, schwimmt, schwebt und fleucht,
Von Peru bis Paris, vom Donaustrom
Bis an die Spree, von Japan bis gen Rom,
Im Ocean, im Erd- und Luftrevier,
Bist du, o Mensch, das lächerlichste Thier. –
„Wie? was? erwiedert ihr, ein Sumpfinsekt,
Das kaum zur Hälfte lebt, in Rohr versteckt,
Die Ziege, die dort mekkert, jener Stier,
Der wiederkäut, soll weiser seyn als wir?“
Was fragt ihr mich? es ist nun einmahl so;
Und glaubt ihr's nicht, so seht in Boileau,
Da steht es klar, ich übersetze nur. –
Wie? ist der Mensch nicht König der Natur, {4}
Und ihr Gebieter? Sprich! wem rauschen Bach und Hain?
Wem duften Wies' und Feld? Wem blinkt der Wein?
Wem leuchten Sonn' und Mond am Sternenplan?
Sind ihm nicht alle Thiere unterthan?
Der Elefant, das grimme Panterthier,
Der Leu, sprich! haben sie Vernunft, wie wir?"
Ihr Herren, nein! Doch eben draus, verzeiht,
Mach' ich den Schluß – ihr seyd nicht recht gescheid.
Ich merk‘ es wohl, die ehrenwerthe Zunft
Heischt den Beweis. Sehr gern! Was heißt Vernunft?
„Sie ist der Götter erstgebornes Kind,
Sie leitet durch des Lebens Labyrinth
Den Sterblichen, führt ihn durch a plus b,
Ein Fernrohr in der Hand, zur Sternenhöh. –
Mit abgemeßnem Schritt, wie ein Dekan
Die breterne Kathedertrepp' hinan
Pathetisch schreitet, wallt der Kandidat
Der Geisterwelt den düstern Erdenpfad.
Er wird Magister septem artium,
Ihm öffnet sich ihr hehres Heiligthum.
Er schreitet weiter, sieht dein Arsenal,
Philosophie, die Logik und Moral.
Dort prangt das dialektische Geschoß
In numerirten Büchsen, klein und groß.
Schau! Panzer, Pfeile, Waffen aller Art,
In Duodez, in Folio und Quart! {5}
Für jede Wallung im Geblüte hat
Man scharfe Syllogismen hier parat.
Er greift nur zu, wenn ihn Verführung winkt.
Was hat das Thier?"
Ihr Herren, den Instinkt.
Seht, wenn die Frucht der goldnen Aehre reift,
Wie hin und her die kleine Ameis' läuft,
Und ämsiglich den Wintervorrath häuft!
Das Laub wird gelb, der rauhe Nordwind pfeift
Durch's Stoppelfeld, die Saat starrt überschneyt:
Da sitzt die Kleine da in stiller Einsamkeit,
In sich geschmiegt, durch eine Felsenbucht
Geschirmt, und labet sich an goldner Sommerfrucht.
Saht ihr, daß sie sich je dem Müssiggang
Ergab, wenn auf dem Feld die Sichel klang?
Nahmt ihr sie je im rauhen Januar
In Eis und Schnee nach Speise wühlend wahr?
Nein! nur der klügre Mensch lebt oft in Saus und Braus
Als Jüngling, schleicht als Greis halbnackt von Haus zu Haus. –
Ja unabänderlich ist das Verbot
Des mächtigen Instinkts. Die Taube wählt den Tod,
Eh dem Instinkt zum Trutz sie sich von Fleisch ernährt;
Vor einem Eimer Wein verschmachten Stier und Pferd;
Verhungern wird der Hund vor einem Bündel Heu;
Die Alpengemse stirbt vor einer Schüssel Brey. {6}
Wie klüglich kennt sein Maaß ein jeglich Thier
In Speis und Trank, in jeglicher Begier!
Diane frißt sich satt, zum Uebermaaß vermag
Sie weder Drohung noch der Peitsche Schlag.
Nur bloß der edle Mensch verschwelget seine Kraft,
Reizt die Begierden noch, wenn die Natur erschlafft,
Verbrennt sein Blut durch beizendes Liqueur,
Spannt Segel aus, holt sich aus Luft und Meer
Und Wasser seinen Tod, verpraßt sein Mark,
Und lechzt noch nach Genus mit einem Fuß im Sarg.
Und dennoch giebt er Hirngespinnsten Raum,
Und wiegt sich selbst in eitler Hoheit Traum.
Nur er, wofern ihr seinen Worten glaubt,
Er ist der ganzen Schöpfung Oberhaupt,
Der Erstling, ja der König der Natur;
Der zehnte Himmet dreht für ihn sich nur
In seinen Angeln; unterwürfig weicht
Ihm jeglich Thier. „Wer läugnet's?" Ich vielleicht.
„Scherz!" Hört nur! Posito, es liegt ein Bär
Vor seiner Höhl‘ und brummt; da kömmt den Waldpfad her
Der König der Natur: was meint ihr, was geschieht?
Nicht wahr? der zottige Vasall entflieht?
Ey ja! warum nicht gar? die Majestät
Der Schöpfung läuft, bis schier der Athem ihr vergeht. –
Warum vertreibt er nicht aus Libyens Revier
Den Löwen und das grimme Panterthier? {7}
Er ist Monarch, es käm auf ein Edikt nur an!
Ist's wohl erlaubt, daß ihn sein eigner Unterthan
In seinen Bauch vergräbt; daß Schlang' und Skorpion
Ihm jeden Augenblick mit giftgem Stachel drohn;
Daß von dem Rosse bis zum winzigsten Insekt
Aufsätzig Alles ihn sticht, beißt, frißt, schlägt und neckt?
Allein es sey! ihm fröhne jeglich Thier!
Er herrsche unumschränkt nach Wahl und Kühr!
Er zeichne stolz den Sternen ihre Bahn!
Sprich! dieser König, der, von eitelm Wahn
Berauscht, die Schöpfung im Triumph aufführt,
Von wie viel Königen wird Er tyrannisirt!
Von Habsucht, Ehrgeiz, Haß mit Ketten centnerschwer
Belastet, rasselt er als Sklav einher.
Kaum kräht um Mitternacht zum zweytenmahl der Hahn,
So klopft auch schon der Geiz vor seiner Thüre an.
„Holla!" – „Wer klopft da?" – „Ich, der Geiz." – „Was soll ich?" –„ Zieh
Dich an!" – „Ach laß mich! – „Auf!" – „Es ist noch gar zu früh." –
„Thut nichts!" – „Ich schlaf' so süß!" – „Das Thor ist aufgethan,
Die Wagen rollen schon, flugs zieh dich an!" –
„Ich hör' ja nicht, daß schon ein Kaufmannsladen knarrt;
Was soll ich denn so früh?" – „Im Hafen liegt zur Fahrt
Ein Frachtschiff fertig da, der Wind ist günstig: spann {8}
Die weissen Segel auf! durchstreich den Ocean!
Hol Gold von Peru her, von Japan Porzellan,
Von Goa Pfeffer; halt an Rußlands Küsten an,
Und feilsche Wallfischrippen, Korduan
Und Thran!" – „Allein wozu? Sprich, was mir Reichthum soll!
Ich schwimm' im Ueberfluß hab' alle Kasten voll." –
„Wozu? Das fragst du noch? O Thor, des Goldes hat
Man nie zu viel: Gold ist das grosse Rad
Der Weltmaschine. Gold zu häufen, scheu
Nicht Meineid, nicht Verrath; schlaf auf der harten Streu;
Wach bis zur Mitternacht; spring auf, so bald es tagt;
Behilf dich ohne Knecht, und zähle deiner Magd
Die Kaffeebohnen zu; statt Licht dampf‘ Oel
In deinem Kämmerlein; friß Gerstenmehl;
Trink Kofent; stiehl durch Schlagbaum dich und Thor
Mit Konterband; beschneide Louisd'or!
Und bögen unter deinem Vorrath gleich
Der Speicher Balken sich, und wärst du reich
Wie Lydiens Beherrscher und Galet –
Ein Schemel und ein Tisch, dieß sey dein Hausgeräth.
Und ehe du im Hohlweg rund bedräut
Von Meuchelmördern ihnen einen Deut,
Den Mordstahl abzuwehren, reichtest, heut
Viel lieber deine Brust!" – Und diese Sparsamkeit,
Fragst du erstaunt, wozu? Thor, daß dereinst dein Sohn {9}
Sich seines Vaters schämt, am Fürstenthron
Sich Ahnen bettelt, stolz aus Gold und Silber speist,
Nach Piemont zur Frühlingskur verreist,
Auf Maskerad' und Ball mit Sechsen fährt,
Und Abends das Gedräng' am Opernhause mehrt,
Mit Pergamenten prunkt, Champagner schlürft,
Mit Einer Karte Tausende hinwirft,
Und was in Jahren du erwuchert hast,
In Einer Nacht mit Danaen verpraßt. –
Was ist zu thun? Schon schwellen an der Luft
Die Segel ausgespannt, der Schiffer ruft ...
Beglückte Fahrt!
„Vermaledeyter Geiz!"
Ruft dort ein Krieger, von dem Götterreiz
Der Ehre trunken. Horch! die Kriegstrommete,
Die Trommel schallt; da fliegt ihm edle Röthe
In's braune Antlitz. Wo Kanonendonner brüllt,
Auf Leichen thront der Ruhm. Er stürzt zu Roß sich wild
Dorthin, wo tausend Federbüsche wimmeln,
Und läßt für sein Phantom sich tödten und verstümmeln.
Wie herrlich, wenn's im Zeitungsblatte heißt:
„Mit Löwenmuth focht General von Kleist;
Prinz Waldeck hat den rechten Arm verloren;
Dem Prinzen Koburg sausten bey den Ohren
Zwey Kugeln hart vorbey; den braven Szekeli
Traf eine Kugel grade unter'm Knie. {10}
Von beyden Seiten ward viel Blut vergossen;
Dem Feldzeugmeister ward der Hut durchschossen,
Und Fähnrich Schmidt, falls er die rechte Hand
Noch künftig brauchen kann, wird Lieutenant."
Giebt es was Göttlichers, als zu sich selbst zu sagen:
Jetzt wird dein Lob gedruckt von Haus zu Haus getragen;
Von London bis Paris, von Moskau bis Triest
Weiß jedes Kaffeehaus, daß du – auf Krükken gehst.
„Halt ein! ruft ihr mir zu; verschone
Mit deiner Geissel, Freund, die Kunst der Scipione
Und Alexander!“
Was? der griech'sche Donquischott,
Er, dieser Strassenräuber, der zum Gott
Sich log, dem eine Thrän' entsinket,
Weil zur Verheerung ihm die Welt zu enge dünket,
Der tolle Knabe, der, von Wollust übermannt
Aus Thais feilem Schooß, Persepolis in Brand
Und Asche legte, dessen freche Hand
Vom Herzensblut des edeln Freundes träufte,
Dieß Ungeheuer, das nur Leichen häufte,
Ein Held? – hättet ihr ihn nie genannt!
Der wahre Held beglückt sein Vaterland;
Der wahre Held stiehlt keine fremden Kronen,
Erwürget nicht schuldlose Nationen:
Wer eine halbe Welt mit Feu'r und Schwert verheert,
Hört's, ihr Tyrannen, hört's! der ist des Rades werth. {11}
„Des Uebels Ursprung ist, daß Helden selten denken,
Erwiedert ihr; Vernunft muß die Begierden lenken!
Sie ist der Leitstern, ohne sie versänken
Hinbrütend wir in dumpfe Träumerey.
Vernunft, dir danken wir der Städte Policey,
Minister, Richter, Adel, Klerisey,
Herzoge, Fürsten, Könige und Kaiser,
Palläste, Schlösser, Zeug- und Armenhäuser;
Ach ohne dich, was wär der Mensch? ein Kloß,
Ein unvernünft'ges Thier!"
Der Schade wär nicht groß.
Wahr ist's, der Löwe haust auf Bergen, Wald und Anger:
Doch dafür kennt er auch nicht Galgen, Rad und Pranger;
Ihm raubt kein andrer Leu die Jagdgerechtigkeit:
Er kennt – glückselige Unwissenheit! –
Nicht Pilori's mit angepflöckten Ohren,
Nicht Aerzte, Mörder, Henker, Diktatoren,
Nicht Strassenräuber Hoch- und Wohlgeboren,
Nicht Scheiterhaufen, Inquisition,
Nicht stehende Armeen, Zoll und Frohn,
Nicht teuflischen, verfluchten Negerhandel.
Nein! nie verhandelte ein Leu von Koromandel
Löwinnen oder Löwen je aus Geiz
Nach St. Domingo, pflöckte sie an's Kreuz,
Wenn süsse Sehnsucht nach den väterlichen Küsten
Sie überfiel; so grausam sind – nur Christen. {12}
O Gott! mir blutet ob der Barbarey
Das Herz; ich hör im Geist das dumpfe Angstgeschrey
Verzweiflungsvoller armer Negermütter,
Von weissen Buben hinter Eisengitter
Geworfen, für den zarten Muttertrieb
Zerfleischt durch Geisselschlag und Peitschenhieb.
Brittanien, Brittanien, erwache!
Vom Oceane her ertönt es: Rache! Rache!
Horch! gräßliches Gewinsel füllt die Luft;
Die du erwürgtest, steigen aus der Gruft;
Die tief in Staub getretne Menschheit ruft
Mit tausend Donnerstimmen: Rache! Rache!
Brittanien, Brittanien, erwache! –
Ja, Freund, den angebornen Freyheitstrieb.
Erstickt kein Tamerlan, besiegt kein Peitschenhieb.
Oft unterschreibt der Menschheit heil’ge Rechte
Der Europäer, wenn durch grausenvolle Nächte
Verzweiflung stürmt, mit seinem eignen Blut.
Wie stark und namenlos verbißne Wuth.
In rohen aufgeregten Negerseelen
Sich räche, davon laß ein Beyspiel dir erzählen.
Dort, wo noch stets, zur Schande unsrer Zeit,
Gedängt von Menschenblut, das Zukkerrohr gedeiht,
Ließ einer jener christlichen Tyrannen
Einst einen Neger auf die Folter spannen,
Der im Verdachte eines Diebstahls war. {13}
Da er nichts eingestand, hieß der Barbar
Die Henker ihn so lang mit Geiseln streichen,
Bis er im Blute schwamm und ohne Lebenszeichen
Zu Boden sank; dann rief er: „laßt ihn frey!"
Was nicht von Höllenschmerz erpreßtes Angstgeschrey
Vermochte, das bewirkten sechs Guineen:
So hoch kam ungefähr der Sklave ihm zu stehen.
Kaum war des Armen Marterangst vorbey,
Sieh, so entdeckte man die Räuberey.
Des andern Tages war der Pflanzer aus zum Schmause,
Und kam erst spät zurück. Der Neger blieb zu Hause,
Und wälzte wund sich auf der harten Streu,
Von Blut noch überschwemmt. Der Pflanzer hatte drey
Erwachsne Knaben. Schmerz erzeugte Rache.
Der Vater kehret heim, da ruft ihm eins vom Dache;
Er wendet seine Augen nach dem Ton –
Todt liegt zu Füssen ihm sein erstgeborner Sohn.
Der Todesschweiß tritt kalt ihm vor die Stirne;
Jetzt will er schreyn – da spritzt schon das Gehirne
Des zweyten Lieblings über's Pflaster hin.
Umsonst fleht er den Neger auf den Knien:
„Laß mir mein einzig Kind! erbarme dich, erbarme!“
Das Ungeheuer schließt laut lachend in die Arme
Des Pflanzers letztes, letztes Knäbelein
Und stürzt sich dann... Halt ein, Barbar! halt ein!
O Gott, es ist geschehn! da rauchen alle Viere {14}
In ihrem Blut‘ …
O, ihr beglückten Thiere!
Von Frevel unbefleckt lebt ihr in Flur und Wald;
Das grimmste Panterthier ehrt Gattung und Gestalt
Im andern Panterthier; die wüthende Hyäne
Schlägt in Hyänenbrut nie ihre Sägezähne;
Nie schreckt den jungen Leu des alten Mordgebrüll;
Ein Krokodill verschont das andre Krokodill;
Der Sonnenadler heckt im Felsenneste Eyer,
Vom Adler ungestört; kein Geyer stößt auf Geyer;
Vertraulichkeit vereint der Tauben Hausgeschlecht,
Sieh, da ist keiner Herr, sieh, da ist keiner Knecht!
Vertraulich scherzt der Stier im Grase mit dem Kalbe;
Vertraut heckt unter'm Dach die Schwalbe bey der Schwalbe.
Sprich! hast du je gehört, daß Löwen ohne Zahl,
Weil's ein Kaligula im Thierreich so befahl,
Zusammen sich in Libyens Gebirgen
Versammelten, einander zu erwürgen,
Bis Thal und Bach ihr Blut in Strömen trank,
Und Freund auf Freund verstümmelt niedersank?
Nein, nur der Schöpfung Stolz, der Mensch wirbt Kriegesheere,
Und sucht, o Barbarey! im Morden Ruhm und Ehre.
Umsonst verbarg ein Gott, der dieses grosse All
Mit Lieb und Huld umfaßt, das tödtende Metall
Tief in des Erebus nachtvolle Schlünde; {15}
Der Mensch fand durch die Nacht den Pfad zur Sünde.
Schon lauschte tausendfach der Tod in Luft und Meer;
Er schuf sich neuen Tod in Schwert und Schießgewehr.
O warum schleudertet ihr nicht mit euerm Blitze,
Ihr Götter, jenen Mönch hinab zum Höllensitze?
Warum erlahmte nicht des Meuchelmörders Hand,
Als er die schwarze Kunst, euch nachzudonnern, fand?
Auch dieß Geheimniß dankt die Menschheit einer Zelle,
Vereint durch einen Bund sind Pfaffenthum und Hölle!
„Wie, Freund? so tadelst du der Seele schönste Kraft?
So wären, wie du meinst, Vernunft und Wissenschaft
Der armen Menschheit Geissel? die Platonen,
Die Leibnitze zum Fluch der Nationen
Herabgesandt, gleich wüthenden Neronen?
Sprich, Freund, was leitete den kühnen Magellan
Im fels- und klippenvollen Ocean?
Was zeichnete im Sonn- und Sternenkreise
Kometen ihre ungemeßne Reise,
Den Sonnen und Planeten ihre Bahn?
Was zündete der Weisheit Leuchte an,
Bey deren Schimmer uns die Schrift der Menschenrechte
Nun leserlicher strahlt, die uns durch Grabesnächte
Von dunkeln Uebergang zu einer bessern Welt
Mit lichter Glorie erfreulich aufgehellt?
Sey billig, Freund! gesteh, daß ohne Wissenschaften
Des Geistes Sehnen abgespannt erschlafften. {16}
Dieß, Mensch, ist dein Triumph; ja, nirgends oder hier
Schwingst du, von Götterlust berauscht, dich über's Thier!
So spricht die Weisheit selbst, drum schweige die Satyre.
Du bist besiegt, du schweigst." – – –
O, ihr beglückten Thiere!
Euch quält kein Zweifel nicht, euch täuscht kein Irrwischschein,
Euch wiegt kein Hirngespinnst in stolze Träumereyn;
Euch schreckt kein Priester nicht mit gothischen Phantomen;
Kein Arzt erkauft das Recht, zu morden, in Diplomen;
Kein *hb* demonstrirt euch in Sophismen vor,
Daß für des Metzgers Beil der Schöpfer euch erkohr.
Kein Pastor Goeze theilt bey euch die Langeweile,
Die er erwekken will, in drey bestimmte Theile.
Euch bläut kein Schulmonarch den Katechismus ein;
Kein Rektor martert euch mit Griechisch und Latein.
Ihr wißt vom Grundtext sammt den Nebendialekten
Kein Sterbenswörtchen nicht. Kein Eset liest Pandekten,
Kein Affe hört ihm zu; was dumm ist, bleibet dumm.
Nie schafft ein Philanthrop das Schaf zum Fuchse um;
In Wäldern wißt ihr nichts von Universitäten,
Von Doktorhut, Dekan, Magister, Fakultäten,
Katheder und Pedell. Ihr eßt und trinkt euch satt;
Ihr kennt den Harvey nicht, wißt nichts vom Hippokrat,
Vom Zeugungstriebe nichts, kein Wort von Herz und Nieren,
Und seyd so unverschämt, trotz dem zu propagiren.
Verzeiht, ihr weisen Meister von der Zunft! {17}
Kein Mund – es sey! – vermag es, die Vernunft –
Versteht sich, eure – nach Gebühr zu preisen;
Doch welch ein Kampf, bevor dem jungen Weisen
Ein schulgerechter Schluß in Barbara
und Ferio und ein Problem der Algebra
So reizend dünkt, als dieses Rosenbette,
Und jene wollustathmende Brünette!
Auf, Jüngling, fleuch Cytherens schnöden Schooß!
Minerva winkt: beneidenswerthes Loos!
Lies, forsche, zweifle, hungre, schwitze, wache,
Erstarre Nachts am Seerohr auf dem Dache!
Zwar Kepler starb in ihrem Sold auf Stroh,
Rom pflöckte ihres Lieblings Cicero
Blutträufend Haupt an eine Rednerbühne,
Und Bailly, ach, empfing die Guillotine,
Der Weiseste Athens trank Schierlingssaft,
Und Galiläi'n zwang der Priesterschaft
Mordbrennerische Zunft, zu Gottes Ehren,
Daß sich der Erdball drehe, abzuschwören;
Allein nur herrlicher bekränzt der Ruhm
Ihr Bildniß einst in seinem Heiligthum.
Auf, Jüngling, geh! vertrockne zum Gerippe,
Und hasch ein Daseyn auf der Nachwelt Lippe!
„Nein, Junge, sey kein Narr! ruft Kaufmann Heins;
Nimm's Rechenbuch und lern' das Einmahleins:
Dieß ist zu Geld und Gut der ächte Schlüssel, {18}
Es gilt am Kap, wie auf der Börs' in Brüssel.
Laß all den Kram von Griechenland und Rom,
Und sage mir: Ein Oxhoft wie viel Ohm?" –
„Ein' eine halbe." – „Gut, du hast Talente.
Gesetzt N. N. verleiht auf zwölf Procente
B. zwanzig Louisd'or, was kriegt dafür
N. N.?" – „Zehn geben zwey, und zwanzig vier."
„Du Herzensjunge, komm an meinen Busen!
Du bist mein Sohn. Zum Kukuk mit den Musen,
Mit Livius und Cäsar und Tibull!
Ein Doktor ohne Geld ist eine Null;
Doch hast du zwanzig tausend Thaler Renten,
So macht man dich sogar zum Präsidenten
In der Akademie der Kunst zu Rom,
Und schickt dir nächsten Posttag das Diplom;
Der Künstler kommt aus Wien und Kopenhagen,
Und läßt sich deinen Rheinwein baß behagen.
Für Geld vertheidigt dir der Advokat
Mord, Unterdrükkung, Meineid, Hochverrath;
Und deiner schwarzen Sünden Schuldregister,
Mit einem Bückling streicht's für Geld der Priester.
Dein Fürst ertheilt für Geld, so Gott es will,
Zu Ahnherrn dir den Cäsar und Achill.
Man weiht dir prächtige Dedikationen,
Vergleicht dich mit den göttlichen Platonen,
Und Thales, Solon – zahlst du die Gebühr – {19}
Sind Rabulisten in Vergleich mit dir.
Ein Schwarm von abgehungerten Autoren,
Von Philosophen, Rednern, Schulrektoren
Und Dichterlingen, mit und ohne Bart,
Spannt alle Segel auf, um dich in Quart
Und Folio und mit didotschen Lettern,
In Prosa und in Versen, zu vergöttern;
Auch schreibt dir gern der teutsche Plinius
Zu A** den schönsten Panegyrikus
Wohlfeilen Kaufs den Bogen zu zwey Thaler;
Der belvederische Apoll dient dann dem Mahler
Und jungen Künstler nicht zum Urbild mehr; –
Wer gleicht an Reizen einem Millionnär? –
Und glich auch deine Nase einem Rüssel,
Dein Rückgrad einem Sprenkel. – Kassenschlüssel,
Mein Söhnchen, schliessen jedes Mädchenherz.
Die Plumpheit wird auf deiner Lippe Scherz,
Und Witz die abgeschmackteste Sottise.
Ja, groß sind deine Wunder, Adam Riese!" –
So spricht der alte Heins; ihm folgt sein Sohn;
Und Heins hat Recht: oft fuhr mit Sechsen schon,
Auf Stern und Titel stolz, ein Betteljude
Vorbey bey seiner alten Trödelbude,
Ein Schafkopf, der zeitlebens nichts gedacht,
Als: zweymahl sechs ist zwölf, und vier davon bleibt acht.
„Wie, Freund? weil die Vernunft von Wechselbänken {20}
Verwiesen ward, soll darum Ich nicht denken?
Ach! dieser Götterfunke, nur ein Jahr
Erlöschen – und am Thron und am Altar
Wird siebenfache Nacht den Tag verschlingen,
Und Aberglaube rings sein Scepter schwingen." –
Du irrst, o Freund! Vernunft war je und je
Der Menschheit Fluch: denn sprich, entzündete
Sich jene fromme Gluth, bey der, von Mordlust trunken,
Einst Priester würgten, nicht aus diesem Götterfunken?
Die Dialektik schliff das Mordgeschoß,
Wodurch die Kirche Ströme Bluts vergoß.
Wenn ward das Thierreich je beherrscht von Aberglauben?
Wenn zitterten wohl je vor Taubenschatten Tauben?
Sahst du, daß beym Gepick der Todtenuhr
Je ahnungsvoll ein Roß zusammenfuhr?
Wenn störte je des Elefanten Rüssel
In Gänselebern nach der Zukunft Schlüssel?
O Mensch, wenn goß dein Bild ein Pavian
Sich aus Metall, und betete dich an,
Und flehte knieend von dem Gott der Götter,
Den sein Schmelzofen schuf, bald Regenwetter,
Bald Sonnenschein? – – Erbarmungswerther Tropf!
Vergöttertest nicht jeden Zwiebelkopf
Du einst am Nilstrom, wo im Blumenbeete,
Mohrrüben gleich, das Volk sich Götter säte?
Schwangst du nicht andachtsvoll dein Weyhrauchfaß {21}
Vor einem Gott, der seine Priester fraß,
Und zittertest am Altar eines Affen?
„Was, sprichst du, hab ich mit dem Nil zu schaffen?
Was schiert mich dieses Volks Abgötterey?
Hast du mit aller der Sophisterey
Nicht selbst vielmehr erwiesen, dir gebühre
Der Vorzug vor dem lächerlichen Thiere,
Deß Namen man nicht gern vor zarten Ohren nennt?" –
Und doch – ihr Herren wißt's – im alten Testament
War der Anonymus einst baß gelitten,
So daß Propheten fast nichts anders ritten:
Warum verhöhnt ihr ihn mit Ungebühr?
O glaubt, erhielte je das fromme Müllerthier
Die Sendung, euch, ihr Sünder, zu bekehren,
Ihr würdet Wunderdinge von ihm hören.
Was er itzt leiser denkt, wenn von der Mühl‘
Er Säkke heim trägt, und im Stadtgewühl
Aus Neugier still steht, bis des Treibers Stekken
Ihn anspornt, würd' er laut euch dann entdekken.
Auch was mit seinem gellenden Yah
Er meint, wenn eure Kutten, Chapeaubas
Und Uniformen ihn in Laune setzen,
Das würd‘ er euch getreulich übersetzen.
Und säh' er einen weisen Magistrat
Im Pomp, des Henkers hochgeschwungnes Rad,
Den armen Calas unter Todesqualen {22}
Tief ächzend, rund ums Rad getaufte Kannibalen
Laut jauchzend am zermalmeten Gebein
Voll Mordlust weidend sich – und trät er dann hinein
In unsre Tempel, sähe Todtenbein',
Grabschaufeln, Schädel an den Altarstufen:
Was meint ihr? würd' er nicht kopfschüttelnd rufen:
„Fürwahr, von allem, was hienieden kreucht,
Brüllt, bellt, yaht, blökt, kräht, schwimmt, schwebt und fleucht,
Im Ocean, im Erd- und Luftrevier,
Bist du, o Mensch, das lächerlichste Thier."
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