Johannes Falk
von
dem Einen,
was unsern
Gymnasien und Volksschulen
in ihrem jetzigen Zustande Noth thut
Nebst
einem Sendschreiben an Professor Lindner
in Leipzig.
Paulus 1 Corinther 13. V. 8
„Die Liebe höret nimmer auf, so doch die Weissagungen
aufhören werden, und die Sprachen aufhören werden,
und die Erkenntnis aufhören wird.“
Leipzig 1821,
bey Friedrich Christian Wilhelm Vogel. {III}
Einleitung.
Leben und Lehre führten im Jahre 1819 auf die Gründung einer pädagogischen Gesellschaft, als einer durch Zeit und Raumverhältnisse sich hinschlingenden Kette liebender Wirksamkeit vieler, oder
aller Männer, die dem Erziehungsgeschäft mit Lust und Geist oblägen. Man hielt es so wenig unter der Würde der Lehrenden, vom Leben zu lernen, und That, wie Schauen in gleichmäßiger
Wechselwirkung sich entwickeln zu lassen, daß man vielmehr alle Kreise und Unterkreise dieser Gesammtsphäre sich möglichst durchdringen zu lassen, die Strebungen und Resultate eines jeden zur
allgemeinen Kunde zu bringen, und so ein Zeit und naturgemäßes, folgerechtes Wollen und Wirken hervorzurufen bemüht war. Theils um der Arg- und Afterdeutung zu entgehen, als gelte es hier nach
irgend einer Richtung hin eigensüchtige und bedrohliche Zwecke, theils um den redlich und klar angestrebten Zweck leichter und sicherer zu fördern, wurde derselbe, wie es in den Statuten der
Gesellschaft ausgesprochen war, dem hochpreislichen Kirchenrathe vorgelegt und um dessen Genehmigung geziemend angesucht. Da jedoch diese in der, wie es uns schien, nöthigen Ausdehnung nicht
erlangt, vielmehr dahin beschränkt wurde, daß das Ganze über den hiesigen akademischen Lehrkreis nicht hinausdränge, sondern als eine Art von praktischer Akroase fortgeführet würde, so ziemte es
uns, dieser Weisung und Verfügung zu folgen, und in Geduld abzuwarten, ob und wenn der Himmel dieser Idee Reife und Gedeihen gäbe. Während dieser Verhandlungen war auch der würdige und um die
wahrhafte Erziehung so hochverdiente Johannes Falk in Wei- {IV}
mar zur Zierde dieser Gesellschaft von uns als Ehrenmitglied ernannt und eingeladen worden. Dies war die Veranlassung, welche vorliegendes Sendschreiben und den Aufsatz über die Grenzen der
Volks- und Gelehrtenschulen aus der Feder, wir möchten lieber sagen, aus dem Herzen dieses Redlichen und Klaren in unsere Hände brachte, um sie in das von der Gesellschaft angekündigte
pädagogische Archiv einzurücken. Da nun aber aus den oben angedeuteten Gründen es gerathen war, vor der Hand nichts zu thun, so unterblieb auch die Herausgabe dieses Archives. Der Aufforderung
unsers Freundes, Johannes Falk, gemäß theilen wir aber beide dem Publikum mit, einmal, weil es frommt, in dieser sich neugestaltenden Zeit immerfort die uralten und unwandelbaren Elemente und
Keime des Guten, Wahren und Schönen vor Augen zu haben, um den Bildungstrieb sanft und leise zu lenken und zu leiten; dann aber auch, um an dieser Probe anschaulich zu machen, was und wie jene
pädagogische Gesellschaft es meinte, und was ihr Ertrag im Fortgange der Zeit wohl hätte werden können. Diese Abhandlung ist als einzelne Urkunde des beabsichtigten Vereins zu betrachten, welcher
als lehrhaften, an die Spitze gestellten, wohl andere historische gefolgt wären, wenn es die Zeit erlaubt hätte. Diese und Er, der sie und Alles beherrscht, hemme, oder entwickle aus diesem hier
ausgestreuten Saamenkorne, was im Geiste der Bitte ist: Dein Reich komme! Dein Wille geschehe! Denn nur dies war Zweck und Streben.
Leipzig, im M. Januar 1821.
Professor Lindner.
(NS. Die oben angeführten Statuten nebst einer Abhandlung sind unter dein Titel: das wahre Ziel der Erziehung und des Unterrichts in einigen Andeutungen, nebst Vorschlägen zur Erreichung
desselben, zu haben bey Reclam in Leipzig). {V}
An
den Professor Lindner
in Leipzig.
Sehr werthe und im Herrn geliebte Freunde!
Sie haben mich durch Ihre gütige Zuschrift vom 5ten December zu einen Ehrenmitglied der neuen
pädagogischen Gesellschaft
in Leipzig ernannt und mir zugleich Ihre gedruckten Statuten zugeschickt. Ich sage Ihnen für diesen Beweis Ihres mir geschenkten christlichen Zutrauens hierdurch meinen freundlich verbindlichsten
Dank. Die christlichen Zwecke, die Sie, meine Herrn auf den Grund der Bibel im deutschen Erziehungewesen durchzuführen sich so rühmlich vorgesetzt, aus allen Kräften zu fördern, kann wohl Niemand
mehr am Herzen liegen, als eben mir, der ich die Wahrheit dieser heiligen Grundsätze an mir und einem halbtausend Kindern so wunderbarlich erfahren habe. Dem Laufe der Natur nach, werde ich nicht
diese Grundsätze, sondern diese Grundsätze werden mich überleben. Ueberlebte ich sie, so wäre es um das christliche Abendland geschehen. Denn der Umsturz, die Verachtung der Religion pflegt
jedesmal dem Sturz der Staaten vorauszugehn. „Nur so euch Christus frey macht, so seyd ihr recht frey." Längst war ich der Meinung des edlen Herrn von Fürstenberg in seinem Münsterschen Schulplan
vom Jahr 1770 „daß, so bald der wahre Geist des Christenthums aufhören würde in Oxford Cambridge und den sächsischen Fürstenschulen durch und durch zu herrschen, sie nur ein frevelndes ästhetisch
gebildetes und übermüthiges Heidenthum entwickeln müßten." Denn das Wort des Lebens und das Wort des Todes ist {VI}
zweyerley. Die Predigt ist keine That; aber die That ist eine Predigt. Christus hat nie rührender gesprochen, als da er am Kreuz verstummte.
Stephani Steinigung,
Welch hoher Rednerschwung
Herr behalte
Die Sünde nicht,
Im Weltgericht
Behalte Herr dem Volke sie nicht.
Diese Grundsätze sind älter als die Steine am Münster zu Straßburg. Nicht die Dome, nicht die Münster, nicht die Kirchen haben diese Grundsätze hervorgebracht, sondern diese Grundsätze haben
ihnen die Entstehung gegeben. So ihr meine Lehre thut, sagt der Heiland; sollt ihr inne werden, ob sie von Gott sey. So heißt es, nicht aber: so ihr meine Lehre schwazt oder prediget. Göttliche
Urkunden sind im Geist, nicht aber im Wort zu suchen. Unter diesen höchsten christlichen Gesichtspunkt betrachtet, gewinnt selbst das Studium des Alterthums Leben, Gestalt und Befreyung von
hohlen Wortkram. Wir zerbrechen die Siegel an den tausendjährigen Urnen des Homer, des Sophokles, des Scipio; wir beschwören ihre Geister herauf: aber was sind es dann endlich für wichtige
Geheimnisse, die wir ihnen abzufragen Anstalt machen? etwa ob wir an dieser oder jener Zeile des Plutarch μη oder βη zu lesen haben? Nein, darum bemüht man keine Todten herauf. Auch das
classische Alterthum, ehe es in ein grammatisches alexandrinisches Spielwerk ausartete und sich, statt mit Thaten, mit leeren Worten zu beschäftigen vorzog, erkannte den Grundsatz an: so ihr
meine Lehre thut, sollt ihr inne werden, ob sie von Gott sey. Griechen und Römer suchten ihren Stempel des göttlichen keinesweges im Wort. Du klopfest an die Urnen des Scipio, des Homer, des
{VII}
Sophokles an: warum verstöhrest du diese edlen hohen Geister aus ihrer tausendjährigen Ruhe, wenn du nicht den ernsten Vorsatz hast, daß einst ein Scipio, Homer, ein Sophokles aus dir werden
soll. „Elige tibi eum, cujus tibi placet et vita et oratio." Dem eifre nach, unbekümmert um die Schulmeistergesichter, die sich unten in den Noten um das Protectorat zanken. Wie aber die Noten
überall eine unverschämte Rolle spielen; wie der Talmud den heiligen Text von Salomo, David und Jesaias verdrängte; wie man die reine Lehre von Christo, seinen Aposteln vor lauter Zusätzen und
Commentarien späterer Zeit, zuletzt kaum herausfinden konnte: so und nicht anders ist es auch dem lebendigen Wort des Alterthums gegangen. Scipio selbst hat sich schlafen gelegt, aber μη und βη
haben die Katheder bestiegen und sich den römischen Imperator-Mantel umgehängt. Wer es glaubt wird selig, aber zwischen der Einnahme von Numantia und einer noch so gelehrten Inaugural-Disputation
ist, wie mich dünkt, ein kleiner Unterschied. Ein wesentlicher sogar! dessen Lücken eben so schwer durch Worte und Lexikon auszufüllen seyn möchten, als die Laufgräben von Numantia. Denn noch
einmal: die That ist eine Predigt; aber die Predigt ist keine That.
Reden, schreiben und handeln ist dreyerley. Christus hat gar nicht geschrieben; aber viel gehandelt; wir müssen suchen, daß wir ihm in diesem Stück ähnlich werden. Von diesen Grundideen aus muß
sich alles regeln; unsere gelehrte, wie unsere Volkserziehung, muß diese verlorne christliche Basis, wo Wort und Handlung in selige Durchdringung eines wird, wieder zu erlangen suchen, oder wir
Alten werden ebenfalls — — jammervolles Schicksal! — wie unsere verirrte akademische Jugend bereits angefangen hat — {VIII}
auf Sand weiter bauen. Das verhüthe Gott! Die Gliederung nun, wie der Gymnasialunterricht, in den akademischen eingreifen; wie dieser kräftig sich mit einem lebendigen Volksunterricht verbinden
soll, indeß alle drey sich an der gemeinschaftlichen Basis der neuen, und alten europäischen Zeit, der Bibel, entwickeln; dieß ist meines Bedenkens eine verwickelte und doch wiederum sehr
einfache Aufgabe. Mit Vergnügen werde ich Ihnen, aus meinem praktischen Kreis, die Einwirkung dieser Grundsätze aufs Herz der Jugend, die Erfahrungen, die ich täglich zu machen in der Gelegenheit
bin, zur Prüfung, zur Beherzigung vorlegen. Es werden wenigstens keine bloßen Worte seyn. Uebrigens bin ich selbst noch ein lernender. Gott und sein Wort ist meine Schule. Dieses Wort, wodurch
Himmel und Erde gemacht sind, hat auch meinen armen Jungen Schuhe an ihre Füße und Kleider auf ihren Leib gegeben. Schließen Sie mich in Ihr Gebet, lieben Freunde, daß Gott mich immer
vollkommener mache und alles an mir abthue, was seinen gnadenvollen Absichten in dieser letzten Zeit zur wahrhaft christlichen Erziehung des Menschengeschlechts, zuwider ist.
Weimar,
den 12. Dec. 1819
Threu im Herrn verbundener Diener und Freund,
Johannes Falk. {IX}
Vorwort.
Das Vaterhaus ist die Heimath der Liebe. Sie, die älter ist als alle Sprachen, pflegt hier vorzugsweise ihren Wohnort aufzuschlagen: daher denn der Grundsatz: „Verfault Hausregiment, verfault
Staatsregiment, verfault Rom, verfault Griechenland" nicht bloß ein Gesetz für die Veränderungen der Staaten; sondern auch zugleich eins, für das ganze Erziehungswesen darstellt.
Wir leben zur Zeit der Surrogate. Unterricht hat die Erziehung verdrängt; Lehrer sind Stellvertreter für Väter geworden. Gebt der Natur ihren Standpunkt; gebt das Kind seinem Vater zurück und
alle diese Verkehrtheiten sind gerichtet. Oder gedenkt ihr, es werde dem Herzen des Vaters und der Mutter genügen, wenn ihr Kind nur Fortschritte in den bildenden Künsten machte; gesetzt auch,
daß der künftige Phidias und Apelles seine Werkstatt — in einem Zuchthaus aufschlagen müßte? Erst Brod sagt Göthe, sodann Ananas, „Ich setze hinzu!" Erst liebend wie Christus gehandelt, {X}
sodann Latein, Griechisch gelernt. Zittert vor allem Schwatzen, selbst vor dem christlichen eurer Kinder, ihr Eltern, sobald ihr inne werdet, daß der Unterricht, den sie erhalten, seines uralten
Fundaments im Herzen ermangle. Weder als Mahler und Bildhauer, noch als Doctoren und Professoren, sondern als Menschen und Christen werden wir einst von Gott gerichtet werden. Das Vaterherz im
Pallast wie in der Hütte fühlt dieses auch recht wohl, und fordert daher unabweislich Erziehung, für das ihm von Gott anvertraute Unterpfand: soll es wählen, so wird die Wahl immer auf jenes
Kleinod fallen, das, wie Paulus schreibt, nimmer aufhören wird, so doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen und das Erkennrniß aufhören wird. Anders die Lehranstalten! die nur
allzuoft sich mit einem todten Wissen begnügen, und die Auseinandergehung der Jugend, durch Einwirkung des nichtigen jedesmaligen Zeitgeistes, als eine verdrüßliche Unterordnung betrachten. — Auf
die Quellen dieser Mißbräuche aufmerksam zu machen; dieß Thema, wo nicht zu erschöpfen, doch wenigstens anzudeuten, dahin gehet der Zweck dieser Blätter. Einsichtsvolle Männer, welche dermalen
mit der Einrichtung neuer Gymnasien und Volksschulen in unserm Vaterlande beschäftiget sind, werden sie nicht aus der Hand legen ohne ihr Augenmerk auf den Wendepunkt, worin jetzt die Zeit steht,
zu tieferer Forschung gerichtet zu sehen. — Zuerst handelt es sich jetzt mehr als je um die Frage: Sollen unsere Studenten, allem historischen Her- {XI}
kommen zuwider, Schulknaben werden? indeß es unsern Schulknaben auf moderne gestrige Einrichtungen gestützt, frey stehen soll, den Studenten zu spielen, und mit Aufhebung aller väterlichen Zucht
und Ordnung zu Ungeschlachtheiten den Grund zu legen, deren Ausrottung die Universitäten, wie sie nun einmal von Natur gestellt, dem Aug' erscheinen, schlechterdings nicht gewachsen sind! Seyd
strenger als je in diesem Punkt! Gebt uns Philologen, die zugleich Theologen, gebt uns Theologen, die zugleich Christen d. h. wahrhafte Nachfolger des großen Menschenfreundes sind, der sein Leben
für die Brüder gelassen hat, und eben daran erkennen will, daß wir seine Jünger sind, wenn auch wir das Leben für die Brüder lassen. Gebt uns solche gotteefürchtige, d. h. von diesen hohen
Wahrheiten praktisch durchdrungene, zur That entflammte christliche Lehrer auf unsern vorbereitenden Schulen, und bald wird sich eine gottesfürchtige Jugend auch auf den Universitäten zu
den Füßen frommer Lehrer versammeln. Das kann aber nicht statt finden, so lange noch viele darin einzig ihren Stolz setzen, mit dem Heidenthum, das doch weltgerichtlich von Gott verworfen ist,
einen eiteln und jammervollen Prunk zu treiben. Cicero und Seneca können nicht in den Reihen der Apostel, sondern müssen unter ihnen ihren Platz einnehmen. Wer es anders meint, weiß noch nicht,
worauf es im Evangelio ankömmt. Ihm ist noch nicht erschienen, daß es weder lateinische, griechische noch hebräische Worte, sondern Worte des Lebens sind, die uns Christus der Herr {XII}
verkündiget hat. Beym Cicero ist die Predigt — eine That: Christus ruft: „So ihr meine Lehre thut, sollt ihr inne werden, ob dieselbe von Gott sey" folglich ist nach ihm die That — eine Predigt.
Am beredtesten hat er in diesem Sinn gepredigt, da er mit den kurzen Worten: „Es ist vollbracht" sein Haupt neigte und am Kreuz auf ewig für uns verstummte. Demnach beurkundet sich alles Wort
Gottes, d. h. Wort dessen, durch welchen Himmel und Erde gemacht worden, durch festen Stand und Mittelpunkt in der Weltgeschichte, die eben dadurch erst Herz und Pulsschlag bekommen hat. Wir
haben freylich in der neuen und neuesten Zeit dem Wort Gottes Schuh, Mantel und Rock, Hut und Blut ausgezogen, und es so als eine leere Hülse, als einen bloßen Schall auf Katheder und Kanzel
gestellt, wo denn freylich das Volk jener uralten schöpferischen Kraft, dem so viele Kirchen, Schulen, Städte, Königreiche in Europa ihre Entstehung verdanken, nicht weiter inne werden konnte.
Nach Maßgabe, daß diese Überschätzung eines bloß theoretischen Wissens bey uns überhand nahm, mußten auch in unsern Schulen, jene alten Formen immer mehr weichen, die die Strenge der väterlichen
Erziehung fortzusetzen, als ihre erste und heiligste Pflicht anerkannten. Gymnasien sind wie schon oben bemerkt, nur ein Surrogat für das Vaterhaus. Den Praezeptor classicus, im alten gediegenen
Sinne dieses Worts, oder wenn man so will, den Schulmonarchen aus denselben verbannen, heißt im Grunde aller Zucht und Ord- {XIII}
nung Thor und Thür weisen. Oder ist irgend etwas damit gewonnen, wenn wir täglich eine Menge Professoren durch die Auditorien laufen lassen; so daß in einem nicht selten vorkommenden Fall, der
Lehrer seinen Schüler oft kaum dem Namen nach kennt; Eltern und Schüler aber wegen der Menge von Lehrern, bey eintretenden Bedenklichkeiten oft nicht wissen, an wen sie sich denn eigentlich zu
halten haben. Diesem Uebelstand wird dadurch keinesweges abgeholfen, daß man die Kinder vornehm und altklug genug in Staatsleute verwandelt, und wo sie oder ihre Eltern Beschwerden anzubringen
haben, sie, durch die wichtigen Instanzen von Synoden, Direktor, Consistorien, zuletzt an ein hohes Minisierium gehen läßt! Tant de bruit pour une omulette! möchte ich hier ausrufen; zu deutsch:
Wer wird Batterien gegen Mücken richten! Das, was sich kurz und gut an Ort und Stelle durch einen Praeceptor classicus, vermöge einer Maulschelle abmachen läßt, darum soll man nicht den Staat in
Bewegung setzen. Ist denn auch ein Vater etwa verpflichtet, es jedesmal auf dem Rathhaus zu melden, wenn er seinem Kinde eine Maulschelle, oder die Ruthe geben will?
Jammervolle Verkehrtheiten dieser Zeit! wo man sogar einmal, nachdem man die Strenge der alten Schulmonarchen in Bestrafung der Schuljugend unleidlich gefunden hatte, damit umging, in Zukunft
alle Schulstrafen förmlich durch Polizeydiener verrichten zu lassen; und das alles aus lauter Huma- {XIV}
nität, damit der Adel des Lehrstandes in den Augen der Jugend völlig ungekränkt bliebe!
So soll es uns denn aber auch bey diesem Stand der Dinge nicht wunder nehmen, wenn die mit so vornehmer Wichtigkeit vom Staat behandelte Jugend, sich zuletzt auch in ihren eignen Augen als höchst
wichtig erscheint; ich kann es ihnen wenigstens nicht übel nehmen, wenn sie mit ihren Schulranzen und Pennalen irgendwo in Menge versammelt, es sich einfallen lassen, Uns, d. h. nun freylich
ihren Vätern und Großvätern einen guten und wohlmeinenden Rath zu ertheilen. Wo Männer zu Kindern werden, ist es eine ziemlich nothwendige Folge, daß Kinder sich zu Männern aufwerfen. Ich
meinerseits finde beydes von Herzen abgeschmackt, und wenn ich irgend einen Wunsch habe, der mir nahe liegt, so ist es dieser: daß es Gott recht bald gefallen möchte, unsern Schulen eine
Einrichtung zu geben, wodurch die künftigen Lichter der Kirche und des Staates, aus diesem Zustand ihrer jetzigen Verflackerung, in welchem sie ein scharfer Windzug, der von Frankreich
hereinbläst, gestellt hat, heraus kämen!
Ich unterschreibe zu diesem Ende von ganzem Herzen, was der eben so edele als tiefsinnige Professor Steffens, über diesen Punkt in seinem Büchlein: Deutschlands protestantische Universitäten
(1820 bey Max in Breslau) besonders S. 86; beygebrachr hat. Auch ihm ist es einleuchtend, daß durch die jetzige verkehrte Einrichtung unserer Gymnasien aus Mangel und nöthiger Macht der Clas-
{XV}
senlehrer, folglich ohne Schuld derselben, fast die ganze Erziehung der Jugend in der Hauptsache Null wird. Der Grund ist klar. Der Mensch lebt nicht allein vom Schaubrod des Wissens. Sein
innerstes Wesen, was aus Gott stammt, ist Liebe und bedarf daher auch der Liebe. Nehmt der jungen Seele, die der Durst nach Liebe eben so sehr, als der Durst nach Wissenschaft verzehrt, diese
ursprüngliche Nahrung: so habt ihr dem Kinde seine Mutterbrust genommen und es in einen höchst unnatürlichen Zustand versetzt. Flickt an euern alten Gymnasien; tüncht die Wände so lang ihr wollt;
könnt ihr nicht Religion, Liebe und Wissenschaft in das gebührende Gleichgewicht setzen, was diese Zeit vor allen Dingen erfordert, um weder in Unglauben noch in Aberglauben auszuarten; könnt ihr
nicht, durch Entladung der Classen, so wie durch Anstellung tüchtiger Classenlehrer mit unbeschränkter väterlicher Vollmacht, persönliche Aussicht, Zucht und Ordnung, die entwichen sind, in den
Kreis der Jugend wieder zurückführen; könnt ihr nicht durch frühe Einführung von deutschen Sprechschulen, worin der Knabe fühlt und versteht was er spricht, die Bekanntschaft desselben, mit den
ersten Geistern unserer Nation einleiten und so stufenweis zu den edeln Geistern des Alterthums fortführen: so wird zu der deutschen Elster, die gedankenlos plappert, bald der griechische,
lateinische, französische Papagey hinzukommen; das heißt, unsere Schulknaben werden wie Männer sprechen, um, wenn sie einst Männer sind, als Schulknaben zu handeln. So {XVI}
stehen die Zeichen der Zeit. Ich bin keinesweges geneigt, sie so leicht zu nehmen, wie es bey manchen von unsern jetzigen Politikern der Fall ist, die da meinen, die Sache sey an sich so
unbedeutend, daß man lieber gar nicht davon sprechen sollte. Dem ist nicht so. Die echte und rechte Jugend sucht auch in der Schule den verlornen Mittelpunkt des Vaterhauses und der Liebe. Da sie
nun, wie auch Steffens ganz richtig bemerkt, in dem jetzigen persönlichen Verhältniß der Schüler und Lehrer, das bis zu einer monatlichen oder vierteljährlichen Censur und Sittentabelle
vertrocknet ist, was demselben auf das entfernteste glich, nicht finden konnte: so brach der Strom der Liebe von einer andern Seite durch. Es wurden anderorts und außerhalb der Schule
Verbindungen mit den Lehrern eingeleitet, die zwar auf der einen Seite den scharfen Tadel des Staates, wegen Beymischung völlig fremder Zwecke, verdienen; auf der andern Seite jedoch dem Auge
jedes Beobachters klar an den Tag legen, daß in unsern öffentlichen Anstalten Lücken vorhanden sind, zu deren Ausfüllung man Liebe und Religion je eher je lieber herbeyrufen soll, wofern nicht
der Staat Gefahr laufen will, sich früher oder später in diesen Abgrund zu begraben. {1}
Ueber
die Grenzen
der
Volks- und Gelehrtenschulen,
nebst
einigen praktischen Vorschlägen. {3}
Einleitung
Soll die Grenze zwischen Unterricht auf einem Gymnasium und Unterricht auf einer Universität recht scharf und genau gezogen werden: so wird vor allen Dingen erst der Unterschied zwischen
Unterricht und Erziehung im Allgemeinen zu beachten und zu verfolgen seyn. Indem jedes Gymnasium, seiner Natur nach, sich mehr mit Erziehung, als Unterricht befaßt, so verringert sich in eben dem
Grade, als die Lehrenden, von den Lernenden auf einer Universität von einander entfernt sind, auch der Einfluß der Ersten auf die Erziehung der Jugend.
Wollten wir dieses Verhältnis umkehren, so würden wir weiter nichts dadurch erreichen, als daß wir unsere Schulknaben in Studenten, unsere Studenten aber in Schulknaben verwandelten.
Es wird billig vorausgesetzt, wenn der Jüngling, im 19 oder 20sten Lebensjahr, eine Universität bezieht, daß er! einen Hofmeister in sich selbst habe; mit andern Worten: daß er durch eine
christlich-praktische Erziehung auf dem Gymnasium dahin gelangt sey, einen würdigen Gebrauch von seiner Freyheit zu machen. Sodann wird ihm auf die nem- {4}
liche Weise, wie ihm das Gymnasium eine vorbereitende Stufe zum Uebergang auf die Universität gewesen ist, die Universität ihrerseits eine eben so wichtige Stufe zum Uebergang in das männliche
Alter werden. Haben bis dahin unerfreuliche Vermischungen dieser Grenzen auf Gymnasien wie auf Universitäten Uebels gestiftet: so ist es dermalen mehr als je an der Zeit, diesen Uebelständen
abzuhelfen, und vor allen Dingen ist es Pflicht, auf Gymnasien die strengeren Formen einzuleiten, die eine christlich-praktische Erziehung, im Sinn unserer frommen Vorfahren, daselbst
herbeyzuführen im Stande sind. Ich bin fest überzeugt, manche Klagen, über den Misbrauch academischer Freyheit, würden alsdann von selbst wegfallen, wenn weniger rohe Jünglinge von den Gymnasien
auf die Universitäten entlassen würden. Wie viele, die sich blos in der äußeren Form junger Studirender gefallen und derselben einen Geschmack abgewinnen! Lichter der Kirche und des Staates,
denen nicht unähnlich, die vor den Laden unserer Lichtfabrikanten ausgehangen werden, die zwar von außen völlig den Anstrich und die Größe von Lichtern haben, weil sie aber inwendig hohl und
nichts als Holz sind, sobald man sie anstecken will, kein Licht und keinen Glanz von sich geben. Nachdem hier festgestellten Gesichtspunkte fällt es in die Augen, daß Lehrer auf den Gymnasien
ihre Pflichten nur höchst unvollkommen erfüllen, wenn sie sich einige Stunden des Tages auf die Katheder stellen und einer Menge von jungen Leuten, die ihnen oft kaum dem Namen nach bekannt sind,
ebenso wie auf Universitäten, über alle Zweige der Wissenschaften Vorlesungen halten. Was soll demnach auf dem Gymnasium als Vorbereitungeschule gelehrt: was soll an dem jungen Menschen erzogen
werden? Das {5}
ist die wichtige Frage, worüber sich die nachfolgenden Blätter, durch Gespräche mit einsichtsvollen Männern in diesem Fach, zu verständigen und in Klarheit zu setzen suchen. Der Verfasser hat,
mit Unterordnung seines eigenen Urtheils, in den meisten Fällen mehr die Einheit, als den Widerspruch gesucht.
An der Grenze dieser Abscheidung des Unterrichts auf Gymnasien von dem Unterricht auf Universitäten, begegnen wir sogleich der Religion. Welche Stelle diese in einer echt klassischen Erziehung
einzunehmen habe, darüber müssen wir dem, was der Herr von Fürstenberg in seinem Münsterschen Erziehungsplan schon im Jahr 1770 mit einem tiefen und fast prophetischen Blick geäußert hat, einen
völlig unbedingten Beyfall geben. Derselbe sagt: so lange in Oxford, Cambridge und den sächsischen Fürstenschulen der wahre Geist des Christenthums durch und durch herrscht, so lange werden sie
auch die vorzüglichsten Anstalten der Humanität bleiben: im Gegentheile nur ein frevelndes, ästhetisch gebildetes und übermüthiges Heidenthum erneuern. Und doch war damals das Vornehmthun der
philologischen, philosophischen, mathematischen Wissenschaften; die Isolirung derselben; ihre Trennung von aller christlichen Theologie bey weitem nicht so entschieden, wie jetzt. Es möchte wohl
hierin das Hauptübel alles Verderbnisses unserer jetzigen Generation und Erziehung zu suchen seyn. — Also eine christliche Erziehung der Jugend soll, auf allen deutschen Gymnasien wieder den
ersten Platz einnehmen. Die Lesung der Griechen und Römer ist wohl eine feine und äußerliche Zucht; aber wir sollten nicht vergessen, daß Gott diese Völker durch unsere frommen Vorfahren in der
Weltgeschichte gerichtet hat, und daß weder die Komödien des Terenz', noch die Gemählde {6}
des Apollo oder die Statuen des Phidias, ihren sittlichen Ausschweifungen Nachsicht vor dem ewigen Richterstuhl verschaffen konnten. Wenn wir nun im Jahr 1820 den Lauf der Weltgeschichte
umkehren; wenn wir in eine blinde Vergötterung dessen verfallen, was Gott gerichtet hat; wenn wir uns gleichsam drauf setzen wollen, daß auf Donnerstag, Mittwoch, nicht aber Freytag in der
Weltgeschichte nachfolge: so möchte ein solch verkehrtes Beginnen, wie Herr von Fürstenberg sehr richtig bemerkt, die Strafmittel aus sich selbst entwickeln und unsere sämmtlichen gelehrten
Schulen der Gefahr aussetzen, mit den heidnischen Autoren zugleich auch die heidnischen Sitten zu übernehmen. Wenn z. B. Terenz in seinen Brüdern sagt!: „Non est flagitium, crede mihi,
adolecentulum scortari, e. c." so wird dieß allerdings wohl, wie hundert ähnliche Stellen des classischen Alterthums, aus dem Munde eines christlichen Lehrers, cum grano salis, zu verstehen und
zu interpretiren seyn. Eben der letzten Zeit ist es häufig begegnet, daß sie die Freyheit eines poetischen Standpunktes mit einem historischen oder politischen, höchst ungeschickt verwechselt,
und durch diese Sprachverwirrung den Schwachen aller Stände ein großes und nur zu gerechtes Aergerniß bereitet hat. —
Man würde sich indessen sehr irren, wenn man glaubte, ich wollte hier, unter praktischem Christenthum, Einführung irgend eines trocknen theologischen Compendiums oder einer transcendentalen
Dogmatik, durch alle Classen des Gymnasiums hindurch, verstanden haben; Rom und Griechenland sind wahrhaftig nicht durch Schuld einer Dogmatik untergegangen. Im Verfall der Sitten ist auch der
Verfall der Staaten zu suchen.
Verfault Hausregiment, verfault Staatsregiment; {7}
verfault Rom; verfault Griechenland; diesen Grundsatz, habe ich schon anderswo aufgestellt und ihn bis jetzt noch nicht widerlegt gefunden [Siehe den bey Brockhaus im vorigen Jahr zu Leipzig
erschienenen Aufruf.]. Der Wurm im europäischen Staatsgebäude nagt genau an derselbigen Seite, wo er im Alterthum nagte. Die echt christlichen praktischen Gesinnungen sind älter, als alle
Dogmatiken und alle Backsteine des Münsters zu Straßburg. Die Predigt ist keine Thath, aber die That ist eine Predigt. Christus predigte am schönsten, als er am Kreuz sein Haupt neigte und
verschied. Stephani Steinigung, Pauli Enthauptung werden noch lange in der Weltgeschichte fortreden; selbst da, wo der Donner des Demosthenes verstummt, oder kein weiteres Gehör findet. „So ihr
meine Lehre thut, sollt ihr inne werden, ob sie von Gott sey."
Die Seele dieses göttlichen Thuns aber hat uns der liebende Johannes in den Worten erläutert: „Gleichwie Christus das Leben gelassen hat für die Brüder, also sollet ihr auch das Leben für die
Brüder lassen.“ Durch diese Gesinnungen hat das Christenthum die Welt und Rom und Griechenland, die Künste und die Wissenschaften bezwungen.
Wir müssen uns Alle dieses schneidenden Gegensatzes recht deutlich bewußt werden, oder wir laufen Gefahr, in unsrer Erziehung, wie schon oben bemerkt, dem gestrigen Tag, was doch in keiner
menschlichen Gewalt steht, die Rückkehr zu gebieten. „Einer für Millionen" lehrt Christus nebst seinen Aposteln: „Millionen für Einen" das ist die Weisheit der Griechen und Römer, unter Alexander
und Tiber- {8}
rius. Und doch hat der grimmige römische Wolf, der so wüthig auf der Insel Caprea hauste; drey Welttheile verwüstete; die Thränen der Völker in Perlen verwandelt, in den Becher seiner Cleopatren
warf; geplünderte Provinzen in das Ohr seiner Messalinen hing, mit allen seinen fliegenden Adlern und unbezwinglichen Legionen, es nicht hindern mögen, daß das Lamm am See Nazareth, das nichts
wußte, als für die Brüder zu sterben, mit seinem völlig entgegengesetzten Grundsatz in der Weltgeschichte: „Einer für Millionen" den Sieg behielt. So haben wir denn den Mittelpunke aller
Geschichte, mit dem aller echten Erziehung und wahrhaften Menschenbildung zugleich gefunden. Die Jugend zu edeln und christlichen Thaten durch Wort und Beyspiel zu entflammen: das ist die erste,
das ist die wesentlichste Aufgabe, die kein christlicher Lehrer, bey seinem Erziehungsgeschäft, er mag nun griechische, römische, deutsche Geschichte oder Physik, Mathematik vortragen, keinen
Augenblick aus den Augen und dem Gesichte verlieren darf. Hieraus ergibt sich ein stilles Regulativ für den Vortrag aller Wissenschaften auf dem Gymnasium von selbst. Die Classen z. B. müssen
nicht so überfüllt seyn, daß sie eine christliche strenge Aufsicht und eben dadurch einen Einfluß des Lehrers auf die Erziehung der Jugend unmöglich machen. Im Gegentheil wird das Ganze auch
wissenschaftlich gewinnen, wenn nach dem von mir unterstützten Vorschlag des Hrn. Professor Hand, ein Ober- und ein Unterlehrer für Prima, Secunda, Tertia, Quarta u.s.w. angestellt, wenn
jedem von diesen christlichgesinnten Männern eine bestimmte Anzahl von Schülern zugeordnet würde, deren Studien {9}
er leitete; die in seinem lebendigen Umgang Kenntnisse einsammelten, und für deren sittlichen Zustand er eben dadurch gewissermaßen stillschweigend Bürgschaft leistete. Wenn ferner, durch
Einführung der Repetirstunden, die durch ältere, vorgerückte Mitschüler, im Sinn der alten sächsischen Klosterschule, zu halten waren; ingleichen durch Anordnung von Lesezirkeln, Singübungen
u.s.w. manchen schädlichen Zerstreuungen, die der unbewachte Abend für so viele, sich selbst in einer fremden Stadt überlassene Jünglinge, durch Kartenspiel, Tanz, Komödie, und was damit
verknüpft ist, herbeyführt, unter Leitung eines verständigen Lehrers vorgebeugt würde; wenn ebenso die Historie, nach Herrn Professor Brieglebs Vorschlag, anstatt weit und breit auf dem Meer der
Geschichte, ohne Steuer und ohne Compaß, in der Irre umherzutreiben, vielmehr ihren Lauf nach den ewigen Leuchtthürmen großer Charaktere und Perioden richtete; nicht sowohl den Barbaren, als
vielmehr den in steter Entwickelung, als Römer, als Grieche, als Christ begriffenen Menschen, zum Gegenstand ihrer Forschung erwählte; und eben damit das Studium der Classiker in eine nahe und
innige Verbindung setzte; wenn zuletzt erkannt würde, daß ohne tüchtiges Studium der Muttersprache, ohne innige und vertraute Bekanntschaft mit deutschen Klassikern aus den verschiedensten
Zeitaltern, vom Lied der Nibelungen, von Luthers Bibel-Übersetzung an, bis herunter zu Klopstock und Göthe, an kein lebendiges und wahrhaftes Eindringen in den Geist der Alten zu denken sey; eine
Meinung, worin die Herren Frenzel, Horn und Hand fast buchstäblich zusammentreffen; wenn auch bey dieser Lectüre wieder dasselbe Regulativ, wie oben, gälte und nichts Deutsches oder
Altdeutsches {10}
gewählt würde, als was durch Beyspiel, Begeisterung, Entflammung zu Wort und That, im frommen Sinn der Vorfahren, so wie der edelsten Zeitgenossen, einen durchaus entscheidenden Einfluß auf
Erziehung und Charakterbildung unserer Jugend auszuüben geschickt wäre: könnten wir uns, ich sage Uns, dieses in der Schrift selbst ausführlicher angegebenen Gesichtspunktes bemächtigen; so würde
der Zweck über die Mittel nicht länger in unsern gelehrten Schulen verloren gehen; so würden wir, anstatt vor der Thür des Tempels der Wissenschaften stehen zu bleiben, zu klopfen, und aus einem
Jahrhundert in das andere die Schlüssel zu feilen, die ihn eröffnen sollen und doch nicht eröffnen, d. h. wie es häufig geschieht, anstatt arabisch, syrisch, hebräisch, chaldäisch, römisch,
griechisch und am Ende doch nur Worte zu lernen, mit höherm Aufschwung in das innerste Heiligthum der Kunst und Wissenschaft selbst eindringen, und so das kindlich große Geheimniß: „Er schuf den
Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn" durch alle historischen Abstufungen, in Betreibung der echten humaniora, wie sie Herder fühlte und ahndete, nach dem Regulativ des
Christenthums, nicht nur fromm und einfältig erkennen, sondern auch anwenden lernen. Wir würden die hohe und stille Größe eines Scipio, eines Epaminondas, zum zweytenmal erleben, und der Aufputz
von allerley Wissenschaften und Kunst, gegen welche Professor Hand und Director Frenzel, mit Recht in ihrem Aufsatz so geeifert haben, würde sich, zugleich mit dem renomistischen Aufputz der
Schüler in Kleidungsstücken und Sitten, aus den Hörsälen unserer Gymnasien verlieren. Zum größten Vortheil der Universitäten selbst, die eben dieses Regulativ einer christlichen praktischen Er-
{11}
ziehung, bey Zeiten angewandt, von rohen, künftigen Ausschweifungen ihrer Mitbürger, vor Missbrauch der academischen Freyheit, am sichersten zu bewahren im Stande ist. Haben wir so die
Abscheidung der Grenzen des Unterrichts auf den Gymnasien, von dem auf den Universitäten, durch Feststellung der Studien und praktischen Maximen im herrlichen uralten Geist des Christenthums, wie
sie keinem deutschen Gymnasio zu erlassen sind, glücklich zu Stande gebracht: so wird der zweyte Theil unserer Aufgabe, die Abtrennung der Bürgerschule vom Gymnasio, und was dessen Lösung
betrifft, bey weitem weniger Schwierigkeiten unterworfen seyn. Ich kann mich über diesen Punkt hier um so kürzer fassen, da nicht nur das Ausführlichere darüber in der nachfolgenden Abhandlung
selbst dargelegt ist, sondern auch der bey Herrn Brockhaus zu Leipzig 1819 gedruckte Aufruf, zunächst an die Weimarische Landstände und sodann an das ganze deutsche Volk und dessen Fürsten
gerichtet, die grausenhafte Lücke, die sich in unserem jetzigen Schulwesen immer noch zwischen Volksunterricht und Volkserziehung befindet, nicht nur von allen Seiten durch Beyspiele aufgedeckt,
sondern auch aktenmäßig erläutert hat: Was den deutschen Gymnasien, ist eben auch den deutschen Universitäten begegnet: sie haben über die Mittel häufig den Zweck vergessen.
Wenn nach Herrn Professor Hand's und Director Frenzels gründlicher Darlegung, die Zerstückelung der Wissenschaften; die Erhebung jedes einzelnen Zweiges der Literatur, der Antiquitäten, der
Etymologie, der Aesthetik, Statistik u.s.w. zu der Würde eines in sich selbst geschlossenen wissenschaftlichen Ganzen, zu weiter nichts führte, als daß der Unterricht in den Hauptfächern dadurch
immer mehr verseichtet wurde, so muß {12}
man bey Betrachtung unserer Volksschulen und der vielen geographischen, astronomischen, mathematischen, historischen Halbwisserey, die in denselben fortwährend getrieben wird, leider in dieselben
Klagen ausbrechen und den Gegnern willig einräumen, daß diese unvollkommenen Kenntnisse, meist auf Kosten des Lesens, Schreibens, Auswendiglernens der Evangelien und Lieder in denselben erkauft
werden. Etwas Anderes ist, was sich den Kindern gesprächweise von diesen Dingen, oder gelegentlich im Umgange beybringen läßt; nur ums Himmels willen keine systematische Behandlung. So wurde ich
z.B. zu Eisenach im Jahr 1819 in einem Garten, am Fuße der Wartburg, von einigen jungen Schülern um ein gewisses Sternbild befragt, das seinen Stand gerade über dem grünen Laubengang, wo wir
saßen, genommen hatte. Es war der Wagen und Angelstern. Ich benutzte dieß nicht nur zu einem sinnvollen Gespräch, weil den Knaben einmal das Interesse an diesem Gegenstande aufgegangen war,
sondern wir sangen auch mit einander die zwey nachfolgenden Strophen, aus Hallers erhabenem Gedicht, über die Ewigkeit, ab:
Melodie: „Sey Lob und Ehr."
Der Sterne stille Majestät,
Die uns zum Ziel erhoben,
Am Firmament befestigt steht,
Die leuchtend stillen Globen,
Sie eilen weg, sie werden blaß
Vor dir, mein Gott, wie welkes Gras
An schwülen Sommertagen.
Wie Rosen, die am Morgen jung
In schönster Blüthe prangen,
Doch Abends in der Dämmerung
Schon wieder sind vergangen: {13}
So welken hin im Lauf der Zeit,
Vor dir, du Herr der Ewigkeit,
Der Angelstern und Wagen.
So spricht das erste Volksbuch der Welt, die Bibel, von Orion und der Gluckhenne, vom Behemoth, vom Pferd, vom Eichhorn, vom Ysop, aber nie systematisch und trocken, sondern begeistert und
gelegentlich; nie gesucht. Des letzten Zweckes aller Erziehung in christlichen Staaten, der in Erweckung zur Religion und zu einem frommen Lebenswandel liegt, sind wir uns oben bey den Gymnasien
bereits hinlänglich bewußt geworden. Es kann derselbe kein anderer für die Volksschulen seyn. 35.000.000 Taugenichtse, die lesen, schreiben, rechnen könnten, wären noch immer kein christliches
Volk. Sie würden keins, wenn sie auch noch dazu mahlen und Gedichte machen lernten.
Aus Ehebrechern, Hurern, Bankroteurs, falschen Spielern, ungerathenen Söhnen, liederlichen Töchtern; mit einem Wort, aus verfaultem Hausregiment kann kein Solon, noch ein Lycurg gut
Staatsregiment erkünsteln. Wir sehen also auch hier wieder, wie oben, sehr leicht, worauf es ankommt. Unsere Bürger und unsere Bauern sollen keinesweges zu gelehrten Halbwissern, sondern zu
echten Christen und wahrhaften Menschen erzogen werden. Der heidnische Aufputz der Wissenschaften kann ihnen, wie es dermalen häufig genug der Fall ist, zwar einen äußern Firniß und Glanz, aber
nimmer wieder ihnen jenen Kern, jene innere Würde des Menschen ertheilen, die nur eine gereifte Frucht des reinen und unverfälschten Christenthums ist. Dieselben christlichen Grundsätze, welche
Rom und Griechenland so unerbittlich gerichtet haben, werden auch früher oder spät, jedes Erziehungszwesen in Europa richten, das mit Verkennung des Fundaments, woran die neue Zeit geworden
{14}
ist, einem blinden Heidenthum nachläuft und von der Abgötterey, die es mit den Wissenschaften treibt, das Heil der Welt erwartet. Christus, der Stifter unserer heiligen Religion, stellte Glaube,
Liebe und Hoffnung schlechthin als Postulate ins Volk. Ich finde keine einzige Stelle in der Schrift, wo er mit seinen Jüngern, über Daseyn nach dem Tode, über Gott, Unsterblichkeit theoretisirt,
disputirt und philosophirt hat. Glaube, Liebe und Hoffnung ließ der begeisterte Seher seinen begeisterten Nachfolgern an sich selber erleben. Sein Tod, sein Gebet voll Zuversicht: „Ich sage dir,
du wirst heute noch mit mir im Paradiese seyn" die Einsegnung seiner Jünger: „Und nun verkläre mich, du Vater, mit der Klarheit, die ich bey dir hatte ehe denn die Welt war." Und weiter, „Vater
ich will, daß wo ich bin, auch die bey mir sind, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen." Also Inbrunst, Segen, Gebet, das waren seine Beweise. Die metaphysische Spinne hatte
längst den menschlichen Hirnkasten übersponnen, als Christus der Herr auf die Welt kam: sollte es nicht Sadducäer, Phärisäer gegeben haben, die mit der haarfeinen Scholastik des Aristoteles; mit
der sokratischen Dialektik des Plato vertraut genug waren?" Das, von römischen Landpflegern regierte Jerusalem bot gewiß hierzu mehr als eine Gelegenheit dar. Aber Christus verschmähte alle diese
Künste, wie es einem echten Volkslehrer geziemt, und trat mit der unerschütterlichen Gewißheit des Glaubens unter das Volk und sprach: „So ihr meine Lehre thut, sollt ihr inne werden, ob sie von
Gott sey." So wurde denn, nach den Grundsätzen unsers göttlichen Erlösers, die Erkenntniß vom Handeln, nicht aber das Handeln von der Erkenntniß abhängig gemacht. Die Predigt, wie ich schon
gesagt habe, war keine {15}
That, sondern die That — eine Predigt. Einer solchen göttlichen Beweisführung konnte weder das sophistische Griechenland, noch das verderbte Rom auf die Länge Widerstand leisten. Der Grundsatz,
der früher Jerusalem richtete, lud auch späterhin die göttliche Rache von außen her, aus den Wäldern unserer frommen Vorfahren, nach Rom ein. Dieß schuldlose Hirtenvolk, bey dem noch das
Hausregiment nicht, wie bey Griechen und Römern, verfault war, sondern in hohen Ehren stand; dem sonach Freudigkeit in Leben und Tod, Zucht, Scham, Sitte, noch für eine Krone der Jugend und des
männlichen Alters galt, konnte nicht anders als jenem Hauptsatz des Christentums, den mit Blut geschrieben dessen eifrige Bekenner bey allen Völkern des Erdbodens zu verbreiten suchten, „Einer
für Millionen" unbedingten Beyfall schenken. So besteht demnach der Geist des echten und wahren Christenthums, weder in Geschwätz, noch in schönen Worten, sondern in Thaten, deren niemand fähig
ist, wofern er nicht Glaube, Liebe und Hoffnung in seinem Herzen erlebt hat.
Daher sollen wir auch in unsern Volksschulen mit dem Volk nicht grübeln, philosophiren, räsoniren, sondern nach dem Beyspiel unsers göttlichen Stifters glauben, lieben und hoffen, und ihm an
Beyspielen zeigen, daß wer glaubt, liebt und hofft, und so sein Vertrauen auf Gott setzt, nimmer zu Schanden wird. Das ist die Wissenschaft, köstlicher als alle Perlen des Orients „als Kalmus,
Myrrhen, Cassia" wie unser Paul Gerhard in seinem alten treuherzigen Kirchenliede singt, die alles arme Volk, was sie in seinem Herzensschrein aufnimmt, reich und herrlich vor Gott macht. — Und
diese Schätze wollten wir dem Volke vorenthalten? und dagegen unsern Botanikern, Mineralogen, Mathematikern erlauben, ihr {16}
vertrocknetes Herbarium, ihre Steine, ihre Zahlen und Schieferstifte in unsern Schulen auszupacken? Das sey ferne von uns! Nicht genug aber ist es, das arme Volk zu lehren und den
Himmelsschlüssel handzuhaben, sondern du sollst auch sein und seiner Kinder zeitliche Noth und Anliegen, wo du nur immer weißt, oder kannst, vor Augen haben, bedenken, zu Herzen nehmen. Darum
siehe ja zu, daß du außer dem Himmelsschlüssel auch des Schlüssels zum Brodschrank und zum Kleiderschrank habhaft werden kannst! Denn wie möchte es lauten, so jemand vor dem Volk predigte und
sagte: „Der Herr segne euch und behüte euch; der Herr lasse sein Antlitz leuchten über euch und gebe euch was zu essen! (sehet zu, wo ihr etwas bekommt). Was mich betrifft, so gehe ich jetzt nach
Hause, um mir bey einer Mahlzeit Fleisch und Wein gütlich zu thun. Ihr Andern könnt derweil, bis ich zur Nachmittagspredigt wieder komme, um euch mit dem göttlichen Wort zu speisen, eins aus dem
Bornständer trinken, der dicht vor unserer Kirchenthür läuft! Der Herr gebe euch seinen Frieden Amen! Nein, nein, so haben in der alten Zeit weder Christus noch seine Apostel; so hat auch in der
neuern Zeit kein Paul von Vinzenza geprediget. Jede Armenschule, sey es in einem Dorf oder in einem Städtchen und Marktflecken, sollte zugleich mit einer Gewerbsschule verknüpft seyn. Es ist
nicht genug, daß man armen Leuten durch die Obrigkeit ihres Ortes den Zwang auflegt, ihre Kinder täglich in die Schule zu schicken; man muß auch den Kindern zugleich die Mittel, ihren Eltern
etwas zu verdienen, und ihnen in allerley Leibesnöthen beyzuspringen, an die Hand geben. Geschieht das nicht, so werden sie häufig von ihren Eltern wie Ziegen verbraucht, betteln geschickt und
reifen so zu Vagabunden heran, deren jährlicher Unterhalt alsdann in Criminalen, wo ihnen Kofent, {17}
Wasser, Schande und Prügel genug zu Theil werden, dem Staat aktenmäßig (siehe den gedruckten Aufruf, Leipzig bey Brockhaus 1810) 50 Rthl. gut Geld kostet; eine Summe, die in die Hände eines
gottesfürchtigen Landgeistlichen oder Schullehrers niedergelegt, und gewissenhaft von demselben verwaltet, zu rechter Zeit, vielleicht fünf solcher Kinder vom Abgrund der Schande und des
bürgerlichen Todes zu erretten im Stande gewesen wäre. Was geht es mich, von diesem christlichen Standpunkt einer echt praktischen Volkserziehung aus, der Umstand an, daß unter den Dieben, die
jährlich in Europa auf diese Weise in großer Menge gehangen oder schimpflich in Ketten geschlagen werden, gar viele sind, die gut lesen und schreiben können. Meinetwegen mögen sie auch zeichnen,
malen, musiciren und französisch parliren und discouriren! Die Kunst aller Künste fehlt ihnen doch; erzogen sind sie nicht; ja, und was das größte Elend ist, viele derselben dünken sich wohl gar
zu vornehm, wenn man sie zu Christus und seinen Aposteln in die Schule schicken wollte.
Einfältig, fromm und doch verständig seyn: das ist der Vorzug eines Christen; wer dieses Gepräges entbehrt, hat seinen Taufstein Lügen gestraft. „Seyd klug wie die Schlangen und ohne falsch wie
die Tauben." So lauten die Worte. Wir unterscheiden demnach in unserer Ansicht nur zweyerley Schulen, die Volksschulen und die gelehrten Schulen, die niedere städtische Volksschule, die
Freyschule, die Armenschule, die Schule für die, dem Tagelohn nahestehenden Handwerker, als da sind: Schmidt, Maurer, Zimmermann, Schuhmacher, u.s.w., können ihrer Natur und ihrem Wesen nach kein
ander Element des Unterrichts als die Dorfschulen anerkennen. Dazu gehört {18}
1) Sprechen, einfältig und doch mit Herz und Kopf. Das lernt das Kind schon im 4ten oder 5ten Jahre, wenn man ihm ein Mährchen, kleine Geschichten erzählt und sich so lange wieder erzählen läßt,
bis es die Worte und die Ausdrücke merkt, die man ihm, mit möglichster Kürze und sinnlicher Klarheit, auszulegen sucht. Anschauung, Auslegung von Bildern, Zeichnen kann ebenfalls in diesem Alter
treffliche Dienste leisten. Denn Mährchen — und Bilderbuch, hat die Menschheit, aus einem Jahrhundert in das andere auf ihrem Schoos gehalten, und wir wollen diese Ordnung nicht umkehren. Weder
Mathematik noch Grammatik, die Dichtkunst ist die erste Lehrerin der Völker gewesen und ist es noch. Das Kind behält bey solchen Verstandesübungen seine volle Unschuld und Naivität, die es
sogleich verliert, wenn es in einem Alter von 6 — 7 Jähren durch altkluge Sentenzenkrämerey und feine Distinctionen der Begriffe, die neben ihm stehenden Alten beschämt; wie denn der Verstand
überhaupt ein altkluges Vermögen ist, das jedem jungen Menschen ebenso zu Gesichte steht, wie dem Kind eine Perücke. Nur in späteren Jahren und da, wo ihm eine lange und gereifte Erfahrung zur
Seite geht, mag derselbe ohne Unbescheidenheit auftreten. Statt dessen entwickele man lieber in den Kindern das zeither allzuhäufig vernachlässigte Gedächtniß, das, mit seinen Riesenarmen, die
Schätze des Wissens, die man ihm anvertraut, außer dem Bereich von Motten — und Würmerfraß, von Fluthen und Feuersbrunst, in den Himmel empor trägt.
Die Musen, fügt Homer, sind Töchter des Gedächtnisses. Alle Versuche, Latein, Logik, Grammatik, Mathematik, Geographie, Astronomie u. s. w. bey Gelegenheit des Unterrichts in den Volksschulen,
gleich viel in der Stadt oder auf dem Lande, einzu- {19}
schwärzen, deuten, wie Schiller sagt, auf eine schwere Verirrung der Natur; wenigstens auf eine gänzliche Verkennung der Grenzen des gelehrten und des Volksunterrichts, weil es an sich eben so
ungereimt ist, wenn der Schmidt und der Schuhmacher Latein lernt, als wenn der Graf und der Kaufmanssohn Schuhe und Hufeisen machen wollte. –
Ueberhaupt ist der Verstand in der letzten Zeit mit allen seinen Verstandesübungen, die er dem Volk zumuthete, oft recht albern, ja unverständig geworden. Wahrhaftig, man sollte denken, wenn man
den erschrecklichen Apparat von diesen und ähnlichen Dingen in unsern Volksschulen betrachtet, die Seelen aller deutschen Kinder wären eine Art von Schöppenstädter Rathhaus, worin man das Licht
erst mit Scheffeln hineintragen müßte. Diese geistige Hebammen-Kunst hat uns mit ihren Geburtszangen bereits eine Menge Wechselbälge, ohne Nasen und ohne Ohren, in die Welt gefördert, die allen
Verständigen längst ein Greuel sind. Die Sache ist, daß das Kind, ohne Buch und Katheder, auf dem Schoos seiner Mutter tausend Begriffe, durch den bloßen Ton, in sich entwickelt. Das herzhafte
Hereinsprechen erschreckt es Anfangs ein wenig; aber bald erfaßt sich das Seelchen; merkt auf, faßt; ahndet; lernt, auf eine uns völlig unbegreifliche Weise, und wir werden nur so viel gewahr,
daß Ton, Accent, Musik dabey eine Hauptrolle spielen. Gründe von seinen Vorstellungen, Rechenschaft von seinen Ideen geben, kann das Kind freylich nicht; aber es spricht doch und wendet das Wort
so an, daß man bey vorkommender Gelegenheit wohl sieht, daß es Sinn und Bedeutung desselben auf das Vollkommenste in seinem Innern erfaßt hat. Raphael ist sich schwerlich der Entstehung seiner
Bilder, Mozart, schwerlich der Entstehung seiner Compositionen; Göthe {20}
schwerlich der kühnen Metrik in seinem Faust, etwa mit Angabe und Benennung jedes einzelnen Wortfußes, so bewußt gewesen, wie ein junger deutscher Aesthetiker, der auf seinem Katheder, durch eine
Menge „Warum und Darum" alles hinter einander, Gemählde, Blumen, Gedichte, Fixsterne und Sonaten kinderleicht — entstehen läßt: aber ist darum der Brand der Burg weniger Raphaels; der Don Juan
weniger Mozarts, der Faust weniger Göthens Werk, weil alle Drey weniger Produkte einer angelernten Kunst, als der Natur und einer himmlischen Eingebung sind? Diese Sucht der Deutschen, von Alters
her, die Kinder an der Mutterbrust, wo möglich noch mit einer Theorie der Luftpumpe zu beschenken, damit sie vermittelst ihrer Zunge einen luftleeren Raum machen und saugen lernen, klebt
besonders unserm Erziehungswesen an. Statt lebendige Anschauung einer That, eines Buchs, eines Kunstwerks, eines Gemähldes, zerlegen wir es lieber in seine einzelne Theile, und räsonniren
darüber. Kommt es nach diesem zur Anwendung; will das Leben eintreten: so zeigt sich erst das Ungeschick der also Unterrichteten. So erhalten wir Theoretiker — im ABC Buch; Theoretiker im Ein mal
Eins, Theoretiker im Singen und in der Sprechkunst. So glauben wir thöricht, sind wir uns nur erst eines Dinges, mit einer Menge häcklichter „Warum und Darum" bewußt geworden, so hätten wir, mit
den Regeln, dasselbe auch schon in seinem innersten Wesen erfaßt. Göthe sagt hiervon sehr treffend in seinem Faust:
Wenn A nicht wär und wenn B nicht wär:
So wär C und E auch nimmermehr:
Das wissen die Schüler aller Orten;
Sind darum keine Meister geworden. {21}
Wer will was Lebendiges erkennen und schreiben,
Sucht erst den Geist recht auszutreiben:
So behält er die Theil' in seiner Hand;
Fehlt leider nichts , – als das geistige Band;
Eucheiresin naturae nennts die Chemie;
Spottet ihrer selbst und weiß nicht wie.
Ey, ihr lieben gottgetreuen und freudigen Deutschen; so malt doch; so rechnet doch; so sprecht doch; so schreibt doch; so schmiedet doch; so schneidert doch; seyd tugendhaft; seyd christlich;
legt in allen diesen Dingen tüchtige Werkstätten an; aber nehmt euch die andern Werkstätten auch darin zum Muster, daß ihr euren Lehrling Löschtrog, Blasebalg, Hufbeschlag nicht aus gemalten
Büchern, sondern aus Natur und Anschauung kennen lehrt. Von Regeln nehmt jedesmal gerade nur so viel mit, als das Haus bedarf, so werdet ihr einfache Menschen und tüchtige Künstler bilden; die,
wenn sie einmal tugendhaft sind, oder thun, was Christen gebührt, sich nicht wie die Hühner, wenn sie ein Ey legen, damit aufhalten, um stundenlang darüber zu gackeln. Seht, wie ein deutscher
Meister, der hohe Ehre zu sprechen hat, wo von Kunst die Rede ist, wie euer Göthe in den Propyläen die Kunstwerke behandelt, wie er den Brand der Burg, die Messe zu Bolsena von Raphael erklärt
und erläutert. Da ist kein weitläuftiges Ausholen, vom Schönen, vom Erhabenen, vom Rührenden, und warum es schön, warum es erhaben, warum es rührend ist, sondern Schritt für Schritt gehen wir mit
dem Künstler historisch vorwärts; wir sehen uns gleichsam in seine Werkstätte versetzt, und können so belehrt, die Entstehung des Kunstwerkes selbst einem Kinde erzählen und deutlich machen. Das
ist der Weg der Natur und der Wahrheit! So wird man ein Schmidt, ein Maler, {22}
ein Dichter, ein großer, ein edler Mensch. „Das Beyspiel ist die beste Schule." Und so müssen Künste und Wissenschaften, wie das Christenthum, immer einen und denselben Grundsatz, den: „So ihr
meine Lehre thut, sollt ihr inne werden, ob sie von Gott sey" für die Ausübung wiederholen. Denn etwas anders ist, wie ein Raphael, Cäsar, Scipio, Homer schwatzen, und etwas anders ist, ein
Raphael, Scipio und Homer seyn, oder doch zu ihrer Schule gehören, und den Ernst derselben in sich aufnehmen. Das Nämliche gilt von den Sprechschulen, die in etwas ganz anderem, als in
grammatischen Zergliederungen, oder in hergezählten partibus orationis bestehn. Schon oben geschah des Umstandes Erwähnung, daß der Ton der erste und natürlichste Commentar, für die Entwickelung
der Sprache des Kindes, auf dem Schoos seiner Mutter sey. Zweifelt ihr an dieser Behauptung: so versetzt euch einmal im Geist und mit verhülltem Angesicht, nach Kalabrien, auf die Südsee, oder
wohin ihr sonst wollt. Dort sollen sich ein paar Kalabresen auf das heftigste zanken; hier mag eine Mutter, zärtlich liebkosend, ihr Kind auf dem Schooß haben. Ihr sollt nicht ein Wort
Kalabresisch; ihr sollt auch nicht eine Sylbe Otaheitisch verstehn; eure Augen sind verdeckt; ihr seht nicht; ihr hört bloß; und doch werdet ihr sehr bald, aus den Accenten der Zärtlichkeit, aus
dem heftig abgestoßenen Tonmaß errathen, wovon hier und wovon dort die Rede ist. Das macht, jede Leidenschaft hat ihren Grundton, worin sie sich bey allen Völkern der Erde, unter allen Nationen,
auf gleiche Weise abspiegelt. Der Schreck über ein plötzliches Unglück, über ein geliebtes Kind, das die Treppe herunter oder ins Wasser stürzt, meldet sich überall in den nämlichen Accenten. Ein
Wilder, ober ein gebildeter {22}
Europäer, das macht hierbey keinen Unterschied! Daher die Allgemeinheit der Musik und ihre verständliche Bedeutung; daher die Würde der Melodie, die sich in das früheste Alter der Menschheit
verliert; daher die Wichtigkeit ihrer Ausbildung, für die Sprechschule, wo der Sinn und das Geschick eine Reihe von Tönen mit dem Gehör aufzufassen und nachzubilden, eine Verständigung des
Gegenstandes, nicht etwa durch den trocknen Begriff, sondern durch das lebendige Gefühl, auf dem Wege der Natur unmittelbar herbey führt. Das ist eben die Musik der Sprache. Wir sprechen keine
Empfindungen, keine Gedanken aus, ohne daß wir nicht jede Reihe derselben, gleichsam unwillkürlich, mit einer Composition begleiteten. Wem dieses Tongeheimniß, dieser erste Ursprung aller Musik
fremd ist, dem muß, wie das eigene Lesen, so auch das Lesenlehren Anderer nur höchst unvollkommen von statten gehen. Uebrigens wird dieser Sinn am besten, nicht etwa durch Theorien, sondern durch
Recitazionen eines Ganzen, gleich von zarter Kindheit an, an Liedern, Sprüchen, Psalmen, Evangelien, am besten geübt, und sind in einer solchen Sprechschule nur erst Einige da, die richtig und
gefühlvoll hersagen, oder lesen: so macht sich das Uebrige von selbst. So z. B. herrscht in dem Evangelium: Johannes 20. „An der Sabbathen einem" die mannigfaltigste Abwechslung. Die zärtliche
Klage und Frage der Maria, wo sie den Heiland für den Gärtner hält: „Herr, hast du ihn weggetragen: so sage mir, wo hast du ihn hingelegt." Der Alles in einen Laut des innigsten Gefühls
zusammendrängende, fast wehmüthige Zuruf des Herrn: „Maria," die Freude, der Jubel dieser bekümmerten Seele, am Schluß der Erzählung: „Ich habe den Herrn gesehen, und solches hat er zu mir
gesagt" Alles dieses muß {23}
man den Kindern nicht etwa in weitläuftigen, vertrockneten Theorien:
„Wenn A nicht wär und wenn B nicht wär:
So wär C und wär D auch nimmermehr."
auseinander setzen; sondern man muß es ihnen richtig mit Herz und Kopf so lange vorsagen und vorsprechen, bis ihnen, was sehr bald kommt, im Ton, Ahndung und Verständniß dieser oder jener
Schriftstelle aufgeht. Da die Kinder mit diesem Lehrmeister schon vom Schoos ihrer Mutter bekannt sind, so hören sie gern auf ihn und seine Methode, die dem jugendlichen Alter bey weitem nicht so
zuwider ist, als die des trocknen Professors Verstand, der nur immer trennen und zergliedern will. Die bis zur völligen Disproportion getriebene Entwicklung dieses einseitigen Vermögens, in
unsern Schulen, hat in der neuesten Zeit manche Verlegenheiten herbey geführt, und häufige Klagen über Absprechen, vorlautes Wesen der Jugend, und verwegnes, wo nicht freches Ueberspringen aller
Erfahrung veranlaßt; allein im Grunde haben wir uns nur über uns selbst zu beschweren; denn wie konnte es anders seyn, als daß der siebenjährige Verstand des Kindes, den wir in dem Treibhaus der
Logik, mit Beseitigung des ruhigen Gedächtnisses, dem die Periode der Kindheit von Natur anheimfällt, zu entwickeln kein Bedenken trugen, sobald er nun auf diesem Wege zu einem Alter von zwanzig
Jahren gelangte, sich einbildete, er sey nun zu jenem männlichen Alter gereift, wo er seinen Vater, seine Mutter, ja ganz Europa vor Gericht zu fodern berufen wäre. So büßen wir denn überall in
unserm Vaterlande die Folgen verkehrter Erziehungsmethoden. Hier ist es die Memorie, die sich zu Tode memorirte; dort die Phantasie, die sich zu Tode phantasirte und {25}
anderswo das Räsonnement, das sich zu Tode räsonnierte. Werden wir endlich lernen, alle diese Vermögen in Eins zusammenfassen, und Religion, Glaube, Liebe, Kunst, Wissenschaft in einem großen und
seltnen Bund so zu vereinen, daß selbst die alten und neuen Sprachen (Humaniora) nur Theile dieses organischen Ganzen sind? Günstige Vorzeichen sind dazu unter uns Deutschen, und zwar nicht erst
von Heut oder Gestern vorhanden. Gott hat uns die Kunst geschenkt, die, durch Klopstock zuerst so neukräftig, an Luthers Bibelübersetzung in Sachsens Mitte erstanden ist; die sodann in Wolfgang
von Göthen, den das von Alters herrliche Frankfurt aussandte, auf dem 300jährigen Sprachthurm Lutheri ebenfalls seinen Stand nimmt, und dem scheidenden Mittelalter wehmühig, in Götz von
Berlichingen, gleichsam zum Abendgespräch über die Hausthür, einen traulichen Handschlag bietet; bis Schiller aus Schwaben, den Wallenstein aus Böhmen, den Tell und die vier Waldstädte von den
Todten erweckte, und überall deutsches Leben und deutsche Kunst zu der nämlichen Zeit siegte, wo der Uebermuth fremder Waffen das theure Vaterland mit einer ewigen Unterjochung zu bedrohen
schien. Das sind keine vergänglichen Zeichen der Zeit; wir aber sollen dieselben nicht nur zu deuten, sondern auch zum Heil unserer Jugend, mit Verstand, mit Weisheit, mit Mäßigung zu benutzen
wissen. Ein alter, grundehrlicher Farber färbte seit undenklichen Jahren allerley Stoffe, besonders Seide und Wolle und Leinen. Einstmals kam zu demselben, ein junger, dem Ansehn nach feiner
Mann, in Begleitung vieler Damen und Honoratioren des Orts, der so eben die Universität und das Katheder frisch verlassen hatte, mit einem Prisma in der Tasche und begehrte Vorlaß. Sobald er
denselben erhielt, befragte er den alten {26}
Färber, ziemlich anmaßend: was er denn eigentlich zu färben pflege? Wolle und Seide war des Greises bescheidene Antwort. Zugleich hielt er den Herren und Damen einige Stücke von seinen gefärbten
Zeugen, Seiden und Garnen entgegen. Als der junge Professor dieselben eine Weile betrachtet hatte, schlug er, wie die Götter Homers, ein fast unauslöschliches, selbstgefälliges Gelächter auf; zog
sein dreyeckiges geschliffnes Prisma aus der Tasche, warf die schönsten Regenbogenlarben damit auf die gegenüberstehende weiße Wand; verglich das reine Blau, das verklärte Roth, was er auf diese
Weise erzeugte, mit den getrübten Widerscheinen, welche das Tuch, die Leinen und die Seide des Färbers darstellten, und endete seine Theorie vom Urlicht, von den chemischen Vermischungen, von den
anziehenden und abziehenden Polen damit, daß er dem alten, ehrlichen Färber den wohlmeinenden Rath ertheilte, seinen Farbenkessel je eher je lieber in Stücken zu schlagen: ein Collegium bey ihm
zuhören und ein Laboratorium nach prismatischen Grundsätzen zu errichten. Hier riß dem alten Färber zuletzt die Geduld und er sagte ganz trocken, indem er seine Mütze ziemlich verwegen auf das
linke Ohr verschob: „All gut, mein junger Herr; daß es einen blauen Himmel gibt, das wußt ich längst; eben so ist mir auch das Morgenroth und Abendroth nicht unbekannt geblieben; aber lieber
Herr, wenn wir am Herde stehen, handelt es sich um ganz andere Dinge, als um eine weiße getünchte Wand, oder um den Widerschein eines dreyeckigen, geschliffenen Glases. Seyd doch so gut und
destillirt mir einmal den blauen Himmel! bestehet, wofern ihr es könnt, den niedrigen Kampf mit Fett, Seide und Wolle! kocht mir das Abendroth und steckt mir das Morgenroth in einen Kessel: so
will euch loben und preisen immerdar: — {27}
wo nicht — so verschont mich mit allen euern vornehmen Redensarten! Habt ihrs gehört? Morgen ist gerade Freytag, da färben wir; ihr könnt also euer Glück versuchen. Der junge Professor zuckte
mitleidig die Achseln; murmelte so etwas von beschränkten Realisten, von blinden Empirikern in den Bart, und man will versichern, er sey nicht wieder gekommen.
Der Leser wird mir diese Abschweifung zu gute halten; aber nachdem wir vorher das Uebel von Grund aus untersucht, und sogar die Theoretiker im ABC Buch kennen gelernt, mußten wir nothwendig, um
diese Krankheit der Deutschen durch alle ihre Verwandelungen durchzuführen, mit den Theoretikern im Staat den Beschluß machen. Wir kommen zurück zu den von uns in Vorschlag gebrachten
Sprechschulen. An vorgesagten und nacherzählten kleinen Geschichten, Mährchen, Liederversen, Sprüchen, Evangelien, Bildern, mit beyläufig von dem Erzähler von gebrachten Erklärungen, die ums
Himmels willen nicht bey den Haaren herbeygezogen werden müssen: so lerne das Kind natürlich sprechen, und was es bey der Mutter anfing, werde durch die Schule auf demselben Wege
fortgesetzt.
Aus dieser lebendigen Sprechschule zu den todten Zeichen des Lesens und Schreibens vorrückend, vereinige man beydes, aber man verschone das Kind auch hier mit aller leidigen Theorie. Bibel und
Gesangbuch müssen von nun an immer mehr in ihr altes, durch die Jahrhunderte bewährtes Recht treten. Die heilige Geschichte ergötze, erwecke, erbaue und belehre das Kind. Beispiele von großen und
echt christlichen Charakteren werden ihm nach und nach näher gebracht. Psalter, Sprüche und kernhafte Lieder und Erzählungen wechseln mit einander ab. Den Kleinen werden sie durch die Größeren
vorgebetet; aber nie, ohne daß sie {28}
zuvor der Lehrer mit den Grösseren eingeübt und durchgenommen hat. Der Lehrer selbst aber muß tonkundig seyn und alle frommen Liederweisen unserer Vorfahren wohl inne haben. Er spreche selbst mit
Herz und Kopf: so wird auch seine Schule mit Herz und Kopf sprechen lernen. Ermangelt der Lehrer dieses Vorzugs; kann er bloß Theorien über das Sprechen vortragen, spricht aber selbst schlecht:
so helfen alle seine Regeln zu nichts. Daher sollten Declamation, Orgelspielen und Gesang, in allen Landschullehrers Seminarien die drey Hauptstücke seyn. Denn Evangelien, Sprüche und
Kirchenlieder, wie das Einmal eins, ohne Unterscheidung irgend eines Accentes herplappern, ist zwar in unsern Volksschulen eine sehr gewöhnliche Sache; aber man wird mich nie überzeugen, daß
diese verkehrte Methode die rechte ist. Der schönste Vorzug des Menschen ist und bleibt die Sprache; daher wird das Wesen einer Volksschule von uns eben so in die Entwickelung an der
Muttersprache gesetzt, als die Entwickelung an der lateinischen und griechischen Sprache von uns für das Wesen eines Gymnasiums, oder einer gelehrten Schule gehalten wird. Ist aber Jemand in
seiner Muttersprache todt geblieben, so wird er auch schwerlich in einer fremden lebendig werden, sondern zu einer deutschen Elster, die Worte ohne Sinn plaudert, wird alsdann noch ein
griechischer, oder lateinischer Papagey hinzukommen. Daher sollten wir billig vor beyden Abschweifungen auf unserer Hut seyn. Uebrigens erfolge die Entwickelung des Verstandes, oder Gefühl's
jedesmal nach Maßgabe des Vortrags d. h. an dem jedesmaligen Gegenstand, dem Spruch, der Geschichte selbst, in kurzen und fromm-einfältigen Sätzen; nie abgesondert von ihm, breit, trocken,
weitschweifig. So ist besonders dem ersten Vermögen seine Grenze angewi- {29}
sen, damit es nicht, als verkappte Logik, Grammatik, Mathematik, zuletzt Evangelium und heilige Schrift verdränge, die ein ganz anderes Recht auf Menschenbildung und Erziehung, seit
Jahrtausenden, als jene Wissenschaften auszuüben gewohnt sind. Auch im Rechnen zähme man die Theorie und die Abschweifungen derselben, durch Anwendung auf lebendige und sinnliche Gegenstände. Von
vaterländischer Geschichte kann ich für Volksschulen auch nur denjenigen Theil empfehlen, der das Volk christlich bilden und zu edeln Thaten, im bessern Geiste seiner Vorfahren, begeistern kann.
Alles andre ist, wo nicht Ueberfluß, doch, sofern es dieser ersten und wesentlichen Richtung zuwider läuft, vom Uebel. Wie lehrreich steht, unter diesen christlichen Gesichtspunkt gebracht, die
neue und neueste Weltgeschichte da! Durch die Annahme dieser Grundsätze, würde zugleich eine Menge unerfreulicher Widersprüche, zwischen den neuern Pädagogen und den Verehrern des classischen
Alterthums, gleichsam von selbst wegfallen, da die gelehrten- wie die Volksschulen, sich beyde nur in einem gemeinschaftlichen Element, der Entwickelung des Menschen an der Sprache, als dem
Hauptpfeiler des ganzen Erziehungsgebäudes, nothwendig begegnen müßten. Wohl gibt es Lesebücher, die an sich nicht verwerflich sind; nur sollen sie das Element in den Schulen nicht verdrängen und
durch Auswendiglernen weltlicher Fabeln und Geschichten, Bibel, Gesang und Evangelium am Ende gar entbehrlich machen wollen. Lassen wir ein würdiges, keineswegs bloß theorertisches, oder
grammatisches, sondern wahrhaft praktisches Sprachstudium, wie das oben von mir dargelegte, zugleich durch den Geist des Christenthums in deutschen und lateinischen Schulen geheiligt seyn: so
würde nur wenig für die Einrichtung beyder zu wünschen übrig bleiben. {30}
Je mehr nämlich das Halbwissen von Geographie, Astronomie u s. w. in den Volksschulen aufhörte, je mehr würde für die eigentlichen Elemente des Volksunterrichts, Lesen, Schreiben, Bibel und
Gesang Zeit gewonnen werden, die nun, bey häufiger Uebung, sehr bald eine entschiedene Meisterschaft in den untern Classen der Stadtschulen, oder Gymnasien behaupten müßten, was dermalen um so
unerläßlicher scheint, da aus denselben, nach erfolgter Einsegnung und zurückgelegtem vierzehnten Jahr, so viele Kinder zu Künsten und Handwerken, ohne Weiteres, entlassen werden. Ueber die
Notwendigkeit einer Scheidung der niedern Bürgerschulen von den Gymnasien hat sich Professor Hand mit so siegreichen Gründen ausgesprochen, daß ich dem, was er darüber vorgebracht, meinen
unbedingten Beyfall unmöglich versagen kann. Die niedere Richtung mit einer höhern, oder umgekehrt die höhere mit einer niedern zu vertauschen; aus Edelleuten und Gelehrten Korbmacher, Seiler;
aus Korbmachern und Seilern Gelehrte bilden wollen, die Latein und Griechisch lernen; mit welchen scheinbarem Gründen der Verfasser des Emil und des Buchs sur l‘Inegalité, dieser Sturmvogel der
französischen Revolution, die alle Stände und Zeitalter unter und durch einander würfelte und vermischte, solche und ähnliche Verkehrtheiten auch beschönigen will: solche Paradoxien halten so
wenig Stich, wie der Versuch, welcher die Grenze von Gymnasien und Universitären verkennt, und wie bereits im Eingange bemerkt ist, aus Schulknaben Studenten, aus Studenten aber Schulknaben zu
machen bereit ist. Alles das wird von Professor Hand mit Recht eine Irrfahrt nach erträumten Zielen genannt, was denn auch die Erfahrung in Frankreich sattsam und traurig genug bestätigt hat.
Etwas anders muß die Frage freylich da gestellt wer- {31}
den, wo von höheren Bürgerschulen die Rede ist. Hier möchte sich, bey näherer Untersuchung und Prüfung, als Resultat ergeben, daß gerade der Abgang jener lebendigen Kenntnisse, deren Mangel in
unsern Gymnasien von Professor Hand und Director Frenzel, in gleich lebhaften Ausdrücken beklagt wird, zum Wesen einer höhern Bürgerschule gehören möchte. Wir rechnen dazu
1) deutsche Sprache, vertraute Bekanntschaft mit den Classikern unserer Nation; nicht weitschweifig oder gelehrt, aber doch so, daß Luther, die Nibelungen und das Heldenbuch, in diesen Kreis
fallen.
2) Bildung des Geschmacks, in einer kurz gefaßten Geschichte der deutschen christlichen Kunst, so wie Nachweisung der großen Formen, worin sie zum Unterschied von Griechen und Römern erschienen
ist; aber auch hier muß wieder nicht etwa vom Katheder herunter über Raphael, Homer, Sophokles, Albrecht Dürer theoretisirt, sondern sie müssen in ihren Werken angeschaut werden. Wie die
Wiederherstellung und künftige Veredelung eines schönen Kirchgesanges von der Einführung und Uebung des Chorals in unsern Volksschulen abhängig ist: so gibt es auch kein bessres Mittel die Wände
unserer vornehmen und gebildeten Mitbürger von dem Tand englischer Kupferstiche; unsere Theater von Geschmacklosigkeiten aller Art zu reinigen, als wenn man früh die deutsche Jugend aller Stände
mit den ewigen Meisterwerken der Kunst aus eigner Anschauung bekannt macht. Wir haben einen solchen gebildeten Stand in Deutschland, wozu auch besonders die Frauen gehören; wir haben Classiker,
die von ihnen geliebt und gelesen sind, und seyd gewiß, die Nation wird ihren Weg gehen, selbst auf den Fall, daß eure ge- {32}
lehrten Anstalten noch länger in diesem Punkt zurückbleiben, und das vorhandene Gute und Große ihrer eignen Nation verkennen wollten.
Die Veredelung unsers Volkes auf diesem Wege fällt so in die Augen, daß ich kein Wort weiter darüber hinzusetzen darf. Wir sind so weit entfernt – die Trennung einer höhern Bürgerschule von den
Gymnasien in diesem Sinn vorzuschlagen, daß Herr Professor Hand, Director Frenzel, Consistorialrath Horn und ich selbst keine dringendere Angelegenheit kennen, als diese, das Studium der alten
Classiker mit dem unserer Muttersprache in eine möglichst innige Verbindung zu setzen.
Als zweytes Element einer echten und höhern Bürgerschule wird die Geschichte von uns angesehen. Von dem Vortrag dieser haben wir, nach Professor Brieglebs Vorschlag, ebenfalls ausführlicher in
der Folge gehandelt. Der gebildete Stand wird sie sich wahrhaftig in Deutschland nicht nehmen lassen und das mit Recht. So wie das ganze Gebiet der Kunst nur eine höhere Sehnsucht bezeichnet, die
das Ebenbild Gottes in höhern Gestalten und Tönen anzuschauen sucht; wie das Ideal der Menschheit, von keiner Leidenschaft getrübt und verstellt, uns aus dem Maß ihrer Engelgestalten und Genien
wie aus einem reinen Aether entgegenleuchtet; wie sie selbst noch, in den Töchtern der Niobe, mit dem Tode und der Vernichtung verziert: auf eben dieselbe liebliche Weise soll die Geschichte
durch einen weise geordneten Vortrag sich zu einem Kunstwerk runden, und so zur Humanisirung unsers Stamms, zur Veredelung desselben, zur Wiederherstellung des Ebenbildes Gottes, in seine
ursprüngliche Würde, nach allen Richtungen durch Erfindung, Kunst, Wissenschaft u. s. w. mit Nachdruck wirken; nicht aber {33}
in einem Gewirr von Zahlen und Namen der Barbaren, oder der ihnen gleichen Völker ihren Untergang finden, und den höchsten aller ihrer Zwecke über chronologische, statistische und historische
Spielereyen aus den Augen verlieren.
Von jedem Gebildeten muß Homer wenigstens in der Uebersetzung gelesen werden. Eben so Sophokles, Livius, Hesiodus, von denen man das Schönste, das Herzergreifendste, in der Geschichte ihres
Volkes, nach Fellenbergs Weise, in den Stellen, wo sie auftreten, einschalten kann. Diese Zuruckführung zu den Urquellen ist allein eine wahre Reformation der Geschichte zu nennen, welche die
Erlösung von tausenderley unnützem historischen Beyrath gleichsam von selber mit sich führt.
Karl der Große, das Mittelalter; die Nibelungen, die Entstehung der Kreuzzüge, der Aufgang der Künste in Italien und Deutschland; die Entdeckung von Amerika; die Reformation; Rom; Griechenland;
die heilige Geschichte, welche die Verheißung hat, daß sie sich noch in einem Zustand jenseits fortsetzen soll, da wo alle anderen Geschichten und Wissenschaften aufhören und in Schauen
verwandelt werden sollen: zwischen diesen Polen sind die Linien der höheren Bürgerschule für das historische Fach angegeben, und wollte Gott wir hätten uns dieselbe auch bereits für die deutschen
Gymnasien angeeignet! So wenig können wir von dieser Seite zu einer Trennung und Abscheidung rathen, daß nach unserm und Professor Brieglebs Dafürhalten, abermals nur in einer innigen
Durchdringung dieser Zwecke, mit dem Vortrag der Historie auf unseren gelehrten Schulen, auch für diese nur Heil und Besserung zu erwarten steht.
Als das dritte Element einer echten und höhern {34}
Bürgerschule stellen wir eine vertraute Bekanntschaft mit der Natur, ein besonnenes Eingehen in ihre Geheimnisse auf. —
Hier kann sich, wie Professor Hand trefflich bemerkt, die Mathematik schon in den Gymnasien eine Krone aufsetzen, wenn sie einer lebenslustigen Jugend die Gesetze der Körper an den Körpern selbst
nachweist, und indem sie dieselbe in dem großen Buch der Natur mit eignen Augen sehen, mit eignen Ohren hören lehrt , ihr zugleich gegen Betrug und Aberglauben das sicherste Palladium in die
Hände gibt.
Alles Vorhergehende und Nachfolgende nunmehr zum Schluß summarisch zusammengefaßt, gehen folgende Grundsätze hervor.
1) Der Hauptunterschied zwischen Volks- und gelehrten Schulen besteht darin, daß die Volksschulen die Muttersprache; die gelehrten Schulen aber die alten Sprachen, als das Element ihrer
Entwickelung betrachten. Weder diese noch jene sollen von dieser ihrer Grundbasis in das weite Feld der Wissenschaften abschweifen. Es soll niemand Latein lernen, der nicht zuvor richtig lesen,
schreiben, sprechen und rechnen kann. Denn wer todt in seiner Muttersprache bleibt, wie soll dem das Leben in einer fremden je zum Aufgang kommen?
2) Der Hauptunterschied zwischen Gymnasien und Universität, wird von uns darin gesetzt, daß auf den Universitäten mehr die Wissenschaften selbst, nach dem ganzen Umfang ihrer Gründlichkeit; auf
den Gymnasien aber mehr die alten Sprachen als Grundlagen aller Wissenschaften, die ja insgesammt ihre Wurzel im Alterthum haben, getrieben werden.
3) Auf den Universitäten soll mehr unterrichtet als erzogen; auf den Gymnasien mehr erzogen, als unterrichtet werden. Kehren wir dieses Verhältniß {35}
um: so würden wir, wie schon bemerkt, statt unserer bisherigen Studenten, Schulknaben; statt unserer Schulknaben, Studenten erziehn.
4) Um dem beabsichtigten Zweck einer christlich-praktischen Erziehung, sowohl in den Volksschulen als in den gelehrten Schulen näher zu rücken, gehört nothwendig dazu, daß man Religion und Bibel
als das alte historische Fundament, an welchem sich Europa entwickelt hat, in beyder Mitte stellt.
Sodann, daß man die Classen verringert und den Lehrer dadurch, daß man ein vernünftiges Classensystem annimmt, mit den Schülern in einen persönlichen Umgang setzt, und ihm sein Erziehungsgeschäft
möglichst erleichtert.
5) Weisen wir dem Gesang und den Sprechschulen durch das Vorhergehende den hohen Rang an, der einem jeden Element gebührt: so sind die Denkschulen darum keineswegs von uns ausgeschlossen, daß wir
in unserm Plan, dem Uebermaß im Räsonniren, als einer Krankheit der Zeit zu begegnen suchen; denn bey denen, so mit Herz und Kopf sprechen, wird das Denken billig vorausgesetzt
Ein naturgemäßes Denken, durch irgend einen Gegenstand veranlaßt, und ein transscendentales Grübeln, das über sich selbst und seinen Scharfsinn den Gegenstand völlig vergißt, ist zweyerley, und
wir sollen es nie mit einander verwechseln. Z. B. über ein gemaltes Hufeisen ein Langes oder Breites räsonniren, ist eben nicht der Weg es in der Schmiede machen, oder ein Pferd beschlagen zu
lernen.
Wir huldigen selbst der Mathematik und Geschichte auf den Gymnasien nur so weit, als den Bedingungen lebendiger Anschauung, die in der Abhandlung näher und bestimmter von uns angegeben sind, von
beyden Genüge geschieht. Zuletzt verkennen wir {36}
6) keinesweges, daß der hohe Zweck einer deutschen Nationalbildung, mit dem einer höheren Bürgerschule nothwendig in eins zusammenfalle. Gebildete Frauen, Kaufleute, Künstler, Gutsbesitzer
eröffnen jetzt schon einen Kreis in unserm Vaterland, dem sich ein deutsches Gymnasium nur zu seinem eignen größten Nachtheil in pedantischer Erstarrung entfremden und versagen könnte. Die Würde
deutscher Nationalschriftsteller muß hier nothwendig obenanstehn. Die Leitung; die Bildung des Geschmacks; die Anschauung echter deutscher Kunstwerke, durch alle Jahrhunderte, wird so erfaßt, dem
was die Bibel in den Volksschulen, nach unserm Plan so würdig und so gediegen anfing, allein im Stande seyn, am Ziel die Krone aufzusetzen. Allen solchen Individuen, welche nicht selten fremde
Sprachen zu erlernen bestimmt sind, wird es auch gewiß nicht schaden, wenn sie beym Besuch des Gymnasiums Latein lernen und sich mit der allgemeinen Grammatik bekannt machen. {37}
Ueber
die Grenzen
der
Volks-, Bürger- und Gelehrtenschulen,
nebst
einigen practischen Vorschlägen. {39}
Der Staat kann nur vier Arten von Schulen anerkennen.
1. Landschulen.
Die Freyschulen in Städten, die Armenschulen, so wie alle sogenannten niedern Volksschulen, die dem Kind des Holzhackers, Tagelöhners den zu seinem Fortkommen in der Welt nothdürftigen Unterricht
ertheilen, sind nur als eine Unterabtheilung der Landschulen zu betrachten.
2. Bürgerschulen
umfassen die Handwerker, die nie Gelehrte werden sollen; die Künstler, die Oeconomen; die Kaufleute.
3. Niedere gelehrte Schulen oder Gymnasien.
4. Höhere gelehrte Schulen oder Universitäten.
Die Grenzen zwischen dem Unterricht auf den höhern und niedern gelehrten Schulen, zwischen Gymnasien und Universitäten, so wie zwischen dem Unterricht in Bürgerschulen und Gymnasien lassen sich
nicht scharf abstecken, wenn man nicht zuvor das Wesen und den Zweck einer jeden von diesen Schulen insbesondere erkannt hat. So läuft z. B. das Wesen der Landschule mit der Bürgerschule, der
städti- {40}
schen Frey- und Armenschule da ganz in einander, wo die letzte sich mit demjenigen Theil der Jugend beschäftiget, der sich dem Tagelohn oder doch demselben ganz nahestehenden Handwerkern und
Lebensweisen ergibt. Knaben, die eine solche niedere Bestimmung haben, mit andern, denen eine höhere zu Theil werden soll, in einer und derselben Classe vermengen: von dieser unglückseligen
Verkehrtheit schreibt Herr Professor Hand in einem trefflichen Aufsatz mit vollem Recht: Die Aufnahme von Subjekten in das Gymnasium, welche nicht Gelehrte zu werden denken, bereitet den Lehrern
Qualen, und was nicht wenig austrägt, verhindert ganz, daß die in Classen verbundenen Schüler ein Geist beseele. Nimmer aber lassen sich die höhern und niedern Richtungen vertauschen, und man
wird die gefoderte Aufklärung unserer Tage als einen Fluch der Zeit ansehen müssen, wenn sie die Scheidungen der Stände auflösen, die verschiedenen untergeordneten Lebenszwecke vergessen, und das
mit Besonnenheit zu richtende Streben in eine vage, blinde Irrfahrt nach erträumter Gleichheit verwandeln wollte.
Alle diese vier genannten Schulen haben ein gemeinschaftliches Element. Der Bauer, der Handwerker, der Bürger, der Gelehrte soll.
1) deutsch sprechen können, mit Herz und Kopf.
2) deutsch lesen, eben so.
3) aus dem Kopf zählen und rechnen.
4) soll er, was die Hauptsache ist, ein guter Mensch werden.
(Da Christus der vollkommenste Mensch gewesen ist: so wird das Kind dieses am besten, wenn es früh zu einem frommen und rechtschaffenen Christen erzogen wird). Alle andern Mittel zur Erreichung
dieses Zweckes sind von {41}
gestern her. Bibel und Gesangbuch haben sich durch Jahrtausende bewährt. Aber Predigen und Singen thut es auch allein nicht. Eine Million edelmüthiger Barbaren wiegt in den Augen Gottes fünf und
dreyßig Millionen Taugenichtse, die fertig lesen und schreiben, auf. Denn die Predigt ist keine That, aber die That ist eine Predigt. Ohne wahrhaft christliche Beyspiele in der Mitte des Volkes,
wird zwar ein Unterricht, aber nie eine Erziehung desselben zu Stande kommen. Daß Gott die Person selbst eines Apelles und Sophokles nicht ansieht, beweist das strenge Gericht, was er über Römer
und Griechen gehalten hat.
5) Da der Mensch in der Zeit, nie im Allgemeinen als Mensch, sondern entweder als Römer, Grieche, Sachs oder Preusse erscheint:
so ist nächst der biblischen Historie, die den Menschen als Kind Gottes mit seinem himmlischen Vater bekannt macht, auch die zarte Verbindung in der Zeit überall zu ehren und zu berücksichtigen,
die jeden Menschen in dem Land, wo er lebt, auf den besondern Stamm, dem er seinen Ursprung verdankt, und auf einen geliebten Landesvater, glorreiche Vorfahren u. s. w. zurückführt. In diesen
kurzen fünf Hauptstücken sind auch zugleich die Elemente aller echten Volksschulen gegeben. Denn mit Herz und Kopf sprechen; christlich gesinnet seyn; das, Wort Gottes lesen können; in den
Zahlverhältnissen, die der Markt des Lebens darbietet, nicht irre werden, und weder sich noch andern durch diesen Irrthum zu nahe treten, ob es Goldstücke oder Aepfel und Nüsse betrift: das soll
die Fürstin, die Bäuerin, das Kind des Grafen wie des Taglöhners. Des Schreibens, des Rechnens auf der Tafel, ist hier noch keiner Erwähnung geschehen, weil die Sicherstellung {42}
des Elements Hautsache seyn und bleiben muß. Eile mit Weile. Keine höhere Foderung darf erscheinen auf Kosten oder mit Beeinträchtigung einer wesentlichern, wenn gleich geringern. Lieber soll das
Bauerkind nicht schreiben, als daß es unbeholfen spricht, oder stumm wie ein Thier, des schönsten aller menschlichen Vorzüge, der Sprache entbehrt. In den Fall zu schreiben kommt der gewöhnliche
Mensch kaum einigemal das Jahr; in den zu sprechen, alle Tage. Der Mensch ist keine Schreibmaschine. Es hat große christliche Zeitalter gegeben, worin das Volk keine Zeile schrieb. Es ist darum
nicht schlechter gewesen. Aber gesprochen hat das Volk zu jener Zeit und vielleicht origineller, wie jetzt. Das beweist Luthers Uebersetzung, der, wie er selbst sagt, dem Volk überall, um von ihm
zu lernen, ins Maul schaute. Daher sind Sprechschulen, im ersten menschlichen Unterricht, fast noch wesentlicher als Schreibschulen. Einer der trefflichsten Seelensorger unseres Landes, Herr
Prediger Zieserling, schreibt über diesen Punkt Folgendes: „Kinder, sagt Abbt, müssen noch am Fuße des Berges spielen und höchstens einige Blumen lesen, um sich damit unschuldig zu schmücken."
Nichts bedürfen die Kinder der Landleute mehr, als daß man sie zum Sprechen gewöhnt. Wenn den Landmann seine Arbeiten in Wälder, Wiesen und Felder oft Tage nach einander ununterbrochen rufen; er
selten in sein Haus kommt, Abends sich ermüdet niederlegt; die Mutter den größten Theil des Tags, den Geschäften außer dem Hause nachgeht: so sind kleine Kinder oft Tage lang in Hausern und Höfen
eingeschlossen und werden zu dumpfen Schweigen gewöhnt. Auf den Dörfern muß ein guter Landschullehrer die Stelle einer guten {43}
Mutter vertreten, die mit den Kindern über alles spricht. Der Unterricht aus den Büchern ist der uns kräftigste. — Durch manche bisher in Landschulen bestandene Einrichtung wurde der Hang zu
vielen Unarten selbst befördert. Wie müssen 5 - 6 jährige Kinder, welche 7 und 8 Stunden des Tages ununterbrochen und größtentheils unbeschäftigt sitzen müssen zu einer gedankenlosen Trägheit
gebildet werden! Welchen Sinn können sie für das Wohlthätige des Unterrichts erhalten, wenn sie die Schule frühzeitig als eine Sitz- und Strafanstalt betrachten lernen. — Kinder, die im 6 und 7
Lebensjahre stehen, mache man aufmerksam auf die Eigenschaften sinnlicher Gegenstände. Man lege ihnen eine Blume, ein Gewächs, oder irgend einen Gegenstand der Natur zur Betrachtung vor. (Man
spreche mit ihnen darüber, man lasse sie diese Dinge auf einer Schiefertafel abzeichnen). Der Schullehrer würde sich irren, wenn er glauben wollte, daß buchstabiren und syllabiren der einzige
Gegenstand des Unterrichts für die Classe der ersten Anfänger sey.
Er würde gewissenlos handeln, wenn er die ersten 2 Jahre seines Unterrichts hierauf beschränkte. (Was der Mutterschoos angefangen hat, muß eine verständige herzliche Sprechschule vollenden); aber
vollenden im Sinn der Mutter, nicht in trocknen Demonstrationen eines Katheders, welche dem Engelgesicht eines Kindes wie Schminke stehen und ihm alle seine Unschuld und Naivität rauben. Herrlich
sagt Rousseau über dies allzufrühe Vernünfteln der Kinder: „die Natur will, daß Kinder Kinder seyn sollen, ehe sie Männer werden. Kehren wir diese Ordnung um, so bringen wir frühzeitig Früchte
hervor, die weder Reife noch Geschmack haben, wir erhalten junge Docenten und alte Kinder." Man kultivire {44}
ihre Aussprache, übe das Zahlen an sinnlichen Gegenständen und vergesse nie die erste aller Regeln des Unterrichts, die Pope für Kinder dieses Alters gibt: Man muß sie unterrichten als ob
man sie nicht, unterrichtet. So stelle man auch den Religionsunterricht, ist der Sinn für Natur, und ihre Anschauung so in dem Kinde geweckt, und sein Verstand in Thätigkeit gesetzt, mehr auf die
Erlernung von Sprüchen, Liedern, zu That entflammenden Beyspielen der heiligen Schrift, als auf dialektische Künste. Sehr treffend sagt auch über diesen Punkt Abbt, einer der tiefsten deutschen
Denker: „In allen Religionen werden alle und jede Sätze und Aussagen, die mit jenem ersten Satz: „Es ist ein höchstes Wesen" auch nur die geringste Verbindung und Beziehung haben, mit großer
Feyerlichkeit vorgetragen. Wir hören sie mit solcher Ehrerbietung von früher Jugend an, daß wir ihnen nicht nur überhaupt den Titel, heilige Wahrheiten beylegen, sondern auch nie anders als mit
einer gewissen Behutsamkeit darüber nachdenken. Je weniger der Verstand bey dem ersten Unterricht beschäftiget gewesen, und je mehr also das Gedächtniß; um so größer wird der heilige und innere
Schauer, sie auch nur anzutasten. Denn es kömmt uns vor, daß dergleichen Sätze nicht durch menschliche Kraft ausgedacht, sondern uns gleichsam von oben her eingeprägt und überliefert
worden.
Abbt vom Verdienst, 1. Theil 99. Etwas ganz anders ist die Einschärfung gewöhnlicher sittlicher Vorschriften, die sich gar schön auf einem echt sokratischen Weg mit Anschauung in der Natur
vereinigen läßt. Der schon oben angeführte würdige Landgeistliche schreibt über dießen Punkt was folgt: „Man ertheile kleinen Kindern den Unterricht über die Rein- {45}
lichkeit auf dieselbe Art, wie das Buch aller Bücher den Menschen unterrichten will, Sprüche Salomonis 6, B. 6. „Gehe hin du Fauler zur Ameise, siehe ihre Weise an und lerne." Man mache sie
aufmerksam auf die Merkmale der Reinlichkeit bey den Thieren. Man frage sie: warum das Thier, wenn es aus dem Stalle kommt, sich reibt oder wälzt? warum das Pferd von der Weide in das Wasser geht
und sich badet? warum man es bürstet und striegelt? warum Schaafe die Staare auf ihren Rücken sitzen lassen? welches das reinlichste Hausthier ist? Man zeige ihnen, wie das Vogelnest so künstlich
gebaut ist, daß der junge Vogel seine Exkremente herauswerfen kann. Die Natur ist gar reich an solchen ergötzlichen Belehrungen! sie gehören gleich in die früheste Sprechschule, welche das Kind
mit Herz und mit Kopf sprechen lehrt. Die höchsten Religionswahrheiten aber fodern, mit Gefühl und Erweckung desselben durch Gesang, in Verbindung gesetzt, einen ganz andern Vortrag. Hier ist
weislich zu sondern! Wollen wir mit dem Gebet warten, bis das Kind weiß was Gott ist, so würde kein Mensch beten lernen und keine Mutter ihr Kind zum Abendgebet die Händchen falten lassen. Selig
alle, die Gott früh im Glauben erfassen. Haben wir so das Element der Landschulen historisch gefunden, so wird es nicht schwer halten, sie von den Bürgerschulen, und diese wiederum von den
Gymnasien zu unterscheiden; vorausgesetzt, daß wir den von mir oben aufgestellten Grundsatz „Erst Brod und sodann Ananas" das heißt mit andern Worten: erst sprechen, dann lesen: erst lesen und
sodann schreiben: oder erst lesen und schreiben, sodann Latein: oder erst gründliches Latein, sodann Griechisch, Astronomie, Politik, Statistik u. s. w. anzunehmen uns geneigt finden lassen.
Haben wir so den Zweck des {46}
Gymnasiums historisch aufgefaßt: sind humaniora, Bildung des Menschen durch Sprache, besonders lateinische, griechische unzertrennlich davon: so wird sich leicht finden, was No.1. und was No. 2.
sey; was vorangehen und was nachstehen muß, damit dieser erste und wesentliche Zweck auf eine würdige Weise erreicht werde. Wir wollen zugleich für die Anwendung dieses Grundsatzes mit Sexta und
Quinta eines Gymnasiums den Anfang machen. Das sind Elementarschulen, Vereinfachung der Lehrgegenstände; Zurückführung derselben auf die ersten und wesentlichen Elemente; zuvörderst Sprechen mit
Herz und Kopf, nach dem oben für die Landschulen bereits angegebenen Maßstabe, wozu Vögel, Bäume, Bienenkörbe, Schafe, Blumen, Ameisen u. s. w. die Objekte hergeben müssen; aber nirgend Buch,
sondern überall Anschauung. Sodann tüchtiges Lesen und Schreiben, biblische Historie; vaterländische Geschichte; Auswendiglernen von Sprüchen, Liedern und Evangelien — nicht aber auf die gewohnte
Weise, daß wenn das Kind am Sonnabend, wo es mit 60 oder 70 andern Kindern überhört worden ist, den Brunnen der Schule passirt, das Evangelium auch schon wieder in den Brunnen gefallen ist.
Freylich geht es mit dieser Seichtigkeit, wo sie überhand nimmt, auch mit natürlichen Dingen zu. Wir begegnen nämlich in Quinta und Quarta sogleich dem Hauptübel der jetzigen Schulen, der
Ueberfüllung der Classen, wo man nicht zu viel sagt, wenn man behauptet, daß an manchen Orten dermalen zwey Gymnasien und zwey Seminarien in einander stecken. Herr Professor Hand sagt von diesem
Uebelstand sehr treffend: „Wie soll ein Lehrer, bey nicht getheilter Verpflichtung, für 50 - 60 Jünglinge Sorge tragen? (die ganze Klosterschule Roßleben mit 5 - 6 Lehrern ist so stark, wie
{47}
bey uns eine einzige Classe). Es wird besser werden, sobald jeder Lehrer einen Wirkungskreis erhält, daß er sich der Obhut einer bestimmten Anzahl von Jünglingen unterziehen und allen mit dem
gültigen Ansehn (eines Classenlehrers) vorstehen kann. Hier ergibt sich von selbst, daß bey 32 wöchentlichen Stunden für 50 — 60 Lernende in jeder Classe 2 Lehrer nur Genüge leisten können. Durch
die persönliche Unbekanntschaft mit den Schülern, die der Lehrer in der Menge oft kaum Namen nach kennt, geht aller Einfluß auf Erziehung entweder gänzlich verloren, oder wird doch so geschwächt,
daß er für Null zu achten ist. Wir haben, sagt Herr Professor Hand weiter, bis jetzt nach Charakterbildung nur wenig gefragt, und was Herrliches und Großes in den jugendlichen Seelen ruht, blieb
mehr der Pflege des Zufalls und der persönlichen Liebe überlassen. In eben so lebhafte Klagen bricht Einer unsrer trefflichsten und einsichtvollsten Pädagogen, Herr Director Frenzel, über diesen
Gegenstand aus, da wo er von den deutschen Schulen in Eisenach spricht. „Unser deutscher Schullehrer, sagt er in seinem Aufsatz, weil er Kinder von den verschiedensten Vorkenntnissen, der
verschiedensten Bildung hat, und er Allen Alles seyn soll: so wird er jedem Einzelnen Nichts. Sehr zweckmäßig wäre es daher und es würden in unsern deutschen Schulen weit größere Fortschritte
gemacht werden, wenn statt fünf Schulen, fünf Classen eingeführt, und jeder Classe ein besondrer Lehrer nach seinen Kenntnissen und Fähigkeiten vorgesetzt würde. Dadurch würde der Lehrer mit
seinen Schülern in ein freyeres Wechselverhältniß treten; es würden nun eigentliche Sprechstunden angeordnet werden können, wodurch die Sprache der {48}
Kinder reiner gebildet und ihr Verstand in eine regere Thätigkeit gesetzt würde; es würden, während der ganzen Schulzeit, alle Kinder zugleich beschäftigt werden, da jetzt immer nur eine
Abtheilung beschäftiget wird und die übrigen unthätig sitzen, wodurch die lebendigen Köpfe zum Muthwillen verleitet wurden, bey den Trägern aber die noch wenige Kraft vollends verdumpft. Dieser,
von 2 praktischen Schulmännern, Herrn Professor Hand und Herrn Direktor Frenzel, als höchst fehlerhaft anerkannten Organisation kann nur, durch Anstellung eines Ober- und Unterlehrers, mit
bestimmten angewiesenen Kreisen und ebenso bestimmter Schülerzahl, durch alle Classen hindurch abgeholfen werden. Im Fellenbergschen Institut sind nach dem Bericht des Herrn Oberconsistorialrath
Horn mehr als 30 Lehrer angestellt. Ein gleichmäßiges Fortschreiten jeder Classe, in den erwählten Unterrichtsgegenständen, macht die Seele dieser Anstalt aus. Für die Zurückbleibenden sind
sofort in jeder Classe die Nachhülfen angeordnet. So und nicht anders muß ein gemeinschaftlicher Unterricht beschaffen seyn; abgerissene Fäden, die sich je in 8 Tagen 3 oder 4 mal, in
vereinzelten Stunden, auf gut Glück wieder anknüpfen, können nun und nimmer ein organisches und seelenvolles Ganzes hervorbringen. Wo soll da Gründlichkeit oder Tiefe herkommen? „Auch wir standen
in Gefahr, sagt Professor Hand zu einem unserer Zeit anhangenden Vielwissen, oder Vielerleywisserey hinzuführen. Verbannen müssen wir, was unsere Zeit unter prunkendem Namen verkauft, und was
doch die Vorfahren; (wo tüchtige humaniora galten), alles schon kannten und lehrten. Der akademische Aufputz bleibe ja von unsern Gymnasien weit entfernt, und die hohle Einflüsterung {49}
eines verrufenen Philanthropismus thue ja der Gründlichkeit nicht Eintrag. Auf unserm Gymnasium, fährt derselbe treffliche Mann weiter fort, wird oft zum Erstaunen viel getrieben, wie z. B. in
einem Jahr, den an Prima teilnehmenden Selectanern zu gleicher Zeit nicht weniger als fünf griechische Autoren und fünf lateinische erklärt wurden, (völlig auf dieselbe Weise, wie die Schüler in
Quinta 52 Evangelien lernen und wenn das Jahr um ist, auch nicht ein Einziges recht im Kopf und im Herzen inne haben). Eben so lebhaft eifert Herr Direktor Frenze! gegen diese Vielwisserey, wo er
sagt: „Die Sucht aus jeder Wissenschaft einen besondern Cursus zu machen, hat unsere Schulen in den neueren Zeiten nicht vorwärts, sondern rückwärts gebracht, so wie überhaupt die Spaltung der
Wissenschaften in so unendliche Theile ihnen nicht föderlich gewesen ist. Man setze den Unterricht in alten Sprachen mit dem der Wissenschaften, fährt er sodann weiter fort, durch eine
zweckmäßige Auswahl der zu erklärenden Autoren, in nähere Verbindung. So kann der Unterricht in der Philosophie sehr gut mit der Erklärung philosophischer Schriften der Griechen und Römer
verknüpft werden; so können beyläufig die Hauptsachen in der Mythologie und Archäologie, bey der Erklärung der Alten, ihre Erläuterung finden." In dem gedruckten Bericht des Herrn
Oberconsistorialralh Horn über das Fellenbergische Institut, kommen folgende Bemerkungen vor: „für mehrere Lehrgegenstände, die im Gymnasio getrieben zu werden pflegen, z. B. Römische und
Griechische Alterthümer, Logik, Rhetorik, fand ich keine besondere Lehrstunden angeordnet, sondern sie werden theils in der Geschichte, theils bey dem Lesen der Autoren, theils bey den Sprachen
{50}
und mathematischen Uebungen mit behandelt." Und ferner: „Sind die vorkommenden Schwierigkeiten (der lateinischen Sprache) überwunden und ist im historischen Vortrage die Geschichte der punischen
Kriege erreicht: so wird der philologische und der historische Zweck zugleich befördert, durch das successtve Lesen des Livius, Sallustius u. s. w." Ich bemerke zum richtigen Verständniß dieser
Stelle, daß hier nicht von Durchlesung eines ganzen klassischen Autors, sondern eines Abschnitts daraus die Rede ist. „Man übergehe," sagt Herr Professor Briegleb, (dermalen Professor der
griechischen Sprache und der Geschichte am Eisenachischen Gymnasium und ehemals Lehrer am Fellenbergischen Institut) in seiner gedruckten Einladungsschrift: Ueber die Nothwendigkeit des
Geschichtsunterrichts und die Methodik desselben S. 25. „Man übergehe die unfruchtbaren Abschnitte der Geschichte, und eile zu dem, was große und interessante Charaktere aufstellt; was auf das
jugendliche Gemüth bildend einwirkt; was den Geist weckt; was das Herz zu edeln Entschließungen entflammt. Wer mag den ganzen peloponnesischen Krieg in der Umständlichkeit wiedergeben, wie ihn
Thukydides beschrieben hat! Wer hingegen sollte nicht gern bey der Zeit verweilen, wo Epaminondas hoher Charakter auftritt, und Pelopidas hochherziger Muth sein Vaterland vom Tyrannen befreit?
Ueberhaupt gibt es gewisse Perioden, die ganz entscheidend sind für das Leben eines Volkes und die Gestaltung der Verhältnisse. Daß ihnen eine ausführliche Darstellung zu widmen sey, leidet
keinen Zweifel. Die Perserkriege, Demosthenes und seine Zeit, die punischen Kriege, Cäsars {51}
Zeitalter, die Herrmannsschlacht, Karl der Große nebst andern großen Kaisern, die Reformation, die neueste Zeit, dies sind Epochen, in denen die Seele des Knaben oder Jünglings sich gleichsam
festsetzen muß. Auf solche Weise bekommt er nicht eine Masse von Begebenheiten, denen der überwältigte Geist erliegen muß; nicht einen Ballast von unnützen Kenntnissen, die todt im Gedächtniß
liegen, und keine Früchte tragen; sondern der frische Hauch des Lebens, der aus der anschaulichen Darstellung der Geschichte ihm entgegen weht, durchströmt seine Seele, so daß der matte Abglanz
desselben, der in ersonnenen Romanen und Comödien gegeben wird, seine höhere Sehnsucht nicht befriedigen kann." Weiter sagt Herr Professor Briegleb S. 14. „Es ist gar wohlthunlich und zweckmäßig
den Faden des historischen Vortrags fallen zu lassen, und zu der Urquelle hinaufzusteigen, um aus derselben in ungetrübter Reinheit die Kenntniß der einzeln Begebenheiten zu schöpfen. Wer möchte
so nicht die Perserkriege, aus dem gemüthlichen Herodot, oder den zweiten punischen Krieg aus Livius anschaulicher Darstellung mit den Knaben lesen. Da wird das Ganze durch das Vorangegangene
klar und es wird vermieden, was so häufig geschieht, daß die Schüler, bey dem langsamen (blos philologischen) Lesen, über Aufsuchung kleinlicher Verhältnisse, gedankenlos hinbrüten, und dem Stoff
unterliegen. Einem so klassisch, gebildeten edeln Geist wie dem jetzigen Ephörus des hiesigen Gymnasiums Herrn Generalsuperintendenten Krause zu Weimar wird es nicht schwer werden, die
historischen und philosophischen Lichtpunkte zu bezeichnen, wo die Lesung eines bestimmten Abschnitts, {52}
aus diesem oder jenem klassischen Autor, bey dem wissenschaftlichen Vortrag im Schulplan bestimmt eintreten mußte." Mit Recht schließt Herr Professor Briegleb übrigens die Weltgeschichte von den
Schulen aus, und dringt dagegen, auf Geschichte der Griechen, Römer, (biblische und deutsche Geschichte versteht sich von selbst) mit episodischer Einschaltung der übrigen asiatischen und
afrikanischen Völker, an der Stelle, wo sie in das bewegte Leben der Griechen und Römer eingreifen. Echte Humaniora können sich ohnedem nie auf historischen Schutt von Namen und Jahrzahlen
einlassen. Der Mensch hat sich in der Weltgeschichte besonders unter drey Formen, als Grieche, als Römer, als Christ, mit allen seinen Eigenthümlichkeiten, Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten
entwickelt. Mit der Entwickelung der Europäisch-christlichen Menschheit, welche die Bibel als Mittelpunkt anerkennt, steht nicht nur die heilige Geschichte, sondern auch die Geschichte der
Deutschen und des Mittelalters im innigsten Zusammenhang, da unsere Vorfahren es gewesen sind, welche von Gott zur Verdrängung jener zwey großartigen, nach und nach ausgearteten heidnischen
Formen, den gemessensten Auftrag erhielten. So haben auch sie allein das große Römische Weltreich in Stücken geschlagen. Darum ist Studium der Griechen und Römer, weil die Anfänge aller Künste
und Wissenschaften, bürgerlichen Einrichtungen Europas bey ihnen sind, zugleich Studium der Menschheit: Das Nämliche gilt von den Deutschen, in deren Geschichte das bildende Fortschreiten des
Menschengeschlechtes unverkennbar ist. Ist uns so die Hauptmelodie der Geschichte, gleichsam das Thema der alten und neuen Zeit, geläufig geworden: was hilft es, dasselbe in tausend,
unerfreulichen Va- {53}
riationen zu wiederholen? Es thut so wenig Noth, die Geschichte der Rosenstöcke, in lauter Unterabtheilungen in jedem einzelnen Dorfe, oder Garten durchzuführen, als es Noth thut, daß jedes Dorf
seine eigene Geschichte, und jeder Marktflecken seine eigene Chronik hat; für das Familienleben der Völker kann die Aufbewahrung solcher, an sich gleichgültiger Nachrichten ein archivarisches
Interesse haben; der Gang der Humanoria, oder die Geschichte der Menschheit bekümmert sich wenig darum, welchen Tag, welches Jahr, welche Stunde dieser oder jener König der Barbaren gegessen,
getrunken, geschlafen hat, oder in das Reich seiner Nachbarn mit seinen rohen Horden eingefallen ist. Es ist Pflicht sogar, das Gedächtniß der zarten Jugend mit jeder weitläuftigen Behandlung von
Zeiträumen zu verschonen, wo eingebildetes Volk, durch Ausartung wie die Römer, in ihrer letzten Zeit mehr einem Sumpf und großen Krankenhause, als einer lebendigen Pflanzschule der Menschheit
gleicht. Von der Universalgeschichte sagt Herr Professor Briegleb sehr treffend S. 22. „Dieser große Spiegel des Weltgeistes, dieses ewige Gedicht des göttlichen Verstandes kann vor den
kurzsichtigen Blicken eines Knabens nicht enthüllt werden. Alle Werke, welche sich als Universalgeschichte ankündigen, enthalten entweder in dickleibigen Bänden eine Anhäufung todter Notizen,
oder in dünnen zusammengepreßten Compendien, subjective Philosopheme. Auf Universitäten mag die Universalgeschichte dazu dienen, einen allgemeinen Ueberblick zu geben, und Lücken auszufüllen,
welche die Schule nothwendig lassen mußte. Soll sie in Gymnasien dazu dienen, ein Fachwerk von Zahlen und Namen (ohne Charaktere) dem Gedächtniß zu überliefern: so ist dieses eben so wenig zu
{54}
empfehlen. Denn außerdem, daß bey einem zweyten Cursus die wichtigsten Thatsachen notwendig sich wiederholen müssen, wodurch der Reiz der Neuheit verloren geht, wird auch der Geist an eine
oberflächliche Flüchtigkeit gewöhnt und kann die vorgeführten einzelnen Erscheinungen, wegen des Mangels eines organisch-verknüpfenden Bandes, nicht verstehen." So weit Professor Briegleb!
Aus diesen hier abgegebenen Stimmen sachkundiger Männer geht manches hervor, was zu einer seelenvolleren Organisation der Gymnasien, die mit der Abscheidung der Bürger- und gelehrten Schulen
anfangen, und mit der strengen Grenze zwischen Gymnasium und Universität enden muß, den Grund legen kann. Wir wollen die Punkte, worauf es ankommt, nochmals in der Kürze zusammenfassen.
1) Werde, durch Anstellung eines Ober- und Unterlehrers mit einer bestimmten Anzahl von Schülern nach Hands Vorschlag, Licht, Leben und Ordnung in alle Classen gebracht und das jetzige lose
Unterrichtswesen in ein persönlich gesegnetes Einwirken der Lehrer, kurz in eine wahrhafte Erziehung verwandelt.
2) Um ein gleichmäßiges Fortschreiten der Classen, in dem oben angeführten Fellenbergschen Geist, was auch von Herrn Director Frenzel und Hand so sehnlich gewünscht wird, möglich zu machen, gebe
man den Vorschlägen dieser beyden gelehrten Männer, über die Einführung des wechselseitigen Unterrichts, über Nachholung des Versäumten, durch Mitschüler in allen Classen, schleunigst Gehör.
Jedem Ober- und jedem Unterlehrer einer Classe suche man zugleich lehrende Mit- {55}
schüler beyzuordnen. Um Zeit für diese Einrichtungen zu gewinnen, beschränke man sich auf das Wesentliche im Unterricht; Kenntniß der alten Sprachen; Historie besonders der Griechen, Römer und
Deutschen, in inniger Verbindung mit Quellenstudium und Lesung solcher Abschnitte classischer Autoren, die damit in Bezug stehen, nach Brieglebs trefflich durchdachtem Vorschlage. Herrmanns
Schlacht, Tacitus de Moribus Germanorum, Klopstocks Bardiete: welche Erweckungen des jugendlichen Geistes liegen bloß in dieser einzigen Zusammenstellung!
3) Die Mathematik gehe nach Professor Hands Vorschlag zur Belebung des abgestorbenen Natursinns, zur Befreyung vom Aberglauben und Unglauben, mit der Experimental-Physik einen innigen Bund ein:
um so mehr, weil dieß der einzig mögliche Weg ist, erstlich das Ehrwürdige dieser Wissenschaft da, wo sie als Gipfel aller Hervorbringungen im Zusammenseyn mit den Körpern, nicht aber als bloßes
Spiel mit den der Natur abgenommenen Schattenrissen erscheint, auch den Augen der Menge einleuchtend zu machen; sodann zweytens, weil eine gesunde Anschauung der Natur das beste Mittel ist, einem
ganzen Heer vertrockneter Pedanten, Juristen, Theologen u. s. w. die Augen zu öffnen, welche die seligen Reflexe von Papier und Pergament d. h. die Wolken des eigenen Bücherstaubes, der vor ihnen
aufsteigt, für Umarmungen der Juno anzunehmen und dahinter die Sterne zu suchen gewohnt sind.
4) Wahrhafte Geschmacksbildung, nach den ewigen Mustern der Griechen und Römer; zugleich innig vertraute Bekanntschaft mit deutscher vaterländischer Art und Kunst, die noch in etwas ganz Anderm,
als in einigen fehlerhaft genug auswendig gelernten {56}
Balladen und Fabeln bestehen möchte. Doch hievon wird am Schluß dieses Aufsatzes, als der Krone aller echten Humanitäts-Bildung, die zuletzt von uns Deutschen errungen werden muß, ausführlicher
die Rede seyn. Hier können wir wegen der Schätze der Anschauung, die uns offen stehn, an der Ilm es Fellenberg nicht nur gleich thun, sondern ihm in jedem Betracht einen mächtigen Vorsprung
abgewinnen.
5) Die strengste Absonderung, nach Professor Hands Vorschlag, zwischen einem räsonierenden Religionsunterricht, und begeisternden auf Bibel und Gesang gegründeten Erbauungsstunden, in unsern
Gymnasien; so wie angelegentliche Beherzigung alles dessen, was der unvergleichliche Abbt über diesen Punkt, in der Stelle, die oben von mir angeführt worden ist, so schön und so treffend, gesagt
hat; nicht minder ernstes Bedenken jenes fast möcht' ich sagen schicksalvollen Ausspruches des edeln Herrn von Fürstenberg, bey der Bekanntmachung des Münsterschen Schulplans im Jahr 1770, worin
es unter andern heißt: „So lange in Oxford, Cambridge und den sächsischen Fürstenschulen, der wahre Geist des Christenthums durch und durch herrscht, so lange werden sie auch die vorzüglichsten
Anstalten der Humanität bleiben: im Gegentheile nur ein frevelndes ästhetisch gebildetes und übermüthiges Heidenthum erneuern. „Daß dieses Durch- und durchherrschen des christlichen Geistes nicht
anders als durch geringere Classenzahl und eben dadurch möglich gewordene strengere persönliche Aufsicht der Lehrer, über die ihnen anvertraute Jugend zu erreichen sey, liegt klar zu Tage.
Bibelstunden, Absingen geistlicher alter Hymnen und Lieder ist wohl eine feine äußerliche {57}
Zucht, die zur Erweckung dient, und daher durch alle Classen eines christlichen Gymnasiums herrschen soll: aber was sind alle noch so schöne Worte und Gesänge, denen die That, das Beyspiel, die
Nacheiferung Christi fehlt! So ihr meine Lehre thut, „sagt der göttliche Meister, sollt ihr inne werden, so sie von Gott sey." Die Predigt ist keine That; aber die That ist eine Predigt. Christi
schönste Predigt am Kreuz war die — als sein Mund auf ewig für uns verstummte! Erst übt die Religion, wollt ihr sie auch zu lehren im Stande seyn! Wie einstimmend alle Urtheile sachkundiger
Männer und Gelehrten für die hier angegebenen Zwecke zusammentreffen, muß sonnenklar in die Augen leuchten, wenn wir sie mit Horns, Hands, Frenszels eigenen Worten anführen. Religion, sagt Hand,
kann nicht gelehrt werden, und was sich bisher Religionsunterricht nannte, ließ das Gemüth unberührt und blieb daher für den Verstand völlig bedeutungslos. Das Gemüth verlangt Erhebung; das Herz
Erbauung; der reine Natursinn soll im Religiösen sich verklären. Auf die ersten religiösen Eindrücke aber kommt Alles an, und diese müssen genau, der Empfänglichkeit nach, berechnet werden, (man
vergleiche Abbt) daher soll man Erbauungsstunden von den Lehrstunden der Religion unterscheiden, welche den Verstand auf religiöse Betrachtung leiten und die geschichtliche und philosophische
Grundlage des Glaubens darlegen. „Um eine persönliche Aufsicht der Schüler eines Gymnasiums und eben daher eine christliche Erziehung derselben einzuleiten, erwarten wollen, daß der Staat, wie
Fellenberg 30 Lehrer anstellen und besolden soll, ist ungereimt. Aber die Mittel, die in unserm Bereich sind, sollen wir anwenden. Das vorhandene {58}
Lehrerpersonale soll kräftiger in Anspruch genommen werden; das System des wechselseitigen Unterrichts, das so lange auf den sächsischen Klosterschulen mit Segen im Gange war und wofür ein Hand,
ein Frenze! gemeinschaftlich stimmt, werde auch bey uns, und das schnell, in Anwendung gebracht. Hand drückt sich hierüber folgendermaßen aus: „Was Sachsens Klosterschulen zu dem Ruhm empor hob,
wodurch sie die ausgezeichneten Gelehrten unserer Zeit bildeten, war und ist nicht das Dociren der Lehrer, sondern die Einrichtung, in welcher der Schüler selbst thätig seyn muß, indem man nicht
bloße akademische Vorträge hält, sondern das Gelehrte in eigenen Arbeiten sorgsam anwenden und verarbeiten läßt, und so dahin wirkt, nicht so wohl vieles, sondern alles nur fest und vollständig
aufgefaßt und behalten zu sehen." Man belästige die Professoren weniger mit Lehren und führe statt dessen Repetiren und selbstthätigen Unterricht ein: so wird bey gleicher, ja bey verringerter
Stundenzahl, das Ganze einen erfreulichen Gang nehmen und sich nach und nach aus dem jetzigen, von den Lehrern selbst eingestandenen todten Mechanismus losreißen. Eben so übereinstimmend sieht
Herr Director Frenzel diese Sache an. Es sind in jeder Classe, sagt er, viele Schüler, welche mit den übrigen, theils aus Mangel an natürlichen Fähigkeiten, theils weil sie nicht mit der
gehörigen Vorbereitung auf das Gymnasium gekommen sind, nicht gleichen Schritt halten können, und welche, weil der Lehrer um die besseren Schüler nicht zu versäumen, mit ihnen sich nicht
ausschließend beschäftigen kann, besonderer Nachhülfe bedürfen. Sehr gut würde es also seyn, wenn, durch die bessern {59}
Schüler der, obern Classen, sie diese Nachhülfe erhielten. In Weimar könnte dabey zu ihrer Belohnung, vorzüglich bey Vergebung der Freytische, und in Eisenach bey Vergebung der Schulen- und
Universitätsstipendien Rücksicht genommen werden. Auch würde dieses zu einer Ehrensache zu machen seyn, wenn immer nur den vorzüglichsten dieses Geschäft übertragen würde. Auch über Zeit und Ort,
wo diese Nachhülfe geleistet werden soll, hat Herr Director Frenzel seine Meinung mitgetheilt. Er sagt: dieser Unterricht werde in den Classen des Gymnasiums nach geendigten Schulstunden ertheilt
und nicht nur der Director, sondern auch der Classenlehrer habe darüber die Aufsicht zu führen und von Zeit zu Zeit nachzusehen, wie und mit welchem Erfolge diese Stunden gehalten werden."
Würden diese Stunden des Abends (der wohl dazu am schicklichsten wäre) gehalten; könnten sich ein oder einige Lehrer abwechselnd zu dem Opfer einiger Abendstunden entschließen, denen man in
Gottes Namen eben so viel Stunden des Tages dafür abnehmen möchte: so würde der Segen, für eine christliche Erziehung unserer Jugend, abgesehen von allen übrigen, schon blos dadurch, daß sie in
diesen Abendstunden den schädlichen Zerstreuungen des Comödienlaufens, Kartenspielens u. s. w. aus dem Wege gingen, nicht zu berechnen seyn. —
Die Grenzen zwischen Gymnasien und Universitäten werden eben dadurch auch schärfer bezeichnet, je mehr sich die Aufsicht über die Schüler vermehrt, so wie sich dieselben verlieren und zuletzt
gänzlich verwischt werden, jemehr die Schüler sich selbst überlassen sind. Es könnte Deutschland nichts Verkehrteres begegnen, als wenn seine {60}
Gymnasien Universitäten, seine Universitäten dagegen Gymnasien würden; das heißt mit andern Worten, wenn man den jungen Leuten auf den Gymnasien, wie bisher eine fast akademische Freyheit
gestatten, und dagegen die Freyheit der Studenten auf eine mißverstandene Weise beschränken wollte. Daher taugen auch die langen Ferien auf unsern Gymnasien nichts, und haben schon früher von
einsichtsvollen Männern die wohlverdiente Rüge erfahren. Was soll man auch denken, wenn der Staat fast überall den dritten Feyertag abschaft, um das Volk vor Müßiggang zu schützen; wenn so viele
andere Feste im Kalender das nämliche Schicksal erfuhren, und die Gymnasien allein sich für ihre Zöglinge jährlich ein ganzes Vierteljahr Ferien vorbehalten. Denn so viel ohngefähr wird
herauskommen, wenn man alle diese halben und ganzen Tage, wo nicht Schule gehalten wird, zusammenrechnet. Ist also ein Schüler 4 Jahr hindurch auf einem Gymnasium; so hat er ein ganzes Jahr mit
Müßiggang zugebracht, Wo ist ein anderer Stand in der Welt, der sich eines solchen Privilegiums zu rühmen hat? Man wird dagegen anführen, daß manche junge Leute sich während dieser Zeit mit Ernst
und mit Eifer, dem Privatfleiß zu ergeben pflegen; aber einmal kann eine Ausnahme nicht für eine Regel gelten; sodann ist die Jugend heutiges Tages viel zu leichtsinnig, als daß man sich mit
einer solchen Redensart könnte zufrieden stellen lassen. Man besuche die Comödiensäle, die Conzerte, die Redouten, die Lesebibliotheken, die den Schüler, statt zu Casar, Horaz, Virgil, Homer, zu
Rochus Pumpernickel führen, und ihn, der zu dem Umgang mit allen Neun Musen bestimmt ist, statt ihrer, mit den Neun schlafenden Jungfrauen von Spieß bekanntmachen. {61}
Kommt es vollends so weit, wie bey Göthens Schülern im Faust:
„Ein beizender Tabak
Und eine Magd im Putz,
Das ist so mein Geschmack:"
so sind die Verirrungen auf Tanzgelagen u. s. w. nicht abzusehen. Ich kann hier nur andeuten; aber selbst aus diesen kurzen Andeutungen wird man ohne weitere Erörterungen den Schluß machen
können: wie es mit dem Privatfleiß einer sich selbst überlassenen Jugend an manchen Orten möchte beschaffen seyn? Sollte unter diesen Umständen nicht den Lehrern die heilige Pflicht obliegen,
nützliche Lesezirkel, Repetitionen, Gesang und Musik, Leibesübung oder irgend etwas Anders, es habe Namen wie es wolle, einzuleiten; denn alles wird besser, edler, zweckmäßiger, als diese
schädlichen Zerstreuungen seyn. Ich komme zurück zu dem Punkt, wovon wir ausgingen, und sage: was die Scheidung der bürgerlichen von den gelehrten Schulen betrift. Sobald Quinta und Sexta auf
eine ernste Weise Anstalt machen, die alte Meisterschaft in den obengenannten Fertigkeiten des Sprechens, Lesens, Schreibens, Rechnens, wieder herzustellen, die nicht zu wissen und auszuüben für
jeden Gelehrten und Ungelehrten eine gleiche Schande ist: so wird wenig Zeit für Latein, Geographie u.s. w. übrig seyn; aber dafür wird auch das stümperhafte Lesen, Schreiben, Rechnen und
Sprechen gänzlich aus dieser Classe verschwinden. Für die guten Köpfe, (denn schlechte sollten ohnehin dies nicht studiren) die schnell in diesen Elementarkenntnissen vorrücken, lege man eine
Ober-Quinta an, worin sie Latein lernen, Geographie, und bey der Gelegenheit noch andere Vorkenntnisse erhalten, die {62}
auf eine künftige höhere Bestimmung einen nahen oder entfernten Bezug haben. Quarta macht den selbigen Weg. Fehlerfrey schreiben, einen guten Brief, einen richtigen deutschen Aufsatz machen, fest
und bedachtsam zu rechnen, sind keine so leichten Aufgaben. Eine Ober-Quarta mag die gelehrten Foderungen befriedigen, aber das Ganze beyder Classen verfolge streng und gründlich die angegebenen
Richtungen. Es werde kein Kind aus derselben entlassen, was nicht fehlerftey lesen, schreiben, rechnen kann und zugleich auf das innigste mit den Hauptmomenten der vaterländischen Geschichte
bekannt ist. Auf die besondern Zwecke jedes Standes kann sich der Staat unmöglich mit seinen öffentlichen Schulen einlassen; nur die allgemeinen Bildungsmittel gibt er an die Hand. In den untern
Classen, sprechen, lesen, schreiben, rechnen; in den obern Classen, alte Sprachen, Mathematik. Den ganzen Kreis der Wissenschaften zu vollenden, bietet das Leben, dem der im Besitz dieser
Elementarmittel ist, mehr als eine Gelegenheit dar. Was hilft es, mit den Kindern über die Sprache spintisiren, philosophiren, ihnen gleichsam ihre Sprachorgane in Weinspiritus zeigen, wenn sie
nicht sprechen lernen? was frommt es ihnen, wenn sie wissen, daß penna die Feder heißt und dabey die Feder weder zu führen noch zu regieren im Stande sind? Was für eine Marter, wenn ein Lehrer in
Tertia oder Secunda erst seine Zeit damit verlieren soll, die ihm eingereichten Aussätze oder Uebersetzungen von deutschen groben Sprachschnitzern zu reinigen? auch ziehe und zerre man den
Unterricht in einem Fach nicht durch 4 — 5 Jahre auseinander, man treibe, was man treibt, Lesen, Schreiben, Latein in mehrern Stunden und in einem Strich hinter einander fort: so werden die
Fortschritte sowohl in der Mut- {63}
tersprache, als in den alten Sprachen bemerkbarer werden. Keiner werde aus Quarta entlassen, der nicht ziemlich fehlerfrey; keiner aus Tertia, der nicht ganz ohne Fehler, deutsch schreiben und
sich in seiner Muttersprache ausdrücken und bewegen kann. Der wechselseitige Unterricht, die Repetirstunden, unter Aufsicht des Lehrers durch ältere und vorgerückte Mitschüler, werden, wo sie
angeordnet sind, dem Lehrer Zeit verschaffen, sich mit Ober-Quarta und Ober-Quinta, für den Zweck einer höhern und gelehrten Bildung zu beschäftigen. Streng aber müssen diese beyden obern Classen
gehalten werden, und kein Stümper in den Elementen darin eine Aufnahme finden. So wird das Niedere das Höhere, wie es jetzt häufig geschieht, weiter im Fortschritt nicht hindern; angordnete
Nachhülfen werden selbst die Targa ingenia zwingen, vorwärts zu gehen, und der Lehrer wird die Trägen vor Unmuth, weil ihn die Menge überwältigt, nicht sitzen lassen und sich mit einigen bessern
in seiner Classe beschäftigen. Für die Ausführbarkeit dieser Vorschläge selbst bey dem jetzigen Lehrern-Personal, will ich bürge seyn, und zwar durch alle Classen hindurch; nur muß man nicht
Vielerley auf einmal lehren, sondern irgend einen einzelnen Theil, tüchtig und bis zu erlangter Meisterschaft in demselben, treiben und vortragen. Sofort werden die Schüler, die auf diesem Punkt
angelangt sind, freudig die Hand bieten, daß auch ihre Mitschüler, in diesen erlangten Kenntnissen, nicht zurück bleiben, und so wird ein allgemeiner Fortschritt die Classen zugleich kleiner und
gleichförmiger machen und gewiß zum Segen des Ganzen gereichen. Herr Direktor Frenzel, Herr Oberconsisiorialrath Horn, der verdiente Herr Hofkantor Hergt, alle diese einsichtsvollen Schulmänner
sind {64}
über die Nützlichkeit sowohl, als über die Möglichkeit dieser Sache einverstanden. Nur schwanken sie über die dabey anzuwendenden Mittel. Die Sache ist aber leichter, wie man glaubt. Möglichste
Vereinfachung der Lehrgegenstände; Verweilen auf einem Punkt, bis dieser ganz gefaßt ist, hierin liegt das Geheimniß des wechselseitigen Unterrichts. Haben sich 4 —6 Knaben irgend eines
Lerngegenstandes, versteht sich, unter Anleitung eines tüchtigen Lehrers bemächtigt; bemächtigt sage ich, mit Herz und mit Kopf, so kann dies sogleich eine schöne Pflanzschule für 40 – 60 andere
Classenweis geordnete Schüler werden, wo der Lehrer sodann nicht das Einzelne, mit jedem Einzelnen, von vorn an bis zum Ueberdruß wieder durchzunehmen, sondern nur hier und da, wo es noch fehlt,
mit Meisterhand nachzuhelfen braucht. In Erlernung der Paradigmata, bey Einführung sowohl der lateinischen als der deutschen Sprechschulen, wo es von unten bis oben darauf ankommt, daß die Knaben
nicht sich selbst überlassen, fehlerhafte Leseformen, schlechte Accente in ihrem Gedächtnis verewigen, wird die Anwendung dieser Methode dem Lehrer bald eine freudige Ueberraschung bereiten, wenn
er sich mit eigenen Augen und Ohren überzeugt, wie die auf 10 oder 12 angewandte verdoppelte Sorgfalt nun hundertfältige Früchte bringt: Eine große Sicherheit des Gedächtnisses, eine echt
deutsche Gründlichkeit müssen hiervon die natürlichen, ja unausbleiblichen Folgen seyn; denn der Lebendigkeit in der Muttersprache steht auch zugleich die Lebendigkeit in den alten Sprachen zur
Seite.
Von Hiob und den Psalmen geht noch ein ganz anderer Weg in das Verständniß Pindars, Sophokles und der Chöre des Aeschylus, als von Wilmsens Kinderfreund, was {65}
hier übrigens, unbeschadet des Nutzens, dieses in andern Beziehungen empfehlungswerthen Lesebuches gesagt seyn soll. Echt klassisches deutsches Sprachstudium bahnt dem echt klassischen alten
Sprachstudium herrlich den Weg. Hier ist die Grenzscheide, wo sich Himmel und Erde, Griechenland und Rom, Bibel und altdeutsche vaterländische Kunst, einander begegnen, durchdringen und sich
großartig die Hände bieten. Auf dem einen Sprachthurm steht, wie auf einem ehrwürdigen Münster, der muthig und frisch athmende Geist Herrn Doctor Martin Luthers da, der unsere Sprache, mit ihrem
ganzen unerschöpften Reichthum, auf 300 Jahre zur Verwunderung der Mitwelt und Nachwelt, so unverrückt, durch seine Bibelübersetzung für Hohe und Niedrige, für Bürger und Bauer feststellte;
gleichsam zu einem traulich ritterlichen ehrenfesten 300 jährigen Handschlag, zum Abendgespräch über die Hausthür mit Klopstock und Götz von Berlichingen. Sollten wir Norddeutschen ein solches
errungenes Kleinod in unserer Volksbildung so leichtsinnig dahin geben? da sey Gott vor! von dem deutschen Sprachthurm entlassen, mag Römer und Grieche den Knaben und Jüngling würdig in Empfang
nehmen. Dieser Sprachthurm reicht noch weiter, bis in die Wälder unserer alten, gottgetreuen, freudigen deutschen Vorfahren, wo ein edler Feind derselben, der römische Geschichtschreiber Tacitus,
uns ein neues mächtiges Sprachrohr darreicht. Von hier aus, möge sich der Blick des Jünglings über die weiten und schönen Gefilde der Menschengeschichte eröffnen. Schon in den Elementarschulen,
da seine Bestimmung noch unentschieden war, machte er den Anfang mit der biblischen Historie. So recht! denn das Wichtigste, was je auf Erden geschah, oder noch geschehen wird, ist die
Veranstaltung Gottes zur Er- {66}
lösung des Menschengeschlechts von dem Fluch der Sünde und der römischen Weltherrschaft. In diese biblische Geschichte spielen im Moses die Egyptier; später die Assyrer, Perser, Römer und
Griechen herein. Episodisch mag der Lehrer in den Volksschulen, bey Gelegenheit der biblischen Historie, die dort Hauptsache ist und bleibt, eins und das andere mündlich von solchen Völkern, zur
Etgötzung erzählen; aber ums Himmelswillen verschone er die Kinder mit einem breiten Compendium über babylonische, assyrische, ägyptische und griechische und römische Geschichte. Damals befanden
wir uns auf dem deutschen Sprachthurm, wo es zuerst nichts, als Lebendigwerdung in der Muttersprache galt; denn hätten wir dort, den deutschen Papagey nicht unerbittlich todt geschlagen, so wär
er uns auch wohl in den lateinischen Sprachthurm, wo wir nunmehr angelangt sind, nachgeflogen, und alsbald zu einer lateinischen Elster geworden. Dort mußten Griechenland und Rom noch episodisch
behandelt werden; hier können sie frey und in Massen hervortreten, dergestalt, daß wir alles, was von großen und edeln Charakteren bey ihnen vorhanden gewesen ist, zur Bildung unserer gelehrten
Jugend heraufbeschwören. So wird das Studium der todten Sprachen sich in eine wahrhafte Auferstehung der Todten verwandeln; wir werden die tausendjährigen Siegel an den Urnen von Scipio und Cäsar
zerbrechen; wir werden uns nicht an ihren Gräbern um müßige Worte, um ein βη oder μη zanken; sondern von der Wiege Virgils wird ein Athem ausgehen, der uns zu Thaten entflammt und die Geburten
der künftigen Zeit mit denen einer heiligen Vergangenheit in eine erfreuliche Verbindung setzt. So wird das Quellenstudium zugleich Geschichte und die Geschichte zugleich {67}
ein frisches Quellenstudium seyn. Mit Assyrern, Babylonern und den übrigen Völkern des Alterthums halte sich der Lehrer nicht auf; alles das werde kurz und episodisch abgethan. Kam doch der ganze
Mensch nur selten bey jenen Völkern zur Entwickelung. Weit höhere Ziele sind uns vorgesteckt: Griechisches und Römisches Leben; das Nachahmungswürdigste davon in beyden, sofern es den ganzen
Europäischen Menschen zur Entwickelung brächte, mit griechischem und römischem Sprachstudium in die innigste Verbindung zu setzen: siehe da den Zweck eines Melanchthon-Lutherischen Gymnasiums:
siehe da das Ziel aller rechten humaniora, in kurzen und einfältigen Worten dargelegt! Wir kennen sie alle die seltnen Menschen, die in der Kunst und im Leben große Begebenheiten, neue
Schöpfungen herbeyführen und im Meere der Geschichte, wie Pharusse den kommenden Jahrhunderten winken und vorleuchten. Da an ihren großartigen Bemühungen die echte Menschenbildung emporstieg: so
sind und bleiben sie auch die Schule, zu welcher man die Jugend ewig zurückführen muß; Homer – und die Entstehung des Epos; Aeschylus — und die Entstehung der Tragödie; Aristophanes — und die
Entstehung des Lustspiels; Solon — und die athenische Verfassung; Lycurgus — und die Entstehung von Sparta; Hannibal — und der zweyte punische Krieg; sieh da, die Lichtpunkte zwischen denen eine
echt klassische Bildung auch unter uns ihren Ausgang nehmen kann. Man verbinde mit diesem historischen Vortrag auch hier, wie Herr Direktor Frenzel räth, das Quellenstudium, nur nicht also, daß
man den ganzen Livius oder den ganzen Thucydides cursorisch durchlese, welches zu nichts als eiteln Anmaßungen, zu einem oberflächlichen Wesen uns verleiten würde, sondern {68}
man knüpfe an jene Lichtpunkte der Geschichte, die den Aufgang, die den Untergang der Reiche; die Entstehung der großen Formen in der Kunst, wie in der Politik bezeichnen, die Lesung irgend eines
Abschnittes, oder die Anschauung eines Kunstwerks an, das damit in dem lebendigsten Bezug steht: im Fach der classischen Autoren für diejenigen Schüler, so weit genug sind, im Original; für die
andern in einer guten Uebersetzung. Mögen sich unter Leitung des Lehrers abendliche Lesezirkel zu diesem Zweck unter den Gymnasiasten bilden! Bey Gott, sie werden aus diesen Beschäftigungen mehr
Trost und Geistesnahrung schöpfen und erlangen, als aus der platten Gemeinheit unserer Romanschreiber, oder der Abenteuerlichkeit unserer neuesten Schicksalsstücke, die die höchsten Ideen der
Gottheit und Vorsehung zu verunstalten nicht müde werden.
Anfang der griechischen Geschichte mit Homer; gleich damit zur Bildung des Geschmacks verbundene Entwickelung der Natur des Epos; am Homer selber nachgewiesen. Hierauf Entstehung der Tragödie;
Aeschylus; Lesung des Oedipus von Sophokles, Tragödie und Epos mit einander verglichen. Die drey Einheiten, wie die antike Form unter den Franzosen sich versteinerte und zuletzt in leeren
Mechanismus ausartete. Ist ein französischer Lehrer am Gymnasium; so veranlasse man diesen zur Lesung einer strengen französischen Tragödie, im bessern Sinn, etwa des Britanicus von Racine;
vergleiche sodann damit Göthens Iphigenie, die denselben strengen classischen Formen, jedoch mit deutscher Gemüthlichkeit huldigt und nachstrebt; während Götz von Berlichingen alle Förmlichkeiten
von Zeit und Raum, mit Shakespearscher Kühnheit vernachlässigend, dennoch von Sei- {69}
ten der Charaktere, Gründlichkeit ihrer Durchführung, seelenvoller Darstellung so unübertrefflich ist: welch eine Erweckung der Köpfe liegt in also geordneten Stoffen des Unterrichts, die nun
nicht mehr als traurige abgerissene Einzelnheiten dastehen, sondern als ein organisches Ganzes, mächtig in die Geschmacksbildung des deutschen Jünglings und Mannes eingreifen. Was sie von
griechischer, römischer oder deutscher Charaktergröße lebendig ergriffen, mögen sie in den lateinischen Sprechschulen dem Gedächtniß anvertrauen und richtig und mit Meisterschaft hersagen und
sich aneignen lernen! wenn das hier von uns in Vorschlag gebrachte fast wörtlich mit den Wünschen und Vorschlägen des Herrn Director Frenzel, des Herrn Professor Hand, des Herrn
Oberconsistorialrath Horn übereintrift; wenn lateinisch sprechen, lateinisch schreiben beym Abgang vom Gymnasio, ja das Lesen der ersten 6 Bücher des Homer sogar für einen Juristen als
unerläßliche Bedingung gelten soll; wenn durch Mathematik, in Verbindung mit Experimentalphysik wenigstens mit einigen Theilen derselben, ein neues seelenvolleres Leben für beyde wird aufgegangen
seyn; so möchte alsdann auch für alle deutsche Gymnasien die Epoche kommen, wo das Wesentliche nicht mehr dem Unwesentlichen nachstehn wird. Wir werden sodann über Antiquitäten, Aesthetik,
Poetik, Rhetorik, Metrik, keine besondere Vorlesungen nöthig haben; wir werden uns nicht in das breite und weite Reich der Wissenschaften verlieren; sondern der alten Melanchton-Lutherischen
Basis getreu, auf dem Grund der alten und neuen Sprachen, ein tüchtiges, zugleich echt deutsches und echt christliches wissenschaftliches Wesen zur Entwickelung bringen, worauf dann die
Universitäten {70}
ihrerseits, weil das alte gewohnte Fundament nicht mangelt, mit Ehren weiter zu bauen möchten im Stande seyn. Nach dem, was ich bereits, über die Würde deutscher Sprechschulen, in diesem Aufsatz
vorangeschickt habe, wird die Vergleichung mit den Meinungen der Herren Frenzel, Horn und Hand, über diesen nämlichen Gegenstand aus dem vorgesteckten Ziel, noch näher führen.
Herr Director Frenzel auf die Frage, welche Stellung dermalen die deutsche Sprache auf unsern Gymnasien nothwendig einnehmen müßte? antwortet:
1) Muß der Schüler mit den classischen Nationalschriftstellern bekannt gemacht werden, durch welche die Sprache und Kunst weitergebracht ist, und es sind vorzüglich die Stücke mit ihm zu lesen,
welche ein Nationalinteresse haben.
2) Muß er, in mündlichen und schriftlichen Vorträgen so geübt werden, daß er seine Gedanken mit Feder und Munde gut ausdenken kann. Desgleichen sagt Herr Professor Hand; „Zu sehr wird überhaupt
das Studium der deutschen Sprache vernachlässiget; und unsere Schüler lernen weit eher und besser lateieisch schreiben als deutsch; eher die Classikee der fremden Nationen kennen, als unsere
eigene; sie sind meistens unfähig auch das, was das gewöhnliche Leben fordert, fehlerlos zu geben. Und dennoch ist es ein lautmahnendes Erforderniß, die deutsche Sprache nicht nur mit mehr
Sorgfalt grammatisch zu lehren, sondern auch die Zöglinge in schriftlichen Arbeiten und in der Kunst der Darstellung zu üben. Dank haben wir uns die praktische Logik und die Lehre für
Geschmacksbildung (Aesthetik) erspart, weil diese mit einbegriffen werden; auch die allgemeine Sprachlehre kann sich mit der deut- {71}
schen verbinden. Noch frägt sich: „sind die altdeutschen Werke, wie das Lied der Nibelungen, das Heldenbuch hiebey" bey Betreibung des deutschen Sprachstudiums zu vernachlässigen? Hierauf
antwortete Herr Dr. Frenze! in unsern Eisenachischen Gartengesprächen folgendermaßen: „Eben so wenig als man bey dem Studium der griechischen Sprache den Homer und die ältern Dichter bey Seite
setzen, und sich blos an die Schriftsteller des perikleischen Zeitalters halten darf. Jedoch muß dabey die Einseitigkeit vermieden werden, diese Schriftsteller zum einzigen Gegenstande des
deutschen Sprachstudiums zu machen, sondern man soll sie blos so weit behandeln als nöthig ist, dem Schüler eine genügende Kenntniß der altdeutschen Sprache und Zeit zu geben. „Der Schüler wird,
durch die Vergleichung beyder Sprachen, dadurch mehr die Eigenthümlichkeit und den Geist seiner Muttersprache begreifen; und die Bekanntschaft mit unsern Dichtern wird ihn in den Stand setzen,
beym Uebersetzen alter Dichter zweckmäßigere Ausdrücke zu finden.
Durch die Bekanntschaft mit Göthe, setzt Herr Director Frenzel hinzu, wird er besser die hohe Einfalt Homers und durch Bekanntmachung mit Klopstock, Pindars einfache Erhabenheit darstellen
können. Durch die Erklärung der deutschen Dichter, kann der Schüler auch am zweckmäßigsten auf praktischem Wege mit den Gesetzen der deutschen Metrik vertraut gemacht werden und dieses kann zu
Vergleichungen mit der Metrik der Alten führen. Doch ist auch hier sorgfältig zu scheiden, was blos Eigenthum der Schule und Gemeingut des Lebens ist. „Vorzügliche Stellen fährt Herr Director
Frenzel fort" aus den besten Schriftstellern beyder Sprachen, welche {72}
fähig sind Charakter, Verstand und Geschmack zu bilden, sind auswendig zu lernen, und in den für Declamationsübungen bestimmten Stunden herzusagen. Auch kann dieses bey den öffentlichen Prüfungen
in Zukunft berücksichtigt werden. Bey den Aufgaben von Declamationsübungen, muß auch der Lehrer Anfangs die Individualität der Schüler berücksichtigen, weil der Weichherzige besser elegische und
sanftlyrische Stücke; der kräftige Jüngling aber kräftige und erhabene Stücke vortragen wird. Von selbst versteht es sich daß der Lehrer die Schüler vorher mit dem Geiste des zu declamirenden
Stückes bekannt macht; es vorher in dem Geist desselben vorliest und nachlesen läßt, ehe er es zum Auswendig lernen aufgibt.
Dem Gebrauch deutscher classischer Uebersetzungen ist durch Herrn Director Frenzel folgende Stelle angewiesen worden. „Musterübersetzungen, sagt er, den Schülern nach Erklärung eines Pensums
vorzulegen, halte ich aus mehr als aus einem Grunde für nützlich.
1) Wird durch das Organ der Muttersprache dem Schüler das Original mehr zur Anschauung gebracht.
2) Lernt er dadurch selbst gut übersetzen.
3) Lernt er die fremde Sprache mit seiner Muttersprache vergleichen.
4) Kann er von dem Lehrer zur Beurtheilung der Uebersetzung angeleitet werden, wo der Sinn schärfer und praciser dargestellt werden könnte.
5) Ist eine Uebersetzung für einen Schüler auch kein unzweckmäßiges Hülfsmittel, wenn er einen Schriftsteller für sich selbst liest.
6) Weil jetzt der Formulismus an der Tagesordnung ist, so muß dabey dem Schüler gezeigt werden, daß die Form zwar auf keine Weise zu verschmähen ist; daß sie aber durchaus nicht, auf Kosten des
Ge- {73}
dankens und der höhern Forderungen einer guten Darstellung erkauft werden darf.
Vergleichung einer trefflichen Uebersetzung, nachdem der Schüler seine eigenen Kräfte bereits versucht hat, ist, so wie die Aufsuchung der von ihm oder andern dabey begangenen Fehler allerdings
für den Stil ein treffliches Bildungsmittel. Im Ganzen bemerke ich jedoch: daß solche höhere Stilübungen in beyden Sprachen nur alsdann glücklich von statten gehen können, wenn zuvor nicht nur
das Lesen von deutschen und lateinischen Classikern ihm geläufig geworden ist, sondern wenn er auch eine Menge schöner klassischer Stellen, in allen Gattungen des Stils, seinem Gedächtniß so fest
einprägte, daß sie ihm in jedem Augenblick zu Dienste stehen. Aus Schellers und Adelungs Wörterbuch ist noch kein Stilist erwachsen.
Eben so dringend mahnt Herr Consistorialrath Horn, in seinen lehrreichen Aufsätzen, an die Nothwendigkeit der Muttersprache, daß man derselben ihr edles Recht auf den Gymnasien nicht länger
vorenthalte. In seinem Bericht über die Fellenbergschen Erziehungsanstalten zu Hofwyl, heißt es unter andern: „Voran steht die Muttersprache, die Deutsche, die von den Zöglingen als ein Kleinod
und Heiligthum angesehen und behandelt werden soll; als das herrliche Gemeingut der Nation, in welcher sie ihre eigenthümliche Kraft, ihren Bildungstrieb und die verschiedenen Stufen ihrer
Bildung bezeichnet hat." — Die Zöglinge haben in jeder Woche, ein, ihnen aufgegebenes, Thema, in deutscher Sprache zu behandeln. Um sie die Sprache und die Denkweise des Mittelalters kennen zu
lernen, wurde so eben ein Theil des Nibelungen Liedes mit ihnen gelesen. Auf gleiche Weise drückt sich dieser verdienstvolle Erzieher in seinem Aufsatz über dies keineswegs befriedigte Bedürfnis
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unserer Schulen aus, wo er sagt, „Die Hauptsache ist natürlich die Muttersprache. Das Ziel ist Sicherheit und Gewandheit, im mündlichen und schriftlichen Gebrauche derselben. Man sucht es zu
erreichen, durch grammatikalische Hebungen; durch Gewöhnung an ein deutliches, geordnetes und zusammenhängendes Denken; durch das Lesen schöner Aufsätze, in gebundener und ungebundener Rede;
durch Memoriren einzelner Theile derselben, durch Declamationsübungen, durch Fertigung schriftlicher Aufsätze von beschreibender, erzählender, auch religiöser Art, so wie durch Fertigung von
Briefen und Geschäftsaufsätzen.
Und weiterhin: „Die wichtigsten Glaubenslehren, und sittlichen Gebote müssen durch Memoriren und Recitiren biblischer Sprüche und kraftvoller Kirchenlieder auch dem Gedächtniß eingeprägt werden.
Und wieder an einem andern Ort: „Daher sind die griechischen und römischen und sodann die deutschen Classiker der Bildungsstoff, der in den Gymnasien vorzüglich verarbeitet wird. Eben so: „mit
den wichtigsten deutschen Classikern müssen die Gymnasiasten der obern Abtheilung bekannt gemacht, auch muß ihnen eine Uebersicht der Geschichte der deutschen Beredsamkeit und Dichtkunst gegeben
werden, jedoch ohne daß der Unterricht in eine weitläuftige und dürre Literärgeschichte ausarte."
Man erlaube dem Verfasser dieses Aufsatzes obigen Ansichten gelehrter und scharfsichtiger Männer noch einiges, was die Kunst und tieferes Eindringen in den Geist der Alten und Neuern betrifft,
hinzuzufügen,"
Dichter werden freylich überall auf den Gymnasien noch gelesen. Man empfiehlt sogar, mit den griechischen früher, als mit dem römischen, den Anfang zu {75}
machen. Soll diese Vorschrift aber irgend einigen Sinn haben; so muß man in den Alten nicht blos Worte lesen, und sich ihrer Sprache als Werkzeug zur Schärfung des Verstandes bedienen, sondern
man muß in den Sinn und in den Geist ihrer Compositionen und Kunstwerke eingehen; man muß die Jugend auf die großen, epischen dramatischen, lyrischen bis jetzt einzig und unübertroffen
dastehenden Formen aufmerksam machen; nicht etwa, durch ästhetische Vorlesungen, oder eine Jagd allgemeiner Ideen, vom Erhabenen, Schönen, Rührenden u. s. w. sondern durch lebendige Anschauung
dieser Kunstwerk selbst, die bey den Griechen zuerst und sodann bey Wiederherstellung der Künste und Wissenschaften, für Geschmackbildung, Redekunst, Malerey, Dichtkunst, verfeinerten Lebensgenuß
auf ganz Europa, mit der Allgewalt ihres Beyspiels einen so entschiedenen Einfluß ausübten, als wodurch sie eben zu dieser Herrschaft in den Schulen gelangten, die sie noch bis auf den heutigen
Tag durch innern Werth zu behaupten wußten. Das nenn' ich humaniora und echt klassisches Alterthum treiben, wo die Anschauung zugleich mit der Idee Hand in Hand geht; wo das lebendige Studium der
Muttersprache auf jene mächtigen Formen, in eigenen selbstständigen, Nachbildungen zurückweist, oder seine kecke Abweichung davon, durch die Originalität des Mittelalters, rechtfertiget: ich
möchte doch die Universität kennen lernen, die von einem so classischgebildeten deutschen Jüngling, her sich zugleich ebenso vollkommen in der lateinischen wie in der Muttersprache ausdrückte;
der somit an der Schwelle des Tempels stände, woraus die Lessinge, die Herder, die Wielande, die Klopstocke unserer Nation hervorgegangen sind, behaupten wollte: sie wußte {76}
nicht, wo sie mit einem solchen anfangen, oder worauf sie bey ihm fortbauen sollte. Weil aber die Philologen, vor lauter Wortkrämerey, wie Herr Direktor Frenzel richtig bemerkt, dieser vornehmen
Basis ihres Studiums sich zu bemächtigen nicht im Stande gewesen sind und auch noch in diesen Augenblicken, bis auf wenige geistreiche Ausnahmen, ohnmächtig vor ihrer Lösung dastehen: so ist es
denn zuletzt dahin gekommen, daß tausenderley Wissenschaften in unsere Gymnasien eingedrungen sind, welche die Grenzen derselben und die der Universitäten verrücken; die alten Classenlehrer in
Professsoren; den Stuhl des Rectors in einen förmlichen Katheder verwandelten und Vorlesungen und bloßes Dociren an die Stelle setzen, wohin lebendige Selbstthätigkeit, Umgang, Erziehung,
Gespräch und sokratische Unterhaltung gehört. Kann das Weimarische Gymnasium einen Aufschwung nehmen, der es diesem erhöhten Standpunkt der Zeit näher bringt, so würden die Büsten von Herder,
Göthe, Wieland nicht vergebens in dessen Hörsaal stehen. Leider aber verlassen jetzt viele Gymnasiasten die deutschen Gymnasien, ohne daß sie von diesen Heroen unserer Literatur irgend etwas
anders, als den Namen kennen. Ich habe in dem fünfzigjährigen Lauf meines Lebens Barbaren genug gekannt, die vortreffliche Mathematiker, unvergleichliche Chemiker; über die Maaßen ausgezeichnete
Historiker, Statistiker, weltberühmte Juristen, Philologen und ich weiß nicht was alles sonst noch waren; nur eins — Humanisten waren sie nicht in dem oben angegebenen Sinne des Wortes: das
verrieth sich in ihrem Umgang und in ihren Umgebungen; in ihrer Sprache; in ihren Scherzen; in ihrem akademischen Vortrag, durch eine demselben in {77}
allen seinen Abstufungen anhaftende Geschmacklosigkeit. So hatten sie, obwohl gelehrt und mit Namen begabt, die für eine Zierde der deutschen Meßkataloge galten, jenen den Künsten und
Wissenschaften von Alters herzugeschriebenen Einfluß, das Ciceronianische: „Emolliunt Mores, nec sinunt esse feros" keinesweges an sich erfahren, sondern im Gegentheil jenen Fluch auf sich
geladen, von welchem Tasso singt:
„Und wären alle Götter ihm zur Seite,
Die Grazien sind bey ihm ausgeblieben."
Gelingt es uns der Jugend des deutschen Athens, durch Einweihung in die echte humaniora, diesen Bannfluch der Geschmacklosigkeit, am Altar der Musen und Grazien abzunehmen, wozu unter den
hiesigen Lehrern, allerdings Herr Professor Riemer am würdigsten die Hand biete könnte: so werden wir der Gastgeschenke des hohen Genius, der die Ufer der Ilm besuchte, uns noch auf lange Zeit zu
erfreuen haben: wo nicht — so wird weder das schönste Ciceronianische Latein, noch ein ganzes Heer von Stilisten, Chemikern, Mathematikern und wenn es sich von der Ilm aus, in Schwärmen wie die
Wasserjungfern im Jahr 1815 über ganz Deutschland ausbreitete, das deutsche Athen von der Schande und dem Vorwurf bey der Nachwelt befreyen können, daß es, auf der hohen Stufe der humaniora, die
einen Durchbruch aller Literaturen ankündigte, auf welcher Weimar vor den Augen von ganz Europa da stand, die ihm zufällig durch so edle hohe Geister angetragene Aufgabe, gänzlich verfehlte,
indem es die Durchdringung und Vermittelung der alten und neuern Zeit, zu einer wahrhaft deutschen Nationalbildung, in ihrem Element zu erfassen, und sich als Schule anzueignen nicht im Stande
war, {78}
und wir mögen nur gleich ohne Weiteres damit anfangen, die in jenem Hörsaal aufgestellten Büsten eines Herder, Göthe und Wieland in Stücken zu schlagen.
Weimar, den 6ten Januar 1820.
Johannes Falk
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