Poetische
Blumenlese

für das Jahr 1796.

Göttingen
bei Johann Christian Dieterich.

{91}

Die Gebete.

Eine Satyre.

An meinen Freund, Karl Morgenstern

„Heda! Bootsknechte! Heda! Steuermann!
Halloh! Matrosen! lustig, d'rauf und d'ran!
Zu Schiff'! Frisch, stecht in See! der Sturm hat ausgetobet;
Ich habe St. Anton zwey Kerzen angelobet;
Die Segel aufgespannt! der Nordwind weht;
Flugs, tummelt euch! die Anker aufgedreht!"
„St. Görg', verschließ' den Nord in Aeols Grotte,
Und schenk' uns West für unsre Silberflotte!"
„God dam! was schwatzt ihr da von Nord und West?
Südwind! Südwind! God dam! ich soll nach Brest!"
„Maria, Joseph, gebt uns Ost zum Häringsfange!"
Genug! genug! ihr seyd längst reif zum Untergange,
Ruft Gott ergrimmt, und winkt dem donnernden Orkan.
Die Sonn' erlischt; der Sturm peitscht himmelan {92}

Zerrißne Segel und zerbrochne Masten;
Der Belt ist rund mit Ruderbänken, Kasten,
Mit Kaufmannsballen, Tonnen, Schiffsgeräth,
Und halbversunknem Seevolk übersät.
Doch welch ein Jubel, mitten im Gewinsel
Der Sterbenden, ertönt von jener Insel?
Ein frommes Volk jauchzt dort mit Mund und Hand
Dein Lob, о Gott: du segnetest den Strand.
Nicht Sturm, nicht Nacht wird im Beruf es hindern,
Die Scheiternden — zu retten? — nein, zu plündern.
Schon wimmelt auf der Höhe Boot an Boot,
Was diesem Unterhalt, bringt jenem Tod. —

„Verleih' uns Regen, Herr, dass er die Flamme lösche!"
„Nein schönen Sonnenschein und Wind für meine Wäsche!"
Ruft dort in Sluys das Volk aus Schutt und Graus,
Hier eine Wäscherin in Brüssel aus.
Es regnet: „Straf uns nicht in deinem Grimme!"
Ruft Delft und Amsterdam mit Einer Stimme: {93}

Indessen schallts von Piemonts Revier
Aus tausend Kehlen: „Herr dich loben wir!"..
„O guter Gott, (klagt ein Gerichtsverwalter,)
Erbarm' dich mein! da darb' ich nun im Alter!
О warum blieb ich nicht im H…Gerichrspedell!
In diesem Lande wird Nichts — gar Nichts criminell.
Hier wird das ganze Jahr gestäupt — kaum Einer;
Und vollends aufgehängt, gerädert Keiner!"
„Ach Herr, ein böses Jahr, ein böses Jahr!
Nur Schnupfen, Zahnweh, höchstens ein Katarrh;
Ich unterwerfe mich der Götter Willen:
Doch hundert Thälerchen für Chinarind' und Pillen
Summa summarum nur! das ist zu arg! gesteht!"
Erhör' ihn Gott! Mach' Stadt und Dorf zum Lazareth!

In jeder Tempelhall' und Betkapelle,
An jeder Göttersäul' und Altarschwelle
Fleht Theophron: „Ihr Götter, Eins verleiht
Dem armen Theophron — Unsterblichkeit! {94}

О ihr, allmächtig, Segen auszuspenden
Und Fluch, — den Tod von Einem abzuwenden,
Von Theophron, ist Göttern Kleinigkeit!".
Thor, harre nur! Vielleicht, daß Götterzorn verleiht,
Was Götterhuld versagt. Sprich, kennst du die Gebrechen
Des Alters? — Sieh den Greis! Er hustet, statt zu sprechen;
Die Nas' ist spitz; sein Gaumen abgestumpft;
Sein Kiefer zahnlos; Wang' und Kinn verschrumpft;
Sein Rücken tiefgekrümmt; verblüht die Lippe;
Ein karg mit Haut bekleidetes Gerippe.
Es starrt sein schleichend Blut von ewgem Fieberfrost;
Ein fremder Löffel reicht ihm kindisch seine Kost:
Die Brille ist sein Aug'; sein Fuß die Krücke;
Kaum hört sein Ohr den Donner der Gestücke;
Nur dumpf noch summet ihm das Thurmgeläut';
Und ach! er alterte im Trauerkleid.
Ihm tönt nicht mehr der Freundschaft süß Geflister;
Schon längst begrub er Weib, Kind und Geschwister; {95}

Er schluchzte längst ein ewig Lebewohl
An ihrer Gruft. „Was tönt so dumpf und hohl
Die Strass' herauf?'' so fragt er seinen Knaben.
„Sie singen, Herr: Laßt uns den Leib begraben !"
„Ist Jemand, todt?“ „Ja, Herr, der Nachbar Just.“
„Hilf mir ans Fenster hin! Ach Gott, die Brust! —
Die Brust! — Der Krampf zerbricht die morschen Glieder.
Laß leise mich auf diesen Armstuhl nieder!
So! so! О weh! Wem, sprachst du, war der Sarg?"
„Dem Nachbar Just." „Ach Gott! schon Manchen barg
Vor mir das Grab! — Du machst mit mir zu lange!
О trügen sie mich schon bey'm Glockenklange
Zum Kirchhofsthor, wie Nachbar Just, hinein!
Das Auge schmerzt mir so vom Fackelschein! —
Mein Augenschirm! Mir wirds so schwarz! Wo bleibt denn Klare?
Ich will sie segnen, eh' ich in die Grube fahre.
О rufe mir mein Weib!" „Ach, lieber Herr, bedenkt,
Seit zwanzig Jahren schon ist sie ins Grab versenkt!" {95}

„Wohl ihr! Wohl ihr, mein Kind! О, selig sind die Frommen!
So rufe mir denn Karl!" „Auch den hat Gott genommen!"
„Todt? Alles todt! —- — ich armer, alter Greis!
Mein Kopf! mein Kopf! — — О wisch' den Todesschweiß
Mir, Fremdling, ab von dieser kalten Stirne!
Verlass mich nicht! — schwach, schwach ist mein Gehirne!
Todt, Alles todt! — Ich weiß nicht, was ich sprach.
Die Welt ist bös', о Fremdling, sprichs nicht nach! —
Man sagt, ihr Bette sey zehn Klafter tief gewesen.
Sie rufen mich, horch! horch! — — In einer Gruft verwesen
Mein Weib und Sohn. — Siehst du den Fackelglanz?
Der Hochzeitswagen kommt! Juchhey, zum Tanz! —
Was weinest du? Juchheysa! Lustig, Knabe!
Geh', pflücke Tausendschön von Klarens Grabe, {97}

Und Rosmarin in meinen Hochzeitsstrauß!
Kommt, leuchtet mir hinab in Nacht und Graus,
Ihr Fackeln! … Düster ist mein Hochzeitsbette!"

О Unbesonnener, schau' diesen Jammer! Hätte
Ein Leben Reitz für dich, erkauft um diesen Preis,
Um Wahnwitz, Theophron? — Und doch, frag' jeden Greis!
Mehr oder weniger harrt Blödsinn ihrer aller.
Vor Spiegeln lächelt Swift, vor Teufeln zittert Haller,
Hugen vor Sonn' und Feu'r [Hughens (Hugenius) der berühmte Mathematiker, bildete sich ein, er wäre von Butter.]; X. lernt das Alphabet,
Indess sich Newton selbst als Greis nicht mehr versteht.
Du sprichst: „verlängert mir ein Gott dieß Erdenleben,
So kann er leicht mich auch der Leiden überheben." — {98}

Es sey! zertrümmert denn ihr Räder der Natur!
Verliert nur Theophron im Herbste — seine Ruhr.
Ihn schmerzt ein Zahn! — Laß gleich den Erdball — wie bescheiden! —
Mit einem andern Mond und Dunstkreis, Gott, umkleiden!
Vesuve, speit nicht mehr! Erlösche, Aetna's Feur!
Und wandelt Theophron bei nickendem Gemäur,
Und unterm Ueberhang der Alpen und der Brocken;
So sey so gut, Gesetz der Schwere, gleich zu stocken!
Bist du nun glücklich? Fühlst du keine Erdennoth?
Schaff erst die Menschen um! — Gesegnet seyst du, Tod,
Auf diesem Sammelplatz von Gott verworfner Wesen!
Du würgest deinen Arzt, o Thor, um zu genesen.
Unglücklicher, der du des Daseyns Trost verkennst! —
Sey nochmahls mir gegrüßt, nicht Gothisches Gespenst,
Nein, Friedensbothe mir! Die Leiden, von der Wiege
Bis an das Grab, die uns verfolgen, wer ertrüge {99}

Nur hundert Jahre sie? Und ewig, ewig so
Die Sidney am Schaffot, die Kepler auf dem Stroh,
Nerone auf dem Thron, und Belisar‘ auf Krücken: —
O dies Tollhäuslerspiel Jahrtausend' zu erblicken,
Sprich, wie ertrüg' es wohl das arme Menschenherz
O süße Hoffnung du, einst allen Gram und Schmerz,
Der unser Herz beklemmt, im freundlichstillen Hafen
Des Grabes, vor dem Sturm geborgen, zu verschlafen!
Der Nachen ruht im Sand; der Schiffer hört nicht mehr
Das wogende Geräusch vom hohen Lebensmeer;
Der Scheiternden Geschrei, ihr kläglich: Rette! Rette!
Schreckt nicht den Schläfer mehr aus seinem stillen Bette
Von Staub und Moos empor. Ja wisse, Theophron,
Und böte Gott mir selbst, umstrahlt auf seinem Thron
Von aller Glorie der morgenländschen Dichtung,
In einem Kelche, Tod und ewige Vernichtung, {100}

Und in dem zweiten, hier Unsterblichkeit:
Ich griff' zum Kelche — der Vergessenheit,
Doch, Heil uns! Heil! Uns winkt die Heimath in der Ferne;
Nur Staub empfängt der Staub; den Geist erwarten Sterne.

Die Glocken läuten schon. Wie emsig läuft Alcest!
Seitdem ein Weib er nahm, verabsäumt er kein Fest;
Nie ist sein Kirchstuhl leer, mags stürmen oder regnen;
Was will der Thor? Gott soll den Schooß Philindens segnen.—
Süß freilich mag es thun, wann Knaben, Mägdelein,
Von denen arglos du der Vater glaubst zu seyn,
In munterm Kreis, Alcest, sich um dein Knie versammeln,
Und Vater! meistentheils die erste — Lüge stammeln.
Allein das Nachweh kommt. Der Dirnen Busenflor
Dehnt schalkhaft Cypripor. Nun sammle Louisd'or, {101}

Sind sie nicht schön! — und sind sie reitzend, neuer Jammer!
Um Gottes Willen schlaf‘ in keiner Vorderkammer!
Unmöglich ist dirs hier im Lärm der Nachtmusik
Ein Auge zuzuthun. — Du hörest Stück für Stück,
Der Töchter Reiz', Alcest, gewissenhaft besingen.
Du stirbst vor langer Weil', der Kopf will dir zerspringen.
Hilft nichts! hilft nichts! Jetzt glaubst du endlich dich befreit;
Da kommt noch ein Duett von Chloens Grausamkeit.
Pest! rufst du voll Verdruß, so wollt' ich doch, die wären
„Ey, pfui doch, pfui, Papa! Wir können ja nichts hören.“
So gehts die ganze Nacht. Im Bette trällern sie,
So wie der Morgen graut, die Ständchenmelodie. —
Auch bei den Buben fehlt's an Herzleid und Verdrusse
Nicht einen Augenblick. — Halbtodt zieht aus dem Flusse
Man Ephraim hervor; Karl fällt und bricht ein Bein;
Wilm stürzt vom Pferd'; August wirft Nachbars Fenster ein; {102}

Und Fritz verwandelt gar die Zof' in eine Amme. —
Du lachst und sprichst: mein Herr, sie schreiben Epigramme.
Laß ernst uns seyn, so ernst, wie der, dem Schwangerschaft
Sein Liebstes auf der Welt, sein Weib, hinweggerafft.
Zu nah, zu nah folgt oft der Sarg dem Brautgelage!
Ach! der Geburtstag wird zu oft zum Sterbetage!
Der Säugling steigt herauf, die Mutter steigt hinab;
Den legt man in die Wieg', und jene in das Grab;
Thut den mit Windeln an, die mit dem Sterbekleide;
Oft auch empfängt Ein Sarg und Eine Gruft sie beide,
Ich weiß, du liebst dein Weib. Ob auch dein Herz, Alcest,
Dieß reiflicher erwog? Und dann die Pockenpest,
Verzuckung, Friesel, Zähn' und Masern, Scharlachfieber?
Doch nimm ein Wunder an! dies Alles geht vorüber: {103}

Wie bist du dirs gewiß, daß du an deiner Brust
Nicht Nattern hegst und pflegst, wie bist du dirs bewußt?
О bittrer, bittrer Lohn, nach all dem Herzeleide,
Nach all dem Gram! Alcest, folg' mir in jene Heide! —
Wer wankt hier noch so spät in Sturm und Nacht einher?
Der arme König Lear! O seyd mitleidiger,
Ihr Stürme! seyd mitleidiger, ihr Schloßen!
Als seine Töchter, die ihn ausgestoßen! —
О schont, ihr Donner, schont sein silberfarbnes Haar,
Sein unbedecktes Haupt! — „Vor vielen Jahren war
Ich König Lear, und jetzt ich will nicht weinen
Welch eine Nacht! Nicht Mond, nicht Sterne scheinen! —
Mich alten Mann! Fort, Kent, durch Moor und Dorn!
Krach' Donner! Saus', о Sturm, im Hagedorn!
Du bist mein Kind nicht, Sturm, dich hab' ich nicht getragen
Auf diesem Arm, o Blitz! … In meinen alten Tagen! {104}

О meine Töchter! Regan, Gonorill! —
Ich will nicht weinen. Still, mein Herz, sey still!
Kent, klopfe nicht! Die Thüren sind verschlossen.
In einer solchen Nacht mich auszustoßen!
О weg! о weg von diesem Pfade hier!
Er führt zum Wahnsinn, armer, armer Lear!" —

Doch alle die Gebet' auf Thal und Höh',
Aus Synagoge, Tempel und Moschee,
So viel vom Strohdach und von Marmorsälen
Aufsteigen, wer vermag sie aufzuzählen?
Eh' nennt' ich euch, wie viel zur Charitee
Frau Sch — tz half, zum Kirchhof Doktor B;
Wie viel ein Missionär in Goa Sünder
Der Kirch' im Jahr' erzielt — und wie viel Kinder;
Wie viel Mahl das Berliner Zeitungsblatt
Den Feind totaliter geschlagen hat;
Wie viel man mehr geköpft und aufgehangen,
Seit die Reform im Schulfach angefangen;
Wie viel Mahl Jung und Altin H — es Predigt schlief,
Wie viel Mahl S. „Es muß bald anders werden!“ rief; {105}

Wie viel Bordelle B. . . . und Ställe Posen
Im Durchschnitt zählt; wie viele goldne Dosen
Durch seinen Almanach sich . . .ar erlog;
Wie viel Mahl . . . er . . . sein Knie in Potsdam bog!
Wie viel Herr . . .k in London Pensionen,
Und Hoffmann Brief' empfing von Standspersonen;
Wie viele Bücher . . . z in Jahreszeit
Verfaßt und die Censur in Wien verbeut.
„Gut, (spricht ein Spötter hier,) geh hin und sprich zum Volke:
Gebet ist Thorheit! Geh'! verbrenn' ihm seinen Schmolke!" —
Zu rasch, zu rasch! mein Freund. Bet'! aber mit Verstand,
Und um Verstand. Häng' nie dein Herz an Tand.
О König an der Thems', о Bettler an der Marne,
Wem gilt der Unterschied? Dem Seidenwurm; dem Garne.
Verhülle dein Gebein in Gold und Edelstein:
Gott sieht Metall im Gold, im Diamant nur Stein.
Bet' um ein frommes Herz! Das Uebrige ist wenig,
Ist Seid' und Lumpen nur, nur Bettler oder König. {106}

Wem gnügt dieß? — Alt und Jung fröhnt schnöder Eitelkeit;
Sie prangt im Purpurrock, sie prangt im Derwischkleid;
Gibt Mönchen Kutt' und Gurt, den Weiheschleyer Nonnen,
Styliten Säulen hier, dort Diogenen Tonnen.
Selbst noch im Tod' ist sie mit ihrer Gunst nicht karg.
Sie stellt die Gueridons; lauscht am Paradesarg;
Trägt Fackeln vor der Bahr', und schnitzt auf Marmelsteinen
Verhüllte Engel aus — will uns kein Mensch beweinen. —
Als du einst Knabe warst, noch gingst am Gängelband;
Da griff nach Klapper, Kart' und Puppen deine Hand;
Als Jüngling tummeltest du Apfelschimmel, Füchse;
Mit Sternen spielt der Mann; der Greis liebt Crucifixe:
So froh beim Crucifix, wie einst beim Kartenhaus,
Entschläft er müd', und sieh! des Lebens Spiel ist aus. — {107}

Selbst unter Todten darf die Wahrheit nicht erscheinen
Fürwahr! sonst läsen wir auf manchen Leichensteinen:
„Greis, und zugleich auch Kind, starb er, noch eh' er war.
Er lebte keinen Tag — und zählte achtzig Jahr."
Nie sind wir, wo wir sind. Das Kind, getäuscht von Blindheit,
Wünscht Jüngling sich zu seyn; den Greis entzückt die Kindheit;
Der Seemann, der mit Noth dem Schiffbruch kaum entrann,
Beschifft doch immer noch im Geist den Ocean;
Im Kerker träumt ein Trenk sich gern auf Polstersessel,
Und auf dem Polster klirrt er gern mit seiner Fessel:
Ja, die verhaßte Last ersehnter Gegenwart
Dünkt abzuwälzen, selbst der Tod uns nicht zu hart;
Sein Volk vergißt der Held, beglückt im Geist Provinzen,
Stirbt wirklich in der Schlacht, und lebt im Geist — auf Münzen.
Sprich, wie viel Unzen Staub sind noch vom Hannibal?
Ach! Inschrift, Sarkophag, und das Trophäenmahl, {108}

Und Ritterburg und Wart', und Tempel, und Kapellen.
Und Marmorsäulen treibt auf seinen Wellen,
Mit Trümmern überdeckt, der Zeitenstrom.
О Stolz Hesperiens, wo bist du, Rom?
Ich such' ein Capitol, und finde das Conclave:
Wo Cicero einst sprach, da plärrt ein Mönch sein Ave.
Ich suche Griechenland! — Ist's möglich? Dieß Athen?
Turbane hier? wo einst für Freyheit Demosthen
Laut donnerte? Wo warst du, göttliche Athene?
Ach! dein Piräus trägt, statt Flotten, Fischerkähne.
Entweiht auf ewig ist der Grazien Altar.
Wild jauchzt, statt Evoe, sein Allah ein Barbar.
О wein', Urania, wein' über diese Trümmer
Sanft hingebeugt! Ach hier, wo einst mit mildem Schimmer
Ein liebliches Gestirn dem Abendhorizont
Sanft leuchtete, erhob sich bleich ein halber Mond.
Laßt denn von Hellas Fall die Klagen wiederschallen!
Der Nachwelt Klage tönt in unsern Marmorhallen. {109}

Einst wallt der Wanderer in mancher Königsstadt
Durch Distel, Dorn und Gras auf wildverwachsnem Pfad.
Westminster, du bist einst verschwunden, samt den Todten;
Ach, Russen haben wir, die Griechen hatten Gothen.
Jehova, Vater, Gott, du Herr der Ewigkeit,
An deinem Thron allein verhallt der Strom der Zeit.
Wißt, daß die Sonne selbst vielleicht nicht ewig schimmert,
Daß diesen Erdball selbst vielleicht einst Gott zertrümmert.
Ihr, auf Unsterblichkeit und Heldenruhm entbrannt,
Thürmt Mausoläen auf! О Cäsar, Newton, Kant —
Was ist der Ruhm? Verzehrt die Feuersbrunst Paläste,
Wer fragt dann mitleidsvoll: wie ging's dem Schwalbenneste?
Erlischt vor Gottes Hauch einst Mond- und Sonnenlicht,
Wer fragt in ew'ger Nacht: wie sich der Lichtstrahl bricht? {110}

Hat aus den Angeln Gott die Welten ausgehoben,
Wer forscht nach dem Gesetz für ausgebrannte Globen?
Wer spricht, wann längst die Erd' aus Raum und Zeit verschwand,
Noch vom Begriff, den Kant mit Raum und Zeit verband? —

Sey mir gegrüßt in deiner Bürgerkrone,
Von Blut bespritzt, auf umgestürztem Throne,
O Robespierre', Fels, den kein Donner traf!
Du, der du alles hast, sprich, hast du Schlaf?
Schreckt dich kein Bailly in der Todtenstille
Der Mitternacht, kein Rabaut, kein Camille,
Kein Vergniaux vom Lager wild empor?
О du, verstummt allein in deinem Ohr
Das Todesstöhnen schnöd' erwürgter Greise,
Das Angstgeschrey der vaterlosen Waise?
Ist dir allein der Donner von Lyon,
Herzloser Teufel, dir nur Jubelton?
Rauscht dir nicht furchtbar der Loir' Gestade,
Wann händeringend eine Myriade
Das morsche Wrack ersäuft, von Jung und Alt
Ein dumpf Gewinsel aus der Tiefe schallt? {111}

Zerrt keine Todtenhand in Schlamm und Moder
Dich zur Loir' im Traum herunter — oder
Schweigt, übertönt von deinem Volks-Päan,
Des Mitleids Stimm' in deiner Brust, Tyrann? –
Doch welch ein Wechsel! Robespier' gebunden?
Auf einem Karrn — entstellt, bedeckt mit Wunden?
Das theure Haupt, von seinem Vaterland
So hoch vergöttert, unter Henkershand?
Hört ihr, hört ihr das wilde Hohngelächter?
Den tausendstimmgen Fluch der Söhn' und Töchter
Lutetiens? Hört ihr den bittern Hohn:
„Fürst Maximilian, ist das dein Thron?"
„Wo ist mein Held?" Frag' unter Leichensteinen! —
Selbst die sind stumm! — Vermischt mit den Gebeinen
Von Brissot, Vergniaux, vermodert er. —
„Hier ruht er!" liest von ihm kein Wanderer. —
Auch ruht er nicht! — Ihr wacht, gerechte Götter,
Ihr gabt ihm, statt des Königsthrons, — vier Bretter. — {112}

Der du den Geist, den diese Hülle barg,
Vergöttertest, hierher an diesen Sarg!
О schau'! da liegt des Volks verfaulter Götze!
Auch du ertheiltest gern dem Staat Gesetze,
Und lenktest Heere hier, Senate dort;
Dich letzt nicht Mord, allein Gewalt zu Mord!
Wohlап, dich sporn', о Jüngling, sein Exempel!
Erklimm' auf Leichnamen des Nachruhm's Tempel!
Was Hölle? Höll' ist Wahn! Und Zukunft Spott!
Dem Teufel weih' dein Herz, die Lippe Gott!
Sey gross, wie er, auf deiner Rednerbühne,
Und stirb, wie er — dann auf der Guillotine!

„Ruhm? Nachwelt?“ ruft der schwelgerische Veit,
Und lacht. „Genießt, genießt der Jugendzeit!
Mit jedem Tummler Wein sind wir dem Grabe näher;
Was trennt das Bett' vom Sarg? — Es steht ein Stockwerk höher.
Wo ist der Kerzensaal, der schimmernde Palast,
Der in der Tiefe nicht Gebein und Moder faßt? {113}

Uns blinkt kein Chierwein, sind wir in's Grab versunken;
Uns tönt kein Becherklang. — Wie schnell erlischt ein Funken,
Wie bald verhallt ein Ton, verweht ein Hauch!
So, Seelchen, so zerflatterst du einst auch!
Ihr armen Brüder, friert, verzweifelt, jammert immer
Vor seiner Thür! Er praßt! — Es schweigt das Angstgewimmer
Nothleidender vor dem Trompetenschall
Und Paukenschlag im bunten Maskenball.
So übertäuben sich Tyrannen durch Karthaunen,
Und wilden Trommelschlag, und schmetternde Posaunen,
Wann leichenvoll das Feld im Menschenblute schwimmt,
Daß nicht der Sterbenden Geächz' ihr Ohr vernimmt —
Doch wann in morscher Brust nun Veit Verwesung wittert:
Ha! wie der Weichling dann erbleicht, ha! wie er zittert.
Geschwind ein Arzt! „Mein Herr, mir brennt der Kopf, auch geht
Mein Puls so rasch." — „Herr Veit, nur Ruhe und Diät!" {114}

Veit folgt den ersten Tag, und bleibt daheim im Zimmer.
Schon leiser schlägt der Puls; das Kopfweh wird nicht schlimmer.
Den dritten Abend wagt er sich schon wieder aus,
Und leert vier Porterkrüg' auf einem Austernschmaus.
Der Arzt erscheint. — „Wie geht's, Herr Veit? Schon etwas besser?"
„O ganz !" — „Hm! hm! sehr blass!" — „Ey, Herr, Sie sind viel blässer !"
„Ich bitte, nehmen Sie fein sorgsam Ihrer wahr!
Kein hitziges Getränk!“ … „Pah! Pah! Warum nicht gar!“ —
„Die Haut wird klar und schwillt, die Säfte sind verdorben.“ —
„Herr, krittelt nicht so viel! Mein Mentor ist gestorben;
Ihr woll't es doch nicht seyn?“ — „Da steht ja noch der Trank“
„Der Teufel trinkt' das Zeug!“ — „Sie müssen!“ — „Grossen Dank!
Johann, bestell‘ beim Koch in Wein gesottne Hühner!“ —
„Herr Veit, so bin ich hier nichts nütz! — Ergebner Diener!“ {115}

— Und plötzlich überschleicht am Marmortisch
Ein Schauer Veit; sein Mund zuckt gichterisch,
Und zähneknirschend stürzt er auf die Polsterküssen;
Der Faust entsinkt der Kelch, dem Mund der Leckerbissen;
Die Folg' erräth sich leicht. — Ein prächtger Leichenzug
Und Fackeln! Armer Veit! ach! unbedauert trug
Man gestern deinen Sarg ins düstre Reich der Schatten.
„'S ist Schad'!" „Um wen? Um Veit !" „Nein, um die Silberplatten."
So riefen Alt und Jung. — Doch schluchzt im Trauerkleid
Ein Neffe unverstellt. — Er erbte nichts von Veit.

J. D. Falk