Johannes Falk‘s
auserlesene Werke.
(alt und neu.)

In drey Theilen.

Dritter Theil,
oder
Narrenbüchlein

Leipzig:
F. A. Brockhaus.
1819

Inhalt.
Die Prinzessin mit dem Zauberrüssel. - 1

Unser Herr und der Schmidt von Apolda,
Eine alte Thüringische Volkssage. - 81

Der Schmidt vor der Himmelspforte.
Nachspiel zum Schmidt von Apolda. - 131

Die lustigen Historien von der Gimpelinsel, meinem Aufenthalt im Mond, so wie vor Gimpel dem Hundert und Fünf und Funfzigsten, der daselbst noch vor kurzem regiert hat. - 157 {VI}

Worte der Warnung vor dem Sturm des 14. Octobers 1806. Gesprochen von Johannes in der Wüste.

Die Wiederkunft der Griechen und Römer
1805. - 211

Siebzehnhundert Eins und Achtzehnhundert Eins. Eine Zeitparallele. - 229

Die Helden. Ein satyrisches Gedicht. Halle 1798. - 247

Ueber die Systemsucht der Deutschen. Den 28. Decemb. 1803. - 271

Nelsons Tod und Ankunft in Elysium. Den 2. Januar 1806. - 277

Nelsons Matrosen. Den 8. Januar 1806. - 281

Etwas über die vielen Neujahrsgeschenke für Kinder in Deutschland. Auf das Jahr 1806. - 285

Ob es in der Politik auch Gletscher gibt?
Den 12 Januar 1818. - 288 {VII}

Trost eines teutschen Humoristen beym Untergang alter Formen. Den 15. Januar 1806. - 291

Verdienst und Adel. Febr. 1806. - 295

Doctor Martin Luther, von Werner, auf dem Berliner Nationaltheater. Geschrieben im August 1806. - 297

Zuruf an die teutschen Künstler. Den 27. August 1806. - 301

Der Jüngling und sein Zeitalter. Sonntag den 7. Sept. 1806. - 303

Das welsche Vöglein. - 304

Palms Hinrichtung. Ein Wort an meine nordisch-teutschen Mitbürger. Gesprochen den 4. Octbr. 1806. - 305

Der nordische Bund. An Friedrich Wilhelm III. Den 17. Septbr. 1806. - 308

Gespräch im Reich der Todten, zwischen Keith, Schwerin, Winterfeld, Ziethen und Friedrich dem Großen. Sonntag den 21. Septbr. 1806. - 312 {VIII}

Abschied von Ettersburg den 8. October 1806. - 317

Geist von Elysium und Tartarus. - 319

Die Schlacht bey Jena. Pendant zu den Helden 1806 den 17 Octbr. - 322

Preußens Klage und Triumph über die verlorne Victoria 1812. - 325

Das Lützowsche Chor im Lindengange zu Weimar im Jahr 1813. - 328

Napoleon, die Sirenen und die Parzen.
Der Europäischen Schidsalstragóbie erster Theil. 1811 . - 330 {1}

I.
Die Prinzessin
mit dem Zauberrüssel.

Personen.
König von Schmarkand.
Dessen Prinzeß.
Sein Seneschall.
Ihre Kammerfrau.
Prinz von Kaschemier, Titularhirt.
Zweiter wirklicher Hirt.
Berggeister.
Soldaten.Volk.

(Die Scene spielt in und vor Schmarkand, der königlichen Hauptstadt.) {3}

Erster Aufzug.

Erster Auftritt.
(Wildniß in Bergen. Vorn ein Quell. Hinten ein Fluß. Titularhirt, der sich, als solcher, an einen Baum lehnt.)

Titularhirt.
Da treib' ich nun, wie in Gottes Wort
Der verlorne Sohn, die Heerd' in die Furth:
Wer sucht in dieser Verkleidung hier
Wol einen Prinzen von Kaschemier?
Den Trost, die Hoffnung der Provinzen,
Und noch dazu einen Erbprinzen? –
O schönste Prinzessin von Schmarkand,
Die mich versetzt in solchen Zustand.
Du grausam-schöneste Prinzessin:
Wer mag deine Sprödigkeit ermessen?
Deines Leibes Wuchs, deiner Augen Licht:
Die Tage der Welt vergeß‘ ichs nicht! {4}

Gern küßt' ich von deinen Füßen den Staub,
Hold'ste Prinzessin; allein ich glaub',
Du hast gar keinen an deinem Schuh:
Gott verzeih', wenn ich dir Unrecht thu'!
Wenn Sonntags, im schönen Kirchenstaat
Dein Fuß einher am Kirchweg trat:
Juden und Christen das Kreuz anbeten
Von seiner Demantschnalle thäten,
Und lobten Gott mit voller Andacht,
Daß er solch schöne Prinzessin gemacht.
Nur mir, einem Prinzen von altem Stamm,
Erwiesest du dich von je so grausam,
Daß ich zuletzt, aus Lieb'sverdruß,
Dahier die Heerden hüten muß: –
Doch still – mich dünkt, mein Kamerad,
Der eben zurück kömmt aus der Stadt –
Kein fürnehmb Mann, arm und gering;
Dabey stets fröhlich und guter Ding'. {5}

Zweiter Auftritt.
(Titularhirt tritt zurück. Wirklicher Hirt erscheint im Vorgrund.)

Wirklicher Hirt.
Den preis' ich glücklich, der die Stadt
Jetzt, so wie ich, im Rücken hat;
Ich leb' so recht, von Herzensgrund,
Zufrieden hier, mit Heerd und Hund;
Auch geht kein größres Glück mir ein,
Als im Gebirg’ ein Hirt zu seyn!
Mich hätte, scheint's, der liebe Gott
Als Berg‘ er schuf, gefragt:
„Hirt! willst Du ihn so sonnenroth,"
Und ich hätt' ihm gesagt:
Ja, Dank dir, lieber Herre mein:
So will ich es, so muß es seyn!

Titularhirt (der ihn antritt.)
Gott grüß dich, mein lieber Kamerad,
Was bringst du uns Neues aus der Stadt? {6}

Wirklicher Hirt.
(ihm ebenfalls Gruß und Handschlag bietend.)
Kamerad, nun müssen wir insgeheim
Bald tiefer in das Land hinein,
Weil grausam große Kriegesnoth
Dies Reich und dieses Land bedroht.

Titularhirt.
Was bringst du da für neue Mähr'?
Das ist ja seltsam und unerhört!

Wirklicher Hirt.
Seltsam, Kamerad, ja wol, ja wol:
Nun nimmt uns das Unglück in die Schul':
Ist da ein Prinz von hohem Stand;
Der hat sich beworben um die Hand
Unsrer Königlichen Prinzessin von Schmarkand:
Mein Seel', die wunderschönste Prinzessin,
Die je Wein und Zwieback gegessen;
Aber vor Hochmuth und Hoffarth,
Ein Herz – wie ein Kieselstein, so hart!
Schon viele Freyer, sollt ihr wissen,
Haben bereits in's Gras gebissen,
Diesem grausamen Schönheitsdrachen
Lust, Plaisir, und Kurzweil zu machen: {7}

Zwey Prinzen fielen in ihren Degen,
's kam ihrem Herrn Vetter sehr ungelegen –
Charmante, hoffnungsvolle Kinder –
Aber was half's? – Noch vorigen Winter
Wurden zwey regierende Kaiser
Plötzlich, bey einem Nachtständchen, heiser;
Einer fiel um – und blieb in der Ohnmacht.
Der Hofpoet gar hat sich umgebracht:
Machte, durch einen Pistolenschuß
Seines Lebens Punktum und Beschluß;
Und Ritter haben sich aufgehangen,
Daß der Hanf zu Stricken ist ausgegangen;
Ja sich ersäuft, mit Schild und Helm.
Nun – dieser letzt‘ und ärmste Schelm,
Der nun auch zu seinen Vätern versammelt;
Und, Gott weiß, an welchem Baume bammelt;
Es war ein Prinz – doch nicht von hier,
Ich glaub’, er war von Kaschemier,
Und seines Herren Vaters einz'ger Sohn –
Nun kennt ihr sein Verdienst auch schon.
Da hat sie der Sprödigkeit Teufel geplagt,
Daß sie ihm über Tafel gesagt:
„Daß sie weit lieber einen Hirten,
Als einen Prinzen von Kaschemier nehmen würde!“
Das konnte sie denken – 's thät nichts verschlagen;
Aber wer hieß sie so laut ihr sagen? {8}

Denn, wie sie's gesagt, hört, was geschieht! –
Der Prinz, ein Prinz von hohem Geblüth,
Zieht sich die Schmach gar sehr zu Gemüth,
Ihm zugefügt vor allen Hofleuten:
Sein Pferd gesattelt – thut er fortreiten
Noch denselbigen Nachmittag,
Und soll wiederkommen, bis auf diesen Tag.

Titularhirt.
Wie hängt dies aber mit Kriegesnoth
Und Krieg zusammen?

Wirklicher Hirt.
Sapperloth!
Hört, Kamerad, ihr fragt manierlich;
Das, dächt' ich, wär' doch sehr natürlich!
Der Prinz, ein Prinz  von hohem Geblüt,
Der so in die Welt zum Kukuk ritt,
War seines Herrn Vaters einz’ge Freude,
Und der griesgramt nun, wie ein Heide;
Macht ein starkes Aufgebot,
Von hunderttausend Kommißbrot,
Millionen Bomben und Schießscharten,
Muskedonnern und Hellebarten;
Auch funfzigtausend Landsknechten,
Damit sie solchen Unglimpf rächten, {9}

Der zugefügt ist seinem Stamm.
Rings schlägt nun auf die Kriegesflamm';
Aller Ecken und aller Ende
Befiehlt man Gott sich in die Hände; –
Denn die Kerls, rauch', roh' und wilde Schnurrbärte;
Reiter zu Fuß, Trabanten zu Pferde, –
Die hau'n, stechen und schlagen drein –
's soll ein wahres Erbarmen seyn!
Verschonen weder den Schinken im Schornstein,
Noch im Stall das junge Schwein:
So daß, wenn sie noch weiter marschirten,
Wir wohlthäten, wenn wir uns retirirten.

Titularhirt.
Ach Gott, was doch für Unglück stift't
Die Lieb' auf Erden und ihr Gift!
Da ist ein Krieg nun ausgebrochen,
Der dauert wol wie viel Jahr' und Wochen,
Und das durch einer Prinzessin Schuld.
Glücklich, wer fühlt sein Herz in Unschuld!

Wirklicher Hirt.
Ei, ei, Kamerad, daß ich euch frag',
Was führt ihr denn da für Liebesklag'?
Seyd auch in der Liebe schlecht bestellt.
O ihr arm und berückter Gesell! {10}

Hört, Kamerad, folgt meinem Beispiel,
Seht, ich mach' mir aus der Liebe nicht so viel!
Einst – litt ich auch von Liebespein:
Nun hüt' ich die Heerden, groß und klein.
In euch aber – soll uns Gott behüten,
Da thut's noch schrecklich rumoren und wüthen,
Und darum, nichts für ungut,
Taugt ihr auch schlecht im Gebirge zur Hut;
Doch trag' ich gern mit euch Geduld,
Weiß wohl, 's ist nicht des Menschen Schuld!
(pfeift.)
Pst! Tiras, pst! die Heerd' aus der Saat!
Hab‘ mit den Nachbarn so meine Noth.
(wirft darnach)
Das liebe Vieh, da ist kein Mittel,
Man legt sich drunter mit seinem Knittel
Den lieben ganzen langen Tag –
Nun treiben wir ein, 's ist unter Mittag.

Titularhirt.
Geht nur voraus, ich komm' bald nach!

Wirklicher Hirt.
Schon wieder bleibt ihr da hauß‘ im Feld!
Und wißt ihr, daß mir das nicht gefällt?
Es bringt kein Gut's, daß man in die Länge
So in den Bergen seinem Leid nachhänge. {11}

(indem er sein Horn überhängt.)
Doch will ich euch nicht beschwerlich seyn.
Komm, Tiras! (zur Heerde) kommt, in‘s Dorf hinein!
(ab.)

Dritter Auftritt.

Titularhirt,
(der zurücktritt, und sich auf's Neue an einen Baum lehnt.)
Nur ein gemeiner armer Hirt,
Doch werth, daß ihn der Purpur ziert!
Selbst dazu ist er zu beschränkt,
Daß er durch Fragen viel mich kränkt.
Doch hat er Recht, der Kriegsschauplatz
Vertreibt uns jetzt von diesem Platz,
Wo meines Herrn Vaters Soldaten
Mich würden seinem Zorn verrathen. –
Fahr hin jetzt Krieg und Kriegesnoth,
Ich will nun essen Mittagsbrot;
Fahr hin, du grausame Prinzessin!
Ich will nun ruhig Erdbeern essen.
So wie ich's jeden Mittag pflege,
Indem ich an den Quell mich lege. –
(lagert sich.) {12}

(Indem er sich einige Erdbeeren in eine Schüssel sammlet und davon kostet)
– So saftig schön hat diese Frucht
Wol lange nicht mein Mund versucht.
Mit sonnenrothen, frischen Erdbeern
Will Gott der Herr den Hirten ernähr'n. –
– Sieh da, ein muntres Waldvöglein
Will auch mein Gast zu Mittag seyn. –
(Nachdem er sich daran gesättigt, wird er von ungefähr sein Bild in dem unten laufenden Fluß gewahr – mit dem heftigsten Erschrecken.)
Gott, welch ein plötzlicher Verdruß,
Was für ein Bild in diesem Fluß?
Das kann ja mein Portrait nicht seyn,
Das ist kein Prinz! Nein! Nein! Nein! Nein!
Wie tückisch meine Augen blinzen!
O unglückseligster der Prinzen,
Verwünscht die lockend rothe Frucht!
O daß mein Mund sie je versucht!
Verwünscht, verwünscht die Erdbeerschüssel!
Sie gab mir einen Zauberrüssel!
(springt auf).
Was thu' ich? Lauf‘ ich in solchem Zustand
Zurück in’s Dorf? oder nach Schmarkand? –
Damit die Nachbarn dort in Haufen
Zu Fenstern und zu Thüren laufen? {13}

Nein, nein, ich end' all' meine Noth
In diesem Fluß – so bin ich todt!
(will in den Fluß springen.)

Berggeister.
Prinz, der gelehrte Jud' Elsasser
Schreibt, „keine Brücken hätt' das Wasser:“
Das merkt euch, Prinz, mein lieber Sohn,
Und seyd kein Thor und bleibt davon!

Titularhirt (der innehält.)
Wer spricht?

Berggeister,
Bedenkt, daß Sonntag,
Montag, Mittwoch, Donnerstag,
Ja selbst Freitag und Sonnabend ein Tag
Ist, wo ein Prinz ertrinken mag!

Titularhirt.
Wahr und vernünftig find‘ ich solch ein Wort gesprochen:
Zu sterben hat das Jahr ja zwei und funfzig Wochen:
Nie fehlt, an einem Tag, ein Fluß, uns zu ertränken;
Nie fehlt, an einem Tag, ein Baum, uns zu erhenken. {14}

Berggeister.
Und folglich – allzurasch, mein Prinz, ist eu'r Entschluß:
So wascht doch euer Aug' erst hell in diesem Fluß!

Titularhirt.
Ich bin ein Erbprinz – Kron' und Reich steht zu verlieren,
Waschmittel gibt's genug; man kann auch dieß probiren!
(wäscht sich.)
Was seh' ich? Götter habet Dank!
Ihr rettet mich vom Untergang!
Mein Haupt ist seines Zierrath's leer,
Ich bin ein Prinz, so wie vorher;
Sing‘ Echo, sing‘ im Thale Lieder:
Ich habe meine Nase wieder!
Erzählt, ihr Felsen, es dem Hain!
Ich werd ihm stets erkenntlich seyn.

Berggeister.
Euer Königliche Hoheit,
Sehr gerührt von Dero Dankbarkeit,
Wir dahier Berg, Thal und Fluß:
Wollen jedoch, zum Ueberfluß
Von Dero schönem, poet'schen Erguß,
Uns die Ehr' ein andermal erbitten,
Wenn Zeit und Umständ' es mehr erlitten. – {15}

Jetzt geht, mein Prinz! 's ist hohe Zeit:
Rächt der Prinzessin Sprödigkeit,
Und bringt auf einer Erdbeerschüssel,
Ihr gleichfalls einen Zauberrüssel!

Titularhirt.
Wie, Götter? Ob ich recht verstand?
Die königliche Prinzessin von Schmarkand,
Ihr gebt sie rächend so in meine Hand?

Berggeister.
Fest steht des Schicksals strenger Schluß:
Ein Hirt den Prinzen rächen muß.

Titularhirt.
Wohlan, so leg' ich hier in’s Korn,
Indeß mein frommes Hirtenhorn.

Berggeister.
Doch bald wird Fama daselbst es finden,
Und alle Welt damit verkünden,
Prinz und Prinzessin, euern Namen,
Und alle Berggeister sprechen Amen!
(Titularhirt macht sich mit einer Schüssel Erdbeeren schleunig auf den Weg.) {16}

Vierter Auftritt.
(Königlicher Palast zu Schmarkand.)

Der König. Die Prinzessin.

König.
Prinzeß, ihr habt groß Ungemach,
Schaden und Herzeleid gebracht,
So wohl dem Königreich Schmarkand.
Als Euerm Vater: das ist bekannt!

Prinzeß.
‘S ist wahr, Ew. Liebden, daß wir einmal,
In einer bösen Laune Anfall,
Gesagt: „daß wir eher einen Hirten,
Als 'n Prinzen von Kaschemier, nehmen würden."
Ein Ausdruck, deß wir uns jetzt schämen:
Aber wer hieß ihn so hoch ihn nehmen?
Ist in der Hofetikett' ein Verstoß
Denn unter Verliebten eben so groß
Und unabbittlich schwer zu achten,
Wie ein Verstoß in der Politik?
Und nimmt er, wie dieser nur, mit Schlachten,
Und hunderttausend Mann sich zurück?
Fürwahr, die Art ist neu, ein Weiberherz zu rühren.
Schlägt alles fehl: – so gibt man Order zu marschiren: {17}

Kömmt ein verliebter Prinz nicht, wie er wünscht, zum Ziel,
So hilft er sich, und macht – ein Regiment mobil.
Was stilles Liebesflehn und Seufzer nicht erlangen,
Bewirkt der Krieg, sobald Trompet' und Trommel klangen:
Zweitausend Mann zu Pferd, zweitausend Mann zu Fuß –
Die bringen freilich wol bald den Roman zum Schluß! – –
Indeß, wenn dem so ist, so muß man die Visiten
Von allen Prinzen ernst in Zukunft sich verbitten!

König.
Du nimmst die Sache leicht, Du wendest sie zum Scherz;
Doch eine Seite, Kind, macht bluten mir das Herz:
O sie ist ernst – sehr ernst – Prinzessin, das gesteht!
Seine Königliche Majestät.
Mein Herr Bruder von Kaschemier,
Stehen mit Dero Hauptquartier
Nur drei Meilen entfernt von hier.
Eingefallen in mein Land,
In das schöne, heerdenreiche Schmarkand,
Verwüsten sie meine schönsten Provinzen,
Und reklamiren Dero Erbprinzen. {18}

Prinzeß.
Ich bitte Sie – von wem kann er zurück ihn fodern?
Von Ihnen – oder Mir? – Will er von Zorn entlodern,
Daß Seine Majestät, der König von Schmarkand,
Der mit dem kleinen Bär, mit Sonn' und Mond verwandt,
Wann eines Prinzen Kopf Lieb' oder Wein verrückte,
Darüber Knall und Fall verfaßte Reichsedikte?
Will er, daß ich zum Dank für treuer Liebe Zoll,
Nachlaufen, wer mich liebt, auf Weg' und Stege soll?
Und daß die Leidenschaft ja Niemand bring' zu Schaden,
Jedweden Brunnen schließ', jedweden Kram und Laden,
Ausschöpfe jeglichen Kanal und Quell und Fluß?
Auskaufend jeglichen Pistol- und Flintenschuß?
Fürwahr, da wäre mir, wie ich gestehen muß,
Die Lieb' ja eine Art von Höllenstraf' im Dante!
Nein, Prinz, sucht anderwärts Euch eine Gouvernante!
Wir fühlen nicht Beruf, die Eurige zu seyn.

König.
Doch war er gut, der Prinz –

Prinzeß.
Dies räumt man willig ein.
Er war ein Mann; das heißt, zuweilen unerträglich; {19}

Doch sonst ein gutes Kind. Wir sahen uns fast täglich.
Nur neulich noch vermißt' ich ihn erst Morgens früh;
Es regnete: – er trug mir stets den Paraplui;
Doch daß er jetzt den Schwur, den er uns einst geleistet,
Kühn zu verletzen wagt, und sich zu Krieg erdreistet,
Dies –

König.
Wie, Prinzeß? Ihr glaubt ihn auch im Einverstand
Mit seinem Vater? – O mir hat es längst geahnt!

Prinzeß.
Und diese Ahndung ist Gewißheit mir, mein Vater!
Verkleidet steht der Prinz selbst auf dem Kriegstheater:
Ihr stutzt – Ihr wundert Euch? – Je nun, Sire, man versucht,
Was roher Trotz vermag, wo Güte nichts gefrucht‘t. –
Der Übermüthige! So glaubt er uns zu zwingen.
Allein, Geduld, mein Prinz, es wird Euch nicht gelingen;
Bis dahin gibt es wohl noch manches Wann und Wie.
Das vierte Regiment, die fünfte Kompagnie,
Und unsre Heerschaar kann wol eine Schlacht verlieren:
Doch daraus folgt noch nicht – daß wir kapituliren. – {20}

Im selben Augenblick, wo man das Thor Euch zu
Eröffnen eilen wird – schließ' ich das Herz Euch zu:
Und wollt Ihr Sieger seyn, so müßt mit andern Waffen,
Prinz, kniend müßt ihr Euch bey uns den Sieg verschaffen! –
Gestehn Ew. Majestät! kein König von Schmarkand
War gegen seine Braut noch je so ungalant.
Ich nehme Sie, Papa, Sie selbst nehm' ich zum Zeugen:
Sie waren auch verliebt – Sie lächeln – doch Sie schweigen.

König.
Prinzessin, stände sonst nur Alles, wie es soll:
Wären die Magazine nur voll,
Und fehlt‘ es der Armee – dies bringt mich oft zu Thränen –
Nur nicht an Ränzeln, Scherwenzeln und Schnapphähnen.
Zwar funfzehntausend Stück Monturen sind gemacht;
So sind wir ernstlich auf Soldaten auch bedacht,
Die zu den fertigen Monturen möglichst passen;
Deßhalb wir auch bereits im Lande werben lassen: –
Aber ohn' ein tüchtiges Handgeld –
– Denn umsonst ist der Tod in der Welt –
Will von den Halunken keiner sterben,
Und das ist eben unser Verderben! {21}

Denn wie uns berichtet der Seneschall,
Sind unsre Finanzen im völl'gen Verfall:
Ein großes Loch ist in den Beutel – Gott mag wissen,
Von unserm Staat, woher, seit kurzem, eingerissen,
Und noch ein größers – in der Finanziers Gewissen –
Doch still! die Kammerfrau. Wen sucht sie im Palast?

Fünfter Auftritt.

Die Vorigen. Die Kammerfrau (mit einer verdeckten Schüssel.)
Durchlauchtige Prinzeß!

Prinzeß.
Mich? Sage, was du hast?

Kammerfrau.
Da draußen steht ein Mann vor unsers Palastes Pforten:
Der bringt Euch dies Geschenk, mit höflichschönen Worten.
Er will kein Gut dafür, er will dafür kein Gold,
Ist der Prinzessin nur die Gabe lieb und hold. {22}

König.
(indem er die Schüssel aufdeckt.)
Um diese Jahrzeit – gar Erdbeeren? – Unerhört!

Prinzeß.
Sire, meine Lieblingsfrucht!

König.
Ein köstliches Dessert!

Prinzeß.
Wo ist der Mann, daß wir's in Gnaden ihm gedenken?
Kommt, Kammerfrau, damit wir reichlich ihn beschenken!
(Prinzeß mit der Kammerfrau ab. Unter der Thür begegnet ihnen der Seneschall, der eben eintritt.)

Sechster Auftritt.

Der König und der Seneschall.

König (ihm entgegen).
Sieh' da, mein treuster Kronvasall!
Setzt Euch, mein lieber Seneschall, {23}

Und unterrichtet uns im Ganzen
Von unsers lieben Reichs Finanzen!

Seneschall (kniend).
Allergroßmächtigster, gnädigster,
Königlicher Gebieter und Herr!
Unbeschränktester Dispositair
Von allem Silber und allem Gold,
Welches Ophir und Peru zollt,
Von allen Perlen am Meeresstrand,
Reichste Demantgrube von Schmarkand,
Dessen Schätz‘ unzählig, wie Sand!
Hochgebietendster Eigenthümer
Aller König- und Fürstenthümer,
Inhaber aller vier Reiche der Welt! –
Wir haben keinen Pfennig – baar Geld.

König (ihn aufrichtend).
Schlimm – aber verlieren wir nicht die Fassung! –
Und wie ist der sieben Armeen Verfassung,
Die wir in unsere sieben Provinzen
Vertheilt, unter unsere sieben Prinzen?

Seneschall (kniend).
König der Könige, Herr aller Herr’n,
Erlauchter Vetter vom großen Bär'n, {24}

Der du uns bist an Gottes Statt,
Der du einen Tag und zwey Monat
Aelter bist, als der Stern Scheath,
Der du, wie das Siebengestirn sieben Strahlen,
Sieben Prinzen hast – (leiser) die Niemand bezahlen!
Deine Armeen und sieben Prinzen dazu
Haben weder Strümpfe noch Schuh.

König.
Auch diesem herben Unglücksstoß
Biet' ich die Brust, o Schicksal, bloß:
(ihn aufrichtend.)
Wohlan, mein treuer Seneschall,
Verhehlt uns nichts! Sagt, auf den Fall,
Daß wir noch eine Schlacht verlieren,
Was hätten wir wohl zu riskiren?

Seneschall (kniend).
Höchstes Kleinod des Orients,
Kostbarste Perl des Occidents,
Dem, um am Himmel als Perlenschnur
Zu hängen, weiter nichts fehlt – als die Schnur!
Der Feind des Königs von Schmarkand
Ist so erbittert und so entbrannt,
Daß, kriegt er uns – ich mag nicht dran denken –
So läßt er gewiß uns alle henken. {25}

König.
Wohlan, es komme wie es wolle,
Als König end' ich meine Rolle.
Ja unerbittlich setzt das Fatum
Jedwedem Erdenglück sein Datum. –
Jetzt geh' ich in mein Kabinet,
Und leg' ein wenig mich zu Bett;
Denn alldieweil und sintemal,
Mein lieber getreuer Seneschall,
Der Staat verwickelt in große Gefahren,
So soll, wie unsre erlauchten Vorfahren,
Uns auch anjetzt der Krieg nicht erschrecken.
Ist die Schlacht vorbey, so könnt ihr mich wecken.
(König ab.)

Siebenter Auftritt.

Seneschall.
(der ihm mit stummen Erstaunen nachblickt und endlich voll Pathos in die Worte ausbricht:)
Wie? Schlafen? – Schlafen jetzt? Ist dies ein Augenblick,
Nun auf der Wagschal' liegt des ganzen Reich's Geschick? {26}

Sieh, Fußvolk – Reiterey – Staubwolken – Schwerter blinken;
Ihr gähnt und streckt Euch, von der Rechten zu der Linken.
Horch! Unaufhaltsam tobt lautrasend das Gefecht;
Ihr legt zum Schlafen Euch indeß den Pfühl zurecht: –
Mich dünkt, mich dünkt, der Hahn, nach dieses Tag's Beschlusse,
Weckt singend Euch nicht mehr mit seinem Morgengruße.
Still Fliegen, still im Schloß! summt nicht, und habt Respekt,
Damit Er schläft – fortschläft, bis einst der Tod ihn weckt! –
Doch horch! – Was für ein Lärm füllt des Palastes Hallen?
Die Kammerfrau? Was gibts? Gott! was ist vorgefallen?

Achter Auftritt.

Der Seneschall. Die Kammerfrau (welche athemlos und mit zerstreuten Haaren in den Saal stürzt.)

Kammerfrau.
O unerhörte That! O Noth! o Unglücksstern!
Wo such', wo find' ich ihn, den König, meinen Herrn? {27}

Seneschall.
Was habt Ihr, Kammerfrau? Ihr schreyt ja sonst nicht so?

Kammerfrau.
O unglückseligste Prinzeß. o Jammer, o!

Seneschall.
Ich bitt' Euch Kammerfrau, der König schläft, sprecht sacht!

Kammerfrau.
Ruft laut, Ihr Donner ruft's, bis er vom Schlaf erwacht!

Seneschall.
Den Donner, Kammerfrau, den können wir ersparen;
Ihr braucht crescendo so nur immer fortzufahren.

Kammerfrau.
O unerhört, daß so ein armer Hirt sich rächt!

Seneschall.
Noch unerhörter, daß Ihr wie Kassandra sprecht!
Ich bitt‘ Euch, Kammerfrau, erzählt mit mehr Methode;
Sonst sterb' ich vor dem Schluß der ersten Periode. {28}

Schon fühl ich, wie der Schmerz sich nadelspitzen scharf
Von Fußball mir und Zeh' zu Kopf und Rückgrat warf!

Kammerfrau.
O mein liebwerthester, ehrsamer Herr Seneschall!
Mag immer sich der Schmerz, wohin er will, Euch werfen;
Denn Niemand kann ja was für Eure schwachen Nerven –
'Sist der unerhörteste, der größte Unglücksfall: –
Ich – Ihr – der ganze Hof – der hohe Principal –
Wir leiden allesammt, glaubts, unter dem Scandal.

Seneschall.
Das sind ja lästerlich verwegne Redensarten!
Das ist ein falsches Spiel; wer mischt dazu die Karten?

Kammerfrau.
Der Hirt ist Schuld daran, die Fee, die her ihn führte,
Der eine Schüssel uns voll Erdbeer'n präsentirte;
Denn kaum daß die Prinzeß ein Paar davon versucht:
So kriegt sie – o verwünscht sey diese Zauberfrucht!

Seneschall.
Was kriegt sie denn? {29}

Kammerfrau.
Sie kriegt – ich kann es nicht vollenden –
Ich decke lieber mein Gesicht mit beiden Händen.

Seneschall.
(mit Gravität und Anstand.)
Ich will doch hoffen, das hier Zucht' und Ehrbarkeit
Verletzt nicht etwa ward?

Kammerfrau.
Da seyd Ihr links und weit!

Seneschall.
(unwillig und halb ärgerlich.)
Zum Teufel! was ist's denn? Was bracht‘ uns diese Schüssel?
Es muß nichts Kleines seyn. Was ist's?

Kammerfrau.
Ein großer Rüssel!

Seneschall.
En vérité?

Kammerfrau,
Was man nur einen Rüssel nennt. {30}

Seneschall.
(der mit starken Schritten auf und abgeht, und indem er zwischen die Finger bläst.)
Das ist ein Vorfall, das! O heil’ges Feu'r des Zend!
Vor Alterazion wird mich der Schlag gleich rühren:
Hier gibt's 'ne Leich', und die werd' ich repräsentiren.
Entseelt, begraben, todt ist Euer Seneschall.
Da habt Ihr Recht: das bringt dem ganzen Hof Scandal!
Doch faßt Euch, Kammerfrau, Ihr seyd noch in Ecktase:
Es war vielleicht auch nur 'ne Art – von langer Nase?

Kammerfrau.
Ich hab‘ ein Aug‘ im Kopf,  das keine Brillen braucht.
Ein Rüssel ist's; da vorn, hier sitzt er der Durchlaucht.
Ich werd' am Ende, was ein Rüssel ist, doch kennen!

Seneschall.
Nun nun. Ihr dürft darum nicht gleich vor Zorn entbrennen,
Man glaubt Euch ja zuletzt, herzliebste Kammerfrau!
Nur meldet alles mir umständlich und genau!
Doch still! Es ist mir so, als knarrt die Kammerpforte.
Der König kömmt – gewiß vernahm er Eure Worte. {31}

Neunter Auftritt.

Die Vorigen. Der König, (verdrüßlich, wie Jemand, der im ersten Schlafe gestört ist.)

König.
Was für ein Lärm wird vor dem Kabinet geführt?
Was ist es, daß man so im Schlaf mich allarmirt?

Kammerfrau.
Vernimm!

Seneschall.
Du weißt nicht, Herr –

König
(aufgebracht.)
Wer darf sich kühn erfrechen,
Vor mir, der Alles weiß, ein solches Wort zu sprechen?

Seneschall.
(Plötzlich in seinen alten Ton von Devozion und Unterwürfigkeit wieder zurückfallend und kniend.)
Ja dreimal Lob und Preis
Dem großen Schach, der Alles weiß {32}

Und kennt, und sieht und hört! Er weiß,
Wie viel Städte der Erdkreis, –
Wie viel Körner ein Stengel Reis,
Wie viel Hörner die muntre Gais,
Wie viel Eier die schwarze Ameis,
Wie viel Zellen der Bienen Fleiß,
Dies Alles der große Schach Nurwischhan weiß. –
Nur Eins wird unbekannt ihm seyn: –
Daß seine Prinzessin Tochter – – Nein.

König.
Was hör' ich? Wache, He! Ergreift den Reichsverräther!

Kammerfrau. (knieend.)
Halt ein, o mäß’ge Dich, unglücklichster der Väter!
Vernimm, die Wahrheit hat verkündet Dir sein Mund!

König.
(Nach einer Pause des tiefsten und schmerzhaftesten Nachdenkens.)
Weich‘ aus den Angeln denn, du altes Erdenrund!
Sonn', ich bin deiner müd': o Mond, hör' auf zu scheinen!
Die Wahrheit sagt Ihr? Gott!

Kammerfrau.
O könnt' ich's nur verneinen! {33}

König.
Und wer erkühnte sich so schnöder Zauberthat?

Kammerfrau.
Ein armer Hirt, o Herr, der vorhin kam zur Stadt.
Er brachte der Prinzeß die Frucht auf einer Schüssel,
Und da sie davon aß, bekam sie – einen Rüssel.

König.
Wo ist das Unglückskind?

Kammerfrau.
Sie promenirt im Garten:
Und bittet um Erlaub dem König aufzuwarten.

König.
Weiß sie ihr Unglück?

Kammerfrau.
Nein, noch ist's ihr nicht bekannt.

König.
Wie ging das zu?

Kammerfrau.
Sire, weil sich Niemand fand {34}

Von aller Dienerschaft, die treu devot ihr diente,
Der solches der Prinzeß zu sagen sich erkühnte;
So sehr zuwider lief es dem Respekt!
Wir flohn sogleich, als wir den Rüssel nur entdeckt.

König.
So führt sie her!

Kammerfrau.
Schon hör' ich auf der Treppe,
Sire, das Geräusch von ihrer Atlasschleppe.

König.
Kömmt die Prinzessin?

Kammerfrau.
Ja, sie folgt mir auf dem Fuß.

König.
Ein Zeichen, daß ich mich sofort entfernen muß.

Seneschall.
Sire, Ihr verlaßt uns in dem kritischsten Monmente?
Wer wäre sonst, als Ihr, der ihr es sagen könnte?

König
(der vertraulich auf ihn zutritt.)
Ihr seyd's, mein treuster Kronvasall!
Ja, mein geliebter Seneschall, {35}

Ihr habt so'ne gute Art; Ihr wißt in allen Dingen,
Das Allerschlimmste selbst noch glimpflich beizubringen.
Von Weisheitsprüchen fließt stets über Euer Mund;
Geht hin, thut der Prinzeß alsbald ihr Leiden kund!
(zur Zofe.)
Und Ihr, entfernt indeß die andern Kammerfrauen!
Bloß auf den Seneschall hier setz‘ ich mein Vertrauen!
Ich kann sie jetzt in diesem Augenblick nicht sprechen:
Ihr Anblick würde mir das Herz zerbrechen.
(König und Kammerfrau, beyde durch zwey Thüren und nach verschiedenen Seiten ab.)

Seneschall.
Ein schöner Auftrag! – Hm, so Knall und Fall?
Nimm dich zusammen nun, Freund Seneschall!
Wir haben keine Zeit hier zu verlieren;
Denn die Prinzessin kömmt: man muß extemporiren!
Nur muthig, unverzagt, frisch an's Geschäfte:
Apoll, und Ihr neun Musen, leiht mir Kräfte! {36}

Zehnter Auftritt.

Der Seneschall. Die Prinzeß (verschleiert)

Prinzeß.
Gut, daß ich Euch hier treff‘, Herr Seneschall!
Was ist's, daß man mir ausweicht überall,
Wie im Palast, so vorhin in dem Garten?
Von Euch darf ich doch Aufschluß wohl erwarten?
Warum find' ich die Spiegel abgehangen?
Ich bitt' Euch, edler Herr, befriedigt mein Verlangen!

Seneschall.
Verlangen? Oui!

Prinzeß.
Nur macht es, bitt' ich, kurz;
Wär's auch das Schlimmste, wär's auch unsers Hauses Sturz!

Seneschall.
Das Schlimmste? Oui! Ihr seht, ich bin gerührt zu Zähren.

Prinzeß.
Ich aber bin gefaßt, um Alles anzuhören! {37}

Seneschall.
Wohlan, so geb' ich meinem Herzen einen Stoß.
Und geh' in Gottes Namen darauf los.
(knieend.)
Allerkostbarste Perl von China; –
Rose – Lilie – Apfel de Sina; –
Edelgestein – Rubin – Schmaragd –
Auf deren Lippen der Morgen tagt –
In deren Augen der Abend wohnt –

Prinzeß.
Mit Titeln laßt mich jetzt verschont!

Seneschall.
(für sich – etwas decontenancirt.)
Das ist die kapriciöseste Prinzeß:
Am besten ist's, man führt sie gleich per medias res!
(laut)
Schönste Prinzessin sonst – jetzunder
In der Welt das siebente Wunder,
Den großen Thurm von Babylon hält
Man für das erste Wunder der Welt.

Prinzeß.
Lassen wir die Verwirrung der Sprache,
Und Babylon! Kommen wir fein zur Sache,
Herr Seneschall! {38}

Seneschall.
Zur Sache? Bon!
Die Braut des Königes Salomon,
Deren Nase dem Thurm auf Libanon
Geglichen –

Prinzeß.
Das war sonst – doch heute
Zu Tag' haben kürzere Nasen die Bräute!

Seneschall.
Kürzere Nasen! – Nicht immer! Bon!
So steig' ich herab vom Libanon.

Prinzeß
Er martert mich zu Tod, o Pein!

Seneschall.
Das dritte Wunder der Welt wird seyn –

Prinzeß.
Mit Geduld Euch länger anzuhören –
So wenigstens würd' ich es erklären.

Seneschall.
Nicht doch – das dritte Wunder, das war – {39}

Prinzeß.
Das vierte, das fünfte, das sechste sogar –
Ich schenk sie Euch all', Herr Seneschall.

SeneschaII.
Das verhüte Gott! Auf keinen Fall!
Das waren die Noten. Nun kommt der Text.
Das vierte Wunder der Welt wird seyn:
Hier!
(indem er plötzlich einen Spiegel vorhält.)
Mag ein Gott euch Fassung verleihn!
Erschreckt nicht, Prinzessin – Ihr seyd – behext! –

Prinzeß
(die ohnmächtig auf ihren Armsessel zurücksinkt.)

SeneschaII.
(der aufsteht und sich den Schweiß von der Stirne trocknet)
So – nun hab' ich's ihr glücklich beigebracht –
Zwar, wie ich sehe, liegt sie in Ohnmacht;
Aber das thut hier nichts zur Sach' –
Jetzt geh' ich zu meinem durchlauchten Schach:
Ich weiß, sein Vaterherz wird für den Dienst mich segnen.
Sollt‘ der Prinzeß indeß was Menschliches begegnen, {40}

Dort steht ein Ruhbett mit Gardinen ja und Ringeln,
Und fällt ihr sonst was vor – ey nun – so kann sie klingeln!
(Senerschall ab.)

Zweyter Aufzug.

Erster Auftritt.
Wildniß in den Bergen von Schmarkand.

Wirklicher Hirt
(der sich auf seinen Stecken an einen Baum lehnt.)
So! – Wieder einmal mein Mittagsbrot
Gegessen. Dank dir, lieber Gott!
– Hätt' ich nur einen Pfenning roth,
Ihn in der Schenke zu machen todt!
Nun siehst du? Ich schreib' dir nichts vor, lieber Herr Gott: –
Und wollt' ich's auch, müßt' ich's lassen bleiben;
Denn du weißt, ich kann nicht lesen, nicht schreiben. – {41}

Aber so Wein, ein oder 'n Paar Maaß,
Das ist, was unser Herr Gott vergaß.
Wenn wir ihn bitten, uns Brot zu schenken,
So sollt' er gleich von selbst daran denken;
Denn ein Paar Maaß Wein, – besonders vom guten,
Die kann sich ein jeder Mensch zumuthen: –
– Nun, wie Gott will: – kömmt Zeit, kömmt Rath;
Doch sieh, ist das nicht mein Kamerad?

Zweyter Auftritt.

Wirklicher Hirt. Titularhirt (der hastig und in großer Gemüthsbewegung auftritt.)

Titularhirt.
Nun freut Euch mit mir, und danket Gott,
Kamerad! zu End' ist all' meine Noth!

Wirklicher Hirt,
Seyd Ihr aus Noth? deß bin ich froh,
Doch sagt, wodurch, Kamerad, wie so?

Titularhirt.
So drang die neue Wundermähr
Zu Euch noch nicht in's Gebirg' daher? {42}

So habt Ihr nichts davon vernommen,
Wie daß von einer Zauberfrucht,
So die Prinzessin hat versucht,
Sie einen großen Rüssel bekommen?

Wirklicher Hirt.
Was sagt Ihr? Einen Rüssel? Nein!
So soll mir Gott die Sünde verzeihen,
Als ich Euch bitt', Kam'rad, haltet ein,
Bis ich vorher mich Gott emfohlen!
Ich kann vor Schreck kaum Odem holen!
(Nach einer Pause.)
Ja, Gott's Langmuth und Barmherzigkeit
Erträgt uns Sünder lange Zeit,
Und giebt uns Aufschub stets zur Buß';
Doch endlich bricht sein Strafdonner los:
So, als ich neulich in der Stadt
Gewesen, mein lieber Kamerad,
Begab sich, daß vom Burgaltan
Auch so ein Paar Fräulein niedersahn;
Spreitzten sich, warfen sich in die Brust
Vor Hoffahrt und schnöder Sündenlust:
Arm und Busen erlagen fast
Unter der Ketten und Spanglein Last;
Die Schnallen in Schuhen flunkerten sehr,
Aber die Augen im Kopfe noch weit mehr. {43}

Da dachť ich so in meinem Sinn,
Obwohl ich ein armer Hirte nur bin –
Lieben Frau'n, solch Wangenroth
Ist gewiß wider Gottes Geboth;
Solch Flunkern mit Augen und Spitzenkragen,
Das kann unser Herr Gott nicht vertragen,
Und bloße Brust und frisirtes Haar,
Das ist ihm ein Greuel ganz und gar. –
So hab' ich gesagt; doch nun fahrt fort,
Mein lieber Kam’rad, in Eurem Rapport!

Titularhirt,
In solchen großen Landesnöthen
Hat der König lassen austrompeten:
„Wer von dem Rüssel, den sie bekam,
Befreyt die Prinzessin lobesam,
Kam'rad, den wollt' Er sich nicht schämen
Zu seinem Eidam anzunehmen,
Und wär' es auch der ärmste Knecht.“

Wirklicher Hirt.
Das lautet fein und gut und recht.
Die denken: „Versprechen wir, was wir sollen!
Wir können ja halten, was wir wollen.“ {44}

Titularhirt.
Ferner eine ganze Million
Für den verlornen Königssohn
Von Kaschemier ist angesetzt:
Wer von ihm bringt eine Nachricht jetzt,

Wirklicher Hirt.
Nun – die wollt Ihr doch nicht verdienen?

Titularhirt.
Bei Gott, deß will ich mich erkühnen!

Wirklicher Hirt.
(der kreuzweis die Hände über seinen Stecken gelegt, ihn mit Verwunderung ansieht.)
Hört, Kamerad, seyd Ihr nur klug?

Titularhirt.
Ja – klug für mich und Euch genug:
Die Erbprinzeß nehm' ich zum Lohn,
Und Euch verschaff ich die Million. –
Topp! – keinen Widerspruch, Kamerad:
In dem Stück bin ich obstinat:
Da geht kein Düttelchen ab davon.
Wollt Ihr, oder wollt Ihr nicht die Milion? {45}

Wirklicher Hirt.
Nun darum dürft Ihr Euch nicht erboßen:
Ich werde mein Glück nicht von mir stoßen.
Nur her damit! Doch sagt mir nur:
Seyd Ihr dem Prinzen auf der Spur?

Titularhirt.
Ja!

Wirklicher Hirt.
Und wo habt Ihr was von Ihm erfahren?

Titularhirt.
Wir kennen uns seit vielen Jahren.

Wirklicher Hirt.
Ihr kennt seit vielen Jahren Ihn schon?

Titularhirt.
So gut, wie meine eig'ne Person.

Wirklicher Hirt.
So wird er Euch auch wohl die Prinzeß beneiden?

Titularhirt.
Ihm gilt es gleich, kriegt sie nur Einer von uns beiden. {46}

Wirklicher Hirt.
(der in ein tiefes Nachdenken geräth.)
Doch hört, Kamerad – Ey was zum Kukuk!
Je mehr ich von Kopf zu Fuß Euch beguck',
Am Ende seyd Ihr wohl selber – he!
Ihr seyd's, Herr Prinz! – Seyd Ihr's? Juchhe!

Titularhirt,
Pst! Mäß'ge deine laute Freude,
Noch weiß es Niemand, als wir beyde;
Auch liegt mir dran, daß in der Hürde
Es ja zu früh nicht ruchbar würde.

Wirklicher Hirt.
Gott und Herr Prinz, Er mag mir's verzeihn;
Aber ein Paar Mal muß ich Juche noch schrey'n: –
‘s geht nicht anders. Herr Prinz, Juchhe! –
Nun Ehre sey Gott in der Höh'!
Und weiß er auch wohl, Herr Prinz, Juchhe!
Daß Er der erste Prinz in der Näh‘
Ist, den ich mit sichtlichen Augen so seh'?
Juchhe! Wenn das die Andern erfahren,
Daß ich und ein Prinz Kameraden waren,
Und Heerden gehütet in der Bucht:
Die Kerls kriegen vor Aerger die Schwindsucht! – {47}

Nun sieht Er, das hat er klug gemacht,
Herr Prinz, daß Er sich nicht umgebracht!
Und weil er so hübsd frisch, gesund und roth,
Herr Prinz: so behüt' ihn der liebe Gott. –
Uber warum sagt Er‘s mir heut erst just? –
Sagt‘ er‘s gestern, da hätt' ich's schon heute gewußt.
Nun Herr Prinz, nehm‘ Er's nur nicht für ungut
Daß ich bisher aufbehielt den Hut!
Arm und geringer Leute Kind,
Was wir großen Herren schuldig sind, –
Gottlob, das ist mir auch bekannt;
Das lehrt uns unser Herr Dechant!
(mit vielen Kratzfüßen.)
Vor meinem Herrn Prinzen allen Regard;
Vor hoher Obrigkeit ist's Gebrauch und Art,
Man darf sich's anders nicht entbrechen,
Als stets im bloßen Kopf zu sprechen;
Denn, weil wir sind im Dorf blutarm,
So heißt's drum: „Hans, nimm den Hut unter'n Arm!“

Titularhirt
(der ihm den Hut aufsetzt.)
Arm bist Du nun nicht mehr, mein Sohn,
Denn Du bekommst eine Million.

Wirklicher Hirt.
Eine ganze Million! das ist viel, potz Blitz!
Herr Prinz, das geht über Menschenwitz. {48}

Wir können im Dorf nur bis hundert zählen,
Und ich glaube, daß da wohl noch funfzig fehlen!
Nun sag' Er mir nur, geliebter Herr Prinz,
Was in der Stadt, oder in der Provinz
Ich für'n Amt dafür muß verwalten?
Und wenn ich's nicht vergeß‘, so will ich's behalten.

Titularhirt.
Zuerst nimm diesen Brief, Kamerad,
Begieb dich damit in die Stadt!
Wenn du genähert bist dem Wall,
Wird Trommeln- und Trompetenschall
Dir alsobald den Platz verrathen,
Wo stehen meines Herrn Vaters Soldaten;
Dring' schnell hin – durch das Hauptquartier,
Frag' nach dem König von Kaschemier;
Drauf hingeführt vor seinen Thron,
Bring Nachricht ihm von seinem Sohn!
Verneig' dich dreymal vor ihm tief,
Und übergieb ihm diesen Brief!
Liest mein Herr Vater denn ein wenig,
Und spricht darauf zu Dir der König,
Von Blicken gnädig und von Ton:
„Erbitt' eine Gnade dir, mein Sohn!“
So fahr' du fort und sprich, Kamerad:
„Herr König, hab' ich heute Gnad‘ {49}

Gefunden hier vor Euerm Thron,
So will ich mir zum Bothenlohn
Erbitten für die Stadt Pardon!“
Ruft dann der König: „Viel begehrt,
Bey Gott; doch sey es ihm gewährt!“
So nimm ein schriftlich Dokument,
Wofern man solches dir vergönnt:
Damit begib Dich in die Stadt,
Dort will ich warten Dein, Kam’rad;
So wollen wir des Hofes Ränken
Dann weiter zu begegnen denken.

Wirklicher Hirt.
Herr Prinz, jagt mich durch Noth und Tod!
Mein Leben gehört nur Euch, nächst Gott: –
Kommt, kommt Herr Prinz!

Titularhirt.
Verzieh, Kam’rad;
Bevor wir gehen in die Stadt,
So schöpf' ich erst aus diesem Thale
Frisch einen Trunk mir in die Schale,
Durch dessen Heilkraft die Natur
Vollbringt mir der Prinzessin Kur. {50}

Wirklicher Hirt.
Lebt wohl denn, ihr Bewohner dieser Fluren:
Ihr harmlos und vertraulich guten Kreaturen;
Ihr Heerden, denen oft mein Hirtenhorn erscholl;
Beim Abschied wird von euch das Herz mir gar zu voll.
Ihr könnt indeß nun hier verhungern und verdürsten;
Mich ruft mein Schicksal ach! zu dem Palast der Fürsten.
Wie es euch immer geh', so denkt, daß euer Hirt,
Wenn er zu Ehren kommt, euch nie vergessen wird.
Herr Prinz, jedweden schmerzt der Abschied von den Seinen;
Doch kann ich nicht umhin, sieht Er, ich möchte weinen!
(Titularhirt mit dem wirklichen Hirten, beide nach einer Seite ab.)

Zweyter Auftritt.
(Königliches Tafelzimmer zu Schmarkand. Ein zu zwey bis drei Personen zierlich servirter Tisch steht vor einer Ottomane.)

Der König. Die Kammerfrau.

Der König
Nun, Kammerfrau, gebt mit Bedacht
Bericht, was die Prinzessin macht? {51}

Seitdem der Seneschall die Nachricht uns gebracht,
Wie steht's? Erhohlt sie sich von ihrer Ohnmacht?

Kammerfrau.
Der güt'gen Nachfrag' dankt, Sire, die Prinzeß.
Mit der Ohnmacht – das ging' indeß –
Aber die rohe Gemüthsart,
Die sich immer mehr offenbart: –

König.
Wie so?

Kammerfrau,
Sonst war sie doch in ihrem Staat,
In jedem Stück, so akkurat:
So nett und adrett in ihrem Gang:
Wir machten ihr fast nichts zu Dank,
In Schmuck und Kleidung, was sie trug.
Jetzt, kriegt sie 'n neuen Spitzenanzug,
Und 's kömmt ein Graben, oder ein Fluß;
So ruht sie nicht, bis sie hindurch muß,
Um zu sehen, will er auch Probe halten.
Da hilft kein Rufen und kein Zurückhalten;
Solch eine Prädilektion dafür
Ist in sie gefahren! O Kaschemir! {52}

König.
Ich weiß genug. Jetzt geht und hohlt mir die Prinzeß!
Mein Will' ist, daß sie hier zu Abend mit uns eß',
Und daß die schuldige Regard,
Gezollt ihr werde noch aufs Haar.

Kammerfrau.
Sire, um zu traktiren nun die Prinzeß,
Erfordert eigne Delikateß.
Doch bin ich eine arme Magd:
Ich schweig' und thu', wie man mir sagt.
(Kammerfrau ab. Seneschall begegnet ihr unter der Thür.)

Dritter Auftritt.
Der König. Der Seneschall.

Seneschall.
O Noth, o Tod, o Unglücksfall!
Stich Schmerz! brich Herz!

König.
Herr Seneschall,
Um Gottes Willen! was ist vorgefallen,
Daß solche Trauerklag' Ihr laßt erschallen? {53}

Was seh' ich? Asche habt Ihr Euch aufs Haupt gestreut,
So wie es üblich ist bey großem Landesleid. –

Seneschall.
O Sire, und gern dazu zerriß ich auch mein Kleid,
Nur daß –

König
– – Nur daß? – Verhehlt Uns nichts, was Uns bedräut,
Damit es schwärzer Uns die Phantasie nicht mahle!

Seneschall.
Nur daß ich Niemand weiß, der mir das neue zahle.
Vernahmt Ihr dieß Trompeten wohl von Wall?

König.
Darum seyd unbekümmert, Seneschall.
Ein Paar Edikte, die in unsrer Noth wir machten:
Man bläst sie eben aus, zu unsers Volk's Erachten.
Das erste heißt – wofern ‘s Eu’r Ohr noch nicht vernahm –
„Wer von dem Rüssel, den sie bekam,
Befreit die Prinzessin lobesam:
Den wollten wir uns baß nicht schämen,
Zu unserm Eidam anzunehmen, {54}

Und wär' es auch der ärmste Knecht.“
Das zweit' Edikt, das giebt ein Recht
Auf eine ganze Million,
Der vom verlornen Königssohn,
Uns irgend eine Nachricht bringt.
Seht! darum ist's, daß die Trompet' erklingt.

Seneschall.
Ihr irrt; dieß Blasen, Sire, hat eine andere Bedeutung:
Ach! Euer harrt nun eine schicksalsvolle Zeitung:
Der Schach von Kaschemier steht dicht vor unsern Mauern,
Und ein Edikt von ihm versetzt das Volk in Trauern.
Denn laut trompetend thut sein Herold so verkünden:
„Wird unser Erbprinz sich bis heut neun Uhr nicht finden,
So denken wir ein Feuer anzuzünden
Mit Brandraketen und was sonst zum Sturm parat,
Daß alle Bürger dieser Stadt
Sich wärmen sollen auf immerdar
An den Kohlen von Kirch' und Thron und Altar!"

König.
Das ist ja ein eingefleischter Barbar! {55}

Seneschall.
Ja freylich wohl – und führt dazu ein Heer von Teufeln.
Die Höll' ist offen, Sire; laßt uns daran nicht zweifeln!

König.
Der Himmel minder nicht, mein lieber Seneschall!
Wohlan! da Waffenglück in diesem herben Fall,
So wie wir sehn, uns leider nicht gefrucht‘t,
So ist der Güte Weg noch übrig; ihn versucht!
Geht hin, mein lieber Seneschall und sucht vor allen Dingen,
Einen Waffenstilstand für uns zu Stand zu bringen!
Aufschub bewirket uns des Sturmes um neun Uhr,
Wär es auch auf ein Paar elende Stunden nur:
In ein Paar Stunden kann Gott oft ein Wunder wirken:
In ein Paar Stunden kann man in den Stadtbezirken,
Mit Speis‘ und Trank den Leib – und auf den Außenwerken
Mit einem Kanonentrain die Defilees verstärken.
Wer weiß auch, findet sich der Erbprinz, den wir todt
Jetzt glauben, nicht indeß! –

Seneschall.
Das wäre gut. Geb's Gott!
Vom Feinde hoff‘ ich nichts! Sein Ohr wohnt bey den Todten;
Doch geh‘ ich, Sire; von mir wird Alles aufgeboten!
(Seneschall ab.) {56}

Vierter Auftritt.
Der König. Die Prinzeß. (die auf zwey ihrer Kammerfrauen gestützt, verschleyert in den Saal tritt.)

Der König
(zu den Kammerfrauen.)
Setzt die Prinzessin nur hierher auf's Ruhebett,
Und Ihr entfernt Euch – denn wir essen Tete a Tete!
(Die Kammerfrauen ab.)

(Indem er liebreich die Prinzeß bei der Hand nimmt.)
Wie geht's, Prinzeß?

Prinzeß.
(In einem sanften, aber etwas kranthaften Tone.)
O gut, ganz gut.

König.
Beliebt Euch was zu essen? so langt zu: geruht!
Wie? oder wollt Ihr, daß der Mundkoch
Etwas apart ein Essen koch'?

Prinzeß.
(Animirt, indem sie ihren Schleier aufhebt.)
Wissen's Papa? So Bohnenstroh –
Wenn ich das hätt', da wär' ich froh, – {57}

Auch Linsen könnten mich ergetzen,
Und Erbsen würden mich außer mir setzen.

König.
Pfui, Kind, das ist kein Appetit,
Für eine Prinzessin von Geblüt. –
Nein, Makaronen und Zuckerkandel
Gehört zu fürstlich edlem Wandel,
Und Zuckerbrot und Mandeltorten –
Das essen die Herrn Prinzen aller Orten.

Prinzeß.
Ich bitte – nur nichts vom Hofkonditor!
Denn schon der Name verletzt mir das Ohr: –
(Indem sie ihm zutraulich näher rückt.)
Doch, wenn meine Bitte was vermag –
So an einem schönen Sommertag,
Von früh um Sonnenaufgang,
Bis spät zu Sonnenuntergang,
Könnt' ich, in heiligen Hochgefühlen,
Nur im Garten nach Wurzeln wühlen,
Zu stillen die Sehnsucht dieser Brust: –
O Papa, gönnen Sie mir diese Lust!

König.
Du mußt solch thierisches Gelust in Dir besiegen! {58}

Prinzeß.
Ja, wenn die Ahndungen mich überfliegen,
Da hör' ich des Hirtenhornes Klang,
Es ergreift mich ein wilder Drang,
Mir ist, als müßt' ich mit zur Weide.

König.
Das thu' mir ja nicht zu Herzeleide!
Tritt meinem Alter nicht so zu nah!

Prinzeß.
O mein liebwerth’ster, bester Papa!
Was für 'ne Noth, was für 'ne Pein,
Mit einem Gefühl für Natur so rein,
So zart organisirt und so fein,
's ist, eine arme Prinzessin zu seyn,
Und dazu eine Prinzessin von Schmarkand!
Sie haben keinen Begriff von solchem Zustand.
(Nach einer Pause, und wie in einem Ausbruch schwärmerisch-ekstatischen Entzückens.)
Seh' ich Eicheln, möcht' ich sie haben;
Seh' ich Wurzeln, möcht' ich sie graben;
Seh' ich Nüsse, mit vollen Backen
Möcht' ich sie beißen, möcht' ich sie knacken.
Keine Rast und keine Ruh;
Schöne Kleider, schöne Shuh', {59}

Schön Gesangbuch, Singen, Beten,
Sind mir jetzt nicht mehr vonnöthen!
All' euer Putz und all eure Spitzen,
Das kann mir nichts helfen, das kann mir nichts nützen:
Weg, Juwel und Perlenschnur:
Dein bin ich, Natur, Natur!
Nimm mich hin, ich bin die Deine!
Spitzenanzug, hängst im Schreine;
Liegst mir nun nicht mehr am Herzen;
Muß dich nun im Graben schwärzen;
Hundert Stimmen, grob und fein,
Dringen, klingen, singen, schrei’n
Immer mir ins Ohr hinein:
Spring herein!
Und ich kann nicht widerstreben,
Muß ihm ganz dahin mich geben
Volles Herzens Überschwang,
Heil'gen Hochgefühles Drang;
Bade, wade,
Ohne Pfade,
Am Gestade,
Mit dem Fuße
In dem Flusse,
Allen meinen Kammerfrau'n,
Zum Verdruß und Aerger traun, {60}

Die am Ufer, in dem Garten,
Stehn und mich daselbst erwarten,
Tief im Herzen bittern Groll;
Aber mir ist selig und wohl!
(in einem Zustand von Erschöpfung in ihren Armsessel zurück sinkend.)

König.
O Schickal, Schicksal! Wirst du denn nicht satt
Mir zu durchkreuzen meinen Lebenspfad!
Doch horch! Erklingt da nicht die Thür in ihren Angeln?
O laßt uns länger nicht des Trost's ermangeln!
Kommt Ihr, Herr Seneschall?
Ich bitt Euch drum: eröffnet Euern Mund,
Und macht uns den verlangten Waffenstillstand kund.

Fünfter Auftritt.
Die Vorigen. Der Seneschall.

Seneschall.
Befehlt Euch Gott, Sire! Mehr kann ich nicht sagen:
Der Waffenstilstand ist rund abgeschlagen! {61}

König.
War't Ihr im Lager? –

Seneschall.
Ja. Umringt, Sire, von Soldaten,
Fand ich den König dort, voll Stolz auf seine Thaten.
Kaum aber ward er mein auf funfzig Schritt gewahr,
So rief er mir entgegen, der Barbar:
„Ich will von keinem Waffenstilstand wissen,
Als der erkauft wird mit Kartätschenschüssen:
Heut Abend geht's zum Tanz; nun seht fein zu,
Daß die Prinzeß sich nicht verbrennt die Schuh!"
Er sprach’s und drehte mir den Rücken zu. –
Ich aber ging darauf zur Stadt, mit schwerem Herzen
Hin durch das Lager – rings umdroht von Lanz' und Erzen –
Vier seiner Linien sind auf formidabelm Fuß.
Und so postirt, Sire, daß man fürchten muß,
Daß ein behelligend arg Stadtbombardement
Mit jedem Augenblick von dort zu uns gelang'.
Man spricht von zwanzig Stück furchtbarlicher Redouten;
Die zu ersteigen, Sire, ist Niemand zuzumuthen;
Weshalb denn auch bereits ein hoher Magistrat
In Gnaden dispensirt die Bürger dieser Stadt. – {62}

Ich selbst vom Walle warf erst einen Blick nach unten,
Und sah die Kanonier', mit ihren brennenden Lunten;
Am Zündloch standen sie – Kerls, Sire, so schwarz, wie Kohlen,
Als wären frisch vom Feind sie aus der Höll‘ gestohlen –
Wildjauchzend und parat auf sein Signal ein Stück
Uns aufzuspielen infernalischer Musik –
Doch jetzt verzeiht! Mich ruft die Pflicht auf meinen Posten!

König (der ihn zurück hält.)
Nein, nein, Ihr müßt vorher erst ein Paar Bissen kosten:
Es ist, als ob der Geist, mit Speis' und Trank gestärkt,
Des Unglücks Schläge, die ihn treffen, minder merkt!

Seneschall
Neun Uhr ist durch!

König,
Drei Viertel erst!

Seneschall.
(Die Glocke schlägt neun.)
Da schlägt es ganz! {63}

König.
Setzt Euch! (zur Kammerfrau) Tragt auf!

Seneschall.
Neun Uhr geht los der Tanz!

König (zur Kammerfrau.)
Zum ersten Gang! – Was bringt uns die Terrine?
(indem er den Potagelöffel zum Aufschöpfen in die Hand nimmt.)

Erste Artilleriesalve,
(Der König läßt vor Schreck den Potagelöffel aus der Hand fallen.)

Seneschall.
(der von seinem Stuhl aufspringt und an’s Fenster läuft.)
Da sprengt der Teufel, Sire, schon eine Pulvermine!

König
(nach einer Pause, und da er sich wieder etwas erholt hat.)
Zum zweyten Gang. – Was giebt es von Sallaten?

Zweite Artilleriesalve.

Seneschall.
Da spielen auch die Bomben und Granaten! {64}

König
(der sich muthlos in seinen Armsessel zurückwirft.)
Wir leben in einem harten Zeitendrang!
(nach einer abermaligen Pause.)
Sagt, Kammerfrau, was giebt's zum dritten Gang?

Kammerfrau.
Ein Paar Fasanen!

König
(indem er Messer und Gabel zum Tranchiren in die Hand nimmt.)

Dritte Artilleriesalve.

Das vermaledeyte Schießen;
Da soll man einen Bissen wohl genießen!
(indem er Messer und Gabel aus der Hand wirft.)
So schießt, so schießt! –
Stets Donner auf Donner, Schuß auf Schuß!
Man hat in dieser Welt nur Aerger und Verdruß, –
Die Keris, die müssen ja ganz unvernünftig laden!

Kammerfrau.
Behüt’ uns Gott nur hier im Königschloß vor Schaden!

König
(indem er aufgestanden, unruhig im Zimmer auf und ab geht. Kammerfrau, die ihm mit den Tellern von der Tafel nachtritt, und von allerlei Speisen präsentirt.)
Hallunkenzeug! {65}

Kammerfrau.
Beliebt, Durchlaucht’ger? Saure Gurken!

König.
Bestien!

Kammerfrau.
Pistazienpasteten!

König.
Solche Schurken!

Kammerfrau,
Cremen!

König.
Verräther!

Kammerfrau.
Sand-Biscuit- und Mandeltorten! –

König.
Nein, sie können's nicht vor Gott verantworten!

Kammerfrau.
Etwas von Schweizer- und Chesterkäsen! {66}

König
Kriege sind von jeher gewesen!

Kammerfrau.
Zum Dessert gebratne Kastanien!

König.
Wir haben auch mitgemacht zwei Kampagnen!

Kammerfrau.
Sehr delikate Aprikosen!

König.
Aber so haben wir nie geschossen!

Seneschall.
(der indeß immer am Fenster mit seinem Tubus beschäftigt gewesen.)
Einige Ruhe vom Geschütz!
Auch seh' ich nicht mehr am Wall den Blitz:
Schon seit einigen Minuten,
Schweigen die feindlichen Redouten.

König.
Nun Gott sey Dank! doch endlich eine Pause?
Doch horch, was für ein Lärm erhebt sich vor dem Hause? {67}

Der Auflauf von dem Volk – das Jauchzen – Glockenläuten –
Geht, Kammerfrau, seht zu, was hat das zu bedeuten?

Kammerfrau.
(ab, und nach einer Weile wieder zurück.)
Sire, ein gemeiner armer Hirt,
Der von dem Volk getragen wird;
Man wird sogleich hierher vor Euern Thron ihn führen;
Schon nähert sich der Zug: hört Ihr sie jubiliren?
(Die Mittelpforten des Palastes eröffnen sich. Wirklicher Hirt, der bei lautem Anschlagen der Glocken, und von dem Volk auf den Schultern getragen, durch die Reihen hindurch seinen Einzug nimmt. Einige vom Volk küssen ihm die Arme; Andere die Hände; noch Andere seine Kleidungsstücke. – Wieder andere überschütten ihn mit Blumen, oder überhäufen ihn sonst mit Liebkosungen aller Art.) {68}

Sechster und letzter Auftritt.
Die Vorigen. Das Volk. Wirklicher, und nachher auch Titularhirt.

Wirklicher Hirt
(Der von den Schultern seiner Träger niedersteigt und mit Ehrerbietigkeit vor den König tritt.)
So 'was thut Niemand, der nicht muß!
Herr König, ich wäre gern zu Fuß
Hierher gezogen meiner Straßen;
Aber sie haben's nicht zugelassen:
Sie haben gemeint, Gott recht zu loben,
Müßten sie heut ihre Schultern erproben.

König.
Tritt näher zu mir, mein lieber Sohn!
Was bringt Dich so spät vor unsern Thron?

Wirklicher Hirt.
Vom Herrn König von Kaschemier
'n schönen Gruß und das Briefchen dahier!

König.
Gib her! (liest.)
„Vorzeiger dieses Briefs passirt des Lagers Schranken:
Ihm kann Euer Liebden Reich die Rettung heut verdanken, {69}

Bewirkt er anders treu, was er versprochen hat,
So zieh' ich ab mein Heer noch heut von dieser Stadt:
Bewirkt er's aber nicht, bis 12 Uhr abgelaufen,
So wird Euer Liebden Stadt noch heut ein Aschenhaufen.
Gegeben in unserm Hauptquartier:
Sanherib, König von Kaschemier.“

König.
Mein Sohn, und steht es auch in Deiner Macht Bezirken
Was du so treu versprochen, zu bewirken?

Wirklicher Hirt.
Mit Gott, Herr König, will ich's hoffen!

König.
So mach‘ uns seinen Rathschluß offen,
Wodurch Dir Gott die Gnad' geschenkt,
Daß Du des Feindes Herz gelenkt.

Wirklicher Hirt,
Wie Er gehört wohl haben wird,
Herr König, ich bin ein armer Hirt.
Ich und mein Kamerad, mit Bedacht,
Wir haben uns beid‘ auf den Weg gemacht, {70}

Sobald wir das Edikt vernommen,
Und sind drauf in die Stadt gekommen.
Für den verlornen Königssohn
Will ich verdienen die Million.
Mein Kamerad, mit Permission,
Der will erst die Prinzeß kuriren,
Und hinterdrein die Hochzeit celebriren. –
Es braucht hier gar nicht vieler Worte,
Auch wären sie nicht am rechten Orte.
Mein Kamerad steht vor der Thür,
Und wenn ich ihn rufe, so ist er hier.
Gebt mir die Million in den Hut
Und ihm die Prinzessin: so ist' s gut; –
Denn ehrlich sind wir außer der Maßen,
Und wollen uns auch nicht foppen lassen:
So hab' ich gesprochen, nach Fug und Recht,
Herr König, und bin Sein treuer Knecht!

König.
Und Du verninım hierauf, mein Sohn,
Unsre königliche Resoluzion!
Unser gegebnes Ehrenwort
Wollen wir treulich halten hinfort.
Wer Nachricht bringt vom Königssohn,
Erhält die versprochne Million.
Wofern Dein Kamerad, mit Gott
Nun auch von ihres Rüssels Spott {71}

Die Erbprinzessin kann kuriren,
So soll er die Hochzeit celebriren.

Wirklicher Hirt
(der die Thür aufmacht und freudig hinausruft:)
He Kamerad, so kommt herein!
Ihr sollt des Herrn Königs Eidam seyn!

Titularhirt.
(der mit einer Schale in den Händen herein tritt, die ihm der wirkliche Hirt abnimmt und sie der Kammerfrau der Prinzessin überreicht.)
Wascht die Prinzeß aus dieser Schale!
So – noch ein Mal – zum dritten Male!
Und nun lobsinget Gott, mit Hand und Mund,
Prinzessin, denn Ihr seyd gesund!
(die Prinzeß hat den Zauberrüssel verloren.)

König.
(Indem er der Prinzessin Hand nimmt, und sie dem Titularhirt in die seinige legt.)
Kommt her! Ihr seyd mein Eidam jetzund.

Prinzeß.
(die ihm, ohne aufzusehen, ihre Hand reicht.)
O allzu strenger Schicksalsschluß! –
Vor einem Abgrund steht mein Fuß, {72}

Wohin ich sehe — nirgends mehr ist Rettung:
So furchtbar, Ring in Ring, greift in einander die Verkettung!
So büßen wir den schnöden Uebermuth,
Mit dem wir einst gesagt zu königlichem Blut:
„Wie daß wir eher einen Hirten,
Als 'n Prinzen von von Kaschemier nehmen würden:“ –
Wie dauert Ihr mich, o armer Prinz von Kaschemier!

Titularhirt.,
(der seinen Kittel abwirft und plötzlich, in der Kleidung eines Prinzen, sich ihr zu Füßen wirft.)
Prinzessin, sehet ihn zu Euern Füßen hier!

Prinzeß.
Was hör' ich? Götter? Welch ein mir bekannter Ton
Dringt in mein Ohr? Ist mein Bewußtseyn mir entflohn?
Seyd Ihr es, Prinz? Steht auf! Ihr kniet zu meinen Füßen?
Steht auf! – Ich kann' – ich darf Euch hier nicht länger wissen! –
Vor Mitleid, Scham und Liebe weiß ich wohl
Wohin ich hier mein Auge wenden soll?
(Indem sie ihn auf und in ihre Arme hebt.)
Könnt ihr verzeihn? {73}

Prinz.
O dieser süße Ton aus Euerm Mund,
Er machte mich im Grabe wohl gesund!

Seneschall.
Im Grabe? Oui! Auch ich bin aufgestanden von den Todten!

König.
(Indem er den Prinzen umarmt.)
Gott sey gelobt, daß sich so aufgelöst der Knoten!

Wirklicher Hirt.
Nun da Er wiederkömmt zu Amt und Würden,
Vergeß' Er auch, Herr Prinz, nicht unsre lieben Hürden,
Und die Kam'radschaft nicht, die wir daselbst geschlossen:
Zwey Monath sind seitdem nun bald verflossen!

Prinzeß.
Wie Prinz? So war't Ihr nicht im Einverstand
Mit unserm Feind, dem König von Schmarkand?

Prinz.
Wie sollt' Ich? – Hier in diesem schlechten Rock,
Mit diesem armen Hirtenstock, {74}

Lebt' ich – wenn lebend sonder Euch verschmachten,
Prinzeß, noch für ein Leben zu erachten –
Auf einem kleinen Dorf, unweit der Stadt,
Wie mir bezeugt dahier mein Kamerad.

Prinzeß.
O Prinz, mir doppelt werth darum, verzeiht!
Kann Frauenlieb' und Zärtlichkeit
Vergelten je ein Erdenleid:
So rechnet drauf, mein Prinz, auf Erden,
Soll reichlich Euch vergolten werden!
(Indem sie dem wirklichen Hirten die Hand giebt.)
Dahier auch dieser arme Hirt
Mir immer lieb und werth seyn wird.

König.
Der legt nun ab den Hirtenkittel,
Und wird ein Rath, mit Rang und Titel!

Wirklicher Hirt.
Das wüßten Ihm die Leut' auch Dank!
Nein, nein, mich lass' Er weg von der Rathsbank!
Ich kann nicht lesen und nicht schreiben,
Und darum will ein Hirt ich bleiben;
Sonst müßt' Er ja singen, früh und spat:
„Auf Gott und nicht auf meinen Rath,
Will ich mein Glücke bau'n" Herr Potentat! {75}

Nein besser man bleibt ein guter Hirt,
Als daß ein schlechter Rath man wird!

Seneschall.
(der ihn embrassirt und sich vor Rührung die Augen trocknet.)
Der trägt in seiner Brust ein Herz, wie Kiesel, hart,
Der nicht gerührt wird von so nobler Denkungsart!

Wirklicher Hirt.
Nun, wenn Ihn das so sehr gerührt,
Herr Rath, oder wie man Ihn sonst titulirt,
Und wenn Er auch etwa schlecht regiert,
So laß er sich das Herz erweichen,
Und geh' Er hin, und thu' er desgleiden!

König.
Du bist ein gar treuer und lieber Knecht!

Wirklicher Hirt.
Mit seinem wohlgebornen Geschlecht,
Herr König, daß Ihn Gott erhalt'!
Und stirbt Er nicht jung, so wird Er alt.
Das ist mein Morgen- und Abendgebeth,
Für Seine Königliche Majestät!

König.
Noch außer Deiner Million
Schenk‘ ich dir jährlich eine Pension. {76}

Kammerfrau.
Herr Seneschall, und was krieg' ich zum Lohn?

Seneschall.
Es ist ein löblicher guter Gebrauch;
Den, Kammerfrau, befolg' Sie auch!
Was eine Prinzessin abgelegt,
Daß ihre Kammerfrau das trägt.
Nehm' sie den Rüssel, das ist mein Rath!

Kammerfrau.
Dank schönstens dafür - das wär' mein Staat!

Prinz
Nach heilig vollzognem Sakrament,
Für reichlich schöne Hochzeitspräsent'
Hier Niemand weiter zu sorgen braucht! –

Kammerfrau.
(die ihm die Hand küßt.)
Dank allerunterthänigst, Durchlaucht!

Prinz.
Jetzt, unter Pfeifenschall und muntern Paukenschlägen,
Kommt meinem Herrn Vater, der versöhnt nun ist, entgegen! {77}

(Prinz, der die Prinzessin bei der Hand nimmt, der König mit seinem Gefolge, dem Seneschall, der Kammerfrau, dem Hirten, unter Anstimmung eines fröhlichen Hochzeitmarsches, dem Spiel der Musik und dem lauten Zujauchzen des Volkes, das von allen Seiten zuströmt, durch die Mittelpforten des Palastes, ab.) {78}

Schauspieler Erdenwallen.

Director.
Auf, auf Kameraden, auf's Bret, auf's Bret,
In die Welt, auf's Theater gezogen!
Als Acteur, da ist der Mensch noch 'was werth,
Da wird noch die Freiheit gewogen,
Da tritt kein Andrer für ihn ein;
Der Soufleur nur bläst aus dem Loch ihm ein.

Chor.
Da tritt kein Andrer für ihn ein:
Der Soufleur nur bläst aus dem Loch ihm ein.

Regisseur.
Aus der Welt die Freiheit verschwunden ist,
Man sieht nur Herren und Knechte.
Nur der L'homber herrschen, der Tarok und Whist
Bei dem feigen Menschengeschlechte:
Die Kron' und den Purpur – wer ihn tragen kann,
Der Acteur ist allein der freie Mann. {79}

Chor.
Die Kron' und den Purpur – wer ihn tragen kanni;
Der Acteur allein ist der freie Mann!

Acteur.
Die Kisten und Kasten, er wirft sie weg,
Braucht nicht mehr für Porto zu sorgen;
Leer reist er dem Schicksal entgegen keck,
Und hat er nichts mehr – thut er borgen:
Und wenn ihm der Wirth nicht mehr borgt und leiht,
So versetzt er am Ende sein' Uhr und sein Kleid. –

Chor.
Und wenn ihm der Wirth nicht mehr borgt und leiht,
So versetzt er am Ende sein' Uhr und sein Kleid. –

Theaterschneider.
Der Acteur und sein verhungertes Roß,
Sie sind gefürchtete Gäste:
Hell schimmern die Lampen auf der Resource,
Ungeladen kömmt er zum Feste.
Er fackelt nicht lange, er bietet kein Gold;
Unbezahlt verschlingt er, was er gewollt.

Chor.
Er fackelt nicht lange, er bietet kein Gold;
Unbezahlt verschlingt er, was er gewollt. {80}

Soufleur.
Warum schreit der Herr Wirth und zergrämt sich schier?
Laß er fahr'n dahin, laß er fahren!
Der Acteur hat auf Erden kein bleibend Quartier,
Kann die freie Zehrung nicht sparen;
Sein rasches Schicksal, das treibt ihn fort:
Seinen Miethzins bezahlt er an keinem Ort!

Chor.
Sein rasches Schicksal, das treibt ihn fort:
Seinen Miethzins bezahlt er an keinem Ort!

Doktor.
Drum auf, Kameraden, auf's Brett, auf's Brett,
Die Brust im Gefechte gelüftet!
Kömmt der Abend, da lebt Ihr wieder honett,
Und seyd Ihr Glock‘ Neun auch vergiftet.
Als König und Kaiser verschenket ihr Gold,
Und habt oft nicht, daß die Schuh ihr besohlt.

Chor.
Als König und Kaiser verschenket Ihr Gold,
Und habt oft nicht, daß die Schuh Ihr besohlt. {81}

II.
Unser Herr
und
der Schmidt von Apolda.

Eine alte Thüringschen Volkssage. {82}

Personen:

Unser Herr.
St. Petrus.
Der Schmidt von Apolda.
Drey böse Engel.
Der Tod.

(Die Scene spielt zu Apolda, einer kleinen Landstadt in Thüringen.) {83}

Prolog
zum Schmidt von Apolda.
1805.

Erwägt Ihr ernst der Zeiten Wiederkunft,
Und wie ihr Recht gemißbraucht die Vernunft,
Als falsch und gleißendes Aufklärungswesen
Bedrohte die Gesellschaft aufzulösen;
Wo Frankreichs Strudel umtrieb alle Stände,
Und mit dem Volksverderbniß nahm ein Ende;
Als frech Galanterie in Werk und Worten,
Und Unzucht, statt der Zucht, ein Brauch geworden:
So werdet Ihr dem Dichter Beyfall schenken,
Daß er der frommen Vorzeit Angedenken
Heut aufgefrischt und keine Furcht ihn hemmte,
Ob er des breiten Lasters Zeitstrom dämmte,
Und, unter eines alten Schwankes Scherzen,
Erweckte Tugend in des Volkes Herzen.
Zwar weiß er wohl, und mögt es schier beeiden,
Daß solchen Schwank die Wenigsten jetzt leiden. {84}

Den Aberglauben gänzlich auzurotten,
Heißt ihnen baß den Glauben selbst verspotten; –
Frech Thun des Herzens führet Gott im Mund. –
Schützt Uns, ihr Edeln, gegen ihren Bund!
Erwägt, ob Sittenanmuth im Gemüthe
Zu Meister Sachsens Zeit in Deutschland blühte,
Wo Gott, nebst heil’gen Englein, die ihm dienen,
Gar oft vor euern Vätern sind erschienen,
Statt daß Ihr Euch auf Euren Bühnen jetzt
Mit arg verbuhltem Weiberschwarm ergetzt,
In feigen Mitleidsthränen ganz zerfließet,
Indeß dem Laster Ihr das Herz erschließet!
Nun freilich, von so süß versteckten Sünden,
Ist in Apoldens Schmidt kein Wort zu finden.
Herr Adam, wohl von Gott jetzt angenommen,
Gehörte zu den Heiligen und Frommen.
Ihn drückten nur der Menschheit kleine Fehle.
Von groben Lastern hielt er frei die Seele.
Und darum scheut' er weder Tod noch Hölle,
Und jetzt an Gottes Thron ist seine Stelle.
Der schenk', damit sich Alles bestens wende,
Uns Allen einst, gleich ihm ein selig Ende! {85}

Erster Auftritt.

Apolda.
(Landstraße vor der Stadt. An der einen Ecke eine Schmiede;
davor ein rothes Kreuz. Ein Fenster, und vor diesem ein Gärtchen am Hause, mit dem Ueberhang von einem Apfelbaum, der voller Früchte steht.)

Unser Herr.
(reitend auf einem Esel, den St. Petrus am Zaum führt.)
St. Petrus, sprich, ist dir zur Hand
Nicht irgendwo ein Schmidt bekannt?
Denn unser Esel verliert die Eisen:
So können wir nicht weiter reisen;
Er ist vom Wege müd‘ und matt:
Ihn hungert, und wir sind auch nicht satt.

St. Petrus.
Mein Herr und Meister, zu dieser Frist
Regiert hier im Land der Antichrist. {86}

Man klopft wohl an hundert Thüren an,
Bevor an einer wird aufgethan;
Und, sind ihm von Geld die Taschen leer,
So findet kein Apostel Gehör.

Unser Herr.
St. Petrus, so nimm dein Fischgeräth,
Und angl’ uns was, sonst wird's zu spät:

St. Petrus.
O Herr, wohl warf ich, aus Verdruß
Längst Hack‘ und Angel in den Fluß.
Das Thüringen ist ein armes Land;
Drum haben die Fischer sich weggewandt.
Die pflegen nur da im Bach zu springen,
Wo die Herrn Paters Kyrie Eleison singen.

Unser Herr.
So schaff' auf anderm Weg uns Rath!

St. Petrus.
Verfolgen wir nur unsern Pfad!
Dort jenseits Erfurt liegt ein Dorf –
Sie nennen es nur Neudietendorf –
Da wohnen die Brüder von Herrenhut;
Die meinen mit jedem Fremden es gut. {87}

Unser Herr.
Das werden Kinder Gottes seyn!

St. Petrus.
Bei denen kehren zu Nacht wir ein.

Unser Herr.
Fehlt aber, wie ich gleich bemerke,
Nicht unserm Esel dazu die Stärke?

St. Petrus.
Herr, was mir nicht an dir gefällt,
Was eben macht, daß dich die Welt
So gottlos einst an’s Kreuz geschlagen:
Du thust zu viel nach Eseln fragen!

Unser Herr.
Die unvernünft'ge Creatur
Will unser Mitleid, glaub' es nur!

St. Petrus.
Du übst die Sanftmuth stets im Großen:
Allein man muß sich auch erboßen:
Dem Schelm, dem Malchus, sieh, dem Knecht,
Hieb ich das Ohr ab, das war schon recht; {88}

Allein du heilst's ihm wieder an:
Sag, Meister, war das recht gethan?

Unser Herr.
So bist du, Petrus! Ich kenn' Dich schon;
Dein Zorn läuft gleich mit dir davon.
Wirst du denn nie die Sanftmuth üben,
Und so, wie ich, deinen Nächsten lieben?

St. Petrus. (heftig.)
Nein, Meister, nein, das ist verkehrt;
Die Schelmen sind es ja nicht werth!
Denk nur, wie sie an dir gehandelt,
Als du noch vor ihnen auf Erden gewandelt!
Ja hätt'st du ein Röcklein mit Sammt getragen,
Da hätten sie dich nicht an’s Kreuz geschlagen;
Mit einem Mäntelchen von Brokat
Stand'st du nie vor dem Hohenpriesterrath,
Und mit schönen Spitzen von Brabant,
Wär'st nie zu Pontius Pilatus gesandt.
Denn nichts, als schnödes Gut und Geld,
Ist, was den Schelmen wohlgefällt.
Ja, müßtest du, o Herr der Erden,
Noch ein Mal wieder geboren werden,
So wie zu Bethlehem im Stall,
Sie kreuzigten dich noch ein Mal! {89}

Unser Herr.
Ja, Petrus, es sind die alten noch!

St. Petrus.
Das weißt du, Herr, und liebst sie doch?

Unser Herr.
Sie wissen selbst nicht was sie thun:
Verziehn ist ihnen aller Spott und Hohn!

St. Petrus.
Nein, nichts verziehn, erst drein geschlagen!
Das ist der Tax in unsern Tagen.
Sonst wird verkehrtem Regiment
In Kirch‘ und Schulen ja nie ein End.
Den dritten Tag, wie dir bekannt,
Nun ziehn wir schon im Sachsenland,
Wo die Männer Gottes, weit und breit,
Bekannt in der lieben Christenheit,
Zu Nutz und Frommen in allen Landen,
Der Kirche Gottes vorgestanden,
Die Häupter der Reformation,
Der gelehrte Herr Philipp Melanchthon;
Herr Martin Luther, vom Wittenberge; –
Aber die decken nun schlafend die Särge {90}

Zu Wittenberg im hohen Dom;
Nun sitzen im Consistorium,
Statt ihrer, die Herrn Advocaten,
Die wollen Gott mit Gewalt berathen.
Darauf folgen, mit großen Complimenten,
Die Herrn Generalsuperintendenten,
Rauschen im seidnen Kirchenornat;
Ein schöner Evangelistenstaat!
Du, Herr, ertrugst die Dornenkrone:
Die speisen Confekt und süße Makrone;
Charmiren im seidenen Mäntelchen, flink –
Ja das ist freylich ein ander Ding.
Und das ist zu Erfurt, wie zu Halle,
Und frißt das Herz mir ab vor Galle!

Unser Herr.
Wahr ist's, der reinen Christenlehr‘
Ist vor der Welt jetzt wenig Ehr'.
Schlimm sind die Großen dieser Welt,
Und mit den Kleinen ist's auch schlecht bestellt.
Der Hochmuth plagt sie, und wenn sie könnten,
So würden sie alle Vicepräsidenten.
Vor lauter Regieren und geheimen Räthen,
Denkt man nicht mehr an Singen und Beten.
Mit eitel Wissenschaft und Dunst,
Und sündliche Erklärungskunst {91}

Das Kleinod man erjagen möchte,
Das Adams sterblichem Geschlechte
Die Lieb', erleidend bittern Tod,
Errungen hat durch mich vor Gott.

St. Petrus.
Und drum ist's ein verkehrter Handel;
Und drum mit eins dem sünd'gen Wandel
Ein End gemacht, in unsern Tagen,.
Und mit dem Schwert, Herr, drein geschlagen!

Unser Herr.
Nein, Petrus, mein getreuer Knecht,
Das ist der Zöllner und Sünder Recht.
Was man dir auch zu Leid gethan,
Die Sanftmuth steht dem Jünger an.
Doch sieh, was steigt denn über’m Thor
Dort für ein rothes Kreuz empor?

St. Petrus.
Da wohnt der Hufschmidt von Apolde;
Der steht auch mit dem Bösen im Solde.
Herr Adam ist der Schmidt genannt,
Und mit dem alten Adam nur zu sehr verwandt! {92}

Unser Herr.
Daß du doch immer den Meister kränkst,
Das Schlimmste von den Brüdern denkst!

St. Petrus.
Herr, was ich sag‘, die Nachbarschaft
Dafür mir hundert Zeugen schafft.
Der Schmidt steht mit dem Bösen im Bunde;
Drum führt er ihn auch stets im Munde.
Denn „hohl mich! – straf mich!” und so fort;
Man hört von ihm kein ander Wort.

Unser Herr.
Zum Glück läßt sich in unsern Tagen
Der Böse dieß wohl zehn Mal sagen,
Bevor er ein Mal kömmt, mein Sohn.

St. Petrus.
Der Schmidt entgeht nicht seinem Lohn.

Unser Herr.
Wie ist sein Wandel?

St. Petrus.
Schlecht und recht! {93}

Unser Herr.
So dauert mich der arme Knecht!

St. Petrus.
Ei was? der Schalk! kennt er nicht Gott?
Warum verletzt er die zehn Geboth?
Kann er nicht seinen Meister lieben?
Muß er ihn fluchend stets betrüben?

Unser Herr.
Vielleicht daß wir mit Beten, Singen
Ihn noch auf andre Wege bringen!

St. Petrus.
Ja – wär's kein Schmidt, ich dächt' wie du,
Und gäb auch meinen Consens dazu;
Aber so ist kein Hoffnungsstrahl;
Ein Schmidt ist fest, wie Eisen und Stahl.
Was dem einmal im Kopf sitzt fest,
Davon er all sein Tag nicht läßt.
Doch sieh – Herr Adam tritt vor die Thür;
Nun flucht und sakriert er auf seine Manier. {94}

Zweyter Auftritt.

Die Vorigen. Schmidt Adam.
(der sich mit Hammer, und Schurzfell unter der Thür zeigt.)

Gesellen frisch, Gesellen flink!
Auf, schmiedet mir den Eisenring!
Was? wollt Ihr jetzt schon Vesper halten?
Da soll Euch der Blitz und der Donner das Licht halten.
Was ist am Löschtrog das für'n Schwalg?
Warum ist kein Zug am Blasebalg?
Blitz-Junge! schürst du nicht die Kohlen?
Wart, dich soll der Teufel hohlen,
Kommt dir mein Hammer über's Fell!
Daß Euch der Himmel, daß Euch die Höll‘,
Daß Euch das rothe Meer verschlucke
Und das schwarze wieder ausspucke!
Ihr Teufelskerl ihr, Sapperment!
Und wie das Feuer der Esse brennt!
Hätt' ich nur alle Flüche zur Stunde
Aller Reichsarmeen in meinem Munde,
Von der Donau, vom Neckar und vom Rhein!
Da schlagen Millionen Kreuzwetter drein!
Schweißt, sag' ich, in's drey Teufels Namen,
Schweißt, oder ich schweiß Euch zusammen!
(tritt zurück in die Schmiede. Das Hammern nach dem Takt der Musik geht fort. Man sieht die Funken von allen Seiten hervorsprühen.) {95}

St. Petrus.
Hörst du den Schmidt und wie er flucht?
Den Baum erkennet man an der Frucht.

Unser Herr.
Nein, Petrus, mir die Lieb' erzeig' –
– Mir stehn die Haar zu Berg – und schweig!
O gottvergeßne, sünd'ge Welt!
So arg hätt' ich's mir nicht vorgestellt!

Schmidt.
(nach einer Pause. Indem er wieder vor die Schmiede tritt.)
Nun fertig ist der Ring am Faß.
Nun Vesper und Deo Gratias,
Amen!

St. Petrus. (der auf ihn zutritt.)
So sag auch ich, in des Herrn Namen!

Schmidt.
Sieh! welch ein frommes Pilgerpaar,
Stellt hier sich meinen Augen dar?
Sie führen zwey Stäb' in ihrer Hand:
Die kommen wohl weit aus dem Morgenland.
Denn Bärte so lang, und Ermel so weit,
Sieht man nicht viel zu dieser Zeit. {96}

Liebwerthe Herrn, seyd mir gegrüßt,
Und hochgelobt sey Jesus Christ!

Unser Herr.
Das klingt weit besser, als zuvor
Das sündliche Fluchen in unser Ohr.

Schmidt.
Liebe Herrn, auf dem Erdenrunde,
Hat jeglich Ding seine Zeit und Stunde.
Beim Schmidt die Arbeit ist gar hart,
Und drum das Fluchen auch sehr apart.
Caspar und Melchior, die Schmiedeknechte,
Sie sind so faul, zu erheben die Rechte;
Und thun sie’s – so hat man Noth, daß die Linke
Schon wieder nicht matt an der Arbeit sinke.
Da ist denn manchen Tag ein Fluch,
Ja oft ein Dutzend nicht genug!
Sie machen dem Meister eitel Verdruß;
Und er mag wollen, oder nicht, er muß
In einen sauern Apfel beißen,
Und's ihnen ins drei Teufels Namen heißen.

Unser Herr.
Das gieng auch wohl mit Gott's Gebot! {97}

Schmidt.
Nein, damit wird kein Eisen roth!

St. Petrus.
Das Fluchen will unser Herr Gott nicht haben.

Schmidt.
Er wird mit’m Schmidt ein Einsehn haben.

St. Petrus.
Ja, wenn er, will!

Schmidt.
Er muß daran!
Ein armer Schmidt und Handwerksmann
So fromm nicht, wie ein Pfarr, seyn kann! –
Doch, liebe Herrn, ihr seyd wohl matt?
Kommt in mein Haus, ich mach' euch satt.
Ich geb' euch gern zur Nacht ’ne Streu,
Und euerm Esel ein Bündel Heu.
Herr Adam Schmidt im rothen Kreuz,
Ist nicht bekannt für schnöden Geiz:
Wer fromme Pilger fragen wollte,
Ein Jeder lobt den Schmidt von Apolde. {98}

Unser Herr.
Nun, das klingt löblich, gut und fein:
Die Wohlthat bringt stets Zinsen ein!

Schmidt.
Sagt, wollt Ihr einen Bissen, oder Trunk?

St. Petrus.
Uns wär' ein Tropfen Bier genung!

Schmidt.
Pfui solch Ischariothgetränke!
Dergleichen sucht man in der Schenke:
Im Keller steht ein Krug mit Wein;
Der soll euch, Herrn, zu Diensten seyn!
(will gehen.)

St. Petrus.
(der ihn zurückruft.)
Schmidt, was ist denn das für ein Schwank
Mit dem Bier, und mit dem Ischariothtrank?

Schmidt.
Ja, liebe Herrn, das ist nicht ohne.
Die Erzählung ist aller Erzählungen Krone, {99}

Und verhält sich so damit: hört an!
Als auf der Hochzeit zu Canaan
Einst unser Herr das Wunder gethan,
Und das Wasser den Gästen in Wein verwandelt,
Da ist's dem Judas auch angewandelt,
Und gedachte der Schalksknecht Ischarioth;
Er wollt's auch machen, wie unser Herr Gott,
Und so ein Getränk aus Wasser verfassen;
Mußt's aber doch bleiben lassen.
Erst nahm er Hopfen und allerlei Sachen,
Auch Gersten; so thät er sein Kunststück machen;
That alles in einen Kessel hinein,
Und destilliert um die Hälft‘ es ein;
Ueberlegt auch schon im Geist die Taxe,
Und was für Profit ihm daraus erwachse.
Aber, wie der Schelm sein Elixier
Beym Lichte besah, so war's bloß Bier.
Seht, liebe Herrn, das ist mein Schwank!
Nun geh ich, und bring’ euch Speis' und Trank.
Aber was seh‘ ich? Eure Schuh
Sind ja auch entzwey, und die Strümpfe dazu?
Nun, nun, auch dafür schaff' ich Rath.
Apold‘ ist eine schöne Stadt,
Die besonders viel Strumpfwürker hat.
Ein Sprüchwort sagt: wer ohne Schuh
Von Erfurt geht auf Weimar zu, {100}

Und von Apolda kömmt ohne Strümpfe,
Das gereichte ganz Thüringen zum Schimpfe!
Nein, nein, so lass' ich euch nicht fort:
Hohl mich der Teufel, ich halte Wort!
(ab.)

Unser Herr.
Was sagst du, Petrus, mein lieber Gesell?
Solchen Glauben hab' ich in Israel
Wohl lange Zeit her nicht gefunden.

St. Petrus.
Hielt Satan ihn nur nicht gebunden!

Unser Herr.
Wir müssen aus des Bösen Ketten
Des Mannes arme Seele retten!

St. Petrus.
Der ist zu tief in's Garn verirrt,
Als daß er selig werden wird!
Bedenk, wenn ihn, vor seinem Ende
Der Tod einmal so fluchend fände!

Unser Herr.
Dann wär' ihm freilich das Heil nicht gebor'n,
Und sein‘ arme Seele auf immer verlor’n. {101}

Doch, Petrus, mir fällt ein Mittel ein:
Wir wollen dem Manne drey Wünsche verleihn.
Ein Wunsch läßt ihm den Himmel offen:
Vielleicht wird der von ihm getroffen.

St. Petrus.
Der Satan hält den Schmidt bei'm Schopf;
Der trifft den Nagel nicht auf den Kopf!

Unser Herr.
Wer weiß – vielleicht, daß mit den Frommen
Er in den Himmel wünscht zu kommen!
Denn, ist er gleich ein Sündensohn,
Ich gäb' ihm gar zu gern Pardon.

St. Petrus.
Ja, Meister, deine Macht ist groß.
Führ' ihn zurück zu Abrams Schooß!

Schmidt.
Nun liebe Herrn, mit Speis‘ und Trank,
Nehmt fürlieb auf meiner Schmiedbank!
Im Haus stehn Eyer, Wein und Sallat:
Ein Schelm, der mehr giebt, als er hat!

Unser Herr.
Mein Schmidt, weil du die Brüder liebst,
Und gern im Stillen Wohlthat übst, {102}

So will anjetzt der Herr der Welten,
Durch uns dir diesen Dienst vergelten.
Wir stellen dir drey Wünsche frei,
Und die Erfüllung folgt getreu;
Doch überleg', ein treuer Knecht
In seinem Weinberg, nun auch recht,
Was dir, zu Seelennutz und Frommen,
In Zukunft einst zu Gut mag kommen!

Schmidt.
Die Freiheit kömmt mir eben recht,
Und ich gebrauche sie nicht schlecht.
Weil ich drei Wünsche wünschen kann,
So fang‘ ich so zu wünschen an:
Gleich vor der Schmied' Apoldens seht,
Da, wo das rothe Kreuz erhöht,
Hing eine Nägeltasch‘ ich an.
Sie ist aus schönem Korduan ,
Von so geräumigem Gelasse,
Daß sie wohl hundert Nägel fasse.
Nur ist mein einziger Verdruß,
Den ich euch hiermit melden muß,
Daß mir ein böser Dieb im Haus
Darüber geht und leert sie aus.
So, komm' ich, trifft sich oft der Fall,
Sind meine schöne Nägel all. {103}

Nichts hilft mein Reden und Verbot;
Ich ärg’re drob mich fast zu Tod.
So will ich denn, ihn zu vexiren,
Anjetzt den ersten Wunsch probiren:
Ich wünsche diesem bösen Knechte –
Läuft es nicht wider Menschenrechte,
Wofern es ohne Teufelskunst
Geschehen kann, ihr Herrn, mit Gunst –
Wenn er sein Handwerk wieder treibt,
Daß seine Hand ihm stecken bleibt,
Und daß er schwitz’ in dieser Falle,
Bis daß die Nageltasch zerfalle.

Unser Herr.
Dein erster Wunsch geht aus!

Schmidt.
Schön Dank!
Mein zweyter Wunsch ist ohne Wank:
Es steht in meines Gärtchens Raum
Ein wunderschöner Apfelbaum;
Durch seine Früchte, seine Blüthe,
Ergötzt er Sommers mein Gemüthe:
Nur ist mein einziger Verdruß,
Den ich euch hiermit melden muß,
Daß mir ein böser Dieb im Haus
Darüber geht und pflückt sie aus: {104}

So, komm ich, trifft sich oft der Fall,
Sind meine schönen Aepfel all. –
Nichts hilft mein Reden und Verbot;
Ich ärgre drob mich fast zu todt.
So will ich denn, ihn zu vexiren,
Anjetzt den zweyten Wunsch probiren:
Ich wünsche diesem bösen Knechte –
Läuft es nicht wider Menschenrechte,
Wofern es ohne Teufelskunst
Geschehen kann, ihr Herrn, mit Gunst –
Wenn er sein Handwerk wieder treibt,
Daß auf dem Baum er stecken bleibt,
Und daß er schwitz' in dieser Falle,
Bis daß der Apfelbaum zerfalle.

Unser Herr.
Dein zweyter Wunsch geht aus!

Schmidt.
Schön Dank!
Mein dritter Wunsch ist ohne Wank:
Es steht auf meiner Diele Raum
Ein schöner Armstuhl da, und kaum
Die Zahl von aberhundert Jahren
Würd' euch sein Alter offenbaren:
Nur ist mein einziger Verdruß,
Den ich euch hiermit melden muß, {105}

Daß nach des Tagewerkes Placken
Die Schmiedeknechte drauf sich flacken:
Und, komm' ich, trifft sich oft der Fall,
So schwärzt der Ruß ihn überall.
Nichts hilft mein Reden und Verbot;
Ich ärgre drob mich fast zu todt.
So will ich denn, sie zu vexiren,
Anjetzt den dritten Wunsch probiren:
Ich wünsche diesem bösem Knechte –
Läuft es nicht wider Menschenrechte,
Wofern es ohne Teufelskunst
Geschehen kann, ihr Herrn, mit Gunst –
Der dieses Handwerk wieder treibt,
Daß ihm der Hint’re steken bleibt,
Und daß er schwitz' in dieser Falle,
Bis daß der Armstuhl einst zerfalle.

Unser Herr.
Dein dritter Wunsch geht aus!

Schmidt.
Schön Dank!

St. Petrus.
O Schmidt, wie bist du sündenkrank!
Der beste Wunsch blieb unvernommen:
Der, in den Himmel einst zu kommen. {106}

Schmidt.
Für diesen Wunsch, da ist's nicht Schade.
Den dank' ich meines Heiland's Gnade!

Unser Herr.
Ja, wenn du dich zuvor bekehrst!

St. Petrus.
Nicht mehr so sündlich fluchst und schwört!

Unser Herr.
Herr Adam, das gelobt mir an!

Schmidt.
Ja, liebe Herrn, ich thu‘ fortan,
Wie unser Herr Gott uns befohlen!

Unser Herr (freudig.)
Gewiß?

Schmidt.
Mich soll der Teufel hohlen!

Unser Herr.
O du verwegner, böser Knecht,
Einst im Gericht besteh’st du schlecht. {107}

Nun weichen von dir die Gerechten,
Und überlassen dich den Schlechten!

Schmidt.
Wo wollt Ihr hin, ihr lieben Herrn?
Am Himmel steht der Abendstern.
So bleibt doch bei mir, lieben Pathen!

St. Petrus.
Nein, du hast deinen Herrn verrathen;
Du bist, wie der Ischarioth;
Mit dir bricht kein Apostel Brot!

Unser Herr.
Auf Petrus, gürte deine Lenden,
Damit wir uns gen Abend wenden!
(beide ab.)

Schmidt.
(der ihnen nachsieht.)
Was? Ich ein Schelm Ischarioth?
Nein, Herrn, zu hart ist solch ein Spott:
Hohl mich der T – l!
(Donner und Blitz.)

Eine Stimme.
Schmidt Adam!{108}

Schmidt. (erschroken.)
Wer ruft!
(will ins Haus.)

Dritter Auftritt.
(Ein böser Engel erscheint, und vertritt ihm die Thür.)

Schmidt.
Was für ein Kauz? Was will der Schuft?
Wie steht das Abentheuer so schwarz,
Wie hüben Nachts im Blitz der Harz!
(ihn anredend)
Was will der Herr? Wen sucht der Freund?

Böser Engel. (sehr brüsk)
Sagt dir das nicht der böse Feind?

Schmidt.
An diesen hab ich kein Gesuch.

Böser Engel.
Und doch beschied ihn oft dein Fluch! {109}

Schmidt.
Das hat er ja wohl nicht vernommen!

Böser Engel. (der auf ihn zutritt)
Er hat's – und jetzt ist er gekommen!

Schmidt.
So plötzlich? Nun nur mit Manier!
So rückt man Keinem vor die Thür!

Böser Engel.
Ich bin der Engel, der zum Spott
Einst machte den Ischarioth!

Schmidt.
Ei, sey er was und wer er wollte!
Ich bin der Hufschmidt von Apolde,
Herr Capitän von der schwarzen Bande,
Und weiß auch, was Gebrauch ist im Lande!
In Zukunft, kommt er Jemand hohlen,
So komm er, wenn man’s ihm befohlen;
Nicht just an einem Werkeltag,
Wo geht die Arbeit, Schlag auf Schlag,
Von Frachten, Fuhren, und andern Fahrten!
Konnt' ich auf ihn – kann er auf mich auch warten.
Ich hab’ ein Werk hier unter’n Händen,
Das muß ich noch den Abend enden. {110}

Böser Engel.
Wohlan! Man gönnt zu diesem Werke
Dir einj’ge Stunden Frist; doch merke:
Nach deren Ablauf mußt du fort:
Jetzt geh, und schmied', und sprich kein Wort!

Schmidt.
Zwey Stunden nur? Blitz, Element!
Das ist auch sehr kurz angerennt!

Böser Engel.
Wüßtest du, wie's in der Hölle wär',
Du hättest ihrer groß Begehr!

Schmidt.
Gibt es Gesellschaft dort und Spiele?

Böser Engel.
Ja, deren giebt’s bei uns gar viele!

Schmidt.
Was sind für welche denn beliebt?

Böser Engel.
Eins ist, den man dem Namen gibt {111}

Das Haschespiels mit armen Sündern!
Das spielen wir oft mit Adams Kindern.

Schmidt.
Ei ei, das hätt' ich nicht gedacht,
Daß ihr so gute Sozietät ausmacht!
(Seitwärts.)
Nun du verwegner Schelm gib Acht
Daß ich bei meiner Nageltasche,
Dich selber heut hier nicht erhasche!
(Geht in die Schmiede, bläst das Feuer auf, schmiedet auf’s Neue. Nach einer Pause.)
Verwünscht, wie ist ein Schmidt gequält!
Daß mir nun just ein Nagel fehlt!

Böser Engel.
(der unter der Hausthür steht, und ihm zusieht.)
Herr Adam, was ist arrivirt,
Daß er so plötzlich lamentirt?

Schmidt.
Mir fehlt ein Nagel!

Böser Engel.
Ein großer wohl?

Schmidt.
Ei ja, so einer von zwei Zoll! {112}

Böser Engel.
Ich seh die Nageltasch' dort hangen,
Und geh' und will ihm einen langen!

Schmidt.
Herr böser Feind, hätt er die Güte,
Fürwahr ihn lobte mein Gemüthe!

Böser Engel.
(Nachdem er eine Weile an der Nageltasche herumgesucht, und nicht wieder fort kann,)
O weh!

Schmidt.
Was gibt's?

Böser Engel.
O weh! o weh!
Ich bring die Hand nicht in die Höh!

Schmidt.
(der sich stellt, als wolle er ihm zu Hülfe kommen.)
Nicht in die Höh'? E, ei, man denke!

Böser Engel.
Laßt, laßt, ihr brecht sie mir aus dem Gelenke!
Was ist das für 'ne verwünschte Pein! {113}

Schmidt.
Das Haschemännchen wird drinnen seyn!

Böser Engels
Was ist das für ein verwünschter Schmerz!

Schmidt.
So treibt man mit der Hölle seinen Scherz!

Böser Engel.
Was ist das für ein verwünschter Spott!

Schmidt.
So lernen die Teufel sich fürchten vor Gott!

Böser Engel.
Ihr seyd nicht werth, daß unsereins euch holte,
Ihr grober, ihr verwünschter Hufschmidt von Apolde!

Schmidt.
Ja, armer Teufel, Euch geschieht ein rechter Tort!
Da steckt mit einer Hand ihr fort und immer fort
Nun in der Nageltasch', und schwitzt in dieser Falle,
Bis daß die Nageltasch' von selber einst zerfalle:
Ihr dummen Teufel ihr, habt ihr denn voll Respekt
Das rothe Kreuz nicht hier vor meinem Haus endeckt? {114}

Was wolltet ihr denn auch vom Hufschmidt von Apolde?
Nie hing sein Herz an Geiz, und schnödem Gut und Golde:
Der Schmidt vertraut dem Herrn; er fürchtet seinen Gott,
Und ist kein solcher Schelm, wie der Ischarioth.
Er wird in Noth und Tod den Glauben nie verlassen:
Und darum wird er selbst auch dann noch nicht erblassen,
Wenn ihm zum Weltgericht einst die Posaune ruft,
Hohl mich der T – l nicht!
(Donner und Blitz.)

Eine Stimme.
Schmidt Adam!

Schmidt (erschroken.)
Ha wer ruft!

Böser Engel (der noch immer an der Nageltasche steht.)
Ein Kammerad von mir? He! He! ob ich ihn warne?
Nein, nein, er lacht mich aus, steck' ich allein im Garne:
Ich wett, der kommt hier auch zum Schmidt her, auf sein Fluchen:
Nun mag er denn sein Glück, wie ich, mit ihm versuchen! {115}

Vierter Auftritt.
(Indem der Schmidt ins Haus will, erscheint ein zweyter böser Engel, und vertritt ihm mit vielen Complimenten den Weg. Dieser Engel ist sehr schön, trägt in der einen Hand einen Apfel, indem er von unten zu in eine Schlange ausgeht.)

Böser Engel.
Hab' ich die Ehr' Herrn Adam von Apolde
Vor mir zu sehen?

Schmidt.
Ja!

Böser Engel.
Im Fall ich stören sollte:
Entschuld’gen sie!

Schmidt (seitwärts.)
Die fängt's schon feiner an:
(laut.) Was ist's, Mamsell, womit man ihnen dienen kann?

Böser Engel.
(Mit sehr ceremoniösem Anstand.)
Herr Adam, sehen Sie, von höflich guten Leuten
Stets eine Freundin, möcht‘ ich sie wohin begleiten. {116}

Schmidt.
Wohin?

Böser Engel.
Davon nachher!

Schmidt.
Liebwertheste Mamsell!
Nein, wenn ich bitten darf, erfahr' ich's auf der Stell'.

Böser Engel.
Nun – wenn Sie es denn so verlangen –
(mit einem tiefen Referenz.)
In die Höll‘!

Schmidt.
Ja so!

Böser Engel.
Das Wort klingt hart – auch läuft es wider Etikett‘.

Schmidt.
Ja wenn man nur dafür sogleich ein bessers hätt'.

Böser Engel.
Wir haben eins! {117}

Schmidt.
Das heißt?

Böser Engel.
Die Funkenburg!

Schmidt.
Der Tausend!
Ja das ist wahr, das klingt auch nicht ein bischen grausend!

Böser Engel.
Sie finden's so? Charmant! – Ja wüßten sie, mon cher,
Wie's bei uns auf der Funkenburg wär':
Sie hätten ihrer groß Begehr!

Schmidt.
Hat man Gesellschaft dort und Spiele?

Böser Engel.
O, deren gibt's bey uns gar viele!
Man trifft sich dort mit allen Bekannten;
Wir haben die schönsten Prager Mus’kanten,
Und Zithermädchen, sie auszusuchen:
Wir haben aus Gohlis die schönsten Kuchen; {118}

Wir haben Ruhebettchen von Moose;
Wir haben die delikateste Gose;
Wir haben die exquisitesten Köche,
Und zuletzt auch – eine höllische Zeche. –
Kurz, 's ist in jedem Stück, wie auf der Leipziger Meß!

Schmidt.
Mamsell, man sieht's auch gleich an Ihrer Politeß!
Der erste Engel, der –

Böser Engel.
War grob – das kann ich denken:
Sehn Sie, der hohlt blos so die Bauern aus den Schenken.

Schmidt.
Sie gehen wohl zu Hof, mit zierlich kleinen Schritten?

Böser Engel.
In höhern Ständen bin ich sehr gelitten.

Schmidt.
Allein wie komm' ich zu der unverdienten Ehr',
Als simpler Hufschmidt? {119}

Böser Engel. (ihn embrassirend)
Wie? Attachement, mon cher!
Nun wenn's beliebt? – (macht Anstalt zum Gehen.)

Schmidt.
Mamsell, ich bin sogleich parat;
Nur Eins bitt' ich mir aus: gehn wir nicht durch die Stadt!

Böser Engel.
Wie so? Was ist es denn, woran sie hier sich stoßen?

Schmidt.
Der Auflauf ärgert mich von Kleinen und von Großen:
Der Ort ist so so klein, und die Bevölk'rung stark:
Man reißt die Fenster da gleich auf um jeden Quark.
Da klingt's mir schon in's Ohr, als ob ich's hören sollte:
Da geht der Teufel mit dem Hufschmidt von Apolde!

Böser Engel.
Ein solches Aufsehn, fi, das wär' mir selbst verhaßt!

Schmidt.
Sehn Sie, da ist's ja schön, daß Alles sich so paßt!
Ich hab' ein Gärtchen, das an mein Gehöft hier stoßt; {120}

Es führt auf's freye Feld: da nimmt man Extrapost,
Und fährt denn gradeswegs inkognito zur Hölle!

Böser Engel.
Just mein Gedanke! Schön!

Schmidt.
Schon stehn wir auf der Schwelle.
Jetzt schließ‘ ich auf, und nun spazieren sie hinein!
Ich werd' im Augenblick auch selbst bei ihnen seyn.

Böser Engel.
(tritt in den Garten.)
Ei, ei, Herr Adam hält die Bäum' in schöner Zucht:
Gesegn’ es Gott, da hängt ja Alles Frucht an Frucht!

Schmidt.
(der noch immer draußen vor der Thür stehen bleibt und ihm nachsieht.)
Kommt das Gelüst dir schon, verschmitzteste der Schlangen?
Ha, böser Wurm, so wirst du endlich auch gefangen?
An Adam wurdest du zum listigen Betrüger;
Allein Apoldens Schmidt, Herr Adam, ist dir klüger!
(laut.)
Mamsellchen dürft' ich wohl aus meinem kleinen Garten {121}

Mit ein paar Aepfelchen es wagen aufzuwarten?
Sie haben selber zwar da einen in der Hand –

Böser Engel.
Ja, der ist nichts, als Asch' und drinnen ausgebrannt!

Schmidt.
Nun denn – so bitt' ich sie ergebenst zuzulangen.
Sie sehn, wie sonnenroth sie dort im Lichte hangen!

Böser Engel.
Mich sticht der Durst schon an nach ihrem süßen Moste:
Ich sterbe fast, bevor ich von den Aepfeln koste.
(Klettert auf den Baum und erscheint droben im Gipfel; während der Schmidt noch immer draußen und wartend sich vor der Thür verhält.)

Schmidt.
Nur zu!

Böser Engel.
Ich bin so frey!
(verspeist einige Aepfel. Nach einer Pause:)
O weh!

Schmidt.
Was gibts?{122}

Böser Engel.
O weh!
Ich bring' den einen Fuß nicht wieder in die Höh'!

Schmidt.
(der sich stellt, als wolle er ihm zu Hülfe kommen.)
Nicht wieder in die Höh'? Mamsellchen, ei man denke!

Böser Engel.
Herr Adam, laßt, ihr brecht mir ihn aus dem Gelenke.
Was ist das für eine verwünschte Pein!

Schmidt.
Das wird der Adamsapfel seyn!

Böser Engel.
Was ist das für ein verwünschter Schmerz!

Schmidt.
So treibt man mit der Hölle seinen Scherz!

Böser Engel.
Was ist das für ein verwünschter Spott!

Schmidt.
So lernen die Teufel sich fürchten vor Gott! {123}

Böser Engel.
Ihr seyd nicht werth, daß ein Genie, wie ich, Euch hohlte,
Ihr grober, ihr verwünschter Hufschmidt von Apolde!

Schmidt.
Ja, armer Teufel, Euch geschieht ein rechter Tort:
Da steckt mit einem Fuß ihr fort und immerfort
Nun auf dem Apfelbaume, und schwitzt in dieser Falle,
Bis daß der Apfelbaum von selber einst zerſalle.
Ihr dummer Teufel ihr, habt ihr denn voll Respect
Das rothe Kreuz nicht hier vor meinem Haus entdeckt?
Was wolltet Ihr denn auch vom Hufschmidt von Apolde?
Nie stand sein Fleisch und Blut in schnöder Wollust Solde:
Der Schmidt vertraut dem Herrn; er fürchtet seinen Gott,
Und ist kein solcher Schelm, wie Adam oder Loth.
Er wird in Noth und Tod den Glauben nie verlassen;
Und darum wird er selbst auch dann noch nicht erblassen,
Wenn von St. Michael der böse Feind ihn ruft,
Hohl mich der T – l nicht!
(Donner und Blitz.)

Eine Stimme.
Schmidt Adam! {124}

Schmidt. (erschrocken.)
Ha, wer ruft!

Böser Engel.
(auf dem Apfelbaum.)
Was gibt's? Der Meister kömmt. He, he, ob ich ihn warne?
Nein, nein, er lacht mich aus, steck' ich allein im Garne:
Ich wett' er eilt hier auch zum Schmidt her auf sein Fluchen:
Nun mag er denn sein Glück, wie ich, mit ihm versuchen.

Schmidt.
Was hör' ich? Lucifer? Mein Feind? Nun wächst die Noth;
Nun flücht' ich mich zu dir; hilf wider Höll und Tod,
O Gnadenkreuz, zu dem der Erde Völker treten!
Vor dir gebückt will ich mein Fluchen hier verbeten!
(Kniet vor das Kreuz.) {125}

Fünfter Auftritt.
(Ein dritter böser Engel erscheint, und tritt von hinten zu an den Schmidt. Dieser Engel ist von etwas ausgetrockneter, italiänischer Corpulenz, und führt eine heisere und sehr enrhümirte Sprache.)

Böser Engel.
Was kniest du vor des Menschen Sohn?
Steh‘ auf! dies Zeichen spricht mir Hohn.
Schmidt, deine Positur ist schlecht!

Schmidt.
Nein, Schelm, du lügst, sie ist ganz recht:
Ich knie vor meines Heilands Kreuz,
Und hab' der Welt und ihrem Reiz
Und dir dasjen'ge zugekehrt,
Was solchen Schelmen, wie euch, gehört.

Böser Engel.
Was? Ich ein Schelm? Blitz, Element!
Fort, sag' ich, Schmidt, fort den Moment!

Schmidt.
Nun, nun, gestrenger Herr, vergönnt
Mir wenigstens auf dieser Stätte,
Daß mein Gebet zu End‘ ich bete! {126}

Böser Engel.
Nur kein Gebet von langer Dauer!
Sonst wird das Stehen mir zu sauer.

Schmidt.
Ich weiß, ihr sitzt im Höllenpfuhl
Auf einem schönen, goldnen Stuhl.
Herr, wollt ihr euch nicht zum Ergetzen
Auch hier auf meinen Armstuhl setzen?
So lass‘ ich euch nicht wieder heim!

Böser Engel.
Ja – ist das Ding auch fest im Leim?
Denn sonst durch mein Gewicht, da drücke
Ich dir‘s sogleich in tausend Stücke: –
Ich weiß, der Schad' ist nicht sehr groß –
Aber mein Hintrer – verflucht! – Und der Stoß!
(hustet.)
Daß dich! – Huste du! – Geht's schon wieder loß?

Schmidt.
Sorgt nicht! Der Stuhl, der hält Euch wohl,
Und säßt ihr hundert Jahr'!

Böser Engel.
Parol'?
Wenn dem so ist – da bin ich froh:
Da wollen wir uns setzen – so! {127}

Schmidt.
Sitzt Ihr?

Böser Engel.
Ja, Schmidt, ich sitze fest!

Schmidt. (lachend)
Das ist, was sich beschwören läßt!
Nicht wahr? Ihr wolltet Gott vom Thron
Einst stoßen?

Böser Engel. (hustend)
Ihn und seinen Sohn!

Schmidt.
Hoch stehn dem Teufel die Gedanken!

Böser Engel.
Ein kühner Geist kennt keine Schranken.
Das ist des Teufels Kunst, hör‘ an,
Schmidt, daß er Alles werden kann;
Was ihm nur irgend wohlgefällt,
Das wird ein Teufel in der Welt:
Ein Engel aber fühlt nur seines Stand's Beschwerden:
(sehr heiser)
Er kann ja nichts – auch nicht einmal des Teufels werden!
(dehnt sich)
O weh! {128}

Schmidt.
Was gibt's?

Böser Engel.
O weh! o weh!
Ich krieg den Hintern nicht in die Höh!

Schmidt.
(der sich stellt, als wolle er ihm zu Hülfe kommen.)
Nicht in die Höh? Ei, ei man denke!

Böser Engel.
Laßt, laßt, ihr brecht mir ihn aus dem Gelenke.
Was ist das für 'ne verwünschte Pein!

Schmidt.
Das wird der hohe Thronstuhl seyn!

Böser Engel.
Was ist das für ein verwünschter Schmerz!

Schmidt.
So treibt man mit der Hölle seinen Scherz!

Böser Engel.
Was ist das für ein verwünschter Spott!

Schmidt.
So lernen die Teufel sich fürchten vor Gott.

Böser Engel.
Ihr seyd nichts Bessers werth, als daß der Tod euch holte,
Ihr grober, ihr verwünschter Hufschmidt von Apolde! {129}

Schmidt.
Ja, armer Teufel, Euch geschieht ein rechter Tort:
Da steckt, den Hintern fest, ihr fort und immer fort.
Nun in dem Armstuhl da, und schwitzt in dieser Falle,
Bis daß der Armstuhl selbst vor Alter einst zerfalle.
Ihr dummer Teufel ihr! Habt ihr denn voll Respekt
Das rothe Kreuz nicht hier vor meinem Haus entdeckt?
Was wollet Ihr denn auch vom Hufschmidt von Apolde?
Nie stand sein Fleisch und Blut in schnöder Wollust Solde.
Der Schmidt vertraut dem Herrn; er fürchtet seinen Gott,
Und ist kein solcher Schelm, der macht den Bauch zum Gott.
Er wird in Noth und Tod den Glauben nie verlassen:
Und darum wird er selbst auch dann noch nicht erblassen,
Wenn einst der Schatten-Fürst, der blasse Tod ihm ruft,
Und ihm sein Stündlein schlägt. –
(Eine Glocke schlägt drei Viertel.)

Eine Stimme.
Schmidt Adam!

Schmidt.
(Erschrocken will ins Haus. Ein vierter Engel, aber in einer lichten Gestalt, vertritt ihm den Weg. Dieser Engel spricht sehr langsam und monoton.)

Letzter Auftritt.

Schmidt.
Ha! wer ruft?

Engel.
Ich bin's, der Tod, du mußt nun mit mir in die Gruft! {130}

Schmidt.
Drei bösen Engeln hab' ich ihr Concept verdorben;
Dir folg' ich. Unser Herr ist einst ja auch gestorben!
Nur eine Bitte sey vorher dem Schmidt erlaubt:
Legt meinen Hammer mir zu meines Sarges Haupt!

Engel.
Mein Schmidt vergönnt sey dir ein solches Ehrenzeichen!

Schmidt.
So kann ich willig gern dir meine Hand auch reichen!

Engel.
Und ich dir meine, die gestillt manch Erdenweh!
(gibt ihm die Hand)
Du schauderst?

Schmidt.
Deine Hand, o Tod, ist kalt, wie Schnee!
(Die Glocke schlägt aus. Der Schmidt stirbt.)

Engel (der vor ihn tritt)
O Seifenblasenschaum! O Augenblickes Sohn!
O Mensch! O Schattentraum! O Staub! O Erd'! O Thon!
O nichtig-flüchtiges, minutenlanges Wesen:
Kaum angerührt von mir – bist du auch schon gewesen,
(Der Vorhang fällt.) {131}

Der Schmidt
vor der Himmelspforte

Nachspiel
zum
Schmidt von Apolda {132}

Personen:

Unser Herr.
St. Petrus
Der Schmidt.
Zwei böse Engel.
(Die Scene spielt erst zu Apolda vor der Schmiede, und nachher vor der Himmelspforte.) {133}

Erster Auftritt.
(Die Schmiede zu Apolda. Davor das rothe Kreuz. Der Armstuhl ist leer. Wie der Vorhang aufgezogen wird, hört man einen plözlichen Donnerschall.)

Böser Engel (an der Nageltasche.)
(Der davon aufwacht und sich die Augen ausreibt.)
Was seh' ich? Seine Stätt' ist leer?
Wo blieb der Meister Luzifer?

Böser Engel.
(auf dem Apfelbaum.)
Indeß du schliefst, ging er davon!

Der Erste.
Sag, wie erlangt‘ er den Pardon?

Der Zweite.
So fest er auf dem Stuhle saß,
So schien es ihm doch nur ein Spaß; {134}

Wohl sann er hin, wohl sann er her
Der kluge Meister Luzifer,
Und bald fiel ihm ein Mittel ein,
Sich von dem Stuhle zu befrein!

Der Erste.
Das Mittel mögť ich auch wol wissen.

Der Zweite.
Es läßt den Meister nicht vermissen!
Ich selber kam nur zum Beschluß:
Der klang fast wie ein Büchsenschuß,
So daß davon in seinem Rücken,
Der Stuhl zersprang in tausend Stücken;
Dann fuhr er lachend in die Höh',
Mir ist's noch, als ob ich ihn säh‘
Und rief vergnügt: „Es ist kein Bann,
Den ein Genie nicht lösen kann!”

Der Erste.
Ja, ja, der Meister ist ein Kopf,
Dagegen bleibt unser eins nur ein Tropf!
Wir werden hier wohl ewig hocken.
Doch horch! – Was lauten so die Glocken?
Sprich! sprich! Was wimmelt außer Maßen
Das Volk daher auf allen Straßen? {135}

Der Zweite.
Das gilt dem Schmidt, den ganz Apolde
Zur Ruhstatt heut geleiten wollte,
Am dritten Tag nach seinem Tode.
Es kommen die Männer von Tannerode!
Es finden die Hirten von Blankenhayn,
Mit ihren Lämmerpfeifen sich ein.
So sehr sind sie dem Schmidt gewogen,
Daß jedes den Beichtrock angezogen:
Es schreitet das muntre Jägerkorps
Vom hohen Ettersberg hervor,
Wol aus der Ferne, wol in der Näh‘,
Von Kranichfeld und von Schwanensee;
Aus der goldnen Aue und von Fiedelhausen
Die Einwohner bleiben auch nicht außen;
Es brausen daher, wie Meereswogen,
Es kommen in Schaaren herbeigezogen,
Der lust’ge Michel, des Schenkwirth’s Suse,
Und aus der Mühle auch der Gruße;
Und alle wollen dem Angedenken
Des Schmidts ein Vater Unser schenken.
Denn schniffelt' er gleich nicht immer im Gebetbuch;
Doch stand er beim Volk in gutem Geruch;
Und, gält‘ ein Glaube bloß nach Thaten;
So wöge der seine viele Dukaten. {136}

Der Erste.
Der Kerl wird gar zu sehr honorirt:
Er hat's an uns nicht meritirt! –
Nun wird er wohl in der Hölle seyn;
Da tränkt's der Meister ihm tüchtig ein!

Der Zweite.
Der Meister, der ist froh, gib Acht,
Wenn ihm Schmidt Adam selbst nur keinen Possen macht.

Der Erste.
Ja, wenn ich's bedenk', so hast du Recht;
Der Schmidt ist gar ein böser Knecht!

Der Zweite.
So ein Schmidt mit seinem Schurzfelle!
Der fürchtet sich weder vor Himmel noch Hölle!

Der Erste.
Der Hammer, in seiner rechten Hand. –

Der Zweite.
Dumm, daß der Tod ihm den zugestand!

Der Erste.
Es ist ein Hammer von funfzehn Pfunden!
Was will er mit diesem Ballast unten? {137}

Der Zweite.
Ich fürchte selbst, daß es schlimm abläuft,
Und daß er sich noch an Manchem vergreift!

Der Erste.
So lang der Schmidt im Höllenrevier:
So macht mir der Aufenthalt kein Plaisir!

Der Zweite.
Drum spiel‘ ich das Sich're und bleibe dahier;
Denn das muß ich sagen, so mein Stand
Hier auf dem Apfelbaum ist recht plaisant!

Der Erste.
Doch horch! Jetzt hebt das Läuten doppelt an!

Der Zweite.
Ein Zeichen, daß sie sich dem Kirchhof nahn!

Der Erste.
So fehlt’s ihm nicht an zeitlichen Ehren:
Die Glocken lassen sich lieblich hören!

Der Zweite.
Das macht die heitre Sommerluft. {138}

Der Erste.
Jetzt stehn sie mit ihm bei der Gruft,
Schön Bahr und Sarg; ein eichner Knauf;
Zwei Silberbeschläge oben drauf; -
Ich seh' es hoch vom Apfelbaum:
Der Kirchhof faßt die Menge kaum –
Voran im Zug des Schmidts Verwandten,
So schwarz gekleidet wie Kommunikanten.
Sie schluchzen unter dem Kirchhofsthor
Und halten jedes ein Schnupftuch vor.
Der Pfarrer schickt sich zum Sermone.
Die Träger, jeder mit einer Citrone,
Sie treten um die Todtenbahr.
Der Cantor auch singt hell und klar,
Mit lang’ und angehalt’ner Not‘:
„Unser braver Schmidt Adam ist todt!“
(Hinter der Scene angebrachte Chöre wiederholen diesen Ausruf in immer tiefer und absteigender Tonfolge. Dazwischen eine jedesmalige Begleitung von sanftgedämpften Blasinstrumenten.)

Erster Chor.
Unser braver Schmidt Adam ist todt!

Zweyter Chor.
Unser braver Schmidt Adam ist todt! {139}

Dritter Chor.
Unser braver Schmidt Adam ist todt!

Der böse Engel (auf dem Apfelbaum.)
Ja, singt nur, singt ihm Klag‘- und Trauerlieder:
So einen kriegt Apolda nimmer wieder!
Doch jetzo sind die Glocken auch verhallt,
Und das Begräbniß endet alsobald.
Sieh, mit dem schwindenden Gesumm von Glockenschlägen,
Zerstreut das Volk sich nun auf allen Wegen.
Am Kirchhof lagert sich ein Theil im Lindenduft;
Der andre geht daheim, wo sein Geschäft ihm ruft;
Doch alles wirft vorher, mit trauriger Gebehrde,
Dem Schmidt auf seinen Sarg noch eine Hand voll Erde. –
Und jetzt kömmt auch zurück der Leichengäste Schaar:
Schon nehm' ich, nach dem Haus, zwei Trauermäntel wahr.

Böser Engel (an der Nageltasche.)
Still! Würden wir von ihnen wahrgenommen,
Hilf Gott, das könnt uns beiden schlecht bekommen! {140}

Zweiter Auftritt.

Die Unterwelt.
(Auf der einen Seite der Eingang zur Hölle, auf der andern der Eingang zum Himmel. Schmidt Adam, der mit seinem Hammer aus den Pforten der Hölle hervortritt.)
Als ich zuerst in die Hölle kam,
War Niemand zu Haus, als 'ne alte Madam,
Um welche viel kleine Junkerchen rannten,
Welche sie ihre Großmutter nannten.
Die Alten hatten sich, aus Respekt
Vor meinem Hammer, alle versteckt:
Doch das muß ich sagen, in aller Welt,
So galant hätt' ich's mir nicht vorgestellt:
Die kleinen Teuſel, geziert mit Schwänzen,
Scharrten mit höflichen Reverenzen,
Gar zierlich frisirt mit hohem Toupee:
Das stand ihnen, wie ein Hahnekamm in die Höh',
Sie nannten mich Herr Adam und Mousje;
Die Großmutter kochte mir einen Kaffee;
Denn Kaffee zu trinken, aus vollen Tassen,
Das können sie selbst in der Hölle nicht lassen!
Sonst leben sie auf honettem Fuß;
Sie haben Alles im Ueberfluß.
Oefen, wie wir sie in Thüringen brauchen;
Nur daß sie nicht so höllisch rauchen.
Auch sah ich des Lucifer Ehren-Garde. {141}

Und dabei ist wieder das Aparte,
Daß sie nicht unten – die bei den Thieren,
Sondern oben die Zöpfe führen
Und mit Regenschirmen paradiren.
Ich hatte dergleichen nie gesehn
Und befrug deßhalb einen Herrn Kapitän:
Warum denn hier zu Land die Soldaten
Ihren Dienst mit Regenschirmen thaten?
Und dessen Antwort, die war so:
„Mein lieber Schmidt, sey deß ja froh,
Daß du ein Schmidt, zu dieser Frist,
Und nicht ein armer Teufel bist!
Denn wisse – seitdem wir zu Schimpf und Spott
Geworden, so gibt sich der liebe Gott
Auch nicht mehr die Müh', uns niederzublitzen.
Wiss', zu St. Michaels Geschützen
Gehören zwei große Feuerspritzen,
Die ihm, mit sämmtlichem Zubehör,
Verfertigt ein alter Ingenieur,
Die sind postirt vor dem Himmelsthor;
St. Michael steht selbst davor,
Um sie im Nothfall zu dirigiren.
So bald es nun heißt, daß wir Teufel marschiren,
Und daß wir uns dem himmlischen Plan,
Auf einen Büchsenschuß nur nah'n:
So geht vom kleinsten Ruck und Stoß
Das Feuerspritzendruckwerk loß. {142}

Wir werden bis auf die Haut da naß;
Ich kann Euch versichern, das ist kein Spaß!
Denn dieweil von der Gluth in der Höll‘
Immer gar sehr erhitzt unser Fell:
So kann aus den verfluchten Spritzen
Das kalte Wasser uns wenig nützen,
Es unterdrückt die Transpirazion,
Und da entsteht denn nichts Gut's davon,
Wohin man sieht in der Armee,
Gibt's nichts, als Rheumatismen und Zahnweh:
Der eine Teufel hat Ziehn im Nacken,
Der zweite einen geschwollenen Backen;
Der dritte Ohrenzwang und Fluß;
Und kurz, die ganze Armee, sie muß,
Noch eh wir dem Feind am Zeuge was flicken,
Schon wieder in die Winterquartiere rücken.
Dieß ist der Grund warum die Armeen
Sich bei uns mit Regenschirmen versehn!
Die sollen vor den Feuerspritzen,
In Zukunft uns den Kopf beschützen.“ –
Ich mußte lachen, als ich dieß thät hören;
Denn ich merkte, daß sie arme Teufel wären.
Doch, um auf das Kapitel zu kommen,
Wovon ihr noch kein Wort vernommen:
Warum die Kleinen und die Großen
Mich eben jetzt aus der Hölle gestoßen, {143}

So sollt Ihr wissen: 's ist heut dort Ball,
Oder, wie sie es auch nennen, Vaux-Hall.
Denn die Jungfern, wie droben eben,
Sind auch gar sehr dem Tanzen ergeben,
Und kaum daß die Alten den Rücken wandten,
So ließen sie kommen sogleich Musikanten.
Indeß die Kapelle nun musicirte,
Ich aber so auf und ab spazierte,
Kam ich in eine der Nebenstuben.
Hier saßen ein Paar hübsche Buben,
Vor einem Kamin, die Tabak rauchten,
Wobei sie diese Methode gebrauchten,
Daß sie mir und andern die Ehr‘ erwiesen,
Und den Rauch uns unter die Nase bliesen.
Vor jedem stand ein Becher Likör,
Den machten auf einen Zug sie leer.
Ich merkte sogleich an diesen Manieren,
Daß es zwei vornehme Junker wären,
Und befrug sie mit vielen Complimenten:
Ob sie denn das Vater unser auch so gut könnten?
Da lachte, was der Satan nicht thut,
In's Fäustchen die kleine Teufelsbrut;
Aber das Lachen bekam ihnen schlecht.
Denn nun zog ich, nach Fug und Recht,
Dahier, unter meinem blauen Rocklor,
Meinen großen eisernen Hammer hervor, {144}

Den ich mitgebracht von Apolde,
Und der gute Dienste mir leisten sollte,
Hub an und sprach mit Nachdruck so:
„Lieben Junker, seyd deß ja froh!
Alldieweil von Nutz' und von Nöthen,
Daß wir das Vater unser hier beten,
Sperrt euch nur nicht! 's ist Gott's Geheiß;
Und wer das Vater unser nicht weiß:
Der bekommt mit meinem Hammer hier mitten
Auf sein Fell alle sieben Bitten
Und zehn Gebote so eingeschrieben,
Daß er lernt Gott und den Nächsten lieben.
Die Junker sahen mich dummdreist an;
Doch wie sie den Ernst in der Sache sahn,
Und daß hier weder Aufschub noch Frist,
So fingen sie an: „Vater unser der du bist”
Und so fort, bis zum „geheiligt werde dein Namen,”
Wobei sie dann manchen Schlag bekamen.
Denn mein Hammer, nachdem sie ihn ein Mal versucht,
Erhielt sie in einer solchen Flucht,
Daß leichenblaß der Eine davon
In der siebenten Bitte Lection,
Als: „Erlös‘ uns vom Uebel ” er sagen wollte:
Er stotterte: Erlös uns vom Schmidt zu Apolde!" –
Dabei zuckten den Hintern sie in die Höh,
Hüpften vor mir herum, wie die Flöh,
Und schrien in einem weg: „Auweh!“ {145}

Als ihre Großmutter dies vernahm:
Wie wüthend sie auf mich gelaufen kam,
Und schalt mich so: „Du grober Gauch!
Ist das für einen Gast der Gebrauch?
Was willst du mit deiner dummen Lection?
Was die Junkerchen brauchen, das wissen sie schon.
Warum läßt du die Püppchen mir nicht in Ruh?
Du Schelm, du grober Schmidt, willst du
Mir den zarten Kindern die Glieder verstauchen?
Deinesgleichen wir nicht in der Hölle brauchen! –
So haben sie, ohne besondere Exküsen,
Mich aus dem höllischen Schornstein verwiesen.
Ich will sie auch deshalb nicht verfluchen,
Sondern mein Glück nun in Himmel versuchen.

Dritter Auftritt.
Der Schmidt, St. Petrus.

Schmidt.
(klopft an die Himmelspforte.)

St. Petrus (von drinnen)
Holla, Wer klopft?

Schmidt.
Bin ich hier recht? {146}

St. Petrus.
Was willst du hier, du böser Knecht?

Schmidt.
Ich möchte gern in's Himmelreich!

St. Petrus.
Ei Schmidt, das geht hier nicht sogleich!
Gedenk nur an dein Sündenleben,
Wie du dem Fluchen dich ergeben!

Schmidt.
Herr Petrus, schreibt mir aus Pardon!

St. Petrus.
Nichts! Fort von hier, du Sündensohn!
Nicht in den Himmel – in die Hölle –
Dort unten, da ist deine Stelle!

Schmidt.
Dort haben sie mich auch verstoßen.

St. Petrus.
So stehst du, Schelm, bey Klein und Großen! {147}

Schmidt.
So gebt mir denn ein gut Stück Geld,
Und schickt mich wieder auf die Welt.

St. Petrus.
Nie siehst du Schmidt des Himmels Licht;
Auch nach Apolda kömmst du nicht!

Schmidt.
Herr Petrus, öffnet alsobald;
Wo nicht – so brauch' ich hier Gewalt!

St. Petrus.
Gewalt? das will ich sehn!

Schmidt.
Ihr wollt's?
Nun gut, Herr Petrus, gut, ihr sollt's!
(klopft an die Hölle).

St. Petrus.
Was hast du vor?

Schmidt.
Ihr seyd's zufrieden;
Ich will mir einen Schlüssel schmieden, {148}

Der schließt mir auf die Himmelspforte:
So gibt man Euch nicht gute Worte!
(klopft aufs neue)
He, holla, heda! aufgemacht,
Und einen Ambos hergebracht,
Gleich an den Eingang von der Hölle.

Zwei böse Engel (von drinnen sehr höflich.)
Sogleich, mein werther Schmidtgeselle!

St. Petrus.
Verwegner Schmidt! Er ist's im Stand!
Ich weiß, er trieb im Sachsenland
Zugleich die edle Schlosserkunst.
Den Teufeln liegt an seiner Gunst;
Sie kommen höflich ihm entgegen.
(Die Pforten der Hölle öffnen sich. Man sieht den Schmidt, wie er mit Hammer und Schurzfell vor einem Ambos dasteht. Man hört ihn nach dem Takt der Musik schmieden und feilen. Einige böse Engel thun ihm dabey Handreichung. Der eine tritt ihm den Blasebalg; der zweite hält ihm die Zange; kurz Alles, wie in der Schmiede zu Apolda.)

St. Petrus.
Sein Einfall kommt mir ungelegen;
Schon hör ich, wie von kräft‘gen Schlägen
Die ganze Hölle wiederschallt. –
Nun ist der Schlüssel fertig bald! {149}

– Jetzt kommt er schon in vollem Lauf: –
Nun schließt er mir den Himmel auf!

Schmidt.
(vor der Himmelspforte)
Laß sehn, ob ich es recht getroffen:
(probirt den Schlüssel)
Der Schlüssel schließt! Das Thor ist offen!
Was sagt Ihr, Petrus, mein lieber Gesell?

St. Petrus (sehr unruhig)
St. Michael, St. Gabriel,
Ihr guten Engel, all herbey!
Macht von dem Schelm, dem Schmidt, uns frei!

Schmidt (mit aufgehobenem Hammer)
Herr Petrus, Eisen oder Stahl –
Ich leid's nicht, ein für allemal!
Ich bin kein Schelm!

St. Petrus.
Marsch, pack dich fort!
Der Himmel ist für dich kein Ort!

Schmidt.
Ho, ho, Ihr sprecht aus solchem Ton,
Als wärt ihr selbst des Menschen Sohn! {150}

St. Petrus.
Er kömmt, den alle Völker preisen,
Und wird dir gleich die Wege weisen.

Vierter Auftritt.
(Unser Herr, umgeben von seinen heiligen Engeln und Heerschaaren, erscheint in den Wolken und über der Himmelspforte. Die Engel legen ein neues Vorhängeschloß vor die Himmelspforte.)

Unser Herr.
Was für ein Lärm? Was für Gebraus
Erschallt vor meinem Gotteshaus,
Und wagt, beym Hallelujah-Singen,
In der Gerechten Ohr zu dringen?
Es ist nicht fein, daß man die Chöre,
Die auserwählt, zu Gottes Ehre,
Ein Loblied singen, also störe!
(Indem er Schmidt Adam gewahr wird.)
Wer ist der Mann? Sagt, was er wollte?

St. Petrus.
Das ist der Hufschmidt von Apolde,
Der mit Gewalt zum Himmel wollte! {151}

Unser Herr.
Schmidt, denk an deinen Lebenslauf!
Dir schließt man nicht den Himmel auf!

Schmidt.
O Herr, gedenk' auch du hinfort
An dein uns zugesagtes Wort!
Du kamst, auf Erden zu erscheinen,
Und sprachst: Wer der Geringsten eine
Mit Speis' und Trank erquicken kann,
Es ist, als hätt' er's mir gethan.

Unser Herr.
So ist dir dieser Spruch bekannt?

Schmidt.
Ich nahm die Bibel oft zur Hand,
Die uns des Mannes Gottes Kraft,
Herrn Luthers Dolmetschung, verschafft.
Und was ich las, Herr, ich auch übte!
Dieweil ich stets die Brüder liebte,
Und auch für sie von Anbeginn
Gern in den Tod gegangen bin.
Den armen Pilger, der gereist,
Den Hungrigen hab' ich gespeist; {152}

Den Durstigen hab' ich getränkt;
Dem Nackenden ein Kleid geschenkt.
Ich sag' es nicht, damit zu prahlen,
Nein, um dir meine Noth zu malen;
Denn die, o lieber Herr! ist groß.
Die Kirche stößt mich aus dem Schoos;
Der Hölle kann ich auch nicht frommen,
Und doch muß ich wo unterkommen!
Wenn Höll' und Himmel mich nicht wollte:
So schickt mich wieder nach Apolde!
Nur rettet mich vom Müßiggang;
So wird die Zeit mir gar zu lang!
Herr Joseph ist ein Zimmermann:
Vielleicht, daß der mich brauchen kann!
Der Himmel hat zwey schöne Thüren;
Vom vielen Aus- und Einpassiren
Gibt's da gewiß zu repariren;
Der Schlüssel schließt auch oft nicht recht:
Das Alles nun versteht dein Knecht!
Gar sehr kann Euch mein Fleiß hier nützen:
Ich will ja nicht zu Tische sitzen
Mit Isaak und mit Abraham:
Wenn ich ein Pläzchen nur bekam,
Wie es dem Aermsten wird vergönnt,
Im Winkel, ohne Compliment‘.
Ich bin mit Allem ja content. {153}

Ich will St. Görgen sein Pferd beschlagen,
Ich will Herrn David die Harfe tragen,
Ich will die Becken lassen klingen,
Und wenn die Auserwählten singen,
Will ich dazu vor Freuden springen:
Hallelujah, Hallelujah!
Mein Herr und Meister, so sagt doch ja!
(kniet nieder)
So hab‘ ich, was mein Herze nagt,
Vor meinem Heiland hier geklagt:
Verzeih nun meiner armen Seele,
Du Hort der Gnaden, ihre Fehle!

Unser Herr.
Steh auf, o Schmidt! vernimm mein Wort,
Und sündige nicht mehr hinfort!
Weil Reue dir zerknirscht die Brust:
So gehe ein zur Himmelslust!
Nur fluche künftig nicht so sehr;
Das ist mein einziges Begehr.

Schmidt.
Hohl mich der Kukuk! – Aber nein!
Ich will's auch damit lassen seyn!

Unser Herr.
Recht so, mein Schmidt, der Fronmen Mund
Macht besser Singen und Beten kund. (zu Petrus) {154}

Und jetzo schließ nach meinem Worte
Ihm, Petrus, auf die Himmelspforte!

St. Petrus.
Dem Schelm? Nein Herr, das laß ich bleiben,
Der sollt‘ uns bald hier selbst vertreiben!
An Zöllnern und Sündern das Himmelreich,
Durch deine Gnade, wird allzureich:
Es ist kein Stuhl mehr da zuletzt,
Worauf sich ein Apostel setzt,
Wird dieser Schmidt hier nicht verdammt,
So dank' ich ab vom Schlüsselamt,
Den Kukuk hat er schon citirt,
Und ist noch nicht introducirt:
Kömmt in den Himmel er herein:
So folgt der Feind ihm hintendrein.

Schmidt.
Ei, ei, Herr Petrus, nur Geduld!
Seyd Ihr denn frei von Sündenschuld?
Macht mich so schwarz ihr immer wollt:
Ich weiß, ich steh' im Sündensold:
Doch was sich auch mit mir ereignet,
Nie hab' ich meinen Herrn verläugnet,
St. Petrus, so wie Ihr gethan.
Nie hat um mich gekräht der Hahn:
Und keines Hohenpriesters Magd
Hat Lug und Trug mir nachgesagt. {155}

Unser Herr.
Was seh' ich? Petrus wendet sich,
Und geht und weinet bitterlich?
Ihm fallen seine Sünden ein;
Komm treuer Knecht, ich kann verzeihn.
Nur trag' auch du mit andern armen
Verirrten Sündern gleich Erbarmen!
Ich weiß es, Petri Herz ist gut.
Du bist gerecht, durch Christi Blut.
Kein Sünder wird von mir verstoßen,

St. Petrus.
Komm, Schmidt! Die Thür ist aufgeschlossen!

Schmidt.
O dank dir, lieber Herre mein!
Ich wußt‘ es wohl, ich kam hinein!
Ich sagt es immer zu Apolde,
Daß ich einst selig werden wollte:
Allein sie glaubten mir es nicht:
Nun fällt es jedem in's Gesicht!
(Am Eingang des Himmels, und gegen die Pforten der Hölle gewendet.)
Ja dumme Teufel seyd ihr, arme Schelm' und Pracher,
Ihr aller Menschen Feind' und Gottes Widersacher:
Wie? Saht ihr denn nicht ein, daß Gottes Rathschluß wollte, {156}

Daß euch zur Straf und Zucht der Hufschmidt von Apolde,
Und nicht für seine Sündenschuld,
Denn die verzieh' ihm Gottes Langmuth und Geduld,
Herunter in die Hölle kommen sollte?
Nun sitzt ihr ewig da und brennt im Schwefelpfuhl.
Indessen ist dem Schmidt vor Gottes Thron gar wohl!

Unser Herr.
Ja selig seyd ihr all’ in Christi Namen,
Wer an mich gläubet, sage Amen! {157}

IV.
Die lustigen Historien von der
Gimpelinsel,
meinem Aufenthalt im Mond, so wie von Gimpel, dem Hundert und Fünf und Funfzigsten, der daselbst noch vor kurzem regiert hat. {159}


Einleitung.
Wie der Autor mit Herrn Murhard nach Constantinopel und von dort allein über Bagdad in den Mond reiset.
1804.

Im Jahr 1801 reiste ich mit dem, durch seine glaubwürdigen Reisebeschreibungen vom Orient seitdem unter uns so berühmt gewordenen Herrn Friedrich Murhard nach Constantinopel. Zu Perä, dieser türkischen Vorstadt, wo ich das letzte Mal die Ehre hatte, mit ihm zusammen zu treffen, trennten wir uns. Er ging nach Europa zurück, ich aber begab mich nach Bagdad, um von dort aus geradeswegs in den Mond zu reisen. Da ich so wenig, wie Herr Murhard, ein Freund von romantischen Abenteuern, oder gar von unwahrscheinlichen Erdichtungen bin, so will ich den geneigten Leser nur mit den Hauptsachen meines Aufenthalts im Monde summarisch bekannt machen, mich aber dabei auf das genaueste an die {160}

Wahrheit halten. Zu Bagdad lernte ich einen alten Derwisch kennen, der einen von den vielen und schönen Gärten am Euphrat bewohnte, und, wie man mich versichert hatte, das Geheimniß besaß, Sonne, Mond und Sterne so oft, wie er wollte, vom Himmel niedersteigen zu lassen. Ich schloß mit Recht, dieser Mann könne mir zur Ausführung meines alten Lieblingsplanes behülflich seyn, und ging deßhalb zu ihm und machte ihm meinen Besuch. Ich fand ihn in seinem Garten, wo er unter den Dattelbäumen auf- und abspazierte. Daselbst erfuhr ich nun aus seinem Munde, daß er besonders mit dem Monde schon seit vielen Jahren in der vertraulichsten Gemeinschaft lebe. Von Anfang an hatte sich die Sache solchergestalt zwischen ihnen angesponnen. Von Natur aus ist der Mond doch sehr eitel und neugierig. Nun hatte der Derwisch bemerkt, daß er alle Abend in seinen Hof kam und sich fast stundenlang in einem daselbst befindlichen krystallhellen Brunnen spiegelte. Einst, als er eben wieder unten war, lief der Derwisch hinzu, bedeckte den Brunnen mit ein Paar Dielen, so daß der Mond nicht wieder heraus konnte, und ihm deßhalb die schönsten und freundlichsten Worte geben mußte; denn er befürchtete mit Recht, wenn er zu lang ausbliebe, würde es am {161}

Himmel böse Gesichter setzen, und die Sonne ihn, ihrer Gewohnheit nach, wegen seines übermäßigen Herumschwärmens, tüchtig ausschelten. „So erbarmte ich mich denn endlich des armen Schelms, fuhr der Derwisch in seiner glaubwürdigen Erzählung fort, ließ ihn wieder auf freien Fuß und seitdem sind wir die besten Freunde geworden!“ Als ich ihn weiter fragte: ob er mir keinen Paßport in den Mond verschaffen könnte, gab er mir zur Antwort: nichts sey leichter, und er selbst sey schon zu verschiedenen Malen in diesem Planeten gewesen. Ich sollte nur noch einige Zeit zu Bagdad bleiben; die Sache würde sich sodann schon ins Werk richten lassen. Acht Tage nach diesem Gespräch führte er mich in eine der herrlichsten Gegenden vor Bagdad, jenseits des Euphrats, wo die Gärten Mohammeds liegen, welche die Moslemin auch die Gärten des Paradieses nennen; denn die Sage erzählt von ihnen, daß der Prophet aus ihrer Mitte verschiedentlich in den Mond und das Paradies stieg und sich bei dieser Gelegenheit des beflügelten Thieres Alborak zu bedienen pflegte. Am Eingange dieses heil. Orts schied mein Begleiter von mir. Die Sonne neigte sich bereits zu ihrem Untergang, und Alles verschwamm in ihren röthlichen Strahlen, als ich plötzlich vor {162}

einem Paar sapphirner Pforten dastand, hinter deren oberstem Kapital ich die leuchtende Gestalt eines Engels mit einem bloßen hauenden Schwert in der Hand gewahr wurde. Noch zitterte ich, von diesem Anblicke betroffen, als beide Pforten, wie von unsichtbaren Händen eröffnet, aufgingen, und mir den freien Eintritt in diese paradiesischen Gärten verstatteten, die seit Adam und Mohammed kein sterblicher Fuß wieder betreten hatte. Schauer der Ehrfurcht durchdrangen mein Innerstes, als ich die hohen Wipfel der Cedern, unter deren Schatten einst der Herr wandelte, und die, gleich eben so viel aufgeschlagenen Jahrbüchern, von den Verheerungen der Sündfluth erzählen konnten, in melodischem Sturm über meinem Scheitel rauschen hörte.
Tiefer herein verlor die Gegend von ihrer schreckenden Majestät, und gewann einen mehr lieblichen und idyllenartigen Charakter. Hier lagen die Nebenpfade so mit dem Schnee der Orangenblüthen bedeckt, daß der Fuß Mühe hatte, nur einigermaßen durchzukommen, und von den Bäumen und würzhaften Stauden regnete es unaufhörlich Balsam und allerlei Wohlgerüche. Die liebliche, die nie gehörte Musik der, wie Sphärenklang, überall emporrauschenden Springbrunnen; der Gesang mir völlig {163}

unbekannter Vögel, der sich von Millionen Kehlen und aus allen Zweigen ergoß; der reizende Schmelz so vieler orientalisch üppiger Blumen und Gewächse, die den Widerschein von tausend Farben meinem Auge so frisch entgegenspielten; alles dieses wiegte mich in einen so süßen Traum des Entzückens, daß ich fast bei jedem Schritt, den ich vorwärts that, das Gelübde erneuerte, diesen Ort der Ruhe nie wieder zu verlassen, sondern ewig im Paradiese zu bleiben, und daselbst meine Tage in einem heiligen und unbefleckten Lebenswandel gottgefällig zu beschließen. Unter diesen schwärmerischen Betrachtungen hatte ich ohngefähr die Mitte des Gartens erreicht, wo mir plötzlich ein hoher Baum in die Augen fiel, an dessen Wipfeln die schönsten Aepfel hingen, und um dessen Stamm und Krone sich eine der schönsten Schlangen recht langsam majestätisch in unzähligen Ringen auf- und abbewegte. Ich schloß sogleich aus diesen Umgebungen, daß diese Schlange die Schlange des Paradieses und dieser Baum der Baum der Erkenntniß des Guten und Bösen sey. Nicht weit davon erblickte ich auch auf einem hohen und vielleicht nie erstiegenen Berge die Ueberbleibsel eines alten und ganz schwarz verwitterten Schiffgebäudes. – Ein Rabe, so wie eine Taube, mit einem Oelzweige, {164}

die unaufhörlich zu diesem Kasten auf und abflogen, ließen mich vermuthen, daß dieser Berg  Ararat, und dieser Kasten kein anderer als der Kasten Noahs sey.
Was mich aber am meisten in Verwunderung setzte, war ein ungeheuer großer Kürbis von so üppigen Ranken, schönem Wuchs und so goldfarbiger, lieblicher Frucht, daß ich einräumen mußte, all mein Lebtage nichts Schöneres und Sinnenlockenderes gesehen zu haben. Aus einem verzogenen Namenszug, den ich in seiner Rinde bemerkte, erkannte ich ihn sogleich für den Kürbis des Propheten Jonas. Je länger ich übrigens vor demselben stand, und ihn betrachtete, je unbezwinglicher erwachte in meinem Herzen die Sehnsucht, mir ein Stück davon abzuschneiden und zu kosten. Zuletzt faßte ich mir Muth, und ging wirklich an die Ausführung meines Vorhabens. Aber – o Wunder! – kaum hatte ich mit meinem Messer einen Schnitt in die Frucht gethan, so fühlte ich, daß wie etwas in dem Baum Verhaltenes und gleichsam Lebendiges mir das Messer bis ans Heft in die Rinde zog. Ich wollte es fest halten – aber ein neues Wunder! – meine eigene Hand gerieth plötzlich darüber ins Stocken. Ich sträubte mich, ich zog, was ich konnte; aber nicht nur, {165}

daß dieselbe nicht losging, auch mein Arm, meine Füße, mein Kopf, so wie alle übrigen Theile meines Körpers, mußten nachfolgen, so daß ich, eh' ich mich dessen versah, wie eingekrochen, mitten in dem Kürbis da saß, der sich zu gleicher Zeit von seinem Stiel ablöste, und mit der Schnelligkeit eines Vogels mit mir davon in die Luft flog.
Anfangs, und wie ich mich so plötzlich in der Luft befand, ich will es nicht läugnen, erschrack ich ein wenig; nachher aber und wie ich sah, daß Alles so gut für mich ablief, dachte ich an das Versprechen meines alten Derwisches, wegen der Mondreise, und fühlte mich unweit ruhiger. Bald auch erwachte die Neugierde und ich wollte wissen, wo ich war. Ich schnitt mir demnach ein Paar runde Oeffnungen in den Kürbis, für jedes Auge eins, wo ich denn nach Herzenslust mich nach allen Seiten umblicken konnte. Der Abend gehörte zu den schönsten meines Lebens: wir hatten gerade Mondschein; auch die Sterne überschütteten mich mit einem überschwenglichen Lichtglanz, und jeder derselben schien mir in der Nähe fast so groß, wie ein Mond zu seyn. Was mich aber am meisten erfreute, war, daß unser alter Erdball, je weiter ich mich von ihm entfernte, sich zuletzt förmlich in einen Mondball {166}

verwandelte, der mir, seinem alten Bewohner, gleichsam wie ein treuer und alter Lohnbedienter die Laterne vortrug und mit seinem Licht unter der Thüre nachleuchtete. Drei Tage und drei Nächte ging unsere Fahrt ununterbrochen vorwärts; also, daß eben so, wie sich Jonas drei Tage und drei Nächte hinter einander im Wallfisch befand, ich auf gleiche Weise von mir sagen kann, daß ich auch drei Tage und drei Nächte hinter einander in diesem Kürbisse zugebracht. Wegen des Proviants brauchte ich übrigens nicht verlegen zu seyn; denn, so oft mich hungerte, schnitt ich mir nur ein Stück von meinem Kürbis ab, der so erquickend schmeckte, wie der schönste Ananas. Auch sammelte sich eine Menge erfrischendes Wasser in seinen Vertiefungen, dessen ich mich häufig als Trunks bediente, so oft mich durstete, wo ich mir sodann jedesmal mit einem Stück Schaale etwas davon ausschöpfte. Am dritten Tage nach meiner Abreise, Morgens früh um 5 Uhr den 5ten Juni 1801 christlicher Zeitrechnung, als ich eben bei starkem Nebel vor Müdigkeit ein wenig die Augen zuthun und schlafen wollte, fühlte ich unter meinen Füßen wie einen plötzlichen Stoß, wovon ich sehr erschrocken aufwachte. Ich eröffnete meine Augen und sah, daß ich mich nun wirklich im Monde be- {167}

fand, und daß sich mein Kürbis mit mir auf eins der höchsten Mondgebirge, in der äußerst romantischen Gegend des Mare Serenitatis, nie dergelassen hatte. Bald darauf hörte ich ein Geräusch, wie von vielen tausend Flügeln, und ein Pfeifen, wie von Gimpeln, welche dem Klang der Lockpfeife nachgehen. Zugleich sah ich ein zahlreiches Volk von Vögeln mit Menschengesichtern, das sich am Fuß eines Berges in einer weitläuftigen Ebene versammelte, deren Prospekt sich mit einem Kranz unzähliger Dörfer, Seen und zuletzt mit einer ansehnlichen Stadt schloß. Der geneigte Leser kann leicht erachten, daß mir bei diesem Anblick wunderlich genug zu Muthe wurde; denn, wie konnte ich wissen, daß diese Creaturen nicht sammt und sonders eine Art vernünftiger Raubvögel, und das Rohr, das sie in ihrer Hand hielten, nicht eine Art von Schießgewehr wäre? Schon unterwegs war es mir ein Paar Mal begegnet, daß einige listige Diebe von Kirschvögeln, deren es in der Gegend des Mondes außerordentlich zahlreiche Colonnen und zwar von ungeheurer Größe giebt, meinen Kürbis für eine gute Prise angesehen und tüchtig auf ihn zugestoßen hatten, vermuthlich um mich selbst, sobald sie seiner habhaft würden, wie einen Kern, herauszupicken. Bloß der außer- {168}

ordentlichen Schnelligkeit, womit derselbe flog, hatt‘ ich es zuzuschreiben, daß ich ihrer Raubbegierde glücklich entkam: jetzt aber, wo alle Hoffnung zur Flucht für mich abgeschnitten war, was durfte ich mir versprechen, im Fall sie mit vereinigtem Angriff auf mich losgingen?

Wie ich aber in der Folge erfahren habe, so ist meine Furcht damals ziemlich ungegründet gewesen; denn der Leser, der ohnedies vermuthen wird, daß ich nun auf der Gimpelinsel angelangt bin, soll wissen, daß es nichts als Gimpel der friedlichsten Art, nämlich akademische Mondgimpel waren, die sich in dieser Ebene, jeder mit einem Tubus in der Hand, versammelt hatten, um über meine plötzliche Erscheinung am Horizont Nachforschungen anzustellen. Einige von ihnen hatten mich förmlich für einen neuen Planeten gehalten und fingen schon an, wie Olbers bei der Pallas und Ceres, die Abweichung meiner Bahn zu berechnen. Die Meisten aber erklärten sich für die Meinung des Präsidenten der Akademie, welcher fest behauptete: daß der alte Erdball nun auch anfange, mit Steinen nach dem Monde zu werfen, und so seinerseits für die vielen ihm seit einigen Jahren via facti zugekommenen Mondprodukte einige Ge- {169}

nugthuung nehme. Dem sey, wie ihm wolle, eh ich weiter in meiner Reisebeschreibung fortfahre, erlaube mir der Leser, ihn mit einigen Sitten und Gewohnheiten des gesammten Gimpelvolks etwas näher bekannt zu machen.{170}

Die erste Historie.
Von den Gimpeln und ihrer allzugroßen Frömmigkeit.

Die Gimpelinsel ist ein im Monde mitten im Mare Serenitatis gelegener schöner Ort. Es wohnen daselbst, wie schon der Name bezeigt, die berühmten Gimpel, und es herrscht daselbst der noch berühmtere König Gimpel, der Hundert und Fünf und Funfzigste. Merkwürdige Historien habe ich von diesem Reiche vorzubringen. Von den Gimpeln selbst erzählen die alten Chroniken, sie sollen ehedem Menschen gewesen seyn, so gut wie wir alle; allein, wenn man sie jetzt ansieht, besonders nach ihrem ganz und gar vergimpelten Zustande, so wird es schwer, diesen Erzählungen einigen Glauben beizumessen. Mit ihrer Verwandlung in Gimpel aber soll es folgendermaßen zugegangen seyn. Erst lebten sie ziemlich {171}

wie bei uns die Leute vor der Sündfluth, d. h. sie aßen, sie tranken, sie freyten und ließen sich freyen; in der Folge aber sind einige allzufromme Gimpel unter ihnen aufgestanden. Diese haben ihnen bewiesen, daß der Mensch eine vernünftige Creatur sey, und daß er sich demnach aller unvernünftigen Triebe und Handlungen, die ihn zu den Thieren des Feldes herabsetzten, enthalten müsse. Die Befolgung dieser an sich einfachen Lehre wäre nun zwar recht schön gewesen; aber man kann zuweilen, wie wir sogleich aus einem Beyspiel ersehen werden, auch des Guten zu viel thun. Das erfuhren die Gimpel. Denn indem sie sich bemühten, gar zu gute und humane Menschen zu werden, sind sie darüber sammt und sonders die einfältigsten Tröpfe von der Welt geworden. Es ist wahr, das heilige römisch-deutsche Reich etwa ausgenommen, mochte es nicht leicht einen zweiten Staat in der Welt geben, wo man die Haustafeln oder die zehn Gebote so streng und so gewissenhaft erfüllte, wie auf der Gimpelinsel; aber, so schön auch der Vorzug einer guten Zucht und Ordnung an sich ist, und so sehr sie verdient, daß sich ein guter Regent die Einführung derselben in seinen Staat zu seinem vorzüglichsten und gewissenhaftesten Augenmerk macht, so frägt sich dann doch: war sie {172}

in diesem Falle durch den Untergang aller Lebensregung, oder durch eine gänzliche Stockung des Handels und der Gewerbe nicht zu theuer erkauft? Denn daß, trotz einigen Märkten, die dem Kalender gemäß gleichsam mechanisch fortgehalten wurden, Handel, Wandel, Fabriken und Gewerbe in den sämmtlichen Gimpelstaaten völlig darnieder lagen, diese Erfahrung mußte jedem einleuchten, der sich mit ihrer innern Einrichtung etwas mehr, als oberflächlich, bekannt machte. So bald es z. B. bei den Gimpeln erst dahin kam, daß Niemand mehr stahl, so wollte sich auch kein Mensch mehr Schlösser, Riegel oder Schlüssel anschaffen: die Schlosser und Schmiede waren folglich ohne Brot; denn wohin man auch blickte, standen Fenster und Thüren offen und man konnte zu jeder Stunde, bei Tag und bei Nacht, ungehindert in den Häusern aus- und einpassiren. Bei den Erbschaften wo sonst mit der größten Behutsamkeit zwei bis drei Versiegelungen vorgenommen wurden und kein Testament ohne den Zwang der lästigsten Gerichtsformeln zu Stande kam, galt jetzt, statt aller Cautelen, ein einziges Wort des Vormundes, daß er seinen Mündeln nichts veruntreuen wollte, und statt des Schwurs, ein abgelegter Handschlag eben so viel. Das Pupillenkollegium hätte {173}

vor Neid und Aerger über diese Fortschritte der Tugend und guten Sitten im Lande der Gimpel bersten mögen; aber was halfs? Es ging den meisten Mitgliedern desselben, wie den Advocaten, die auch nach gänzlicher Stockung der Processe förmlich abdanken und sich nach einem andern Stück Brot im Lande umsehen mußten. Was soll ich von den Medicinern sagen? Bei einem so höchst frugalen Volk, wie die Gimpel, bei dem bis spät in die Nacht zu schmausen schon längst aus aller Gewohnheit gekommen war, wo jeder Bürger mit dem Glockenschlag zehn seine Hausthür zumachte, wo sogar dem stunden rufenden Wächter Horn und Schnurre, auf einen höchst humanen Vorschlag der höhern Behörden, zerbrochen wurden, bloß damit nur Niemand in seinem Schlafe gestört würde, oder sonst an seiner kostbaren Gesundheit einen Schaden erlitte, wo zuletzt die Regierung selbst allen Anlaß zu heftigen Gemüthsbewegungen in Freud' und Leid unter ihren Unterthanen auf das angelegentlichste aus dem Wege räumte, folglich alle Verrichtungen des Lebens in der größten und pünktlichsten Ordnung, ja so zu sagen nach der Uhr ablaufen mußten; da konnte auch nur wenig Krankheitsstoff zur Entwickelung kommen, und das Geschäfte der Mediciner mußte sich da- {174}

her auf Diätetik beschränken. Von solchen Curen wenigstens, wie sie unter uns gewöhnlich sind, hörte man im Monde gar nichts. Senis, Cassia, Manna, außer diesen gelinden Arzneimitteln, war ihren praktischen Aerzten wenig bekannt; die meisten derselben benahmen sich vis à vis der Natur, wie Pfuscher, d. h. sie verkehrten die Operationen derselben auf den ersten Wegen und machten entweder ihren Ausgang zum Eingang, oder den Eingang zum Ausgang, und beides nannten sie, mit einem Kunstausdruck, der Natur unter die Arme greifen.
Mit wem es aber unter allen Bewohnern der Gimpelinsel, bey so bewandten Sachen, am allerschlimmsten aussah, wer mich wenigstens am meisten dauerte, das war der Hofprediger von Gimpel dem Hundert und Fünf und Funfzigsten; ein gottseeliger, stiller, grundgelehrter, frommer und in allen Stücken sehr rechtschaffener Herr! Auf sein häufiges Zureden war eben Manches in den neuen Einrichtungen so und nicht anders geworden. Sein Feuereifer im Predigen hielt weder Maß noch Ziel; so wie ihm denn derselbe auch sonst in der Schloßkirche das zahlreichste und größte Auditorium verschafft hatte. Sein Aufruf zur Buße erscholl völlig wie eine Posaune, drang in das Herz jegliches {175}

Sünders und bewirkte Wunder in den verstocktesten Gemüthern; – aber – trauriger Wechsel menschlicher Vorzüge! – nach Maßgabe, daß die Laster unter den Gimpeln verschwanden, wollten Mißgünstige bemerken, daß auch seine schönen Predigertalente immer mehr in Abnahme geriethen. Er predigte zwar noch, – o ja, aber häufig genug vor leeren Stühlen, oder entschlafenen Zuhörern. Gleich nach dem Eingange sah man die Gimpel meistens, wie sie in den Kirchstühlen die Köpfe zusammensteckten und einander zuriefen: Was will er denn mit allen diesen langen Sermonen und seinem unaufhörlichen Gesaalbader von Unkeuschheit, Völlerei, Trunkenheit? das sind ja lauter alte und längst abgekommene Lieder! Ja unsere Vorfahren, lieber Gott, die mögen mit solchen gröblichen Lastern umgegangen seyn und es daher wohl verdient haben, daß ihre Seelsorger sie alle Woche ein Paar Mal förmlich abkanzelten; aber wie kommen wir zu diesen harten Vorwürfen? die passen ja gar nicht mehr für unsere aufgeklärten Zeiten. Wir sind ja keine solchen Gimpel, wie es ehedem welche gab. Ei, kann er denn nichts Neues und Angemesseneres zu Markte bringen? Wahrlich, man sieht recht, daß es ihm an Stoff fehlt, {176}

und daß der gute Mann anfängt alt zu werden. So schwatzten die ansehnlichsten Mitglieder unter sämmtlichen Gimpelgemeinden, und es konnte nicht ausbleiben, daß dergleichen Reden dem guten Herrn Hofprediger durch falsche und neidische Gemüther nicht wieder zu Ohren kamen; ja, wie man mich versichert hat, so zog er sich diese Sache dermaßen zu Gemüth, daß er ordentlich darüber melancholisch wurde, und oft, wenn der Sonntag herannahte, mit Zittern und Zagen sich in sein Kämmerlein schloß, und daselbst Gott auf seinen Knien bat, daß er ihm doch ein einziges Lasterchen bescheeren möchte; mit andern Worten: falls es noch einen Dieb, einen Ehebrecher, einen Trunkenbold, oder dergleichen in seiner Gemeinde gäbe, so sollt er ihm denselben, vermöge seiner Gnade, entdecken und ihn so in den Stand setzen, durch eine recht angreifende und inbrunstvolle Bußpredigt das Herz seiner Zuhörer zu rühren, zu erschüttern, und seine alte Reputation unter ihnen wieder herzustellen. Aber der arme Hofprediger hatte gut beten. Unter den Gimpeln war längst keine Spur mehr von den Lastern, die ihm irgend einen erheblichen Stoff zum Predigen hätten geben können. Was seine an sich selbst so kritische Lage noch um vieles verschlimmerte, war, daß einer der mächtigsten {177}

Kabinetsminister, sein Todfeind, ihn unverhohlen beschuldigte, er habe, durch ein Uebermaaß von Frömmeley, den Staat und die öffentlichen Einkünfte, oder die sogenannten Finanzen, beide an den Abgrund des Verderbens gebracht. Was nicht zu läugnen, so hatten sich auch wirklich Mauth-, Geleit- und Accisegelder, unter Gimpel dem Hundert und Fünf und Funfzigsten, beinahe um die Hälfte verringert; vorzüglich seitdem die gar zu sehr überhand nehmende Sittennüchternheit bei den Gimpeln die Abstellung aller großen Gastmähler zur Folge hatte; so daß es bei ihnen für etwas Unerhörtes galt, fremde Fische, Weine und andere Leckerbissen, zu einem Gastgeboth, aus fremden Ländern kommen zu lassen. Bei dieser allgemeinen Stockung der Einnahmen und Ausgaben, vom König bis zum geringsten Unterthan, fing demnach die Verlegenheit, baares Geld zu bekommen, auf der Gimpelinsel an, alle Stände hindurch immer empfindlicher bemerkt zu werden. {178}

Die zweite Historie.
Von Gimpel dem Hundert und Fünf und Funfzigsten, wie human derselbe über Land und Leute regiert, auch wie derselbe ein Spinnrad probirte.

Einen humanern Regenten, wie Gimpel den Hundert und Fünf und Funfzigsten, muß es nicht gegeben haben, seitdem die Welt steht. Es ist wahr, um die eigentlichen sogenannten gemeinen Regierungsgeschäfte, z. B. Krieg führen, Frieden schließen, bekümmerte er sich nur sehr wenig und überließ die Sache größtentheils seinen Ministern. Dafür zeigte er sich aber in hohem Grade populär und bei jeder Gelegenheit als einen Freund des Friedens und der Künste, die er beförderte. Den Krieg verabscheuete er dagegen so, daß er ihn mit Recht für eine der ersten und blutigsten Geißeln der Menschheit erklärte. Desto angelegentlicher sorgte er für Rumfordsche Suppen, Manufakturen und Fabriken, die er oft in eigner Person {179}

zu besuchen pflegte. Ja, wie man vom Kaiser von China erzählt, daß dieser es nicht unter seiner Würde achtet, alle Jahr einen Tag, zur Aufmunterung des Ackerbaues in seinen Landen, mit eigner Hand den Pflug zu führen, so erzählt man auch von Gimpel dem Hundert und Fünf und Funzigsten, daß er nicht nur eine Menge der allergnädigsten Kabinetsschreiben, zur Aufmunterung des Gewerbfleißes in seinen Landen erlassen, sondern auch sogar selbst einmal am Spinnrad gesessen und gesponnen habe. Der Merkwürdigkeit wegen, wollen wir doch besagtes Kabinetsschreiben unsern Lesern, in einem treuen und wörtlichen Auszuge, da hier der Ort dazu ist, mittheilen.

Allergnädigstes königliches Kabinetsschreiben an den Wollfabrikanten N. N. wegen verbesserter Schnur an den Spinnrädern.

Mein lieber N. N.
Mit ungemein großem Vergnügen haben wir Euer unter dato den 25. August an uns erlassenes Spinnrad, nebst neu verbesserter Schnur und Fußtritt, richtig erhalten. Wir erkennen darinn Euern unermüdlich thätigen Fleiß zur Verbesserung hiesiger Landes-Spinnerey mit dem gebüh- {180}

rendsten Dank. Deßhalb wir denn auch sofort, in Gegenwart unserer königl. Gemahlin und Prinzessinnen Töchter, so wie unsers ganzen versammelten Hofstaats, mit dieser Eurer neuen Erfindung eine Probe gemacht; und insofern Euch Solches zu einiger Genugthuung gereichen kann, so können wir Euch die Versicherung geben, daß dieselbe zu allgemeiner Zufriedenheit ausgefallen ist. Zum Beweis unsers persönlichen allergnädigsten Wohlwollens ernennen wir Euch hiermit, unter Schenkung aller Unkosten, zum Mitglied unserer ökonomisch-technischen Gesellschaft, und haben Euch das Diplom, als Ehrenbezeigung, eigenhändig beigelegt. Fahret fort, wie bisher, Euch um Euer Vaterland verdient zu machen!
Wir bleiben Euch in Gnaden gewogen. Euer wohlaffektionirter König Gimpel der Hundert und Fünf und Funfzigste.

Weniger liebte dieser Herr die höhern Wissenschaften und Künste, mit Ausnahme derjenigen, welche durch praktische Anwendung dem Staate unmittelbaren Nutzen und Vortheil versprachen, z. B. die Chemie. Diese stand bei den Gimpeln in sehr großem Ansehen; vorzüglich wegen der vielen Stellvertreter, oder Surrogate, die sie ihnen beim Zuckersieden, Bierbrauen u. s. {181}

w. in die Hände lieferte. Nicht so die schönen Künste und Produkte der Mahler, Dichter und Bildhauer. Diese galten nur in so fern an diesem Hofe, oder dienten zu einem erlaubten Zeitvertreibe, als in ihnen das Wesen und die Natur der ächten uralten Gimpel, und das in der schärfsten Abkonterfeyung, wieder zum Vorschein kam. Denn die Gimpel waren ganz besonders stolz, und bildeten sich ein, daß, was kein ächter Gimpel sey, den höchsten Gipfel der Menschheit auch noch lange nicht erreicht habe, sondern das Ebenbild Gottes nur auf eine höchst unvollkommene Art ausdrücke.
Nach diesem kurzen Vorberichte von der Gimpelinsel, ihrem Beherrscher und dem Charakter ihrer Bewohner, kann ich nun in meiner glaubwürdigen Reisebeschreibung, so wie in Erzählung dessen, was mir daselbst seit meiner Ankunft begegnet ist, ungehindert fortfahren. {182}

Die dritte Historie.
Wie ich gern an den Hof wollte, aber durch ein altes Reichsgesetz auf der Gimpelinsel daran verhindert wurde.

Mit wahrhaft innigem Mitleid erkannte ich diesen Zustand der Gimpel, und beschloß, sobald sich mir nur irgend eine Gelegenheit dazu darböte, demselben ein Ende zu machen. Tag und Nacht trug ich mich, während meines Mondaufenthalts, mit diesem Lieblingsgedanken im Kopfe herum und sann daher auf nichts, als wie und durch welche Mittel ich meinen Plan ausführte, d. h.: wie ich meine geliebten Gimpel nach und nach von ihrer Einseitigkeit heilen und sie wieder in Menschen verwandeln könnte. Dieser Vorsatz, wie sich bald zeigen wird, unterlag indessen bei der Ausführung großen Schwierigkeiten. Es mußte nothwendig dem Staate dabei, auf Kosten der Tugend, ein kleines Opfer gebracht werden, damit durch ein Bischen Laster das Regiment, das die Bekämpfung desselben zum Vorwurf hat, {183}

wieder in Schwung käme. Es fragte sich nun: wer im Monde sich dazu hergeben sollte? Die Gimpel? Behüte der Himmel! Seit Gimpel dem Ersten, bis auf Gimpel den Hundert und Fünf und Funfzigsten, war so etwas unter ihnen völlig unerhört gewesen. Also ich selbst? – Aber ohne die größte Lebensgefahr von meiner Seite war daran auch nicht zu denken. Dazu kam, daß ich, von Jugend auf, von frommen und christlich gesinnten Eltern erzogen, einen gar lebhaften Abscheu vor allem, was Laster heißt, in mir verspürte. Es kostete mir demnach nicht wenig Ueberwindung, eh' ich die Sache, wie man es bei uns in der Politik gewohnt ist, aus einem höhern und sogenannten kosmopolitischen Gesichtspunkt ansehn und betrachten lernte. Endlich siegte jedoch der Gedanke, dadurch etwas Großes zum Besten meiner lieben Nebenmenschen wirken zu können, über jede anderweitige Bedenklichkeit, und ich nahm mir fest vor, daß ich nächstens mit einem kleinen Lasterchen unter den Gimpeln debütiren wollte – versteht sich, mit einem kleinen, so einem von der Art, wie man sie unter dem Namen Läßigkeit zu begreifen pflegt; denn von solchen groben Vergehungen, wie sich vielleicht mancher Politikus bei diesem Wort etwa denken mag, kann bei einem vernünftigen und sittlich {184}

gebornen Menschen ja ohnedies nicht die Rede seyn. Gern, sehr gern hätte ich indeß, auch ehe ich nur diesen öffentlichen Schritt that, mit Gimpeln dem Hundert und Fünf und Funfzigsten, oder wenigstens mit seinen Ministern in dieser Sache eine gütliche Rücksprache genommen; aber dieser Weg war mir ein für alle Mal abgeschnitten. Nach einem uralten Reichsgesetz auf der Gimpelinsel nämlich durfte Niemand an diesen Hof kommen, wenn er nicht wenigstens Hundert und Fünf und Funfzig Gimpel unter seinen Vorfahren aufzuzählen hatte. Da nun – zum größten Nachtheil für die Carriere, die ich damals machen wollte – ich mich nicht besinnen konnte, auch nur einen einzigen Gimpel unter meinen Vorfahren gehabt zu haben, so mußte ich allerdings, und das freiwillig, von meinem Vorhaben abstehen und auf das Vergnügen, bei Hofe zu erscheinen, wenigstens für meine Person, Verzicht leisten. Dank sey es indeß dem Zufall, der sich unaufgefordert und auf die gütigste Weise auch dießmal für mich in's Mittel schlug; durch ihn wurde mir nicht nur mein Tugendkampf wenigstens um die Hälfte verkürzt, sondern auch aller Verlegenheit, in welcher ich mich befand, auf einmal und plötzlich ein Ende gemacht. Wie dieses zuging, davon will {185}

ich den geneigten Leser in den zwei nächstfolgenden Kapiteln zu unterhalten suchen.

Die vierte Historie.
Wie ich mit den Kohlvögeln und Kirschvögeln im Mond Bekanntschaft machte; ingleichen von der höchst seltsamen Art ihrer Fortpflanzung.

Unter den Vögeln, die ich gleich, während der ersten Wochen meines Aufenthalts im Monde – welcher Planet, wie schon im Eingang bemerkt worden, als ein wahrer Vogelplanet zu betrachten ist – kennen lernte, zeichneten sich besonders die Kohl- und Kirschvögel aus. Beide Gattungen, wie auch schon aus ihren Namen hervorgeht, speisen am liebsten Kohl und Kirschen; aber außer der Jahreszeit nehmen sie auch wohl mit Kürbissen vorlieb. Nun hatte ich mir von meinen Kürbiskernen eine gar schöne Kürbislaube angelegt, deren Früchte diesen ungebetenen Gästen nicht wenig willkommen waren. Ich will jede von diesen zwei Vogelarten hier besonders zu {186}

charakterisiren suchen, da beide in dieser meiner merkwürdigen Lebensgeschichte in der Folge keine unbedeutende Rolle spielen.
Die Kohlvögel zuerst zeigen viele Anlagen zur Industrie, auch wol mitunter – zu kleinen Diebereyen.
Sie leiten ihre Abkunft gemeinschaftlich von dem Manne im Monde her, der eben des Kohlstehlens wegen, wie ihre Geschichtschreiber berichten, plötzlich mit seinem Dornenstock und Laterne von der Erde hinweg, und in den Mond versetzt worden ist. Ihr gegenwärtiger Regent heißt Kohldieb der Hundert und Fünf und Funfzigste. Er ist ein sehr verständiger, jedoch kriegerischgesinnter Herr und der Tugend seiner Vorfahren in allen Stücken treu geblieben, d. h. wo es etwas zu mausen gibt, zeigt er jedesmal die größte Bereitwilligkeit dazu. Ich konnte daher vor ihm und den Raubschnäbeln seiner Gefolge meine reifen Kürbisse nicht genug in Acht nehmen. Uebrigens führen die Kirschvögel sämmtlich, statt des Schweifes an ihrem Hintern, eine ungeheuer große Kohlstaude. Sobald man ihnen diese abbricht, so ist es auch mit ihrer Tapferkeit vorbei. Sie verlieren die Stimmen und singen sodann so fein, wie Kastraten, auch können sie sich nicht mehr fortpflanzen. Dies wissen die Gimpel recht {187}

wohl und daher müssen ihnen die Kohlvögel jährlich an 15000 solcher Kohlstauden, als einen schimpflichen Tribut, abliefern. Die Kirschvögel sind nicht minder berühmt. Sie kommen ihrer Natur nach dem Menschen an Größe fast bei und übertreffen ihn noch an Stärke und Schönheit der Gliedmaßen. Ich habe einen solchen ausgestopften Kirschvogel aus dem Monde mitgebracht, den ich bereits an den Herrn Professor Blumenbach in Göttingen abgeschickt habe. Hoffentlich wird dieser berühmte Naturforscher ihn nächstens in Kupfer stechen, anatomiren und illuminiren lassen. Dabei ist ihre Fortpflanzung ebenfalls außerordentlich merkwürdig. Sie geschieht nämlich nicht auf dem gewöhnlichen Wege der Natur, sondern vermittelst kleiner Kirschkerne, die sie vorne in ihrem ziemlich großen Kropf tragen. Sobald man ein Paar derselben aufknackt, kommen auch sogleich ein Paar allerliebste kleine Kirschvögel hervor, die innerhalb weniger Minuten zu einer ansehnlichen Größe gelangen. Uebrigens sind sie auch den Gimpeln zinsbar, so gut wie die Kohlvögel, und müssen ihnen daher jährlich an 15000 solcher Kirschkerne in den öffentlichen Schatz zahlen. {188}

Die fünfte Historie.
Wie ich eine wunderschöne Gimpelin im Monde kennen lernte und was weiter aus dieser Bekanntschaft geworden ist.

Nach und nach wurde ich mit allen diesen Vögeln so vertraut, daß ich sie völlig für meines Gleichen ansah. Am geneigtesten indeß von allen erzeigten sich mir die Gimpel, besonders die vom zweiten Geschlechte. Die meisten derselben haben im Umgange etwas Kirres und Einschmeichelndes, viele sogar etwas schwärmerisch Zärtliches. Es gab ihrer, die drei bis vier Mal des Tages bei mir zum Besuche kamen. Wir unterhielten uns mit einander, speisten zusammen, gingen spazieren, scherzten, schäckerten, bis spät in die Nacht; und wenn die Erde im Volllicht stand, was ein Schauspiel ist, das das Schauspiel des Vollmondes auf unserer Erde drei bis vier Mal an Prächtigkeit übertrifft, wie man {189}

auch schon daraus zur Genüge abnehmen kann, weil sich die Erde als Lichtkörper drei bis vier Mal größer oben, als der Mond unten darstellt: so pflegte es vor drei bis vier Uhr Morgens nicht leer zu werden. Die vornehmsten Damen am Hofe, die schönsten Fräulein aus der Stadt, ja sogar Prinzessinnen von Geblüt, wetteiferten um die Ehre meiner Bekanntschaft mit einander. Die Eroberung gemeiner Gimpel, die im Grunde auch keine sehr große Kunst ist, kam immer mehr aus der Mode und sie wollten nun sämmtlich die Macht ihrer Reizungen an mir versuchen. So gehörte es denn bald zum guten Ton, drei bis vier Mal die Woche bei mir vorzufahren. Kurz, nach Verlauf einiger Monate gewöhnte ich mich so an die Gimpel, daß ich den Unterschied zwischen einer Nase und einem Schnabel kaum mehr bemerken konnte; und dasselbe schien ihnen auch mit mir zu begegnen; besonders nachdem ich meine Kleider, die ohnedies ziemlich auf der Reise gelitten hatten, abgelegt und dafür ein buntes schönes Federhabit angezogen hatte. Von nun an schien ich in ihren Augen ein in allen Stücken vollständiger Gimpel zu seyn; ein Verdienst, das nicht ohne eine gewisse Selbstverläugnung von meiner Seite erkauft werden konnte, und mir daher auch um so höher von der schönen Welt {190}

auf der Gimpelinsel angerechnet wurde! So stieg denn zwischen mir und einer dieser schönen Mondbürgerinnen die Vertraulichkeit bald auf einen so hohen Grad, daß dieselbe eines Morgens mit thränenden Augen zu mir in die Hütte kam und mir entdeckte, wie daß sie die Folgen unsers vertrauten Umgangs verspüre und nächstens – ein Ey legen würde.

Die sechste Historie.
Wie die schöne Gimpelin im Monde ein Ey legt, und was dieses für das ganze Mondgebiet für außerordentliche Folgen hatte.

Ich läugne nicht, es hat mich viel Ueberwindung gekostet, dies Geständniß, das freilich meine Tugend in keinem sehr vortheilhaften Lichte zeigt, hier öffentlich und vor den Augen des Publicums abzulegen. Aber einerseits macht dieses Ey eine zu große Epoche in meiner Lebensgeschichte; andrerseits spielt es auch eine zu merkwürdige Rolle in der Mondrevolution, als daß ich sein Daseyn {191}

lange vor dem Publicum hätte verschweigen können. Alles dieses wird mir der geneigte Leser auch um so eher auf mein bloßes Wort und ohne weitere Versicherung glauben, wenn ich hinzufüge, daß die schöne Gimpelin, mit der ich mich in einem unglücklichen Moment so höchst unvorsichtig vergaß, Niemand anders als eine Prinzessin von Geblüt und die eingeborne Tochter Gimpels des Hundert und Fünf und Funfzigsten war. Nach dieser kurzen Einleitung will ich nun die Folgen der Revolution, die dieses Ey hervorbrachte, in den natürlichsten Farben und mit dem geringsten Aufwand von Worten zu schildern suchen. Kaum war dieses Ey gelegt, oder vielmehr es war noch nicht gelegt, als auch schon die Nachricht davon dem Herrn Hofprediger Gimpels des Hundert Fünf und Funfzigsten zu Ohren kam. Dies geschah Sonnabends Abends, in der Dämmerung, nach sieben Uhr. Er studirte so eben auf die Predigt, die er morgen früh in der Schloßkirche halten wollte, als eine alte Hofdame, die von jeher den Ruhm besaß, sich um alle ungelegte Eyer bei Hofe bekümmert zu haben, in sein Zimmer trat und ihm haarklein und mit der größten Umständlichkeit alles entdeckte, was so eben im Kabinet der königlichen Prinzessin vorging.{192}

Jedermann kennt die Verlegenheit, in welcher sich dieser würdige Geistliche schon seit mehrern Jahren befand, daß er nämlich, so oft der Sonntag herankam, nicht wußte, wo er einen neuen Text zur Predigt hernehmen sollte; ferner, daß man sich von ihm im Volk mit allerlei Anekdoten herumtrug, unter andern sogar erzählte, daß er sich oft in sein Kämmerlein einschlösse und Gott auf seinen Knien bäte, daß er ihm doch nur ein einziges Lästerchen bescheren möchte, um seine alte Predigerreputation unter seinen Zuhörern wieder herzustellen. Natürlich mußte ihm daher eine solche Entdeckung höchst willkommen seyn. In der That beschloß er auch sogleich, den bestmöglichsten Gebrauch davon zu machen. Dem zu Folge studirte er bis Morgens früh um 7 Uhr, daß ihm der Kopf rauchte. Alsdann stand er gestärkt von seinem Studierpulte auf, legte ein Bäffchen an, bestieg die Kanzel und hielt, ohne alles Concept, eine Predigt, die volle drei Stunden dauerte, und von Inhalt so schön und rührend war, daß jede Gimpelin dabei Thränen vergoß und kein Gimpel sich erinnern konnte, je etwas Schöneres und Herzeindringenderes aus seinem Munde gehört zu haben. Zum Schluß ließ er besonders von den Lastern der Großen, von den Ausschweifungen der Höfe, und von dem {193}

bösen Beyspiele, das oft die Fürsten ihren Unterthanen geben, einige bedeutende Winke fallen. Dabei schoß er mit funkelnden Augen so furchtbare Blitze in den fürstlichen Kirchstuhl, gleichsam als ob er die Personen, denen sein Aufruf galt, daselbst aufsuchen wollte. Auch veränderte sich Gimpel der Hundert und Fünf und Funfzigste, der ohnedieß ein Herr von einer etwas schwächlichen Leibesconstitution war, einmal um das andre; ja ihn erschreckte der inhumane Ton seines Beichtvaters in einem so hohen Grad, daß er noch, während des Gottesdienstes, einen Anfall von Dysenterie bekam, und wie man ihn in einer Senfte darauf nach Hause brachte, sich plötzlich zu Bett legen, und seit fünf und zwanzig Jahren, in seinem Leben zum allererstenmal, Medicin nehmen mußte; womit indeß, wie man mich versichert hat, seinem Herrn Leibmedicus auch nicht übel gedient soll gewesen seyn. – Sobald Se. Majestät sich übrigens von ihrer Krankheit nur in etwas erholt hatten, wirkte der Hofprediger sowohl gegen mich, als die königliche Prinzessin, einen geschärften Kabinetsbefehl aus, vermöge dessen wir beide gefänglich eingezogen und die Sache mit dem Ey auf das strengste untersucht werden sollte. Sonderbar genug indeß! Von dem Augenblicke an, wo der {194}

Zufall diesen Proceß in Gang brachte, kamen auch alle Künste und Wissenschaften wieder in Flor; so daß sich immer mehr zeigte, wie außerordentlich richtig ich mit meinem Lasterchen kalkulirt hatte. Zuerst erhub, als die erste Fakultät, ihr Haupt die Medicin. Denn da fast die ganze königliche Familie über die Alteration, die ihr dieses Ey zugezogen hatte, bettlägrig geworden war, so schickte es sich fast nicht anders, als daß die Hofdamen und Kammerherrn auch ein bischen unpaß werden und Medicin nehmen mußten. Und so sahen denn die Herrn Doctoren ihre Praxis an diesem Hofe gleichsam durch einen Schlag wieder hergestellt.
Dann traf die Reihe, als zweite Facultät, die Jurisprudenz. Die Herren aus ihrer Mitte schienen absonderlich vergnügt zu seyn, nach vielen Jahren wieder einen ordentlichen Proceß führen, einen Termin festsetzen, Akten schreiben und ein Sentenzchen fällen zu können.
Eben so malte die Freude über diesen Vorfall sich recht lebhaft auf den Gesichtern aller Advocaten ab. Mit dem Ey nämlich, als dem eigentlichen corpus delicti, war man bei den Gerichten lange unschlüssig geblieben. Endlich aber entschloß man sich kurz und gab Befehl, daß die beiden neugebornen Gimpelchen, so wie sie {195}

aus dem Ey kröchen, durch Pedell und Syndicus in die höchsten Mondgebirge ausgesetzt werden und daselbst zu Tode hungern sollten. Das Erste geschah denn auch wirklich. Aber die kleinen Gimpelchen waren keine solche Narren, um den großen Gimpeln auch den zweiten Gefallen zu thun. Dazu besaßen sie zu viel von dem angebornen Naturel ihres Vaters. Sie legten sich also lieber aufs Stehlen. In Verbindung mit einigen Kohlvögeln durchzogen sie das Land und machten die schönsten Gegenden des Mondes so unsicher, daß den Gimpeln bald anfing vor ihren Unternehmungen angst und bange zu werden. Wie gesagt, für Richter, Policeibediente und Advocaten kam nun eine gesegnete, schöne Zeit. Da gab es auch wieder Sporteln; denn bisher hatten die Leute blos ihrer gerechten Sache vertraut: nun es aber wieder Spitzbuben gab, mußte ein jeder Schelm suchen, durch Bestechung die Richter, wo möglich, seiner ungerechten Sache geneigt zu machen. Die Komödiendichter erhielten dadurch Stoff zu den belustigendsten Intriguen. Der Fuchs unter den Gimpeln war ein Stück, das in diesem Monat 24 Mal hinter einander auf dem Hoftheater mit immer neuem Beifall aufgenommen wurde, und dessen Schönheit die Eingebornen zu bewundern gar {196}

nicht satt werden konnten. Aber nicht blos Künstler und Gelehrte waren es, denen mein Ey so wesentliche Dienste that; auch solche Professionsverwandte, wie Schlosser, Schmied, Zimmermann, saßen nun wieder im Rohr, und konnten nach Herzenslust ihre Pfeife schneiden. Nach Maaßgabe nämlich, wie die Dieberei unter den Gimpeln immer mehr überhand nahm, kamen auch die Leute, um ihr Eigenthum besorgt, von den Dörfern zu ganzen Schaaren in die Stadt gelaufen und ließen sich Schlösser, Thüren und Schlüssel machen. So florirte denn der Wohlstand täglich mehr unter der Bürgerschaft. – Eine neue Folge davon zeigte sich auch bald in der Verbesserung der Finanzen. Denn dadurch, daß man wieder deliciös aß und trank, für gute Gesellschaft sorgte, sich sauber und fein in Kleidung hielt, in schönen Häusern wohnte, sich Equipagen und kostbare Möbeln anschaffte, ja sich sogar einige Artikel des Luxus, als exquisite Tafelweine und dergleichen, aus der Fremde kommen ließ, stieg die Accise um die Hälfte ihrer Einnahme. Wer war froher über diesen glücklichen Zufall, als der Finanzminister! Dieser Herr wünschte sich nicht wenig Glück dazu, daß er nun, in eine Jahr, das Deficit aller übrigen decken konnte. Alles dieses hatten die Gimpel nur mir und meinem Ey zu verdan- {197}

ken. Aber Undank ist der Welt Lohn; und die Wahrheit dieses alten Sprichworts habe ich leider auch auf der Gimpelinsel erfahren müssen. Denn nicht nur daß man mich und die schönste Prinzeß von der Welt wegen eines im Grunde höchst verzeihlichen, ja liebenswürdigen Fehltritts, über volle acht Monate, auf das unbarmherzigste in einem elenden Kerker verschmachten ließ, so ging man in der Barbarei alter und rauher Formen zu letzt gar so weit, daß man mit der unerhörtesten aller Proceduren uns eines Tags aus dem Kerker zog, völlig inquisitenmäßig über uns ein fast dreistündiges Verhör hielt und sodann ziemlich tumultuarisch, d. h. mit weniger als 30 Stimmen gegen 25, das Urtheil fällte: daß wir beide, zur Strafe für unsere Vergehungen, mit verbundenen Augen von dem höchsten Gipfel des Mondgebirges, bei Schröter Roock genannt, in den Abgrund hinunter gestürzt werden, und uns zu Tode fallen sollten.
Diese grausame Sentenz, wodurch Gimpel der Hundert und Fünf und Funfzigste seiner bis jetzt so humanen Regierung in den Augen der Welt und Nachwelt einen unauslöschlichen Schandfleck anhing, wurde uns den 28. October 1802 publicirt. Sie war von dem König – {198}

wie man sagt, auf Anstiften seines Beichtvaters – eigenhändig unterzeichnet, und schon der folgende Tag, als der 29. Oct., zu ihrer Vollstreckung festgesetzt.

Die siebente und letzte Historie.
Wie ich auf der Gimpelinsel zum Tode geführt, von den Kohlvögeln und Kirschvögeln aber auf das wunderbarste errettet wurde.

So unter den bänglichsten Erwartungen, brach endlich der schicksalvolle Morgen an, dem für mich und die arme Prinzeß kein zweiter nachfolgen sollte. Eine unzählige Menge Gimpel hatte sich bereits in aller Frühe auf den umliegenden Bergen versammelt, um die Execution mit anzusehen. Auf den Gesichtern und in den Mienen der Meisten glaubte ich indeß während der Ausführung Mitleid, Liebe und Theilnahme zu entdecken. Am Fuß des Mondgebirges Roock angelangt, – von dessen Höhe man sich ungefähr einen Begriff machen kann, wenn man hört, daß die bloße Einsenkung desselben, {199}

Christlob Milius genannt, wenigstens 15 bis 16.000 Fuß senkrechter Tiefe in sich begreift, also daß unser Chimborasso und Pic de Teneriff ganz bequem, gleich Maulwurfshügelchen, in diesen Kessel hineingesetzt werden könnten, – wurde es mir in der That immer beklommener zu Muthe. Wir hätten wol neun Tagereisen, so steil und unwegsam sind die gewöhnlichsten Zugänge, um ihn zu ersteigen, zugebracht; aber da uns die Gimpel von Gerichtsdienern auf ihre Flügel nahmen, so waren wir binnen weniger als 2 Stunden oben. Unterweges schauderte mich, so oft ich die Höhe des Roocks, in die ich emporstieg, mit dem Auge wieder zurückmaß, und mit immerwährend anhaltendem Schwindel dachte ich daran, daß mein Körper ohne Flügel nun bald in den Christlob Milius wieder zurückfallen müßte. Wirklich sahe ich auch, ohne die Kunst, mich in Baumwolle, Spinnwebe, oder etwas Aehnliches zu verwandeln, kein Mittel und keinen Ausweg vor mir, wie ich dem mich bedrohenden Mißgeschick, unten an den Klippen wie ein Ey zu zerschellen, ausweichen wollte. Auf der äußersten Spitze stellte uns der Richter die Wahl frey, ob wir selbst den Sprung thun, oder eine fremde Hand dazu abwarten wollten. Wir wählten das Erste. Nun verband man mir {200}

schleunig die Augen mit einem Tuch, und der Prinzessin befestigte man eben so geschwind die Flügel auf den Rücken. Mit Thränen in den Augen nahmen wir darauf von einander Abschied, und schon schickten wir uns beide, mit klopfendem Herzen, zu dieser langen und traurigen Fahrt an, als wir ein plötzliches Geräusch über unserm Haupte verspürten. Es klang nicht anders, wie wenn man zur Nacht über einen Damm reist, und das Sausen von vielen Windmühlen hört, das schon in meilenweiter Entfernung lärmend und klingend das Ohr füllt. Da es wol über einige Minuten fortdauerte, so wurden wir zu letzt neugierig, lüpften ein wenig an unserer Binde und schlugen beherzter die Augen auf. Alsbald entdeckten wir eine ungeheure Armee von Kohl- und Kirschvögeln, die wie ein schwarz vorüberfliehendes Gewölk, das die Sonne verfinsterte, die Felsen heraufzog, und wie es schien, uns zum Succurs kam; denn zu gleicher Zeit sahen wir die Gimpel, links und rechts, gleich Tauben, die von einem Habichte gejagt werden, zu beiden Seiten des Felsenabgrundes niederstürzen. Nachdem dies geschehen war, winkten die Anführer der Armee, daß sie sich auf hundert Schritte zurückziehen mußten; sie selbst aber kamen voll Anstand und mit der größten Ehrerbie- {201}

tung auf uns zu. Der Eine von ihnen löste der Prinzeßin im Hui ihre Bande, und der Zweite knüpfte mir eben so geschickt von meinem Haupt das Tuch ab. Indem wir beiden mit zärtlicher Verwirrung für diesen Dienst, den sie uns leisteten, etwas näher ins Gesicht sahen, ließen sie sich plötzlich vor uns auf die Knie nieder, und riefen ein Mal um das andere: Vater! Mutter! – und das in dem zärtlichsten Tone von der Welt. An diesem Schrei der Natur erkannten wir erst, daß dies unsere Kinder, und daß wir beide die Eltern zu diesen wohlgerathenen und tapfern Söhnen waren.

Nachdem der erste Sturm von Küssen und Liebkosungen sich einigermaßen gelegt hatte, befragten wir sie also mit höflichen Worten: Mit Gunst, liebste Söhne, wie habt ihr es nur angefangen, in so kurzer Zeit eine so große Armee zur Befreiung eurer armen und bedrängten Eltern aufzubringen? und erhielten darauf aus dem Munde des Aeltesten folgende Antwort: Hochgeschätzter Herr Vater! Wertheste Frau Mutter! – diese Titel gaben sie uns unaufgefordert und freiwillig, wie sie es denn überhaupt an dem äußern Respect, den gute und gehorsame Kinder {202}

ihren Eltern schuldig sind, in keinem Stück fehlen ließen – Ihr sollt wissen, wie daß uns vor ungefähr 14 Tagen die Nachricht zu Ohren kam, was maßen die Kirschvögel ihren jährlichen Tribut, bestehend in 25.000 Kirschkernen, nächstens wieder an die Gimpel abliefern würden. Wir erfuhren zugleich dabei, daß der Zug der Gimpel, die diesen Tribut abholten, durch einen Wald ging und beschlossen sofort, ihnen den Transport, wie man in der Kriegskunst zu sagen pflegt, durch einen coup de main abzuschneiden. Dem zu Folge legten wir uns in einen dichten Hinterhalt, und so wie die Gimpel hier vorbei kamen, brachen wir hervor, und nahmen ihnen mit stürmender Hand alles weg. Sie selbst schlugen wir mit Schimpf und Schande in die Flucht und bemächtigten uns ihrer 25.000 Kirschkerne als Beute. Nach geendigtem Strauß suchten wir einige derselben zu eröffnen und wollten mit den Kernen uns unsern Appetit stillen. Aber, o Wunder über Wunder! Kaum hatten wir zwei derselben aufgeknackt, als plötzlich zwei unbefiederte, aber dabei allerliebste muntere Kirschvögelchen aus den beiden Hälften des Kirschkernes, wie junge Nestlinge aus zwei durchbrochenen Eyerschalen, erst den Kopf hervorsteckten, und bald darauf leicht und anmuthig hervor schlüpften. Sie {203}

pickten, sie schlugen mit ihren Flügeln, sie flatterten, und in wenig Minuten sahen wir sie zu ihrer völligen Größe angewachsen. Da wir bemerkten, daß dieser erste Versuch so unvergleichlich ablief, ließen wir bald einen zweiten, dritten nachfolgen. So operirten wir, ich und mein Bruder, die ganze Nacht hindurch, bis durch unsere beiderseitige Thätigkeit ein völliges Wachtlager, und das von lauter Kirschvögeln, zu Stande kam: und ich mag daher wol sagen, daß wir mit weit weniger Schwierigkeit, als noch je ein General, eine Armee von 25.000 Mann auf die Beine brachten. Sobald die Regimenter, dem Feldetat gemäß, eingerichtet, das heißt equipirt und exercirt waren, erließen wir durch unsern Auditör eine Proclamation an die sämmtlichen Kirschvögel. Wir forderten sie in derselben auf, muthig das Joch abzuschütteln, das die Gimpel ihnen seit so langer Zeit aufgelegt; zugleich spornten wir sie an, in Vereinigung mit uns, sich von dem schimpflichen Tribut, der sie drückte, frei zu machen. Diese Proclamation that Wunder im Volk; denn schon den folgenden Tag war ein Korps von mehr als 15.000 Kirschvögeln zu uns gestoßen. Sobald die verwittwete Königin der Kohlvögel – denn ihr sollt wissen, daß Kohldieb der Hundert und Fünf und Funfzigste in- {204}

dessen auch gestorben ist – hörte, daß ihre Nachbarn, die Kirschvögel, sich tributfrei gemacht, verweigerte sie den Gimpeln ebenfalls den Tribut und nahm sich fest vor, jenem Beyspiele nachzufolgen. Die 25.000 Kohlvögel, die sonst das grausame Loos der Verstümmelung traf, behielten sonach für dieses Jahr sämmtlich ihre respektiven Kohlstauden am Hintern und verstärkten dadurch, als ein complettes und höchst respectables Korps, den linken Flügel unserer Armee.
Den 25. Oct. 1802 rückten diese combinirten Truppen, die eben so vortrefflich montirt, als exercirt waren, unter meinem und meines Bruders Commando ins Feld und fingen ihre Operationen an. Bis zum 27. fiel wenig von Bedeutung vor. Am 28. aber kam es zwischen Kohlstädten und Quittenbrot zu einer alles entscheidenden Schlacht, die 10 Stunden dauerte und wobei zuletzt die Gimpel den Kürzern zogen. Dieser Sieg kostete dem Feind an 10,000 Todte, und 15,000 Gefangene. Doch ging es unsrerseits ebenfalls nicht ohne Verlust und großes Blutvergießen ab. Fast an 4000 Kirschvögel sind auf dem Platz geblieben und über 5000 Kohlvögel haben ihre Kohlstauden verloren. Dies, wertheste Eltern, sind in der Kürze zusammengezogen die Hauptresultate dieses ersten, aber äußerst merk- {205}

würdigen Feldzuges. Der Feind ist zu sehr geschwächt, als daß er noch einen zweiten Feldzug wagen darf, und wir können daher einem ehrenvollen Frieden nächstens entgegensehen. – Dieser kam denn auch wirklich, und das bereits am 5. November des nämlichen Jahres, glücklich zu Stande, und ich wurde dadurch, nach feierlich geschlossener Verbindung mit der Prinzessin, zum König der Gimpel ausgerufen, und hielt noch desselbigen Tages, als am 5. November Abends 8 Uhr, unter den größten Solennitäten meinen Einzug in die Gimpelinsel. Da ich immer bemüht gewesen bin, dieser meiner wahrhaften Reisebeschreibung zugleich ein wissenschaftliches Interesse mitzutheilen, so kann ich hier die Gelegenheit zu einer abermaligen Berichtigung, die sich mir darbietet, und die, als solche, in das astronomische Fach gehört, unmöglich vorüberlassen. Der als Astronom durch seine Selenographie mit Recht so berühmte Herr Amtmann Schröter aus Lilienthal nämlich hat in seinen vortrefflichen Mondtabellen unter andern auch folgende Beobachtung aufgestellt: „Den 5. November 1802 Abends gegen 8 Uhr, zeichnete sich, dicht an der westlichen Grenze des mare vaporum (in der Vertiefung der Mondalpen) gegen das mittlere Licht der übrigen Punkte, ein sehr hel- {206}

ler aber feiner leuchtender Lichtpunct aus, der fast einem glimmenden Fixsternchen glich, und vom Verfasser noch nie an dieser Stelle gesehen worden war.“ – Nun möchte Herr Amtmann Schröter gern wissen, was es wol mit diesem hellglänzenden, und nach einiger Zeit eben so plötzlich wieder verschwundenen Lichtpunct für eine Bewandniß hätte – und da kann ich abermals dienen. Dieser helle Lichtpunct war nichts anders, als eine große solenne Illumination, die mir zu Ehren am Tage meines Einzugs, als den 5. November 1802 Abends 8 Uhr, von den guten Mondbewohnern veranstaltet wurde. Etwas später, wie Herr Amtmann Schröter ebenfalls bemerkt verlor sich das Licht – ganz natürlich, weil man die Lampen im Monde auslöschte. Und so löst sich auch dieses Räthsel ohne alle Schwierigkeit. Sogleich nach meiner Thronbesteigung, ließ ich die Einführung eines neuen Gesetzbuchs meine erste und angelegenste Sorge seyn. In demselben schaffte ich zuvörderst alle unnütze Privilegien und Titulaturen ab. Dem Verdienst eröffnete ich freie Bahn. Jeder brave Mann konnte an den Hof, auch wenn er keine hundert und fünf und funfzig Gimpel unter seinen Vorfahren aufzuzählen hatte. Die Inhumanität in den Zuchthäusern, Staatsgefängnissen wurde wieder, bis auf einen gewissen Grad, von mir eingeführt – alles den höhern Ansichten und Zwecken gemäß, daß die Gimpel endlich aufhören sollten, diese Anstalten länger, als einen place de repos für Diebe und Vagabunden zu betrach- {207}

ten! Man hatte ihnen daselbst sogar Ruhebettchen, damit die vom Vagabundiren etwa Ermüdeten gehörig ausruhen konnten, machen lassen. Dafür wurden alle schimpflichen Leibesstrafen in den Armeen, als dem ächten point d'honneur, zuwider, gänzlich abgeschafft. Ferner erließ ich ein neues Mandat über die Erziehung. Auch setzte ich eine Commission nieder, die alle jene, meist von armseligen Gimpeln abgefaßten Bücher, die von Erziehung für den Staat, oder von der Kunst Gimpel abzurichten nach ihrem ganzen Umfang handelten, auf das genaueste prüfen, und nur das Gute, das keinem Gimpel abzusprechen ist, aus jedem derselben beibehalten sollte. Ich vereinfachte den Volksunterricht möglichst und stellte denselben wieder auf sein uraltes Fundament, auf Religion und Gesang. Der Name ruhiger Bürger galt mir nur in so fern für einen Vorzug, als derselbe durch keine sclavische Furcht vor dem Stock und Prügel des Policeidieners, oder gar, was in meinen Augen das Abscheulichste schien, durch militairische Mißhandlungen erkauft wurde. So bestand eins der ersten und schönsten Geschenke, das ich meinen treuen Unterthanen machte, in einer neu aufgelegten Habeas Corpus-Akte. Darum ließ ich auch den Handwerkern und Innungen alle ihre alten und wohlhergebrachten Ehrengebräuche, und reinigte sie bloß von den ihnen, wie allen menschlichen Einrichtungen, durch die Länge der Zeit anklebenden Fehlern und Unvollkommenheiten. In der festen Ueberzeugung, daß der Gimpel vom {208}

Bürger, der ruhig bleibt, wenn ihm sein König oder Staat seine Privilegien nimmt, auch ruhig bleiben wird, wenn dem Staate einst selbst Gefahr droht, verspottete ich, wo ich konnte, die alberne Furcht alter politischer Gimpel, die in jedem Auflauf des Volks sogleich eine Revolution befürchteten. Mit meiner jungen Königin, die ich auf das innigste liebte und wegen der schönen Eigenschaften ihres Herzens zu lieben so volle Ursache hatte, führte ich das vergnügteste Leben, von der Welt. Nur eins, wovor ich mich dabei in Acht nahm, war besonders die Maßregel, daß ich ihr in meinem Kabinetsrath weder direct noch indirect in politischen Angelegenheiten Sitz und Stimme einräumte. Wenn indessen von einer projectirten Einrichtung der Mädchenschulen, von Frauenvereinen, von Verbesserung der Manufacturen und Spinnräder die Rede war, konnte sie in Gottes Namen mitsprechen; nur Krieg zu führen, Frieden zu schließen, so wie Alles überhaupt, was auf den Staat einen nahen, oder entfernten Einfluß ausübt, behielt ich mir und meinen Ministern vor, mit einem Worte den Männern, die ich so gut, so stark, so verständig wählte, als sie nur immer in einem Umfang von hundert Meilen zu haben waren. Mit Beobachtung dieser wenigen, aber klugen. Staatsmaximen hoffe ich, wenn mir Gott die Gnade schenkt, nur noch einige Jahre am Regiment zu bleiben, die Gimpel nach und nach sämmtlich wieder in vernünftige Menschen zu verwandeln. {209}

Worte der Warnung
vor dem Sturm
des 14. Octobers 1806.

Gesprochen
von Johannes in der Wüste. {210}


V.
Die Wiederkunft
der
Griechen und Römer.
-1804. {212}

(Ein kerzenerleuchteter Saal. Der Genius des neunzehnten Jahrhunderts mit seiner Begleitung hereintretend.)

Der Römer.
Du locktest uns zurück zur Oberwelt,
O Geist des neunzehnten Jahrhunderts!
Es kehre, sagtest du, ein neu Geschlecht,
Dem Schutt entsteig' ein schöner heil'ger Bau,
Schon strebten aufwärts fest für Ewigkeiten
Gegründet hehres Göttertempels Säulen.

Die Griechin.
Vor allem melde mir zuerst: wo weilt
Die Jugend, die den Tod für Vaterland,
Den ew'gen Ruhm, vorzieht des Goldes Glanze,
Und schnöder Ueppigkeit Gewinn und Lust?

Die Römerin.
Zeig mir die Mütter solcher Söhne werth,
Die Schwestern zeig', werth Brüder sie zu nennen. {214}

Genius.
Hier.

Die Griechin.
In der schlechten Säulenordnung Raum?

Der Römer.
Hier in dem schiefen winkelvollen Hause?

Die Römerin.
Im griechisch ausgeflickten Mauerwerk,
Wo statt des Marmors Ziegel aufgethürmt sind?
Dieß nenn' ich Dinge böser Vorbedeutung.

Ein Jüngling (der auf sie zukömmt).
Gruß dir, und Ehrfurcht, staunenswerther Kreis!
Das sind Gestalten nicht von dieser Welt.
Du melde mir die Namen, Genius?
Wer ist die Frau so königlichen Ansehns?

Genius.
Cornelia, die Mutter edler Gracchen.

Der Jüngling.
Und dieser Mann hier mit so strengem Ernst,
Den dennoch ihm ein Zug von Weisheit mäßigt? {215}

Genius.
Ist Brutus, Cäsars Sohn zugleich – und Mörder.

Der Jüngling.
Und jenes Heldenweib?

Genius.
Die unerschrockne
Lacedämonerin, die flieh'nden Söhnen
Einst aus der Männer-Schlacht entgegenstand und sie
Befragte: Feige, sagt, wohin?
Wollt in der Mutter Leib zurück ihr flüchten?
Und, ihr Gewand hoch aufgeschürzt, das Schwert
In ihrer eignen Kinder Busen tauchte.
Was, Jüngling, zitterst du?

Der Jüngling.
Mich überläuft's
Mit kaltem Schau'r, ob solcher Unthat!
(Geht zu seiner Mutter zurück an den Spieltisch.)

Die Mutter.
Cinq à six!

Brutus.
Ist wol ein Kampfspiel angeordnet hier?
Trompeten klingen, und die Füße setzen {216}

So Mann als Weib nach kriegerischem Maaß,
Pyrrhichen, dünkt mich, sind es ja wol gar,
Womit sich übend dieses Volk vergnügt,
Die Vorbereitung eines großen Tag's!

Die Lacedämonerin.
Dies ordnungslose wildverworrne Hüpfen
Zum fellbespannten Becken mißfällt mir.

Cornelia.
Wer sind die schamlos aufgeschmückten Weiber,
Die das, was beßre Zucht verdeckt, entschleiern,
Und halb enthüllt dem Aug' entgegen tragen?
Sclavinnen, mein' ich, und Hetären wol!
Geht dies Gezücht denn buhlerischen Anstand's
Auch hier nicht aus! Sagt an, wo ist der Prätor?
Verwehrt kein Censor ihnen hier den Zutritt?

Die Lacedämonerin.
Und jene Vetteln, die so lüstern nippen,
So selig trinken aus dem Festpokal
Die reine Goldfluth ungemischten Weins,
Sie sind wol günstig der Gelegenheit?
Bequeme Mütterchen? Wie führten sonst
Sie doch dem wein- und tanzerhitzten Jüngling
Die Unschuld in die Arme? {217}

Genius.
Haltet ein!
Ihr irrt. Es sind die würdigsten Matronen,
Die diese Stadt in ihrem Umkreis zählt,
Mit ihren edlen Töchtern – nicht Hetären.

Cornelia.
So zog in Rom man Flötenspielerinnen.

Die Lacedämonerin.
So Kitharöden einst in Sparta groß.
(Musik, die von neuem losrauscht.)

Brutus.
O Himmelskind du des Pythagoras,
Die goldne Sterne lenkst an ew'gen Seilen,
Und nach des Wohllauts stiller Regel lockst,
So bist du dienstbar diesem Volk geworden?
O Göttin, muß mein Aug' es sehn, wie du
Hier als gemeine Magd den Reigen führst!
Hat dieses Volk denn keine Weisen nicht,
Sie von des Abgrunds Tiefen abzulenken,
An dessen Rand sie unbehutsam wandeln?

Genius.
Ist That nur Weisheit, gibt es deren keine; {218}

Dafür jedoch Gelehrte sonder Zahl.
Doch, ist sie Wort, so mag sich Griechenland
Nur seiner Sieben schämen; hier sind Hundert.

Brutus.
Gelehrte, sagst du; was ist ihr Beruf?

Genius.
Der eine zählt die kapitol'schen Gänse,
Der andre wieder zählt die von Westphalen,
Und weh dem dritten, der sie gleichfalls zählt,
Trifft seine Zahl nicht mit der ihren zu!
Ein vierter zählt euch unermüdbar ämsig,
Ein neuer Linné, dort den Sand am Meer.
Der fünfte liest und lieset unabläßig,
Jahrzahlen häufend, Völkerhirtennamen.
Ein kostbar Monument, ein Kenotaph,
Noch bei lebend'gem Leib kunstvoll errichtet,
Der theuren Vorwelt Asche, hebt er auf:
Ihm doch ist längstens Leben ab und todt.

Brutus.
Wie aber bilden sie des Volkes Jugend?

Genius.
Ganz, wie sich selbst: zu eitlem Tand und Plunder,
Zu Zahl und marterndem Gedächtnißwerk. {219}

Cornelia.
Nicht Alle, hoff' ich!

Genius.
Nein! Dort übt ein Paar
Im Steinerücken sich auf schwarzem Bret.
Ein andres stößt auf grün beschlagnem
Tisch Kugeln von Elfenbein mit spitzem Stab;
Mit bunt bemalten Blättern spielen andre.

Brutus.
Solch Sündervolk eracht' ich gleich den Schnecken,
Von einem Regen auf- und weggespült,
Cornelia!

Cornelia.
Was will mein edler Brutus?

Brutus.
Kaum noch das Saumband deines Rockes könnten
Zwei Dutzend solcher Männer mir ersetzen.
Lacedämonerin!

Lacedämonerin.
Ich höre. {220}

Brutus.
Sag',
Welch ein Geschlecht erwartest du von diesen?

Lacedämonerin.
Seyd unbesorgt! Erzlustig wird es werden,
Wird Steine rücken, Lauten auch wol schlagen -
Und Kugeln rollen auf dem grünen Tuch!

Cornelia.
Die Gänse zählen auf dem Capitol!

Brutus.
Sandkörner mühsam in Systeme fassen!

Genius.
O gönnet mir an eine beßre Zeit
Den Glauben doch, wär' sie auch noch so weit!
Wie Blüthen niederhangen aus Ruinen,
Ist sie mir oft im stillen Traum erschienen.
Viel kann ein einz'ger hochbegabter Mann;
Mild zünden sich an Geistern Geister an,
Die niederleuchten durch den Strom der Zeiten,
Wo düstern Schiffbruchs grause Trümmer gleiten.
Er steht ein Leuchtthurm hoch für tausend da,
Und sammelt das Zerstreute fern und nah; {221}

So gönnt auch mir, durch Schaffen und Vernichten
Die arme Menschheit freundlich aufzurichten!
Vergänglich ist, was brausend nur zerstört:
Still dauernd wirkt, was lang und ewig währt.

Brutus.
Dich ehr' ich, Genius! groß ist dein Ziel:
Fahr muthig fort – hoch ihr, mit Tanz und Spiel,
Lebt lustig euren Tag, ihr Ephemeren!
Verlöscht im Sumpfe wird euch Niemand hören.


An die Erzieher des neunzehnten Jahrhunderts.
1804.

Wie lang mißkennt ihr noch den Geist der Zeiten,
Und jagt nach Klapperwerk und leerem Tand?
Stets schaut ihr Nebelküsten nur von weiten,
Und dennoch ruft ihr frohbegeistert: Land!

Ruhm, Ehre, Preis der Kunst der Pädagogen!
Verdiensten räum' ich gern den Lorbeer ein;
Sind die Erzieher nur erst selbst erzogen,
Wird’s mit Erziehung gleich auch besser seyn!

Kein Gott erzieht des Volkes große Lehrer,
Für Kirch‘ und Schule, Kanzel und Altar.
Leer zieht das Jünglein hin, und wieder leerer
Kehrt es zurück von Schulen, wie es war. {223}

Anstatt Lebendigkeit und Kraft zum Wirken,
Wodurch der Mensch aufrecht im Sturm sich hält,
Wie kömmt es, daß, wol eingepeitscht mit Birken,
Nur Brocken das Gedächtniß inne hält?

Unselige Verkehrtheit! So wie Ammen
Der Leib des Kindes früh ist unterthan:
So auch erstickt und tilgt des Geistes Flammen
Ein Heer Pedanten in dem künft'gen Mann.

Wie jene trällernd den Verstand verklappern,
So machen die ein Kind durch Wörter klug;
So lernt mon fils maschinenmäßig plappern,
Und wird, bevor er Mensch ist, schon ein Buch.

Von Baum und Wald, den ur-uralten Dingen,
Von Land und Flur, dem ersten Welt-Beruf
Kein Wort! – Im Käfig hört es Vöglein singen,
Aus Fibeln lernt's gemachten Hahnenruf!

O dreimal glücklich, wem Natur die Wiege
Aufhing im grünen Busch, im stillen Wald,
Wer früh an ihr gestillt die durst'gen Züge,
Wer früh genas vom Stubenaufenthalt! {224}

Er kennt sie nicht, der Basedow und Kampe
Trübseel'ge Kunst, die dumpf in Büchern wohnt:
Hell schimmern ihm, statt des Studierpults Lampe,
Zu seinen Häupten Stern und Sonn' und Mond!

Ihm liegt der Bücher ew'ges aufgeschlagen;
Ihm flüstert Bach und Busch ein Schlaflied zu;
Ihm neigen Sternlein sich, ein Wort zu sagen,
Zu seinem Herzen strömen Fried' und Ruh.

Laß, Heil'ge, mich dein Feuer nur durchglühen!
Laß, wo du Blumen wirkest, Thier und Laub,
An deinem Altar fromm begeistert knien,
Und mich genesen auch vom Bücherstaub!

Du, edler Pestalozzi, strebst vergebens,
Vom Bücherfluch die Menschheit zu befrein:
Gift fließt am ersten Quell des Menschenlebens,
Wir saugen mit der Muttermilch es ein!

Hoch thürmt sich auf die Last der Bücherwände;
Die Mauer steht und schützt den ärmsten Tropf.
Sieh Babels Bau! ihn thürmten tausend Hände,
Sag, was dagegen will, ein einz'ger Kopf! {225}

Des Mutterleibes Kerker kaum entronnen,
Bringt neue Fesseln uns der Sonnenschein:
Sag, was ein Kind wol mit Geburt gewonnen?
Gefangen einst – sperrt man es wieder ein!

Wie klopft das Herz den schwerbesorgten Müttern!
Regt sich ein Glied, wie deckt's die Alte zu!
Als ob sie vor dem Athmen selbst erzittern,
So lullen sie den Säugling ein in Ruh.

Die Stunde rennt; sie reift das Kind zum Knaben;
Des Lernens Trieb, die Wißbegier erwacht;
Welt- und gelehrte Bildung soll es haben;
Der Vater ist auf Unterricht bedacht.

Selbst das Gedächtniß vollgepfropft mit Wörtern,
Nimmt ein Präceptorschwarm uns in Empfang,
Fünf Jahr uns das Geheimniß zu erörtern,
Daß mensa heißt der Tisch, und scamnum Bank.

Geübt, zwei Scenen aus Terenz zu stammeln,
Schickt als Maturus uns ein Rector fort;
Drauf, achtzehn Jahr, von Schilda wie nach Hameln,
So geht's auf Universitäten fort.

Hier sind eröffnet viel gelehrte Stühle;
Auf jedem herrscht ein aufgeschlagnes Buch;
Hier lernen Wenig, lehren aber Viele,
Zahllose Weise – doch kein Mensch wird klug! {226}

Der Eine zeiget euch Botanikschätze,
Ihr sollt und müßt ein künft'ger Linné seyn.
Der Zweite lehrt euch Newtons Grundgesetze,
Der Dritte fordert Cicero's Latein.

Euch, die lebendig mit dem Volk sollt sprechen,
Verstopft ein Vierter mit Rabinenwust,
Mit todter Sprachen ew'gem Sylbenstechen,
Lebend'ger Sprachen Quell in eurer Brust.

Ein Fünfter überfliegt Erfahrungsschranken,
Enthüllt euch die Potenzen der Natur:
Durch Opium zwei Schellinger Gedanken
Und Schinkenschnitte glückt ihm jede Cur.

Ein Sechster packt euch eine ganze Fuhre
Pandekten, Glossen auf, des Lands Ruin;
So lernt ihr Armen dann die Kunst, de iure
Die Wittwen und die Waisen auszuziehn.

Der Siebente verspricht, nach vieler Jahre
Verwandtem Fleiß auf Ihn, und Ficht und Kant,
Daß er als Resultat euch offenbare:
Wie er so wenig Gott, als Welt verstand.

Wohin, wohin, vor allen diesen Strömen
Von Weisheit retten noch gesunden Geist?
Kaum gnügt ein Leben allen den Systemen,
Kaum ein Jahrtausend, das so unterweist. {227}

Und dennoch sind drei Jahre nur beschieden,
Unendliches zu fassen, höchstens vier;
Sodann entläßt die Weisheit ihn in Frieden
Zu Stuhl und Pfarramt, durch des Hörsaals Thür.

Dem ärmsten Tropf wird Handwerksgruß zu Theile;
Die Innung reicht den Hut und spricht: bezahl‘!
Und die den Musen abgestohlne Weile
Verliert der Jüngling lärmend beim Pocal.

Und euch nimmt's Wunder, daß beim Menschenbilden
Der Funk' erlischt, noch eh er ist entglüht?
Daß ihr, statt Menschen, nur ein Volk von Gilden
Und rohe Handwerksbuchgelehrte zieht?

Wann dient, wie einst in Bonnets Heiligthume,
Nicht mehr Natur dem Wissenswurm zum Raub?
Und wo entblüht der Menschheit schöne Blume,
Die Kunst, wol einmal todtem Bücherstaub?

Zu diesem Fluch verdammt euch, hört's, ihr Neuen,
Die Achterklärung schönster Lebenskunst.
Erziehung, Menschenbildung – sie gedeihen.
Nur unterm Scepter höchster Musengunst! .

Verständlich lehrt sie euch von Thier und Pflanzen,
Was Greis und Mann weiß, ahnen mag das Kind!
Sie zeigt den Einklang euch des hohen Ganzen,
Und führt euch durch des Wissens Labyrinth {228}

Zum Garten, wo Hesper’sche Früchte strahlen.
So fördert sie, was Geist und Herz erfreut;
Nur jenem Volk, was ewig nagt an – Schalen,
Ist zu erklären sie den Krieg bereit!

Des Encyklopädismus leere Schwätzer,
Und was Maschinen zieht – kein Mensch – das Buch,
Des Druckers Strafe, wie die Last der Setzer –
Nur sie belegt sie mit dem härt’sten Fluch!

So gebt denn Abschied einem todten Wissen!
Beschränkt fortan mit Ernst den Sinn auf Eins;
Und wollt ihr nicht, trotz euern Hindernissen,
Schlingt sich ein Bund schön menschlichen Vereins.

Erwacht sind Uns die schönsten Seelenkräfte,
Der tiefste Grund der Menschheit aufgeregt:
Befördert nur das göttliche Geschäfte:
Erziehung, was die Kunst euch aufgelegt! –

Reich wird euch bald die Göttin dann belohnen;
Bald zaubert sie hervor ein neu Geschlecht:
Erhöhte Menschheit wird auf Erden wohnen.
Nur durch das Schöne lernt der Mensch das Recht!

VI.
Siebenzehnhundert Eins
und
Achtzehnhundert Eins.

Eine Zeitparallele. {230}

Siebenzehnhundert Eins.  

Vom Jahre Siebzehnhundert Eins
Laßt euch ein Lied erzählen,
Und, so ihr wollt, könnt draus ihr eins
Wol und das Andre wählen!

Schaut her, ihr Herren und ihr Frau'n!
Hausvater in der Mitte
Von Weib und Kind und Knechten, traun
Nach alter deutscher Sitte,

Die Sammetmütz' auf seinem Kopf,
Choralbuch aufgeschlagen,
Ein span'sches Rohr mit Silberknopf,
Und schwer, im Spitzenkragen;

Die früh bei Licht der Meßner trifft,
Des frommen Hauses Mutter;
Und dort die ganze heil'ge Schrift
Von Doctor Martin Luther. {232}

Europa's Fama neben dran –
In langen Wintertagen
Erzählt Hausvater dann und wann
Draus, was sich zugetragen.

Urväter zieren mit Geräth
Des Glasschranks beide Seiten;
Doch hat, was dort in Büchern steht,
Noch frömmeres Bedeuten.

Nicht kann der lieben Alten Paar
Bei fremder Noth verweilen;
Es drängt das Herz sich immerdar,
Den Armen mitzutheilen.

Was wohl bedacht, was wohl erspart,
Wird reichlich zugemessen,
Und Path' Anna Rosina ward
Dabei auch nicht vergessen.

Ein fröhlich Neujahr kommen ist:
Noch funfzig Jahr wie heute!
So bringt handschüttelnd jeder Christ
Dem andern früh es heute.

Hoch stäubt einher vom Himmel-Schnee,
Hell klingt im Frost der Seiger;
Dem Wandrer schwinden Berg und Höh',
Und Dorf und Meilenzeiger. {233}

Doch hättet Eidam, Mutter, Kind
Heut früh, vor Sonnaufgehen,
Zu Gottes Vorhof, fromm gesinnt,
Ihr können gehen sehen.

Auch Job saß armgestützt im Chor,
Links bei der Kirchenpforte,
Und schrieb, daß er kein Wort verlor,
Des Pred'gers heil'ge Worte.

Jetzt aber bringt zum Frühstück er,
Daß Kindlein auch erwarmen,
Zwei Flaschen drei und achtziger
Getragen in den Armen.

Auch hält er des Gebacknen voll
Noch einen ganzen Teller.
So kömmt, beladen wie er soll,
Er jetzt aus Küch' und Keller. –

Indeß im Ofen knisternd brennt
Die holde Winterflamme,
Und zehrt, ein freundlich Element,
Im alten Eichenstamme.

Doch plötzlich steht er, frommer Weil,
Und hört den Neujahrsegen,
Und brennt, zu seiner Herrschaft Heil
Ein Wort mit drein zu legen. {234}

Seht, wie die Thränen über'n Bart
Dem alten Graukopf rollen!
Ihm ist, was dort verkündigt ward,
Wie aus der Seel' entschollen.

Wohl zieht, zu Zucht und Sitte fein,
Die Schaffnerin Susanna
Des Hauses jüngstes Töchterlein,
Die kleine sitt’ge Hanna,

Dort steht sie, zwischen Vaters Knien
Den Jahrwunsch aufzusagen,
Um den die Englein Kränze ziehn,
Neugoldne Borden tragen.

Nur langsam! langsam! liebes Kind!
Ruft dann und wann die Alte,
Und runzelt, geht es zu geschwind,
Die Stirn in düstre Falte.

Ein Weib, beschränkt, doch gut wie eins,
Und deren ganzes Wissen
Das Reimgebetlein, Einmaleins,
Und Schrift und Psalter schließen.

Sie hat die Kindlein, klein und groß,
Gehegt, gepflegt, getragen,
Gewartet sie auf ihrem Schooß,
In gut und bösen Tagen. {235}

Keins ist, bei dem sie nicht die Nacht,
Am schweren Krankenbette,
Gar oft den Tag herangewacht
Mit rothen Augen hätte.

Drob denn das ganze Haus sie auch,
Wie eine Mutter, ehret,
Nichts unternimmt, nach frommem Brauch,
Als was sie auch begehret.

Wie scheint doch, als ob traut und hold
Hier Eintracht alles binde!
Sogar der treue Haushund zollt
Dort seine Lieb' dem Kinde.

Es ist die wohlbekannte Hand,
Die scherzhaft ihn bedräute,
Ging er zum Spiel, im Gängelband,
Nicht duldsam ihr zur Seite.

Rothkehlchen hüpft im Mutterschooß,
Als zwitschert es, mit Fragen
Dazwischen nun auch Klein und Groß
Ein kosend Wort zu sagen.

O holder Unschuld goldne Zeit,
Wo bist du, sprich, geblieben?
Weit, weit, mit aller Redlichkeit,
Schon lange weggetrieben! {236}

Bist weg gewandelt ewiglich,
Mit frommer Vorwelt Spuren!
Ihr schlicht einfältig Schalten wich
Verkünstelten Naturen.

Wir schämen uns der Vorwelt, trau'n!
Was Jene gut empfanden,
Verschmäh'n wir; so nun, liebe Frau’n,
Kommt uns Natur abhanden.


Achtzehnhundert Eins.

Und wieder dreht zum neunten Mal
Im Lauf sich das Jahrhundert.
Der Mensch verändert, wie die Zahl!
Drob Niemand fragt verwundert:

Was ist es, daß, wie Herr und Magd,
So anders Stuhl und Ringe?
Ein neuer Morgen hat getagt,
Beleuchtend andre Dinge? {237}

Ein aufgeklärt Geschlecht, Drapd’or,
Und Gold- und Silberrahmen,
Und Bücher, Schmuck und Gaze und Flor,
Aufklärung heißt's zusammen.

Es weicht die fromme Schaffnerinn
Dem Schwarm der Kammerzofen,
Und Doctor Luther, deutsch und kühn,
Der Franzen Philosophen.

Sieh, Frau Susanna's Platz vertritt
Nun eine Gouvernante:
Ça, saluez donc, ma petite,
Madame, votre tante!

Die Bibel in dem Volkston wird
Das Buch nun feiner Zirkel,
Und Herr, und Knecht, und Magd verwirrt
Aufklärungsmodeschnirkel.

„Eine feste Burg ist unser Gott!“
Liegt nicht mehr aufgeschlagen.
Der Stutzer schielt – und wird nicht roth –
In Fräuleins Spitzenkragen:

Das singt dabei zur Eltern Lust
Wol aus der Cosa rara:
Facciamo pace! stolz bewußt
Sich ihres Ton's, als Mara. {238}

Fort ist der alte Haushund, fort,
Gestoßen von der Schwelle
Der alte Job: ein Franzmann dort
Versieht nun dessen Stelle.

Der wohl poudrirt, wohl parfümirt,
Und weit und breit gereiset,
Im Bostonspiel, wie sich's gebührt,
Das Fräulein unterweiset.

Ein Kind spaziert, mit schmutz'gem Fuß,
Auf Kanapee und Kissen,
Und Tacitus de moribus,
Hat ach! der – Hund zerrissen.

Wo sonst am Sorgstuhl, früh und spat,
Der Ofen freundlich glühte,
Steht nun ein Korb aus Silberdrath;
Drinn liegt die Favorite,

Um ihren Hals ein rothes Band,
Auf weichen Sammetkissen,
Die eben tückisch in die Hand
Den Kleinen dort gebissen.

Doch niemand hört auf sein Geschrei;
Denn wicht'ger ist die Mutter
Beschäftigt mit dem Papagey;
Sie reicht ihm ja sein Futter. {239}

Den Neujahrwunsch lorgnirt in Eil'
Nur obenhin der Vater,
Frägt nach dem Rondo nur von Pley‘l,
Und: was gibt's im Theater?

„Das Donauweibchen“ zeiget Jean
Im aufgeschlagnen Zeddel,
Was sich der Herr bereits so lang
Zu sehn gewünscht – den Bettel!

Für heut, den ersten Januar,
Kauft man zum erstenmale
Billets gleich an der Case baar,
Dicht am Comödiensaale.

Ein Stück, wie dieses, sah noch nie,
So lang Fagot und Bässe
Im Schauspielhause brummten, die
Hochgnädige Noblesse.

Zuerst kommt Jungfer Salome
In einem Ey – zu Falle;
Sodann erblickt man einen Thee
Dansant in – einem Stalle.

Ein Reiter drauf ein Pferd verschluckt,
Das ihm bei guter Weile
Hervor mit seinem Kopfe guckt
Aus offnem Hintertheile. {240}

Zugleich die Direction auch hat
Die Ehre zu vermelden,
Daß kein Abonnement heut Statt
Kann finden, oder gelten.

Die Kosten nur an Zindeltafft,
Und Zwergen zu Pasteten,
Und Teig, bloß dafür angeschafft,
Sonst raus nicht kommen thäten.

Schauplatz wird seyn im Gasthof zur
Hispan'schen Majestäten,
Anfang halb sechs, Schluß Punkt zehn Uhr,
Zuspruch geneigt erbeten.

Statt Silberthalern liegt der Schrank
Bis oben voll gezählet
Mit Conto's, denen das – zu Dank
Am Rand stets unten fehlet.

Der Schuster bringt die seidnen Schuh
Ein Paar mit Flitterstrahlung,
Und an der Note fügt er zu:
„Bitt' baldige Bezahlung.“

„Pour prendre son congé“ liegt quer
Bei der Visitenkarte
Der Cassenschlüssel, welche leer,
Schon längst nichts mehr verwahrte. {241}

Das Hausbuch zeigt am Tag der Cour,
Für Flor und Engageanten
Zwölf Louisd'or – ein Kopfstück nur
Den armen Abgebrannten.

Entblößt im Leben, nackt im Tod,
An Glauben leer, und Batzen –
Bewahr', o lieber Herre Gott,
Uns vor Aufklärungsfratzen!

Nachruf.

Nun Afterwitz und Modetand!
Habt nun gewährt am längsten.
Bald werdet ihr Herz und Verstand
Uns nicht mehr tödtlich ängsten.

Aus ist der Schein; seyn will die Welt.
Ihr steht umsonst dawider.
Was euer Herz erhoben hält,
Zieht unsers bleyern nieder.

Die schönste Blüth am Lebensstrom,
Hausglücks schuldlose Freuden,
Zertratet ihr, wie Küh' in Rom
Auf heil'gen Tempeln weiden.

Verläugnet habet ihr Natur;
Drum hat sie euch verstoßen.
Klein seyd und bleibet ihr doch nur,
Ob auch genannt die Großen. {243}

Durchschaut ist nun das lose Spiel
Armsel’ger Puppenfäden;
Der Mensch verfolgt ein höh’res Ziel,
Lacht eurer winz’gen Fehden.

Nun gilt's, mit eignen Augen sehn,
Mit eignen Ohren hören;
Nur was geschieht, nicht was geschehn,
Das kann hinfüro währen.

Was, sich zu halten, braucht der Staat
Im Rath und Schlachtgefilde,
Die lebensfrische, kräftige That,
Ruht nicht im Wappenschilde.

Vergessen drum den alten Zwist,
Fürst, Bürger, oder Adel!
Altteutsches Herzens Losung ist:
Ein Wandel ohne Tadel.

Wird dies beschützende Panier
Thuiskons Volk vereinen,
Dann mag an seinen Gränzen zwier
Ein tapfrer Feind erscheinen;

Zurück schlägt's ihn zum Wespenstaat;
Und was am Belt und Sunde
Und sonst ein teutsches Herz noch hat,
Eint sich dem schönsten Bunde. {244}

Komm, liebe Vorwelt, wieder, komm,
Du Zeit der guten Seelen,
Von Patriarchen still und fromm
Den Kindlein zu erzählen!

Für Frankreichs frechen Afterspott,
Für Voltaire und für Bahrdten,
Laßt, guter Abraham und Loth,
Euch länger nicht erwarten!

Die ururalte heil'ge Zeit,
Sie soll uns heilig bleiben;
Die soll uns nicht Herzlosigkeit
Des Franzenvolks vertreiben.

Wir wollen kindlich euch empfahn,
Und wie vor alten Zeiten,
So gut ein jeder weiß und kann,
Verstehen euch und deuten.

Verargt es nur auch nicht zum Dank,
Daß euch, nach Dichterweise,
In manchem frommen Meisterschwank
Der Sänger fröhlich preise.

Ist doch das Allerheiligste
Stets tief in seinem Herzen;
Und so gehört das Menschliche
Der Unschuld frohen Scherzen. {245}

Nur Heucheley ist, was ihr haßt,
Und Stolz, der stets erkläret,
Der deutelnd jedes Wunder faßt,
Aufklärung, die zerstöret.

Drob ist es, daß wir ganz gerecht
In edlem Zorn entbrennen,
Und einem künftigen Geschlecht,
Die euch entehrten, nennen.

Der Exegetenschutt, zurück,
Gefegt zum Würmerschragen,
Trübt fürder uns nicht mehr den Blick;
Vorwelt muß wieder tagen!

Es hat die Menschheit, kühn entbrennt,
Ihr altes Recht gefodert.
Fort dann das alte Pergament!
Was modert, das vermodert!

Denn neu eröffnet ist in uns
Ein Bronn, der ewig fließet,
Und den nie wiederum ein Duns
Fortan für uns verschließet.

Im Moder nicht der Todtengruft –
Im tiefsten Menscheninnern,
Da strahlt erkennbar heil'ge Schrift,
Ein selig Gotterinnern. {246}

An diesem Quell, der ewig sich
In Menschenbrust ergossen,
Kniet nieder all' andächtiglich
Und schöpfet unverdrossen!

Kein überschwänglich Wissen soll
So frommen Kinderglauben
Dem Herzen, welches liebevoll
Sich Gott ergibt, nun rauben.

Doch soll auch keine Priesterschaar,
Hinfüro wild entbrennen:
Das Licht soll leuchten am Altar,
Doch nie verzehren können.

Ein jedes Zeichen, das erhöht,
Ist für den Herrn der Welten,
Gesandter Gottes und Prophet,
Er soll in Zukunft gelten,

Kein Volk der Erde sich allein
Das auserwählte meinen,
Und alle Gottes Kinder seyn,
Wie Allen Sterne scheinen.

Die Helden.
Ein satyrisches Gedicht.
Halle 1798.

„– – Die policirtesten Nationen kriegen, wie wilde Thiere. Ich schäme mich der Menschheit; ich erröthe über das Jahrhundert. Lasset uns die Wahrheit gestehen: Philosophie und Künste verbreiten sich nur auf eine geringe Zahl von Menschen. Die große Masse, das Volk und der gemeine Adel bleiben das, wozu sie die Natur gemacht hat: boshafte Thiere.“
Herders Briefe über Humanität. {248}

An Herder.
Diener des Friedens! Dir weih' ich dies Lied.
Duldung lehrst Du die Menschen, Erbarmen;
Aber Stimmen vom grausen Kocyt
Ach! bethören noch immer die Armen.
Diener des Friedens, lehre sie fort!
Sanftmuth sprach Dein erhabener Meister:
Sprich ein sanftes, unsterbliches Wort,
Und verscheuch die stygischen Geister!

Die Helden.
Sed iam serpentum maior concordia!
JuvenaI.

Schilt ausgeartet nicht die Zeitgenossenschaft!
Einmüthig ja wird ihr in Kunst und Wissenschaft
Die Palme zuerkannt – selbst in der Kunst zu morden.
Wie thöricht, wenn du glaubst, es sey Cheruskerhorden {249}

In ihrem Eichenhain so gut wie uns geworden!
Ermüdet von der Jagd, mit rauhem Fell bedeckt,
Den Wurfspieß in der Faust, am Feuer hingestreckt:
So fand sie Tacitus, noch halbe Patriarchen.
Den Nachmittag, wie wir, im Kirchstuhl zu verschnarchen,
Den Abend im Parterr beym Manne nach der Uhr [Ein bekanntes Lustspiel.]
Zu gähnen – dazu braucht's Jahrtausende Kultur.
Und vollends schulgerecht zu brennen und zu sengen,
Und Vesten in die Luft mit Weib und Kind zu sprengen:
Dies kann ein Nelson nur, wie Kopenhagens Belt
Die schnöde Trauerpost verkündet aller Welt;
Und alles dies, warum ? – Geh, frag einmal!
Glorreiches Loos, sich für ein Marmormahl,
Für eine Inschrift drauf mit goldnen Lettern,
Im Schlachtgewühl einander zu zerschmettern! –
Wie schön, wenn Knaben einst, von Otaheit
Bis Monomotapa, von deiner Tapferkeit,
Napoleon, bis puncto zwölf die alten
Und nickenden Scholarchen unterhalten
[I demens, et saevus curre per alpeis
Ut Pueris placeas et declamatio fias.]! {250}

In hundert Schlachten lebst du fort bey Kindeskind,
Deckt Moos dein Grabmal längst. Zwar leicht vergänglich sind
Denkmäler, ob aus Erz, Gold oder Alabaster!
Schau, Torsos werden dort dem Gothen Straßenpflaster;
Zu Krug und Pfann' umschmelzt das undankbare Rom
Den Imperator. Er, dem jüngst die sieben Hügel
Zu eng erschienen, kriecht in einen kleinen – Tiegel,
Und Cäsars Haupt verstopft die Schleus' am Tiberstrom.
Urenkel spielen, wo die Ahnherrn stritten;
Wo Villen standen, winken Winzerhütten,
Und kletternd hängt die Zieg' am Porticus
Des hochgefeyerten Octavius;
Der Epheu sprengt mit seinem in Trophäen
Verflochtnen Wurzelwerk die stolzen Mausoleen
Der Welteroberer. Wie zu Evanders Zeit
Erschallen dort, wo, wild im Bürgerkrieg entzweit,
Quiriten haderten, in's friedliche Geläut
Der Wollenheerden sanft einstimmende Schalmeyen [Campo vaccino. So heißt heut zu Tage das Forum.];
Ihr unverjährtes Recht an Tellus zu erneuen,
Wallt Ceres lachend auf verfallenen Basteyen;
Statt Waffen rauscht die Saat, zur Sichel wird das Schwert;
Auf Leichnamen erhöht Pomona ihren Heerd, {251}

Und aus Ruinen grau bemooster Mausoleen
Hört ihr im Mondesglanz, wie Geisterlispel wehen:
„Erkennst du mich, du Sohn des Staub's? Ich schliff
„Für Cäsar Brutus Dolch! Längst flog das Weberschiff
„Zu Berthiers Leichentuch; längst gab ich das Geläute
„Zu Mürats Untergang! In jenem Hain ist heute,
„Napoleon, die Axt schon an den Baum gelegt,
„Der einst als Schiff gen Helena dich trägt!
„Nicht ungestraft, – ich will dir's wiedersagen,
„Komm' ich gen Helena dich zu beklagen –
„Schifft man auf meinem Strom, ich bin die Zeit.“ –
O du, verlieh'n zum Fluch, Unsterblichkeit!
Als wir noch roh im Forst mit Faust und Fersen stritten,
Schon damals klopfte vor der Waldbewohner Hütten
Der Ruhm mit Ungestüm. Was, rief er, nennt ihr Euch
Der Schöpfung Herrn und kämpft, dem Leu und Panther gleich? Glorreicher Sieg! Ein Mahl! ein Flecken! eine Beule!
Hier bring' ich Hellebart', und Armbrust, Schwert und Pfeile.
Zu lange habt ihr schon, von blinder Wuth getäuscht,
Mit Nägeln euch zerkrallt, mit Fäusten euch zerfleischt;
Nun seyd fortan vernünftige Geschöpfe,
Durchbohrt das Herz euch, spaltet euch die Köpfe!
Gesagt, gethan! – Der Erdkreis schwamm im Blut.
„Ja,“ fuhr er fort, „ein Wurfspieß ist zwar gut, {252}

Doch schirmt vor seinem Grimm das Bastion, die Schanze;
Je einen Krieger nur erlegen Speer und Lanze.
Empfangt dieß flammenspeyende Geschoß!
Sein Eingeweid' zerschmettert Mann und Roß.
Die schwarzen Körner, die ein Bundsgenoß
Der Höll' aus Schwefel und Salpeter kneten lernte,
Streut in den Abgrund sie, und blutig ist die Ernte! –
Wißt, daß ein Schlachtfeld nur, von Menschenblut beträuft,
Der Ehre zarte Pflanz' aufkeimen läßt und reift!
Wenn Donner krachen und sich Blitze schlängeln,
Dann rauscht herab ein Chor von Todesengeln,
Mit Sicheln in der Hand, und unter Trommelschlag,
Und bei Drommetenhall beginnt der Erntetag.
Haubitzen seht ihr hier und Bomben. – Gleich Kometen
Ziehn schrecklich sie dahin, und prasseln laut, und röthen
Mit langem Feuerstreif um Mitternacht die Luft.
Blaß flüchten Jung und Alt sich in Gebirg und Kluft.
Zur siechen Wöchnerinn, zum Säugling in der Wiege,
Entsenden berstend sie die Schrecknisse der Kriege.
Ist diese taktische Verfeinerung nicht neu? –
Die Feuerschlünde dort zerschmettern zwei bis drei;
Doch, füllt ihr Nagelköpf', und mit gehacktem Blei
Glasscherben ein, und laßt en flanc die Schüsse streichen,
So gibt ein einz'ger Schuß zwei bis dreihundert Leichen. {253}

Fort mit Visiren, Helm und Panzer! Zieht
Den Harnisch aus! Marschirt in Reih und Glied,
Marschirt, um ein Paar Groschen oder Dreyer,
In Sommerwesten ins Kanonenfeuer!“
Die Tief' erdröhnt. Von Leichen scheint das Feld
Schwarz ausgepflastert, bleich vom Blitz erhellt.
O wie die Ströme Blut's der Rosse Schenkel röthen!
O des betäubenden Geschmetters der Drommeten!
„Zählt, wie viel Todte gibt's?“ Zehntausend liegen da,
„Wie viel Verstümmelte?“ Zwei Mal so viel beinah.
„Nun plündert, was ihr könnt! – Nun jauchzt Victoria!“
Dort liegt die Königsstadt mit stolz erhabnen Thürmen.
Die Mitternacht bricht ein. Kommt, laßt sie uns erstürmen! Sturmleitern her! Pst! Würgt im Schilderhaus
Vorposten schlafend! – Zieht die Schuh' euch aus!
Hinan geklettert! Schießt den Wall in Graus!
Begrabet Weib und Kind im Schutt gesprengter Minen!
Büßt viehisch eure Lust auf rauchenden Ruinen
An Jungfrau'n halb entseelt! Würgt, sengt und brennt, und dann,
Besudelt noch von Blut, stimmt ein Te Deum an!
Verlieh Gott Zebaoth die Kraft nicht euren Händen,
Ihr könntet sonder ihn nicht morden und nicht schänden. {254}

Wie glänzt aus Schatten dort das hohe Staatsgemach!
Die Pforten öffnen sich. – So spät noch seyd ihr wach,
Zu Ruh' und Sicherheit, daß Niemand sie verletze,
Ihr Väter Teutschlands, Wächter der Gesetze?
Ehrwürdiger Senat, du suchest mit Bedacht
Vielleicht der Hungersnoth Teutoniens zu steuern,
Und Waisen aufzuziehn, und Mägdlein auszusteuern?
Ach nein! Gespenster sind's, vermummt in schwarzer Tracht!
Den Kriegesfurien der Hungersnoth verrathen
Und dienstbar, haben sie ein Werk der Nacht vollbracht. –
Ihr Traubenhügel ihr und segenvolle Saaten,
Bald habt ihr ausgeblüht! – Hier diese Pforten, ach!
Des Todes Pforten sind's! Dieß ist das Vorgemach
Des düstern Orcus! – Bald, bald liegt nun öd’ und brach
Die Pflugschaar und die Flur dem Landmann, bald dem Städter
Die Werkstatt überstäubt! Bald füllt das Brautgemach
Einsame Klage nun! Sieh, darum sind die Väter
Des Vaterlandes hier versammelt in der Nacht! –
Bald praßt der Krieg vom Mark geraubter Landesschätze.
Sieh, darauf sind so spät die Wächter der Gesetze,
Ehrwürdiger Senat, darauf bist du bedacht! –
Das Feuer ist entweiht, Licht, Wasser, Luft und Aether,
Die Ruhstatt selbst, die sonst im Erdenschooß uns barg.
Der Krieg bereitet aus der Todtengruft Salpeter, {255}

Gießt Mörser aus Geläut, schmelzt Kugeln aus dem Sarg.
Er murmelt Zaubersprüch', und ruft das Schlachtgebrülle
Aus unterirdischer Gewölbe Todtenstille.
Das Erz, das liebreich uns, den üpp'gen Wuchs der Saat,
Des Weinstocks abzumähn, Natur verliehen hat,
Mäht Glieder statt der Saat, und muß in Lazarethen,
Anstatt mit Traubenblut, mit Menschenblut sich röthen.
Das Feuer, das uns von dem Sonnenherd',
Als Gastgeschenk, Prometheus zugekehrt,
Und das, wann rauh der Nord vom brausenden Gefieder
Reif, Frost und Schneegestöber schüttelt, werth
Des hohen Ursprung's, wirthbar um den Herd
Das Haus versammelt, und Erquickung wieder
Und Leben wärmt in halb erstarrte Glieder!
Ach, ausgeartet ist dieß Himmelskind!
Oft, wann der Purpursaum des Nachtgewölk's in Westen
In sanften Tinten blaßroth wie zerrinnt:
Bepurpurt's mit dem Schein von ausgebrannten Vesten,
Anstatt zu leuchten, uns den späten Horizont.
Verzehrend ist sein Grimm, nichts bleibt ihm unverschont.
Der Apfelbaum nicht, der mit schwer beladnen Aesten
Sich röthelnd niederbeugt, von Phöbos mild umsonnt, {256}

Der Weinstock nicht, und nicht die goldne Frucht der Aehren,
Die jener langsam reift. Umsonst strömt Lebenskraft
Erwärmend Phöbos in der Traube Purpursaft:
Es stürzt laut zischend sich und wild aus Feuerröhren
Sein widerspänstig Kind. – Unwandelbar im Bund
Mit der Vernichtung, heult es um den offnen Schlund Weitaufgerißner, glühend rother Breschen,
Den Funken, den Er freundlich angefacht,
Unfreundlich und mit siebenfacher Nacht
In unserm Busen wieder auszulöschen.

Die hohe Wissenschaft, die einst in Griechenland
Tiefsinnig Archimed [Mechanik, als ein Theil der angewandten Mathematik.] im ersten Keim' erfand,
Die alles Irdischen, des Erdenstaubs entladen,
An Galilei's Hand den trunknen Geist
Von Stern zu Stern mit sich von hinnen reist,
Die an des Oceans umsegelten Gestaden
In Schiffbau uns und Seefahrt unterweist,
Uns jetzo lehrt, wie ungeheure Lasten
Ein kleiner Hebebaum in's Frachtschiff senkt,
Und jetzo, wie im Sturm verschlagne Masten
Leichtschwebend eine Zitternadel lenkt –
Ach! daß dieß Friedenskind, wodurch mit Reiz der Geber {257}

Des Erdendaseyns uns das Leben höher würzt,
Dieß flüchtige Geschenk so schnöd' uns selbst verkürzt!
Schau, wie erfinderisch es mit dem Schanzengräber
Den Abgrund unterwühlt, und dort auf lockerm Pfad
Verrätherischen Tod hinabgeschaufelt hat!
Zugbrücken, Bastione, Prachtgebäude,
Von seiner Hand erbaut, schlingt jetzo unter Rauch
Und Flammen, in sein felsigt Eingeweide,
In einem Augenblick, hinab der Erde Rauch.
Und abgeschiedner Seelen Myriaden
Entsendet es, nicht zu dem Sirius,
Dem Orion, den glänzenden Plejaden,
Nein, in das düstre Haus des Tartarus!

Wo bin ich? – Ist vielleicht mein Daseyn auf der Erde
Ein wesenlos Phantom, ein Traumgesicht der Nacht ?
Verstummt der Donner dort, der vom Gebirge kracht,
Dem Ohr der Wirklichkeit? – Und dieß Gewühl der Schlacht,
Der Sterbenden Geschrey, das Stampfen ihrer Pferde,
Sind's leere Täuschungen? sind's Truggebild'? – Und werde
Ich bald, ihr Seraphim, in eurer Mitt', erwacht
Von diesen Fieberphantasien mich fühlen?
O dann, mein armes Herz, brich ungesäumt!
Daß ich es droben himmlischen Gespielen {258}

Erzählen kann, wie schwer ich hier geträumt.
Doch horch! was denkt der Jubel zu erzielen?
Von jedem Kirchthurm hallt frohlockendes Geläut.
Schau, Lampen, bis zum Dach, unzählig aufgereiht,
In rother, magischer Beleuchtung niederfunkeln,
Und durch ihr Farbenspiel Mond und Gestirn verdunkeln! [Die großen Siegesfeste sind in der Regel mit Illuminationen und Bällen verbunden, denen die empfindsamste Schöne ohne Anstand beiwohnt.]
Schon zittert durch den Saal der bleiche Kerzenglanz.
Jauchzt Io Evoë! ihr Jungfrau'n, unter Tänzen!
Kommt, laßt mit Lorbeern uns des Siegers Schläf umkränzen!
Ha seht, ha seht! Wie dreh'n bei Paukenschlag und Tanz
Die Girandolen sich mit schwindelnden Mänaden! –
Kommt! – Seyd zum Todtentanz mir dorthin eingeladen,
Wo jüngst das Heldenheer den Lorbeer sich errang!
Dort laßt begeistert euch von wildem Saitenklang
Die leichten Schenkel zum verschlungnen Tanz beflügeln!
Steckt tausend Lampen an auf leichenvollen Hügeln!
Denn Tausende verschlang die schwarze Todesnacht,
Und Myriaden, die noch gestern froh gelacht, {259}

Sind ewig nun verstummt: drum läutet alle Glocken!
Zwölftausend Pulse, die noch gestern hüpften, stocken:
Drum tanzt, drum tanzt! – Seht ihr den bleichen Dämmerchor?
Er schwebt vom Schlachtfeld ernst im Schimmer des Mondes empor.
Ihr Jammergestalten, ihr bluttriefenden Menschenstümmel,
Ihr Todeserscheinungen ihr, was hebt ihr die Hände gen Himmel? –
Laß ab von mir, du dort mit deiner gespaltenen Stirn,
Mit deinem blutigen und aufgedeckten Gehirn!
Fleuch, höllisches Gespenst! Welch kläglich dumpfes Gewimmer!
„Wir sehn das goldne Licht der Sonne nimmer, nimmer!“
Bringt Lampen! Evoë! Nachtwandler, einsamer Mond,
Warum durchbebst du bleich den dämmernden Horizont?
In welches Nachtgewölk’, ihr Sterne, seyd all' ihr entflohen? Geblendet von dem Glanz unsterblicher, hoher Heroen.
Betrauert, ihr Söhne des Licht's, der nachbarlichen Welt Beweinenswerthes Loos! – Erleuchtet mit Lampen das Feld, Erleuchtet die Lampen mit Blut, daß hoch von Palästen es funkelt! {260}

Ha! wie der Erschlagenen Blut der Mond am Sternengezelt,
Ha! wie das Gestirn der Nacht dem röthlichen Abglanz erdunkelt!
Erleuchtet die Lampen mit Blut, erleuchtet mit Lampen das Feld! –
Wen seh' ich dort? der eine Leich' umklammert,
Und drüber hingebeugt so trostlos jammert?
Liebkosend streichelt sie des Knaben fromme Hand.
Woher, du armes Kind? - „Herr, weit aus Frankenland!
Kam ein Geschrey daher: die Linien sind durchbrochen,
Und rette sich, wer kann! und: Vater ist erstochen
Schrie Mutter: lauf! wird sonst die Rheinbrück’ abgebrochen!
Bis dran! Lauf, Bub'! Ich weck’ erst’s Bärbel aus dem Schlaf.
Da lief ich. Heilger Gott: 's Feldlager brannte!
Paff Ging's hüben, drüben – ach, und unterwegs, da traf
Allüberall ich's voll von todten Männern, Rossen:
Ich furchte mich gar sehr, und schrie, so oft sie schossen.
Die andern schrien auch: ach Gott, mein Bein, mein Arm!
Maria, Joseph, hilf! Mein Kopf! Daß Gott erbarm!
Auf einmal sah ich nichts, als Qualm und Nebel,
Und schwarzen Pulverdampf, und blanke Säbel.
Vorweg ritt ein Husar von Wurmser, und der schrie: {261}

Sie kommen, sie sind da, die Feinde! Fall' auf's Knie,
Kind, fall' auf's Knie, und sprich ein gläubig Vater unser!
Und als ich noch so kniet und betete, kam unser
Major vorbei gesprengt. Hui! flog sein Rumpf vom Kopf;
Doch mich nahm ein französischer Chasseur bey’m Schopf
Und warf mich über'n Zaun auf frische Gartenbeete,
Und schrie: Marche! Wollen du, daß dich Cheval zertrete,
Du östreich's Bougre du? – Geduckt nun hinter'n Zaun,
Gleich Diebsgesellen, hub's mir heimlich an zu grau'n.
Zu oberst lagen da und unterst aufgestapelt
Die Todten all' umher. Als ich mich 'raus gerappelt,
Da kroch ich drüber weg. Mich hungerte gar sehr,
Ich lief durch Wald und Feld, in Nacht und Sturm einher.
Der Seiger brummte zwölf: da fing's mich an zu frieren,
Nur einen Bissen Brot! so schrie ich vor den Thüren.
Gebt mir ein wenig Stroh, wo ich die Nacht drauf ruh'!
Allein sie schlugen mir die Thüren aller Orten,
Und wo ich angeklopft, mit rauhen Worten zu. –
– – – Wohlan, so klopfe dann, du bleicher Knabe du,
Wohnt kein Erbarmen hier, klopf' an des Todes Pforten! {262}

Hier weist man Niemand ab. Thu' auf, o Tod, ihm! – Thu'
Dich still und sanft ihm auf, o süße Grabesruh!
„Auch auf dem Schlachtfeld war nun alles still geworden,
Und blutroth drüber hing vom Himmel ein Komet.
Da klang der Angelus [Das Zeichen zu einem gewissen Gebet bei den Römischkatholischen.], da sprach ich mein Gebet:
Denn unter'm Kriegsgezelt, da hatten's nur Gespottes! –
Ich rief: erbarm dich mein, du heil'ge Mutter Gottes!
Mein Vater starb, und ich bin eine arme Wais'. –
Es lagen nackt umher die Todten haufenweis,
Als schliefen sie, und ich schlich immer los‘ und leis
An jeden einzeln hin, und schrie: daß Gott erbarme!
Das ist mein Vater! Und dann streckt' ich beide Arme
Hinaus in Nacht und Sturm, und schaut' im Mondenlicht
Den todten Männern scharf in's blutige Gesicht.
Zuletzt hab' ich ihn hier im Hagedorn gefunden.
Mit diesem weißen Tuch verband ich seine Wunden.
Da wein' ich nun, und küss ihn sonder Unterlaß.
Ach, seine Hand bleibt kalt, und seine Lippe blaß!
Wer bist du fremder Mann? – Ich bitte dich, begrabe {263}

Ihn nicht! – Die Mutter ist vielleicht verbrannt! – Nun habe
Ich Niemand auf der Welt! Wie war ich ihm so gut!“
Erleuchtet mit Lampen das Feld! Erleuchtet die Lampen - mit Blut!
Mit Blut der Erschlagenen! – – – – ,,Ja, die Leut', ich weiß es, meinen
Es gut. Da sagen sie: du mußt nicht immer weinen!
Will's auch nicht mehr! Mir thut davon das Aug' so weh! –
Mich friert's! Der Wind weht kalt!“ – Jauchzt Io Evoë!
Tanz, bleicher Knabe, tanz dich warm! Laß ab mit Klagen!
Jauchz' Io Evoë! Wir haben ihn erschlagen.
Tanz Todtentanz mit uns im rothen Lampenschein!
„Ach Gott, ach Gott! wo mag die arme Mutter seyn?“

O all' ihr Heiligen, erbarmt euch seiner Pein!
Schwebt nieder, und gesellt das Kind, die Engelseele,
Euch zur Gespielinn zu! – Aus dieser Kerkerhöhle
Tragt sie in Gottes Schooß! – – – – – Durch tapfre Gegenwehr
Des Feindes schwächt sich oft ein zahlreich Kriegesheer.
Dann rekrutirt, dann schickt die Werber kreuz und quer!
Was gilt's? Sie senden euch, in vier und zwanzig Stunden, {264}

Auf Leiterwagen, fest geknebelt und gebunden,
Zahlloses Bettelvolk, Spitzbuben, Vagabunden!
Gebt Ordre, ihnen flugs die Lumpen abzuziehn!
Doch hebt sie sorgsam auf! – Man braucht sie zu - Scharpie'n.
Drauf sorgt, daß blaues Tuch ein Corporal bestelle!
So praeter propter zu zwölf Groschen je die Elle!
Auch Hüte, je das Stück fünf Groschen oder sechs,
Und vorn ein Messingschild, mit Ludovicus Rex!
Zu diesem fügt dann noch die rothen Rockaufschläge!
Zwei Groschen Sold des Tag's, und zwei und zwanzig Schläge!
Das ist genug! Auch praeter propter so
Zwei Mal im Lazareth die Woche frisches Stroh!
Nun vorwärts! Marsch! Ihr habt Armeen comme il faut.
Marsch! ihr unsterblichen Heroen zu zwei Groschen!
Urenkelsöhne Teuts, erstürmt des Feind's Approschen!
Ou vaincre ou mourir! so ruft der Officier;
Laut ruft das Heer ihm nach: ou vaincre ou courir!
Seht da! Die Schlacht beginnt. Schon steigen zwei Granaten.
Sie platzen. Hui! wie flieh'n Panduren und Kroaten!
Sie rennen blind den Chef des Bataillons in Koth,
Er schreyt, wie Drouet schrie: bin todt, bin todt, bin todt! –
Sehr gern bewundert' ich die Kunst der Retirade, {265}

Der Taktik Meisterstück, ach! ging’ es, Jammerschaschade!
Nicht gar zu rasch damit. – Sieh dort die Wachparade!
Es klirrt das Bayonnet, die Trommel wirbelt wild. –
O weh! So eben peitscht man Gottes Ebenbild
Auf Tod und Leben durch verdoppelte Geschwader,
Bis krampfhaft zuckend, längs dem Rückgrat, Nerv' und Ader Zerfetzt herunterfällt, und tief, tief eingetaucht,
Die blutbespritzte Gert' in tausend Händen raucht. - -
He! Schnurrbart, sprich! Was hat der Arrestant verbrochen?
„Der rechts ist Deserteur. Ich warb vor wenig Wochen
Ihn, als er trunken war, für unser Escadron,
Und als er nüchtern ward, hui! ging er uns davon.
Der alte Graukopf links – weil ihm die Knie versagen,
So hat ihn der Profos die Gassen 'naufgetragen –
Verbrach noch mehr, er schlief bei Nacht vor Alter ein.“
Und wie beschöniget ihr diese Teufeley’n? –
„Subordination! – Ihr wißt, Herr, Krieg muß seyn!“ Warum? – –

„Kein Krieg? Ey ja, das wäre meine Sache!
Herr, menagier’ er sich! Wo nicht, dort ist die Wache!
Gibt es nur Krieg! – Warum? Das fragt ein Schurke, pah!
Und spricht mein Landesherr: marsch, nach Amerika! {266}

Herr, sieht er, ich marschir'! – Was kann es mir verschlagen?
Erhielt mein Landsherr auch – es soll nur Einer sagen,
Für jedes Glied von uns, und abgeschoß'ne Bein
Ersatz und Tax in Gold: gleich schlag' ich blindlings drein.
Noch ist der Heldenmuth in Teutschland nicht erloschen!
Wofür auch gäb' uns sonst der König wol zwei Groschen? –
Ha! straf mich Gott! Ich bin ein teutscher Patriot! –
Man schlägt uns todt, was thut's? – Wir schlagen wieder todt.
Blitz, Hagel, Wetter! Herr, das ist ja unser Brot [Man vergesse bei allen diesen Stellen das Datum nicht, wenn sie geschrieben sind, nämlich 1796. A. W.]!“
Wen seh ich dort im Kreis, den ernste Krieger ziehen,
Mit schwarzem Herzen, und verbundnen Augen knien?
Drei Männer treten vor; sie spannen ihr Gewehr:
Das Schnupftuch winkt; es blitzt! – O Gott, er ist nicht mehr!

Und sein Vergehn?
„Dafür gibt's keinen Namen, Herr!
Der Kerl, versteh' er, lief bei'm Regimente Gassen,
Gut! – kommt ein Officier, vermuthlich bloß, zu spaßen,
Wie so ein Herr es pflegt, er weiß ja wohl! der spricht:
Nun, Bursche, wie behagt's? – Schlägt der Hallunke nicht {267}

Ihm, dir nichts mir nichts, gleich die Kett' in's Angesicht!
Man hielt ein Kriegsgericht. Das Urtel war: erschossen {268} [Was sich hier zur Vertheidigung des Kriegsgerichts sagen läßt, hat mein verehrungswürdiger Freund, der Herr Hofrath Wieland, bei'm ersten Abdruck dieses Stückes, sehr bündig aus einander gesetzt. S. den teutschen Mercur 4. St. 1796 S. 383. „Ich kann diese Stelle (heißt es daselbst) nicht ohne eine - freylich sehr unpoetische – Anmerkung lassen. Das Kriegsgericht sprach nach den Kriegsartikeln, und mußte nach dem Buchstaben derselben sprechen. Die allgemeine Stimme der Menschlichkeit ist freylich in vorliegendem Falle für eine Ausnahme von der Strenge des Gesetzes – wiewohl es ein Gesetz ist, ohne welches sich keine Kriegsdisciplin, so wie ohne diese kein zweck- und regelmäßiges Kriegsheer denken läßt. Die Ausnahme vom Gesetz aber konnte nur der Gesetzgeber machen. Ob dieser Recht oder Unrecht hatte, es nicht zu thun, ist in Rücksicht auf die Folgen ein äußerst schweres Problem. Denn der Gesetzgeber darf sich nicht dem Gefühl überlassen; seine Pflicht ist kalt und unbeweglich, bloß auf den Ausspruch der Vernunft zu horchen, folglich diejenige Entscheidung zu geben, die das allgemeine Interesse gebieterisch fordert. Freylich trat hier einer von den unseligen Kollisionsfällen ein, wo das größte Recht in einem andern Sinne großes Unrecht ist. Ich wage es nicht in diesem besondern Falle zu sagen, was für einen Ausspruch das Orakel der Vernunft gethan hätte, wofern es ein solches auf dem Erdboden gäbe. Wenn die Vernunft jemals die Regierung des Menschengeschlechts übernehmen sollte, so würde sie die Axt an die Wurzel legen, und den Anfang aller ihrer Reformen vermuthlich damit machen, daß sie den Janustempel auf ewig zu schlösse. Dann bedürfte es keiner Soldaten und Officiere, keiner Kriegsartikel und keiner Regimentsstrafen mehr. Bis dahin also wird die Handlung eines Kriegsknechts, seinem Officier die Kette in's Gesicht zu schlagen, wie groß auch die Reizung dazu gewesen sey, ein Kapitalverbrechen bleiben müssen. Aber, was nicht laut genug gesagt werden kann, ist, daß auch auf die Handlung des Officiers, der einen armen unglücklichen, in dem Augenblick, da er seine Strafe. (und welch eine Strafe!) ausgestanden hat, durch unmenschlichen Spott zu einer der menschlichen Natur verzeihlichen Wuth reizt, eine angemessene, folglich eine Strafe, die all seines gleichen auf immer von einer ähnlichen Brutalität abzuschrecken fähig wäre, gesetzt seyn sollte. Denn je strenger ein militärischer Befehlshaber in allem, was ihm der Dienst zur Pflicht macht, seyn muß, desto mehr ist es nicht nur sittliche, sondern selbst militärische Pflicht für ihn, in seinem ganzen übrigen Betragen gegen seine Untergebenen sanft und menschlich zu verfahren.“ Wieland.]

Drauf ging es an den Hof, Zwölf Tage sind verflossen;
Da kommt denn ein Rescript: der Kaufmann wird erschossen! {269}

Hilf Gott! Was heult und schrie der Officier! Umsonst!
Da stand es schwarz auf weiß! – Verwandten sich auch sonst
Bei'm hohen Kriegsgericht vornehme Herrn und Grafen,
Was half's? – Dort liegt er!“ – – Gott und deine Donner schlafen!
Aefft hier ein Erdengott im Urtheil, was er sprach,
Das unerbittliche Gesetz des Schicksals nach? –
„Herr Weltverbesserer, erwiedert ihr, gemach!
Das muß so seyn, und ist ja immer so gewesen!
Belieben Sie nur Burk' und Rehberg nachzulesen!
Probatum est!“–
O still! Ich bitt' euch drum! Kein Wort!
„Wohin?“ – –
In Fels und Kluft, fort von den Menschen, fort!

VII.
Ueber die Systemsucht der Teutschen.
Den 28. December 1803. {273}

Auch hier im Elysium hat die Einnahme von Ulm eine große Sensation erregt; denn Sie sollen wissen, wir haben hier die Zeitungsnachrichten fast eben so früh, wo nicht noch früher, als in den meisten Gegenden von Teutschland. Und das aus dem Munde der glaubwürdigsten Zeugen, nämlich der Todten selbst, die in den verschiedenen Gefechten vor dem Feinde geblieben sind.

Besonders ist der General Mack, mit seinen auf dem Papier so schön entworfenen Planen, der Gegenstand des allgemeinen Gespräches. Der alte Swift, der auch noch in der Unterwelt viel auf Politik hält, so wie er im Leben durch seine Vorliebe für dieselbe bekannt war, machte bei der Gelegenheit allerlei sarkastische Bemerkungen, von {274}

denen ich Ihnen doch einige mittheilen will. Nirgend (fing er an) ist das Planmachen mehr üblich, als in Teutschland. In keinem Lande der Welt sind z. B. über Erziehung, gute Kinderzucht und dergleichen so viel nützliche Bücher geschrieben worden, als in den letzten zehn Jahren in Teutschland; nie sind indeß die Zuchthäuser dort bevölkerter gewesen, als in eben dieser Periode. – Kein Land in der Welt hat über Finanzen, Fruchtsperren, Verbesserung des Feldbaus und der Viehzucht so viele gründliche, gemeinnützig-praktische, und systematisch-ökonomische Vorschläge aufzuweisen, als in den letzten zehn Jahren Teutschland: nie sind indeß dort Menschen und Vieh dem Verhungern näher gewesen, als in eben dieser Periode. In keinem Lande von der Welt ist zuletzt das neuere Kriegssystem so ausführlich, so unparteiisch, so tief und so vernünftig erläutert worden, als in den letzten zehn Jahren in Teutschland; nie sind indeß größere Armeen von einem völlig ungeübten, ja undisciplinirten Feinde überall, wo sie sich zeigten, öfter geschlagen worden, als in Teutschland in eben dieser Periode. Her- {275}

der, der dabei stand, verzog anfangs keine Miene, nachher aber sagte er zu dem alten Dechanten, in dem er ihm lächelnd die Hand drückte: So ist es, wir sind die Schulmeister des Universums, und ich muß Euch leider in diesem Stück Recht geben. {276}


An die Teutschen.

Spottet ja nicht des Kindes, wenn es mit Peitsch und Sporn
Auf dem Rosse von Holz muthig und groß sich dünkt;
Denn ihr Teutschen, auch ihr seyd
Thatenarm und gedankenreich:
Oder kommt, wie der Strahl aus dem Gewölke bricht,
Aus Gedanken die That? Leben die Bücher bald?
O ihr Lieben, so nehmt mich,
Daß ich büße die Lästerung! {277}


VIII.
Nelsons
Tod und Ankunft in Elysium.
Den 2. Januar 1806. {279}

Auch der große Milton ist von dem durch Lord Nelson bei Trafalgar erfochtenen Sieg nicht wenig bezaubert. Er freute sich, als er von Klopstock, mit dem der unsterbliche Britte auf dem vertraulichsten Fuß steht, die Nachricht hörte – daß in St. James Chronicle, in einem Aufsatz über Nelson, eine Stelle aus seinem Samson Agonistes eine Anwendung auf die Zeitläufte erhalten hätte, die die gegenwärtige Stimmung des englischen Volks auf das vollkommenste ausdrücke. Hier sind einige Verse davon, zugleich mit dem Versuch einer Uebersetzung!

Nelsons Tod in der Schlacht bey Trafalgar.

„Komm, komm! Denn nicht zu müß'ger Wehklag' ist jetzt Zeit! Verdient solch hoher Heldenfall, daß man ihm trauert?
Um höhres Seyn hat sich der Held geopfert:
Groß, wie er endete und ewig ruhmvoll
Ersättigt todt ihn Rach' am Feind; er läßt {280}

Ihm Jahre Gram's und Kummers zum Vermächtniß;
Doch seines Vaters Haus ein Erbtheil ew'gen Ruhm's.
Kniesinkens, Händeringens ist hier nicht der Ort:
Hier seh' ich nichts von Furcht, von Leid, Wehklage,
Von Schlagen an die Brust, Kleinmüthigkeit,
Entwürd'gung, Elend, Schmach! – Nein! – Alles schön und wohlgethan!
Versuch's der stolzvermeßne Feind in seinem Hochmuth!
Viel eher wird dem angelfesten Pol
Er einen Stern, als dieses Todten Lorbeer uns entreißen. {281}


IX.
Nelsons Matrosen.
Den 8. Januar 1806. {283}

Steigt die Cultur Europa's? oder ist sie bereits in ihrem Verfall? Sieht man die tapfern uralischen, nomadischen, kaukasischen Völkerstämme mit dem Provenzalen, dem Languedoker, dem Burgunder und Gaskogner, wie vor dem Weltgericht, in den unermeßlichen Ebenen von Mähren bloß deßhalb zusammen treffen, damit diese jene, oder jene sich diese zu einem Muster und Vorbild nehmen? – –
Kann England je besiegt werden? Sehr schön sagt ein junger, geistvoller Schriftsteller von den Matrosen Nelsons: „Wenn sie die Hüte schwenken, um den einaugigen und einarmigen Seeheld und die Stimmen erheben, daß die Wolken verziehen von ihrem Grundbaß: Ich denke mir dabei die Worte des Kaisers im Götz von Berlichingen: Heiliger Gott! Heiliger Gott! Was ist das? Der eine hat nur eine Hand, so hat der andere ein Bein. Wenn sie denn erst {284}

zwei Hände hätten, und zwei Beine: wie wolltet ihr denn thun?“
Warum fehlt uns Teutschen ein solcher Gemeingeist? Nelson war der Sohn eines Landpredigers, und erhob sich durch persönliches Verdienst bis zur ersten Admiralitätsstelle. Sein Titel als Lord erbt fort und geht auf seinen Bruder über, der bis jetzt auch nichts weiter, als ein bloßer Doktor der Theologie war. Ist vielleicht zwischen diesen Dingen ein von uns Teutschen bis jetzt ungefühlter Zusammenhang? {285}


Etwas über die vielen Neujahrsgeschenke für Kinder in Teutschland.
Auf das Jahr 1806.

Die Kinderfreunde vermehren sich jetzt in Teutschland so häufig, wie die Sperlinge, und fast von allen Dächern, worunter ein Buchladen ist, wird dieß Evangelium gepredigt. Kinderzeitungen, Kinderbibliotheken, Kinderbibeln, das Alles ist an der Tagesordnung. Dabei haben die Kinder in Teutschland meist die unschätzbare Eigenschaft, daß sie sich mehr um die Kunst bekümmern, als die Alten; wenigstens scheint dieser Schluß aus der Menge von Bildersammlungen, die man für sie veranstaltet, richtig hervorzugehn. So hat uns eben Herr J. P. Wilmsen mit einer neuen Gallerie merkwürdiger und seltener Thiere, zur Bildung junger Menschenkinder von 8 bis 9 Jahren, beschenkt. {286}

Herr Kunsthändler Dreissig hat sein altes sogenanntes Schacke - Schacke - Reiterpferd, oder sein A. B. C. Buch mit Bildern auch wieder vorgeführt. Herr F. A. Leo zu Leipzig aber hat mit der Erwartung, oder: Bitte bitte, lieber Vater, gute Mutter, bestes Täntchen, lieber Onkel, schenk uns dieses Bilderbuch! einen andern Weg eingeschlagen. Doch genug! denn, wollten wir fortfahren, bloß die Titel solcher Neujahrsgeschenke für Kinder abzuschreiben, so könnten wir mit einem solchen Titelbuch leicht selbst wieder einige Bogen anfüllen.
Daß sich die Welt doch jetzt überall so gleich sieht! Wo man hinkommt, dasselbe Schauspiel – nämlich das einer kleinen allerliebsten Kinderkomödie! Mir wird oft dabei die Zeit so lang, daß ich, wie neulich die Zuschauer in England im Drurylane-Theater, wo das kleine Wunderkind, das die Rolle des Macbeth spielen wollte, auftrat, mein damn the child (zum Teufel mit dem Balg!) zwischen den Zähnen murmeln, oder gar laut ausrufen möchte. – Was gibt es heut Abend? Einen Ball – für Kinder. Charmant! Und im Theater? Werden gleichfalls Kinder auftreten und ein pas de deux tanzen! Auch charmant! Und wenn man nach Hause kömmt, er- {287}

getzt man sich an dem Nachgenuß der Kinder, und spricht von den Kindern, mit den Kindern, und wie die Kinder. – Was man bei Nacht beginnt, weiß ich nicht; aber ich vermuthe, daß die Beschäftigung mit den nämlichen Gegenständen nicht aufhört. – – – Am Ende befürchte ich nur, daß aus diesem gar zu großen Ueberfluß an Kindern zuletzt noch gar ein Mangel an Männern in Teutschland erwachsen möchte, und daß sodann irgend ein Mann an der Gränze, der das Zeug dazu hat, auftreten, und die ganze Nation von Kindern und Kindsköpfen in ein Bündel zusammenfaßt, und wie einen kleinen Duodezband, zum Neujahrsgeschenk, in seine Rocktasche schieben wird.
Gott verhüte [Noch in demselben Jahr 1806 den 14. October war die Schlacht von Jena, mit welcher bekanntlich die siebenjährige ägyptische Dienstbarkeit auch im nördlichen Europa ihren Anfang nahm.], daß ich wahr rede! wiewol sich nicht läugnen läßt, daß jetzt, beim Antritt des Jahres 1806, wo ich dieß schreibe, bereits ein guter Anfang mit dieser Operation gemacht ist. {288}


Ob es in der Politik auch Gletscher gibt?
Den. 12. Januar 1818.

Wir leben in dem Zeitalter der Verneinung, oder der Kritik. Es herrscht kein ächter Glaube, weder im Volk, noch am Hof, weder an Gott, noch an das Genie, noch an die Natur. Es mag bei den Menschen von jeher schwer gehalten haben, ausgezeichnete Verdienste ihrer Nebenmenschen anzuerkennen. Daher suchen verschiedene Zeitalter über diesen Punkt auch verschiedene Ausflüchte. Zu versunken in Eigendünkel, um Gott von dieser oder jener Erfindung die Ehre zu geben, wenn die Zeitgenossen eines Faust die Wunderwirkung des Genies auch im Ganzen anerkennen, schreiben sie dasselbe doch wieder einfältig, oder vielmehr frevelgroß, von der andern Seite einem Bund mit – dem Teufel zu. Vor einem solchen Mißgriff der Gedanken, sind wir im Jahr {289}

1806 völlig gesichert, oder, wie Göthe will, das Geschlecht ist zu klein, zu neidisch, zu elend, zu selbstisch, um auch nur in die Größe einer ähnlichen Barbarey zurückzufallen. Wo also ein Genie unter uns auftritt, das sich durch eine neue Schöpfung verkündigt, läugnen wir uns lieber das Daseyn desselben geradesweges ab, schreiben die Ehre davon, recht bequem, weder Gott, noch dem Teufel, noch der Natur, also weder dem Himmel, noch der Hölle, sondern einem bloßen Zufall zu, der es eben an diese, oder jene Stelle brachte; bilden uns wol gar fest ein, an seinem Platz und im Besitz seiner Mittel, die es sich nota bene selbst verschafft, würden wir eben dasselbe, oder noch was Größeres geworden seyn. So verneinen und vernünfteln wir denn um die Wette an der schönsten Wundergabe Gottes so lange herum, bis sie völlig zur Null – das heißt, wie wir wird, anstatt daß wir uns ihrer mit Dank gegen die Vorsehung erfreuen, und uns an ihr, wie an einem Stab, aufrichten sollten. Für den weibischen Geschlechtscharakter des 18. Jahrhunderts wird es einst sehr anziehend seyn, die gut und schlecht gemeinten Urtheile zu sammeln, welche sich die oberflächliche und eitle Anmaßung desselben über Männer, wie Kant, Fichte, Schelling, Göthe, Schiller, Herder, die {290}

ihrer Zeit vorleuchteten, in allen Richtungen erlaubt hat, und noch zu erlauben ohne irgend einiges Erröthen von Selbsterkenntniß fortfährt. Daß es nicht geheuer im Haus ist, daß Gespenster im Anzuge sind, merkten sie wol; aber, als sie glücklich genug entdeckten, daß ein Gletscher aus weiter nichts, als aus hunderttausend Millionen – Schneeballen bestände: so sind sie frisch daran gewesen, seine Größe so lange zu zergliedern, bis alles unter ihren Händen fein zu Wasser geworden ist. Nun gingen sie getröstet und außer aller Furcht wieder von dannen. Wie sie aber kaum noch einige Schritte vorwärts gethan, und eben ihr Schlafkissen zurecht rücken wollten, sind die Gletscher donnernd über ihrem Kopf herunter gegangen, und haben sie und die Ihrigen in den ewigen Schnee vergangener Jahrhunderte begraben. {291}


X.
Trost
eines teutschen Humoristen
beym
Untergang alter Formen.

Den 15. Januar 1806. {293}

Alles, was der Mensch macht, kann der Mensch auch wieder zerstören. – Dieß gilt sowol von den Formen, welche wir der Kunst, als von denen, welche wir zunächst der Natur verdanken. Ja oft übertreffen die letzten noch an Dauer die ersteren; denn am Ende ist es doch nur die Natur, die überall den Sieg behält. So sind z. B. die alten Engländer-, Holländer- und Schweizerkäse noch immer bei uns in gutem Andenken und Kredit, während von der Freiheit der alten Holländer, Engländer und Schweizer, im Drange der Zeiten, gar manches Stück herunter geschlagen worden. – Königsberg in Preußen ist vorzüglich dadurch berühmt, daß die größte Wurst und das größte philosophische System neuerer Zeit aus seiner Mitte hervorgegangen.
Diese Wurst war nicht minder, als 1005, sage tausend und fünf Ellen lang, und der Kommentar zu Kants Schriften ist gewiß nicht kürzer gerathen. - Indeß was geschah? Die Zeit {294}

nimmt auf alle diese Längen und Kürzen keine Rücksicht. Auf Kant folgten Fichte, Schelling, Bardili, und das System des großen Königsberger Philosophen wurde, nach Ablauf von wenigen Jahren, wenn auch nicht vergessen, doch gar sehr in Schatten zurückgedrängt: während die große Königsberger Wurst, von Anno 1601 noch bis auf den heutigen Tag, immer neu, einzig und unübertroffen dasteht. So wird der Göttinger Mettwürste vielleicht auch dann noch mit Ehren gedacht werden, wenn von seinen Professoren, seinen Universitätsgebäuden und seiner großen Bibliothek längst nicht mehr die Rede seyn wird; ja, so traurig dieß auch klingt, so unwiderruflich liegt es doch im Lauf der Dinge, den Niemand von uns ändern kann, selbst die Hunde, die Katzen und die Vögel müssen den trefflichen Blumenbach überleben, der sie so geistreich und so gründlich beschrieben hat. – Da dem nun so ist, bei meinem Gott, so ist es wol unbillig, wenn irgend ein Mann auf der Welt, sey er, was er sey, ein Staatsmann, oder ein Gelehrter, oder ein Professor, oder der Redacteur einer Zeitung für Poesie und Kunst, in diesem sündfluthenden Wechsel aller Begebenheiten und Dinge, Anspruch darauf macht, daß sein Insti- {295}

tut, oder sein System, oder sein Staat länger halten soll, als sein – Rock, und sein Rock länger, als er selbst; da ja Keiner von uns sicher ist, daß die Maschine, oder die Form, in welcher er denkt, thut, schreibt und Zeitungen oder Gedichte verfaßt, ihm nicht in dem nächsten Paar Minuten über seinen Kopf zusammenfällt, und somit nicht nur seinen Unternehmungen, sondern auch seinem persönlichen Thun und Treiben ein plötzliches, ja unvermuthetes Ende macht. –


Verdienst und Adel.
Februar 1806.

Beide sollten nie einen Gegensatz bilden. Adel ist früheres Verdienst; Verdienst späterer Adel. Jetzt besonders ist der Zeitpunkt da, wo weder die Stecknadel der Gemaschen, noch der Pedantismus der Wachparaden, den Staat von seinem unmittelbaren Untergang erretten kann. Die Furcht vor dem Korporalstock ist dem Lorbeer nicht günstig; und das Regiment der Steigbügel {296}

muß aufhören, wenn der Reiter, mit seinem Dienstpferd verwechselt, vor lauter Subordination nicht zu diesem herabsinken soll. Es ist kein hohler Phantasietraum; nein, nein, ganz andere Beweggründe, wie diese, werden im neunzehnten Jahrhundert die teutschen Armeen in's Feld führen und ihnen glorreiche Schlachten gewinnen helfen. – Bloße Miethsoldaten, das heißt Solche, die, wie Einer unserer Freunde sagt, mit einem frischen Trunk in einen frischen Rock stürzen, und beim Hereinpassiren in's Thor schon mit spähenden Blicken forschen, wie sie am besten wieder heraus kommen möchten, können uns im jetzigen Zeitpunkt nur wenig Dienste leisten. Dieß sind freilich neue und ganz unerhörte Dinge; aber Bonaparte hat dafür gesorgt, daß sie bekannter würden, und sie in der Schlacht bei Austerlitz, nebst seinem Namen, mit Flammenschrift so kenntlich in die Sterne geschrieben, daß sie noch die Cherubim am Weltgericht dort lesen werden. Edler, verkannter Erzherzog, wie furchtbar bist du gerächt worden!

„Denn lange, bis es nicht mehr kann, behilft
Sich dieß Geschlecht mit feigen Sklavenseelen,
Und mit den Drathmaschinen seiner Kunst;
Doch wenn das Aeußerste ihm nahe tritt, die Noth,
Der nicht mit hohlen Namen, Figuranten {297}

Gedient ist, die die That will, nicht das Zeichen,
Den Größten immer aufsucht und den Besten,
Ihn an das Ruder stellt, und müßte sie ihn
Anfgreifen aus dem Pöbel selbst: da thut
Der hohle Schein es fürder nicht; da fällt
Es in die starken Hände der Natur,
Des Riesengeistes, der nur sich gehorcht,
Nichts von Verträgen weiß, und nur auf ihre
Bedingung, nicht auf seine mit ihm handelt.“
Schiller.



Doctor Martin Luther,
von Werner, auf dem Berliner Nationaltheater.
Geschrieben im August 1806.

Es ist immer ein gutes Zeichen der alten, tapfern, nunmehro in's Grau entwichenen, ja verblichenen nordisch-teutschen Vorzeit, daß dieselbe noch einmal, ehe sie völlig zusammenfällt, sich an einer so kolossalen Figur, wie Luther, aufzurichten versucht, sollte auch unser Aller Schwachheit – wovor Gott sey! – nach dieser letzten Anstrengung, durch einen plötzlichen Rückfall zur liebenswürdigen Nichtigkeit und {298}

charakterlosem Wesen, diesen eigentlichen Musen des 18. Jahrhunderts, nur um so furchtbarer zum Vorschein kommen. Die alten Burgen der Herren und Ritter sind leider eingefallen und zertrümmert; nur ihre Geister stehen noch finster auf den Zinnen und schauen mit drohenden Augen auf uns, ihre entarteten Enkel im Thal, die wir ruhig da sitzen, uns Gespensterhistörchen von ihnen erzählen, Ritterromane von ihren Thaten dichten, und es gleichgültig mit ansehn, oder vielmehr, nach völlig verrosteter Kraft, ansehen müssen, daß die neuen Ritter aus Süden wie Bienenschwärme aus ihren Hinterhalten hervorbrechen, im Sturm das Land durchfahren, und Trophäen über Trophäen auf teutschem Boden vor unsern Augen errichten. Zwar jetzt eben sind wir ein wenig aufgewacht, und besinnen uns auf Eins und das Andere, und wie man uns immer, und fast seit einem halben Jahrhundert gesagt, daß die neuere Aufklärung nichts tauge und kein gutes Ende nehmen würde. Und so haben wir denn, im Gefühl dessen, was uns noth thut, neulich mit Docter Luther in der Angst unsers Herzens, ein lautes:

„Eine feste Burg ist unser Gott.“

sogar auf dem Theater angestimmt. Liebe {299}

Freunde, was lächelt Ihr? Hier gibt es im Geringsten nichts weder zu lächeln, noch zu lachen, und die Sache wird sich wol bald ernsthafter, als so untersuchen lassen. –
Art und Größe der neuern Zeit, wie ihre Tyranney und Schmach, zeigt sich besonders in zwei Formen, wovon der geistliche und der Ritterstand die beiden Wendepunkte sind. Mönch und Ritter haben Europa wechselseitig seufzen und jauchzen gemacht.
In der Reformation nun ging der Mönch in Norden unter, und der Süden, Spanien, Frankreich u. s. w. stand dagegen, aber vergeblich, in Opposition auf. Jetzt, in der französischen Revolution, erleidet der Ritter in Süden eine heftige Erschütterung, und der Norden, Preußen, Rußland, England, Schweden, das einst, unter Gustav Adolph, auf teutschem Grund und Boden für eine neue Form focht, steht ebenfalls dagegen, und auch vergeblich, in Opposition auf. Was soll uns nun Martin Luther in einem so ungleichen Streit? Wie die Sachen beschaffen sind, gibt es nur ein Mittel, von dessen schleunigster Anwendung Teutschland Heil und Rettung erwarten darf; dieß ist: mit Aufgebung des bisherigen Schlendrians, der neuen Zeit und {300}

den neuern Formen selbst herzhaft einen Schritt entgegen zu treten: so z. B. nur fürs erste in unsern Heeren, jenen höchst schädlichen Wald von ritterlichen Stammbäumen, diesen wahrhaften Nachtschatten des bürgerlichen Verdienstes, ein wenig zu lichten; nicht aber, wie bisher, sein einziges Augenmerk darauf zu richten, aus allen vertrockneten Aesten alter Familien Stöcke und Fuchteln für Rücken von bürgerlicher Abkunft zu verfertigen. Dieß ist und bleibt eine ewig empörende Maaßregel, die, wenn wir noch länger darauf verharren, uns Allen den Untergang bringen wird. Sollte Martin Luther wieder kommen, glaubt nur, er würde der Erste seyn, uns über diesen Punkt die Augen zu öffnen! Er, dem Pfaffendruck und Ritterdruck für Eins und dasselbe galt und der Keinem, der vom Recht abwich, je Recht sprach! Hat es nun mit dem Luther der Hrn. Werner und Klingemann diese oder eine ähnliche zeitgemäße Bewandniß, so wollen wir diesen Autoren für ihre patriotischen Bemühungen einen aufrichtigen und gebührenden Dank wissen. Ist aber das Ganze, um mit Lessings Nathan zu reden, weiter nichts: {301}

„Als eine theatralische Schnurre bloß, womit
Man uns zum Besten haben will, so möcht' ich wol
Die Herrn damit, von dem Theater weg,
In's Buch verwiesen haben, wo dergleichen Pro
Und Contra sich weit schicklicher behandeln lassen.“

Und unter diesem Gesichtspunkt möchten denn wol die bei Salomon Linke in Leipzig herausgekommenen 17 Predigten von Johann Mathesius, weiland Pfarrer zu Wittenberg, wo man den wahrhaften Luther im ächt naiven Teutsch eines alten Zeitgenossen kräftig leben und sprechen hört, einen unbedingten Vorzug verdienen.


Zuruf an die teutschen Künstler.
Den 27. August 1806,

Sanfte Künstler, eure Straßen,
Die der wilde Mars verlassen,
Führen an der Dorfschalmei,
An dem Erndtetanz vorbei. {302}

Pflegt in himmlischen Akkorden,
Was von Schwester Polychorden
Heilig anvertraut Euch worden!
Denen Clio angehört,
Ist des Himmels Gunst gewährt,
Ihnen ist die Schönheit eigen.
Laßt die Säulenordnung steigen,
Und der tausendjähr'ge Marmor,
Fromm gehorsam seinem Meister,
Rede von der Vorwelt Thaten,
Und ein Lob der goldnen Zeiten
Singt zur fröhlich muntern Harfe!
Doch bei wildem Schwerterklang
Stimmt ihn an, den Schlachtgesang,
Daß die Seelen muthig scheiden,
Muthig bittern Tod erleiden,
Süßen Tod für's Vaterland!
Sind die Vesten übermannt,
Und bedroht ein Feind die Leiber
Eurer Jungfrau'n, eurer Weiber,
Mit Entehrung oder Schmach,
Laßt der Werkstatt friedlich Dach,
Laßt, anstatt den Ton von Leyern,
Euch Drommetenruf befeuern!
Winkt der Ruhm euch in die Bahn,
Weich dem Künstler froh der Mann! {303}

Jeder soll ein Held erscheinen,
Das Geschlecht in sich vereinen,
Kühn umgürtet mit dem Schwert.
So seyd Ihr Apollons werth!


Der Jüngling und sein Zeitalter.
Sonntag den 7. Septbr. 1806.

Was singt es aus grauem Jahrhundert mich an?
Was ruft es mich wieder und wieder?
Die ewigen Thaten, sie sind ja gethan,
Sie singen nun ewige Lieder:
Und wer sie vernimmt, so hell und so klar,
Ihn nennt das verfeinte Jahrhundert Barbar.

Es klingen die Meere von Salamis schön,
Das Feld von Thermopylä's Helden,
Herolde Gottes und Luthers erstehn
Von Gustav und Lützen zu melden,
Und wer es vernimmt so hell und so klar;
Ihn nennt das verfeinte Jahrhundert Barbar. {304}

O gebt mir ein Schwert und gürtet mich an,
Damit ich die Ehre der Todten,
Damit ich vom Leben erretten mich kann,
Das nichts, als die Schmach mir geboten;
Und wer es vernimmt so hell und so klar,
Er theile den Lorbeer mit mir und die Bahr.


Das welsche Vöglein..

Es fliegt ein Vöglein über Tyrol;
Man sieht es nicht, doch hört man's wol.
Es singt, das gefällt mir nicht allzuwol:
Tempi passati!

Es fliegt ein Vöglein über die Schweiz,
Das singt, mit allverlockendem Reiz:
Liebe Eidgenossen allerseits,
Tempi passati!

Die Jäger aus Schweiz und im Tyrol,
Sie trafen das Vöglein nicht allzuwol;
Den braven Jäger, wo find' ich ihn wol?
Tempi passati! {305}

Da ging ich zu Bernhard im Sachsenland.
Herr Bernhard, ist Euch kein Jäger bekannt?
So fragt' ich – doch hat er mir Keinen genannt:
Tempi passati!

Und soll denn mein Suchen verloren hier seyn?
So nimm auch in deine Gruft mich ein:
So mag ich ja länger am Leben nicht seyn.
Tempi passati!



Palms Hinrichtung.
Ein Wort an meine nordisch-teutschen Mitbürger.
Gesprochen den 4. Oktbr. 1806.

Ein Wort, und vielleicht eins der letzten Worte, meine lieben teutschen Mitbürger! Denn leider erleben wir jetzt Zeiten in Europa, wo das Wort für ein Schwert gilt, und die Wahrheit des Sprüchworts: „wer das Schwert {306}

nimmt, der soll durchs Schwert umkommen“ nur noch vor Kurzem eine neue und schreckbare Bestätigung erhielt. Aber tröstet euch! Die Reformation und Luther haben schon vormals uns Nordteutschen bewiesen, daß dieß Sprüchwort sich eben so gut umkehren läßt, und daß man folglich mit gleichem Recht sagen kann: „Wer das Schwert nimmt, der soll durch's Wort um kommen.“ Ja es scheint beinah, als ob diejenigen, welche jetzt so rasch und blutig mit dem Schwert gegen das Wort aus der Scheide sind, so etwas befürchten. Wenn ich hier vom Wort spreche; so verstehe ich darunter nicht das Wort des ersten besten Politikers vom Kaffeehause, oder, wie es jetzt in so manchen Flugblättern gegen die Andersgesinnten Mode ist, sondern das ernste bedachtsame, heilige, zweck- und gluthvolle Wort des teutschen Patrioten, das, von der Zeit abgefordert, aus der innigsten, tiefsten, glaubensfestesten Ueberzeugung einer bewegten Seele stammt und hervorquillt, mit einem Wort, Gottes Wort, Luthers Wort. O ihr edeln, teutschen wenigen Männer, die ihr noch sprechen könnt und sprechen wollt, wo es frommt, wo ein Gott es gebietet, vor den Thronen und im Volke, solltet ihr feige werden und erbleichen vor Furcht, {307}

und schweigen und zagen, wie Weiber, jetzt, da Gefahren, Tod und Gefängniß euch im Rücken und Antlitz bedrohen? Nein, um Heil und Glück eurer braven, edeln und großherzigen Nation, deren Wohlfahrt und Bildung jetzt, mehr als je, für Jahrhunderte, ja für Jahrtausende, auf dem Spiele steht, müßt ihr die elenden Rücksichten eines kleinen selbstischen, bürgerlichen Ichs vergessen lernen. So nur werden eure Worte, eure Thaten, eure Thränen, eure Kinder, eure Enkel, wie jene der Edeln Sempachs, ein heiliges und großes Vermächtniß für die späteste Nachwelt seyn.

“Dich schließt der Feind von allen Seiten ein,
Es blinken Schwerter: Freunde, höhern Muth!
Im Rücken habt ihr Eltern, Weiber, Kinder;
Und diese treibt ein hohles Wort des Herrschers,
Nicht ihr Gemüth. So schützt denn eure Güter,
Und euer Liebstes zu erretten, fallt –
Fallt freudig, wie ich euch ein Beispiel gebe!“
Göthes Egmont. Fünft. Aufz. Letzt. Auftr. {308}

Der nordische Bund.
An Friedrich Wilhelm III.
Den 17. September 1806.

So händigt denn, zu allen seinen Thoren,
Die Schlüssel das besiegte Teutschland ein?
Soll aufgelöst das Reich, soll Regensburg verloren,
Soll Teutschlands Oberhaupt ein fremder Kaiser seyn?

Nein! Nein! Und ob ihm zitternd All' erbleichen,
Wir wollen nicht. In Norden wohnt ein frei Geschlecht,
Wie Eisen fest, und stark, gleich seinen alten Eichen.
Wir wollen nicht – sucht euch in Süden euern Knecht, {309}

Ihr stolzen Feinde, die ihr spielend unsre Vesten,
Vielleicht, ein zweites Ulm, auch zu erobern denkt!
Kommt, kommt und schaut, wie sich aus Hütten und Palästen
Ein zahllos Volk beherzt auf Wall und Brustwehr drängt!

Heil Uns! Noch schläft er nicht, der alte Geist der Brennen,
Noch sind wir unsrer Väter werth;
Für Jeden, der es wagt, Uns zu verkennen,
Liegt noch die Antwort hier im blank gezückten Schwert.

Dem reichsten Gutsherrn, den geringsten Pfännern
Empört die Seele noch Gedank’ an fremdes Joch;
Beherrscher einer Nation von Männern!
Sieh, alle stehen wir hier für Einen noch.

Und zög' ein Kriegsheer noch so auserlesen
Im Waffenklang daher mit Reisigen und Mann:
Es rückt heran –- und ist gewesen: –
Ja eh'r entlockt den Mond ihr seiner Bahn,

Als einen Fußbreit mehr dem vaterländ'schen Boden,
Der theu'r erkauften Blutes Spur enthält:
Noch einmal weht dann der Begeist'rung Oden,
Und jeglicher Gemeine wird ein Held. {310}

Ja, sing' es laut, begeisternder Gedanke!
Du darfst es froh der Nachwelt prophezei'n:
Mit Friedrich Wilhelm stürzt des Vorurtheiles Schranke;
Aecht edle wackre That wird Adel auch verleihn.

Wo frei eröffnet Bahn dem Heldengeiste,
Kein Pergament aufhält den Thatenlauf;
Da nur, da singen Gleime, fechten Kleiste,
Seidlitz’ erstehn und Ziethen gehen auf! –

Auch zieht voran dem fest geschloßnen Heldenheere
Ein finstrer Geist – doch nur dem Feinde fürchterlich:
Im nächtlich steigenden Gemurmel höre
Ich laut und immer lauter: Friederich!

Die Schreckenslosung, dieser Name treffe
Den stolzen Feind, sey unser Feldpanier!
Und Du, des Hohen, Großen edler Neffe,
Führ' Uns, wohin Du willst, wir folgen Dir!

So viel nur Söhn' uralten Heldenruhmes,
Fritz, Dein Befehl aus unsrer Mitt' erkor,
Wir steh'n, die Stützen Deines Königthumes,
Wir halten Dich, wir heben Dich empor! – {311}

Es eilt herbei der löwenherz'ge Märker,
Der alte Preuß', im Kampf so felsenfest,
Der Pommer, welcher stark und immer stärker,
Dich, seinen Vater, nur im Tod verläßt.

Ihm folgt das tapfre Heer der Bundsgenossen,
Der Heß, der feige nie durch Flucht dem Feind entrann,
Der Sachs, dem Glauben treu, für den sein Blut geflossen, -
Von Luther's Kraft beseelt, ein kühner teutscher Mann.

Auch weckt wohl der Begeistrung heilig Feuer
In mir euch einen neuen Grenadier;
Ich fechte muthvoll Dir zur Seite, Dein Getreuer,
Und theile Tod, Gefahr und Schlacht mit Dir.

Und sollte, so wie Gustav einst bei Lützen,
Ein schöner Heldentod auch Dir beschieden seyn,
Dann will ich sinkend Deine Leiche stützen,
Dir weinend setzen einen heil'gen Stein,

Und fort mich reißen wild ins Schlachtgetümmel – theilen
Die Feindeshaufen, wo's kein Schwert versucht,
Und kämpfen, sinken, fallen und ereilen,
Dich, schöne Heldenseel, auf Deiner Flucht. – {312}



Gespräch
im Reich der Todten,
zwischen
Keith, Schwerin, Winterfeld, Ziethen
und Friedrich dem Großen.
Sonntag den 21. Septbr. 1806,

Neulich begegneten Keith, Schwerin, Winterfeld, Ziethen und Friedrich der Große einander auf einem Fußweg im Elysium.
„Friedrich, was würdest Du wohl thun?“ hub der alte Ziethen an, „wenn Du jetzt wieder auf die Oberwelt zurückkehren solltest?“
„Vor allen Dingen, mein lieber Ziethen,“ gab ihm der König zur Antwort, „würde ich Frankreich mit seinen eignen Waffen zu bekriegen suchen.“ {313}

„Die Dinge haben sich freilich in den 10 bis 15 Jahren, daß die Franzosen oben waren, verzweifelt geändert“ – nahm der alte und bedächtige Schwerin das Wort. „So sind z. B. aus Frankreichs Königen – Kaiser, aus seinen Gemeinen – Offiziere, aus seinen Offizieren – Generäle, und aus seinen Generälen – Herzöge, Fürsten und Marschälle geworden.“

Friedrich.
Folglich muß man mit dem Zeitalter Schritt halten! –

Ziethen.
Marsch! Vorwärts!

Winterfeld.
Sollte das nur in Teutschland practicabel seyn?

Friedrich.
Pah! pah! Alles ist dort practicabel, wenn man es nur recht anfängt.

Schwerin.
Für meine Pommern sag' ich gut.

Friedrich.
Zuvörderst also, und da wir auf dem Punkt sind, mit den stehenden Armeen gegen eine ganze Nation nichts Entscheidendes mehr ausrichten zu können, so müßten wir den Versuch machen, zu Anfeurung des Patriotismus bei dem Landmann und Bürger durch Aufhebung gehässiger Privilegien, Exemtionen des Adels u. s. w. die ganze Nation in unser Interesse zu ziehen. {314}

Winterfeld.
Aber die Folgen, die Folgen!

Friedrich.
Daran sind wir. Also die erste Folge: Ich würde die Franzosen mit einer kräftigen, aus dem Kern teutscher Bürgerschaft und Landleute kernhaft zusammengesetzten, und nun, da es ihr Interesse gilt, auch patriotisch entflammten Armee angreifen, sie in einer tüchtigen Bataille zu schlagen und von dem teutschen Boden, worauf sie nichts zu schaffen haben, zu vertreiben suchen.

Ziethen.
Wo? wie? wann? Fritz, befiehl! Soll ich meine Husaren reiten lassen?

Friedrich.
Zweite Folge. Man würde mich, und zwar mit einigem Recht, sodann den Befreier von ganz Teutschland nennen.

Winterfeld.
Die dritte Folge seh ich schon von weitem.

Friedrich.
Auch würde ich sie selbst herbeiführen. Ich würde mich nämlich – und das ohne Umstände – noch auf dem champ de bataille – zum Kaiser von Teutschland erklären und mir selbst die Krone auf mein Haupt setzen.

Ziethen.
Bravo, bravissimo, Ihro Kaiserliche Majestät! Und wenn's so kömmt – oder Gott vergib mir die Sünde! – man müßte ein {315}

Schuft seyn – sonst kann in der Welt Niemand etwas dawider haben!

Friedrich.
Die letzte Folge brächte es denn so mit sich, daß ich auch an Belohnungen für meine brave Armee denken müßte. Nun käme es also darauf an, zu versuchen, ob meine Gemeinen, vom Feldwebel abwärts, es sich auch etwa wollten gefallen lassen, so wie in Frankreich, aus Gemeinen – Offiziere, aus Offizieren – Generäle, und aus Generälen – Fürsten, Herzöge und Großherzöge, oder sonst etwas Gut's zu werden? Ich würde deshalb bei meinem lieben Keith, bei meinem braven Schwerin, bei meinem tapfern Winterfeld zuerst anfragen. Auf den Fall der Genehmigung habe ich dann die Ehre, auch Ihm, mein lieber Ziethen, als Großherzog, hiermit förmlich mein Compliment abzustatten.“ Hier lachte der König ein wenig, und rückte dazu, wie er pflegte, an seinem Hut.
„Danke, danke, Ihro Kaiserliche Majestät,“ rief Ziethen, dem die Freude aus den Augen funkelte, und strich dabei einmal über das andere seinen Bart.
Major v. Kleist, der nicht weit davon stand, lachte ebenfalls. Der König aber, der es {316}

gewahr wurde, fuhr hastig fort: „Auch Ihn, mein lieber Kleist, den ich in meinem Leben so oft vergessen habe, werde ich diesmal wahrhaftig nicht vergessen. Er soll mir allerwenigstens General, und das mit 7 bis 8000 Thalern Tafelgeldern werden, – damit er alle arme Teufel von teutschen Poeten, denen auch bei meinen Lebzeiten so wenig von meiner Gunst zufloß, täglich an Seinem Tische gratis tractiren kann.“ Kleist verneigte sich mit einem tiefen und bescheidenen Bückling, und sagte: „Ew. Majestät sehen selbst im Scherz weiter, als Andere im Ernst. Allerdings ist der Weg, den Sie gezeichnet, der Weg des ächten Genies, und der sicherste, wo nicht der einzige, dem Teutschland in seiner jetzigen Krisis seine Rettung verdanken kann; aber wer wird ihn einschlagen?“ {317}
Abschied von Ettersburg,
den 8. October 1806.

Von drüben herüber, von Thüringens Höh'n,
Verkündet die summende Dorfuhr zehn;
Von drüben hinüber, von drüben herab
Der leuchtende Mond in den Wald sich begab.

Mein Kämmerchen stand in dem Vollmondschein;
Wohl wob es in dichtende Träume mich ein,
Und als ich so dichtet’, und also da saß,
Ich die Welt und was unter dem Mond ist, vergaß.

Vom See her vernahm ich der Hirsche Geschrei;
Es ruft durch den Wald: „ich bin frei, ich bin frei!“
Wohl mir, daß ich singen und rufen auch kann:
Ich bin frei und ein Teutscher, ein muthiger Mann!

Hell wandelt des Sturmes Gebraus im Wald
Und spricht zu den Sternen: „Ich komm' alsbald!“
Im Rücken die Nacht, Antlitzes die Bahn! –
So wandelt ein freier, ein muthiger Mann. {318}

Es glänzen die Sternlein ewiglich frei,
Und jeglicher Abend erschaffet sie neu:
Kein Nebel hat ihnen ein Leid angethan.
So glänzt auch ein freier, ein muthiger Mann!

Wohl ihm, der frei sich im Herzen erhält,
Und ging auch in Ketten ringsum ihn die Welt!
Wer vieles erdulden, versagen sich kann,
Ist frei und ein Teutscher, ein muthiger Mann.

Er kündet die Wahrheit in männlichem Ton,
Wie Luther, dem Volk und den Fürsten am Thron;
Und, hat es beschieden für Wahrheit ihm Gott,
Besteiget er freudiges Muths das Schaffott.

Wohl schlagen die Flammen zusammen um Huß;
Doch leuchtend vergehn an der Engelein Kuß
Die Qualen der Erde, vergehn so geschwind,
Und ewig die Himmel eröffnet ihm sind.

Todt ist nur, wem todt ist für Freiheit das Herz!
Auf stand ich, nahm gluthvoll den Griffel aus Erz
Und schrieb: Ihr Bewohner von Ettersburgs Höh'n,
Lebt wohl, habt ihr gern uns hier bei euch geseh'n?

Und sieh, zu den Versen die Leuchte gab mir
Der Mond, und die Mauer den Bogen Papier.
So ist es geschehen, so ist es vollbracht:
So hab' eilf Vers' ich im Mondschein gemacht. {319}

So ist es vollbracht und so ist es geschehn.
Könnt, Thüringens Hühner, mein Schlaflied krähn!
's war Tausend achthundert im sechsten Jahr,
Als ich frei in den Bergen und glücklich hier war!



Geist von Elysium und Tartarus.
May 1806. S. 172.

Doch, was da kommen wird, das weiß ja Keiner!
So mag denn kommen, was da kommen muß!
Macht, Franken, Teutschland klein und immer kleiner,
Und gebt dem jetzigen Geschlecht den Lohn!
Doch prahlet nicht! Groß ist bei euch nur Einer,
Ihr selbst seyd klein, als große Nation!
Und glaubt es nur: Kein Teutscher mag euch leiden;
Gemeinschaft, hoffe ich, wird uns nimmerdar,
Was flösse sonst der Rhein? Der soll uns scheiden!
Mich dünkt, mich dünkt, die junge Heldenschaar
Von teutschen Jünglingen ist schlagefertig;
Es mangelt ihnen jetzt ein Führer bloß!
Wie! wären unsre Fürsten denn die Feigen?
So lasset aus gemeiner Weiber Schooß
Nur das Verdienst den Herrscherstuhl ersteigen! – {320}

Erzherzog Karl! gepriesner hoher Name –-
Dein Herz ist wohl bedrängt von edlem Grame –
Ruft er, o Völker, rüstig dann zu Hauf.
Ihr seyd ja Teutsche, werdet All' die Seinen!
Wenn wir versammelt sind, wir fürchten Keinen,
Teutschland muß frei seyn! Schicke dich, o Zeit!
Ich armer Dichter habe nichts, als Thränen,
Thränen der Wehmuth, um das große Leid u. s. w.

August 1806. S. 258 u. 259.

„In Wahrheit, das Schelten, die Flüche, der Korporalstock, die Fuchtel, das schamlose, alle Scham im Züchtigenden, wie im Züchtlinge ertödtende Gassenlaufen, sind eben so wenig, wie Knute und Podoggen, jetzt noch ein souveraines Mittel, Souveraine auf ihrem Throne, die wankenden Staaten Europa's im Gleichgewicht zu erhalten. Man sollte doch endlich, belehrt durch eine neue und schreckbare Erfahrung, den sturmvollen Tag von Austerlitz, der so viele uralte Throne der Christenheit zu Boden warf, und die übrigen sämmtlich in ihren Grundvesten erschütterte, anfangen, sein Augenmerk auf ganz andere Dinge zu richten, als die Kindereien der Wachparade, die Propreté der Stiefletten, die Stecknadel der Gemaschen“ u. s. w. {321}

1806. August 1. S. 260.

„Stubengelehrte! Stubenpolitiker! Es wäre wirklich interessant nachzuweisen, was diese Stubengelehrte seit so langer Zeit vorausgesehen, worauf sie so wiederholt aufmerksam gemacht! Alles ist leider nur zu buchstäblich eingetroffen. Viele (von den Herren Kabinetsministern) büßen schon jetzo für die verrosteten Pläne, womit sie das Vaterland erretten wollten, in dem zermalmendsten Grad, und sie werden's noch mehr, bis die Nationen sich selber erheben, und zürnende Schatten der Edelsten sich retten werden, von der Ohnmacht, die ihr Wirken in eine Staatsmaschine begräbt, die nur immer Maschinen auf den Platz fordert. Als dann erst kommt die Zeit, wo das Genie der Nation mehr gilt, als knechtischer Gehorsam; Frankreich und Teutschland, wie Sonne und Mond, wieder in sein altes, großes, ewiges und jetzt durch eine verschobene Politik höchst unnatürlicher Weise verschobenes Gleichgewicht tritt; ein Gleichgewicht, das keine Chimäre ist, oder bloß in der Einbildung gilt, nein, ohne welches die ganze Natur verarmt und zerstörend mit allem ihren Reichthum in sich selber zerfällt; so wie mit dessen Anerkennung große Nationen, wie alle übrigen selbstständigen {322}

Kräfte des Universums, Sonne, Monden und Planeten, in ewiger Wechselwirkung, angezogen und abgestoßen, neben einander fortdauern!“
Die Schlacht bei Jena,
Pendant zu den Helden.
1806 den 17. October.

Und der Himmel erglänzt im Morgenroth,
Als fünf die Glocke geschlagen:
Rings brüllt aus tausend Schlünden der Tod,
Rings zischten die Kugeln im Morgenroth:
So begann des Weltgerichts Tagen.

Bald kamen die flüchtigen Bothen der Schlacht;
Da erhielt ich die Antwort mit Sorgen:
In Bergen von Jena, da schlagen sie Schlacht,
Da dämmert einander vorüber die Nacht,
Herauf ein blutiger Morgen! {323}

Was flieht ihr, und habt doch Kraut und Loth,
Wie Heerden von Wölfen gescheuchet?
„Wir kämpfen ja nicht für den bitteren Tod,
Es gilt von Commiß nur das bittere Brod!“
So haben sie sämmtlich gebeichtet.

Halt an, mein Adler, halt an, halt an!
Dein muthiges Flügelschlagen,
Es hat ja Wunder in Roßbach gethan;
O laß nicht von einem Gallischen Hahn
So schimpflich im Felde dich jagen!

Kein Vaterland und kein Eigenthum,
Keine Spann' ist unser auf Erden! -
Was Friedrichs und was Roßbachs Ruhm!
Kameraden, und haut ihr euch um und drum,
Feldwebel nur könnt ihr ja werden!

Herein, herein, mein ehrliches Schwert!
Das ist kein Kampf, der uns nützet!
Steigbügel und Stock! Ha! wen das nicht empört!
Ein Thor, der den Bergen den Rücken nicht kehrt,
Der sein Blut auf der Schnecke versprützet! {324}

Die Schnecke des Adels in Preußen, sie wollt‘,
Zum Trotz den menschlichen Rechten,
Auf Jena's Bergen, den Musen so hold,
Dem Stock und Bügel zu ewigem Sold,
Unsterblichen Lorbeer sich flechten.

Den Braunschweig in Ehren! Sein Kopf ist so weiß!
Den Stab nur, den sollt‘ er nicht haben!
Den Braunschweig in Ehren! Er focht ja so heiß,
Es quoll von den Schläfen ihm blutiger Schweiß.
Zu Ottensee liegt er begraben.

Den Ludwig in Ehren, so brav und so gut!
Auf Saalfeld mußt' er verscheiden!
Den Ludwig in Ehren! Das Preußische Blut,
So tapfer besprützt es den Fürstenhut,
Das schmückt ihn, das mag ich wohl leiden! –

Allein wir Andern hier insgemein,
So die Schlacht wir von Jena geschlagen,
Wir sind keine Preußen; wir mögen's nicht seyn!
Wir hausen am Neckar, wir wohnen am Rhein. –
Was schiert uns Victoria's Wagen! –

Auf! laßt uns marschiren ins teutsche Reich,
Woher wir den Ursprung haben!
Je einer nach Baden und Oesterreich,
 – Herz Mutter beschickt uns die Küche sogleich –
Je wieder einer nach Schwaben. {325}

Es schrie der Tod und hielt uns beim Schopf:
Quartier am Styx habt ihr morgen.
Wir aber verloren zum Glück nicht den Kopf,
Wir schoren vom Wirbel herab uns den Zopf.
Gottlob! nun sind wir geborgen.  



Preußens Klage und Triumph
über die
verlorne Victoria.
1812.

Chor von Kriegern.
Hört! Hört! Hört!
Heldenschwert,
Heldenschwert aus alten Tagen,
Haben im Triumphaufzug
Gallier davon getragen!

Altpreußen.
Vater Friedrich! Vater Friedrich
Heißgeweinte Kinderthränen, {326}

Brennen-Schwerter, die sich röthen,
Und die Trommeln und Drommeten,
Können sie dich nicht versöhnen?
Sprengt die Särg‘! Erwacht, ihr Todten!
Fodre stürmisch gutes Eisen,
Tapfres Volk, mit Kind und Greisen!
Schon erfüllen sich die Straßen
Mit lebendigen Gespenstern
Jener, die kein Raub geworden
Sind vom Zahn Lithauscher Wölfe.
Gottes Strafgericht‘ entlasten
Sich aufs Haupt nun unsrer Feinde.
Väter, Söhne, Brüder, Freunde,
Wasser, Sturmwind, Blitz und Welle,
Hunger, Hagel, Schnee und Fasten,
Wölf’ auch, dieses Landes Boden,
Weil ihr ihm verdankt den Oden,
Stoßt zu uns – als unsers Gleichen!
Fallt sie an mit tapfern Streichen!
Schwill, o Ostsee, schwill und woge
Klimm hinan auf ihre Wälle,
Stürze Frankreichs Palisaden,
Siebenjähr'ger Schmach und Schande
Deine Kinder zu entladen.

Volk.
Dort! Dort! Dort!
Flieg', o Adler, donnre, blitze! {327}

Fort! Fort! Fort!
Fort zum neuen Kaisersitze!

Chor von Kriegern.
Hört! Hört! Hört!
Heldenschwert,
Heldenschwert aus Friedrich’s Tagen,
Haben im Triumphaufzug
Haben in Victoria's Wagen
Brennen wieder heimgetragen.
Ja, wir sind der Väter werth!

Volk.
Sie sind versöhnt, Victoria!
Mit uns ist Gott, Victoria!
Vater Friedrich! Vater Friedrich!
Heißgeweinte Kinderthränen,
Brennen-Schwerter, die sich röthen,
Und die Trommeln und Drommeten,
Ja, sie konnten dich versöhnen!
Sie sind versöhnt, Victoria!
Mit uns ist Gott, Victoria! {328}



Das Lützowsche Chor in Lindengang zu Weimar
im Jahr 1813.

Grüne Linden aus der Vorwelt Jahren,
Sollt den Enkeln ewig heilig seyn!
Hier verweilten Preußens tapfre Schaaren!
Einst, vor Lützen's Schlacht, im Mondenschein,
Nahmen sie den harten Stein zum Pfühl,
Heilge Seelen, tapfre Streiter ihrer waren Viel!

Zarte Knaben, muthig ausgezogen,
Lagen sie im Thal der Ilm umher;
Ferne weinet, an der Ostsee Wogen,
Elternschmerz ein zweites Thränenmeer!
Ach! und unser teutsches Herz auch bricht!
Heilger Vater! Gott Jehovah! weich’ von ihnen nicht! {329}

Ha! vernehmt, ihr Brüder auf den Bergen,
Wie sie donnert, Leipzig's wilde Schlacht!
Feige Seelen, die sich nun verbergen!
Helden schreiten durch des Schicksals Nacht!
Teutsche Brüder, nehmt das Schwert zur Hand!
Rächt die Väter, rächt die Jungfraun! rächt das Vaterland!

So bewährt sich denn in unsern Tagen
Jene Sag' aus alter heil'ger Zeit
Von dem Riesen, den ein Kind erschlagen,
Der so blutig wild die Welt bedräut!
Ja, der fromme Hirtenknabe siegt,
Und der Riese, Frankreich’s Riese, der ihm trotzt, erliegt! {330}



Napoleon,
die Sirenen und die Parzen.
Der Europäischen Schicksalstragödie erster Theil.
1811.

Als auf dem Zeitenstrom der Korse schiffte,
Woselbst sein Segel schwellten günst'ge Lüfte,
Da lockten ihn verführende Sirenen
Zu ihren Inseln so mit Zaubertönen:

Sirenen.
Genug, genug der Wunder, Bonaparte!
Sieh, schon verarmt Europa's Ländercharte;
Der Pinsel fehlt des Schlachtenmalers Tuche;
Die Weltgeschichte wird zum Fabelbuche

Du hast bei stolzem Kriegsdrommetenlaute,
Was siebenjähriger Heldenfleiß erbaute,
Du hast das Reich von Friederich dem Großen
In sieben Tagen donnernd umgestoßen. {331}

Du hast den Rhein, du hast der Donau Wogen,
Ein stolzer Imperator, überflogen;
Du hältst mit starkem Arm, was Gott dir schenkte,
Rom's Kaiserscepter, das die Welt einst lenkte.

Die Parzen.
Du Kind des Lagers, Frankreichs Peleide,
O neig' dein Ohr nicht dem Sirenenliede!
Vernimm, was Rom's Cumäische Sibyllen
Aus dunklen Schicksalsbüchern dir enthüllen!

Es wohnt ein Volk, wo Wald und Berge ragen,
Berühmt durch Varus grause Niederlagen,
Ein Volk Europas, das ihm Licht und Leben,
Und seinen Thronen Könige gegeben.

Und diesem Volk von Weisen, Künstlern, Dichtern,
Wagst du mit übertünchten Hofgesichtern,
Mit écuyers d'honneur und Zofen, Köchen,
Im Herzen von Europa Hohn zu sprechen?

Es dient ein Elephant in deinen Schlachten;
Ihn lenkt Jerome, ein Kind in Königstrachten;
O führ' ihn sanft! Beim Klange von Drommeten
Könnt' er dies Kind – und dich dazu zertreten! {332}

Nichts frommt sodann dir Austerlitz und Jena!
Da klagst du bang am Strande von Helena:
„Was ist mein Thron, vor dem gebückt sie lagen?
Ein Stuhl von Holz – mit rothem Sammt beschlagen!“

Sirenen.
Welch unerhört und frevelhaft Beginnen,
So ungemeßne Lieder auszusinnen!
Gedanken, so wie diese, sind Verbrechen;
Uns ziemt von deinen Thaten nur zu sprechen.

Dein Nam‘ erfüllt die Oder, Spree und Elbe,
Wie Licht und Luft das himmlische Gewölbe;
Bald zwingst du auch den Meergott dir zu Füßen,
An's feste Land die Inseln anzuschließen.

Vergeblich trotzt am Tajo der Carthager,
Der Held, der Habsburgs Aar im Felsenlager,
Der Hohenzollerns Stammhaus niederblitzte;
Wo ist ein Gott, der wider ihn beschützte?

Die Parzen.
Was will Britannia, die auf ihren Dünen
In blutig stürmischem Gewand erschienen?
Die Haare fliegend, donnert sie im Meere,
Daß blitzentseelt Europa's Volk es höre. {333}

Bist du's, der will auf meinen Küsten landen,
Verwegner Kors’? Erfaßt dich denn kein Ahnden,
Kein Grauen, keines Todgeschicks Erbangen?
Ja, landen sollst du, Korse – doch gefangen!

Vom Tajo wollte mich dein Stolz verjagen?
Ich denk' in Frankreich Lager aufzuschlagen;
Saint Cloud, Montmartre, soll mein Kriegsheer sehen,
Und zürnend will ich von den Pyrenäen –

– Denn Berge sind der Freiheit ew'ge Sitze –
Mit Tellschem Donner, Winkelriedschem Blitze,
Mit Stahl, den Saragossa's Kinder schärfen,
Dir deine Throne vor die Füße werfen!

Sirenen.
Unsterblichster von Göttern und Heroen,
Vernimmst du England's todtweissagend Drohen?
Wär' Brueys nicht von Nelson ganz geschlagen,
So sollten diese billig Ketten tragen.

Ihr aber, zu beschämen Neid und Lästern,
Stimmt höher euren Siegsgesang, ihr Schwestern!
Begnügt euch nicht mit eines Welttheils Staunen!
Stimmt euren Flötenklang – zu Kriegsposaunen! {334}

Von dir erzählt Aegyptens Pyramide;
Ja eher wird der Griffel Clio’s müde,
So vieler Heldenthaten Ruhm zu läugnen,
Als mein Korside mit dem Schwert zu zeichnen!

Vergeblich klopft die Schaar der fremden Gäste
Aus Wolkensitzen von Cattaro's Neste,
Mit drohend wildem, ungestümen Worte
Und lauten Schlägen an Europa's Pforte;

Zu Austerlitz entfällt ihr Loos der Urne.
Im kühnsten Schwung von Aeschylus Kothurne
Ertönt ein Lied: Moravien und Böhmen
Sind angefüllt mit Völkern, die's vernehmen.

Erzählt uns eine neue Iliade
Ein Mäonide, dem des Don’s Gestade,
Der Araber, auf flücht'gem Dromedare,
Der Muselmann, die griechische Tiare

Begierig sich versammeln, zuzuhören?
Beginnt ein neuer Zug von Libers Heeren?
Und läßt, gleich feurigen Kometenbahnen,
Zugleich im Untergange Schöpfung ahnen?

Jauchzt Jo Evoe dem Thyrsusschwinger!
Ich seh' auf Austerlitz den Pantherzwinger!
Ich seh' auf Friedland ihn zum zweiten Male,
Zu Eilau donnern neue Schlachtsignale! {335}

Selbst der Cimmerier, im Reich der Todten,
Die alten Hanseatischen Piloten,
Sie folgten Evans kühnem Thyrsusstabe,
Und Polen ging hervor aus Tilsit's Grabe.

Sprecht, Sobiesky’s sonnenkühne Adler!
Schwingt euch empor, und trotzt dem Neid der Todten!
Wir sahen seinen Stern auf den Sudeten,
Und sind gekommen, nun ihn anzubeten.

Die Parzen.
So betet schnell! denn die Gestirn' erbleichen.
Am Himmel steht ein grauses Feuerzeichen;
Napoleon, die Stund' ist nun erschienen,
Wo Frankreichs Geister dir nicht länger dienen!

Drei mächtige Ström' in Rußland und Polangen,
Don, Weichsel, Dnieper, bist du kühn durchgangen,
Um zu der heilgen Mutter Kasan's Füßen
Das Herzblut ihrer Kinder zu vergießen.

O du auf Raub und Plündrung ausgezogen,
Arglistigster von Frankreichs Demagogen,
Weil jede Warnung höhnt dein Unternehmen,
So sollen Bären, Wölf‘ und Schnee dich zähmen. {336}

Sobald an Moskau's Kreml die Flammen zehren,
Kommt aus den Wüsten, kommt, Schakals und Bären,
Lithau'sche Wölf und grimm'gen Sturmwind's Heulen,
In seinen Kaisermantel euch zu theilen,

In seiner Knechte Blut euch zu berauschen!
Statt einsam in der Höhl‘ auf Raub zu lauschen,
Kommt, fallt sie an, mit mordgewohnten Rachen,
Daß sie von niedrer Ehrsucht Rausch erwachen!

Vertheilt ihr Fleisch mit wuthgeschärften Zähnen,
Wie sie vertheilen wollten die – Domänen
Am Pruth und Don, von wannen sie erschlagen
Kiew's Adler in ihr Nest von hinnen tragen.

Die Sirenen.
Die ungeheuren, dunkeln Weltgeschicke,
Mich schaudert, wenn ich ahndend sie erblicke
Mit Frankreich's Genius im ew'gen Bunde!
Vernimm ein schön'res Lied aus unserm Munde!

Entweicht das Weltall seinen alten Gränzen?
Soll Sonn' und Mond erneut am Himmel glänzen?
Verändern ihren Glauben die Symbole,
Und ihren Lauf die ew'gen Stern‘ am Pole? {337}

So haben uns die alten Chronologen
Durch fabelnde Erzählung nicht betrogen?
So drängen schicksalsvolle Weltepochen
Den Lauf jetzt von Jahrtausenden – in Wochen?

Rom’s Vatican eröffnet seine Thore,
Kant's Dogmen geh'n im Capitol zu Chore,
Calvin und Zwingli treten ins Conclave,
Und fromm ertönt aus Luther's Mund ein „Ave!“

Ich seh' ein neues Reich von Carl dem Großen;
Ich seh' den Sanhedrin, und über Mosen
Und Alcoran und Bibel und Legende
Reicht ausgesöhnt sich alles Volk die Hände.

Ich seh' ein neues Regensburg am Rheine;
Ich seh', mit Gott und Dalberg im Vereine,
Des angeerbten Fürstenhutes Funkeln
Am Strahl des göttlichsten Genies verdunkeln.

Die Parzen.
Seyd ihr verborgner heil'ger Zukunft Seher,
So rückt dem Schooß der Zeit auch wirklich näher!
Verkündet unserm glühenden Verlangen:
Was sind, eh' ein Jahrzehend ist vergangen, {338}

Die Sterne, die so unvergleichlich rollten,
Und die Jahrtausend' überdauern sollten?
Neapel, Holland, Spanien, Rom, Westphalen,
Und die Domainen, die Euch Sold bezahlen

Und ausgesogner Länder Mark verzehren? –
Horch! In Neapel ist ein Schuß zu hören!
Ja, Mürat fiel! – Entthront auch sind die Brüder –
Und Neufchatel stürzt aus dem Fenster nieder!

Kommt, Völker, kommt, daß von gefallnen Sternen
Wir Erdenwandelns Demuth hier erlernen!
Seht da den Traum von eitler Fürstengröße!
Das ist der Wurm von Mensch in seiner Blöße!

Die Sirenen.
Ein blinder Zufall mischt des Weltalls Karte,
Doch unser Gott beherrscht ihn – Bonaparte!
Zwar haben öfters über Krieg und Frieden
Schon ein'ge Grade Hitz’ und Kält' entschieden;

Allein, im Bund mit Ihm und seinen Geistern,
Gedenken wir den Zufall – noch zu meistern;
Daß er uns dienen soll, nach unserm Willen;
Ihr aber dient uns nur zum Spott, Sibyllen! {339}

Ja bis zu Allarich's beherzten Söhnen,
Bis wo im Nebel Fingal’s Harfentönen,
Soll auf des Morgenrothes jungen Schwingen
Sein Licht in alle Regionen dringen.

Dies Licht, das matten Scheins, dem Styx entflossen,
Auf Frankreich seinen Strahl zuerst ergossen,
Daß Blitz und Schlag zugleich die Welt verheerte,
Bis es Napoleon zum Stern verklärte,

Bald glänzt es friedensvoll an Himmelszelten,
Zur Lust der Allemanen, Angeln, Celten.
Verschwört euch nur, ihr Gothen und Vandalen;
Der Stern Napoleon's wird ewig strahlen!

Ja dich beschützt, geliebtester Corside,
Des Weltgeschickes ewige Aegide;
Minerva lenkt vorbei an deinem Rosse
Der Brücke Lodi's donnernde Geschosse.

Nun glaub' ich Hellas fabelnden Gerüchten;
Ich seh' auf Tenedos ein Anker lichten,
Ich seh' ein Schiff verfolgt in Jons Meere;
Doch nie erreicht die Punische Galeere

Den Peleiden. Aeols Stürme schlafen,
Neptun geleitet ihn zum sichern Hafen;
Schon seh' ich Geister von Marengo's Schlachten,
Die mit Gewölk des Feindes Aug' umnachten! {340}

Als England's Flotten Abukir umirrten,
Da schirmten ihn Aegyptens heiße Syrten;
Da muß ein Nelson, Brittens Stolz zu dämpfen,
In Brueys Mast sich einen Sarg erkämpfen.

Und als die Vendée wider ihn entlodert,
Zu Pluto’s finsterm Hofstaat ihn gefodert:
Da brachte schnell, mit Frankreichs Glück im Bunde,
Zeus Tochter, die geflügelte Secunde,

Heil und Errettung Thetis großem Sohne
Ihm, dem der Occident, auf Roma's Throne,
Das Scepter aufbewahrt, von Carl dem Großen
und Charons Kahn muß leer vom Ufer stoßen.

Die Parzen.
Ja Charons Kahn muß leer vom Ufer stoßen;
Doch – Elba's Strand besitzt nun Carl den Großen,
Und, Lodi's ehrenvollem Tod entgangen,
Hält schmachvoll Elba's Insel Dich gefangen.

Die Sirenen.
Verkleibt mit Wachs sein Ohr! – Habt ihr verstanden?
Nur wenig Stunden noch – so muß er stranden,
Und was Sirenensang nicht zu beenden
Vermag, – das sollen Bulletins vollenden! {341}

Zum Liebling aller Götter auserkoren,
Europa's Herr, auf Corsica geboren,
Durchreißt sein Adler Elba's Fischernetze;
Er schreibt dem Erdball unumschränkt Gesetze,

Indeß kein Concordat er anerkannte.
Was zaudert ihr, Virgil, Homer und Dante?
Der Marmor zeiht der Untreu' seine Lettern;
Tragt kühnern Flug's empor ihn zu den Göttern!

Erbaut ein Denkmal ihm, Palmyra's Mauern,
Den Stolz des Capitols zu überdauern!
Befestiget am Sternpol seinen Namen!
Lobsing' ihm, Zeit! Du Ewigkeit, sag' Amen!

Die Parzen.
O hört! O seht! O merkt doch, wie sie schwindeln!
Nun Parzen, wendet langsam eure Spindeln,
Und laßt in Weltgerichtes Donnerpsalmen,
Bei unsers Rades Umschwung, ihn zermalmen!

Napoleon, gewarnt von Schicksalsschwestern,
Versinkt dein Ruhm zum Traumgesicht von gestern!
Dein Stern ging auf im Rauch von Teutschlands Städten –
In seiner Mitte wirst du nun zertreten; {342}

Daß alle Welt auf's Neu' erfahr' und lerne,
Daß ew'ge Herrscher sind jenseits der Sterne. –
Der Sclav ist frei, die Freiheit seufzt in Ketten,
Dein Untergang nur kann Europa retten!