MUSEN
ALMANACH
1795
Göttingen bei J. C. Dieterich.
{218}
Jeremiade
des Ehrwürdigen Paters Josef Hyacinth
Ignazius. [Vernünftige Religion ist nicht, wie unsere Kapuciner es wollen, Atheismus; eben so wenig, als die Ausgeburt eines zerrütteten Mönchsgehirns den ehrwürdigen Namen Religion verdient.
Allen Mißdeutungen vorzubeugen, schicke ich dieses Glaubensbekenntniß voraus. Die wahre Religion, mögen doch ihre Afterdiener sagen, was sie wollen, ist über allen Spott erhaben.]
Mein langverhaltner Groll bricht endlich aus!
Leer ist der Tempel, voll das Opernhaus;
Kein Fürst vertauscht mit frommen Pilgerstabe
Sein Diadem, und wallt zum heilgen Grabe;
Kein König baut sich arm an einen Dom;
Kein Kaiser kauft Reliquien in Rom;
Kein Fräulein büßt die Lieb' im Weiheschleier;
Zehnjährge Dirnen buhlen schon um Freier.
Erst dreizehn Jahre alt übt Junker Fritz
An Mönchskapuzen boßhaft seinen Witz, {219}
Eh‘ einmal die Gebote er zu beten
Vermag, hat er sie zehnmal übertreten.
Zwei Kammerzofen hat er schon verführt,
Eh' er Maria's Namen buchstabirt.
Er nennt Euch alle Jagd- und Schäferhunde,
Wie an der Schnur, zehn Meilen in der Runde,
Und Sultan, Fylax, Amtmanns Cerberus
Kennt er weit besser als Chrysostomus,
Sammt Abraham und allen Patriarchen;
In meiner Predigt thut er nichts als schnarchen;
Er lobpreist mit der Atheistenzunft
Tanz, Komödien, Schachspiel und Vernunft.
Dem Junker folgt der plumpe Bauerbube,
Ich werde das Gespött der Ammenstube.
Mit Teufelchen, im Antlitz Kohlenruß
Und Satanas bekralltem Pferdefuß
Such' ich umsonst den Glauben zu erwecken:
Es giebt Deisten schon in Kinderröcken.
Der Schloßbarbier scherzt über Salomo's
Enthaltsamkeit und über Jericho's
Kriegsexpedizion und alte Mauern;
Ihm wiehern Beifall halbbetrunkne Bauern.
O was erleb' ich noch für Herzeleid!
Irrglaube herrscht im Lande weit und breit. {220}
Der Bube, dessen Horn früh Küh' und Schafe
Wach tutet, lacht der ewgen Höllenstrafe.
Freigeisterei wirbt frech in Amt und Mühl‘;
Uns dünkt zu hart des Glaubens sanfter Pfühl.
Wem liegt noch was an seinem Seelenheile?
Nur selten stärkt mich eine Wildbretskeule,
Ein Eberskopf, vom Schloßhof oder Amt
Mir zugesandt, im sauern Predigtamt.
Wer kümmert sich um Gott und seine Diener?
Vor Zeiten weckte mich der Gäns‘ und Hühner
Geschnatter oft noch vor dem Morgenroth;
Jetzt ist im Hof und Stalle Alles todt,
Und präparir' ich mich aus der Postille,
So stört mich nicht wie sonst das Rindgebrülle.
Ach! andre Götter sucht sich Israel,
Und kniet abgöttisch am Altar des Bel
Zu Kiel und Jena. [Der ehrwürdige Pater denkt an die Allgemeine teutsche Bibliothek und die Allg. Literatur-Zeitung] Nicht doch, lieben Brüder!
O, ihr verlornen Brüder, kehret wieder!
O, Heil dem Manne, der am Glauben hält!
Groß ist sein Erbe schon in dieser Welt.
Demüthig nimmt er den Verstand gefangen;
Ihn quält kein Zweifel: roth sind seine Wangen; {221}
Sanft ist sein Morgenschlummer, frisch sein Blut
Er liest sehr wenig, und verdauet gut.
Der Atheist wälzt schlaflos sich im Bette,
Er grübelt und vertrocknet zum Skelette.
Uns tränkt der Herr aus seinem Segensborn,
Giebt unsern Bäumen Obst, dem Acker Korn,
Giebt unserm Tische Fleisch, dem Becher Trauben
Dem Bett – ihr wißt wohl was – dem Geiste Glauben.
Allein Vernunft! Vernunft! ist überall
Die Losung jetzt; dem Glauben droht Verfall.
Die Sonntags, statt dem Worte nachzudenken,
Strömt Alt und Jung zum Tanze in die Schenken.
O, Wehe über euch, Kiel und Berlin! [Der gelehrte Pater weiß schon, daß die Allg. teutsche Bibliothek nicht mehr in Berlin, sondern in Kiel erscheint.]
Sonst mußt' in ein entferntes Kirchspiel hin
Ich oft des Nachts trotz Sturm und Regen laufen.
Ein schwaches neugebornes Kind zu taufen:
Jetzt hat der rohste Schnitter deß kein Arg,
Und ohne Taufe packt er's in den Sarg.
Wenn sonst dem Mütterchen die Milz nur brennte,
Gleich war ihr erstes Wort: die Sakramente! {222}
Jetzt, wenn der Tod ihr schon die Nägel bläut,
Doch ruft sie: mit dem Pater hat's noch Zeit.
Lieblosigkeit bewohnt jetzt Schloß und Hütte.
Der Argwohn lauscht auf alle meine Tritte.
Zwar Mängel hat der Kirche treuster Knecht,
Der Glaube nur macht uns vor Gott gerecht:
Allein was rügt der blinde Splitterrichter
Mir einen Fehl, dem selbst der heilge Dichter
Einst unterlag, als er Frau Bathseba
Aus seiner Bodenluk‘ im Bad' ersah?
Und jene Heilige, eh' Haar und Zähne
Und Busen sie verlor, war Magdalene
Der Schwachheit ledig und von Sünden rein?
Wie? und ich Staub, ich Wurm ich, sollt‘ es sein?
Die Liebe lauscht am Thron und am Altare;
Ich war erst dreißig, Klärchen sechzehn Jahre.
Ihr Vater starb, ich nahm mich ihrer an,
Und welcher Pfarrherr hätt‘ es nicht gethan?
Die sanftgewölbte Brust, die Rabenhaare,
Der Rosenmund – vor seinem Etusenjahre,
Wen ließe wohl ein solch Madonnchen kalt?
Und, wie gesagt, ich war erst Dreißig alt:
Da trat die holde Dirne in mein Zimmer. {223}
Mit einer Anmuth – ich vergeß‘ es nimmer –
Bot sie mir guten Tag, vor Schüchternheit
Erröthend. Ich sprang gleich voll Freundlichkeit
Entgegen ihr. Mit sanftgebognem Nacken
Trat sie zurück. Ich kniff ihr in die Backen.
Sie pflückt' am Schürzchen, sah zur Erde hin.
Lieb Klärchen, werde meine Schaffnerinn,
So bat ich sie mit lauten Herzensschlägen;
Mein schönes Klärchen hatte nichts dagegen.
Den Sonntag lacht’ ich ihr bloß freundlich zu;
Den Montag hieß ich sie vertraulich du;
Den Dienstag küßt' ich sie. Roth sah sie nieder;
Die Mitwoch‘ küßte sie mich zärtlich wieder.
Den Donnerstag drang sie auf einen Schwur;
Ich schenkt ihr Freitags eine Perlenschnur;
Sonnabends wagt' ich kleine Schäkereien,
Allein sie weint’ und wollt' um Hulfe schreien.
Drob war ich Sonntags etwas aufgebracht.
Es war gerade in der Montagsnacht,
Da zog ein Wetter auf; ich lag im Bette:
Es blitzt; die Thüre knarrt, im Nachtkorsette,
Ein Lämpchen in der Hand, zwölf mocht' es sein,
Schlüpft sie gleich einer Heiligen herein. {224}
Herr Pater, sprach das holde Kind mit Zittern:
Ich bin nicht gern allein bei Ungewittern,
Ich glaubte Euch noch wach, verzeiht! – Ich bot
Ihr liebreich meine Hand; sie ward blutroth
Und sträubte sich. Ich zog sie sanft herüber.
Die Lamp' erlosch; der Donner gieng vorüber;
Der Mond schien hell; sie seufzte zärtlich, Ach!
Der Geist war willig, doch das Fleisch war schwach.
Neun Monden drauf thät Klärchen eine Reise,
Denn kurz – – es gieng ihr nach der Weiber Weise.
Indessen stieß kein Beichtkind sich daran,
Ich blieb ein unbescholtner heilger Mann.
Nun wuchs mein Muth; ich wurd' ein wenig freier;
Mein Amt gab Stoff zu süßem Abentheuer.
Ich nahm es mit der schönen Amtmannsfrau,
Kam in den Beichtstuhl sie, nicht so genau.
Im Grunde ward bei manchem hübschen Kinde
Die Sündenbeichte oft nur neue Sünde.
Die Obern liebten mich: denn nebenbei
Verlästerte ich die Deisterei.
Der Graf von B., Gott tröste seine Seele! {225}
War selbst kein Feind der Mädchen und Pokäle.
Er liebte Gott und die Religion,
Und mir zu helfen, doppelt‘ er den Frohn.
Er starb – und ach! die Demuth schied vom Pfluge.
Den Huth auf's Ohr gedrückt, ruft jetzt im Kruge
Der Pflüger aus: der Pater schwatzt von Zucht,
Und hält in seinem Hause – je verflucht!
Warum nicht Unsereins? Der Amtsverwalter
Spricht schmunzelnd: treibt der Pater bis in's Alter
Das Wesen so in unserem Kirchspiel fort,
So hat er einst, drauf geb' ich Euch mein Wort,
Am Kanzelpult – Gott helf Euch armen Sündern!
Bloß eine Dorfgemein' aus Weib und Kindern.
Seht, derlei giftiges und faul Geschwätz,
Ihr Brüder, muß der Lehrer im Gesetz
Der Kirche und des Glaubens wegen leiden;
Deisterei macht Alt und Jung zu Helden.
O heilger Nepomuk, Dominikus,
O Augustin, o Sankt Ignazius,
Laßt Eure Söhne Gnade vor Euch finden,
Schützt uns den Glauben – und die fetten Pfründen. {226}
O dreimal heilge Inquisition,
Warum bist du so früh der Erd’ entflohn!
O holde Himmelstochter steige nieder,
Bau' die in Schutt zerfallnen Klöster wieder!
Zünd' umgestürzte Scheiterhaufen an!
Auf! zeichne stolz den Sternen Lauf und Bahn,
Zum Trotze deinen ewgen Antipoden,
Den Keplern, Herscheln, Kanten, Klügeln, Boden.
Gebenedeite, komm im Blutgewand,
Mit Beil und Folterzang‘ in deiner Hand!
Furchtbare Glaubensrächerinn erschein',
Und Asche, Todtenschädel und Gebein
Bezeichne deinen Schritt. O welch ein Schimmer!
Du steigst herab. Ein klägliches Gewimmer
Tönt aus den Grüften der Gewürgten hohl
Und dumpf entgegen dir von Pol zu Pol.
Wohin ich schaue, schlagen knatternd Flammen
Rund über Ketzerleichname zusammen.
Triumf! Hier wird der Gottesläugner Kant;
Dort Pred’ger Zöllner in Berlin verbrannt.
Hier schleppt man Maimon aus der Synagoge;
Dort bebt am Holzstoß Trapp der Pädagoge.
Mit ihnen Iodert manch verruchtes Buch
Empor, dem Herrn ein lieblicher Geruch. {227}
Vertilgt auf ewig sind die Menschenrechte,
Wohin ich schau', Bartholomäusnächte.
Herr S–ch wird bei'm Pabst Historikus,
Und hat den Vortritt bei'm Pantoffelkuß.
Von Predigtstößen schwitzen nun die Pressen;
Statt Mara's Triller psalmodir' ich Messen.
Der heilge Vater herrscht vom Togostrom
Bis an den Rhein. Nun wimmelt es in Rom
Von Indianern, Britten, Franken, Pohlen,
Die sich Reliquien und Ablaß hohlen.
O Augustin, o heilger Busenbaum,
Wann lacht Erfüllung diesem holden Traum? –
J. D. Falk.
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